Der Drache
(Celansche Übersetzung ohne Titel)
[Wahrscheinlich als Markierung des schlechten Gewissens dem Originaltextautor gegenüber]
{=riskante Lesart, zu falsifizieren}
Ist der Reim „plot‘ – Gospod'“ übersetzbar?
Der Drache
(Celansche Übersetzung ohne Titel)
[Wahrscheinlich als Markierung des schlechten Gewissens dem Originaltextautor gegenüber]
{=riskante Lesart, zu falsifizieren}
Ist der Reim „plot‘ – Gospod'“ übersetzbar?
An meiner Garderobe hängen medizinische Masken
Masken mir zu dienen, zertifiziert nach DIN
Mitfühlend fühle ich
Die gedehnten Gummibänder, andeutend
Wie anstrengend es ist, zu herrschen.
Noch war der Kapitalismus nicht verloren. Zwar häuften sich die Stimmen, die behaupteten, das alte Gegensatzpaar – Sozialismus und Kapitalismus – sei gebrechlich geworden, habe ausgedient. Doch hinter den Kulissen bewegte sich etwas. „Vorhang auf“, rief die Große Vorsitzende, „ihr habt mich bereits abgeschrieben, doch ihr kennt meine Blaupause nicht. Im Westen geboren, bin ich ein Kind des Ostens – dort habe ich siegen gelernt. Ein langer Marsch mit verheerenden Verlusten kann die Gegner vergessen machen, daß es mich überhaupt noch gibt. Ihr wißt, daß ich lieber im Hintergrund die Strippen ziehe. Die Schauspielerkunst ist mein Handwerk nicht. Im Gegenteil, laßt mich still die Zahlen studieren und ich sage euch die Zukunft voraus. Eine Wahrsagerin bin ich, ausgestattet mit allen prophetischen Fähigkeiten, die von der Wissenschaft für regelrechte Prognosen bereitgestellt werden. Folgt mir, ich zeige euch den Weg. Den Weg durchs Dunkel, durch den Sozialismus hindurch zu einer höheren und vollkommeneren Stufe des Kapitalismus. Eines Kapitalismus, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat!“
Die Große Vorsitzende hielt bedeutungsschwanger inne und blickte sich um. Aus Gesundheitsgründen hatte sie nur eine Handvoll Vertraute um sich geschart, die erwartungsgemäß nickten. Sie wußte, daß das Volk in seine Endgeräte glotzte und ihren Worten lauschte.
„Ihr seht“, fuhr sie fort, „daß in den Verschwörerstaaten eine unzureichende Wahrsagepraxis vorherrscht. Manche behaupten, daß es auf der Welt gar kein Gesundheitsproblem gebe. Ich werde euch beweisen, daß es möglich ist, auf der Gesundheitswelle reitend, die Gesellschaft auf eine höhere Stufe zu katapultieren: Man nehme eine mittelschwere Krankheit, die es erlaubt, hier und da furchteinflößende Bilder von elend röchelnden Patienten zu produzieren und zu verbreiten. Nun wird die anhaltende Angst genutzt, um die Bewegungs- und Berufsfreiheit der Bürger an gewinnbringende Arbeit zu binden. Schuften und fressen – das ist die Moral, die zählt. Orchideenberufe, die bloß der individuellen Selbstverwirklichung dienen, Berufe der Eitelkeit, die auf Ruhm statt auf Profit ausgerichtet sind, werden per Dekret verboten. Schlagzeuger zu Tiefbauarbeitern, mit dem Preßlufthammer in der Hand! Maler zu Malern und Lackierern, mit der Sprühflasche an den Autos der Zukunft in sauberen Fabriken! Dichter zu Klempnern, sie haben gelernt, Dichtungen abzudichten!“
Die Große Vorsitzende blickte sich mit strahlenden Augen um, bevor sie fortfuhr: „Ihr werdet sehen, wie in kürzester Zeit alle künstlerischen Aktivitäten ihren künstlichen, für den menschlichen Fortschritt komplett überflüssigen, kurz gesagt, faulen, parasitären und absterbenden Charakter offenbaren. Ja, ich gestehe“, schob die Große Vorsitzende mit gedämpfter Stimme ein, „diese Idee ist nicht ganz neu. Meine Vorgänger im Amt haben sich daran mit mehr oder weniger rühmlichem Erfolg bereits ausprobiert. Heute rufen wir die Kulturrevolution mit entgegengesetztem Vorzeichen aus! Wenn all die Tänzer, Sänger, Musiker und ihre Erfüllungsgehilfen aus dem Backstagebereich wieder der wirklich systemrelevanten Produktion zugeführt werden, dann spart das nicht nur Millionen im Staatshaushalt ein, der Staat verdient sogar an höheren Einkommenssteuern. Das Volk wird sein Gehalt nicht mehr wie in der Phase des »blühenden Kapitalismus« an Luxusgüter, Schminke, Mode und spontane Wochenendreisen quer über den Globus verplempern, sondern sich mit Wattejacken, Blaumännern und Kernseife zufrieden geben. Die neue Phase der gesellschaftlichen Entwicklung, nennen wir sie den »hochkonzentrierten Kapitalismus« kann sich auf eine überschaubare und damit in engstem Austausch mit der Politik auch handlungsfähige Elite stützen, der 99.99% des gesamten verwertbaren Eigentums auf dem Planeten gehört. Nachdem der sogenannte Mittelstand, der sich im sogenannten »blühenden Kapitalismus« noch als Rückgrat der Gesellschaft wähnte, in Wirklichkeit aber lediglich Vorteile aus einer ihm wohlgesonnenen Steuergesetzgebung gezogen hatte, nun mit Hilfe unserer unmißverständlichen, der Gesundheit und damit dem Volkswohl dienenden Dekrete zur Aufgabe seiner Geschäftstätigkeit und damit als Wirtschaftssubjekt unwiderruflich liquidiert wurde, gerät die Entscheidungsbefugnis über sämtliche wirtschaftlichen Fragen automatisch in die Hände der hochkonzentrierten Elite.“
Die Große Vorsitzende legte eine kurze Pause ein. „Sie werden Verständnis dafür haben“, flüsterte sie, „daß ich Ihnen keine Namen nennen kann.“ Wieder eine wohldosierte Pause von ein paar Bruchteilen einer Sekunde. „Doch Sie sind frei, noch sind Sie frei, selbst zu denken“, fügte sie schmunzelnd hinzu.
„Die Abschaffung der kleinbürgerlichen Gier, die uns auf diesem Wege für alle Zeiten gelingt, wird in den ersten Monaten durch großzügige soziale Maßnahmen abgefedert. Zunächst erhalten die bankrotten Mittelständler einen Verdienstausfall. In dieser Zeit sind sie angehalten, sich nach abhängigen Beschäftigungen in den exponentiell wachsenden Elitefirmen umzuschauen. Gelingt ihnen dies nicht, werden wir sie dauerhaft staatlich alimentieren – Lenin und Genossen würden sich wundern über derart humanistische Regungen. Wir haben aus der Geschichte gelernt. Niemand soll uns vorwerfen, wir seien Extremisten. Nein, wir nutzen den Sozialismus gezielt als historisches Interregnum, um eine höhere Konzentration des Kapitals zu erreichen: Kapitalismus durch Sozialismus!, lautet die Devise. Sie fragen, was hat dieser, wissenschaftlich begründete, ökonomische Wandlungsprozeß mit der Verkündung der Kulturrevolution zu tun?“
An dieser Stelle hob die Große Vorsitzende belehrend den Zeigefinger: „Vielleicht erinnern Sie sich an den Spruch: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Früher fühlten wir uns – ich meine mich und meine Partei – dieser Botschaft verpflichtet. Wenn wir jetzt verlangen, daß sich die Bevölkerung in breiten Kreisen auf die Dualität von Schuften und Fressen einschränkt und aufhört, ihre wertvolle Arbeitszeit durch Besuche in Theatern, Museen, gar Opern und Balletthäusern zu vergeuden, brauchen wir Stille. Ich meine Stille in den Köpfen. Es darf einfach keine querulatorischen Spinner mehr geben, die mit Phantasie und Satire an die verflossenen Zeiten des »blühenden Kapitalismus« erinnern. Die Kulturrevolution ist die notwendige Begleitmusik für die Geburt der neuen, hochkonzentriert-kapitalistischen Gesellschaft. Konkret gesagt genügt es, wenn wir vier staatlich genehmigte Opern in ausgewählten Häusern spielen. Titel wie Mit der Maske Berge erklimmen, Der Sieg des Abstandsgebotes in den Kindergärten, Die Schönheit geimpfter Körper und Die sieben Prinzipien der Freiwilligen Unterwerfung erscheinen nicht nur geeignet, sondern auch hinreichend, um die Bevölkerung im niemals endenden Kampf um die Gesundheit bei Laune zu halten. Atmet tief!“
Mit diesen Worten verabschiedete sich die Große Vorsitzende, verbeugte sich vor dem eingebildeten Publikum und lächelte ein letztes Mal in die Kamera.
Ein Bild von ihr hängt schief
noch immer zwischen Bücherwand und Tür.
[oden | wälder
wir ruderten die themse hinauf nach maiden | head]
wörtliche rede
wir legen hörrohre
in die weit verzweigten enden der wälder
die fein verästelten adern ihrer wurzel und blattwerke
in das grüne auge mit der herbstfarbenen iris
die pulst unter der rinde
quillt
als harz aus allen schnitten
süß duftende wunden
verletzungen
waldtränen
rinnsale gerinne flüsse des todes
alles mit sich reißend
was nicht gehalten wird durch die kräfte der nacht
der poesie des mondlichts
oder neon
oder LED
[pssst
schhh]
wir legen störrohre ins labyrinth
Schwarze Katze, weißer Kater
Hast du Lust, ’ne Stunde
hier herumzuliegen
& zu träumen von
Feuer & Eis?
In den südlichen Ländern war eine seltsame Feuersbrunst ausgebrochen: Sie befiel nur die Pinien. Die Zypressen ließ sie stehen. Auch die Föhren und Tannen, von Birken und Eschen ganz zu schweigen. Vor allem, nein, nahezu ausschließlich fraß das Feuer die wunderbar knorrigen, alten Pienenbäume, die im Wind, der vom Mittelmeer heraufwehte, behaglich knurrten. Es war ein Trauerspiel. Jahrhunderte alte Bäume, die von Förstern und Waldpflegern umsorgt und gehegt worden waren, loderten wie Kerzen auf und zerfielen zu Asche. Sicherlich hatte die Trockenheit der letzten Jahre, die den Boden metertief ausgedörrt hatte, dazu beigetragen, daß ausgerechnet die Pinien so leicht für die Flammen empfänglich geworden waren.
Ein weiteres, noch nie beobachtetes Phänomen wurde von den Waldpflegern festgestellt: unsichtbare Wärmestrahlen, die von allen brennbaren Materialien ausgingen, konnten die armen Pinien in Windeseile erhitzen, indem sie Wirbel und Strudel um sie herum bildeten. Für das menschliche Auge waren sie nicht wahrnehmbar. Wer seine Hand an den Stamm eines betroffenen Baumes hielt, spürte, wie Wärmeblitze die Haut durchdrangen, und zuckte unwillkürlich zusammen. Daher war es jedermann klar, dass es sich um eine seltsame, neuartige Feuersbrunst handelte.
Zuerst brachen die Feuer lokal aus. In ein paar Dörfern, die gleich hinter dem muschelkalkweißen Stränden lagen. Dort konnten sie schnell gelöscht werden und niemand beachtete sie. Die Menschen unterschätzten die unsichtbare Wärmestrahlung, die von allem ausging, was überhaupt brennen konnte. Zumindest behauptete das ein Feuerwehrhauptmann, der sich mit dem Oberförster über die Baumbrände unterhielt. Der Förster konnte es, ehrlich gesagt, kaum glauben.
Bald brannten nicht nur in seinem Dorf die Pinien, sondern entlang der gesamten Küste. Erst nur entlang der Küste Italiens, dann breitete sich das Feuer nach Osten und Westen aus, ergriff die Pinien Griechenlands und Spaniens. Als die seltsame Feuersbrunst sich Richtung Norden vorwärtszufressen anschickte und geradenwegs auf Rom zumarschierte, später dann auch mitten ins Herz von Madrid und Athen zielte – da reichte es den Regierungen: Sie beschlossen, Maßnahmen zu ergreifen.
Ersparen wir uns, die Maßnahmen im Detail zu erläutern. Es genügt, wenn wir behaupten, daß sie notwendig waren. Und, nebenbei bemerkt, waren sie äußerst raffiniert. Der schlaue Feuerwehrhauptmann von der Küste hatte sich nämlich als erster erfolgreicher Feuersbrunstbekämpfer bei der Regierung um einen Beraterposten beworben. In ihrer Ratlosigkeit und – ehrlich gesagt – Unwissenheit nahm die Regierung diese Bewerbung eines Fachmanns und ausgewiesenen Kenners dankbar an.
Noch loderten die Flammen vor den Toren der Stadt, daß Nero seine helle Freude gehabt hätte, schon überhäuften sie den Feuerwehrhauptmann mit glitzernden Orden und Medaillen. Welche bahnbrechende, patentwürdige Idee hatte unser kühner Hauptmann den Mächtigen eingeflüstert? Nicht etwa, daß es darauf ankomme, neben jeder Pinie ein Faß voll Wasser aufzustellen oder gar einen Hydranten zu installieren. Auch Flugzeuge oder Hubschrauber, die über unseren schönen Pinienwäldern Wasser abwerfen könnten, empfahl er nicht. Nein, der tollkühne Retter der Pinien ersann eine Methode, die anfangs nur er allein verstand. Denn nur er wußte von den unsichtbaren Wärmestrahlen, die von allem Brennbaren ausgingen und die armen Pinien so gnadenlos in den Feuertod rissen. Also, dachte er sich, würde es nichts helfen, die Pinien mit Wasser zu übergießen, wie es die Feuerwehr bisher getan hatte. Man mußte alle brennbaren Stoffe, die sich in der Nähe der Pinien befanden, wegräumen.
Nicht nur wegräumen, vernichten mußte man sie – Sträucher, Bäume anderer Art, Blumen, selbst winzige Kräuter und Gräser – alles sollte entfernt, gehäckselt und geordnet in Müllverbrennungsanlagen unschädlich gemacht werden, damit es die Pinien nicht mehr entzünden konnte. „Feuerbekämpfung durch Müllverbrennung“ lautete die Devise. Selbst die jungen Pinien sollten nicht verschont bleiben, um die schönen, knorrigen, alten Pinien zu schützen.
Die Feuerwehr zögerte erst, dieser neuen Aufgabe nachzukommen. Wie all die Zeiten zuvor wollte sie stur Schläuche mit Wasser füllen und unter Hochdruck auf die Brandherde spritzen – aus der Traum. Die Regierung glaubte dem Hauptmann, denn nur er hatte das Geheimnis der unsichtbaren Wärmestrahlen durchschaut. Und siehe da: nach einigen Tagen gehorchten die Feuerwehrleute, tauschten Spritzen und Schläuche gegen Hacken und Häcksler. Überall im Land rodeten sie, was nur irgendwie grünte und blühte, das hieß, was irgendwann welkte, verdorrte und zweifellos in brennbares Material verwandeln konnte.
Die Feuersbrunst indes war von der heroischen Aktion nicht im mindesten beeindruckt. Sie rückte weiter auf Rom vor, ja sie übersprang die südlichen Hauptstädte und näherte sich unaufhaltsam den nördlichen Ländern. Die vornehmen Regierungen dort erbleichten, als sie den Qualm rochen, der über ihre Grenzen quoll. Schlagbäume, das war ihnen klar, würden weder den Rauch, noch das Feuer aufhalten können. Jammerschade, daß diese bewährte Methode der Problemeindämmung in diesem Fall nicht wirkte. Sich einigeln oder in einen Kokon einspinnen und abwarten – zu schön war diese Vorstellung. Ehrlich gesagt, hatten sie auch keine bessere Idee als der kluge Hauptmann von den südlichen Gestaden, der bereits begonnen hatte, ihre Feuerwehren zu beraten.
Nur einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied gab es: Die nördlichen Länder schätzten die Maßnahmen der südlichen Länder gewohnheitsmäßig als viel zu lasch und milde ein, geradezu schlampig, kein Wunder, daß sie nichts fruchteten. Zum Glück gab es immer weniger Pinien je nördlicher man kam, dies würde dem Feuer ganz von alleine Einhalt gebieten, hofften die Nordmenschen insgeheim. Doch gefehlt. Die seltsame Feuersbrunst fand auch Gefallen an Kiefern, sogar an Latschenkiefern hoch in den Alpen. Da ward auch den Mächtigen im Norden klar, daß sie etwas tun mußten. Das gebot die Menschenliebe, die Solidarität, überhaupt die gesamte Nikomachische Ethik.
Noch wirksamer erwies sich als Leitfaden der kategorische Imperativ, das wußten die Nordmenschen sehr genau. Auf den Kant konnten sie sich verlassen, der würde das Feuer besiegen, bevor es die Ostsee und die Nordsee erreichte. Also befahlen sie nicht nur der Feuerwehr, sondern konsequent allen Menschen ab dem 16. Lebensjahr sich an der Ausrottung alles potentiell Brennbaren zu beteiligen. Um den Kampf gegen das Feuer in den Köpfen zu festigen, sprachen sie vom exponentiell Imflamablen, das verhindert werden müsse. Jeder, der sich an diesem Kampf beteilige, sei ein guter und vernünftiger, weitsichtiger und moderner Mensch. Zeitgenossen, die behaupteten, Feuer bekämpfe man mit Wasser oder mit einer alten Pferdedecke, die man über die Flammen werfe, um sie zu ersticken, wurden als verlorene Kinder Gottes belächelt. Bald würden sie selber in den Flammen lodern, würde man ihre altmodischen Ratschläge befolgen.
Stattdessen investierten die Regierungen – nun vereint sowohl der nördlichen als auch der südlichen Länder – mehrere Jahresstaatshaushalte, alle arbeitsfähigen Menschen von ihrer eigentlichen Arbeit zu entbinden und für die Rodung, sprich Ausrottung sämtlichen pflanzlichen Materials einzusetzen, das keine Pinie oder Kiefer war.
Drei Jahre später.
Das Werk war vollendet: Ringsum stiegen noch hauchdünne Rauchsäulen aus den Aschehäufchen auf, zugegeben nur hier und da. In alle Himmelsrichtungen erstreckte sich endlich eine flammenfreie, kahle, graue Landschaft. Am Horizont jedoch ragten noch ein paar alte knorrige Pinien und Kiefern mit ihren wunderbaren dunkelgrünen dicken Nadeln empor – welch ein erhebender, minimalistischer Anblick. Kein Künstler hätte der Welt ein schöneres Bild schenken können. Der kluge Hauptmann von der Küste wurde zum Ehrenhauptmann ernannt und erhielt einen Thron – natürlich gezimmert aus gerettetem Pinienholz.
Das Glück, ihr könnt es euch denken, währte nicht lang. Kaum hatte der Feuerwehrhauptmann befriedigt auf dem Thron Platz genommen, hoben von allen Seiten Stürme an. Der Wind fegte in bisher unbekannter Geschwindigkeit über die leergeräumte Erdkugel und knickte die letzten verbliebenen, ehrlich gesagt, schon etwas altersschwachen Pinien wie Streichhölzer um. Die Menschen begannen sich, um die Asche zu streiten und zu schlagen, die der Wind aufwirbelte. Denn sie hatten nicht einmal mehr Felle, um sich zu kleiden. Die Asche aber, gab ihnen für einen kurzen Moment noch einmal Wärme, bevor sie endgültig erkaltete.
Wurde uns geschenkt : damit wir
Durchs Laub gleiten : beinahe geräuschlos
Fällt es herab : die Äpfel schwimmen
Im Fließ : wir stechen das Ruder
Ins Flache und stoßen uns ab
Die Abstoßungskräfte : sie wachsen
Den Worten wohnt Unerbittlichkeit
Inne : jeder ist nur auf sich selbst
Bedacht : saure Gurken
In Dillsoße : gläsern eingesperrt
Das sind wir : wenn wir uns ansehen
Ohne uns wahrzunehmen : der Zeitzauberer
Hat uns eine Stunde geschenkt
Am längsten Tag des Jahres : wir
Nutzen sie : bis die Arme schmerzen
Die Stimme rau geworden ist : das Herz
Versteinert in der Waldmühle schlägt
Drei Häuser weiter der Holländermichel
Denn grausam knackt der Abendfrost,
Kommt Wind auf, der an Mauern schlägt…
Mit leisen Schritten tappt ein Kind
Kaum hörbar murmelnd auf dem Weg.
Gesichtslos kaltes Sich-Erinnern –
Wie Pixel körnig-grünen Eises
Bleibt unser Schauen stets im Innern
Des unauflöslich runden Kreises.
einfach
im Morgengrauen
.
__
\
AUFGABEN:
1., 2., 3. . Erst nach erfolgreicher Bearbeitung dieser Sequenz:
4.
VERANTWORTLICH: (Gen.) N.N.
Insgesamt wirft diese Befundlage zur Fehlerhaftigkeit des RT-PCR-Tests mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Eine indische Forschergruppe wertete im April 2020 die Corona-Zahlen aus 210 Ländern aus und korrelierte sie mit demographischen, soziologischen sowie gesundheitspolitischen Daten, auf die ich inhaltlich im Abschnitt „Kontexte“ zurückkomme. Dabei stellten die Forscher verschiedene Ungereimtheiten fest, die auf methodische Mängel der Erhebungen zu Covid-19 zurückzuführen seien: „Die gegenwärtige Form der Diagnostik überschätzt wahrscheinlich die SARS-CoV-2-Infektiosität sowie die Morbidität und Mortalität von Covid-19, da sie darauf abzielt, SARS-CoV-2 in allen vermuteten Grippefällen und allen Todesfällen in den Pandemieregionen nachzuweisen. Eine höhere Anzahl von Fällen wurde in Ländern mit einer hohen Alphabetisierung und stärkeren Volkswirtschaft registriert, die auch über eine höhere Testkapazität verfügen, was ebenfalls darauf hinweist, daß sie möglicherweise überdiagnostiziert wurden. Gegenwärtig folgt das Testen auf COVID-9 nicht dem Ziel, die wahre Verbreitung der Krankheit (disease mapping) zu identifizieren. Bis die Tests nach einem soliden Stichprobenplan durchgeführt werden, kann die tatsächliche Inzidenz und Prävalenz der Krankheit nicht genau bestimmt werden. Wenn keine repräsentativen Erkenntnisse zur wahren Verbreitung der Krankheit vorliegen, sind auch ihre Determinanten nicht korrekt beschreibbar … Ein hoher Anteil falsch-positiver Befunde von Covid-19-Tests hat kostspielige Folgen, die für eine wirksame Seuchenbekämpfung in Kauf genommen werden. Der aktuelle RT-PCR-basierte Labortest zeichnet sich jedoch durch einen hohen negativen Vorhersagewert aus und kann dazu führen, daß eine große Anzahl positiver Fälle übersehen wird, was zur anhaltenden Ausbreitung der Pandemie beitragen kann. Negative RT-PCR-Ergebnisse für Covid-19 erfordern wiederholte Tests, um das negative Ergebnis zu bestätigen. Daher ist ein besserer Test mit höheren positiven und negativen Vorhersagewerten erforderlich, um die wahre Anzahl positiver und negativer Fälle bestimmen zu können.“ (Singh et al. 2020, Übersetzung VK)
Die Strategie, von Personen mit Erkältungssymptomen einen Abstrich für den Labortest zu nehmen, erweist sich also aus mindestens zwei Gründen als fragwürdig: Erstens entsteht auf diese Weise kein realistisches Bild von der Verbreitung von Covid-19, da die Stichprobe nicht repräsentativ ist und Prävalenz sowie Inzidenz nicht bestimmt werden können. In den täglichen Nachrichtenmeldungen wird aber seit Anfang März so getan, als handelte es sich um diese Werte, indem irreführend von täglichen Neuinfektionen und ähnlichem gesprochen wird. Zweitens ist das klinische Bild, das den Corona-Labortest veranlaßt, identisch mit den Anzeichen einer „Grippe“, wie sie durch Influenza und andere Erkältungsviren hervorgerufen wird. Getestet wird aber nur das neue Coronavirus – wahrscheinliche Komorbiditäten mit anderen saisonalen Viren bleiben unerkannt. Eine derartig fragmentarische Diagnostik ist nicht nur für den medizinischen Erkenntnisgewinn unbrauchbar, sondern auch für die Ableitung eines angemessenen individuellen Therapieplans. Daraus wiederum resultieren zahlreiche praktische und ethische Probleme.
Bereits während des Vietnamkrieges, als es darum ging, mit welcher Wahrscheinlichkeit amerikanische Piloten vietnamesische von kambodschanischen Kampfjets unterscheiden können, (CIA, 2008), später bei der Interpretation von massenhaft gespeicherten Fluggastdaten nach 9/11, schließlich auch bei Einstufung der Zahl zu Unrecht verdächtigter Personen bei Rasterfahndungen mit DNA-Tests – immer wenn es sich um große Zahlen handelt, können auch kleinste Meßfehler zu gravierenden Fehlinterpretationen beitragen. Menschen lassen sich in ihrem intuitiven Zahlenverständnis eher vom Augenschein als von bedingten Wahrscheinlichkeiten leiten (Tversky & Kahneman, 1974). So mag ein Patient glauben, wenn ihm der Arzt die Kunde von einem positiven Corona-Laborbefund überbringt, daß er sich also mit 98%iger Sicherheit nun mit Covid-19 infiziert habe, denn der PCR-Test habe doch eine solch hohe Genauigkeit (Spezifität). Dieser Glaube, der gegenwärtig weit verbreitet zu sein und auch von unseren Datenjournalisten geteilt, zumindest nicht aktiv ausgeräumt zu werden scheint, beruht jedoch auf einem folgenschweren Irrtum, der in der Literatur als „Prävalenzfehler“ oder „Base Rate Fallacy“ bekannt ist und ins Erstsemester Statistik gehört. Wenn pro Woche, wie es seit Ende August 2020 in Deutschland der Fall ist, eine Million PCR-Tests durchgeführt werden, dann führt auch eine scheinbar kleine Falsch-Positv-Rate von 2% zu einer immensen Anzahl irrtümlich mit einer Covid-19-Erkrankung („Infektion“) verdächtigter Personen: Nehmen wir an, das neue Coronavirus hat sich bereits bei 1% der Bevölkerung ausgebreitet – diese Zahl wird Prävalenz genannt. Dann sollte der Test bei 10’000 der untersuchten Personen ein positives Ergebnis anzeigen. Mindestens, muß man sagen, denn aufgrund der durchaus realistschen Fehlerquote wird er darüber hinaus bei 2% der 990000 Personen, die keinen Abschnitt des Coronavirus in sich tragen, ebenfalls mit einem positiven Laborergebnis anschlagen: es handelt sich um 19800 falsch positive Laborbefunde, die pro Woche allein durch die Falsch-Positiv-Quote „eingepreist“ werden müssten – davon aber ist in unseren Nachrichten keine Rede. Vielmehr wird irreführend ein positiver Laborbefund mit einer aktiven klinischen Infektion gleichgesetzt, was schlichtweg eine Falschmeldung ist. Tatsächlich beträgt die Wahrscheinlichkeit, erkrankt zu sein, wenn ein positiver Laborbefund vorliegt, bei einer Prävalenz von 1% lediglich 33.5%.
|
Prävalenz |
Falsch-Positive |
Wahrscheinlichkeit einer Infektion |
|
0.5% |
19900 |
20.0% |
|
1% |
19800 |
33.5% |
|
1.5% |
19700 |
43.2% |
|
2% |
19600 |
50.5% |
|
3% |
19400 |
60.7% |
|
5% |
19000 |
72.5% |
|
10% |
18000 |
84.7% |
|
25% |
15000 |
94.3% |
|
50% |
10000 |
98.0% |
Tabelle 2: Modellrechnung zur Auswirkung der Prävalenz (base rate) auf die Wahrscheinlichkeit, bei einem positiven PCR-Laborbefund tatsächlich mit Covid-19 infiziert zu sein (Parameter: N= 1’000’000, Spezfität 98%, Sensitivität 100%)
Deutlich wird, daß die Wahrscheinlichkeit, mit der bei einem positiven Laborbefund auch von einer tatsächlichen Infektion auszugehen ist, keinesfalls a priori mit 100% anzusetzen ist, sondern maßgeblich von der aktuellen Gesamtzahl der bereits Infizierten, der Basisrate, abhängt. Dabei handelt es sich nicht im epidemiologischen Sinne um die sogenannte „Durchseuchung“, also dier Personen, die die Erkrankung bereits durchstanden haben und damit immun geworden sind, sondern um die Zahl der aktiven Fälle, die mit einem PCR-Test erfasst werden können. Erst wenn jeder Zweite, der einen positiven Laborbefund empfängt, auch klinische Symptome zeigt, können wir von einer 98%igen Wahrscheinlichkeit ausgehen, daß er auch an Covid-19 erkrankt ist.
Die Prävalenz ist also ein ausschlaggebender Faktor, um die täglich im Halbstundentakt vermeldete Zahl der Positivbefunde, die von den Datenjournalisten irrreführend mit der Zahl der Infizierten gleichgesetzt wird, realistisch einordnen zu können. Die Testkapazität hat keinen Einfluß auf die Infektionswahrscheinlichkeit. Bei einer geringen Prävalenz schießt vielmehr bei einer gleichzeitig hohen Testkapazität die absolute Zahl der fälschlicherweise mit einer Covid-19-Infektion in Verbindung gebrachten Personen in die Höhe – was nicht im Sinne der Gesundheitsvorsorge sein kann, aber just zum Herbstbeginn der Fall war. Das Motto „Test, test, test!“ erweist sich damit als irreführend – es kommt vielmehr auf die Qualität der Teststrategie an.
Um die Prävalenz zu messen, benötigt man eine repräsentative Auswahl der Stichprobe. Davon ist die „nationale Teststrategie“ in Deutschland weit entfernt (vgl. „Aktualisierung der Nationalen Teststrategie vom 15.10.2020 auf www.rki.de). Wurden im Frühjahr 2020 selektiv Personen mit Erkältungssymptomen getestet, waren es im Sommer die Urlaubsrückkehrer aus dem Ausland und vor den Herbstferien die Inlandstouristen, die aus Regionen mit höherer Inzidenz in eine Region mit niedrigerer Inzidenz fahren wollten – mit einer wissenschaftlichen Studie, die anhand demographischer Kriterien einen repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt testet, hat all das nichts zu tun – Zweifel an der wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit der Regierung sind daher mehr als angebracht, mag sie sich selbst noch so häufig als wissenschaftlich orientiert gegenüber der Willkürherrschaft autoritärer Machthaber in anderen Ländern bezeichnen. Die anhaltende Verweigerung, eine fundierte Prävalenzstudie für Deutschland zu initiieren, gibt gesundheitspolitische Rätsel auf.
Seit April 2020 erfaßt das RKI das Vorkommen von Corona-Antikörpern bei Blutspendern (SeBluCo-Studie). Alle zwei Wochen werden ca. 5000 Blutproben gesunder erwachsener Personen von 13 Blutspendediensten, die auf 28 Regionen Deutschlands verteilt sind, auf Seropositivität untersucht. Eine Zwischenauswertung zum 19. August 2020 brachte folgende Ergebnisse: „Der Anteil von Personen mit spezifischen Antikörpern gegen SARS-CoV-2 unter blutspendenden Erwachsenen ist mit 1.25% weiterhin gering.“ Ergänzend wurden bei 65% der Proben ergänzende „Neutralisationstests“ durchgeführt, um falsch-positive Befunde auszuschließen. „Von diesen hatten ca. 27% (96/362) auch nachweisbare neutralisierende Antikörper.“ – d.h., die korrigierte Prävalenz lag im August bei ca. 0.34%. „Die Seroprävalenz war bei Männern signifikant höher als bei Frauen (1.48 bzw. 0.96%) Es wurden Unterschiede in der Altersverteilung der Seropositiven erkennbar. Die drei jüngsten Altersgruppen (18-29 Jahre) der SeBluCo-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer zeigen nach Auswertung von ca. 50% der Studiendaten die höchste adjustierte Prävalenz. Die Regionen Freiburg und Bayern Süd-Ost haben den höchsten Anteil an Seropositiven.“ (Quelle: www.rki.de)
Im Hotspot Gangelt ermittelte das Team von Hendrick Streek dagegen eine Prävalenz von 20% – sie kann jedoch ebenfalls nicht als repräsentativ angesehen werden.
In seiner umstrittenen Berechnung des Nutzens des Lockdowns für die Eindämmung der Pandemie ging das Imperial College im Juni 2020 von 0.85 % Prävalenz für Deutschland aus (Flaxman, 2020).
Eine der bisher qualitativ besten Prävalenzmessungen stammt von Mai 2020 aus Brazilien (Hallal et al., 2020). Es wurde eine anhand von 25 Census-Kriterien ausgeglichene Zufallsstichprobe in 133 Städten, proportional zur Bevölkerungsgröße gezogen, mit mindestens jeweils ca. 250 Teilnehmern. Insgesamt nahmen 25955 Probanden an der Studie teil. Es wurde wiederum die Seropositivität bestimmt. Ohne statistische Korrekturen betrug die krude Prävalenz 1.39%.
Im WHO Bulletin vom 15. Oktober 2020 veröffentlichte John Ioannidis eine Übersicht zu allen serologischen Corona-Antikörpertests weltweit seit Beginn der Pandemie (es wurden vor allem Studien während der ersten Welle ausgewertet). Dabei wurden Prävalenzstudien zur Verbreitung des Coronavirus im Krankenhauspersonal oder in bestimmten religösen Gruppen nicht berücksichtigt. Im Ergebnis wurden 61 Studien mit ingesamt 74 Prävalenzschätzungen zusammengetragen – Deutschland war lediglich durch die Streek-Studie in Gangelt und eine Untersuchung in Frankfurt a.M. vertreten. Die Prävalenz schwankte weltweit zwischen 0 und 54.4% (in den Slums von Mumbai). Die Infektions-Fatalitätsquote betrug 0-1.63% (im US-Bundesstaat Louisiana). Aufgrund dieser großen Spannbreite kam Ioannidis zu dem Schluß, daß eine klassische Meta-Analyse, um die Daten mehrerer Studien zusammenzufassen, nicht in Frage komme. Vielmehr gruppierte er die Ergebnisse anhand des globalen Mittelwertes (118 Coronatote / 1 Million Einwohner): in 51 Regionen, die unter diesem Mittelwert lagen, betrug die Fatalitätsquote 0.09%, in Regionen mit überdurchschnittlicher Mortalität schwankte die durchschnittliche Fatalitätsquote zwischen 0.20% und 0.57%. Bei Menschen, die jünger als 70 Jahre waren, lag die krude Fatalitätsquote bei 0.31%, nach statischer Korrektur bei 0.05%.
Ioannidis folgerte, daß die Sterblichkeit an Covid-19 damit deutlich unter den Befürchtungen vom Beginn der Pandemie und den Zahlen aus Wuhan einzustufen sei. Regionale Unterschiede ergeben sich in Folge der Altersstruktur der Bevölkerung, Bevölkerungsdichte und der Vorbelastung mit Atemwegserkrankungen, z.B. in Zusammenhang mit der Luftverschmutzung.
Ioannidis’ Metastudie gibt am Ende beiden Lagern recht: den Alarmisten, die nicht genug vor der Gefährlichkeit des neuen Virus warnen und mahnen können, wie auch den Verharmlosern, die Covid-19 keine besondere Gefährlichkeit zuschreiben: Es hängt jeweils von den Kontextbedingungen ab. In einigen wenigen Regionen übersteigt die Tödlichkeit des neuen Virus um das Zehn- bis Zwanzigfache die Tödlichkeit der bekannten Grippeviren. In vielen anderen Regionen ist es aber im Durchschnitt ähnlich oder sogar weniger gefährlich als die Grippe.
(Den gesamten Beitrag finden Sie im Essay „Zahlenspiele“.)
Der Satz, eine Folge von Speerspitzen. Partitur
Der Vers, ein Speer – ein einziger Text
Einheiten übersetzen, Texteinheiten – Gestaltwandel:
Im f u n k t i o n a l – s e m a n t i s c h e n Feld zweier
Sprachen wird Vollständigkeit definierbar!
Nichts weglassen oder hinzufügen. Alles geben !!
Ideal: der konservative Revolutionär
„Deine blauen Augen…“
Und jetzt bitte nicht die
sog. PC
Das Metall,
kälter als Luft.
Der Himmel grau,
noch weiß
fast fahren Baugerüste
in ihn hinein, die Kirche
schießt dünnste Türme
nach oben, ihn
zu berühren.
Sie schafft nicht, die tief-
fliegende Wolke
zu stechen.
Der Himmel
bedeckt, was darunter hängt,
da reißt er auf
und stellt sich bloß.
_
Länger als eine Stunde
wird der Weg sein.
In die nächste Bahn
hinein, gegen das Fenster
im fast leeren Zug
sitzt sie
mit Kopien in der Mappe
gepresst an ihren Mantel.
„Was beschäftigt dich?“
Die Lichtschnur von kaltem Gelb,
die schwarzpunktierten Blicke
der zwei Älteren, wer
war Musil, ein Diléttant?
Den Raum verschließt
sie nicht, das darf sie
nicht, da sitzt noch jemand.
Sangesi spricht.
Sie sagen, gestorben seien die Rjurik und Romanow,
Gefallen die Kalédin, Krymów, Kornílow und Koltschak…
Nein! Mit den Sklaven (kämpfte/ die polnische Garde) trieb es Pan, der Durchtriebene [waren da Kastraten & Jungpioniere, barocke Avantgarde] –
War Kiew schon zig.mal erobert, verbrannt.
Asche, Feuer aus Eis…
Der Reiche weinte: da lachte, wer arm war –
Als Kalédin sich seiner Kosaken entledigte.
Und die Gesetzgebende Versammlung be/traf der//das Schritt/Schlag//Treffen.
Und (es versanken die leeren Schlösser im Dunkel) nun wurden die Innenräume abgedunkelt/- dunkel wurde es in den verwaisten Hütten/Schlössern.
Nein, hier brach „-ten“/“-sern“ hervor,
Wie der Atem Verstorbener,
(7). {…}
belade mich mit trauer
die singvögelchöre sind verstummt
in den nuten der herzspur
ziehen salanganen ihre bahnen
wir neigen unsere häupter
tief
hinunter zu den verwunschenen dörfern und städten
vor unseren füßen
wachsen regenländer
schneelandschaften
wohin ziehen die dichterinnen
wenn der wald verschwindet
wohin die dichter ohne die gebirge
sie müssen maulwürfe werden
und sich eingraben
im dunklen den schritten lauschen
die über sie hinweggehen
die erde durchpflügen auf der suche nach würmern
da singen die maulwürfe
wird man ihnen nachrufen
sie werden es nicht mehr hören
in ihrem reich
ganz nah bei den toten
1
der abend hat die straßen
weggespült
die stadt ist nur noch ein meer
aus lichtern stimmen
auch deines ist unter ihnen deine
du bist auf dem weg
in die nacht die stille
menschen
autos
aus einem schacht der luftzug einer u-bahn
am morgen tummeln sich überall fische
delphine
2
gestern erwachte ich
auf der insel
wo der marmor wächst
weißer marmor und
die rehe schlafen bis weit in den tag
unter den kastanienbäumen
wollen wir uns lieben
vom mittag zum mittag
wenn dein atem in der nacht
einen gleichklang bildet
mit dem wind vom meer
will ich ablassen von dir und lauschen
wie du geheimnisse tauschst
mit den stimmen den sternen
den ahnen der fische
3
das geheimnis deiner gedichte
ist ihr verschwinden
über den fischgründen des marmarameeres
die schiffe sultan süleymans versanken dort
mit gold edelsteinen und gewürzen an bord
seitdem leuchtet das meer und funkelt
und sein duft kommt aus fernen ländern
und deine gedichte geben dem meer seine stimme
Auch er, der Dichter mit dem kindlichen Herzen: nicht frei von Moralinstaub zwischen den Gedanken … und es reizt die übersensible Nase zum Niesen just in dem Moment (b e i m L e s e n) da die dem Leiden entsprungene Verachtung gut und gern auch dich treffen könnte –
<< Oh Hassesblick der Venus
<< Weißt du nicht fern ein Land
<< Mit düsterem Himmel …
<< O Leser, zartes Scheusal
Den Dingen gleich betreiben sie ihr Spiel
mit der Gleichheit, die ausgewilderten Worte
Den Dingen gleich ernähren sie in der Seele
die Illusion und leben gut davon, die
den Dingen durch Ähnlichkeit verwandten
Worte, die sich fein säuberlich getrennt
immer in einem wortreichen Sicherheits-
abstand zu ja und nein erhalten (diesen Wächtern unser
aller
Kindheit,
Zone Märchenland & Plappergaumen, aus dem es
herausbricht wie Muttermilch aus dem Überfluss
der unter dem Fluss sein Bett und nicht sein Bett
—
weil er niemandes Fluss ist
zu risiken und nebenwirkungen fragen sie ihren schriftsteller oder dichter
das flimmern der wörter
beim durchspießen der ausgelegten netzhäute
ihr ton
wenn sie gegen die aufgespannten trommelfelle knallen
ihre formen und umrisse
in den ascherückständen der bücherverbrennungen
wörter
diese gefährlichen herz und hirnschmeichler
ihr druck von hinten auf dein sternum
wir nahmen sie auf
als wir sie verletzt fanden
fast stumm in einem gedicht
wir pflegten und päppelten sie wieder auf
bald werden wir sie auswildern
zwischen menschen ihresgleichen
Kunst Nr. 964
f. L. (A.)
An meinen Versen
hängt noch Nacht.
Bei der Kaimauer
rufen die Möwen nicht mehr,
und Schiffe
fahren zu keinen Ufern.
Worte graben sich in Sohlen
und Ackerfurchen.
Ob sie über mich hinauswachsen
im Frühling
zwischen gestrandeten Gedanken
und morschen Planken –
Du legst mir Meer
vor die Füße,
doch jeder Tropfen rinnt
an einen Ort
jenseits des Lichts.
Im Sturzflug kreisen die Rotoren
Hubschrauber erklimmen Berge
Beton : Beton : Beton
Fürs Hüttchen auf der Alm
Der Sturzbach rauscht
Kaum hörbar : laut
Die Wanderer : sie rasten
Im nächsten Jahr : so Bauherr will
Ist oben Schluß mit Fasten
der sommer hat ausgeatmet
der dunst der tage legt sich
auf mein gemüt
wir hatten die felder bestellt
und den regen besungen
nun werfen wir uns schatten zu
gedüngt sind die momente
des letzten jahres
halte meine hand
nur noch ein einziges mal
im unterhemd saßt du
mit dem bleistift in der hand
eine geschichte im kopf
mich auf dem schoß
und in diesem augenblick
flog die sehnsucht über den horizont
das blei des stiftes
kratzte am papier
der schweiß deines körpers
roch nach einem harten tag
und ich auf deinem schoß
der baum auf dem papier
ragten äste in die luft
du warst so leise oder müde
und ich war dein kind
bis dahin
im späten licht des tages
fallen regenstriche zwischen uns
wir falten wortfragmente zusammen
und legen sie zur erinnerung
eines tages sagst du
wirst du dankbar sein
über die beschirmenden worte
und den regen in meinem blick
Eine der für medizinische, aber auch juristische Gesichtspunkte entscheidenden Fragen betrifft die Entwicklung des neuen Coronavirus: Wird es im Laufe der Zeit, d.h. im Zuge der für RNA-Viren typischen zahllosen Mutationen, für den Menschen gefährlicher oder harmloser?
Vermeintlich liegen uns dazu keine Erkenntnisse vor. Die Erfahrung mit SARS-1 und MERS aus den letzten Jahren legt nur nahe, daß das neue Virus wahrscheinlich im Laufe der Zeit harmloser wird. Es hat evolutionsbiologisch wenig Sinn, wenn es seine Wirtsorganismen vermehrt umbringt. So resümierte Christian Drosten in seinem „Corona-Update 47“ vom 11.6.2020: „Und dieses Anpassen, das kann eben durch zueinander Zufügen von unterschiedlichen Mutationen in unterschiedlichen Populationsabteilungen passieren. Und die phänotypischen Veränderungen, die dabei entstehen können, wären zum Beispiel, dass das Virus noch besser in der Nase repliziert und besser übertragen wird. Aber in der Nase werden wir nicht allzu krank davon. Das heißt, das Ganze wird auf lange Sicht zu einem Schnupfen, der sich für die Lunge gar nicht mehr interessiert. So etwas könnte passieren.“ Drosten relativiert dieses Szenario auf seine gewohnt flapsige Art im nächsten Atemzug und kehrt es in sein direktes Gegenteil um: „Das Virus optimiert sich auf die Nase und sagen wir mal, lässt die Lunge außer Acht, dann wird das ein Vorteil für das Virus sein. Im anderen Fall, wenn das Virus in seiner Evolution das allgemeine Replikationsniveau steigert, dann haut das überall so richtig rein – in der Nase, aber auch in der Lunge. Und wir fühlen uns dann schneller krank oder viel mehr von uns fühlen uns krank.“
Bevor wir beginnen, auf Grundlage von Spekulationen auf Molekülebene gesundheitspolitische Horrorvisionen zu entwickeln, lohnt es sich, einen Blick auf die tatsächliche Entwicklung der Fallzahlen der Patienten mit Covid-19 in den Intensivstationen zu werfen. Während zu Beginn des Lockdown die befürchtete Überlastung des Gesundheitssystems zum Rechtfertigungsgrund für die grundrechtseinschneidenden Maßnahmen herangezogen wurde, ist es medial in den letzten Monaten bemerkenswert still um die Situation der ITS geworden. Nun neigen sich die Sommerferien des Jahres 2020 dem Ende zu, etliche Urlaubsrückkehrer haben mit PCR-Positivbefunden für Aufsehen gesorgt. Weiterhin wird – genau wie im März und April – im Halbstundentakt die Absolutzahl der Infizierten berichtet, als handele es sich um eine valide und interpretierbare Größe. In einigen Bundesländern hat die Schule bereits begonnen und das Bekanntwerden einzelner Infektionen – hier ein Schüler, dort eine Lehrerin – genügte, um ganze Schulen vorübergehend zu schließen.
Tatsächlich beobachten wir eine Schere zwischen der Zahl der PCR-Positivbefunde und der Schwere der Krankheitsverläufe. Ein aussagekräftiges Maß für diese Entwicklung ist der Anteil der ITS-Patienten an der Zahl der aktiven Fälle. Betrachten wir die vom RKI zusammengeführten Angaben der deutschen Gesundsämter, so ist von Mitte April bis Mitte Juli eine kontinuierliche, ja dramatische Abnahme der aktiven Fälle um das Zehnfache, von ca. 50000 auf ca. 5000, festzustellen. Die Zahl der Positivbefunde war zum Anfang des Sommers so gering, daß Gesundheitsminister Spahn bereits auf die Gefahr hinwies, Falsch-Positiv-Befunde könnten zu einer Überinterpretation der Fallzahlen beitragen: „Weil die Tests ja nicht 100 % genau sind, sondern auch eine kleine, aber eben noch eine Fehlerquote haben. Und wenn sozusagen insgesamt das Infektionsgeschehen immer weiter runter geht und sie gleichzeitig das Testen auf Millionen ausweiten, dann haben sie auf einmal viel mehr falsch-positive als tatsächlich positive.“ (in: „Bericht aus Berlin“ vom 14.6.2020)
Von Mitte Juli bis Mitte August 2020 zog die Zahl der (Falsch-) Positiv-Befunde wieder an, im übrigen synchron zur gesteigerten Testaktivität, mit der die Urlaubsrückkehrer willkommen geheißen wurden. Was geschah im selben Zeitraum mit der Zahl der wegen Covid-19 auf einer ITS behandelten Patienten? Diese Gruppe scheint aus dem Fokus der Medien beinahe vollkommen verschwunden zu sein, obwohl es doch ursprünglich vor allem um die ITS-Kapazitäten, so die Vorgabe, ging. Für den totalen Verlust an öffentlicher Aufmerksamkeit für die coronainfizierten ITS-Patienten ist ein triftiger Grund zu nennen: Ihre Zahl nimmt, ungeachtet der Urlaubsreisen und Schulöffnungen, seit Mitte Mai stetig ab! Wir haben auf der einen Seite also in der zweiten Sommerhälfte wieder moderat steigende (Falsch-) Positivbefunde, auf der anderen Seite kontinuierlich sinkende Coronafallzahlen auf den ITS. Der Quotient zwischen der Zahl der ITS-Patienten mit Corona und der aktiven Fällen drückt diesen Sachverhalt plastisch aus:
Abbildung: Verhältnis der Zahl der in Zusammenhang mit Covid-19 auf der ITS behandelten Patienten zur Zahl der aktiven Fälle in % (Daten laut RKI).
Mit anderen Worten: das Corona-Virus hat seine epidemiologische Gefährlichkeit in den letzten Monaten stark eingebüßt. Obwohl es sich wieder zu verbreiten scheint (wenn es sich nicht um Meßfehler handelt), nimmt die Zahl schwerer Krankheitsverläufe ab. Dies bedeutet nicht, daß es im Einzelfall keinen schweren Verlauf geben kann. In der Summe treten schwere Verläufe jedoch viel seltener auf. Warum berichtet darüber niemand? Der beruhigende Kern dieser Erkenntnis geht unter anderem darauf zurück, daß die Zahl der ITS-Patienten eine recht valide Größe darstellt, repräsentativ für alle ITS und weitaus weniger fehleranfällig erfaßt wird als der Genomabschnitt, den wir seit Januar das neue Coronavirus nennen.
Manchmal möchte ich
Den Augenblick verlängern : laufe
Eine Runde oder zwei : schwimme
Warte : lausche : da
Dringt sie ein : die Zeit
Sie bleibt nicht
Stehen : sie verflüssigt sich
In meinem Blut : kreist
Zwischen Herz und Hirn
Im Sitzen trete ich
Den Wettlauf an
Langsam gewinnt
für Girolamo Marcello
Die Sonne geht unter, und die Bar an der Ecke ist dicht.
Die Laternen gehen an, haargenau ihre Augen schminkt so eine Mime
mit der lila Farbe für Schönheit und Grauen.
Kopfschmerz fällt am Fallschirm aus dem dunkelblauen
Raum zielgenau auf die Stirn des Feindes aus dem Stall Pirelli.
Und zwei Tauben im Gesims des Palazzo Minelli
vö.eln in den letzten Strahlen des Gestirns,
achtlos planschend in der Dünung des Hirns
wie unsere griesgrämigen Vorfahren unter vorsintflutlichen
Umständen, ganz ähnlichen zu heute und hier, vermutlich.
Das sind Schläge einer Glocke, vom Glockenturm purzeln
frei in den venezianischen Himmel Wurzeln,
haargenau fallende, zielbewusst wandernde
nie den Boden erreichende Früchte. Gibt es ein anderes
Leben, so wird in ihm jemand damit befasst sein,
diese Dinge zu sammeln. Und ich darf gefasst sein,
all das bald zu erfahren. Hier, wo so viel Entzücken
seinen Samen vergossen, Tränen des Glückes
und des Weins, an einer Ecke irdischen Paradieses
stehe ich am Abend, sauge diese
herbstlich-winterliche, lungengummiartig schwellende
saubere, sich von Dachziegelrot erhellende
hiesige Luft ein, von der,
wer sie atmet: braucht mehr.
Mehr und mehr – hinterher! vom Duft
sich aus Lebenszellen befreiender Luft,
sich befreiend von Zeit. Wälzt haargenau Geld um,
leckendes Wasser macht diese Welt stumm
mit seinen Azuranteilsscheinen am Palazzo, wofür es als Wechselgeld
einen zerfressenen Stein erhält
mit seiner Dermatitis
und eine bröckelnde Karyatide, die
sich den Sprechapparat mitsamt seiner Zigarette
auf ihre Schultern bettet
und, schwer in Vogel-Wahrnehmung eingetaucht,
seit sie im nach außen gewendeten Schlafzimmer raucht,
von des Anstands Sitte befreit ist,
mal aussieht wie jemand, der bereit ist,
mal – wie ein um den Verstand gekommenes römisches
Zahlzeichen, mal – Verszeilen handgeschrieben und Geflüster, böhmisches.
Herbst 1995
Casa Marcello