Archive for the ‘Trauersymmetrie’ Category

ramstein und gomorrha

Freitag, Oktober 25th, 2019

nur ein rauschen
hören wir nur ein rauschen
des windes in den blättern der bäume
des baches unter den bäumen
des regens in den bäumen
und im bach
ein rauschen des alls
sonst nichts
es ist nacht [15. Oktober, 01:09 uhr]
die toten haben sich abermals schlafen gelegt

Nothhaas trifft Kohlhaas im Himmel

Montag, Oktober 21st, 2019

erinnerung : vater johannes

- Wir sollen das Dehnungs-h abschaffen.
- Was? Nein. Das geht nicht…
- Kolhaas, ich soll es dir sagen.
- Wer schickt dich?
- Er.
- Und Sie?
- Weiß davon.
- Ah – äh – aa. Aha. (Pause) Und die doppelten Selbstlaute?
- Kommen erst mit Hofmanns Erzählungen dran.
- Warum?
- Kleist.
- Das verstehe ich nicht.
- Erst müssen Sie die Unmöglichkeit der Mitlautverdopplung begreifen.

der garten steht still / in den straßen warten die unbeugsamen

Montag, Oktober 7th, 2019

pulst blut im ohr
und der atem hält an
die stimme gelähmt
die stimmbänder gedehnt
reise ich
in eine zeitlose zeit

Hilde

Donnerstag, Oktober 3rd, 2019

Hilde wohnt jetzt im Briefzentrum 39. Gestern kam ein brief von ihr, und mein erster blick geht immer auf den poststempel. Sie reist viel und ist immer unterwegs.

Hilde schreibt über die zurückliegende landtagswahl, den zunehmenden egoismus in der politik, den rechtsruck, die rückkehr der faschisten: ein spiegelbild der zeit und der zeit zwischen den weltkriegen.

Gestern, eigentlich vorgestern, ging Hilde auf den markt und diskutierte mit ihrem obst- und gemüsehändler über die deutsche sprache und flüchtlinge. Heimatliteratur sei wieder ganz groß in mode.

Heimat sei sowieso ein seltsamer begriff, der nur ausgrenze, sagte eine frau, die sich ins gespräch eingemischt habe. Sie zitierte einen schriftsteller: Und heimatlos sind wir doch alle.

Hildes sohn, der in Finnland lebt, ist schwer krank. Sie will zu ihm fahren und ihn pflegen. Alles klang sehr traurig.

Ich kenne Hilde jetzt schon seit fast 50 jahren. Wir wohnten nicht weit auseinander und besuchten dieselbe schule. Sie war zwei klassen über mir.

Mit 18 war ich in Hilde verliebt.
Schlag dir das aus dem kopf! war ihre einzige reaktion.
Freundschaft kann manchmal liebe überdauern.

Lange zeit hatten wir uns aus den augen verloren, bis wir uns mit 30/32 wiedertrafen.
Wo warst du so lange? war ihr erster satz.
Und du? fragte ich.
Nirgendwo und überall, antwortete sie. Seitdem schreiben wir uns fast regelmäßig oder treffen uns spätestens alle zwei drei jahre.

Los, geh in die knie, bück dich, du hure! Was lachst du so? Hast noch nicht genug? Warte …

Dann schlugen sie auf Hilde ein, bis sie stumm am boden lag, traten sie blau und blutig und rannten davon. Die umstehenden rückten näher und schauten auf sie hinab. Als der leblose körper plötzlich einmal zuckte, gingen sie weiter.

Ich mache mich auf den weg zum Briefzentrum 39.

Sinnbettungen

Donnerstag, Oktober 3rd, 2019

Bewußtseinspreziosen
voller Herz
in Fabeln;
nacherzählend
vom Tränenflug
im Rätselspruch

El año de los niños sagrados

Montag, September 30th, 2019

In der Grundschule, die ich heute im Rahmen einer Veranstaltung besuchte, hingen selbstbemalte Pappen aus. Die Sechs-bis Zehnjährigen, die sie erstellt hatten, besaßen offensichtlich ein ausgeprägtes Gespür für den ihren Alltag beherrschenden Zeitgeist und seine massenmedialen Abgesandten.

Mir wurde ein wenig kulturrevolutionär zumute, als ich die Kunstwerke näher zu betrachten begann und erahnte, was sie wohl gesellschaftspolitisch Bedeutsames zu verraten schienen.

Da war es, ein eher seltenes Gefühl, das sich in der oberen Magengegend einstellt, wenn einer Person bewußt wird, dass gerade etwas Wichtiges bezeugt wird, etwas, das prägend ist und die Wahrheiten jener Zeiten für immer tief in ihre Seele brennt.

Das Bonmot, die Revolution fresse ihre Kinder im Sinn, lief es mir eiskalt den Rücken herunter. Diese Grundschulkünstler: die Revolution, ich: ihre Kinder. Was ihre Plakate implizierten, war deutlich. Das neue Gebot: Fahrräder (grüner Haken). Die Verbote: Fleisch, Käse, Autos, Kreuzfahrtschiffe, Flugzeuge und dass Schlangen Plastik fressen.

Soweit, so radikal. Als ich jung war, kamen mir Gleichaltrige oft zu unpolitisch vor, zu konsumgeil und zu gemein.

Doch in den Hinterlassenschaften der hiesigen demographischen Repräsentanten schwelte offensichtlich noch etwas weitaus Düstereres – Angepasstheit, gepaart mit gleichgeschaltetem Eifer. War es eine junge Lehrerin vom Bund deutscher Meisenliebhabex, die das Feuer entfacht hatte? Oder vielleicht ein Geschwisterkind in der Hipsterjugend? Ihre glutenbefreiten, veganen Mütter? Schwer zu sagen. Der fanatische Eindruck bekommt jedenfalls ein identitär-religiöses Göring-Eckhardt-Moment: “Wir gehen auf die Straße und sagen: Bitte Klima! Verzeih uns doch!”

Ich muss einschieben, ich bin keiner von den “eigentlich bin ich ja keiner von denen”-Typen.
Wenn also die forenflutenden Rechtspopulisten, diese saublöden Arschlöcher, mit Stichworten wie “Klimareligion” polemisieren, dann triggert das nicht, oder würde mich das mit Wut im Herzen unterschreiben lassen. Aber dieser Begriff kam mir nun tatsächlich in den Sinn.

Ist da vielleicht etwas Messianisches im Gange? Mit Greta existiert immerhin eine Prophetin, inklusive Autismus – anstelle der klassischen Epilepsie – als modernes “Gott-nah-sein”, die das Wasser überquert hat, dazu die Verklärung einer, von den Anhängern als Dogma anerkannten, jedoch kaum en detail nachvollziehbaren Wissenschaft und, last but not least, die Hinwendung zu einer inquisitorischen Durchdringung aller Gesellschaftsbereiche mittels der reinen Lehre. Den neuen Kinderkreuzzug nicht zu vergessen.

Ich lebe in einem Bezirk, in dem die Grünen die absolute Mehrheit errungen haben und bin insofern einiges gewohnt. Gerade gestern habe ich etwa erfahren, dass die umgebenden Straßen für Durchgangsverkehr gesperrt werden und auf allen größeren Straßen Tempo 30 herrschen soll, an Wochenenden allerdings Tempo 0, da dort dann Spielstraßen auf eimsbüttler Biomütter mit ihren kleinen Emils und Lenas im Schlepptau warten. Wie Schwerter zu Pflugscharen, werden Nebenstraßen nach und nach zu Sackgassen umgewidmet. Und jedes neugebaute Haus muss nun eine Solaranlage vorweisen, sonst wird der Zutritt zur schönen, neuen grünen Wohnwelt von bauamtlichen Hohepriestern verwehrt.

Was mir sauer aufstößt, was mich wirklich nachdenklich macht, ist, dass die ursprüngliche Verzweiflung “todkrank ist dein Weltenerbe!” sich in Wahn verwandeln kann “und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt”, dass sich ein Mitläufertum, das den Totalitarismus begünstigt, herausbildet und Antistagnativ-Anarchisches in Kindern mithilfe frömmelnder Zombies (Mangelerscheinungen) früh, allzu früh erstickt.

Selbst wenn mit den Grundlagen und Zielen hunderprozentig übereingestimmt wird, wenn also die Differenzen nur den Stil betreffen würden, so ist es doch dieser Stil, der am Ende die Gesellschaft nicht nur umweltpolitisch, sondern gesamtheitlich – eben auch und gerade – verhaltensoktroyierend transformiert.

Die schwarze Pädagogik, hat sie sich ein grünes Fell übergezogen, lauert der Ökofaschismus tatsächlich hinter der nächsten Fahrradstraße?

Das sicher nicht, nur ein Aufmarsch der grünen Garden.

[Ich hatte Zweifel, diese Polemik zu schreiben, habe mich aber aus gegenwartsgeschichtlichen Gründen dafür entschieden. Und aus Gründen der Selbstkritik.]

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Hum.b*UG

Donnerstag, September 19th, 2019

- Was man nicht alles gelesen haben muss, um dazu-zu-gehören
- Die Regeln der Kommasetzung, Getrenntzusammen- und Kleinschreibung, bes. nicht am Anf.
- Die Zeichensetzung als Beispiel für das Verfahren der Setzung, zus. die Fristenregelungen im Wid.falle
- Die Gebührenordn.
- Manches andere, der Allseitigkeit wegen
- Plusminusmalgeteilt und den Dreisatzansatz
- Wie man Dinge richtig auswändiglernt
- Anstelle des Sütterlins eine liberale Schönschrift
- Kurvendiskussion als kreatives Minimum für den rationalen Diskurs
- Eine Fremdsprache eigener Wahl außer Russisch, Türkisch, Arabisch oder Chinesisch
- Bedingungslosen Respekt vor der Oberprima
- Heidelbeerwein
- Bugwellen in den Stoßzeiten, immer mehr in immer kürzerer Zeit
- Die Kunst der Atteste
- Die Kunst, eine angefangene Seite vollzuschreiben
- Die Fähigkeit, Neukonkurrenten rechtzeitig zu beklatschen (auszulachen)
- Die Fähigkeit, sich auf die eigenen Fähigkeiten nicht zu wenig einzubilden
- Die Kunst der Konversation
- Dreimal die Kunst im Namen der Wissenschaft
- Das Einjährigenfreiwilligenzeugnis samt der Stiefel
- Respekt vor dem Kaiser auch nach seiner Abdankung
- Und optional Kenntnis von den Zustimmungswerten bei den Volksentscheiden über die Landesverfassung 1946 in Hessen und Sachsen oder über das Gesamtgewicht der 1947 über der alten Hauptstadt abgeworfenen Rosinenbeutel
- Fähigkeit zu beweisen, dass das alte Neue und das neue Alte zwei sind und dass Einheit von Odin-Otschestwo stammt

Endlich Strammeln

Montag, September 16th, 2019

Frühmorgens kommt der Stinkefuß
Verpaßt mir einen Hinkekuß

Es trillerpfeift ein kleines Maul
“Papa : lieg nicht rum so faul”

Ob tot : ob foht oder lebendig sind sie
Meine Kinder : Mara : Ulf & Thomas

Wenn sie sich um mich versammeln
“Papa : hör jetzt auf zu gammeln”

Spätabends wenn ich fallend lalle
geil & giftig : Galle genschelnd

Stoltern durch die Klingklanghalle
Wo die Kinder stehn & stammeln

“Papa : laß uns endlich strammeln”

Für August, Mara, Ulf & Thomas

Berliner Ballhaus

Dienstag, August 6th, 2019

Das also ist Berlin : ein Hinterhof
Berliner Ballhaus : schwarz
Biergarten : innen verwirbelt
Farbig : alle Kontinente tanzen
Hier : außer Australien

Skepsis weicht der Sepsis
Lächeln weicht dem Schwächeln
Schnelle Schritte : fitte Mitte
Zehweh dreht ums Viehknie
Der Drink ist ein Wink : link

Morgens um drei sind wir dabei
Warten : warten : bis die Flieger starten
New York : Helsinki : Shanghai
Preußen : Sachsen : Walachei
Das Leben : halb vorbei

Parque De Las Memorias

Samstag, Mai 25th, 2019

für Bernardo Serrano Velarde, 1949-2016

ich kam nicht bis Cochabamba
noch nie über das meer
an seine andere seite
nicht über den äquator zu anderen sternbildern
inti heißt dort die sonne
irgendwo im dschungel in einem dorf
haben sie den Che erschossen
vielleicht hörtet ihr denselben wind
dieselben stimmen aus der rinde des quebrachobaumes
die euch warnten weiter zu gehen
du erzähltest mir einmal von der reise der schwäne
sicher sind es singschwäne
ich höre die melodie auf einer knochenflöte
den pullover aus alpakawolle gibt es nicht mehr
irgendwann trug ihn noch meine frau
vientos y rosas nanntest du deine poeme
ich hatte sogar angefangen spanisch zu lernen
einmal im leben wollte ich nach Cochabamba
nach La Paz vielleicht ein stück weit auf den illimani
und um den see
mit einem schilfboot übersetzen in das andere land
aus dem panzer eines gürteltiers weht ein lied herüber
bis in den friedwald nach Cochabamba
du liebtest lieder auf guitarren und trompeten
solche von der mexikanischen art
morgen gleich in der früh
werde ich winde und rosen lesen
die zeit ist die antwort

Clarissa

Mittwoch, April 3rd, 2019

„Du wolltest mir etwas zu den Bildern erzählen. Das rechte stammt aus dem achtzehnten, das daneben aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert. Wie soll ich das begründen?“ Clarissa, die Freundin neben ihm, mit dem Schal aus roher Seide, lenkte ihn ab in seiner Konzentration mit Fragen, während er vor seinem geistigen Auge alles auf Tapete brachte, seinen Film drehte, in dessen Zentrum nun ein obskurer Hintern thronte. In Gedanken feilte er an seiner Arbeit, blieb heute Clarissa manche Erklärung schuldig – wegen eines Hinterns, der ihn anfangs langweilte, was nicht ganz gefahrlos war. Clarissa brachte es immer noch nicht fertig, jenseits der ausgetretenen Pfade etwas zu entdecken, das sie als ungewöhnlich in die Diskussion einbringen konnte.

Der Hintern stand still und bewegte sich nicht. Der Mensch, dem er gehörte, war hoch aufgeschossen und sah, wie er jetzt feststellen musste, nicht nur etwas altmodisch gekleidet aus, sondern er schien sich geradezu auszuleben in dieser Pose der Vergangenheit, die durch seine Haltung, ja durch seinen ganzen Habitus, schon wieder etwas Futuristisches bekam. Eine Art An-, eine Vorausdeutung in eine Welt, die tatsächlich etwas weiter zurück lag in der Zeit, aber niemals, niemals so weit zurück, dass er sie nicht mit den Händen hätte greifen können, kein weiter entferntes Gegenüber als das der Landschaftsbilder, über die er mit Clarissa soeben debattiert hatte, kein Gegenüber wie eine Tapete, sondern ein Mittendrin, ein Hypnograph in der Hypnobar, ein Fingerzeig.

„Kennst du den?“ neigte er sich zu Clarissa herüber. Sie nickte. „Ich glaube, der gehört zur Akademie. Ist einer von  Prof. Ziegenbarth.“ „Von Ziegenbarth? Zu dem kommen doch nur die Guten.“ „Ja. Die Guten. Die ganz Guten.“ Ihr Schal aus Rohseide warf sich in Falten um ihren Hals und auf den schwarzen Glastisch, und er hatte, wie ihm eben auffiel, ein Muster im Jugendstil, so etwas fast Obszönes in seinen Windungen, wie die Zeichnungen von dem Beardsley.

Vom Tod erwachen

Mittwoch, März 20th, 2019

Gemütlich : warm : eingerollt
Auf dem Boden : vom Stuhl gestürzt
Nach zwei Tagen Fieber : Fasten
Ein Süppchen gab mir

Den Rest : den Schuß : Ernüchterung
Als ich aufblicke : eine Traube
Menschen : um mich geschart
Eben noch sah ich sie an ihren Tischen

Sitzen und löffeln : fröhlich : nun
Ziehen sie besorgte Gesichter
Bestellen ein Wasser für mich
Rufen den Krankenwagen : wenigstens

Der Puls soll gemessen werden : ob ich
Epileptiker sei : ich träume : eingerollt
Auf dem Boden : Vater fährt nackt
Auf dem Hometrainer : eine Kamera

Rückwärtsgewandt auf dem Schutzblech
filmt : wie er schwitzt
Am Geschlecht : davon wußte Mutter
Nichts : zumindest sprach sie nie

Davon : ich erhebe und schüttle mich
Leere das Glas und radle davon
Bevor mich die tönende Blaue Blume
vom Krankenwagen küßt

Re: Reflexionen aus dem beschädigten Leben (Flucht und Wiederkehr XXIX)

Mittwoch, Februar 20th, 2019

Archie tänzelt, hält das Spielzeuggewehr erst vor die Brust, dann über die Schulter, als schieße er eine Bazooka ab, schließlich hält er es sich vor das Geschlecht, “Phew, phew, phew”, seine Stimme klingt hoch, es wirkt absurd.
Um ihn herum lacht die Menge, wirft Münzen. Archie, dessen Sonnenbrille schief über seinem fehldenden Auge sitzt, simuliert noch einen Kopfschuss und tritt einer imaginären Leiche gegen den Kopf, steht dann urplötzlich stramm und grüßt, Hand an der Stirn.

Archie trägt auch heute wieder eine saubere Flecktarnuniform, er wohnt mit seiner Mutter, erzählt er nach der Straßenvorstellung, sein Vater sei vor seinen Augen getötet worden, als er neun Jahre alt war.
Auf die Frage hin, ob er davon träume etwas anderes zu machen, beginnt er zu weinen.

Sein Dilemma: das Trauma ist zugleich Einkommen. Über den rauchenden Trümmern seiner Kindheit spukt die ewige Wiederkehr. Archie Toulee, einst Soldat im Dienste verrohter Männer, die rituelle Kleinkindtötungen zur Stärkung der Kampfmoral der Sippen vollzogen und das Fleisch ihrer Feinde aßen, um Macht zu demonstrieren, die auf den Straßen Monrovias hungrigen, zehnjährigen Klebstoffschnüfflern Kalashnikovs an die Hände banden, dieser Archie Toulee tanzt alle Tage den Special Forces-Tanz.

Der Filmemacher entschuldigt sich bei ihm. Die Sequenz endet, indem wiederholt erst Archies Tanzschritte und anschließend Archivbilder von Kämpfen und Hinrichtungsszenen gezeigt werden. Identisch das Tänzeln, Treten, Zielen, die Salven, die Bazooka, das Schiessen von unten. Kinder, die den Schwerpunkt des Gewehres verlagern mussten, weil sie so jung waren. Kein Lachen, nur Sprachlosigkeit ob der Sinnlosigkeit, der fehlenden Gerechtigkeit eines kalten Universums.

Korn das keimt, aber der weitere Regen bleibt aus, eine Gazelle, die Sekunden zu spät geboren wird und noch nicht zu rennen vermag, das ausgesetzte Kind, dessen Mutter vor Hunger keine Milch mehr geben konnte. Und Archie, Mahnmal einer Generation, die im Sog der Katastrophe wie ein kalter Wind um die aufreizend unsichtbaren Kleider des moralischen Menschen stob.

Denjenigen, die erwidern, es gäbe ja auch Gutes, es gäbe inmitten des Scheiterns auch trotzendes Glück, übersehen, dass kein getränkter Halm, kein trabendes Kitz, kein sabbernder Wonneproppen und kein glücklicher Archiebald jemals darüber hinwegtäuschen könnten, dass die einzige Ebene, auf der gerechter Friede zu herrschen vermag der Gedanke eben daran ist – geprägt in einer Welt des Leids, deren Gesetze Ambitionen dessen abbilden, was sie gebar. Der freie Wille ist tot, lang lebe der freie Wille.

 

Rio Reiser – Menschenfresser Menschen

Archie Toulee (in: Larry Charles Dangerous World Of Comedy E1+2)
Archie Toulee

Bruchstücke

Dienstag, Februar 19th, 2019

du suchst Spuren
in den Sand verweht
vielleicht steht das Lächeln

vor der Wand

zwischen Wellen gehst du
auf fließendem Grund
dein Singen gehört schon dem Wind

auf meiner Haut

Annonce nicht

Freitag, Februar 8th, 2019

Anschauung sucht

Keine Form, endo

Plasmatisches Nicht

Retikulum, Rati

Bor unterm Stein

Edita deditora, pa

Dam, Damm, ä/e

kabul

Sonntag, Januar 6th, 2019

wieder für Granaz Moussavi

wir sprachen farsi und schnitten
zweige aus den kirschbäumen
im garten blühten reine verse
auf der straße vor dem haus
ratterte ein alter motorroller
und ahmad schlug auf seinen esel ein
schneeluft wehte von den bergen
sangen mädchen im radio
sirisirin
du bliebst stehen
die menge rannte weiter einer steinigung
hinterher
wir sprachen farsi und schnitten
zweige aus den kirschbäumen
im garten blühten reine verse
ahmads esel hatte sich losgerissen von seinem karren
und blieb stehen vor dem haus
am ende der straße
brachtest du ihm frisches gras
und reine verse

Ein Samen

Montag, Dezember 31st, 2018

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wir waren atomdichter

Sonntag, Dezember 16th, 2018

wir waren atomdichter
und sprachen mit den basalten
unsere eltern zogen über die gletscher
unseren kindern gaben wir namen
wie sonnenschein zukunft oder hoffnung
auf ein besseres leben warten wir noch

auf den schneefeldern hinter dem fjord
landeten drohnen geophysikalische messungen
der schwere und des magnetfelds von spalteneruptionen
einer paläoerde trieben fremde forscher ins land
ein paar sind geblieben
sie verliebten sich in unsere elfen

skaldendichter sangen verse über feuchten torf
zeichen aus flechten und gletscherschliffe auf steinen
ein mann eine frau eine hauswiese
auf ihr grasten schafe und pferde
im wollgras das sich im wind wiegte ruhten stimmen
der jeep vor dem haus hatte kein benzin mehr

im jahr des großen ascheregens verfinsterte sich der himmel
kinder verhungerten frauen und männer
eine insel wurde geboren
flugzeuge verloren die orientierung und fielen vom himmel
du summtest ein wiegenlied
in ihm trockneten stockfisch und walfleisch in klarer luft

Salomenia (Flucht und Wiederkehr XXVIII)

Samstag, November 17th, 2018

Das junge Mädchen wandelte, des ewig brennenden Himmels reich, Welten,
verschwebte inmitten halb rauwinkliger, halb erträumter Städte,
passierte gelb und blau mit einer Lilaterne,
schwamm hungersüß als Morgengrau, hetzte geifernd um die Schluchten.

Rückwärtig schwärmwankte die Prozession im Gleichschritt,
schrillte verzerrt umspulte Liturgien, eine obsidiannadelnde Klangwolke,
die Tiefenwahn umschlang, versank vor fahlem Springgiftlicht.

Um keine Angstdurft verlegen, fieberte ihre weichgezeichnete Masse
nach Ohren, die ihr hölzernes Stöhnen erhören mochten,
der einen Stimme, die sie ihr salziges Dürsten vergessen ließe,
nach dem letzten Ziel ihrer pechschwarzen, an die wüsteste Ferne verlorenen Masada-Augen.

Einen Sturm ohne Regen verkündeten Posaunen am Totenmeerhang,
es wurde Helltag und still, braungeronnen Bäche entrückten Bluts und
auf der Rampe versickerten Tränen eines abkriechenden Schattens.

Liebe – Versatzstücke

Montag, November 12th, 2018

Liebe atmet: Ein. Aus. Füllen. Leeren.
Ein ungutes Gefühl und der kalte Luftzug des Misstrauens bahnt sich seinen Weg, bis er auf die Liebe trifft, das nebulöse Etwas, das das Herz umhüllt. Kalte und warme Luftmassen. Inga denkt an die Lehrbuchseite: Ein dicker blauer Keil schiebt sich unter ein rotes Feld, drückt es nach oben. Wohin? Raus, weg. Übrig bleibt der blaue Keil voller Kälte. Er legt sich um die Nieren, bohrt sich in Ingas Lunge, umklammert ihr Herz.

Für einen kurzen Moment könnte Inga den physikalischen Prozess, der dann folgt, anhalten, ihn verhindern. Doch warum sollte Inga das tun? Sie hat keine Angst vor der künftigen Leere. Sie hat eine Wärmflasche, einen Teepott, Bücher. Es wird sein wie immer: Es schmerzt weniger am Tag, dafür mehr am frühen Abend. Die Augen werden brennen, weil sie trocken sind vom langen Starren. Inga weint nicht, Inga starrt. Sie wird im Bett sitzen und die ziegelrote Wand ihr gegenüber anstarren. Auch wenn sie es vermeiden wird, in den Lichtkegel der Lampe zu blicken, die auf der Kommode vor der ziegelroten Wand steht, so werden sich ihre Umrisse in Ingas Netzhaut einfräsen. Und wenn Inga den Schmerz des frühen Abends tief wegatmet, vor Erschöpfung steif zur Seite fällt und erleichtert die brennenden Augen schließt, bedecken ihre Lider den eingefrästen weißen Punkt. Dieser Punkt wird sie tröstlich durch die Nacht begleiten.

Am Morgen wird Inga froh sein, allein in der Küche zu sitzen und den Tag wieder nach ihrem Rhythmus leben zu können. Es wird sich diesmal jedoch nicht vermeiden lassen, dem Schmerz zu begegnen, der zwei Hauseingänge weiter wohnt. Wie jeden Morgen werden sie sich entgegenkommen, sie auf dem Weg zum Bus, er mit dem Rad und einem Kaffeebecher balancierend auf dem schmalen Gehsteig. Sie ahnt seinen schlanken Körper, sie riecht den Schmerz, der auf sie zukommt. Sie spürt seine Wärme, streift unmerklich seinen Arm im Vorbeigehen, aber sie sieht ihn nicht. Starrt durch den Schmerz hindurch, läuft an ihm vorbei. Inga lehnt sich an die Hauswand. Einatmen, ausatmen. Füllen, leeren. Sie streicht mit dem Finger vorsichtig am unteren Augenlid bis zur Nasenwurzel, schaut sich die schwarzgefärbten Rillen auf der Fingerkuppe an.

Der Verlust ihrer Liebe macht Inga stimmlos. Inga und ihre eigenartigen Krankheiten:
Als die Eltern anfingen, bald täglich zu streiten, als ihre Mutter mit Sonnenbrille auch in der Wohnung rumlief (sie hätte eine Bindehautentzündung), als der Vater immer häufiger eigenartig roch (er hätte zuviel Kaffee getrunken, daher rieche er so säuerlich), legte sich ein Stromnetz um Ingas Herz und gab ihr ab und zu einen heftigen Schlag, so dass sie zu Boden ging und ihre Mädchenbrust mit der Faust fest umschloß. Ihr Atem wurde ganz flach, so dass Inga letztlich nur noch ausatmete. Lass. Los.

Als ihre erste Liebe erlosch, konnte Inga nicht mehr schlucken.
Als ihre zweite Liebe erlosch, wurde Inga stimmlos.

Inga weint nicht. Inga spricht nicht. Sie starrt. Sie verstummt. Ihre Augen brennen vor Trockenheit. Ihre Lippen liegen fest aufeinander. Es kostet Inga aber keine Anstrengung, das Gesicht bleibt glatt, der Kiefer ist entspannt, die Zunge liegt in der feuchten Mulde zwischen den unteren Zähnen, vom Mund verschlossen. Inga sitzt im Bett, starrt die ziegelrote Wand gegenüber an und wundert sich: Als die Liebe sie wie ein warmer Luftstrom ausfüllte, strömte sie gleichzeitig heraus und herein. Nun, wo das kalte Misstrauen sich breit gemacht und die Liebe verdrängt hat, verschließt Inga ihre Lippen. Kalt schneidet sich die Luft durch ihre Nase, warm fließt es durch sie heraus. Sollte Inga nicht besser die Lippen öffnen, den Kiefer weiten und die ganze Luft in ihr herausschreien? Sie hat es versucht, ein stummer Schrei, es brannte in der Lunge. Schnell schloß Inga die Lippen, plinkerte am weißen Lichtkegel der Lampe vorbei die ziegelrote Wand an, zog die Decke über die Schultern und ließ sich erschöpft zur Seite fallen.

Youth of Today (Flucht und Wiederkehr XXVII)

Samstag, Oktober 27th, 2018

Schweine suhlen sich im Schlammbad, sie grunzen laut, rempeln und beißen, werden mit Abfällen gemästet und schließlich geschlachtet. Der Schweinebraten auf meinem Brötchen schmeckt heute ungewöhlich saftig, was wohl eher der Butter, denn der Qualität des Fleisches zuzuschreiben ist.

In der U-Bahn, die aus der Innenstadt kommend Richtung Langenhorn fährt, sitzen zwei Jungen, denen dieser Genuß bisher wohl verwehrt blieb. Ihr aufgeregtes Gespräch thematisiert, dass sie 12 und 13 Jahre alt sind. Einer von ihnen heißt Mo und der andere Mu. Sie tauschen sich in einer altersüblichen, ungefähr fünf Satzbauteile umfassenden Sprache mit einem sch-lastigen, Zweit- oder Drittgenerationsakzent aus. Jenseits von ununterbrochenen, gegenseitigen Drohscherzgebärden sind ihre Themen der Deutschlehrer, der den Eltern von ihrem Rumhängen berichtet hat, Boxtraining (“Diesmal aba auf Kopf, isch schwör!”) und Musik. Hier zählt für sie insbesonders, welches Lied schon 35 Millionen Aufrufe erreicht hat, um dessen Signifikanz nachzuweisen und am Abglanz ein klein wenig teilzuhaben. Sie reden laut, sehr laut, da ihre Kopfhöhrer, die die Umgebung  mit der disputierten Retortendancemusik unangenehm passivbeschallen, die Kommunikation untereinander ziemlich erschweren.

Die deutliche, allzudeutliche mundwinkelverzogene Ignoranz im Sinne eines unendlich lauten Schweigens der sie Umgebenden ihnen gegenüber löst keine sichtbare Reaktion aus – spüren sie wirklich nicht, wie die Mitmenschen im gefüllten Waggon sie wahrnehmen und, wie sie zurecht vermuten dürften, angewidert gewähren lassen?

Wenn doch, dann lassen sie es sich in keiner Weise anmerken, sie müssen verdammt gute Schauspieler sein und latent nur darauf warten, dass jemand die Geduld verliert und sie anspricht, um sie so noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen. So oder so, ihr den Erträglichkeitskodex öffentlicher Verkersmittel brechendes Verhalten verleiht ihren nach Zuspruch lechzenden Egos in Kombination mit Undercutfrisuren und Trainingsanzügen eine teerige Ersatzsubstanz zu psychosozialem Anpassungsdruck.

Während meine Gedanken die Mos und Mus dieser Erde reflektieren und den ihnen gemeinen, die soziale Entkoppelung kaschierenden Kit – mit nationalistischen und religiösen Zusätzen versehener, kapitalistischer Kulturfastfood – kommt mir in den Sinn, wie sehr sie sich gleichen, von Hamburg bis Wien, Marseille bis Manchester und Atlanta bis Guadalajara. So indokritniert wie sie sind, brauchen sie, bereit sich die Köpfe einzuschlagen, kein Sparring mehr, um nach althergebrachtem, spartanischen Ritus ihren Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen. Nichts, verinnerlichten sie, wird geschenkt, alles muss verdient werden; Rechte, welche Rechte? Dog-matismus, Hunde wir, alles Hunde.

Und Hypokriten. Als ich jung war, habe ich manchmal die Beine auf Sitze gelegt und auf meinem Diskman laute Rockmusik gehört. Ende der Neunziger rauchte meine Clique spätnachts in einem fast leeren Waggon weit hinten einen Joint und (unsere nach Zuspruch lechzenden Egos) hofften, die Mittvierziger am anderen Ende würden zu uns rüberkommen und um einen Zug bitten, so viel zum “Erträglichkeitskodex öffentlicher Verkehrsmittel”, naja, in einem gefüllten Abteil hätten wir das wohl nicht durchgezogen. Damals wollte ich ein Hippie sein, da ich dafür aber über dreizig Jahre zu spät geboren war und da kognitive Dissonanz keines meiner Talente darstellt, konnte ich die Erkenntnisse der Folgezeit nicht aus meinem Denken ausblenden – was mich dieser Tage zu einem relativ schlechten Alternativen (in Deutschland) macht – und eine gleichgeschal…gepolte Interaktion mit der heutigen, urbanen Szene erschwert.

Da ich zudem des traditionellen Lamentierens der Alten über die Jungen gewahr bin – der Titel dieses Textes ist im Übrigen ein wunderbares Musikstück (allerdings ohne 35 Millionen Aufrufe – ebenso wie dieses andere Stück der selben Band, dessen Schlussminuten genau das erkennen lassen, was m.E. fehlt)-, versuche ich jenseits eines kaum vermeidbaren, zynischen Subtextes die Frage zu stellen, ob Verrohung und die mehr oder weniger unbewußte Reaktion darauf nicht vielleicht nur subjektiv zunimmt.

Der Vergleich meiner Jugend mit der von Mo und Mu ist natürlich nicht mehr als intuitiv, Geschichte mag sich reimen, aber sie wiederholt sich nicht. Was mich wirklich stört, ist einerseits das von Mo und Mu unartikulierbare Gefühl von Ohnmacht der Gesellschaft und der eigenen, fragilen Substanz gegenüber und anderseits das Unvermögen von mir, in der Lebenswelt von Mo und Mu etwas zu entdecken, woraus ich die Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft ableiten kann.

Mir scheint, es ist keine Brücke möglich. Meine Rebellion bediente sich der Symbole der idolisierten Vorgänger, es bestand eine gewisse Kontinuität des Aufbegehrens – Jazz, Rock der 50er, die psychedelischen 60er, der progressive Sound der 70er, Funk, Reggae, sogar Hardrock der 80er und Grunge der frühen 90er hatten alle eine gemeinsame, mit den Vorgängern kompatible Hintergrundschwingung.

Dann, als wäre sie ein Echo des zusehends neoliberaleren Zeitgeistes, setzte mit der Technobewegung und Statussymbolhiphop der Bruch ein und wurde durch die austauschbare Dancemusik der Millenials verstärkt, Mo und Mu sind die Kinder dieser Epoche, die mich krank machte. Ich schreibe bewußt ‘machte’, nicht ‘macht’, denn das ist seit zehn Jahren vorbei.

Als sie jedoch Mitte der Nullerjahre geboren wurden, fühlte ich mich mehr und mehr entfremdet, spürte, dass die Zeit, nach der ich mich immer gesehnt hatte nicht wiederkommen würde, dass ich schrecklich einsam am Rand der Geschichte strandete. Ich versank für zwei, drei Jahre in Depressionen, bevor es einer ebenfalls aus der Zeit gefallenen Frau gelang mein Herz aus dem Sumpf zu ziehen. Interessanterweise setzte um diese Zeit die Neo-Psychedelic-Welle ein und verband, scheint es, Teile der Generationen musikalisch wieder etwas.

Nur Mo und Mu erreichte deren Gischt nie, und nun ist es heutzutage so, dass ich Mo und Mu wie durch leichtes Milchglas wahrnehme, sie sitzen mir gegenüber und ich bin durchaus fähig Empathie zu empfinden, doch steht etwas zwischen ihnen und mir, das unüberwindbar ist – eine aufgrund der fehlenden, gemeinsamen, kulturellen Erzählung unvernarbte Kluft. Sie können mich sehen, aber erkennen mich nicht, sie können mich hören, doch verstehen nicht, woraus ich schöpfe, worauf ich mich beziehe.

Auf meiner Seite hingegen herrscht die abgeschmackte Vermessenheit vor, ihr scheinbar oberflächliches Dasein zu durchschauen, durch die vermeintlich seichten Pfützen ihrer Antriebe navigieren zu können. Wie falsch ich damit liege, ist mir nur allzu bewußt, denn was weiss ich von ihrer kranken Tante, von ihren liebevollen Familienritualen, von ihrer leisen Art am Abend? In Wahrheit ist der Anfang des Textes nichts als eine polemische Fingerübung, oder, nach Juvenal: „da fällt es schwer, keine Satire zu schreiben“. Nein, Verachtung und Ignoranz, die wohl häufigste erste Reaktion der meisten Mitmenschen auf die Begegnungen mit den Mos und Mus dieser Welt, stellen ebenso wie Mitleid keine Lösung dar.
Was tun?

Liebes Publikum, los, gib dir selbst nen Schuss,
du stehst doch auch enttäuscht und siehst betroffen
den Vorwand da und alle Münder offen.

Syrakus

Sonntag, Oktober 14th, 2018

Auf Sumpf gebaut : vom Meer umspült
Sicher nach drei Seiten : die Wellen
Tänzeln um die Mauern : wir schweben

Lautlos zwischen den Fischen
Bewundern die Geometrie : die konvexe
Schönheit der Farben : den Hebel

Haben auch wir nicht gefunden
Um die Welt aus den Angeln
Zu heben : nur unser Gewicht

Wird spürbar leichter : Auftrieb
Im Salzwasser : das hat Archimedes
Nicht bedacht : ungestört im Kreis

Drehen wir uns und schließen
Die Augen : wenn der Bus
Auf einer Tangente die Vororte

Kreuzt : während das Sonnenrad
Dreibeinig übers Meer rennt
Und es in Brand setzt

Uporigination (Flucht und Wiederkehr XXVI)

Donnerstag, September 27th, 2018

In der Traumzeit suchte, der Morgen graute
fern vom Stamm am großen Fels,
der Geist des ersten halbnackten Wesens,
euch Jungen gleich, malend nach den Ahnen.

Warum, fragte er, seid ihr nicht mehr als bloße Erinnerung,
strahlt durch euer Vergehen meine eigene Endlichkeit an
und lehrt mich euer Scheitern Demut oder
ermahnt es mich, eure Ohnmacht zu verfluchen?

Nicht kann ich jenseits meiner Gedanken Zeitenräume  durchschreiten,
dem ungewollten Tod in die Arme der Jugend entfliehen,
stets werde ich zurückgeworfen in den öden Busch, unter die gleißende Sonne,
stets ist alles was mir widerfährt Durst und Verzweiflung.

Die Zeit zu vermessen bedarf der Kenntnis des Raumes,
sie tanzen miteinander wie Fluten im Lauf des Mondes;
viele Wanderungen, endlose Jahre des Wachens unter Sternen,
unzählige Geschichten, Initiationen und das Wissen keimt.

Wie eine verborgene Wurzel in flirrender, rötlicher Weite aufzuspüren,
graben dessen Schüler unermüdlich nach den Geheimnissen der Beschaffenheiten,
finden Zeichen, entwickeln Sätze für das Kleinste, das Größte, für das Mischen von Stoffen,
formen Sprachen, beschreiben Dinge, die aus Natur und doch nicht heimisch in ihr sind.

Erfahrungen betten sie in den Zeitenregen wie Ameisen ihre Eier auf lebendige Flöße retten,
ihre Errungenschaften werden riesenhaft und bergesschwer,
Krokodilszähne der immer im Wandel begriffenen Gestalten fressen tief im Leib der Erde,
und ihr sumpfiger Atem legt sich als Schleier über klare Himmel -

Verzweiflung wird sie treiben und Durst, denn ich bin ihr Vater.

Ein Weltenbrand umstürmt ihre Erde und wie uns die Asche der Buschfeuer frisches Gras schenkt,
durchbricht Hoffnung ihre Trümmer, die Geister des Morgen verweben alle Träume,
alle Wirklichkeiten, erschaffen im Wissen um die Erzählung das Bewußtsein darin neu.

Was uns Hütern des Lichtes und der Wärme ein Feuerstein, ist ihnen die Zeitenhütte,
was uns die Sonne, ist ihnen ein Sandkorn,
was uns das Leben, ist ihnen ein Moment des Vergessens inmitten kreißender Ewigkeit.

Sie winken über einen breiten, anschwellenden Strom, gefährlich und verführerisch,
arrogant, unwissend, doch neugierig und liebenswert zugleich,
erlangen Macht über den Ursprung der Gedanken -

gießen sich Schlüssel zur Zeit, durchdringen Manifestationen aller Räume
und wenn wieder das Größte ins Kleinste eingeht, das Kleinste dann birst,
werde ich sie und sie euch, ihr Ahnen, geboren haben, wie ihr zuvor mich.

 

[1] , [2] , [3]

vaterland – mutterland

Sonntag, September 9th, 2018

vaterland – mutterland
für

im süden der acker
seine krume krümmte sich
unter deinem rücken
der staub lag bis zum nächsten sturm
auf den trockenen ähren
abseits ruhten in ihren gräbern soldaten
freunde wurden sie jetzt
fern der heimat

und leicht

wuchsen flügel aus knochen
alle welt sprach
von gefiedertem frieden

Olba

Mittwoch, August 8th, 2018

Bergbauidyll am Weltende
Was haben wir hier verloren
Was gewinnen wir

Zurück : es gibt kein Ende
Nur die steppige Einsamkeit
Der Wolfsrudel

Zusammen : getrennt
Jeder beißt sich
Für sich durch

Adler packen Karpfen
Kraniche verschlingen
Die Beute im Ganzen

atomdichter und zungenbecken (canto verbano)

Montag, Juni 25th, 2018

zog hallgrím an den gletscher
und log gedichte
über die geburt der basalte
reiste ugla die henne
im gepäcknetz vom nordland nach reykjavík
kam sie unter die räder eines straßenkreuzers
verlor sie ihr leben
da weinte das wollgras

wir lagen im gletscherbett
an seinem grund schlief der see
die berge ringsum
waren nunatakker
wurden geschliffen die inseln
geschleifte drumlins
trieben mit den booten dahin

tastete ich deinen finerokörper
grünes gestein
das sich geschält hatte aus seinem erdmantel
trug ich stimmen in die wälder
schürfte sich seine haut wund an der erdkruste

lief die schwarze katze von links ins bild
konnte das gedicht gelingen

erweiterte ich meine sammlung um eine muschelschale
legte sie zwischen das pfennigstück
und das welkgepresste
blatt eines bergahorns

wog hallgrím das gewicht des mittelatlantischen rückens

distanz

Montag, Juni 4th, 2018

zuerst schliefen sie zusammen
dann in getrennten betten
später in eigenen zimmern
in unterschiedlichen stockwerken
danach in zwei häusern
in verschiedenen orten
auf anderen kontinenten
schlief sie am nordpol
er am südpol

Solidaritätskippa oder die Reise zum toten Mehr (Flucht und Wiederkehr XXII)

Mittwoch, April 25th, 2018

Dieses eine, seltene Gefühl, das einen beispielsweise überkommt, wenn im Frühling der Himmel grau, windig und regnerisch, aber die Blätter der Straßenbäume jung und grün sind, wenn beschmierte Klinker-Häuserwände sich mit kleinen, bunten Altbauladengeschäften abwechseln – die eine Hälfte des Gesichtes traurig sein und die andere lächeln will.

Kurz vor Beginn der ersten Intifada steht der Junge – fünf Jahre alt – vor einem, ihm wie ein riesiger, bearbeiteter Monolith einer fantastischen Küste, ja eines fremden Planten entraubt erscheinenden, grauen Betonklotz inmitten der unbarmherzigen Hitze eines, so hatte er – erzogen von atheistischen Wissenschaftlern – gelernt, ‘heilig’ genannten Landes.

Seine Eltern und er, nach ihrer Ankunft ob ihrer Herkunft und Sprache mehrmals wie aus dem Nichts übelst, fast handgreiflich beschimpft, setzen ihm rasch eine kleine Kippa auf und betreten das Gebäude mit ihm. Er versteht nicht, was das gedämmte Licht, was die Tafeln mit den vielen Namen, die Bilder der so unglaublich mageren Körper, mit ihren traurigen und teilweise unendlich leeren Blicke bedeuten, er fühlt sich unangenehm berührt, empfindet gleichwohl, der kindlichen Gabe zur Empathie entsprungen, Pietät und schweigt, nicht wagend, den ihn umbegebenden fremden Gesichtern seine Antwort auf die Last der Zeit, die er der Welt an diesem Ort zu schenken bereit ist, offen zu bezeugen.

Er war zuvor durch Wüsten gefahren, hatte in Salzlake gebadet, belebte Basare und verfallene Stätten besucht, eine davon hoch oben auf einem Berg, durfte, auf dem Weg durch dieses öde und doch so wunderschöne Land auf den Schultern seines Vaters eine Pomelo am Rande einer Plantage abpflücken und im Garteninnenhof eines Freundes der Familie das unglaubliche reiche Bouquet jener Blumen erschnuppern, die dort gedeihen, wo die Sonne, anders als in seiner Heimat, Gesetz ist. Ein unsichtbarer Gott, ohne Namen – Richter ist Er.

In Betlehem war man mit ihm in eine Grotte, die Geburtshöhle hieß, herabgestiegen, auch dort schien ein diffuses Licht, doch die Wände schmeichelten – leicht feucht, fast rund, als hätten die Hände tausender Besucher sie geglättet – und der Weg gewundener, ohne Ecken und Kanten gespickt, ja, das einzig gerade dort unten, dachte er, hatte in den Planken der Stege und den Brillen der Besucher bestanden. Er erinnerte sich daran, den Ort genossen zu haben, vielleicht nicht so sehr wie den Garten, das Picknick mit der selbstgepflückten, unbekannten Frucht, oder den Blick vom Berg in die schier endlose Ebene, aber doch, es war angenehm gewesen dort unten.

Hier hingegen, so überkommt es ihn, war ein bleierner Vorhang zwischen allem, was ihm in diesem Land begegnet war gezogen worden, der Ort war der Ausdruck purer Hoffnungslosigkeit, alles Organischen beraubt, die unmenschliche, dunkle Strenge der Formen dieses Gedenkens bedrückte ihn, drohte ihn zu begraben, zu ersticken, jene ausweglose Ernsthaftigkeit eines unvorstellbaren Mordgewitters, dessen Essenz anschließend zu diesem Sarkopharg erstarrt war und nun mit seiner kleinen Seele rang. Ein Lächeln, war er sich sicher, nur ein stilles Lächeln voller Hoffnung und Liebe konnte ihn, konnte die Welt von dem Fluch, der diesem Ort innewohnte, erlösen.

The Egoism of Genius (I)

Samstag, April 14th, 2018

Trägheit
Völlerei
Eitelkeit

Hodenkunst

(… bei wem-auch-immer
es staubig ist …)

? Personen trinken Kaffee für
1 € pro Tag. Payable Psychiatrie.

Neid. Testaments-Vollstrecker.

(Knorpelfische sollten dichten)

oweh Aquarium Marienheim.

A Day In The Life (Flucht und Wiederkehr XXI)

Donnerstag, März 22nd, 2018

“Elle est de Livron-sur-Drôme”, flüsterte ein Geist. “Liesville-sur-Douve!” ein anderer, “Les Sables-d’Olonne!” der Dritte. Oh, das kenne ich, da war ich schon, erinnerte  sich der Zeitreisende mit großen Augen und ein Sommer streichelte seine Neuronen.

Die Sonne schien hell, ein Wesen – mir zutiefst ähnlich und doch fremd, eines lebendigen Spiegelbildes gleich – saß in der Küche am Fenster und im gleißenden Licht tanzten kleine Staubpartikel freundlich flirrend umher, während im Garten, hinter der Terrasse, silbrige Gräser wie Harpien durch Februarwind nach Beute jagten. Alles schien synchron, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.

Das Bad, dessen hellrosa Granit atmete und zerfloss, ihr Haar, einen Körper umschmeichelnd, dessen Umrisse Botticellis Venus nie ähnlicher gewesen waren, Reflexionen des schaukelnden Wassers, überall Lachen, ein Lachen voll des Glücks ob des Lebens, voll der Angst ob des Todes, ein Lachen, alles zu vergessen und für ewig in Wellen aufzugehen.

Die Gedanken an Verrottung durch Alterung, an Rettung, Unsterblichkeit – Galaxiehaufen umfassende Superzivilisationen erstanden auf und versanken – Ahnungen vom Größten im Kleinen, Synapsenclustern und Frieden des Atmans; schwebender Staub im warmen Sonnenschein hinter einer, den Winter aussperrenden Scheibe — die Gedanken.