Jenem Zifferblatt, das mir gegenüberstand, fiel in dem Augenblick, als es mir etwas sehr Wichtiges mitteilen wollte, der kleine Zeiger aus dem Gesicht. Der große Zeiger wies auf Halb, doch ich wusste nicht, ob Halb drei, Halb acht, oder Halb zwölf oder eine andere Zeit gemeint war: Die wichtige Mitteilung habe ich nie erfahren.
Gegenüberstellung
Sie stehen in einer Reihe, und jeder hat eine andere Nase, einen anderen Mund, ein anderes Gesicht. Einer von ihnen muss der Täter sein. Der große Kommissar tritt mit dem Zeugen ein, der sich die Männer der Reihe nach genau ansieht.Dann schüttelt er den Kopf:
„Nein, der Täter trug einen Schnurrbart.“
Der Zeuge muss hinausgehen, den Männern aber klebt man je einen Schnurrbart an, auf dass der Zeuge den wahren Täter wieder erkenne. Zu welchem Zweck er wieder hereingebeten wird. Er schaut sich die Männer der Reihe nach genau an und stellt fest:
„Nein, so hat er nicht ausgesehen, der Täter trug eine Brille.“
Man schafft Brillen herbei, und der Zeuge muss ein zweites Mal den Raum verlassen.
Jedem Verdächtigen wird eine Brille aufgesetzt, dann darf der Zeuge wieder eintreten. Er schaut sich die Männer der Reihe nach genau an und ruft dann, vorwurfsvoll mit dem Zeigefinger auf den zweiten von links deutend, aus:
„Nein, nein, dieser da, der hat eine viel zu lange Nase!“
Die Tatverdächtigen werden abgeführt.Nachdem man bei dem Langnasigen eine Nasenkorrektur vorgenommen hat, führt man sie erneut dem Zeugen vor. Der schaut sie sich der Reihe nach genau an, betrachtet lange jeden einzelnen, schreitet die Reihe mehrmals auf und ab, bleibt stehen und kneift die Augen zusammen, um das genaue Bild des Täters aus seiner Erinnerung hervorzuholen.
„Es tut mir Leid, aber der Täter hatte ein blasseres Gesicht“, haucht er schließlich mit tiefem Bedauern in der Stimme und muss wieder abtreten.
Während er im Nebenzimmer wartet, pudert man die die verdächtigen Personen. Dann tritt der Zeuge wieder ein und begutachtet die gepuderten, bebrillten und beschnurrbarten Männer genauestens.Nachdem er den letzten unter die Lupe genommen hat, erhellt sich sein Gesicht vor Freude, er ist zufrieden.
„Ja!“, ruft es jubelnd aus ihm heraus, „jetzt stimmt es genau, so hat der Täter ausgesehen!“ „Dieser ist der Täter, und der da ist der Täter, und auch der nebenan ist er Täter, und jener dort ist auch der Täter!“, stellt er mit fröhlich hüpfendem Zeigefinger fest. Die Männer werden abgeführt und eingesperrt. Der große Kommissar notiert in seinem Taschenkalender am Donnerstag, dem 14. September: „Überfall im Bahnhofsviertel aufgeklärt.“
Es war nicht jener Tag
Es war nicht jener Tag, an dem es am Nachmittag zu regnen begann. Das Einmaleins hatte man uns schon beigebracht, aber nur bis Fünfmalsieben, die Lehrerin wusste nicht weiter oder es war verboten.
So glaubten wir, dass es Fünfmalacht nicht gibt und blieben auch weiterhin fest davon überzeugt.
An einem abgelegenen Bahnhof hat man uns am Bahnsteig abgestellt. Wir sollten auf einen Zug warten, wussten aber nicht auf welchen und wohin er fährt. Der Zug kam nicht.
Ein Geisterzug ohne Lokomotivführer fuhr vorbei. Nebelgesichter winkten uns mit langen weißen Schleifen aus den Waggon-Fenstern zu. Wir schauten ihnen nach, dann waren sie weg. Die Lehrerin sagte, »ein Zug ist vorbeigefahren«.
Es gab Kunstblumen am Bahnhofskiosk, Limonade und verblühte Zeitungen. Der Wind spielte mit der Möglichkeit von Regenwolken. Das Warten auf einen Zug und auf Regenwolken war festgenagelt. Ausgedorrte Maisfelder entlang der Bahnschienen, zwischen den Gleisen mit weißem Staub bestreutes Gras, Es wuchs hartnäckig aus dem Schotter.
Erweiterte Definition des Blickpunkts
Der Blickpunkt, der vom Standpunkt bestimmt wird, von dem aus man etwas sieht oder nicht sieht, ist jener Punkt, der in einer gepunkteten Landschaft überhaupt nicht auffällt. So gesehen ist es fast unmöglich, dass einer einen falschen Standpunkt hat, unübersichtlich jedoch die Unzahl der verschiedenen Blickpunkte und die sich daraus ergebenden Ansichten. Für jene, die ihre Ansichten im richtigen Augenblick preisgeben, gibt es schöne Aussichten, was einen Standpunkt vollständig ersetzen kann.
Der weiße Fleck
Sie standen mitten im Bildschirm, sie standen vor dem Fenster, gingen im Zimmer umher, von rechts nach links bis an den linken Rand oder von links nach rechts bis an die rechte Wand, sie sprachen, aber man konnte nicht mit ihnen reden, man konnte sie nur abrufen und andere kommen lassen, die auch von einem Rand zum anderen gingen. Sie machten viel Ulk und einige Witze, sie taten so, als freuten sie sich. Sie nippten an ihren Gläsern, andere zogen sich zurück und waren nicht mehr zu sehen, und jene, die blieben, verweigerten die Aufnahme eines Gesprächs DARÜBER, sie drückten sich davor, indem sie an Salzstangen knabberten, belegte Brote aßen oder sich die Hände waschen mussten.
In den Lexika und den Lehrbüchern, in denen ALLES stehen müsste, kann man ES auch nicht finden, eine Definition widerspricht der anderen, die Erklärungen neutralisieren sich gegenseitig. Anspielungen DARAUF fand ich einmal vor längerer Zeit in einer Zeile, ES war nur so nebenbei gestreift worden, ich weiß nicht mehr, welcher Verfasser diese Streifen in meiner Erinnerung verursacht hatte, verstand ES nicht ganz, hielt ES aber für wichtig.
Ich könnte ES nicht nennen, wenn man mich DANACH fragte, fand nirgendwo einen Namen DAFÜR. Meine Eltern hatten, DANACH gefragt, die Achseln gezuckt, die Lehrer zuckten sie auch, jeder zuckte die seinen, ein trauriges Achselzucken ging von Mann zu Mann, von Frau zu Frau, von Mann zu Frau, der Pfarrer wusste nur, was in der Bibel stand, das Achselzucken ging weiter von Kind zu Kind, von Kind zu Frau und von Kind zu Mann. Und als sie alle nur Frauen und Männer waren und es keine Kinder mehr gab, wollte keiner mehr etwas DAVON wissen und man zuckte nicht einmal mehr die Achseln, obwohl sie alle Achseln hatten. Sie sprechen noch immer über dies und jenes, aber nie DARÜBER – wenn ich nur wüsste WORÜBER!
Bahnhöfe einer Zugreisenden
Wenn sie in ihrem Zug sitze, der gar nicht ihr gehöre, sei der Bahnhof draußen nicht mehr wichtig, sinniert die Zugreisende. Sie heißt Beate und nennt sich „Zugreisende“, so als wäre sie die einzige Reisende in diesem Zug. Sie sei eigentlich nicht mehr da, obwohl der Zug noch nicht abgefahren ist. Sobald er anfahre, werde sie wieder woanders sein, bereits weit weg, in der Mitte zwischen Abgereist und Noch-nicht-angekommen.
Das geht ihr die ganze Zeit durch den Kopf, bis der Zug endlich anfährt. Sie denkt das nur so nebenbei, ohne ernstlich daran zu glauben. Sie denkt es nur als Metapher und weiß noch nichts von dem, was ihr bevorsteht. Sobald der Zug in einen Tunnel einfährt, spiegeln sich die Köpfe der Reisenden im Waggon-Fenster. Wenn die Landschaft wieder da ist, sind de Köpfe verschwunden. Beate ist eingeschlossen in einem Abteil mit einem schmächtigen jungen Mann, der ihr gegenüber sitzt, einen Hamburger isst und auf der Hemdbrust ein Abzeichen mit der Aufschrift "Atomkraft, nein danke" trägt. Und mit einem älteren Mann, der neben ihr sitzt und ein Buch liest. Und einer kräftig gebauten Frau in den mittleren Jahren, die auf der Flurseite sitzt, dem älteren Mann, der ein Buch liest, schräg gegenüber. Zwischen ihr und dem einen Hamburger verzehrenden jungen Mann mit dem Abzeichen "Atomkraft, nein, danke" ist ein leerer Platz. Die kräftig gebaute Frau in den mittleren Jahren sitzt breit und still, mit geschlossenen Augen, den Rücken gegen die Lehne gestemmt, eine braune Lederhandtasche auf ihrem Schoß fest umklammernd. Das Kinn fällt ihr auf die Brust, sie ist eingenickt. Nur ihre Hände sind wach geblieben und umklammern den vergoldeten Griff der Handtasche. Wie kann man nur schlafen und zugleich den Griff seiner Handtasche ganz fest umklammern? Ihre Finger sind dick, schlicht und unberingt. Sie bewegen sich ab und zu ganz leicht, so als versuchten sie, auf dem vergoldeten Griff Klavier zu spielen. Nach einer Viertelstunde entkrampfen sich die Hände der Frau, lösen sich vom Griff der Handtasche, fallen auseinander und auf die Armlehne links und rechts, wo sie wie abgelegte Handschuhe liegen bleiben. Die Handtasche hält ihr Gleichgewicht auf dem Schoß der Frau, deren Busen sich rhythmisch hebt und senkt, sie muss jetzt tief schlafen. Der junge Mann hat seinen Hamburger aufgegessen, lehnt sich zurück und betrachtet die fliehende Landschaft im Fenster. Beate ist nur mehr halb eingeschlossen, nur noch ein unwesentlicher, der diesseitige Teil von ihr sitzt am Fenster und schaut in die andere Richtung, als jene, in die der schmächtige junge Mann schaut, der soeben einen Hamburger verdrückt hat. Ihr wesentlicher, auswärtiger Teil eilt draußen vor dem Fenster der Landschaft entgegen, doch sie begegnen sich nie, ziehen aneinander vorbei, Beates wesentlicher Teil und die Landschaft. Wenn die Landschaft aber an einem Bahnhof stehenbleibt, bleibt auch ihr auswärtiger Teil am Bahnhof stehen. Er steht dann vor dem Waggon-Fenster auf dem Bahnsteig und kann sich nicht entscheiden, ob er hierbleiben oder weiterfahren soll. Die Bahnhöfe kommen den Fahrgästen einer nach dem anderen entgegen gefahren. Zuerst kommt der Bahnhof des älteren Mannes, der sein Büchlein bereits in der Jackentasche verstaut hat. Dann kommt der Bahnhof des jungen Mannes mit dem Abzeichen auf der Hemdbrust. Die Bahnhöfe kommen, und die Fahrgäste gehen. Inzwischen sind andere Fahrgäste eingestiegen, die sich vom Flur auf die benachbarten Abteile verteilt haben. Wo der Bahnhof der schlafenden Frau sein mag, kann Beate, die sich "die Zugreisende" nennt, nicht beurteilen, sie vermutet ihn weit hinter ihrem. "Eigentlich besitze ich gar keinen Bahnhof", sagt sie sich, »jener Teil von mir, der im Abteil sitzt, redet nur dummes Zeug«: Das behauptet jedenfalls ihr auswärtiger Teil, der hinter der Fensterscheibe. Beide Teile verstummen, als die Schiebetür des Abteils mit einem dumpfen Anschlag aufgeht, und ein neuer Fahrgast hereintritt. Ein kleinwüchsiger, vollschlanker bebrillter Mann in den mittleren Jahren mit einem schwarzen Lederkoffer in der linken Hand: "´Tag, ist hier noch was frei?" Da der diesseitige Teil der Zugreisenden nicht sogleich antwortet, zeigt der kleine Mann mit einem kurzen Zeigefinger auf den Fensterplatz, auf dem der junge Mann mit dem Abzeichen gesessen hat: "Hier?" "Ja", antwortet schlicht Beates diesseitiger Teil, jener, der den Mann als "vollschlank" bezeichnet hat. Der auswärtige Teil denkt: "fetter Arsch". Der kleine Mann streckt sich mit dem hoch gehobenem Koffer an die Ablage heran, und es gelingt ihm tatsächlich, die Kante seines Koffers auf die Gepäckablage zu hieven. Dann schiebt er mit den Fingerspitzen den Koffer an die Wand. Geschafft! Mit einem stolzen Lächeln nickt er Beate zu, bevor er seine Hosenbeine über den Knien mit den Fingerspitzen hochzieht und sich umständlich hinsetzt. Nun sitzt er, ist zufrieden und nickt ihr noch einmal zu, so als erwartete er Beifall dafür, dass er nun so gemütlich sitzt. Beate verweigert ihm den Beifall. Ihr auswärtiger Teil hat den neuen Fahrgast die ganze Zeit argwöhnisch beobachtet. Nun hat auch ihr diesseitiger Teil bereits gemerkt, dass der neue Fahrgast dabei ist, ein Gespräch in die Wege zu leiten. Und tatsächlich: Nachdem er einen verstohlenen Blick auf die schlafende Frau geworfen hat, beugt er sich etwas vor und flüstert der Zugreisenden, die in Wirklichkeit Beate heißt, zu: "Sehr warm da drinnen." Der diesseitige Teil der Zugreisenden hat nun die Regie übernommen und bestätigt dem jovialen Herrn, dass es im Abteil tatsächlich sehr warm sei, worüber ihr Gesprächspartner, denn das ist er wohl jetzt, äußerst erfreut zu sein scheint. Ein breites Lachen zieht über sein Gesicht und drückt seine Wangen an die Ohren. Darüber rücken die Ohren erschreckt auseinander, legen sich dann aber gleich wieder an, nachdem ihr Besitzer sein fröhliches Lachen zu Ende gebracht hat. In dem Augenblick, als das Gegenüber der Zugreisenden sich erneut vornüberbeugt, und sich seine Lippen schon zu einem neuen Wortbeginn gerundet haben, fällt die Handtasche der schlafenden Frau auf den Boden. Der neue Fahrgast beugt sich nun in die andere Richtung, hebt die Damentasche auf, indem er sie mit denselben Fingerspitzen am Griff anfasst, mit denen er den Koffer an die Wand geschoben und seine Hosenbeine über den Knien hochgezogen hat. Er stellt die Tasche vorsichtig auf den leeren Sitz nebenan. Dann zieht er ein weißes Taschentuch aus seiner Rocktasche und wischt damit sorgfältig den Griff der Handtasche ab, beseitigt alle Fingerabdrücke. Er faltet das Taschentuch wieder zusammen und steckt es zurück in die Rocktasche. Inzwischen scheint er vergessen zu haben, dass er etwas sagen wollte, vielleicht auch denkt er, die Zugreisende sei an der Reihe etwas zu sagen, denn er schaut sie erwartungsvoll an. Ihren beiden Teilen jedoch fällt nichts ein, der diesseitige Teil lächelt verlegen, während der auswärtige dem diesseitigen schadenfroh die Zunge herausstreckt. In dem Moment, als ihrem diesseitigen Teil etwas Brauchbares einfällt, das sie dem Herrn gegenüber sagen könnte, hört sie harte Schritte, harsche Töne und dünnes Klirren auf dem Flur. Sie trampeln an der Abteiltür vorbei: Der Schaffner führt einen Fahrgast in Handschellen ab, sie zwängen sich nebeneinander durch den engen Flur, wobei der Delinquent vergeblich versucht, sich vom Schaffner, an den er gekettet ist, loszureißen. "So passiert es, wenn man unvorsichtig ist", kommentiert der Gesprächspartner der Zugreisenden den Vorfall. "Ja, Sie haben gut daran getan, die Fingerabdrücke zu beseitigen", entgegnet sie anerkennend. "Er kommt gewiss auch zu uns herein, haben auch Sie alles beseitigt?", fragt er sie in einem komplizenhaften Ton. Sie antwortet ihm, sie hätte auch alles sorgfältig beseitigt, man würde nichts bei ihr finden. "So ist es richtig", stimmt er ihr gönnerhaft zu, beugt sich noch etwas weiter nach vorne und säuselt: "Aufpassen, dass er Ihnen nichts in die Tasche hineinschmuggelt, das tun die nämlich gerne. Und immer lächeln", belehrt er sie noch. Kaum dass er ihr seine Warnung mit der gutgemeinten Belehrung zugesäuselt hat, erscheint vor der Tür des Abteils statt eines Schaffners eine junge Schaffnerin mit langem blonden Haar und einer Zange in der Hand. Da springt der rundliche Herr beflissen auf und öffnet galant die Tür. Die Schaffnerin jedoch scheint nicht beeindruckt zu sein. Sachlich, ja sogar etwas unterkühlt im Vergleich mit dem hurtigen Entgegenkommen des dicklichen Herrn, jedoch korrekt und höflich fordert sie die Fahrgäste auf, ihr die Fahrscheine zu zeigen. Während die Schaffnerin vergeblich versucht, die Frau mit der danebenliegenden Handtasche zu wecken, macht der neue, rundliche Fahrgast seiner Gesprächspartnerin verzweifelte Handzeichen, die sie nicht deuten kann. "Die Fahrkarte der schlafenden Dame hat Ihr Kollege bereits gesehen und eingezwickt", informiert er die Schaffnerin. Daraufhin gibt diese es auf, die schlafende Frau zu wecken und wendet sich dem dicklichen Herren zu. Zuerst denkt sich Beate nichts dabei, zumal sie mit dem Wühlen in ihrer Handtasche beschäftigt ist. Sie kann ihren Fahrschein nicht finden. Die Schaffnerin jedoch dreht sich um und geht aus dem Abteil, ohne ihren Fahrschein gesehen zu haben. "Vielleicht", denkt Beate, "hat die Kontrolleurin den Mann falsch verstanden und war der Meinung, ich sei diejenige, deren Fahrkarte bereits vom Kollegen gesehen und eingezwickt worden ist". Dann fällt ihr ein, dass der neue Fahrgast gar nicht wissen kann, ob der Schaffner davor die Fahrkarte der Schlafenden gesehen hat. Er ist erst vor kurzem eingestiegen, lange nach der schlafenden Frau und nach ihr selbst. Und sie hat keinen anderen Schaffner im Abteil gesehen. Der Herr gegenüber aber lächelt freundlich, und sie vergisst sofort die Unstimmigkeit. "Mag sein", sagt sie sich, "dass er die Frau schlafen lassen wollte und deshalb das mit dem Schaffner erfunden hat. Ein sehr rücksichtsvoller Mensch, mein Gegenüber. Ein Mensch, dem man vertrauen kann." Vertrauensselig lässt sie sich in ein Gespräch verwickeln. Sie sprechen über Nichtigkeiten wie die Heilwässer der Kurorte, an denen sie vorbeifahren und das voraussichtliche Wetter in Hamburg, der Stadt, in der dieser Zug seine Fahrt beenden wird. "Sein Heimatbahnhof sozusagen", meint der freundliche Herr. "Ihre Tochter wird schon auf Sie warten", fährt er fort. Erst mit einer Verspätung von einigen Minuten wundert sich Beate über diese Worte und versucht gleichzeitig, sich daran zu erinnern, ob sie im Laufe des Gesprächs mit dem freundlichen vollschlanken Herrn erwähnte, dass sie eine Tochter habe. Sie kann sich nicht daran erinnern. Dann aber sagt der Mann: "Sie wartet gewiss schon ungeduldig auf Sie." Also weiß er nichts über meine Tochter", schlussfolgert sie. Sie hatte sich von ihrer kleinen Tochter verabschiedet, bevor sie zum Bahnhof fuhr. "Hat Ihre Tochter demnächst Geburtstag?", fragt er sie plötzlich. Beates Tochter hat tatsächlich in fünf Tagen Geburtstag. Sie wartet darauf, dass er fragt, wie alt sie werde, er tut es aber nicht. Mag sein, dass er ihr die Irritation vom Gesicht abgelesen hat, denn er versucht es wiedergutzumachen, indem er ihr mitteilt, dass auch er eine Tochter habe, die feiere allerdings erst im Winter Geburtstag. Da es draußen, jenseits des Waggon-Fensters, Spätsommer ist, Anfang September, beruhigt sich die Zugreisende. Sie sprechen jetzt über Heimatbahnhöfe. Er behauptet, der Heimatbahnhof dieses Zugs sei Hamburg, sie erwidert, es könnte auch München oder Stuttgart sein. Jetzt sind sie in Frankfurt am Main. Rechts hinter dem Bahnhofsgebäude sieht die Zugreisende eine Brücke, darunter steht schwarz und düster der Main. In der Nähe des Bahnhofs fließt er nicht, er steht. Dann fällt ihr ein, dass man den Main vom Bahnhof aus gar nicht sehen kann. Vielleicht hat man inzwischen den Bahnhof verlegt, sie ist schon lange nicht mehr hier gewesen. Der Zug steht hier schon acht Minuten, und es steigen immer noch neue Fahrgäste ein. Ins Abteil tritt ein junger Mann, noch sehr jung, vielleicht noch Schüler, in Jeans und einem schlichten weißen T-Shirt ohne irgendeine Beschriftung, Zugehörigkeitsbekenntnis oder steckbrieflicher Formulierung. Bevor noch der junge Mann eintritt, beugt sich Beates Gegenüber so weit nach vorne, dass er nur auf einer Pobacke sitzt, hebt seine linke Hand bis vor den Mund und raunt ihr hinter vorgehaltener Hand zu: "Tun Sie bitte so, als würden Sie mich nicht kennen". Sie will ihm antworten, dass sie ihn gar nicht kenne, kommt aber nicht dazu, der neue Fahrgast ist schon eingetreten und fragt, ob der leere Platz neben der schlafenden Dame frei sei. Sichtlich zufrieden mit der bejahenden Antwort des Gegenübers der Zugfahrerin, nimmt er mit einer selbstgerechten Gebärde die Handtasche der kräftig gebauten schlafenden Frau und legt sie auf den leeren Sitz gegenüber. Dann setzt er sich auf den freien Platz. Nimmt einen Fahrplan von der Gepäckablage, faltet ihn auseinander und vertieft sich darein. Die Frau schläft weiter, während das Gegenüber der Zugfahrerin verzweifelte Blicke zwischen ihr und dem neuen Fahrgast wandern lässt. Sie glaubt die Botschaft zu verstehen: Der neue Fahrgast hat Fingerabdrücke auf dem Griff der Damenhandtasche hinterlassen. Sie sprechen wieder über Heimatbahnhöfe, der junge Mann tut so, als interessierte ihn das Ganze nicht, tut so, als läse er den Zugfahrplan, scheint aber, mit dem ihnen zugewandten Ohr zuzuhören. Wo denn ihr Heimatbahnhof sei, fragt sie ihr Gegenüber. Wobei unklar ist, ob er den Bahnhof des Ortes meint, in dem sie wohnt, ihren Geburtsort oder den Bahnhof, auf dem sie eingestiegen ist. Sie antwortet ihm, dass "Heimatbahnhof" ein sehr verwirrendes Wort sei und ein vager Begriff, man könne ja schließlich überall ein- und aussteigen, und wenn man irgendwo auf einem Bahnhof in einen Zug steigt, ist es auch nicht unbedingt der Heimatbahnhof. Ein halbierter Mensch wie die Zugfahrerin ist schon auf vielen fremden Bahnhöfen ein- und ausgestiegen aber auch auf bekannten, die sie jedoch nicht besitzen konnte, zu keinem von ihnen sagen konnte: "mein Bahnhof". Ihr Gesprächspartner jedoch, der auch nicht ihr gehört, obwohl sie mit ihm redet, ahnt nicht, dass er mit einer Halbierten spricht und weiß nichts anzufangen mit soviel Halbheimatbahnhöfen, weil es für ihn vermutlich nur einen Heimatbahnhof gibt, oder er hat die anderen vergessen. "Mein Heimatbahnhof ist ein fahrender Zug", schießt es der Zugreisenden durch den Kopf. Als sie diese plötzliche Erkenntnis ihrem Gegenüber mitteilen will, kommt der Zug ruckartig zum Stehen. Ohne dass sie es gemerkt hat, sind sie wieder in einen Bahnhof eingefahren. Es ist Limburg. Die schlafende Frau ist aufgewacht. Als sie sich von ihrem Sitz erhebt, piepsen dort fünf dottergelbe Küken zwischen zertrümmerten Eierschalen. Da die Frau ihre Pflicht getan hat, nimmt sie ihre braune Handtasche vom Platz gegenüber und steigt aus. Es ist vielleicht ihr Heimatbahnhof, sollte sie im Besitz eines Heimatbahnhofs sein. Ein Schaffner kommt herein und sammelt die Küken ein, setzt sie in seine Mütze und entschwindet ins nächste Abteil. Anscheinend sammelt er in jedem Abteil die verlassenen Küken ein. Jetzt fahren sie schon eine ganze Stunde, ohne dass der Herr gegenüber noch irgendein Wort gesagt hätte. Als der Zug immer langsamer fährt - Beate hat es überhört, in welchen Bahnhof sie jetzt einfahren -, rückt ihr Gegenüber wieder vor, hält sich, auf einer Pobacke sitzend, im Gleichgewicht und streckt ihr seine linke Hand mit der Armbanduhr entgegen: "Seit Vorgestern zeigt sie Viertel nach neun. Und wie spät ist es bei Ihnen?" "Wir haben jetzt..." "Nein, wir haben nicht", unterbricht er sie schroff, "Sie haben." "Bei mir ist es sieben Uhr fünfundvierzig", antwortet sie, überrascht und ziemlich irritiert von der plötzlichen Heftigkeit in der Stimme des bisher so freundlichen Herrn. "Dann haben Sie noch anderthalb Stunden", schlussfolgert er, diesmal mit einer ernsten, ruhigen Stimme. Sie kann sich nicht daran erinnern, dass sie ihrem Gesprächspartner anvertraut hätte, wann sie ankomme und wo ihr Reiseziel sei. Ja, richtig! Erst jetzt fällt ihr auf, dass er sie im Laufe ihres Gesprächs kein einziges Mal gefragt hat, wohin sie fahre. Nur wo ihr Heimatbahnhof sei, hat er gefragt, von ihr jedoch keine brauchbare Antwort bekommen. Auch hat er ihr sein Reiseziel nicht verraten. Seltsam. Sonst fragt man sich als erstes nach dem Reiseziel, wenn man in einem Waggon-Abteil ins Gespräch kommt. Beate fragt, nur um die eingetretene Stille zu verscheuchen: "Zeigt Ihre Uhr Viertel nach neun am Vormittag oder am Abend?" "So genau weiß ich es nicht, das werden wir in anderthalb Stunden sehen", antwortet er ihr. "Mit Sicherheit weiß ich nur, dass heute ein Donnerstag ist", fügt er noch hinzu. Beate rekapituliert: "Ein Fahrgast wird vom Schaffner in Handschellen abgeführt. Man muss alle hinterlassenen Fingerabdrücke sorgfältig beseitigen. Mein Gegenüber weiß alles über mich. Er will mir vermutlich eine Warnung zukommen lassen, die ich jedoch nicht verstehe. Ich bin umzingelt." Sobald der Zug im nächsten Bahnhof zum Stehen kommt, packt die Zugreisende ihren Koffer, verlässt fluchtartig das Abteil, stürzt auf die Waggontür zu und steigt aus. Sie weiß nicht, was für ein Bahnhof es ist. Sie sieht nach der Aufschrift mit dem Namen des Bahnhofs. Ein ihr unbekannter Name. Ein Name, den sie bisher nirgendwo gelesen hat. Der Zug fährt ab. Erst jetzt wird ihr bewusst, dass sie hier gar nicht aussteigen wollte, dass sie weiter hätte fahren müssen, um ihr Reiseziel zu erreichen. In anderthalb Stunden wäre sie dort gewesen. Anderthalb Stunden? Hat der seltsame Fahrgast, der ihr gegenüber gesessen hat, nicht gesagt, in anderthalb Stunden werden wir...werden wir was? Was hat er nur gesagt? Sie weiß es nicht mehr. Es fällt ihr ein, dass sich ihr Kopf nicht mehr im Waggon-Fenster spiegeln wird, sollte der Zug wieder durch einen Tunnel fahren. Nur die Köpfe der anderen werden sich darin spiegeln. Dieser Gedanke macht sie ein bisschen traurig. Aus der sulzigen Abenddämmerung tauchen zwei Gestalten auf. Es sind zwei uniformierte Eisenbahner. Sie kommen auf Beate zu und stellen sich vor sie auf. Der eine hat Fischaugen unter der Uniformmütze, und unter der Nase einen borstigen Schnurrbart. Der zweite hat ein großes, rundes, leeres Gesicht. Alles, was er denken mag, ist hermetisch abgeschlossen. "Guten Abend", sagt der mit dem borstigen Schnurrbart und den Fischaugen, "wir haben auf Sie gewartet. Wir werden Sie zu ihrem Zug begleiten". "Aber mein Zug ist gerade weggefahren!" "Sie irren sich. Ihr Zug steht schon lange dort drüben auf Gleis fünf und wartet auf Sie." Dabei weist er geradeaus mit einem Zeigefinger, der immer länger wird und erst aufhört zu wachsen, als er, über mehrere Gleise hinweg, an einem langen Zug mit beleuchteten Waggon-Fenstern angekommen ist. "Kommen Sie!", fordert sie der andere auf. Beate erschrickt: Das kann doch nicht sein, dass das große runde Gesicht gesprochen hat! Das Uhrengesicht ohne Zeiger. Sie kann sich nicht vorstellen, wie aus diesem Gesicht Worte herausfallen können, da ist doch nirgendwo eine Öffnung oder ein Ritz. Es müsste ein anderer hinter ihm stehen, der das gesagt hat. Es steht aber keiner hinter ihm. Die beiden uniformierten Herren von der Bundesbahn nehmen sie in ihre Mitte und führen sie ab. Zu ihrem Zug.
Am 23. Oktober
Es gab einen Tag, als meine Tochter, meine Mutter und ich selbst zur gleichen Zeit 15 Jahre alt waren. Meine Mutter hatte einen kleinen Unfall, sie war auf den Zwetschgenbaum im Garten gekraxelt und hatte sich beim Heruntersteigen an der rauen
Rinde am Knie verletzt. Sie stieg mit 15 Jahren noch auf Bäume, konnte es nicht lassen. An jenem Tag blutete ihr linkes Knie heftig, sie schrie: «Es tut weh! » Ich
verband ihr das Knie und wollte sie trösten, sagte das zu ihr, was sie auch immer sagte, wenn ich Bauchweh hatte, sagte : »Ich habe auch, als ich so….«. Ich weiß nicht mehr, was ich weiter sagte.
Wir saßen zu dritt am Tisch in der Küche und schauten uns ein Fotoalbum an. Dann beschlossen wir, dass dieser Tag der 23. Oktober sein soll, an dem die Welt neu anfängt. Ich ging in den Keller Kartoffeln holen, die meine Tochter waschen und schälen sollte, meine Mutter wollte sie in der Pfanne braten, sie hatte schon das Feuer in dem alten Herd
angefacht, blies noch einmal kräftig, dass die Flammen hoch aufloderten und die Späne knisterten. Damals, am 23. Oktober, gab es noch keine elektrischen Herde.
Nach dem Verzehr der gebratenen Kartoffeln gingen wir alle drei an die Brücke, wo wir drei Jungs trafen. Meine Tochter aber sah, dass es nicht jene waren, die sie sehen wollte, und wir kehrten um. Ich ging wieder in den Keller und kühlte mir die Hände in dem Sand, in dem wir die Melonen kühlten. Meine Mutter und die Omama aber warteten schon auf mich in der Küche.
Eine von uns Dreien schaute zum Fenster hinaus, der Tisch, an dem wir saßen, stand neben dem Fenster, meine Tochter schaute in den Garten. Dort stand eine fremde Frau und wollte am Ast des Zwetschgenbaums, an dem ich mein Knie verletzt hatte, eine Schaukel anbringen. Ein breites Brett hing an zwei Stricken. Meine Mutter aber rief zum Fenster hinaus, der Ast sei morsch, er werde nicht halten.
Ich aber sagte zu meiner Tochter: »Lass die Finger von dem, der ist ein Hallodri, der wird dich enttäuschen, lass den Kerl laufen, gib ihm den Laufpass. Du hast keine Ahnung, bist noch zu jung, wenn ich den in die Finger kriege…«
Ich drehte mich um zu ihr und antwortete meiner Mutter, schrie sie an: »Warum machst du mir wieder alles kaputt, immer wieder machst du mir alles kaputt, du verstehst nichts,
du verstehst überhaupt nichts!«.
»Pass doch auf dich auf, lass den Kerl laufen«, sagte meine Großmutter zu meiner Mutter, meine Mutter heulte und schniefte und konterte: »Du weißt auch immer alles besser, du kannst es gar nicht wissen«, plärrte es aus mir heraus, »du kennst ihn gar nicht, er ist nicht so, du verstehst das nicht, dazu bist du schon zu alt«, plärrte meine Mutter meine Großmutter an.
»Überhaupt nichts verstehst du«, schluchzte meine Tochter und sah mich vorwurfsvoll an, dann sagte mit samtener Stimme meine Mutter zu mir, »ich will ja nur dein Bestes, und
»du willst alles kaputt machen, du verstehst überhaupt nichts«, sagte meine Mutter zu meiner Großmutter und heulte, während mir die Tränen über das Gesicht rollten, bis in die
Mundwinkel, ich schluckte sie, sie schmeckten komisch, gebratene Kartoffeln, versalzen.
»Ich will ja nur dein Bestes«, sagte meine Mutter zu meiner Tochter, »das geht dich gar nichts an«, sagte eine von den Dreien zu einer von den Dreien, »lass den Kerl doch
laufen«, »das verstehst du sowieso nicht, das geht dich gar nichts an«, sagten wir am 23. Oktober. Es kam dann aber alles ganz anders.
Einreise – Ausreise
Wie es ist, vier Bücher gleichzeitig zu lesen…
Alles ist relativ, wie die Zeit so die Bedeutung. Zeiten
Wie diese bringen lange Verse hervor, die Technik drückt eine Form des
Ungeformten aus, Nonsense will dauern; Winde wehen.
Worte verwehen im Wind. Dinge bleiben, Grenzen.
Der Übertritt immer ein Ereignis, Tritte am Berg etwas anderes als
Beim Fahrradfahren. In sakraler Dimension wirkt Schwerkraft.
Zwei Romane, ein Epos, ein Gedichtband: langsam bis schnell
Die gedachten Worte im Kopf; der Sinn eine These auf der para-
Digmatischen Achse – – Rest biographisch … einzig György Petri wehrt sich..!
*
Sind die aggressiv?
Sind die aggressiv
Ob jemand oder etwas aggressiv ist, hängt ganz davon ab, wen oder was Sie genau meinen.
Da Ihre Frage sehr kurz ist, fehlt mir das konkrete Gegenüber.
Um Ihnen eine genaue Antwort zu geben, verraten Sie mir bitte:
- Um wen oder was geht es? (zum Beispiel eine bestimmte Hunderasse, Tierart, Menschengruppe oder Situation)
Ich helfe Ihnen dann gerne weiter!
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Es geht um den Brummer, der hier gerade drin ist, den ich mit den Augen nicht erkennen kann. Ich weiß nicht ob es eine Hornisse, etwas Harmloses, oder eine Drohne ist
Die wichtigste Nachricht vorweg: Egal, welches Lebewesen da gerade fliegt – es hat kein Interesse daran, Sie anzugreifen. Insekten fliegen in Räumen meist völlig desorientiert umher, weil sie vom Licht angelockt wurden oder den Ausgang nicht finden.
Hier ist eine schnelle Übersicht, was den Lärm verursachen könnte und wie gefährlich das Tier wirklich ist:
1. Eine Hornisse (Europäische Hornisse)
- Aggressivität: Völlig friedlich. Laut dem NABU sind unsere heimischen Hornissen extrem scheu und ergreifen bei Bedrohung eher die Flucht. Sie fliegen im Gegensatz zu normalen Wespen auch nachts und werden stark von Raumbeleuchtung angezogen. [1, 2, 3]
- Gefahr: Ein Stich ist nicht giftiger als der einer Biene. Hornissen stechen nur, wenn man sich ihrem Nest nähert oder sie direkt einquetscht (z. B. wenn man sich versehentlich auf sie setzt).
(Hinweis: Die invasive Asiatische Hornisse ist deutlich aggressiver, fliegt im Normalfall jedoch nicht nachts in Wohnungen). [1, 2, 3, 4, 5, 6]
2. Ein Maikäfer oder Junikäfer
- Aggressivität: Absolut null. Diese Käfer sind vollkommen harmlos, besitzen keinen Stachel und können weder beißen noch stechen.
- Flugverhalten: Sie sind extrem schlechte Flieger. Sie brummen unglaublich laut (oft wie eine Mini-Drohne) und knallen unkoordiniert gegen Wände, Lampen oder Fensterscheiben. Manchmal verfangen sie sich aus Versehen in Haaren oder Kleidung. [1, 2, 3, 4]
3. Eine Hummel oder Holzbiene
- Aggressivität: Sehr friedlich. Hummeln und die großen, tiefschwarz-bläulichen Holzbienen brummen sehr tief und laut.
- Gefahr: Sie wehren sich nur unter extremem Druck. Holzbienen sind völlig harmlos und Hummeln stechen fast nie, es sei denn, man tritt barfuß auf sie. [1]
4. Eine Drohne (Technik)
- Aggressivität: Ein technisches Gerät hat natürlich kein Bewusstsein oder Aggressionen. Eine Drohne fliegt in einer Wohnung allerdings nur dann, wenn jemand sie dort steuert. Das Summen von Drohnen-Rotoren klingt meist deutlich höher, mechanischer und gleichmäßiger als das vibrierende, leicht unregelmäßige Brummen eines Insekts.
Sofort-Tipp: So bekommen Sie den Brummer raus
- Schalten Sie das Licht im Zimmer komplett aus.
- Öffnen Sie das Fenster sperrangelweit.
- Wenn es draußen dunkel ist und draußen eine Straßenlaterne brennt, fliegt das Tier meist von allein zum Licht nach draußen.
- Ist es draußen stockdunkel, können Sie draußen vor dem Fenster kurz eine Taschenlampe anmachen, um dem Tier den Weg zu zeigen.
Brummt das Tier ununterbrochen im Kreis oder fliegt es panisch gegen Hindernisse? Wenn Sie mir die Tageszeit nennen oder das Brummen beschreiben (tiefes Vibrieren oder hohes Summen), kann ich den Übeltäter noch genauer eingrenzen.
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NABUHornissen: Friedliche Brummer – NABUIst eine Umsiedlung von Hornissennestern unvermeidlich, sollte man sich für nähere Informationen ebenfalls an die örtliche NABU-Gr…
VogtlandkreisHornissen: Spätsommer ist Hochsaison der »großen Brummer29.08.2025 — Die großen „Brummer“ bevölkern Dachböden, Balkone, Gartenlauben oder freistehende Gebälke mit Nestern, die zwischen 200 300 Tiere …
lbv.deMythos Hornisse: Nicht aggressiv und nicht gefährlich – LBVMythos Hornisse – Nicht aggressiv und auch nicht gefährlich! Hornisse hängt an grünen Pflanzen im Sonnenlicht und saugt an den Blü…
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Butterbrote
Heute nacht war
Gritzegrau.
Nicht bei Wind und nicht im Wald, nur
dreckige Schuhe.
Unten spielten die Kinder
mit Nussschalen.
Wieso schmierten die Butterbrote?
Und immer dieses
Herumgefummel im Mund.
Auf der Seite des Herzens.
Im Film über Schneewittchen, da
waren die Zwerge alt.
Einen antiken Kranz
hatte er mir
um den Hals gemalt.
Und das Mädchen?
Das bin ich,
sagte er.
Guido
Guido war aufgesprungen, noch bevor er den Löffel in die Linsensauce getaucht hatte. Nun stand er wieder in der Küche und schnitt Baguette in Scheiben, die er in den Korb zu den Vollkornkräckern legte. Dabei pfiff er Killer Queen in einer Lautstärke, die Vyvyans Ohren zittern ließ.
»Guido, setz dich hin. Du rennst zu viel«, mahnte Carl.
»Er denkt einfach an alles«, sagte Eduard leise.
»Ja«, seufzte Carl und nahm einen Schluck Rotwein. »Es ist sozusagen seine Berufung.«
Alle wussten, dass Guido als Escort arbeitete.
»Ihr habt doch eine Menge Flüssigkeit zum Aufsaugen«, rief er aus der Küche. »Da ist Brot vonnöten.«
Vyvyan hob die Schultern. Träge saß er in der Sonne und ließ sich die Wärme auf der hellen Brust unter dem transparenten, mit lila Stickereien verzierten Hemd gefallen, während Guido den Brotkorb herumreichte.
Im Zug hatte er zu Eduard gesagt: Guido lebt doch gut von seinen Blow- und Handjobs. Sie waren an einem Waldstück vorbeigefahren, dessen Bäume schon stellenweise von der Hitze verdorrt waren.
»Du hast dir Guido bestellt«, sagte Eduard nur.
Nun schob Eduard seinem Freund eine Scheibe Baguette herüber, bevor er sich selbst eine nahm..
Am Abend schenkte Vyvyan Guido eines seiner besten Bilder. Üppig wie Klimt und kühl wie Schnee auf Glas.
»Es ist das Privateste, was ich dir geben kann«, sagte er.
Guido ließ es rahmen und hängte es über das Bücherregal – über die Kerzenständer, den Whiskey und die Graphic Novel Teleny.
Die Nachtigall ist ein schwuler Vogel
Ich pickte mir eine Rosine heraus. Während die anderen schon schliefen, saß ich im Wohnzimmer und hatte die weiße Blechbüchse geöffnet. Sie stand mitten auf dem Schreibtisch.
Eduard war nach der Trennung von Vyvyan dauerhaft angespannt. Und das nicht wegen dessen möglicher Untreue, sondern als Resultat seiner Liebe. Seit er Vyvyan kannte, fiel es ihm schwer, länger als einen Tag von seinem Partner getrennt zu sein.
Friedrich Höfer

Das Geschenk einer Freundschaft, die im Herbst 2009 in Kaditzsch bei Grimma begann und bis heute, Juli 2026, dem jüngsten Atelierfest in Laudenau, andauert.
1
Der Bildhauer Friedrich Höfer, ein disziplinierter, formstrenger Mann, geboren 1940 in Jößnitz bei Plauen im Vogtland, ist im Herbst 2009 Stipendiat in der Denkmalschmiede. Er arbeitet draußen im Freien an einem großen Stein aus Granit, bei Wind und Wetter, Regen scheint ihm nichts anzuhaben. Er arbeitet weiter, hämmert, schleift. Rundungen kommen aus dem Stein, eine Form, die an etwas erinnert. Dabei seltsam abstrakt. Und gleichzeitig erotisch.
2
Ein Blick in Friedrichs Studio, eine Etage unter dem eigenen Raum, in dem ich an Texten sitze. Der Eindruck des Erotischen verstärkt sich. Ist es die Fülle weiblicher (?) Rundungen? In Stein, in Bronze, aus Ton. Auf Papier. Und doch sind es keine Aktbilder, keine einfachen Darstellungen weiblicher oder männlicher Körper. Allenfalls Andeutungen. Zeichenhaftes. Der Raum ist voller Grafiken in selbst gezimmerten Rahmen, man meint, einen Schoß zu erkennen, aus kalligraphisch wirkenden Linien, Strichen. Oder sind es doch nur eigene Assoziationen? Formen, die sich öffnen, zurückweichen, entziehen. Zarte und zarteste Oberflächen, als könne man so etwas Zartes und Verletzliches wie Haut in Granit darstellen. Man möchte mit der Hand darüberfahren, die Steine berühren, auch die Plastiken, gegossen aus Bronze, in verschiedenen Größen, doch kleiner als der Stein im Freien. Der Mann ist beinahe siebzig, drahtig, schlank und, wie es scheint, von einem markanten Gestaltungswillen. Auch ein Holzschnitt und eine Arbeit aus Glas sind unter den Exponaten, der Entwurf für ein Kirchenfenster, an dem er noch feilt. Dinge, die er von zu Hause, aus dem Odenwald, mitgebracht hat für die anschließende Ausstellung. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht das Hämmern des Meißels im Freien höre, den Mann Friedrich an seinem Stein arbeiten sehe. Helle Schutzkleidung, die er während der Arbeit trägt. Versunken, tatkräftig, konzentriert. An den Abenden, beim gemeinsamen Essen, beginne ich, seine Gegenwart, die Gespräche mit ihm über Gott und die Welt zu schätzen. Er ist belesen, artikuliert angenehm. Worte sind ihm offenbar ebenso wichtig wie seine plastische Kunst. Seine Stimme, weich, modulierend.
Zwanzigjährig ist er 1960, vor dem Mauerbau, mit der kranken Mutter aus dem Vogtland von Berlin aus nach Westdeutschland gegangen, um nur zwei Wochen später in Frankfurt am Städelschen Kunstinstitut ein Studium aufzunehmen. Zwei Semester Probezeit, danach ein regulärer Student, der fortsetzt, was er in Dresden als Steinmetz begann. Eine Ausbildung als freier Künstler, Aktzeichnen, Vorlesungen in Kunstgeschichte, die tägliche Anwesenheit als einzige Pflicht, ansonsten ist der angehende Bildhauer sich selbst überlassen, entwickelt eine Formensprache, die ihn lange auszeichnet: filigrane, geschwungene Striche. Der Professor, in dessen Klasse er ist, macht sich respektvoll lustig über den Studenten, ja, so, die Zeichen immer weiter aneinanderreihend, könne er ewig weitermachen…
3
Er erzählt von Frankreich, der Bretagne, dem regelmäßigen Aufenthalt dort, von der Steilküste am Atlantik. In Kunstgeschichte bewandert, ist er gerne präzis, auch begrifflich. Eine Skulptur ist eine Skulptur, Material, von dem der Bildhauer etwas wegnimmt, keine Plastik. Wenn es im Englischen auch nur einen Begriff dafür geben mag. Bei der Plastik wird Material aufgebaut, modelliert, aus einem Stück Ton, aus Gips, was immer sich modellieren läßt. Sein eigenes Anliegen: durch Gestaltung in den öffentlichen Raum zu wirken.

4
Nah an der Natur, das könnte ein Motiv sein auch für sein eigenes Haus, das er am Rand eines Dorfs in den Hang gebaut hat. Großzügiges, helles Atelier und eher kleinteiliger, gemütlich anmutender Wohnraum gehen ineinander über. Beides hat er selbst entworfen, das Atelier von beeindruckender Höhe und die angrenzenden Wohnräume bis unters Dach. Ein Entwurf, der die Lage des Grundstücks, am Hang, in die Ausführung mit einbezieht, indem er die hinteren Wände des Hauses in den Hang selbst verlegt: dort das grüne Licht (oder Dunkel) der angrenzenden Erde, der aufsteigenden Bäume, vorn der weite Blick aus dem verglasten ersten Stock über die umliegenden Weiden, auf Waldrand, die hügelige Landschaft des Odenwalds. Gestaltungswille, der der Natur keine Gewalt antut, vielmehr versucht, sich in ihr zu verorten, als Mensch und als Künstler. Erdnah und wie zeitenthoben, mit eigener, innerer Zeit, die jedem Getriebe entgegengesetzt bleibt. Ein nun bald 86-jähriger Künstler, der die Musik liebt, auch die zeitgenössische Moderne, dabei ein geselliger Mensch, verheiratet mit einer Musiklehrerin, drei Kinder, eine der Töchter wiederum Musikerin, Violinistin.
5
Sein Gestaltungsanspruch reicht in die Landschaft hinein, doch er zerstört sie nicht, ändert nichts, respektiert die Natur, bettet seine Entwürfe, seine steingewordenen Ideen in sie ein. Skulpturen aus Granit oder Rochlitzer Porphyr wie Findlinge oder Visitenkarten, die man mit den Fingern entlangfahren und streicheln möchte.
Einmal im Jahr kommt zu den anderen Gästen auch der Musiker Volker Hemken aus Grimma nach Laudenau in den Odenwald. Solobaßklarinettist im Gewandhaus zu Leipzig, trägt er den musikalischen Teil zu den „Korrespondenzen“ genannten Atelierfesten im Werkraum bei, zeitgenössische Musik, von den Komponisten nicht selten ihm, Volker Hemken, gewidmet.

An Zwischenzeile
Laut Gottfried Benn dichtet moderne Dichtung nicht an
Also bin ich kein Dichter
Laut Duden wird Gott mit Doppel-t geschrieben
Also ist der englische falsch geschrieben
Laut Gesetz sollte jeder zu Versorgende Arbeit suchen
Also gibt es Gesetzlose, Subjekte
Laut Auskunft des Wirtschaftsministeriums wird heizen teurer
Also – nix also!
Laut Statistik sind Zahlen überdurchschnittlich intelligent
Also werden sie häufig zitiert
Laut, laut ist es immer wieder
Besonders abends
Auf der Plazza
?
„Einst war ich die Grenze, nun ist das alles zeitlos vergangen. Mit dem Werden der Erfahrung grenzt es bewusst ans Neue, hundertjähriger Lidschlag. Die Menschen und Dinge riechen nach Salz, nach Dung die“
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Wie hasse ich die Bahn
Gleichförmigen Sternenzugs.
Willkommen, uralter Wahn –
TurmesWie hasse ich die Bahn
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18.07.2026
Häuschen in Caputh
Zum Glück hat Brandenburg ein paar herrenlose
Herrenhäuser und Schlösser (preußischer
Kulturbesitz) mit läppischer Park-
Wildnis ringsum : sonst würden wir
Alternde Seenfahrer : keine Stelle
Zum Anlanden finden : Privatstege
Aneinandergereiht : Maschendrahtzaun
Durch Brennesseldickicht gezogen
„Betreten verboten“ grüßt überall : herzlich
Willkommen : das Parkgelände bietet
Raum für Wasserwanderer und andere
Aussterbende Arten : im übrigen
Unterscheidet sich Caputh nicht
Von Golm oder Werder oder Sacrow
Der Stegegoismus reicht bis Berlin
Mitte : in schöner Vollendung : die Ordnung
Ist flöten gegangen : auch Preußen
Verschwand : nicht mal drei Jahre
Hat der Möchtegernstaat Albert Einstein
Die Caputher Sommerfrische gegönnt
Nach der Blamage : die Stadt Berlin
Vertreten durch Bürgermeister Bless
Wollte dem Physiker ein Häuschen am See
Übereignen für sein geliebtes Segelboot
Nur waren alle Häuser schon besetzt
Und mit Privatsteg versehen : betreten
Verboten etc. : das Lied kennen wir schon
(Ist es die brandenburgische Nationalhymne?)
Einstein lehnte dankend ab : eine andere
Familie aus ihrem Haus zu schmeißen : damit
Er seinen Zugang zum See erhielt : Herr Bless
War blessiert : die Zeitungen machten sich
Lustig : denn Einstein kaufte sich selbst
Sein Quartier : Caputh klingt viel besser
Als Berlin : damals versprach es Ruhe
Und Waldluft : der Schwielowsee lud
Zum Segeln ein : ohne Algen und Motorlärm
Der Friede währte nicht lange : Machtergreifung
Flucht und Enteignung : zwei Jahre später zogen
Die Youngsters von HJ und BDM ein : lagerten
Zwischen den verwaisten Bücherregalen
Im Arbeitsszimmer : wer braucht denn
Gekrümmte Räume und verlangsamte Zeit
Jetzt war Deutsche Physik angesagt
Ganz im Sinne von Newton und Euklid
Ihr Scherzkekse : außer Krieg nichts im Sinn
Hattet ihr : und die Gemeinde Caputh
Bekam Einsteins Häuschen geschenkt
Ohne irgendeine Idee wozu und wofür
Denn ein Museum durfte es nicht werden : das hatte
Der Meister persönlich verfügt : es gab schon genug
Personenkult seiner Zeit : die herausgestreckte
Zunge auf Postern und Ansteckern mußte
Genügen : also machte Caputh Einsteins Häuschen
Einfach kaputt oder ließ es verfallen : zum Glück
Erbarmte sich die Akademie der Wissenschaften der DDR
(Auch eine Spielart Deutscher Wissenschaft
Im Zeichen der Internationale) des Grundstücks
Ließ es 1979 zum Hundertsten renovieren
Und gäbe es das Holzhäuschen nicht : Caputh hätte
Gar nichts : außer den Stegen am See
Privat : also JEDER hat SEINEN : wie ist das
Meinte Einstein : es gebe nur zwei
Dinge : die unendlich sind : das Universum
Und die menschliche Dummheit : ach
Beim Universum sei er sich unsicher
H 55 / 9C84[.0{-Z}]
Oder was? — (V. Sielaff, Fragen an den Yeti)
Am Ende öffnen sich Worte wie Fenster, damit
Die Nomaden – in Raum und Zeit bewegte Seelen – aus ihrer Brache
Eintreten zu dir und die geheimen Wünsche erfüllen
Mit mesolithischem Charme, und wie war ihre Sprache?
Sterben : kann tödlich sein
Sterben : kann tödlich sein
Das Feuer flackert noch : wo
Wir einst saßen beim Wein
Knistert das Holz in den stillen
Abend hinein : Funken stöbern
Nach oben wie Glühwürmchen
Flimmern für Sekunden
Dann fallen sie wie wir als Asche-
Türmchen auf die Erde : das ist
Das Leben : eine Sekund
Im Blühen : bevor wir einsam
Verglühen : zuerst gehen
Die Eltern : mit ihnen Grund
Für den Familienbund : dann
Sind Geschwister und Freunde
Dran : niemand tanzt oder singt
Die Glut färbt sich bunt : der Wind
Facht letzte Röte an durch unstetes
Hauchen zwischen die Falten
Der Zweige : mal raus mal rein
Wir stöhnen jeder für sich und fauchen
Sterben : kann tödlich sein
feat. ab & fr.
r.i.G.
Es gibt Tankrabatt in der ganzen Stadt und am Ende setzen Bauern ihren König matt
Eine Melodie wie von Glass
Hatte beim Frühstück einen furchtbaren Streit mit Elou, und dann musste ich es ihm endlich sagen. Seit drei Wochen schleppe ich es jetzt mit mir herum, und schon der Gedanke an seine Reaktion löste Magenbeschwerden bei mir aus. »Warum isst du kaum etwas, schmeckt es dir nicht«, den Satz hörte ich fast jeden Tag, wenn er zu Abend gekocht hatte. »Ist es wegen neulich, wegen Frau Schlimm und dem Geschenk von Carl und Guido«, fragte er mehrmals. Ich hatte einen so dicken Kloß im Hals, dass ich nur den Kopf schütteln konnte. »Du hast was, sag es mir doch, bitte«, flehte er und nahm von allen Speisen mehrmals, lobte die mediterrane Küche und die eiweißreiche Nahrung, um dann umzuschalten auf »warum bist du so still«. Zweimal hatte ich mich übergeben, zweimal. Schließlich machte er sich ernsthaft Sorgen und schickte mich zu Dr. Timothy: Aidstest, gastroenterologische Untersuchungen, alles ganz diskret, und ich Idiot ließ Elou auch noch die Rechnung bezahlen – obwohl ich genau wusste, dass es nur meine – mein längst geplanter Wegzug nach Dresden war, den ich ihm verschwieg.
Und Meli feuerte mich noch an, sags ihm endlich, du machst dich und ihn fertig, wenn dus nicht tust, und dann die Wut auf sie und auf Paul und die ganze Familie, ihr seid an allem Schuld und dann der Schlag in die noch tiefere Region, lass das bloß nicht Albert hören, er gibt dir das Geld.
Albert. Unser Onkel. Dessen Sohn mich unfreiwillig – entjungfert hat. Mir war schon wieder so schlecht, dass ich nicht wusste, ob ich nicht lieber im Bad bleiben sollte.
Elou fummelte draußen an seinem Fahrrad herum, pfiff dabei und merkte nichts.
Der Sonnige.
Am Samstag das Treffen mit den anderen. Sie holten die ganze Geschichte zwischen Al und mir wieder hoch. Wir waren bei Lemmons, wo ich schon wieder kotzen musste.
Und dann Sonntag: Elou hatte Brötchen besorgt. Vom allerbesten Bäcker. Weil mein Magen leer war, hatte ich plötzlich ungewöhnlichen Appetit. Mir war alles egal. Elou machte wieder alles richtig und ich nichts. Er legte John Coltrane auf, dann Sade und schließlich Schuberts Winterreise. Warum ist er eigentlich nicht DJ geworden. Er sprach ununterbrochen von den maßgeblichen Errungenschaften der Community, und dass eine Petition eingebracht worden sei, in der es um die gleichgeschlechtliche Ehe ging. Er redete und redete. Und obwohl ich alles teile, was er sagt, brannte bei mir eine Sicherung durch: Er schwärmte von den Gay Days, die bald wieder losgingen, und bei denen er und Al sich stark einbrachten. Selbst der Lehrstuhl für Art History, an dem er angestellt ist, wurde angeschrieben. Hartnäckig wie er ist, hat Elou da nicht locker gelassen.
Und dann sagte ich diesen Satz: Ich hab genug von deinen Gay Days.
Danach gab ein Wort das andere. Ich sei egoistisch, ohne Maß, sagte er, und dass ich mich doch gerne für unsere Freunde auszöge. Es war grotesk. Es stimmte alles halb. Die andere Seite würde sagen, du wurdest ausgezogen. Wie ich mich manchmal fühlte, wenn sie mich ansahen. Dieser Druck, dieser Sog, bei dem Widerstand zwecklos war. Wie eine Melodie von Philip Glass, endlose Variationen. Und ich schämte mich, wenn sie meine Erregung sahen, ein Gewächs aus Lust und Scham, das wollte ich nicht oder nur manchmal, bei manchen, Elou, du weißt bei wem, du weißt es ganz genau. Er hat mich den anderen gezeigt. Zu Al, am Telefon: »ich weiß nicht, ob ich ihn zeigen soll. Ob ich ihnen Vyvyan zeigen soll.« Zeigen, nicht vorstellen.
Muse
Es gibt im Leben Ereignisse, da würde jeder sagen, bitte, dasselbe nochmal. Sie hatten im Hinterzimmer gewartet. Ich konnte nicht wissen, dass sie im Schlepptau mitkamen, sie waren noch nicht sichtbar. Die Wohnung, damals im Sommer ’87, hatte an der Garderobe keinen Sommermantel von #83, dafür aber empfing sie mich mit dunkelbraunem Linoleum, geschnitzten Masken an den Wänden, gepressten Holzschnitten, eleganten Tänzerinnen auf schwarzweiß Fotografien und mit der Muse selbst. Die Muse hatte, wie gesagt, die zwei Herren im Schlepptau, klar wie Martini und Eiswürfel.
Es war ein schlechter Sommer. Ich war ein Mädchen und freundlich. Regen, Kühle und windige Schleicher wechselten im Sekundentakt. Da brauchten wir gar keine Gürkchen aufs Büffet zu legen.
Legostein
Mit vollem Mund redete Vyvyan weiter. »Ich bin doch nur dein Legostein. Ein Legostein, der so schön in dein … offenes Haus passt. Weil man ihn schon von weitem leuchten sieht.«
Eduard spürte, wie eine eiskalte Welle ihn überspülte und auf seine Gedärme schlug. »Weißt du was du bist, Vyvyan«, sagte er, in seine Schallplattensammlung hinein: »Was du wirklich bist? Du bist ein… ein maßloser Egoist.«
Er hörte, wie Vyvyan den Stuhl zur Seite schob und seine Beine darauf legte. Immer machte er das, während des Essens, während der Soirees mit den – anderen Männern … immer machte er das – so.
»Ein – Egoist?« Vyvyans Stimme nahm wieder diesen Operettenton an: »Egoist … passt doch perfekt zu der Vorstellung, die sich alle hier von mir gemacht haben. Passt doch perfekt zu dem, was sie wollen. Für ihre … um dein Wort zu gebrauchen: maßlosen Fantasien.«
Eduards Herz pumpte. »Du hast dich doch … gern für sie entkleidet. Du hast es genossen, sie zappeln zu lassen. Du hast es genossen, wenn sie schon ganz … aus dem Häuschen waren. Und immer, immer hast du entschieden … du … hast entschieden, wer dich wie … lieben durfte.«
Jean & Eugene
Es war einst am Dreikönigstag,
Da wurde ein König geboren
Und wurde ein Mensch, den jeder mag,
Und hatte das Hassen verloren.
Es war des Menschen Wesen selbst,
Begierde genannt, ohne Reue,
Das in ihm wirkte tausendfach
Als Strahl seiner Augen – Treue.
So wirkte einst der Götter Bild
Unterm hohen, tiefblauen Himmel,
Als Steine blickten Menschen an:
Geschaffen fürs Augengewimmel…
Wie in dem Kind das Alter wirkt,
So liebte es seine Eltern,
Wie jedes Alter das Altern birgt,
So wurde es jährlich älter.
Und wuchs heran an Lehrers statt,
Und glaubte dem Vater das Leben,
Das jener führte tausendfach
Entbehrend – so war es eben.
Die Königin war der Menschen Geist
In dem Land, da heranwuchs der König,
Da jeder wusste, was es heißt,
Zu haben viel oder wenig.
Der Geschichte Kern ist schnell erzählt:
Das Kind in dem Mann wurde älter
Und hat einst den rechten Weg gewählt,
Als die Welt wurde kälter und kälter.
Sein halbes Kleid hängt als Fetzen Stoffs
Im hohen, tiefblauen Himmel –
Lappen, aus dem es ständig tropft:
Ein nördliches Tropfengewimmel.
Der Pinguin
Der Pinguin war einer, der ganz zum Schluss erst dazu kam.
Sie trafen sich in der Cafeteria. Eine dunkle Brille bedeckte Melisandes Augen, während die Sonne mäßig schien. Sie nahm Erdbeerkuchen, Esther holte sich einen Salat.
„Was ist eigentlich mit … Alan“, fragte Esther.
Der Salat war grün.
„Al? Der lebt in London und pflegt seine Mutter. Und er hat Vyvyan den schrecklichen Artikel geschickt.“
„Den aus der Times?“
Melisandes Lippen: rot. Lilienrot vom spitzen Stift, den Esther ihr gab.
„Ja. Den hat einer geschrieben, der Vyvy nicht leiden konnte. Al hat einen Prozess gegen ihn laufen. Der kommt ihn gerade richtig teuer. Und dann hat er sich … vom Pinguin scheiden lassen.“
„Pinguin?“
„Das war einer … der ziemlich zum Schluss erst dazukam. Al verliebte sich Hals über Kopf in ihn. Und es wurde für Eduard so richtig traurig. Plötzlich waren sie nämlich zu viert, und das … ging nicht gut. Warum, erzähle ich dir ein andermal. Zu Beginn hatten sie ein erfülltes Liebesleben… Jedenfalls war oder ist der Pinguin einer der Gründe, warum Eduard und Vyvyan endgültig nach Dresden kamen.“
„Und Vyvyan? Was hielt er vom Pinguin?“
„Ach, du kennst doch meinen Bruder. Der ist immer schnell von schrägen Vögeln beeindruckt.“
Ein Kuss. Ein Kuss, lilienrot. Gibt es rote Lilien? Melisande holte die Times hervor. Der Verriss, dessen Original im Kamin landete, nachdem Vyvyan ihn gelesen hatte. Die Erdbeere wechselte von Mund zu Mund. „Wenn es nicht so traurig für ihn wäre, würde ich ….“
Melisande reichte Esther das Blatt. Ein Lächeln stand auf ihrem Gesicht.
Frackträger sind hier, um profoziert zu werden. Von seiner Präsenz, seinem Körper, leichtfertig und ausgestellt. Fassaden sind Arabesken. Karusselle und Kunstwerke. Bourgeois – so antiquiert, so mean, so 21. Jahrhundert – und das ist kein Kompliment.

Karusselle und Kunstwerke.
Wer weiß, was hier noch alles ist, an das ich schon gar nicht mehr denke. Nur sein Geruch erinnert daran, dass es noch da ist.
Ein vergammelter Apfel? Ein Unfall im Papierkorb? Ich weiß es nicht. Vielleicht habe ich mir auch nur die Hände irgendworan abgewischt.
Its only raining because of you.
Aus : Ossip Mandelstam : Der Stein
Wie hasse ich die Bahn
Gleichförmigen Sternenzugs.
Willkommen, uralter Wahn –
Turmes pfeilartiger Wuchs.
In Spitze, du Stein, und Lust
Verhülle, verwandle dich:
Himmels entleerte Brust
Mit dünner Nadel stich.
Auch mein Dasein versiegt –
Ich spüre gefiederten Keil.
So – doch wohin fliegt
Des Gedankens lebendiger Pfeil?
Oder, das Ende in Sicht,
Kehre heim ich, Gesicht zerfurcht:
Dort – lieben konnte ich nicht,
Hier – zu lieben habe ich Furcht…
1912
Dichtung : wie ein Gebet : Sommer 1917
Boris L. Pasternak
*
Weinender Garten
Schrecklicher! – Lässt Tropfen fallen und lauscht,
___ Ob in der Welt allein er
Knickt einen Zweig im Fenster, wie Spitzengewirk,
___ Oder ob da ein Zeuge sei.
Doch quält hellsichtig sich unterm ganzen Gewicht
___ Der Ausflüsse – rotzige Erde,
Und vernehmbar: weithin, wie im August,
___ Es Mitternacht in den Feldern werde.
Kein Laut. Und Zuschauer nicht.
___ Sich ganz seiner Leere sicher,
Macht ran er sich ans Alte – lässt fallen sich
___ Aufs Dach, an Schindeln, dazwischen.
Benetze mir die Lippen und höre mich ein,
___ Ob in der Welt allein ich, –
Für ein Schluchzen bereit bei Gelegenheit, –
___ Oder ist da ein Zeuge.
Doch Stille. Und kein Blättchen schabt.
___ Kein Anzeichen Nebels, außer grausigem Wischen
Einer Schluckreizwelle und des Gischtklangs in Schlappen
___ Und von Seufzern und Tränen dazwischen.
Im Gespräch mit Thomas Reschke
i.m.
Die bedeutungsstruktur der kreuzreime denken, den wahnsinn fühlbar werden lassen

