Im Schnee wird meine Stimme blau

An meinen Versen
hÀngt noch Nacht.

Bei der Kaimauer
rufen die Möwen nicht mehr,
und Schiffe
fahren zu keinen Ufern.

Worte graben sich in Sohlen
und Ackerfurchen.
Ob sie ĂŒber mich hinauswachsen
im FrĂŒhling
zwischen gestrandeten Gedanken
und morschen Planken –

Du legst mir Meer
vor die FĂŒĂŸe,
doch jeder Tropfen rinnt
an einen Ort
jenseits des Lichts.

Genre: RealitÀtsschatten

Kaum hörbar : laut

Im Sturzflug kreisen die Rotoren
Hubschrauber erklimmen Berge

Beton : Beton : Beton
FĂŒrs HĂŒttchen auf der Alm

Der Sturzbach rauscht
Kaum hörbar : laut

Die Wanderer : sie rasten
Im nÀchsten Jahr : so Bauherr will

Ist oben Schluß mit Fasten

Genre: RealitÀtsschatten

migration

im gerodeten auge speicheln die töne
(zerfurcht) wie gras
sage ich: lied singe dich selbst da mir die worte entblutet
entkernt entblĂ€ttert die frĂŒchte vom lippenrand
tödlich dies murmeln (zusammen-
gerottet):

iss von den klÀngen!
im schweigen verborgen (so sprachst du)
ein taumeln schlingernd zurĂŒck
zum urgrund sprache mit flammen-
schwertern vorm tor

(ĂŒberm feuer) zischen die jahre
tage stunden wie einst dieser biss in verbotene Àpfel

riss ich die kette von unsren lippen
kĂŒsste den stein vom ufergeröll –
vom kerzenrand schlÀnge mir einer den (flackernden) docht
um den fliehenden hals … diese trunkenen augen
(von alters her)

sie mit glĂŒhendem eisen (auf ewig) zu blenden
entfernteste worte (unausgesprochen) begegneten sich
in rasendem lauf

ein stummer gesang

Genre: RealitÀtsschatten

wir hÀtten verlieren können

Windfelder liegen zwischen uns
der Schimmer nÀchtlichen Gerölls
zwei oder drei Schritte weiter: da
waren keine Worte mehr

Genre: RealitÀtsschatten

vergnĂŒgungen

der sommer hat ausgeatmet
der dunst der tage legt sich
auf mein gemĂŒt
wir hatten die felder bestellt
und den regen besungen

nun werfen wir uns schatten zu
gedĂŒngt sind die momente
des letzten jahres
halte meine hand
nur noch ein einziges mal

Genre: Erinnerungsbrösel

vater

im unterhemd saßt du
mit dem bleistift in der hand
eine geschichte im kopf
mich auf dem schoß
und in diesem augenblick
flog die sehnsucht ĂŒber den horizont
das blei des stiftes
kratzte am papier
der schweiß deines körpers
roch nach einem harten tag
und ich auf deinem schoß
der baum auf dem papier
ragten Àste in die luft
du warst so leise oder mĂŒde
und ich war dein kind
bis dahin

Genre: Erinnerungsbrösel

zeichensprache

im spÀten licht des tages
fallen regenstriche zwischen uns
wir falten wortfragmente zusammen
und legen sie zur erinnerung
eines tages sagst du
wirst du dankbar sein
ĂŒber die beschirmenden worte
und den regen in meinem blick

Genre: Wortmysterien

Urlaub, Schule, Wellenangst

oder Das neue Virus wird harmloser

Eine der fĂŒr medizinische, aber auch juristische Gesichtspunkte entscheidenden Fragen betrifft die Entwicklung des neuen Coronavirus: Wird es im Laufe der Zeit, d.h. im Zuge der fĂŒr RNA-Viren typischen zahllosen Mutationen, fĂŒr den Menschen gefĂ€hrlicher oder harmloser?

Vermeintlich liegen uns dazu keine Erkenntnisse vor. Die Erfahrung mit SARS-1 und MERS aus den letzten Jahren legt nur nahe, daß das neue Virus wahrscheinlich im Laufe der Zeit harmloser wird. Es hat evolutionsbiologisch wenig Sinn, wenn es seine Wirtsorganismen vermehrt umbringt. So resĂŒmierte Christian Drosten in seinem „Corona-Update 47“ vom 11.6.2020: „Und dieses An­passen, das kann eben durch zueinander ZufĂŒgen von unterschiedlichen Mutationen in unter­schiedlichen Populationsabteilungen passie­ren. Und die phĂ€notypischen VerĂ€nderungen, die dabei entstehen können, wĂ€ren zum Beispiel, dass das Virus noch besser in der Nase repliziert und besser ĂŒber­tragen wird. Aber in der Nase werden wir nicht allzu krank davon. Das heißt, das Ganze wird auf lange Sicht zu einem Schnupfen, der sich fĂŒr die Lunge gar nicht mehr interessiert. So etwas könnte passieren.“ Drosten relativiert dieses Szenario auf seine gewohnt flapsige Art im nĂ€chsten Atemzug und kehrt es in sein direktes Gegenteil um: „Das Virus optimiert sich auf die Nase und sagen wir mal, lĂ€sst die Lunge außer Acht, dann wird das ein Vorteil fĂŒr das Virus sein. Im anderen Fall, wenn das Virus in seiner Evolution das allgemeine Replikationsniveau steigert, dann haut das ĂŒberall so richtig rein – in der Nase, aber auch in der Lunge. Und wir fĂŒhlen uns dann schneller krank oder viel mehr von uns fĂŒhlen uns krank.“

Bevor wir beginnen, auf Grundlage von Spekulationen auf MolekĂŒlebene gesundheitspolitische Horrorvisionen zu entwickeln, lohnt es sich, einen Blick auf die tatsĂ€chliche Entwicklung der Fallzahlen der Patienten mit Covid-19 in den Intensivstationen zu werfen. WĂ€hrend zu Beginn des Lockdown die befĂŒrchtete Überlastung des Gesundheitssystems zum Rechtfertigungsgrund fĂŒr die grundrechtseinschneidenden Maßnahmen herangezogen wurde, ist es medial in den letzten Monaten bemerkenswert still um die Situation der ITS geworden. Nun neigen sich die Sommerferien des Jahres 2020 dem Ende zu, etliche UrlaubsrĂŒckkehrer haben mit PCR-Positivbefunden fĂŒr Aufsehen  gesorgt. Weiterhin wird – genau wie im MĂ€rz und April – im Halbstundentakt die Absolut­zahl der Infizierten berichtet, als handele es sich um eine valide und interpretierbare GrĂ¶ĂŸe.  In einigen BundeslĂ€ndern hat die Schule bereits begonnen und das Bekanntwerden einzelner Infek­tionen – hier ein SchĂŒler, dort eine Lehrerin – genĂŒgte, um ganze Schulen vorĂŒbergehend zu schließen.

TatsĂ€chlich beobachten wir eine Schere zwischen der Zahl der PCR-Positivbefunde und der Schwere der KrankheitsverlĂ€ufe. Ein aussagekrĂ€ftiges Maß fĂŒr diese Entwicklung ist der Anteil der ITS-Patienten an der Zahl der aktiven FĂ€lle. Betrachten wir die vom RKI zusammengefĂŒhrten Angaben der deutschen GesundsĂ€mter, so ist von Mitte April bis Mitte Juli eine kontinuierliche, ja dramatische Abnahme der aktiven FĂ€lle um das Zehnfache, von ca. 50000 auf ca. 5000, festzustellen. Die Zahl der Positivbefunde war zum Anfang des Sommers so gering, daß Gesundheitsminister Spahn bereits auf die Gefahr hinwies, Falsch-Positiv-Befunde könnten zu einer Überinterpretation der Fallzahlen beitragen: „Weil die Tests ja nicht 100 % genau sind, sondern auch eine kleine, aber eben noch eine Fehlerquote haben. Und wenn sozusagen insgesamt das Infektionsgeschehen immer weiter runter geht und sie gleichzeitig das Testen auf Millionen ausweiten, dann haben sie auf einmal viel mehr falsch-positive als tatsĂ€chlich positive.“ (in: „Bericht aus Berlin“ vom 14.6.2020)

Von Mitte Juli bis Mitte August 2020 zog die Zahl der (Falsch-) Positiv-Befunde wieder an, im ĂŒbrigen synchron zur gesteigerten TestaktivitĂ€t, mit der die UrlaubsrĂŒckkehrer willkommen ge­heißen wurden. Was geschah im selben Zeitraum mit der Zahl der wegen Covid-19 auf einer ITS behandelten Patienten? Diese Gruppe scheint aus dem Fokus der Medien beinahe vollkommen verschwunden zu sein, obwohl es doch ursprĂŒnglich vor allem um die ITS-KapazitĂ€ten, so die Vorgabe, ging. FĂŒr den totalen Verlust an öffentlicher Aufmerksamkeit fĂŒr die coronainfizierten ITS-Patienten ist ein triftiger Grund zu nennen: Ihre Zahl nimmt, ungeachtet der Urlaubsreisen und Schul­öffnungen, seit Mitte Mai stetig ab! Wir haben auf der einen Seite also in der zweiten SommerhĂ€lfte wieder moderat steigende (Falsch-) Positivbefunde, auf der anderen Seite kontinuierlich sinkende Coronafallzahlen auf den ITS. Der Quotient zwischen der Zahl der ITS-Patienten mit Corona und der aktiven FĂ€llen drĂŒckt diesen Sachverhalt plastisch aus:

ITS vs aktive FĂ€lle

Abbildung: VerhÀltnis der Zahl der in Zusammenhang mit Covid-19 auf der ITS behandelten Patienten zur Zahl der aktiven FÀlle in %  (Daten laut RKI).

Mit anderen Worten: das Corona-Virus hat seine epidemiologische GefĂ€hrlichkeit in den letzten Monaten stark eingebĂŒĂŸt. Obwohl es sich wieder zu verbreiten scheint (wenn es sich nicht um Meßfehler handelt), nimmt die Zahl schwerer KrankheitsverlĂ€ufe ab. Dies bedeutet nicht, daß es im Einzelfall keinen schweren Verlauf geben kann. In der Summe treten schwere VerlĂ€ufe jedoch viel seltener auf. Warum berichtet darĂŒber niemand? Der beruhigende Kern dieser Erkenntnis geht unter anderem darauf zurĂŒck, daß die Zahl der ITS-Patienten eine recht valide GrĂ¶ĂŸe darstellt, reprĂ€sentativ fĂŒr alle ITS und weitaus weniger fehleranfĂ€llig erfaßt wird als der Genomabschnitt, den wir seit Januar das neue Coronavirus nennen.

Genre: RealitÀtsschatten

Warte : lausche : da

Manchmal möchte ich
Den Augenblick verlÀngern : laufe
Eine Runde oder zwei : schwimme
Warte : lausche : da
Dringt sie ein : die Zeit
Sie bleibt nicht
Stehen : sie verflĂŒssigt sich
In meinem Blut : kreist
Zwischen Herz und Hirn
Im Sitzen trete ich
Den Wettlauf an

Langsam gewinnt

Genre: GemĂŒtstiefe

Featuring : Josif Brodskij : Von der Landschaft

fĂŒr Girolamo Marcello

Die Sonne geht unter, und die Bar an der Ecke ist dicht.

Die Laternen gehen an, haargenau ihre Augen schminkt so eine Mime
mit der lila Farbe fĂŒr Schönheit und Grauen.

Kopfschmerz fÀllt am Fallschirm aus dem dunkelblauen
Raum zielgenau auf die Stirn des Feindes aus dem Stall Pirelli.

Und zwei Tauben im Gesims des Palazzo Minelli
vö.eln in den letzten Strahlen des Gestirns,

achtlos planschend in der DĂŒnung des Hirns
wie unsere griesgrÀmigen Vorfahren unter vorsintflutlichen
UmstÀnden, ganz Àhnlichen zu heute und hier, vermutlich.

Das sind SchlÀge einer Glocke, vom Glockenturm purzeln
frei in den venezianischen Himmel Wurzeln,

haargenau fallende, zielbewusst wandernde
nie den Boden erreichende FrĂŒchte. Gibt es ein anderes

Leben, so wird in ihm jemand damit befasst sein,
diese Dinge zu sammeln. Und ich darf gefasst sein,

all das bald zu erfahren. Hier, wo so viel EntzĂŒcken
seinen Samen vergossen, TrĂ€nen des GlĂŒckes

und des Weins, an einer Ecke irdischen Paradieses
stehe ich am Abend, sauge diese

herbstlich-winterliche, lungengummiartig schwellende
saubere, sich von Dachziegelrot erhellende

hiesige Luft ein, von der,
wer sie atmet: braucht mehr.

Mehr und mehr – hinterher! vom Duft
sich aus Lebenszellen befreiender Luft,

sich befreiend von Zeit. WĂ€lzt haargenau Geld um,
leckendes Wasser macht diese Welt stumm

mit seinen Azuranteilsscheinen am Palazzo, wofĂŒr es als Wechselgeld
einen zerfressenen Stein erhÀlt

mit seiner Dermatitis
und eine bröckelnde Karyatide, die

sich den Sprechapparat mitsamt seiner Zigarette
auf ihre Schultern bettet

und, schwer in Vogel-Wahrnehmung eingetaucht,
seit sie im nach außen gewendeten Schlafzimmer raucht,

von des Anstands Sitte befreit ist,
mal aussieht wie jemand, der bereit ist,

mal – wie ein um den Verstand gekommenes römisches
Zahlzeichen, mal – Verszeilen handgeschrieben und GeflĂŒster, böhmisches.

Herbst 1995
Casa Marcello

Genre: GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten, Wortmysterien

kundĂŒn

du sitzt auf dem dach der welt
und knabberst erdnĂŒsse
deine zerschlissenen schuhe
tragen noch den staub der flucht
bereite dich vor
auf die rĂŒckkehr ins haus
wir kommen alle zum einzug
auch die schneelöwen

Genre: Trauersymmetrie

Tante Hilde oder Alle sind verdÀchtig

Tante Hilde in Gelb oder Alle sind verdÀchtig
[Anfang einer] Krimisatire

 

1

Es sind die letzten Wochen der Krise, der Krise des Krieges, den wir begonnen haben und der schon lange wĂ€hrt. In diesen letzten Wochen scheint die Sonne so eifrig, wie Preußen es lange nicht gesehen hat, und die Hauptstadt ist blĂŒten- und bombenĂŒberzogen, wunderschön, voller Wunden, viel mehr Wunden verschuldend an anderen Enden der Welt und schön, dass es der FrĂŒhling ist, der sie – die Stadt und das Reich, das sie zum Wahnsinn bringt – in den Anfang des Untergangs stĂ¶ĂŸt.

So sehr blitzt die Sonne, so wolkenlos ist der April, scharf wie ein Schwert fĂ€hrt der Himmel in die Praxis und meine Tante Hilde – Dr. Hilde Kampf – lĂ€sst die Klapperjalousie herunter, damit sie besser in Himpis Mund schauen kann. Falls das Licht sich nĂ€mlich in ihrem kleinen runden Zahnarztspiegel bricht und ihr ins Auge fĂ€llt, muss sie selbiges zukneifen und dann verschiebt sich der Fokus, dann beginnen die kleinen Viecher zu tanzen in Himpis Rachen, die sie eben noch versucht hat zu streicheln. Zum Zweck der Narkose, wie sie Himpi beruhigt und belĂŒgt. Narkosemittel sind an der Heimatfront nicht mehr vorhanden und Himpi hat sowieso Angst vorm Zahnarzt, deswegen kommt er zu ihr. Streicheln muss sie die Tierchen, um in Wahrheit unauffĂ€llig einen Abstrich von ihnen zu machen, den ihre Freundin – meine Oma – nachher mitnehmen kann ins Gesundheitsamt oder das, was davon noch steht. Hoffentlich kommt der Abstrich noch vorm Untergang ins Labor.

Ein Labor, ein Labor, ein eigenes Labor


Gleich ist es vorbei, sagt Tante Hilde, ich nehme jetzt die Zange – sie hĂ€lt Himpi die Zange vors Gesicht, das hat er bestimmt gern -, greift entschlossen den zerfressenen Zahn und zieht ihn mit einem Ruck raus.

Bevor Himpi wimmern kann, brĂŒllt er bereits.

Hilde ist eine sportliche Frau von 35 Jahren, die im weißen Tennisrock durch ihre Praxis turnt. Die roten Wangen glĂŒhen bei dem Kraftakt und das mĂ€nnertreublaue Oberteil steht ihr famos. Doch das kann Himpi nicht sehen. Er kneift die Augen zu vor Schmerz und brĂŒllt noch nach, dann fĂ€ngt er an zu weinen wie ein Kind, das hingefallen ist, hĂ€lt wieder den Mund auf, damit Hilde die Wunde reinigt und desinfiziert.

Streicheln, so so, murmelt Himpi danach.

Wir hĂ€tten doch das Cocain nehmen sollen, mein Himpi, aber Sie wollten ja nicht. FrĂŒher hat man es so gemacht, es funktioniert einwandfrei und die Nebenwirkungen kann man vernachlĂ€ssigen. Das Bisschen AbhĂ€ngigkeit



 ist sowieso schon vorhanden, ergĂ€nzt Himpi und hat seinen knarzenden Tonfall wiedererlangt. Er legt sich das schweißfettige Haar quer ĂŒber die Stirn und streicht sich das Blut aus dem BĂ€rtchen. Ich werde Ihnen fĂŒr den Rest meines Lebens dankbar sein. Also nicht mehr sehr lange. Bitte bezeugen Sie meinen Mut.

Sie mĂŒssen in einer Woche wiederkommen, ich muss die Wunde noch einmal sehen.

In einer Woche, da bin ich schon tot, sagt Himpi glasig.

Ach was, wenn der Feind erst besiegt ist, nehmen wir uns den anderen Zahn vor.

Sind Sie verheiratet?

Das hat noch Zeit.

Aber ich werde heiraten, FrĂ€ulein Dr. Kampf, und zwar schon bald. Ich habe nĂ€mlich – sagen wir so – keine Zeit mehr.

Gratuliere, sagt Hilde ohne Bedacht.

Sie können es sich wahrscheinlich nicht vorstellen, aber ich bin sehr sentimental, jedenfalls wenn es um mich geht. Ich fĂŒhle mich nahe dem Tod.

Tante Hilde verspĂŒrt einen Brechreiz und wirft den blutigen Zahn in den Eimer.

Sie werden uns doch jetzt nicht verlassen, sagt Hilde automatisch; dabei streift sie unbemerkt Himpis Rachenextrakt von der Pipette.

Im Gehen sagt Himpi: Hunderttausend Tulpen wurden in Japan abgemÀht, damit die Feinde kein Ziel haben. Als ob noch ein Flugzeug bis dahin fliegt.

Ihre Augen
, sagt Hilde, denn Himpi macht schon wieder ganz kleine Schlitze.

Sind trocken. Selbst wenn ich weine. Ich vertrage kein Licht mehr. Ich sehe Sie völlig in Gelb, FrÀulein Doktor.

Das sind die Forsythien draußen vorm Fenster. Sie leben zu lange im Bunker, mein -!

Wiedersehen, sagt Himpi.

Der Mann ist ein Wrack, denkt Hilde und es zieht sie zu dem Reagenzglas. Sie nimmt das Glas hoch, schaukelt es ein wenig, öffnet das Fenster, um im Gegenlicht die unbestimmbare Mitte in der klareren FlĂŒssigkeit besser zu sehen. Wer wenn nicht Himpi hat den Infekt? Der Mensch mit den schlechtesten ImmunkrĂ€ften, der am ungesĂŒndestes lebt, derjenige, der die grĂ¶ĂŸte Schuld auf sich geladen hat, infolgedessen der angegriffenste Mensch ĂŒberhaupt? Der noch dazu konsequent seit Jahren im Dunkeln lebt und sich von Kartoffelbrei ernĂ€hrt. Es könnte die Wunderwaffe sein, aber das hier im Glas ist Himpis Schnodder. Hilde ist gar nicht an Waffen interessiert und auch nicht an Himpi. Hilde ist ZahnĂ€rztin, sie hĂ€lt die Stellung fĂŒr NotfĂ€lle in schlimmster Zeit, und Infektionskrankheiten sind ihr Hobby.

Ein detektivisches Hobby, das sie mit meiner Oma teilt seit der Zeit, als sie zusammen die SanitĂ€tsausbildung machten. Ein Hobby, das Hilde im Geheimen betreibt, damit es ihr nicht entrissen, damit ihr leidenschaftliches Interesse fĂŒr die Wissenschaft nicht ein Raub des Krieges wird. Infektiologie geht ĂŒber einzelne faulige MĂŒnder hinaus und betrifft das Wohl der ganzen Menschheit. Meine Oma, die als Angestellte des Gesundheitsamtes sowieso verstrickt ist in Politik, sieht die Dinge ganz nĂŒchtern. Wir sind die einzig wahre Hygienepolizei, du und ich, sagt sie. Alle anderen verstehen jetzt etwas Entartetes darunter. Entartet, sagt meine Oma, ist die Hygiene.

Tante Hilde öffnet ihren Privatschrank und nimmt eine Gasmaske heraus. Das gute StĂŒck aus dem vorigen Krieg gehörte ihrem verstorbenen Vater und liegt jetzt wieder griffbereit, denn die herabfallenden Bomben könnten auch kurz vor dem Ende noch giftgefĂŒllt sein. Sie zieht den RĂŒssel ĂŒber, denkt nach, ob sie die Sprechstundenhilfe schon in den Feierabend geschickt hat, dann fĂ€llt ihr ein, dass die Assistentin zu ihrer Mutter nach Bayern gefahren ist. Hilde befĂ€llt eine seltene Beklemmung. Ihre eigene Mutter ist weit weg in Amerika, und hier gibt es niemanden, der sich um sie kĂŒmmert und niemanden, der sie am Ende des Tages vermisst. Hier ist angeblich die Heimat, aber was heißt das? Man kann alles noch so gut organisieren, noch so gut kontrollieren, man kann der Assistentin all die Tage frei geben, die sie verlangt, am Ende ist man allein.

In die Gasmaske hat sie sich, zur Belustigung des ausfĂŒhrenden Optikers, statt der AugenglĂ€ser ein Mikroskop einsetzen lassen. So kann sie unauffĂ€llig im Schatten des Zivilschutzes einen Rachenabstrich in VergrĂ¶ĂŸerung sehen. Der Gesichtskreis ist mit der Mikroskop-Maske allerdings sehr eingeschrĂ€nkt, sie haut mit dem RĂŒssel das Reagenzglas fast um.

In diesem Moment stĂ¶ĂŸt durch das halb geöffnete Fenster ein hĂ€sslicher schwarzer Tierkopf. Ein aufgerissenes Spitzmaul voll scharfer ZĂ€hne, darĂŒber böse starrende Augen. Mit vernehmlichem Klatschen schlagen zwei sehnige, weit ausladende, belappte Arme oder Pfoten gegen den Fensterrahmen. Riesig ist das Geschöpf. Es weicht zurĂŒck, um einen weiteren Anflug gegen die Öffnung zu unternehmen und knickt dabei die Forsythien. In Hilde kommt Leben, sie rast mit hĂ€mmerndem Puls zum Fenster und schließt es, lĂ€sst sofort auch die Jalousie runter, um nichts mehr zu sehen. Das riesige Tier, das in ihre Praxis eindringen wollte, war eindeutig eine Fledermaus.

Von Adrenalin durchflutet, stellt Hilde endlich das Reagenzglas in den Schrank. Sie setzt sich auf den Rand des Behandlungsstuhls und sinkt in die Lehne, schließt die Augen hinter der Maske, öffnet sie aber gleich wieder, denn meine Oma steht in der TĂŒr, ebenfalls mit einer Gasmaske vor dem Gesicht, neueres Modell. Hilde kann die Freundin im Moment hauptsĂ€chlich hören.

Warum ist die HaustĂŒr auf? fragt meine Oma.

Himpi war da, sagt Hilde tonlos so als sei das eine ErklÀrung. Und nicht nur er. Was hast du da auf dem Kopf?

Das Neueste vom Amt. Manchmal können sie was. Es ist schick, oder?

Die Freundinnen schauen sich durch die Gasmasken an, Hilde beginnt zu zittern und Grete beugt sich ĂŒber sie und nimmt sie fest in den Arm.

Du arbeitest zu viel, dann diese Krise
 Und obendrein Himpi
 Kommt er wieder?

Ich habe seinen Abstrich. Du solltest dich freuen, dass er mich fĂŒr die beste ZahnĂ€rztin der ganzen Stadt hĂ€lt.

Oh, das tue ich! sagt Grete. Ich nehme den Abstrich mit, und morgen frĂŒh geht das Glas ins Labor.

Ich ĂŒberlege, ob ich es nicht selbst ins Labor bringen sollte, jetzt gleich, und zwar in das andere.

Hilde schiebt Grete beiseite und nĂ€hert sich vorsichtig dem Fenster. Sie hebt die Jalousie ein wenig hoch. Auf dem Fensterbrett summt eine große Fliege, auf dem RĂŒcken, die gekrĂŒmmten Beine nach oben.

Das Heeresgasschutzlaboratorium?

Wir haben dort neue Kontakte.

Grete zieht fragend die Augenbraue hoch. Was fĂŒr Kontakte?

Diskrete, seit vorgestern. Es war eine kleine OP, ich habe den Mann selber auf dem Motorrad wieder zur Arbeit gefahren. Englischer Akzent, stell dir vor.

Grete seufzt: Der Spion, den sie liebte!

Im HGSL sind sie ausgestattet mit allem. Er hat sich sein eigenes BetĂ€ubungsmittel mitgebracht. Das war klug, denn einen Mann unter Schmerzen kann man nicht kĂŒssen. Ich bin sicher, er wird den Test fĂŒr uns auswerten. Und dann beweisen wir: Himpi ist infiziert.

Hilde, du solltest das KĂŒssen jetzt lassen. Es ist nicht die Zeit dafĂŒr.

Doch, doch, es ist eine wunderbare Zeit. Wenn du kĂŒsst, bist du glĂŒcklich und du bist immun. Es ist FrĂŒhling, du musst dich verlieben.

Hilde hat sich wieder gefangen, die Fledermaus ist aus ihrem Hirn. Mit Sex kann man sich schĂŒtzen, erklĂ€rt sie.

Ich bringe die Probe ins Gesundheitsamt, sagt meine Oma sachlich.

Nein, ich bringe sie ins HGSL.

Es ist die Probe von Himpi, erwidert meine Oma jetzt etwas scharf. Darauf habe ich ein Anrecht. Ich verfĂŒge es hiermit, ich beschlagnahme sie. Zuwiderhandlungen werden geahndet.

Hilde lacht. Sie lacht und lacht und dann lacht auch meine Oma. Die Freundinnen und ihr Hobby und die MĂ€nner und der Krieg. Sie fahren gemeinsam mit der BMW durch die Spandauer Neustadt, Hilde vorn, meine Oma hinten mit dem Schild um den Hals „Hygienepolizei“.

Der englische Liebhaber ist sehr charmant. Er bittet die Damen zum Tee, auf dem Rasen vorm Eingang zum Heeresgasschutzlabor, das eigentlich Heeresgiftgaskampf- und versuchslabor heißen mĂŒsste. Das Labor liegt innerhalb der Mauern der Zitadelle, Berlins Trutzburg der Renaissance. Angreifende Truppen hat das Bauwerk schon viele gesehen, und vor Bomben ist man jetzt sicher, gerade weil es hier so explosiv ist. Drei StĂŒhlchen werden aufgestellt. Der EnglĂ€nder kĂŒsst Tante Hilde leidenschaftlich und lange, trotz Infektrisiko. Er gibt ihr noch etwas Rizin mit, „for emergency“. Im Labor wird es nicht mehr gebraucht, sie haben ja Sarin und Tabun und Zyklon B und er möchte den Rizinrest sinnvoll verschenken. Der EnglĂ€nder hĂ€lt Himpi fĂŒr einen Feigling, versteckt er sich nicht seit Jahren in den ostpreußischen WĂ€ldern? Bei Wildschweinen und Rehen, samt seiner Kommandozentrale? Grete ist pikiert ĂŒber die KĂŒsserei aber auch etwas erregt. In ein paar Tagen gibt es Himpis Ergebnis. Viele GrĂŒĂŸe an deinen Mann, flĂŒstert Hilde der Freundin beim Abschied ins Ohr.

 

2

In den nĂ€chsten Tagen fĂŒllt sich die Praxis. Hilde kann nicht anders, sie streift nachts durch die Straßen, die dunkel sind, Restaurants, Kneipen, Kinos, Theater, die LĂ€den, alles geschlossen. Sie liest die Leute vom Gehweg auf, und wenn sie nicht laufen können, kommt sie noch einmal gefahren. Es gibt Menschen, die wohnen in zwei BĂŒschen, um einen Infekt haben sie sich noch niemals gekĂŒmmert. Als Grete die Freundin wieder besucht, sind das Wartezimmer, das Privatzimmer und ein zweiter Behandlungsraum provisorisch belegt. Es riecht ungut. Alles ZahnarztnotfĂ€lle, entschuldigt sich Hilde.

Meine Oma schĂŒttelt den Kopf, denn das Infektrisiko steigt, mittlerweile auch fĂŒr Hilde selbst. Seit Hilde ausgebombt ist, wohnt sie in der Praxis, jetzt hat sie ihr Feldbett in der TeekĂŒche aufgestellt. Schmutzige HandtĂŒcher an einer Leine schirmen sie ab vor den Blicken. Grete glaubt, die knurrenden MĂ€gen der MĂ€nner zu hören, aber Hilde sagt: das Haus hĂ€lt zusammen, jede Etage kocht an einem anderen Tag. Und wenn der Untergang kommt, bin ich nicht allein.

Die beiden Freundinnen dĂŒsen mit dem Motorrad Richtung Juliusturm. Die Zitadelle liegt rotschimmernd unter strahlendem Licht, und da die Sonne nicht so hoch steht wie im Sommer, werfen die BĂ€ume irritierende Schatten. Die Frauen warten am Eingang. Der EnglĂ€nder kommt nicht.

Stattdessen kommt ein Deutscher. Mit ihm zieht ein kalter Hauch aus dem Gewölbe. Der Deutsche zeigt auf meine Oma. Sie sind vom Amt, sagt er. Ich habe einen Auftrag fĂŒr Sie, streng vertraulich.

Bitte nicht, sagt meine Oma.

Sie mĂŒssen dies hier nach Adlershorst bringen.

Er drĂŒckt meiner Oma ein BehĂ€ltnis in die Arme, in dem etwas lebt. Durch kleine Schlitze hört man es flattern. Meine Oma guckt zweifelnd. Sie soll einen Vogel durch den Krieg tragen? ErklĂ€rungen sind nicht zu erwarten.

Adlershorst? fragt sie. Wo ist das?

Aus der Stadt Richtung Osten, in der NĂ€he von Falkenhagen. Sie werden es finden, wenn Sie dort sind. Es handelt sich um Informationen.

Bitte nicht Richtung Osten, sagt meine Oma leise. Ich komme gerade aus Posen, vor der anrĂŒckenden Armee sind wir geflohen, meine Tochter und ich. Wir haben es nur geschafft durch den Pferdewagen, und den hatten wir nur, um das Eugenik-Archiv zu transportieren.

Sie werden es schaffen, einer allein kommt immer durch, besonders die Frauen, schnarrt der Forscher. Also: Adlershorst, bei Falkenhagen.

Bitte, ich bin Mutter, ich habe ein Kind


Die Welt ist voll von Kadavern, ich meine, Kavalieren, das haben Sie doch sicher gemerkt, sagt der Mann. Nur diesen Kasten, den verlieren Sie nicht!

Grete guckt, als wÀre ihr Kopf in dem Kasten, verlorene Freiwillige in einem magischen Zirkus.

Und was ist mit dem Testergebnis? ruft Hilde.

Aber der Deutsche ist schon wieder weg und die StahltĂŒr verschlossen.

 

3

Wir hĂ€tten Himpi sowieso mehrmals testen mĂŒssen. Wenn er heute nicht positiv ist, dann vielleicht morgen? Dieses Testen
 ich glaube, um ehrlich zu sein
, wenn es eine Epidemie ist, dann geht es nicht nur um Himpi.

Die Frauen schweigen betroffen. Abwesend sagt Hilde: Schade um den EnglÀnder, er war so britisch. Zwei Dinge haben wir bekommen, das Rizin und die Fledermaus. Das eine hat uns ein EnglÀnder gegeben, das andere ein Deutscher. Das muss etwas bedeuten.

Eine Fledermaus? Bist du sicher?

Um das Tier wirst du dich kĂŒmmern. Und ich
 um das Rizin.

Ich werde mich um das Tier nicht kĂŒmmern, sagt meine Oma rigoros und so gefĂ€llt sie Hilde am besten, auch wenn sie ihr widerspricht. Ich werde mich um dich und mich und meinen Mann und meine Tochter und eventuell um deine ZahnarztnotfĂ€lle und um das Archiv kĂŒmmern


Ach ja, das Archiv.

Aber was immer in diesem Kasten ist, ich lasse es fliegen. Und Grete steigt aus dem Behandlungsstuhl, dem einzig freien Platz in der Praxis.

Auf keinen Fall, sagt Hilde und stellt sich vor die Forsythien ins Fenster. Im Namen der Wissenschaft: die Fledermaus birgt Informationen! Welche geheimen Informationen produziert das HGSL sonst außer Gift? Die Fledermaus ist wie Himpi, sie ist wahrscheinlich infiziert, aber nicht erkrankt. Und wie Himpi ist sie hochinfektiös.

Ich verstehe es ehrlich gesagt nicht, sagt Grete kleinlaut. Warum ist sie hochinfektiös? Es hat sich doch noch niemand angesteckt.

Du hast deinen Robert Koch nicht gelesen! sagt Hilde streng.

Falls nicht nur Himpi einen Infekt hat, und das ist anzunehmen, brauchen wir viel mehr Daten, Daten in Standard und QualitÀt. Statistik ist die RealitÀt des Regierens, sagt meine Oma.

Allerdings, das ist logisch. Die Frauen schweigen.

Ich werde mich in Zukunft darum kĂŒmmern, sagt meine Oma. Aber mit Himpi sollten wir anders verfahren.

Sie schweigen erneut.

Was wollen sie mit diesem Tier in Adlershorst? Dort wird es ein geheimes Labor geben und sie werden sie untersuchen. Keine Ahnung mit welchem Ziel.

Doch! Hilde reißt die Augen auf. Sie testen die Infektion an Menschen, und wenn die armen Probanden krank werden, ist die Wunderwaffe gefunden. Die Fledermaus fungiert dann als Viren- oder Bakterien-GefĂ€ĂŸ.

Das tun sie doch lÀngst.

Was?

Menschen infizieren, sagt meine Oma ruhig. Das weißt du. Seit vielen Jahren.

Hilde guckt irritiert. Also
 die Fledermaus
 Es muss sich um eine besonders ansteckende, besonders verheerende Infektion handeln, die die Fledermaus transportiert. Eine, die man in den letzten Tagen des Krieges entscheidend in Stellung bringen kann.

Wir können die Fledermaus ignorieren, sagt meine Oma. Wir lassen sie sterben in ihrem Kasten und graben sie ein.

Wir sind leider schon mitten im Krimi, sagt Hilde. Ignorieren geht jetzt nicht mehr.

Und das Rizin? Soll ich es aufbewahren, damit nichts Schlimmes passiert?

Was soll denn noch Schlimmeres passieren? Weißt du was? Wenn Himpi wiederkommt, und angemeldet ist er fĂŒr morgen -

Dann?

Ach nichts. Wir werden sehen.

Die Freundinnen verabschieden sich fahrig.

 

4

TatsĂ€chlich dauert es noch einige Tage, bis Himpi wieder erscheint. Inzwischen hat meine Oma ernst gemacht mit der Datenerhebung und Hilde testet, wo immer sie kann. Die ZahnarztnotfĂ€lle werden der Reihe nach behandelt und jedesmal kitzelt sie die Patienten zufĂ€llig am Gaumen. Das könnte Hildes Markenzeichen werden, man lacht schon darĂŒber. Hilde mikroskopiert nun auch selbst, denn wozu hat sie die umgearbeitete Maske? Das Heeresgasschutzlaboratorium ist zu gefĂ€hrlich, und aufgeben ist keine Option. Sie arbeitet den ganzen Tag, und meine Oma lĂ€sst abends ihre Tochter allein, um neue NotfĂ€lle von der Straße zu rauben. Morgens, gleich wenn sie aufsteht, schaut Hilde ins Wartezimmer: da liegen sie ĂŒber- und nebeneinander. Alle sind verdĂ€chtig, sagt Hilde befriedigt und zieht sich den Tennisrock an.

Meine Oma residiert im stickigen Flur und fragt die Menschen nach Beruf, Familienstand, Alter, Krankheiten, aber nicht nach der Gesinnung. Sie hat ein Formular erfunden und fĂŒllt fĂŒr jeden eines aus. Es betrĂŒbt sie, dass alle Test-positiv haben. Aber das liegt natĂŒrlich am schnöden Leben.

Wer weiß, ob sie ĂŒberhaupt die Wahrheit sagen, wenn du sie befragst, sagt Tante Hilde.

Sie trauen mir, sagt meine Oma. Sie freuen sich, dass sich jemand fĂŒr sie interessiert. Das sind arme Leute, sie sind allein, haben die Orientierung verloren, manche sagen gar nichts, denn sie sprechen kein Deutsch.

Das meine ich, sagt Tante Hilde.

Geh in dein Labor, sagt meine Oma verÀrgert. Mach deine Arbeit und ich mache meine.

Jetzt sollten wir ihnen die Wahrheit sagen, sagt meine Oma, als nach drei Tagen die Praxis so voll ist, dass man nicht mehr atmen kann. Dass sie infiziert sind, und dass sie gehen mĂŒssen, und dann kommen die nĂ€chsten. Ich finde heraus, wie viele wir fĂŒr unsere Studie benötigen, ich weiß aber noch nicht, wie lange wir brauchen.

Gehen? Wo sollen sie denn hin?

Ja, wohin
 Sie können zu mir, sagt Grete dann mutig. Vielleicht ist es ja nicht so ansteckend. Ich denke, die Fledermaus wĂ€re viel ansteckender.

Die Fledermaus!! Die Frauen sehen sich entgeistert an. Die Fledermaus haben sie völlig vergessen. In diesem Moment klopft es und eine bekannte Stimme knarzt durch die TĂŒr.

FrÀulein Kampf, ich bin es!

Einen Augenblick! ruft meine Oma schrill und scheucht die zerlumpten Gestalten aus dem Flur. Wie es hier riecht. Wie sauer gegoren und nass zusammengelegt, wie modrig geschrubbt und nicht richtig abgewischt mit Toilettenpapier. Die Leute mĂŒssen sich in den zwei Zimmern und der KĂŒche zusammendrĂ€ngen, da ist jetzt nichts zu machen. TĂŒr zu und Ruhe, verdammt! Himpi, du liebe GĂŒte


Ist da noch jemand? fragt Himpi. Ich dachte, ich hÀtte jemanden gehört.

Wir sind ganz fĂŒr uns, mein -, sagt Hilde zuvorkommend und bugsiert Himpi flott ins Behandlungszimmer und auf den Stuhl. Sie schließt schwungvoll die TĂŒr, aber öffnet das Fenster, denn dass es schlecht riecht, sieht sie Himpis gekrĂ€uselter Nase an. Himpi ist sehr empfindlich.

Erstmal die Wunde, sagt Hilde freundlich.

Himpi öffnet den Mund.

Sehr schön. Und nun – nehmen wir uns den anderen Zahn vor.

Himpi schließt seine Öffnung. Ich glaube, es lohnt nicht mehr, FrĂ€ulein Hilde, flĂŒstert er Ă€ngstlich.

Herr Himpi, Sie wollen doch nicht mit Zahnschmerzen sterben, sagt Hilde bestimmt. Ich habe außerdem – ein neues Narkosemittel.

Hilde erschrickt plötzlich vor sich selbst. Da Himpi mehrere Tage zu spÀt zum Termin gekommen ist, hat sie ihren Plan fast vergessen. War es denn ein Plan? TatsÀchlich ist sie nicht vorbereitet. Aber kann man denn auf alles im Leben vorbereitet sein?!

Einen Moment, ich muss es nur holen
 Hilde kramt nervös in ihrem Privatschrank. Da ist die Dose. Der EnglĂ€nder fĂ€llt ihr ein und wie er sie kĂŒsste. Hilde wird es ganz warm.

Als sie sich umdreht, prallt sie zurĂŒck. Himpi ist aufgestanden und steht dicht vor ihr.

Ich möchte lieber nicht, sagt er dĂŒster und schaut ihr auf die Schulter.

Das kann ich verstehen, sagt sie. Aber es tut immer nur weh, wenn man Angst hat.

Ich habe Angst, sagt Himpi und lÀsst sich sanft wieder setzen.

Jetzt muss Hilde die Strategie wechseln. Das muss sie in der folgenden halben Stunde noch öfter.

TatsĂ€chlich ist es so, sagt sie, dass Sie vor der Behandlung weniger Angst haben mĂŒssen als vor der Narkose. Die Narkose ist neu, ein neues Mittel. Wenn wir es an Ihnen ausprobieren, könnten Sie zum Helden fĂŒr viele Verwundete werden.

Die Verwundeten sind mir egal, murmelt Himpi. Also
 Wenn es nicht funktioniert, dann tut es halt weh, und wenn es funktioniert, dann merke ich nichts?

Möglicherweise wird Ihnen etwas schlecht. Aber das dauert höchstens drei Tage.

Wissen Sie, ich finde, sagt Himpi plötzlich heftig, dass Sie diese Experimente an denen machen können, die dafĂŒr vorgesehen sind. Das habe ich doch alles geregelt. Wozu gibt das lebensunwerte Leben? Damit man es vernichten kann. Aber doch nicht mich, bitte.

Es geht doch nicht um vernichten, Herr Himpi.

Schon gut, schon gut. Meinetwegen. Aber bitte: bezeugen Sie meinen Mut!

Frau Doktor Kampf, meine Tante, rĂŒckt nun vor. ZurĂŒck geht es nicht mehr, es ist begonnen. Der Untergang nimmt seinen Lauf.

Wie heißt das Mittel? fragt Himpi. Und kennen Sie die Dosis?

Es heißt
 Zirin, antwortet Hilde.

Himpi seufzt. Vielleicht lebe ich ja doch noch lĂ€nger. Wer weiß. Und dann lohnt sich das Leiden. FrĂ€ulein Kampf, vielleicht haben Sie Recht.

Hilde lÀchelt und Himpi lÀchelt jetzt auch. Es ist das erste und letzte Mal, dass beide so lÀcheln.

Hilde wird nun leider beinahe zu kĂŒhn. Es treibt sie der Teufel, ich glaube, es hat mit dem EnglĂ€nder zu tun, dass er fort ist, nicht mehr da. Was haben sie mit ihm gemacht, ihrem kĂŒhlen Spion? Hilde sagt betont lustig: Nach dem Gesetz, das Sie erlassen haben, ist – mit Verlaub – Ihr eigenes Leben nichts mehr wert.

Was? macht Himpi entgeistert.

Sie vegetieren dahin, Ihre Haut ist Papier und Sie haben die Hoffnung verloren.

Himpi schnappt nach Luft, aber Hilde ist noch nicht fertig.

Sie werden sterben in ein paar Tagen, das ist gewiss. Eine Behandlung ist daher nicht mehr angezeigt. Auch wenn Sie die schlimmsten Schmerzen hĂ€tten, ich könnte Sie getrost verrecken lassen, denn Sie haben vor sich selbst zu töten. Um sich nicht verantworten zu mĂŒssen, habe ich recht?

Himpi zuckt mit allen Wimpern. Ich werde Sie liquidieren lassen, krÀchzt er.

Aber Herr Himpi! Warum sind Ihre ZĂ€hne so schlecht?

Wie bitte? Himpi ist total ĂŒberfragt.

Das erste Zeichen mangelnder Verantwortung sind die eigenen fauligen ZĂ€hne. Ich werde Ihnen diesen Zahn ziehen, sonst kommen Sie niemals zur Ruh.

Nie zur Ruh -, Himpi liegt jetzt auf dem RĂŒcken.

Hilde beugt sich ĂŒber seinen grĂ€sslichen Rachen. Noch nie hat sie so viele Tierchen herumlaufen sehen, all die Toten, Verwundeten, Vergasten, VerstĂŒmmelten, Gefolterten, Ermordeten, sie alle gehen in Himpis Rachen spazieren.

Hilde sticht hinein, in der Spritze ist Rizin.

Aua, macht Himpi.

 

5

Es war also nicht so, wie Hitlers SekretĂ€rin erzĂ€hlt, dass Hitler sich selbst umgebracht hĂ€tte, und es war auch nicht so, wie sein Chauffeur berichtet, der ihn nach seinem Sicher-ist-Sicher-Doppelselbstmord – erst vergiften, dann erschießen – verbrannt haben will. Meine Oma sagt immer, dass Himpi vielleicht nur bis zu den Forsythien kam. Denn Hilde erzĂ€hlte, dass es ihm sofort sehr schlecht ging, den Forsythien in den Folgejahren aber sehr gut. Himpi wankte nach der Behandlung aus der Praxis, vorgeschĂ€digt wie er war, und brauchte vielleicht nicht so lange wie andere, um dem Rizin zu erliegen. Normal sind drei bis vier Tage, sagt meine Oma. Die könnte er natĂŒrlich noch in der Reichskanzlei verbracht haben. Theoretisch ist es möglich, dass er sich trotz der tödlichen Dosis, von der er nichts wusste, zusĂ€tzlich selbst vergiftete und auch noch erschoss, meinetwegen. Aber es gibt nichts daran zu deuteln, sagt meine Oma, dass es Hilde war, die fĂŒr die amtliche Sicherheit dieses Todes verantwortlich ist. Und dabei ist es egal, ob Himpi die letzten Tage in den Forsythien oder in den Armen von Eva Braun verbracht hat. Der Stoff, den der EnglĂ€nder Hilde gab, war ganz ausgezeichnet.

Meine Oma war spĂ€ter auf Hilde sehr stolz, denn es ist doch ein Unterschied, ob irgendwem noch ein Anschlag auf Himpi gelang oder ob erst der Untergang kommen musste. Besser ein gelungener Anschlag einer ZahnĂ€rztin als misslungene AnschlĂ€ge von GenerĂ€len. Tante Hilde hat niemals BerĂŒhmtheit erlangt; die andere Schlussversion war bald in der Welt. Offenbar hatten die Freundinnen kein Interesse, als Hitlers Verderberinnen in die Annalen einzugehen. Der große VerdĂ€chtige war weg, die Ansteckung durch den Infekt entscheidend gemindert. Das war es, was fĂŒr sie zĂ€hlte.

Wie ich das fand? Nun, meine Oma, die in den nĂ€chsten Stunden noch Kriegswitwe wird, hatte keine Zeit, Zeitzeugin zu werden, erklĂ€rte sie mir. Und Hilde hĂ€tte sich ja selbst melden können beim Heldenregister. Aber das tat sie nicht und als ich sie kennenlernte, war sie schon eine betagte Dame mit einer riesigen Brille und dunkelbrauner PerĂŒcke. Sie trug lila KostĂŒm, saß bei meiner Oma im Wohnzimmer, trank Kaffee und Likör, meine Oma hatte Kuchen gebacken und von Hitler war niemals die Rede. Um ehrlich zu sein, ich glaube, Tante Hilde hatte ihn völlig vergessen.

Jetzt aber, April `45 – Himpi ist raus aus der Praxis, die Meute in den Nebenzimmern, deren Anwesenheit Hilde vielleicht ermutigt hat, quillt wieder auf den Flur – ist Grete damit beschĂ€ftigt, die Leute mit einer warmen Mahlzeit abzuspeisen. Eintopf mit Speck! Sie schleppt den dampfenden Kessel aus dem oberen Stockwerk, ĂŒber die Treppe hinunter und durch die Praxis zum Herd. Niemand fragt nach dem hochrangigen Gast, der vorhin ungesehen kam und wieder ging. Es riecht gut, und im Moment haben alle nur Hunger.

Da Grete mit so vielen VerdĂ€chtigen in BerĂŒhrung kommt, was sich gar nicht vermeiden lĂ€sst, möchte sie zur Sicherheit auch endlich getestet werden. So viel Zeit muss sein. Hilde verschwindet mit Gretes Abstrich im Labor, das heißt sie setzt sich im Behandlungszimmer die Gasmaske auf. Sie starrt auf den Speichel im Reagenzglas und lehnt den Kopf zwischendurch schwer an die Wand. Sie hat Himpi vergiftet. Etwas muss jetzt geschehen, auch wenn die Gegenwart zĂ€h und dickflĂŒssig ist vor lauter Problemen. Etwas Suppe schwimmt darin. Was sie sieht: Grete ist positiv.

Du musst weg, sagt sie zu Grete, die neben ihr steht.

Aber die Meute ist auch noch da.

Dann muss ich weg und ihr bleibt, in QuarantÀne.

Wie soll das gehen
 Und wie kannst du sicher sein, dass du nicht auch positiv bist?

Einer muss den Maßstab bilden, sagt Hilde verĂ€rgert. Aber meine Oma ist eisern, und positiv sein muss man erstmal verdauen.

Bei so vielen Infizierten unter deinem Dach besteht vom Amts wegen höchster Verdacht, sagt sie strikt.

Grete, ich habe jetzt andere Probleme.

Was fĂŒr schlimme Zeiten sind das, in denen es etwas Schlimmeres als Infektionen gibt! Wie schlimm sind diejenigen dran, die das Risiko nicht mehr interessiert! Andere Probleme, was soll das sein?!

Was fĂŒr einen Infekt habe ich ĂŒberhaupt?

Einen Infekt, irgendeinen, ich habe ihn gesehen, sagt Hilde gereizt. Genauer machen wir es nach dem Krieg, einverstanden? Du hast den Infekt, den alle jetzt haben, das liegt auf der Hand.

So, macht Grete und ist nicht zufrieden.

Ich bin negativ und ich bin beweglich, sagt Hilde. Ich klemme mir die Fledermaus auf das Motorrad und bringe das Tier nach Adlershorst. Dann ist dein Auftrag erfĂŒllt, du wirst nicht suspendiert. Und ich werde nicht von Himpis Braut gejagt, die ihn im Bunker vermisst.

Wenn die Fledermaus die Wunderwaffe ist, wirst du zum zweiten Mal berĂŒhmt, allerdings fĂŒr die andere Seite, folgert Grete mit nachdenklichem Gesicht. GerĂŒhrt von Hildes Mut ĂŒberlegt sie. NatĂŒrlich, Hilde und die BMW, dagegen kĂ€me der Pferdewagen nicht an. Der Grete außerdem sofort entrissen wurde. Meine Oma mĂŒsste ihr Fahrrad nehmen, wenn es nicht bei einem Brand geschmolzen wĂ€re. Wenn Hilde, die Strahlende, Schnelle sich an ihrer Stelle ins Abenteuer stĂŒrzte, hĂ€tte die Mission viel eher Erfolg. Einverstanden, sagt Grete.

 

[Fortsetzung folgt]

Genre: RealitÀtsschatten

umgehung

unbestrumpft abgebogen in die vertrauten gÀrten
voll der rosen kraftduftendem odem
springt flaneur trĂ€ge zum wegrand hinĂŒber
als vierrÀdrige staatsmacht
frech sich verirrt hat in dichters flur
grau ĂŒberwölkte bewegung ist noch leicht
aus zu machen
im verzug
der eigenen courage liebevoll entsprungen
sucht
neues alte hauptstatt im langsam anhebenden takt
der djemben auf grĂŒnender wiese
unter bÀumen
im zickzack hinweg und zurĂŒck
nach heftigem schauer auf rastbank in trance
lĂ€sst‘s klingen und hört bereits
was spÀter tatsÀchlich gesungen

Genre: RealitÀtsschatten

Wir sind alle

Amazonasbewohner, mehr
oder minder Traum
von Wasser oder Wasser,
das die dÀmmernden
Körper bewegt

Maschinenbauer und
perturbierende Stoff-
wechselzentren,
Organbesitzer und
Verlierer exklusiven Vertrags

Was sind wir noch?
Alles,
was die gefĂŒgte Ordnung
aufzulösen begehrt
und sein Begehren
fortwĂ€hrend bedroht weiß

Körper und Denken
getrennt, eine Seele
aus Zweien,
die nicht weiß – woher
das alles und schon gar nicht:
wohin

Die unendliche Einsamkeit der Zahlen
auf dem Weg zu sich selbst
und ĂŒber sich hinaus,
ihr Teilsein im
Überschaubaren, ihre ewige

RĂ€tselhaftigkeit

Eine Karte im Gesicht
oder Gesichtslosigkeit,
Himmelsbegehren und
SturzbacherzÀhlung

Genre: RealitÀtsschatten

delphisch

da war dieses weben gestalt & klang
am wimpernrand – im eisernen brustkorb ein schatten
aus rotem gefieder

dem rankten sich töne ums singende haupt
aus trockenen kehlen vom straßenstaub das elend der worte nur
ein erinnern wie fernes leuchten – kindheitsgerĂŒche
enthÀutete sommer

(zusammengewĂŒrfelt)

zerstĂŒckelte echos – einmal hört ich
sie singen ins licht (eine hymne dem erdigen traum): tritt nÀher
du mit geplĂŒnderten augen der blauen stirn

den blick in die nacht geschlagen 
 unentrinnbare nacktheit
des seins mit offenen lippen kĂŒsstest den stein
(am fuße des berges)
hattest die schreie der vögel verlernt …
mag sein

auf der anderen seite ein abend mit dreifachem mond
wo kalte hĂ€nde sich strecken zur sonne –
kinder sind dort (mit großen augen) die werfen worte hoch in die luft –
ich hörte sie flĂŒstern:

engel sind wir wissen es nicht – jedes lachen ist uns gebet
im glockengesang verewigt unsterbliches seufzen
verwaister scholle

dass zeit sei zu gehn … ein geknicktes rohr
(brachst es nicht) – ein glimmender docht im steten tropfen
ungelöscht

im sommer als wind durch die grĂ€ser fuhr – nichts war jemals so
wie du denkst

Genre: RealitÀtsschatten

Das hier

„Und er hat dich wirklich nicht noch einmal gemalt?“ fragte Eduard unglĂ€ubig. Das letzte Wort ging fast unter. „Dr. Motten hat ihn sicherlich davor gewarnt.”
“Nein, Eduard. Er wollte mich mittags malen, bei Tageslicht. Ich habe ihn versetzt. Er war nicht einmal böse. Ich glaube, es war etwas anderes.“
Ich fĂŒhlte eine seltsame Leere und Ratlosigkeit. Das, was Vyvyan in Eduards Rede als Diethelmisierung bezeichnet hatte, die Amputation von GefĂŒhl und Verstand, genau das war es.
„Eduard, du mußt mir etwas erklĂ€ren, ich glaube ich …“
„Was soll ich dir erklĂ€ren? Du hast doch viel mehr Zeit mit Vyvyan verbracht als ich, als wir alle.“
„Gerade das ist es ja. Eduard.”
Ich merkte, daß das GesprĂ€ch zu nichts fĂŒhren wĂŒrde. Eduard rĂ€usperte sich umstĂ€ndlich, was untypisch fĂŒr ihn war. Es klang nach einer sich vollsaugenden Wasserflasche.
„Nun, als ich Vyvyan kennenlernte, lebte seine Mutter noch. Du weißt, daß sie auf dieser Konzertreise verunglĂŒckt ist. Jedenfalls lebte sie damals noch. Und wir fuhren zu dritt zu diesen Vorlesungen. Vyvyans Mutter war das, was man frĂŒher eine femme fatale genannt hĂ€tte. Sie hat in ihrer Jugend einen Zirkel ins Leben gerufen. Sie hatten sich irgendwie zur Aufgabe gemacht, die Erscheinungen ĂŒber das Ding an sich zu stellen.”
Mir fiel die Gauloises auf den Teppich. Das war ja Kant.

Ich hatte keinerlei Ambitionen, das hier mit Kant erklÀren zu wollen.

Genre: RealitÀtsschatten

Amputationen

Man nahm dem Engel die Arme. Er konnte nichts mehr halten.
Man nahm dem Engel die Beine. Fortbewegung wurde fast unmöglich.
Man nahm dem Engel den Kopf. Er konnte nichts mehr hören, sehen, riechen, schmecken und denken.
Man ließ ihm die FlĂŒgel. Damit kann er fliegen.

Genre: RealitÀtsschatten

Und

Wie bescheiden es da steht. GĂ€nzlich ungeĂŒbt darin, groß geschrieben und allein im Rampenlicht einer Überschrift zu stehn, kommt es sich ganz verloren vor. Und doch ist es an der Zeit, es endlich einmal angemessen zu wĂŒrdigen. Also halte durch, kleines großes Und. Du wirst sehen wie gut es tut, einmal ein wenig Anerkennung fĂŒr deinen unschĂ€tzbaren Dienst zu erhalten. So viele Worte vermögen mit ihrer Bedeutung Bilder, Assoziationen und Erinnerungen auszulösen oder uns und andere mit der Schönheit ihres Klanges, ihrem Humor, ihrer Dynamik oder Tiefe fĂŒr oder gegen sich einzunehmen. Einigen von ihnen werden wir auf den kommenden Seiten begegnen. Du hingegen verfĂŒgst ĂŒber keine solchen Reize und doch will mir dein Wirken fĂŒr unsere Sprache noch viel bedeutsamer erscheinen als mancher Begriff, der uns mit seiner eindrucksvollen Bedeutung besticht. Welches Wort wĂ€re schließlich so wie du in der Lage, andere Worte, Dinge, Gedanken, Menschen, ja Welten selbst ĂŒber grĂ¶ĂŸte Unterschiede und GegensĂ€tze hinweg miteinander zu verbinden? Nur dank dir können wir so unterschiedliche Beziehungen wie die zwischen Sonne und Mond, Romeo und Julia, laut und leise, Pat und Patachon, Tag und Nacht, Kraut und RĂŒben oder Leben und Tod zum Ausdruck bringen. In vollkommener NeutralitĂ€t stellst du deine BeziehungsfĂ€higkeit allem und jedem zur VerfĂŒgung, ohne je eines der durch dich verbundenen Worte oder Glieder eines Satzes zu bewerten oder zu beurteilen. Du bist eines jener oft unscheinbaren Wesen, die selbst verschiedenste Worte und Geschöpfe in ein Miteinander, ins GesprĂ€ch zu bringen vermögen, ganz unabhĂ€ngig davon, ob sie in einer innigen Liebesbeziehung leben oder sich ganz unversöhnlich gegenĂŒber stehen. Ohne dich wĂ€re unsere Sprache ein beziehungsloser, von vereinsamten Einzelexistenzen bevölkerter Raum aus AufzĂ€hlungen und Aneinanderreihungen. Romeo, Julia, Tag, Nacht, laut, leise, Zucker, Salz. Unser verbaler Austausch nĂ€hme den Duktus einer To-do-Liste an. Du bist damit nicht nur das Beziehungsgenie unter den Worten. Du ermöglichst auch erst den fließenden Rhythmus unserer Sprache.

Gewiss, auch die ĂŒbrigen Wörter aus dem Kreis deiner Familie, die wir als Binde- und FĂŒgewörter oder Konjunktionen bezeichnen, tragen einen betrĂ€chtlichen Teil dazu bei, dass wir Beziehungen sprechen und in ihren unterschiedlichen Gestaltungen denken und bewerten können. Doch vermag kein anderes Wort sie wie du von jeglicher Bewertung frei zu gestalten und den so Verbundenen eine unvoreingenommene Begegnung auf Augenhöhe zu ermöglichen. Nicht selten gelingt es dir dadurch, ungeahnte Gemeinsamkeiten zu fördern, die jene Wenns, Abers und Entweder-Oders unserer Welt beim besten Willen nicht zu erkennen vermögen. Ihnen fehlt jene zugewandte Offenheit, mit der wir all den Worten und Dingen begegnen, denen wir mit dir entgegen sehen. Manch vermeintlicher Gegensatz, manche PolaritĂ€t stellte sich so schon als gedankliche ChimĂ€re heraus. Mancher Streit löste sich in Wohlgefallen auf. Und lassen sich nicht erst so jene Einsichten erschließen, die wir mit Wunsch und Willen, die wir denkend und bewertend nie zu finden vermögen?

NatĂŒrlich ist es gerade auch die FĂ€higkeit, zu bewerten und zu beurteilen, die uns Menschen ausmacht. Schon um Dinge und Wesen strikt voneinander getrennt halten zu können, die sich partout nicht miteinander verstehen. Nur so vermögen wir ein friedliches Zusammenleben zu gestalten und uns die Welt denkend und argumentierend zu erschließen. Ohne die Bereitschaft, Position zu beziehen und sich abzugrenzen, gibt es keine Freiheit. Und wo diese Freiheit, wo Menschlichkeit und Toleranz gar bedroht sind, sei es etwa durch Rassismus, Antisemitismus, Extremismus oder Gewalt und Hetze, ist die Grenze jeder NeutralitĂ€t und Akzeptanz erreicht. Doch wie schwer fĂ€llt es uns Menschen oft, die Welt in all ihren Schattierungen ĂŒberhaupt erst einmal frei von eigenen Bewertungen und Emotionen wahrzunehmen. Ihr unvoreingenommen und offen zu begegnen. Wo aber die Bereitschaft fehlt, zunĂ€chst einmal inne-, ja an sich zu halten; die FĂ€higkeit, zwischen der Ă€ußeren Welt in all ihrer KomplexitĂ€t und unserer Wahrnehmung, zwischen Tatsachen und Bewertungen zu unterscheiden, beginnt die Sprache unseren Blick mehr zu vernebeln als ihn zu erhellen. Ohne ein BemĂŒhen, die Welt in ihrer Streitbarkeit, Gedanken und Positionen in ihrer GegensĂ€tzlichkeit zunĂ€chst einmal anzunehmen und auszuhalten, wird es schwer fallen, Gemeinsamkeiten und Kompromisse zu finden.

Dies ist dir, liebes Und, wiederum ein Leichtes. Du lĂ€sst selbst schĂ€rfste GegensĂ€tze da sein, ohne sie durch eigene Bewertungen oder Emotionen einzuschrĂ€nken oder gar noch anzuheizen. Ganz als wĂŒsstest du, dass wir die Welt in ihrer Vielfalt mit all den verschiedenen Wörtern unserer Sprache nur dann zu finden und zu erkennen vermögen, wenn wir sie in ihrer Verbundenheit begreifen und verstehen. Dass all die einfachen, vermeintlich klaren Formeln, Abgrenzungen, Begriffe und Bewertungen, mit denen wir die Welt so gerne auf das Maß unseres Geistes zusammenfalten, bestenfalls Halbheiten bleiben. Dass mindestens zwei Seiten, das FĂŒr und das Wider, oft aber eine schier unendliche Zahl an Faktoren und Facetten gleichzeitig miteinander vorhanden und zu bedenken sind. So fĂŒhrst du uns wie kaum ein anderes Wort vor Augen wie wichtig es ist, jede Einseitigkeit zu vermeiden. Dass nur dort Licht, wo auch Schatten ist. Das Verbindende zu denken und nicht das Trennende. TĂŒren zu öffnen, statt sie zu schließen. Auch den schmerzlichen Erfahrungen und Empfindungen, die das Leben fĂŒr uns bereit hĂ€lt offen entgegen zu gehen, geben sie ihm doch erst seine WĂŒrze und FĂŒlle. Bekanntlich vergrĂ¶ĂŸern wir sie nur, wenn wir sie verdrĂ€ngen oder bekĂ€mpfen. Unserem Zusammenleben und unseren Beziehungen den Raum und die Aufmerksamkeit zu geben, die sie benötigen, und sie immer wieder neu zu bedenken. Und mit deinem Beziehungstalent wirst du mir hoffentlich auch verzeihen, wenn ich hier den ein oder anderen Ausflug in fernliegende gedankliche Gefilde unternehme, ja abenteuerliche Abschweifungen, ĂŒberraschende SprĂŒnge und auch lĂ€ngere Umwege mĂŒssten eigentlich ganz in deinem Sinne und nach deinem Geschmack sein. Mögen also Denken und Phantasie in diesem StĂŒck, in dem du die ersten Töne spielst, nur immer frei und lustig aufspielen und sich vor allzu engen Gehegen hĂŒten.

So still du nun aber zu wirken verstehst, so unersetzlich du fĂŒr das Miteinander all der vielen anderen Worte auch bist, so leicht wirst du auch ĂŒbersehen. Nicht nur in der Welt der Sprache fehlt uns oft der Blick fĂŒr all die kleinen Wörtchen, die Beziehungen stiften und deren Schönheit im Inneren und ihrem fast unmerklichen Wirken liegt. Auch alle Menschen, die dadurch Sympathie und VerstĂ€ndnis fĂŒreinander fördern, dass sie fĂŒr andere da sind, die sich persönlich und ohne Ansehen der Person um das Wohlbefinden anderer und aller, um das Miteinander all der so unterschiedlichen Wesen auf unserem Planeten kĂŒmmern, werden von uns leicht ĂŒbersehen. Als wĂŒssten wir nicht, dass ihr, dass dein Wirken im Kleinen das Große oft erst ermöglicht. Wie hĂ€ufig denken wir, wenn wir die Architektur eines Hauses bewundern noch an das Werk der Maurer, die es Stein fĂŒr Stein zusammenfĂŒgten? An das unermĂŒdliche Wirken all der Pflegerinnen und Pfleger, die sich Tag und Nacht um Alte, Kranke und Menschen mit körperlichen oder seelischen BeeintrĂ€chtigungen, die sich um das Wohl der Tiere oder schon in den frĂŒhen Morgenstunden um Pflanzen, Parks und GĂ€rten kĂŒmmern? An die Krankenschwestern und -pfleger, RettungssanitĂ€terinnen und SanitĂ€ter, Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten die anderen dabei helfen, Krankheiten und Krisen zu ĂŒberwinden? Streetworker und Sozialarbeiterinnen? An MĂŒtter und VĂ€ter, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Kraft und Zeit dem Wohlbefinden und der Bildung unserer Kinder und nicht selten auch uns Eltern widmen? Die Gastwirte und Wirtinnen, Kellnerinnen und Kellner die uns an ihren Tischen und StĂŒhlen und all die anderen KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstler die uns Beziehungs- und Gemeinschaftserlebnisse ermöglichen?

Wie sehr sind wir auch darauf angewiesen, uns gegenseitig mit einem herzlichen LĂ€cheln oder Scherz, einer kleinen Geste oder einem GesprĂ€ch zu bezeugen, dass wir im All nicht allein, sondern Mensch unter Menschen sind? Geben wir unseren Mitmenschen oft genug Gelegenheit, dies mit uns zu empfinden? KĂŒmmern wir uns genug um all diejenigen, die krank oder einsam sind, die mit körperlichen oder geistigen BeeintrĂ€chtigungen leben, die nicht arbeiten können, keine Arbeit finden oder gar auf der Straße leben? Zeigen wir ihnen allen, all unseren Mitmenschen, dass wir sie wahrnehmen? Zeigen wir all jenen, die Tag um Tag, manche Nacht und viele Feiertage und Wochenenden unermĂŒdlich fĂŒr den Erhalt unserer Lebensgrundlagen und unsere Gemeinschaft, unser Zusammenleben und unsere Gesundheit im Kleinen tĂ€tig und verantwortlich sind oft genug jene WertschĂ€tzung, die sie verdienen? Den Landwirten und -wirtinnen? Putzfrauen und -mĂ€nnern, BrieftrĂ€gerinnen und Paketboten? Fensterputzern, Stadtreinigern und Straßenfegern? VerkĂ€uferinnen und VerkĂ€ufern? Den Friseuren und Friseusen, Feuerwehrfrauen und -mĂ€nnern, Bus- und S-Bahnfahrern? Polizistinnen und Polizisten, Soldatinnen und Soldaten die Demokratie und Frieden sichern? Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Jobcentern, die anderen dabei zu helfen versuchen, wieder Arbeit zu finden? Die sich um die Integration von Menschen anderer Herkunft und GeflĂŒchteter bemĂŒhen? Unseren Hausmeistern, Pförtnerinnen und Pförtnern? WĂ€scherinnen und WĂ€schern, Bauarbeitern, Stadt-, MĂŒll- und all den anderen Handwerkern und -werkerinnen? Und was ist mit all den Vielen, die ehrenamtlich und außerhalb des Berufslebens fĂŒr andere da sind? WĂ€ren wir ohne sie und all jene, die mir hoffentlich verzeihen dass ich hier versĂ€ume, sie ausdrĂŒcklich zu erwĂ€hnen, um nicht völlig den Faden zu verlieren, wĂ€ren wir ohne dich, liebes Und, nicht gĂ€nzlich aufgeschmissen?

Und so verwundert es wenig, dass wir ungeachtet all der Worte und Wesen, die sich mit Vorwitz, DĂŒnkel, forschen und großen Tönen, Rang und Namen oder langen Ahnentafeln ins rechte Licht zu rĂŒcken wissen nur die Worte „die“ und „der“ noch hĂ€ufiger verwenden als dich. Wenn wir dir also bislang auch viel zu selten die Achtung und WertschĂ€tzung entgegen gebracht haben, die du verdient hĂ€ttest, so belegt dies immerhin, wie sehr wir Worte und Wesen wie dich brauchen. Wie wenig ohne dich wohl von der inneren Schönheit unserer Sprache bliebe. Und, ich verspreche, nicht lĂ€nger gedankenlos ĂŒber dich hinwegzupreschen und nie mehr die Achtung und Aufmerksamkeit fĂŒr deine Beziehungsarbeit zu verlieren, so leise und unmerklich du sie auch zu verrichten vermagst, sind es doch erst und eigentlich die Beziehungen, die uns zu Menschen und eine Sprache zu der unseren machen.

Genre: Erinnerungsbrösel, GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten, Trauersymmetrie, Wortmysterien

Hotspot

Die Humboldts
trafen sich mit
anderen im Salon
der Familie Herz.

Genre: Trauersymmetrie

Medizin

einander
helfen,

auch den
Vögeln,

gemeinsam
gehen,

Radio
hören,

Klavier
spielen,

miteinander
reden,

Karten,
Briefe,

Gedichte
lesen,

besonders
Goethes

Genre: Erinnerungsbrösel, GemĂŒtstiefe, RealitĂ€tsschatten, Trauersymmetrie

Wie weiter

schreiben, angesichts
der tÀglich wachsenden

Zahlen, zu denen uns
bereits die Namen fehlen?

Genre: RealitÀtsschatten

MĂ€rchen

aus dem Tschad:
Bis zu dem Augen-
blick, wenn wir einem
Menschen oder Tier
ins Gesicht schauen
und darin unsere
BrĂŒder und Schwestern
erkennen umgibt uns
noch dunkle Nacht.

Genre: Erinnerungsbrösel, GemĂŒtstiefe

Im Netz

unter den dicken,
dĂŒnnen, großen und
kleinen Kartoffeln
auch ein Herz aus
biologischem Anbau.

Genre: RealitÀtsschatten

homeoffice

rhesusaffe negativ
flĂŒchtiger traumblick
dann wechselt die farbe

Genre: GemĂŒtstiefe, Wortmysterien

Energie

Sobald du die Augen schließt, bist DU wieder da.
Als Widerspruch.
Das ist die Quelle der Energie, die DU sonst gar nicht brÀuchtest.

Genre: Wortmysterien

#leavenoonebehind

aus einer zeit kommend in der parolen noch in landessprache verabreicht wurden
verwundert sich der beobachter und ist auch manchmal los den rat

Genre: RealitÀtsschatten

Wider-Geburt

zum Gegenufer
gespannt
widersprechen
dem was schon ist
Pfeil werden
und
auf Neuland gestĂŒrzt
aufrechter gehen

Genre: RealitÀtsschatten

Ich Àrgere mich, weil ich ihn trotzdem sehe

Die hohen, englischen Fenster des Wohnraumes gingen auf ein verwildertes GrundstĂŒck hinaus, neben einem Schuppen lagerte Schrott, der aber von hier aus nicht zu sehen war.

Genre: Rezensionen

semantische absurditÀten

schon morgens die tage beginnen zu altern wir mĂŒssen
nur noch die stunden erschlagen die stadt liegt trunken am straßenrand
fensterscheiben erbrechen licht … ich … (du) nur der auswurf
des augenblicks um m(d)ich herum blutende wĂ€nde waagerecht ĂŒbereinander-
gestapelt die ordnung der dinge verlor sich im herbst
m(d)eine glieder (wahllos) im zimmer verstreut ein arm in der ecke
ein bein auf dem tisch das bulimische herz ins koma
erbrochen mach dir kein bild aus leuchtenden worten unter der erde atme ich
blau du hast den blick fĂŒr die farben verloren: ich sterbe wie
ich geboren mit einem krĂ€ftigen schlag auf den rĂŒcken – pflegte nur mit
den toten verkehr – die zeit wirft falten (wie löschpapier)
niemand zeichnet die welt mit tinte (bin nur ein fleck auf weißem grund)
wie viele seiten ein buch doch hat am ende von allem: sag mir
was ist ein gedicht & wozu

Genre: RealitÀtsschatten

Eisgrau

fallen

[https://inskriptionen.de/?p=]

achtundvierzigfĂŒnfundachtzig

brennend aus dem Himmel des Sterns mit Namen

*

- Besser als ein Stern ohne Namen.
- Wieso?
- Na, die bleiben so klein. Fast unsichtbar…
(zweifelnder Blick)
- Hm, aber dann gleich – SUPERNOVAAH?
(Stirnrunzeln)
- Ah.

Genre: Erinnerungsbrösel