jede liebe

hat ihre eigene sprache
vom fl√ľstern
bis zum wörterfall

bleibt manchmal nur
das gewicht des schweigens

Genre: Realitätsschatten

grauzeiten

nun entblättert sich der baum
still ist es draußen
in der dämmerung atmen wir frieden
ber√ľhren unsere sprache
mit den k√ľssen des fallenden regens
ich erzählte dir von den herbsttagen
der wind torkelte ums haus
und auf dem tisch lagen
gedichte von Hesse und Kästner
die sehnsucht hängt schief im raum
nächte fallen ins leere
du fragst dich
nach dem grund meiner abwesenheit

Genre: Gem√ľtstiefe

R√ľckkehr

Auf gewohnter Straße. Bäume, Lichter, Plakate färben das Gedächtnis. Hauseingänge riechen nur hier so. Mein Gang wird schneller, die Schatten dunkler. Ich höre die Fragen ihrer Gesichter.
Auf dem Stadtplan irre ich zwischen Namen. Taste die Stadtmauer entlang. Durch den grauen Graben hinauf zur Burg. Falken stechen in den Horizont. Er gl√ľht. Am Drehkreuz kehre ich um, sinke in das Tal. Weit bis zur Bergkette. Bin da. Ohne Ort.

Genre: Gem√ľtstiefe, Realit√§tsschatten

luzid

Wir spielten uns selbst und gerieten beim Sprechen in Verse.
(Peter Kurzeck)

 

die treppenstufen gezählt
21   22   23
die herzschläge
24   25   26
oben angekommen und wieder nach unten
alles noch einmal von vorne
die treppenstufen der herzschlag

am ende die m√ľdigkeit

und schließlich fingen wir an zu leben
im häuserschatten der jordanstraße
schwammen wir stadtauswärts
auf der bockenheimer landstraße
wuchs das gras hoch √ľber den kopf
die menschen sprachen französisch
in unserer botanisiertrommel

nur reste von gr√§sern und bl√ľten

klack klack klack
schlugen die boulekugeln aneinander
und spritzten in alle richtungen
nach staufenberg lollar gießen
tachau franzensbad frankfurt uzès
wieder einmal standen wir am anfang eines neuen lebens
erst ein regen- und dann ein schneewinter *

viel später der vorige sommer und der sommer davor **

 

———————————————————————-

* aus Peter Kurzeck: √úbers Eis, Roman, Frankfurt am Main (Stroemfeld), 1997
** Peter Kurzeck: Der vorige Sommer und der Sommer davor, Roman, Frankfurt a. M. (Schöffling&Co.), 2019

Im Gedenken an
 Peter Kurzeck (*10.6.1943 Tachau, +25.11.2013 Frankfurt a.M.)

Genre: Erinnerungsbrösel

S.

Tränen netzen
mein Gesicht.
So nah wie einst,
so fern doch jetzt.
Nicht mehr eigen
Fleisch und Blut.
Unbekannte Fremde,
aufgebrochen ins
Land ohne Halt.
Zerstörung des Selbst
auf unbekanntem Pfad,
jenseits von Sinn
und Verstand.
Tastend ins Nichts,
begleitet von
d√ľsteren Gestalten,
ohne Liebe.
Verlierend das eigene Ich.
Trostlos r√ľcklassend mich.

Genre: Gem√ľtstiefe, Realit√§tsschatten

nachahmung

der dichter ahmt vogelstimmen nach
……
der dichter ahmt steine nach
……
                                              (aus Zbigniew Herbert, Gleichnis)

ihre textur ist seine handschrift
auf einem blatt des welkenden bergahorns
in seine rinde ritzt er chiffren der zeit
da ist eine klinge aus tönendem erz
die schneidet die glasfaserkabel und kehlen
der braunzungigen und braunzahnigen werwölfe
aus dem osten kommen sie in riesigen rudeln
da ist ein gefäß aus irdenem steinzeug
darin bewahren wir auf die schlagenden herzen unserer feinde
stellen sie aus in museen und liveshows
um nachahmer abzuschrecken
kein gedicht ist die nachahmung des todes wert

Genre: Realitätsschatten

atem√ľbungen mit lungenfischen

wir machen atem√ľbungen mit den lungenfischen
survivaltraining im schlamm
was das anbelangt
sind sie uns voraus
mindestens 200 millionen jahre
auch beim totenkult den liedern und gebeten
lungenfische glauben nicht an ein jenseits
eine wiedergeburt oder auferstehung
ewiges leben dauert bei ihnen höchstens 100 jahre
von ihren ahnen haben sie die lungen
und die traurigen augen

Genre: Gem√ľtstiefe

lungenfische

messe ich die welt mit dem maß der lungenfische
sind drei nächte noch kein vers
sieben kein gedicht
√∂ffne ich die t√ľr zum totenreich f√ľr die stimmen
formen sargnägel einen fluss
heilige finsternis bleibe
verdammte finsternis weiche

atmen die lungenfische die tage
stehen sterne immer am firmament
kr√ľmmen sich ihre schatten gegen die unendlichkeit
ewig ist ein kurzes wort
wie viel länger sein sinn
GIWE
kehrst du zur√ľck

in ein trockenes flussbett legen wir uns zu den lungenfischen
und warten auf wasser
dass es benetzt unsere lippen unsere zunge unsere stimme
dass wir singen gegen den sturm
der aus dem felsenschlund kommt
dem menschenschlund
in deinen händen hältst du die enden der welt

gib mir ein leichentuch und ich zeige dir ein grab

Genre: Gem√ľtstiefe

Spiegelungen (Table talks II)

Frau Spiegel,  die es immer noch nicht geschafft hatte, ihren Strom per Fahrrad um den Esstisch zu erzeugen und somit fette Minuspunkte auf der Nature-Shame-Skala kassierte, wurde Opfer eines Verleseprozesses.

Der f√ľr den Job √ľberqualifizierte Kundenberater √∂ffnete nach der standardisierten Begr√ľ√üung die Datenbank und wollte schon Namen und Adresse abfragen, da stutzte er. Wer hei√üt denn mit Namen Darm Spiegel? Er zwinkerte ein paarmal. Dagmar Spiegel. Er entschuldigte sich bei der Kundin. Wozu brauchen Konzerne √ľberqualifizierte Arbeitskr√§fte.

Der Kundenberater geriet nach diesem Ereignis ins Gr√ľbeln. Sollte er nicht besser einen Augenarzt konsultieren? Die Pr√ľfung seiner Augen h√§tte er jedoch selbst bezahlen m√ľssen, w√§hrend es die Koloskopie kostenlos von der Kasse gab. Nach zehn Minuten war ihm klar: Die Gr√ľbelei hatte seine √úberqualifizierung f√ľr diesen Job eingeebent. Und die Darmspiegelung, so unn√∂tig sie auch sein mochte, w√ľrde er der Kasse nicht schenken.

Genre: Realitätsschatten

Hm. Bildg. 9

Heut kann ich nicht meckern: Die ganze Woche gebratenes Gem√ľse mit Schuhsohlenartigem Fleisch-Ersatz, Tofu-B√ľrger ‚Äď und nun, da die harte Arbeit der Woche sich, verk√ľrzt, wohlbemerkt, wie es bei Schaffenden der Fall sein sollte, dem Ende entgegenneigt: Totes Tier, genauer Rinderfilet mit Kartoffel und Blumen-Kohl. Da m√∂chte man doch gleich in die Szene der Buddenbrooks einsteigen, in der Th. Buddenbrook im Zahnarztstuhl liegt, sich das Gesicht des Dr. Brecht ann√§hrt und dem Erz√§hler einf√§llt: ‚ÄúSein Atem roch nach Beefsteak und Blumenkohl.‚ÄĚ Gro√üartig. Das toppt sogar den Tristan-Akkord.

Genre: Realitätsschatten

V.

Nicht gesehen von dir,
schmerzte,
trieb mich weiter und weiter.
Nie wirklich gekannt,
gehalten von dir,
machte mich haltlos.
Zeitlose Ewigkeiten in der
Vergangenheit,
Längst vorbei, vermeintlich,
Ruhelosigkeit bis heute.

Endlose Zeiten heute
lassen dich sehen.
Im Jetzt.
Aber das Vergessen
ist schneller
als das Verstehen.
Langsames Verschwinden,
Verblassen,
ohne Wiederkehr,
ohne Abschied.

Genre: Erinnerungsbrösel, Realitätsschatten

Heimweg

Manchmal falle ich
in Zwischentöne,
die drängender hallen
als Menschen und Z√ľge.
Gedanken sterben an Ampeln.
Wenn ich alles auf Rot setze,
zerfällt mein Kopf
√ľber Unebenheiten
der Zeit, hält der Atem nicht inne
√ľber unerledigten Dingen.

Manchmal stoße ich
ans Innere der M√ľdigkeit.

Genre: Erinnerungsbr√∂sel, Gem√ľtstiefe

_ _ *

Das Perfide an der Rede vom Krieg der Geschlechter ist der Umstand, dass die M√§nner ihn erfunden haben. Frauen h√§tten also √ľberhaupt nur eine Chance, ihn zu gewinnen, wenn sie ihn sich zu eigen gemacht h√§tten. Sie taten das, indem sie ihre Nachkommen als Waffe einsetzten. Aber: “… niemals nur als Mittel, immer auch als Zweck.” (Kant) So kam es, dass sogar die Menschheit als Ausdruck des Bed√ľrfnisses, sich seines Verstandes ohne Leitung durch einen anderen zu bedienen, in Verruf geriet. Stattdessen br√§uchte es einen weiblichen Arminius, der das m√§nnliche Imperium zu st√ľrzen als seinen Stern √ľber sich h√§ngen wei√ü.

Genre: Realitätsschatten

Mandelliqueur

Du wolltest nicht zahlen, der Klempner kam nicht. Der alte Gigolo,¬†und wir badeten weiter¬†in der Sitzwanne aus den F√ľnfzigern, eine Wanne, die schon einen braunen Rand hatte, aus der unsere F√ľ√üe √ľber den Rand baumelten, damals in unserer¬†engen Wohnung mit dem Teppich im Flur, du sagtest, ich mach jetzt noch was Tolles, und gingst noch mal um kurz vor Sechs, im Winter, bei Dunkelheit in den Discounter, um vorne, ziemlich weit vorne im Regal unten links zwei Flaschen Faber-Sekt zu greifen und die auf meinem Bett zu zerschlagen, aber ‚Äď und f√ľr die Wanne kauftest du dann Mandelliqueur.

Genre: Wortmysterien

was bleibt

das laute aufgesogen
sturmb√∂en im gem√ľt
und die tage in die haut geritzt
nun faltet großvater
das leben zusammen
im fahlen licht des endes
sagt er
bleibt nur ein wort

Genre: Erinnerungsbrösel

abendlied

die tage frieren
wir legen uns worte um die schultern
du sprichst vom sommer
und den letzten regentagen im juli

die liebe ist ein wolf
sage ich
wir hätten sie erziehen sollen
nun ist sie ungebändigt

du hörst mich nicht
und wirfst den schatten
meines herzens aus dem raum

Genre: Gem√ľtstiefe

ramstein und gomorrha

nur ein rauschen
hören wir nur ein rauschen
des windes in den blättern der bäume
des baches unter den bäumen
des regens in den bäumen
und im bach
ein rauschen des alls
sonst nichts
es ist nacht [15. Oktober, 01:09 uhr]
die toten haben sich abermals schlafen gelegt

Genre: Trauersymmetrie

ein licht : ereignis

.

_
¬į X

=

*

* *

:

Genre: Wortmysterien

Nothhaas trifft Kohlhaas im Himmel

erinnerung : vater johannes

- Wir sollen das Dehnungs-h abschaffen.
- Was? Nein. Das geht nicht…
- Kolhaas, ich soll es dir sagen.
- Wer schickt dich?
- Er.
- Und Sie?
- Weiß davon.
- Ah Рäh Рaa. Aha. (Pause) Und die doppelten Selbstlaute?
- Kommen erst mit Hofmanns Erzählungen dran.
- Warum?
- Kleist.
- Das verstehe ich nicht.
- Erst m√ľssen Sie die Unm√∂glichkeit der Mitlautverdopplung begreifen.

Genre: Trauersymmetrie

Ilo

Sie war das Paradies mit der Welt die sie erschuf.
Sie war das Paradies.
Sie war das Para dies.
Sie war das Paradies mit der Welt die sie erschuf.
Sie war das Königreich.
Sie war der Boden, der herabfallende Stern.
Aus ihren Lippen brach die Musik.
Aus ihren Augen sprachen Herzen.
Sie war das Königreich der Sonne.
Des herabgleitenden Gletschers, aus tiefsten schneeweißen Bergen.
Sie ist die glitzerndste Träne im Sternenteich.
Sie war das Paradies mit der Welt die sie erschuf.

Genre: Realitätsschatten

Featuring : Robert Gernhardt : Paulus

Paulus spricht zu den Chinesen:
Tun wir, als sei nichts gewesen.

Paulus tröstet die Chilenen:
Das liegt alles an den Genen.

Paulus schimpft auf die Osmanen:
Immer muss man zweimal mahnen!

Genre: Rezensionen

* * _

featuring robert gernhardt

Erdogan und √Ėtschalan
trafen sich beim Bier.
Der eene war’n Terrorist,
Der an’re nich’ von hier.

Erdi sacht zu √Ėtschalan:
Wat trinkst’n du f√ľr Suppe?
√Ėtschi saacht zu Erdogan:
De Sorte Izmir-Schnuppe…

Genre: Wortmysterien

Fundsache

ein Schl√ľssel
verloren
die Gartent√ľre offen
in der Abenddämmerung

er hängt an nichts an niemandem
der Faden verloren
in Ereignissen
Irrt√ľmern

die Erinnerung ist abgerissen
ein Fund ohne Anfang
stellt Fragen

Genre: Realitätsschatten

/ / *

featuring fried gomringer etc.

sofa profanica

fehlt das
i
lässt sich der
: : : : : : : arsch
hemmungslos
darauf
nieder

ein zeichen ein zeichen
stumm
visuell
i
die stimme
im innern
bricht hin
aus / /

au
ssssssssssssssssss
in
schreibschrift niedergelegt
sp√ľrt
man die kette-kette

kett-e-e-e-e-e

stimm
Apparat in Bewegung
“ist das nicht obsz√∂n?!”

i-a, au, U

der Abschlus
ein Schuss

i-n-s/d-u-ng-k//l
kl

vice versa

Irrtum schlechthin
oder
konkrete Musik,
Artikulation des eigenen Herzschlags bei 50 Hz, Brummen
auf der Leinwand / des
Auges oder Blatt//Pa
pier, frei
händig durch ein Bullauge gehalten

wand geflecht knoten

du (aporizmo Nr. 67)

solltest endlich aufhören
von den falschen leuten
geld anzunehmen

oc:

Es (Aporismo ’68)

riecht nach kinder
kacke und heil
igem geist

* * *

heiligem stockendem
stinkigem fauligem
odem

odem, atem -
autem
aut.at

(serie #1)

Vogelvau, Treppenwitz und das Kettensägenmassaker

Genre: Realitätsschatten

der garten steht still / in den straßen warten die unbeugsamen

pulst blut im ohr
und der atem hält an
die stimme gelähmt
die stimmbänder gedehnt
reise ich
in eine zeitlose zeit

Genre: Gem√ľtstiefe, Realit√§tsschatten, Trauersymmetrie, Wortmysterien

* * /

Tränenflug
Sternenpflug

champ
contrechamp

Regung, keine Regung
Zitternde Luft, Bewegung

Genre: Realitätsschatten

tastsinne fallen mir ein

ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett
(Nancy H√ľnger)

 

werden begleitet heute von oboen die wörter
fadenscheine in der nacht zwischen straßenbahnschienen
stolpert einer √ľber das kopfsteinpflaster
gucken aus den häusern fenster
aus den fenstern leute
welche leute

haben abgestellt um die hausecken einsamkeit
ein zwei einsamkeiten f√ľr jeden
holt sie am morgen vor der ersten dämmerung
im regen die st√§dtische m√ľllabfuhr

lauschst du den klängen der wörter und oboen
die durch die straßen wehen
sich ausruhen in hauseingängen
warten sie auf das ende der nacht

wir tragen eine glut in uns
ein flammendes feuer aus quecksilber
das uns sein lässt
murmelnde nomaden

[tastsinne fallen mir ein
wenn ich mich bewege als schuppentier]

Genre: Rezensionen, Wortmysterien

Unsere hum. Bildung 8

Heute: Die Omelette Surprise genannte Nachspeise

- “Kaltes unter dem hei√üen Eierschaum”, ein philosophischer Erguss Castorps, der wieder einmal nur Stirnrunzeln bei seinem Vetter Joachim hervorbrachte.

- Dem Sonntag mit der unnat√ľrlichen Herbstw√§rme war ein k√ľhler, nebliger Montag gefolgt, und die Sonne sollte sich nun f√ľr l√§nger kaum zeigen.

- Au√üerdem handelte dieses Seminar nicht von S√ľ√üspeisen, sondern von den Sonderformen des Todes in Thomas Manns Zauberberg.

(Vorschlag: √Ąndert doch endlich mal diese √∂den Genrebezeichungen!!!)

Genre: Realitätsschatten

Chósebuz

Ich sa√ü im Lauterbach und wartete. Nicht im hauptgesch√§ft in der Sprem, sondern in der filiale in der F√ľrst-P√ľckler-Passage, gegen√ľber dem bahnhof, gleich neben dem schwedischen hotel, in dem ich wohnte. Ich wartete auf P, wir waren verabredet. Ich war zu fr√ľh. Ich nahm sein manuskript und las.

Wir haben den krieg schon lang vergessen, das ist wahr. Und wahr ist auch, dass ich die menschen liebe, ich habe viel f√ľr sie √ľbrig.

Ich hatte mich entschlossen, den fotoband zu machen. Die idee stammte von Gary, und eigentlich auch wieder nicht. Gary hatte auf der party davon gesprochen. Ihm schwebte ein band mit schwarz-wei√üfotos vor, nur schwarz-wei√üfotos. Man m√ľsse einfach eine kamera nehmen und damit durch die stadt laufen, √ľberall gebe es motive. Ich hatte Gary auf der party von meinen spazierg√§ngen erz√§hlt. Tagelang hatte ich mich in den gassen und winkeln der historischen altstadt herum getrieben, hatte die au√üenbezirke durchstreift, war √ľber die gel√§nde der stillgelegten tuchfabriken gestolpert.

Warst du schon im Museum f√ľr Neue Kunst? fragte Corinna und fuhr fort, die haben da ein irres gem√§lde! Und dann beschrieb sie es in allen einzelheiten, ich kannte das bild. Gary meinte, ich m√ľsse gleich am n√§chsten tag die ersten aufnahmen machen. Fotografiere alles, was dir vor die linse kommt, und √ľberlege nicht lang, w√§hle nicht aus! Einfach draufhalten und abdr√ľcken, das gen√ľge f√ľr den anfang. Aber ich hatte da meine eigenen ideen.

Das bild f√ľhrt die verg√§nglichkeit vor augen. Im linken bildvordergrund sieht man die grablegung Christi. Wei√üe t√ľcher umh√ľllen den leichnam des Heilands, des erl√∂sers der welt, den sein vater in der stunde des todes verlie√ü. Der verdrehte kopf Christi mit dem vom betrachter abgewandten gesicht weist in den rechten bildhintergrund. Eine stillende mutter mit kind wohnt dort einer kreuzigungsszene bei. Eine menschenmenge aus soldaten in kampfuniformen, alten herren im frack, badeg√§sten und freizeitsportlern bindet eine nackte, farbige frau an einen holzpfahl und peitscht sie aus. Die geschlechtsteile der frau sind √ľberdeutlich abgebildet. √úber allem schwebt eine riesige dornenkrone mit der aufschrift vita e morte! Den leichnam Christi tr√§gt ein nacktes paar. In der bildmitte sieht man eine gr√∂√üere, unregelm√§√üige stelle, die unbemalt ist. Die rohe leinwand bildet dort einen markanten fleck. Vielleicht wollte der k√ľnstler damit das unausdr√ľckbare nichts ausdr√ľcken? Seitlich rechts und links von dem gem√§lde befinden sich gro√üe fotocollagen aus fetzen von werbeplakaten, illustrierten, modejournalen, politischen magazinen, tageszeitungen und anderen schriftst√ľcken. Das gesamte ensemble gleicht einem tryptichon. Der titel des kunstwerkes lautet dreieinigkeit oder der sechste sch√∂pfungstag.

Die tage wurden k√ľrzer, die n√§chte k√§lter, das wetter schlecht, es war november. Genau die richtige jahreszeit f√ľr die fotos, grau und k√§lte standen der stadt gut. Da waren das nasse kopfsteinpflaster in der Bautzener, dort, wo sie die bahngleise querte, das gras neben dem bordstein, die letzten hundeblumen bl√ľhten zwischen den ritzen der pflastersteine, da waren die spiegelungen in den pf√ľtzen. Nichts in der stadt war eben und glatt. Da gab es verfallende fassaden der b√ľrgerh√§user aus der gr√ľnderzeit gleich neben neu herausgeputzten fassaden.
Kontraste, licht und schatten, ideal f√ľr schwarz-wei√üaufnahmen, rauhe oberfl√§chen, gebrochene strukturen. Mauerwerk ohne m√∂rtel, putz, der nicht haftete, ornamente bis zur unkenntlichkeit verwittert. Gehwege aus fest getretenem erdboden neben neu asphaltierten stra√üenbel√§gen. Ich fotografierte alles, arbeitete konventionell, altmodisch: eine sucherkamera, manuelle belichtungsmessung, grobk√∂rniges filmmaterial, unscharfe konturen. Die besten motive wollte ich in einem zweiten gang mit einer mittelformatkamera, makroobjektiv, blitzschirm und feinstem filmkorn noch einmal aufsuchen. Jede einzelne ecke, rauhigkeit wollte ich wie in studioatmosph√§re festhalten.
Die Friedrich-Ebert-Stra√üe und die beiden kirchen, die kleine wenden- oder landkirche des ehemaligen klosters und die gro√üe b√ľrger- oder stadtkirche, hatten es mir als motive besonders angetan. Es schneite, als ich in die Sprem einbog, die mit matten, hellen granitplatten neu ausgelegt worden war. Futuristische stra√üenlaternen mit graphitfarbenen masten aus hohlprofilstahlblechen s√§umten die fu√üg√§ngerzone. Gary war fasziniert von meinen bildern, Corinna wollte mit mir schlafen.
Warst du schon im fu√üballstadion? Gary meinte, dass ich da unbedingt bei einem heimspiel hin m√ľsse, die idee hatte ich vor seinem vorschlag auch schon gehabt. Ich wollte die menschen in der stadt fotografieren, die gesichter, mit einem normalobjektiv. Nur kein tele! Ich wollte den menschen ganz nah sein, ihnen auf die pelle r√ľcken. Ich wollte ihre k√∂rpertemperatur und ihren atem einfangen, die hautf√§ltchen unter den augen und auf den handr√ľcken festhalten.

Gary tupfte sich mit einem in gesichtswasser getränkten wattebausch die schminke aus dem gesicht, ich stand hinter ihm und beobachtete ihn im spiegel. Die ganze garderobe roch nach isopropylalkohol, schweiß und vaseline. Hast du mich gesehen?
Ich wollte l√ľgen und ja sagen, aber Garys gesichtsausduck merkte ich an, dass er mich durchschaut hatte.
Du warst nicht in der vorstellung, sag es frei heraus!
Ich schwieg.
Gary beendete das schweigen: was hältst du von Corinna, gefällt sie dir, hast du bemerkt, dass sie in dich verknallt ist, verknallt ist nicht der richtige ausdruck, dass sie versucht, dich anzumachen, und mit dir schlafen will?
Hast du schon die probeabz√ľge der fotos aus dem stadion angeschaut, wie findest du sie?
Gary schminkte sich weiter ab und sagte nur: jetzt lenk nicht ab!

Er begann, sich auszuziehen.
Nat√ľrlich habe ich bemerkt, dass Corinna es auf mich abgesehen hat! Und, weil ich Gary nicht bel√ľgen wollte, sagte ich es frei heraus: es ist auch schon passiert zwischen uns, zwischen Corinna und mir!
Er sackte bei meinen worten innerlich zusammen.

Nach einer weile sagte er: hast du alles vergessen?
Er war nackt und stand direkt vor mir. Ich schämte mich und wusste nicht, wo ich hinschauen sollte.
Schau mich nur an, schau mich an! schrie Gary.
Fr√ľher hast du es oft getan, und noch mehr, du hast dich nie gesch√§mt! Es hat dir sogar gefallen!

Weißt du, dass Corinna es mit jedem und jeder treibt? Und nach einer kurzen pause: warum wirfst du dich so weg?

Und dann fiel er √ľber mich her wie ein tier, wie ein d√ľrstendes und ausgehungertes tier, genau wie damals, beim ersten mal, und ich hatte nicht die kraft, mich zu wehren, erinnerte mich an damals, an unseren sommer, der nicht enden wollte und dann doch geendet hatte. Auf einmal hatten wir genug voneinander gehabt und uns schlie√ülich sogar gehasst.

Als wir aus unserem taumel aufwachten, beide nackt am boden dieser sch√§bigen garderobe eines drittklassigen provinztheaters, stand Corinna in der t√ľr. Sie musste schon eine weile dort gestanden haben.
Die fotos sind großartig, sagte sie, drehte sich um und ging.

Auf dem weg zur√ľck in mein hotel wartete ich lange vor der geschlossenen schranke des bahn√ľbergangs an der Bautzener und stierte √ľber das nasse kopfsteinpflaster. Der mann im stellwerk beobachtete mich. Nass vom regen erreichte ich das hotel.

Erinnerung und vergessen liegen manchmal ganz nah beieinander, manchmal sind sie aber auch sehr weit voneinander entfernt.

Ich legte das manuskript beiseite und schaute aus dem fenster: grau. P kam noch immer nicht. Ich bestellte einen kaffee. Ein theaterst√ľck fiel mir ein, das ich vor jahren verlegt hatte.

In dem ersten bild des st√ľcks, einem vorspiel im paradies, war es auf der b√ľhne zuerst ganz dunkel gewesen. Eine m√§nner- und eine frauenstimme hatten im wechsel freiheit, die ich meine, gleichheit f√ľr alle, br√ľderlichkeit, schwesterlichkeit gesagt. Beim spielen der Marseillaise war das licht angegangen: eine aufrecht gehende, nackte frau hatte einen gebeugt gehenden, nackten mann an einem lederhalsband mit leine √ľber die b√ľhne gef√ľhrt. Der mann hatte versucht, sich aufzurichten, war aber mit peitschenhieben von der frau daran gehindert worden. Auch seine hilferufe hatten ihm nichts gen√ľtzt. Dann war das licht erloschen, und √ľber lautsprecher hatte man den John-Lennon-Song woman is the nigger of the world geh√∂rt.
Im weiteren verlauf des st√ľcks war eine inzestgeschichte zwischen vater und tochter vorgekommen. Die tochter hatte √ľber ihr seelisches leiden gesprochen, der vater war in form eines geistes, eines gespenstes erschienen.

Gespenster, √ľberall gespenster. Geister.

Genre: Erinnerungsbrösel

sand

Jedes korn in der sanduhr des lebens ein traum. Sie rieseln langsam und best√§ndig, nach jedem umdrehen des glases neu. Reiben sich aneinander, reiben sich ab, gegenseitig, nach jedem umdrehen des glases, langsam und best√§ndig, jeder mensch ein korn. Und der sand ist der sand im getriebe der geschichte, ist der sand, auf den wir tr√§ume bauen, der sich abreibt nach jedem umdrehen des glases, ist treibsand, flie√üsand, der zerschwimmt unter dem druck der geschichte, die √ľber ihn hinweg flie√üt, langsam, best√§ndig, immer wieder neu, nach jedem umdrehen des glases.
Dies waren meine gedanken, als ich knietief im nassen sand stand, der unter den f√ľ√üen zerrann. Ich stand bis zu den h√ľften im sand, stand im wasser, der sand wurde unter meinen f√ľ√üen zu wasser, wurde wieder zu sand, je mehr ich strampelte und k√§mpfte, um mich zu befreien. Wasser und sand um mich herum. Was zun√§chst wie fester boden ausgesehen hatte, entpuppte sich mehr und mehr als fl√ľssigkeit, als treibsand, flie√üsand, in den ich einbrach, in dem ich versank, in dem ich unterzugehen drohte.

Erich hatte uns damals am bahnhof abgeholt, es war schon dunkel gewesen. Er hatte uns mit dem alten wartburg zu dem dorf gebracht, wo die mutter meiner mutter geboren worden war, die aber nicht mehr gelebt hatte, die jahre vor meiner geburt gestorben war, und wo die urgro√ümutter noch gelebt hatte, bei ihrer tochter Ella, der frau von Erich, der schwester meiner gro√ümutter. Ella war eine nachz√ľglerin gewesen, nur zwei jahre √§lter als meine mutter. Gro√ümutter, die in der nahen kleinstadt verheiratet gewesen war, hatte sich damals gesch√§mt, dass ihre mutter mit Ella zur gleichen zeit schwanger gewesen war wie sie mit meinem onkel, dem √§lteren bruder von mutter. So hatte es mir mutter sp√§ter einmal erz√§hlt.
Es war ein sehr kleines dorf gewesen, 500 seelen hatten dort gelebt: eine l√§ndliche gegend. Ich erinnere mich an das plumpsklo √ľber dem hof.
Einmal war Ella mit uns auf besuch zu anderen verwandten gegan¬¨gen, zwei d√∂rfer weiter in einen anderen landkreis. Unser aufenthaltsvisum hatte dort nicht mehr gegolten. Mutter und ella hatten deshalb angst gehabt. Das h√§tte schwierigkeiten geben k√∂nnen, hatte mutter sp√§ter gesagt, wenn man ohne g√ľltiges visum erwischt worden w√§re. Man hatte sich immer und √ľberall polizeilich zu melden, selbst wenn man bei verwandten √ľbernachtete. Aber gottseidank war nichts passiert.
Und keine zehn jahre sp√§ter ‚ÄĒ Erich war inzwischen gestorben, ein unfall, eine rauchvergiftung beim verbrennen von feuchtem holz im garten ‚ÄĒ hatte Ella, weil sie rentnerin gewesen war, fr√ľhrentnerin, uns jedes jahr f√ľr ein paar wochen im westen besucht.

Die republik wuchs und zerschwamm wie der sand unter meinen f√ľ√üen, der treibsand, flie√üsand war.

Rin in die kartoffeln, raus aus die kartoffeln! Fernsehantenne √ľber die balkonbr√ľstung, fernsehantenne unter die balkonbr√ľstung! Heute h√ľh, morgen hott! So √§hnlich k√∂nnte man den zustand und die entwicklung der republik beschreiben. Immer getreu dem alten motto der partei ‚Äď und die hat ja bekanntlich immer recht! ‚Äď und ihres gro√üen vorsitzenden: den westen ein- und √ľber-holen! Und was wir schon zu √ľberholmann√∂vern ansetzten. Aber im grunde genommen wurden wir bereits beim start abgeh√§ngt, das war ein glatter fehlstart, wir kamen einfach nicht aus den startl√∂chern. Auf der ersten geraden, der gegengeraden, sahen wir euch im westen nur noch ganz klein und von hinten. Und dann standen auf unserer bahn immer wieder hindernisse, h√ľrden, w√§hrend bei euch alles glatt, geebnet war, einer lief immer voraus und machte den weg frei. Inzwischen sind wir mehrfach √ľberrundet.
Aber freut euch nicht zu fr√ľh, bis zum ziel ist es noch lang. Nicht, dass es euch am ende so geht wie dem hasen mit dem igel, dass wir schon dastehen im ziel, oder einer von uns, der sagt: bin schon da!
Reginald, lass doch den jungen in ruhe damit, das versteht der sowieso nich! Gell? Ihr im westen seid doch alle ein bisschen bl√∂d, und wir hier sind die einz‚Äôschen gescheiten! Naldi, was mussde dem jungen immer die ohrn volljammern, mehr als fressen und schei√üen k√∂nnen die da dr√ľben ooch nich!
Darauf trinken wir erst mal einen, und sp√ľln den ganzen sozialismus runter! Und dann trinken wa noch een, und sp√ľln euern kapitalismus gleich hinterher!
Jetzt lang aber mal ordentlich zu, sonst sagsde dr√ľben im westen noch, bei uns hier gibt‚Äôs nischt zu essen! Nimm nur kr√§ftig viel, das sind gr√ľne kl√∂√üe! Gell, die macht dir deine mutter nich? Die is ja ooch schon zwanz‚Äôsch jahre weg von zuhaus. Wahrscheinlich w√ľrden die th√ľringer kl√∂√üe mit euren schw√§bischen, oh pardong, badischen kartoffeln sowieso nich gelingen. Ihr esst ja am liebsten sp√§tzle oder maultaschen, und trinkt dazu sauren schprudel!
Ja liebes patentantchen, das werd ich daheim erzählen, wie ich hier verhungert bin und keinen sauren schprudel gekriegt habe.
Selters! Heißt das, selters! Nicht saurer schprudel!
Nu setz dich mal, Karin, und iss auch was mit, und lauf nich immer nur in der k√ľche rum!
Die gr√ľnen kl√∂√üe waren hervorragend gewesen. Keine hatte sie so gut wie Karin kochen k√∂nnen. Und dazu hatte es hasen gegeben, richtigen, keinen falschen. Naldi hatte ihn bei sich zu hause im vogtland extra f√ľr uns westbesuch organisiert. Es hatte auch gestimmt, dass meine mutter, seit sie r√ľber gemacht hatte, keine th√ľringer kl√∂√üe mehr gekocht hatte. Aber sie war ohnehin keine begeisterte k√∂chin gewesen und haushalt nicht ihr ding. Nur meine schwester hatte beim essen die nase ger√ľmpft. So derbe kost war sie nicht gew√∂hnt gewesen.
Am nachmittag hatten wir alle zusammen einen bummel in die stadt gemacht und kaffee im interhotel getrunken, gegen westgeld, mutter hatte bezahlt.
Überall in der stadt waren spruchbänder mit politischen parolen aufgehängt, es war kurz vor dem ersten mai gewesen:
Kampftag der internationalen arbeiterklasse, f√ľr den aufbau des sozialismus, seite an seite mit dem sowjetischen br√ľdervolk, kampftag der befreiung vom faschismus, die werkt√§tigen aller l√§nder, die soundsovielte internationale, die jugend der welt, die fdj, veb, die partei, der staatsrat, das zk, die sed … Und so weiter, und so weiter … !
Da kann einem schon mal ein klo√ü im halse stecken bleiben, vielleicht ein echter th√ľringer, ein gr√ľner … Wie ihn der gute alte herr geheimrat (gott hab ihn selig!) Seinerzeit auch gegessen haben mag!
Lang leuchte der sozialismus, lang lebe die halde von ronneburg, wismut, missmut, mit mut! Solang noch ein kumpel einfährt in den schacht, solang bleibt die hoffnung, dass er auch wieder ausfährt, drunten bleibt nur das uran, das deutsch-sowjetische!

In Cottbus angekommen, fuhr ich sofort in mein hotel. Es war leicht zu finden, lag beim bahnhof, und außerdem hatte ich einen stadtplan.

Genre: Erinnerungsbrösel