Staatskampagnen gegen die Natur

„Der Herrscher über das Südmeer war Shu der Schnelle; der Herrscher über das Nord­meer war Hu der Plötzliche; der Herrscher über die Mitte war Hundun der Wirre. Der Schnelle und der Plötzliche trafen sich von Zeit zu Zeit auf dem Territorium des Wirren und der Wirre begegnete ihnen freundlich. Der Schnelle und der Plötzliche wollten diese Anständigkeit erwidern und sprachen: ‚Alle Men­schen haben sieben Öffnungen, durch die sie sehen, hören, essen und atmen können; nur dieser hier hat keine einzige – laß uns eine in ihn bohren.’ Von nun an bohrten sie jeden Tag eine Öffnung in ihn – am siebenten Tag war Hun­dun tot.“ (Zhuangzi, 7.7)

Auf Epidemien wird in der westlichen Welt mit mechanistischen, technokratischen Maßnahmen reagiert, die sowohl die Natur des Menschen als auch die Natur des Virus ignorieren. Es werden trügerische Erlösungshoffnungen durch teure Medizintechnik – Testen und Impfen – geweckt, ohne zu verstehen, daß damit auch Impfmutationen („Escape-Varianten“) ausgelöst werden: das Virus wird auf die Impfung antworten und eigendynamisch neue Lücken und Wege in den Wirts­organis­men finden. Die politisch Verantwortlichen schätzen die natürliche Immunreaktion gering, die der menschliche Körper zu­meist auf das Virus hervorbringt und ihn wirksamer schützt als die Impfung (Tarke et al., 2021). Die natürliche Immunreaktion kostet nichts, erfordert keinen Markt und keine Logistik, bringt keinen Profit – daher genießt sie im Pharma-Kapitalismus einen schlechten Ruf, wird als gefährlich und un­zu­verlässig abgewertet: sie ist billig. Dabei ist die natürliche Immun­reaktion im Falle des Corona­virus nicht nur im Blutkreislauf aktiv wie die von der Impfung künstlich angeregte Immunantwort, sondern auch im Mund- und Nasenraum – sie führt also in den allermeisten Fällen zu einer sterilen Immunität. Wer einmal an Covid erkrankt und wieder genesen ist, steckt niemanden mehr an (Deisenhammer et al., 2020; Gökkaya & Traidl-Hoffmann, 2020). Nach einer Impfung kann man sich nach heutigem Wissen da nicht sicher sein.

Die Engführung des öffent­lichen Bewußtseins auf die Erlösung durch experimentelle Impfstoffe trug außerdem zur Vernachlässigung der Erprobung medizinischer Be­hand­lungs­methoden bei, z.B. von Blut­ver­dün­nern, um der bei schweren Covid-Verläufen auf­treten­den Lungen­em­bolie vor­zu­beugen, oder des Medikaments Ivermectin oder auch einfach nur ergänzend der Gabe von Vitamin D etc. zur prophylaktischen Stärkung des Immun­systems im Win­ter­halbjahr – altbekannte Prä­pa­rate, die zumindest bei Menschen, die durch Covid ge­fährdet sind, nachweislich eine vorbeugende Wirkung entfalten und schwere Verläufe lindern. Ihr Patentschutz ist abgelaufen, sie bringen nur wenig Profit und können weltweit ohne Lizenz legal hergestellt werden. Die Vor­stellung, daß einem neuartigen Virus mit bereits bekannten und kosten­günstigen Mitteln bei­­ge­kommen werden kann, paßt nicht ins Schema des pharmaindustriellen Kom­plexes. Darum hören wir im Westen davon nichts.

Wir sehen den Vorteil der natür­lichen Immunreaktion beispielsweise anhand der ansonsten be­dauerns­­werten Situation der Palästi­nen­ser: auf engstem Raum zusammengepfercht, seit Jahr­zehnten unter Blockade, während der Corona-Krise weitgehend ohne Masken, Lockdown und Impfstoff, hat das Virus unter der vergleichsweise jungen Bevölkerung keineswegs gewütet – zwar lag Anfang März 2021 die 7-Tage-Inzidenz pro 100’000 Einwohner bei 238 und damit auf Platz 60 im weltweiten Vergleich. Von der deutschen Regierung wurde Palästina als „Hochrisikogebiet“ mit einer Reise­warnung versehen. Doch fiel die Zahl der an Covid Ver­stor­benen mit 2110 sehr gering aus, die Fallsterblichkeit beläuft sich auf 1.09% – Palästina steht damit auf einem hervorragenden 149. Platz, ähnlich übrigens wie die Türkei, die mit 1.05% auf Platz 152 kommt. Zum Vergleich: Deutsch­land, wo die Regierung behauptet, wir seien doch gut durch die Pandemie ge­kom­men, liegt mit einer Fallsterblichkeit von 2.9% auf Platz 39 und steht damit etwa viermal schlechter da. Indien, das mit einer „In­zi­denz“ von acht (!) Fällen pro 100’000  Einwohner in sieben Tagen im Frühjahr 2021 eigent­lich ein No-Covid-Land darstellt, wird von der deutschen Regierung weiterhin zu den „Risi­ko­­ge­bieten“ ge­zählt.

Was läuft in Indien, der Türkei und Palästina besser? Deutschland setzt einseitig auf tech­nische Lösungen: Impfen, anlaßloses Testen und Wegsperren. Ein humaner Schutz der Älteren und vul­nerablen Menschen durch punktuelle Tests, um Kontakt zu ermöglichen, geschützte Ein­kaufs­zeiten und gesonderte Verkehrsmittel (Taxis) werden nur in Tübingen und Rostock angeboten. Alles, was das Immunsystem stärkt, wurde erschwert oder verboten. Die Folge: Wer nicht durch Corona gefährdet war, geriet durch die Maßnahmen, die gegen Corona verhängt wurden, in Gefahr.

Die täglichen Coronameldungen in den zwangserstarrten Nachrichtensendungen sind zu einem Mittel der Ab­stump­­fung verkommen: „Nachrichten in einfacher Sprache“ für alle. Sie manipulieren das öffentliche Bewußtsein, benutzen invalide Zahlen als Propaganda, um Angst und Schrecken zu ver­breiten – und verfehlen dank ihrer leichten Durchschaubarkeit zumindest zum Teil ihren Zweck, wenn die Zuhörer in andere Kanäle abwandern. Damit spaltet sich das öffentliche Bewußtsein: Wer den Nachrichten weiterhin Glauben schenkt, tappt in die Falle, die ihm von der Scheinobjektivität der täg­lich ver­kündeten „Inzidenzen“ gestellt wird. Scheinobjektiv sind diese Zahlen, indem sie eine Genauigkeit vorgeben, die sie nicht besitzen. Weder die Fehler- noch die Testquote wird mitgeteilt. Nur weil sie abstrakt sind, sind Zahlen nicht einfach von Woche zu Woche vergleichbar – ins­be­sondere wenn an den Bedingungen ihrer Erhebung ständig gedreht wird. Im öffentlichen Bewußt­sein hat sich die Testgläubigkeit festgesetzt: Wer ein positives Ergebnis hat, ist positiv, vor allem wenn es vom PCR-Test noch mal bestätigt wurde. Daß bei der Testung und bei der Auswertung des Tests zahllose Fehler unterlaufen können, wird übersehen. Das Testergebnis gilt als Nachweis. Die Testgläubigkeit läßt im Kopf die Abhängigkeit von den Institutionen wachsen, die den Corona-Glauben vertreten.

Der Paragraph 28a des Infektionsschutzgesetzes vom November 2020 ist die Lex Corona schlecht­hin: ein Tiefpunkt deutscher Gesetz­gebung, die der Willkür Tür und Tor öffnet – indem 35 und 50 als konkrete „Inzidenz“ ins Gesetz geschrieben wurden, um die Grundrechte zu suspen­dieren, ohne aber die Voraussetzungen zur Erhebung und Vergleichbarkeit dieser Zahlen fest­zulegen. Auf diese Weise kann die Regierung auf dem Verordnungsweg beschließen, was sie will – die Schein­objektivität regiert. Wenn die Zahlen sinken, wird stillschweigend die Testkapazität erhöht. Oder es werden „Schnelltests“ vorgeschaltet, um die Labortests zu filtern – wenn nur noch Personen mit positivem Schnelltest auch mit Labortests untersucht werden, wächst die Wahrscheinlichkeit, daß diese nach Wunsch positive Ergebnisse produzieren – all dies hat nichts mit der natürlichen Ausbreitung einer Infektionswelle zu tun, sondern läßt sich als politisch angelegtes Experiment interpretieren, das Artefakte zu „wissenschaftlicher Erkenntnis“ deklariert, um nach Be­lieben Schalten und Walten zu können.

Während sich die deutsche Regierung mit Modellierer*innen umgab, die auf Grundlage invalider Zahlen die Zukunft auf drei Stellen nach dem Komma scheinobjektiv vorhersagten, blieben die vulnerablen Menschen ohne Schnelltests, wo sie benötigt worden wären, in den Pflegeheimen isoliert und starben über den Winter in großer Zahl – an Einsamkeit, an Alterskrankheiten und auch an Covid. Das technokratische Menschenbild der Regierung und ihrer Berater klebte derweil an der über­wun­den geglaubten Computer-Metapher, die im Grund nichts anderes ist als Descartes „Glieder­maschine“ oder La Mettrie’s „L’homme est la machine“:

These 4: Die Regierung orientiert sich in der Corona-Krise an einem überholten mechanistischen und techno­kra­tischen Welt- und Menschenbild.

Die moderne Form des Maschinen-Menschen ist die Computer-Metapher: Stellen Sie sich vor, der Mensch sei ein Windows-Computer. Mindestens einmal im Halbjahr – am besten aber täglich – benötigen Sie ein Update Ihres Antiviren-Programms, damit Ihr Betriebssystem intakt bleibt. Welch hervorragende Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für den technokratisch-industriellen Komplex!

Im übertragenenen Sinne: Die Angst vor den Mutanten ist bedeutsam für das Ver­triebs­modell experimenteller Impfstoffe,  dessen Kampagne folgende Phasen umfaßt:

  1. das neue Virus = Verunsicherung = Ausnahmezustand = Todesangst (Bilder von Bergamo),
  2. Wellen­angst = das Virus kommt wieder = Erlösungshoffnung durch Impfung, Todesangst wird generalisiert, auch Skeptiker werden von ihr erfaßt,
  3. Angst vor weiteren Wellen und neuen Mutanten = Durchimpfung = Stig­ma­tisierung der Nicht-Geimpften = permanente Auffrischung der Impfung

Damit ist der neuartige Impfstoff für den permanenten weltweiten Gebrauch etabliert. Erst dann wird von der Corona-Pandemie nur noch am Rande die Rede sein. Dann aber wird sich die Welt, wie wir sie kannten, in einem anderen Zustand befinden.

These 5: Die Corona-Krise eignet sich hervorragend, um die Menschheit in Anhängigkeit von Phar­ma­firmen bringen. 

Damit wird in keiner Weise behauptet, daß der pharma-industrielle Komplex die Corona-Krise ab­sichts­voll herbeigeführt habe, um sie für seine Zwecke zu nutzen. Vielmehr läßt sich Corona als Gelegenheit betrachten. Tatsächlich hat die Industrie im Grunde gar keine andere Chance, als Corona bestmöglich auszubeuten: Zeiten, in denen die öffentliche Unterstützung für Pharmakonzerne so stark und und beinahe unwidersprochen ist wie während der Corona-Krise, gibt es selten. Ver­mut­lich hat die Industrie schon früher versucht, lokal auftretende Krankheitserreger zur Pandemie zu stili­sieren – SARS 1 ist dafür ein Beispiel aus den Jahren 2002/3. Das damalige SARS-Virus war mit einer Letalität von 11% gefährlicher als SARS 2, verbreitete sich doch lediglich auf dem Weg der Tröpf­chen­infektion und ließ sich durch klassische nichtpharmakologische Maßnahmen wie Quaran­täne in kurzer Zeit eindämmen.

Sentenzen aus der Hauptstadt der Theorie

Neulich sagte einer zu mir, es nütze gar nichts, einfach nur Adorno zu lesen. Man müsse schon, und erst recht frau, zugleich einiges von dem lesen, was Adorno gelesen habe.
In der Tat, dachte ich: wenn diese Weisheit mal nicht einem geheimen Plan zu Grunde liegt! Europäische Kulturrevolution… das hieße ja annehmen, hier sei eine bisher gänzlich unbekannte Weisheitslehre in Tätigkeit gekommen. Corona-Didaktik, so könnte mensch sagen

Wissenschaftsgläubigkeit

 „Wer mit Ungerechtigkeit Gerechtigkeit anstrebt, dessen

Gerechtigkeit bleibt ungerecht; wer mit Unglaubwürdigem

Glaubwürdigkeit anstrebt, dessen Glaubwürdigkeit bleibt

unglaubwürdig.“ (Zhuangzi 32.17)

Die metaphysischen Bedürfnisse des Menschen haben sich in den letzten Jahrhunderten kaum verändert, seine Ängste sind geblieben – aber die Selbstüberzeugung, vernunftbegabt zu sein und rational zu handeln, ist stetig gewachsen. Den Hauptbeitrag zu dieser Illusion verdanken wir der Wissenschaft. Mag die wissenschaftliche Erkenntnis im einzelnen objektiv und nachvollziehbar erscheinen, in der gesellschaftlichen Praxis wird ihr geglaubt und soll ihr geglaubt werden. Wissenschaftsgläubigkeit ist an die Stelle des Kirchen- und Gottesglaubens getreten. Wissenschaft übernimmt die Rolle der Institutionen, die sich von Alters her dem Geschäft mit dem Ungewissen gewidmet haben. Dabei sind der Wissenschaft strukturelle Einschränkungen im Umgang mit dem Ungewissen auferlegt: Sie kann das Ungewisse nicht metaphysisch in Gewißheiten transformieren, denn wissenschaftliche Wahrheiten gelten nur bis zu ihrer Wider­le­gung – Falsifizierbarkeit ist ihr oberstes Gebot. An die Stelle der ewigen göttlichen Weisheit treten kurzlebige wissenschaftliche Er­kenntnisse, Grenzwerte und Richtlinien, die übermorgen bereits fallen gelassen werden, Routinen, die morgen schon überholt sind. Galt in der Blütezeit der Eugenik die Rassenh­ygiene als wissen­schaft­licher Standard, der mit rationaler Wucht vertreten und durchgesetzt wurde, ist es zu Zeiten der Furcht vor Erkältungskrankheiten die sogenannte AHA-Regel.

Der Atheismus, mit dem sich die Wissenschaftsgläubigkeit maskiert, erweist sich im Kern als eine trost­lose Religion – wie schon Carl Friedrich von Weizsäcker bemerkte. Dem Atheismus fehlen die trost­spendenden Rituale, die Orte, an denen sich die Generationen versammeln und gegenseitig Halt geben, Lieder und Tänze, Berührungen. In den Laboren werden aseptische Zustände hergestellt, in den Klausuren und Prüfungsräumen werden Argumente ausgetauscht. Der Mensch wird im west­lichen Bildungs- und Hochschulsystem zunehmend auf ein Kopfwesen reduziert, dessen öffentliche Fas­sade zu reiner Rationalität kri­stal­lisiert wie Salz auf einer perfekt abgedichteten Mauer. Ins­geheim aber, in der Freizeit oder späte­stens mit dem Erlangen des Qualifikationsnachweises wird das Bedürfnis nach Transzendenz, Spiri­tualität oder Irrationalität wach. Der Absolvent oder die Absolventin wendet sich neu­heid­nischen oder fernöstlichen Vergnügungen und Praktiken zu, meldet sich beim Yoga, Tantra oder Schweige-Retreat an.

Wer sich in der Öffentlichkeit auf die Wissenschaft beruft, biedert sich zumeist einem linearen Kausal­denken an, um die beim Publikum unterstellte Vollkasko-Mentalität zu bedienen. Die Wirk­sam­keit politischer Maßnahmen wird in wissenschaftlichem Duktus behauptet, ohne tatsächlich einen empirischen Wir­kungs­nachweis mitzuliefern, geschweige denn Wechsel- und Neben­wir­kungen zu be­rück­sich­tigen. Wissenschaftlichkeit ist die Beruhigungspille einer sich selbst als ratio­nal miß­ver­stehenden Gesellschaft und dient der Demonstration von Handlungsfähigkeit – nur leider müs­sen die im Brustton der Überzeugung verkündeten Leitlinien und Regeln alle drei Wochen über den Haufen geworfen werden, weil sie sich nicht bewahrheitet haben.

Auffällig in der Corona-Krise ist die aktive Vermeidung eines hinreichend komplexen Bild vom Ge­schehen seitens der Regierung. Seit Februar 2020 fordern ernstzunehmende Gesund­heits­wis­sen­schaftler repräsentative Erhebungen zur Verbreitung des Virus. Denn nur auf dieser Grund­lage las­sen sich Dunkelziffer, Inzidenz und die Wirksamkeit der Maßnahmen valide schätzen. Lösungs­orientiert und daher nachhaltiger wie auch zukunftsträchtiger wären darüber hinaus re­präsentative Studien zur bereits vorhandenen Immunität auf Grundlage der Messung corona­spe­zifischer Antworten der T-Lymphozyten („Gedächtniszellen“), die mittlerweile möglich ist (Sekine et al., 2020).  Eine Er­klä­rung, warum die Regierung bzw. das ihr untergeordnete RKI repräsentative Studien verweigert, wird nicht gegeben – die Regierung zieht es vor, das Land kraft diktatorischer Verordnungsmacht im Blindflug durch den Ausnahmezustand zu manövrieren – anfällig für die Einredungen einzelner, hand­verlesener Experten und Schwarzseher.

These 2: Die Regierung schmückt sich mit dem Duktus der Wissenschaftlichkeit, ohne die em­pirische Evidenz­for­schung tatsächlich zuzulassen, zu fördern und schließlich auch ernst zu nehmen. Auf diese Weise verlängert sie für sich die Option direkten Durchregierens auf dem Verordnungsweg, ohne Rücksicht auf parlamentarische Auseinandersetzungen nehmen zu müssen.

Darüberhinaus fehlt der Regierung auf der Meta-Ebene ein Verständnis für die Komplexität natur­wüchsiger Wechselbeziehungen – dieses Verständnis kann ihr die heutige Naturwissenschaft zu­meist nicht bieten. Es ist aber die Voraussetzung, um Wissenschaft und gesellschaftliche Erwartung auf­einander abzustimmen. Stattdessen dominiert in der Politik ein technokratisches Welt- und Men­schen­bild, das im Grunde auf dem Niveau der klassischen Mechanik argumentiert und nahezu alles auf kausale Weise für machbar hält. Man müsse nur die Ursachen erkennen und entsprechend handeln. Das ist weniger als das scholastische Wissenschaftsverständnis, das zu Zeiten von René Descartes vor­herrschte: Alles in der Welt bewege sich durch Druck und Stoß, der menschliche Körper sei bloß eine „Gliedermaschine“.

Das wissenschaftliche Ethos, das Descartes einst auszeichnete und zu einem mutigen Skeptiker werden ließ, ist den Universitäten europaweit in den letzten Jahrzehnten abhanden gekommen: Der Abbau von Wissenschaft und Bildung wurde mit der Bologna-Reform erfolgreich in Angriff ge­nom­men. Die Universität versteht sich nicht mehr im Geist des Humboldtschen Universalismus, um der Erkenntnis willen zu forschen und zu lehren, sondern hat ein sozialdarwinistisches Social-Credit-System im Dienste kurzfristiger merkantiler Interessen etabliert. Die Beschränkung des Bachelor-Ab­schlus­­ses auf eine dreijährige theoretische Berufsausbildung beinahe ohne Praxisvermittlung spült junge, un­gebildete, sprich formbare Absolventen in die Konzerne – aber auch in die Ver­wal­tung und In­sti­tu­tionen der Daseinsvorsorge. Im besten Falle entsteht Fachwissen durch betriebs­interne Fort­bildungen und „Learning by doing“. Im schlimmsten Falle regiert die Unwissenheit. An die Stelle von Bildung ist Selbstoptimierung für den Arbeitsmarkt getreten. Die wissenschaftliche Neugier und das Bedürfnis, sich ganzheitlich zu einer Persönlichkeit zu entwickeln, findet zuweilen noch im Master­studium ein wenig Raum – hier sind die Plätze aber künstlich verknappt worden.

Der technokratische Ver­stand steht vor un­lösbaren Rätseln, wenn anstelle kausaler Ursache-Wirkungs­ketten, die unmittelbare Machbarkeit sug­gerieren, natürliche Zusammenhänge ent­scheidend sind. Was heute von der Regierung als Wissenschaftlichkeit bezeichnet wird, ist instru­men­ta­li­sierte Wissenschaft, also das Gegenteil von Wissenschaft. Es werden Unsummen in die Ent­wicklung experimenteller Impfstoffe investiert, während abenteuerliche „Teststrategien“ zeitgleich massive statistische Artefakte nach sich ziehen, die den Lockdown solange legitimieren, bis eine zermürbte Bevölkerung danach ruft, sich „freiimpfen“ lassen zu wollen. In Gefälligkeitsgutachten, erstattet von der Leopoldina oder etwa der Impfkommission, wird dem staatlichen Pharma-PR-Projekt  die Krone aufgesetzt, indem behauptet wird, alles sei „wissenschaftlich“, der PCR-Test sei valide, die neu­artigen, in Windeseile aus dem Labor hervorgezauberten Impfstoffe seien auch ohne Langzeitprüfung sicher und wirksam. Es ist nicht lange her, da schwätzten die Propheten vom „wis­sen­­­schaftlichen Kommunismus“, der gesetzmäßig wie die Jahreszeiten, den Kapitalismus ab­lösen werde. Das Gegenteil trat ein. Wissenschaftlichkeit eignet sich in jeder Art von Diktatur, der Willkür ein Mäntelchen scheinbarer Objektivität umzuhängen.

These 3: In Deutschland ist aller gegenteiligen Rhetorik zum Trotz ein wissenschaftsfeindlicher Umgang mit Corona seitens der Politik zu beobachten: Repräsentative Studien werden unterlassen, fun­da­mentale Statistik­fehler toleriert, die Obduktion von „Corona-Toten“ erst untersagt, dann erschwert – die Furcht vor wissen­schaftlicher Redlichkeit ist eine Folge des Abbaus des wichtigsten Rohstoffes, den dieses Land je hatte: Bildung.

Die skurrile Bevorzugung („Priorisierung“) der Wirtschaft gegenüber der Kultur führte während der Corona-Krise zu einem Radikalabbau von Schul- und Hochschulbildung – im Vergleich zu dieser, diesmal europäischen Kulturrevolution war die Bologna-Reform nur ein trockener Husten. Das gesamte akademische Leben wurde in sterile „digitale Lernformen“ verbannt, die einschließlich der Klausuren dank Videoübertragung in der Vereinzelung der Studentenbude abgehalten werden können. Der monate­lange Unter­richtsausfall an den vorbereitenden Schulen bereitet einem neuen Analphabetismus den Boden. Nicht nur Lesen, Rechnen und Schreiben wird für die Grund­schüler, die ihre ersten schulischen Erfahrungen monatelang im „Distanzunterricht“ erleiden mußten, zu den selten erlernten Künsten gehören. Vor allem Menschen, die imstande sind, zwi­schen den Zeilen zu lesen, Kontexte zu entziffern und systemisch zu denken, werden zu einer aus­sterbenden Species zählen.

Gesundheitsfetischismus

„Unterm Himmel leben alle natürlich, ohne zu wissen, wie es kommt, daß sie le­ben;

alle erhalten es gleichermaßen, ohne zu wissen, wie es kommt, daß sie es erhalten …

Wer ein wenig verwirrt ist, verwechselt rasch die Richtung;

wer sehr verwirrt ist, zerstört seine natürlichen Anlagen.“ (Zhuangzi, 8.2)

Wie die Corona-Krise zu deuten ist und was sie zu bedeuten hat, ist gegenwärtig noch unklar. Im folgenden schreite ich Eckpunkte ab, um die Konturen der gesellschaftlichen Folgen zu erkunden, die uns in Namen von Corona ereilen.

„Woher weiß ich, daß die Freude am Leben keine Täuschung ist? Woher weiß ich, daß die Furcht vor dem Tod nicht einem jungen Wandergesellen gleicht, der nicht heim­kehren will? … Woher weiß ich, ob ein Toter seine frühere Sehnsucht nach dem Leben nicht bereut? … Na­türliche Unterschiede auszugleichen, gestützt auf all­mäh­liche Ent­wick­lung – das bedeutet, seine Lebensjahre bis zum Ende aus­zuschöpfen … Vergiß die Jahre, die dir zum Leben bleiben, vergiß die Recht­schaffenheit, brich auf ins Grenzenlose und wohne im Gren­zenlosen.“ (Zhuangzi, 2.12)

Nicht nur am Leben zu sein, sondern sich lebendig zu fühlen – das bedeutet „Gesundheit“, ein Begriff, der in den Kulturen recht verschieden verstanden wird. Erkennen die Lateiner in ihr die Abwesenheit von Krankheit in Form von „sanitas“, die mit Sauberkeit und Reinlichkeit verknüpft ist, verweist das indogermanische „sunto“ oder „suento“ auf „geschwind sein“. Schnelligkeit, Rü­stig­keit, Regesein – dies sind assoziative Wortfelder von „Gesundheit“ (Walde & Pokorny, 1927, S. 524).

Kulturhistorisch haben Reinlichkeit und Sauberkeit in der Viehzucht und in den öffentlichen Bädern (Sauna, Therme, Hamam) eine Rolle gespielt. Erstere war für die Ausbildung der mono­thei­stischen Religionen in Vorderasien ausschlaggebend. Neben dem Leittier sollte es kein zweites geben. Letztere hat den Genuß des Körpers der herr­schenden Schichten in Babylonien, Griechen­land und Rom geprägt. Marcus Terentius Varro hatte bereits im letzten Jahrhundert v.u.Z. erkannt, daß für viele Krankheiten kleine Tiere verantwortlich sind, die wir nicht sehen können (Rerum Rusticarum libri tres, 1.12). Gesundheit im Sinne von Rüstigkeit wird eher von Kulturen ins Auge gefaßt, die ihre Wehrhaftigkeit in den Vordergrund rücken.

Bedeutete Gesundheit zur Zeit des Sturm und Drang und des humanistischen Idealismus noch Spielfreude, so wurde sie im Zuge der „industriellen Revolution“, im Kohlenstaub und 16-Stunden-Tag, auf das pure Überleben reduziert. Einer der Begründer der Hygiene war der Arzt Johann Peter Frank (1745–1821), dessen sechsbändiges Werk den sprechenden Titel „System einer vollständigen medizinischen Policey“ trägt und die bis heute von der Politik heißgeliebte Verquickung von Heil­kunde und Staatsgewalt vorbereitet hat.

Der Kolonialismus zog die Eugenik als Theorie der Ver­bes­serung der „Volksgesundheit“ durch die Reinhaltung und das „Ausjäten der Rasse“ (Alfred Ploetz) nach sich, als Reflex auf die Begegnung mit indigenen Kulturen in Amerika, Australien und Afrika. Dank des Ritterschlags durch Darwins Evolutionstheorie wähnte sich die Eugenik vor dem Ersten Weltkrieg als Inbegriff und letzten Schrei der medizinischen Wissenschaftlichkeit und schaffte es, die europäischen Massen zu überzeugen – nicht zuletzt, indem sie jeder Nation einzeln vorgaukelte, sie sei die am höchsten und weitesten und besten entwickelte.

Der Rassenwahn der Nationalsozialisten stellte demgegenüber keine neue Qualität dar, sondern verknüpfte den Sozialdarwinismus mit technischer Durchsetzungs­macht, um  das Leben zahlloser Menschen auszulöschen. „Gesundheit“ stand nur den „Herren­menschen“ zu. Sie war ein Merkmal sozialer Differenz: der athletische Mann, die gebärfreudige Frau. Sport und FKK wurden gefördert, sie dienten als un­mit­tel­bare Voraus­setzung der Wehrhaftigkeit, die kultisch propagiert wurde, beispielsweise in Leni Riefenstahls Dokumentation der Olympiade von 1936. Das Rauchen dagegen wurde als rasseschädlich gebrandmarkt: Hitler, Mussolini und Franco verabscheuten es, Churchill’s Zigarre – wie später Helmut Schmidt’s Menthol-Zigarette – galt als Inbegriff der Freiheit, demon­stra­tiv in der Öffentlichkeit zum Glühen gebracht. In den Augen der Diktatoren war sie der Ausdruck eines perversen Liberalismus. Das Leben der anderen galt als min­der­wertig und durfte im Namen der Hygienegesetze straffrei verletzt und ver­nichtet wer­den. „Gesundheit“ mutierte zum Kampf­be­griff gegen den In­di­vi­dualis­mus. Für­sorg­liche Ärzte glauben schon lange zu wissen, was für das Volk gut ist.

In diesem Rahmen beteiligte sich auch das nationalsozialistisch umgekrempelte Robert-Koch-Institut seit 1931 an „wissenschaftlichen Versuchen am Menschen“ zum Zweck der Entwicklung neuartiger Heilbehandlungen, erforschte mit medizinischen Experimenten den Faktor „Rasse“ bei Tuberkulose und Viruserkrankungen, Diphterie und Fleckfieber.  Die Er­geb­nis­se, insbesondere die Stan­dardisierung und Ökonomisierung von Impfungen, stellten eine Dienstleistung für die Pharma­konzerne dar, die als kriegsrelevant galten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der rassenideologisch aufgeblähte Gesundheitsbegriff zu einer Wohlfühlkategorie weichgespült. Die kommerzielle Nutzung ließ ganze Produktserien in Dro­gerie­märkten und Apotheken wachsen, die keinem anderen Zweck folgen, als das subjektive Wohlbefinden zu steigern. In der Wohlfühlblase entfremdete sich der moderne Mensch der natür­lichen Umwelt, verlor das Gespür für Rhythmen (warm – kalt, drinnen – draußen, Sät­tigung – Fasten, Geschwindigkeit – Ruhe usw.), gierte nach vermeintlich lebensverlängernden, zumindest optisch die Jugendlichkeit erhaltenden Mittelchen und verlor die zwangsläufige Endlichkeit des menschlichen Lebens aus dem Blick. Der Tod wurde arbeitsteilig ins Bestattungswesen ausquartiert, verschwand aus dem Alltag. Die Erhöhung der Lebenserwartung eroberte den ersten Rang gesell­schaftlichen Strebens.

These 1: Die Corona-Krise hat tiefgreifende Wurzeln in der Angst des Menschen vor dem Tod. Diese Urangst ist durch keinen äußeren Fortschritt zu überwinden und bietet die Grundlage für alle Spielarten der Manipulation.

Jugendwahn und Unsterblichkeitswunsch sind Menschheitsthemen. Pharaonen und ägyptische Beamte, die sich einbalsamieren ließen, hingen ihm ebenso an wie Alchemisten, die Kügelchen aus getrocknetem Pferdemist formten und das ewige Leben versprachen. Im alten China wurde den Jüngern der Unsterblichkeitssuche Quecksilber als Elixier des Lebens verabreicht – nur eine kurze Ewigkeit war ihnen beschert, wie zu vermuten ist.

Im Jahr 2020 nach Christus ermittelte eine Allensbach-Studie, daß die überwältigende Mehrheit der Deutschen Ein­schränkungen der Freiheitsrechte akzeptiert, wenn sie der Gesundheit dienen: „69 Prozent der Befragten räumen dem Gesundheitsschutz einen Vorrang gegenüber Freiheits­rechten ein. Be­mer­kenswert ist dabei die Zustimmung über alle Generationen hinweg: Bei den über 60-Jährigen bewerten nur 10 Prozent die Freiheitsrechte höher als den Gesundheitsschutz, bei den unter 30-Jährigen sind es mit 14 Prozent kaum mehr.“ (Rechtsreport 2021 der Roland-Rechts­schutz­ver­sicherung auf Grundlage von 1.286 Interviews zwischen 1. und 11. November 2020)

Der Körper schlägt die Vernunft. Was an die Nieren geht, löst Gefühle aus. Der Verstand sagt adieu. Indem wir dem Fetisch „Gesundheit“ huldigen, wehren wir unsere Urangst ab: die Angst vor dem Sterben, die stärker ist als alles andere, weil wir ihm nicht entkommen. Wenn der Faschismus wieder­kehrt, dann trägt er einen weißen Kittel.

Willys Traum

 

Willy hatte einen merkwürdigen Traum. Darin träumte ihm, dass er der Herrscher irgendeines Landes war, das im Traum nicht weiter bestimmt war, der absolute Herrscher. Und natürlich, dem Willy im Traum war völlig klar, dass eine solche absolute Herrschaft heute nicht lange funktionieren würde. Natürlich war Willy ein aufgeklärter absoluter Herrscher, es galt also sich an gewisse Prinzipien zu halten.

 

Agieren im Verborgenen

Der Willy im Traum hatte seinen Harry Potter genau gelesen. Besonders hatte ihn die Regierung des Dunklen Lords fasziniert. Der war nie der offzielle Herrscher, trat nie offen auf, aber das machte seine Herrschaft umso effektiver. Als Herrscher im Verborgenen war er der Herrscher, der über der Ordnung stand.

 

Die Freiheit bewahren

Selbstverständlich. Der Willy im Traum hat den Menschen nicht verboten zu verreisen. Er hat lediglich temporär untersagt, Hotels und Ferienwohnungen zu öffnen. Wegen Gründe. Auf diese Weise hat der Willy die Freiheit der Menschen bewahrt. Überhaupt: Jeder musste, wenn er irgendwo eine Dichterlesung oder ein Konzert besuchen wollte, sein Smartphone vorweisen. Das hatte zwar überhaupt keinen wirklichen Sinn, aber als bloße Unterwerfungsgeste war es unglaublich effektiv. Natürlich durfte niemand in der Regierung so etwas sagen wie: „Das Smartphone gibt den Menschen die Freiheit zurück“, Gott bewahre!

 

Keine Zensur

Aber klar, die Nachrichten wurden selbstverständlich nicht zensiert. Aber der Willy im Traum erhob von jedem Haushalt einen kleinen Pressebeitrag – für die Vielfalt. So entzog er dem Markt eine gewaltige Summe Geld, und die übrigen Verlage und Filmemacher, die nicht unter seiner Kontrolle standen, versanken mangels finanzieller Mittel in die bodenlose Bedeutungslosigkeit.

 

Brot und Spiele

Die Spiele kosteten den Willy im Traum kein einziger Euro, kein einziger Dollar. Das hatten alle mit ihrem kleinen Pressebeitrag selbst gezahlt. Der Traumwilly war beeindruckt: Die Tatortshooter und die Fernseh-Hack-and-Slay boten mehr blutige Unterhaltung an einem Tag, als das antike Rom im gesamten römischen Reich in einem Monat organisieren konnte. Und das Brot: Das musste billig sein. im Krieg hatte man ja das Brot mit allem möglichen gestreckt, sogar mit Holzspänen. Da waren die Möglichkeiten heute ins unerschöpfliche gewachsen. Da genügte es, wenn in einem Joghurt nur ein Prozent Milch war. Der Rest waren die billigen Zusatzstoffe.

 

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Der Willy, der dann wieder wach war, hatte den Traum fast vollständig vergessen. Nur eine Ahnung war ihm geblieben, die Ahnung, warum der Willy als absoluter Herrscher im Traum so erfolgreich war: Es war das Indirekte. Der Willy im Traum war der Herrscher einer indirekten Diktatur. Und das war wesentlich effektiver als eine direkte Diktatur. Und niemand konnte etwas dagegen sagen. Weil der Willy im Traum hat ja nichts verboten, und er war auch nicht der offizielle Herrscher. Der echte Willy, der etwas gegen den Traumwilly sagen wollte, der den Traumwilly stürzen wollte, der echte Willy hatte keine Chance – er versank sofort in einem Sprachsumpf, der Traumwilly entglitt dem echten Willy wie der Schatten des Lord Voldemorts aus diesem Harry Potter. Träumen war in diesem Traum vom Traumwilly übrigens nicht verboten worden, aber es war nicht möglich, wegen technischer Gründe, die Lautstärke am Smartphone auf Null zu stellen.

__ * _**.

Strahlendblaue * Geometrie,
Geometrie strahlend * blau,
Strahlengeometrie bis * zu den Sternen
und an ihnen vorbei, zu der Stelle
wo einer herausfiel

Ein Muskel spielt * mit sich selbst

*

In der Teilbarkeit * der Zahlen
suchen drei Drittel * ihr

Zucken, andauerndes
Verwesen

**

Es wächst

Vorgestellt

Jetzt stell dir mal vor, es klingelt an der Haustür und die ganze Familie steht draußen. Lustig machen sie sich, über das kleine Guckloch und den Briefkastenschlitz an deiner Eingangstür, das Treppenhaus sieht aus „wie bei Tante Käthe“ (schallendes Gelächter, da interessiert es keinen, ob es Sonntag zwischen eins und drei ist), dicke Blumensträuße werden ausgepackt und dir entgegengehalten (haste keine Vasen?), Tante geht in die Küche, Onkel freut sich über den schönen Ausblick: „Wer hat denn den Baum da hingestellt?“, abermals schallendes Gelächter, Kaffee wird angesetzt (das hättste aber auch schon mal vorbereiten können), der Kuchen allerdings ist „ein Gedicht“, und das Geschirr, na, das hattse doch alles von den Eltern. Die Nichte hat sich vom Freund getrennt, daher ist der nicht mit (na, das wusstest du doch?) und im Wohnzimmer sind die Clubsessel nicht so ganz nach dem Geschmack aller (da komm ich dann doch nicht mehr raus), und du schämst dich für deinen dünnen und fadenscheinigen Schreibtischstuhl, auf dem der kräftige und schnaufende Onkel kaum Platz findet – und dann kommst du aus der Küche, hast den Kaffee fertig, ein großes Stück Torte auf dem Teller und strahlst, na, das kann ich mir jetzt auch mal gönnen, nach zwanzig Wochen Quarantäne.

Übersterblichkeit als Spekulationsobjekt

Die Beschwörung der Corona-Krise konfrontiert die Bevölkerung permanent in den Nachrichten­sendungen mit der Zahl der Todesfälle. Seit dem Zweiten Weltkrieg war die Sterblichkeit des Menschen vor allem ein privates Thema, über das selbst innerhalb der Familien nur schwer gesprochen werden konnte. Es blieb spezialisierten Berufen, vor allem dem Bestattungswesen, vor­be­halten, eine professionelle Routine im Umgang mit dem Tod zu entwickeln. In einer Deutsch­landfunk-Reportage berichtete ein Berliner Bestatter, daß sich früher, d.h. vor der Corona-Zeit, niemand für seinen Beruf interessiert habe. Nun seien die Sterbefälle in den Mittelpunkt gerückt.

Tatsächlich kann es eine Chance bedeuten, der Endlichkeit des menschlichen Daseins wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Drehte sich in früheren Jahrhunderten darum der Kern der Religionen, so hat der Einzug des Atheismus im Gleichschritt mit dem „wissenschaftlichen Weltbild“ im Laufe des 20. Jahrhunderts auch zu einer Verdrängung des Todes, zur marktwirtschaftlichen Verwertung der Illusion ewiger Jugend beigetragen. Die Wellness-Industrie ist voll von Antiage-Produkten.

Die Corona-Krise führte jedoch nicht zu einem umfassenden Blick auf das Sterben, sondern fokussierte lediglich eine, scheinbar entscheidende Frage: Bewirkt das Coronavirus eine substanzielle Übersterblichkeit oder ist die „tödliche Wirkung“ des Virus ähnlich einzuordnen wie die Folgen schwerer Grippeepidemien der vergangenen Jahrzehnte? Darüber wurde und wird derzeit viel spekuliert. Mir erscheint es zunächst wichtig, auf die Engführung des Themas hin­zuweisen – sie ist charakteristisch für den öffentlichen Diskurs in der Corona-Zeit überhaupt: Einzelaspekte, die Corona betreffen, werden monothematisch in den Vordergrund gerückt, Kon­texte wer­den ausgeblendet.

In diesem Beitrag ordne ich die statistischen Zahlen zu Sterbefällen in längerfristige Zu­sam­menhänge ein und berechne daraus einen Erwartungswert, mit welcher Sterblichkeit im Jahr 2020 in Deutschland ohne Corona zu rechnen gewesen wäre. Die zugrundegelegten Daten stammen vom Stati­sti­schen Bundesamt sowie vom RKI. Ziel der Betrachtung ist es, Scheindebatten zu beenden und den Blick wieder zu weiten. Dazu wähle ich einen trichterförmigen Fokus: Ich beginne mit einem gröberen zeitlichen Maßstab, um langfristige Verläufe sichtbar zu machen, und wende mich erst danach dem „mikroskopischen“ (monatsgenauen) Maßstab zu, um die besondere Dynamik im Jahr 2020 zu erkennen.

Sterberate_1970_2020

Abbildung 3: Sterberate in Deutschland in den letzten 50 Jahren (Fälle je 1000 Einwohner, Quelle: Stat. Bundesamt)

Um die Sterblichkeit über einen längeren Zeitraum einordnen zu können, bietet es sich an, einen Blick auf die Sterberate zu werfen. Damit sind die Sterbefälle je 1000 Einwohner ge­meint. Auf diese Weise werden Schwankungen in Bezug auf die Bevölkerungszahl, die die Rohzahl der Sterbefälle beeinflußt, herausgerechnet. Denn anzunehmen ist, daß bei einer größeren Be­völ­kerungszahl auch mehr Sterbefälle vorkommen, ohne daß sich dabei die Sterberate geändert hat.

Zu erkennen ist ein typischer U-förmiger Verlauf: Während die Sterberate von den 1970er Jahren bis zum Jahr 2000 um 2.4 Promille gesunken ist, wächst sie im neuen Jahrtausend wieder an. Als Hintergrund dafür kommt vor allem der Anstieg der Lebenserwartung in Betracht: Indem der Anteil der Älteren in der Bevölkerung zunimmt, wächst auch die Zahl der Sterbefälle über­proportional – denn die Steigerung der Lebenserwartung nimmt nicht ins Unendliche zu, sie stößt stets auf eine Grenze, auch wenn diese sich dank des medizinischen Fortschritts zunehmend ins höhere Alter verschiebt. Das erneute Anwachsen der Sterberate ist daher Ausdruck einer an sich erfreulichen Erhöhung der Lebenserwartung in den letzten zwanzig Jahren: In Deutschland ist die Zahl der Über-80jährigen von 2004 bis 2014 um 987.000 auf rund 4,5 Millionen gestiegen. Das entspricht einem Plus von 27.8%. Der Anteil der sogenannten Hochaltrigen an der Gesamt­be­völ­kerung lag Ende 2014 bei 5.6%, 2004 betrug er nur 4.3%.

Eine zweite Erkenntnis drängt sich bei der Betrachtung der Sterberate in den letzten fünfzig Jahren auf: Obwohl der Trend seit dem Jahr 2000 wieder steigend ist, wurde das 12.8-Promille-Allzeithoch von 1969 im Jahr 2020 nicht erreicht. Auch dies ist eine an sich gute Nach­richt. Momentan entspricht die Sterberate in Deutschland in etwa der des Jahres 1990. Durch die öffentlichen Medien geisterte demgegenüber die Behauptung, eine höhere Sterb­lich­keit als 2020 habe es zum letzten Mal vor fünfzig Jahren gegeben – hierbei handelt es sich um eine  offensichtliche Fehlinterpretation, die verbreitet wurde.

Um abzuschätzen, ob im Jahr 2020 in Deutschland eine Übersterblichkeit zu verzeichnen ist, betrachten wir im folgenden den Trend der letzten zehn Jahre. Wir befinden uns damit auf dem wieder ansteigenden Ast des U-förmigen Verlaufes:

Sterbefaelle_2010_2020

Abbildung 4: Sterbefälle in Deutschland Zuwachs zwischen 2010 und 2019 (Quelle: Stat. Bundesamt)

Dabei beobachten wir annähernd eine lineare Steigerung in Höhe von 11310 Sterbefällen pro Jahr (95%-Konfidenzintervall 7555; 15065) zwischen den Jahren 2010 bis 2019 (durchgezogene rote Linie) – diese Zeitspanne legen wir nun zugrunde, um die Zahl der zu erwartenden Sterbefälle im Jahr 2020 zu schätzen. Das Sta­tistische Bundesamt verglich die Sterbefälle im Corona-Jahr lediglich mit dem Durchschnitt der  vier voran­gegangenen Jahre – diese Vergleichsgröße ist aber unzureichend, da sie den natürlichen Zuwachs der Sterbefälle in den letzten Jahrzehnten nicht berücksichtigt. Tat­sächlich steckt in der Zahl der Sterbefälle eine Dynamik, die bei einer Bezugnahme auf den Durch­schnitts­wert der Vorjahre nicht abgebildet wird.

Wir erkennen, daß sich Über- und Untersterblichkeit in Deutschland in einem ziemlich festen Rhyth­mus ab­wechseln. Betrachten wir die Differenz zum Vorjahr, so folgt in der Regel auf zwei Jahre mit einer Steigerung der Sterbefälle ein Jahr, in dem die Zahl der Sterbefälle im Vergleich zum Vorjahr geringer ausfällt. In diesem Rhythmus erhöht sich in den letzten beiden Jahrzehnten  sukzessive die Sterberate in Deutschland.

In Abbildung 4 habe ich daher zusätzlich den Mittelwert jeweils zweier aufeinander folgender Jahre eingetragen (blaue Linie) – damit glätten sich die Jahres­schwankungen der Sterblichkeit. Die blaue Linie paßt sich der Geraden, die den linearen Anstieg der Sterbefälle modelliert (rote Linie), deutlich besser an. Hinter der rhythmischen Schwankung von Über- und Untersterblichkeit  steckt das natürliche Phäno­men, daß auf eine Saison, in der – z.B. witterungsbedingt – weniger gestorben wurde, eine Saison folgt, in der mehr Menschen sterben werden. Besonders markant entsprach das Jahr 2015 dieser Regel (Abbildung 5): War zuvor die Grippewelle 2014 sehr mild ausgefallen, so wütete sie 2015 um so mehr – mit der Folge, daß bereits 2016 wieder eine Untersterblichkeit zu ver­zeichnen war. So berichtete die Apotheker-Zeitung vom 9. März 2017: „Die meisten Todesfälle in den ver­gangenen Jahren gab es mit geschätzten 21.300 in der Grippesaison 2014/15.“ Es folgte eine Atempause in der Saison 2015/16 und 2016/17, bevor 2017/18 erneut eine außergewöhnlich starke Grippewelle nach Schätzungen rund 25.100 Menschen in Deutschland das Leben kostete. „Das sei die höchste Zahl an To­des­fällen in den vergangenen 30 Jahren, wie der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, erklärte“, war in der Ärzte-Zeitung vom 30. September 2019 zu lesen. Daraufhin folgte 2018/19 und – wie es zunächst schien – auch in der Saison 2019/20 wieder eine Atempause.

Sterbefälle_2010_2020_Vorjahr

Abbildung 5: Differenz der Sterbefälle in Deutschland zum Vorjahr: (unbemerktes) Maximum 2015

Die maximale Vorjahresdifferenz und damit gravierendste Sterblichkeitsdynamik der letzten zehn Jahre war mit 56.844 zwischen 2015 und 2014 zu beobachten. Die Vorjahresdifferenz zwischen 2020 und 2019 folgt mit 42.969 auf dem zweiten Rang (Abbildung 5).

Nimmt man die natürliche Steigerung zwischen 2010 und 2019 als Grundlage, um die Zahl der Sterbe­fälle zu schätzen, so ergibt sich nach dem einfachen Modell der linearen Re­gression folgende Formel:

 Sterbefälle in Deutschland = 11310 x Jahr – 21.883.005

Empirisch korreliert die Zahl der Sterbefälle in diesem Zeitraum signifikant in Höhe von .92** mit dem Ka­lenderjahr. Ein lineares Modell zur Schätzung der zu erwartenden Zahl der Sterbefälle im Jahr 2020 erscheint damit gerechtfertigt.

Jahr

Differenz zur Erwartung

%

Bewertung

2010

8.673

1.0

Übersterblichkeit

2011

-9.077

-1.1

Untersterblichkeit

2012*

-6.133

-0.7

Untersterblichkeit

2013

9.800

1.1

Übersterblichkeit

2014

-26.979

-3.1

Untersterblichkeit

2015

18.555

2.0

Übersterblichkeit

2016*

-10.053

-1.1

Untersterblichkeit

2017

3.007

0.32

Übersterblichkeit

2018

14.299

1.5

Übersterblichkeit

2019

-12.365

-1.3

Untersterblichkeit

2020*

16.294

1.66

Übersterblichkeit

Tabelle 3: Abfolge von Über- und Untersterblichkeit in Deutschland 2010-2020 (mit Sternchen wurden Schaltjahre gekennzeichnet, ihne wurde aufgrund des zustzlichen Tages im Februar ein um 3000 höherer Erwartungswert zugerechnet)

Über- und Untersterblichkeit wechseln sich auch nach diesem Modell in einem gewissen Rhy­thmus miteinander ab. In pros­pe­­rierenden Zeiten mit steigender Lebenswartung gibt es in der Re­gel häu­figer Phasen der Über­sterblichkeit, da der Anteil hochbetagter Menschen wächst. Mit dem Alter aber nimmt natürlicherweise auch die Zahl der Vorerkrankungen zu, während das Immunsystem schwächer wird.

Für das Jahr 2020 ist nach diesem Modell eine Übersterblichkeit in Deutschland zu konstatieren. Sie liegt der Größenordnung nach zwischen der Übersterblichkeit des Jahres 2015 und der des Jahres 2018. Dabei ist zu be­rück­sichtigen, daß 2020 ein Schaltjahr war und aufgrund des zusätzlichen Tages im Februar er­war­tungs­gemäß die Zahl der Sterbefälle um 3000 höher ausfallen sollte.

Versuchen wir, die Übersterblichkeit des Jahres 2020 noch etwas genauer einzugrenzen und nähern uns der Frage, ob sie durch Covid-19 erklärt werden kann. In der folgenden Übersicht wer­den die Berechnungsgrundlagen für die Bewertung der Sterblichkeit in Deutschland sowie des dazu­gehörigen Konfidenzintervalls (95%) zusammengefaßt:

Schätzung der Übersterblichkeit 2020:
Sterbefälle 2020

982.489

linearer Erwartungswert (2010-2019) für 2020

-963.195

Schaltjahrmalus

-3000

Differenz zum Erwartungswert

16.294

Übersterblichkeit 2020 in %

1.66%

Oberer Erwartungswert für die Sterblichkeit 2020

-969.950

Differenz Sterbefälle vs. Erwartungswert 2020

12.539

Übersterblichkeit 2020 in % (untere Grenze)

1.27%

Unterer Erwartungswert für die Sterblichkeit 2020

-962.440

Differenz Sterbefälle vs. Erwartungswert 2020

20.049

Übersterblichkeit 2020 in % (obere Grenze)

2.04%

Zum Anteil der „Coronatoten“ an der Gesamtsterblichkeit:

Zahl der an Covid-19 Verstorbenen lt. RKI

33.071

Anteil der „Coronatoten“ an den Sterbefällen 2020

3.4%

Anteil der „Coronatoten“ an der Übersterblichkeit

203% (165% – 264%)

Anteil der „Übersterblichen“ an den „Coronatoten“

49% (39% – 61%)

Zum Vergleich 2015:

Sterbefälle 2015

925.200

Linearer Erwartungswert für die Sterblichkeit 2015

-906.645

Differenz Sterbefälle vs. Erwartungswert 2015

18.555

Übersterblichkeit 2015 in %

2.0%

Tabelle 4: Schätzung der Übersterblichkeit in Deutschland 2020 und des Anteils, den Covid-19 dazu beigeragen hat (Grundlage: lineares Modell der Sterbefälle 2010-19)

In Deutschland war im Jahr 2020 ohnehin mit einer höheren Sterblichkeit zu rechnen als 2019. Unter Berücksichtigung des in den letzten zehn Jahren zu beobachtenden Trends in der Ent­wicklung der Sterbezahlen ist von einer Übersterblichkeit von 1.66% mit einem Konfidenz­inter­vall zwischen 1.27% und 2.04% im Jahr 2020 auszugehen – dies ist die zweithöchste Über­sterblichkeit der letzten zehn Jahre und insgesamt als moderat zu beurteilen – so auch die Einschätzung des Sta­tistischen Bundesamtes. Das bisherige Maximum von 2% Übersterblichkeit im Jahr 2015 wurde 2020 nicht über­troffen. Vielmehr liegt die Übersterblichkeit 2020 in etwa gleichauf mit der des Jahres 2018. Die Unterschiede erweisen sich nicht als sig­nifikant, sondern fallen in das Fehlerintervall der Zählungen.

Bemerkenswert ist, daß die Zahl der offiziell als „Verstorbene an oder mit Covid-19“ um mehr als das Doppelte über die Zahl der Fälle, die die Übersterblichkeit begründeten, hinausging. Das heißt, wenn Covid die einzige Ursache für die Übersterblichkeit gewesen sein sollte, dann war bei etwa der Hälfte der wegen Corona Verstorbenen statistisch zu erwarten, daß sie auch ohne Covid im Jahr 2020 sterben würden. Realistischerweise ist von einer deutlich höheren Zahl dieser Sterbefälle aus­zugehen, denn es ist unwahrscheinlich, daß außer Covid kein anderer Grund die Über­sterblichkeit im Jahr 2020 herbeigeführt hat: Depression, Vereinsamung und Existenzangst, verschobene Opera­tionen, vernachlässigte Vorsorgeuntersuchungen und überhaupt die weithin beklagte Mei­dung ärzt­licher Hilfe im Coronajahr sind als weitere treibende Faktoren der Über­sterblichkeit an­zu­nehmen.

Damit kommt das Dilemma der bisherigen Corona-Politik auf den Punkt: Der Befund legt nahe, daß eine Inflation an falsch-positiven Testergebnissen zu einer verzerrten Wahrnehmung des Anteils der „Corona­toten“ an der Gesamtsterblichkeit beigetragen hat. Eine seriöse Gesundheitspolitik kon­zen­triert die medizi­ni­schen Kapazitäten auf die echten Krankheitsfälle, schützt so weit möglich die ge­fähr­deten Gruppen, aber verzettelt sich nicht im sportlichen Eifer, auch überall dort Corona fest­zustellen, wo es nicht ist, so daß eine Inflation falsch-positiver Fälle das Gesamtsystem ruiniert.

Ein Blick auf die Statistik der Todesursachen in Deutschland offenbart sofort, in welcher Großen­ordnung die Fixation auf Corona als das vermeintliche „Killervirus“ zu einem Neglect beigetragen hat. Der Einengung der Aufmerksamkeit auf eine Erkrankung, die in den meisten Fällen ver­gleichs­weise moderat verläuft und sich im Vergleich zu Herz-Kreislauf und Krebs­erkrankungen als seltene Todesursache erweist, kann selbst bereits ein Krankheitswert zugeschrieben werden: als psy­chische und/oder Verhaltensstörung. Statistisch ist zu befürchten, daß die mittlerweile in weiten Teilen der Be­völkerung verbreitete Corona-Angst weitaus gefährlichere und auch tödlichere Folgen nach sich zieht, als die biologische Wirkung des Virus, wenn es auf ein intaktes Immunsystem trifft.

Todesursache

2019

%

2015

%

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

331.200

35.3

356.616

38.5

Krebs

231.300

24.6

226.337

24.5

Atemwegserkrankungen

67.021

7.1

68.300

7.4

Psychische und Verhaltensstörungen

57.839

6.1

44.590

4.8

Krankheiten des Verdauungssystems

33.626

3.6

39.844

4.3

Verletzung oder Vergiftung

41.779

4.4

36.496

3.9

Covid-19 (2020)*

33.071

3.4

Infektiöse und parasitäre Krankheiten

16.194

1.7

19.943

2.2

Stürze

16.657

1.7

12.867

1.4

Suizid

9.041

0.96

10.078

1.1

Verkehrsunfälle

3.059

0.3

3.688

0.4

insgesamt

939.520

925.200

Tabelle 5: Todesursachen in Deutschland nach Zahl der Verstorbenen (Quelle: Statistisches Bundesamt, * RKI)

Ich bin gespannt auf die Todesursachen-Statistik für 2020, die im Laufe des Jahres 2021 vom Sta­tistischen Bundesamt herausgegeben wird: Wenn Covid in nennenswerter Größenordnung an­stelle anderer Todesursachen gezählt wurde (obwohl es möglicherweise nicht ausschlaggebend war), dann ist zu erwarten, daß die Häufigkeit anderer Todesursachen im Jahr 2020 geringer ausfällt, als es aus dem Trend der letzten Jahre zu erwarten wäre.

Werfen wir nun einen „mikroskopischen“ Blick auf die Verteilung der Sterblichkeit in den ein­zelnen Monaten des Jahres 2020 – dies entspricht der „Sonderauswertung“, die vom Statistischen Bundesamt Ende Januar 2021 vorgelegt und in den öffentlichen Medien verbreitet wurde. Als Referenz wurde vom Stati­stischen Bundes­amt der Durchschnitt der Sterbefälle der Jahre 2016-19 heran­ge­zogen. Zur Auswahl dieser Vorjahre ist kritisch anzumerken, daß sie das  Jahr 2015 ausklammert, das hinsichtlich der Übersterblichkeit am ehesten mit 2020 vergleichbar ist – damit fällt die Bilanz ungünstiger aus, als es bei einem fairen Vergleichsmaßstab der Fall wäre. Für 2015 liegen jedoch weder beim Statistischen Bundesamt noch bei Eurostat monatsgenaue Sterbeziffern für Deutschland vor. Um die Größenordnung des Anteils der an oder mit Covid Verstorbenen zu verdeutlichen, habe ich ergänzend die Schwankungsbreite (SB) der Jahre 2016 bis 2019 als graue gestrichelte Linie ein­getragen:

Sterbefälle_2020_monatsgenau

Abbildung 7: Sterbefälle pro Monat in Deutschland 2020 (Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes)

Bis Ende Oktober überschreitet die Zahl der laut RKI an oder mit Covid Verstorbenen nicht die Schwankungsbreite, die in den Jahren 2016-19 zu beobachten war. Auch der überdurchschnittliche Aprilwert – von dem die einen behaupten, er sei eine Folge des Virus, während die anderen meinen, er sei eine Folge des Lockdown – bewegt sich im Rahmen der Schwankungsbreite der voran­­gegangenen vier Jahre. Erst im November und Dezember des Jahres 2020 begann die Zahl der offiziell als „Coronatote“ registrierten Verstorbenen die sonst übliche Schwankungsbreite für diese Mo­nate substanziell zu übersteigen. Im Vergleich überschreitet der Dezember 2020 das Allzeithoch der letzten 30 Jahre vom März 2018 nicht – damit läßt sich die Einordnung der Gefährlichkeit von Covid in die Größenordnung schwerer Grippewellen nicht als falsch zurückweisen. Zu dieser Einschätzung gelangte auch eine Arbeitsgruppe des RKI im Ärzteblatt vom Februar 2021 (Rommel et al., 2021).

Schließlich suggeriert die monatliche Aufschlüsselung der Sterbefälle des Jahres 2020 eine weitere These: Wenn es überhaupt einen Einfluß des Lockdown gibt, dann hat er im Frühjahr dazu beigetragen, die Sterbewelle im Herbst vorzubereiten – denn wir haben oben ja gesehen, daß Phasen der Untersterblichkeit und der Übersterblichkeit natürlicherweise einander abwechseln. Zu Beginn des Jahres 2020 war in Deutschland bis Ende März eine Untersterblichkeit zu verzeichnen. Das RKI meldete bereits Mitte Februar, daß die Grippeausbreitung auf ein Allzeittief gesunken sei und der Ausbreitung im Sommer entspreche. Daraus erwächst zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit, daß in der nächsten Saison, d.h. im Herbst 2020 und Winter 2021, natürlicherweise eine Übersterblichkeit auftreten wird.

Zum Abschluß möchte ich die Erkenntnisse zur Übersterblichkeit 2020 auf den europäischen Vergleich anwenden. Gestützt habe ich mich auf den Datenpool von Eurostat, der vom Statistik-Amt der Euro­päischen Union gepflegt wird. Damit die Ergebnisse nachvollziehbar sind, wurde für die folgenden Länder zunächst die Zahl der Sterbefälle im Jahr 2020 aufgeführt. Die Schätzung der Über­sterblichkeit erfolgte anhand von drei Modellen, der Einfachheit halber nicht anhand einer Regressionsanalyse, sondern anhand des durchschnittlichen jährlichen Zuwachses:

Exzess 1 (statisch): Schätzung ohne Zuwachs, als Vergleichsgröße dient der Durchschnitt der Jahre 2015 – 2019, zzgl. des Schaltjahrmalus’ (365stel des Jahres 2019)

Exzess 2 (langgfristig dynamisch): als Vergleichsgröße dient das Elffache des durch­schnittlichen Zuwachses zwischen 2010 und 2019 (Faktor 2), zzgl. Schaltjahrmalus

Exzess 3 (kurzfristig dynamisch): als Vergleichsgröße dient das Vierfache des durch­schnitt­lichen Zuwachses zwischen 2016 und 2018 (Faktor 3), zzgl. Schaltjahrmalus

Zu erkennen ist, daß zwischen 2010 und 2019 nicht in allen Ländern ein Anwachsen der Sterbefälle wie in Deutschland zu beobachten war. Ein Rückgang der Sterbefälle in diesem Zeitraum drückt sich in der folgenden Übersicht durch einen negativen Faktor aus. Er war in Norwegen, Estland und Schweden zu verzeichnen. In Island und Dänemark blieb die Zahl der Sterbefälle in den letzten zehn Jahren vor Corona nahezu konstant. In den übrigen Ländern, die bereits 2010 Sterblichkeitsziffern an Eurostat gemeldet haben, war ein Anwachsen der Sterbefälle in den Jahren vor Corona festzustellen.

Geradezu dramatisch stellt sich der Zuwachs der Sterbefälle vor Corona dar, wenn man die drei Jahre 2016-2018 betrachtet – in diese Zeit fällt die verheerende Grippewelle der Saison 2017/18, die europaweit zur einer Zunahme der Sterbefälle führte (außer in Island). Der öffentlichen und medialen Wahrnehmung blieb diese Dynamik weitgehend verborgen – die Politik reagierte in keiner Weise darauf.

Land 2020 Exzess 1 % Faktor 2 Exzess 2 % Faktor 3 Exzess 3 %
Norway (*) 41053,00 179,25 ,44 -4,60 448,65 1,09 92,67 -1143,95 -2,79
Iceland 2321,00 63,81 2,75 28,00 25,81 1,11 -16,00 187,81 8,09
Denmark (*) 55473,00 1725,59 3,11 72,00 1448,59 2,61 831,67 -3099,41 -5,59
Estonia* 16188,00 688,59 4,25 -10,60 824,59 5,09 123,33 -75,01 -,46
Germany (*) 982489,0 47361,37 4,82 8075,20 32319,77 3,29 14657,33 -33229,0 -3,38
Hungary 141665,0 11020,05 7,78 179,40 11865,45 8,38 1443,67 -1329,15 -,94
Sweden 96941,00 7729,36 7,97 -206,50 10976,06 11,32 288,67 3393,56 3,50
Italy* 705116,0 60295,45 8,55 5045,33 20274,45 2,88
Greece* 134003,0 11662,00 8,70 612,00 6665,80 4,97
France* 677589,0 72250,86 10,66 5650,00 37704,26 5,56
Austria (*) 91527,00 9955,16 10,88 621,30 9125,26 9,97 1073,67 1892,56 2,07
Portugal* 124948,0 13814,19 11,06 790,80 12377,79 9,91 888,00 8649,59 6,92
Switzerland (*) 75605,00 8511,83 11,26 628,30 7276,73 9,62 746,33 2156,03 2,85
Netherlands* 171175,0 20257,60 11,83 1866,40 17346,40 10,13 1558,67 11554,80 6,75
Czechia (*) 130684,0 19164,64 14,66 756,50 17580,54 13,45 1789,00 6469,04 4,95
Belgium* 128817,0 18920,72 14,69 593,20 19490,72 15,13 936,33 10492,92 8,15
Spain* 501029,0 81197,05 16,21 4340,70 80637,55 16,09 5955,33 36309,25 7,25
Poland (*) 484021,0 80849,42 16,70 3769,70 71510,52 14,77 8119,67 32334,22 6,68
UK* 699632,0 578194,8 82,64 5357,67 54103,96 7,73

Tabelle 4: Übersterblichkeit 2020 im europäischen Vergleich (Berechnungen auf Grundlage der Datenbasis von Eurostat);   * Länder mit Lockdown, (*) Länder mit teilweisem Lockdown 2020; Tschechien, Griechenland, Italien, Großbritannien und die Schweiz lagen die Zahlen für die letzten Wochen des Jahres 2020 noch nicht vor und wurden geschätzt (Stand 2.2.2021); für Italien, Griechenland, Frankreich und Großbritannien lagen keine Sterbeziffern für das Jahr 2010 vor.

Die Spalte „Exzess 1“ gibt im Wesentlichen das Bild wieder, das in den öffentlichen Medien ge­zeichnet wird, wenn sie sich auf den Maßstab des Gesamtjahres 2020 einlassen und nicht einzelne Mo­nate oder gar Wochen willkürlich aus dem Geschehen herausgreifen. Um die Orientierung zu erleichtern, habe ich die Tabelle nach dieser Maßzahl aufsteigend geordnet. Wir sehen zum einen, daß auch nach der unrealistischen statischen Schätzmethode etwa bei der Hälfte der Länder die vermutete Übersterblichkeit unter 10% und damit gering ausfällt. Besonders gut schneidet Norwegen ab. Zum anderen fällt auf, daß Länder mit einer geringeren Übersterblichkeit häufig keinen oder nur einen teilweisen Lockdown verhängt haben, während sich in Ländern, die sich durch einen besonders harten Lockdown hervortaten, auch die Sterbefälle häuften. Besonders krass ist dieser Effekt in Großbritannien festzustellen.

Berücksichtigt man den bereits in den Jahren 2016-18 weitgehend unbemerkt gebliebenen dynamischen Anstieg der Sterbefälle in Europa (außer Island), dann fällt die Übersterblichkeit im Corona-Jahr 2020 deutlich geringer aus (Spalte „Exzess 3“). Im Vergleich zu diesem Maßstab war in Norwegen, Dänemark, Estland, Deutschland und Ungarn sogar eine Untersterblichkeit zu verzeichnen. Die Übersterblichkeit von Italien, der Schweiz und Österreichs sowie Schwedens sinkt dann auf eine geringe Größenordnung. Lediglich Island hat einen stärkeren Anstieg der Sterbefälle zu beklagen – der aber mit dem spezifischen Rückgang der Sterblichkeit in den Vorjahren zusammenhängt.

In der Konsequenz läßt sich zusammenfassen, daß im Corona-Jahr 2020 eine Entwicklung er­kenn­bar wurde, die bereits in den Vorjahren unter dem Etikett der Grippewellen zumindest 2015 und 2018 dramatische Züge angenommen hatte, ohne das öffentliche Bewußtsein zu erreichen. Durch die Zuschreibung der Gefährlichkeit an ein neues Virus gelang es, das Phänomen der Sterblichkeit des modernen Menschen, seine Naturwüchsigkeit und seine Abhängigkeit von gesell­schaft­lichen wie auch biologischen (virologischen) Kontexten wieder ins Auge zu fassen – so sehr das nervt oder schmerzt. Im Rückblick erscheint die Fixierung auf das Coronavirus als vermeintlich einzige Gefahr übertrieben. Psychologisch reizt sie zur Abspaltung und Dissoziation, zur Aufsplitterung des gewohnten ganzheitlichen Lebensvollzuges der sich in Freiheit wähnenden Men­schen. Wie paradox mutet es an, daß im Zuge der Pandemiebekämpfung alles, was Leib und Seele gesund hält, Sport, Geselligkeit, sinnstiftende Tätigkeit, Genuß und Selbstwirksamkeitserleben verboten oder zumindest stark eingeschränkt wird?

Die Tücken der Exponentialfunktion

Die Zählung der Intensivplätze, d.h. der Betten und des entsprechend ausgebildeten Personals, ist eine vergleichsweise valide Angelegenheit und gelingt jedem Klinikverwaltungsleiter allein mit Hilfe des Kleinen Einmaleins. Als weitaus weniger valide erweist sich der Nachweis eines in­fek­tuösen Virus. Im Laufe des Sommers 2020 entbrannte ein heftiger Streit über die Aussagekraft von PCR-Tests. In der New York Times vom 30. August wurde in einem Artikel unter dem Titel „Your coronavirus test is positive. Maybe it shouldn’t be“ über die Abhängigkeit der Befunde von der Zahl der Analysezyklen (Cycle treshold, Ct-Wert) berichtet: Während die Mehrzahl der Labore den Gesund­heits­behörden lediglich mitteilt, ob der Test ein positives oder negatives Ergebnis habe, werde nicht mitgeteilt, wieviele Zyklen notwendig waren, um zu einem positiven Befund zu gelangen. Die Viruslast verhält sich aber umgekehrt proportional zum Ct-Wert, d.h. je mehr Zyklen erfordlich sind, desto geringer ist die Viruslast. Die Nachricht erreichte am 6. September auch die Tagesschau-Redaktion. Danach schien diese Erkenntnis dort rasch wieder in Vergessenheit zu geraten.

Aus ihr ergeben sich gravierende Unsicherheiten für die Diagnose von Covid. Im PCR-Verfahren wird ein exponentiell wirksamer Verstärker eingesetzt: Wenn in einer Probe zu Beginn nur ein einziges RNA-Partikel befindet, das mit dem gesuchten Target übereinstimmt, so ver­vielfacht das PCR-Verfahren dieses Partikel im ersten Zyklus auf zwei, im zweiten auf vier, im dritten auf 16, im vierten auf 256 usw.

Um dem sich allmächtig dünkenden Herrscher Shihram zu verdeutlichen, daß er ohne sein Volk, ohne Bauern, Läufer, Reiter und nicht zuletzt seine Gattin, nur winzige Schritte zu gehen imstande war,  erfand der Weise Sissa das Schach­spiel. Der Tyrann fand Gefallen daran, wurde milder und einsichtiger. Zum Dank gewährte er dem Weisen einen Wunsch. Sissa bat den König, ihn mit einem Weizenkorn auf dem ersten Feld, zwei Körnern auf dem zweiten Feld, vier auf dem dritten usw. zu entlohnen. Shihram lachte und war zugleich verärgert über die Be­schei­den­heit des Weisen. Wie hatte er sich vom Augenschein täuschen lassen! Dem Hofmathematiker gelang es nicht, die gewünschte Menge an Weizenkörnern auszurechnen, und der Vorsteher der Kornkammern mußte gestehen, daß alle Vorräte des Reiches nicht aus­reichen würden, um den Wunsch des Weisen zu erfüllen.

Tatsächlich übersteigt der „bescheidene“ Wunsch des Weisen bei 64 Schachfeldern das Tau­send­fache der heutigen Getreideproduktion. Um ein RNA-Fragment des Coronavirus nachzuweisen, müssen die Testlabore nicht ganz so weit gehen. Ihnen genügen zumeist „schon“ 39 Analysezyklen bei der Anwendung des PCR-Tests. Ab dem 40. Zyklus verwerfen sie den Befund. Mit jedem Zyklus verdoppelt sich die Zahl des gefundenen Partikels und es vervielfacht sich in der Summe um das Tausend-, Millionen-, Milliarden-, Billionenfache. Die genaue Zahl des PCR-Verstärkungseffektes läßt sich anhand der geometrischen Summen­formel bestimmen:

Analysezyklen (Ct)

Vervielfachung des Zielpartikels

0

1

1

3

5

31

10

1.023

15

32.767

20

1.048.575

25

33.554.431

30

1.073.741.823

35

34.359.738.367

40

1.099.511.627.775

45

35.184.372.088.831

Tabelle 1: Exponentielle Vervielfachung eines gefundenen Partikels bei optimaler Durchführung des PCR-Tests

Eine Verstärkung durch vier bis sechs Zyklen genügt in der Regel, um das Target vom Hinter­grund­rauschen unterscheiden zu können (Kaltenboeck & Wang, 2005). Für die Erkennung von Corona­viren­ werden 10 bis 45 Analysezyklen durchgeführt. Was bedeutet diese phantastisch anmutende Steigerung der Sensitivität für die Interpretation des PCR-Testergebnisses? Kleinste Mengen können so vergrößert werden, daß sie makroskopische Effekte bewirken und zum Beispiel optisch sichtbar werden. Metaphorisch gesprochen wird ein Millivolt auf Hochspannung trans­for­miert.

Die Zu­wächse bei der Expo­nentialfunktion sind gewaltig – daher flößt eine „exponentielle Ausbreitung“ des Virus Angst ein. Und wir können dankbar sein über eine Regierende, die im Unterschied zu dem Tyrannen aus der Antike davon schon einmal vor langer Zeit in der Schule oder im Studium gehört hat. Nur gilt die Exponentialfunktion nicht allein für die idealisiert dargestellte Ausbreitung eines Virus, sondern auch für die Sensitivität des PCR-Tests: Sie wächst mit jedem Zyklus. Und damit verliert der Test seine Validität. Seltsamerweise ist öffentlich über die Sen­si­tivität und Spezifität des PCR-Tests in den letzten Monaten viel diskutiert worden – das wesentlich bedeutsamere Merkmal ist die Validität, d.h. seine sachliche Gültigkeit: Mißt der Test, was er zu messen vorgibt – diese Frage blieb weitgehend unbeachtet.

„However, it is important to keep in mind that Ct values, and typically used differences between Ct values of analyte and reference mRNA (Delta Ct), are exponentially related to the number of target copies. Thus, small errors in Delta Ct may become large errors in the ratios. These data underscore the extreme importance of tight control of all parameters and rigorous validation if real-time PCR protocols.” (Bernhard Kaltenboeck & Chenming Wang, 2005)

Jedes Labor legt den Schwellenwert, ab welcher Zyklenzahl man einen positives Testergebnis nicht mehr als positiven Befund interpretiert, selbst fest oder richtet sich nach der Anweisung des jeweiligen Herstellers – es gibt keine Standardisierung dafür. Das RKI wie auch PHE (Public Health England) bezeichnen den Ct-Wert daher als „semiquantitativ“, da er von Labor zu Labor eine andere Größe darstellen könne. Wie genau der Ct-Wert mit der Aus­gangs­menge des Targets korreliert, hängt zudem von der Empfindlichkeit, Präzision und Effizienz des im Labor eingesetzten Testkits ab. Aus diesen Gründen riet im August 2020 auch das College of American Pathologists (CAP) zur Vorsicht bei der Interpretation des Ct-Wertes (Rhoads, 2020). Ct-Werte können zwischen 3 bis 12 Zyklen in Abhängigkeit von Target (Abstrich), Testkit und La­bor­praxis schwanken. „Während der COVID-19-Pandemie ist es für klinische Labore üblich ge­worden, mehrere RT-PCR-Assays zum Nachweis von SARS-CoV-2 durchzuführen. Daher kann die Angabe des Ct-Werts bei allen positiven Ergebnissen verwirrend und irreführend für den Auftraggeber sein“, resümierte im Oktober 2020 Matthew Binnicker, Direktor der klinischen Virologie an der Mayo Clinic in Rochester.

Das Corman/Drosten-Papier, das die WHO im Januar 2020 im Schnellverfahren zur Blaupause für die weltweit durchgeführten Corona-PCR-Tests erhob, beinhaltete 45 (!) Analysezyklen. In ihrem Artikel stellte die New York Times im Sommer 2020 fest, daß die meisten Labore den Schnitt bei 40 Zyklen ansetzten, einige wenige bei 37. Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine kanadische Forschungs­gruppe zur Diagnostik von Covid-19: In Kanada lag das Cutoff-Kriterium für einen Positiv­befund zwischen einem Ct-Wert von 36 und 40 (LeBlanc et al., 2020). Ein von der WHO akkreditierter, chinesischer PCR-Testkit-Hersteller gib in der Bedienungs­an­lei­tung vor, daß ein Ergebnis bis zu einem Ct-Wert von 37 als Positivbefund und erst ab einem Ct-Wert von 40 als Negativbefund zu inter­pretiert werden soll, Werte dazwischen seien als Grauzone zu deuten (Jiangsu Bioperfectus Technologies).

Dennoch stellt der Ct-Wert bei aller labortechnischen Variation ein Maß dar, dem eine klinische Bedeutsamkeit zukommt. Bereits im Frühjahr 2020 zeigten einige Studien, daß Patienten in den ersten Tagen der Infektion Ct-Werte unter 30 und oft unter 20 haben, was auf eine hohe Viruslast hinweist; wenn das Immun­system das Coronavirus bekämpft, steigen die Ct-Werte allmählich an. Eine Meta-Analyse über 18 Studien, die im Juli in Infectious Diseases and Therapy erschien, fand signifikante Korrelationen zwischen Ct-Werten und der Schwere der Erkrankung sowie zwischen Ct und dem Vorhandensein biochemischer Indikatoren im Blutbild (Rao et al., 2020). Auch in neueren Studien wurde be­obachtet, daß eine höhere Viruslast die Ansteckungsfähigkeit stark beeinflussen und den Schweregrad der Erkrankung vorhersagen kann. So untersuchten Forscher um Bernard La Scola, Experte für Infektions­krankheiten am IHU-Méditerranée Infection, 3790 positive Proben mit bekannten Ct-Werten darauf, ob sie lebensfähige Viren enthielten. La Scola und seine Kollegen fanden heraus, daß bei 70% der Proben ein Ct-Wert von 25 oder darunter ausreichte, um zu einem positiven Testergebnis zu gelangen. Dagegen enthielten weniger als 3% der Fälle mit Ct-Werten über 35 vermehrungsfähige Viren (Jaafar et al. 2020). Zudem wiesen etwa 40% der Personen, bei denen eine hohe Viruslast (Ct-Wert < 25) festgestellt wurde, keine klinischen Symptome auf und blieben ge­sund.

Das amerikanische Center for Desease Control (CDC) empfahl im Som­mer daher einen Schwel­len­wert von 33 Zyklen. Tat­säch­lich wären 85-90% der im Juli in Mas­sa­chusetts als positiv gewerteten Coronatests bei einem Ct-Wert von 30 negativ ausgefallen. Das RKI riet im September, Personen mit einem positiven Testergebnis, das mit einem Ct-Wert von 30 oder höher zustande gekommen sei, aus der Quarantäne zu befreien. Laut Tagesschau wurde dies aber nur in Schwerin auch so praktiziert – in den meisten deutschen Kommunen erfahren die Gesund­heitsämter den Ct-Wert gar nicht.

Kary Mullis, der Erfinder des PCR-Tests, warnte – im Zusammenhang seiner umstrittenen Thesen zum HI-Virus – vor einer Gleichsetzung von positivem Testergebnis und klinischem Befund: Mit dem PCR-Test ist es möglich, positiv getestet zu werden, ohne krank oder infektuös zu sein. „Die PCR hat alles revolutioniert. Sie hat die Molekularbiologie wirklich stark gemacht – was dann auch andere Bereiche verändert hat, sogar weit entfernte wie Ökologie und Evolution … Es ist unmöglich, den Einfluß der PCR zu überschätzen. Die Fähigkeit, so viel DNA einer bestimmten Sequenz zu erzeugen, wie man will, ausgehend von ein paar einfachen Chemikalien und einigen Tem­­pera­turänderungen – das ist einfach magisch“, wird David Bilder, Moleku­larbiologe in Berkely, in einem kritischen Nachruf auf Mullis zitiert. In einem Interview, das auf der Homepage von Kary Mullis zu finden ist, charakterisiert David Jay Brown die weiteren Einsatzgebiete der PCR wie folgt: „Sie hat nicht nur die Genforschung revolutioniert, sondern auch die Popkultur und die Science-Fiction be­einflußt. Da die PCR die Fähigkeit besitzt, DNA aus Fossilien zu extrahieren, war sie die theoretische Grundlage für den Kinofilm Jurassic Park. Tatsächlich ist die PCR die Grundlage für eine völlig neue wissen­schaft­liche Disziplin, die Paläobiologie.“ Darüberhinaus findet die PCR in der Forensik An­wen­dung bei der Herstellung genetischer Fingerabdrücke, DNA-Tests (z.B. auch bei Mordopfern) oder Vaterschaftstests – Fragen also, bei denen es gerade nicht um ver­meh­rungs­fähige DNA-Sequenzen in lebenden Organismen geht.

Wenn im Laufe der Corona-Pandemie behauptet wurde, daß sich das Virus mit exponentieller Geschwindigkeit ausbreite, wurde nicht erwähnt, auf welcher Anzahl von Analysezyklen die Messung des Virus beruhte. In einem Appell vom 21.1.2021 forderte die WHO die Labore auf, die Bedienungs­an­leitungen der PCR-Test-Kits gründlicher zu lesen, das klinische Erscheinungsbild der getesteten Personen in die Interpretation der Ergebnisse ein­zu­be­ziehen, wie es vorgeschrieben ist, und die Schwellen­werte nur in begründeten Einzelfällen manuell zu ändern. Eine zugegeben recht skurrile Forderung der WHO.

Wird der PCR-Test als diagnostisches Hilfsmittel in der Infektionsmedizin lediglich dichotom („positiv“ vs. „negativ“) ausgewertet, hat er wegen seiner über­steuer­baren Sensitivität ein Vali­di­täts­problem: Er mißt keine Infektion, sondern das Vor­han­den­sein von Target-Partikeln, unabhängig von der Frage, ob diese ein vermehrungsfähiges Virus darstellen. „However, RT-PCR does not distinguish between infectious and non-infectious virus“, resümierten Singanayagam et al. (2020) in ihrer Studie zur Dauer der Nachweisbarkeit von Coronaviren im PCR-Test. Die Autoren konnten bei Mehrfachtestungen in einer Zeitspanne über 20 Tage bei 425 Patienten mit klinischer Symptomatik und positivem PCR-Ergebnis zeigen, daß der Ct-Wert im Laufe der Zeit zunahm, d.h. sich die Viruslast verringerte. Nur aus 10% der Proben, die bei einem Ct-Wert über 35 positiv wurden, ließen sich vermehrungsfähige Viren anzüchten. Zu einem ähnlichen Resultat gelangte eine Forscher­gruppe von der Chung-Ang Universitätsklinik in Seoul (Südkorea), veröffentlicht am 27. Januar 2021 im New England Journal of Medicine: „Vom ersten Auftreten der Symptome ließen sich im Median sieben Tage  lang (95 %-Konfidenzintervall [KI], 5 bis 10) vermehrungsfähige Viren­kulturen be­obachten, in der RT-PCR waren sie dagegen 34 Tage nachweisbar (untere Grenze des 95-%-KI, 24 Tage). Die längste lebende Viruskultur war zwölf Tage nach Symptombeginn festzustellen (bei Patient 6). Nach Abklingen des Fiebers wurden lebensfähige Viren noch bis zu drei Tagen identifiziert (bei Patient 14). Die Virenkulturen waren nur in Proben mit einem Zyklus-Schwellenwert von 28.4 oder weniger positiv … Unsere Ergebnisse können bei der Festlegung von Isolationszeiten für Patienten mit Covid-19 und bei der Abschätzung des Risikos einer sekundären Übertragung bei engen Kontakten im Rahmen der Vertragsverfolgung hilfreich sein. Angesichts der kleinen Stichprobengröße, des inkonsistenten Zeitpunkts der Probenentnahme und der relativ milden Erkrankung der teilnehmenden Patienten sollten unsere Er­gebnisse in größeren und vielfältigeren Patientengruppen verifiziert werden.“ (Kim et al., 2021)

Für die Berücksichtigung hoher Zyklenwerte spricht, daß damit eine Infektion einer­seits bereits im Frühstadium und andererseits auch noch im Spätstadium, wenn das Virus bereits vom Rachen in die Lunge gewandert ist, erkannt werden kann. Tatsächlich ist die Viruslast bei Covid-Patienten etwa vom zweiten Tag vor dem Sichtbarwerden von klinischen Symptomen bis zum fünften Tag nach dem ersten Auftreten von Symptomen am höchsten. So argumentierte die amerikanische F.D.A. (Food and Drug Ad­mini­stration) im Sommer 2020 für die Beibehaltung der hohen Ct-Schwellenwerte.

Dem ist entgegenzuhalten, daß auf diese Weise eine erhebliche An­zahl falsch-positiver Test­er­geb­nisse in Kauf genommen wird: Es werden Menschen als „infektuös“ stig­matisiert, die es in Wirklichkeit nicht sind. Die Steiermärkische Kranken­anstalten­gesellschaft stellte daher im Oktober 2020 unmißverständlich fest: „Da mittels PCR nur die virale RNA und nicht das gesamte, intakte Virus detektiert wird, ist ein SARS-Cov2-RNA-Nachweis nicht automatisch gleichzusetzen mit Infektuosität oder An­steckungsfähigkeit des Patienten.“

Dabei lassen sich falsch-positive Befunde mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen, wenn man Personen mit einem positiven Ergebnis bei hohem Ct nach einigen Stunden noch einmal testet – tragen sie tatsächlich ein lebensfähiges Virus in sich, dann würde es sich innerhalb dieser Zeit stark vermehren und bereits nach etwa 10 bis 15 Zyklen sichtbar werden. So empfiehlt die Steier­märkische Krankenanstaltengesellschaft die Entlassung aus der Absonderung, wenn im Abstand von mindestens 48 Stunden zweimal nur ein Ct-Wert > 30 zustande kam. Die fehlende Standardisierung der PCR-Tests insbesondere hinsichtlich des Ct-Wertes führte Michael Mina et al. (2021) in der renommierten Lancet zu der Einschätzung: „Für Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit ist ein anderer Ansatz erforderlich. Tests, die helfen sollen, die Ausbreitung von SARS-CoV-2 zu ver­lang­samen, fragen nicht, ob jemand RNA von einer früheren Infektion in der Nase hat, sondern ob er heute infektiös ist. Es ist ein Verlust für die Gesundheit, das soziale und wirtschaftliche Wohl­ergehen von Gemeinschaften, wenn postinfektiöse Personen positiv getestet und für 10 Tage isoliert werden. Unserer Ansicht nach ist der aktuelle PCR-Test daher nicht der geeignete Gold­standard eines SARS-CoV-2-Tests für die öffentliche Gesundheit.“ (Dt. VK)

Eine akute Dringlichkeit hat im ersten Schritt die Verpflichtung der Labore, den Ct-Wert – auch wenn er nicht exakt vergleichbar ist und bei mehreren angewandten Testkits verwirrend erscheinen sollte – an die Gesundheitsbehörden zu melden. Solange die Ct-Werte unbekannt sind, können sie für die Entscheidungsfindung nicht berücksichtigt werden. Völlig unverständlich ist zudem, daß das RKI seiner eigenen Empfehlung nicht nachkommt und nur Positivbefunde bei einem Ct-Wert unter 30 in die Coranastatistik aufnimmt. Bei allen methodischen Unsicherheiten würde die Validität der seit März 2020 angehäuften Zahlen erheblich wachsen. Bislang ist die wahre Ver­brei­tung des Virus in Deutschland unbekannt. Ein Skandal angesichts der fortgesetzten Suspendierung fast aller Grundrechte! Erst im Oktober startete das RKI in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) eine repräsentative Prä­va­lenzstudie, die Coronabefunde aus PCR-, Antigen- und Antikörpertests mit sozioökonomischen Daten von ca. 34.000 Erwachsenen verknüpfen soll.

In Österreich dagegen wurden bereits Ende April, Ende Mai und Mitte November 2020 Baseline­studien zu der von COVID-19 betroffenen Bevölkerung von Statistik Austria im Auftrag des Wissen­schaftsministeriums und in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Roten Kreuz sowie der Medizinischen Universität Wien durchgeführt. Dabei ergab die Hochrechnung, daß Ende April etwa 0.15% der Bevölkerung infiziert war. Ende Mai lag die Zahl der Infizierten bereits unterhalb der statistischen Nachweisgrenze. Von 1.279 verwertbaren PCR-Proben wurde keine einzige positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Im November 2020 wurden zusätzlich Blutproben entnommen, um Antikörper festzustellen. 3.1% der öster­reichischen Bevölkerung wiesen einen aktuell positiven PCR-Test auf, bei 4.7% waren Antikörper nachweisbar. Be­mer­kens­wert ist, daß 61% dieser Fälle den Gesundheitsbehörden bisher nicht bekannt waren, also der Dunkelziffer zu­zu­rechnen sind. Im Gesamtergebnis zeigt sich, daß bei einer derart geringen Ver­brei­tung des Coronavirus von einem erheblichen Prävalenzfehler, d.h. einer hohen Zahl falsch-positiver Befunde bei der Ersttestung, auszugehen ist.

Die fehlende Standardisierung der Testkits, Schwellenwerte, Laborroutinen und nicht zuletzt der sogenannten „Teststrategien“ in den einzelnen Ländern entzieht der internationalen Ver­gleich­barkeit der Coronadaten die Grundlage. Tabellen, Säulen­diagramme, Farbkarten etc., in denen ver­schiedene Regionen miteinander ver­glichen werden – wie es in den Nachrichtensendungen seit 2020 gang und gäbe ist, sind wissenschaftlich unredlich. In einem ZDF-Interview vom 23. No­vem­ber 2020 bezeichnete der renommierte Infektionsmediziner Wolfgang Schrappe die bisher er­ho­be­nen Co­rona­zahlen als wertlos: „Die täglich erhobenen Infektionszahlen sind vom Nebel nicht weit entfernt. Wir testen 1.5 Millionen Leute in der Woche und haben meinetwegen 120 000 Test-Positive, aber wenn man 2.5 Millionen Leute testen würde, wie viele hätten wir dann? Das hat keine Basis. Die Zahlen sind – also wir drücken uns mittlerweile relativ deutlich aus – das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben ist. Und schon gar nicht können Sie damit Politik steuern. Diese Zahlen werden erhoben und dann auf die gesamte Bevölkerung umgerechnet, ohne einzuberechnen, wie viele in der Gesamtbevölkerung denn noch zusätzlich vielleicht infiziert sind. Diese Zahlen sind nichts wert.“ Sie eignen sich weder zur individual­diag­no­stischen Abklärung, wie infektuös die einzelne „po­s­itiv getestete“ Person ist, noch zur ge­sund­heitspolitischen Steuerung der Pandemie­be­kämpfung: Die als „positiv“ interpretierten Ergebnisse der in Wirklichkeit falsch-positiv getesteten Personen belasten die Gesundheitsämter und erschweren oder verhindern die Kon­takt­nach­ver­folgung der wirklich infektuösen Personen. Zudem werden massenhaft Menschen mit falsch-positivem Ergebnis zu Unrecht in Quarantäne geschickt.

Die Orientierung an invaliden Testergebnissen wirft damit grundlegende rechtliche Fragen auf.  Nicht nur die massenhaft von den Gesundheitsämtern verhängten Einzelfallmaßnahmen entbehren einer nachvollziehbaren Grundlage, sondern auch die landesweiten Corona-Schutzverordnungen. „We’ve been using one type of data for everything, and that is just plus oder minus – that’s all. We’re using that for clinical diagnostics, for public health, for policy decision-making.“ (Michael Mina, Harvard T.H. Chan School of Public Health, in NYT from 30.8.20)

Es verwundert daher kaum, daß die Resultate der bisherigen nicht-standardisierten, invaliden und nicht-repräsentativen, mehrfach ad hoc geänderten, dafür aber massenhaften und daher auch mit gravierenden Meßfehlern behaftete Corona-„Teststrategie“ widersprüchlich, ja bizarr anmuten. Offenbar lassen sie auch die politischen Entscheider zunehmend in Hilflosigkeit er­star­ren. Mög­licher­weise fällt ihnen die Widersprüchlichkeit nicht auf, wenn sie nur in 7-Tage-Inzidenzen und Legislaturperioden den­ken. Nach einer alten chinesischen Weisheit ist es nutzlos, mit einer Eintagsfliege über den mor­gigen Tag zu reden. Die Beschränkung der Zahlen auf wenige Tage, wie sie in den Hauptnachrichten praktiziert wird, trägt zur Verwirrung der Wahr­nehmung des Geschehens bei, stumpft ab und schürt diffuse Ängste. Dazu ein Beispiel: In der folgenden Abbildung sind sowohl der prozentuale Anteil der positiven Testergebnisse an der Zahl der durchgeführten Tests als auch der prozentuale Anteil der ITS-Patienten mit Covid-Diagnose an den aktuell positiv getesteten Fällen für das Jahr 2020 zu sehen:

Abbildung 2: Anteil  der schweren Fälle (intensivpflichtige Covidpatienten) an den aktiven Fällen und jeweilige  Positivquote in Deutschland  in % (jeweils in der letzten Woche des Monats, Quellen: RKI Lagebericht, DIVI-Register)

Während der „Coronawelle“ im Frühjahr 2020 verliefen beide Kurven mit einer gewissen zeit­lichen Verschiebung annähernd parallel. Es wurden überwiegend Personen mit Erkäl­tungs­symptomen getestet und die Zahl der Tests bewegte sich noch in einem vergleichsweise über­schaubaren Rahmen – beide Faktoren trugen zur Minderung der Zahl der falsch-positiven Be­funde bei. Tat­säch­lich erreichte der Anteil der schweren Covidverläufe an den aktiven Fällen mit etwa 9% bereits im Mai 2020 das Jahreshoch. Die Verzögerung gegenüber der Positivquote ist durch die Inkubationszeit erklärbar. Zum Sommer hin nahm die Positivquote extrem ab und sank zeitweise unter ein Prozent. In gleichem Maße ver­ringerte sich auch der Anteil der ITS-Patienten an den aktiven Fällen. Ab Mitte September jedoch wuchs die Positivquote plötzlich und scheinbar unerwartet steil an. Der Grund dafür läßt sich in der Aus­weitung der Testungen auf Personen ohne jede klinische Symptomatik erkennen: Ur­laubs­rückkehrer, Familien auf dem Weg in die Herbstferien und andere Reisende, die anlaß­los per Dekret zu Testungen genötigt wurden. Während der rasante Anstieg der Positivquote die Hauptnachrichten beherrschte, verharrte der Anteil der schweren Verläufe an den aktiven Fällen vollkommen unbemerkt auf sehr niedrigem Niveau. Wie läßt sich das Auseinanderdriften von schweren Covid-Verläufen und Positivbefunden erklären? Vermutlich handelte es sich bei einer erheblichen Zahl der positiven Testergebnisse in der so­ge­nannten „zweiten Welle“ um falsch-po­sitive Befunde, d.h. um Personen, die ohne An­laß­symp­tomatik getestet wurden und einen Positiv­befund bei hohem Ct-Wert erzielten. Indem seit November 2020 positive Befunde von Schnelltests mit einem PCR-Labortest nachgetestet werden, kann die Positivquote künstlich gesteigert werden: Da die Zahl der Schnelltests mit negativem Befund gar nicht erfaßt wird, erfolgt nach dem Satz von Bayes zur bedingten Wahrscheinlichkeit eine künstliche Übergewichtung der Positivbefunde. Dies gilt insbesondere für anlaßlose Massentests, bei denen die Gesamt­bevölkerung getestet wird, aber nur die Positivbefunde gezählt werden. Auf diese Weise können weitere „Corona-Wellen“ beinahe nach Belieben artifiziell erzeugt werden.

Die Verzerrung der Coronatestungen durch Falsch-Positive zieht gravierende Folgen für den Schutz der öffentlichen Gesundheit nach sich: Die beschränkten Ressourcen der Gesundheitsämter werden sinnfrei für zahl­reiche Menschen ein­gesetzt, von denen in Wirklichkeit keine In­fek­tionsgefahr ausgeht, während die Ressourcen für die Gruppe der eigentlich gefährdeten Personen nicht mehr aus­reichen – das System der Kontakt­nach­verfolgung ist kollabiert.

Indem der hypersensitive PCR-Test nur im Format „positiv“ oder „negativ“ verwertet wird, entsteht ein Schwarzweiß-Bild der Pandemie, in dem die tatsächlichen Konturen zunehmend ins Dunkel tauchen. Es nährt den Boden für die scheinbar einzige Erlösungshoffung: die un­aus­ge­go­rene Impfung. Das Bild würde sich  spürbar aufhellen, wenn die Gesundheitsämter flächendeckend an­fan­gen, die Vorgabe des RKI umzusetzen, und von den Laboren verlangen, daß ihnen be­helfs­weise (so­lange keine Standardisierung existiert) auch der Ct-Wert mitgeteilt wird, um  falsche Positivbefunde auszuschließen. Dies bedeutet nicht, daß im Einzelfall auch Personen, deren PCR-Test einen hohen Ct-Wert aufweist und damit eine geringe Viruslast nahelegt, einen schweren Krankeheitsverlauf entwickeln können – klinische Diagnose und gesundheitspolitische, epidemiologische Erhebung sind eben nicht dasselbe.

Die systematische Erfassung der Ct-Werte „asymptomatischer Fälle“ ermöglicht es zudem, den Schwellen­wert für Falschpositivbefunde sowie das dazu­gehörende Konfidenzintervall empirisch zu bestimmen. Damit würde sich die Spreu vom Weizen trennen. Es würde eine zur Gesundung der Lage betragende Gewichtung resultieren, die zum Realismus in der Einschätzung des Pan­de­miegeschehens zurückführt, den Fokus wieder auf die eigentlich Ge­fähr­deten richtet und die Gesellschaft von Wahrnehmungsverzerrungen und der Fixierung auf artifizielle Zahlen befreit. Indem die Gesundheitsämter von den wahrscheinlich falsch-positiven Fällen entlastet werden, können sie ihrer eigentlichen Bestimmung wieder gerecht werden und dazu beitragen, daß einer­seits gefährdete Menschen seltener mit Covid angesteckt und intensiv­pflichtig werden, und andererseits gesunde Menschen unbehelligt bleiben.

Zu erwähnen ist, daß die absolute Zahl der mit Corona diagnostizierten ITS-Patienten im Herbst 2020 zunahm, wie wir in Abbildung 1 gesehen haben, während sich die Zahl der ITS-Patienten insgesamt nicht änderte. Offenbar war Covid in den meisten Fällen nicht der alleinige Anlaß für die ITS-Einweisung. Die Belegung der Intensivstationen ist ein Fließgleichgewicht: Die wenigsten Patienten verweilen lange, die meisten gehen nach einigen Tagen wieder. Ca. 25-30% sterben, andere werden in die Reha verlegt und sterben dort. Manche kehren nach Hause zurück. Das ist der Lauf des Lebens und Sterbens in hochindustrialisierten Ländern, in denen viele Menschen die Augen vor der Endlichkeit des Daseins verschließen. Darum geht es im dritten Teil dieses Essays.

… und die Zeitung druckt weiter

Zwischentexte

1. Ansgar

Damals hatten sie den Fußboden aufgestemmt. Das muss um 1980 gewesen sein. Albert war noch im Vorstand bei Hugo Boss beschäftigt, Viola betrieb einen Kosmetiksalon, ich weiß, das ist ein altes Klischee, der Mann aber, Albert, war nicht in einer typisch männlichen Branche beschäftigt, er war gelernter Schneider und hatte sich hochgearbeitet … aber davon wollen wir jetzt nicht reden. Das Haus, stark sanierungsbedürftig bereits in den 1960er Jahren, musste nun kernsaniert werden. Und dabei stemmten sie den Fußboden auf. Albert schwitzte. Aber nicht wegen der harten Arbeit, die andere leisteten. Er schwitze, weil er wusste, dass früher mit Zeitungen gedämmt wurde, Zeitungen, die sicher noch lesbar waren, und eventuell Material zu tage beförderten, das ihm ermöglichte, sich erneut mit Violas Vergangenheit, der Vergangenheit seiner Stiefkinder beschäftigen zu können. Was er zu Tage förderte, war zunächst jämmerlich.

Da war zum Beispiel ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1907. Der alte Stadtanzeiger, auch damals schon mehr ein Werbeblättchen als eine seröse Quelle von Informationen, aber aus diesem Grunde mehr geliebt als andere Zeitungslektüre.

Der Stadtanzeiger war stark verblasst. Die Rezension, die dort zu lesen war, verheerend, etwas, das den Leumund ernst zu nehmender Menschen gründlich zu verderben im Stande war. Direkt unter der Lampenaufhängung, in der Mitte des Zimmers, des damals großen Wohnzimmers, des Salons, war dieses Blättchen nebst wirklich seriöser Lektüre zur Verhinderung von Nervenschäden einbettoniert worden. Und es war noch lesbar, lesbar gemacht worden offenbar, für die Nachwelt erhalten, Albert war sich sicher, dass dahinter Absicht steckte, 1980 sprach man noch nicht von Aluhüten, aber Viola hätte ihm damals sicher einen verpasst, die Stiefkinder waren noch zu klein, um etwas davon zu verstehen, aber Talente kapieren so etwas schnell.

Das dröhnende Lachen, das Werfen mit Gegenständen kann unter solchen Umständen nur als skandalös bewertet werden. Innerhalb eines Jahres hatte Ansgar über zwanzig Kilo zugenommen. Hatte er einst seinen Vater davon überzeugen können, dass es sich bei seinen Schauspielversuchen um Marotten handelte, so war er jetzt ernsthaft dabei, seine Karriere zu ruinieren. Er hatte sein Publikum mit Gesten schockiert, die selbst seine überdrehte Schwester nicht gutheißen konnte.

Und die Rezension im Tageblättchen lautete ungefähr so:

Der ungelernte Schauspieler Ansgar B. hat sich im neuen Stück, das er selbst geschrieben und auf die Bühne gebracht hatte, um Kopf und Kragen gespielt – ja, lächerlich, Kragen – welchen Kragen, welche Kleidung überhaupt, und der Kopf, der Kopf, sein Kopf war zu diesem Zeitpunkt anscheinend nur noch eine leere Porzellanschale, aus echtem Porzellan, aber leer.

Man verzeihe den Provinzschreibern ihre grauenhafte Handschrift. Niemand fragte sich, ob sie denn einen eigenen Stil hatten.

Schnee ft. “ _ * _ „

Endlich! wird der Vers
_ _ _ zum Besitzer seines
Impulses, hat sich
* * *  ein * * * zerfetztes
Segel über die _ Erde _ gelegt

lesung online

ich spreche gedichte ein
verse in stummschaltung
spiele ich bilder ein wie lebendig
spricht der himmel mit den kranichen im flug

Die übersehene Konstante

Wer den täglich erscheinenden Lagebericht des Robert-Koch-Instituts liest und auf der ersten Seite, genauer: in der zusammenfassenden Übersicht zu Beginn der ersten Seite, kleben bleibt, der kann angesichts der wachsenden („dynamischen“) Zahlen von Infizierten, Intensivpatienten und Ver­stor­benen im Zusammenhang mit Covid-19 nur in Besorgnis geraten. Diese Zahlen werden täglich im Halbstundentakt berichtet, als gäbe es keine anderen Probleme auf unserem Planeten. Wer dem durch häufige Wiederholung abstumpfenden Zahlenjournalismus noch Aufmerksamkeit schenkt, kann nur resignieren oder in helle Panik geraten. Vermutlich gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Studie zu den sozial-emotionalen Beeinträchtigungen, die von der Berichterstattung in Zu­sam­menhang mit Corona hervorgerufen werden. Tatsächlich wiegen die kulturellen und wirt­schaft­lichen Folgen, die von der phantasielosen Fortsetzung des „Lockdown“ ausgehen, schwerer als die psychologischen Kollateralschäden. Er geht auf Kosten der Kinder sowie überhaupt fast aller Menschen, die jünger als 60 Jahre sind, erhöht das Armutsrisiko und spaltet die Gesell­schaft.

Zu befürchten ist, daß sich nicht nur die Mehrzahl der unkritisch gewordenen Journalist*innen, sondern auch der entscheidenden Politiker*innen, vor allem auf Landesebene, von den Zahlen­spielen auf Seite eins des RKI-Lageberichts beeindrucken läßt und schlicht aufhört weiterzulesen. Denn würden die Entscheidungsträger*innen und die Berichterstatter*innen den Lagebericht bis Seite acht studieren, genauer: den Abschnitt „DIVI-Intensivregister“, dann würden sie ein anderes Lagebild gewinnen. Das Register wird seit April 2020 vom RKI gemeinsam mit der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) geführt und ist auf www.intensivregister.de für jede Leser*in zugänglich. Es dokumentiert die in Deutschland vorgehaltene Kapazität an ITS-Plätzen und gibt Ärzt*innen Einblick, wo freie Kapazitäten zu finden sind.

Der Übersichtlichkeit halber beschränke ich mich in der folgenden Darstellung auf einen wohldefinierten Stichtag pro Monat, genauer: auf jeweils den letzten Mittwoch des Monats bzw. den ersten Mittwoch des Folgemonats, wenn er näher am Ende des Vormonats liegt. (Der Mittwoch wurde gewählt, weil der Lagebericht an diesem Tag die validesten Daten und darüber hinaus die Ergebnisse der Laborumfrage enthält.) Anfangs haben sich noch nicht alle Kliniken am DIVI-Verbund beteiligt, daher können die Angaben vom März nicht interpretiert werden. Trägt man die Angaben zur Auslastung der deut­schen Intensivmedizin für das Jahr 2020 auf diese Weise zusammen, ergibt sich ein ver­blüf­fendes Bild:

Abbildung 1: ITS-Kapazität, Auslastung und Anteil der Covid-Patienten in Deutschland (Stichtag: letzter Mittwoch des Monats bzw. erster Mittwoch des Folgemonats, Quellen: RKI-Lageberichte, DIVI-Register)

Die gestrichelte schwarze Linie stellt die Zahl der zur Verfügung stehenden ITS-Plätze in Deutsch­land dar. Während des ersten Lockdown im Frühjahr wurden zusätzliche Kapazitäten geschaffen. Im Juli/August, als die Positivquote dramatisch gesunken war, wurde begonnen, die Zahl der ITS-Bet­ten zu reduzieren. Erstaunlicherweise hält der Rückbau der ITS-Kapazitäten bis zum Jahresende an und wurde über den Jahreswechsel 2020/21 nur auf vergleichweise niedrigem Niveau stabilisiert, obwohl die Positiv­quote von Oktober bis Dezember beträchtlich anstieg und mit dem „dynamischen Infektions­ge­sche­hen“ der zweite Lockdown im November 2020 sowie dessen Verlängerung bis Ende Januar 2021 „begründet“ wurde. Welche Politiker*in hat den Rückbau der ITS-Kapazitäten in Deutsch­land der Bevölkerung jemals erklärt? Welchen Motiven folgt er? Könnte nicht im Gegenteil ein Ausbau der In­tensivmedizin – wie im Frühjahr 2020 – einem befürchteten Kollaps des Gesund­heitssystems vor­beugen? Vermutlich sind diese Fragen naiv gestellt. Es geht ja nicht um die Zahl der Intensivbetten, an denen gibt es keinen Mangel, sondern um die Zahl des Personals, das für die Intensivmedizin ausgebildet ist: Intensivärzt*innen und Intensivpfleger*innen fehlen und sind nicht auf dem Bestell­weg zu beschaffen…

Die langweilig anmutende, blaue Linie in Abbildung 1 offenbart eine deutlich tiefergehende Er­kenntnis: Sie zeigt, daß die Gesamtauslastung der deutschen Intensivmedizin von April an geradezu kon­stant ist. Die Tragweite dieses Befundes muß man erst einmal verdauen! Ich hätte mit einer jahreszeitlichen Schwankung gerechnet, etwa einer höheren Auslastung im Herbst und Winter – ein konstanter Verlauf ist überraschend. Er bedeutet zum einen in der Konsequenz, daß der Anteil der mit Covid in Zusammenhang gebrachten Patienten keinerlei Einfluß auf die Gesamtbelegung der ITS hatte. Weder hat der Rückgang der Corona-Positivquote im Sommer zur Entlastung der ITS bei­getragen, noch hat der „dynamische“ Anstieg der In­fi­zierten­zahlen, der im November und De­zember 2020 sowie Januar 2021 berichtet wurde, zu einer höheren Aus­lastung der Intensivstationen insgesamt geführt. Daß die Auslastung der ITS seit Beginn der Er­hebungen im April 2020 in keinem Zusammenhang mit Covid steht, weder positiv noch negativ, ist die bemerkenswerteste Erkenntnis der aufmerksamen Lektüre des RKI-Lageberichts. Sie bedeutet zum anderen, daß auch sämtliche nicht­pharma­ko­lo­gischen Maßnahmen der Pandemiebekämpfung, die seit April ergriffen wurden, keinerlei Einfluß auf die ITS-Auslastung hatten: Weder die schrittweise Aufhebung des ersten Lockdown im Mai/Juni, teilweise Schulöffnungen, Kohortenunterricht, Schulschließungen und die Schließung der Kultur­einrichtungen im Dezember noch die Verhängung des zweiten Lockdown – weder eine ent­lastende noch eine überlastende Inanspruchnahme der Intensivmedizin im Ganzen ist erkennbar.

Die Erhöhung des Anteils der Covid-Patienten auf den Intensivstationen im Herbst 2020 ist offenbar auf eine Zusatz­diagnose mit Covid bei Patienten, die ohnehin intensivpflichtig sind, zurückzuführen. Vorausgesetzt, daß Intensiv­ein­weisungen nicht wählbar sind, „elektiv“ wie es so schön im medizinischen Jargon heißt. Oder wurde bereits anderen Patienten zugunsten von Covid-Erkrankten die Intensivbehandlung verwehrt? Diese Folgerung wird durch die hinlänglich bekannten Befunde von Klaus Püschel bestätigt, der als erster im Frühjahr 2020 begonnen hatte, sogenannte „Corona-Tote“ zu obduzieren, und durchweg eine Reihe tödlicher Vorerkrankungen bei den Ver­storbenen neben dem Leiden an Covid feststellte.

Auf der ersten Seite des RKI-Lageberichts wird die Zahl der intensivpflichtigen Corona-In­fizier­ten als bezugslos herausgegriffene Zahl präsentiert, so daß ihr Kontext im Rahmen der gesund­heits­politischen Kennzahlen der Intensivmedizin aus dem Blick gerät. Es entsteht der Eindruck einer rasanten Steigerung der ITS-Auslastung durch Covid-Patienten. In Wirklichkeit handelt es sich um Patienten, die auch an Covid leiden, darüber hinaus jedoch in der Regel weitere intensivpflichtige Er­krankungen aufweisen. Die Art der selektiven Berichterstattung ist geeignet, Furcht und Panik zu erregen.

Tatsächlich beängstigend ist dagegen die anhaltende Verknappung der ITS-Kapazität – mitten in einer Pandemie ein Unding für eine ver­ant­wortungsbewußte Regierung! Von März an reichte die in Deutschland insgesamt vorgehaltene Reserve an freier ITS-Kapazität für die Zahl der mit Covid diagnostizierten Patienten aus. Dies bedeutet, daß gelegentliche lokale Engpässe vom DIVI-Verbund auf­gefangen werden können. So wird es auch in den sogenannten „Hotspot“-Regionen Sachsens seit Herbst 2020 praktiziert. Die Verknappung der ITS-Kapazitäten von Juli bis Ende Dezember um 6500 Plätze schmälert die Reserve zusehends – es ist bei der hier skizzierten Lage nicht nachvollziehbar, warum die Regierung einen Lock­down nach dem anderen verhängt, zugleich aber dem Rückbau in der Intensivmedizin nicht entgegenwirkt.

Aufwand und Nutzen sind aus den Fugen geraten. Die ma­the­matische Spielerei mit bezugslosen Zahlen, die auch von beraterisch tätigen Wis­sen­schaft­ler*innen an einigen Max-Planck- und Helmholtz-Instituten öffent­lich­keits­wirksam betrieben wird, hat Hochkonjunktur. Vergessen wir nicht, daß ein Modell nichts taugt, wenn ihm die empirische Basis fehlt.

Anti-Ödipus; Oder: Wie ich auf meine Mutter masturbierte und dabei Logos und Eros miteinander versöhnte

Wie vieles in der Pubertät geschah auch das sehr unerwartet. Es war an einem Sonntag. Ich quälte mich gerade mit Mathe, Binomische Formeln. Ich lief durch die Wohnung, verkrampft versuchte ich die binomischen Formeln auswendig zu lernen. Nicht eine Sekunde dachte ich an meinen Schwanz, an Muschis oder an Titten und Ärsche. Wie auch. Zahlen waren für mich das unerotischste, was es gab. Ich fragte mich eher, wie Mathematiker überhaupt einen hoch kriegten. – Und schon gar nicht dachte ich an meine Mutter, weder in diesem noch in anderen Zusammenhängen. Ich dachte einfach nur an die binomischen Formeln, als ich…

– Nein, Stop, das ist zu früh, da komme ich später noch hin. Außerdem wisst Ihr ja auch schon was ich erzählen will. Interessiert es Euch überhaupt noch? Oder wisst Ihr vielleicht genau, was ich meine, und könnt Eure eigene Geschichte erzählen? Ihr? Männer? Ward Ihr schon mal geil auf Eure Mutter? Oder Ihr? Frauen? Ward Ihr schon mal geil auf Euren Vater? Oder Ihr? Mütter?

Ihr lieben Mütter, stellt Euch vor: Ihr steht vor dem Spiegel im Schlafzimmer. Es war ein harter Arbeitstag. Ihr seid müde, seid froh zu Hause zu sein. Euer MakeUp bröckelt, Euer Eyeliner ist verwischt. Ihr wollt loslassen, den Tag beenden, endlich Feierabend machen. Ihr wollt Euch eine Stunde nur um Euch selbst kümmern, Euch baden, Euch entspannen, Euch anfassen, Euch streicheln, Euch cremen und gemütliche Klamotten anziehen. Ihr steht also vor dem Spiegel, Ihr öffnet die Haare, die Bluse, den BH. Dabei schaut Ihr euch an, dabei schaut Ihr euch zu. Eure Bewegungen sind langsam, Ihr beobachtet Euch. Ihr beurteilt Euren Körper. Ihr beugt Euch nach vorn, zieht dabei den Schlüpfer aus und dann. Dann spürt Ihr zwei Augen auf Eurem Arsch kleben. Euch ist zunächst nicht klar, ob es die Augen Eures Mannes oder Eures Sohnes sind. Vielleicht irgendwas dazwischen?

Die Augen Eures Mannes sind ein Kompliment, sind aber auch aufdringlich, geil, fast übergriffig, denn sie beobachten Euch in einem intimen Moment, der dazu bestimmt war, nur Euch allein zu gehören. Diese intimsten Momente sind im Übrigen für den Mann die geilsten Momente. Jedoch hättet Ihr gewusst, dass Euer Mann zuschaut, Ihr hättet Euch anders gegeben, Euch anders bewegt, nie hättet Ihr Euch so betrachtet, wie Ihr Euch seht, sondern wie die Augen Eures Mannes Euch sehen sollen. Das sind übrigens nur die zweitgeilsten Momente.

Die Augen Eures Sohnes sind auch ein Kompliment. Mehr aber auch nicht. Nie würdet Ihr ihm sexuelle Ambitionen unterstellen. In Eurem Körper gewachsen, aus Eurem Körper geschlüpft, von Eurem Körper getrunken, mit Eurem Körper gespielt, auf Eurem Körper geschlafen, denkt Ihr nur an diese heilige reine Einheit, an diese heilige reine Liebe zwischen Mutter und Sohn.

Das seht Ihr vielleicht in den Augen eines Sechsjährigen. Aber was ist mit den Augen eines 14jährigen?

Eines 14jährigen, der das Wichsen in dreijähriger, täglicher, fast stündlicher, anfänglich schmerzlicher Praxis zur Perfektion gebracht hatte. Der geil werden konnte, wann er wollte. Der den Muskel austrainiert hatte und beherrschte. Der bei jeder Gelegenheit abspritzen konnte, nachdem er heldenhaft die Hürden des Anfängertums angenommen und mit Bravur übersprungen hatte. Der bis zu einer Art religiösen Schuldgefühl seinen Pimmel wundgerieben hatte, ihn blutig gewichst hatte, und selbst den verkrusteten Schwanz nicht verschont hatte. Der nie aufgehört hatte, nie aufgegeben hatte mit seinem Schwanz um die Herrschaft ringen. Bis er das Kunststück vollbrachte, während einer Werbepause, als die Eltern in die Küche gingen und Getränke holten, auf den Wohnzimmerteppich zu wichsen, die Wichse zu entfernen und entspannt wieder auf dem Sofa zu liegen, wenn die Eltern zurückkamen, als sei nichts passiert. Nur der Vater bemerkte diesen weich-herben Geruch. Oder war es doch nur der unerfüllte sadistische Wunsch des 14jährigen, irgendwann mal beim Wichsen erwischt zu werden, der dem Vater in die Nase stieg, so dass er schnaufen musste?

Ein echter Profi im Wichsen also, dachte ich an die binomischen Formeln, als ich ins Badezimmer ging. Meine Mutter lag in der Badewanne. Ich hatte meine Mutter tausendmal so gesehen, nein hunderttausendmal. Gefühlte hunderttausendmal, denn realistisch gesehen waren es bis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als 2555-mal. 2555-mal hatte ich ihre großen, runden Brüste auf dem Wasser schwimmen sehen. Und erst mit dem 2556sten mal bekam ich beim Anblick der schwimmenden Brüste meiner Mutter einen Steifen. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich der Herrscher meines Schwanzes gewesen. Ausgerechnet der Anblick meiner Mutter machte mich wieder zu seinem Sklaven, ausgerechnet der Anblick der schwimmenden Titten meiner Mutter. Ich stand in der Tür und starrte auf ihre Titten, meine Augen hatten sich verhakt in diese wabernden tanzenden nassen nuckeligen… Ja, warum sind Titten eigentlich so verdammt geil?

-Meine Mutter streckt den Kopf zurück, ihre Brust wölbt sich hervor und ihre großen, runden Titten schwimmen auf dem Wasser und kleine Wellen züngeln die Brustwarzen hoch. Das Wasser schwappt zurück und für einen kurzen Moment sehe ich ihre Muschi rosa unter ihren schwarzen Schamhaaren hervorscheinen.

Meine Mutter schaut mich an, ich starre auf ihre Titten. Sie sagt etwas, ich höre es nicht. Ich starre auf ihre Titten und ich spüre meinen Schwanz. Ich spüre nur ihn,  denn er ist erwacht. „Geh bitte raus.“ sagt sie. Ich überhöre es, denn ich spüre nur ihn. „Geh bitte raus.“ sagt sie energischer. Und ich kann sie nicht länger ignorieren und schließe die Tür.

Was ich in diesem Moment dachte? Nichts, nichts dachte ich und nichts konnte ich denken. Mein Schwanz war erwacht und ich konnte nichts denken. Ich fand das weder abstrus, noch surreal, noch bedenklich. Das kam erst später. Mein Schwanz war erwacht und ich konnte nichts anderes fühlen als ihn. Mir war es nicht peinlich, ich schämte mich nicht, ich war nicht schockiert. Das kam erst viel später. Mein Schwanz war erwacht und ich konnte nur noch eins tun. Es gab nichts anderes zu tun als das. Nichts war wichtiger, nichts dringlicher, als dass ich in mein Zimmer rannte.

Ich rannte also in mein Zimmer, ich schloss nicht die Tür, ich öffnete nicht meine Hose. Denn nichts war wichtiger, nichts war dringlicher, als dass ich meinen Schwanz in die Hand nahm. Von oben schob ich die Hand in die Hose, ich kniff mir in die Eichel. Ich dachte, nein ich dachte nicht, ich stellte sie mir vor. Die schwimmenden Titten meiner Mutter, die Brustwarzen von kleinen Wellen umzüngelt, die tropfenden Schamhaare. Die nass-triefende Muschi meiner Mutter stellte ich mir vor. Und ich öffnete jetzt doch meine Hose. Mit geballter Faust erhöhte ich den Druck auf meinen Schwanz und spritzte ab. Ich spritzte auf meinen Schreibtisch, auf mein offenes Mathebuch und auf mein offenes Matheheft, auf die Aufgaben für den nächsten Tag. Auf die binomischen Formeln spritzte ich. Ich beschoss sie mit meinem Sperma, verschmierte sie mit meinem Sperma, löste die Gleichungen mit meinem Sperma auf. Schnell schlug ich Buch und Heft zu, als hätte ich meine Aufgaben erledigt. Als wäre alles getan, stemmte ich mich erschöpft mit beiden Armen drauf. Fertig.

+

Gerade gekommen, kam mir zusätzlich zu den binomischen Formeln die wichtigere Gleichung in den Sinn. Zusätzlich zu den binomischen Rechenwegen tat sich mir ein weiterer, breiterer, universellerer Rechenweg auf, wo Mathematik und Poesie miteinander verschmolzen. Wo eine Gleichung ein erotisches Gedicht war. Und wo ein Mathematiker schließlich doch noch einen hoch kriegte. Mir war plötzlich mit zahlenfester und ödipaler Sicherheit klar, dass nur die Mutter in dieser Gleichung die Variable spielen konnte.

seidenstraße virtuell

die minzehändler in ihren cabriolets bringen die einnahmen
eines ganzen jahres ins land des sonnenaufgangs
von karawanserei zu karawanserei bei jeder ein motel
mit minztee und mädchen in safrankleidern
kardamom und weihrauch würzige kräuter
auch opium gegen die schmerzen und für das vergessen
von zeit zu zeit ziehen heilige krieger auf kamelen
durch heilige kriegsgebiete
auf den bergkuppen flakgeschütze luftabwehr
raketen im schatten des halbmonds
unterwegs in den dörferm sprechen die menschen farsi
ein paar mandarin
und eine alte weise sanskrit
die minzehändler lachen trinken
vergnügen sich mit den mädchen
das geld wird weniger
wie das benzin in den tanks der staubigen cabriolets

Tränen trocknen im Sonnenschein feat. „Utopischen Stress“ (U. Hassbecker)

Tränen trocknen im Wind allein

Wenn die Katze kindlich ihren Schwanz jagt
Wenn der Hund seinen Nachbarn schwanzwedelnd

Wenn der Mensch stumm seinen Worten hinterherblickt
Wenn es hinterher nicht schlechter ist als vorher

Wenn gestern und morgen Freunde geworden
Wenn’s Geworden ein dampfendes Einst, bergend

*

Wenn hinter der Mauer die Steine einen Plan

Bier

„Bier ist die totale Einlullung.“

„Was? Wieso denn gerade Bier?“

„Na, Bier hole ich mir, wenn ichs mir gemütlich machen will. So zum Abend. Nach harter Arbeit. Da geh ich dann schnell noch mal in die Kaufhalle, hol mir drei oder vier Flaschen Bier, und dann zieh ich mich in mein Bett zurück und trinke.“

„Und das tut dir gut?“ (Ehrlich gesagt, finde ich Alkohol im Bett die totale Schlamperei. Rotwein? D’accord, meinetwegen. Aber Bier!?)

„Klar!  Klar tut mir das gut. Deshalb mache ich es ja. Bier, das ist Kindheit, das ist Geborgenheit und ich kann wunderbar schlafen. Bier macht selig in der eigenen Welt. Und A. lebte auch in seiner eigenen Welt.“

„Whiskey dagegen macht wach?“

„Wiskey? Habe ich nicht so die Erfahrungen mit. Auf jeden Fall lullt er dich nicht ein.“

Drei Tage vor Weihnachten

Nun rattern die Erntemaschinen drei Tage
Vor Weihnachten übers Feld : grün reckt sich
Das Futter empor für die murrenden
Kühe in offenen Ställen : bald gehört
Der Mammutbaum mit seinen mächtigen
Wurzeln zum „heimischen Gewächs“
Schnee kennen die Kinder
Aus Filmen der hundertjährigen Eltern

Wahlkampf 2021

Zarathustra antwortet Anne W.:

„Deshalb war die Westschule eine Volksverdummungsmaschine.“

[…]

„Und: Bitte entschuldigen Sie meine volkstümliche Ausdrucksweise!“

PENG\

„Sie sehen: das hier ist kein nachträgliches Plädoyer für die sogenannte volkstümliche Bildung, sondern die polytechnische Kritik daran…“

Vater, reloaded

Eingereicht am 15.10.2016 um 09:37

1) Mutter erzählt mir von Vater. Dass er wieder nicht mit ihr redet und dass er jetzt bekloppt wird
2) Vater sagt zu mir, deine Mutter, die kannste vergessen
3) Tante Adelheid ist abwesend, denn zur Verwandtschaft besteht kein Kontakt mehr
4) Das hier ist ein Inselgrundst+ck
= Stoff für einen großen Roman: Eine Generation schreibt sich ein. Und das seit fast 10 Jahren. Also doch kein Leerstand, keine Hohlbirne? Aber der Mirabellenbaum.

Tante Adelheid erschreckt ihren Nachbarn (Relaunch)
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Meine liebe Tochter,

ich glaube, dein Vater, der wird jetzt bekloppt. Und manchmal, wenn ich mir dich so ankucke, denke ich, der Apfel, der fällt auch nicht weit vom Stamm…

Dein Museum : Für die Musen

f. U.R. & R.B.

Hier in F. füttern sie die Ultras mit Politik.
Wasserhäuschen allerorten, eine Frage der Tradition.
Der Arbeiter-Samariter-Bund erhielt eine eigene Schule, sollen
sie sich doch selbst, ohne fremde Hilfe, zugrunde-richten.

Du hattest die gleiche kehlige Schwarte um den Hals wie ich:
„Ouma, sollisch dier die Flasche uf-f’n Nischel hauen?!“
Wir lachten. Ihr fragender Blick – der höchste Punkt,
an dem eine Kindheit festgemacht werden kann.

Du lachtest nicht, als sie die Motoren anließen um halb fünf in der Frühe.
Die weiße Milch war noch schwarz.
Als die Augen der Emigration dir drohend zuwinkten,
drohend? Äugelein? warst du bereits ein Pirat und ich: – Steuermann.

Hast du das Schiff auch gesehen, in Oslo, ..?
Wir kennen uns nicht.
Ich hörte von dir.
Herzwurzelfreund – das ist meine letzte Zeile für dich

*

Neunauge, sei wachsam!
Überall
regt sich: S t r e b e n –
und leider immer
menschliches … o Götter,

Vater mit allen
deinen A f f e k t i o n e n
& Stoffumwandlungen,
Momenten der Erleuchtung
& des wirkenden Äthers –

lasst uns zuteil werden,
was lange schon unser!

** *

Das Wasser der Meere steigt.
Nein!
Es sind nur die Inseln, die untertauchen

&

weil angeblich alles relativ ist –
relativ und verhältnismäßig –
nehmen wir die Endlichkeit unserer Leben ernst.

Angeblich ändert sich nichts.
Angeblich sind wir

*

Und immer die Sanftmut
deren
(Vorsicht, Zuversicht, „freie“

in der Geschichte vom Riesen
in Bewegung

Auf tönernen Füßen steht
die Schrift

Schon der letzte
König der Etrusker
wunderte sich

Schafsfell, Ledergürtel, R i c h t u n g

Atlantisches Glück, ozeanische Trauer (letztes apogramm: „In der Badewanne… ]}

Ich pullerte.
Nein!
Es pullerte mich

Featuring : Josif Brodsky : Wiegenlied

Ich gebar dich in der Wüste
nicht zum Spaß.
Sondern weil im bittenden Gedenken sie
keinen König hat.

In ihr sucht man dich umsonst.
In ihr wälzt
Sich des winters mehr Kälte um, als ihr
Raum selbst.

Manche haben Spielzeug, einen Ball, und
das Haus ist hoch.
Du hast für die Kinderspiele allen Sand
– dieses ganze Loch.

Gewöhn‘ dich, Söhnchen, an die Wüste
wie ans Los.
Wo auch immer es dich hintreibt, Gott
ist groß.

Ich ernährte mit der Brust dich,
aber sie
lehrte dich den Blick voll Leere,
ganz wie sie.

Für jenen Stern – dessen Abstand
schrecklich ist – wird in ihm
deiner klaren Stirn Leuchten
einmal deutlich sein.

Gewöhn‘ dich, Söhnchen, an die Wüste,
unterm Tritt
hast du ihre Bruchstücke, keine andere Gewissheit
bringst du je mit.

In ihr liegt vorm Blick offen das Los.
Alles Holz
in ihr zeigt dir leicht deinen Berg,
sein Kreuz.

In ihr sind die Pfade menschlich nicht,
erst einst!
wenn die Menschen weg sind, findet Raum
Zeit.

Gewöhn‘ dich, Söhnchen, an die Wüste,
wie die Prise Salz
an den Wind, fühlend, dass du mehr bist
als Staub & kalt.

Lern‘ zu leben mit diesem Geheimnis:
sein Gefühl
wird dir nützen, einmal, in des Herzens
Leere & Gewühl.

Sie ist schlimmer nicht als beide:
länger, schmaler nur,
und die Liebe zu dir ist ihr Stigma, Zeichen für
deines Sandes Uhr.

Gewöhn‘ dich an die Wüste, Lieber,
an den Stern,
der in ihr sein Licht mit solcher
Kraft vergießt,

als entzündet‘ er die Lampe, sich zu später Stund‘ an
den Sohn erinnernd, jenen, der in ihr –
in der Wüste länger schon ist
als wir.

Dezember 1992

Und auf dem Grabstein soll man lesen

Und auf dem Grabstein soll man lesen: er kämpfte gegen den Schwein-Schein/die Art// die Grammatik und riss seine/ihre Schwere von sich herunter. Er sah keinen Unterschied zwischen der menschlichen Art und den Arten aller Lebewesen und stand für die Verbreitung des Gebots & seiner Maxime „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Er nannte die unteilbaren nützlichen Lebewesen seine Nächsten und verwies auf den Nutzen der Nutzung aller Lebenserfahrung älterer Arten. Tiens! so nahm er an, entspricht dem Segen der menschlichen Gattung die Einführung einer Art R{a/o]boter, eines Raub-Otters nach der Art der Arbeitsbienen im Bienenstock, und nicht nur einmal erklärte er, /…// in der Idee der Arbeitsbiene/des nektarsaugenden Kollektivwesens// des [zukunftsweisenden} Arbeitstanzes sein persönliches Ideal sieht. Er erhob das Banner der galiläischen/galileischen Liebe und hob es hoch hinauf; und der Schatten dieser Liebe fiel auf viele nützliche Arten von Lebewesen. Das Herz, den Leib des modernen Durchbruchs/Aufbruchs// {Quanten-]Sprungs der menschlichen Gemeinschaften vorwärts, sah er nicht im Fürst-Menschen, sondern im Fürst-Gewebe – dem nutzbringenden Klumpen/[Schnee-}Ball// Kloß, der in die datenverarbeitende/Nachrichten verteilende Schädelkiste eingeschlossen ist. Durchdringend träumte ihm, Prophet und Großdolmetscher des Fürst-Gewebes und nur dieses zu sein. Indem er durchdríngend seinen Willen erriet/voraussagte// in Hypothesenform zur Geltung brachte, träumte er in einsamem Durchbruch/Aufbruch// {…} seiner Knochen, seines Fleisches, seines Bluts von der Verkleinerung des Verhältnisses Epsilon zu Rho, worin Epsilon die Masse des Fürst-Gewebes und Rho die Masse des Tod-Gewebes, bezüglich seiner selbst sei.
(…)
24.11.1904