Echo auf: Chamisso

Wie erschrak ich, als ich den Mann im grauen Rock hinter mir her und auf mich zukommen sah. Er nahm sogleich den Hut vor mir ab, und verneigte sich so tief, als noch niemand vor mir getan hatte. Es war kein Zweifel, er wollte mich anreden, und ich konnte, ohne grob zu sein, es nicht vermeiden. (…)

»Möge der Herr meine Zudringlichkeit entschuldigen, wenn ich es wage, ihn so unbekannter Weise aufzusuchen, ich habe eine Bitte an ihn. Vergönnen Sie gnädigst –« (…)

»Während der kurzen Zeit, wo ich das Glück genoß, mich in Ihrer Nähe zu befinden, hab‘ ich, mein Herr, einige Mal – erlauben Sie, daß ich es Ihnen sage, – wirklich mit unaussprechlicher Bewunderung den schönen,, schönen Schatten betrachten können, den Sie in der Sonne, und gleichsam mit einer gewissen edlen Verachtung, ohne selbst darauf zu merken, von sich werfen, den herrlichen Schatten da zu Ihren Füßen. Sollten Sie sich wohl nicht abgeneigt finden, mir diesen Schatten zu überlassen. (…)

Ich hab‘ in meiner Tasche manches, was dem Herrn nicht ganz unwert scheinen möchte; für diesen unschätzbaren Schatten halt‘ ich den höchsten Preis zu gering.«

Aus: Adelbert von Chamisso, Peter Schlemihls wundersame Geschichte (Erstdruck 1814)

Versuch über den Schatten

Endlich springe ich über meinen Schatten und wage es, diesen Text zu schreiben. Wenn ich versuche, mich auf Deutsch auszudrücken, sind meine Ideen nur undeutlich erkennbare Gestalten. Und dann fürchte ich mich sogar vor meinem eigenen Schatten: Könnte ich es in meiner Muttersprache besser machen? Mir gefällt, dass es „Wörter” und „Worte” in dieser Sprache gibt, auf Portugiesisch ist der Unterschied nicht so deutlich. Einerseits sind Wörter konkrete Dinge und wenn wir sie übersetzen möchten, ist es, als ob wir sie mit unserer Interpretation beleuchten und nur Schatten bleiben würden. Umfang und Auflösung dieser Schatten hängen dann von der Entfernung der Empfänger ab. Andererseits frage ich mich, ob Worte, egal in welcher Sprache, nicht schon per se Eigenschaften des Schattens besitzen. Wie platonische Figuren sind sie in ihrer genauen Bedeutung unerreichbar. Ich möchte nicht dramatisch sein und meine dunkle Stelle zeigen, doch manchmal fühle ich mich einfach unverständlich, unklar. Allerdings kann auch die neue Sprache wie ein schattenspendender Baum sein, da sie manchmal eine gute Ausrede ist, um mich zu schützen. Ich beschwere mich immer, dass ich im Deutschen nur ein Schatten meiner selbst bin. Kennt man mich hier? Und falls ein Schatten auf mein Glück fällt, beschwere ich mich, dass die Fremdsprache mich in den Schatten  stellt. Unter diesem Vorwand sollte die Sprache mein Ruhekissen sein, aber ein schlechtes Gewissen verfolgt mich wie ein Schatten: Ich bin einfach eine Schwindlerin. Glücklicherweise fiel  noch nicht der leiseste Schatten des Verdachts auf mich und ich habe noch meinen Platz an der Sonne.

Renata Perez de Medeiros

Testament

I

Baudelaire hatte grüne Haare, hatte die Syphilis, Nietzsche hatte sie, und diverse Nervenkrankheiten, das nervöse Leiden, die Bleichsucht, schwere Anfälle von Melancholie, was sollte er also haben, sei denn es wären die alten Leiden der Dekadenz und die des ausgehenden 19. Jahrhunderts? Irgendein Verrückter, der Gürteltiere züchtet und isst, Ratten im Käfig hält und sie kocht, die Köpfe von Schildkröten zubereitet, auch wenn sie, wie gut er sie auch anrichtet, immer wie alter Kerzendocht schmecken, woher weiß er denn wie der schmeckt, einer, der immer weiß, wann nachts, x-mal der Tod an seine Tür klopft mit steinernem Herzen, und bei dem, entgegen aller Hoffnungen, niemals etwas besser wird, um hernach nicht umso verheerender über ihn herzufallen? Er hat sich hinein gewühlt, hineingesteigert in all diese betörenden Krankheiten des fin de siècle, bevor er sich eines Tages, frühlingshaft und unbedarft, an den Küchentisch setzt, mit einer noch dampfenden Tasse Tee in der Hand, und so auf einmal recht in der Stimmung ist, zu jammern, krank zu sein, die bodenständige Hausmannskost seiner Schwester, das olle ungesunde Weizenbrötchen, den schmierigen Brotaufstrich aus Kakaobutter, Parafin und ein bisschen Nuss und Schokolade, und nicht zu vergessen, einer Menge Zucker, als ungesund ablehnt und nach geschmortem Hahnenkamm in Burgundersauce verlangt. Er verlangt.

Und du hast mir gesagt, das wird schnell und elegant, atmet aus allen Poren, als ein flammendes Plädoyer aus zarter Haut und Parfüm den Geist des fin de siècle, du hast mir Abenteuer von Verlaine und Baudelaire versprochen, gezwirbelte Bärte, feine Cigarren, Herrengelage, gekritzelte und gestochene Karikaturen und bissigen Witz, geschmorte Kalbsleber, den Geruch von Kohle und Abwässern, den Mief und den Dunst der Industrie, den Dreck an den Kleidern und die Pferdeäppel hinter die Kutschen und dann noch all die eleganten Worte.

II

In einer Akadmie: Herr Doktor, erklären sie mir seine Krankheit. Seien Sie Arzt. Seien Sie das, was sie sind. Geben Sie sich Mühe. Ich quetsche mich neben Sie an den Schreibtisch und dann zeigen Sie mir das Radiogramm. Die Tomographie. Irgend so ein schwarzgraues Computerbild mit weißen Strichen. Ein Röntgenbild der Lunge. Die fein verzweigten Äste, tiefe Atemzüge. Sie sagen, das ist es, das Bild. Es sind nur ein paar harmlose Schatten. Er wird nicht daran sterben. Es ist nur eine ererbte Schwäche aus der Kindheit. Ich stoppe die Zeit. Und lasse die angehaltene Luft wieder heraus.

Der Atem strömt in die feuchte Außenluft. Er steht neben dem Arzt, seinem Peiniger. Der stellt ihm ein Rezept aus. Er zerknüllt es und wirft es in den Papierkorb. Komm, gehen wir. Ich möchte diese Geschichte nicht noch einmal erzählen. Ich greife nach einem Stift und schreibe was mir gerade mal zwischen Denken und Nichtdenken so einfällt. Weil es eine Wunderwaffe ist, mit der man es vielleicht doch in die Welt schafft. Worte wie Blitzgerät, Planlosigkeit, Frischhaltefolie, Kosmetiksalon, Volkswagen, Schreibtischarbeit, tastende Blicklosigkeit, Luft – werden wir irgendwann sagen, wenn der letzte Funken Sauerstoff veratmet ist.

III

Ich stehe, bin ich ein Kind, neben meiner Mutter, die eine Gesellschaft gibt, da ist sie glücklich, nicht mit meinem Vater, der schon wieder am Schreibtisch sitzt und rechnet, und ich tollpatschige, bewegungsfaule Tochter, latsche ihr voll aufs Kleid, dass es nur so kracht. An diesem Abend gab es für mich nichts zu essen. Und Jahre später rächte ich mich mit Portionen en miniatüre, Hahnenkamm und Fliegengewicht, und immer nach rechts rühren, sonst gibt’s Klumpen. Meine Taille war dünn wie ein Fliegenbein. Wer war doch gleich die Frau mit dem Tapirgesicht?

Die große Entmündigung

Ihr Verbrechende an Maß und Grenze …“ Dass wir diese Verbrechenden sind, ist Ausgangs­punkt für unzählige weitere Verbrechen, nicht die von sogenannten „Verbrechern“, sondern jene, die durch unser normales Darleben verursacht werden, durch unsere stets neu kreierten Sicherheitskon­zepte, die aus eingebildeter Angst aufsteigen. „Was groß ist, kann auch größer“ möchte man das Zi­tat fort­setzen, wo es im Orignal „was hoch ist, kann auch höher“ (George) heißt. Aber in der neues­ten Hy­bris geht es weder um „höher“ noch um „größer“, sondern um unbeschränkten Machtzu­wachs, um die Auslöschung regionbezogener politischer Willensbildung, um Beendigung demokra­tischer Macht­kontrolle. Der Maßstab ist, keinen zu haben.

Früher stand in nahezu jedem Wohnzimmer ein Globus. So konnte man ein wenig „Herr“ der Erde sein. Welchem imperialen Herzen ist die Idee des „Globalen“ entsprossen? Wenn der eine Gott überall der gleiche eine Gott ist, dann haben wir eine Voraussetzung und vielleicht auch eine Be­rechtigung, in jedem Menschen und in jeder Religion diesen einen Gott zu suchen. Aber ist der Um­kehrschluss auch richtig, dass überall der Weg zu diesem Gott der gleiche sein muss? Wann sind wir der zwanghaften Gleichmacherei verfallen? Wann dem Glauben, dass Unterschied Minderung be­deutet? Ist hier nicht das uralte Muster, die Verwechslung von Gott und Opfer, reaktiviert worden, aber jetzt, weil es um den einen Gott geht, weltweit? Das Opfer ohne Gott soll über­all gleich sein. So wurde aus der Einheit Gottes die Einheit der Welt oder vielmehr die Bestre­bung, eine einheitli­che Welt zu erschaffen. Dieses Opfer zu vollziehen gab und gibt es plausible Gründe, wie z.B. die Waren- und Verkehrswege zu verbessern. Dafür galt es, die Erde zu er­obern, zu erforschen, zu be­reisen. Ein Interesse, das jede Expansionsbestrebung sofort zu teilen be­reit war. Da man den Gott mit dem Opfer verwechselte, verwechseln wollte, war es gleichgültig, wer nun jen­seits des Meeres wie lebte. Der Räuber-Sinn fügte sich nahtlos ein ins Modell des Un­terschiedslosen, dem Gleichma­cherischen. Die Idee des Globalen wird Wahn und Wunschdenken der Ge­walttätigen hinter der Tarn­kappe der Philanthropie. Jemand will weltweit agieren, aber weiß nicht einmal, was sich im Zwanzig-Kilometerumkreis seines Hauses befindet, kennt nicht die Fuß­wege der Nähe. Das Projekt der globalen Besetzung, also dem Erdkreis eine Uniform zu verpassen, ist das Simul­tanprojekt von Technokratie, Szientismus und Oligarchie. Alle sind den gleichen Herrschaftsvorstell­ungen unter­worfen. Niemandem fällt indessen mehr auf, dass die Welt des Blicks überall mit Werbung zuge­stellt ist. Der Raum, der allen zu gleichen Teilen ge­hört, ist verkauft. Wo ich mich auch aufhalte, überall stoß ich über kurz oder lang auf Werbung. Sollte ich eine dieser Werbetafeln übermalen oder wegreißen, habe ich’s sofort mit den Häschern der Oligar­chie zu tun. Der Mensch ist aber ein We­sen, das sich veräumlichen muss. Genau dieser Raum wird markiert, wird qua Werbung ausgedeu­tet. Was für den Bildraum gilt, gilt auch für den Klang­raum. Wer an der allgemeinen gesellschaftli­chen Kommunikation teilnehmen will, muss sich Wer­bung anhören oder anschauen. Die Wahrneh­mungsräume sind be­setzt, sind fremdcodiert.

Zu allen Zeiten haben die Mächtigen und Gewalttätigen ihre Bilder aufgestellt. Doch jetzt haben diese Bilder eine subkutane, universalmanipulierende Qualität erreicht. Wir kennen nur noch Ziele, keine Wege mehr. Der besetzte Raum ist verwahrlost. Ist ein einziger In­dustrievorort der immerglei­chen Labels geworden, ein Ort, der mit seinen Fahnen, Lagerhallen, Fa­briken, Hochstra­ßen, Büros und Malls nicht aufhört. Er ist überall zeichenhaft zugegen. Konnten sich bisher die Bevölkerungs­gruppen per erkämpftem politischen Mandat gegen die schlimmsten Übergriffe, Zu­mutungen und Bevormundungen zur Wehr setzen, so ist nun auch dieses verkauft. Die Politik wird nicht mehr von der Bevölkerung und ihren Vertretern bestimmt (wurde sie das je?), sondern direkt von den Beset­zern des Raums: Der Monopolwirtschaft, der Technokratie, der Oligarchie. Jetzt muss sich kein Lobbyist mehr als Politi­ker tarnen. Nein, die „Sache des Volkes“ ist Sache der Monopoleigner ge­worden. Eine Herr­schaftsriege hat die übrigen Menschen ans Smartphone gefesselt, das diese nur zu gerne in der Hand halten. Die Demokratie ist ein Dino­saurier. Im Projekt der globalen oligarchi­schen Tech­nokratie gibt es kein Mitspracherecht, keine Machtkontrolle, keine Wahlen. Und wer wollte an­gesichts von Klima­wandel, Ressourcen-Knapp­heit, globaler Kapital- und Warenströme be­zweifeln, dass wir eine Glo­bal Governance, eine Weltregierung brauchen? Doch wie eine multikul­turelle Welt regieren, ohne sie zu uniformieren, ohne Wert-Normierung, ohne globales De­sign und deren gewalt­tätige Durchsetzungsmanöver?

Aber wir brauchen keine Demokratie, keine demokratische Willensbildung mehr. Diese geschieht automatisch, indem mein Verhaltensprofil, das sich im Smartphone manifestiert, statistisch ausge­wertet wird. So werden automatisch Mehrheitsbedürfnisse berücksichtigt. Die Ökonomie pro­duziert angesichts dieser Bedürfnisse. Oder ist es umgekehrt? Die Bedürfnisse wer­den manipulativ erschaf­fen? Der politischen Willensbildung bedarf es nicht, denn es gibt nichts mehr zu wollen. Alles ge­schieht bereits nach dem statistisch festgestellten Willen der Mehrheit. So befinden wir uns in einer manipulierten und manipulierenden Mehrheitsdiktatur. Was die Mehrheit will, bestimmen Glo­bal Player und Monopolisten. Das heißt der Mensch als ein Wesen, das Wahlfrei­heit zu seiner Selbster­fassung benötigt, ist geopfert. Es herrscht planwirtschaftliche Ökonomie und normative Verhaltens­kontrolle, welche die Welt in einen kakophonischen Gleichklang versetzt.

Das Soziale, der Geist des Miteinanders und der Polis, ist zum Geist der Überwachung geworden. Statt Empathie füreinander ist unser Interesse nun die Kontrolle des andern. Diesen Geist der Überwa­chung zu installieren gibt es kein tauglicheres Mittel als eine tatsächliche oder gemutmaßte Seuche. Jetzt ist die Welt nicht mehr meine Welt, sondern eine, darin ich potenzieller Verbrecher, Gefähr­der bin. Meine Spuren werden gespeichert, nachgelesen. Mir wird grundsätzlich misstraut. Es ist mir unmöglich, mich richtig zu verhalten. Über mir schwebt das Urteil. Kein metaphysisches oder religiöses, son­dern das der Grausamkeit des Man, das alle Mittel der Zivilisation in seine Gewalt gebracht hat.

„We all live in America“ oder „we all live in China“. Wer das Ganze liebt, wird auch das Detail lieben. Das Detail, das sind die verschiedenen Bevölkerungsgruppen und ihre je eigene Kultur, das ist der Einzelne. Ein politisches Han­deln und Trachten, das dies außer Acht lässt, heißt Totalitaris­mus. Das Detail ist jedoch nicht das Nationale. Es ist das Partikular-Verantwortliche, das um das Ganze weiß. Was im Kleinen verantwortet ist, kann im Großen nicht falsch sein. Umgekehrt hinge­gen schon. Die neue Tyrannis kommt nicht mit Stiefeln und Ledermänteln daher, sondern mit subti­ler Verführung und einem großartigen tech­nischen Knowhow. Diese Tyrannis erschafft die glo­bale Sprachlosigkeit, die globale Amnesie. Allein die Tyrannis darf reden, darf erinnern. Das bereitet die Grundstimmung der Unterwerfung. Wer nicht mehr sprechen kann, dem bleibt nur Schreien oder Verstummen. Der erste Schritt der Unterwerfung ist, sich von jeglichem Eigentum zu trennen. Ist es nicht beque­mer, alles nur ge­liehen zu bekommen? Die neue Tyrannis aus Technokratie, Szientis­mus und Oligarchie bedarf zu ihrer Machtentfaltung und Machterhaltung der genauen Kontrolle der Be­völkerung. Die technischen Mittel dafür hat sie. Sie gibt diese Überwachung als unseren Schutz, un­sere Sicher­heit aus. Globalis­mus bedeutet Detailvernichtung, und da wir Menschen nur en detail Vertrauen fas­sen und erleben können, bleibt uns nur das Gegenteil von Vertrauen: Angst. Dieser Angst begegnet der globale Si­cherheitsapparat mit der Anonymität von Schaltungen und Regelun­gen, mit abstrakten Vorgängen, mit panoptischer Überwachung. Am besten wir internalisieren dies und verhalten uns im vorauseilenden Gehorsam regelkonform.

Wir erleben kaum Protest gegen den drohenden Verlust der Freiheit … „Freiheit“ ist ein janusköp­figes Gut. Die Diebe der Freiheit arbeiten, wie stets, mit unseren allzumenschlichen Schwä­chen. Ein Besteller des Bestellten per Tastendruck zu werden, überall jedermann erreichen zu können, Te­lefon, Musik, Videos, Fotos, Nachrichten, Landkarten usw. in einem kleinen handgroßen Gerät bei sich zu tragen, das fühlt sich an wie Freiheit, ja, wie Allmacht. Die bedrohlichen Nahräu­me ver­nachlässigen und die Fernräume bespielen können hat etwas Verzauberndes. Die andere Blickrich­tung der Freiheit: In die Qual der Wahl, in verantwortete Nähe, vom Fliehenden der Schrift in die Gegenwart des Wortes, in den Akut von Feier und Fest, in die analoge Ausführung und Vor­führung, kurz, in die befreiende Schwerkraft. Das hat jedoch der Mensch nie wirklich haben wollen. Die Mündigkeit zu erringen war nicht erste Wahl. Also warum nicht brav an der Leine der Überwa­chungskameras, des elektronischen Fingerabdrucks, der Trojaner und anderer Datensamm­ler her­umlaufen? Die Freiheit ist ein Versprechen, das nur ich selbst einlösen kann.

Vermag der Mensch überhaupt unter globalistischen Umständen zu leben? Ist sein Körper nicht auf re­gionspezifische Nahrung, Bakterien, Viren angewiesen? Um im globalen Virenhaushalt nicht von einer Pandemie in die andere zu geraten, muss sich fortan die gesamte Weltbevölkerung konti­nuierlich impfen lassen. Impf­stoffe stellen Technokratie und Oligarchie gerne bereit. „Weltbevölke­rung“, das sind die Mehrwertbeschaffer, die von ihrem Überlebensanteil an diesem Mehrwert sich die Impf­stoffe per Steuerabgaben kaufen müssen. Ein für die Herrschaftselite ökono­misch ergiebi­ges Hamsterrad.

Sollen wir jetzt zu „Ludditen“, zu jenen Maschinenstürmern von Nottingham des 19. Jahrhunderts werden und unsere „dark Satanic Mills“ (William Blake), die Smartphones, in der Badewanne ver­senken und unsere WhatsApp-Chats und unsere Impfzertifikate verlöschen sehen? Werden wir dann, wie jene Ludditen, hingerichtet oder statt nach Australien auf den Mond verbracht? Können wir die Ver­wechslung von Gott und Opfer noch rückgängig machen? Dazu müssten wir es wollen. Aber um es wollen zu können, müssen wir uns von den tagtäglichen Einreden befreien, die uns aus jedem Gerät, das für unsere Alltagsbewältigung unabdingbar ist, wie z.B. das Smartphone, entge­genschlagen, müssen wir es wagen, den Raum der Dauer neu zu eröffnen.

Walter Thümler, Juni 2022

Echo auf: Tomas Tranströmer

Der Name

Ich werde schläfrig während der Autofahrt und fahre unter die Bäume neben der Straße. Rolle mich auf dem Rücksitz zusammen und schlafe. Wie lange? Stunden. Das Dunkel ist schon eingefallen.

Plötzlich bin ich wach und erkenne mich nicht wieder. Hellwach, aber das hilft nicht. Wo bin ich? WER bin ich? Ich bin etwas, das auf einem Rücksitz erwacht, in Panik umhertobt wie eine Katze in einem Sack. Wer?

Endlich kehrt mein Leben wieder. Mein Name kommt wie ein Engel. Außerhalb der Mauern ertönt ein Trompetensignal (wie in der Leonorenouvertüre), und die rettenden Schritte kommen rasch rasch die viel zu lange Treppe herunter. Das bin ich! Das bin ich!

Aber unmöglich, die fünfzehn Sekunden Kampf in der Hölle des Vergessens zu vergessen, ein paar Meter von der Landstraße entfernt, wo der Verkehr mit angeschalteten Lichtern vorbeigleitet.

Aus dem Schwedischen von Hanns Grössel

Mein Name

Als Hanna in die Klasse kam, stellte sich Hannas Welt auf den Kopf.

Auf einmal musste sie die Grundlage ihrer Identität teilen. Wenn ihr Name gerufen wurde, konnte sie nicht mehr sicher sein, dass sie gemeint war: „Ah, ich meinte nicht dich“ wurde ein Satz, den sie oft zu hören bekam. Beim Klang ihres Namens horchte sie auf, ihr Rücken versteifte sich, ihr Kopf drehte sich herum; dann sackte sie immer wieder in sich zusammen, mal erleichtert, mal enttäuscht. Die Erwähnung ihres Namens löste nicht selten Verwirrung aus; bei Lehrern, bei Mitschülern, bei ihr selbst.

„Warum heißt die Neue auch Hanna?“, fragte sie eines Tages ihre Mutter.

Die zuckte nur mit den Schultern. „Das ist normal. Viele Leute haben den gleichen Namen. Es gibt noch mehr Hannas auf der Welt, genauso wie es noch mehr Annikas und Michaels und Maxe gibt.“

„Aber warum?“, fragte Hanna empört, doch ihre Mutter war schon wieder in den Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeine vertieft.

In der Schule gab es viele Experimente, um Missverständnisse zu vermeiden. „Hanna eins und Hanna zwei“ wurde schnell verworfen, genauso wie „Hanna Susanna und Hanna Marie“ oder „Die eine Hanna und die andere Hanna“.

Durch Herumprobieren einigte sich das Kollektiv schließlich darauf, die beiden anhand der ersten Buchstaben ihrer Nachnamen zu unterscheiden: Hanna P. und Hanna N. Damit konnte selbst Hanna – Hanna P. – sich anfreunden. Sogar genug, um sich ein bisschen mit Hanna N. anzufreunden. Sie war nicht mehr eine Rivalin, die darauf aus war, ihren Platz einzunehmen, sondern eine klar von ihr getrennte Einzelperson.

Nach langem Kampf hatte Hanna P. also ihre eigene Identität zurückerlangt, oder zumindest eine eigene Identität. Sie hatte wieder eine Bezeichnung, die unverwechselbar und unmissverständlich auf sie hinwies; sie konnte sich wieder darauf verlassen, wer sie war.

Manchmal fragte sie sich, was passieren würde, wenn eine zweite Hanna P. in die Klasse käme.

Julie Schneider

Dichterleben : Hochzeit und Haus

für Bora und Angelina

Was war das für eine Zeit vor Gavrilo Princip

Von Fehden und Grenzen polyglott durchwebt

und dennoch auf seltsame Weise friedlich

Seitdem Vorwände zur Mobilisierung

dienen : zerfetzen die Texturen

Bora sah Angelina auf einem Bild

im Schaufenster des Photographen  

fünf­undzwanzigjährig : im Matrosenkostüm

daran erkannte er sie : abends wieder

auf dem Maskenball

Womit hat er sie becirct : der berühmte

arme Dichter kaufte ein Haus : nicht

wie es aussah : nicht wieviele Zimmer

es hatte : Hauptsache Wein

rankte sich an den Wänden empor

Eine Laube im Arbeiterviertel : Unterstadt

unweit der Donau : im Keller

lagerte schon das Faß : der Garten

mit Blumen bepflanzt : Zwiebeln

Tomaten : Erdbeeren : Himbeeren

Das Arbeitszimmer mit Schreibtisch

nach hinten raus : vorn das Klavier

das Ehebett aus Paris mitgeschleppt

bald sprangen zwei Töchter heraus

und eine dritte folgte : während im Keller

Der Wein gärte : in der Rauchkammer

Fleisch trocknete : eine Herberge

am Wegrand : drumski han

Freunde : Verwandte : Schauspieler

Dichter gingen ein & aus

Bis Gavrilo kam : der Große Krieg das Haus

in Brand setzte : in den Zwanzigern

wiederhergestellt : bis der zweite

Große Krieg kam und es dem Erdboden

gleich machte : das Haus an der Vršacka

Den ersten Treffer platzierte

am sechsten April 41

ein Geschwader der Deutschen

zerbombt wurde das Dichterhaus

von Allierten zu Ostern 44

Echo auf: Das Ende von Eddy

Édouard Louis, Das Ende von Eddy

Mein Vater

Da ist mein Vater. Als er geboren wurde, 1967, gingen die Frauen des Dorfs noch nicht ins Krankenhaus, sondern entbanden zu Hause. Seine Mutter brachte ihn auf dem völlig verdreckten Sofa zur Welt, es war voller Staub, Hunde- und Katzenhaare und Dreck, wegen der immer schlammigen Schuhe, die niemand auszieht, wenn er das Haus betritt. Im Dorf gibt es natürlich asphaltierte Straßen, aber auch viele Feldwege, die immer noch existieren, wo Kinder spielen, unbetonierte Sand- und Schotterwege an den Feldrändern und Gehwege aus gestampfter Erde, die an Regentagen zu schlammigem Treibsand werden.

Bevor ich zur Mittelschule ging, machte ich mehrmals in der Woche Fahrradtouren auf den Feldwegen. Ich klemmte kleine Stückchen Karton in die Speichen, damit mein Fahrrad klang wie ein Motorrad, wenn ich in die Pedale trat.

Der Vater meines Vaters trank viel, Pastis und Wein aus Fünf-Liter-Kartons, wie die meisten Männer des Dorfs. Sie kaufen das im Lädchen, die außerdem als Kneipe und Tabakwarenladen dient und wo man auch Brot bekommt. Man kann seine Einkäufe dort zu jeder Zeit tätigen und braucht nur bei den Inhabern anzuklopfen. Sie sind immer für einen da.

Sein Vater trank viel, und wenn er betrunken war, schlug er seine Mutter. Plötzlich drehte er sich zu ihr um und fing an, sie zu beschimpfen, bewarf sie mit allem, was ihm in die Finger kam, manchmal sogar mit einem Stuhl, und dann schlug er sie. Mein Vater war noch zu klein und ein schmächtiges Kind, er sah ohnmächtig zu und fing stillschweigend an, ihn zu hassen.

Das alles hat natürlich nicht er mir erzählt. Mein Vater redete nicht, jedenfalls nicht über so etwas. Das tat meine Mutter, ihrer Rolle als Frau entsprechend.

Eines Morgens – mein Vater war fünf Jahre alt – verschwand sein Vater für immer, ohne Vorwarnung. Das hat meine Großmutter mir erzählt, die ebenfalls die Familiengeschichten weitergab (wiederum die Frauenrolle). Sie lachte noch viele Jahre später darüber, glücklich, dass sie dann endlich von ihrem Mann befreit war Eines Tages ist er in die Fabrik auf Arbeit gegangen und nicht zum Abendessen gekommen, wir haben auf ihn gewartet. Er war Fabrikarbeiter, er brachte das Geld nach Hause, und als er verschwand, stand die Familie mittellos da, kaum genug zu essen für sechs, sieben Kinder.

Das hat mein Vater nie vergessen, er sagte, so dass ich es hören konnte Der dreckige Hurensohn hat uns sitzenlassen, meine Mutter, ohne alles, auf den scheiß ich.

Am Tag, als der Vater meines Vaters starb, fünfunddreißig Jahre später, saßen wir im Wohnzimmer, vorm Fernseher, en famille.

Mein Vater wurde von seiner Schwester angerufen, oder aus dem Heim, in dem sein Alter seine letzte Lebenszeit verbrachte. Wer auch immer da anrief, sagte, Dein – Ihr – Vater ist heute früh verstorben, Krebs, aber vor allem eine zerschmetterte Hüfte, nach einem Unfall, die Wunde hat sich entzündet, wir haben alles versucht, aber wir haben ihn nicht retten können. Er war auf einen Baum gestiegen, um Äste zu beschneiden, und hatte den abgesägt, auf dem er selbst saß. Als sie das am Telefon hörten, mussten meine Eltern derart lachen, dass sie eine ganze Weile aus der Puste waren. Den Ast absägen, auf dem er draufsitzt, der Blödmann, das musst du erst mal bringen. Der Unfall, die zerschmetterte Hüfte. Als er das erfuhr, konnte sich mein Vater vor Freude kaum halten (…)

Aus: Édouard Louis, Das Ende von Eddy. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Frankfurt a.M. 2015. 7. Auflage 2019. S. 18f.

Meine Eltern

Mein Vater ist Lotse. Zwei Drittel des Monats verbringt er an Bord. Meine Mutter arbeitete bei der Hafenverwaltung, bevor sie vor zwei Jahren in Ruhestand ging. Der Hafen lag weit weg am Rand der Stadt, sie kam deshalb alle zwei Tage nach Hause und nahm sich dann zwei Tage frei. Das heißt, meine Eltern haben nur ungefähr fünf Tage im Monat, um wirklich miteinander zusammen zu sein, was eigentlich, meiner Meinung nach, das Geheimnis ihrer dauerhaften Ehe ist. Die konzentrierten Streite in diesen fünf Tagen, oder mit ihrem Wort, ihre Art zu kommunizieren, reicht für eine normale Familie das ganze Quartal aus. Noch spannender, sie haben eine kraftvolle Stimme. So ruft mich meine Mutter vom Wohnzimmer aus, als befände ich mich nicht im anderen Zimmer in derselben Wohnung, sondern in einem anderen Berg. Ich habe es gehasst, als Kind mit ihnen zusammen einkaufen zu gehen, denn 90 Prozent würden sie dann im Laden wegen irgendeines Krams anfangen, auf ihre Art zu kommunizieren, und das Zentrum der Aufmerksamkeit sein, wobei ich nur hilflos daneben wartete und hoffte, mich in eine der Erdbeeren im Einkaufswagen verwandeln zu können.

Jetzt muss ich komischerweise an ein Märchen von Oscar Wilde denken. Ein Riese kam bei einem Freund zu Besuch. Nach sieben Jahren hatte er alles gesagt, was er zu sagen hatte, und ging nach Hause. Ich weiß nicht, ob es das Grundprinzip aller Beziehungen ist. Vielleicht löscht die Liebe aus, wenn alles ausgesprochen wird, was man sagen will. Vielleicht sind meine Eltern doch ziemlich glücklich, immer miteinander streiten zu wollen.

Jing Lin

„Oma Darmstadt“

Der tiefe Schmerz, damals, am Ufer des Tejo, nach der Rückkehr aus England. Die sieben Jahre währende Beziehung war am Ende, und ich dachte an die andere Großmutter, Mutter des Vaters, „Oma Darmstadt“, an die ich kaum Erinnerungen hatte, an dieses Fehlende, Ausgesparte, Verbannte, den blinden Fleck in der Familie. „Oma Lene“ sollte bald sterben, sechsundneunzigjährig. Sie war immer Sonne gewesen, Licht, sie hatte gelitten, doch wohlhabend, nicht wie die andere, „Oma Darmstadt“, die sich das Leben genommen hatte (zwanzig Jahre waren vergangen), der finanziellen Hilfe durch ihre Kinder bedürftig, der Vater an erster Stelle. Sie ertrug die Schmerzen nicht mehr, schrieb sie in dem Brief, den sie hinterließ. War es dieser Schmerz, der sich, zwanzig Jahre später, in Lissabon in Erinnerung brachte? Oder war es eine andere Erinnerung? Ich saß am Ufer, im Licht eines zu Ende gehenden Tages, und das Licht traf auf den Schmerz, machte ihn klar und bewußt. Etwas Neues begann. Die Zäsur war da. Mehr wußte ich noch nicht.

Markus Sahr

Brief an die Mutter

Als Kind scheinst du glücklich gewesen. Deine Mutter war immer da, sorgend, fürsorglich, vielleicht nur allzu besorgt, zu ängstlich. Eine starke Frau, emanzipiert für ihre Zeit, doch einsam, seit sie selbst als Kind zu den Großeltern weggegeben und erst später, nach der Geburt der Geschwister, ihrer Stiefgeschwister, wieder zurückgeholt worden war, um der Mutter bei der Erziehung der beiden jüngeren Kinder zu helfen.

Als Mutter hielt sie die Hand über dich, vielleicht eben zu sehr. Doch autoritär war sie nicht. Das besorgte dein Vater.

Das glückliche Kindergesicht, das im Wald zur Mutter aufschaut. Ein Idyll inmitten des Kriegs oder kurz vor dessen Ausbruch. Wie alt warst du auf diesem Bild? Das Licht zwischen den Bäumen, den Stämmen, selbst auf dem alten, leicht vergilbten Schwarzweißfoto wirkt das Licht wie ein Kegel, in dessen Mitte du stehst, neben der Mutter. Du hast die Hände ineinandergelegt, trägst ein helles Kleid, es sieht aus, als hieltest du einen kleinen Strauß Blumen zwischen den Händen, und schaust lächelnd, den Kopf leicht zurückgelehnt, zur Mutter. Sie hat einen Arm gegen den Baum gelegt, der andere fällt locker an ihrer Seite herab. Sie trägt einen breitkrempigen Hut, ein Kleid mit halblangen Ärmeln. Auch sie lächelt, schaut zum Betrachter, dem Fotografen des Bilds, vermutlich, sehr wahrscheinlich, ihrem Mann, deinem Vater. Es könnte ein blaues Kleid sein, es reicht bis zu den Knien, fällt noch darüber. Unter dem Kleid trägt sie dunkle Strümpfe.

1940 hast du auf die Rückseite des Fotos geschrieben, weiter nichts. Es könnte der Gonsenheimer Wald sein, die Bäume stehen dicht, doch lassen sie Platz genug für das einfallende Licht. Es scheint hell ringsum, hohes Gras wächst zwischen den Bäumen, von der Sonne geflutet.

Du bist etwa vier Jahre alt.

Von einem Krieg in Polen, einem Einmarsch in Frankreich weißt du nichts. Nichts davon ist zu ahnen.

Ich war ein Kind während der ersten RAF-Gewalttaten, ich verstand nicht, was ich im Fernsehen sah, zwischen Flipper und Skippy, dem Buschkänguruh, wenn wir zu Filmen und Abendnachrichten zu Tante Anni und Onkel Hans hinaufgingen, in den vierten Stock. Doch ich erinnere mich an deine Stimme, deinen Lynchjustiz fordernden, unnachgiebigen Ton, deinen wie aus einer offenen Muschel aufquellenden Haß. Selbst heute noch meine ich, das Dach oder die Fassade des Frankfurter „Kaufhof“ zu sehen, kalt und in Schwarzweiß, und dazu deine Stimme zu hören, ein wütendes Maschinengewehr, ein Trommelfeuer explodierender, sich überstürzender Silben, die den Tod der Beteiligten fordern, den Strang, ja, ich meine sogar, deine Sätze begannen mit der Vorstellung, was du höchstpersönlich mit ihnen tun würdest.

Alle Verben galten der physischen Vernichtung der Gegner. Das Wort „Bande“ klang aus deinem Mund wie ein Brandschatz. Du kanntest kein Halten.

Vielleicht, denke ich heute, dachtest du dabei an deine eigene Mutter, die selbst in einem „Kaufhof“ arbeitete, wenn auch nicht in Frankfurt. Doch aus deinem Mund kam der Krieg, das Schützenfeuer, fuhren Panzer und detonierten die Bomben.

Du holtest den betrunkenen Vater aus den Kneipen der Nachbarschaft, warst ein junges Mädchen, eine junge Frau schon. Es war die Zeit nach dem Krieg, Anfang der 50er Jahre.

Der Vater war bei der Marine gewesen, in Wilhelmshaven oder Hamburg, er wollte es „den Engländern zeigen“, ein glühender Nazi war er nicht. Die Uniform stand ihm. Ein langer Mantel betonte die äußerlich schlanke Gestalt. Seine Frau, deine Mutter, soll ihm frischen Spargel aus Mainz nach Wilhelmshaven gebracht haben, mit dem Auto, während des Kriegs.

Sein Magen rebellierte, sein Mundwerk war lose, er verlor die Uniform, trug wieder Zivil. Geschehen ist ihm nichts.

Autos gab es am Ende des Kriegs nur noch wenige. Zuvor hatten viele im Hof deiner Eltern gestanden. Das Grundstück, das deine Mutter von ihrer Aussteuer gekauft hatte, unweit des Rheins, mitten in der Stadt, war der Autos wegen umgestaltet worden. Statt eines großen Gartens, wie zuvor, Stellplätze für die Wagen. Dein Vater,  gelernter Mechaniker, fuhr Paare im offenen Wagen zur Kirche, zur Hochzeit. Der Fuhrpark im einstigen Garten – ein Taxiunternehmen. Auch deine Mutter fuhr, stolz auf ihren Führerschein, als noch lange nicht alle Frauen einen solchen besaßen, geschweige denn Auto fuhren.

Es gibt ein Foto von dir, schon als junge Frau, Lehrmädchen in einem Bürobetrieb, da legst du die Hand auf die Klinke eines großen, feudalen Wagens. Alle Lehrmädchen durften das, einzeln, und wurden dabei fotografiert. Der Wagen gehörte einem Vorgesetzten. Die junge Frau, fast ein Mädchen noch, im langen Rock, schüchtern, stolz, die Hand auf der Klinke der Wagentür. Etwa so, wie man Kinder in meiner Generation mit einem Ball in der Hand oder einem Telefonhörer auf einer Decke fotografierte. Autos waren in deinem Leben immer wichtig. Sie waren die neue wie die alte Zeit.

In den Jahren nach dem Krieg, als du deinen Mann kennenlerntest, meinen späteren Vater, da war es die Fahrt nach Italien. Die Fahrt in den Urlaub, nach Rimini oder an die venezianische Küste, zu einer Zeit, da kaum jemand überhaupt daran dachte, mit dem Auto zu verreisen. Oder es sich jedenfalls nicht leisten konnte. Einen Führerschein hattest du nicht. Es war dein späterer Mann, blutjung noch, wie du, der den Führerschein machte und das vom Schwiegervater hergerichtete, geliehene Auto fuhr.

Doch offenbar gab es einen Bruch zwischen dem glücklich erscheinenden Mädchen und der späteren Frau. War es die Heirat mit dem falschen Mann? Das Kind, das du nicht wolltest? Der Verzicht auf die Arbeit, als das Kind in die Schule kam? Das Haus? Das Haus, das ihr gebaut habt und das dich aufs „Land“ verbannte?

Die Spur der Familie führt zurück zum 27. Februar, der Bombennacht, die 1945 nicht nur die Stadt zerstörte, unzählige individuelle Leben und Heime, sondern auch, sichtbar nach Jahren erst, die Identität der Überlebenden. Als sie sich aus den Trümmern befreiten, in notdürftigen Unterkünften die Familie der Mutter, die noch dreizehn Jahre nach dem Krieg in Ruinen lebte, oder in neu gefundenen Häusern, die die Bombennächte einigermaßen unbeschadet überstanden hatten, vollzog sich, unmerklich noch, der Abschied von der alten Stadt, und endgültig begraben wurde diese mit dem Häuserbau der Wunderjahre. Hier kamen die Generationen zusammen, in neu errichteten Mauern, mit den alten Geschichten, ohne Zukunft.

Der Geist blieb dem Alten verhaftet, er entwarf sich nicht, er setzte Grenzen, die verständlich sein mochten von früher her, die jedoch ausschlossen von einer Entwicklung. Es war ein unfruchtbarer Neuanfang, steril und kinderlos, selbst dort, wo es Kinder gab.

Ich sehe uns, dunkel, in einem matt beleuchteten Raum, in einer Ecke der früheren, der ersten Küche in der Neustadt noch, die Decke ist schräg, ein Tisch, eine Bank oder Stühle stehen in dieser Ecke, gedrängt, ich höre deine Stimme, die von Corned Beef spricht, Fleisch aus der Dose, das schmeckt. Die Stimme ist hell, sie bietet das violette, rosafarbene Fleisch an, preist es, offenbar ist es wichtig, der Vater ist anwesend und doch nicht, ich sehe ihn nicht, höre ihn nicht sprechen.

Markus Sahr

Sechs neue Gedichte, 2. Reihe

Aus „Wahrenberger Stanzen“

                 *

Igel und Fledermaus haben sich in 
den Winterschlaf gelegt Ihnen ist egal 
was Putin und Biden treiben Diese 
Manifestationen unserer Ansprüchlichkeit 
am Knick der Elbe hat ein Schiff

festgemacht Seine Lampen leuchten 
durch gewellte Herbstluft und hinter
jedem Fenster auf dem Wasser und
hier in deinem Dorf wird um Krümel
der Liebe gefeilscht Was Igel und 

Fledermaus nicht interessiert Sie
zweifeln nicht am Willen der Seligkeit 
in allen Dingen Derweil das Gebell des 
nachbarlichen Hundes übergeht in 
Wolfsgeheul Sibiriens Wind

              *

der Januar ist eine Sturm- und 
Regenfront Die Wolken ziehen 
dunkelschwadig und eine schwere 
Boe zerknickt meinen Schirm 
dessen blecherndes Gestänge 

(ein Billig-Produkt zur Erhaltung 
des Traumes vom ewigen Markt) 
nun verbogen ist Während man 
überall hin die Freiheit exportiert 
der Regen läßt etwas nach und

ich seh eine alte Frau Wie sie 
über ihren Hof humpelt als wäre 
sie Atlas und trüge das Gewicht 
der Welt Was sie vielleicht tut 
(und das ist nicht nur Gleichnis)

               *

Schnee hat mein Dorf weiß ein-
gehüllt Die Wildgänse sind nicht 
fortgezogen Vielleicht frieren sie 
und meine Stiefel sind die von 
Amundsen und meine Mütze die 

eines russischen Soldaten Der 
gleich blutend im Schnee liegt Ich
hoffe niemandem zu begegnen Wie 
in der Dunkelheit ihm die Angst
vor mir nehmen Wiewohl kein 

Krieg ist … Ein Lkw steht 
schweigend am Weg In seiner 
Kabine muß es rasch weich und
warm werden Ein Zuhause Doch
wer kann wen heimholen

               *

die Elbe führt Hochwasser und
die Buhnen wirken wie abgetauchte
U-Boote oder (in Friedenszeiten)
wie überspülte Walfische In einem
Fenster seh ich einen Mann und

zwei Frauen zu Abend essen und
sich langweilen wie in Van Goghs
Kartoffelessern (keiner wagt das
befreiende Wort) Woanders
sitzt man rücklings zum blau 

flackernden Fernseher Bewegungs-
melder verraten mich Wir sind jene 
denen stets etwas fehlt Die sich 
sicherungsverwahren unter 
Odysseus’ leuchtenden Plejaden

              *

der volle Mond blickt silbern
durch den Dunst der Nacht und
mein rechter Handschuh sträubt
sich auf der linken Hand Auf
einer Terrasse zur Elbe hin

werden zwei alte Frauen 
gefüttert von helfender Hand
im Hintergrund flackern die
Nachrichten Ein Bombardement
auf Aleppo Oder ist’s eine

andere Stadt Der Mond sagt
ich werde mich nicht wollen
können und die Weide streckt
sich igelborstig in die Nacht
wie Kakteen im Sterbezimmer

              *

jede Grenze wird mit dem Blut
eines Soldaten gezogen und aus 
Beischlaf wird das Haus gebaut 
darin wir am Ofen sitzen ver-
gessen oder üben für den Krieg 

so bilden wir stets neu die neue
Welt Komm her zu mir du mit
dem vergifteten Kamm im Haar
erwache aus dem Schlaf Damit
auch ich erwache Zieh mich

weg vom schwarzen Fieber Wer
löst den Kamm der Feindschaft 
daß herabfällt dein goldenes 
Haar die Grenze sanft wird 
still das Haus und wunderbar


Walter Thümler, Mai 2022

Diese Gedichte als Video-Lesung

Bellizistische Schüttelreime über die letzten Tage der Menschheit

Die meisten Medien haben Partei ergriffen. Die im allgemeinen oberflächliche und sensationalistische Berichterstattung, die mangelnden Kenntnisse vieler Journalisten, die schwarzweiße Schilderung der Ereignisse formen in der Öffentlichkeit das Feindbild des „verbrecherischen Bösen“. Doch Stereotypen und Verallgemeinerungen sind gefährlich. Was die Rede von „den Juden“ in Deutschland ausgelöst hat, ist allseits bekannt. Genauso voreingenommen ist es, von „den Deutschen“ zu reden und „die Nazis“ zu meinen. Oder „den Russen“, „den Ukrainern“, „den Chinesen“, „den Taiwanesen“, den „Amerikanern“ usw. usf.

Der Weltkrieg löste in bürgerlichen und intellektuellen Kreisen europaweit Kriegsbegeisterung aus – die sich heute völlig unerwartet zu wiederholen scheint. Vorreiter waren/sind Autoren, Philosophen und Politiker, deren Verbalattacken den Boden für eine dumpfe, nationalistische Stimmung bereiten. In einem lyrischen „Höhenflug“ wurden Unmengen von Gedichten an die Presse gesandt, Schätzungen aus Deutschland reichen von 50.000 Gedichten pro Tag bis zu 1,5 Millionen allein im August 1914 (Andrea Stangl). Auf den Listen derer, die der euphorischen Stimmung erlagen – schriftlich und teilweise auch als Freiwillige im Kriegsdienst –, findet sich das „Who is Who“ der damaligen Zunft, darunter Hermann Bahr, Alfred Döblin, Hermann Hesse, Gerhard Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann, Richard von Schaukal, Georg Trakl, Anton Wildgans und andere. Als Kriegsberichterstatter wirkten Alexander Roda Roda und Felix Salten, Robert Musil redigierte eine Soldatenzeitung und Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke, Alfred Polgar, Felix Salten, Rudolf Hans Bartsch, Franz Karl Ginzkey und Franz Theodor Csokor verdingten sich wenigstens zeitweise im Kriegsarchiv, um Propagandaschriften zu verfassen, was Rilke ironisch als „Heldenfrisieren“ bezeichnete.

Wir wollen den Krieg verherrlichen, – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.“ (Filippo T. Marinetti, Futuristisches Manifest in Le Figaro, 1909)

Es ist immer das gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig … Geschähe doch einmal etwas. (…) Oder sei es auch nur, daß man einen Krieg begänne, er kann ungerecht sein. Dieser Frieden ist so faul ölig und schmierig wie eine Leimpolitur auf alten Möbeln.“ (Georg Heym in seinem Tagebuch, 1910)

Japan ist eine Mottenplage, Menagerievölker wie die Serben und Montenegriner sind vollends indiskutabel.“ (Egon Friedell)

Du Deutschland und du Österreich,
auf auf nun zieht ins Feld.
Es haben sich viel Schuft rings
gegen euch gestellt
Gebt dem Ruß einen Schuß
dem Franzos auf die Hos
dem größten Schuft, dem Oberschuft
dem Britt´ einen Tritt

Der Britte hat bar Geld bezahlt
den Schuften gelb und weiß
sie sollen Deutschland-Österreich
erschla´n auf sein Geheiß
Gebt dem Japs einen Klaps
schlagt den Serben zu Scherben
vom schwarzen Berg den Hammeldieb
dem Dieb gebt Hieb´

Der Britte dachte schlau: Goddam!
Sechs Schufte, das ist viel
die damned Germans schlagen wir
das ist nur Kinderspiel
Gebt dem Ruß einen Schuß
dem Franzos auf die Hos
dem größten Schuft, dem Oberschuft
dem Britt´ einen Tritt

Der Britt soll sich verrechnet han
zwei Starke ziehn das Schwert
und haun die Schufte kurz und klein
so wie es sich gehört
Gebt dem Japs einen Klaps
schlagt den Serben zu Scherben
vom schwarzen Berg den Hammeldieb
dem Dieb gebt Hieb´

Text und Musik: Arnold Mendelsohn (1914) „Jeder Stoß ein Franzos. Neue Kriegslieder“, Jena 1914. Verlegt bei Eugen Diederichs:

Ernst Lissauer (1882 – 1937) galt als der deutscheste aller jüdischen Autoren (Walter Berendsohn), lehnte es aber ab, sich christlich taufen zu lassen, um nicht zum Verräter zu werden. Stefan Zweig sagte von ihm: „Er war der preußischste oder preußisch assimilierteste Jude, den ich kannte. .. und der gutmütigste Mensch, den man sich denken konnte. Mit allen seinen Lächerlichkeiten musste man ihn doch gern haben, weil er warmherzig, kameradschaftlich, ehrlich und von einer dämonischen Hingabe an seine Kunst war.“ 1914 ließ er sich vom nationalen Pathos mitreißen und schrieb einen „Haßgesang gegen England“:

Was schert uns Russe und Franzos,
Schuss wider Schuss und Stoß wider Stoß
Wir lieben sie nicht
Wir hassen sie nicht
Wir schützen Weichsel und Wasgenpass
Wir lieben vereint
Wir hassen vereint
Wir haben nur einen einzigen Feind:
England

Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos …,  Propagandapostkarte 1914, Österreichische Nationalbibliothek
Wohlfahrts-Karte des Vaterländischen Frauenvereins, Provinzialverein Berlin zum Besten der Kriegsfürsorge, Vertrieb: Norddeutscher Export-Verlag: Jeder Schuß – ein Russ’! Jeder Stoß – ein Franzos’! Nun woll’n wir sie mal dreschen!

„Jeder Schuss ein Russ! – Jeder Stoß ein Franzos! Jeder Tritt ein Britt! – Serbien muss sterbien!“ Der letzte Reim wird Felix Salten zugeschrieben, Redakteur der Wiener Zeitung Die Zeit, Verfasser des ersten pornographischen Romans Josefine Mutzenbacher, Beitragender für Theodor Herzls Zeitschrift Die Welt und im Jahrzehnt vor 1914 „gefragt, berühmt, ungeheuerlich produktiv“. Vom Kriegsausbruch war Salten begeistert. Von ihm stammte die Parole der Neuen Freien Presse: „Es muß sein!“ Während des Krieges war Salten als Blattmacher beim Fremdenblatt, der Zeitung des österreichischen Außenministeriums, einer der maßgeblichen Kriegspropagandisten. 1927 übernahm Salten von Arthur Schnitzler die Präsidentschaft des österreichischen P.E.N.-Clubs. Als P.E.N.-Präsident wurde er in eine Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland hineingezogen, bewies „wenig Scharfsinn“ und trat zurück …

Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit

„Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen! Ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate … In dieser großen Zeit, die ich noch gekannt habe, wie sie so klein war; die wieder klein werden wird, wenn ihr noch dazu Zeit bleibt; (…) in dieser lauten Zeit, die da dröhnt von der schauerlichen Symphonie der Taten, die Berichte hervorbringen, und der Berichte, welche Taten verschulden: in dieser da vermögen Sie von mir kein eigenes Wort erwarten.“

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war Karl Kraus ein Verehrer des Thronfolgers. Anlässlich des Attentats in Sarajewo verfaßte er einen Nachruf auf Franz Ferdinand, der er in seiner Zeitschrift Die Fackel im Sommer 1914 veröffentlichte. Seine Einstellung veränderte sich mit dem Grauen und der Inhumanität des Krieges. Er sympathisierte mit der Sozialdemokratie, verurteilte in der Folge die Habsburger, vor allem aber den deutschen Kaiser Wilhelm II. – aus seiner Sicht waren die Politiker gemeinsam mit den Militärs für diesen „Weltenbrand“ verantwortlich.

Gebrauchsanweisung:

Verfolgst du kämpfend den Franzosen,
So gib ihm tüchtig auf die Hosen,
Begegnest du dem Söldner-Britten,
So regaliere ihn mit Tritten,
Siehst du von weitem schon den Ruß,
So vorbereite dich zum Schuß.

Das Drama endet in einer apokalyptischen Szene, der Auslöschung der Menschheit durch den Kosmos. Alle Menschen erweisen sich als unwürdig, auf dieser Welt zu leben, weil sie die Unmenschlichkeit und Grausamkeit des Krieges zuließen und deshalb auch zu Grunde gehen müssen. „Ich habe es nicht gewollt“, ist der letzte Satz der „Stimme Gottes“ im Drama – tatsächlich ein Zitat von Wilhelm II.

Echo auf: Jean Améry

Sinnieren über Herkunft, Heimat und Identität (als Reaktion auf Jean Améry: „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“)

Vor kurzem habe ich einen Roman gelesen, „Daheim“ von Judith Hermann. Ein sehr tröstlicher Text. Ich muss an einen Dialog zwischen der neu zugezogenen Protagonistin, deren Name nie genannt wird, und ihrer Nachbarin Mimi denken, in dem es um Wurzeln geht. Wo sind deine Wurzeln? Die beiden Frauen haben dazu unterschiedliche Gedanken. Oh, ich fürchte, ich habe keine. Und: Manche Leute haben Wurzeln und andere eher nicht. Man könne auch vorläufig verwurzelt sein, an einem Ort, an dem man sich in der gegenwärtigen Lebensphase zu Hause fühlt.

Fühle ich mich verwurzelt? Wo? Oder wann? Welche Rolle spielen Herkunft und Heimatgefühl in der Konstruktion meiner Identität?

Die Vorfahren meiner Großmutter mütterlicherseits stammen aus Frankfurt und Umland, der Vater meiner Mutter ist allerdings in Kosel in Oberschlesien geboren und musste, nachdem er Ende des Zweiten Weltkriegs von der Ostfront zurückgekehrt war, fliehen. Er war ein Vertriebener, der, soweit ich weiß, in Frankfurt aber eine neue Heimat fand.

Meine Großeltern väterlicherseits und ihre Vorfahren kommen aus dem Odenwald, aus der Gegend um Bad König und Darmstadt. Deren Ururgroßeltern waren Hugenotten, calvinistische Glaubensflüchtlinge, die Anfang des 17. Jahrhunderts dort Zuflucht suchten und blieben. Auch sie ihrer Heimat beraubt. Mein Urgroßvater, ein Nachkomme dieser Vertriebenen, Postmeister in einer Kleinstadt und NSDAP-Mitglied, beging 1944 Suizid. Hatte er dabei mitgewirkt, anderen ihre Identität und damit ihre Daseinsberechtigung, ihr Leben, abzusprechen?

In meinen Venen fließt Blut der Vertreibung und Blut der Täterschaft. Wie bringt man das zusammen?

Ich bin an einem scheinbar wahllosen Ort groß geworden, der zunächst auch für meine Eltern, als sie dort hinzogen, ein Ort ohne Bedeutung war. Die Verbindung mussten sie erst aufbauen. Fühle ich mich dieser meinigen Heimat so wenig verbunden, weil sie nicht die Heimat meiner Ahnen ist? Die Erde dort ist stumm, sie kann mir unsere Geschichte nicht erzählen.

Andere Orte, an denen ich gewesen bin, sprechen zu mir, ohne dass ich zu sagen wüsste, warum. Ich sehne mich bisweilen zutiefst nach ihnen. Es ist die Sehnsucht nach einem Heimatgefühl, einem In-Sich-Ruhen, einer Rast. Flüstern mir das Pfeifen des Winds, das Rauschen des Meeres, das Rascheln der Kornfelder und das Geschrei der Möwen vom Leben meiner Vorfahren? Dann erkenne ich mich selbst und kann still sein.

Liliane Katharina Urich

Wir sind alle deutsche Juden

„Maman, durch dich bin ich Jude. Dir habe ich den ganzen Schlamassel zu verdanken.“ Mit diesem Satz fängt die Dokumentation “Wir sind alle deutsche Juden” an, auf die ich vor einiger Zeit in der ARD-Mediathek gestoßen bin. Daniel Cohn-Bendit, ein deutsch-französischer Publizist und Politiker der Grünen, begibt sich auf die Suche nach seiner jüdischen Identität. Cohn-Bendit entstammt einem säkularen jüdischen Haushalt, der jüdische Werte akzeptierte, Religion jedoch ablehnte. Im Jahr 1933 flohen seine Eltern aus Deutschland nach Paris. In Frankreich geboren, verbrachte Cohn-Bendit seine Kindheit in der Normandie, bis er mit 13 Jahren nach Frankfurt am Main kam. Zwischenzeitlich war er staatenlos. Wie oft er sich wohl die Frage nach seiner Identität stellen musste. Wer bin ich eigentlich? Bin ich Franzose, Deutscher, Jude, nichts von allem oder doch alles zusammen? Die Reise auf der Suche nach seiner Identität findet nicht in Berlin, dem Geburtsort seines Vaters, oder Posen, dem Geburtsort seiner Mutter, statt. Cohn-Bendit reist dafür nach Israel, an einen Ort, wo die jüdische Identität von jedem Juden auf verschiedenste Weise interpretiert und gelebt wird. Auf seiner Reise stellt er sich die Frage: „Ich bin Jude. Was bedeutet das?“ Während seine Mutter das Judentum intensiv gelebt hat, ohne religiös zu sein, weiß Cohn-Bendit mit seinen 75 Jahren immer noch nicht, was das ist. Denn wie kann er jüdisch sein, ohne jüdisch zu leben? Bevor er sich auf die Suche nach seiner Identität in Israel macht, besucht er seinen Bruder in Frankreich, der sagt: „Es sind die anderen die einem eine Identität formen und ich will mich einfach nicht einsperren lassen in einer Identität, die die anderen aus mir machen wollen. […] Das Einzige, was man mir unterjubeln will, obwohl ich überhaupt nichts dafür kann, ist Jude zu sein.“ Er möchte nicht in Schubladen gesteckt werden, keinen Stempel von anderen aufgedrückt bekommen. Cohn-Bendit widerspricht seinem Bruder: „Wir sind Juden, auch wenn ich nicht erklären kann, was es für mich bedeutet.“ Hat man eine Wahl bei seiner Identität? Die Frage nach der jüdischen scheint oftmals viel schwieriger zu beantworten. Denn das Judentum ist viel mehr als „nur“ eine Religion. Es ist Kultur, Tradition, Kunst, Sprache(n), aber auch Verfolgung, Holocaust, Erinnerungskultur und die israelische Politik. Aber wie kann eine solche Suche und die erhoffte Entdeckung aussehen, wenn man nicht glaubt, weder Jiddisch noch Hebräisch spricht, keinen Schabbat feiert und auch keine eindeutige Meinung zum Staat Israel hat? Cohn-Bendit trifft auf seiner Reise Menschen, die sich vom Judentum emanzipieren oder es zelebrieren, Menschen, die den jüdischen Glauben mit Überzeugung leben oder verwerfen, die die Politik des jüdischen Staates unterstützen oder bekämpfen, die ihre Identität gefunden haben oder diese immer noch suchen. Eine Rabbinerin, die er trifft, sagt: „Jude sein bedeutet, morgens mit einer Frage aufzuwachen und abends mit einer Frage schlafen zu gehen.“ Am Ende seiner Reise steht Cohn-Bendit auf einem Hügel und hinterfragt seine Identität, die oftmals mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Sie entspringt der Geschichte seiner Familie, dem Gedächtnis des jüdischen Volkes, seinem Anspruch an die Welt und sich selbst. „Vielleicht gibt es nicht auf jede Frage eine Antwort. Vielleicht sind wir alle deutsche Juden, entwurzelte, auf der Suche nach der eigenen Identität.“

Magdalena Loska

https://www.ardmediathek.de/video/dokus-im-ersten/wir-sind-alle-deutsche-juden/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuL2EwMmY0OWI4LTFhOTgtNDEwMS05NjA4LTkyMTM4YWNiZWQ4OA

Monopterus albus

Gelber Aal : dunkel gefleckt : glatt

& schup­­penlos : Rücken-, Schwanz- & Afterflosse

verschmelzen zu einem Flossensaum

kurz & breit der Kopf : kleine Augen

Das große : von dicken Lippen umfaßte

Maul ist tief gespalten : unter der Kehle

wachsen die Kiemen zusammen & bilden

einen quergestellten Kiemenschlitz

Lebt in Schlammlöchern oder Felsspalten

Teichen : Kanälen : Flüssen & Reisfeldern

frißt Fische : Würmer : Krebse : auch größeres

Getier & treibende Pflanzenreste

Proterandrischer Hermaphrodit : wechselt

im Laufe des Lebens das Geschlecht

zuerst männlich : dann weiblich

ein : e minimalistische : r Künstler : in

Zur Fortpflanzung baut das Männchen

frei treibende Schaumnester : die befruchteten

Eier werden nach dem Laichakt hinein-

gespuckt & bewacht : bis sie geschlüpft sind

Sechs neue Gedichte, 1. Reihe

Nachts


die Eisschollen krachen wie Feuerwerk und
                                              dann wieder
   wie Paletten auf dem Gemüsemarkt 
        zusammengeworfen Dazwischen schlürft ein  
     Wal den Fluss und die
                                  Wildgänse errichten 
       einen fliegenden Teppich aus 
                                       Klang 
      darunter bin ich allein in der Nacht Und
     in den Häusern vor den Bildschirmen 
       löscht man sich selber aus
                           seh den Großen
      Wagen wie er senkrecht auf der Deichsel
        steht (die Ladung 
                             herausgekippt)


Missa Brevis

                 für Ute

Kyrie

kein Wort Das sich 
erkennt … Und Sterben wie 
Leben ist so einfach (dass 
ich es nicht kann)

Gloria

Wasser (mit
der Wünschelrute nicht
zu finden) strömt als
Glück (preist)

Credo

seine Gedanken sind
nicht meine Gedanken So
schält er mich gegen 
den Strich 

Sanctus

die hören: sprechen
   : Feuer Wie
der Atem kommt
und sich erneuert

Agnus Dei

den Alptraum
  gibt es Etwas muß
sich zerbrechen
(für uns)


Feiertag

der Supermarkt hat die Werbe-
  tafeln hereingeholt der Parkplatz
    feiert seine Leere und die Reisegruppe
 atmet niemandem die Luft weg Ich
   höre ich hätte Sand in meinen
 Brunnen geschüttet und müsse ihn
  wieder hinausschaufeln solange
    gütig die Kuh noch kaut


Namen

starke Mai-Winde treiben
    junge Blätter um mich herum und 
      missachten
                   Name und Bedeutung Ich
       habe verstanden Lass das 
    Eichenblatt fallen und durchfühle
         meine 
                  Unwissenheit 



Was lebt

alles was lebt wächst alles was lebt
   wird müde alles was lebt
                             stirbt
beim Menschen kommt hinzu Er 
  versucht zu lieben und ist vielleicht
    Ziel eines solchen Versuchs
 verrät und wird verraten 
                          überwacht 
 sein Auto und seine Tür  
    (und wird überwacht)  
                      ab und an  
     erklingt bei ihm Musik 
       weil er (wie zum Trotz)
                               leben will



o.T.

                  für Jutta

aber zum Glück du gibst uns
                        preis Wie
    wenn wir aufgetan für das 
       Atmen? Schwere hebt uns
   durch die Schwebe Da sein
       kann ich nicht Nur
          hier Zersaust


Walter Thümler, Mai 2022


Diese Lesung als Video anschauen

Echo auf: Saša Stanišic, Herkunft

Oskoruša, 2009

(…)

Auf dem Friedhof von Oskoruša teilte ich meinen Namen und Brot mit den Toten. Wir aßen Räucherfleisch auf meinen Ahnen, da ergriff Gavrilo das Wort.

»Hier«, sagte er und goss etwas Schnaps in die Erde, »liegt dein Urgroßvater. Die Urgroßmutter hat nur heimlich getrunken.« Auch auf ihre Seite stellte er einen Becher und sah dann weg, damit sie weiterhin heimlich trinken konnte. Wir stießen an.

( . . . )

Die Friedhofshitze schmeckte salzig und klang nach Zikaden. Gavrilo suchte meinen Blick. Ich nickte ihm zu und fand es sofort unpassend, genickt zu haben auf einem Friedhof.

»Siehst du das?« Er zeigte in die Landschaft. »Da stand das Haus«, sagte er.

»Von meinen Urgroßeltern?«

»Ja.«

»Da?«

»Nein, da.«

»Da, wo man den Zaun sieht?«

»Nein, da wo man nichts sieht.«

Ich lachte. Gavrilo fand es nicht komisch, und das war der Augenblick, da Gavrilo mich fragte, woher ich käme.

Also doch, Herkunft, wie immer, dachte ich und legte los. Komplexe Frage! Zuerst müsse geklärt werden, worauf das Woher ziele. Auf die geografische Lage des Hügels, auf dem der Kreißsaal sich befand? Auf die Landesgrenzen des Staates zum Zeitpunkt der letzten Wehe? Provenienz der Eltern? Gene, Ahnen, Dialekt? Wie man es dreht, Herkunft bleibt doch ein Konstrukt! Eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist. Als solches ein Fluch! Oder, mit etwas Glück, ein Vermögen, das keinem Talent sich verdankt, aber Vorteile und Privilegien verschafft.

(Aus: Saša Stanišic, Herkunft. Luchterhand Literaturverlag, München 2019)

Herkunft

Als ich ein Kind war, brachte mir eine Tante von einer Reise in die Schweiz eine Schachtel Schwarzschokolade mit. Die kleinen, in goldene Folie eingewickelten Würfelchen lagen säuberlich in der exquisiten Blechschachtel. Das schöne Geschenk aus dem fernen Westen schätzte ich so sehr, dass schon eine Woche vergangen war, bis das erste Stück endlich gekostet werden konnte. Doch für ein kleines Mädchen ist die Definition von Schokolade einfach Milchschokolade. Der trockene, bittere Geschmack hat mich dazu gebracht, sie sofort wieder auszuspucken. Ich war noch zu jung, um an etwas anderem als an Süßem Gefallen zu finden, aber auch nicht mehr jung genug, um lügen zu können. Ich tat so, als würden sie mir schmecken, und die ganzen Sommerferien versuchte ich mit gerunzelter Stirn, sie wirklich zu genießen. Sie kamen doch aus der Schweiz! Es konnte nicht sein, dass sie nicht gut waren.

Nicht viel anders sind manche Erwachsene beim Umgang mit anderen. Hast du früher bei der Suche nach dem Mutterleib eine ausgezeichnete Arbeit geleistet, bist du dann diese Schweizer Schokolade, für die die Leute mehr Toleranz aufbringen. Du kannst jede Form, jeder Geschmack sein, ohne dir Sorgen zu machen, dass keiner dich aus dem Regal nehmen würde, denn deine Herkunft hat schon all dein Anderssein legimitiert. Sei laut, du bist temperamentvoll, nicht unhöflich; sei ruhig, du bist nachdenklich, nicht zurückgezogen. Sei sparsam, du bist nicht geizig, der Minimalismus ist doch in Mode; gib viel aus, du bist nicht von Konsum dominiert, sondern der Meister im Genießen des Lebens. Leider, für Pechvögel ist die gestempelte Herkunft eventuell ein lebenslanger Kampf mit unmöglicher Lösung.

Jing Lin

Das Haus im Süden des Landes

Im Süden des Landes steht ein Haus, das seit vielen Jahren unbewohnt ist. Die Einrichtung erinnert mehr an die Vergangenheit, als an die Gegenwart. Wenn man das Haus betritt, scheint es, als wäre die Zeit im Jahre 1976 stehen geblieben. Die orangenen Küchenvorhänge und weißen Tischdecken wurden von Hand genäht und der blaue Teppich über Generationen hinweg weiterverschenkt. Das Porzellan steht fein säuberlich und unbenutzt hinter der Vitrine. Auf der Nähmaschine bilden sich feine Staubwolken und an den Wänden hängen Schwarzweißporträts. Zu jedem Ferienbeginn stiegen meine Mutter und ich, vollgepackt mit Ariel Waschpulver und Lindt Schokolade, in den Reisebus und fuhren in das Haus im Süden des Landes. Auf dem kleinen Fernseher liefen amerikanische Filme, deren Dialoge von einem Sprecher in monotonem Tonfall synchronisiert wurden. Zwischen unseren Beinen klemmten Taschen mit selbst belegten Brötchen, an der Tankstelle zur Grenze gab es zum amerikanischen Film grüne Pringles. An jeder Raststätte füllte sich der Bus mit kaltem Zigarettenrauch. Nach sechzehn Stunden Busfahrt quer durch zwei Länder und einer kurzen Taxifahrt, stiegen wir mit Ariel Waschpulver und Lindt Schokolade am grünen Gartentor des Hauses aus. Großmutter wartete schon an der offenen Haustür auf uns, die Haare kurz und lockig, das einfache Kleid lang bis über die Knöchel. Ich habe meine Großmutter nie eine Hose tragen gesehen. Meine Mutter ließ als erstes alle Koffer unausgepackt auf dem Boden liegen und lief in den großen Garten. Jedes Mal merkte ich in diesem Moment die große Sehnsucht nach ihrem Zuhause und nach der Freiheit, die sie nicht mehr in der Stadt im Ausland, sondern in der Natur in ihrer Heimat fand. Meine Kindheit im Süden des Landes beschränkte sich auf zwei Straßen. Mehr brauchte ich nicht. Mir reichte unser Garten, in dem ich mit meiner Cousine zeltete, die Küche meiner Tante eine Straße weiter, und das Fernsehzimmer meiner Großmutter, in dem wir täglich zusammen die 20 Uhr Nachrichten schauten. Ihr liebster Platz war auf der rechten Seite am Küchenfenster. Heute, viele Jahre später, sitze ich an ihrem Platz und blicke aus dem Fenster in den großen Garten, in dem meine Cousine und ich schon vor langer Zeit unsere Zelte abgebaut haben. Die sechzehnstündige Busfahrt habe ich gegen den einstündigen Flug eingetauscht. Die Pringles von der Tankstelle an der Grenze zum monoton synchronisierten Film schmecken dennoch besser als am Flugsteig. Ich sitze auf dem Platz meiner Großmutter, blicke aus dem Küchenfenster und sehe, wie meine Mutter bei ihrer Ankunft die Koffer liegen lässt und in den Garten Richtung Freiheit läuft. Früher konnte ich nicht verstehen, warum sie die orangenen Küchenvorhänge nicht gegen neue eintauschen wollte, warum sie am blauen Teppich ihres Großvaters hing, und warum das Porzellan in der Vitrine nie benutzt wurde. Heute, während ich auf dem Platz ihrer Mutter sitze, verstehe ich es, denn auch ich würde manchmal gerne die Zeit anhalten. Ich laufe eine Straße weiter in die Küche meiner Tante, denn mehr als diese zwei Straßen im Süden des Landes brauche ich immer noch nicht, und denke daran, wie gut die orangenen Küchenvorhänge zur weißen Tischdecke passen.

Magdalena Loska

Echo auf: Bei Dao, Das blaue Haus

Mit dem Sommersemester beginnt eine neue Folge von „Ecos da escrita“ – Echos auf ausgewählte Textausschnitte. In der Schreibübung in Germersheim reagieren Studentinnen in dieser Woche auf einen Text des ersten chinesischen Übersetzers von Tomas Tranströmers Gedichten, den Lyriker und Essayist Bei Dao. (Aus rechtlichen Gründen folgt hier nur ein kurzer Auszug aus Bei Daos Text.)

Bei Dao, Das blaue Haus

1       Das blaue Haus liegt auf einer kleinen Insel nahe Stockholm, es ist das Landhaus des schwedischen Dichters Tomas Tranströmer. Es ist winzig und alt. Es kann die strengen Winter in Schweden nur überstehen, weil es immer wieder repariert und gestrichen wird.

Ende März dieses Jahres ging ich nach Stockholm auf eine Konferenz, die deprimierend und langweilig war, wohl so wie Konferenzen überall auf der Welt. Einen Tag vor der Abreise hatten Annika und ich uns zu einem Besuch bei Tomas in Vasteras verabredet. Von Stockholm bis zu dieser Stadt braucht man zwei Stunden. Annika fährt einen roten Saab. Der Himmel war düster, ab und zu fielen Schneeflocken. Der Frühling hatte in diesem Jahr auf sich warten lassen, die trübseligen Wälder lagen noch in tiefem Schlaf, die Felder gaben sich graublau, kahl lagen sie da, hoben und senkten sich mit der Fahrbahn.

(In: Bei Dao, Gottes chinesischer Sohn. Essays. Übersetzt von Wolfgang Kubin. Weidle-Verlag, Bonn 2012)

Julie Schneider, Besuch bei der alten Dame

Das erste was ich in Bukarest tat war, mich zu verlaufen. Kaum am Bahnhof angekommen (Gleis zwei, 11:28), ging es schon los: es kostete mich ganze zehn Minuten, den Ausgang zu finden, da ich sofort zielstrebig in die falsche Richtung gelaufen war und es erst bei Gleis 14 realisierte. Als ich es dann endlich geschafft hatte, dem Bahnhof zu entkommen, holte ich meinen Notizzettel mit der Wegbeschreibung zu Großtante Ioanas Adresse heraus. Sollte nicht allzu schwer sein, dachte ich mir in meiner Naivität. Eine Viertelstunde zu Fuß, da lohnt sich ein Taxi nicht.

Und so begann ich, voller Zuversicht durch die mal breiten und geraden, mal schmalen und gewundenen Straßen Bukarests zu marschieren. Immerhin war ich hier aufgewachsen, die Wegbeschreibung war vermutlich ohnehin überflüssig. Abgesehen von einigen neuen Geschäften und Baustellen hatte sich nicht allzu viel verändert.

Eine halbe Stunde später verwandelte sich mein strammes Schritttempo allmählich in ein gemäßigtes Schlurfen, immer wieder unterbrochen von Pirouetten, wenn ich mich verwirrt umsah. Irgendetwas stimmte nicht. Ich hätte schon längst an dem Kiosk bei der Baumallee vorbeikommen sollen; stattdessen stand ich vor einer Statue von George Enescu. Definitiv stimmte da was nicht.

Reflexartig zog ich mein Handy aus der Tasche und klappte es auf, nur um es direkt wieder zuzuklappen. Großtante Ioana hatte kein Telefon, was bedeutete, dass nur eine Person blieb, die ich hätte anrufen können – und das kam gar nicht in Frage. Bevor ich zu solch einer Verzweiflungstat herabsinken würde, bräuchte es schon mehr als 30 Minuten Umhergeirre in Bukarest.

Genaugenommen brauchte es zwei Stunden Umhergeirre in Bukarest, wie ich anderthalb Stunden später feststellte. Die Sonne brannte unnachgiebig auf mein erhitztes Gesicht, der Schweiß lief mir den Nacken hinab, und ich hatte mindestens drei Blasen an den Fersen. Nun gut, dann sollte es wohl so sein.

Mit einem leidenden Seufzer zog ich mein Handy erneut hervor und wählte die Nummer meiner Cousine Alina. Es kostete mich immense Willenskraft, auf die Anruftaste zu drücken und beinahe ebenso viel, um nicht direkt aufzulegen, als sich die vertraute näselnde Stimme meldete: „Hat der Zug sich verlaufen oder du?“

„Es wäre lieb, wenn du mich abholen würdest“, knurrte ich so höflich wie möglich zurück und schaute mich nach einem Straßenschild um. Meine Güte, war mein Rumänisch eingerostet. „Ich bin beim, äh– Carol Park.“

Wo?“ Ich spürte den Luftzug ihres verächtlichen Schnaubens förmlich in meinem Ohr. „Du bist hoffnungslos.“

Und bevor ich durch wortloses Auflegen ein Zeichen setzen konnte, hatte sie schon aufgelegt.

Die nächsten Minuten verbrachte ich damit, mein Rumänisch wieder aufzufrischen, indem ich sämtliche mir bekannten Schimpfwörter vor mich hin grummelte. Als mein Wortschatz erschöpft war, trat ich zum Abschluss gegen eine Mülltonne, setzte  mich auf eine Bank im Schatten und wartete.

Die Zeit verstrich, und ich begann bereits zu befürchten, dass Alina mich eiskalt hier sitzen lassen würde, da bog endlich ein kleiner, klappernder Volkswagen um die Ecke. Ich erkannte das Auto sofort – meine Eltern hatten es mir nach dem Schulabschluss geschenkt, doch da ich wenige Monate später zum Studium nach Frankreich gezogen war, hatten sie es an Alina weitergegeben. Nicht, dass ich darauf neidisch gewesen wäre; ich hatte jetzt sowieso mein eigenes Auto. Einen Porsche.

„Willkommen in meiner bescheidenen Heimatstadt“, rief mir Alina zu. Das Fenster auf der Fahrerseite war heruntergekurbelt, und sie ließ einen Arm lässig heraushängen. Ihr Blick hinter der knallrot umrahmten Sonnenbrille war undurchdringlich.

Ich rollte mit den Augen und setzte mich ohne ein Wort auf den Beifahrersitz. Dann überlegte ich, ob ich nicht vielleicht doch etwas zu unhöflich war – immerhin hatten wir uns seit Jahren nicht gesehen und sie war eben zu meiner Rettung gekommen. „Hi“, sagte ich.

Alina sagte nichts.

Mein „Du mich auch“ ging im Aufbrummen des Motors unter, als wir uns in Bewegung setzten. Die ersten Minuten verbrachten wir in Schweigen.

„Keine Ahnung, wie du es geschafft hast, den Weg nicht zu finden“, murmelte Alina schließlich. „Das war die einfachste Wegbeschreibung, die man sich vorstellen kann.“

Ich räusperte mich pikiert. „Ich muss falsch abgebogen sein.“

„Ja, so um die fünfzig Mal. Gut, dass wir keine Abkürzungen dazugeschrieben haben, sonst wärst du jetzt wahrscheinlich in Bulgarien.“

„Man wird sich doch wohl mal in der Straße irren dürfen.“

„Na ja, du warst ja seit Jahren nicht mehr hier. Da kann man schon mal alles komplett vergessen.“

„Ich kann dich in Toulouse herumführen, wenn du irgendwann vorbeikommst“, gab ich zurück.

„Nein danke. Ich bin vollauf zufrieden damit, hierzubleiben.“

„Natürlich. Vielen Dank, dass du extra für mich das Haus verlassen hast, das muss ein großes Opfer gewesen sein.“

Alina schnaubte, und dieses Mal klang es weniger herablassend und mehr stocksauer. „Ich kann dich gerne im nächsten Straßengraben absetzen.“

„Nein danke“, sagte ich schnell. Von da an redete ich kaum noch und ließ stattdessen Alina jede Ecke und Gasse Bukarests kommentieren, als hätte ich noch nie einen Fuß in die Stadt gesetzt. Der nervigste Audioguide der Welt.

Endlich tauchte vor uns die vertraute Silhouette unseres alten Familienhauses auf. Ich warf einen Blick auf die Uhr: die Fahrt hatte nur 15 Minuten gedauert. 15 Minuten, die mindestens doppelt so lang gewesen waren wie die zwei Stunden davor. Wie lang würde dann erst das Wochenende hier werden?

Magdalena Loska, Gespräche in vier Wänden

Wie jeden Mittwochnachmittag, saßen wir zusammen in der Runde und besprachen die kommenden Arbeitsaufgaben für die nächste Woche. Nach Abschluss des Meetings erzählte uns Eran, der Verantwortliche für uns Volontäre, von einem Anruf, den er vor Kurzem erhalten hatte. Ein älterer Mann namens Michael, der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg von Deutschland nach Israel gekommen war, hatte erfahren, dass in unserer Einrichtung jährlich deutsche Volontäre ein freiwilliges Jahr absolvierten. Sehr gerne würde er sich wieder mit jemandem in seiner Muttersprache unterhalten, ein bisschen Computerhilfe könnte er auch gebrauchen. Ich meldete mich sofort. Wo sonst hätte ich die Möglichkeit gehabt, Geschichten von einer Person zu hören, die mir von den 1930-er Jahren in Deutschland, von Flucht und Krieg und von einem Land erzählen konnte, das vor 80 Jahren noch einen anderen Namen trug als heute, und wo dort, wo heute Stadt ist, früher Wüste war? An einem Mittwochabend im November machte ich mich auf den Weg zu unserem ersten Treffen. Michael und Miriam wohnten nicht weit von meiner Wohnung in der Katzenelson entfernt. Die Straße hoch, an der Bushaltestelle vorbei, an der ich so oft am Wochenende saß. Nach Fahrplänen- und Zeiten sucht man hier vergeblich. Stattdessen holt man sich eine Falafel um die Ecke, setzt sich auf die Bank und wartet. Vielleicht kommt man am Abend noch an der Klagemauer in Jerusalem oder auf der Party in Tel Aviv an. An der Haltestelle geradeaus, an schönen Einfamilienhäusern vorbei, die so typisch für Kiryat Tivon sind, erreichte ich das Gartentor von Michael und Miriam. Ich verspürte sofort Sympathie diesem älteren Ehepaar gegenüber, das vor kurzem seinen 70. Hochzeitstag feierte. Sie gehörten zu denjenigen, die zwar fast ihr gesamtes Leben in Israel verbracht hatten, aber sich nie an die Hitze und Trockenheit des Landes gewöhnen konnten, und die eine gewisse Aura von der Eleganz des alten Europa ausstrahlten. Ich fing die Unterhaltung auf Hebräisch an, sie unterbrachen mich in fließendem Deutsch. Ich war überrascht, dass Michael nach all der Zeit seine Muttersprache nicht vergessen hatte und sie so fließend sprach, als wären keine Jahrzehnte und Kriege vergangen. Sogar Miriam und seinen zwei Töchtern hatte er seine Muttersprache beigebracht. Es überraschte mich nicht nur die Tatsache, dass er noch Deutsch sprechen konnte, sondern vielmehr, dass er es wollte. Ich wusste vom Israel des vergangenen Jahrhunderts, auf dessen Straßen die verschiedensten Sprachen Europas zu hören waren. Aber die meisten Menschen dieses Landes, auf der Suche nach einer neuen, gemeinsamen Sprache und Identität, hatten sich schon vor langer Zeit von ihren Muttersprachen und Heimaten verabschiedet, die oftmals an schmerzhafte Erinnerungen geknüpft waren. Vor mir stand jemand, der augenscheinlich weniger Probleme damit hatte als ich, die deutsche Sprache in Israel zu sprechen. Schon nach dem ersten Treffen und dem gemeinsamen Abendessen verspürte ich eine tiefe Verbundenheit den beiden gegenüber. Und somit trafen wir uns jeden Mittwochabend. Michael wurde schnell zu dem Großvater, den ich niemals gehabt hatte. Unsere Treffen hatten einen routinierten Ablauf: Michael und ich gingen in sein Arbeitszimmer, in dem wir vor seinem Computer Platz nahmen. Manchmal stellte er mir Fragen zur Internetnutzung, manchmal schauten wir uns philosophische YouTube-Videos an, aber immer erzählte er. Wenn er den Computer ausmachte und das Abendessen noch nicht fertig war, erzählte er von Krieg, Flucht, dem Ankommen und dann wieder von Krieg. All diese Gespräche fanden in seinem Arbeitszimmer statt, denn wenn er beim Abendessen weiter erzählen wollte, unterbrach ihn Miriam. Sie wollte nichts mehr von Krieg hören, geschweige denn darüber sprechen. Es schien, als hätte sie das Wort „Krieg“ mit all ihren Erinnerungen in eine Schublade gepackt und den dazugehörigen Schlüssel vor allen versteckt. Nicht selten war ich etwas darüber enttäuscht, dass ich das Ende einer Erzählung nicht mehr hören konnte, aber konnte ich es ihr verübeln? Natürlich nicht. Michael kam mit 13 Jahren aus Köln nach Israel (damals noch Palästina), Miriam mit neun aus einem Teil Russlands, dessen Grenzen im Laufe der Zeit verschwammen, und der später zu Rumänien wurde und heute Moldawien ist. Beide verließen noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ihre jeweilige alte Heimat – nicht ahnend, dass weitere Kriege in ihrer neuen Heimat auf sie warten würden. Wenn Michael sprach, schwieg Miriam. Und somit gewöhnten wir uns an, die Tür seines Arbeitszimmers vor Miriam zu verschließen. Er erzählte von seiner Mutter, die psychisch krank geworden war, als sein Vater die Familie verlassen hatte und mit seiner neuen Frau nach Argentinien ausgewandert war. Kurze Zeit später wurde seine Mutter in eine Psychiatrie eingewiesen. Michael konnte sich noch genau an den Tag erinnern, als er mit drei Jahren von den Erziehern des Kölner Kinderheimes abgeholt wurde. Er versteckte sich unter seinem Bett in der Hoffnung, dass man ihn nicht finden würde. Gewaltsam wurde er mit seinem Bruder und seiner Schwester aus dem Haus gezogen und in ein Kinderheim gebracht. Bei einem seiner Besuche in der Psychiatrie, nicht ahnend, dass es der letzte sein würde, nahm seine Mutter ihn bei der Hand und führte ihn zum See. Sie wollte ihn und sich ertränken. In letzter Sekunde wurde eine der Pflegekräfte auf sie aufmerksam. Michael sah seine Mutter nie wieder. Die Patienten dieser Psychiatrie waren mitunter die ersten, die ein paar Jahre später von Nationalsozialisten ermordet wurden. Als Michael 13 Jahre alt war, gewannen er und sein Freund durch ihre guten sportlichen Leistungen ein Ticket nach Israel. Das Kölner Kinderheim, in dem sein Bruder und seine Schwestern blieben, verließ 1942 die Stadt in Richtung Minsk. Als sie ankamen, wartete schon das Erschießungskommando auf sie. Während er mir all das erzählte, zitterten seine großen Hände. Michael hatte Parkinson. In seinen Augen, die sich tief hinter der dicken, orangenen Brille versteckten, sah ich den Schmerz und gleichermaßen das Verlangen danach, seine Geschichte zu erzählen. Mit seinen Kindern und Enkelkindern konnte er all das nicht teilen, denn sie befürchteten, dass sich sein gesundheitlicher Zustand durch seine Reise in die Vergangenheit verschlechtern würde. Während er sprach, blickte ich immer wieder auf das große Schwarzweißbild seiner Geschwister auf der Wand. Ich hörte seiner zittrigen Stimme zu, und gleichzeitig hörte ich immer wieder meine eigene Stimme im Kopf: weine nicht vor ihm. Ich sah mich nicht im Recht, den Tränen freien Lauf zu lassen, die er unterdrückte. Jede Woche erzählte mir Michael ein Kapitel aus dem Buch seines Lebens. Wenn ich nicht vor Ort in Israel war, dann führten wir unsere Gespräche am Telefon weiter. Jeden Mittwochabend. Ein paar Jahre später erkrankte er an schwerer Demenz. In einem Wutanfall, verschuldet durch die Krankheit, riss er das große Schwarzweißbild seiner Geschwister von der Wand. Das letzte Mal, als ich ihn sah, war kurz vor seinem Tod in einem Pflegeheim. Auf der Hinfahrt im Taxi bereitete mich Miriam darauf vor, dass er mich vielleicht nicht erkennen würde. Michael saß in einem Rollstuhl im Garten und blickte auf die Landschaft. Als ich mich zur Begrüßung zu ihm hinunterbeugte, nahm er mein Gesicht in seine zitternden Hände und fragte mich, was ich mir zu meinem Geburtstag nächste Woche wünschte. Natürlich hatte er diesen nicht vergessen. Wir saßen zusammen im Garten und ich versuchte nicht daran zu denken, dass es das letzte Mal sein könnte. Ein paar Wochen später starb Michael friedlich im Schlaf. Und wenn ich an ihn denke, dann sehe ich uns beide in seinem Arbeitszimmer sitzen. Ich spüre seine großen, zittrigen Hände auf meinen, und ich blicke auf das große Schwarzweißbild seiner Geschwister an der Wand.

So geht das Reisen

So geht das Reisen in diesen Zeiten

Der Maulesel bleibt daheim : der Maulkorb

Wird auf dem Bahnsteig angeschnallt

Die Läden flunkern anhaltende

Schlemmerfreuden vor : Seuchenkrieg

& Kriegsseuche finden keinen Platz

Hinter den Schaufenstern : dem Führer

In der Lok gelingt das Kuppeln nicht

Eine zweite Lok wird vorgespannt

Hü hott : auf geht’s ins bekannte

Niemandsland : das fremdelnd einst

ich mein Zuhause nannte  


					

Synkopen

Spieluhrengleich spielt nachtblind er,

spielt, goldenes Kind, blick dich nicht um.

Umhüllt von Tüll sehe ich die Arme gleich

weißem Rauch,

blass dein Antlitz, schmal die Schultern,

knochig, fast knabenhaft zugleich,

noch höre ich dein Schweigen, tragen sie

feengleich fünfzehn im Reigen.

Nur eine umtanzt in grüngelbem Kleid ihn,

aus Seide gewebtem mit unsichtbarer Hand

von hauchdünnem Faden

im Spinnengewand.

Vom Denken in Geld und dem Glauben an Gott

Getrieben von dem Wunsch, das aktuelle Geschehen zu verstehen, es in einen größeren zeitlichen und historischen Kontext einordnen zu können, schreibe ich diese Zeilen in den Schluchten des Balkans, genauer: in meiner zweiten Heimat Bulgarien, in einer Art Notwehr nieder. Eine Art Notwehr gegen alle Falsch- und Nichtinformationen des Informationskrieges, in dem wir uns nicht erst seit dem angeblichen Krieg gegen Corona befinden. Der räumliche Abstand zu meiner ersten Heimat Deutschland hilft mir dabei, einen kühlen Kopf zu bewahren, meine Gedanken zu ordnen und festzuhalten.

Meine stärkste Assoziation, die bereits bei Beginn der Hygiene-Demos im Frühjahr 2020 in Berlin einsetzte, war die an die Ereignisse des gesamten Jahres 1989 in der DDR. Denn der Protest auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, bei denen ich zugegen war, hatten einige Parallelen mit den Demonstrationen in Leipzig, beispielsweise das rigorose Eingreifen der Polizei gegen bestimmte Plakate und das Hochalten der Verfassung. In Leipzig wurde dieser Job noch von Mitarbeitern der Staatssicherheit in Zivil erledigt.

Der bekannte Ausgang der Proteste in Leipzig, deren Augenzeuge ich ebenfalls war, machte mir Hoffnung, aber nicht nur Hoffnung. Im selben Moment machte er mich auch nachdenklich und vorsichtig. Vor allem deswegen, weil bis heute eine charakterstarke, machtvolle Persönlichkeit wie Michail Gorbatschow fehlt, ohne die eine Wende in der Form, wie wir sie 1989 erlebt haben, nicht möglich gewesen wäre. Ein großer Wandel, ganz bewusst kein „großer Umbruch“, ist trotzdem prinzipiell auch heute möglich, so denke ich, auch wenn gerade nicht nur Deutschland und Europa, sondern die ganze Welt den gesunden Menschenverstand verloren zu haben scheint, was Nietzsche so erklärte:

„Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.“

Eine weitere wichtige Erfahrung, vielleicht besser Lehre, aus dem Jahr 1989 ist, dass es am Ende immer anders kommt, als man denkt. In dem Fall, dass aus „Wir sind das Volk“ „Wir sind ein Volk wurde“. Dazu muss man wissen, dass niemand in der DDR auf die Straße gegangen war, zumindest am Anfang nicht, um sich mit der alten Bundesrepublik zu vereinigen, und schon gar nicht um ihr beizutreten, sondern weil man eine bessere DDR wollte. Aber so ist es wohl immer in der Menschheitsgeschichte, oder zumindest meistens, und vermutlich auch diesmal bei Corona. Am Ende kommt etwas anderes heraus, als man es sich erhofft hat – so oder so. Ich befürchte, dass auch diesmal zum Schluss alles wieder nur „besser“ aber nichts „gut“ wird. Das ist auch ein Grund, der mich in der gegenwärtigen Situation lähmt, und ich vermute nicht nur mich.

Andererseits: Was habe ich zu verlieren? Eine mögliche Impfpflicht, für die ich mich ganz „frei“ entscheiden darf. Einen obligatorischen Grünen Pass, den ich für nicht notwendig erachte. Einschränkungen beim Reisen, mehr Kontrolle und Überwachung und vieles andere mehr …  Meine Arbeit als Taxifahrer habe ich bereits vor zwei Jahren verloren. Auch eine Tätigkeit als Krankenpfleger, in meinem erlernten Beruf, ist für mich demnächst nicht mehr möglich. – So gesehen lohnt es sich schon aufzustehen, auch für mich. Nicht nur manchmal hadere ich deswegen mit mir, jetzt nicht in Berlin auf der Straße zu sein, auf der ich einst viele Jahre mit meinem Taxi zu hause war.

Als in der DDR groß gewordener Mensch glaubte ich, ich gebe es offen zu, lange an die allgemeine und stetige Fortentwicklung der Menschheit im Marxschen Sinne. Die marxistische Dialektik besagt aber auch, dass sich jeder einzelne Mensch weiter einwickeln kann, und das tue ich. Die vielen Jahre auf der Straße, meiner Universität, und die zahlreichen Gespräche mit Fahrgästen und Kollegen haben mir dabei geholfen. Es hat etwas gedauert, aber am Ende habe ich die für mich wahrere Deutung gefunden. Diesmal nicht bei Marx, sondern bei seinem Landsmann und Zeitgenossen Nietzsche:

„Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren oder Stärkeren oder Höheren dar, in der Weise, wie dies heute geglaubt wird. Der ‚Fortschritt’ ist bloß eine moderne Idee, das heißt eine falsche Idee. Der Europäer von heute bleibt in seinem Wert tief unter dem Europäer der Renaissance; Fortentwicklung ist schlechterdings nicht mit irgendwelcher Notwendigkeit Erhöhung, Steigerung, Verstärkung.“

Dass es etwas gedauert hat, die Dinge zu durchschauen, mich zu korrigieren und damit auch annehmen zu können, dass ich lange Zeit falsch gelegen habe, liegt auch am falschen Gebrauch der Sprache, den es ebenfalls nicht erst seit Corona gibt. Corona hat es mit dem Missbrauch der Sprache und seinen ganzen Falschwörtern wie „Covidioten“, Coronaleugner“ und „Impfgegner“, um nur einige zu nennen, nur auf die Spritze, Verzeihung, Spitze getrieben. Und dabei hätte ich als Halbbulgare darauf vorbereitet sein können. Denn wenn, wie in Bulgaren, JA NEIN und NEIN JA bedeuten kann, dann muss LINKS-GRÜN, dem auch ich lange Zeit zugeneigt war, nicht automatisch immer und für alle Zeit LINKS-GRÜN heißen. Der falsche Gebrauch der Sprache kann fatale Folgen für das gesamte Gemeinwesen haben, das meinte zumindest Konfuzius:

„Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so verderben Sitten und Künste. Darum achte man darauf, dass die Worte stimmen.“

Der Missbrauch der Sprache ist DAS Mittel, mit dem uns der Glaube an den Fortschritt verkauft wird. Denn verkauft und gekauft werden muss, am besten jeden Tag ein neuer Glaube, eine neue Wahrheit, obwohl es unter der Sonne kaum etwas Neues gibt. Um wirklich etwas Neues zu erfahren, schaut man am besten in Bücher – je älter, desto besser. Aber selbst das ist keine Garantie, wie ich kürzlich erfahren musste, als ich den berühmten Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ des bekannten tschechischen Autors Milan Kundera aus dem Jahr 1984 erneut in die Hand nahm.

Er beginnt folgendermaßen: „Die Ewige Wiederkehr ist ein geheimnisvoller Gedanke, und Nietzsche hat damit manchen Philosophen in Verlegenheit gebracht: alles wird sich irgendwann so wiederholen, wie man es schon einmal erlebt hat, und auch diese Wiederholung wird sich unendlich wiederholen! Was besagt dieser widersinnige Mythos?“ – Fast möchte man fragen: Was besagt diese widersinnige Frage? Und zwar deswegen, weil mit der Ewigen Widerkehr, auf die schon andere Philosophen vor Nietzsche gekommen waren, eine Idee, ein Schema gemeint ist, und eben nicht: „alles wird sich irgendwann so wiederholen, wie man es schon einmal erlebt hat, … .“

Wie nun diese Idee, dieses Schema aussieht, beziehungsweise aussehen könnte, darauf bin ich ausgerechnet in Orwells „1984“ gestoßen, das den meisten wegen seinem „Big Brother“, dem „Ministerium für Wahrheit“, der „Gedankenpolizei“ und dem „Neusprech“ bekannt ist. Genau genommen ist es auch nicht Orwells Schema, sondern das von Emmanuel Goldstein, aus dessen Buch „Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus“ Winston seiner Geliebten Julia im zweiten Teil von „1984“ vorliest:

„Von Anbeginn der geschichtlichen Überlieferung und wahrscheinlich seit dem Ende des Steinzeitalters gab es auf der Welt drei Arten von Menschen: die Oberen, die Mittleren und die Unteren. Sie waren auf vielerlei Weise untergliedert, trugen verschiedenartige Namen, und sowohl ihr Verhältniszahl wie ihre Einstellung zueinander änderte sich von Epoche zu Epoche: doch die Grundstruktur der Gesellschaft hat sich nie gewandelt. Selbst nach ungeheuren Umwälzungen und scheinbar unwiderruflichen Veränderungen stellte sich stets das gleiche Muster wieder her, genauso wie ein Gyroskop sich immer wieder aufrichtet, wie sehr man es auch aus dem Gleichgewicht bringt.

Die Ziele dieser drei Gruppen sind unvereinbar. Das Ziel der Oberen ist es, dort zu bleiben, wo sie sind. Das Ziel der Mittleren, mit den Oberen den Platz zu tauschen. Das Ziel der Unteren, sofern sie überhaupt eines haben – denn es ist ein bleibendes Charakteristikum der Unteren, dass sie von der Plackerei zu ausgelaugt sind, um öfters als nur sporadisch etwas Interesse zu zeigen, das außerhalb ihres Alltagslebens liegt –, ist es, alle Unterschiede abzuschaffen und eine Gesellschaft zu errichten, in der alle Menschen gleich sein sollen. Und so wiederholt sich durch die ganze Geschichte ein in seinen Grundzügen immer gleicher Kampf.

Über lange Zeiträume scheinen die Oberen ungefährdet an der Macht zu sein, doch früher oder später kommt der Augenblick, in dem sie entweder ihr Selbstvertrauen verlieren oder die Fähigkeit, wirksam zu regieren, oder beides. Sie werden dann von den Mittleren gestürzt, die die Unteren dadurch auf ihre Seite ziehen, dass sie ihnen vorspiegeln, für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. Sobald die Mittleren ihr Ziel erreicht haben, stoßen sie die Unteren wieder in ihre alte Knechtschaft zurück und werden selber zu den Oberen. Schon bald spaltet sich von einer der beiden anderen Gruppen oder von beiden eine neue Mittelgruppe ab, und der Kampf beginnt von Neuem.“

Was mich so sicher macht, auf der richtigen Spur zu sein, möglicherweise das richtige Schema auch für das aktuellen Geschehen gefunden zu haben, das nicht wenige mit der Erfindung des Geldes und des Zinses in Verbindung bringen, ist mein Eindruck, dass „Es geht um Leben und Tod“ Lauterbach möglicherweise gerade dabei ist, wie beschrieben entweder sein Selbstvertrauen zu verlieren oder die Fähigkeit, wirksam zu regieren, oder beides, so sehr verstrickt er sich in Widersprüche. Möglicherweise dienen diese Widersprüche, wenngleich vom sich Widersprechenden angeblich beliebtesten Politiker unseres Landes unbeabsichtigt, aber auch einem anderen Ziel, und zwar dem des „kontrollierten Wahnsinns“, wie Emmanuel Goldstein alias George Orwell es nennt:

„Soll die Gleichheit der Menschen für immer verhindert werden – sollen die Oberen, wie wir sie genannt haben, ihre Stellung dauerhaft behaupten -, dann muss der vorherrschende Geisteszustand kontrollierter Wahnsinn sein.“

Vielleicht denkt man aber auch schon an die Zeit nach Corona und nach Karl Lauterbach. Klaus Schwab geht in seinem Buch „Covid-19: Der große Umbruch“ davon aus, „dass uns die Pandemie zwei Jahre erhalten bleibt.“ Er beruft sich dabei auf Experten, er selbst ist ja keiner. Danach, also ziemlich bald, könnte ein neuer Virus und mit ihm ein neuer „Gesundheitsminister“ kommen, oder ganz und gar ein neuer Krieg. Diesmal nicht gegen einen winzig kleinen Mikroorganismus, sondern gegen das größte Land, obwohl dessen Einwohner  möglicherweise gar keinen Krieg wollen. Zumindest stellte dies ein bekannter Pop-Song in den Achtzigern noch in Frage: „Denkst du, die Russen wollen Krieg?“

Bis es so weit ist, sei rasch noch ein weiteres Phänomen erwähnt, das von Emmanuel Goldstein in Orwells „1984“ wie folgt beschrieben wird, das es bereits in der DDR gab, und das aktuell auch wieder aufgetaucht ist. Es wird als „Delstop“ bezeichnet, im englischen Original heißt es „Crimestop“, die deutsche Umschreibung für das Phänomen ist „schützende Dummheit“:

„Delstop bezeichnet die Fähigkeit, geradezu instinktiv auf der Schwelle jedes riskanten Gedankens haltzumachen. Es schließt die Gabe ein, Analogien nicht zu begreifen, logische Fehler zu übersehen, die simpelsten Argumente mißzuverstehen, wenn sie dem gängigen Narrativ widersprechen*, und von jedem Gedankengang, der in eine ketzerische Richtung führen könnte, gelangweilt und abgestoßen zu werden. Kurz gesagt, Delstop bedeutet schützende Dummheit.“ (* im Original: „Engsoz-feindlich sind“)

Dass das gängige Narrativ aktuell von vielen nicht mehr in Frage gestellt wird, liegt auch daran, dass bereits das Hinterfragen nicht ganz ungefährlich ist. Im Normalfall wird es „nur“ mit sozialer Ausgrenzung geahndet, im dümmeren Fall mit einer Geldstrafe belegt. Der Grund dafür ist, dass aus der Wissenschaft von einst, also aus Rede und Gegenrede, aus These, Gegenthese und Synthese, DIE Wissenschaft geworden ist, eine Art orthodoxer Glauben einer Sekte, den „Zeugen Coronas“, in der Abwägung und Verhältnismäßigkeit unbekannt, Zweifel verboten und Zweifler Aussätzige sind. Von einem gläubigen Sektenmitglied wird ziemlich genau das erwartet, was in Orwells „1984“ von einem Parteimitglied verlangt wird:

„Von einem Parteimitglied wird nicht nur verlangt, dass es die richtigen Ansichten, sondern auch, dass es die richtigen Instinkte hat. Viele der ihm abgeforderten Überzeugungen und Verhaltensweisen werden nie direkt formuliert und können auch nicht formuliert werden, ohne die dem gängigen Narrativ* innenwohnenden Widersprüche aufzudecken. Ist das Parteimitglied von Natur aus orthodox (in Neusprech: ein Gutdenker), dann wird es in allen Lebenslagen ohne Nachdenken wissen, was der richtige Glaube oder die erwünschte Emotion ist.“ (* im Original: „Engsoz“)

Worum es im aktuellen Glaubenskrieg geht, das erklärt folgendes Zitat aus Harald Walachs „Brücken zwischen Psychotherapie und Spiritualität“: „A Catholic knows he is a Catholic. A Muslim knows he is a Mulim. A Jew knows he is a Jew, and a Hindu knows he is a Hindu. Only a materialist doesn’t know he is a materialist. He thinks he is a scientist.“ – Im gegenwärtigen Glaubenskrieg geht es nicht um DEN einen Gott, auch nicht um DIE Wissenschaft, und auch nicht einfach um Besitzstandswahrung, sondern um die Erweiterung des Besitzes an Gut und Geld. Geld, von dem Super-Reiche beispielsweise gerade im großen Stil Land kaufen, ähnlich wie der weiße Mann bei der Besiedlung Amerikas für eine Handvoll Dollar vom „Native American“, dem Indianer, Land kaufte, der gar nicht verstand, wie er etwas verkaufen kann, das ihm nicht gehört.

Mit Glaubenskriegen kennen wir Deutsche uns aus, der bekannteste Glaubenskrieg hierzulande war die Reformation. Sie nahm ihren Ausgang am Ablass, genauer am Ablasshandel, mit dessen Einnahmen der Petersdom zu Rom errichtet wurde. Der Ablass von heute ist die Impfung. Wer sie über sich ergehen lässt, dem wird ewiges Leben versprochen. Derjenige, der sich dagegen entscheidet, ist des Todes, eine Gefahr für die Volksgesundheit, ein Gefährder, ein Ketzer, ein Ungläubiger, praktisch ein Untermensch und so gut wie tot. Wofür die Einnahmen aus dem aktuellen Ablasshandel verwendet werden, kann bisher nur vermutet werden. Möglicherweise für neue, noch perfidere Ablasshändel. Die einmal in Gang gesetzte Spirale ist bereits dabei, sich immer schneller zu drehen, die Abstände zwischen den Impfungen werden immer kürzer.

Der Reformation folgten die Gegenreformation, der Bauernkrieg und später der erwähnte Dreißigjährige Krieg, ein Krieg voller Gräuel. Das ganze währte etwa 150 Jahre. Dem Westfälischen Frieden, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, gingen zweijährige Friedensverhandlungen voraus, so gespalten waren die Kriegsparteien – damals schon. In diesen geschichtlichen Kontexten und auch zeitlichen Dimensionen denke ich mittlerweile, wenn ich an den „Krieg gegen Corona“ denke.

Wallenstein, ein großer Profiteur des Dreißigjährigen Krieges, sagte angesprochen auf die vielen Truppen, die er aufzustellen beabsichtigte, ohne dass er über das dafür notwenige Geld verfügte, sinngemäß, dass der Krieg den Krieg ernähren würde. Und so scheint es mir auch mit diesem Krieg zu sein. Denn auch in diesem Krieg geht es ums Geld. Während weltweit die große Mehrheit der Menschheit immer weiter und schneller verarmt, ist noch nie zuvor eine einzelne Person innerhalb nur eines Jahres um mehr als 100 Milliarden Dollar reicher geworden. Aber nicht nur für Elon Musk ist Corona eine gute Zeit. Die Milliardäre der Welt haben 3,9 Billionen Dollar hinzugewonnen in 2020. Für wen Corona ein einträgliches Geschäft ist, dürfte kaum etwas gegen Corona haben. Vielleicht ginge es mir genauso, wenn ich mit Corona Geld verdienen würde. Da dem nicht so ist, stellt sich mir diese Frage nicht, muss ich sie nicht beantworten.

Ich führe auch keinen Krieg. Ich halte es mit Corona wie Muhamed Ali es mit dem Vietnamesen gehalten hat. Der habe ihm nichts getan, weswegen er nicht einsah, gegen ihn in den Krieg zu ziehen. Ali ging damals ins Gefängnis dafür, dass er nicht gegen den Vietnamesen kämpfen wollte. Heute gibt es bisher „nur“ Geldstrafen, die einen aber schnell in den finanziellen Ruin treiben können, wenn man sich nicht, so wie Ali, fürs Gefängnis entscheidet. Mit Zeitangaben, sowohl was einen Gefängnisaufenthalt, als auch den „Krieg gegen Corona“ angeht, tue ich mich schwer, was daran liegt, dass unsere Zeit schnelllebiger ist als noch zu Luthers, Müntzers und Wallensteins Zeiten.

Nachdem ich vor vielen Jahren, damals aus eigener Dummheit, ich saß im verkehrten Bus, der ins Grenzgebiet zu Griechenland fuhr, die Bekanntschaft mit einem Gefängnis in Bulgarien gemacht habe, ganz genau waren es drei verschiedene Gefängnisse gewesen, kann ich dazu mit Bestimmtheit sagen, dass mich nichts dorthin zurückzieht. Andererseits ist es für mich mittlerweile zu einer Frage der Ehre und auch der Würde geworden, mich in dem derzeitigen Krieg zu positionieren, den man mir Tag für Tag aufs Neue aufzwingt, weswegen man auch hier von Notwehr sprechen kann.

Aktuell liegt wie gesagt ein Krieg gegen Russland in der Luft, wobei hier in Bulgarien der Westen von nicht wenigen als Kriegstreiber wahrgenommen wird. Praktisch so wie früher von Linken im Westen, jetzt wohl eher linken Linken, die in Personen wie Bush, Blair und auch Obama noch Kriegstreiber sahen, wohingegen Biden und auch Gates heute ihre Freunde zu sein scheinen, möglicherweise auch Schwab. Wahrscheinlich glauben die „Linken“ von heute wirklich, dass dieselben Herrschaften, die viele Jahre am Mitverursachen des Klimawandels gutes Geld verdient haben, jetzt ernsthaft mit einem „Green Deal“ die Welt retten wollen. Ganz abgesehen von den Akteuren denke ich, dass man mit der Natur, also mit Gott, grundsätzlich nicht dealt.

Wahrheiten erkennt man nicht daran, dass sie einem gefallen, sondern daran, dass sie wahr sind, genauer: wahrer als andere Wahrheiten. Ein möglicherweise bevorstehender Ablenkungs-Krieg gegen Russland ist eine solche tiefere, wahrere Wahrheit. Und auch, dass ein Bürgerkrieg in manchen Ländern des Westens offenbar bereits begonnen hat, angesichts der sich täglich wiederholenden Auseinandersetzungen auf den dortigen Straßen, beispielsweise Brüssels. Bei beiden Kriegen geht es vor allem um Geld und Gut, auch wenn dies nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Mit einer Impfung kann man viel Geld verdienen, mit einer Impfpflicht mehr, mit einer Dauer-Impfpflicht, einem Impf-Abonnement, noch mehr. Billiges Gas aus Russland ist war gut, selbst die Vorkommen zu kontrollieren oder auch nur sein eigenes Gas zu verkaufen, ist besser.

Das Denken, Urteilen und Beurteilen in Geld ist tief in unser Bewusstsein und Unterbewusstsein eingedrungen. Oskar Wilde beschrieb das Phänomen so: „Heutzutage kennen die Leute von allem den Preis und von nichts den Wert.“

Wohin dieses Denken führen kann, dafür habe ich eine Erklärung in einem Buch gefunden, das als Gesamtwerk erstmals 1922 erschien, also vor genau 100 Jahren. Die Rede ist von Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Das „Schwergewicht“ endet überraschenderweise mit dem Kapitel „Endkampf zwischen Geld und Politik; Sieg des Blutes“. Auch wenn der Schluss insgesamt etwas kryptisch und apokalyptisch klingt, in gewisser Weise erinnert es an die „Offenbarung“, möchte ich ein paar Gedanken aus dem Buch wiedergeben und einige Sätze aus ihm zitieren:

„Die Banken und damit die Börsen haben sich … zur eigenen Macht entwickelt und sie wollen, wie das Geld in allen Zeiten, die einzige Macht sein. Das uralte Ringen zwischen erzeugender und erobernder Wirtschaft (nach Spengler ‚zugleich ein Ringen zwischen Geld und Recht’) erhebt sich zu einem Riesenkampf der Geister, der auf dem Boden der Weltstädte ausgefochten wird. Es ist der Verzweiflungskampf des technischen Denkens gegenüber dem Denken in Geld.“ … „Die Diktatur des Geldes schreitet vor und nähert sich einem natürlichen Höhepunkt …“ … „Der letzte Kampf beginnt, … : der zwischen Geld und Blut.“ … „Das Schwert siegt über das Geld …“. – So weit aus dem zweiten Teil des den fünften und letzten Kapitels vom „Untergang des Abendlandes“, der den Titel „Die Maschine“ trägt.

Was Spengler mit „Denken in Geld“ genau meint, beschreibt er im vorherigen ersten Teil des fünften Kapitels mit dem Titel „Das Geld“ so: „ … an Stelle des Denkens in Gütern tritt das Denken in Geld“, was bedeutet: „Das Wirtschaftsbild wird ausschließlich auf Quantitäten zurückgeführt, unter Absehen von der Qualität, die gerade das wesentliche Merkmal des Gutes ist.“ Was dazu führt, dass: „Wer dieses Denken beherrscht, ist Meister des Geldes. Die Entwicklung geht in allen Kulturen diesen Weg. Lysias stellte in seiner Rede gegen die Getreidehändler fest, dass die Spekulanten im Piräus manchmal das Gerücht verbreiteten, eine Getreideflotte sei gescheitert oder ein Krieg ausgebrochen, um eine einträgliche Panik (sic!) hervorzurufen.“

Spengler führt weitere Beispiele der Menschheitsgeschichte an, unter anderem wie der Finanzverwalter Alexander des Großen für Ägypten mit einer durch Buchkäufe verursachten Hungersnot einen „ungeheurer Gewinn“ erzielen konnte. Eine „einträgliche Panik“, wenngleich nur für einige wenige, die meisten hungerten oder verhungerten einfach, gab es also damals schon, und möglicherweise ist sie nichts anderes als Orwells „kontrollierter Wahnsinn“ oder hat zumindest Parallelen mit ihm.

All dies führt Spengler in „Der Untergang des Abendlandes“ am Ende des vierten Kapitels „Der Staat“ zu folgender Feststellung: „Durch das Geld vernichtet die Demokratie sich selbst, nachdem das Geld den Geist vernichtet hat.“

In dem Zusammenhang fällt mir ein Traum ein, den ich neulich hatte, und dessen Hauptakteure bewaffnete Guerilla-Kämpfer waren. Dazu muss man wissen, dass die Guerilla früher zu den Guten gehörte, beispielsweise ein Che Guevara, und das nicht nur bei den Linken. Viele kennen heute nur noch das Guerilla-Marketing, wofür mitunter ein bekanntes Guevara-Foto herhalten muss, das aber mit der Guerilla von einst und ihrem Befreiungskampf nichts zu tun hat. In meinem Traum gibt es noch die gute alte Guerilla à la Che & Robin Hood, und sie dringt dort in das Schlafzimmer von Mark Zuckerberg ein. Oder war es das von Klaus Schwab? Am Ende ist es egal. Man lässt Mark, oder wegen mir auch Klaus, fünf Minuten Zeit seine Sachen zu packen. Offensichtlich soll er irgendwohin verbracht werden. Wohin ist unklar, spielt in dem Zusammenhang auch keine Rolle. Man will ihm jedenfalls nicht ans Leder, es fließt kein Blut, und man hat auch keine Spritze dabei. Irritierend für mich an dem Traum ist, dass Mark beziehungsweise Klaus gar nicht erstaunt sind, sondern im Gegenteil so tun, als hätten sie irgendwie damit gerechnet. Denn sie sagen beide unisono etwas wie: „Ich wusste, dass es irgendwann so kommen würde – am Ende war ja alles nur geklaut.“

Nachdem, geht es nach Spengler, das Schwert über das Geld gesiegt hat, bleibt noch die Frage nach dem Glauben, oder wie Goethe es im „Faust“ formuliert hat: „Wie hältst du’s mit der Religion?“. Ausgerechnet bei Michel Houellebecq findet sich eine Antwort, die sich wiederum auf Nietzsche bezieht, von dem der französische „Skandalautor“ alles andere als ein Fan ist, eher das Gegenteil. Umso ernster sollte man möglicherweise Houellebecq an dieser Stelle nehmen, wenn er sagt:

„..  dass Nietzsche, wenn er heute lebte, vielleicht der erste wäre, der eine Erneuerung des Katholizismus wünschen würde. Während er damals hartnäckig das Christentum als eine ‚Religion der Schwachen’ bekämpfte, würde er heute einsehen, dass die ganze Kraft Europas in jener ‚Religion der Schwachen’ begründet war, und dass Europa ohne sie verloren ist.“

Einen großen Staat regiert man, wie man kleine Fische brät

Kleine Fische werden unansehnlich, wenn man sie beim Kochen ständig umrührt. Das Volk leidet darunter, wenn man einen großen Staat regiert und ständig die Gesetze ändert. Daher heißt es bei Laozi: „Einen großen Staat regiert man, wie man kleine Fische kocht.“

CRISPR

„Der Weise hat Wissen, aber

er wendet es nicht an.“

Zhuangzi

Warum verwechseln wir das „Sein“ mit dem „Sein des Seienden“, wie der Meisterdenker genau analysiert hat? Und diese Verwechslung dauert nun bereits seit fast zweitausendfünfhundert Jahren an. Wie kam es, dass wir das abendländische Technik-Monster in die Welt gesetzt haben und jetzt sei­ner nicht „Herr“ werden? Jenes Monster, das in Kronos sein ultimatives Dispositiv gefunden hat und seither seine Kinder frisst. Warum fanden wir es angezeigt, das Sein dem Sein des Seienden zu op­fern? Welche Sucht hat da in uns geschlummert und ist grausam erwacht? Uns: das ist der Wille der zunächst kleinen griechisch-römisch-christlichen Weltpopulation zur Welt- und Naturbeherr­schung. Die Welt zu etwas Erklärtem machen. Wille, der Wille zum Wissen als Macht ist. Eine Idee, die ei­nem Angehörigen der indigenen Bevölkerung der San oder der Khoikhoi, aber auch einem Hindu, Buddhis­ten, Daoisten oder christ­lichen Mystiker nie ge­kommen wäre. Wir aber „stellen“ die Welt „fest“, machen sie zu einem Ge­genüber, zu einem Ge­gen-Stand, entkleiden sie ihres Geheimnisses. Es bleibt eine schwer zu er­klärende Tatsache, warum ausgerechnet im griechisch-römischen Kultur­raum die Voraussetzungen der Technik entwickeln wurden und sich von dort aus global verbreite­ten. Unsere legitimen Werkzeuge und Hebel wurden zur Prothetik und zu reproduzierenden Maschi­nen, zur automatisierten Mecha­nik, die sich schließlich digital ver­schönert, die sauber ist. Warum ist das schlimm? Weil jene Pro­thetik und jene Maschinen uns den Weg als Akt stehlen und damit die unmittelbare Sinnhaftigkeit unserer Tuns, die wir zur Erfahrung von Werthaftigkeit brauchen. Ein Tee in der Teezere­monie zu­bereitet ist nicht das Gleiche, wie sich einen Tee aus dem Automaten zu ziehen oder Wasser über ei­nen Auf­gussbeutel zu gießen. Unsere Alltags-Akte sollen dem Tag Farbe schenken, das Zeit-Kontinuum der Dauer eröffnen. Aber wir fürchten die Dauer als mögliches „Welten“ der Welt. Das „Welten“ der Welt wollen wir unter Kontrolle bringen und natürlich da zu­erst, wo es uns am gefährlichsten ist: Im eige­nen Körper. Der Körper muss ein Modell des Wissens werden, d.h. artifiziell. Wir züchten Or­gane nach, bauen Kontrollfunktionen ein. Blutdruck, Herz­leistung, Verbrauch von Kohlehydra­ten, Schritthäufigkeit usw. überwachen wir mittels Smart-Watch, also mit Kronos in digi­taler und erweiterter Gestalt, wir implantieren Chips. Normal wartet die Natur, der Körper sich selbst. Aber durch unsere technischen Eingriffe entsteht künstliche War­tungsnotwendigkeit und damit Wartungsabhän­gigkeit. Wer gewährt die kostenreiche Wartung unse­rer Prothe­sen und Chips, wer bezahlt sie, und ist das medizinische Personal verfügbar? Zunächst be­ruhigt uns die Kontrollmög­lichkeit des schwer berechenbaren Körperdings. Kontrolle allein ge­nügt jedoch nicht mehr. Wir müssen mittels synthetischer Biologie uns in das körpereigene Programm al­ler Wesen, ins Genom, einschleusen und dieses umschreiben, um das uns ge­nehme, nicht störende Ziel zu erreichen. Jetzt gibt unser Geist, der ein Geist der Flickschusterei ist, der Natur das Ziel vor. Macht sich zum Herrn. Das nen­nen wir die CRISPR/Cas-Methode (Cluste­red Regularly Interspaced Short Palindro­mic Repeats). Wir dürfen den natürlichen Vorgängen keinen un­gewissen Ausgang mehr erlauben. Erhofftes Ziel ist totale Kon­trolle und Manipulation.

Die Wissenschaft hat noch nie ein „Naturgesetz“ entdeckt, sondern nur, was die Natur als Echolalie auf unsere Fra­gen und Anwendungen liefert. Die Natur ist Chaos und Unschärfe, ist dionysisch, ge­waltsam, ist Schönheit innerhalb einer uns sich entziehenden Ordnung. Darum wollen wir ihr nur erlauben, das zu machen, was wir innerhalb dieser Echo­lalie nachvollziehen können. Darum müssen wir die Genome aller Lebewesen umschrei­ben. Nur so gelangen wir zu un­gestörtem anhaltenden Komfort. Zur er­eignislosen Faulheit.

Technik und Wissenschaft sollten zu Dienern werden, unsere elementaren Lebensvollzüge erleich­tern. Aber das Verhältnis hat sich umgekehrt. Jetzt dienen wir unseren Vorrichtungen. Dabei ist die Technik als Techné, als Handwerk und Fertigkeit, als analoge nicht automatisierte Unterstüt­zung manueller Vorgänge, eine der menschlichen Geistesverfassung eigene Qualität und Hilfe. Aber als wir Gott und Schöpfung trennten, in die Einheit Gottes ein dualistisches Prinzip einfügten, ent­stand die Panpho­bie und wir versuchten fortan, des Pan Herr zu werden. Tierquälerei zu Forschungszwe­cken, Mas­sentierhaltung, Lebensraum-Zerstörung, Transhumanismus und künstliche Intelligenz, und das im großen Stil, sind die logi­schen Folgen und zeigen die vollendete Umkehrung des Herr­schaftsverhältnisses zwi­schen Mensch und Maschine. „Künstliche Intelligenz“ ist eine dem Tech­nik-Programm inhär­ente Falschmünze­rei, und zeigt, dass wir nicht wissen, was echte Intelli­genz ist. „Künstliche Intellig­enz“ ist in Wahrheit ein hochprimitives auf Kybernetik beruhendes kausales Schaltprinzip. Dumm wie, ja dümmer als Bohnenstroh. Was und wofür forschen wir? Ist Forschung noch ein Ge­bot der Vernunft und der Freiheit oder dient sie seit langem nur der Durch­setzung unse­rer kapital-kumulier­enden Pro­jekte?

Wer wollte leugnen, dass unser Gegenstandsbewußtsein von Welt, das uns das Sezieren, Verdrahten, Digitalisieren, Neuzüchten, Clonen ermöglicht, uns nicht große Schritte in Medizin, Mobilität und Produktion hat machen lassen. Nur Schritte wohin? Sicherheit und Gesundheit sind nicht mehr die Abwesenheit von Krankheit oder Verbrechen, sondern sind abso­lute Werte geworden. Als solche funktionieren sie als andauernde fiktionale Nähe. Unser immerwäh­rendes Gegenüber ist die Angst. Die Panphobie hat eine Wand­lung durchgemacht. Da die Welt „gestellt“ ist, die Angst aber nicht aus der Welt ist, was sie nur durch vertrauensbildende Maßnah­men wäre, durch Feier und Fest, durch Nähe und Teilhabe, ist sie zum dauerhaften, abstrakten Agens geworden. Unser Bewältigungsmec­hanismus, die Technik, er­schafft uns die Illusion von Si­cherheit. Im Hintergrund streiten sich zwei Zeiten: die Zeit des Voll­zugs und die Zeit der Schaltun­gen, oder die erfüllte und die leere Zeit. Die leere Zeit verschlingt den Raum, verhindert, dass die Zeit des Vollzugs Wirk­lichkeit wird. So he­cheln wir ständig jedwe­der Neuerung hinterher als eines Versprechens der Verortung. Allein, es ist nur eine Geschwindig­keitssteigerung, ein Wahn.

Die Technik ist eine Herrschaftsmetapher. Mittels der Geräte, der Dispositive, bin ich Teilhaber die­ser Herrschaft. Wir fühlen uns von dieser Teilhabe ausgeschlossen und bekommen Panik, wenn un­ser Smart-Phone, unser PC oder unser Auto nicht mehr funktioniert. Die Communio der Herrschaft hingegen macht uns lüstern, feuert uns an, macht uns gierig. Vor den Artefakten einer innovativen Technik machen wir den Kniefall. Gleichzeitig geraten wir stets tiefer in die innere Ver­wahrlosung. Unser sozia­les Leben stirbt und mit ihm unsere sittliche Bildung. Wir leben in der Wertleere, in der Aushöhlung von Erfahrung, im Alles und Nichts. Das ist der Boden, auf dem die Technokratie die Herrschaft antreten kann im Verein mit Szientismus als Wissenschaftsgläubigkeit und Monopolka­pital. Diese drei zu­sammen bilden das böse Triumvirat.

Die Technik hat zur Bedingung der Möglichkeit, wie oben gezeigt, die Welt als Erklärte. Wir müs­sen über die Welt geistige Verfügungsgewalt erlangen, eh wir sie in unsere Installationen und Pro­gramme hineintreiben können. Aber wie wird die Welt zu einer Verfügbaren? Dafür ist unser Ver­hältnis zum Körper entscheidend. Man nehme als Beispiel die weibliche Brust. Wie anders ist unser Ver­hältnis zu ihr als Liebhaber, als Frau, die sich ihrer Schönheit freut, als Säugling, als Arzt. Ein­mal ist sie Zauber, dann Nahrung, dann sim­ples kausal-mechanisches Prinzip. In der Mammografie wird sie Objekt des Wissens. Wir haben die Welt mammografiert. Sie liegt vor unserem kal­tem Blick hin­gestreckt da. Wir sind ihr keinerlei Dank schuldig. Sie ist ihrem Geheimnis entblößt. Ent­blößung ist unser Projekt. Da kommen wir nicht heraus, es sei denn wir bauen neues Ver­trauen auf. Ein tiefes, seinbegründetes: Die Akzeptanz des Schleiers. Was wir anders der Natur, den Tie­ren, den Pflanzen, den Dingen antun, tun wir uns selbst an. Die Einheit Gottes, des Seins, mit der Welt ist aufgekündigt zu­gunsten einer für unsere Greifwerkzeuge totalen Verfüg­barkeit. Aber jetzt, nach so vielen Jahrhun­derten, schlägt das System zurück. Wir selbst sind Teil der Verfügungs­masse gewor­den. Unsere Körper gehören uns nicht mehr. Der Organhandel floriert, Impfzwang und Totalüberw­achung sind die Folgen der in unser kleines Ein-mal-eins verfrachteten Schöpfung. Kein Gott spricht mehr darin. Aus Pan-Phobie ist Pan-Optik geworden. Bleibt die Fra­ge, wer ist hier Überwa­cher und wer Über­wachter. Die Natur zu erklären durch eine angebliche Entschlüsselung eines ebenso angeblichen Codes, ohne zu merken, dass es sich hier um unsere arg be­schränkten und sim­plifizierenden Be­schreibungswerkzeuge handelt, ist eine spezielle Art von Dumm­heit, Dumm­heit als Hybris und Ma­chenschaft.

Geben wir es zu, wir wissen, dass etwas falsch läuft. Allein, wir wissen nicht was. Probleme mit dem Kli­ma, mit den Ressourcen stoßen uns mit der Nase drauf. Es hat vor fast zweitausendfünfhun­dert Jahren begonnen, als wir uns kraft unseres Willens zur Macht entschieden, das Sein mit dem Sein des Seienden zu verwech­seln, woraufhin sich die abendländische Installati­onswut Bahn brach. Das ist der griechisch-römische Sonderweg, der das politische Christen­tum als Blau­pause benutzte. Zur technischen In­stallation gesellten sich Bildung und Erziehung. Der Seins-, der Götter-, der Got­tesbezug musste nicht mehr bemüht werden. Die klare Zwei­teilung von Gott und Schöpfung öffne­te, wenn Gott erst abgetan war, Tür und Tor. Darin konnten wir nach Herzens­lust operieren, sezie­ren, installieren. Schöpfung musste nur noch Natur und Wis­senschaft Naturwis­senschaft werden. Warum würde sich bei uns ein Angehöriger der indigenen Bevölkerung der San oder der Khoikhoi nicht wohl­fühlen? Er würde denken, er sei in der Hölle. Keine Feier, kein Fest, kein Op­fer, keine Dank­barkeit, keine Verneigung vor Bruder Tier und Bru­der Pflanze, keine Ehrfurcht vor dem Göttlichen, sondern Zerstörung der Natur, Vereinsamung der Menschen, Quälerei der Tiere, Sinnlosigkeit des Daseins, Verlorensein an die Arbeit, was reziprok ist zu dem Verlorensein ans Geld, an sinnlose Pro­dukte, an Bildung, die nichts als Nutzanwendung für all das oben Genannte ist. Wie könnte ich je­nem Indigenen der Khoikhoi oder der San, wie könnte ich Zhuangzi oder Buddha oder Christus klarmachen, dass wir nicht in der Höl­le sind?

Walter Thümler, März 2022

In der Steilwand

Der Titel des neuen Gedichtbandes von Michael Fruth, ENG. WEIT. HIER. NOCH, könnte die deutsche Lyriklandschaft charakterisieren, in die er ein markantes Wegzeichen einrammt. Der Autor ist bescheidener, nennt das Buch eine „poetische Autobiografie“, und doch ist diese nicht nur subjektiv und singulär, sondern repräsentiert zugleich Gesellschaftlich-Historisches und Allgemein-Menschliches. Der Titel des neuen Gedichtbandes von Michael Fruth, ENG. WEIT. HIER. NOCH, könnte die deutsche Lyriklandschaft charakterisieren, in die er ein markantes Wegzeichen einrammt. Der Autor ist bescheidener, nennt das Buch eine „poetische Autobiografie“, und doch ist diese nicht nur subjektiv und singulär, sondern repräsentiert zugleich Gesellschaftlich-Historisches und Allgemein-Menschliches. Die ersten drei Einsilber des Titels gewinnen durch den Punkt eine Härte und Prägnanz, die auf Existenzielles schließen lässt. Alle vier enthalten jedoch auch so viel Suggestivität, dass sich hinter jedem Definitionskreis neue Horizonte öffnen. Das Fehlen des Punktes nach „NOCH“ verweist auf solche Offenheit. Der Titel ist daher Programm nicht nur im Inhaltlichen, sondern auch bei der Kompositionsweise. Fruth folgt Ezra Pounds bekanntem Diktum „Dichten = condensare“, indem er in diesem Spätwerk Erlebtes auf seine Essenz zurückführt, sprachlich, bildlich, emotionsbezogen, wobei die Narrativität einer Autobiografie auf Blitzlichtaufnahmen einzelner Szenen, Erinnerungen und Eindrücke reduziert wird. „In der Steilwand“ etwa beschreibt die von einem Haus nach der Bombardierung übrig gebliebenen Trümmer: „Darunter ragte ein Rest vom Boden, / aus dessen Kante Stroh hervorkam / und aufgewelltes Stragula, / Platz für ein Paar Schuhe und / einen, der sehr aufrecht steht“. Dieser Schluss verschlägt einem den Atem, wie überhaupt viele der Gedichtabschlüsse an die Wucht der Coda-Couplets von Shakespeare-Sonetten erinnern. Die Angst vor dem Absturz, dem passionierten Bergsteiger Michael Fruth wohlbekannt, erfasst hier das ganze Leben, die ganze Kunst.

Fruth ist in der anglo-amerikanischen Dichtung zu Hause, und seine Verwendung von Freivers und open form lassen einen oft an die amerikanische Tradition seit William Carlos Williams denken. Hierzu gehört die Vorstellung von Dichtung als nicht abschließbarem Prozess. Fruth revidiert seine Texte immer wieder, selbst wenn sie bereits publiziert wurden: seine Internet-Lesung beim Leipziger Literaturverlag wich an vielen Stellen von der gedruckten Fassung ab. Wie um dieses Prinzip zu illustrieren, enthält der vorliegende Band zwei Versionen desselben Gedichts, „Nachfolge“, einmal in knapperer Form im ersten Teil, „ENG.“, im Kontext von Familie, Herkunft, Nachkommen; zum anderen etwas ausführlicher im Schlussteil, „NOCH“, im Kontext von Tod und Vergänglichkeit. Beide Male ist die Platzierung plausibel.

Kindheit, die erste „Station“, beginnt bereits mit der unehelichen Zeugung, die „in alchemistischem Eifer/ einen Fremden mit fremdem Geschick“ schafft, dazu eine schwierige Mutterbeziehung, auch die unausweichliche Vatersuche, einen Fremden, der die Unentschiedenheit der Mutter potenziert, sich „in diese Mischung aus Ja und Nein / in jener nicht mehr jungen Frau“ zwängt. Der Lebensbeginn wird im Titel des ersten Gedichtes „bezeugt“: die Identitätssuche wird zu Thema und Text. Wie Kurt Vonnegut als junger Kriegsgefangener erlebt der Autor als Einjähriger die Bombennacht von Dresden. Mit dem Gedicht „Slaughterhouse“ spielt er auf den großen Anti-Kriegsroman des Amerikaners an. Dessen nivellierender Kommentar zu jedem erzählten Todesfall, „so it goes“, findet hier ein Äquivalent im Takt des Maschinengewehrfeuers der Tiefflieger: „dein Leben und deins ist weniger wert als / dasdasdasdasdas. / Und das“. Auch die kindliche Angst im dunklen Kohlenkeller wird erinnernd lebendig, „Nicht nur, wenn ein besonders / stumpfes Schwarz erscheint / wie neulich abends am Berggrat // im klobigen Karst der Fleck / aus weicher Erde, so sinnlos / weit über höchstem Grün“; sie wird hier aber zugleich in ein Gemälde aus Farben, Alliterationen und Assonanzen sublimiert, wie sie immer wieder in diesem Buch erstehen.

Die epigenetische Forschung hat gezeigt, dass frühkindliche Traumata später nicht etwa Ängstlichkeit, sondern Risikobereitschaft hinterlassen. So mag man schließen, dass Fruths Weg vom Dresdener Feuersturm über das Berlin der Kindheit notwendig in die Abenteuerreisen späterer Jahre geführt hat: ein Jahr auf der Panamericana, jener längsten Straße der Welt, die den amerikanischen Doppelkontinent von Alaska bis Feuerland verbindet, drei Jahre in Indien, wo die Begegnung mit dem Fremden zur Erkundung des fremden Selbst werden sollte, dazu andere Länder, die ihre Erinnerungsspuren hinterlassen. Dies ist das Thema der zweiten Station, „WEIT.“, deren Titelwort verbatim und metaphorisch zu verstehen ist. Bei den Gedichten, die die Erinnerungen an Indien aufgreifen und transformieren, steht nicht der Poona-Aufenthalt des Dichters im Mittelpunkt, sondern die Begegnung mit den Obdachlosen, den Entstellten, den Leichenverbrennungen, aber auch, humorvoll und selbstironisch, mit dem Abjekten, wenn in dem die Yoga-Studien parodierenden Gedicht „Unterweisung“ der Besuch einer Bahnhofstoilette geschildert wird: „wo der Einbein-Stand mit Rückenbeugung / und Spreizknie so lang zu halten ist, / dass man ums Gleichgewicht kämpfend / manchmal den schwebenden Fuß / so hastig senkt, dass beim Auftreten / die stinkende Brühe hochspritzt; / dort wurde für billiges Entgelt / die wahre Achtsamkeit gelehrt“. Das Schockierende, Erschreckende, Furchteinflößende dringt immer wieder aus der Erinnerung herauf – Raub, Tierquälerei, Ungeziefer, aber auch die Schönheit und Unergründlichkeit der gesehenen Landschaften, wie in dem als durchlaufende, einzige Spalte gedruckten, fast interpunktionslosen Gedicht über die „San Andreas Fault bei Point Reyes“. Die formale Raffinesse, zum Beispiel der Verzicht auf Kommata (wie etwa bei William S. Merwin), lässt Ausdruck und Aussage zusammenfließen, wie in der Apokoinu-Konstruktion „Angeblich bewegt man sich / vorwärts und gleichzeitig / wächst irgendein Gegenteil mit / jedem Verlust und Verzicht / läuft eine zweite Zeit / weiter und ab“.

Das Verhältnis von Erleben, Zeit und Erinnerung bestimmt das ganze Buch und somit auch die dritte „Station“, HIER. Es wird zum poetologischen Programm: „Einen Stein werfen / in sandige Zeit ein Netz / in die Trockenheit / dass es hallt oder / knistert und ruht …“. Dieser Teil widmet sich dem Thema des Wurzelschlagens, zum Beispiel dem Ankommen des Autors in Oberbayern, wo er seit langem lebt (in der Nachbarschaft einer Sprache, der er 1980 in den zusammen mit C.-L. Reichert verfassten, großartigen Mundartgedichten von Ois Mindnand ein Denkmal gesetzt hat). HIER. weist immer wieder solche Hinführungen zur eigenen Praxis auf: „Bis der Morgen / die Dinge einzeln / benennt und verkennt“, oder „Worte zu suchen zumindest / für die schnelleren höheren Wolken … und für den Mittelpunkt / einer Leere, bevor er / gerinnt zum Ding / mit Namen“. Die schwebenden Zeilenbrüche verstärken die Spannung zwischen, wie goethesch gesagt wird, Dauer und Wechsel, zwischen Erinnern, Assoziieren und Benennen. Hier, in der bayerischen Landschaft, mischen sich andere Dimensionen ein. So in „Zeitmaße“: „Nichts als / der Takt des Felslebens / ist geblieben, der uns / gelassen übergeht“ – Zeilen, deren Rhythmus die erste Duineser Elegie aufruft: „Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen.“ An die Stelle des Exotisch-Fremden ist hier das Fremd-Vertraute getreten, nicht minder schmerzlich – „Eingedampftes Erleben … / … Es trägt bitter am Versagen und Entsagen“ –, aber im Angesicht des Erhabenen, Zeitlosen und sich dennoch Wandelnden – „Fels lädt Flechten ein wird Nahrung / wird Staub wird Stein“ – wirkt „Dichtung als Ampelschaltung / im Gedankengetöse“ („Bodensatz“) nahezu hilflos, als menschengesetzte, fast vergebliche Ordnung. Zu den kräftigen Naturbildern (Fruth ist auch Maler und hat wundervolle Naturfotografien geschaffen) gesellt sich „Das Leben der Dinge / die sich selbst gehören“: „Ein Hausschuh / die Nase zum / Schnabelschuh gekrümmt“. Auch diese werden zum Übergang, zur Schwellenerfahrung im wörtlichen Sinn: „Wirst dich später / nur erinnern an / die Schwelle mit Schuh / und die Klinke mit Hand“.

Damit sind wir im Übergang zur letzten Station, NOCH, die, wie der Umschlagtext signalisiert, „Nahtod & Sterben“ thematisiert. Nicht nur das Sterben von nahen Angehörigen – „Er schaut von unten / auf mich herab, / drei Finger winken / meiner Hand“, sondern auch das Massensterben am 11. September 2001 oder in Srebrenica, gar im Holocaust, in Fotografien vermittelt. Dabei überlagern sich fremdes und eigenes Erleben, und immer wieder in diesem Buch auch fremde und eigene Texte, wie in „Überlagert“: „Botho Strauß, wie er / Robinson Jeffers hochleben lässt, wie / der / seine Frau vor dem Haus … sitzen / sieht, /die ihren Tod in sich wachsen spürt wie / ein Kind … so sehe / ich / meine Frau in diesem Sommer, wie / sie nacheinander / den Sohn / den Bauch / die Hände / die Zartheit und / den Augenblick abstreift“. Verlusterfahrung und literarische Verlust-Versprachlichung stellen diese Gedichte in eine intertextuelle Reihe, durch die sich der Autor als im Gespräch mit der (nationalen und internationalen) literarischen Tradition befindlich bekennt. „Das Verrückte bei / dieser Zugfahrt durch die Zeit sei, dass sie / stehen bleibt, kaum dass man aufspringt“. Zeit, Raum und Figuren, wie in einem Drama, machen dieses Buch zu einem denkwürdigen Erlebnis.

Michael Fruth: Eng. Weit. Hier. Noch : Gedichte. Leipzig: Leipziger Literaturverlag, 2021. 104 Seiten, 19,95 Euro. ISBN 978-86660-269-4

TONTICS SEGEN DES EXILS

DIE WUNDER DES SPÄTEN SOMMERS

Stevan Tontic, der wohl bedeutendste serbische Dichter der Gegenwart, ist plötzlich verstorben. Er war mein langjähriger Wegbegleiter und Freund. Nein, ich kann keine Lobrede post mortem für liebe Menschen schreiben, denn bei solch einer Rede dringt stets auch ein Fünkchen Eitelkeit der Lebenden durch. Er schrieb über mich und ich schrieb über ihn. Anstelle von in memoriam überliefere ich lieber ein paar Fragmente, die im Laufe der Jahre und Jahrzehnte unseres Lebens aufgeschrieben wurden.

Die Chronisten der Belagerung von Sarajevo vergessen nie, die Tatsache zu erwähnen, dass die Koryphäen dieses schändlichen Attentats auf die Stadt serbische Schriftsteller waren. Da aber das Böse immer eine durchdringendere Stimme hat als das Gute, erwähnen heute nur wenige Menschen jene brillanten serbischen und kroatischen Schriftsteller, die sich dieser wahnsinnigen Plage widersetzten, nur noch wenige erinnern sich an die, die sich gegen den Ruf der Kriegsposaunen und die Perversion des Tötens auflehnten. Solche Leute waren auf allen drei brüderlichen Seiten das Ziel nationaler Verfluchungen, doch sie verteidigten eigentlich die Zivilisation, nämlich civis Sarajevo – die Bevölkerung; sie waren in den entscheidenden Momenten der einzige Beweis dafür, dass die Stadt überleben und fortbestehen kann, denn die Stadt war schon immer ein Ausdruck von Pluralität, Vielfalt und ein Mittelpunkt größter kreativer Potenziale des Menschen. Ihretwegen, dank dieser paar Menschen, dachte ich oft, ließ das westliche Bündnis die im Krieg vorbereitete Teilung des Landes nicht zu, weil gerade sie es waren, die in der Defensive der Zivilisation standen, an der Schwelle, die die Kultur von der Barbarei trennt.

Einer von ihnen ist der Dichter Tontic (Grdanovci, Sanski Most, 1946). Dichter, Prosaautor, Essayist, Redakteur, Anthologist, Übersetzer aus dem Deutschen. Tontic studierte Philosophie und Soziologie in Sarajevo. Anfang 1969 war er für kurze Zeit Chefredakteur der Studentenzeitung Naši dani und später Mitglied der Redaktion der Jugendzeitschrift Lica. Mitte der 1980er Jahre wurde er Chefredakteur der Zeitschrift Život, und am längsten arbeitete er als Redakteur beim Verlag Svjetlost. Den Zeitraum von Mai 1993 bis Ende 2001 verbrachte er im Exil in Deutschland, dann ließ er sich wieder in Sarajevo nieder, wo er heute als freiberuflicher Schriftsteller lebt. So lautete eine kurze und trockene biobibliografische Notiz. Aus ihr geht nichts vom Drama eines in die Literatur hinein wachsenden Lebens hervor, so wie auch die Literatur selbst oft, in Sehnsucht nach der reinen Form, die zahlreichen Nebenarme und Gänge des Lebenslabyrinths übersieht.

Das poetische Werk Stevan Tontics entstand und pulsierte in einem Zeitraum von fast vierzig Jahren, seit Beginn der siebziger Jahre, als sein erstes Buch veröffentlicht wurde, bis heute, wo der Autor sozusagen in voller Schaffenskraft und auf dem Höhepunkt seines kreativen Könnens stand. Zehn Gedichtbände sind nicht viel für vier Jahrzehnte, sieht man es vom Standpunkt moderner Textproduktion aus, aber es geht hier um ein Prinzip der Strenge und eine ihm eigene Ökonomie des Ausdrucks; Tontic reihte sich vom ersten Moment an als ein Priester der Poesie ein, der das Schreiben von Versen als eine spirituelle Erfahrung ersten Ranges betrachtete, und der, wie es der Titel eines seiner frühen Bücher ausdrückt, mit einem Gedicht „lästert und heiligt“.

Diese Heiligsprechung durch Lästerung erinnert uns an den magischen Baudelaire, aber in einer modernen Tonart. In Tontics ersten Büchern dominieren Töne von Zynismus und Ironie, die diese „Wissenschaft der Seele“ prägen und abrunden, diese „lustigen Geschichten“ über die Eitelkeit und Absurdität unseres sterblichen Daseins. Die Poesie trug sich als eine „geheime Korrespondenz“ zwischen Engel und Teufel zu. Seine Verse streben nach Kunstfertigkeit, scheuen aber nicht die Realität. Obwohl er informell zur Gruppe der „Schicksalhaften Jungen“ gehörte, unterschied sich Tontic von den meisten von ihnen durch seine große Gelehrsamkeit und sogar durch seine spezifische „Salon“-Kunstfertigkeit. Er etablierte sich zudem als glänzender Kritiker, Anthologist und Intellektueller, dessen diskursives Engagement seine Poetik und Poesie begleitete und „ergänzte“, die jederzeit bereit war, zu überraschen und zu schockieren. Von Anfang an zog der Autor die Aufmerksamkeit der Literaturkritik auf sich und seine Bücher wurden mit bedeutenden Preisen gekrönt.

Seine poetische Metamorphose erlebte Tontic im Kriegs-Sarajevo, wo er ein Jahr verbrachte. Die Realität des Mangels und die Landschaft der Verwüstung fließen in seine Verse ein, aber sie umreißen noch deutlicher den Glanz des Humanismus, „Glanz und Wunde“, wie der Dichter Veselko Koroman sagen würde. Zu Beginn der Belagerung Sarajevos schrieb Tontic einen Brief an die Stadt Belgrad, und die Worte dieses Briefs klingen noch heute kraftvoll wie ein Psalm: „Unsterbliches Belgrad! Ich flehe dich an, mit den Tränen einer halben Million Einwohner Sarajevos, dass du dich sofort, zu dieser Stunde, entscheidest, die Stadt Sarajevo zu retten. Wenn die Stadt Sarajevo stirbt, liebes Belgrad, dann wird sich die Schlinge des Hasses und Untergangs um dich zusammenziehen“ (Književna rec, Juni 1993). Das kriegerische Belgrad hörte jedoch nicht auf die Stimme Tontics, sondern auf die von Karadžic, Nogo und Crncevic. Deren Scheltrede, serbische Mütter hätten sich an der Niederlage der Serben schuldig gemacht, „weil sie sich äußerst unpatriotisch verhielten und feige ihre Söhne versteckten, da sie nicht bereit waren, sie für das Serbentum in den Tod zu schicken“, kommentierte Tontic, indem er sagte, er bezweifle, dass „jemals irgendwo in der weißen Welt eine solche Anklage aus der Feder eines Dichters kam“.

Mit seinen Nachbarn, vorwiegend Bosniaken, verbrachte er das erste Jahr der Belagerung und schrieb Verse, in denen die Güte triumphiert, in denen der „Akt gefesselter Hände“ verherrlicht wird, die Pracht des Mangels im Angesicht des Todes. Sein ironischer Ton ging verloren und verwandelte sich in eine Art Frömmigkeit und Reue. Im Buch Handschrift aus Sarajevo, sagt Jasmina Lukic, „wird die Stimme desjenigen wahrnehmbar, der nicht damit einverstanden ist, dass er höher oder niedriger taxiert wird, statt ihn als das zu definieren, was er ist: ein Mann, allein, mit einem Namen und nur einem einzigartigen Leben im Chaos des Krieges“. Diese neue „Beschreibung“ der Realität bei Tontic ist auch der Anfang einer Poetik der Verzweiflung und Resignation über die Welt und den Menschen, der, wie der Dichter in einem Gespräch sagte, ein „kosmischer Exzess“ sei, „eine Spezies, die sich selbst zerstört“. Die Erfahrung eines serbischen Dichters in einer Stadt, die unaufhörlich von der serbischen (Para-)Armee mit Granaten beschossen wird, hat jedoch auch eine andere, weniger romantische Seite. Folgendes bezeugt der Dichter über diesen Kreuzigungszustand in seinem essayistischen Text „Kriegs-Antikriegs-Brief“:

„Als mir bald klar wurde, dass diese Hölle, in der wir gelandet sind, andauern würde, und dass auch ich selbst ein ziemlich sicherer Kandidat für den Tod war (so wie jeder Bürger Sarajevos und, wenn Sie erlauben, als Serbe noch ein bisschen sicherer), musste ich in irgendeiner Weise mein Verstummen, meine absolute Hoffnungslosigkeit überwinden. Das heißt – versuchen, über sie Zeugnis abzulegen. Mindestens das, mindestens so viel. Wenigstens, um eine klare menschliche und dichterische Spur zu hinterlassen. Damit jeder – wenn ich nicht mehr unter den Lebenden weile – sehen kann, wie ich mich am ,schrecklichen Ort‘ verhalten habe. Als Mensch oder als menschlicher Lumpen, als Dichter oder als Lobgesang mörderischer Heldentaten. Als Persönlichkeit, die den Kern ihrer Menschlichkeit und ihrer Sprache (doch unzerstörbar!) verteidigte, oder als Verräter an seinen Freunden und an sich selbst, als Verräter am Schönsten in uns. Als ehrlicher und glaubwürdiger Zeuge der Schrecken und dieses ganzen Menschheitsdramas in höllischer Erpressung und Todesbedrohung, oder als Lügner und verkaufte Seele, als letzter propagandistisch verwertbarer Wicht.“

Im belagerten Sarajevo veröffentlichte Tontic im Juni 1992 in der neu aufgelegten Zeitschrift Zemlja einen Artikel mit der Überschrift „Serbe sein“, der Missverständnisse und Zorn bei seinen besten Freunden auslösen und eine bezeichnende Verurteilung des Autors heraufbeschwören sollte. In diesem Text spricht er über Schicksal und Fluch nationaler Zugehörigkeit, tritt aber dafür ein, dass keinerlei Verbrechen auf dem Rücken der Gemeinschaft lasten dürfe. Von seinen Nachbarn als Kollaborateur verdächtigt und von den eigenen Landsleuten zum Verräter erklärt, appelliert er an die Liebe, wohl wissend, dass die Macht der Worte in unruhigen Zeiten nur ein Mittel zur Rettung der eigenen Seele ist. Er sagt in seinem Text, dass die Todsünde und das Versagen der serbischen Politik ein Pakt mit Hochmut und brutaler Gewalt seien, verkörpert durch die Jugoslawische Volksarmee (JNA). Er verurteilt den serbischen Militarismus, analysiert aber auch das Versagen der bosniakischen Politik, erwähnt die Schikanen seiner Landsleute, die in der Stadt geblieben sind und kommt zu dem Schluss: „Ja, es ist wirklich schwierig, ein Serbe zu sein, meine Herren Serben. Erst recht in Sarajevo. Aber es ist immer noch am schwersten, ein Mensch zu sein. Und das ist das Einzige, was Sie tun müssen. Wie sterben. Und jeder Mann – sofern ihm dies vergönnt ist – kann anständig leben und sterben und als – Serbe.“

„Logisch: Ich wurde als Verräter angegriffen und verleumdet, als Diener der muslimischen Regierung in Sarajevo, kein Serbe und dergleichen. Auf der anderen Seite, für die ich eine Art „Dennoch-Serbe“ geblieben war, wurde ich sogar von Freunden als Verteidiger der Cetniks und der Cetnitet (oder Republika Srpska) verleumdet, kein bosnischer Patriot und so weiter. In ähnlicher Weise wurden auch alle anderen (aus allen drei Welten, Völker-Lagern) angegriffen und beschuldigt, die sich nicht als Trompeter des Hasses und Propagandisten des Krieges anheuern ließen; eines Krieges als mächtigstes Mittel der Rassenhygiene, als Mittel der radikalen (in einem Blutmeer) moralischen Wiedergeburt der Nation“, sagt er in dem oben genannten Essay und betont, dass die freiwillige Vertreibung oder das Exil die einzige Rettung sei.

Seine nächste Phase wurde von der Erfahrung des Exils bestimmt, dem „Segen des Exils“, wo sich der Dichter in einer Oase und an einem vor den Schergen sicheren Zufluchtsort seiner Nostalgie und Trauer um die verlorene Geliebte und um die Heimat hingab. Besonders berührend und großartig sind Tontics Liebeselegien, in denen er schreibt, dass er seine Geliebte „von den Schlachtplätzen“ fort trägt, und wehklagt, denn „sie haben mich von Jener getrennt, die ich atme; Todeslieder stottere ich, ohne meinen Himmel und ohne Gestalt“. Im Exil erkannte er, wie unterschiedlich sich die Erfahrungen der Geflüchteten und derjenigen, die in der Heimat geblieben waren, darstellten:

„Ein Mann mit enormer Kriegserfahrung und ein Mann, der den Krieg nicht gekostet hat – sie sind zwei verschiedene Wesen. Wesen, die einander kaum verstehen können, nie voll und ganz und nie bis zum Ende. Das Erlebnis der Kriegsgräuel verändert unsere Grundvorstellungen von der Gesellschaft und vom Menschen, von uns selbst, es stellt das gesamte ,Weltbild‘ auf den Kopf, das in einer Zeit des Friedens und naiver Zukunftsprojektionen errichtet wurde. In der Tollwut eines organisierten, mörderischen, alles zerstörenden Wahnsinns zerfällt all das sofort zu Staub und Asche. Dann gilt es, nicht nur das nackte Leben, sondern auch den Lebenswillen zu bewahren, Geist und Sprache gegen völlige Lähmung und tödliche Hoffnungslosigkeit zu verteidigen. Und das Wichtigste: die eigene Seele nicht an den Teufel zu verkaufen. In absoluter Hoffnungslosigkeit kann man nicht denken und nicht einmal schreiben. Nicht träumen, nicht lieben, nicht singen, nicht atmen.“

Im Exil, dem Paradies seiner Hölle, um mit einer Ujevic-Metapher zu sprechen – ist der Dichter damit konfrontiert, vor einer Wüste zu stehen. Die Welt, die ihm Zuflucht bot, ist nicht seine Welt.

Obwohl er sich als Dichter auch auf Deutsch behauptete, der Sprache seines Exils, wo er eine Reihe bemerkenswerter und von dortigen Kritikern hochgelobter Bücher veröffentlichte sowie mehrere sehr angesehene Literaturauszeichnungen erlangte, träumte er unaufhörlich davon, zu seiner Sprache zurückzukehren, in das Haus seines Kampfes: „Wozu das Leben, wenn ich ein Dichter bin, dem sie die Sprache wegnehmen und vernichten? In der Sprache liegt der Kern, die ganze Kraft und das gesamte Kapital meines zerbrechlichen, noch zu Lebzeiten entwerteten, gleichsam ermordeten Wesens. Und zwar nicht in der Sprache als praktischem Mittel zur Verständigung und Erhaltung der Existenz, sondern in der Sprache als Medium der wahrsten und edelsten, überdies testamentarischen Weisungen und Offenbarungen des Geistes. Der Sprache als bester, sicherster Hüter der gesamten menschlichen Inkarnation in Schönheit, Wahrheit, aber auch im Schrecken des Daseins, als Zeuge jedes bedeutenden Augenblicks aus Leben und Tod, für alle Zeiten.“

So wurde seine Poesie von einer deutschen Zeitung bewertet: „Mag sein, dass diese Strophen auch durch den Kontrast zu der zuvor blutleeren poetischen Umgebung Deutschlands an Durchdringung gewinnen, wo sie wie einsame Felsblöcke wirken, fast unheimlich in ihrer Düsterheit. Darin sind sie der Dichtkunst Paul Celans verwandt, ihrer Tiefe und dunklen Melancholie. Es kommt selten vor, dass uns Gedichte schon beim ersten Lesen im wahrsten Sinne des Wortes erschüttern. Tontic gelingt diese Meisterschaft mit leichter Hand“ (Berliner Morgenpost, 1998).

Ende 2001 verließ Tontic Deutschland nach neun Jahren und ging nach Sarajevo zurück. Diesmal steckte er wie alle Rückkehrer dauerhaft zwischen zwei Welten fest. Unmittelbar nach seiner Rückkehr sagte er mir in einem Interview mit BH Dani, dass er zum Zeitpunkt seiner Abreise nicht geglaubt hatte, jemals wiederzukommen. „Allerdings habe ich nie öffentlich gesagt, dass ich nie zurückkehren würde, weil mir eine solche Aussage etwas unhöflich erschien. Aber in der Stunde, als ich aus dem Höllenkreis herauskam, war ich bereit, nach Grönland oder in die Wüste Gobi zu gehen, nur um Frieden und halbwegs Sicherheit vor zügellosen Landsleuten zu finden – Kriegern, die in den Wahnsinn totaler Verfolgung eingespannt waren und alles niedermetzelten, was nicht auf ,unserer‘ Seite war“. 2014 zog er nach Novi Sad und das war sein letzter irdischer Umzug.

Bei der Nachricht seines Todes erinnerte ich mich an sein Gedicht Grab, das ich hier vollständig wiedergebe:

Auf einem Plateau, bitte

auf einem Plateau,

in klarer Erde,

im geklärten Sternbild.

Im Niemandsland

in klangvoller Leere,

rein von Heimat,

rein von Geschichte.

In Zweiheit mit Jener

die ich liebte

solang ich hier war –

in unerträglicher Freude der Zweisamkeit.

In einem Kristall ohne Namen,

ohne Eigentum.

Zwei Eisberge

in einer Eiskluft

unterm blauen Himmelstuch.

Im klaren Sternenfeuer. Im Abgrund.

Uns gehörend. Ganz bei uns.

Ins Deutsche übersetzt von Cornelia Marks

Bücher von Stevan Tontic im Leipziger Literaturverlag:

Meine Zeit leise

Des Alltags Zeiger tickt sein leise Allegretto

auf weichen Bogen legt der Geiger ruhig seine Hand,

spielt Takt für Takt, spielt wiederholt Punktierte,

streicht zart die Fingerkuppen über rot-braunen Lack.

Übt Sequenzen, stündlich, übt Tonleitern minutiös.

Ordnet langsam Dreiklänge, Frequenzen.

Ängstlich folgt er dem schlagenden Puls,

ein stiller Sonnenstrahl erhellt das Rondell.

Nicht lesbar mehr ist die Sunde, die schnell

immer leiser vergeht, dann vernimmt er nur

noch ein Klopfen, das ihn narrt und folgt

den letzten Klängen, die nicht greifbar erklingen,

zu diffus, um in nahen Korridoren und Gängen

der Sille Drängen zu folgen. Und plötzlich

erklingt im Holz, im Echoklang, im Widerhall

ein Holzwurm, der das Klopfen bang dirigiert.

erst kommen die versteppungen dann die verwüstungen

die spielenden augen der kinder
das gras war schon fort

das zittern in der stimme
kommt von den einschlägen
erklärt er uns
in der stadt wächst die angst


fluchtgedanken nur wenige
wollen bleiben und sterben

es ist ein bisschen wie früher
im winterkrieg
nur dass der schnee langsam taut
die angreifer einmal brüder und schwestern waren

der wald bietet keine
verstecke mehr

sagt er uns und wendet den blick
zu boden
der einmal muttererde hieß
und alle ernährte

wir könnten singen schlägt er uns vor
aber das hilft nicht gegen sterben

und auf einmal singen wir
vom himmel über den kornfeldern
von den kosaken
die ihre mädchen verließen

falken flogen über die dörfer
und schlugen tauben

schöne hinter den bergen hinter dem meer
leuchtet die freiheit
und die augen der kinder spielen weiter
mit dem lange verschwundenen gras

Drehpunkt im endlosen Meer

Nur den Abschied im Blick gehabt,

viel zu lange.

Zeit floss dahin, umfloss den Felsblock mitten im Strom.

Mitte hat keine Ausdehnung. Hätte sie eine, gäbe es die rechte, die linke, die obere, die untere, die vordere und die hintere Mitte.

Der Strom fließt von Pol zu Pol. Brächte man die Pole zusammen, erstürbe Bewegung.

Rasender Stillstand:  erstorbenes Drehmoment einer dimensionslosen Kugel.

Doch Kraft beschleunigt Dinge stets  linear.

Herz umhüllt Mitte, wird zu ihrem Abbild. Es gleicht, ohne selbst zu sein.

Schläge markieren Dauer, erschaffen Umgrenzung.

Grenzland bleibt Drehpunkt im endlosen Meer gleich gültiger Begehrlichkeiten.

die wanderbewegungen des todes

stimmen wandern
und die tiere ihnen voraus

die auf einer bahre getragene
stimme des todes
durch das tor betrat sie die stadt
ging betteln in allen straßen
bis die menschen ihr gaben
alles geld allen reichtum alles glück der welt

aus dem land der löwen
zogen löwenmenschen nach norden
in kalksteinhöhlen in einem kalten land
zu den bären und tigern
den rehen hirschen und eisvögeln
jagten sie den schnee

in die weiche haut des todes
sinken stimmen

Geising

Die Häuschen in der Talsohle

Werden überragt von Gebäuden : die einst

Das Wohnungsbaukombinat Cottbus

Errichtete : Jungpioniere

Aus dem Norden kehren im hohen Süden

Ein : an der Bergscheide des Zinnwalds

Sich paarweise hochziehen

Zu lassen : die Füße im Schnee

Bewaffnet mit Brettern : die Spaß

Bedeuten : von oben hinab

Sausen wir : bis ich dich aus den Augen

Verliere : kleiner roter Punkt

In der Landschaft : der zum Pünktchen

Wird : da sause ich hinterher 

Unten treffen wir uns wieder : um wieder

Von vorn zu beginnen : bis die Fichten

Den Schnee abschütteln wie fleckige

Hunde : unterm Schnee die Kuhweide

Hervorblinzelt : patschig zertreten

Auch das Glitschgeräusch bereitet dir Spaß

Und du bewirfst mich mit Bällen aus Matsch 

Mit der Pudelmütze um 14 Uhr 12

Hallo. Mein Name ist Walter Thümler. Ich bin Schriftsteller. Wieder ein paar Bemerkungen.

„Mein Kind, du kannst leider zum Geburtstag deiner Mutter nicht kom­men. Du weißt, du bist unge­impft. Deine Onkel und Tanten haben Angst, mit dir in der Runde zu sitzen.“

„Aber ich könnte ei­nen Test machen. Dann wären wir auf der sicheren Sei­te.“

„Ja, wenn es nach deiner Mutter und mir ginge, kein Problem. Die ande­ren Gäste finden das jedoch zu gefährlich. Sie lassen keine Unge­impften mehr ins Haus und gehen auch nirgends mehr hin, wo solche sind. Komm doch ein paar Tage später. Dann sind wir al­lein und niemand muss sich fürchten.“

„Aber Mutter wird nur einmal siebzig. Und bei der großen Feier darf ich nicht dabei sein?“

„Wenn du kommst, kommen die andern nicht, verstehst du? Wir planen mit dreißig Gästen.“ „Aber ich bin doch kerngesund und mache euch zu­liebe sogar einen Test.“

„Geht nicht. Alle wollen nur unter Geimpften feiern. Auch versteht keiner, warum du dich nicht impfen lässt. Also, wenn du kommst, kommen die an­dern nicht.“

Das kann auch so aussehen:

Ungeimpfte Angehörige dürfen ihre Familienmitglieder nicht im Kranken­haus besuchen.

Alte werden akut dement infolge von Vereinsamung und sterben ohne jede Begleitung in Pflegehei­men. Es herrscht Besuchsverbot.

Enkelkinder dürfen Oma und Opa nicht sehen.

Nachbarn werden nicht ins Haus gelassen.

Freunde begrüßen sich auf zwei Meter Abstand mit einem Nicken.

Sportler dürfen nicht mehr mit ihren Vereinskollegen trainieren.

Es darf nicht und nirgends gefeiert werden, wenn Ungeimpfte dabei sind, oder maximal zu dritt.

Das alles, weil man die Nachricht verbreitet, dass eine Beulenpest oder mindestens Pocken sich pande­misch verbreiten. Die Leute fallen auf der Straße tot um oder sterben an Ersticken. Nur: Alle, in Dorf und Stadt, sind gesund. Auch kennt niemand jemanden, der an dieser mysteriö­sen Seuche gestorben ist. Und wenn er doch jemanden kennt, dann war die­ser neun­undachtzig und hatte zahl­reiche Vorerkrankungen. Und dann ist auch nicht sicher, ob er an oder mit der Seuche gestorben ist. Das will anscheinend keiner so genau wissen. Wenn wirklich jemand daran erkrankt ist, hatte er ein bisschen Fieber, Schüttelfrost und Husten und war nach ein paar Tagen wieder gesund.

Muss ich etwas glauben, was ich nicht sehe? Habe ich kein Recht auf ver­nunftgestütztes Verstehen? Kein Recht auf meine eigene Erfahrung?

Aber wenn die Wissenschaft sagt, dass es so ist …

so wie der Theologe, ja die Universität von Paris gesagt hat, dass diese Frau eine Hexe ist …

so wie der Rassenforscher, ja, die bedeutendsten, gesagt haben, dass es hö­her- und minderwertigere Rassen gibt …

so wie der Virologe, ja, die Mehrzahl weltweit, gesagt haben, dass dieses Virus die meisten von uns umbringt …

Die Szene kann auch so aussehen:

Freunde wollen Freunde zum Advent einladen.

„Habt ihr Lust auf selbstgebackene Spe­kulatius und Glühwein?“

„Ja, schon, wir würden gern kommen, aber wir haben Angst, dass wir euch anstecken. Und da ihr ungeimpft seid, wäre das zu gefährlich für euch. Wie ihr wisst, können wir als Geimpfte euch trotzdem anstecken.“

„Ja, okay, aber wir haben keine Angst vor dieser Krankheit. Für die meis­ten ist sie harmlos. Wenn dem nicht so wäre, würden wir das Risiko nicht eingehen. Darum, achtet einfach unsere Entscheidung und kommt vorbei. Wir freuen uns.“

„Nein, das geht gegen unsere Überzeugung. Ihr kennt unsere Haltung. Au­ßerdem haben wir Verwandte, die wir nicht anstecken wollen.“

„Aber ihr seid doch geimpft“.

„Ja, aber wir wollen kein Risiko eingehen und darum meiden wir Kon­takte zu Ungeimpften, auch wenn diese zu unseren nahen Freunden gehören. Wenn alles vorbei ist, sehen wir uns sofort.“

„Dank der Impfung bekommt ihr aber maximal einen Schnupfen, wenn ihr euch ansteckt.“

„So heißt es, aber man kann nicht sicher sein. Wir und ihr könnten ster­ben.“

„In un­serer Altersgruppe stirbt nie­mand oder nicht einmal eine Promille an diesem Virus. Also, kommt vorbei, sagen wir auf den drit­ten Advent zu le­cker Glühwein und Spekulatius!“

„Nein, bitte ver­steht. Das machen wir später. Ver­sprochen.“

„Wann soll das sein? In einem Jahr?“

Wer ist verantwortlich, dass solche Ängste so viele Menschen beherrschen, wer ist verantwortlich für diese menschenverachtenden Einreden, für Pa­nikmache ohne Evidenz? Wen können, wen müssen wir vor Gericht zerren? Wer hat diese denunzierende, vorverurteilende, angstmachende und in Gefang­enschaft nehmende Rede vom bösen, bösen Virus, das jeder ausatmet, verbreitet, Rede, die Freundschaften und Fa­milien zer­stört, Ver­eine und Kollegschaf­ten? Wenn das Virus so gefährlich wäre und wir schreiend aus den Häusern liefen, bei den Ärzten im Flur kauerten, wir die Forscher um Impfstoff an­flehten, dann würde jeder gern Abstand halten und Kontakte meiden.

Die Szene kann auch so aussehen

Der Vater eines Sohnes fragt eine Freundin, ob sein Sohn für ein paar Tage bei ihr wohnen könne. Er habe beruflich in Köln zu tun. „Ja“ antwortet diese, „kein Problem. Wir haben Platz genug.“ Eine halbe Stunde später ruft sie zurück: „Markus ist doch geimpft oder?“ „Nein, warum?“ frage ich. „Ja, dann geht es leider nicht.“

Wieder die Frage, wer ist verantwortlich, dass wir uns voreinander fürch­ten, wir uns isolieren, unseren selbständigen Erwerb aufgeben müssen, wir nicht mehr feiern dürfen, wir den Mitmenschen als Todesboten se­hen? „Aber man sorgt sich doch nur um unsere Gesundheit“ schallt es aus den Medienkästen. Wir antworten: „Wir sind gesund, eure sinnfreien Restriktio­nen und Einreden machen uns krank. Was habt ihr vor, die ihr die Angst-Nebel-Maschine täglich neu anwerft? Ihr befehlt nicht nachvoll­ziehbare, zu tiefst vernunftwidrige Sachen: Ein Kellner darf mit Test in sei­nem Restaurant arbeiten, aber darf dort nicht Es­sen gehen. Dann könnt ihr auch befehlen: „Um 14 Uhr 12 alle mit Pudelmütze vor der Haustür stehen!“ Das würden die meisten sogar machen. Sie würden alles tun, was ihnen die ge­schürte Angst nimmt und ihnen ihre Zugehörigkeit versichert. Es ist aber entwürdigend, etwas Vernunft­widriges zu befolgen. Ich spare als Vierzehnjähriger auch nicht für meine Bestattung. Weil drei von zehntausend über achtzig Jährige an diesem Virus sterben können, soll ich mit vierzehn von meinem Taschen­geld etwas für meine Bestattung zurück­legen? Ihr Einredner, ihr Angst- und Panikmacher, das tut ihr nicht unge­straft, das werdet ihr nicht ungestraft getan haben.

Ihr habt uns die ganze Zeit belogen mit falschen Tests, falschen Zahlen, Krankenhausbelegungen usw. „Aber unsere Wissenschaftler haben doch gesagt…“, werdet ihr antworten. Ihr habt nur jene gehört, die eure Absich­ten gestützt haben. Die andern habt ihr vom Hof gejagt.

Die Szene kann auch so aussehen

„Was sagst du, mich darf ab Montag keiner mehr besuchen?“

„Ja, Mutter, das ist eine neue Bestim­mung. Es dürfen auf unbestimmte Zeit keine Besucher mehr ins Pflegeheim. Man hat Angst, dass diese das ge­fährliche Virus einschleppen und ihr alle sterben müsst.“

„Aber wie soll ich das über­stehen? Du kommst doch alle zwei Tage. Davon lebe ich. Das ist meine einzige Freude und Ab­wechslung noch. Lie­ber sterbe ich an dem Virus, als hier langsam kaputt zu gehen. Wie kann man auf so eine Idee kommen? Außerdem sehe ich doch niemanden außer Arzt und Schwestern. Kann gar nicht aus meinem Bett. Dann bin ich ab jetzt in einem Gefängnis, oder?“ „Nein, sie haben nur Angst um dich. Du hast zu wenig Abwehrkräfte.“

„Wenn ich aber lieber sterben will? Du musst unbedingt kommen. Und wenn du dich nachts durchs Fenster schleichst. Ich sorge dafür, dass du reinkommst. O weh, man will mich zu Tode quälen! Haben die jedes Mit­gefühl und Maß vergessen? Bitte, versprich mir, dass du mich nicht allein lässt.“

„Ja, ich werde alles versuchen. Aber sie werden sicher streng sein. Ich ver­stehe nicht, warum ich keine Maske aufsetzen kann, oder warum es kei­ne Plexi­glasscheibe wie im Supermarkt zur Abtrennung gibt.“

„Kind, ich bin fast neunzig. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Lieber ster­be ich an dem Virus als an Einsamkeit zugrunde zu gehen. Hörst du, ich möchte nicht alleine sterben. Versprich mir, dass du bei mir bleibst, irgend­wie.“

Aber draußen ist nicht nur die Tochter, dort sind auch die Akteure der un­gerechten Umverteilung. Die Umbrecher von Wirtschaft und sozialem Le­ben. Die Konstrukteure massiver Inflation, die Ver­käufer von Land und Leuten. Sie haben ein Schattenreich gebildet, darin die Monopolindustrie alles umbauen und sich zügellos bereichern kann. Hört her, ihr Verantwort­lichen. Ihr habt Misstrauen ge­sät, Denunzianten herangebildet, ihr habt Millionen von Menschen, die sich nicht zu Probanden für eure Impfstoffe machen lassen wollten, geknebelt und in die Isolation geschickt. Ihr habt den Staat missbraucht. Ihr habt Leben zerstört, die ihr zu ret­ten vorgabt. Und ihr, die klei­nen Angestellten dieser Agenda in Gesundheits- und Ord­nungsämtern, bei Polizei und Gerichten, versucht nicht, euch wieder zu verstecken hinter Befehlsnotstand und Weisungsge­bundenheit, wie es jeder feige Mitläufer in totalitären Systemen tut. Sagt nicht wieder, wir konnten ja nicht anders. Das werden wir euch nicht abnehmen.

Ihr aber, ihr Initiatoren, ihr Erstverantwortlichen, wart maßlos im Ausagie­ren eurer bürokratischen Gewalt, wart hasserfüllt gegen die Skeptiker und Zweifler und habt die Mehr­heit auf sie gehetzt. Aber ihr werdet sagen: „Das Virus war schuld. Haben wir euch nicht toll be­schützt?“ „Nein, habt ihr nicht.“ „Wie, ohne unsere Maßnahmen hätte es das Dreifache an Toten ge­geben!“ Da werdet ihr von anderen Ländern Lügen gestraft. Eure Maß­nahmen waren so, wie wenn eine Mutter ihr Baby mit drei Windeln gleich­zeitig wickelt und es in den Keller sperrt. Ihr habt euch im Restrikti­ons-Exzess gefallen und et­liche Menschen in ihrer wirtschaftlichen Exis­tenz zerstört, habt uns Jahre unseres Lebens gestohlen. Ihr habt beispiellos die Kinder gequält, schließlich sie sogar mit eurem experimentel­len Stoff ges­pritzt. Habt un­zählige Menschen in Selbstmord und Depressi­on getrieben, habt Familien zerrüttet, indem er sie alle in eine Wohnung sperrtet. Ihr ver­hängtet vollends sinnfreie Ausgangssperren. Ihr kann­tet nur Verbote und wusstet nichts abzuwägen. Alles über einen Kamm scheren, das war euer Programm. Mitten in eurer Pandemie fandet ihr es angezeigt, die Kranken­hausbetten zu reduzieren und Personal in Kurzarbeit zu schicken. Die Pfleger und Krankenschwestern waren so überfordert, dass sie von der Arbeit fliehen mussten oder dahin nicht mehr zurückkehrten. Ihr habt un­sere Steuergelder ver­prasst und nutzlo­se experimentelle gefährliche soge­nannte Impfstoffe an uns ausprobiert, von deren Langzeitfolgen, ja, nicht einmal Kurzzeitfolgen ihr nichts wusstet und wofür die Her­steller nicht haften. Ihr habt euch von der pharma­zeutischen Industrie zum Goldesel machen lassen. Was habt ihr eigentlich richtig gemacht? Ich gebe die Frage weiter an den Gerichtshof für Men­schenrechte in Den Haag.

Walter Thümler, Februar 2022

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Das Pferd ist eine Kuh

Der unbändige Wille verzaubert zu werden oder der Wille zum Wahn

Hallo. Mein Name ist Walter Thümler. Ich bin Schriftsteller. Ein paar Be­merkungen.

Verzauberung ist normalhin Auftrag von Schönheit. Aber dahin ist der Weg weit. Es gibt Abkürzun­gen: Die eine ist der Kitsch und die andere der Wahn. Wahn und Kitsch schließen sich in aller Regel miteinander kurz.

Nicht man selbst sein wollen .. das macht den Wahn und den Kitsch mög­lich. Der Raum, darin der Wahn operiert, ist das Imaginäre. Darin leben wir jetzt seit zwei Jah­ren. Mal wieder.

Der Wahn führt zur folgenreichen Umfälschung der Wirklichkeit. Im aktu­ellen Fall wird aus einem gesunden Menschen ein Kranker, ein Infektiöser, ein Gefährder. Der Wahn webt ein Gespinst, das in sich zwingend logisch ist, aber einen zutiefst unlogi­schen Bezugspunkt hat. Im Wahn glaube ich, dass das Pferd, das vor mir steht, eine Kuh ist. So hat’s doch in der Zeitung gestanden. Jetzt erleidet das Pferd das Schicksal einer Kuh. Man will das Pferd melken, aber findet kein Euter. Man bleibt trotzdem bei der Behaup­tung: Das Pferd ist eine Kuh. Schließlich wird das Pferd als Kuh ge­schlachtet. Man kann aus dieser Vertauschung nicht zurück. Will es auch nicht. An­ders wäre die Wirklich­keit wieder die Wirklichkeit, und ich müss­te wieder ich selbst sein.

Um aus diesem Wahn nicht herauszufallen, da die Wirklichkeit sich auf­drängt, muss ich ihn pfle­gen. Für diese Pflege bedürfen wir der Zauber­künstler: Der Leitmedien. Worin besteht unser Wahn konkret: Wir haben uns einreden lassen gegen alle Wahr­nehmung und besseres Wissen und vernünf­tiger Überlegung, dass eine Virus-Erkran­kung, mit einer Letalität von 0,2 %, 99 % der Menschen tö­tet. Darum müssen wir alle schützen, einsperren, schließlich impfen. Unser Wahn begrüßt die Injek­tion als eine Art Sakrament. Die Injektion stärkt unseren Glauben, dass das Pferd die Kuh ist. Jetzt befinden wir uns im logischen Teufelskreis: Die Medien-Er­zählung vom Pferd als Kuh und mein Empfang der Injektion machen mei­ne imaginäre Welt vollkommen. Welt, die inzwischen die Welt der meisten geworden ist. Jeder auf dem Schlachthof lässt sich gern überzeugen, dass das Pferd eine Kuh ist. Erzielt er dadurch doch Gewinne. Außerdem sieht er’s ja täglich im Fernsehen. Pfer­de sind jetzt Kühe, was aber nicht heißt, dass Kühe Pferde sind.

Der Wahn – in dessen Deckung werden umfassende gesellschaftliche Um­brüche möglich -, dieser Wahn liefert uns und alle unsere Anstrengungen aufgrund der Umfälschung von Wirklichkeit an falsche Adressen aus. Ge­sunde heißen jetzt symptomlose Infektiöse. Darum dürfen sie nicht mehr am öffentlichen Le­ben teilnehmen. Klammer auf: Dunkelhäutige dürfen nicht in den Bus. Ju­den dürfen nicht auf der Park­bank sitzen. Frauen keine Kräuter mischen. Klammer zu. Der Wahn ist eine pseudo-religiöse Aufla­dung. Darum ist der wahnbestimmte Mensch durch Vernunft kaum an­sprechbar, ist unbelehrbar und zu jedem widersinnig­en Handeln bereit, läuft mit Mund-Nasen-Bede­ckung durch den Wald oder fährt damit Fahrrad, lässt sein Kind mit eben dieser Bedeckung am Strand spie­len. Untergehen­de Systeme verenden im Wahn. Jeder Akteur der Umfäl­schung macht sich schul­dig.

Der Wahn gründet stets auf einer Vertrauenskrise. Eine Gesellschaft, die da, wo Vertrau­en gefordert ist, Kontrolle setzt, verliert den Halt, verwan­delt ge­wünschte zwischenmenschliche Nähe in Abstoßung. Da kommt ein ansteckendes Virus gerade recht. Also Abstandhalten, Nicht-Um­armen, kein Händeschütteln. Keine Feiern. Am besten sich isolieren. Jetzt hat die Angst leichtes Spiel. Die wichtigen ver­trauensbildenden Maßnah­men blei­ben aus. Stattdessen operieren wir – daran sind wir schon lange gewöhnt – mit Überwachungskameras und Bewegungsmeldern. Warn-Ap­ps verraten uns im Umkreis von Kilometern die Anwesenheit von Infizierten und be­stimmt bald auch von Ungeimpften, natürlich aber von Triebtätern.Wir schnüren uns zu einem Angstpaket zusammen. Der Wahn findet rei­che Beute. Das Imaginäre hat gesiegt. Die Verzauberung schreitet voran.

Natürlich repräsentiert der Wahn stets ein Tüpfelchen Wirklichkeit: Das Pferd und die Kuh ha­ben beide vier Beine, der Virus-Erkrankte kann ster­ben (0,2 %) usw. Unser Problem ist der Wille zum Wahn. Oder anders her­um: Warum hassen wir die Wirk­lichkeit? Warum wollen wir uns entlas­sen in ein totalitäres Denken und Fühlen, das da heißt: Die gesamte Weltbevöl­kerung muss geimpft werden. Das hat man schon ir­gendwie gehört: Die gesamte Weltbevölkerung muss kommunistisch werden. Die gesamte Weltbe­völkerung muss nationalsozialistisch werden. Das Vertauschungs­spiel wäre je­dem gerne gegönnt, wenn es nicht am Ende zu einer große Zahl von Op­fern führte. Erhält eine am Wahn erkrankte Ge­sellschaft nur durch Krieg oder äußerste Not ihre Freiheit zurück? Fallen ihr erst dann die Schuppen von den Augen, will erst dann der Einzelne wieder er selbst sein?

Sicheres Zeichen der wahngeleiteten Tyrannis: Die Mehrheit geht gegen die Minder­heit vor. So et­was würde eine vernunftgeleitete Regierung nie tun. Sie würde sich um gesellschaftlichen Aus­gleich bemühen.

„Es ist aber eine gefährliche Seuche“, werden jene nicht müde, zu rufen, die statt des Pferdes die Kuh sehen (meinetwegen ein krankes Pferd oder eine kranke Kuh) und zerstören so Ökonomie und soziales Le­ben. Sie ha­ben sich eingeklinkt ins pseudo-religiöse ex­klusive und damit unsolidari­sche Wohlfühldogma. Man möch­te ih­nen zurufen: „Die Wirk­lichkeit ist gar nicht so schlimm. Im Gegenteil, sie birgt die Schönheit, das konkrete Leben und die Tür zum andern.“

Walter Thümler, Februar 2022

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