Zinseszins

„Der Zinseszins ist das achte Weltwunder. Wer ihn versteht, verdient daran, alle anderen bezahlen ihn!“ (Albert Einstein oder sein Schatten)

Einst von Benjamin, Foucault und Luhmann geprägte Sinnsucher, nach erfolgter Familiengründung im reifen Professorenalter konservativ gewendete Denker wie Norbert Bolz unterscheiden nicht zwischen Kapitalismus und Marktwirtschaft. Ich unterstelle, für sie ist beides dasselbe. „Ich glaube an den Kapitalismus“, bekannte Bolz in einem Interview am Sonntag. Vielleicht meinte er ja die Marktwirtschaft. Marktwirtschaft und Kapitalismus – ökonomisch kann es kaum einen größeren Gegensatz geben.

Kapitalismus ist der Verhinderer von Marktwirtschaft, Marktwirtschaft bringt – wenn keine Vorkehrungen getroffen werden – Kapitalismus hervor. Insofern bilden sie einen kontinuierlichen Übergang und einen Antagonismus zugleich. Marktwirtschaft: das ist das Spielfeld der Talente, mit pragmatischer Intelligenz (Bauernschläue, Unternehmergeist) die Bedürfnisse der Menschen aufzuspüren und zu stillen. Solange auf dem Markt Konkurrenz stattfindet, lebt der Markt, bringt Innovation hervor, befruchtet. Mit der Dominanz des Kapitals verliert der Markt sein kreatives Potential: Geld wird eingesetzt, um die Wirkkraft von Ideen auszubremsen, um Pfründe und Anteile zu sichern, Neues zu unterdrücken, Mitbewerber zu verdrängen, noch bevor sie auf dem Spielfeld angekommen sind. Der Markt ist unfrei geworden.

Unter kapitalistischen Bedingungen hat der Erfinder nur eine Chance, sich auf dem unfreien Markt zu behaupten: Er muß der Dynamik des Zinseszins zuvorkommen. Was hat es damit auf sich? Bis zur sogenannten Renaissance war der Zinseszins geächtet, wurde er nicht realisiert. Darüber wachten die Religionen. Im Islam gilt er bis heute als unzulässig. Eine Bank, die Halal ist, erhebt keinen Zinseszins. Denn der Zinseszins ist die Anwendung einer Potenzfunktion auf sich selbst, eine Rekursion. Bei kleinen Schuldbeträgen mag der Effekt anfangs zu vernachlässigen sein. Der Zinseszins bewirkt mit mathematischer Konsequenz das exponentielle Wachstum der Schulden. Exponentiell bedeutet: in der Anfangszeit wachsen die Zinsen scheinbar linear mit der verschuldeten Zeit, doch dann kommt der Punkt, an dem die Kurve steil ins Unendliche ansteigt. Von diesem Zeitpunkt an, können auch kleinste Schuldbeträge zu einer massiven Schuld­ver­sklavung führen.

Nehmen wir an, ein findiger Kopf aus mittellosem Haus, entdeckt die physikalische Möglichkeit, mit Hilfe eines dünnen Drahtes elektrischen Strom in Licht zu verwandeln. Damit sich die Erfindung der Glühbirne die Haushaltskerze verdrängt, muß der mittellose Erfinder bei der Vermarktung seiner Erfindung vor allem eins sein: schnell. Nimmt er einen Kredit auf, um Glasbläser und Drahtzieher zu beschäftigen, um eine Produktionslinie aufzubauen, stellt er Werbetrommler an, um die neuartig glühenden Glaskolben unters Volk zu bringen und kümmert er sich zudem noch um das Verlegen von Oberleitungen, damit die Haushalte mit Strom versorgt sind – so muß er mit all diesen technischen und industriellen Aufwendungen in der Gewinnzone sein, bevor der Zinseszins zuschlägt und dazu führt, daß all der per Innovation erwirtschaftete Profit in das Eigentum des Kreditgebers übergeht.

Edison hat diesen Wettlauf, wie wir wissen, gewonnen, er hatte neben dem Erfindergeist das erforderliche wirtschaftliche Gespür. Doch die Regel ist das nicht. In der Regel finanzieren die Reichen die Innovation und speisen den Erfinder mit einem Festgehalt oder einer Einmalzahlung ab. Ob die Erfindung tatsächlich verwertet oder unterdrückt und zurückgehalten wird, um das bestehende Marktgefüge nicht zu stören, sei dahingestellt. An dieser Stelle erkennen wir den konservativen, Innovation unterbindenden Charakter des Kapitalismus, wenn er den Markt dominiert und den Wettbewerb fesselt.

Es geht hier nicht psychologisch um Mitleid mit dem armen Erfinder. Es geht um die strukturellen und gesellschaftlichen Folgen, die der Einfluß des Kapitals auf den Markt ausübt:

  1. Beschleunigung: Solange Konkurrenz Raum hat, führt der Zinseszins zur Beschleunigung aller technisch innovativen und wirtschaftlichen Prozesse.  Nicht die sachlich angemessenste Erfindung setzt sich durch auf dem Markt, sondern jene, die sich am schnellsten amortisiert. Als Beispiel solch qualitativ minderwertiger Schnelldreher seien hier nur IBM und Microsoft genannt.
  1. Unterdrückung und Unfreiheit: Verliert die Innovation den Wettlauf gegen die Zinseszins-Regel der Kreditgeber, wird das Kapital gefüttert und sonst nichts. Sobald das Kapital den Markt dominiert, indem es Innovationen plant, regelt und vorfinanziert, um angestammte Reviere und bereits erworbene Anteile zu schützen, beginnt das Kapital, sich mafiotisch zu organisieren und spontane Innovation zu unterdrücken, z.B. indem es sie aufkauft, ohne sie zu verwerten.
  1. Heiligung des Eigentums und der Erbschaft: Damit Kapital akkumuliert werden kann, muß es über Generationen, Zeitenbrüche, Kriege und Revolutionen erhalten bleiben – das Recht auf Eigentum zählt als „Grundrecht“, doch nur wenn es sich um Eigentum der Besitzenden handelt. Persönliches Eigentum der (nahezu) Besitzlosen kann nach Belieben enteignet, entwertet und überschrieben werden. Bemerkenswert ist an dieser Stelle die allgemein verkannte revolutionäre Rolle der katholischen Kirche: Indem sie im 11. Jahrhundert das allgemeine Zölibat einsetzte, erhöhte sie damit praktisch die Erbschaftssteuer auf 100%. Sämtliches persönlich gehortetes Eigentum der Priester und seiner unehelichen Kinder fiel mit seinem Ableben wieder der Kirche in den Schoß. Von einer derartigen Radikalität in Eigentumsfragen konnten die Kommunisten nur träumen.
  1. Staatsmonopolistischer Kapitalismus: Wenn die kleinen Fische immer kleiner werden, verliert der Hai die Lust an der Jagd. Wenn sich die Übernahme einzelner Konkurrenten für die un­widerruflich Besitzenden nicht mehr lohnt, erobert das Kapital den Staat, um mit dem Schleppnetz auch noch den kleinsten Fisch vom Meeresgrund einzufangen – auf die Gefahr hin, daß die Meere aussterben. Der Staat hört auf, Diener des Volkes zu sein, und wird zum Schlepp­netz der Trawler und Megalomanen. Niemand darf ihm entkommen. Die bürger­lichen Freiheiten und die Freiheit des Marktes sind passé.

An diesem Punkt befinden wir uns. Wieder. Und daher ist die Rede vom „Großen Zurücksetzen“ gerechtfertigt. Mehr als das. Es ist der einzige Ausweg aus der ständigen Pendelbewegung zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus. Aber nicht im perversen Sinne des Transhumanismus à la Klaus Schwab und Weltwirtschaftsforum. Great Reset kann nur bedeuten, die grundlegende Regel zu ändern, nach der die freie Marktwirtschaft zur Dominanz des Kapitals übergeht: die Abschaffung des Zinseszins. Weltweit. Per Dekret. Auf einen Schlag.

Diese friedliche Bezähmung und Begrenzung des Kapitals gibt der Marktwirtschaft die Chance, auf Dauer frei und innovativ zu bleiben. Gibt der Demokratie die Chance, auf Dauer ohne Despoten und diktatorische Allüren zu bleiben. Gibt der Menschlichkeit die Chance, menschlich zu bleiben und sich in armseliger Muße dem Unnützsein zu widmen. Gibt der Natur die Chance, sich von der Ausbeutung durch den Menschen zu erholen.

Die Idee zur Abschaffung des Zinseszins‘ ist nicht neu. Bereits Rudolf Steiner schlug vor, ein Verfallsdatum auf Geldscheine aufzustempeln. Ist es überschritten, verliert der Schein seinen zugeschriebenen Wert. Was ist die Folge? Es lohnt sich nicht mehr, Geld zu horten. Wer viel hat, sollte es schnell in Umlauf bringen – sonst könnte es morgen schon wertlos sein. Geld dient als Tauschmittel, nicht als Endzweck. Als Silvio Gesell Finanzkommissar der Münchner Räterepublik wurde, schickte er sich an, Steiners Ideen in die Bankgesetze zu übernehmen, damit die Geld­scheine nicht auf ermüdende Weise abgestempelt werden müsse. Es war die Idee des Negativzins. Wer sein Geld hortet, zahlt dafür eine Aufbewahrungsgebühr. Als Gesell in einem Brief an Lenin diese bahnbrechende Idee mit­teilte, hatte Lenin nur ein müdes Lächeln für sie übrig. Den Rest erledigten die bewaffneten Freikorps.

Wenn wir den Zinseszins ächten und abschaffen – was sind die Folgen?

  1. Das Wirtschaften wird langsamer. Nicht alle Produkte, die wir glauben, jetzt zu benötigen, sind sofort zuhanden. Wir müssen lernen zu warten, uns zu gedulden, die Zeit zu genießen.
  2. Der Komfort wird schwinden, wir müssen wieder improvisieren. Langlebige Produkte lohnen sich wieder, Produkte mit eingebauter Halbwertzeit werden vom Markt ver­schwin­den.
  3. Die Dominanz des Kapitals beginnt zu bröckeln, ohne daß es formeller Enteignungen bedarf.
  4. Die Wirtschaft orientiert sich zunehmend an den Bedürfnissen der Menschen, statt die Be­dürf­nisse der Menschen künstlich zu erzeugen, damit sie den Interessen der Wirtschaft ge­nü­gen.
  5. Der Staat läuft weniger in Gefahr, von Kapitalbesitzern gekapert oder gekauft zu werden.      

Die entschleunigte, zinseszinslose Gesellschaft ist alles andere als perfekt. Nach heutigen Maßstäben ist sie nicht einmal bequem. Sie bietet Raum für Individualität und spielerischen Erfindergeist, vor allem aber Stabilität, indem sie einzelne Akteure nicht mit der finanziellen Machtpotenz ausstattet, die Gesamtheit der Gesellschaft von einer Krise in die nächste zu stürzen.

Theodor Holz
geb. in Dresden im Herbst 1989, hab die Wendewirren mit der Muttermilch aufgesogen, Pflastersteine wurden aus dem Bahnhofsvorplatz gerissen und flogen knapp an meinem Kinderwagen vorbei, meine Mutter konnte ihren Beruf als Jungpionierleiterin auf dem Albrechtsberg nicht mehr ausüben, sie nahm an einer Umschulung zur Altenpflegerin teil, während ich brav die Kreuzschule besuchte.

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