Heiße Semiotik

Von | 24. Juli 2021

Gedichte und Kaffee, in dieser Reihenfolge setzten wir uns auseinander

Auseinander gesetzt worden waren wir zum erstenmal

in der ersten Klasse: die Gebote der Jungpioniere

*

galten sie? Kalt

* *

vermerke ich: dieser Vers ist kein Schluss

Namenlos

Von | 23. Juli 2021

Ein blasser Mond,
Im Blau schwimmend,
Er kennt meinen Namen nicht.
Hinter Schleiern die Sonne.
Unklare Tage, Licht der Lüge,
Trugbild von Erwartungen.
Die Zukunft, die Unbarmherzige,
Nimmt uns mit großen Schritten
Mit sich fort. Auch sie
Kennt meinen Namen nicht.
Deine Spuren im Sand
Verlieren sich am Horizont,
Und der Wind der Zeit
Verweht alle Gedanken.
Kanntest du meinen Namen?
Worte, geschrieben im Staub
Der Vergangenheit. Im Spiegel
Menschen ohne Gesichter.
Doch auch ich
Kenne ihre Namen nicht.
Namenlos ist
Der Ursprung der Dinge.

Die Popmechaniker feat. „Gedicht zur Stunde der Geburt des Punk in Deutschland“

Von | 13. Juli 2021
Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee.
Micha, mein Micha, und alles tut so weh.
Ich im Bikini und du am FKK, Nina im Mienie -
Rotwein war auch da!

(Die Maschine wird behutsam gestartet, ein Anlasser-Unvergleichlich schleppt seinen rechten Fuß hinter sich her)

Es knackt: das magnetische Potenzial bewirkt eine mechanische Bewegung

Busfahrer

Von | 8. Juli 2021

Weißt du noch, als wir über den Busfahrer redeten? Es war eine Kontaktanzeige, und der Busfahrer meldete sich. Mit fliehenden Fahnen stellte er sich vor: bunt und unkonventionell versuchte er, von seinem langweiligen und kurvenreichen Beruf abzulenken. Hut auf, Brille hinter den Ohren, Bart angeklebt. Farbiges Shirt, hochgeklappte Schuhe, weite Hose mit engem Bund. Das Jackett: Gelb und viel zu eng. Wir freuten uns: Dank dieses Kuriosums kam etwas Leben in unsere Bude, unter anderem bestand die Gelegenheit, zu Geburtstagsfeiern einen eigenen Bus zu Mieten und mit allen Gästen gemeinsam im Bus zu feiern. Da war echt mal was los! Später erfuhren wir von seiner Lieblingslektüre. Diese Lektüre gab auch Aufschluss darüber, weshalb unser Freund sich so seltsam kleidete. Er hatte Stefan Zweig gelesen, diese Geschichte, in der ein Typ vorkommt und von sich erzählt, dessen extravagantes Arbeitszimmer beschrieben wird, starkriechende Blumen, eine Kordel um die Decke und ähnliche Kinkerlitzchen. Also, der Busfahrer, er war der Typ mit der Kordel.

Was können wir tun, damit aus dem Busfahrer wieder ein Radfahrer wird?

Das chinesische Zeitalter 2: Dicke Gegenwart, dünne Vergangenheit

Von | 7. Juli 2021

Zu den Exportgütern der Volks­republik gehören nicht nur materielle Waren. Nach dem Vorbild der deutschen Goethe-Institute hat die Volksrepublik ein weltweites Netz von Konfuzius-Instituten aufgespannt. Konfuzius als Vertreter des konservativen, an sozialen Hierarchien orientierten Sozial­systems wurde in der Ära Xi’s rehabilitiert. Die nach ihm benannten Institute widmen sich dem Spracherwerb und Kultur­austausch – harmlos, wie es scheint. Wieder hat die Volksrepublik auf das bewährte Konzept des joint ventures zurückgegriffen: die Institute sind Teil der Universitäten im Gastgeberland, zur Hälfte aus Beijing finanziert, greifen sie der dahinsiechenden westlichen Sino­logie unter die Arme und genießen im Gegenzug sofortige akademische Anerkennung im Westen.

In der „Zeit der Streitenden Reiche“, einer kriegerischen Epoche vor der chinesischen Reichseinigung im Jahr 221 v.u.Z., zogen in der Wandergelehrte – ähnlich den Trobadouren im europäischen Mittelalter – von Hof zu Hof, um ihre Erfolgsstrategie an die Fürsten zu verkaufen. Die Epoche wurde bereits im alten China als „Zeit der hundert Schulen“ bezeichnet. Es handelt sich um die kreative Zeit des chinesischen Denkens – alle bis heute lebendigen philosophischen Strömungen stammen aus dieser Epoche und wurden in den nachfolgenden beiden Jahrtausenden fortlaufend neu interpretiert. Von den vielfältigen philosophischen Strömungen, die im alten China als „Hundert Schulen“ im Wettstreit miteinander standen, wurden in der Volksrepublik unter Xi zwei Traditionslinien wiederbelebt:

Konfuzianismus

Konfuzius (551-479) hat ein strikt patriachalisches System etabliert, in dem Frauen den Män­nern und die Jüngeren den Älteren hierarchisch unter­geordnet sind. Aufgrund einer fest­ste­henden sozialen Hierarchie werden soziale Verhältnisse – bis zur Erstarrung – stabilisiert. Wissen, Fleiß, Gehorsam, Mitmenschlichkeit und Güte sind kon­fu­zianische Werte, die unter Xi als sozialistische Werte in der Volks­republik wieder­auf­erstehen. Sie veredeln die autoritäre Einmann- und Ein­parteienherrschaft mit einer hu­ma­ni­stischen Oberfläche und unterwerfen den Einzelnen einer positivistischen Moral: Sei aktiv, lerne, tue das Gute!

Legalismus

Mittels Zentralverwaltung, Vereinheitlichung von Schrift, Wäh­rung und Maß­ein­heiten, Zwangs­arbeit, Abschaffung der Erblichkeit von Ämtern sowie einer ausschließlich auf Landwirtschaft und Angriffskrieg kon­zentrierten Lebensweise, führte der Shang Yang (gest. 338 v.u.Z.) den Staat Qin zu preußischer Effizenz und Größe. Prinz Hanfeizi (280-233), ein Schüler des mis­anthropischen Konfuzianers Xunzi (300-239), gewissermaßen der Machiavelli des alten China, setzte sich aus­führlich mit dem paradox erscheinenden Prinzip „Tue das Nichtstun“ (Wei Wuwei) auseinander­gesetzt – er kam zu dem Schluß: der Fürst könne sich am ehesten zurücklehnen und nichts tun, wenn er eine Diktatur errichte, in der die Menschen so viel Angst haben, daß sie alles tun, wenn der Herrscher nur mit der Wimper zuckt. Schöngeistige Bücher sollten verboten werden. Das erreiche er durch die Todesstrafe oder durch Be­lohnung in Form von Landparzellen ensprechend der Zahl der Köpfe getöteter Feinde. Nicht dem Fürsten der Han, sondern dem 13jährigen Ying Zheng (259-210), der zum Fürsten von Qin ernannt wurde, gelang es, China zu vereinen, indem er die Nach­bar­staaten durch Druck, Überredung, Drohung, Eroberung oder Bestechung unterwarf – er nannte sich fortan Qin Shi Huangdi (Ursprünglicher Gelber Kaiser von Qin). Von Qin leitet sich der im Westen ver­brei­tete Name „China“ ab (wäh­rend die Chinesen selbst ihr Land als „Reich der Mitte“ be­zeichnen). Qin Shi Huandi starb jung im Alter von 49 Jahren. Von ihm kündet bis heute die berühmte Grabstätte, die Terrakotta-Armee bei Xian. Unter seinem Sohn zerfiel das Reich.

These 11: Präsident Xi nimmt sich offenbar Qin zum Vorbild – ohne zu erwägen, daß Qin’s geeintes Reich schon nach zwanzig Jahren Rebellen zum Opfer fiel: Es zerbrach am Unmut des Volkes gegen das allzu harsche Regime.

Auf Anraten seines Ministers Li Si (280-208), der ebenfalls ein Schüler von Xunzi war und  Hanfeizi’s Empfehlung eines Bücherverbots folgte, befahl im Jahr 213 v.u.Z. Qin Shi Huangdi, die Mehr­­zahl der auffindbaren Bücher (Bambusrollen) zu ver­brennen und die Gelehrten lebendigem Leib einzugraben.

„Diese Gelehrten lernen nicht von der Gegenwart, sondern von der Vergangenheit, und kritisieren damit unsere Zeit und stürzen die Schwarzhaarigen (die Bauern – die Red.) in Verwirrung. Wenn sie hören, dass ein kaiserlicher Befehl ergangen ist, debattieren sie ihn je nach ihrer Lehrmeinung. Bei Hofe kritisieren sie ihn im Herzen; draußen reden sie darüber in den Straßen. Den Herrscher zu diskreditieren ist ein Weg, berühmt zu werden. Sie leiten ihre Schüler darin an, üble Nachrede zu üben. Wenn Dinge wie diese nicht verboten werden, wird die Macht des Herr­schers oben geschwächt, und unten bilden sich Parteien. Ich bitte deshalb darum, alle historischen Auf­zeich­nun­gen, die nicht aus dem Reiche Qin stammen, zu verbrennen. Außer den Exemplaren, die in der kaiserlichen Hof­akademie liegen, sollen alle Lieder, Urkunden und alle Schriften der Hundert Schulen, die irgend jemand im Reich aufzubewahren gewagt hat, zu den Gouverneuren und Kommandanten gebracht und verbrannt werden. Jeder, der es wagt, über die Lieder und die Urkunden zu diskutieren, soll auf dem Marktplatz hingerichtet werden. Die­je­nigen, die das alte System heranziehen, um das neue zu kritisieren, sollen mitsamt ihren Familien exekutiert werden. Beamte, die von diesen Verbrechen hören oder von ihnen wissen, ohne sie zu verfolgen, sollen genauso be­straft werden wie diese Kriminellen. Dreißig Tage nachdem dieses Dekret ergangen ist, wird jeder, der seine Bücher noch nicht verbrannt hat, mit dem Brandmal im Gesicht und Zwangsarbeit bestraft. Ausgenommen sind nur Bücher über Medizin, Orakelkunde und Landwirtschaft.“ (Li Si, zit. nach Rademacher, 2003, S. 126)

Tatsächlich rettete das Volk eine Vielzahl der Schriften vor den Flammen, versteckte sie in Ton­gefäßen und vergrub diese in der Erde. Bücher­verbrennungen – das war ein archaisch-radikaler, blutiger Versuch der Zensur. Zunächst lehnten die chinesischen Marxisten Qin Shi Huangdi ab und betrachteten die Bauern, die die Herrschaft seines Sohnes stürzten, als Revolutionäre. Zu Beginn des Großen Sprungs sprach sich Mao jedoch plötzlich für den Ersten Kaiser aus, ja, er erhob sich über ihn: Auf der zweiten Sitzung des Achten Parteitages am 8. Mai 1958 lobte er den Artikel Die historische Forschung muß heute dick und in der Vergangenheit dünn sein: „Dieser Artikel beweist, daß es unsere Tradition ist, in der Gegenwart dick und in der Vergangenheit dünn zu sein. Sima Guang wurde zitiert, Qin Shi Huang leider nicht. Doch Qin Shi Huang war ein Experte darin, die Gegenwart zu verdicken und die Vergangenheit zu verdünnen.“

An diesem Punkt entgegnete Lin Biao: „Qin Shi Huang verbrannte Bücher und verbot den Kon­fu­zia­nismus.“

Mao brüstete sich daraufhin mit folgender Dummheit: „Was war denn so außergewöhnlich an Qin Shi Huang? Er hat 460 Gelehrte (Konfuzianer) lebendig begraben; wir haben 46.000 Gelehrte (Konfuzianer) lebendig begraben. Dazu habe ich schon mit gewissen Demokraten diskutiert: Ihr glaubt, ihr könnt uns beleidigen, wenn ihr uns als Qin Shi Huang bezeichnet, aber ihr irrt, wir haben Qin Shi Huang hundertfach übertroffen! Ihr bezeichnet uns als Diktatur – wir bekennen uns gern zu diesen Eigen­schaften, wir bedauern nur, daß ihr derartig hinter der Wahrheit zurückbleibt, daß wir eure Vor­würfe ergänzen müssen!“ (Mao Zedong, 1958, Text 29)

Während der Kulturrevolution setzte sich die Glorifizierung des Ersten Kaisers durch: Seine Ge­walt­herrschaft zum Wohle der Nation wurde bejubelt, dessen Weitsicht China geeint habe. Nur weil er die Staatsfeinde nicht gründlich genug ausgerottet habe, sei er den Rebellen zum Opfer gefallen.

Lang lebe der Mao-Zedong-Gedanke

Zu Studenten und Professoren der Beijing-Universität sprach Präsident Xi:

„Es ist der größte Traum des chinesischen Volks seit dem Opium-Krieg (1840-1842) und das höchste und grund­le­gend­ste Interesse der chinesischen Nation, ein reiches und starkes, demokratisches, zivilisiertes und harmonisches und modernes sozialistisches Land aufzubauen und die große nationale Renaissance zu verwirklichen. Die Be­strebungen aller 1.3 Milliarden Chinesen dienen im Grunde dazu, dieses großartige Ziel zu verwirklichen… Doch wir sind gegen die Schlußfolgerung, daß ein starkes Land zwangsläufig Hegemonie anstrebt, und beharren auf einem friedlichen Entwicklungsweg.“ (ebd., S. 208 ff.)

Zu Politkadern der Kommunistischen Partei Chinas sprach Xi:

„Parteimitglieder und Funktionäre müssen fest an den Marxismus und Kommunismus glauben, sich unermüdlich und gewissenhaft für die Verwirklichung des grundlegenden Programms der Partei in der jetzigen Phase einsetzen … Führende Funktionäre, insbesondere ranghohe, sollten die grundlegenden marxistischen Theorien zur Aus­bildung ihrer besonderen Fähigkeiten beherrschen und den Marxismus-Leninismus, die Mao-Zedong-Ideen und insbesondere die Deng-Xiaoping-Theorie, die wichtigen Ideen der Drei Vertretungen sowie das Wissenschaftliche Entwicklungskonzept gewissenhaft studieren … Parteilichkeit und Volksverbundenheit stehen nach wie vor in Einklang … Dabei setzen wir darauf, ganz nah am Menschen zu und den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Unsere Arbeit muss sich dementsprechend daran orientieren, dem Volk zu dienen … Es sollen vor allem Solidarität, Stabilität und Aufmunterung thematisiert werden und positive Berichte sollen dominieren.“ (ebd., S. 188 f.)  

Präsident Xi stammt aus der alten Nomenklatura. Sein Vater trat 1928 in die KP ein und bekleidete während der Hungerjahre nach dem Großen Sprung das Amt des Stellvertretenden Minister­prä­si­den­­ten (1959-1962). Danach war er Gouverneur der Provinz Guangdong. Xi genoß eine privi­legierte Kindheit, bis die Roten Garden seinen Vater verhafteten und die Familie ver­unglimpften. Als Jugendlicher floh Xi in das Dorf Liangjiahe, wo er etliche Jahre als Land­arbeiter unterkam und in einer Höhle lebte. Diese Erfahrung bewegte ihn jedoch dazu, die maoistischen Methoden der Um­erziehung und des Terrors fallenzulassen. Die gegenwärtige Verfolgung der Uiguren in Xinjiang gilt als „die  größte Internierung einer ethnisch-religiösen Minderheit seit der Nazizeit“ (Kai Stritt­matter, 2020, S. 19) Es ist vor allem der kurzfristige Erfolg des Legalismus, den Xi vor Augen hat: ihm verdankt China bis auf den heutigen Tag seine Einheit und ist in Form der wieder ausgegrabenen Terrakotta-Armee Qin Shi Huangdi’s zu bewundern.

Memento mori

Von | 7. Juli 2021

Ich weiß nicht, wer es war, jedenfalls einer der Passanten, die jeden Tag am Krankenhaus vorbeikamen. Er war jedenfalls, so wird es erzählt, nachts mit einer Schaufel über den Friedhofszaun geklettert, hatte sich ein Grab gesucht, das gerade aufgelöst, aber noch nicht eingeebnet worden war, hatte gegraben, einen doch recht gut erhaltenen Schädel gefunden und mitgenommen. Jetzt steht der Schädel auf seinem Schreibtisch (manche sagen, das ist nur ein Schauermärchen, wie das Medizinstudenten den Juristen auf Partys erzählen; aber Schädel – die kann man nicht im Internet bestellen). Jeden Morgen singt er jetzt einen lateinischen Hymnus, bevor er seine Tasche nimmt, ins Auto steigt und Montag bis Freitag der immergleichen profanen Arbeit nachgeht.

Siamesische Zwillinge

Von | 5. Juli 2021

„Wir nehmen dich als vage war, aber: Du dirigierst das, was hier gerade gedreht wird. Und: Du bist mit Abstand bis ins Letzte bestimmt.“

Esther wandte sich um. Wer war so blöd, sich einen solchen Satz auch nur anzuhören. Wer erwartete solche Sätze von einer ernstzunehmenden Person? Sie.

Eduard hatte zum wiederholten Male Phrasen von sich gelassen. Vor ihr, die da mit ihrem Körper an der Wand klebte und Nähe vermied. Ich glaube, ich bin im falschen Film.

„Vielleicht nimmst du mich als vage wahr, weil du dich gerne geschwollen reden hörst. Und: Was heißt das eigentlich, bis ins Letzte bestimmt?“ Esther stieß ein raues Lachen aus.

Eduard wich zurück. „Nicht so laut! Hier sind kranke Menschen.“ Er schob den Mundschutz zurecht.

Die Billardkugel war angestoßen. Esther konnte nicht zurück.

„Es tut mir leid, Eduard.“ Ihre Stimme wurde leiser. „Aber bitte: Du weiß ja alles. Also: Was dirigiere ich? Dich? Du liebst es, mich zu analysieren, als sei ich ein sehr besonderes und seltenes Tier.“

Eduard war still. In seinem Gesicht zuckte es. Er nahm die Brille ab. Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet. Er sah blass aus gegen den Rollkragenpullover. Ein Dozentenpullover. Eduard würde sich nicht gehen lassen. Dennoch hatte sie ihn gerade aus der Fassung gebracht. Hier im Flur des Krankenhauses, neben der Intensivstation, auf der Vyvyan lag. Das Rollo war heruntergelassen, offenbar hatte die Familie einen Vertrag unterschrieben, damit er ein Einzelzimmer bekam. Eduard zog ein Taschentuch hervor und begann, seine Brille zu putzen. „Esther, du weißt, ich schätze dich. Doch du solltest dir überlegen, was du sagst. Schließlich bezahlen wir dich. Du solltest deine Rolle kennen. Und die heißt: Gehen nach Anweisung.“

Esther hatte hinter den Stuhl gegriffen und ihren Mantel von der Lehne genommen. Jetzt zog sie ihn an. Den burgunderfarbenen Samtmantel, der innen Futter hatte, sie hatte ihn für den heutigen Tag aus dem Kleiderschrank im wieder leeren Zimmer hervorgeholt und war froh, dass er von den Motten verschont geblieben war. Durch die Ritzen des Rollos drang etwas Licht. Die Schwesternstation war geschlossen. „Eduard. Ich verstehe. Ich verstehe, dass du das sagen musst. Schließlich bin ich kein Familienmitglied. Dass ich überhaupt hier sein darf, ist ein Wunder. Man kann hierzulande nicht mit zwei Menschen gleichzeitig verheiratet sein. Auch nicht als ein Patient, der offenbar zwei Menschen liebt.“

Sollte Vyvyan doch sein Begehren ausleben! Letzten Endes lebte er schon so viele Jahre mit Eduard zusammen, dass die Trennung unwahrscheinlich war. Sie waren wie siamesische Zwillinge. Esther erhob keinen Anspruch auf eine dauerhafte Bindung.

Sie stockte kurz und sah zu dem geschlossenen Rollo hinüber. Für die aufwändigen Überwachungs- und Behandlungsverfahren werden pro Patient 20–25 m² Grundfläche, 16–20 Steckdosen und mindestens zwei Sauerstoffanschlüsse für notwendig gehalten. Ach was, Vyvyan würde das überleben. Die Medizin war weit genug fortgeschritten, um zu wissen, was man bei einem Lungenleiden tun musste.

Sie reichte dem immer noch verstörten Eduard die behandschuhte Hand. „Ich weiß jetzt, was Contenance ist. Danke, Eduard.“

Der Zugang zur Intensivstation erfolgte durch eine Schleuse, um die Einfuhr krankheitserregender Keime gering zu halten. Esther war sich nicht mehr sicher, ob Eduard diesen gedrexelten Schwachsinn tatsächlich zu ihr gesagt hatte. Nur konnte sie nicht mehr zurück und ihn fragen. Sie irrte durch die Flure und fand schließlich den Fahrstuhl, der sie abwärts zum Ausgang fuhr.

Eduard stand immer noch unentschlossen auf der Stelle. Er hätte Esther gern aufgehalten, sich sogar entschuldigt, das war eben sein Dozententon, der so etwas sagte, doch dann erinnerte er sich an die Kollegen, auf der Party, wie sie ihm zuriefen: „Die Winter, die ist doch verrückt.“

Was hatte sie verstanden? Sie war das Vage in seinem und in Vyvyans Leben, das sich wie eine Qualle zwischen sie drängte, und dadurch wurden sie, wurde Eduard von ihr beherrscht. Damit hatte er nicht unrecht.

Am Ende des Ganges zeigte sich wieder die Krankenschwester und geleitete sie hinaus. Dabei lüftete sie. Und sie hörte nicht auf, der Familie zu erläutern, weshalb die ANstAndsregeLn (Eduard verstand: ANAL-Regeln) auch zu Hause so wichtig waren.

Das chinesische Zeitalter 1: Schleichwege auf der neuen Seidenstraße

Von | 30. Juni 2021

„Wenn ein einsichtiger König re­giert, zeigt sich sein Wirken überall un­term Himmel, ohne daß er selbst in Erscheinung tritt; die zahllosen Lebe­wesen wandeln sich, und das Volk gerät nicht in Ab­hän­gig­keit; niemand wird gepriesen und gerühmt, alle finden Freude in sich selbst; er richtet sich auf durch das, was sich nicht ermessen läßt, und spaziert dort umher, wo nichts ist.“ (Zhuangzi, 7.4)

Wir haben durch Lenins Brille auf den pandemisch angegriffenen Westen geblickt – ein noch klare­res Bild erkennen wir, wenn wir den Blick gen Osten richten, wo der Marxismus/Leninismus bis heute den ideologischen Überbau der Herrschenden bildet, ohne ernsthaft als Analyseinstrument der aktuellen Lage genutzt zu werden: Mao Zedong (wörtlich „Wohltäter des Ostens“), einst als „Steuermann der Welt­revolution“ ge­priesen, vollbrachte unter zahllosen Menschenopfern das Wunder, mit einer schlecht ausgerüsteten Bauernarmee, Japan zu besiegen und den Bürgerkrieg gegen die reaktionäre Kaste von Chiang Kaishek (Jiang Jieshi) zu gewinnen, der sich 1949 schließlich mit einem Großteil der kaiser­lichen Schätze nach Taiwan absetzte, um auf der Insel die „Republik China“ auszurufen. Seitdem blickt Mao’s Konterfei vom Tor der Verbotenen Stadt herunter auf den Platz des Himmlischen Friedens. Doch der alternde Revolutionär kam nicht zur Ruhe. Von der Idee beflügelt, die In­du­strie­produktion des Westens zu übertrumpfen, befahl er den Bauern, „die Stadt auf das Land zu bringen“, in den Dörfern Volkskommunen zu gründen, Werkzeuge selbst zu bauen, Rohstoffe vor Ort zu finden – das hieß letzten Endes die kaum vorhandene chinesische Industrie zu dezen­tra­lisieren, Mini-Hochöfen anzufeuern und auf diese Weise Stahl zu gewinnen. Es sollte der „Große Sprung nach vorn“ werden, der China, die Sowjetunion und den Ostblock mit wissen­schaftlicher Gesetzmäßigkeit an die Spitze des Fortschritts katapultieren sollte, und mündete in der größten Hungerkatastrophe der Menschheit, die von 1959 bis 1962 währte: In wenigen Jahren starben nach offiziellen Angaben der chinesischen Regierungen 15 Millionen Menschen, nach inoffiziellen Schätzungen waren es 45 bis 55 Millionen. Zu dieser Zeit kam es noch darauf an, die Sterbeziffer in der Propa­ganda stark zu untertreiben. Augenzeugen berichteten von eng beeinander liegenden Leichen in den Straßengräben.

Für Mao war dies nicht genug. Die Genossen „der ersten Front“, u.a. Liu Shaoqi – der wie Mao Sohn reicher Bauern war und eine Ausbildung zum Lehrer absolviert hatte – und Deng Xiaoping (seit 1923 sein Parteiname, der wörtlich „Kleiner Friede“ bedeutet), er­klärten den Klassen­kampf für beendet und ver­suchten, das Land mit Hilfe der Anreize eines regulierten Marktes zu ordnen und mit ruhiger Hand aufzubauen. Mao witterte Verrat. Für ihn galt der Spruch: „Mit Chaos auf Erden erreicht man Ordnung im Land.“ Er be­trauerte Stalins Tod, mißtraute der Tauwetter-Politik Chrustschows, dessen Kritik an den Volkskommunen zum Bruch zwischen China und der Sowjetunion führte. Mao befürchtete, daß aus der Unterschicht neue Ausbeuter hervortreten und die Stelle der alten Feudalherren einnehmem würden. Als sich die „erste Front“ vom permanenten Revolutionär abwandte, nutzte er den schwelenden Generationen­konflikt, um die studentische Jugend gegen die neue Funktionärskaste aufzuhetzen: die Große Sozialistische Kulturrevolution begann, forderte im Laufe von zehn Jahren schätzungsweise bis zu 20 Millionen Opfer und stürzte China erneut in den Ruin.

Der Pragmatiker Deng Xiaoping erfand ab 1975 die „sozialistische Marktwirtschaft“, mit der sich China tatsächlich sprunghaft nach vorn zu bewegen begann. Noch auf dem Sterbebett unterstellte ihm Mao, er sei „ein kleiner Kapitalist mit rechter Gesin­nung“, der vom Klassenkampf nichts verstünde und in der alten kapitalistischen Demokratie stehen geblieben sei. (Changshan Li, 2010, S. 190). Hat Mao mit dieser Einschätzung recht behalten?

Nach Mao’s Tod stürzte die Parteiführung die Viererbande – so hatte Mao selbst noch das ihm suspekt erscheinende  Bünd­­nis genannt, das seine letzte Ehefrau Jiang Qing mit den links­extremen Parteisoldaten Wang, Yao und Wang aus Shanghai eingegangen war, um während der Kulturrevolution die Macht, insbesondere in den staatlichen Medien, auszuüben und zur Gewalt auf­zustacheln. Mit der Beschränkung der Amtszeit hoher Beamter und der Aus­arbeitung einer neuen Ver­fassung für die Volksrepublik entfesselte Deng das chinesische Wirtschaftswunder. Indem sich das Billiglohnland China als Werkbank der Welt darbot, wurde nicht nur in kürzester Zeit ein epochaler Wohlstand erarbeitet. Vielmehr gelang es der chinesischen Wirtschaft den westlichen Kapitalismus, allen voran die Amerika, Zug um Zug in ihre Abhängigkeit zu ziehen. Während sich im Westen die Staatsschulden anhäufen, wachsen in der Volksrepublik die Dollar­re­serven. Der Zwang, daß westliche Firmen joint venture mit chinesischen Firmen eingehen müssen, wenn sie auf dem chinesischen Markt verkaufen wollen, führte zu einem signifikanten brain drain:  Wur­de den Chi­nesen vorgeworfen, westliche Produktionsgeheimnisse aus­zuspionieren und west­liche Tech­no­logie zu kopieren, geht die technische Innovation nun vielfach von der Volksrepublik aus. Satelliten im Orbit, Taikonauten, Monderkundung, Mars­missionen sind nur die Speerspitze dieser Entwicklung. Indem sich der Westen illusorisch als Hort der Freiheit im Denken und Handeln selbst mißversteht, während die wirtschaftliche Dynamik tatsächlich von der exponentiell wuchernden Bürokratie gebremst und behindert wird, unterschätzt er das chinesische In­no­va­tionspotential.

Freiheit in China spielt sich vorrangig außerhalb der Hauptstadt ab, in den Provinzen und Sonder­wirt­schaftsregionen, wo der Arm der Zentralgewalt nicht hinreicht. „Regieren unter Ver­zicht auf Ein­griffe in den natürlichen Lauf der Dinge“ – ein Grundsatz aus der Philosophie Laozi’s, auf den sich chinesische Politiker gern berufen, wenn es gilt, den autoritären Kern zu verschleiern. In der Praxis werden Regeln pragmatisch gebrochen, Interessen rück­sichtslos durchgesetzt. Groß­projekte schei­tern nicht an Fledermaus-Ha­bitaten oder ein­stöckigen Wohnhäusern ohne Ka­nalisation, die den Trassen der Industrialisierung im Wege stehen. Menschenrechte, Umweltbelange – kein Hinder­nis. Im Westen erscheint der radikale Pragmatismus, von dem in China tätige Archi­tekten und Firmenchefs schwärmen, als Ausdruck eines zen­tralistischen Durchgriffs. Doch auch dies ist eine Fehleinschätzung: Die Führung in Beijing wußte nach dem Ende der Kulturrevolution, daß die Wirtschaft nur Fahrt gewinnt, wenn sie dezentral von Einzelnen vorangetrieben wird. Familien, Gruppen, Clans sind es, die die Regeln bestimmen – der chinesische Staat agiert fröhlich mit.

Insofern ist die „sozialistische Marktwirtschaft“ der Volksrepublik seit Mitte der 1970er Jahre ein staatskapitalistisches System mit marxistisch-maoistischer Fassade, die an den Universitäten nach wie vor zum Pflichtprogramm gehört. In der Volksrepublik muß sich der staats­mono­po­li­stische Sektor nicht erst entwickeln, indem er mühsam die Verwaltung als Kundin gewinnt und in materielle Abhängigkeit zwingt. Der chinesische Staat ist per Verfassung Lobbyist in eigener Sache, der die privat­wirtschaftliche Konkurrenz als Stachel nutzt, um das Wachstum zu beschleunigen. Zugleich achtet er mit Argusaugen darauf, daß Privatunternehmer wie der ehemalige Englischlehrer Jack Ma, Gründer von Alibaba, dessen Firma nicht zuletzt durch einen Milliardeneinstieg von Yahoo Erfolge verbuchte, nicht übermächtig und schon gar nicht zum Kritiker des chinesischen Weges werden – in diesem Fall, welch Wunder, ist der maoistische Revolutionsgedanke wieder zupaß  und die chinesischen Wettbewerbsbehörde bereit, den Ausbeuter zu disziplinieren.          

Nun ist die Ära Deng Xiaopings bereits Geschichte. Präsident Xi Jinping, im Volksmund „Baozi“ (gedämpfte Teigtasche) genannt, ließ sich als recht­mäßiger ideologischer Erbe Maos mit Unfehl­barkeitsstatus zum „überragenden Führer“ auf Lebenszeit ausrufen. Seine Ideen zum „So­zialismus chinesischer Prägung“ sollen in die Partei­sta­tu­ten eingehen. Einer seiner Vorgänger hatte bereits das Prinzip der Dreifachen Vertretung etabliert: die Kommunistische Partei vertrete in China die Entwicklung der Produktivkräfte, die Ausrichtung der Kultur und die Interessen der Mehrheit des Volkes.

These 10: Tatsächlich erkennen wir in der Bewegung von Mao, über Deng zu Xi einen Wandel vom Stalinismus zum dynamischen Staatskapitalismus und schließlich zum Imperialismus chinesischer Art.

Der „chinesische Traum“, den Xi stellvertretend für die Volksrepublik träumt, zielt auf die Wieder­herstellung des Reichs der Mitte als Mittelpunkt und Stabilitätsanker der Welt. China hat im internationalen Handel einen Finanzüberschuß erwirtschaftet, den es natürlich ge­winn­bringend anlegen möchte. Das Zauberwort heißt Neue Seidenstraße oder One belt, one road.  Damit ist das Investitions­programm gemeint, mit dem sich die Volksrepublik überall auf dem Globus, wo sich die Chance bietet, seit 2014 einkauft: Sei es der Hafen Piräus vor den Toren Athens, der Duis­burger Güterbahnhof, in dem wöchentlich drei Dutzend Züge aus China eintreffen, der Schweizer Chemiehersteller Syngenta, der Augsburger Roboter­ent­wickler Kuka, Film­pro­duk­tions­firmen in Hollywood, italienische Fußballvereine, ein Hafen in Sri Lanka, die Autobahn in Monte­negro, Eisenbahnlinien und Pipelines in Afrika – es sind gerade finanzschwache Strukturen, die sich von Chinas Unterstützung angezogen fühlen und in die Schuldenfalle tappen. Die Regierung in Beijing bietet keinen Fond mit gleichen Regeln für alle Teilnehmer, sondern handelt die Konditionen bilateral mit jedem Bittsteller einzeln aus. Sri Lanka beispielsweise verpachtete seinen Hafen für 99 Jahre an die Volksrepublik, ein Schelm, wer dabei an Großbritannien und seine ehemalige Kronkolonie Hongkong denkt… Während Beijing von einer Globalisierung 2.0 schwärmt, sprechen Kritiker von einer Kolonisierung 2.0. Als Gegenleistung erwartet Beijing einen Kotau vor seinen geopolitischen Ansprüchen: den Verzicht auf die Anerkennung von Taiwan und des Dalai Lama, die Akzeptanz der Ver­einnahmung des südchinesischen Meeres usw.

Die natürliche Ordnung der Dinge

Von | 25. Juni 2021

Schlechte Aussichten:
Weinende Kreaturen,
Fische schreien,
Tote Vögel im Watt.
Nichts hören,
Nichts sehen,
Nichts sagen.
Das große Fressen
Geht zu Ende.
Der Mars steht
Nah den Plejaden,
Der Stier hat seine Hörner
Nun auf uns gerichtet.
Die Konten eingefroren,
Kleingeld geronnen
Zu Staub.

Die natürliche Ordnung
Der Dinge
Ist gestört.

Pandemie-Kakophonie

Von | 25. Juni 2021

Ich sagte es dir.
Du sagtest es ihm.
Er sagte es ihnen.
Sie sagten es auch.
Es wurde gesagt.
Wir alle sagten es.
Ihr sagtet es weiter.
Doch
Sie alle kannten
Die Wahrheit nicht.

Das neue Zeitalter

Von | 22. Juni 2021

Ein neues Zeitalter hatte begonnen. Niemand hatte daran gedacht, doch nun war es da. Wie konnte es geschehen? Zu­erst kam die Sintflut. Nicht die biblische, sondern die neu­zeit­liche Überflutung ganz West- und halb Mittel­euro­pas. Auf dem verbleibenden Festland wurde das Autofahren verboten. Die Leute nahmen es hin und bastelten fortan an ihren Booten und Surfbrettern herum, glaubten, das wäre alles. Herr Klopsig ar­beitete bei der Bahn, dort genoß er freie Fahrt auf allen Strecken, die von der Sintflut verschont geblieben waren. Das Auto­ver­bot berührte ihn nicht, im Gegenteil, er be­grüß­te es. Die Re­gierung fühlte sich ermutigt.

Als nächstes knöpfte sie sich das Trinken vor. Nein, die Zustände der Prohibition kehrten nicht wieder: Es gab keinen Widerstand, keinen Untergrund. Gering alko­ho­lische Ge­tränke wie Bier und Wein blieben legal – verboten wurden De­stillate. Die Leute waren so gesättigt und schwach, be­schäf­tigt mit ihren davon schwim­menden Eigen­tums­wohnungen und Liebesgeschichten, daß niemand auf die Idee kam, Schwarz­brennereien zu gründen, um den Stoff für noch mehr Geld zu brennen. Es wäre eine phan­ta­stische Um­ver­tei­lung geworden. Neue proletarische Kreise wären zur Elite aufgestiegen, erst in der Mafia, dann in der Regierung. All das blieb aus.

Statt dessen beschlossen die Oberen, schamlos mutig, das Fallen­lassen von Papier auf die Sandwege unter Strafe zu stellen. Was wäre ein Gesetz ohne Strafen anderes als ein horn­loses Nashorn? Binnen eines Jahres folgte die Wieder­ein­führung der Todesstrafe. Die Leute jubelten. Die Todes­strafe wollten sie schon immer zurück haben. Endlich wie­der Köpfe rollen sehen. Die Todesstrafe – gepaart mit dem universellen menschlichen Bedürfnis nach Sauberkeit und Ord­nung – entsprach vollkommen dem Volkswillen. Von we­gen, De­mo­kra­tie und Diktatur seien Gegensätze. Diktatur erschien den Machthabern als der voll­­endete Ausdruck der De­mo­­kratie: sie war unverstellt und schran­kenlos. Eine neue Verfassung wurde verabschiedet: die Ver­fassung der liberalen Dik­tatur.

An den gebohnerten, im staubigen Sonnenlicht glän­zen­den, menschenleeren Sandwegen war zweifelsfrei zu er­ken­nen, daß das neue Zeitalter ausgebrochen war. An den Gullydeckeln wurden Soldaten mit Maschinengewehren postiert, die darüber wachten, daß niemand eine Zigarettenspitze oder ein Pa­pier­taschentuch hineinwarf. Die kleinste Verunreinigung konnte zu einer Verstopfung im Kanal­system und einer erneuten Überflutung Berlins führen. Das Rauchen im öffentlichen Raum hatte die Regierung im übrigen schon vor der Sintflut unter Strafe gestellt. Die Zü­ge und Schiffe füllten sich mit Ge­set­­zes­brechern, das heißt die Güter­züge und die Con­tai­ner­­schiffe.

Der Bahnhofs­vor­ste­her, ein alter Schul­kamerad von Herrn Klopsig, ihm seit langem als freund­licher Arbeits­kollege vertraut, lächelte. Jetzt hatte er endlich alle Hände voll zu tun. Herr Klopsig lächelte zurück, dachte, er könne, indem er ihm helfe, das System unterminieren. Herr Klopsig sah die furcht­samen Gesichter in den Öffnungen und Ritzen der Waggons. Die lächelnde Visage des Bahn­hofwarts. Die ge­spen­stisch glän­zenden leeren Straßen.

Zur Demokratie gehörte der Dreck, er zeugte vom Leben. Der Tod hatte keine Zeugen. Nur den Bahnhofswart, der die Weichen so stellte, daß die Waggons direkt in den Schlund des Verbrennungsofens hineinrollten. Und Herrn Klopsig, der mitmachte, um zu protestieren, zu sabotieren. Aber da­raus wurde nichts.

Einmal, als der Bahnhofsvorsteher eingeschlafen war, stell­te Herr Klopsig die Weiche um und manövrierte den Zug auf ein Abstellgleis, hoffte, daß die zahlenmäßig über­legene Meute der zum Tode verurteilten Sandweg­be­schmut­zer aufbegehren würde. Statt dessen blickte sie furcht­sam, in Schreckstarre, durch die Ritzen im Holz und nichts geschah. Sie fragten demütig, wann die Fahrt weiter­gehen würde.

Ehe Herr Klopsig sich versah, hatte ein Ge­heimdienstler den Mißstand erkannt, war hinzugeeilt, lotste den Waggon in den Orkus und feuerte Herrn Klopsig von sei­ner wun­der­baren Arbeitsstelle als Dispatcher bei der Bahn. Beinahe wäre er selbst vorm Tribunal gelandet und verurteilt worden. Diesmal hatte er Glück.

Später erzählte Herr Klopsig, wenn er nach dem Grund seiner kurz­zeitigen Arbeitslosigkeit gefragt wurde, er habe seinen Beruf bei der Bahn wegen der Sintflut verloren. Was nur halb stimmte. Tatsächlich fuhren die Züge nach der Sint­flut lediglich in Richtung Rußland. Im übrigen Europa wa­ren die Bö­den zu sumpfig geworden. Herr Klopsig hätte ohnehin seinen Be­ruf bei der Bahn aufgeben oder nach Osten umziehen müs­sen. Bald schon hatte er sich eine neue Existenz­grund­lage ge­schaf­­fen.


(geschrieben 2008, wiedergelesen am 21.6.21, in: „Empörte Flut“)

Duldung

Von | 21. Juni 2021

Großes Maul und kleines Hirn,
So sind heute leider viele.
Verkleiden sich in feinem Zwirn,
Und spielen mit uns ihre Spiele.

Sie können alles, wissen Bescheid,
Ihr Götze ist einzig das Geld.
Sie glauben an Macht auf ewige Zeit
Und beherrschen uns und die Welt.

Alle paar Jahre dürfen wir wählen,
Ob der oder die uns regiert,
Unsere Stimme soll ja dann zählen,
Wir werden von Blendern verführt.

Es blüht das Geschäft mit den Lügen,
Politik wird es wohl genannt,
Dass Menschen sich selber betrügen,
Ist seit alten Zeiten bekannt.

Wie lange noch werden wir’s dulden,
Wann hören wir zu pennen auf?
Wann zahlen sie ihre Schulden,
Wann endet der Ausverkauf?

Noch spinnen sie ihre Netze,
Noch ist es ihnen nicht bang.
Noch zählen ihre Gesetze,
Aber nicht mehr unendlich lang.

Die Krise

Von | 21. Juni 2021

Als Dauergast in unsrem Kreise,
Verstört sie uns auf eigne Weise.
Sie ist zur Regel uns geworden
Für Störungen verschiedener Sorten.
Die Zeitungen benennen diese
Als Grund für alles hier: die Krise.

Als Ursache für alle Sorgen
Beunruhigt sie uns schon am Morgen.
Ob Flüchtende, ob Klimawandel,
Die Schwierigkeit im Weltenhandel,
Das Konto zeigt wieder mal miese,
Wir wissen nun: schuld ist die Krise.

Trotz allem gibt es schöne Sachen
Und alle Tage was zu lachen.
Das Auf und Ab der Konjunktur
Ist mir egal, denn ich will nur
Dass man mir meine Ruhe ließe,
Ihr könnt mich mal mit eurer Krise.

Leset auf dem Grabstein

Von | 17. Juni 2021

Mag sein, im Moment der Todeserwartung, wenn alles eilt, alles in panischer Angst sich durch Flucht zu retten sucht, sich beeilt, über Zäune springt, ohne Hoffnung {,> ein / das Ganze[s] zu retten, die Mannigfaltigkeit vieler persönlicher Leben, sondern nur ums eigne sich sorgend, wenn im Kopf eines Menschen dasselbe geschieht, was in der Stadt geschieht, die von den hungrigen Wellen flüssigen, geschmolzenen Gesteins überflutet wird, kann es sein, dass [mit dem Sterben / im Moment der Erwartung des Endes] im Kopf eines jeden mit schrecklicher Schnelligkeit eine solche Erfüllung in Reißen und Riss, Formbruch und Grenzüberschreitung vor sich geht. Und sein kann es , dass im Bewusstsein einer jeden mit derselben schrecklichen Schnelligkeit die Wahrnehmung eines Zustands A in die Wahrnehmung eines Zustands B übergeht, und dass erst dann, im Zustand B, die Wahrnehmung ihre Geschwindigkeit verliert und wahrnehmbar wird, so wie wir die Speichen eines Rads erst dann wahrnehmen, wenn die Geschwindigkeit seiner Drehung unter eine bestimmte Grenze fällt

*Wie? Wahrnehmung funktioniert}

* *

Gras

Von | 10. Juni 2021

Aber niemand sollte weinen müssen ohne Wein
Aber niemand sollte satt sein mit leerem Bauch
Und Musik ist was dem Tod auf dieser Erde fehlt
Und Musik nun wie der Tod in der Luft ein Hauch

Aber wenn du einen Stengel in der Tasche hast, heißt das
Dieses ganze Leben ist doch gar nicht so schlecht
Wenn ein Ticket für den Silberflügler mit hineinpasst
Der beim Abheben nur seinen Schat_ten da lässt

Wie Preußen die Mongolei eroberte

Von | 3. Juni 2021

Schade, dass Wörter älter werden. Dabei werden sie nicht schöner;

Der Sektionsvorsitzende zum Rapport beim Innenminister. Schriftzeichen. Sie haben schon welche, und leider viel bessere als wir. Aber das mache nichts. Tabak- und Alkoholsteuer noch unbekannt, seien sie für Fortschritt noch so offen wie ein Scheunentor. Wie es einstmals der Genosse Lenin ausdrückte – Schritt vor, zwei zurück. Machen wir es also wie damals die Russen mit uns:

– Welcher Verdauungstrakt ist der wichtigste im Kampf?

– Ah, dieser Witz – na, der Kling-, äh Blinddarm…

– Richtig. Und wo klingelt es am lautesten?

– Peter und Paul… Wie war das nochmal… „der Mensch ist ein lachendes Geschöpf; der Mensch ist ein federloser Zweifüßler; der Mensch ist ein…“

– Ja. Und dazu jetzt noch die kyrillischen Buchstaben, wie in plazdarm — dosto

– primetschatelnosti, äh, also einfach Straßtwutje, hm, äh, also ich frag‘ ’nfach Jew…

wenn ich sage, dass araignée (Spinne) im Altfranzösischen aragne lautete, fällt mir auf, dass araignée eine aragne ist, die beim Älterwerden ihren schönen Klang verloren hat,

also Zhenja, ja?! Die Sterne am Himmel, immer eine Herausforderung… Am interessantesten immer noch die Kometen, Asteroiden und anderen Irrlichter vorm Astoria… Keine VLs mehr, noch nicht mal Kosmos-Vorlesungen… Die KI nun emanzipiert oder was man so nennt, mensch Egon! Im Staate Dänemark die Lacher immer auf deiner Seite, und der nordeuropäische Bürgerkrieg endlich durch Sprachbarrieren befriedet… Der Traum vom barrierefreien Wohnen findet nun im Theater auf der Bühne statt, sofern’s noch nicht möglich war, sie abzureißen % Denkmalschutz, Zielkonflikte, rouge & noir… Weiße Haut unter schwarzer Seide – schon Rassismus? Die im Wort selbst abgespeicherte Suppe ist selten nicht selbst, was sie brandmarkt

der frank und frei durch seine beiden a eröffnet wird, und dieses >> gnée << ist weder angenehm noch notwendig. Aragne hat genügt.

Die vier Jahreszeiten

Von | 1. Juni 2021

nach einer Melodie von Vivaldi

 

Sind in Vergessenheit geraten : im Herbst

Ernten wir und nehmen Abschied

Im Winter kehrt Ruhe ein : Erholung

Und Grabesstille : im Frühling

 

Atmen wir auf und streifen die schweren

Jacken ab : die Brust bläht sich

In kitzelnder Luft : die Zipperlein

Weichen : Bakterien

 

Und Keime fliehen ins Trockene

Um auszutrocknen : der Hals erholt sich

Der Husten hoppelt davon : sagt

Ernsthaft : ihr habt das alles

 

Vergessen : wenn ihr den Absturz

Der Zahlen seht : freut ihr euch

Auf den Sommer wie Kinder

Und laßt euch belehren : all das

 

Sei das Werk eurer Disziplin

Nicht der Jahreszeit : was ist das

Für eine Weisheit : die uns einsperrt

Im Herbst und im Winter

Ende der Zahlenspiele! 4.6 Die Sache mit der Solidarität

Von | 24. Mai 2021

„Im Staat Zheng lebte ein Schamane namens Ji Xian (Kenner der Gelegenheiten), der wußte, wann die Menschen geboren werden und sterben, überleben und umkommen, wann ihnen Unglück oder Glück widerfährt, ob sie lange leben oder jung sterben, er ver­mochte dies auf Jahr, Monat, Woche und Tag vorherzusagen, als wäre er ein Geist. Wenn die Einwohner von Zheng ihn erblickten, ließen sie alles stehen und liegen und rannten davon.“ (Zhuangzi, 7.5)

Über die Verteilungsgerechtigkeit zu wachen, gehört zu den menschlichen Urinstinkten: Als Kin­der passen wir auf, daß der Kuchen in gleiche Teile ge­schnit­ten wird. Die für das Kind existenzielle Angst, zu kurz zu kommen, rührt vom Narzissmus her, der in den ersten Lebensjahren über­lebens­wichtig ist, um sich in einer Welt von Erwachsenen und Gleichaltrigen zu behaupten. Wenn die Eigenliebe zugunsten von Mitgefühl und Liebe in den Hintergrund tritt, ändert sich das Motiv der Gerechtigkeit. Die Wahrnehmung, daß andere ungerecht behandelt werden, indem sie zu kurz kommen und keine Chance haben, ihr Recht zu er­langen, tritt als neue Qualität hinzu.

In der Corona-Krise wurde unter dem Stichwort der „Soli­da­ri­tät“ das Gerechtigkeitsempfinden des narzisstischen Kindes angesprochen: Wenn wir privat zurückstecken und verzichten sollen, dann sollen auch die großen Betriebe schließen und ihren Beitrag zur „Kontaktvermeidung“ leisten. Wenn die Älteren in den Heimen weggeschlossen und isoliert werden, dann sollen auch die Jün­geren keine Partys feiern und fröhlich durch die Gegend laufen. – Das ist Gerechtigkeit auf der untersten Stufe, „Solidarität“, die vom Neid bestimmt wird und letztlich auf eine große Un­gerechtigkeit hinausläuft: Denn für die Älteren ist es unangemessen, in den Heimen eingesperrt zu wer­den, wie es un­ver­hält­nis­mäßig ist, die Jüngeren ihrer Lebensperspektiven durch das Vorenthalten von Bildung und Arbeit zu berauben. Für beide braucht es andere Wege. So aber leiden die Älteren in Einsamkeit und Elend während ihrer letzten Lebensmonate, in denen sie vor einer Krank­heit geschützt werden, und sterben nicht selten an den Folgen der Isolation. Die Jüngeren aber müssen noch Jahre und Jahrzehnte mit dem Trauma der zerbrochenen Perspektive, Schul­karriere oder wegen Pleite aufgegebenen Selbständigkeit leben. Dabei waren sie von keiner Krank­heit übermäßig bedroht – der Lockdown war menschengemacht, Menschen tragen für ihn die Ver­antwortung. Daher das schreiende Gefühl der Ungerechtigkeit. Es ist Zynismus, sie dem Virus zu­zuschreiben.

Der künstlich geschürte und verstärkte Generationenkonflikt – mutet er nicht bekannt an? Am Vorabend des Ersten Weltkriegs trafen sich auf dem Hohen Meißner in Hessen 2.500 Ju­gendliche und Heranwachsende, um in der Natur dem Mief der schwerindustrialisierten Groß­städte und dem Militarismus zu entkommen. Sie forderten die Möglichkeit, „aus eigener Be­stimmung, vor eigener Ver­ant­wortung, mit innerer Wahrhaftigkeit“ ihr Leben zu gestalten: „Die Jugend steht an einem ge­schicht­lichen Wendepunkt. Bisher aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen und angewiesen auf eine passive Rolle des Lernens, auf eine spielerisch-nichtige Geselligkeit, nur ein Anhängsel der älteren Generation, beginnt sie, sich auf sich selbst zu besinnen. Sie versucht, unabhängig von den trägen Gewohnheiten der Alten und von den Geboten einer häßlichen Konvention sich selbst ihr Leben zu gestalten.“ Aufruf zur Teilnahme am Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner, 1913)   

Die Corona-Krise läßt sich als Symptom betrachten: als Symptom einer allgemeinen Krise des modernen Menschen, genauer des Menschen in einer normopathischen Gesellschaft (Maaz), der sich nicht nach seiner natürlichen Bestimmung (Zhuangzi) fragt, sondern den auferlegten Pflichten folgt, die ihm Eltern, Lehrer und Chefs übergestülpt haben – des Menschen, der funktionieren will.  Diese Funktionslust wird durch die Corona-Maßnahmen infrage gestellt: Politik und Medien nutzen die reale Angst vor dem Virus, um Angst zu schüren, indem sie „den Alarm hochhalten“. Damit werden verdrängte Ängste geweckt, die auf ungelöste innere Konflikte hinweisen (Abhängigkeit, Ent­frem­dung). Das Bewußtwerden dieser Ängste wird vom Ich aktiv abgewehrt a) durch totale Anpassung an die politischen Einschränkungen und die vehemente Verteidigung der angetragenen Unfreiheit oder b) durch Skepsis und Kritik an der einseitigen Darstellung der vermeintlichen Risiken, dabei in Kauf nehmend, als Verräter, Omega, Verschwörungstheoretiker oder Nazi diffamiert zu werden.

Die politische Wirkung besteht in der Polarisierung der Gesellschaft, genauer gesagt in der kognitiven Verstärkung der ökonomisch angelegten Polarisierung. Indem sich die Mehrheit der Bevölkerung in Corona-Gläubige und Corona-Skeptiker, Positiv- und Negativgetestete, Geimpfte und Nichtgeimpfte spaltet, wird der Konflikt auf den Nebenschauplatz der Virusbekämpfung abgelenkt, während die eigentlichen Konflikte der heutigen Zeit aus dem Blick geraten.

„Grundrechte sind nicht nur Abwehrrechte des Einzelnen, sondern sie fungieren über die Verfassungsbeschwerde auch als politische Partizipationserzwingungsrechte von Minder­heiten­gruppen. Parlamentarische Mehrheiten werden gezwungen, andere Belange zu berücksichtigen, jedenfalls sich mit ihnen auseinanderzusetzen, damit das Gesetz nicht vor Gericht scheitert. Föderalismus und Grundrechte beheben auf diese Weise Repräsentations- und Artikulationsdefizite des parlamentarischen Prozesses und sorgen dafür, dass auch ein in Berlin erstarrter politischer Prozess, der nur noch eine Koalitionsvereinbarung „abarbeitet“, oder in der Gewissheit von Modellrechnungen denkt, Anstöße erhält. Für solche Arenen, die Partizipation und Pluralismus pflegen, besteht besonderer Bedarf, wenn sich der politische Prozess vor solchen Anstößen abschottet und auch durch Gerichte nicht dazu gezwungen wird, sie zu verarbeiten.“ schrieb Oliver Lepsius in seinem Beitrag Das ver­fas­sungs­recht­liche Argu­ment hat es schwer  vom 05.02.2021.

Tatsächlich steht die moderne Welt am Scheideweg, sich mittels intelligenter Technik in eine Wohlfühl-und-Fürsorge-Technokratie  zu transformieren, die im Kern autoritär bis totalitär, sagen wir technokratisch, ist und dem Profit der führenden Tech-Konzerne dient; oder die Gesellschaft demokratisiert sich weiter in subsidiär verwaltete Minderheiten und Nischensozietäten, in denen Partizipation und Basis­demo­kratie lebendig entfaltet werden können. Die Tücke der Corona-Strategen besteht darin, die allgegenwärtige latente Gesundheitssorge in eine Angst zu verwandeln. Dafür werden vermeintlich linke, ursprünglich einfach demokratische Werte wie „Solidarität“ und „Partizipation“ als festlich ge­schmückte Zugpferde vor den Karren  der Konzerninteressen gespannt: Jüngere beschränken sich und verzichten für Ältere, Impfstoff für alle… In der gegenwärtigen Umkehrung aller Werte treten autoritäre „Linke“ für Freiheitsbeschneidung, Unterwerfung, Obrigkeitsdenken und das Ausbluten des Mittel­standes ein, während sie Illusionen wie No- oder Zero-Covid hinterher eilen.

These 9: Die Corona-Politik bewirkte unter Berufung auf die „Solidarität“ – die Jüngeren bringen ein Sonder­opfer für die Älteren, die Maske schütze nicht mich, sondern die anderen – eine Rechts-Links-Umkehr.

Wurde diese Parole von den Regierungen zunächst nur rhetorisch im Sinne einer pro­phy­laktischen Präventionskommunikationsstrategie gebraucht, um einem Rückfall in die Bar­barei vorzubeugen, in der jeder nur sich selbst der nächste ist, lockte die „Solidaritäts“-Propaganda die „Linke“ in die Vorkammern der Macht und reanimierte die Lust am autoritären Staat, der sich anschickt, Gleichheit und Gerechtigkeit auf dem Weg der Verordnung von oben durchzusetzen – gleichsam die Wiederkehr des überwunden geglaubten leninistisch-stalinistisch-maoistischen Programms. Die „Rechte“ dagegen, die in den Jahrzehnte davor nicht zimperlich war, die Staats­gewalt für ihre Zwecke einzusetzen, geriert sich nun als Verteidigerin der individuellen Freiheit…

Statt die Industrie in den Schutz der Bevölkerung einzuspannen, wird die Bevölkerung durch Zermürbung gefügig gemacht, so daß das „Sich-Frei-Impfen“ auch auf große, nicht gefährdete Gruppen, die unter 60jährigen, ausgeweitet wird. Dies führt zu dem Paradox, daß die „Solidarität“, die den Jüngeren in Form eines umfassenden Lebendigkeitsverzichts abverlangt wird, durch Zwangs­maßnahmen aufrechterhalten bleibt, obwohl die vulnerablen Gruppen bereits „durch­geimpft“ sind. Die Jüngeren werden mit dieser Strategie doppelt betrogen und ausgebeutet: Zu­nächst wurden sie Einschränkungen in Beruf und Bildung unterworfen. Seitdem die verletzlichen Gruppen qua Impfung als geschützt gelten, werden die Einschränkungen nur für sie, nicht aber für die solidarisch in Mithaftgenommenen wieder aufgehoben. Gar keine Rede ist davon, daß bei Jüngeren (<60 J.) die Kosten-Nutzen-Abwägung der Impfung kippt: aufgrund der äußerst winzigen Wahr­scheinlichkeit für nicht vulnerable Menschen, tatsächlich eine schwere Atemwegserkrankung (nicht nur ein positives Testergebnis) zu erleiden und daran zu sterben, potenziert sich das Gewicht „seltener“ Nebenwirkungen wie der Hirnvenenthrombosen, Em­bolien usw. Zum doppelten Betrug an der jüngeren Bevölkerungsmehrheit kommt die Ver­dopp­lung des Risikos hinzu, von Impfnebenwirkungen betroffen zu sein, deren Wahrscheinlichkeit umgekehrt proportional zum Alter wächst.

Wie „begründet“ die Politik die Impfung der nicht von Covid gefährdeten Bevölkerung? Natürlich wegen der „Solidarität“ mit den Älteren, denn würde man den Jüngeren die für sie gefährlichere Impfung ersparen, wäre die „Herdenimmunität“ passé.

Wenn ich mit älteren Men­schen spreche, wundern sie sich über den Aktionismus der zumeist kinderlosen Politiker: Die Älteren wollen die Chancen ihrer Kinder und Enkel nicht davonschwimmen sehen; eine Politik, die dies zuläßt, empört sie – Reisemöglichkeiten auf die Balearen oder an die Algarve hin oder her. Und die „Herdenimmunität“ ist vermutlich eine Chimäre, wenn das Virus wie in den letzten drei Mil­lionen Jahren im Herbst leicht variiert wiederkehrt. Die Jugendlichen auf dem Hohen Meißner widersetzten sich dem Diktat, indem sie wanderten, sangen und tanzten. Und auch heute gilt wieder: Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren! Tanz bedeutet Leben, Liebe, Freiheit, Kampf, Sehnsucht, Freude, Verzweiflung, Versöhnung, Schönheit und Kraft.

Liebe

Von | 23. Mai 2021

für Micha

Zwischen Maß und Übermaß spannt sich eine Brücke

Wie im Märchen Metalle, die sich mischen und nicht

mischen: die Bewegung, Daseinsweise der Materie, hat die Wesen

fest im Griff

fest im Griff

Loslassen!

haare im wind

Von | 15. Mai 2021

an den meisten tagen
war die kindheit verwaschen
die farben verloren sich
auf dem heimweg
ein blasses kind
lügt sich geschichten
an die wand
sagen sie
manchmal pochen
die worte im kopf
auf gut passt mut
auf brot passt not
mutter trägt eine karierte schürze
darauf reimt sich nichts

nachts schleichen
vanilleträume ums haus
sprachfetzen aus zimt
und weißer schokolade
türmen gedankenberge
ein freches kind
sagen sie
immer das letzte wort
ungereimtes schon im stammbaum
haare im wind
ein verwittertes kind

Späte Jahre

Von | 14. Mai 2021

Wir haben eine Katze und einen Regenschirm. Wir haben einen Raum für glückliche Momente und einen Raum für die Einsamkeit. Vom Fenster aus kann man die schneeverhangenen Berge sehen. Zu weit, sagst du manchmal, viel zu hoch für so kleine Leute wie wir. Dann nimmst du den Schirm und machst eine Runde ums Haus. Du bist genau 2 Minuten und 17 Sekunden draußen. Jeden Tag. Dreihundertfünfundsechzig Mal im Jahr. Während ich dastehe und auf die Uhr schaue und warte, bis ich die schweren Schuhe im Flur höre. Dein Kreischen, wenn du dich auf die Garderobenbank setzt, um die Schuhe auszuziehen. Die Katze spitzt die Ohren und läuft in den Flur. Sie schaut dir zu, wie du die Pantoffeln wieder anlegst und dir nach, wenn du dich in den Raum für die Einsamkeit zurückziehst.
Wir hatten einen Raum für glückliche Momente. In den ersten Jahren haben wir darin Bücher gelesen, von der Zukunft geträumt und zum Fenster raus gesehen. Die Berge waren näher und wir wollten hoch hinaus. Hoch über die Berge, sagtest du, dahinter beginnt das Meer.
Das Meer haben wir nie gesehen und auch nicht den Gipfel des Berges. Was dahinter wirklich ist, werden wir wohl nie erfahren.

* * *

Von | 12. Mai 2021

Deine Augen – zwei Flügel,

Dein Blick – eine Tür.

Wenn sie mich anschauen

durch einen Tunnel aus Zeit,

wird mein Körper beschleunigt

Richtung nirgendwo.

So ist:

deine Liebe – meine Rakete.

18.04.21