Warte : lausche : da

Manchmal möchte ich
Den Augenblick verlängern : laufe
Eine Runde oder zwei : schwimme
Warte : lausche : da
Dringt sie ein : die Zeit
Sie bleibt nicht
Stehen : sie verfl√ľssigt sich
In meinem Blut : kreist
Zwischen Herz und Hirn
Im Sitzen trete ich
Den Wettlauf an

Langsam gewinnt

Genre: Gem√ľtstiefe

Featuring : Josif Brodskij : Von der Landschaft

f√ľr Girolamo Marcello

Die Sonne geht unter, und die Bar an der Ecke ist dicht.

Die Laternen gehen an, haargenau ihre Augen schminkt so eine Mime
mit der lila Farbe f√ľr Sch√∂nheit und Grauen.

Kopfschmerz fällt am Fallschirm aus dem dunkelblauen
Raum zielgenau auf die Stirn des Feindes aus dem Stall Pirelli.

Und zwei Tauben im Gesims des Palazzo Minelli
vö.eln in den letzten Strahlen des Gestirns,

achtlos planschend in der D√ľnung des Hirns
wie unsere griesgrämigen Vorfahren unter vorsintflutlichen
Umständen, ganz ähnlichen zu heute und hier, vermutlich.

Das sind Schläge einer Glocke, vom Glockenturm purzeln
frei in den venezianischen Himmel Wurzeln,

haargenau fallende, zielbewusst wandernde
nie den Boden erreichende Fr√ľchte. Gibt es ein anderes

Leben, so wird in ihm jemand damit befasst sein,
diese Dinge zu sammeln. Und ich darf gefasst sein,

all das bald zu erfahren. Hier, wo so viel Entz√ľcken
seinen Samen vergossen, Tr√§nen des Gl√ľckes

und des Weins, an einer Ecke irdischen Paradieses
stehe ich am Abend, sauge diese

herbstlich-winterliche, lungengummiartig schwellende
saubere, sich von Dachziegelrot erhellende

hiesige Luft ein, von der,
wer sie atmet: braucht mehr.

Mehr und mehr – hinterher! vom Duft
sich aus Lebenszellen befreiender Luft,

sich befreiend von Zeit. Wälzt haargenau Geld um,
leckendes Wasser macht diese Welt stumm

mit seinen Azuranteilsscheinen am Palazzo, wof√ľr es als Wechselgeld
einen zerfressenen Stein erhält

mit seiner Dermatitis
und eine bröckelnde Karyatide, die

sich den Sprechapparat mitsamt seiner Zigarette
auf ihre Schultern bettet

und, schwer in Vogel-Wahrnehmung eingetaucht,
seit sie im nach außen gewendeten Schlafzimmer raucht,

von des Anstands Sitte befreit ist,
mal aussieht wie jemand, der bereit ist,

mal Рwie ein um den Verstand gekommenes römisches
Zahlzeichen, mal – Verszeilen handgeschrieben und Gefl√ľster, b√∂hmisches.

Herbst 1995
Casa Marcello

Genre: Gem√ľtstiefe, Realit√§tsschatten, Wortmysterien

kund√ľn

du sitzt auf dem dach der welt
und knabberst erdn√ľsse
deine zerschlissenen schuhe
tragen noch den staub der flucht
bereite dich vor
auf die r√ľckkehr ins haus
wir kommen alle zum einzug
auch die schneelöwen

Genre: Trauersymmetrie

Tante Hilde oder Alle sind verdächtig

Tante Hilde in Gelb oder Alle sind verdächtig
[Anfang einer] Krimisatire

 

1

Es sind die letzten Wochen der Krise, der Krise des Krieges, den wir begonnen haben und der schon lange w√§hrt. In diesen letzten Wochen scheint die Sonne so eifrig, wie Preu√üen es lange nicht gesehen hat, und die Hauptstadt ist bl√ľten- und bomben√ľberzogen, wundersch√∂n, voller Wunden, viel mehr Wunden verschuldend an anderen Enden der Welt und sch√∂n, dass es der Fr√ľhling ist, der sie ‚Äď die Stadt und das Reich, das sie zum Wahnsinn bringt ‚Äď in den Anfang des Untergangs st√∂√üt.

So sehr blitzt die Sonne, so wolkenlos ist der April, scharf wie ein Schwert f√§hrt der Himmel in die Praxis und meine Tante Hilde ‚Äď Dr. Hilde Kampf – l√§sst die Klapperjalousie herunter, damit sie besser in Himpis Mund schauen kann. Falls das Licht sich n√§mlich in ihrem kleinen runden Zahnarztspiegel bricht und ihr ins Auge f√§llt, muss sie selbiges zukneifen und dann verschiebt sich der Fokus, dann beginnen die kleinen Viecher zu tanzen in Himpis Rachen, die sie eben noch versucht hat zu streicheln. Zum Zweck der Narkose, wie sie Himpi beruhigt und bel√ľgt. Narkosemittel sind an der Heimatfront nicht mehr vorhanden und Himpi hat sowieso Angst vorm Zahnarzt, deswegen kommt er zu ihr. Streicheln muss sie die Tierchen, um in Wahrheit unauff√§llig einen Abstrich von ihnen zu machen, den ihre Freundin ‚Äď meine Oma ‚Äď nachher mitnehmen kann ins Gesundheitsamt oder das, was davon noch steht. Hoffentlich kommt der Abstrich noch vorm Untergang ins Labor.

Ein Labor, ein Labor, ein eigenes Labor…

Gleich ist es vorbei, sagt Tante Hilde, ich nehme jetzt die Zange ‚Äď sie h√§lt Himpi die Zange vors Gesicht, das hat er bestimmt gern -, greift entschlossen den zerfressenen Zahn und zieht ihn mit einem Ruck raus.

Bevor Himpi wimmern kann, br√ľllt er bereits.

Hilde ist eine sportliche Frau von 35 Jahren, die im wei√üen Tennisrock durch ihre Praxis turnt. Die roten Wangen gl√ľhen bei dem Kraftakt und das m√§nnertreublaue Oberteil steht ihr famos. Doch das kann Himpi nicht sehen. Er kneift die Augen zu vor Schmerz und br√ľllt noch nach, dann f√§ngt er an zu weinen wie ein Kind, das hingefallen ist, h√§lt wieder den Mund auf, damit Hilde die Wunde reinigt und desinfiziert.

Streicheln, so so, murmelt Himpi danach.

Wir h√§tten doch das Cocain nehmen sollen, mein Himpi, aber Sie wollten ja nicht. Fr√ľher hat man es so gemacht, es funktioniert einwandfrei und die Nebenwirkungen kann man vernachl√§ssigen. Das Bisschen Abh√§ngigkeit‚Ķ

‚Ķ ist sowieso schon vorhanden, erg√§nzt Himpi und hat seinen knarzenden Tonfall wiedererlangt. Er legt sich das schwei√üfettige Haar quer √ľber die Stirn und streicht sich das Blut aus dem B√§rtchen. Ich werde Ihnen f√ľr den Rest meines Lebens dankbar sein. Also nicht mehr sehr lange. Bitte bezeugen Sie meinen Mut.

Sie m√ľssen in einer Woche wiederkommen, ich muss die Wunde noch einmal sehen.

In einer Woche, da bin ich schon tot, sagt Himpi glasig.

Ach was, wenn der Feind erst besiegt ist, nehmen wir uns den anderen Zahn vor.

Sind Sie verheiratet?

Das hat noch Zeit.

Aber ich werde heiraten, Fr√§ulein Dr. Kampf, und zwar schon bald. Ich habe n√§mlich ‚Äď sagen wir so ‚Äď keine Zeit mehr.

Gratuliere, sagt Hilde ohne Bedacht.

Sie k√∂nnen es sich wahrscheinlich nicht vorstellen, aber ich bin sehr sentimental, jedenfalls wenn es um mich geht. Ich f√ľhle mich nahe dem Tod.

Tante Hilde versp√ľrt einen Brechreiz und wirft den blutigen Zahn in den Eimer.

Sie werden uns doch jetzt nicht verlassen, sagt Hilde automatisch; dabei streift sie unbemerkt Himpis Rachenextrakt von der Pipette.

Im Gehen sagt Himpi: Hunderttausend Tulpen wurden in Japan abgemäht, damit die Feinde kein Ziel haben. Als ob noch ein Flugzeug bis dahin fliegt.

Ihre Augen…, sagt Hilde, denn Himpi macht schon wieder ganz kleine Schlitze.

Sind trocken. Selbst wenn ich weine. Ich vertrage kein Licht mehr. Ich sehe Sie völlig in Gelb, Fräulein Doktor.

Das sind die Forsythien draußen vorm Fenster. Sie leben zu lange im Bunker, mein -!

Wiedersehen, sagt Himpi.

Der Mann ist ein Wrack, denkt Hilde und es zieht sie zu dem Reagenzglas. Sie nimmt das Glas hoch, schaukelt es ein wenig, √∂ffnet das Fenster, um im Gegenlicht die unbestimmbare Mitte in der klareren Fl√ľssigkeit besser zu sehen. Wer wenn nicht Himpi hat den Infekt? Der Mensch mit den schlechtesten Immunkr√§ften, der am unges√ľndestes lebt, derjenige, der die gr√∂√üte Schuld auf sich geladen hat, infolgedessen der angegriffenste Mensch √ľberhaupt? Der noch dazu konsequent seit Jahren im Dunkeln lebt und sich von Kartoffelbrei ern√§hrt. Es k√∂nnte die Wunderwaffe sein, aber das hier im Glas ist Himpis Schnodder. Hilde ist gar nicht an Waffen interessiert und auch nicht an Himpi. Hilde ist Zahn√§rztin, sie h√§lt die Stellung f√ľr Notf√§lle in schlimmster Zeit, und Infektionskrankheiten sind ihr Hobby.

Ein detektivisches Hobby, das sie mit meiner Oma teilt seit der Zeit, als sie zusammen die Sanit√§tsausbildung machten. Ein Hobby, das Hilde im Geheimen betreibt, damit es ihr nicht entrissen, damit ihr leidenschaftliches Interesse f√ľr die Wissenschaft nicht ein Raub des Krieges wird. Infektiologie geht √ľber einzelne faulige M√ľnder hinaus und betrifft das Wohl der ganzen Menschheit. Meine Oma, die als Angestellte des Gesundheitsamtes sowieso verstrickt ist in Politik, sieht die Dinge ganz n√ľchtern. Wir sind die einzig wahre Hygienepolizei, du und ich, sagt sie. Alle anderen verstehen jetzt etwas Entartetes darunter. Entartet, sagt meine Oma, ist die Hygiene.

Tante Hilde √∂ffnet ihren Privatschrank und nimmt eine Gasmaske heraus. Das gute St√ľck aus dem vorigen Krieg geh√∂rte ihrem verstorbenen Vater und liegt jetzt wieder griffbereit, denn die herabfallenden Bomben k√∂nnten auch kurz vor dem Ende noch giftgef√ľllt sein. Sie zieht den R√ľssel √ľber, denkt nach, ob sie die Sprechstundenhilfe schon in den Feierabend geschickt hat, dann f√§llt ihr ein, dass die Assistentin zu ihrer Mutter nach Bayern gefahren ist. Hilde bef√§llt eine seltene Beklemmung. Ihre eigene Mutter ist weit weg in Amerika, und hier gibt es niemanden, der sich um sie k√ľmmert und niemanden, der sie am Ende des Tages vermisst. Hier ist angeblich die Heimat, aber was hei√üt das? Man kann alles noch so gut organisieren, noch so gut kontrollieren, man kann der Assistentin all die Tage frei geben, die sie verlangt, am Ende ist man allein.

In die Gasmaske hat sie sich, zur Belustigung des ausf√ľhrenden Optikers, statt der Augengl√§ser ein Mikroskop einsetzen lassen. So kann sie unauff√§llig im Schatten des Zivilschutzes einen Rachenabstrich in Vergr√∂√üerung sehen. Der Gesichtskreis ist mit der Mikroskop-Maske allerdings sehr eingeschr√§nkt, sie haut mit dem R√ľssel das Reagenzglas fast um.

In diesem Moment st√∂√üt durch das halb ge√∂ffnete Fenster ein h√§sslicher schwarzer Tierkopf. Ein aufgerissenes Spitzmaul voll scharfer Z√§hne, dar√ľber b√∂se starrende Augen. Mit vernehmlichem Klatschen schlagen zwei sehnige, weit ausladende, belappte Arme oder Pfoten gegen den Fensterrahmen. Riesig ist das Gesch√∂pf. Es weicht zur√ľck, um einen weiteren Anflug gegen die √Ėffnung zu unternehmen und knickt dabei die Forsythien. In Hilde kommt Leben, sie rast mit h√§mmerndem Puls zum Fenster und schlie√üt es, l√§sst sofort auch die Jalousie runter, um nichts mehr zu sehen. Das riesige Tier, das in ihre Praxis eindringen wollte, war eindeutig eine Fledermaus.

Von Adrenalin durchflutet, stellt Hilde endlich das Reagenzglas in den Schrank. Sie setzt sich auf den Rand des Behandlungsstuhls und sinkt in die Lehne, schlie√üt die Augen hinter der Maske, √∂ffnet sie aber gleich wieder, denn meine Oma steht in der T√ľr, ebenfalls mit einer Gasmaske vor dem Gesicht, neueres Modell. Hilde kann die Freundin im Moment haupts√§chlich h√∂ren.

Warum ist die Haust√ľr auf? fragt meine Oma.

Himpi war da, sagt Hilde tonlos so als sei das eine Erklärung. Und nicht nur er. Was hast du da auf dem Kopf?

Das Neueste vom Amt. Manchmal können sie was. Es ist schick, oder?

Die Freundinnen schauen sich durch die Gasmasken an, Hilde beginnt zu zittern und Grete beugt sich √ľber sie und nimmt sie fest in den Arm.

Du arbeitest zu viel, dann diese Krise… Und obendrein Himpi… Kommt er wieder?

Ich habe seinen Abstrich. Du solltest dich freuen, dass er mich f√ľr die beste Zahn√§rztin der ganzen Stadt h√§lt.

Oh, das tue ich! sagt Grete. Ich nehme den Abstrich mit, und morgen fr√ľh geht das Glas ins Labor.

Ich √ľberlege, ob ich es nicht selbst ins Labor bringen sollte, jetzt gleich, und zwar in das andere.

Hilde schiebt Grete beiseite und n√§hert sich vorsichtig dem Fenster. Sie hebt die Jalousie ein wenig hoch. Auf dem Fensterbrett summt eine gro√üe Fliege, auf dem R√ľcken, die gekr√ľmmten Beine nach oben.

Das Heeresgasschutzlaboratorium?

Wir haben dort neue Kontakte.

Grete zieht fragend die Augenbraue hoch. Was f√ľr Kontakte?

Diskrete, seit vorgestern. Es war eine kleine OP, ich habe den Mann selber auf dem Motorrad wieder zur Arbeit gefahren. Englischer Akzent, stell dir vor.

Grete seufzt: Der Spion, den sie liebte!

Im HGSL sind sie ausgestattet mit allem. Er hat sich sein eigenes Bet√§ubungsmittel mitgebracht. Das war klug, denn einen Mann unter Schmerzen kann man nicht k√ľssen. Ich bin sicher, er wird den Test f√ľr uns auswerten. Und dann beweisen wir: Himpi ist infiziert.

Hilde, du solltest das K√ľssen jetzt lassen. Es ist nicht die Zeit daf√ľr.

Doch, doch, es ist eine wunderbare Zeit. Wenn du k√ľsst, bist du gl√ľcklich und du bist immun. Es ist Fr√ľhling, du musst dich verlieben.

Hilde hat sich wieder gefangen, die Fledermaus ist aus ihrem Hirn. Mit Sex kann man sich sch√ľtzen, erkl√§rt sie.

Ich bringe die Probe ins Gesundheitsamt, sagt meine Oma sachlich.

Nein, ich bringe sie ins HGSL.

Es ist die Probe von Himpi, erwidert meine Oma jetzt etwas scharf. Darauf habe ich ein Anrecht. Ich verf√ľge es hiermit, ich beschlagnahme sie. Zuwiderhandlungen werden geahndet.

Hilde lacht. Sie lacht und lacht und dann lacht auch meine Oma. Die Freundinnen und ihr Hobby und die M√§nner und der Krieg. Sie fahren gemeinsam mit der BMW durch die Spandauer Neustadt, Hilde vorn, meine Oma hinten mit dem Schild um den Hals ‚ÄěHygienepolizei‚Äú.

Der englische Liebhaber ist sehr charmant. Er bittet die Damen zum Tee, auf dem Rasen vorm Eingang zum Heeresgasschutzlabor, das eigentlich Heeresgiftgaskampf- und versuchslabor hei√üen m√ľsste. Das Labor liegt innerhalb der Mauern der Zitadelle, Berlins Trutzburg der Renaissance. Angreifende Truppen hat das Bauwerk schon viele gesehen, und vor Bomben ist man jetzt sicher, gerade weil es hier so explosiv ist. Drei St√ľhlchen werden aufgestellt. Der Engl√§nder k√ľsst Tante Hilde leidenschaftlich und lange, trotz Infektrisiko. Er gibt ihr noch etwas Rizin mit, ‚Äěfor emergency‚Äú. Im Labor wird es nicht mehr gebraucht, sie haben ja Sarin und Tabun und Zyklon B und er m√∂chte den Rizinrest sinnvoll verschenken. Der Engl√§nder h√§lt Himpi f√ľr einen Feigling, versteckt er sich nicht seit Jahren in den ostpreu√üischen W√§ldern? Bei Wildschweinen und Rehen, samt seiner Kommandozentrale? Grete ist pikiert √ľber die K√ľsserei aber auch etwas erregt. In ein paar Tagen gibt es Himpis Ergebnis. Viele Gr√ľ√üe an deinen Mann, fl√ľstert Hilde der Freundin beim Abschied ins Ohr.

 

2

In den n√§chsten Tagen f√ľllt sich die Praxis. Hilde kann nicht anders, sie streift nachts durch die Stra√üen, die dunkel sind, Restaurants, Kneipen, Kinos, Theater, die L√§den, alles geschlossen. Sie liest die Leute vom Gehweg auf, und wenn sie nicht laufen k√∂nnen, kommt sie noch einmal gefahren. Es gibt Menschen, die wohnen in zwei B√ľschen, um einen Infekt haben sie sich noch niemals gek√ľmmert. Als Grete die Freundin wieder besucht, sind das Wartezimmer, das Privatzimmer und ein zweiter Behandlungsraum provisorisch belegt. Es riecht ungut. Alles Zahnarztnotf√§lle, entschuldigt sich Hilde.

Meine Oma sch√ľttelt den Kopf, denn das Infektrisiko steigt, mittlerweile auch f√ľr Hilde selbst. Seit Hilde ausgebombt ist, wohnt sie in der Praxis, jetzt hat sie ihr Feldbett in der Teek√ľche aufgestellt. Schmutzige Handt√ľcher an einer Leine schirmen sie ab vor den Blicken. Grete glaubt, die knurrenden M√§gen der M√§nner zu h√∂ren, aber Hilde sagt: das Haus h√§lt zusammen, jede Etage kocht an einem anderen Tag. Und wenn der Untergang kommt, bin ich nicht allein.

Die beiden Freundinnen d√ľsen mit dem Motorrad Richtung Juliusturm. Die Zitadelle liegt rotschimmernd unter strahlendem Licht, und da die Sonne nicht so hoch steht wie im Sommer, werfen die B√§ume irritierende Schatten. Die Frauen warten am Eingang. Der Engl√§nder kommt nicht.

Stattdessen kommt ein Deutscher. Mit ihm zieht ein kalter Hauch aus dem Gew√∂lbe. Der Deutsche zeigt auf meine Oma. Sie sind vom Amt, sagt er. Ich habe einen Auftrag f√ľr Sie, streng vertraulich.

Bitte nicht, sagt meine Oma.

Sie m√ľssen dies hier nach Adlershorst bringen.

Er dr√ľckt meiner Oma ein Beh√§ltnis in die Arme, in dem etwas lebt. Durch kleine Schlitze h√∂rt man es flattern. Meine Oma guckt zweifelnd. Sie soll einen Vogel durch den Krieg tragen? Erkl√§rungen sind nicht zu erwarten.

Adlershorst? fragt sie. Wo ist das?

Aus der Stadt Richtung Osten, in der Nähe von Falkenhagen. Sie werden es finden, wenn Sie dort sind. Es handelt sich um Informationen.

Bitte nicht Richtung Osten, sagt meine Oma leise. Ich komme gerade aus Posen, vor der anr√ľckenden Armee sind wir geflohen, meine Tochter und ich. Wir haben es nur geschafft durch den Pferdewagen, und den hatten wir nur, um das Eugenik-Archiv zu transportieren.

Sie werden es schaffen, einer allein kommt immer durch, besonders die Frauen, schnarrt der Forscher. Also: Adlershorst, bei Falkenhagen.

Bitte, ich bin Mutter, ich habe ein Kind…

Die Welt ist voll von Kadavern, ich meine, Kavalieren, das haben Sie doch sicher gemerkt, sagt der Mann. Nur diesen Kasten, den verlieren Sie nicht!

Grete guckt, als wäre ihr Kopf in dem Kasten, verlorene Freiwillige in einem magischen Zirkus.

Und was ist mit dem Testergebnis? ruft Hilde.

Aber der Deutsche ist schon wieder weg und die Stahlt√ľr verschlossen.

 

3

Wir h√§tten Himpi sowieso mehrmals testen m√ľssen. Wenn er heute nicht positiv ist, dann vielleicht morgen? Dieses Testen‚Ķ ich glaube, um ehrlich zu sein‚Ķ, wenn es eine Epidemie ist, dann geht es nicht nur um Himpi.

Die Frauen schweigen betroffen. Abwesend sagt Hilde: Schade um den Engländer, er war so britisch. Zwei Dinge haben wir bekommen, das Rizin und die Fledermaus. Das eine hat uns ein Engländer gegeben, das andere ein Deutscher. Das muss etwas bedeuten.

Eine Fledermaus? Bist du sicher?

Um das Tier wirst du dich k√ľmmern. Und ich‚Ķ um das Rizin.

Ich werde mich um das Tier nicht k√ľmmern, sagt meine Oma rigoros und so gef√§llt sie Hilde am besten, auch wenn sie ihr widerspricht. Ich werde mich um dich und mich und meinen Mann und meine Tochter und eventuell um deine Zahnarztnotf√§lle und um das Archiv k√ľmmern‚Ķ

Ach ja, das Archiv.

Aber was immer in diesem Kasten ist, ich lasse es fliegen. Und Grete steigt aus dem Behandlungsstuhl, dem einzig freien Platz in der Praxis.

Auf keinen Fall, sagt Hilde und stellt sich vor die Forsythien ins Fenster. Im Namen der Wissenschaft: die Fledermaus birgt Informationen! Welche geheimen Informationen produziert das HGSL sonst außer Gift? Die Fledermaus ist wie Himpi, sie ist wahrscheinlich infiziert, aber nicht erkrankt. Und wie Himpi ist sie hochinfektiös.

Ich verstehe es ehrlich gesagt nicht, sagt Grete kleinlaut. Warum ist sie hochinfektiös? Es hat sich doch noch niemand angesteckt.

Du hast deinen Robert Koch nicht gelesen! sagt Hilde streng.

Falls nicht nur Himpi einen Infekt hat, und das ist anzunehmen, brauchen wir viel mehr Daten, Daten in Standard und Qualität. Statistik ist die Realität des Regierens, sagt meine Oma.

Allerdings, das ist logisch. Die Frauen schweigen.

Ich werde mich in Zukunft darum k√ľmmern, sagt meine Oma. Aber mit Himpi sollten wir anders verfahren.

Sie schweigen erneut.

Was wollen sie mit diesem Tier in Adlershorst? Dort wird es ein geheimes Labor geben und sie werden sie untersuchen. Keine Ahnung mit welchem Ziel.

Doch! Hilde reißt die Augen auf. Sie testen die Infektion an Menschen, und wenn die armen Probanden krank werden, ist die Wunderwaffe gefunden. Die Fledermaus fungiert dann als Viren- oder Bakterien-Gefäß.

Das tun sie doch längst.

Was?

Menschen infizieren, sagt meine Oma ruhig. Das weißt du. Seit vielen Jahren.

Hilde guckt irritiert. Also… die Fledermaus… Es muss sich um eine besonders ansteckende, besonders verheerende Infektion handeln, die die Fledermaus transportiert. Eine, die man in den letzten Tagen des Krieges entscheidend in Stellung bringen kann.

Wir können die Fledermaus ignorieren, sagt meine Oma. Wir lassen sie sterben in ihrem Kasten und graben sie ein.

Wir sind leider schon mitten im Krimi, sagt Hilde. Ignorieren geht jetzt nicht mehr.

Und das Rizin? Soll ich es aufbewahren, damit nichts Schlimmes passiert?

Was soll denn noch Schlimmeres passieren? Wei√üt du was? Wenn Himpi wiederkommt, und angemeldet ist er f√ľr morgen -

Dann?

Ach nichts. Wir werden sehen.

Die Freundinnen verabschieden sich fahrig.

 

4

Tats√§chlich dauert es noch einige Tage, bis Himpi wieder erscheint. Inzwischen hat meine Oma ernst gemacht mit der Datenerhebung und Hilde testet, wo immer sie kann. Die Zahnarztnotf√§lle werden der Reihe nach behandelt und jedesmal kitzelt sie die Patienten zuf√§llig am Gaumen. Das k√∂nnte Hildes Markenzeichen werden, man lacht schon dar√ľber. Hilde mikroskopiert nun auch selbst, denn wozu hat sie die umgearbeitete Maske? Das Heeresgasschutzlaboratorium ist zu gef√§hrlich, und aufgeben ist keine Option. Sie arbeitet den ganzen Tag, und meine Oma l√§sst abends ihre Tochter allein, um neue Notf√§lle von der Stra√üe zu rauben. Morgens, gleich wenn sie aufsteht, schaut Hilde ins Wartezimmer: da liegen sie √ľber- und nebeneinander. Alle sind verd√§chtig, sagt Hilde befriedigt und zieht sich den Tennisrock an.

Meine Oma residiert im stickigen Flur und fragt die Menschen nach Beruf, Familienstand, Alter, Krankheiten, aber nicht nach der Gesinnung. Sie hat ein Formular erfunden und f√ľllt f√ľr jeden eines aus. Es betr√ľbt sie, dass alle Test-positiv haben. Aber das liegt nat√ľrlich am schn√∂den Leben.

Wer wei√ü, ob sie √ľberhaupt die Wahrheit sagen, wenn du sie befragst, sagt Tante Hilde.

Sie trauen mir, sagt meine Oma. Sie freuen sich, dass sich jemand f√ľr sie interessiert. Das sind arme Leute, sie sind allein, haben die Orientierung verloren, manche sagen gar nichts, denn sie sprechen kein Deutsch.

Das meine ich, sagt Tante Hilde.

Geh in dein Labor, sagt meine Oma verärgert. Mach deine Arbeit und ich mache meine.

Jetzt sollten wir ihnen die Wahrheit sagen, sagt meine Oma, als nach drei Tagen die Praxis so voll ist, dass man nicht mehr atmen kann. Dass sie infiziert sind, und dass sie gehen m√ľssen, und dann kommen die n√§chsten. Ich finde heraus, wie viele wir f√ľr unsere Studie ben√∂tigen, ich wei√ü aber noch nicht, wie lange wir brauchen.

Gehen? Wo sollen sie denn hin?

Ja, wohin… Sie können zu mir, sagt Grete dann mutig. Vielleicht ist es ja nicht so ansteckend. Ich denke, die Fledermaus wäre viel ansteckender.

Die Fledermaus!! Die Frauen sehen sich entgeistert an. Die Fledermaus haben sie v√∂llig vergessen. In diesem Moment klopft es und eine bekannte Stimme knarzt durch die T√ľr.

Fräulein Kampf, ich bin es!

Einen Augenblick! ruft meine Oma schrill und scheucht die zerlumpten Gestalten aus dem Flur. Wie es hier riecht. Wie sauer gegoren und nass zusammengelegt, wie modrig geschrubbt und nicht richtig abgewischt mit Toilettenpapier. Die Leute m√ľssen sich in den zwei Zimmern und der K√ľche zusammendr√§ngen, da ist jetzt nichts zu machen. T√ľr zu und Ruhe, verdammt! Himpi, du liebe G√ľte‚Ķ

Ist da noch jemand? fragt Himpi. Ich dachte, ich hätte jemanden gehört.

Wir sind ganz f√ľr uns, mein -, sagt Hilde zuvorkommend und bugsiert Himpi flott ins Behandlungszimmer und auf den Stuhl. Sie schlie√üt schwungvoll die T√ľr, aber √∂ffnet das Fenster, denn dass es schlecht riecht, sieht sie Himpis gekr√§uselter Nase an. Himpi ist sehr empfindlich.

Erstmal die Wunde, sagt Hilde freundlich.

Himpi öffnet den Mund.

Sehr sch√∂n. Und nun ‚Äď nehmen wir uns den anderen Zahn vor.

Himpi schlie√üt seine √Ėffnung. Ich glaube, es lohnt nicht mehr, Fr√§ulein Hilde, fl√ľstert er √§ngstlich.

Herr Himpi, Sie wollen doch nicht mit Zahnschmerzen sterben, sagt Hilde bestimmt. Ich habe au√üerdem ‚Äď ein neues Narkosemittel.

Hilde erschrickt plötzlich vor sich selbst. Da Himpi mehrere Tage zu spät zum Termin gekommen ist, hat sie ihren Plan fast vergessen. War es denn ein Plan? Tatsächlich ist sie nicht vorbereitet. Aber kann man denn auf alles im Leben vorbereitet sein?!

Einen Moment, ich muss es nur holen‚Ķ Hilde kramt nerv√∂s in ihrem Privatschrank. Da ist die Dose. Der Engl√§nder f√§llt ihr ein und wie er sie k√ľsste. Hilde wird es ganz warm.

Als sie sich umdreht, prallt sie zur√ľck. Himpi ist aufgestanden und steht dicht vor ihr.

Ich m√∂chte lieber nicht, sagt er d√ľster und schaut ihr auf die Schulter.

Das kann ich verstehen, sagt sie. Aber es tut immer nur weh, wenn man Angst hat.

Ich habe Angst, sagt Himpi und lässt sich sanft wieder setzen.

Jetzt muss Hilde die Strategie wechseln. Das muss sie in der folgenden halben Stunde noch öfter.

Tats√§chlich ist es so, sagt sie, dass Sie vor der Behandlung weniger Angst haben m√ľssen als vor der Narkose. Die Narkose ist neu, ein neues Mittel. Wenn wir es an Ihnen ausprobieren, k√∂nnten Sie zum Helden f√ľr viele Verwundete werden.

Die Verwundeten sind mir egal, murmelt Himpi. Also… Wenn es nicht funktioniert, dann tut es halt weh, und wenn es funktioniert, dann merke ich nichts?

Möglicherweise wird Ihnen etwas schlecht. Aber das dauert höchstens drei Tage.

Wissen Sie, ich finde, sagt Himpi pl√∂tzlich heftig, dass Sie diese Experimente an denen machen k√∂nnen, die daf√ľr vorgesehen sind. Das habe ich doch alles geregelt. Wozu gibt das lebensunwerte Leben? Damit man es vernichten kann. Aber doch nicht mich, bitte.

Es geht doch nicht um vernichten, Herr Himpi.

Schon gut, schon gut. Meinetwegen. Aber bitte: bezeugen Sie meinen Mut!

Frau Doktor Kampf, meine Tante, r√ľckt nun vor. Zur√ľck geht es nicht mehr, es ist begonnen. Der Untergang nimmt seinen Lauf.

Wie heißt das Mittel? fragt Himpi. Und kennen Sie die Dosis?

Es heißt… Zirin, antwortet Hilde.

Himpi seufzt. Vielleicht lebe ich ja doch noch länger. Wer weiß. Und dann lohnt sich das Leiden. Fräulein Kampf, vielleicht haben Sie Recht.

Hilde lächelt und Himpi lächelt jetzt auch. Es ist das erste und letzte Mal, dass beide so lächeln.

Hilde wird nun leider beinahe zu k√ľhn. Es treibt sie der Teufel, ich glaube, es hat mit dem Engl√§nder zu tun, dass er fort ist, nicht mehr da. Was haben sie mit ihm gemacht, ihrem k√ľhlen Spion? Hilde sagt betont lustig: Nach dem Gesetz, das Sie erlassen haben, ist ‚Äď mit Verlaub ‚Äď Ihr eigenes Leben nichts mehr wert.

Was? macht Himpi entgeistert.

Sie vegetieren dahin, Ihre Haut ist Papier und Sie haben die Hoffnung verloren.

Himpi schnappt nach Luft, aber Hilde ist noch nicht fertig.

Sie werden sterben in ein paar Tagen, das ist gewiss. Eine Behandlung ist daher nicht mehr angezeigt. Auch wenn Sie die schlimmsten Schmerzen h√§tten, ich k√∂nnte Sie getrost verrecken lassen, denn Sie haben vor sich selbst zu t√∂ten. Um sich nicht verantworten zu m√ľssen, habe ich recht?

Himpi zuckt mit allen Wimpern. Ich werde Sie liquidieren lassen, krächzt er.

Aber Herr Himpi! Warum sind Ihre Zähne so schlecht?

Wie bitte? Himpi ist total √ľberfragt.

Das erste Zeichen mangelnder Verantwortung sind die eigenen fauligen Zähne. Ich werde Ihnen diesen Zahn ziehen, sonst kommen Sie niemals zur Ruh.

Nie zur Ruh -, Himpi liegt jetzt auf dem R√ľcken.

Hilde beugt sich √ľber seinen gr√§sslichen Rachen. Noch nie hat sie so viele Tierchen herumlaufen sehen, all die Toten, Verwundeten, Vergasten, Verst√ľmmelten, Gefolterten, Ermordeten, sie alle gehen in Himpis Rachen spazieren.

Hilde sticht hinein, in der Spritze ist Rizin.

Aua, macht Himpi.

 

5

Es war also nicht so, wie Hitlers Sekret√§rin erz√§hlt, dass Hitler sich selbst umgebracht h√§tte, und es war auch nicht so, wie sein Chauffeur berichtet, der ihn nach seinem Sicher-ist-Sicher-Doppelselbstmord ‚Äď erst vergiften, dann erschie√üen ‚Äď verbrannt haben will. Meine Oma sagt immer, dass Himpi vielleicht nur bis zu den Forsythien kam. Denn Hilde erz√§hlte, dass es ihm sofort sehr schlecht ging, den Forsythien in den Folgejahren aber sehr gut. Himpi wankte nach der Behandlung aus der Praxis, vorgesch√§digt wie er war, und brauchte vielleicht nicht so lange wie andere, um dem Rizin zu erliegen. Normal sind drei bis vier Tage, sagt meine Oma. Die k√∂nnte er nat√ľrlich noch in der Reichskanzlei verbracht haben. Theoretisch ist es m√∂glich, dass er sich trotz der t√∂dlichen Dosis, von der er nichts wusste, zus√§tzlich selbst vergiftete und auch noch erschoss, meinetwegen. Aber es gibt nichts daran zu deuteln, sagt meine Oma, dass es Hilde war, die f√ľr die amtliche Sicherheit dieses Todes verantwortlich ist. Und dabei ist es egal, ob Himpi die letzten Tage in den Forsythien oder in den Armen von Eva Braun verbracht hat. Der Stoff, den der Engl√§nder Hilde gab, war ganz ausgezeichnet.

Meine Oma war sp√§ter auf Hilde sehr stolz, denn es ist doch ein Unterschied, ob irgendwem noch ein Anschlag auf Himpi gelang oder ob erst der Untergang kommen musste. Besser ein gelungener Anschlag einer Zahn√§rztin als misslungene Anschl√§ge von Gener√§len. Tante Hilde hat niemals Ber√ľhmtheit erlangt; die andere Schlussversion war bald in der Welt. Offenbar hatten die Freundinnen kein Interesse, als Hitlers Verderberinnen in die Annalen einzugehen. Der gro√üe Verd√§chtige war weg, die Ansteckung durch den Infekt entscheidend gemindert. Das war es, was f√ľr sie z√§hlte.

Wie ich das fand? Nun, meine Oma, die in den n√§chsten Stunden noch Kriegswitwe wird, hatte keine Zeit, Zeitzeugin zu werden, erkl√§rte sie mir. Und Hilde h√§tte sich ja selbst melden k√∂nnen beim Heldenregister. Aber das tat sie nicht und als ich sie kennenlernte, war sie schon eine betagte Dame mit einer riesigen Brille und dunkelbrauner Per√ľcke. Sie trug lila Kost√ľm, sa√ü bei meiner Oma im Wohnzimmer, trank Kaffee und Lik√∂r, meine Oma hatte Kuchen gebacken und von Hitler war niemals die Rede. Um ehrlich zu sein, ich glaube, Tante Hilde hatte ihn v√∂llig vergessen.

Jetzt aber, April `45 ‚Äď Himpi ist raus aus der Praxis, die Meute in den Nebenzimmern, deren Anwesenheit Hilde vielleicht ermutigt hat, quillt wieder auf den Flur ‚Äď ist Grete damit besch√§ftigt, die Leute mit einer warmen Mahlzeit abzuspeisen. Eintopf mit Speck! Sie schleppt den dampfenden Kessel aus dem oberen Stockwerk, √ľber die Treppe hinunter und durch die Praxis zum Herd. Niemand fragt nach dem hochrangigen Gast, der vorhin ungesehen kam und wieder ging. Es riecht gut, und im Moment haben alle nur Hunger.

Da Grete mit so vielen Verd√§chtigen in Ber√ľhrung kommt, was sich gar nicht vermeiden l√§sst, m√∂chte sie zur Sicherheit auch endlich getestet werden. So viel Zeit muss sein. Hilde verschwindet mit Gretes Abstrich im Labor, das hei√üt sie setzt sich im Behandlungszimmer die Gasmaske auf. Sie starrt auf den Speichel im Reagenzglas und lehnt den Kopf zwischendurch schwer an die Wand. Sie hat Himpi vergiftet. Etwas muss jetzt geschehen, auch wenn die Gegenwart z√§h und dickfl√ľssig ist vor lauter Problemen. Etwas Suppe schwimmt darin. Was sie sieht: Grete ist positiv.

Du musst weg, sagt sie zu Grete, die neben ihr steht.

Aber die Meute ist auch noch da.

Dann muss ich weg und ihr bleibt, in Quarantäne.

Wie soll das gehen… Und wie kannst du sicher sein, dass du nicht auch positiv bist?

Einer muss den Maßstab bilden, sagt Hilde verärgert. Aber meine Oma ist eisern, und positiv sein muss man erstmal verdauen.

Bei so vielen Infizierten unter deinem Dach besteht vom Amts wegen höchster Verdacht, sagt sie strikt.

Grete, ich habe jetzt andere Probleme.

Was f√ľr schlimme Zeiten sind das, in denen es etwas Schlimmeres als Infektionen gibt! Wie schlimm sind diejenigen dran, die das Risiko nicht mehr interessiert! Andere Probleme, was soll das sein?!

Was f√ľr einen Infekt habe ich √ľberhaupt?

Einen Infekt, irgendeinen, ich habe ihn gesehen, sagt Hilde gereizt. Genauer machen wir es nach dem Krieg, einverstanden? Du hast den Infekt, den alle jetzt haben, das liegt auf der Hand.

So, macht Grete und ist nicht zufrieden.

Ich bin negativ und ich bin beweglich, sagt Hilde. Ich klemme mir die Fledermaus auf das Motorrad und bringe das Tier nach Adlershorst. Dann ist dein Auftrag erf√ľllt, du wirst nicht suspendiert. Und ich werde nicht von Himpis Braut gejagt, die ihn im Bunker vermisst.

Wenn die Fledermaus die Wunderwaffe ist, wirst du zum zweiten Mal ber√ľhmt, allerdings f√ľr die andere Seite, folgert Grete mit nachdenklichem Gesicht. Ger√ľhrt von Hildes Mut √ľberlegt sie. Nat√ľrlich, Hilde und die BMW, dagegen k√§me der Pferdewagen nicht an. Der Grete au√üerdem sofort entrissen wurde. Meine Oma m√ľsste ihr Fahrrad nehmen, wenn es nicht bei einem Brand geschmolzen w√§re. Wenn Hilde, die Strahlende, Schnelle sich an ihrer Stelle ins Abenteuer st√ľrzte, h√§tte die Mission viel eher Erfolg. Einverstanden, sagt Grete.

 

[Fortsetzung folgt]

Genre: Realitätsschatten

umgehung

unbestrumpft abgebogen in die vertrauten gärten
voll der rosen kraftduftendem odem
springt flaneur tr√§ge zum wegrand hin√ľber
als vierrädrige staatsmacht
frech sich verirrt hat in dichters flur
grau √ľberw√∂lkte bewegung ist noch leicht
aus zu machen
im verzug
der eigenen courage liebevoll entsprungen
sucht
neues alte hauptstatt im langsam anhebenden takt
der djemben auf gr√ľnender wiese
unter bäumen
im zickzack hinweg und zur√ľck
nach heftigem schauer auf rastbank in trance
l√§sst‚Äės klingen und h√∂rt bereits
was später tatsächlich gesungen

Genre: Realitätsschatten

Wir sind alle

Amazonasbewohner, mehr
oder minder Traum
von Wasser oder Wasser,
das die dämmernden
Körper bewegt

Maschinenbauer und
perturbierende Stoff-
wechselzentren,
Organbesitzer und
Verlierer exklusiven Vertrags

Was sind wir noch?
Alles,
was die gef√ľgte Ordnung
aufzulösen begehrt
und sein Begehren
fortwährend bedroht weiß

Körper und Denken
getrennt, eine Seele
aus Zweien,
die nicht weiß Рwoher
das alles und schon gar nicht:
wohin

Die unendliche Einsamkeit der Zahlen
auf dem Weg zu sich selbst
und √ľber sich hinaus,
ihr Teilsein im
√úberschaubaren, ihre ewige

Rätselhaftigkeit

Eine Karte im Gesicht
oder Gesichtslosigkeit,
Himmelsbegehren und
Sturzbacherzählung

Genre: Realitätsschatten

delphisch

da war dieses weben gestalt & klang
am wimpernrand ‚Äď im eisernen brustkorb ein schatten
aus rotem gefieder

dem rankten sich töne ums singende haupt
aus trockenen kehlen vom straßenstaub das elend der worte nur
ein erinnern wie fernes leuchten ‚Äď kindheitsger√ľche
enthäutete sommer

(zusammengew√ľrfelt)

zerst√ľckelte echos ‚Äď einmal h√∂rt ich
sie singen ins licht (eine hymne dem erdigen traum): tritt näher
du mit gepl√ľnderten augen der blauen stirn

den blick in die nacht geschlagen … unentrinnbare nacktheit
des seins mit offenen lippen k√ľsstest den stein
(am fuße des berges)
hattest die schreie der v√∂gel verlernt …
mag sein

auf der anderen seite ein abend mit dreifachem mond
wo kalte h√§nde sich strecken zur sonne ‚Äď
kinder sind dort (mit gro√üen augen) die werfen worte hoch in die luft ‚Äď
ich h√∂rte sie fl√ľstern:

engel sind wir wissen es nicht ‚Äď jedes lachen ist uns gebet
im glockengesang verewigt unsterbliches seufzen
verwaister scholle

dass zeit sei zu gehn … ein geknicktes rohr
(brachst es nicht) ‚Äď ein glimmender docht im steten tropfen
ungelöscht

im sommer als wind durch die gr√§ser fuhr ‚Äď nichts war jemals so
wie du denkst

Genre: Realitätsschatten

Das hier

‚ÄěUnd er hat dich wirklich nicht noch einmal gemalt?‚Äú fragte Eduard ungl√§ubig. Das letzte Wort ging fast unter. ‚ÄěDr. Motten hat ihn sicherlich davor gewarnt.”
“Nein, Eduard. Er wollte mich mittags malen, bei Tageslicht. Ich habe ihn versetzt. Er war nicht einmal b√∂se. Ich glaube, es war etwas anderes.‚Äú
Ich f√ľhlte eine seltsame Leere und Ratlosigkeit. Das, was Vyvyan in Eduards Rede als Diethelmisierung bezeichnet hatte, die Amputation von Gef√ľhl und Verstand, genau das war es.
‚ÄěEduard, du mu√üt mir etwas erkl√§ren, ich glaube ich …‚Äú
‚ÄěWas soll ich dir erkl√§ren? Du hast doch viel mehr Zeit mit Vyvyan verbracht als ich, als wir alle.‚Äú
‚ÄěGerade das ist es ja. Eduard.”
Ich merkte, da√ü das Gespr√§ch zu nichts f√ľhren w√ľrde. Eduard r√§usperte sich umst√§ndlich, was untypisch f√ľr ihn war. Es klang nach einer sich vollsaugenden Wasserflasche.
‚ÄěNun, als ich Vyvyan kennenlernte, lebte seine Mutter noch. Du wei√üt, da√ü sie auf dieser Konzertreise verungl√ľckt ist. Jedenfalls lebte sie damals noch. Und wir fuhren zu dritt zu diesen Vorlesungen. Vyvyans Mutter war das, was man fr√ľher eine femme fatale genannt h√§tte. Sie hat in ihrer Jugend einen Zirkel ins Leben gerufen. Sie hatten sich irgendwie zur Aufgabe gemacht, die Erscheinungen √ľber das Ding an sich zu stellen.”
Mir fiel die Gauloises auf den Teppich. Das war ja Kant.

Ich hatte keinerlei Ambitionen, das hier mit Kant erklären zu wollen.

Genre: Realitätsschatten

Amputationen

Man nahm dem Engel die Arme. Er konnte nichts mehr halten.
Man nahm dem Engel die Beine. Fortbewegung wurde fast unmöglich.
Man nahm dem Engel den Kopf. Er konnte nichts mehr hören, sehen, riechen, schmecken und denken.
Man lie√ü ihm die Fl√ľgel. Damit kann er fliegen.

Genre: Realitätsschatten

Und

Wie bescheiden es da steht. G√§nzlich unge√ľbt darin, gro√ü geschrieben und allein im Rampenlicht einer √úberschrift zu stehn, kommt es sich ganz verloren vor. Und doch ist es an der Zeit, es endlich einmal angemessen zu w√ľrdigen. Also halte durch, kleines gro√ües Und. Du wirst sehen wie gut es tut, einmal ein wenig Anerkennung f√ľr deinen unsch√§tzbaren Dienst zu erhalten. So viele Worte verm√∂gen mit ihrer Bedeutung Bilder, Assoziationen und Erinnerungen auszul√∂sen oder uns und andere mit der Sch√∂nheit ihres Klanges, ihrem Humor, ihrer Dynamik oder Tiefe f√ľr oder gegen sich einzunehmen. Einigen von ihnen werden wir auf den kommenden Seiten begegnen. Du hingegen verf√ľgst √ľber keine solchen Reize und doch will mir dein Wirken f√ľr unsere Sprache noch viel bedeutsamer erscheinen als mancher Begriff, der uns mit seiner eindrucksvollen Bedeutung besticht. Welches Wort w√§re schlie√ülich so wie du in der Lage, andere Worte, Dinge, Gedanken, Menschen, ja Welten selbst √ľber gr√∂√üte Unterschiede und Gegens√§tze hinweg miteinander zu verbinden? Nur dank dir k√∂nnen wir so unterschiedliche Beziehungen wie die zwischen Sonne und Mond, Romeo und Julia, laut und leise, Pat und Patachon, Tag und Nacht, Kraut und R√ľben oder Leben und Tod zum Ausdruck bringen. In vollkommener Neutralit√§t stellst du deine Beziehungsf√§higkeit allem und jedem zur Verf√ľgung, ohne je eines der durch dich verbundenen Worte oder Glieder eines Satzes zu bewerten oder zu beurteilen. Du bist eines jener oft unscheinbaren Wesen, die selbst verschiedenste Worte und Gesch√∂pfe in ein Miteinander, ins Gespr√§ch zu bringen verm√∂gen, ganz unabh√§ngig davon, ob sie in einer innigen Liebesbeziehung leben oder sich ganz unvers√∂hnlich gegen√ľber stehen. Ohne dich w√§re unsere Sprache ein beziehungsloser, von vereinsamten Einzelexistenzen bev√∂lkerter Raum aus Aufz√§hlungen und Aneinanderreihungen. Romeo, Julia, Tag, Nacht, laut, leise, Zucker, Salz. Unser verbaler Austausch n√§hme den Duktus einer To-do-Liste an. Du bist damit nicht nur das Beziehungsgenie unter den Worten. Du erm√∂glichst auch erst den flie√üenden Rhythmus unserer Sprache.

Gewiss, auch die √ľbrigen W√∂rter aus dem Kreis deiner Familie, die wir als Binde- und F√ľgew√∂rter oder Konjunktionen bezeichnen, tragen einen betr√§chtlichen Teil dazu bei, dass wir Beziehungen sprechen und in ihren unterschiedlichen Gestaltungen denken und bewerten k√∂nnen. Doch vermag kein anderes Wort sie wie du von jeglicher Bewertung frei zu gestalten und den so Verbundenen eine unvoreingenommene Begegnung auf Augenh√∂he zu erm√∂glichen. Nicht selten gelingt es dir dadurch, ungeahnte Gemeinsamkeiten zu f√∂rdern, die jene Wenns, Abers und Entweder-Oders unserer Welt beim besten Willen nicht zu erkennen verm√∂gen. Ihnen fehlt jene zugewandte Offenheit, mit der wir all den Worten und Dingen begegnen, denen wir mit dir entgegen sehen. Manch vermeintlicher Gegensatz, manche Polarit√§t stellte sich so schon als gedankliche Chim√§re heraus. Mancher Streit l√∂ste sich in Wohlgefallen auf. Und lassen sich nicht erst so jene Einsichten erschlie√üen, die wir mit Wunsch und Willen, die wir denkend und bewertend nie zu finden verm√∂gen?

Nat√ľrlich ist es gerade auch die F√§higkeit, zu bewerten und zu beurteilen, die uns Menschen ausmacht. Schon um Dinge und Wesen strikt voneinander getrennt halten zu k√∂nnen, die sich partout nicht miteinander verstehen. Nur so verm√∂gen wir ein friedliches Zusammenleben zu gestalten und uns die Welt denkend und argumentierend zu erschlie√üen. Ohne die Bereitschaft, Position zu beziehen und sich abzugrenzen, gibt es keine Freiheit. Und wo diese Freiheit, wo Menschlichkeit und Toleranz gar bedroht sind, sei es etwa durch Rassismus, Antisemitismus, Extremismus oder Gewalt und Hetze, ist die Grenze jeder Neutralit√§t und Akzeptanz erreicht. Doch wie schwer f√§llt es uns Menschen oft, die Welt in all ihren Schattierungen √ľberhaupt erst einmal frei von eigenen Bewertungen und Emotionen wahrzunehmen. Ihr unvoreingenommen und offen zu begegnen. Wo aber die Bereitschaft fehlt, zun√§chst einmal inne-, ja an sich zu halten; die F√§higkeit, zwischen der √§u√üeren Welt in all ihrer Komplexit√§t und unserer Wahrnehmung, zwischen Tatsachen und Bewertungen zu unterscheiden, beginnt die Sprache unseren Blick mehr zu vernebeln als ihn zu erhellen. Ohne ein Bem√ľhen, die Welt in ihrer Streitbarkeit, Gedanken und Positionen in ihrer Gegens√§tzlichkeit zun√§chst einmal anzunehmen und auszuhalten, wird es schwer fallen, Gemeinsamkeiten und Kompromisse zu finden.

Dies ist dir, liebes Und, wiederum ein Leichtes. Du l√§sst selbst sch√§rfste Gegens√§tze da sein, ohne sie durch eigene Bewertungen oder Emotionen einzuschr√§nken oder gar noch anzuheizen. Ganz als w√ľsstest du, dass wir die Welt in ihrer Vielfalt mit all den verschiedenen W√∂rtern unserer Sprache nur dann zu finden und zu erkennen verm√∂gen, wenn wir sie in ihrer Verbundenheit begreifen und verstehen. Dass all die einfachen, vermeintlich klaren Formeln, Abgrenzungen, Begriffe und Bewertungen, mit denen wir die Welt so gerne auf das Ma√ü unseres Geistes zusammenfalten, bestenfalls Halbheiten bleiben. Dass mindestens zwei Seiten, das F√ľr und das Wider, oft aber eine schier unendliche Zahl an Faktoren und Facetten gleichzeitig miteinander vorhanden und zu bedenken sind. So f√ľhrst du uns wie kaum ein anderes Wort vor Augen wie wichtig es ist, jede Einseitigkeit zu vermeiden. Dass nur dort Licht, wo auch Schatten ist. Das Verbindende zu denken und nicht das Trennende. T√ľren zu √∂ffnen, statt sie zu schlie√üen. Auch den schmerzlichen Erfahrungen und Empfindungen, die das Leben f√ľr uns bereit h√§lt offen entgegen zu gehen, geben sie ihm doch erst seine W√ľrze und F√ľlle. Bekanntlich vergr√∂√üern wir sie nur, wenn wir sie verdr√§ngen oder bek√§mpfen. Unserem Zusammenleben und unseren Beziehungen den Raum und die Aufmerksamkeit zu geben, die sie ben√∂tigen, und sie immer wieder neu zu bedenken. Und mit deinem Beziehungstalent wirst du mir hoffentlich auch verzeihen, wenn ich hier den ein oder anderen Ausflug in fernliegende gedankliche Gefilde unternehme, ja abenteuerliche Abschweifungen, √ľberraschende Spr√ľnge und auch l√§ngere Umwege m√ľssten eigentlich ganz in deinem Sinne und nach deinem Geschmack sein. M√∂gen also Denken und Phantasie in diesem St√ľck, in dem du die ersten T√∂ne spielst, nur immer frei und lustig aufspielen und sich vor allzu engen Gehegen h√ľten.

So still du nun aber zu wirken verstehst, so unersetzlich du f√ľr das Miteinander all der vielen anderen Worte auch bist, so leicht wirst du auch √ľbersehen. Nicht nur in der Welt der Sprache fehlt uns oft der Blick f√ľr all die kleinen W√∂rtchen, die Beziehungen stiften und deren Sch√∂nheit im Inneren und ihrem fast unmerklichen Wirken liegt. Auch alle Menschen, die dadurch Sympathie und Verst√§ndnis f√ľreinander f√∂rdern, dass sie f√ľr andere da sind, die sich pers√∂nlich und ohne Ansehen der Person um das Wohlbefinden anderer und aller, um das Miteinander all der so unterschiedlichen Wesen auf unserem Planeten k√ľmmern, werden von uns leicht √ľbersehen. Als w√ľssten wir nicht, dass ihr, dass dein Wirken im Kleinen das Gro√üe oft erst erm√∂glicht. Wie h√§ufig denken wir, wenn wir die Architektur eines Hauses bewundern noch an das Werk der Maurer, die es Stein f√ľr Stein zusammenf√ľgten? An das unerm√ľdliche Wirken all der Pflegerinnen und Pfleger, die sich Tag und Nacht um Alte, Kranke und Menschen mit k√∂rperlichen oder seelischen Beeintr√§chtigungen, die sich um das Wohl der Tiere oder schon in den fr√ľhen Morgenstunden um Pflanzen, Parks und G√§rten k√ľmmern? An die Krankenschwestern und -pfleger, Rettungssanit√§terinnen und Sanit√§ter, √Ąrztinnen und √Ąrzte, Therapeutinnen und Therapeuten die anderen dabei helfen, Krankheiten und Krisen zu √ľberwinden? Streetworker und Sozialarbeiterinnen? An M√ľtter und V√§ter, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Kraft und Zeit dem Wohlbefinden und der Bildung unserer Kinder und nicht selten auch uns Eltern widmen? Die Gastwirte und Wirtinnen, Kellnerinnen und Kellner die uns an ihren Tischen und St√ľhlen und all die anderen K√ľnstlerinnen und K√ľnstler die uns Beziehungs- und Gemeinschaftserlebnisse erm√∂glichen?

Wie sehr sind wir auch darauf angewiesen, uns gegenseitig mit einem herzlichen L√§cheln oder Scherz, einer kleinen Geste oder einem Gespr√§ch zu bezeugen, dass wir im All nicht allein, sondern Mensch unter Menschen sind? Geben wir unseren Mitmenschen oft genug Gelegenheit, dies mit uns zu empfinden? K√ľmmern wir uns genug um all diejenigen, die krank oder einsam sind, die mit k√∂rperlichen oder geistigen Beeintr√§chtigungen leben, die nicht arbeiten k√∂nnen, keine Arbeit finden oder gar auf der Stra√üe leben? Zeigen wir ihnen allen, all unseren Mitmenschen, dass wir sie wahrnehmen? Zeigen wir all jenen, die Tag um Tag, manche Nacht und viele Feiertage und Wochenenden unerm√ľdlich f√ľr den Erhalt unserer Lebensgrundlagen und unsere Gemeinschaft, unser Zusammenleben und unsere Gesundheit im Kleinen t√§tig und verantwortlich sind oft genug jene Wertsch√§tzung, die sie verdienen? Den Landwirten und -wirtinnen? Putzfrauen und -m√§nnern, Brieftr√§gerinnen und Paketboten? Fensterputzern, Stadtreinigern und Stra√üenfegern? Verk√§uferinnen und Verk√§ufern? Den Friseuren und Friseusen, Feuerwehrfrauen und -m√§nnern, Bus- und S-Bahnfahrern? Polizistinnen und Polizisten, Soldatinnen und Soldaten die Demokratie und Frieden sichern? Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Jobcentern, die anderen dabei zu helfen versuchen, wieder Arbeit zu finden? Die sich um die Integration von Menschen anderer Herkunft und Gefl√ľchteter bem√ľhen? Unseren Hausmeistern, Pf√∂rtnerinnen und Pf√∂rtnern? W√§scherinnen und W√§schern, Bauarbeitern, Stadt-, M√ľll- und all den anderen Handwerkern und -werkerinnen? Und was ist mit all den Vielen, die ehrenamtlich und au√üerhalb des Berufslebens f√ľr andere da sind? W√§ren wir ohne sie und all jene, die mir hoffentlich verzeihen dass ich hier vers√§ume, sie ausdr√ľcklich zu erw√§hnen, um nicht v√∂llig den Faden zu verlieren, w√§ren wir ohne dich, liebes Und, nicht g√§nzlich aufgeschmissen?

Und so verwundert es wenig, dass wir ungeachtet all der Worte und Wesen, die sich mit Vorwitz, D√ľnkel, forschen und gro√üen T√∂nen, Rang und Namen oder langen Ahnentafeln ins rechte Licht zu r√ľcken wissen nur die Worte ‚Äědie‚Äú und ‚Äěder‚Äú noch h√§ufiger verwenden als dich. Wenn wir dir also bislang auch viel zu selten die Achtung und Wertsch√§tzung entgegen gebracht haben, die du verdient h√§ttest, so belegt dies immerhin, wie sehr wir Worte und Wesen wie dich brauchen. Wie wenig ohne dich wohl von der inneren Sch√∂nheit unserer Sprache bliebe. Und, ich verspreche, nicht l√§nger gedankenlos √ľber dich hinwegzupreschen und nie mehr die Achtung und Aufmerksamkeit f√ľr deine Beziehungsarbeit zu verlieren, so leise und unmerklich du sie auch zu verrichten vermagst, sind es doch erst und eigentlich die Beziehungen, die uns zu Menschen und eine Sprache zu der unseren machen.

Genre: Erinnerungsbr√∂sel, Gem√ľtstiefe, Realit√§tsschatten, Trauersymmetrie, Wortmysterien

Hotspot

Die Humboldts
trafen sich mit
anderen im Salon
der Familie Herz.

Genre: Trauersymmetrie

Medizin

einander
helfen,

auch den
Vögeln,

gemeinsam
gehen,

Radio
hören,

Klavier
spielen,

miteinander
reden,

Karten,
Briefe,

Gedichte
lesen,

besonders
Goethes

Genre: Erinnerungsbr√∂sel, Gem√ľtstiefe, Realit√§tsschatten, Trauersymmetrie

Wie weiter

schreiben, angesichts
der täglich wachsenden

Zahlen, zu denen uns
bereits die Namen fehlen?

Genre: Realitätsschatten

Märchen

aus dem Tschad:
Bis zu dem Augen-
blick, wenn wir einem
Menschen oder Tier
ins Gesicht schauen
und darin unsere
Br√ľder und Schwestern
erkennen umgibt uns
noch dunkle Nacht.

Genre: Erinnerungsbr√∂sel, Gem√ľtstiefe

Im Netz

unter den dicken,
d√ľnnen, gro√üen und
kleinen Kartoffeln
auch ein Herz aus
biologischem Anbau.

Genre: Realitätsschatten

homeoffice

rhesusaffe negativ
fl√ľchtiger traumblick
dann wechselt die farbe

Genre: Gem√ľtstiefe, Wortmysterien

Energie

Sobald du die Augen schließt, bist DU wieder da.
Als Widerspruch.
Das ist die Quelle der Energie, die DU sonst gar nicht bräuchtest.

Genre: Wortmysterien

#leavenoonebehind

aus einer zeit kommend in der parolen noch in landessprache verabreicht wurden
verwundert sich der beobachter und ist auch manchmal los den rat

Genre: Realitätsschatten

Wider-Geburt

zum Gegenufer
gespannt
widersprechen
dem was schon ist
Pfeil werden
und
auf Neuland gest√ľrzt
aufrechter gehen

Genre: Realitätsschatten

Ich ärgere mich, weil ich ihn trotzdem sehe

Die hohen, englischen Fenster des Wohnraumes gingen auf ein verwildertes Grundst√ľck hinaus, neben einem Schuppen lagerte Schrott, der aber von hier aus nicht zu sehen war.

Genre: Rezensionen

semantische absurditäten

schon morgens die tage beginnen zu altern wir m√ľssen
nur noch die stunden erschlagen die stadt liegt trunken am straßenrand
fensterscheiben erbrechen licht … ich … (du) nur der auswurf
des augenblicks um m(d)ich herum blutende w√§nde waagerecht √ľbereinander-
gestapelt die ordnung der dinge verlor sich im herbst
m(d)eine glieder (wahllos) im zimmer verstreut ein arm in der ecke
ein bein auf dem tisch das bulimische herz ins koma
erbrochen mach dir kein bild aus leuchtenden worten unter der erde atme ich
blau du hast den blick f√ľr die farben verloren: ich sterbe wie
ich geboren mit einem kr√§ftigen schlag auf den r√ľcken ‚Äď pflegte nur mit
den toten verkehr ‚Äď die zeit wirft falten (wie l√∂schpapier)
niemand zeichnet die welt mit tinte (bin nur ein fleck auf weißem grund)
wie viele seiten ein buch doch hat am ende von allem: sag mir
was ist ein gedicht & wozu

Genre: Realitätsschatten

Eisgrau

fallen

[https://inskriptionen.de/?p=]

achtundvierzigf√ľnfundachtzig

brennend aus dem Himmel des Sterns mit Namen

*

- Besser als ein Stern ohne Namen.
- Wieso?
- Na, die bleiben so klein. Fast unsichtbar…
(zweifelnder Blick)
- Hm, aber dann gleich – SUPERNOVAAH?
(Stirnrunzeln)
- Ah.

Genre: Erinnerungsbrösel

eisgrau

fächelt der atem
aus dem mund
fiebert die nacht
nach unverbrauchten worten

vor das fensterbrett habe ich
ein sehnsuchtsnest gelegt
aus der stimme des letzten fr√ľhlings
forme ich mir
eine zeit f√ľr danach

Genre: Wortmysterien

Ein Sprung von Mathematik

Ein Ereignis ist, wenn Sie mit einem einzigen W√ľrfel eine 7 w√ľrfeln. Oder eine 8. Jedenfalls keine der Zahlen auf dem W√ľrfel. Aber bitte, bleiben Sie dem Ereignis treu. Akzeptieren Sie die 7. W√ľrfeln Sie nicht noch einmal. Bleiben Sie der 7 treu. Folgen Sie ihrer Spur.

Genre: Realitätsschatten

Ein Sprung

Haben Sie schon mal versucht, ein
Gedicht zu erzählen

Ohne Stockung, gar
L√ľge

Wer das kann, der
werfe den ersten

Stein

Masken, Zeichen: Stein auf Stein,

Genre: Rezensionen

Ein Sprung von Geometrie?

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Genre: Realitätsschatten

Featuring : Josif Brodskij : Erinnerung 1995

Je n’ai pas oubli√©, voisin de la ville
Notre blanche maison, petite mais tranquille

Charles Baudelaire

Das Haus war ein Sprung von Geometrie ins taubstumme Gr√ľnen
des Parks, dessen Statueninfanterie, wie der Eingang zur Orangerie
Bewohner – nie! l√ľmmelte in den Alleen, abgestolpert vom Stra√üenknie;
als sich die Fenster erhellten, war unklar – wessen und wie.
Wie man sieht, bediente das Rauschen des Winds, summierend die Varianten
der Abhängigkeit vom Schicksal (des Kinds Рan den Abenden)
sich der Lammkrakelschatten, und, vom Standpunkt der Lampe aus,
reichte das aus f√ľrs Ergl√ľhen von Wolfram.
Doch Vorhänge hingen davor. Eine grobkörnige Gravur,
vorsichtig knirschend, zeugte nicht von eines
Anderen Anwesenheit, sondern nur der Feier einer √ľppigen
Ungebundenkeit, den Umgebungen hingestolpert von ihr.
Und um Mitternacht die Wolken, erzogen von der Hochschule zur
Uferlosigkeit oder einfach nur kopfloser Abwehr von D√ľnkel
bedeckten patriotisch mit rissigem Laken den nackten
Kosmos vor der verwilderten Summe rechter Winkel.

Genre: Gem√ľtstiefe, Realit√§tsschatten, Wortmysterien

Pandemische Paradoxien 2 (Update): Zahlenspiele, frisch frisiert

‚ÄěEs wird ja flei√üig gearbeitet und viel mikroskopiert, aber es m√ľsste mal wieder einer einen gescheiten Gedanken haben.‚Äú (Rudolf Virchow, Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft f√ľr Pathologie, Bd. 40, S. 4)

¬†‚ÄěW√§hle eine Maske, die einen deiner M√§ngel √ľbertreibt, dann wirkst du sympathischer.‚Äú (Baron James Ensor, ordentliches Mitglied der K√∂niglichen Akademie von Belgien, Ostende¬† im August 1935)

‚ÄěEndlich war es m√∂glich, Krieg zu f√ľhren, indem man zu Hause blieb.‚Äú (Curzio Malaparte, Geschichte von morgen, 1951)

¬†‚ÄěSchaufle die Tage auf. Zerpfl√ľgte Stirne ‚Äď brandend in Sp√§tsommertagen. Fiebre in deiner Enge, deiner stachelnden Stille. Hallo, die Pf√§hle gl√ľhn ‚Äď die dich umzirkeln, umkerkern, sind s√ľ√ü. Tanze, springe. Weltlust pfeife auf zerk√ľ√üten Lippen … S√§rglein ist s√ľ√ü.‚Äú (Ludwig Meidner, Im Nacken das Sternenmeer, 1918)

¬†‚ÄěIch verachte die dummen hygienischen Vorstellungen der Bourgeoisie.‚Äú (Massimo Cacciari, Philosoph, B√ľrgermeister von Venedig 1993 bis 2000 und von 2005 bis 2010)

¬†‚ÄěIn einem armseligen, entlegenen Flecken verweilen, inmitten von B√§chen und Feldern, umgeben von den Mauern der H√§user, unter einem Dach aus Gras oder Schilf, oben undicht, unten feucht ‚Äď all das versetzt das gew√∂hnliche Volk in d√ľstere, gedr√ľckte Stimmung, bereitet ihm K√ľmmernisse und Sorge, es verliert die Zuversicht. Der Weise verweilt dabei, ohne beunruhigt zu sein, ohne zu leiden und zu klagen und ohne die Freude an sich selbst zu verlieren. Warum ist es so? Indem er im Innern durchdrungen ist von Nat√ľrlichkeit, Reichtum und Mangel, Armut und Wohlstand, Arbeit und Dienstpflicht keinen Wert f√ľr ihn haben, verliert er den Sinn f√ľr deren Bedeutung.‚Äú (Huainanzi, 1.19, 2. Jahrhundert v.u.Z.)

 

Im M√§rz 2020 wurden wir ‚Äď zun√§chst allm√§hlich, nach wenigen Tagen jedoch im Halbstundentakt ‚Äď Zeu¬≠ge einer Berichterstattung, die sich unter Berufung auf nackte Zahlen einem Schreckens¬≠szenario verschrieb. Den Ausgangspunkt bildeten zwei Ziffern, die aus der Provinz Hubei und ihrer Haupt¬≠stadt Wuhan gemeldet und auf Europa √ľbertragen wurden: Die Sterbequote der vom neu¬≠artigen Coronavirus infizierten Personen betrage 3.4% (WHO Directors speech am 3.3.2020). Das Virus werde 60-70% der deutschen Bev√∂lkerung anstecken, prognostizierte Angela Merkel in ihrer Rede am 12.3.2020. Offensichtlich, so schien es nach diesem Kalk√ľl, war hierzulande mit mindestens etwa anderthalb Millionen Toten zu rechnen. Je nachdem, in welcher Geschwindigkeit sich das Virus aus¬≠breiten w√ľrde, w√ľrden die Menschen entweder innerhalb weniger Wochen oder √ľber das Jahr verteilt nur so ‚Äěwegsterben‚Äú. Das Robert-Koch-Institut (RKI) richtete Anfang M√§rz ein Monito¬≠ring ein, die Bundesregierung war alarmiert. Verlaufsszenarien wurden als Computer¬≠simu¬≠latio¬≠nen anhand verschiedener Modelle entwickelt und der Pandemieplan aus den Jahren 2016/17 aus den Schubladen geholt. Am 11. M√§rz 2020 rief die WHO schlie√ü¬≠lich f√ľr die Krankheit Covid-19 den Pandemie-Status aus. Damit √ľberst√ľrzten sich die Ereignisse.

Sowohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse in Bezug auf das neuartige Virus als auch die stati¬≠stischen Methoden des Pandemie-Monitorings wiesen gravierende L√ľcken auf: Unbekannt waren nicht nur die bereits vorhandende Ausbreitung und die weitere Verbreitungsgeschwindigkeit des Virus. Auch die √úbertragungswege, die Hinter¬≠grund¬≠im¬≠mu¬≠nit√§t aufgrund von Infektionen mit be¬≠kann¬≠ten Coronaviren und die Genesungschancen konnten noch nicht valide eingesch√§tzt werden. Die Un¬≠gewi√ü¬≠heit all dieser Parameter veranla√üte die Ent¬≠scheider, auf ‚ÄěNummer sicher‚Äú zu gehen: Das Schreckens¬≠szenario, so schien es, k√∂nne nur ab¬≠ge¬≠wen¬≠det werden, wenn die bef√ľrchtete exponentielle Ausbreitung des Virus so stark verlangsamt werde, da√ü das Gesundheitssystem mit den Patienten, die an der neuen Atemwegserkrankung Covid-19 litten, nicht √ľberlastet werde, d.h. wenn die Ausbreitungskurve des Virus abgeflacht werde.

L√§nder wie Taiwan und S√ľdkorea lie√üen sich infolge ihrer Erfahrungen mit SARS 2002/2003 und MERS 2015 von dem Verdacht leiten, da√ü die von der WHO aus Wuhan gemeldeten Zahlen eher eine Untertreibung darstellen und tats√§chlich mit einer h√∂heren Mortalit√§tsrate zu rech¬≠nen sei. Bereits Anfang Januar ergriffen sie mit ruhiger Hand gezielte Sofortma√ünahmen: Schlie√üung der Grenzen, insbesondere zur VR China, Sperrung des Schiffs- und Flugverkehrs, vorsorg¬≠liche Quarant√§ne f√ľr alle Pendler nach China, Verbot von Gro√ü¬≠¬≠veran¬≠staltungen, Preisbin¬≠dung f√ľr Medizinprodukte wie Atemmasken und Des¬≠in¬≠fika¬≠tionsmittel, extensives Fiebermessen vor Eintritt in √∂ffentliche Geb√§ude sowie konsequente Verfolgung von ‚ÄěQuarant√§ne-S√ľndern‚Äú ‚Äď insgesamt ein B√ľndel von 124 Ma√ünahmen, ein √úberblick findet sich im ‚ÄěUpdate‚Äú von Paul R. Vogt. Der in Europa be¬≠schrittene Weg des Stillegens des gesamten gesellschaftlichen Lebens einschlie√ülich Wirtschaft, Bildung und Kultur (‚ÄěLockdown‚Äú) wurde in Taiwan und S√ľdkorea vermieden (Jason Wang et al., 3.3.2020,¬† vgl. Richard Friebe im Tagesspiegel vom 5.3.2020, Martin K√∂lling im Handelsblatt vom 15.3.2020). Dennoch blieb sowohl die Zahl der Infizierten als auch der Verstorbenen in Taiwan und S√ľdkorea anhaltend gering, ja um Gr√∂√üenordnungen geringer als in den Lockdown-L√§ndern.

Der Westen hat weder genau hingeschaut noch davon gelernt. Zuerst wurde das neue Corona¬≠virus als ein fernes fern√∂stliches Leid ignoriert oder kleingeredet. Sp√§testens ab Mitte M√§rz brach ein √úberbietungswettbewerb der L√§nder um die Sch√§rfe der Verbote und Einschr√§nkungen aus. Flankiert wurde er von einem medialen Feuerwerk, in dem selektiv herausgegriffene Zahlen und Bilder allgemeinen Horror verbreiteten ‚Äď zur ‚ÄěEinstimmung‚Äú der Bev√∂lkerung auf eine hohe Opfer¬≠zahl, wie es in einem Strate¬≠giepapier des Innenministeriums von Mitte M√§rz hie√ü; das Papier wurde in der Presse ausf√ľhrlich diskutiert (z.B. Christoph Prantner in der NZZ vom 5.4.2020).

Jedem Beobachter mit halbwegs wachem Sachverstand war klar, da√ü es sich um eine rhetorisch aufger√ľstete Propaganda handelte. Merkel stufte die ‚ÄěCorona-Krise‚Äú als schlimmsten Einschnitt ‚Äěseit dem Zweiten Weltkrieg‚Äú ein (Ansprache vom 18.3.2020). Macron lie√ü sich dazu hinrei√üen, die Bek√§mpfung des Virus als Krieg zu bezeichnen (Rede am 3.4.2020).

Deutlich wurde, da√ü die Berichterstattung des RKI wissen¬≠schaft¬≠li¬≠chen Kriterien nicht standhielt. T√§glich wird als Absolutzahl die kumulative H√§ufigkeit der Infizierten vermeldet, ohne die Grund¬≠lage der Datenerhebung zu benennen oder das Bem√ľhen um re¬≠pr√§¬≠sen¬≠ta¬≠ti¬≠ve Erhebungen erkennen zu lassen. Tats√§chlich handelt es sich nicht um die Infizierten, sondern um die Zahl der positiven Laborbefunde ‚Äď was wegen der Dunkelziffer einen erheblichen Unterschied darstellt. Auch die Mel¬≠dungen zu Todesf√§llen im Zusam¬≠men¬≠hang mit Covid-19 erwies sich als unzuverl√§ssig, da nicht zwi¬≠schen ver¬≠schiedenen Todes¬≠ur¬≠sachen unter¬≠schie¬≠den wurde. Statt dessen meldete sich Christian Drosten als f√ľhrender Virologe und Re¬≠gierungs¬≠be¬≠ra¬≠ter, in einem t√§glichen Podcast zu Wort ‚Äď eine Form der √Ėffentlichkeit, die f√ľr einen ernst¬≠zu¬≠neh¬≠men¬≠den Wissenschaftler nicht angezeigt scheint. H√§ufig wirkte er fahrig, √ľberfordert, fokussierte spe¬≠zifisch-viro¬≠lo¬≠gi¬≠sche Aspekte, kapitulierte bei epide¬≠mio¬≠logischen, soziologischen oder p√§da¬≠go¬≠gischen Fragen, ver¬≠wei¬≠gerte konkrete Hand¬≠lungs¬≠em¬≠pfeh¬≠lungen und wies die Zust√§ndigkeit f√ľr Ent¬≠schei¬≠dungen der Po¬≠li¬≠tik zu. Das mag manchen sympathisch erscheinen ‚Äď tats√§chlich gelang es ihm nicht, im Ganzen zu denken. Zu kleinteilig, ohne Phantasie f√ľr die Folgen waren Drostens vage Andeutungen in Nebens√§tzen, wie etwa der¬† h√§ufig bem√ľhte Ver¬≠gleich mit der Spanischen Grippe von 1918-20. Magere gesundheitspolitische Hinweise heizten den real¬≠po¬≠litischen √úberbietungs¬≠wett¬≠streit weiter an. Offenbar fehlte der gegen¬≠w√§rtigen Medizin ein Vir¬≠chow, der natur¬≠wissenschaftlichen Forscher¬≠drang und engagiertes Interesse f√ľr die gesell¬≠schaftlichen Rahmen¬≠¬≠bedingungen von Gesundheit unter einen Hut bringt.

Diese Umstände motivieren diesen Beitrag. Zum einen sollen die Grundlagen empirischer For­schung skizziert werden, die zu den Voraussetzungen gehören, um die  Ge­fähr­lichkeit und das Risiko einer epidemischen Erkrankung beurteilen zu können. Zum anderen soll auf typische Anfängerfehler hingewiesen werden, die insbesondere bei Journalisten im Umgang mit statistischen Zahlen zu beobachten waren und sich teilweise bis in die Gegenwart fortsetzen.

Nachdem im Moment Hand- und Fu√üballspiele verboten sind, hat Corona den Kopfball als neue olym¬≠pische Sportart hervorgebracht: die Zahlenspiele. ‚ÄěDie Corona-Krise hat uns alle zu Zahlenjunkies gemacht. Wie entwickeln sich die Fallzahlen? Gibt es neue Todesf√§lle? Wie hoch ist der Fall-Ver¬≠storbenen-Anteil? Wie h√§ngt er vom Alter der Patienten ab? … Es ist in un¬≠√ľber¬≠sicht¬≠lichen Situa¬≠tionen gut, sich an Zahlen statt an Emotionen zu orientieren, aber Zah¬≠lenwerte sind oft tr√ľgerisch: Sie verstecken ihren Kontext. Wenn wir uns heute anhand von Zahlen ein Bild von der aktuellen Situation zu machen versuchen, d√ľrfen wir dies nie aus dem Blick ver¬≠lieren.‚Äú warnte Sybille Anderl bereits Mitte M√§rz in der FAZ. Entsprechend ihrer medialen Reichweite sind Fehl¬≠in¬≠ter¬≠pretationen von Jour¬≠nalisten keine Privat¬≠an¬≠ge¬≠legen¬≠heit, insbesondere wenn sie mit politischem Kal¬≠k√ľl oder auch nur in sen¬≠sations¬≠erheischender Absicht be¬≠gin¬≠nen, die √∂ffentliche Mei¬≠nungs¬≠bildung zu domi¬≠nieren. Im folgenden geht es um Datenkompetenz, also um eine Mini¬≠malkenntnis der Spielregeln, um sta¬≠tisti¬≠sche Zahlen lesen und interpretieren zu k√∂n¬≠nen ‚Äď und daran zu erkennen, welches Spiel mit uns ge¬≠spielt wird.

Dieser Essay wurde in seiner urspr√ľnglichen Fassung am 30. M√§rz 2020 geschrieben. Das Er¬≠scheinen des neuen Virus auf der B√ľhne des Tagesgeschehens und noch mehr die im Akkord ver¬≠ab¬≠schiedeten Rechtsvorordnungen der L√§nder, die in der Corona-Zeit vor√ľbergehend zur Aussetzung aller b√ľrgerlichen Grundrechte au√üer des Rechts auf Gesundheit f√ľhrten, haben uns √ľberrascht. Auf wel¬≠cher Grundlage entschieden die Regierungen derart radikal? In den letzten Wochen wandelte sich das Bild vom neuen Virus in den Wissenschaften. Hier fasse ich wesentliche em¬≠pirische Erkenntnisse √ľber das neue Virus zusammen. Ausf√ľhrlich dargestellt und diskutiert werden sie weiterhin an der Stelle, wo sich der urspr√ľngliche Beitrag befand:¬†https://inskriptionen.de/?p=12363

-¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Eine weltweite virale Verbreitung und √úberzeugungskraft bei politischen Entscheidern gewannen Anfang M√§rz 2020 die Handlungsempfehlungen des kalifornischen Beraters Tomas Pueyo. Sie st√ľtzten sich nicht auf empirische Erkenntnisse, sondern auf hypothetische Modellrechnungen f√ľr die USA, die bislang weder dort noch an anderen Orten der Welt eingetroffen sind.

-          Die Zahl der PCR-Tests in  Bezug auf das neue Virus ist in einigen Ländern rasant gestiegen, insbesondere in den USA, Deutschland und Italien.

-          Die Teststrategie in den einzelnen Ländern unterscheidet sich stark, so daß Vergleiche der Kennziffern aufgrund fehlender Mindeststandards bei der Datenerhebung bislang nicht möglich sind. Wo dennoch verglichen wird, ist dies aus wissenschaftlicher Sicht unredlich (Verletzung der Datenethik).

-¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Die kumulative Zahl der positiv getesteten Personen, die in der Corona-Zeit in den t√§glichen Nachrichtensendungen bekannt gegeben wird und den Eindruck einer vermuteten oder gef√ľhlten Bedrohung durch das neue Virus verbreitet, ist linear abh√§ngig von der Zahl der Tests. Eine exponentielle Ausbreitung des neuen Virus lie√ü sich nicht beobachten.

-¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Es fehlen nach wie vor regelm√§√üig wiederholte, repr√§sentative Erhebungen zur Verbreitung des neuen Virus. Damit k√∂nnen bislang weder Pr√§valenz (bereits vorhandende ‚ÄěDurchseuchung‚Äú) und Inzidenz der Infektion (Zahl der Neuinfektionen) noch die Ge¬≠f√§hr¬≠lichkeit des neuen Virus (Lethalit√§t) f√ľr die Allgemeinbev√∂lkerung valide bestimmt werden.

-          Politischen Entscheidern fehlt damit nach wie vor eine gesicherte wissenschaftliche Grundlage, an der sie sich bei Abwägungen zwischen gleichberechtigten Interessen orien­tie­ren können.

-¬† ¬† ¬† ¬† ¬† Die Befunde zur Fehlerhaftigkeit des RT-PCR-Labortests zur Covid-19-Diagnose erscheinen¬†noch un√ľbersichtlich. W√§hrend Christian Drosten als Testentwickler von einer Falsch-Positivrate von 0% ausgeht, wurde in gro√üangelegten Vergleichsstudien in China und in den USA eine sehr hohe Falsch-Negativrate ermittelt, z.B. im Vergleich zur computertomographischen Lungendiagnostik.

-¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Fiebermessungen, die auf Taiwan als ‚ÄěSchnelltest‚Äú verwendet werden, lassen sich wesent¬≠lich niedrigschwelliger und breiter angelegt als der PCR-Labortest einsetzen, um erkrankte Personen im Alltag zu identifizieren. Je h√§ufiger niedrigschwellige Tests eingesetzt werden, desto geringer f√§llt die beobachtete Zahl der Infizierten und der Todesf√§lle aus.

-¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Das neue Virus breitete sich nicht fl√§chendeckend aus, sondern in lokalen ‚ÄěHotspots‚Äú,¬† ‚ÄěClustern‚Äú oder ‚ÄěHerden‚Äú.

-¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Das deutsche Gesundheitssystem war in keinem Moment w√§hrend der Corona-Zeit √ľberfordert. In der Regel standen mehr als 40% der deutschen ITS-Pl√§tze auch w√§hrend des vermuteten H√∂hepunkts der Infektion frei. Aus medizinethischer Sicht ist die Verschiebung von Operationen und Behandlungen anderer Krankheiten zum Zweck des Vorhaltens freier ITS-Kapazit√§ten kritisch zu beurteilen.

-¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Am h√§ufigsten wurden Infektionen mit dem neuen Virus bei der mittleren Altersgruppe (35-55 Jahre) festgestellt. Schwere Krankheitsverl√§ufe waren dagegen mehrheitlich bei vorerkrankten Personen zu beobachten, insbesondere mit Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes. Die mit Covid-19 in Zusammenhang gebrachte Mortalit√§t war bei √§lteren Patienten am h√∂chsten (Altersdurchschnitt √ľber 80 Jahre).

-¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† F√ľr die Abw√§gung, ob im Einzelfall eine intensiv- oder palliativmedizinische Versorgung angezeigt ist ‚Äď gerade f√ľr diese Altersgruppe auch unabh√§ngig von Covid-19 relevant ‚Äď wurden keine Leitlinien entwickelt. Auch ein Monitoring der palliativmedizinischen Versorgung findet nicht statt.

-¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Die verabschiedeten Empfehlungen zu Hygiene- und Schutz¬≠ma√ü¬≠nahmen, um die Ausbreitung des Virus in Alten- und Pflegeheimen zu bremsen, vernachl√§ssigen vollst√§ndig den Aspekt der seelischen Gesundheit, erh√∂hen die Gefahr der Vereinsamung und eines ‚Äěelenden Tods‚Äú in sozialer Isolation.

-          Unabhängige Studien legen nahe, nicht das neue Virus an sich als gefährlich zu betrachten, sondern seine Wechselwirkung mit ökologischen, sozialen und individuellen Vorbelastungen (Kontextfaktoren):

  • Laut Grippeweb des RKI gab es im extrem milden Winter 2019/20 vergleichsweise erfreulich wenige Atemwegserkrankungen, die geringste Zahl seit Beginn des Monitorings. Viele gesundheitlich gef√§hrdete Menschen haben die Grippewelle √ľberlebt. Im Gegenzug wurde Covid-19 f√ľr sie gef√§hrlich.
  • Nachweislich verst√§rkt wird die toxische Wirkung von Covid-19 durch die lokale Luftverschmutzung, fehlende TBC-Impfungen sowie Faktoren, die mit der soziologischen ‚Äě√úberalterung‚Äú der westlichen Wohlstandsgesellschaften zusammenh√§ngen.

-¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Die Politik des allgemeinen ‚ÄěLockdown‚Äú folgt popul√§rwissenschaftlichen Konzepten des Umgangs mit Epidemien. Sie bek√§mpft die Ausbreitung des Virus, ohne die √∂kologischen und sozialen Folgen ausreichend zu ber√ľcksichtigen.

-¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Differenzierte und adaptive (‚Äěsmarte‚Äú) Strategien k√∂nnen auf den Lockdown verzichten und die Ausbreitung des Virus um Gr√∂√üenordnungen wirkungsvoller eind√§mmen (Beispiel Taiwan).

-          Um leichtfertige Grundrechtseingriffe in Zukunft zu erschweren, ist der Schweregrad einer Erkrankung, meßbar in Form der in repräsentativen Studien wiederholt bestimmten Lethalität, im Infektionsschutzgesetz zu verankern.

 

Zahlenspiele ‚Äď Inhalts√ľbersicht

Spielregeln

Grundlagen f√ľr die l√§nder√ľbergreifende Vergleichbarkeit von Public-Health-Daten

 

Foulspiel

Schwachpunkte der Datenerhebung zum neuartigen Coronavirus

Wer z√§hlt was? √Ąpfel und Birnen in Corona-Form

Positiv oder falsch-positiv, negativ oder falsch-negativ ‚Äď das ist hier die Frage

Zahlen ohne Bezugsgröße sagen nichts

Exponentionalfunktion oder Wellenform

 

Zwischenspielstand

Lineare Abh√§ngigkeit der Zahl der Positiv-Befunde von der Zahl der durchgef√ľhrten Tests

Die Dunkelziffer: Spekulationen, Schätzungen, erste Studien

Genesen: Wie wird man Covid-19 wieder los

 

Schiedsrichterentscheidungen

Ab wann ist das deutsche Gesundheitssystem √ľberlastet?

Multimorbidit√§t und Implikationen f√ľr die ITS-Praxis

ITS-Kapazitäten in europäischen Ländern

 

Spitzenspiel

Ende März: Hochrechnung zur ITS-Auslastung in Deutschland

Mitte April: Res√ľm√©e zur Hochrechnung

Erst hämmern, dann tanzen Рein Storyteller erobert die westliche Welt

Made by man: Schrecken ohne Ende

 

Kontexte

Hinterläßt Covid-19 Spuren in Bezug auf die Gesamtmortalität in Europa?

Unterschiede zwischen den Ländern

Klimawandel, milde Winter

Feinstaub: Autobahnen f√ľr Viren?

‚ÄěMedicin im Gro√üen‚Äú

Der Zustand unserer Gesundheitssysteme

Das neue Virus aus Sicht der Entwicklungs- und Schwellenländer

Bipolare epidemiologische Erinnerungskulturen

Versuch einer Zwischenbilanz

Die eigentliche Frage, um die es geht: Alter, Krankheiten und Tod

 

Spielergebnisse: Quintessenzen denken

 

Literatur

Genre: Realitätsschatten, Rezensionen

Parabeln zur Pandemie 7: Kammer-B√ľhl

An einem leicht bew√∂lkten, nicht allzu hei√üen Augusttag des Jahres 1822 trafen sich J√∂ns Jakob Berzelius, ein Chemiker aus Schweden, der gerade in Marienbad zur Kur weilte, Graf von Sternberg, Johann Baptist Emanuel Pohl, ein Botaniker, Christoph Nepomuk Drostig, Mineraloge und Goethes Assistent, hm, nein, damals hie√ü es noch Diener, sowie schlie√ülich, nicht zu vergessen, der Geheime Bergwerksrat h√∂chstselbst zu einer Wanderung auf den Kammerb√ľhl. Der Kammerb√ľhl ist nicht irgendein Berg. Zwar klein, so da√ü man in ein paar Minuten von seinem Fu√üe aus den Gipfel erreicht, scheint er doch ein Vulkan zu sein und verhei√üt f√ľr Liebhaber der ernsthaften Naturkunde √úberraschungen und Entdecker-Freuden, √ľber die es sich vortrefflich streiten l√§√üt. Siebenmal schon hatte Goethe die 30 H√∂henmeter erklommen, vier Aufs√§tze hatte er √ľber den Berg verfa√üt: zuerst 1808 Der Kammerberg bei Eger und zuletzt 1822 ganz frisch Kammer-B√ľhl. War der Kammerb√ľhl nun vulkanisch, also plutonischen Ursprungs, oder ist er wie andere Berge eine Auf¬≠schichtung von Sedimenten, also dem Wasser entstiegen, ein Spr√∂√üling Neptuns? Goethe wurde nicht schlau aus dem Berglein, klopfte mit seinem H√§m¬≠mer¬≠chen hier und da, sammelte Proben von Basalt und Schlacke. Und was hatte es mit dem Basalt √ľberhaupt auf sich? Sah nicht der gro√üe Professor Werner, Vater aller modernen Geo¬≠gnosten, im Basalt ein w√§ssriges Gesch√∂pf? Lagert er nicht gerne auf Sediment¬≠ge¬≠stein?

Pohl nickte und stimmte ein: ‚ÄěRichtig, unser verehrter Meister, Carl von Linn√©, der Unsch√§tzbareres f√ľr die Ordnung der Pflanzen und der Natur geleistet hat, erkennt im Sediment ein √úbrigbleibsel des Urozeans. Vor unendlichen Zeiten hat er sich langsam zur√ľckgezogen, seine Wellen furchten und ackerten den Fels. Den Basalt hat er sicher als letztes Element auf die Sedimentschichten geworfen.‚Äú

Berzelius wackelte skeptisch mit dem Kopf. ‚ÄěMein lieber Pohl‚Äú, sprach er, w√§hrend er sich anschickte, sich zu dem zierlichen Moos hinunterzubeugen, das vor seinen F√ľ√üen wucherte, ‚Äěals Chemiker m√∂chte ich schon behaupten, da√ü Basalt eine kristalline Struktur hat, die mich an Lavagestein erinnert. Gewi√ü ist er aus einer Glutkugel heraus entstanden.‚Äú

Drostig nickte eifrig. ‚ÄěSeht, Freunde‚Äú, sprach er jauchzend, ‚Äěwelch herrlicher Quarz.‚Äú In diesem Augenblick beugte er sich flink und hob einen kleinen Granitstein auf, der am Wegesrand lag.

‚ÄěGranit, Granit‚Äú, rief Bergwerksgeheimrat Goethe hocherfreut, ‚Äědu √§ltester aller Steine auf dieser Erde. Am liebsten m√∂chte ich sagen: Im Anfang war … Granit. Geboren auf dem tiefsten Grunde des Urozeans, stapelst und formst du die h√∂chsten Berge, die wir kennen: den Mont Blanc, den Gotthard und selbst den Brocken.‚Äú

Entz√ľckt drehte und wendete Goethe das Steinchen, in dem sich Einsprengsel von Feldspat und Glimmer befanden, die sogar in der leicht verhangenden Sonne fun¬≠kel¬≠ten.

Das Gr√ľppchen wanderte weiter, hatte schon den halben Weg zum Gipfel zur√ľck¬≠gelegt, als sie auf einer Weggabelung einen Felsbrocken entdeckten, dessen Ober¬≠fl√§che gerundet war, als h√§tte ein Riese oder Zyklop ihn als Bonbon gelutscht und ausgespuckt.

‚ÄěEin Findling!‚Äú, entfuhr es Goethe voller √úberraschung. ‚ÄěZum achten Mal besteige ich den Kammerb√ľhl, doch dieser Stein ist meinem Blick bisher entgangen. Wie kommt er hierher? Ich habe eine Vermutung… Was meint ihr?‚Äú

Die Herren umringten den Stein, schoben ihre H√ľte √ľber die Stirn, so da√ü die Krempe den Nacken ber√ľhrte und schwiegen ein paar Minuten, in denen sie √ľber die Herkunft des r√§tselhaften Steins sinnierten.

‚ÄěAlso‚Äú, er√∂ffnete Pohl mutig die Diskussion, ‚Äěich glaube, der Urozean hat ihn auf seinem R√ľckzug hier verloren. Das Wasser hat ihn so sch√∂n abgerundet, da√ü wir uns an ihm freuen.‚Äú

‚ÄěHalt, mein Lieber‚Äú, erwiderte Drostig. ‚Äěwie w√§re es, wenn ein Vulkan ihn aus¬≠gespuckt hat. Der Kammerb√ľhl ist doch ein Vulkan, da bin ich sicher.‚Äú

Pohl sch√ľttelte heftig den Kopf, das konnte er nicht glauben. Berzelius jedoch f√ľhrte Drostigs Gedanken weiter: ‚ÄěEs k√∂nnte sogar sein, da√ü dieser runde Riesenstein aus dem Weltall herabgest√ľrzt ist, ein Meteroit, so nennt man das.‚Äú

Pohl kam aus dem Kopfsch√ľtteln nicht heraus. Nein, das konnte er nicht glauben. ‚ÄěDas Wasser war‚Äôs. Es hat dem Stein die runde Form verpa√üt. Wart ihr noch nie am Meer?‚Äú Da nickte Berzelius, der Schwede.

‚ÄěNat√ľrlich‚Äú, erwiderte er, ‚Äěnat√ľrlich war ich schon oft am Meer. Aber dort, lieber Freund, sind die runden Steine am Ufer viel kleiner. Das Salz hat sie zerfressen und das Wasser gerundet. Ich bleibe dabei, der Stein stammt aus dem Schlund eines Vulkans oder aus dem Weltall an sich.‚Äú

Graf von Sternberg hatte die ganze Zeit √ľber noch nichts gesagt. ‚ÄěOh ihr Neptunisten und Plutonisten‚Äú, st√∂hnte er, ‚Äěk√∂nnt ihr nicht aufh√∂ren zu streiten? Ewig will einer von euch recht behalten!‚Äú Damit zog er eine Flasche k√∂stlich k√ľhlen Biers aus seinem Rucksack, entkorkte sie und reichte sie den Streith√§hnen herum. ‚ÄěTrinkt erst einmal!‚Äú, munterte er sie auf.

Goethe schwieg und l√§chelte. Dann sprach er: ‚ÄěIch habe eine Vermutung, ihr werdet‚Äôs nicht glauben: Das Gegenteil von vulkanischer Hitze ist‚Äôs, das diesen Stein geformt hat, denke ich. Die K√§lte war‚Äôs. Es mu√ü eine Epoche gro√üer K√§lte wenigstens √ľber Europa hinweg gegangen sein, als der Kontinent noch √ľber 1000 Fu√ü hoch mit Wasser bedeckt war. Die K√§lte verwandelte es in Eis. Das Eis, das k√∂nnen wir in unsrer Theorie nicht entbehren: Es hat die Felsklippen umhergeschoben und um¬≠her¬≠geworfen, abgeschliffen und gerundet.‚Äú

Goethes Gespr√§chspartner blickten betreten zum Boden. Nein, das h√§tte keiner von ihnen gedacht. Einen Moment lang herrschte frostige Stimmung. Kann ein k√ľhles Bier so inspirierend wirken? Goethe reichte die Flasche dem Grafen von Sternberg zur√ľck. ‚ÄěNun, la√üt uns nicht verzagen‚Äú, wandte er vers√∂hnlich ein, ‚Äěgehen wir weiter.‚Äú

W√§hrend sie sich nun dem Gipfel des Kammerb√ľhl n√§herten, stellte Drostig die entscheidende Frage: ‚ÄěVerehrtester Herr Bergwerksminister‚Äú ‚Äď damit war Goethe gemeint ‚Äď, ‚Äěwie steht es nun um den Kammerb√ľhl? Ist er vulkanischen Ursprungs oder als Sediment aus dem Urozean hervorgewachsen?‚Äú

Sie waren nun oben angelangt und genossen die Aussicht. Trotz leichten Wolken¬≠dunsts erblickten sie die D√§cher von Eger, das heute Cheb hei√üt. ‚ÄěZuerst dachte ich‚Äú, hob Goethe an und blickte dabei Pohl tief in die Augen, ‚Äěder Kammerb√ľhl sei ein Geschicht, ein Sedimentberg. Ich war wie mein Lehrer Werner Neptunist. Dann fand ich Granit und Quarz und hielt ihn f√ľr vulkanisch. Ein Plutonist jedoch bin ich deswegen nicht geworden.‚Äú Goethe hielt inne, sein Blick schweifte blinzelnd zu Drostig und Berzelius hin√ľber. ‚ÄěDenn Lava habe ich hier hie gefunden, bei all meinen sieben Wanderungen und auch heute nicht.‚Äú

Da dr√ľckte Berzelius das H√§mmerchen, das Goethe stets bei sich trug, in Drostigs Hand. Der hockte sich nieder, schabte das Moos beiseite und begann zu klopfen. Dann stie√ü er auf eine harte Spalte, haute ein St√ľck von ihr ab und entdeckte in der Bruchfl√§che ein Olivin. Das war der Beweis: Der Stein war Lava.

‚ÄěOh!‚Äú stie√ü Drostig hervor und wie zur Best√§tigung begann der Berg unter ihm zu grollen. ‚ÄěOh, oh, oh!‚Äú¬†Von unten donnerte es gegen die steinerne Kruste. Aus der winzigen Ritze, die Drostig in den Fels geh√§mmert hatte, z√ľngelten winzige Flammen.

‚ÄěNichts wie weg von hier!‚Äú, sprach Graf von Sternberg und die Herren beeilten sich vom Kammerb√ľhl wieder runterzukommen. Kaum waren sie unten in Eger, das heute Cheb hei√üt, hatte sich der Berg auch schon wieder beruhigt.

‘Gott die Natur’, dachte Goethe, ‘welch hohe und zartf√ľhlende Macht, niemand darf ihr zu nahe treten, auch mein treuer Drostig nicht.’

Tage sp√§ter, als Berzelius in der Postkutsche nach Stralsund sa√ü, notierte er in sein Tagebuch: ‚ÄěGoethe war entz√ľckt √ľber diesen Fund und das Naturerlebnis und besonders √ľber die Art und Weise, auf welche man a priori dazu gekommen war.‚Äú

Genre: Erinnerungsbrösel

portfolio f√ľr eisenwarenh√§ndler

engelsgeplärr aus wolken blechblasmusik
√ľber talnebeln
saßen wir auf einer datenbank
das loch schon im kopf
ausgeschlagen von einem gr√ľnspecht
gr√ľnspan auf allen d√§chern

heimwärts!
sollte es gehen
nur weg aus der ferne

legten sich tr√§ume auf w√ľstensand
schlaflos
kippten die bäume in jener nacht in ein meer

deine lippen formten wörter
du ahmtest stimmen nach

die an gestorbene rotkehlchen [engl. robins] erinnerten

& wieder flossen √ľber alle graslande der welt walwasser
als stammten sie [lande & wasser] aus der familie der traurigkeiten

Genre: Realitätsschatten