Dem Auge

Die Reise währt nun lange,
gelangte an den Ort
wo alles fließt

und weiter geht es noch -
doch nicht an einen Ort -
dass man es auch genie√üt…

* * *

Nun ist die Reise da
wo alles fließt

und weiter geht es noch
dass man es auch genießt:

O Hassesblick
der Venus,
mein wie dein -

so soll es sein!
Der Mensch sei, was genießt

* * *

was in des Körpers Falten
auf- und niederschießt
so gellend, gleich verstummt

im Zug nach oben
unvermummt
die leeren Kleider wehen, wehen lässt:

der Wind gefaltet
Luft bei Luft
getrennt, doch un-
getrennt der Raum
nicht Raum, wenn
Duft, dann Luft
nur vor dem Auge

Genre: Gem√ľtstiefe

Einwirkzeit

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Genre: Realitätsschatten

Parabeln zur Pandemie 4: Der schlaue Orfin

Vor langer Zeit liebten die Menschen das Wandern und Reisen. Sie zogen quer durch Europa, die Grenzen waren durch farbig bemalte Steine in den W√§ldern markiert, aber hielten niemanden auf, mochte er sich der Arbeit wegen an einen anderen Ort begeben oder weil ihn die Sonne in den S√ľden oder der Schnee in den hohen Norden lockte. Heutzutage hocken die Menschen die meiste Zeit zu Hause in ihren vier W√§nden, starren auf flackernde Rechtecke in ihren H√§nden und raffen sich nicht einmal mehr bis zur Ostsee auf. Genauer gesagt: der Weg dorthin wird ihnen versperrt. Von einem, der es geschafft hat, mehrere undurchdringliche Grenzen zu √ľberwinden, habe ich folgende Geschichte geh√∂rt:

Ich bin zu Fu√ü den Wegen gefolgt, die ich bereits als Kind mit meinen Eltern gewandert bin, als die Grenzen trotz Eisernem Vorhang noch weitaus durchl√§ssiger waren als heute. Also auf dem Grenzpfad am Prebitschtor unbemerkt in die B√∂hmische Schweiz, dann per Anhalter durch Tschechien. Im S√ľden erreichte ich schlie√ülich Ukrien, ein traumhaftes Land, wo zwischen den Pfirsischb√§umen herrliche Salamis wachsen. Welche Wonne, dachte ich, und wollte mir gerade ein Pl√§tzchen zum Schlemmen suchen, als ich eine Stimme im Lautsprecher vernahm. Die Polizei fuhr umher und lie√ü ausrufen: ‚ÄěVorsicht, Vorsicht! Ein neuartiger Mehlwurm wurde entdeckt! Gef√§hrlicher als alle bisher bekannten Mehlw√ľrmer! Wer in der √Ėffent¬≠lichkeit beim Kauen eines Salamibrotes angetroffen wird, wird bestraft.‚Äú Tats√§chlich beobachtete ich, wie die Ukrier gleichsam auf Befehl ihre Salamibrote wegwarfen. Genauer gesagt, a√üen sie schnell noch die Salami und warfen nur das Brot in den M√ľll. Einige alte M√ľtterchen traf ich, die murmelten: ‚ÄěBrot wegwerfen, das gibts doch nicht! Mehlw√ľrmer gab es schon, als ich klein war. Damals herrschte Krieg. Und wir haben unsere Brote doch nicht wegen ein paar Mehlw√ľrmern weggeschmissen.‚Äú Diese Jammerei wollte aber niemand h√∂ren und bald schon hatte ich die Gelegenheit, eine Ansprache des neuen K√∂nigs, Orfin I., genannt der Schlaue, zu seinen ukrischen Untertanen auf einer Gro√übildleinwand anzuschauen. Mit einem rotgold schillernden Kr√∂nchen auf dem Kopf trat er vor die Kamera. ‚ÄěLiebe Ukrier!‚Äú, sprach der schlaue Orfin, ‚Äěihr seht, der neuartige Mehlwurm trachtet uns nach dem Leben und er wird unser aller Leben √§ndern. Bald wird es keinen Ukrier mehr geben, der wei√ü, was ein Brot ist. Stattdessen werden wir saubere, wissenschaftlich gepr√ľfte Lebensmittel zu uns nehmen und unsere Feinde werden uns nicht besiegen.‚Äú

Die Ukrier ringsumher standen staunend mit offenen M√ľndern vor der Gro√ü¬≠bild¬≠leinwand. Es dauerte nicht lange und ich h√∂rte ihre M√§gen knurren. ‚ÄěUkrier‚Äú, fl√ľsterte ich, ‚Äěwer sind eure Feinde?‚Äú Statt einer Antwort trafen mich stumme Blicke, ihr wi√üt schon, Blicke von denen man sagt, da√ü sie t√∂ten k√∂nnten. Nun, das vermochten sie nicht. Aber ich sah, wen diese stechenden stummen Blicke trafen: diesen und jenen, den Nachbarn, den Vater, die Schwester… ‚ÄöAha‚Äô, dachte ich, ‚Äöes sind die inneren Feinde gemeint, √ľber die keiner spricht, und doch wei√ü jeder Bescheid.‚Äô Kaum war ich zu dieser Erkenntnis gelangt, meldete sich der schlaue Orfin auf der Gro√übildleinwand im Stadtpark zur√ľck: ‚ÄěB√ľrger!‚Äú schrie er und hustete, ‚Äěder neuartige Mehlwurm verursacht ein t√∂dliches Husten. Wir haben zu eurer Sicherheit Q-Lager eingerichtet. Ihr wi√üt, wof√ľr der Buchstabe Q steht, das mu√ü ich euch nicht erkl√§ren. Meldet euch freiwillig, wenn ihr einmal gehustet habt, und geht ins Lager. Wenn ihr euren Nachbarn, eure Mutter oder euren Bruder husten h√∂rt ‚Äď sagt dem Gesundheitsamt Bescheid, damit es sie ins Lager geleite.‚Äú Hier wurde die √úbertragung f√ľr eine halbe Minute unterbrochen. Im Hintergrund, d.h. ohne Bild, h√∂rte man das heisere H√ľsteln des schlauen Orfins. ‚ÄěIhr seht, meine Lieben‚Äú, meldete sich der schlaue Orfin mit vollem Bild zur√ľck, ‚Äěich habe f√ľr euch bestens gesorgt und sch√ľtze eure Gesundheit. Geht ins Lager und vertraut mir!‚Äú Tosender Beifall brach aus. Er √ľbert√∂nte das Magenknurren im Park. ‚ÄěUkrier!‚Äú, fuhr der schlaue Orfin fort, ‚Äěnachdem mich heute das Parlament f√ľr alle Ewigkeit zum Alleinherrscher √ľber euch bestimmt hat, habe ich ein Gesetz erlassen: Jeder, der euch eine beunruhigende Nachricht √ľberbringt, wird mit f√ľnf Jahren Gef√§ngnis bestraft. Denn ich allein bin der Garant f√ľr eure Sicherheit und Gesundheit.‚Äú

Schade, dachte ich, schade um die Millionen Salamibrote, die nun in der Tonne landeten, w√§hrend den Ukriern im Stadtpark der Magen knurrte. Wenn sie noch im Stadtpark sein durften und noch nicht ins Lager abtransportiert worden waren. Denn kurz nach der Ansprache Orfin I., genannt der Schlaue, verbreiteten sich epidemisch die Denunziationen im Land. Man mu√üte bef√ľrchten, da√ü bald ein Zehntel, genauer gesagt, die H√§lfte der Untertanen ‚Äď sie nannten sich nicht einmal mehr “Volk”, geschweige denn “Bev√∂lkerung” ‚Äď in den neu errichteten Q-Lagern einsa√ü. Doch davon sah ich nicht viel. Die Lager waren mit bunten Graffiti bespr√ľht, so da√ü sie nach au√üen hin wirkten wie Jugendherbergen ‚Äď also konnte es doch nicht so schlimm sein.

Nach ein paar Tagen bemerkte ich, was der schlaue Orfin mit ‚Äěbeunruhigenden Nachrichten‚Äú meinte: Es war das Gemurmel der alten M√ľtterchen, das ihm auf die Nerven ging. Von wegen, fr√ľher habe es auch schon Mehlw√ľrmer gegeben. Diese t√∂dliche Gefahr war brandneu. Wenn also jemand, sei er nun alt oder jung, sagte: ‚ÄěLeute, es sind nur Mehlw√ľrmer, habt keine Angst‚Äú, so galt er in den Augen des schlauen Orfin ‚Äď und bald auch der Mehrheit der Untertanen ‚Äď als ‚ÄěBeunruhiger‚Äú. Nun, ihr wi√üt, was den Beunruhigern bl√ľhte ‚Äď sie durften nicht ins Q-Lager gehen, sondern wurden ins Gef√§ngnis gesperrt, mindestens f√ľnf Jahre. Und weil das Brot vom b√∂sartigen Mehlwurm infiziert war, wurde ihnen nur noch Wasser zum Essen gereicht, nicht mehr Wasser und Brot, wie es fr√ľher, in alter Zeit einmal √ľblich war. Darin konnte man doch wirklich einen wissenschaftlich fundierten Fortschritt zum Wohle der politischen Gefangenen erblicken.

Wer dagegen, begleitet von hysterischen Schreien, laute Kampfparolen gegen den t√∂dlichen Mehlwurm ausstie√ü, wurde von Orfin I. als ‚ÄěHeld‚Äú bezeichnet und mit Orden geehrt. ‚ÄěKrieg dem Wurm! Krieg dem Wurm!‚Äú zu skandieren, bot die beste Aussicht auf Bef√∂rderung zum Pappsoldat. Denn bald schon besann sich der schlaue Orfin, da√ü er allein ‚Äď und der Rest seiner Untertanen im Lager ‚Äď kaum eine Chance h√§tte gegen den √§u√üeren Feind. Wer war denn das?, fragte ich mich und fand tief im Keller einen verborgenen Freak, der an seinem alten PC noch Zugang zum weltweiten Netz besa√ü: Mit zitternden H√§nden tippten wir ‚ÄěOrfin‚Äú in die Suchmaschine ein und wir fanden: ‚ÄěSp√§ter Nachfahre des m√§chtigen Dschingis Khan. Schon als Sch√ľler war Orfin an der Orga¬≠nisation von Massenbewegungen interessiert. Der Fall des Eisernen Vorhangs gab ihm dazu die erste Gelegenheit. Als Studentenf√ľhrer forderte er un¬≠eingeschr√§nkte Reisefreiheit f√ľr alle B√ľrger Ukriens. Seitdem er die absolute Mehrheit im Parlament errungen hat, setzt er sich zunehmend f√ľr die W√ľrde und Gr√∂√üe des ukrischen Volkes ein.‚Äú In alter Zeit gab es eine Tugend, die ‚Äězwischen den Zeilen lesen‚Äú genannt wurde. Was bedeutete die ‚ÄěW√ľrde und Gr√∂√üe des ukrischen Volkes‚Äú? Nichts anderes, als da√ü die Ukrier tats√§chlich eine winzige Minorit√§t innerhalb Europas darstellten, und die freien Europ√§er des Westens in ihrer h√§uslichen Quarant√§ne nicht einmal bemerkt hatten, da√ü sich Orfin I. inmitten ihrer liberalen Union als k√∂niglicher Alleinherrscher ausgerufen hatte. Wen interessierten die Ukrier √ľberhaupt? Im Westen spielten die B√ľrger weiter auf ihrer Playstation und es war ihnen einfach egal, was in der Welt geschah.

So konnte der schlaue Orfin ungest√∂rt walten. Kurz nachdem er die ‚ÄěBeunruhiger‚Äú bei Wasser und sonst nichts eingesperrt hatte, baute er eine m√§chtige Armee von Pappsoldaten auf. Denn noch immer bohrte der Stachel des Ersten Weltkriegs in ihm. Nicht der Vertrag von Verseilles √§rgerte ihn, sondern der Vertrag von Trianon: der schlaue Orfan versp√ľrte Lust, sich einen Namen in der Geschichte zu verschaffen, indem er all die verlorenen L√§ndereien in Transylvanien, der Slowakei sowie in Slowenien, Kroatien und Serbien heim ins ukrische Reich holte. Nein, all dies gen√ľgte ihm nicht. Der schlaue Orfin wu√üte, da√ü ihn ein sprachliches Band mit den Finnen im hohen Norden verband. Also sollte sich sein neuer Staat bis nach Helsinki erstrecken. Leider erhielt er auf all seine Depeschen ‚Äď per eMail, SMS oder Whatsapp ‚Äď an die finnische Pr√§sidentin nie eine Antwort, geschweige denn eine Einladung in die Sauna. Also besann sich der schlaue Orfin auf seine ferneren Vorfahren. Der m√§chtige Dschingis Khan, kann er nicht als einziger wahrer Weltherrscher bezeichnet werden, der Orient und Okzident gleicherma√üen unter seiner Fuchtel wu√üte? Gedacht, getan.

Der schlaue Orfin stellte seine unbesiegbare Armee aus Pappsoldaten auf in Reih und Glied. Nun ging es dem √§u√üeren Feind an die W√§sche. Zuerst w√§re Siebenb√ľrgen dran, dann der Balkan. Leider nur konnten die ukrischen Bauern, die Orfin als Pappsoldaten rekrutierte, nicht mehr auf den Feldern flei√üig Salamis z√ľchten. ‚ÄöZum Gl√ľck gibt es Mehlw√ľrmer‚Äô, dachte sich der schlaue Orfin im Stillen. Dann rief er die alten M√ľtterchen herbei. Sie kauten ihm vor, wie man in Kriegszeiten Brot i√üt, das von Mehlw√ľrmern durchsetzt ist. Ob t√∂dlich oder nicht, spielte nun keine Rolle. Hauptsache nahrhaft. Den Ukriern fehlten ja die glorreichen Salamis.

Genre: Erinnerungsbrösel

Pandemische Paradoxien 2: Zahlenspiele

Wir hatten 2019/20 einen ausgesprochen milden Winter. Die Sterblichkeitsrate in den Monaten Dezember 2019 bis März 2020 flachte sich europaweit ab. EuroMOMO, das europäische Projekt zur Überwachung der Sterblichkeit, erfaßt mit standardisierten Verfahren in Echtzeit die Anzahl von Todesfällen im Zusammenhang mit Bedrohungen der öffentlichen Gesundheit in den teilnehmenden europäischen Ländern. Die Standardisierung der Erhebung wird erreicht durch folgende Maßnahmen:

  • Bestandsaufnahme der nationalen Mortalit√§tserfassung
  • Kl√§rung von Mindeststandards an die Mortalit√§tserfassung
  • retrospektive Analyse von Mortalit√§tsdaten zur Untersuchung der Mortalit√§ts¬≠dynamik (Ver√§nderungen, Trends usw.) einschlie√ülich Re¬≠gres¬≠sions¬≠techniken und anderer Ans√§tze zur Zeitreihenanalyse
  • Vergleichsanalysen mit historischen Mortalit√§ts-, Morbidit√§ts- und Umweltdaten
  • Etablierung eines einheitlichen analytischen Ansatzes
  • Pilotprojekte zur Schaffung eines einheitlichen europ√§ischen Verfahrens¬† f√ľr die Echtzeit-Mortalit√§tserfassung
  • Fragebogenerhebungen bei den EU-Mitgliedsstaaten
  • Literaturauswertung

Das System ist seit 2009 in Betrieb und wird kontinuierlich in den europ√§ischen L√§ndern eingesetzt, die die Mindestanforderungen erf√ľllen, nachdem im Fr√ľhjahr 2009 die sog. “Schweinegrippe” ausgerufen worden war, die ohne gravierende Folgen f√ľr die √∂ffentliche Gesundheit blieb, aber enorme Kosten f√ľr die vorsorgliche Beschaffung von Impfstoffen verursacht hatte. Auf Grund¬≠lage der zeitnahen, standardisierten und koordinierten Erhebung der Sterb¬≠lichkeit gelang es im Winter 2009/10,die Re¬≠gierungen und Beh√∂rden in den europ√§ischen L√§ndern zur¬†angemessenen¬†Vor¬≠be¬≠reitung der Gesundheitssysteme auf die Auswirkungen der Infektionswelle zu be¬≠wegen. Wir haben es hier mit der aus wissenschaftlicher Sicht solidesten Datenbasis zu tun, die gegenw√§rtig zur Beurteilung der Sterblichkeitsrate in den europ√§ischen L√§ndern zur Verf√ľgung steht. Aufgrund ihrer hohen Standardisierung erlaubt sie den Ver¬≠gleich der Kennziffern √ľber die L√§ndergrenzen hinweg.

 

Pooled-number 2020-12

Abb. 1: Mortalität in Europa von 2016 bis Ende März 2020, differenziert nach Altersgruppen

 

Die Abbildung zeigt die Sterblichkeitsziffer, zu¬≠sam¬≠mengefa√üt f√ľr die teilnehmenden europ√§ischen L√§nder von der vierten Kalenderwoche 2016 bis zur zw√∂lften Kalenderwoche 2020. Anhand der unteren drei Verl√§ufe sehen wir in jahreszeitlicher Rhythmik ein Anschwellen der Sterblichkeit in den Wintermonaten, d.h. in etwa von der 40. Kalenderwoche (Herbst) bis zur 12. Kalenderwoche des darauffolgenden Jahres (Fr√ľhjahr) ‚Äď der Volksmund hat daf√ľr den Begriff ‚ÄěGrippewelle‚Äú gepr√§gt. Wir sehen au√üerdem eine besonders hohe und breite Verteilung der Todesf√§lle im Winter 2017/18. Schlie√ülich ist zu erkennen, da√ü die Sterblichkeit im Winter 2019/20 im Vergleich zu den drei Vorjahren deutlich zur√ľckgegangen ist und sich die Kurve gerade in den Monaten Februar und M√§rz abgeflacht hat ‚Äď vermutlich dank des extrem milden Winters, von dem die Metereologen sagen, es sei der w√§rmste Winter seit Beginn der Wetter¬≠auf¬≠zeich¬≠nungen. Hier soll es aber nicht um den Klimawandel gehen. Von einer Steigerung der Mortalit√§t durch Covid19 kann aus dieser Perspektive nicht gesprochen werden.

Dagegen l√§√üt sich einwenden, da√ü sich die t√∂dliche Wirkung des neuartigen Coronavirus nicht in der zusammenfassenden Datenaggregation f√ľr Europa, sondern nur in den Sterblichkeitsziffern einzelner, besonders betroffener L√§nder zeigt. Um diese Hypothese zu √ľberpr√ľfen, soll ein Blick auf folgende Abbildung geworfen werden:

 

Multicountry-zscore-Total 2020-12

Abb. 2: Vergleich der Mortalität in Europa von 2016 bis Ende März 2020

 

Tats√§chlich sehen wir auch bei der nationalen Aufschl√ľsselung der Mor¬≠ta¬≠lit√§tsziffern f√ľr die meisten europ√§ischen L√§nder eine Abnahme der Sterb¬≠lichkeit im Winter 2019/20. Ausnahmen bilden Italien und die Schweiz. Deutlich wird jedoch, da√ü die Mortalit√§t in allen europ√§ischen L√§ndern ‚Äď einschlie√ülich Italien und Spanien ‚Äď im Winter 2019/20 geringer ausgefallen ist als in den Jahren zuvor. Die blaue Farbe am Ende der Kurve bedeutet, da√ü der Verlauf durch die Verz√∂gerung der Meldungen durch die nationalen Beh√∂rden an EuroMOMO teilweise gesch√§tzt wurde und sich zu einem sp√§teren Zeitpunkt noch verschieben kann. Die Autoren von EuroMOMO merken dazu an: ‚ÄěIn den letzten Tagen hat der EuroMOMO-Hub viele Fragen zu den w√∂chentlichen Gesamtmortalit√§tsdaten und dem m√∂glichen Beitrag einer COVID-19-bezogenen Mortalit√§t erhalten. Einige fragen sich, warum in den gemeldeten Sterblichkeitszahlen f√ľr die von COVID-19 betroffenen L√§nder keine erh√∂hte Mortalit√§t beobachtet wird. Die Antwort lautet, da√ü eine erh√∂hte Mortalit√§t, die haupts√§chlich auf subnationaler Ebene oder in kleineren Schwerpunktbereichen auftreten und / oder sich auf kleinere Altersgruppen konzentrieren kann, auf natio¬≠naler Ebene m√∂glicherweise nicht nachweisbar ist, insbesondere nicht in der zusammengefa√üten Analyse auf europ√§ischer Ebene, wenn die Zahl der Gesamt¬≠bev√∂lkerung den Nenner bildet. Dar√ľber hinaus verz√∂gert sich die Re¬≠gi¬≠strierung und Meldung von Todesf√§llen h√§ufig um einige Wochen. Daher m√ľssen die EuroMOMO-Sterblichkeitszahlen der letzten Wochen mit einiger Vorsicht inter¬≠pretiert werden.‚Äú (EuroMOMO, Download am 30.3.2020, √úbersetzung: VK).

Wir k√∂nnen dieser Anmerkung zwei Aspekte entnehmen: Erstens die aktuellen Daten sind noch mit Vorsicht zu betrachten ‚Äď dies gilt auch f√ľr die Analysen von EuroMOMO. Zweitens f√ľhrt der Ma√üstab der Gesamtbev√∂lkerung dazu, da√ü eventuelle Steigerungen der Sterblichkeit in bestimmten Altersgruppen statistisch nicht hervortreten ‚Äď f√ľr die Einstufung einer Krankeit als Epidemie bzw. Pandemie sollte aber die Auswirkung auf die Mortalit√§t in der Gesamtbev√∂lkerung eine entscheidende Rolle spielen, um weitreichende rigide Ma√ünahmen f√ľr eben diese Gesamt¬≠be¬≠v√∂l¬≠kerung zu rechtfertigen.

Damit gelangen wir von der Betrachtung der soliden Ziffern in Bezug auf die Sterblichkeit in den europ√§ischen L√§ndern zur aktuell unsicheren Datenbasis, die momentan von den staatlichen Gesundheitsbeh√∂rden und den √∂ffentlichen Me¬≠dien in Bezug auf das neue Coronavirus verbreitet werden und den Regierungen als Begr√ľndung f√ľr massive Einschr√§nkungen der b√ľrgerlichen Grundrechte herangezogen wurden.¬†Im Unterschied zu den Angaben von EuroMOMO sind diese Datenbest√§nde gekennzeichnet durch:

  • gravierende Unterschiede der nationalen und regionalen Erfassung der Infektion und Mortalit√§t
  • fehlende Definitionen,¬†ob die erfa√üte Sterblichkeit ausschlie√ülich, haupt¬≠s√§chlich oder nur beil√§ufig durch das neuartige Coronavirus verursacht und entsprechend zu z√§hlen ist
  • die t√§glich wechselnde Grundgesamtheit der Erhebung infolge fortlaufender Er¬≠h√∂hung der Zahl der Tests
  • fehlende Analyse statistischer Trends, Vernachl√§ssigung probabilistischer Teststatistiken wie odds ratio (Verh√§ltnis von positiven zu negativen Befunden), Zeitreihen- und Regressionsanalysen
  • fehlende Bem√ľhung um Einheitlichkeit und Mindeststandards f√ľr die Erfassung der Infektion durch Covid-19 und der damit zusammenh√§ngenden Mortalit√§t in den europ√§ischen L√§ndern
Als wissenschaftlich unhaltbar gelten zum einen die Verwendung allein der Zahl der Positivbefunde unter Ausblendung der Datenbasis (d.h. der Gesamtzahl N der angewandten Tests) sowie zum anderen der Vergleich der Infektionszahlen zwischen L√§ndern mit unterschiedlicher Erhebungs- und Z√§hlmethodik. So ist bei¬≠spielsweise bekannt, da√ü die italienischen Gesundheitsbeh√∂rden nicht zwischen Verstorbenen ‚Äěan‚Äú oder ‚Äěmit‚Äú Covid-19 oder sonstigen Todesursachen unter¬≠scheiden (Tagesschau vom 21.3.2020). Derart unsaubere Z√§hlweisen eignen sich nicht zur weiteren Auswertung.

Es wird viel √ľber die t√§glich verbreiteten Zahlen diskutiert. Insbesondere der “Verdoppelungszeitraum” wird gegenw√§rtig als Kriterium zur Lockerung der rigiden Schutzma√ünahmen herangezogen. Angela Merkel nannte am 28. M√§rz als Cut-off-Kriterium einen Verdoppelungszeitraum von 10 Tagen, um die Ein¬≠schr√§n¬≠kungen der elementaren Grundrechte wieder aufzuheben. Nun d√ľrfte jeder Sch√ľlerin im Physikleistungskurs klar sein, da√ü eine Vergleichbarkeit der Test¬≠ergebnisse nur dann gegeben ist, wenn an den Randbedingungen nichts ver√§ndert wird. Gerade dies ist aber, wenn man den Blick auf die Zahl der Positivbefunde einengt, nicht der Fall. Um zu einer valideren Beurteilung der statistischen Angaben zur Verbreitung des neuartigen Coronavirus zu gelangen, ist die Ber√ľcksichtigung der Baseline und der Zahl der Testungen eine unabdingbare Voraussetzung. Da√ü die Zahl der an¬≠ge¬≠wandten Tests den ma√ügeblichen Virologen nicht bekannt sei, sondern nur grob gesch√§tzt werden k√∂nne (Drosten am 26.3.2020), verwundert sehr. Das Robert-Koch-Institut hat die √∂rtlichen Gesundheits√§mter Anfang M√§rz verpflichtet, auch die Zahl der Negativbefunde zu melden. In erster N√§herung kann daher ‚Äď wenn man die Zahl ung√ľltiger oder m√∂glicherweise nicht eindeutiger Tests vernachl√§ssigt ‚Äď die Summe der positiven und negativen Befunde als Sch√§tzung f√ľr die Gesamtzahl der vor¬≠genommenen Tests herangezogen werden.¬†Damit sollte es ge¬≠lingen, den angststarren Blick von den Absolutzahlen zu l√∂sen.

Am 19. M√§rz berichtete die Deutsche Krankenhausgesellschaft: ‚ÄěAs the German Hospital Society (DKG) announced on Thursday, 167,009 samples were tested in 148 laboratories by the end of last week, of which 6540 were positive.‚ÄĚ We interpret ‚Äėthe end of last week‚Äô as the 15 March.‚ÄĚ (zitiert nach ourworldindata.org, Download vom 22.03.2020). Am 26.3.2020 erw√§hnte Andreas Gassen, der Vorstandsvorsitzende der Kassen√§rztlichen Bundesvereinigung, 410000 Labortests in Deutschland im Zeitraum vom 9. M√§rz an mit einer Positivrate von 6.8% (zitiert nach Focus Online, Download am 30.3.2020). Am selben Tag waren im Lagebericht des RKI (S. 5 f.) die ersten Ergebnisse einer Laborumfrage (174 beteiligte Labore) enthalten. Am 1. April ver√∂ffenlichte das RKI zudem die Aktualisierung der Laborumfrage bis einschlie√ülich zur 13. Kalenderwoche. Folgende √úbersicht stellt den Versuch dar, die Zahl der be¬≠rich¬≠teten Positivbefunde mit der Gesamtzahl der Testungen aus diesen Quellen ins Ver¬≠h√§ltnis zu setzen:

Datum

Summe der Tests (N)

Positiv-Befunde absolut

Positiv-Befunde in %

Todesfälle

02.03.2020  (RKI)

(1000*)

130

(13*)

0

05.03.2020

(RKI Lagebericht)

400

0

15.03.2020 (DKG)

167.009

6540

3,9

15.03.2020 (RKI Lagebericht)

4.838

12

11. KW (RKI Laborumfrage)

127.457

7.582

5,9

26.03.2020

(RKI Lagebericht)

36.508

198

26.03.2020 (KBV)

410.000

27.880

6,8

26.03.2020

(RKI Laborumfrage)

483.295

33.491

6,9

12. KW (bis 26.3., (RKI Laborumfrage)

348.619

23.820

6,8

29.03.2020 (RKI Laborumfrage)

918.460

64.906

7,06

01.04.2020 (RKI Lagebericht)

67.366

732

17.04.2020

3.900.000*

273000*

Quellen: RKI (Lagebericht vom 05.03.2020, 15.03.2020, 26.03.2020, 01.04.2020), DKG РDeutsche Kranken­hausgesellschaft (ourworldindata.org), KBV РKassen­ärztliche Bundesvereinigung, * Schätzung / Hochrechnung

Zun√§chst f√§llt auf, da√ü bei der Umfrage des RKI von den Laboren weniger Tests angegeben wurden, die aber eine h√∂here Positivrate aufweisen, als im Bericht der DKG, wo die Positivrate trotz h√∂herer Zahl der Tests deutlich geringer ausfiel.¬†Vergleicht man die Differenzen zwischen dem 15. und dem 29. M√§rz, mutet das Ergebnis geradezu trivial an: Mit der exponentiellen Steigerung der Zahl der durch¬≠gef√ľhrten Tests steigt auch die Zahl der Positivbefunde. Beide Variablen unter¬≠scheiden sich lediglich durch eine lineare Verschiebung und ihr prozentuales Ver¬≠h√§ltnis ist nahezu konstant. Dies gilt zumindest solange, bis die Dunkel¬≠ziffer aus¬≠gesch√∂pft ist.

Oddsratio_corona_2020-04-02

Abb. 3: Zahl der Tests und Positiv-Befunde des neuartigen Coronavirus in Deutschland

Mit anderen Worten: anhand der t√§glich berichteten Absolutzahl der positiv ge¬≠testeten Personen ist nicht erkennbar, ob sich der Virus weiter ausbreitet oder ledig¬≠lich bereits infizierte Personen mit mildem Verlauf oder ohne wahrnehmbare Symp¬≠tome erfa√üt werden. Beide Einfl√ľsse sind in der Absolutzahl der positiv Getesteten kon¬≠fundiert. Die Dunkelziffer wird von manchen Experten im Maximum auf das 20fache der Positiv-Getesteten gesch√§tzt (Gert Antes im Spiegel vom 31.3.2020) ‚Äď was ein gutes Zeichen w√§re, denn damit w√ľrde die Mortalit√§tsrate sinken und die Immunisierung wachsen. Die vorl√§ufige Analyse des prozentualen Ver¬≠h√§lt¬≠nisses der Positiv¬≠befunde zur Gesamtzahl der Testungen laut Laborumfrage des RKI deutet eher auf eine Abschw√§chung hin: hier ist zwischen der 11. und 13. Kalenderwoche lediglich ein Unterschied von einem Prozentpunkt fest¬≠zustellen, der sich zwischen den Variablen ‚ÄěAusbreitung des Virus‚Äú und ‚ÄěAuf¬≠deckung der Dunkelziffer‚Äú aufteilt (in welchem Ver¬≠h√§ltnis wissen wir nicht). Bei einer exponentiellen Ausbreitung des Virus w√§re zu erwarten, da√ü die Zahl der positiv Getesteten der Zahl der Testungen ‚Äědavonl√§uft‚Äú bzw. sich der Prozentsatz der Positivbefunde sprunghaft erh√∂ht. Dies ist bisher in Deutschland nicht der Fall. Legt man f√ľr eine kon¬≠servative Sch√§tzung den geringen Prozentsatz der Infizierten zugrunde, der von der Deutschen Krankenhausgesellschaft am 15. M√§rz gemeldet wur¬≠de, so ist auch nach 14 Tagen noch keine Verdoppelung erreicht. Angela Merkels Kriterium m√ľ√üte demnach bei Ber√ľcksichtung der ‚Äěfieberhaften‚Äú Steigerung der Testaktivit√§ten in den Laboren, bereits jetzt als √ľbers¬≠chritten gelten.

Bemerkenswert ist am Rande, da√ü der Lagebericht des RKI zudem etwa 3000 mehr Infizierte angibt, als in der Laborumfrage insgesamt als ‚Äěpositiv getestet‚Äú angegeben wurden ‚Äď handelt es sich hier um Infizierte, deren Befund freih√§ndig ohne Labortest diagnostiziert wurde?

9.5% der positiv getesteten Personen wurden bis Ende M√§rz in ein Krankenhaus auf¬≠¬≠¬≠¬≠genommen, 1.5% litten an einer Lungenentz√ľndung (RKI Lagebericht vom 1.4.2020, S. 5, hier jedoch bezogen auf die Gesamtzahl der Positiv Getesteten ein¬≠schlie√ü¬≠¬≠lich der Menschen ohne klinische Symptomatik). Wagen wir auf dieser Grundlage eine grobe Sch√§tzung: Ab April 2020 soll die Zahl der Tests in Deutschland auf 200000 pro Tag erh√∂ht wer¬≠den. Damit¬† ist trivialerweise zu erwarten, da√ü auch die Zahl der positiv getesteten Men¬≠schen weiter steigt (siehe Tabelle). Prozentual ist von einer rapiden Abnahme der Zahl der Infizierten auszugehen, wenn die R√§nder des Dunkelfeldes erreicht werden.

F√ľr die Prognose behalten wir den bisher stabilen Wert von 7% jedoch bei. Kalkuliert man konservativ, da√ü keiner von diesen Patienten ent¬≠lassen wurde und wird (was unrealistisch ist), erg√§be sich f√ľr Mitte April eine Betten¬≠belegung von 25953. Bei 4095 Patienten w√ľrde eine Lungen¬≠entz√ľndung auftreten. Tats√§chlich sind viele der seit Anfang M√§rz wegen Covid-19 im Krankenhaus unter¬≠gebrachten Patienten wieder entlassen worden. In seiner eigenen Modellierung vom 20. M√§rz geht das RKI von 14 Tagen Aufenthalt im Krankenhaus und 10 Tagen auf der ITS aus. Es ist nicht anzunehmen, da√ü die Patienten in Zukunft vier bis sechs Wochen, sondern weiterhin etwa 10-14 Tage station√§r behandelt werden, viele noch k√ľrzer, einige mit schweren Verl√§ufen auch l√§nger. Dies be¬≠deutet, da√ü die Betten¬≠auslastung Mitte April etwa bei 8651 zu erwarten ist (wobei sich Sch√§tzungen dieser Art nat√ľrlich in einem Fehler¬≠intervall bewegen).

Eine √úber¬≠forderung des medi¬≠zinischen Systems er¬≠scheint da¬≠mit unwahrscheinlich. Voraus¬≠sichtlich m√ľssen nicht alle dieser Pa¬≠tienten auf der ITS versorgt werden. Dort stehen momentan ca. 16000 Betten zur Verf√ľgung, davon ist die eine H√§lfte der Betten frei und die andere H√§lfte k√∂nnte lt. RKI binnen 24 Stunden neu belegt werden. Die hier vorgenommene Sch√§tzung ist nicht ‚Äěsmart‚Äú in dem Sinne, da√ü sie lokale Unterschiede ber√ľcksichtigt. Es kann in einigen Regionen vorkommen, da√ü die Betten ausgelastet sind und in anderen weiter¬≠hin frei stehen. Diese Situation ist nicht neu, sie besteht auch f√ľr andere Krankheiten. F√ľr eine optimale Nutzung erscheint eine tr√§ger√ľbergreifende Vernetzung der Kran¬≠kenh√§user vordringlich, so da√ü √Ąrzte in Echtzeit sehen k√∂nnen, wo sich die n√§chst¬≠gelegenen freien Bettenkapazit√§ten befinden.

Das moralische Dilemma, das h√§ufig als unzumutbar f√ľr die behandelnden √Ąrzte bezeichnet wurde und ein Generalargument f√ľr die Kontaktverbote darstellt, wurde im √ľbrigen bereits vorauseilend von den Kliniken in Angriff genommen: Die √Ąrzte haben bereits jetzt entschieden, welche Operationen ausgesetzt oder verschoben werden, damit Betten f√ľr eventuelle Covid-19-Patienten frei werden ‚Äď die ethische Fragw√ľrdigkeit derartiger Entscheidungen wird zu diesem Zeitpunkt dadurch versch√§rft, da√ü sie nicht durch eine reale, sondern lediglich durch eine erwartete¬† Not¬≠lage motiviert sind.

Ein Blick auf die Altersstruktur der mit Covid-19 Verstorbenen zeigt: ‚ÄěDer Alters¬≠median liegt bei 82 Jahren, die Spanne zwischen 28 und 105 Jahren. Von den Todes¬≠f√§llen waren 631 (86%) Personen 70 Jahre und √§lter.‚Äú (RKI Lagebericht vom 1.4.2020). Den h√∂chsten Anteil an den Verstorbenen haben die √ľber 80j√§hrigen – und dieser Umstand ist in allen L√§ndern, von Beginn des Ausbruchs von Covid-19 bis heute, durchg√§ngig zu beobachten, bereits in den kleinsten Fallzahlen aus Deutschland von Anfang M√§rz ‚Äď das hei√üt, es ist mit Sicherheit davon aus¬≠zugehen, da√ü ihr Tod zu keinem Exze√ü in der allj√§hrlichen Mor¬≠talit√§ts¬≠ziffer f√ľhrt.

Wir haben es vielmehr mit einer tiefergehenden, gesell¬≠schaftl¬≠ichen und kulturellen Frage zu tun: Wie gehen wir mit dem Altern, mit teilweise unausweichlichen und un¬≠heilbaren Alterskrankheiten und schlie√ülich mit dem un¬≠ver¬≠meid¬≠lichen Tod um? Wie wollen wir damit umgehen? Alte Menschen in Heimen und Kranken¬≠h√§usern ein¬≠zusperren und zu isolieren, ihnen nur noch wie Astronauten in Schutzkleidung zu begegnen und zugleich den Beistand ihrer liebsten Angeh√∂rigen zu verwehren, um sie somatisch l√§nger am Leben zu erhalten, das erscheint ‚Äď gerade aus ethischer Sicht ‚Äď als eine √§u√üerst fragw√ľrdige ‚ÄěL√∂sung‚Äú. Welche Qualit√§t hat das Leben dann noch? Und welche Risiken bedeutet die soziale Isolation f√ľr die Gesundheit und das √úberleben der alten Menschen?

Wie ist es gelungen, den Aspekt der seelischen Ge¬≠sund¬≠heit scheinbar komplett aus dem medizinischen Menschenbild zu eliminieren? Woher nehmen Politiker auf h√∂chster Ebene die Gewi√üheit, wenn sie versuchen, die √Ėffentlichkeit davon zu √ľberzeugen, es sei verantwortungslos und b√∂se, seinen N√§chsten in der Phase des Sterbens nahe, vielleicht sogar ein Grund zur Freude und zum Gl√ľck zu sein? Ist es nicht denkbar, da√ü hier der Chirurg die S√§ge ansetzt, um einen Schnupfen bei einem Patienten zu heilen, der seit Jahren schon an Krebs oder Diabetes leidet?

Folgerungen:

  1. ¬†Politische Entscheidungstr√§ger sollten sich an den Public-Health-Daten orien¬≠tieren, die auf einer soliden Grundlage erhoben wurden und Mindest¬≠standards f√ľr l√§nder√ľbergreifende statistische Erhebungen erf√ľllen.
  2. Die Auswertung der Zahl der positiv getesteten Personen ohne Ber√ľck¬≠sich¬≠ti¬≠gung der Gesamtzahl der angewandten Tests ist unzul√§ssig und darf nicht zur Berechnung des ‚ÄěVerdoppelungszeitraums‚Äú herangezogen werden. Diese Variable ist als Cut-Off-Kriterium, um politische Entscheidungen zu treffen, un¬≠geeignet.
  3. Rigide Einschr√§nkungen der b√ľrgerlichen Grundrechte, wie sie gegenw√§rtig vorgenommen wurden, lassen sich anhand der tats√§chlichen Sterblich¬≠keits¬≠ziffer in den euro¬≠p√§ischen L√§ndern nicht rechtfertigen.
  4. Eine Novellierung des Infektionsschutzgesetzes sollte den Schweregrad einer In¬≠fektionskrankheit, me√übar anhand der mit ihr kausal verkn√ľpften Mortalit√§t, als notwendige Bedingung aufnehmen, um grundrechtseinschr√§nkende Ma√ünahmen zu begr√ľnden ‚Äď diese Vorkehrung erscheint staatsrechtlich geboten, um die Einschr√§nkung elementarer Grundrechte und der damit ver¬≠bun¬≠denen ethischen, sozialen und wirtschaftlichen Ver¬≠wer¬≠fun¬≠gen vor¬≠zu¬≠beugen.

 

P.S. Dieser Beitrag wird in den kommenden Wochen kontinuierlich mit der realen Entwicklung abgeglichen und aktualisiert.

Genre: Rezensionen

Moment der Schwere

Eisen liegt nun auf den Häuten
mehr nicht
keine Schafe grasen
auch am Himmel kein Bewegen
ohne Tr√ľbung oder Aufwind
Frieren verfällt ohne Datum

Eisen breitet sich aus
der gewohnte Gang atemlos
geschn√ľrt auch Erzschuhe und -h√ľte
eingepasst in Eisenmaßstäbe
tägliche Schnelldurchgänge durch die Magnetfelder
mit klackendem Handschlag

Atemrisse

Genre: Realitätsschatten

Gemächlich aus dem Stillstand in Bewegung kommen  

Ostern : ein magisches Wort

Laßt uns Goethe als Mantra murmeln

Und uns langsam auf den Weg machen

Ein kleiner Spaziergang zu Ostern

 

Was ist daran schlimm : ein Verbrechen

Die Zukunft naht : wir können nicht weiter

In den Betten liegen und den Kindern

Beim Zocken zusehen : es gibt eine Zukunft

 

Gekrönt von Langsamkeit : wir wollen

Nicht zur√ľck zum Hetzen & Jagen

Vollkommen ist : wer gemächlich geht

Mit dem Grundeinkommen zu F√ľ√üen

 

Schlurfen wir in die Zukunft : von Schritt

Zu Schritt das Tempo steigernd

Und rasch verlangsamend : gerade

Wie es paßt : nicht wie es diktiert wird

 

Vom Markt und sonstigen Schreihälsen

Wenn wir etwas in der häuslichen

Quarantäne gelernt haben : das eigene

Tempo : die Verständigung im Hintergrund

 

Untergrund : glaubt nicht : ihr Hirten

Daß wir euch dumpf hinterher trotten

Wohin immer ihr die schweigenden

L√§mmer f√ľhren wollt : wenn das Gras

 

Aufhört zu wachsen : werden wir laut

Unser Blöken wird euch betäuben

Und den letzten Verstand rauben

Den ihr jetzt schon zu verlieren scheint

 

Ostern! : werden wir fl√ľstern

Ostern! : werden wir schreien

Wenn ihr nichts von Erlösung gehört habt

Wir glauben euch nicht : glauben euch nicht

Genre: Realitätsschatten

Kopieren sich selbst

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Genre: Realitätsschatten

Parabeln zur Pandemie 3: Die vergeßliche Ameisenkönigin

Von einer Brutpflegerin, die sich einsam im Sand eine sonnige Stelle gesucht hatte, h√∂rten wir heute Mittag folgende Geschichte: Unser Volk hatte an einem Fu√üweg, der sich zwischen Wald und Feld hindurch schl√§ngelte, seinen H√ľgel errichtet. Wir waren ‚Äď wie alle Ameisenv√∂lker ‚Äď flei√üig, hatten den Bau bereits mehrfach umgeschichtet und weitergetragen, an sonnigere und ruhigere Pl√§tze. Seit sechzehn Jahren wurde unser Staat von einer klugen K√∂nigin regiert. Sie legte ausdauernd in jedem Fr√ľhjahr zwei- bis dreitausend Eier, damit es unserem H√ľgel gut ging.

Im Laufe ihrer langen Amtszeit hatte die K√∂nigin schon zahlreiche Unw√§gbarkeiten erlebt. Ihre gr√∂√üte Herausforderung war einst eine Milbenart namens Antennophorus. Diese stammte aus einem entlegenen Tal im fernen Kunlun-Gebirge.¬† Jene seltsamen Tiere, die auf nur zwei Beinen herumstaksen ‚Äď unsere gefl√ľgelten M√§nnchen bemerken sie in letzter Zeit immer h√§ufiger in der N√§he unseres H√ľgels ‚Äď hatten die Milben in einem Ding, das sie Flugzeug nennen, mitgebracht. Die Milben kitzelten uns Brutpflegerinnen im Bau, streichelten unsere F√ľhler und irritierten uns, so da√ü wir nicht aufh√∂ren konnten zu kichern, unsere eigentliche Aufgabe verga√üen und stattdessen tr√∂pfchenweise eine z√§he, wei√üliche Fl√ľssigkeit absonderten, an der sich die Milben labten.

Ihr k√∂nnt euch vorstellen, wie er¬≠sch√ľttert die Ameisenk√∂nigin war, als sie ihre wertvollen Eier ungepflegt in den Brutkammern herumkullern sah, w√§hrend wir Brut¬≠pflegerin¬≠nen auf dem R√ľcken lagen, mit den Beinchen strampelten und grinsten. Eilends befahl die Ameisenk√∂nigin, an einen sonnigeren Ort umzuziehen, denn W√§rme behagte den Milben nicht, ab 27 Grad konnten sie nicht einmal mehr schl√ľpfen.

Emsiges Treiben begann und √ľber Nacht war der ganze Ameisenstaat mitsamt seiner 80 Millionen Bewohner auf eine h√∂her gelegene Lichtung umgezogen, eine Lichtung, die von jenen Zweibeinern neulich geschlagen worden war ‚Äď sicherlich um mehr Sonnenlicht, auf die Erde fallen zu lassen.

Diese Zweibeiner ‚Äď ihr wi√üt sicherlich, welche merkw√ľrdigen Lebewesen ich meine ‚Äď waren von der Natur nicht gerade beschenkt worden: Wir haben sechs Beine, mit denen wir unglaubliche Gewichte eilends davon tragen k√∂nnen. Dabei benutzen wir vier Beine zum Trippeln, die anderen beiden zur Transportsicherung. Oben wackelt auf dem Rumpf der Zweibeiner eine Kugel, die sie Kopf nennen, aber nicht einmal um 360 Grad drehen k√∂nnen. Mit ihren beiden Augen ‚Äď wie l√§cherlich im Vergleich zu unseren Kom¬≠plexaugen ‚Äď k√∂nnen sie sich gerade einmal grob in der Landschaft orientieren. Nicht einmal infrarotes und ultraviolettes Licht nehmen sie wahr. Ihr Geruchssinn ist beinahe v√∂llig ver¬≠k√ľmmert. Deswegen m√ľssen sie sich Hunde halten, eine Vierbeinerart, die in vielerlei Hinsicht den Zweibeinern √ľberlegen ist. Die Zweibeiner benutzen ihren Geruchssinn nur noch zur Nahrungsaufnahme, um herauszufinden, ob etwas eklig schmecken w√ľrde, w√ľrden sie es in den Mund nehmen. Wir dagegen k√∂nnen tausende Duftsekrete aussondern, mit denen wir uns √ľber weite Entfernungen verst√§ndigen. Vor allem aber fehlen den Zweibeinern die F√ľhler, ich meine unsere genialen Antennen, mit denen wir nicht nur tasten, riechen und schmecken, sondern auch die Lufttemperatur und den Luftdruck, ja sogar den CO2-Gehalt in der Luft feststellen k√∂nnen. Das √ľberrascht euch, nicht wahr? Auch die Zweibeiner wollen all das nicht glauben und halten sich selbst f√ľr die Kr√∂nung der Natur. Tats√§chlich besteht ihre einzige Begabung darin, kleine Schachteln zu erfinden, mit denen sie alles m√∂gliche messen und z√§hlen, was ihnen die Natur nicht verg√∂nnt hat zu empfinden‚Ķ

Kaum hatte die K√∂nigin unseren Staat gl√ľcklich auf die Lichtung umgesiedelt, wo wir den Milben besser begegnen konnten, drohte das n√§chste Ungemach: Im Herbst tauchten die Zweibeiner mit F√§ssern auf, aus denen sie einen schwarzen z√§hfl√ľssigen Brei auf den Feldweg sickern lie√üen, wo er erstarrte. Ein paar Tage sp√§ter rollten die Zweibeiner in Schachteln auf vier R√§dern vorbei. Sie zischten geschwind auf der schwarzen Bahn entlang, beinahe ger√§uschlos, und verpesteten die Luft. Unsere F√ľhler verklebten, wenn wir in die N√§he der ger√§derten Schachteln auf der schwarzen Bahn gekrabbelt waren.

Unsere K√∂nigin war alt und weise, sie wiegte lange ihren Kopf von links nach rechts und von rechts nach links, ehe sie beschlo√ü, da√ü wir ‚Äď zun√§chst einmal ‚Äď auf der Lich¬≠tung bleiben sollten. Seit langem schon √ľberlegte unsere K√∂nigin, von ihrem Amt abzutreten und eine Jungk√∂nigin heranzuziehen, damit frische Kr√§fte den Staat regierten. Die schwarze Bahn, die nun seit kurzem neben unserem Bau verlief, beunruhigte sie jedoch.

Daher trommelte sie f√ľrs erste einen Beraterstab zusammen. Das hei√üt, sie versammelte alle gefl√ľgelten M√§nnchen, die sich mit der Lage au√üerhalb unseres H√ľgels am besten auskannten sowie jeweils die f√§higste Vertreterin der Brutpflegerinnen, Arbeiterinnen und Soldatinnen. Unter den Beratern befanden sich mehrere Experten f√ľr Milbenkunde ‚Äď denn diese winzigen, beinahe unsichtbaren Parasiten ‚Äď waren unser √§rgster Feind. Au√üerdem geh√∂rten Architektinnen und Bau¬≠ingeneure, √Ąrzte und seit neuestem auch Forscher auf dem Gebiet der Anthropologie oder Zwei¬≠beiner¬≠kunde zum engeren Kreis um unsere alternde K√∂ni¬≠gin. Was hielt sie davon ab, zum Hochzeitsflug zu blasen, die M√§nnchen los¬≠fl√ľgeln zu lassen, um endlich eine der begabten Jungk√∂niginnen zu begatten? Unsere K√∂nigin vermi√üte eine w√ľrdige, nein, eine f√§hige Nachfolgerin. Daher z√∂gerte sie.

Vielleicht habt ihr noch nie davon geh√∂rt, da√ü Ameisenk√∂niginnen von Natur aus mit einer besonderen Begabung aus dem Ei schl√ľpfen: Sie k√∂nnen instinktiv mit gro√üen Zahlen umgehen, sie lernen weder das Permutationsgesetz noch Wahr¬≠schein¬≠lich¬≠keits¬≠lehre in der Ameisenschule ‚Äď die Ameisenk√∂nigin kommt mit diesem mathematischen Geheimwissen auf die Welt und st√ľtzt darauf ihre monogyne Macht √ľber den Staat. Wie sollte sie ohne die Souver√§nit√§t im Hantieren mit gro√üen Zahlen den Umzug von 80 Millionen Individuen in einer Nacht dirigieren? Seit es Ameisen gab, also seit 130 Millionen Jahren, als von den Zweibeinern noch nicht mal ein Zwerg auf der Erde zu sehen war, beherrschen unsere K√∂niginnen die mathematische Kunst.

Und unsere K√∂nigin hatte sie sechzehn Jahre lang k√ľhl und konsequent bewiesen. Also w√ľrde es schon richtig sein, was unsere einzige Zahlenk√ľnstlerin ent¬≠schied, dachten wir ‚Äď doch nun war sie sich selbst nicht mehr ganz sicher. In ihrem Expertenstab tummelten sich frische Geister, aufgeweckte und mit ihren Antennen hoch¬≠sensible Berater ‚Äď allein der Umgang mit dem Gesetz der Gro√üen Zahl fiel ihnen schwer. Daher z√∂gerte unsere weise und umsichtige K√∂nigin, den Hoch¬≠zeitsflug auszurufen und eine neue K√∂nigin zu bestimmen.

Noch lie√ü uns der Winter in Starre verharren, da fl√ľsterte ein besonders kecker und aufgeweckter Berater: ‚ÄěAntennophoren! Hilfe, Antennophoren, eine neue Art, wieder aus China her√ľber¬≠gesegelt ‚Äď Hilfe!‚Äú Unsere K√∂nigin war noch im Winterschlaf versunken und regte sich erst einmal gar nicht. Keine Panik, dachte sie, was ist das f√ľr ein junger, aufgeregter Kerl, warten wir das Fr√ľhjahr ab. Die Tage vergingen, die Berater tuschelten und tauschten sich aus. Fast jeder hatte das ber√ľhmte Kribbeln auf den F√ľhlern versp√ľrt, sie kicherten und kippten auf den R√ľcken, um mit ihren sechs Beinchen in der Luft zu zappeln. Zugleich war es ihnen √ľberaus peinlich, denn in jedem Augen¬≠blick konnte die K√∂nigin erwachen, und sicher w√ľrde sie erz√ľrnen, wenn sie ihr h√∂chstes Gremium bei einer Kicherparty erwischte. Also knickten die Berater ihre Antennen ein, um nicht mehr so empfindlich zu sein und ganz besonders ernst drein zu schauen.

Die Verhaltens√§nderung zeigte Wirkung. Die K√∂nigin regte sich, krabbelte aus ihrer Kammer, sonnte sich ein paar Tage und begann mit ihrem Fr√ľhjahrsgesch√§ft, d.h. sie legte Eier ‚Äď Dutzende, Hunderte, bis es in die Tausende ging. Die Berater waren weiterhin unruhig. Sie trauten der Sonne und dem sch√∂nen Fr√ľhlingswetter nicht, irgendetwas lag in der Luft ‚Äď eine neue, bisher unbekannte Antennophorus-Art. W√§hrend die K√∂nigin noch ein Ei nach dem anderen aus ihrem Unterleib dr√ľckte und in die Brutkammer schob, wo das Arbeitervolk sie sortierte und wir Brutpflegerinnen unserer Arbeit nachgingen, bildeten die Berater einen geschlossenen Ring um die K√∂nigin und sonderten synchron den Duftstoff aus, der h√∂chste Gefahr signalisierte. Nun hob die K√∂nigin langsam ihren Buckel, drehte ihren Kopf einmal um die Runde und fragte: ‚ÄěWas wollt ihr?‚Äú ‚Äď ‚ÄěSch√ľtze uns, gro√üe K√∂nigin, sch√ľtze uns vor dem neuen, b√∂sen Antennophorus, der sich in unseren Bau eingeschlichen hat und sich zu vermehren beginnt, w√§hrend du Eier legst. Siehst du nicht, wie schwach die Arbeiterinnen und Soldatinnen schon sind? Manche wackeln auf ihren sechs Beinen, statt stabil und akrobatisch √úberlasten umherzuschleppen wie sonst.‚Äú

Die K√∂nigin kroch durch den gesamten Bau. Auff√§llig war, das in einer Ecke tats√§chlich ein paar Arbeiterinnen und Soldatinnen ausgestreckt herumlagen. Nicht die M√ľdigkeit hatte sie au√üer Gefecht gesetzt, bemerkte die K√∂nigin, diese armen Tiere r√∂chelten ‚Äď sie rangen um Luft. Wenn nichts geschah, w√ľrden sie sterben. Die K√∂nigin sandte geschwind drei gefl√ľgelte M√§nnchen aus, die Umgebung des Baus von au√üen zu beobachten. Als sie zur√ľckkehrten, war klar, da√ü es sich bei der gef√§hrlichen Ecke um die Seite des H√ľgels handelte, die der seltsamen schwarzen Bahn zugewandt war, auf denen die Zweibeiner in ihren stinkenden Schachteln vorbeirollten.

Noch bevor die K√∂nigin erneut einen Umzug befehlen konnte, befand sich der gesamte Staat in heller Aufregung ‚Äď die Berater hatten ihr Duftsekret, das h√∂chste Gefahr durch einen neuartigen Antennophorus verk√ľndete, bereits √ľberall im Bau verschmiert: Es k√∂nne im schlimmsten Fall dazu kommen, da√ü nicht nur 2000 Ameisen wie sonst zu dieser Jahreszeit, nein sogar noch 30 Ameisen mehr pro Tag sterben m√ľ√üten, noch einmal in Worten: drei√üig Tag f√ľr Tag zus√§tzlich. Das hie√ü sicherlich, dachten wir, binnen kurzem w√ľrde unser Volk aussterben. So glaubten und verk√ľndeten es unsere kecken und aufgeweckten Berater. Das Ungl√ľck war geschehen: Unsere alte, weise K√∂nigin hatte zum ersten Mal in ihrer langen Amtszeit das Gesetz der gro√üen Zahl vergessen. Es gelang ihr nicht, uns zu beruhigen und Zuversicht zu geben, indem sie sprach: ‚ÄěMeine lieben T√∂chter und S√∂hne, 30 sind keine 2000.‚Äú

Nun wimmelten 80 Millionen Ameisen durcheinander. Die Brutkammern wurden von zahllosen¬†Beinchen √ľberkrabbelt und der Nachwuchs in den Eiern angekratzt. Nun mu√üte die K√∂nigin reagieren und die Notbremse ziehen: Sie befahl dem gesamten Volk, die F√ľhler einzuknicken, damit keine einzige Ameise, auch nicht die kleinste, j√ľngste, fl√ľgellose Arbeiterin von dem vermeintlichen Kitzeln des neuartigen Antennophorus irri¬≠tiert wird.

Wir Ameisen nehmen Kontakt miteinander auf, indem wir unsere Antennen kreuzen. Dies war mit geknickten F√ľhlern nicht mehr m√∂glich. Mit dem Antennenkreuzen verloren wir unsere kollektive Intelligenz, mit der wir eigentlich den Zweibeinern, wie die Naturgeschichte zweifelsohne zeigt, weit √ľberlegen sind. Indem wir uns ‚Äěbetrillern‚Äú, so nennen wir den Kontakt durch Ber√ľhren, l√∂sen wir die schwierigsten Transport- und Kommunika¬≠tions¬≠probleme. Nun war die Betrillerung verboten. In K√ľrze fiel unser Bau auseinander. Die Halme und Stengel, die ihn einst kunstvoll zusammen gehalten hatten, wurden von niemandem mehr befestigt. Unser Volk lief mit geknickten F√ľhlern in alle Himmelsrichtungen auseinander. Die K√∂nigin blieb zur√ľck. Doch sie war nicht alleine: ihre Berater umringten sie noch immer und blickten hoffnungsvoll zu ihr auf. ‚ÄěWir m√ľssen uns ein neues Volk suchen‚Äú, sprach die K√∂nigin √§chzend, lie√ü sich Fl√ľgel wachsen, um in den Tiefen des Waldes nach einem anderen Ameisenh√ľgel Ausschau zu halten, den sie auf ihre alten Tage noch regieren k√∂nnte.

Genre: Gem√ľtstiefe

persistent

fl√ľstern des atems am scheibenrand:
still es kommen nur die mit purpurnen zweigen
und gelben fl√ľgeln

gestorben dereinst √ľber der zeit
schweig

es kommen nur
die schon immer ragten
wie t√ľrme

bis jenseits des aughorizonts
auf brennenden zungen verkohlte töne lila und
rot wie singendes glas die ränder
beschrieben weiß

und blau wie das meer
√ľber bergen tief im geheimnis der kr√ľge
zerschlagen

das pochen der blätter
gebrochener √§ste in ihrem blut gebeuteltes gr√ľn
√ľber glimmendem braun auf geblendeten
spiegeln zerdr√ľckt

wie ertrunken lauschten des nachts
in die falten des raums den jahren zwischen die stunden
greifend der abend zitternd im schwarzen kleid
still dreh dich nicht

in den lauen wind

Genre: Realitätsschatten

Parabolischer Hyperbelast, elliptisch getrieben

Zweimal hatten sie ihr nun schon den Rechner lahmgelegt, ihr Arbeitsger√§t. Ja bilden die sich wirklich ein, dass sie das d√ľrften?! Sie begann zu atmen, Bilder glitten ineinander und verwandelten sich eins ums andere ineinander.
Quantentränen in Kadmiumträumen
das Meer, das Meer unsäglich
Lichtquanten: ich mag minimal art, ich mag David Hume.
*
In einer Jurte sitzend, Puschkin √ľbersetzend

“Es d√§mmerte.”

Genre: Gem√ľtstiefe, Trauersymmetrie, Wortmysterien

Parabeln zur Pandemie 2: Die ein√§ugige Alte oder vom Gl√ľck, im eigenen Bett sterben zu d√ľrfen

Eine alte Frau verbrachte ihre letzten Tage im Pflegeheim. Sie war mit einem biblischen Alter von 86 Jahren gesegnet, hatte Mussolini, die deutsche Besatzung und schlie√ülich die Nachkriegszeit durchlebt.¬† Ihre r√ľstige Tochter, die gerade ihren 60. Geburtstag gefeiert hatte, besuchte sie beinahe t√§glich. Die Alte war ‚Äď soweit sie sich erinnern konnte ‚Äď zufrieden. Sie war noch imstande gem√§chlich herumzulaufen, genauer gesagt: zu schlurfen,¬† und sich selbst anzukleiden, f√ľhlte sich umsorgt und hegte nur noch einen Wunsch im Herzen: im eigenen Bett zu sterben. Tats√§chlich dachte ihre Tochter zuweilen ernsthaft dar√ľber nach, sie wieder zu sich nach Hause zu holen, um ihrer Mutter diesen letzten Wunsch zu gew√§hren.

Mitten im Sommer geschah etwas Eigenartiges: Von der Hitze bildeten sich rote Blasen auf der Haut der Alten, besonders auf den Wangen, die so sehr anschwollen, da√ü sie auf der linken Seite ein Auge zudr√ľckten. Die Pfleger k√ľmmerten sich r√ľhrend, legten Kompressen auf, es n√ľtzte nichts. Als die Schwellung nach drei Tagen nicht verschwand, riefen sie den Arzt, der stets ins Altenheim kam, wenn es gesundheitliche Probleme gab ‚Äď das war praktisch jeden Tag der Fall. Die Blasen blieben und √ľberwucherten das linke Auge. Die alte Frau √§hnelte einer Leprakranken, doch es war kein Lepra. Eine neuartige, eine unbekannte Krankheit, raunte der Arzt und ordnete die Verlegung der Alten ins Krankenhaus an.

Die ein√§ugige Alte wurde nun vom Hautarzt, von der Augen√§rztin, vom Internisten und schlie√ülich vom Chefarzt inspiziert ‚Äď niemand konnte eine klare Diagnose stellen, allen stand das R√§tsel als Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Am folgenden Tag nahm die Haut√§rztin eine Gewebeprobe und schickte sie ins Labor. Es dauerte drei Tage, ehe ein Eilkurier die Ergebnisse der Untersuchung pers√∂nlich dem Chefarzt √ľberbrachte, drei Tage, in denen die Blase unterm linken Auge der alten Frau weiter und weiter wucherte. Nun bildete er bereits einen Auswuchs, der mit der Stirn zu verwachsen schien.

Der Laborbericht enthielt im Telegrammstil folgende Mitteilung: ‚ÄěNeuartiger Bakterienstamm, aus der Famile der Mykobakterien, aber mit bisher unbekannter DNA, im Unterschied zu anderen Mykobakterien offenbar schnell ansteckend und mit kurzer Inkubationszeit.‚Äú Der Bericht war per eMail zeitgleich ans Gesundheitsministerium in die Hauptstadt geschickt worden. Dort landete er jedoch mit etwa dreitausend weiteren eMails vom selben Tag im Postfach der Pressestelle und wurde nicht weiter beachtet.

Die alte Frau im Krankenhaus erfuhr nichts von den Laborergebnissen. Ihr wurde gesagt, es handele sich um eine seit langem bekannte, heilbare Krankheit, sie bekomme jetzt Medikamente und in ein paar Tagen werde die Blase wieder abschwellen. Die Alte sch√∂pfte Hoffnung, da√ü ihr langgehegter Wunsch, zu Hause bei ihrer Tochter sterben zu k√∂nnen, nun doch in Erf√ľllung gehen k√∂nne. Sie bat um das Rezept und wollte sich nach Hause bringen lassen. Da erschien der Chefarzt pers√∂nlich zur Visite an ihrem Bett und erkl√§rte ihr, das sei nicht m√∂glich, sie m√ľsse bleiben.

In der Zwischenzeit hatte ein Pfleger beim Feierabendbier mit einem Freund √ľber die ungew√∂hnliche Alte mit dem zugeschwollenen Auge gesprochen. Dieser Freund war von Natur aus neugierig und h√∂rte aufmerksam zu ‚Äď er arbeitete bei der Lokalzeitung. Er entwickelte eine lebhafte Vorstellung von der Monsterkrankheit der Alten, stellte sich vor, wie nicht nur das Auge, sondern bald schon die Stirn und dann der ganze Kopf von der Blase √ľberwuchert und eingeh√ľllt sein w√ľrden ‚Äď eine schauderhafte, Grausen erregende Vorstellung. Am folgenden Morgen streifte er sich einen gr√ľnen Kittel √ľber, setzte sich einen Mundschutz auf und begleitete den Pfleger zur Arbeit ins Krankenhaus, lie√ü sich ans Bett der Alten f√ľhren, die nichts argw√∂hnte. Dort scho√ü er heimlich eine ganze Fotoserie von der Alten, genauer gesagt: von der Blase, die ihr Auge √ľberw√∂lbt hatte. Er kniete sich neben das Krankenbett, um aus schr√§ger Perspektive von unten ein besonders eindrucksvolles Bild von der Gr√∂√üe der Blase einzufangen. Am Computer k√∂nnte er mittels der Auto¬≠korrekturfunktion die r√∂tlichen Stellen blutrot erscheinen lassen ‚Äď es w√ľrde ein auf¬≠sehendes Bild ergeben. Mit etwas Gl√ľck, genauer gesagt: wenn sich an diesem Tag kein anderes Ungl√ľck ereignete, w√ľrde das Bild auf der Titelseite landen.

So ge¬≠schah es: der Reporter hatte Gl√ľck, das Bild wurde auf Seite eins abgedruckt. Der Chef¬≠redakteur feuerte die Redaktion an, die Geschichte weiterzuverfolgen. Nun erhielt die alte Frau in ihrem einsamen Krankenzimmer dreimal t√§glich Besuch von jenem umtriebigen Redakteur, der nun noch eine Assistentin und einen profes¬≠sionellen Fotografen im Schlepptau mitf√ľhrte. In einem Tagebuch, das der Reporter als Blog im Internet vorab ver√∂ffentlichte und das in Ausz√ľgen nun eine eigene Kolumne der Lokalzeitung bildete, berichtete er von den Ver√§nderungen und Wucherungen der Blase. Er schilderte die Gedanken der alten Frau, ihr Leid und ihre Schmerzen. Genauer gesagt schilderte er, wie er sich die Gedanken, das Leid und die Schmerzen der alten Frau vorstellte, denn sie sprach nicht mit ihm, hielt ihn in ihrer Gutm√ľtigkeit weiterhin f√ľr eine Krankenpfleger, der sich um sie k√ľmmere.

Inzwischen hatten die Zeitungsberichte auch die Hauptstadtpresse erreicht und das spektakul√§re erste Bild, das der Reporter selbst noch auf Knien von der Blase ge¬≠schos¬≠sen hatte, schaffte es in die Abendnachrichten. Nun fiel auch im Gesund¬≠heits¬≠ministerium unter all den zahllosen eMails die Kurzmitteilung des Labortests in die richtigen H√§nde. Der zust√§ndige Ministerialdirigent f√ľr subtropische Medizin nahm sich des Berichts an, hakte nach und lie√ü ‚Äď gut gek√ľhlt in diesem hei√üen Sommer ‚Äď die Gewebeprobe in die Hauptstadt transportieren.

Nun nahmen die Dinge ihren Lauf. Ein Krisenstab wurde eingerichtet. T√§glich berichtete die Pressestelle des Ministeriums. Die Meldungen wurden sofort von allen gro√üen Sendern √ľbernommen. Ohne da√ü es einer Anweisung bedurfte, √ľberpr√ľfte das Personal in s√§mtlichen Pflegeheimen, ob weitere alte Menschen √§hnliche Symptome zeigten. Tats√§chlich ‚Äď niemand h√§tte es gedacht: der hei√üe Sommer hatte auch bei anderen Senioren zu Schwellungen aller Art gef√ľhrt. Bei einem alten Mann war das linke Knie geschwollen, da√ü es einem Medizinball glich. Einer weiteren alten Frau¬† war die eigentlich schon schlaffe linke Brust aufgebl√§ht, da√ü es schien, sie erwarte mit ihren 74 Jahren ein Kind.

Eines aber hatten alle Schwel¬≠lungen, Wucherungen und Ausw√ľchse gemeinsam: Sie waren stets auf der linken K√∂rperh√§lfte zu finden. Nun kamen die Neurologen und Hirnforscher ins Spiel. Sie verk√ľndeten, da√ü es sich um eine Anomalie der rechten Hirnh√§lfte handeln m√ľsse, denn diese steuere die Vorg√§nge auf der linken K√∂rperh√§lfte. Man m√ľsse das Gehirn untersuchen, m√ľsse den Stoffwechsel testen und mit radioaktiven Markern in Echtzeit die Blutstr√∂me zur Gro√ühirnrinde unter die Lupe nehmen. Ein findiger Forscher entwickelte eine Methode, die Anomalien der Gro√ühirnrinde mit Hilfe des EEG zu diagnostizieren, was den technischen und finanziellen Aufwand um ein Vielfaches minderte. Noch bevor der findige Forscher sein neuartiges Testverfahren kreuzvalidieren und ver√∂ffentlichen konnte, erging vom Ministerium der Erla√ü, in allen Pflegeheimen, EEG-Elekroden anzuschaffen, das Personal zu schulen und s√§mtliche Bewohner der Heime zu √ľberwachen.

Von nun an wurden t√§glich neue Alte in den Pflegeheimen aufgesp√ľrt, die auch ohne jede Schwellungs-, Wucherungs- und Blasen¬≠symptomatik eine Anomalie auf der rechten Gro√ühirnh√§lfte aufwiesen. Wegen der Bef√ľrchtung, den Gefahren, die von der St√∂rung ausgingen, nicht gewachsen zu sein, veranla√üte das Pflegepersonal instinktiv bei der kleinsten Auff√§lligkeit, ja beim geringsten H√ľpfer im rechtsseitigen EEG den Notarzt zu rufen. Der Notarzt war durch die t√§glichen, genauer gesagt: nunmehr st√ľndlichen Sondernachrichten zu Schwellungen und Ausw√ľchsen, bereits gut vorbereitet, genauer gesagt: gebrieft. Er √ľberwies den Patienten sofort in die Intensiv¬≠medizin. Dies geschah, wie man sich denken kann, in allen Pflegeheimen gleichzeitig, denn keines wollte seiner Verantwortung und F√ľrsorgepflicht f√ľr die alten Menschen nicht gerecht werden.

Also hie√ü es handeln, ohne zu z√∂gern, keine kostbare Zeit verstreichen zu lassen. Die √Ąrzte auf den Intensivstationen wunderten sich. Sie f√ľhlten sich dem Ansturm nicht gewachsen, wollten zugleich aber ihren jahrhundertelang gepflegten Hippokratischen Eid erf√ľllen ‚Äď also schlugen sie Alarm. Mehrere hundert Chef√§rzte riefen am selben Tag den Gesundheitsminister an, die Telefondr√§hte gl√ľhten. Der Minister war jung und forsch, sp√ľrte den Tatendrang in seiner Brust. W√§re er doch eigentlich selbst Mediziner – in Wirklichkeit war er ein Kaufmann – und stellte sich vor, was es hei√üen w√ľrde, helfen zu wollen, aber nicht zu k√∂nnen, weil die Umst√§nde katastrophal erschienen ‚Äď dem mu√üte vorgebeugt werden. Vorbeugung war schon immer die beste Medizin.¬†In Wirklichkeit standen die Mediziner bei √§lteren Patienten immer schon vor der Entscheidung, ob eine intensive Behandlung das Leid eher vergr√∂√üere oder viel¬≠mehr eine Schmerzlinderung angezeigt sei. Dieses Dilemma gab es, seitdem es den Arztberuf gab ‚Äď nichts daran war neu.

Unser junger Minister bat also den Ministerpr√§sidenten, eine Kabinettsrunde ein¬≠zuberufen. Auf dieser Sitzung wurde der nationale Gesund¬≠heits¬≠notstand ausgerufen. Die Krankenh√§user m√ľ√üten ausgebaut, neue Inten¬≠sivstationen er√∂ffnet, alle sonstigen Operationen vertagt und alles auf die Rettung der alten Menschen aus den Pflegeheimen, die dem Schwellungs- und Wucherungstod nahe standen, ausgerichtet werden ‚Äď koste es was es wolle, das gebiete unsere Menschlichkeit und Solidarit√§t.

Tats√§chlich offen¬≠barten sich auf den Intensivstationen schwerste F√§lle von sterbens¬≠kranken 82-, 78- und 89j√§hrigen. Den in Transportern eilends hergekarrten Alten aus den Pflegeheimen bekam der Umzug auf die Intensivstationen, sagen wir es diplomatisch, nicht gerade gut. Sie vermi√üten ihre vertrauten Pfleger, die vor wenigen Tagen noch kleine Scherze, Sp√§√üe und nette Bemerkungen f√ľr sie √ľbrig hatten. Stattdessen wurden nun blinkende Me√üger√§te um sie herum aufgebaut. Viele wurden an den Tropf gehangen, erhielten prophylaktisch einen k√ľnstlichen Darmausgang. Jeder menschliche Kontakt war durch Mundschutz und Plexiglasbrille auf der Nase der √Ąrzte und Krankenschwestern vorbeugend gesch√ľtzt. Denn die Patienten schleppten ihre langwierigen Krankheiten, an denen sie schon seit Jahren laborierten, auf die Intensivstationen, Krankheiten, die bei ihnen als unheilbar galten: Krebs, Lungenentz√ľndungen, Schlaganf√§lle, Diabetes, In¬≠kon¬≠tinenz. Die Intensivstationen mutierten landesweit zu Geronto-Intensivstationen. Doch die Patienten ver¬≠mi√üten die Palliativ√§rzte, die ihnen wenigstens den Schmerz zu lindern vermochten. Allein der Ortswechsel verursachte bei manchen einen Schock, von dem sie sich nicht erholten.

Es kam, wie es kommen mu√üte ‚Äď auf den Geronto-Intensivstationen stieg die Todesrate rasant an, ein Umstand, der sich nicht verheimlichen lie√ü, denn die Sozial¬≠ar¬≠beiter der Krankenh√§user waren nun fortlaufend damit besch√§ftigt, Be¬≠stat¬≠tungs¬≠institute anzurufen und mit der Abholung der Verstorbenen zu be¬≠auftragen. Schlie√ülich traten die Bestatter wegen √úberlastung in einen Streik und wandten sich an die Presse. Eine √ľberaus alarmierende Schlagzeile machte die Runde: ‚ÄěIn der Gruppe der √ľber 80-J√§hrigen ist die h√∂chste Sterblichkeitsrate zu ver¬≠zeichnen.‚Äú Kaum zu glauben! Tats√§chlich berichtete ein Magazin nach dem anderen √ľber dieses ph√§nomenale Ph√§nomen. Starben nicht in normalen Zeiten schon mehr als zweitausend Menschen am Tag eines nat√ľrlichen Todes, ohne da√ü au√üerhalb der eigenen Familie dar√ľber gesprochen wurde? Die Regierung bem√ľhte sich redlich, das Erschreckende dieser Nachricht klein zu halten ‚Äď auch f√ľr eine einstmals demokratisch gew√§hlte Regierung empfiehlt sich eine gewisse Strategie der Volksverdummung, damit die Panik nicht anschwelle, genauer gesagt: in die richtige Richtung gelenkt werde.

Um die Ausbreitung der hoch ansteckenden, bisher unbekannten Schwel¬≠lungs- und Wucherungskrankheit einzud√§mmen, erlie√ü die Zentralregierung Tag f√ľr Tag neue Gesetze: Schulen und Hochschulen zu besuchen, sich in ein Caf√© zu setzen, seiner Arbeit nachzugehen, ja selbst sich die Haare schneiden zu lassen, wurde kurzerhand verboten. Eine Diskussion zu all diesen Dekreten, die der Form nach den Dekreten Lenins nach der Oktoberrevolution im fernen Petrograd, einem alten Freund unseres seligen Mussolini, nicht un√§hnlich waren, blieb der Regierung Gott sei Dank erspart. Denn wegen der Bef√ľrchtung, sich mit der hochansteckenden Schwellungs- und Wucherungskrankheit zu infizieren, hatte das Parlament ‚Äď in Abwesenheit der Abgeordneten ‚Äď einstimmig beschlossen, s√§mtliche Sitzungen f√ľr die kommende Zeit auszusetzen und dem Ministerpr√§sidenten, er nannte sich nun in alter Tradition wieder Duce, s√§mtliche Vollmachten zu √ľbertragen.

Den Krankenh√§usern blieb angesichts des Streiks der Bestattungsinstitute nichts anderes √ľbrig, als die Armee zu bitten, die Leichen, die sich in den K√ľhlkellern stapelten, abzutransportieren ‚Äď was der Ministerpr√§sident kraft seiner pr√§sidialen Machtf√ľlle mit einem Federstrich genehmigte. Die Bilder vom Milit√§rkonvoi voller Leichen in Friedens-, aber Krisenzeiten gingen um die Welt. Kurzerhand wurden in allen zivi¬≠lisierten Staaten EEG-Elektroden f√ľr die Alters- und Pflegeheime angeschafft. In manchen Staaten wurden auch die geschlossenen Psychiatriestationen und Hochsicherheitsgef√§ngnisse in die diagnostische Pr√§ventionsma√ünahme integriert.

Nun nahmen die Dinge ihren Lauf. Der Weltgesundheitsverein (WGV e.V.) gab welt¬≠weit anerkannte Empfehlungen heraus, die in der weiten Welt der vern√ľnftigen und aufgekl√§rten Re¬≠gierungen in Gesetze und Verordnungen umgewandelt wurden. Manchem Autokraten half diese Ma√ünahme, die Menschen mit Verweis auf die Ge¬≠sund¬≠heitsrisiken von Protesten und Demonstrationen gegen eine verfassungswidrige Ver¬≠l√§ngerung der Amtszeit abzuhalten ‚Äď wer h√§tte gedacht, da√ü sich die grassierende Infektion, die schauderhaft anzusehenden Wucherungen und Schwellungen, vor allem aber die unsichtbaren Anomalien auf der rechten Hirnh√§lfte, die gl√ľcklicherweise nun mit Hilfe des EEG sichtbar wurden, derart f√∂rderlich von den bestehenden Eliten ausnutzen lie√üen?

Die dubiose Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit erwies sich als wahrer Segen: nicht zuletzt f√ľr die Natur, die aufatmen konnte, auch f√ľr die gesunden Menschen mittleren Alters, die eingesperrt in ihren Wohnungen, sich nicht mehr mit Gedanken um die richtige Politik martern, nicht mehr t√§glich zur Arbeitsstelle und von dort durch den elenden Stau zur Schule hetzen mu√üten ‚Äď es kehrte Ruhe ein, genauer gesagt: Friedhofsruhe. Und diese bekam der √ľberwiegend gesunden Bev√∂lkerungsmehrheit sehr gut, als w√§re sie eine f√ľr alle angeordnete Erholungskur. Die Alten st√ľrben sowieso, ob im Heim oder auf der Intensivstation, das war kein gro√üer Unterschied. Die M√§chtigen aber konnten m√§chtig auftrumpfen und keiner ver√ľbelte es ihnen.

Wen haben wir vergessen? Ach so, unsere alte Frau, der wegen der Blase unterm Auge vom Chefarzt verboten worden war, nach Hause zu gehen. Beinahe h√§tte ich es ver¬≠s√§umt zu erz√§hlen, da√ü ihre Schwellung Ende August langsam zur√ľckging. Vielleicht waren die etwas k√ľhleren Temperaturen daran schuld. Der Chefarzt wollte sie dennoch nicht entlassen, war sie doch so etwas wie eine Symbolfigur geworden: Patientin Null. Ihre Tochter versuchte, mit dem Anwalt gegen die Entscheidung vorzugehen. Wenigstens sollte ihre 86j√§hrige Mutter in h√§usliche Quarant√§ne entlassen werden. Dort w√ľrde sie doch f√ľr niemanden au√üer ihre Familie eine Gefahr darstellen. Der Chefarzt lie√ü den Anwalt mit Verweis auf das Infek¬≠tions¬≠schutzgesetz abblitzen ‚Äď das sei in der heutigen Zeit nicht erlaubt. Die Alte stelle immerhin eine Gefahr f√ľr die Allgemeinheit dar und ihre Tochter mache sich strafbar, wenn sie ihre Mutter zu Hause beherberge. Der Anwalt wiederum erlaubte sich, das Gesetz zu erw√§hnen, das k√ľrzlich erst verabschiedet worden war und laut Verfassung¬†jedem Menschen das Sterben in den eigenen vier W√§nden garantiere, wenn er wolle sogar mit Beihilfe zum Suizid, z.B. bei starken Schmerzen. Da hatte der Chefarzt nur ein m√ľdes L√§cheln √ľbrig, erwiderte, er m√ľsse sich noch um die vielen anderen Patienten auf der Geronto-Intensivstation k√ľmmern, leider habe er keine Zeit. Er bem√ľ√üigte sich nicht einmal, den Rechts¬≠beistand des Krankenhaus¬≠es von diesem Einwand zu informieren. Erst als die Tochter drohte, die Krankenkasse vom sinnlosen, aber doch recht kostenintensiven Aufenthalt ihrer nunmehr symptomfreien Mutter in Kenntnis zu setzen, z√∂gerte der Chefarzt keine Sekunde: Er konnte wohl unterscheiden, worauf es ankam und worauf nicht.

Genre: Realitätsschatten

Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir sch√§len die Zeit aus den N√ľssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zur√ľck in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der
Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, da√ü der Stein sich zu bl√ľhen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

Genre: Gem√ľtstiefe

* Musik soll sein

.

Nicht Musik soll sein,
wo mein Herz
am Abgrund lauert.

Nicht Musik soll sein,
wo so viele
Fl√ľche gedacht!

Auf der Zunge Fl√ľgeln,
in Weihrauchs
Nebeln zerfällt

sogar eines
wahren Gedanken
Pracht . . .

Nicht Musik soll
sein, wo der
Abgrund dauert.

Der Gedanke
abseits der Seele
w√ľtet im Nichts.

Seine Wahrheit
macht dem
Denken arg

zu schaffen.
Die Seele ein
Nichts, tränen-

leer

,

19.11.19

Genre: Erinnerungsbrösel, Realitätsschatten, Rezensionen

Parabeln auf die Pandemie 1: Der notorisch ängstliche Richter

Es war ein Richter, der eine notorische Angst vor L√ľgnern hatte. Wenn er einen Dieb traf, der sagte ‚ÄěIch hab nichts gestohlen‚Äú, so √ľberf√ľhrte er ihn der L√ľge und verurteilte ihn. Wenn er einen Betr√ľger traf, der sagte ‚ÄěIch habe niemanden betrogen‚Äú, so √ľberf√ľhrte er ihn der L√ľge und verurteilte ihn ‚Äď und in diesem Fall hatte er recht. Wenn er einen Schl√§ger traf, der sagte, ‚ÄěIch habe nicht geschlagen‚Äú, so √ľberf√ľhrte er ihn der L√ľge und verurteilte ihn. Wenn er einen M√∂rder traf, der sagte ‚ÄěIch war es nicht, ich habe niemanden ermordet‚Äú, so √ľberf√ľhrte er ihn der L√ľge und verurteilte ihn. Alle Beschuldigten wurden ins Gef√§ngnis abgef√ľhrt. Der Richter sprach: ‚ÄěNicht weil sie B√∂ses getan haben, m√ľssen sie ins Gef√§ngnis, sondern weil sie l√ľgen.‚Äú Ein Aufsehen erregendes Spektakel war das: ein Gef√§ngnis voller L√ľgner. Nun kamen Forscher, untersuchten die Gefangenen mit L√ľgendetektoren und stellten fest: ‚ÄěTats√§chlich: In diesem Gef√§ngnis gibt eine √ľberdurchschnittlich hohe Anzahl von L√ľgnern! Der Richter hat richtig geurteilt.‚Äú Reporter reisten an, schrieben Artikel f√ľr die Zeitung¬≠ und sendeten Nachrichten im Fernsehn √ľber ein spektakul√§res Anschwellen der L√ľgenquote im Gef√§ngnis. Die Regierung setzte sich zusammen und bereitete ein Gesetz vor, das L√ľgen k√ľnftig unter Strafe stellte. Kaum war es verabschiedet, begann ein hektisches Bauen und Werkeln im Land, genauer gesagt: im halben Land. Von diesem Tag an n√§mlich, wurden Tausende neue Gef√§ngnisse gebraucht. Wer h√§tte gedacht, da√ü es soviele L√ľgner gibt? Die halbe Nachbarschaft, die H√§lfte der Arbeits¬≠kollegen, die H√§lfte der Polizisten, eigentlich alle M√§rchen- und Ge¬≠schichtenerz√§hler in den Kinderg√§rten, ja sogar die H√§lfte der Politiker im Parlament ‚Äď √ľberall lauerten L√ľgner. F√ľr all diese Leute mu√üte Platz geschaffen werden in den Gef√§ngnissen. Und bevor es soweit war, durfte jeder, der einen L√ľgner √ľberf√ľhrte, Selbstjustiz √ľben und den L√ľgner mit einer Fu√ükette an den K√ľchenherd fesseln. So konnte sich der L√ľgner selbst noch das Essen kochen, bis er endlich eingesperrt werden konnte. Der √§ngstlich notorische Richter, der mit seinen Aufsehen erregenden Urteilen das Ganze ins Rollen gebracht hatte, lehnte sich zum ersten Mal in seinem Leben entspannt zur√ľck, verga√ü seine Angst und murmelte: ‚ÄěBald werden keine L√ľgner mehr frei herumlaufen!‚Äú Nur mit einem hatte niemand gerechnet: mit dem Gesetz der Gro√üen Zahl. Nachdem die eine H√§lfte der Menschheit gl√ľcklich als L√ľgner √ľberf√ľhrt worden war und die ehrliche H√§lfte der Menschheit gerade aufatmen wollte, das Problem endg√ľltig gel√∂st zu haben, da stellte sich heraus, da√ü es in der ehrlichen H√§lfte der Menschheit neue L√ľgner gab, L√ľgner, die ihre Ehrlichkeit vorget√§uscht hatten, in Wirklichkeit waren sie L√ľgner eines neuen Typs. Rasch mu√üten neue L√ľgendetektoren erfunden und diese b√∂swilligen Individuen √ľberf√ľhrt werden ‚Äď es stellte sich heraus, da√ü genau die H√§lfte der in der ersten Welle noch ehrlich wirkenden Menschen L√ľgner neuen Typs waren. Nun hatte die Regierung bereits aus der ersten L√ľgenwelle gelernt und war auf die zweite Welle vorbereitet: Die Gef√§ngnistore brauchten nur kurz ge√∂ffnet werden und die L√ľgner neuen Typs konnten sogleich weggesperrt werden ‚Äď welch ein Segen. Doch gefehlt: kaum war die H√§lfte der H√§lfte identifiziert und inhaftiert, breitete sich die L√ľgenkrankheit weiter aus: Neue Formen tauchten auf, diesmal waren es die Phantastologen, die sich einfach Tatsachen ausdachten und den verbleibenden ehrlichen Teil der Menschheit damit erschreckten. Schnell wurde gegen sie ein L√ľgenschutzgesetz verabschiedet und sie konnten abgef√ľhrt werden. Kaum war die Menschheit auch von dieser H√§lfte der H√§lfte der H√§lfte erl√∂st, erschien eine neue Spielart des L√ľgens auf der B√ľhne: die Phraseologen, die einfach erz√§hlten, was ihnen durch den Kopf ging, ohne sich um den Wahrheitsgehalt zu scheren. Nun wir wissen, genauer gesagt: wir ahnen, welche Erfolgsstrategie im Kampf, genauer gesagt: im Krieg gegen den L√ľgend√§mon angewandt wurde. Die Gef√§ngnisse quollen vor lauter L√ľgnern √ľber, die Zahl der freien Menschen aber halbierte und halbierte sich, bis nur noch einer √ľbrig blieb: der notorisch √§ngstliche Richter. Vorsichtig, wie er war, ging er nun ‚Äď zum ersten Mal in seinem Leben ‚Äď in sich und stellte sich selbst inquisitorische Fragen: Konnte es sein, da√ü vielleicht eine H√§lfte in ihm stets L√ľgen verbreitete, w√§hrend die andere H√§lfte in ihm best√§ndig die Wahrheit suchte. Es war ein schauerliches Bild, das unser armer, notorisch √§ngstlicher Richter bot: Er rang mit sich, wand sich auf der einsamen Parkbank, auf der er sich niedergelassen hatte. Eine H√§lfte in ihm wollte die andere H√§lfte in ihm verurteilen, festnehmen und einsperren, aber unm√∂glich konnte er sich auf diese Weise selbst ins Gef√§ngnis abf√ľhren ‚Äď was w√ľrde dann aus seiner ehrlichen H√§lfte werden? Es w√§re ungerecht, wenn auch sie eine Strafe absitzen m√ľ√üte! In seiner Verzweiflung kettete sich der notorisch √§ngstliche Richter an das Gef√§ngnistor, so da√ü ein Fu√ü drinnen war und der andere drau√üen. Die anderen Insassen ‚Äď immerhin die gesamte Menschheit bis auf einen ‚Äď erbarmten sich seiner, kurz bevor er am Verhungern war. Indem der Richter das Tor halboffen stehen lassen mu√üte, um seine Mission zu erf√ľllen, nutzten sie die Gelegenheit, in die Freiheit zu schl√ľpfen. Dort kochten sie f√ľr den armen, notorisch √§ngstlichen Richter, buken Brot f√ľr ihn und brachten im Wasser. An den hohen Feiertagen besuchten sie ihn und steckten ihm, obwohl es verboten war, eine Flasche Wein zu, indem sie sagten: ‚ÄěDa ist nur Wasser drin.‚Äú Auf diese Weise erfreute sich die Menschheit ‚Äď bis auf einen, genauer gesagt: einen halben Menschen ‚Äď an ihrer Freiheit und hatte wieder ihre alte, unlautere Lust am L√ľgen.

Genre: Trauersymmetrie

Robinson und Telemach

H.Z.

1 : Liebt euch !

2 : x x y v.v.

3 : In dieser Schule brauchen die Kinder nicht zu lernen, was sie nicht wissen.

- – -

nach Marguerite Duras, Sommerregen

Genre: Gem√ľtstiefe

Pandemische Paradoxien 1: Krankheitsfolgen vs. Folgen der Krankheitsbekämpfung

Taiwan und S√ľdkorea zeigen, da√ü der Umgang mit der Infektion anders gehen kann, ohne unkalkulierbare √∂konomische Kollateralsch√§den, die beim √úber¬≠bie¬≠tungs¬≠wett¬≠bewerb der L√§nder hier billigend in Kauf genommen werden: √§ltere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen sollen sich sch√ľtzen und gesch√ľtzt werden, es wird fl√§chendeckend getestet, Erkrankte sollen zu Hause bleiben, sofern sie ‚Äď wie es in der √ľberwiegenden Mehrzahl der Fall ist ‚Äď nur milde Symptome zeigen; Apps zeigen in Echtzeit, wo sich Infektionsherde und wo sich medizinische Hilfsmittel wie Atemmasken befinden; im Februar wurden die Schulferien verl√§ngert. Die gesamte Bev√∂lkerung prophylaktisch nach Hause zu verbannen, die Grundrechte (Versammlungsfreiheit, Recht auf Bildung) auszuhebeln und die Wirtschaft durch Stillegungen nachhaltig zu ruinieren ‚Äď diesen Schritt haben S√ľdkorea und Taiwan wohlweislich unterlassen. In der Abw√§gung von Kosten und Nutzen, in der syste¬≠mischen Gesamtbilanz d√ľrften sich solche Ma√ünahmen nicht rechtfertigen lassen ‚Äď wir haben es weder mit Cholera, der Spanischen Grippe noch mit TBC zu tun.

Die politischen Entscheider hierzulande werden sich m√∂glicherweise binnen kurzem einer ver√§nderten gesell¬≠schaftlichen Situation gegen√ľbersehen: Dann geht es nicht mehr um die Gesundheit von 5 bis 20 Tausend, sondern um die Existenz von 5 bis 10 Millionen Menschen ‚Äď allein die ‚ÄěSolo-Selbst√§ndigen‚Äú sind Millionen. Soziale Unruhen werden die europ√§ischen L√§nder ergreifen, und Politiker werden sich mit der Frage auseinander setzen, wie sie im Moment des Eiferns und der Machtanma√üung auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes, das Ganze aufs Spiel setzen konnten. Sie werden sich Veranwortungslosigkeit vorwerfen lassen m√ľssen, indem sie unter dem Vorwand der Verantwortung und Solidarit√§t, den wirt¬≠schaftlichen Niedergang f√ľr fast alle verursacht haben.

Die Auswirkungen der menschengemachten Katastrophe aufgrund von Fehl¬≠entscheidungen wird die Auswirkungen der Pandemie um ein Vielfaches √ľber¬≠treffen. Am Ende wird man feststellen: Operation gelungen, Patient tot. Erstaunlich, wie wenig n√∂tig ist, um ein funktionierendes Gemeinwesen mit kurzatmigen ‚Äěwissen¬≠schaftlichen‚Äú Begr√ľndungen abzuw√ľrgen. Zum Beispiel wurde der Vergleich von Christian Drosten (Podcast #Update 12 und 13) mit der Spanischen Grippe in den Jahren 1918-20 aus dem Kontext gerissen und zur Begr√ľndung der fl√§chen¬≠deckenden Schulschlie√üungen herangezogen. Naiv von einem Wissenschaftler zu glauben, da√ü Medien und politische Entscheider wie Wissenschaftler mit Infor¬≠mationen umgehen ‚Äď also abw√§gen, in Zweifel ziehen, Gegenhypothesen √ľberpr√ľfen.

Nun l√§√üt sich im Zeitraffer beobachten, wie Dystopien soziale Realit√§t werden. Die Ent¬≠scheider haben sich verrannt und sonnen sich darin, ‚ÄěMacher‚Äú zu sein. In Wirklichkeit sind sie Getriebene einer Eigendynamik, die sie als Einzelne gar nicht mehr stoppen k√∂nnen. Nun hei√üt es f√ľr alle, die keiner ‚ÄěRisikogruppe‚Äú angeh√∂ren: Versteckt euch nicht, la√üt euch keine Angst einfl√∂√üen, sondern erhebt eure Stimme f√ľr die systemische Vernunft, zeigt den Entscheidern, da√ü sie den falschen Weg gew√§hlt haben.

In der Abw√§gung ist der Ruin aller betroffenen L√§nder nicht zu rechtfertigen ‚Äď da√ü die Aus¬≠wirkungen der menschengemachten Katastrophe die Folgen einer Pandemie um ein Vielfaches √ľbersteigen, kann nicht in unserem Interesse sein! Auch nicht im Interesse der Erkrankten. L√§nder wie S√ľdkorea und Taiwan machen es vor, wie man Corona begegnen kann, ohne wirtschaftlich bankrott zu gehen.

 

Genre: Realitätsschatten

Featuring Esser mit Braten im Wiesengrund

Sie aber : Argument und Erfahrung
der gedanke, der nichts positiv hypostasieren darf au√üerhalb des dialektischen vollzugs, schie√üt √ľber den gegenstand hinaus, mit dem eins zu sein er nicht l√§nger vort√§uscht; er wird unabh√§ngiger als in der konzeption seiner absolutheit, in der das souver√§ne und willf√§hrige sich vermengen, eines vom anderen in sich abh√§ngig vielleicht zielte darauf die kantische exemtion der intelligibeln sph√§re von jeglichem immanenten versenkung ins einzelne, die zum extrem gesteigerte dialektische immanenz, bedarf als ihres moments auch der freiheit, aus dem gegenstand herauszutreten, die der identit√§tsanspruch abschneidet hegel h√§tte sie ger√ľgt: er verlie√ü sich auf die vollst√§ndige vermittlung in den gegenst√§nden in der erkenntnispraxis, der aufl√∂sung des unaufl√∂slichen, kommt das moment solcher transzendenz des gedankens daran zutage, da√ü sie als mikrologie einzig √ľber makrologische mittel verf√ľgt die forderung nach verbindlichkeit ohne system ist die nach denkmodellen diese sind nicht blo√ü monadologischer art das modell trifft das spezifische und mehr als das spezifische, ohne es in seinen allgemeineren oberbegriff zu verfl√ľchtigen philosophisch denken ist soviel wie in modellen denken; negative dialektik ein ensemble von modellanalysen philosophie erniedrigte sich erneut zur tr√∂stlichen affirmation, wenn sie sich und andere dar√ľber betr√∂ge, da√ü sie, womit immer sie ihre gegenst√§nde in sich selbst bewegt, ihnen auch von au√üen einfl√∂√üen mu√ü was in ihnen selbst wartet, bedarf des eingriffs, um zu sprechen, mit der perspektive, da√ü die von au√üen mobilisierten kr√§fte, am ende jede an die ph√§nomene herangebrachte theorie in jenen zur ruhe komme auch insofern meint theorie ihr eigenes ende: durch ihre verwirklichung verwandte intentionen fehlen nicht in der geschichte der franz√∂sischen aufkl√§rung verleiht ihr oberster begriff, der der vernunft, unterm formalen aspekt etwas systematisches; die konstitutive verflochtenheit ihrer vernunftidee jedoch mit der einer objektiv vern√ľnftigen einrichtung der gesellschaft entzieht dem system das pathos, das es erst wieder gewinnt, sobald vernunft als idee ihrer verwirklichung absagt und sich selbst zum geist verabsolutiert denken als enzyklop√§die, ein vern√ľnftig organisiertes und gleichwohl diskontinuierliches, unsystematisches, lockeres dr√ľckt den selbstkritischen geist von Vernunft aus er vertritt, was dann aus der philosophie, ebensowohl durch ihren anwachsenden abstand von der praxis wie durch ihre eingliederung in den akademischen betrieb, entwich, welterfahrung, jenen blick f√ľr die realit√§t, dessen moment auch der gedanke ist nichts anderes ist freiheit des geistes so wenig zu entbehren freilich wie das vom kleinb√ľrgerlichen wissenschaftsethos diffamierte element des homme de lettre ist dem denken, was die verwissenschaftlichte philosophie mi√übraucht, das meditative sich zusammenziehen, das argument, das soviel skepsis sich verdiente wann immer philosophie substantiell war, traten beide momente zusammen aus einigem abstand w√§re dialektik als die zum selbstbewu√ütsein erhobene anstrengung zu charakterisieren, sie sich durchdringen zu lassen sonst degeneriert das spezialisierte argument zur technik begriffsloser fachmenschen mitten im begriff, so wie es heute in der von robotern erlernbaren und kopierbaren sogenannten analytischen philosophie akademisch sich ausbreitet legitim ist das immanent argumentative, wo es die zum system integrierte wirklichkeit rezipiert, um wider sie ihre eigene kraft aufzubieten
*
Das Freie am Gedanken dagegen repr√§sentiert die Instanz, die vom emphatisch Unwahren jenes Zusammenhangs schon wei√ü. Ohne dies Wissen k√§me es nicht zum Ausbruch, ohne Zueignung der Gewalt des Systems mi√ügl√ľckte er. Da√ü die beiden Momente nicht bruchlos verschmelzen, hat seinen Grund in der realen Macht des Systems, die einbezieht, auch was es potentiell √ľbersteigt. Die Unwahrheit des Immanenzzusammenhangs selber jedoch erschlie√üt sich der √ľberw√§ltigenden Erfahrung, da√ü die Welt, welche so systematisch sich organisiert, wie wenn sie die von Hegel glorifizierte verwirklichte Vernunft w√§re, zugleich in ihrer alten Unvernunft die Ohnmacht des Geistes verewigt, der allm√§chtig erscheint. Immanente Kritik des Idealismus verteidigt den Idealismus, insofern sie zeigt, wie sehr er um sich selber betrogen wird; wie sehr das Erste, das ihm zufolge immer der Geist ist, in Komplizit√§t mit der blinden Vormacht des blo√ü Seienden steht. Die Lehre vom absoluten Geist bef√∂rdert jene unmittelbar. – Geneigt w√§re der wissenschaftliche Consensus, zuzugestehen, auch Erfahrung impliziere Theorie. Sie aber sei ein “Standpunkt”, bestenfalls hypothetisch. Konziliante Vertreter des Szientivismus verlangen, was ihnen anst√§ndige und saubere Wissenschaft hei√üt, solle von derlei Voraussetzungen Rechenschaft ablegen. Gerade diese Forderung ist unvereinbar mit geistiger Erfahrung. Wird ihr ein Standpunkt abverlangt, dann w√§re er der des Essers zum Braten. Sie lebt von ihm, indem sie ihn aufzehrt: erst wenn er unterginge in ihr, w√§re das Philosophie. Bis dahin verk√∂rpert Theorie in der geistigen Erfahrung jene Disziplin, die Goethe bereits im Verh√§ltnis zu Kant schmerzlich empfand. √úberlie√üe Erfahrung allein sich ihrer Dynamik und ihrem Gl√ľck, so w√§re kein Halten. Ideologie lauert auf den Geist, der, seiner selbst sich freuend wie Nietzsches Zarathustra, unwiderstehlich fast sich selbst zum Absoluten wird. Theorie verhindert das. Sie berichtigt die Naivet√§t des Selbstvertrauens, ohne da√ü er doch die Spontaneit√§t opfern m√ľ√üte, auf welche Theorie ihrerseits hinaus will. Denn keineswegs verschwindet der Unterschied zwischen dem sogenannten subjektiven Anteil der geistigen Erfahrung und ihrem Objekt; die notwendige und schmerzliche Anstrengung des erkennenden Subjekts bezeugt ihn. Im unvers√∂hnten Stand wird Nichtidentit√§t als Negatives erfahren. Davor weicht das Subjekt auf sich und die F√ľlle seiner Reaktionsweisen zur√ľck. Einzig kritische Selbstreflexion beh√ľtet es vor der Beschr√§nktheit seiner F√ľlle und davor, eine Wand zwischen sich und das Objekt zu bauen, sein F√ľrsichsein als das An und f√ľr sich zu supponieren. Je weniger Identit√§t zwischen Subjekt und Objekt unterstellt werden kann, desto widerspruchsvoller, was jenem als erkennendem zugemutet wird, ungefesselte St√§rke und aufgeschlossene Selbstbesinnung. Theorie und geistige Erfahrung bed√ľrfen ihrer Wechselwirkung. Jene enth√§lt nicht Antworten auf alles, sondern reagiert auf die bis ins Innerste falsche Welt. Was deren Bann entr√ľckt w√§re, dar√ľber hat Theorie keine Jurisdiktion. Beweglichkeit ist dem Bewu√ütsein essentiell, keine zuf√§llige Eigenschaft. Sie meint eine gedoppelte Verhaltensweise: die von innen her, den immanenten Proze√ü, die eigentlich dialektische; und eine freie, gleichwie aus der Dialektik heraustretende, ungebundene. Beides indessen ist nicht nur disparat. Der unreglementierte Gedanke ist wahrverwandt der Dialektik, die als Kritik am System an das erinnert, was au√üerhalb des Systems w√§re; und die Kraft, welche die dialektische Bewegung in der Erkenntnis entbindet, ist die, welche gegen das System aufbegehrt. Beide Stellungen des Bewu√ütseins verbinden sich durch Kritik aneinander, nicht durch Kompromi√ü.

Genre: Wortmysterien

zur feier

hohläugiger blick
mit augen von jenseits der schatten
ins schwarz der äonen
hingemeuchelt

an tischen aus fels
unbehauen sitzen wir stumm
im geschleiften gebein

zum gelächter der irren
die reichen uns wein aus mitternachts-
trauben wallt das blut bis √ľber
die ufer

uralter gesänge
gen morgen erhängt
am stirngebälk

krähte der hahn viermal
das pochen im brustgewölbe verebbt
gebrochen jedwede geste kalt-
gepresst

gebeugt das tosende
zungenbein alle augen vom schlaf
umwölkt

Genre: Realitätsschatten

* * *

Nun werde ich endlich geliebt um der Liebe willen.
K√§lte im Ostwind auf fr√ľh erwachenden Tages Lippen.
Nun werde ich auch geliebt vor den leeren Spiegeln,
keine Bilder darin als die reine, die nackte Geometrie.
Nun werde ich wieder geliebt f√ľr das Kind einer
Liebe, die aus Zweien eins macht
mit Rest Un-
endlich.

* *

Angekommen im Niemandsland der Seele streife ich am Morgen mein schwarzes T-Shirt √ľber, die Bl√∂√üe offenen Denkens l√§sst sich nicht mit Worten bedecken

*

√úber das schwarze T-Shirt einen wei√üen Pullover, die Fenster weit auf zum Durchl√ľften, den T√ľrspalt als Spalt f√ľr Licht und ‚Ķ Katze,

Genre: Erinnerungsbr√∂sel, Gem√ľtstiefe, Wortmysterien

Es gibt eine Liebe

Giwi Margwelaschwili

Eine Schachpartie in einer K√ľche
Ewig unvollendet
Ewig neu

/

Es gibt eine Liebe, die kommt aus der Tiefe

Genre: Realitätsschatten

ephemer

rauscht in der brust
traumverloren im innern der knochen
abgegolten

am rande des hirns
synapsentaumelnd neuronen-
geflochten hingesch√ľttet
in singenden
staub

tagblind und nacht-
vergessen ursprungsgerissen
wie totes segment

käme einer
höbe das wort aus erstarrter
zunge lie√üe es st√ľrzen
blutrot

hinab ins zerstäubte
gedicht käme und fiele
vom silbenrand

den w√ľrgte
der achtlose sohlentritt kadenz-
zerschlagen mit stumpfer
gewalt

streue ich wind in die lippen-
asche

Genre: Realitätsschatten

morgens

eine Hand hält sich am Zwielicht
hellmorgens vor dem Absturz ins Getriebe
wieder das Fr√ľhjahr im Aufwachen
Ungeduld der Vögel der prallen Knospen
den soundsovielten Lebenstag anfangen
Visionen sprießen lassen
bis klimaxähnlich die Mauer
höher ist als die Hoffnung
bis ein Brand entfacht
im unterschiedenen Dunkel
deine Hand lodert
durchs halboffene Fenster
in den nackten Morgen
das Schweigen nicht zu versäumen

Genre: Realitätsschatten, Trauersymmetrie

Leipziger Buchmesse: abgesagt

Nat√ľrlich konnte Aldous Huxley 1932 nicht wissen, wie ein Fledermaus-Virus zuerst China, dann die Menschheit im Jahr 2020 in Atem h√§lt. Gro√üereignisse werden abgesagt, Arbeiter bei vollem Lohnausgleich in h√§usliche Quarant√§ne geschickt ‚Äď man k√∂nnte geneigt sein zu glauben, es sei eine gute Zeit zum Lesen und f√ľr die Literatur.

Tats√§chlich k√∂nnen Texte dramaturgisch kaum spannungsgeladener sein: Im mentalen Wechselbad wird einerseits verk√ľndet, die Infektion verlaufe mild und Panik sei zu vermeiden. Andererseits wird im Halbstundentakt die Mortalit√§tsrate durchgesagt. Im Stil der Frontberichterstattung hei√üt es, der Virus r√ľcke in Richtung Berlin vor. Nun hat er Leipzig “erobert” … (Noch ist hier niemand infiziert.)

√úber die an der gemeinen Virusgrippe Verstorbenen wird kein Sterbensw√∂rtchen verloren. Geschweige √ľber die Verkehrstoten, Opfer von Krieg und Hunger und all jenen eigentlichen Katastrophen, an die wir uns l√§ngst gew√∂hnt haben. Verr√ľcktwerden eingeplant.

Die Perepetie dr√ľckt sich im Bedauern eines Feuer¬≠wehr¬≠hauptwachtmeisters aus, dass sein erkrankter Kollege noch keine Temperatur messen konnte ‚Äď die Meldung brachte es in die Abendnachrichten.

Davon k√∂nnen die literarischen Neuerscheinungen dieses Fr√ľhjahrs nur tr√§umen. Entgegen der Beteuerungen von gestern wurden die Leipziger Buchmesse und das Lesefest ‚ÄěLeipzig liest‚Äú ‚Äď mit tausenden Veranstaltungen die soziale Seele des Literaturbetriebs ‚Äď nun doch abgesagt. Sicherheit geht vor. Zugleich ist es die Konsequenz einer kollektiven Hysterie, von der sich – kaum zu wagen, anders zu hoffen – auch die Buchbranche hat anstecken lassen.

Nat√ľrlich konnten wir im Herbst 2019,¬†als das Programm f√ľr dieses Fr√ľhjahr geplant wurde, nicht wissen, wohin es die Welt treibt. Doch es scheint, als h√§tten es die Autoren bereits geahnt…

Genre: Realitätsschatten

Gebet nicht f√ľr Marilyn Monroe

Du lebtest wie ein Junge und starbst wie ein Junge. Ein junger Mann,

Letzter Kniefall aus der Sicht
Gottes, Beweis:
Hartherzigkeit des Hirten,
Karol König, Kriegers Hinterland. Kommunismus
& Antikommunismus,
champ-contrechamp. Was noch?
W√ľnsche:
1. Die Erde sei blau wie eine Orange.
2. Die Anzahl der Engel, die auf einer Nadelspitze Platz finden, sei stets größer als die der Toten.
3. Friede sei mit Dir.
Amerika, Amerika – “… singing!”

als vibrato a.D. zwölf tage vor 22.10.

Genre: Realitätsschatten

flugbahnen

        grauer fels
               einer mondnacht entstiegen
flogst ins gestirnte augen-
                                            licht 

 

                                                                               zerschlissen vom irisgebläuten strom
                                     hinter der lidwand aus gelbem stein
                                                                                              erinnertest dich
                                                                   so vieler namen

 

        in marmorne haut
                          mit dem eisen geritzt
am ende der letzten julinacht
                                            schlugen die meißel

 

¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† ¬† ¬† ¬† ¬†¬† glockenschl√§ge hinterm gr√ľnenden schl√§fenbein
                                                        tausendfingriges kindheitsgeläute
                                                                                                                  dem nachtblau durchs wellige haar

 

                          einsam sein leuchten wie silberfische
stumm der pupillen vernarbtes
rot

Genre: Wortmysterien

warum cyberpunk mal realistische literatur war

gazoline : Denkpause

Der Weltraum steht allen offen. Die Phanthasie steht allen offen. Also ist die Phanthasie eine Art Weltraum, und der Weltraum Phanthasie. Und jetzt: die blo√üe Phantasie ist ganz sicher eine Art Weltflucht, ein Gestus. Gestus der Vermeidung. Vermeidung von W√ľnschen. An W√ľnsche zu denken. Vermeidung von Denken, von Arbeit.
Wie viel noch?
Letztes Drittel, beeil dich! Towers? Open ‚Ķ Die Wirklichkeit kam aus einem Film. Der Film war eher da als die Wirklichkeit. Feuer, zwei Lesarten; im Weltraum und in der Phantasie. In der ersten ein Kommando, in der anderen ein Vorschlag. Vorschlag, zu denken. An W√ľnsche, schon w√ľnschen hei√üt denken. Und dann: Durchbruch ..! Im Raum findet die Welt ihre Panthasie

Genre: Erinnerungsbrösel, Rezensionen

Kusskurs

Iss Kuskus beim Kusskurs
komm klamm in die Kammer
mit Klaus zum Konzert
zu kleine Kleider
weg damit : leider
ist der Kusskurs in Kursk

Genre: Wortmysterien

Rhythmen wie ein Router

Ode_wasistlitera-TOUR

Lyrik & Prosa
Prosa & Jazz
Jack, oh
my dear
dein Bier
aus meinen Oh
ren,
3
Quellen
(no problem:
* Verstand
* Vernunft, nicht
> _ Ur deil s ! g r a f …

Genre: Erinnerungsbrösel

Laterna Magica

‚ÄěGerade dir muss doch klar sein, dass es solche schr√§gen V√∂gel gibt. Die nicht nur im Garten rumhumpeln, sondern sich kreativ bet√§tigen wollen. Was also hast du gegen die Idee?‚Äú, hatte Eduard einen Monat zuvor gefragt, die Visitenkarte einer Kurklinik in der Hand.

Seine Eifersucht war ein Spiegel, aus den Scherben der Geschwätzigkeit zusammengekehrt.

Sie zogen in eine Stipendiatenwohnung neben dem Kurgarten. Eine K√ľnstlerwohnung, nannten sie es. Stipendiaten einer Stiftung f√ľr betreutes Wohnen und Kurheime, das war es, was die Gem√§lde ihnen eingebracht hatten. Die Vergeber dieser Stipendien waren nicht kleinlich. Morgens frische √Ąpfel.¬†Ein eigener Balkon. Esther klappte zuweilen das Visier ihres propellerartigen Sommerhutes nach oben, um ihnen in die Augen zu sehen. “Alte und Kranke, unsere Arbeitgeber. Keine Pflegef√§lle, sondern schimpfende Geister.”

Vyvyan: “Ich werde regelm√§√üig bezahlt, die Leute sind wach genug, ich muss ihnen nicht die H√§nde f√ľhren. Hintern wischen √ľberlasse ich Eduard. Miranda sagt, dass er mich immer noch liebt. Ich hingegen liebe meine Schwester, wenn sie so etwas Blumiges sagt. An meinen Augen fliegen langweilige Klischees wie eine Laterna Magica vorbei. Licht- und Feuerst√ľrze. Ich stehe morgens auf und immer ist es heiter. Die Maisonne leuchtet, und die Alten kommen langsam auf den Gedanken, ihre schrumpeligen Finger, die runzlige H√ľhnerhaut ihrer H√§nde in Farbeimer zu tauchen.”

Einer, zu nichts als zum M√ľ√üiggang begabt, an Eduards Seite.

Er √∂ffnet zeitig die Gardinen und¬†sch√§lt sich aus seinem Frack. Sein Haar wird an den Schl√§fen grau. ‚ÄěIch bin der Hampelmann und ende damit, diese √§lteren Herrschaften f√ľr √Ėl und Glanz auf faltigem Papier zu begeistern. Selbst zeitweise pflegebed√ľrftig, gebe ich den Rest meiner fettreduzierten Tage an die AG malende Kurpatienten. Dass Esther nun in der Presseabteilung der Klinik arbeitet, ist ein Muster in Gottes Plan.‚Äú

Onkel Albert wiegt den Kopf, und Esther erscheint es wie das Pendeln einer K√ľchenlampe. Alberts Lieblingssport: ‚ÄěVyvyan, es ist gut, dass du hier bist. Du machst etwas Solides. Und Esthers Werbetexte gefallen mir, ihre schwarze Schrift neben den Fotos von Gudruns Lebenselixir.‚Äú

So f√ľhrten sie Reden, die das Altern erm√∂glichten.

Genre: Gem√ľtstiefe

Bublava

Heimgesucht von Sabine : geht im Dorf
Zwischen den Bergen der Strom aus
Ohne Strom wird es dunkel und kalt

In Bächen strömt Schmelzwasser
Die Stra√üen hinab : √ľber Nacht
Ist wieder alles weiß : die Räder

Der Lifts stehen noch zwei Stunden still
Bevor sie sich weiter drehen und drehen
Bequemes Abenteuer der Selbst√ľberwindung

Bublava
Babluva
Blablavu

Genre: Realitätsschatten