Gras

Von | 10. Juni 2021

Aber niemand sollte weinen müssen ohne Wein
Aber niemand sollte satt sein mit leerem Bauch
Und Musik ist was dem Tod auf dieser Erde fehlt
Und Musik nun wie der Tod in der Luft ein Hauch

Aber wenn du einen Stengel in der Tasche hast, heißt das
Dieses ganze Leben ist doch gar nicht so schlecht
Wenn ein Ticket für den Silberflügler mit hineinpasst
Der beim Abheben nur seinen Schat_ten da lässt

Wie Preußen die Mongolei eroberte

Von | 3. Juni 2021

Schade, dass Wörter älter werden. Dabei werden sie nicht schöner;

Der Sektionsvorsitzende zum Rapport beim Innenminister. Schriftzeichen. Sie haben schon welche, und leider viel bessere als wir. Aber das mache nichts. Tabak- und Alkoholsteuer noch unbekannt, seien sie für Fortschritt noch so offen wie ein Scheunentor. Wie es einstmals der Genosse Lenin ausdrückte – Schritt vor, zwei zurück. Machen wir es also wie damals die Russen mit uns:

– Welcher Verdauungstrakt ist der wichtigste im Kampf?

– Ah, dieser Witz – na, der Kling-, äh Blinddarm…

– Richtig. Und wo klingelt es am lautesten?

– Peter und Paul… Wie war das nochmal… „der Mensch ist ein lachendes Geschöpf; der Mensch ist ein federloser Zweifüßler; der Mensch ist ein…“

– Ja. Und dazu jetzt noch die kyrillischen Buchstaben, wie in plazdarm — dosto

– primetschatelnosti, äh, also einfach Straßtwutje, hm, äh, also ich frag‘ ’nfach Jew…

wenn ich sage, dass araignée (Spinne) im Altfranzösischen aragne lautete, fällt mir auf, dass araignée eine aragne ist, die beim Älterwerden ihren schönen Klang verloren hat,

also Zhenja, ja?! Die Sterne am Himmel, immer eine Herausforderung… Am interessantesten immer noch die Kometen, Asteroiden und anderen Irrlichter vorm Astoria… Keine VLs mehr, noch nicht mal Kosmos-Vorlesungen… Die KI nun emanzipiert oder was man so nennt, mensch Egon! Im Staate Dänemark die Lacher immer auf deiner Seite, und der nordeuropäische Bürgerkrieg endlich durch Sprachbarrieren befriedet… Der Traum vom barrierefreien Wohnen findet nun im Theater auf der Bühne statt, sofern’s noch nicht möglich war, sie abzureißen \ Denkmalschutz, Zielkonflikte, rouge & noir… Weiße Haut unter schwarzer Seide – schon Rassismus? Die im Wort selbst abgespeicherte Suppe ist selten nicht selbst, was sie brandmarkt

der frank und frei durch seine beiden a eröffnet wird, und dieses >> gnée << ist weder angenehm noch notwendig. Aragne hat genügt.

*

Sicher ist, daß wir auf eine Weise leben, die vom Projekt beherrscht wird. Nun ist offensichtlich, daß der Mensch nicht vom Projekt allein lebt – so wie man es mal vom Brot sagte. Kann man vom Seinsprojekt sprechen? Zwischen sein und haben herrscht eine derartige Verwirrung, daß das Seinsprojekt ein Projekt des Habens zu sein scheint, sei es nur das, Projekte zu haben.

**

Die Karten sind nicht Gegenstand des Projekts
„Filz ist die Verdichtung von Netzwerk.“ (ca. 1992)

Die vier Jahreszeiten

Von | 1. Juni 2021

nach einer Melodie von Vivaldi

 

Sind in Vergessenheit geraten : im Herbst

Ernten wir und nehmen Abschied

Im Winter kehrt Ruhe ein : Erholung

Und Grabesstille : im Frühling

 

Atmen wir auf und streifen die schweren

Jacken ab : die Brust bläht sich

In kitzelnder Luft : die Zipperlein

Weichen : Bakterien

 

Und Keime fliehen ins Trockene

Um auszutrocknen : der Hals erholt sich

Der Husten hoppelt davon : sagt

Ernsthaft : ihr habt das alles

 

Vergessen : wenn ihr den Absturz

Der Zahlen seht : freut ihr euch

Auf den Sommer wie Kinder

Und laßt euch belehren : all das

 

Sei das Werk eurer Disziplin

Nicht der Jahreszeit : was ist das

Für eine Weisheit : die uns einsperrt

Im Herbst und im Winter

Ende der Zahlenspiele! 4.6 Die Sache mit der Solidarität

Von | 24. Mai 2021

„Im Staat Zheng lebte ein Schamane namens Ji Xian (Kenner der Gelegenheiten), der wußte, wann die Menschen geboren werden und sterben, überleben und umkommen, wann ihnen Unglück oder Glück widerfährt, ob sie lange leben oder jung sterben, er ver­mochte dies auf Jahr, Monat, Woche und Tag vorherzusagen, als wäre er ein Geist. Wenn die Einwohner von Zheng ihn erblickten, ließen sie alles stehen und liegen und rannten davon.“ (Zhuangzi, 7.5)

Über die Verteilungsgerechtigkeit zu wachen, gehört zu den menschlichen Urinstinkten: Als Kin­der passen wir auf, daß der Kuchen in gleiche Teile ge­schnit­ten wird. Die für das Kind existenzielle Angst, zu kurz zu kommen, rührt vom Narzissmus her, der in den ersten Lebensjahren über­lebens­wichtig ist, um sich in einer Welt von Erwachsenen und Gleichaltrigen zu behaupten. Wenn die Eigenliebe zugunsten von Mitgefühl und Liebe in den Hintergrund tritt, ändert sich das Motiv der Gerechtigkeit. Die Wahrnehmung, daß andere ungerecht behandelt werden, indem sie zu kurz kommen und keine Chance haben, ihr Recht zu er­langen, tritt als neue Qualität hinzu.

In der Corona-Krise wurde unter dem Stichwort der „Soli­da­ri­tät“ das Gerechtigkeitsempfinden des narzisstischen Kindes angesprochen: Wenn wir privat zurückstecken und verzichten sollen, dann sollen auch die großen Betriebe schließen und ihren Beitrag zur „Kontaktvermeidung“ leisten. Wenn die Älteren in den Heimen weggeschlossen und isoliert werden, dann sollen auch die Jün­geren keine Partys feiern und fröhlich durch die Gegend laufen. – Das ist Gerechtigkeit auf der untersten Stufe, „Solidarität“, die vom Neid bestimmt wird und letztlich auf eine große Un­gerechtigkeit hinausläuft: Denn für die Älteren ist es unangemessen, in den Heimen eingesperrt zu wer­den, wie es un­ver­hält­nis­mäßig ist, die Jüngeren ihrer Lebensperspektiven durch das Vorenthalten von Bildung und Arbeit zu berauben. Für beide braucht es andere Wege. So aber leiden die Älteren in Einsamkeit und Elend während ihrer letzten Lebensmonate, in denen sie vor einer Krank­heit geschützt werden, und sterben nicht selten an den Folgen der Isolation. Die Jüngeren aber müssen noch Jahre und Jahrzehnte mit dem Trauma der zerbrochenen Perspektive, Schul­karriere oder wegen Pleite aufgegebenen Selbständigkeit leben. Dabei waren sie von keiner Krank­heit übermäßig bedroht – der Lockdown war menschengemacht, Menschen tragen für ihn die Ver­antwortung. Daher das schreiende Gefühl der Ungerechtigkeit. Es ist Zynismus, sie dem Virus zu­zuschreiben.

Der künstlich geschürte und verstärkte Generationenkonflikt – mutet er nicht bekannt an? Am Vorabend des Ersten Weltkriegs trafen sich auf dem Hohen Meißner in Hessen 2.500 Ju­gendliche und Heranwachsende, um in der Natur dem Mief der schwerindustrialisierten Groß­städte und dem Militarismus zu entkommen. Sie forderten die Möglichkeit, „aus eigener Be­stimmung, vor eigener Ver­ant­wortung, mit innerer Wahrhaftigkeit“ ihr Leben zu gestalten: „Die Jugend steht an einem ge­schicht­lichen Wendepunkt. Bisher aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen und angewiesen auf eine passive Rolle des Lernens, auf eine spielerisch-nichtige Geselligkeit, nur ein Anhängsel der älteren Generation, beginnt sie, sich auf sich selbst zu besinnen. Sie versucht, unabhängig von den trägen Gewohnheiten der Alten und von den Geboten einer häßlichen Konvention sich selbst ihr Leben zu gestalten.“ Aufruf zur Teilnahme am Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner, 1913)   

Die Corona-Krise läßt sich als Symptom betrachten: als Symptom einer allgemeinen Krise des modernen Menschen, genauer des Menschen in einer normopathischen Gesellschaft (Maaz), der sich nicht nach seiner natürlichen Bestimmung (Zhuangzi) fragt, sondern den auferlegten Pflichten folgt, die ihm Eltern, Lehrer und Chefs übergestülpt haben – des Menschen, der funktionieren will.  Diese Funktionslust wird durch die Corona-Maßnahmen infrage gestellt: Politik und Medien nutzen die reale Angst vor dem Virus, um Angst zu schüren, indem sie „den Alarm hochhalten“. Damit werden verdrängte Ängste geweckt, die auf ungelöste innere Konflikte hinweisen (Abhängigkeit, Ent­frem­dung). Das Bewußtwerden dieser Ängste wird vom Ich aktiv abgewehrt a) durch totale Anpassung an die politischen Einschränkungen und die vehemente Verteidigung der angetragenen Unfreiheit oder b) durch Skepsis und Kritik an der einseitigen Darstellung der vermeintlichen Risiken, dabei in Kauf nehmend, als Verräter, Omega, Verschwörungstheoretiker oder Nazi diffamiert zu werden.

Die politische Wirkung besteht in der Polarisierung der Gesellschaft, genauer gesagt in der kognitiven Verstärkung der ökonomisch angelegten Polarisierung. Indem sich die Mehrheit der Bevölkerung in Corona-Gläubige und Corona-Skeptiker, Positiv- und Negativgetestete, Geimpfte und Nichtgeimpfte spaltet, wird der Konflikt auf den Nebenschauplatz der Virusbekämpfung abgelenkt, während die eigentlichen Konflikte der heutigen Zeit aus dem Blick geraten.

„Grundrechte sind nicht nur Abwehrrechte des Einzelnen, sondern sie fungieren über die Verfassungsbeschwerde auch als politische Partizipationserzwingungsrechte von Minder­heiten­gruppen. Parlamentarische Mehrheiten werden gezwungen, andere Belange zu berücksichtigen, jedenfalls sich mit ihnen auseinanderzusetzen, damit das Gesetz nicht vor Gericht scheitert. Föderalismus und Grundrechte beheben auf diese Weise Repräsentations- und Artikulationsdefizite des parlamentarischen Prozesses und sorgen dafür, dass auch ein in Berlin erstarrter politischer Prozess, der nur noch eine Koalitionsvereinbarung „abarbeitet“, oder in der Gewissheit von Modellrechnungen denkt, Anstöße erhält. Für solche Arenen, die Partizipation und Pluralismus pflegen, besteht besonderer Bedarf, wenn sich der politische Prozess vor solchen Anstößen abschottet und auch durch Gerichte nicht dazu gezwungen wird, sie zu verarbeiten.“ schrieb Oliver Lepsius in seinem Beitrag Das ver­fas­sungs­recht­liche Argu­ment hat es schwer  vom 05.02.2021.

Tatsächlich steht die moderne Welt am Scheideweg, sich mittels intelligenter Technik in eine Wohlfühl-und-Fürsorge-Technokratie  zu transformieren, die im Kern autoritär bis totalitär, sagen wir technokratisch, ist und dem Profit der führenden Tech-Konzerne dient; oder die Gesellschaft demokratisiert sich weiter in subsidiär verwaltete Minderheiten und Nischensozietäten, in denen Partizipation und Basis­demo­kratie lebendig entfaltet werden können. Die Tücke der Corona-Strategen besteht darin, die allgegenwärtige latente Gesundheitssorge in eine Angst zu verwandeln. Dafür werden vermeintlich linke, ursprünglich einfach demokratische Werte wie „Solidarität“ und „Partizipation“ als festlich ge­schmückte Zugpferde vor den Karren  der Konzerninteressen gespannt: Jüngere beschränken sich und verzichten für Ältere, Impfstoff für alle… In der gegenwärtigen Umkehrung aller Werte treten autoritäre „Linke“ für Freiheitsbeschneidung, Unterwerfung, Obrigkeitsdenken und das Ausbluten des Mittel­standes ein, während sie Illusionen wie No- oder Zero-Covid hinterher eilen.

These 9: Die Corona-Politik bewirkte unter Berufung auf die „Solidarität“ – die Jüngeren bringen ein Sonder­opfer für die Älteren, die Maske schütze nicht mich, sondern die anderen – eine Rechts-Links-Umkehr.

Wurde diese Parole von den Regierungen zunächst nur rhetorisch im Sinne einer pro­phy­laktischen Präventionskommunikationsstrategie gebraucht, um einem Rückfall in die Bar­barei vorzubeugen, in der jeder nur sich selbst der nächste ist, lockte die „Solidaritäts“-Propaganda die „Linke“ in die Vorkammern der Macht und reanimierte die Lust am autoritären Staat, der sich anschickt, Gleichheit und Gerechtigkeit auf dem Weg der Verordnung von oben durchzusetzen – gleichsam die Wiederkehr des überwunden geglaubten leninistisch-stalinistisch-maoistischen Programms. Die „Rechte“ dagegen, die in den Jahrzehnte davor nicht zimperlich war, die Staats­gewalt für ihre Zwecke einzusetzen, geriert sich nun als Verteidigerin der individuellen Freiheit…

Statt die Industrie in den Schutz der Bevölkerung einzuspannen, wird die Bevölkerung durch Zermürbung gefügig gemacht, so daß das „Sich-Frei-Impfen“ auch auf große, nicht gefährdete Gruppen, die unter 60jährigen, ausgeweitet wird. Dies führt zu dem Paradox, daß die „Solidarität“, die den Jüngeren in Form eines umfassenden Lebendigkeitsverzichts abverlangt wird, durch Zwangs­maßnahmen aufrechterhalten bleibt, obwohl die vulnerablen Gruppen bereits „durch­geimpft“ sind. Die Jüngeren werden mit dieser Strategie doppelt betrogen und ausgebeutet: Zu­nächst wurden sie Einschränkungen in Beruf und Bildung unterworfen. Seitdem die verletzlichen Gruppen qua Impfung als geschützt gelten, werden die Einschränkungen nur für sie, nicht aber für die solidarisch in Mithaftgenommenen wieder aufgehoben. Gar keine Rede ist davon, daß bei Jüngeren (<60 J.) die Kosten-Nutzen-Abwägung der Impfung kippt: aufgrund der äußerst winzigen Wahr­scheinlichkeit für nicht vulnerable Menschen, tatsächlich eine schwere Atemwegserkrankung (nicht nur ein positives Testergebnis) zu erleiden und daran zu sterben, potenziert sich das Gewicht „seltener“ Nebenwirkungen wie der Hirnvenenthrombosen, Em­bolien usw. Zum doppelten Betrug an der jüngeren Bevölkerungsmehrheit kommt die Ver­dopp­lung des Risikos hinzu, von Impfnebenwirkungen betroffen zu sein, deren Wahrscheinlichkeit umgekehrt proportional zum Alter wächst.

Wie „begründet“ die Politik die Impfung der nicht von Covid gefährdeten Bevölkerung? Natürlich wegen der „Solidarität“ mit den Älteren, denn würde man den Jüngeren die für sie gefährlichere Impfung ersparen, wäre die „Herdenimmunität“ passé.

Wenn ich mit älteren Men­schen spreche, wundern sie sich über den Aktionismus der zumeist kinderlosen Politiker: Die Älteren wollen die Chancen ihrer Kinder und Enkel nicht davonschwimmen sehen; eine Politik, die dies zuläßt, empört sie – Reisemöglichkeiten auf die Balearen oder an die Algarve hin oder her. Und die „Herdenimmunität“ ist vermutlich eine Chimäre, wenn das Virus wie in den letzten drei Mil­lionen Jahren im Herbst leicht variiert wiederkehrt. Die Jugendlichen auf dem Hohen Meißner widersetzten sich dem Diktat, indem sie wanderten, sangen und tanzten. Und auch heute gilt wieder: Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren! Tanz bedeutet Leben, Liebe, Freiheit, Kampf, Sehnsucht, Freude, Verzweiflung, Versöhnung, Schönheit und Kraft.

Liebe

Von | 23. Mai 2021

für Micha

Zwischen Maß und Übermaß spannt sich eine Brücke

Wie im Märchen Metalle, die sich mischen und nicht

mischen: die Bewegung, Daseinsweise der Materie, hat die Wesen

fest im Griff

fest im Griff

Loslassen!

haare im wind

Von | 15. Mai 2021

an den meisten tagen
war die kindheit verwaschen
die farben verloren sich
auf dem heimweg
ein blasses kind
lügt sich geschichten
an die wand
sagen sie
manchmal pochen
die worte im kopf
auf gut passt mut
auf brot passt not
mutter trägt eine karierte schürze
darauf reimt sich nichts

nachts schleichen
vanilleträume ums haus
sprachfetzen aus zimt
und weißer schokolade
türmen gedankenberge
ein freches kind
sagen sie
immer das letzte wort
ungereimtes schon im stammbaum
haare im wind
ein verwittertes kind

Späte Jahre

Von | 14. Mai 2021

Wir haben eine Katze und einen Regenschirm. Wir haben einen Raum für glückliche Momente und einen Raum für die Einsamkeit. Vom Fenster aus kann man die schneeverhangenen Berge sehen. Zu weit, sagst du manchmal, viel zu hoch für so kleine Leute wie wir. Dann nimmst du den Schirm und machst eine Runde ums Haus. Du bist genau 2 Minuten und 17 Sekunden draußen. Jeden Tag. Dreihundertfünfundsechzig Mal im Jahr. Während ich dastehe und auf die Uhr schaue und warte, bis ich die schweren Schuhe im Flur höre. Dein Kreischen, wenn du dich auf die Garderobenbank setzt, um die Schuhe auszuziehen. Die Katze spitzt die Ohren und läuft in den Flur. Sie schaut dir zu, wie du die Pantoffeln wieder anlegst und dir nach, wenn du dich in den Raum für die Einsamkeit zurückziehst.
Wir hatten einen Raum für glückliche Momente. In den ersten Jahren haben wir darin Bücher gelesen, von der Zukunft geträumt und zum Fenster raus gesehen. Die Berge waren näher und wir wollten hoch hinaus. Hoch über die Berge, sagtest du, dahinter beginnt das Meer.
Das Meer haben wir nie gesehen und auch nicht den Gipfel des Berges. Was dahinter wirklich ist, werden wir wohl nie erfahren.

* * *

Von | 12. Mai 2021

Deine Augen – zwei Flügel,

Dein Blick – eine Tür.

Wenn sie mich anschauen

durch einen Tunnel aus Zeit,

wird mein Körper beschleunigt

Richtung nirgendwo.

So ist:

deine Liebe – meine Rakete.

18.04.21

Ende der Zahlenspiele! 4.5 Renaissance staatsmonopolistischer Kontexte

Von | 7. Mai 2021

„Was mit Haken und Schnur, Zirkel und Winkelmaß zurechtgerückt wird, ist zu­recht­ge­stutzte Natur; was mit Schnur, Leim und Lack wiederhergestellt wird, büßt seine Lebens­­­kraft ein … Die gewöhnliche Natür­lichkeit biegt ohne Zu­hilfe­nahme von Haken, richtet gerade ohne Schnur, run­det ab ohne Zirkel, macht rechteckig ohne Winkelmaß, fügt zusammen ohne Leim und Lack, verbindet ohne Stricke.“ (Zhuangzi, 8.2)

Der freie Wettbewerb ist eine lebendige, vorwärtstreibende, schöpferische Angelegenheit. Ihm ver­dankt die Marktwirtschaft ihre Dynamik. Der Kapitalismus jedoch pervertiert die Marktwirtschaft durch die ihm innewohnende Tendenz, daß der auf dem Markt Erfolgreiche den einmal er­wirt­schaf­teten Vorteil in der Regel zur Vervielfachung seines Vorsprungs nutzt – dieser selbst­referentielle Ver­stärkungsprozeß stimmt strukturell mit dem Zinseszins-Effekt überein und führt ungeregelt mit mathe­matischer Zwangsläufigkeit zur exponentiellen Beschleunigung des wirtschaftlichen Wachs­tums, der Akkumulation des Kapitals, der Konzentration der Produk­tionsmittel in der Ver­fügungs­gewalt weniger, der Polarisation und Spaltung der Gesellschaft in eine extrem dünne Glanzschicht der Superreichen und eine wirtschaftlich machtlose Mehrheit der abhängig Beschäftigten (auch wenn sie unternehmerisch selbständig sind, sind sie abhängig von den Aufträgen der Groß­industrie). Mit einem Wort: die freie Marktwirtschaft tendiert im Kapitalismus, der sich der feudalen Bindungen, Adelshierarchien und Beschränkungen entledigt hat, zur Monopolbildung – daran konnten auch die Kartellbehörden in den letzten hundert Jahren er­staun­lich wenig ändern.

Die Kreativität der kapitalistisch motivierten technischen In­no­vation war der Trägheit der staat­lichen Aufsichtsbehörden meist um Lichtjahre voraus. So konnten aus unscheinbaren, studen­tischen Hinterhaus- und Garagenfirmen im Siliconvalley die mono­polistisch agierenden Tech-Giganten erwachsen. Bevor irgendein Kartellamt dieser Welt Verdacht geschöpft hatte und schnel­ler als alle Konkurrenz, hatten sie innerhalb von zwei Jahrzehnten den Markt der Com­putersysteme (Microsoft, Apple), Internet­wer­bung (google, Facebook) und der virtuellen Zahlungsmittel (paypal) er­obert. Die Monopolbildung ist das Gegenteil des freien Wett­be­werbs. Sie garantiert un­genügenden Pro­dukten (Ford, IBM, MS-DOS, Windows) weltweite Verbreitung, erstickt aufkeimende Konkurrenz, wo sie ihrer habhaft wird und versucht, sich zu verstetigen, indem sie die Kundschaft von ihnen ab­hängig macht (z.B. Antivirensoftware für Mi­cro­softprodukte). Soweit die klassische marxistische Kapitalismusanalyse.

Zur Kundschaft der Monopole gehört jedoch auch der Staat: auch die staatlichen Organe be­nö­tigen technische Geräte, Transportmittel, finanzielle Transaktionen, das Internet, auch sie geraten damit unwillkürlich in Abhängigkeit der zu Monopolen pervertierten Anbieter, die zum Bestimmer mu­tiert sind. Im Anfangsstadium dieser Abhängigkeit bedient sich der Staat der angebotenen Produkte mit einer gewissen Entscheidungsfreiheit. Das Instrument der Ausschreibung soll den Bieterwettbewerb aufrecht erhalten. In der zweiten Phase der Abhängigkeit sind die Produkte der Mono­pol­inhaber bereits in die staatlichen Organisationsprozesse eingebaut: Indem Behörden beispielsweise Windowssysteme einsetzen, sind sie gezwungen, Antivirensoftware zu beschaffen und zu aktualisieren – auf diese Weise wird der Produktabsatz zum staatlich subventionierten Selbstläufer. Die Monopole müssen ihre Produkte nicht mehr bewerben, sie können durch ver­meintliche Innovation (Updates, Versionen) die Nutzer, d.h. auch die staatlichen Behörden, nötigen, regelmäßig erneut bei ihnen einzukaufen. Damit kehrt sich das Verhältnis von Anbieter und Kunde, das den freien Markt kenn­zeichnet, um: die Wahlfreiheit des Kunden, die den Wettbewerb stimuliert, wird durch Stan­dards beschnitten, die von den Monopolisten gesetzt werden. In der dritten Phase spannen die Monopolisten die Politik aktiv in die Erweiterung ihre Absatzmärkte ein.

Damit staatliche Kam­pag­nen initiiert werden können, bedarf es handfester Krisen. In der Krise ist die Handlungsfähigkeit der Politik gefragt, sucht die Politik die Nähe der Monopole, um dank deren Einfluß die Hand­lungs­fähigkeit des Staates zu beweisen. Das Stolpern von einer Krise in die nächste ist der Normal­mo­dus des Monopolkapitalismus. Jede Krise bringt ihre eigenen Regeln, ihre eigene „Normalität“ hervor. Ölkrise, Kubakrise, Sputnikschock, Wettrüsten, Kriege in fernen Ländern, Finanzkrise, Pandemien – sie alle bringen die westlichen Staaten als Einkäufer in Stellung. Steuer­gelder werden nicht nur zum Aufbau und zur Unterhaltung von Infrastruktur, die für die Distribution erforderlich ist, aufgewendet, sondern für unmittelbare Großaufträge des Staates – damit sichern die Monopole einerseits ihr Fortbestehen und vertiefen andererseits die Abhängigkeit des Staates. Soweit die leninistische Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus:

„Die Kartelle werden zu einer der Grundlagen des ganzen Wirtschaftslebens… Die Kartelle ver­ein­baren Verkaufs­bedingungen, Zahlungstermine u.a. Sie verteilen die Absatzgebiete untereinander. Sie bestimmen die Menge der zu erzeugenden Produkte. Sie setzen die Preise fest. Sie verteilen den Profit unter die einzelnen Unternehmungen… Das ist schon etwas ganz anderes als die alte freie Konkurrenz zersplitterter Unternehmer, die nichts voneinander wissen und für den Absatz auf un­bekanntem Markte produzieren … Die qualifizierten Arbeitskräfte werden monopolisiert, die besten Ingenieure angestellt… In seinem imperialistischen Stadium führt der Kapitalismus bis dicht an die allseitige Vergesellschaftung der Produktion heran, er zieht die Kapitalisten gewissermaßen ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen in eine Art neue Gesellschaftsordnung hinein, die den Übergang von der völlig freien Konkurrenz zur vollständigen Vergesellschaftung bildet. Die Produktion wird vergesellschaftet, die Aneignung jedoch bleibt privat. Die gesellschaftlichen Pro­duktionsmittel bleiben Privateigentum einer kleinen Anzahl von Personen. Der allgemeine Rahmen der formal anerkannten freien Konkurrenz bleibt bestehen, und der Druck der wenigen Monopolinhaber auf die übrige Bevölkerung wird hundertfach schwerer, fühlbarer, unerträglicher. Der deutsche Ökonom Kestner hat den ›Kämpfen zwischen Kartellen und Außenseitern‹, d.h. Unternehmern, die dem Kartell nicht angehören, ein spezielles Werk gewidmet. Er betitelte sein Werk ›Der Organisationszwang?, während man natürlich, um den Kapitalismus nicht zu be­schönigen, von einem Zwang zur Unterwerfung unter die Monopolverbände sprechen müßte. Es ist lehrreich, wenigstens einen flüchtigen Blick auf die Liste der Mittel des gegenwärtigen, modernen, zivilisierten Kampfes um die ›Organisation‹ zu werfen, zu denen die Monopolverbände greifen: 1. die Materialsperre (mit ›die wichtigste Methode des Kartellzwanges‹) 2. Sperrung der Arbeitskräfte durch ›Allianzen‹ (d.h. Vereinbarungen zwischen Kapitalisten und Arbeiterverbänden derart, daß die Arbeiter nur in kartellierten Betrieben arbeiten dürfen) 3. Sperre der Zufuhr; 4. Sperre des Absatzes; 5. Verträge mit den Abnehmern, wonach diese ausschließlich mit kartellierten Firmen Geschäftsverbindungen haben dürfen; 6. planmäßige Preisunterbietung (um die ›Außenseiter‹, d.h. die Unternehmungen, die sich den Monopol­inhabern nicht unterordnen, zu ruinieren; es werden Millionen ausgegeben, um eine Zeitlang unter dem Selbstkostenpreis zu verkaufen; 7. Sperrung des Kredits; 8. Verrufserklärung. Wir haben es nicht mehr mit dem Konkurrenzkampf kleiner und großer, technisch rückständiger und technisch fortgeschrittener Betriebe zu tun. Durch die Monopolinhaber werden alle diejenigen abgewürgt, die sich dem Monopol, seinem Druck, seiner Willkür nicht unterwerfen. Im Bewußtsein eines bürgerlichen Ökonomen spiegelt sich dieser Prozeß folgendermaßen wider: ›Auch innerhalb der rein wirtschaftlichen Tätigkeit‹, schreibt Kestner, ›tritt eine Verschiebung vom Kaufmännischen im früheren Sinne zum Organisatorisch-Spekulativen ein. Nicht der Kauf­mann kommt am besten vorwärts, der auf Grund seiner technischen und Handelserfahrungen die Bedürfnisse der Kunden am genauesten versteht, der eine latente Nachfrage zu finden und wirksam zu erwecken vermag, sondern das spekulative Genie (?!), das die organisatorische Entwicklung, die Möglichkeit der Beziehungen zwischen den einzelnen Unter­nehmungen und zu den Banken voraus­zuberechnen oder auch vorauszufühlen vermag.‹ In eine menschliche Sprache übertragen, bedeutet das: Der Kapitalismus ist so weit entwickelt, daß die Warenproduktion, obwohl sie nach wie vor ›herrscht‹ und als Grundlage der gesamten Wirt­schaft gilt, in Wirklichkeit bereits untergraben ist und die Hauptprofite den ›Genies‹ der Finanz­machenschaften zufallen. Diesen Machenschaften und Schwindeleien liegt die Vergesellschaftung der Produktion zugrunde, aber der gewaltige Fortschritt der Menschheit, die sich bis zu dieser Vergesellschaftung emporgearbeitet hat, kommt den – Spekulanten zugute. Wir werden weiter unten sehen, wie ›auf dieser Grundlage‹ die kleinbürgerlich-reaktionäre Kritik des kapitalistischen Imperialismus von einer Rückkehr zur ›freien‹ ›friedlichen‹, ›ehrlichen‹ Konkurrenz träumt… Das Herrschaftsverhältnis und die damit verbundene Gewalt – das ist das Typische für die ›jüngste Entwicklung des Kapitalismus‹, das ist es, was aus der Bildung allmächtiger wirtschaftlicher Monopole unvermeidlich hervorgehen mußte und hervorgegangen ist. Die Ausschaltung der Krisen durch die Kartelle ist ein Märchen bürgerlicher Ökonomen, die den Kapitalismus um jeden Preis beschönigen wollen. Im Gegenteil, das Monopol, das in einigen Industriezweigen entsteht, verstärkt und verschärft den chaotischen Charakter, der der ganzen kapitalistischen Produktion in ihrer Gesamtheit eigen ist. ›Je entwickelter eine Volkswirtschaft ist‹, schreibt Liefmann, ein vorbehaltloser Verteidiger des Kapitalismus, ›um so mehr wendet sie sich riskanteren oder ausländischen Unternehmungen zu, solchen, die einer sehr langen Zeit zu ihrer Entwicklung bedürfen, oder endlich solchen, die von nur lokaler Bedeutung sind.‹ Das gesteigerte Risiko hängt in letzter Instanz mit der ungeheuren Zunahme des Kapitals zusammen, das sozusagen überschäumt, ins Ausland strömt usw. Und zugleich bringt das beschleunigte Tempo der technischen Entwicklung immer mehr Elemente des Mißverhältnisses zwischen den verschiedenen Teilen der Volkswirtschaft, immer mehr Chaos und Krisen mit sich. Dieser selbe Liefmann ist gezwungen einzugestehen: ›Wahrscheinlich stehen der Menschheit in nicht zu ferner Zeit wieder einmal große Umwälzungen auf technischem Gebiete bevor, die ihre Wirkungen auch auf die volkswirtschaftliche Organisation äußern werden … In solchen Zeiten grundlegender wirtschaftlicher Ver­änderungen pflegt sich auch in der Regel eine starke Spekulation zu entwickeln.‹ Die Krisen – jeder Art, am häufigsten ökonomische Krisen, aber nicht nur diese allein – verstärken aber ihrerseits in ungeheurem Maße die Tendenz zur Kon­zen­tration und zum Monopol.“ (Lenin, 1917, S. 209 ff.)

Lenin entwickelte die Theorie vom „Stamokap“ (Staatsmonopolistischer Kapitalismus) während des Ersten Weltkriegs im Zürcher Exil. Die Aufteilung der Absatzgebiete mündete in seinen Augen direkt in imperialistischen Ambitionen: Territorien zu erobern und der Warendistribution einzuverleiben. Die territoriale Orientierung der Monopolisten entsprach einem „analogen“ Modus des Wirt­schaftens: Eisenbahn und Schiffahrt dienten als Distributionsmittel. Die Kolonialisierung war eine un­mittelbare Folge des kapita­li­stischen Expansionsstrebens. Dazu brauchten die Monopole die Mit­wirkung der Staaten. Das Militär wurde vom Steuerzahler finanziert, die Ausbeutung der unter­worfenen Länder privatisiert. Die analoge Ausweitung der Absatzgebiete kam an ihre Grenzen, als die Kolonien auf der gesamten Welt aufgeteilt waren. Galt bis dahin, daß die westlichen Binnen­märkte als Konsumtreiber möglichst intakt und liquide bleiben sollten, richtete sich die Konkurrenz der Monopole untereinander nun auf die westlichen Länder selbst – das Resultat war der Erste Weltkrieg, der aus ökonomischer Sicht den Versuch einer Neugliederung der bereits aufgeteilten Kolonial­gebiete darstellte.

In der dekolonialisierten, digitalen Welt spielt die physische Eroberung von Territorien keine wesent­liche Rolle – es reicht, wenn die technische Infrastruktur (Elektrifizierung, Internet, virtuelle Finanztransaktionen) global zugänglich ist. Wo der Westen noch einmal versucht hat, auf dem Kriegs­weg seine Einflußsphäre zu erweitern (Kuba, Vietnam, Chile, Irak, Afghanistan) ist er kläglich gescheitert. Die Erfindung des Internets hat diese Niederlagen vergessen gemacht. Das Internet wurde ursprünglich für militärische Zwecke entwickelt. Es sollte die Kräfte des Westens gegenüber dem flächenmäßig zeitweise überlegenen Sowjetsystem (Rußland, China, Osteuropa) bündeln. Indem es etwa ab dem Jahr 2000 massentauglich wurde, mutierte es zur gigantischen, globalen Distri­butionsform, um Größenordnungen mächtiger als das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überwundene, bis heute nicht aufgearbeitete und im Westen begriffene Kolonial­system. In der ersten Phase seiner ökonomischen Entfaltung offerierte das Internet die Bühne für eine neue Spielart der freien Marktwirtschaft. Amazons „Marketplace“ scheint den Prototyp dieser Plattform für die Neue Ökonomie (New Economy) darzustellen – doch der Eindruck täuscht: Der sogenannte „Marketplace“ gehört bereits zur zweiten Phase der monopolistischen Durchdringung des freien Internetmarktes. Amazon bietet keine neutrale Verkaufsfläche an, vielmehr agiert Amazon selbst als größter Verkäufer und nutzt seine Sonderstellung als Betreiber der Plattform, um den Markt zu beobachten, erfolgreiche Produkte zu kapern und ins eigene Portfolio aufzunehmen – dies ist die konkurrenzvernichtende, erstickende Seite des monopolistischen Wirtschaftens. Wenn die Kartell­be­hörde die Entwicklung nicht gänzlich verschlafen hätte, hätte sie die Doppelrolle Ama­zons als Pattformbetreiber und Verkäufer frühzeitig unterbinden und zerschlagen müssen, um der schädlichen Monopolwirkung vorzubeugen.                     

These 7: Wir befinden uns gegenwärtig in der dritten Phase der Monopolbildung der Internetwirtschaft: die ein­stigen Startups, die sich in den letzten 20 Jahren zu globalen Monopolisten ge­mau­sert haben, sind nun dabei, sich mit staatlichen Strukturen zu verflechten, um ihre digitalen Ein­flußmöglichkeiten (Absatzmärkte) zu er­weitern. Sie nutzen die Deklaration einer Pandemie aus, um hoheitliche Akte wie die Ausstellung eines (Impf-) Passes mit Hilfe privatwirtschaftlicher Tech­no­logie zu digitalisieren. Die angepeilte Durchimpfung der ge­sam­ten Weltbevölkerung dient als Vehikel, um das eigentliche Ziel zu erreichen: die bisher qua Geburt ver­briefte, ana­loge bürgerliche Existenz (Reise-, Berufs-, Versammlungs-, Meinungsfreiheit usw.) in Ab­hän­gig­keit von digi­talen Werkzeugen zu bringen.   

„Google Adwords“ und „cookies“ wirken angesichts dieser Aktion wie Dinosaurier des Internet­mar­ketings. Wenn es den Tech-Giganten mit Hilfe der staatlichen Organe gelingt, jede physische Person mit einer digi­talen Identität zu verlinken, die den Zugang zu den bis zu Beginn des Jahres 2020 als „Grund­rechte“ bezeichneten bürgerlichen Freiheiten reguliert, entsteht die Möglichkeit einer technokratischen totalitären Herrschaft. Sie kann einerseits von den Techfirmen genutzt werden, um ihre Produkte noch weiter zu „personalisieren“, auf den Einzelnen zuzuschneiden und pass­genauer an die Person zu bringen. Andererseits erhält der Staat dank automatisierter Informa­tions­tech­nologie die Möglichkeit, sowohl die körperliche als auch die geistige Beweg­lichkeit jedes Bür­gers effi­zient zu kontrollieren. Wessen Profil den digital gesteuerten staatlichen Vorgaben nicht entspricht, der erhält keinen Zugang mehr zu bisher selbstverständlichen sozialen Räumen (Gastro­no­mie, Hotellerie, Schule, Theater, Kino, Kultur etc.). Wird außer den Personaldokumenten auch das Bargeld zugunsten einer staatlichen digitalen Währung („digitaler Euro“) abgelöst, ist die digitale Abhängigkeit und Kontrollierbarkeit des gläsernen Bürgers perfekt. 

Dafür ist es nicht nur gleichgültig, sondern geradezu hilfreich, daß die in den Vordergrund gerückte Impfkampagne holprig verläuft. Daß sich die überstürzt auf den Markt gekippten Impf­stoffe in der praktischen Anwendung als unwirksam („Mutanten“) oder unsicher („Hirn­venen­thrombosen“) erweisen, macht die Fortführung und Verstetigung des Impfens erforderlich – damit erhält der Staat die notwendige Zeit, um von den bisherigen analogen Personaldokumenten auf Papier („Impf­aus­weis“) oder Plastik („Personalausweis“) auf digitale Dokumente umzurüsten. Ge­schenkt, daß es in der Anfangsphase zahlreiche Betrüger geben wird, die sich einen gefälschten pa­piernen Impf­ausweis beschaffen, den sie in den digitalen Impfausweis 1.0 übertragen lassen werden – Haupt­sache, sie sind erfaßt. Die kontinuierliche Auffrischung der Impfung im Halbjahres- oder Jahres­rhythmus wird dafür sorgen, daß die Datenqualität der neuen digitalen Identitäts­zertifikate mit der Zeit besser und genauer wird. Digitaler Impfausweis 2.0 etc. Die Falle schnappt zu.   

Zu Beginn des Jahres 2020 verkündeten die Experten, Masken würden nicht vor Viren schützen – es kam die Maskenpflicht; verkündeten die Politiker, es werde keinen Impfzwang geben – es kam die Aufhebung der bürgerlichen Grundrechte und die Bedingung, geimpft zu sein, um sie wieder­zuerlangen. Internetindustrie und Gesundheitslobby gehen Bündnisse ein, um die Trans­for­mation des Westens in digitale Gesellschaften voranzutreiben. Die Initiative anmaßender Weniger, ge­stützt auf Impfung und digitale Technologie die Menschheit zu retten, bedient sich massen­psycho­logischer Manipulationsmethoden und subtiler Propaganda im Stile Edward Berneys. Im Ergebnis steht nicht die Wiedererlangung der bürgerlichen Freiheiten, sondern eine neototalitäre Wen­de: Sämtliche Bereiche des persönlichen, sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens werden reduziert und auf die digitale Spur gebracht.

Erstaunlich, wie wenig Widerspruch gegen diesen Kurs ertönt. Die parlamentarische Opposition (mit Ausnahme von Rechtsaußen) hat ihre Oppositionsrolle im Zuge der „Pandemiebekämpfung“ aufgegeben und überbietet die amtierende Regierung durch die „Kritik“, daß Impfung und Digitalisierung nicht schnell genug in die Wege geleitet werden oder mangelhaft organisiert seien. Es hat sich eine „kapitalistische Einheitsfront“ herausgebildet, wie ein Satiriker in Anspielung auf die „sozialistische Einheitsfront“ bei Wahlen in der DDR feststellte. Dramatisch daran ist, daß Rechts­außen auf diese Weise ein Monopol auf Opposition wahrnehmen kann, wenn Linke, Grüne und (zumeist) auch Liberale lediglich versuchen, die Regierung vor­weg­eilend zu überbieten, ohne Fundamentalopposition zu äußern.

Die Gesellschaft befindet sich im Doppelblind-Versuch: Die ökonomisch Mächtigen glauben an die Technokratisierung der Welt, die politisch Mächtigen an die Pflicht zur Volksfürsorge – die Be­völ­kerung fürchtet das Virus und blendet die Folgen der rabiaten und zer­störerischen Form der „Pandemiebekämpfung“ mittels Lockdown aus, es sei denn, man selbst gehört zu den Betroffenen und Verlierern, deren Existenz gefährdet ist. Gleichermaßen blenden Politiker die Interes­sen der profitierenden Konzerne aus, die sie als Teil ihres technokratischen Erlösungs­narrativs betrachten: Testen, Isolieren, Impfen. Tatsächlich wirksame medizinische Maßnahmen, die Exzesse der Krankheit mildern würden, werden zielgerichtet unterlassen, etwa Maß­nahmen zur Stärkung des Immunsystems, psychischen Stabilisierung der Älteren usw., da sie patentfrei, kostengünstig und natürlich sind. Aus dem Zusammentreffen der mit doppelter Blindheit geschlagenen Akteu­re keimt die technologisch gestützte Autokratie (tracking, tracing, genetic modu­lating).  

Es ist die bewährte staatsmonopolistische Schockstrategie, zu der westliche Regierungen auch in der Corona-Krise greifen. Schockstrategien sind im Westen erprobt (Naomi Klein, 2007). Die Medien, ob öffentlich oder privat, rea­gie­ren reflexartig und ziehen freudig mit in die Kampagne – sie sind auf Sensationsreize konditioniert. Während Korea, Vietnam, Irak und Afghanistan weit weg erschienen, ist diesmal jedoch die Bevölkerung des Westens direkt betroffen.

Internetkonzerne treiben die gewählten Regierungen vor sich her. Sie brauchen die Ge­sundheitspanik, um unter den Rahmenbedingungen liberaler Verfassungen den Ausnahme­zu­stand auszurufen und im Sinne der Konzerninteressen durchzuregieren – was nach staatlichen Ein­griffen und Maßnahmen aussieht, ist tatsächlich nur die Begleitmusik für die wenigen Solisten, die auf dem monopolisierten Terrain, das von der Marktwirtschaft übrig blieb, für die passende Stim­mung sorgen, damit die von Herdenimmunität träumende Masse schweigend und einvernehmlich auf die über Jahrhunderte erstrittenen Grundrechte pfeift – Rebellion, Kampf um die Freiheit wird durch Schockstarre, Panik und stündlich propagierte Todesangst paralysiert – die Be­völkerung ist gefügig geworden.

These 8: Die extreme Minderheit der neuen Superreichen hat die Netzwerke der von ihr abhängigen Erfül­lungsgehilfen (Zulieferer, Distribution, die technische Intelligenz, Lobbyisten) global auf­ge­spannt, so daß west­liche Regierungen in ihre Abhängigkeit geraten sind und Politik nicht ent­sprechend des „Wählerauftrags“ (der eine Illusion ist) gestalten können, sondern ihre Maßnahmen in Rücksicht auf die Kartelle ausrichten müssen. Weder Lockdown noch weltweite Impfkampagnen sind ohne Tech- und Pharmaindustrie durchführbar. Um­­gekehrt braucht die mono­polisierte Internetwirtschaft den Staat, um ihre Kampagnen in der Fläche aus­zu­weiten. 

Während des Ersten Weltkriegs entwickelte Sigmund Freuds Neffe Edward Bernays einen Acht-Punkte-Plan zur psychologischen Kriegsführung, den er später für Werbekampagnen etwa im Inte­resse der Tabakindustrie zivil weiter vermarktete (Ziele definieren, Recherchieren, Ziele anpassen, Strategie festlegen,  Symbole und Anreize schaffen, Organisationen gründen, Zeit­plan festlegen, Durchführung). Er kann als Blaupause für heutige PR-Kampagnen herhalten. Unverblümt plädierte Bernays für die massenpsychologische Manipulation als politisches Mittel in Demokratien:

„Die bewußte und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element der demokratischen Gesellschaft. Diejenigen, die diesen unsichtbaren Mechanismus der Gesell­schaft manipulieren, bilden eine unsichtbare Regierung, die die wahre herrschende Macht unseres Landes ist. Wir werden regiert, unser Geist wird geformt, unser Geschmack geformt, unsere Ideen vorgeschlagen, größtenteils von Menschen, von denen wir noch nie gehört haben. Dies ist ein logisches Ergebnis der Art und Weise, wie unsere demo­kratische Gesellschaft organisiert ist. Sehr viele Menschen müssen auf diese Weise zusammenarbeiten, um als reibungslos funktionierende Gesellschaft zusammenleben zu können. Unsere unsichtbaren Gouverneure sind sich in vielen Fällen der Identität ihrer Kollegen im Innenkabinett nicht bewußt. Sie regieren uns durch ihre natür­lichen Führungsqualitäten, ihre Fähigkeit, die benötigten Ideen zu liefern, und durch ihre Schlüsselposition in der sozialen Struktur. Unabhängig von der Haltung, die man gegenüber diesem Zustand einnimmt, bleibt es eine Tat­sache, daß wir in fast jedem Akt unseres täglichen Lebens, sei es im Bereich der Politik oder der Wirtschaft, in un­serem sozialen Verhalten oder in unserem ethischen Denken, von der relativ kleinen Zahl dominiert werden von Personen, die die mentalen Prozesse und sozialen Muster der Massen verstehen. Sie ziehen an den Drähten, die das öffentliche Bewußtsein kontrollieren, nutzen alte soziale Kräfte und erfinden neue Wege, um die Welt zu binden und zu führen.“ (Bernays, 1928)

Daß manipulative Ambitionen in der Corona-Politik eine Rolle spielten, zeigt das berüchtigte, ge­heime Strategiepapier des deutschen Innenministeriums vom März 2020 – Hauptsache, so schien es See­hofers Maxime zu sein, es kehre wieder Autoritarismus in die freiflottierend liberale deutsche Gesellschaft zurück. Und bitte nicht kleckern, sondern klotzen: schwarze Pädagogik, Kinder er­schrecken, indem man ihnen einredet, daß sie am Tod ihrer Großeltern Schuld seien, wurde als Mittel der Wahl gepriesen. Offiziell hat sich die Regierung nie zu dieser Schock­strategie bekannt. Merkel vollstreckte nahezu kommentarlos eine Politik, in der Kinder sozial isoliert, von Bildung fern­gehalten und in psychische Zwangssituationen getrieben werden, wenn sie nicht der körper­lichen Gewalt in der Familie ausgesetzt sind. Linke Politiker – mit Ausnahme von Sahra Wagen­knecht – sind auf diese vermeintlich sachorientierte Politik hereingefallen. Haben früher einmal anti­­kapitalistisch denkende JUSOs wie Olaf Scholz oder ein Ministerpräsident wie Bodo Ramelow ihren Lenin nicht gelesen oder ist der Stamokap-Flügel insgeheim weiterhin von autoritären Träu­men beseelt?

Hommage für einen Freund durch dessen Augen

Von | 2. Mai 2021

f.P.B.

„Gehe weiter. Der Mond wartet.“

„Der Blick in die Mitte ist frei.“

„Mit jedem Schlag kommst du ihm näher.“

„Jahre später fahren wir wieder aufs Meer, irgendwohin, ohne Ziel, begegnen dem Stab, eingewoben in Eis, in Stürmen, beladen mit Muscheln, mit Nacht, zeigend zu einem Pol irgendwo im Schaum.“

„Diese Linien der See, gezeichnet aus Seegras am Strand, eine hinter der anderen, und immer ist noch Platz für eine weitere Linie, davor, dahinter, dazwischen, und dann die Dünen, diese Linien aus Sand, und wieder dahinter liegt der Weg zu unserem Haus.“

*

„Nur der Schnee zeichnete den Kreis wieder, wie jeden Winter, und dieser Kreis war mehr als alle Perlen.“

Was in diesen Augen

Von | 1. Mai 2021

Literatur sei?

Eine Bewegung des Körpers, die im Kopf ankommt: Haifischflosse der Hand über dem liegenden Bauchmuskel, Drehung des Arms bis ins Schultergelenk hinein, das Zurückschieben des Wassers in der Höhe bei der Vorwärtsbewegung in Gedanken, auch der Impuls endlich aufzustehen und Finger am Handgelenk über das Papier gleiten zu lassen

Der Entschluss nun aufzuhören, aber den angefangenen Satz noch zu Ende zu denken: das Lied von 1977 / 1989 nochmals auf Vinyl gepresst / vor einer Stunde wiedererkannt, Klumpen im Netz – Bilder, Gefühle / Klavier im Fluss, ein Klavier in einem leeren Zimmer, Kurzschlüsse & Verbindungen

Wünsche. Die Erfüllung von Wünschen. Die Erfüllung nicht erfüllter Wünsche. Zum Beispiel: Sex, Rotwein, Lesen. Die Nichterfüllung unerfüllbarer Wünsche. Die Nichterfüllung, von was auch immer. Das Gequatsche darüber. Das Worüber und Worum. Ohne Gründe. Das Warum der Grundlosigkeit. Abgründe. Das Ende, Anfang und Haifischflosse. In Freundlichkeit gedenken

Autos und Menschen

Von | 19. April 2021

Wie langwierig : wie vielschichtig

Sie herzustellen : welche Mühe

Wie schön anzusehen : wie flink

Sind sie im besten Alter

Wie gebrechlich : bedauernswert

Liegen sie im Graben : einen halben

Meter neben dem Weg

Enden sie : keine Hoffnung

Auf Heilung oder Reparatur

Wolken im Gefühl / Evolution und Orgasmus

Von | 11. April 2021

Wolken im Gefühl von Sein und Nichts
Sind wir nur Ornament des Himmels

Nichts, was uns gleichkäme
Nirgendwo Geschwister

Pflanzen gibt es, denen wir entsprossen
Verflossen liegen wir herum –
Müll der Evolution

Zwischen Tier und Pflanze
Suchen wir im Gefühl den Punkt –
Geometrischer Ort und Orgasmus ihrer Tätigkeiten –
Dazwischen, der es hinaus
Führte nach jenseits

*

Wo der Pfeffer wächst und das Dreieck lebt
Wo Fraktale brechen und heilen
Wo das Feuer neu

**

Warum gibt es nicht mehr negative
Zahlen als Zahlen überhaupt, wo doch
Die positiven fehlen

Nicht mehr Brüche als eins-zwei-drei, tatü-

Ende der Zahlenspiele! 4.4 Die Eroberung neuer Absatzmärkte

Von | 11. April 2021

„Seit den Drei Dynastien gibt es niemanden unterm Him­mel, der sich nicht irgendwelcher Dinge zuliebe von seiner Natur entfernt. Der klei­ne Mann opfert sich auf, um Vorteile zu erlangen; der Gelehrte und Krieger opfert sich auf dem Ruhm zuliebe; der hohe Beamte opfert sich auf für die Familie; der Weise opfert sich auf für die Welt. All diese Leute widmen sich ihrer Sache auf unterschied­liche Weise, erlangen in verschiedenem Ausmaß Ruhm und Ruf, aber daß sie ihre Natur mißachten und sich aufopfern, darin sind sie eins.“ (Zhuangzi, 8.3)

Die „Gesundheitspolitik“ des Westens setzt nahezu ausschließlich auf die Erlösung von der Pan­de­mie durch die noch unerprobte Impfung. Alle anderen Empfehlungen, die jahrzehntelang im Vor­der­grund der Gesundheitsprävention gestanden haben (Bewegung, Vitamine, Frischluft, sinn­erfüllte Tätigkeit, soziale Kontakte) geraten in den Hintergrund, werden nicht mehr propagiert oder sogar be­kämpft: #stayathome stilisiert den Stubenhocker zum Helden – gesund ist das nicht. Nahezu alles, was das Immunsystem stärkt, wird auf dem Verordnungswege verboten. Zeitgleich fürch­ten zahlreiche Menschen den Arztbesuch und schieben lebenswichtige Unter­suchungen und Vor­sorgebehandlungen auf, etwa gegen Krebs. In den Krankenhäusern wurden Not-Inten­siv­kapa­zi­tä­ten für Wellen von Coronapatienten geschaffen, die nicht zu  verzeichnen waren, aber die medizinische Regelversorgung blockierten. Die Gesamtbelegung der ITS blieb konstant, und dies hat aller Wahrscheinlichkeit nach ökonomische Gründe: Eine Unterbelegung von ITS-Kapa­zitäten ist für profit­orientierte Unternehmen, wie es Krankenhäuser im Westen gegenwärtig darstellen, schlicht unrentabel. Seit Juli 2020 werden ITS-Plätze kontinuierlich abgebaut, während die Bevöl­kerung an­geb­lich zur Verhinderung einer Triage fortlaufend in einen Lockdown geschickt wird. Teile der Ärzteschaft werden nicht müde, die Politik wegen einer vorgeblichen Überlastung zu alarmieren.

Volkswirtschaftliche Einbußen und eine Staatsverschuldung in Billionenhöhe wird  von der Politik bil­ligend in Kauf genommen. Inwieweit hierzulande der Mittelstand als Rückgrat der sozialen Marktwirtschaft überleben wird, ist unklar. Seine Lobbyisten werden nicht gehört oder kommen nicht zu Wort. Die Gewinnchancen ver­lagern sich zu ameri­kanischen Tech-Konzernen, zur Pharmaindustrie und nicht zuletzt zu den chinesischen Fabrikanten von Masken und Testkits. China war 2020 das einzige größere Land, das ein ökonomisches Wachstum verzeichnen konnte. Die Um­sätze und die Gewinne von Amazon, Google, Paypal und Facebook vervielfachten sich, gewisser­maßen als Nebenwirkung des Lockdown. Pharmakonzerne und Biotech-Unter­neh­men sind die Nutz­­nießer milliardenschwerer staatlicher Investitionen: also von Steuergeldern. Dienen sie tat­säch­lich dazu, die Allgemeinbevölkerung vorm sicheren Tod durch das „Killervirus“ zu retten?

These 6: Teile der Pharmaindustrie haben bereits seit längerem auf eine Gelegenheit gewartet, auf Gentechnik basierende Impfstoffe massenhaft zu erproben und anzuwenden. Die Corona-Krise wurde als Chance ergriffen, diese Unternehmungen mit staatlicher Unterstützung voranzutreiben.

Absatzmärkte zu erweitern, gehört zu den Kernmotiven des westlichen Kapitalismus und kenn­zeichnet seinen aggressiven, im Grunde pathologischen Charakter: Kolonialisierung, For­dis­mus, Weltkriege, soziale Marktwirtschaft, Lohnanpassungen, Wiedervereinigung, Währungs­re­formen, Internetmarketing – ökono­mischer Fortschritt kommt in diesem System nur zu­stande, wenn sich  Absatzmärkte gewinnen lassen. Als pathologisch ist diese Wirtschaftsform zu diagnostizieren, weil das Streben nach Umsatzsteigerung keine Rücksicht auf Verluste nimmt. Es hat sich verselbständigt, die Wirtschaft ist nicht Diener menschlicher Be­dürfnisse, sondern erzeugt erst die Bedürfnisse, denen sie anschließend vorgibt zu dienen – dies war etwa beim Aufstieg der Autoindustrie so und verhält sich gegenwärtig in der Pharmabranche nicht anders. Indem „Gesundheit“ ein Wirtschafts­gut darstellt, das mit Festpreisbindung dank Pauschalabrechnung durch die Kassen finan­ziert wird, lohnen sich bestimmte medizinische Produkte, z.B. Hüftprothesen, mehr als andere. Am meisten aber – beinahe banal, es zu sagen – lohnt sich die Heilung einer Krankheit, von der praktisch alle Menschen betroffen sind oder sein könnten: für die Pharmaindustrie am lukrativsten ist eine Pan­demie. Sie schafft auf einen Schlag einen schier exponentiell wachsenden Absatzmarkt mit astro­nomischen Profit­möglich­keiten.

Coronaviren sind seit Menschengedenken an Erkältungskrankheiten beteiligt. Sie galten bisher – im Unterschied zu Influenzaviren, an denen auch jüngere Menschen schwer erkranken und sterben können – als harmlos. Damit ein Coronavirus den Anlaß liefern konnte, die Ausrufung einer Pandemie und den Einsatz neuartiger, auf Gentechnik basierender Impfstoffe zu rechtfertigen, mußte eine Reihe von Regel- und Definitionsänderungen vorgenommen werden, die ich hier chronologisch ohne Anspruch auf Vollständigkeit aufliste:

1993

Einfrieren der Mitgliedsbeiträge der teilnehmenden Staaten an die WHO:  Ursprünglich wurden die Mit­gliedsbeiträge zur WHO nach Bevölkerungsgröße und Wohlstand­niveau berechnet – 1993 wur­den die Beiträge der Länder jedoch eingefroren. Ihr Anteil ist seitdem stetig gesunken: Gegenwärtig erhält der WHO-Haushalt etwa 20% seiner Einnahmen aus den Pflichtbeiträgen der Länder, dagegen ca. 80% aus freiwilligen Spenden, u.a. von der Impfallianz, der Weltbank, dem Rotarier-Club, dem Wellcome Trust und der Gates-Stiftung. Die Spenden sind in der Regel zweckgebunden, d.h. sie kom­men nicht mehr dem chartagemäßen Ziel der WHO zugute, die Gesundheitssysteme der Länder aufzubauen, sondern fließen in spezielle Projekte und Kampagnen, z.B. zur Immunisierung, die schnelle und meßbare Erfolge anstreben. „Die WHO ist durchsetzt von Business-Interessen, das muss ständig und ganz systematisch kontrolliert werden. Der Gesundheitsbereich ist wahrscheinlich wirtschaftsstärkste in der Welt. Es werden sechs bis sieben Billionen Dollar weltweit für Gesundheit aufgewandt pro Jahr. Da sind viele Interessen im Spiel“, konstatierte Thomas Gebauer von medico international in einem Interview mit Nana Brink 2015. (Quellen: Aufruf von Margaret Chan, WHO-Generaldirektorin zur Diversifizierung von Finanzquellen in der Gesundheitsversorgung von 2010; Thomas Gebauer, DLF Kultur vom 18.05.2015; Natalia Frumkina, Tagesschau vom 23.4.2020)

 

1999

Verabschiedung des ersten Pandemieplans der WHO: Um den Ländern Orientierung und Hilfestellung bei der Be­kämpfung der Vogelgrippe (H5N1, Hongkong 1997) zu geben, wurde der erste Pandemie­plan als informelles Papier der WHO für den Umgang mit Pandemien überhaupt verabschiedet. Ge­fordert wurde in Phase 0 ausgehend von der klinischen Erscheinung die Isolation und Iden­tifikation des spezifischen Virus-Subtyps im Labor, wofür unabhängig in vier Collaborating Centers (Atlanta, London, Melbourne und Tokio) vorgesehen waren. Erst danach konnte unter Umständen die Pan­demie ausgerufen werden: „Phase 1: Confirmation of onset of pan­­demic – The Pandemic will be declared when the new virus sub-type has been shown to cause several outbreaks in at least one country, and to have spread to other coun­tries, with consistent disease patterns indicating that serious morbidity and mor­tality is likely in at least one segment of the population.“ Klar zur erkennen ist, daß die Schwere der klinischen Symptomatik, erkennbar an Morbidität und Mortalität in mindestens einer Bevölkerungsgruppe, zu den Kriterien gehörte, um eine Pandemie ausrufen zu können.  (Quelle: WHO/CDC/CSR/EDC/99.1 influenza Pandemic Plan)

 

2005

o        Resolution WHA 58.33 zur „Nachhaltigen Finanzierung der Gesundheitsversorgung“: In dieser Resolution stellte die WHO fest, daß inzwischen eine große Anzahl von Ländern beträchtliche Mittel von ex­ternen Geldgebern erhalten – die staatlichen Akteure wurden afgefordert, private-public-Part­nerschaften einzugehen, um die Gesund­heits­versorgung auch im Katastrophenfall abzusichern (Quelle: WHA 58.33 resolution)

o        Änderung der International Health Regulations (IHR) der WHO: Ebenfalls auf der 58. Vollversammlung der WHO wurden die international gültigen Regularien für den Umgang mit ansteckenden Krank­­heiten geändert. Waren Restriktionen in Handel, Verkehr und Freiheitsrechten, ins­be­sondere von Reisenden, bis dahin auf eine konkrete Liste ansteckender Krankheiten be­schränkt, so wurde dieses Beschränkung aufgehoben und auf „Krankheiten oder Krank­heits­zu­stände unabhängig von ihrem Ursprung“ ausgeweitet, „wenn sie potentiell für Menschen gefährlich sein können“. Damit sollen die Regularien „Gültigkeit und Anwendbarkeit für viele Jahre“ er­halten, insbesondere angesichts des Entstehens künftiger, noch unbekannter Krank­heiten und der Faktoren ihrer Verbreitung“. Reisebeschränkungen beispielsweise sollen aufgehoben wer­den, wenn von dem betreffenden Reisenden keine Gefahr für die öffentliche Gesund­heit ausgehe: „A suspect traveller who on arrival is placed under public health obser­vation may continue an international voyage, if the traveller does not pose an imminent public health risk.“ Invasive medizinische Untersuchungen, Impfungen oder andere Vor­sorge­maßnahmen dürfen bei der Einreise nur gefordert werden, wenn ein Risiko für die öffentliche Gesundheit bestehe – all dies sind äußerst zweischneidige und in jede Richtung interpretierbare Regelungen, die in der Corona-Krise weltweit nicht zum Schutz der Freiheitsrechte, sondern zur „Pan­demie­be­kämp­fung“ angewandt wurden (Quelle: International Health Regulations 2005, 3rd ed.)

o        erste Änderung des Pandemieplans der WHO: In der ersten Revision des Pandemieplans wurde an­gesichts von SARS (2003) der Fokus vermehrt auf die frühen Phasen gelegt, um die Schnelligkeit der Vorbereitung auf den Ausbruch einer Pan­de­mie zu er­höhen. Vermehrt wurde Wert auf die Beobachtung der Übertragung von In­fluenza­viren aus der Tierhaltung auf den Menschen gelegt (Phasen 1 und 2). Ab Phase 3 spielte die Beurteilung folgender Kriterien des „Pandemierisikos“ eine Rolle: Über­tragungs­geschwindigkeit, geographische Ausbreitung, Schwere der Erkrankung, genetische Identifikation der Viren im Menschen – bizarr ist, daß diese Kriterien nur noch als mögliche Optionen wortgleich wiederholt in verschiedenen Fußnoten, nicht aber im Haupttext des Papiers erwähnt werden. (Quelle: WHO Global influenza preparedness plan, 2005, page 2, 6, 7 und 9).

 

2009

zweite Änderung des Pandemieplans der WHO: In der zweiten Revision des Pandemieplans wurde der Fokus auf die Beteiligung der Gesamtgesellschaft an der Pandemiebekämpfung gelegt. Es wurde nicht nur eine Arbeitsteilung zwischen WHO und den nationalen Regierungen empfohlen, wie in den beiden früheren Plänen, sondern die gesamte Zivilgesellschaft einschließlich NGOs, Familien und Individuen ein­bezogen. Die Koordination wurde den International Health Regulations (IHR) von 2005 unterstellt, die für 194 Länder rechtsverbindliche Regularien zur Vorbeugung, Kontrolle und Reak­tion auf Gesundheitsrisiken verabschiedet hatten, einschließlich einer Informationspflicht innerhalb von 24 Stunden nach Auftreten eines neuen Influenzatyps sowie aller anderen Ereignisse, die für die öffentliche Gesundheit ein Risiko darstellen, gegenüber der WHO. Kriterium 1 forderte, daß die Be­ein­trächtigung der öffentlichen Gesundheit durch den Erreger ernsthaft sein müsse (page 21). Die Schwere der Beenträchtigung der öffentlichen Gesundheit soll anhand einer dreistufigen Skale (mild – mittel – schwer) durch die Erhebung sozio­öko­nomischer Effekte, die von Land zu Land stark variieren können, bestimmt werden (page 22). Als potentielle Kriterien zur Beurteilung der Schwere wurden benannt: Fall­sterblichkeit, ungewöhnliche schwere Erkrankungen, unerwartete Muster von Sterb­lichkeit, ungewöhnliche Komplikationen (page 23). Zuvor bereits  sei es er­for­der­lich, mit der Ausrufung einer Pandemie unmittelbar auch die Impf­stoff­entwicklung in Auftrag zu geben und alle erforderlichen Stakeholder ein­zubeziehen (page 20/21). Die Impfstoffentwicklung solle also vor der Risiko­be­ur­tei­lung beginnen. Von den 139 Autoren des Papiers gaben sieben In­teressen­konflikte an, davon sechsmal mit der Pharmaindustrue (Roche, Sanofi, Novartis). Darunter befand sich auch Neil Fergusson. (Quelle: Pandemic Influenza Preparedness and Response, WHO, 2009, reprint 2010, NLM: WC 515). Bereits im April 2009 entschuldigte sich Margaret Chan, die damalige WHO-Generaldirektorin, daß Interessenkonflikte der Verfasser des Pandemieplans von 2005 nicht erwähnt wurden und bei der Ausrufung der Schweinegrippen-Pandemie doch nur eine geringe Gefährlichkeit vorgelegen habe – man werde die 2. Revision des Pandemieplans noch im Mai 2009 überarbeiten – welche Änderungen in den Nachdruck von 2010 eingeflossen sind, ist leider nicht ersichtlich.

2014

Gründung der GHSA (Global Health Security Agenda) als private-public-Part­nership-Pro­gramm: Den Anlaß für diese Initiative bildeten das Auftreten von SARS (2002), H1N1 (2009), MERS (2012), H7N9 (2013) und Ebola (2014). Die Agenda vereint mittlerweile 69 Staaten, Organisationen und private Unternehmen mit dem Ziel, die moderne vernetzte Welt vor Infektionskrankheiten zu schützen – letztlich geht es darum, die Interessen von Stakeholdern prioritär in bei der nationalen und regionalen Gesund­heitsfürsorge zu berücksichtigen, Ministerien und Verwaltung auf die Beteilung der privaten Akteure einzuschwören, dabei international zusammen­zu­ar­beiten, Best-Practice-Mo­delle zur Kommunikation und Durchsetzung der privat­wirtschaftlichen Aktivitäten zur Steigerung der „Gesundheitssicherheit“ (health security) zu vermitteln, zeitlich befristete Kam­pagnen zu lan­cieren sowie last not least Impfstoffe zu entwickeln und für ihre größtmögliche Verbreitung zu sorgen. In der Corona-Krise sieht die GHSA ihre Aufgabe vor allem darin, für die Durchsetzung der Inter­national Health Regulations (IHR) der WHO zu sorgen (Hugo de Jonge, May 2020) – damit erlan­gen Vorgaben der WHO Gesetzes­kraft in den teilnehmenden Staaten. (Quelle: www.ghsagenda.org)

Juli 2020

Aussetzung der Umweltverträglichkeitsprüfung für Corona-Impfstoffe, die gen­technisch veränderte Organis­men (GVO) enthalten durch die EU: Die Kommission hat vorgeschlagen, zur Beschleunigung der Impfstoffentwicklung die aufwendige Prü­fung der Umweltverträglichkeit auszusetzen. Die Aus­nahmeregelung soll gelten, solange Covid als Pandemie eingestuft ist. Die Sicherheit der Impfstoffe sei davon nicht berührt. Vielmehr solle die Konkurrenzfähigkeit zu den USA hergestellt wer­den, wo es keine Regelungen zur Prüfung der Umweltverträglichkeit gebe. Das EU-Parlament hat den Vor­schlag mit 505 Stimmen bei 67 Gegenstimmen und 109 Enthaltungen angenommen. (Quelle: Pressemitteilung Europäisches Parlament vom 10.7.2020) Tatsächlich beruhen die ersten in der EU per Notverordnung zu­ge­lassenen Impfstoffe auf Gentechnik: BionTech/Pfizer und Moderna nutzen die gentechnisch veränderte mRNA des Corona-Spikeproteins, AstraZeneca die DNA – es handelt sich um die weltweit ersten mRNA-Impfstoffe, die zum Einsatz kommen. Auf Gen­technik basierende Produktionsprozesse sind dagegen bereits bei 297 zugelassenen Medikamenten etabliert. Der mit ihnen erzielte Umsatz betrug 2018 bereits 11.4 Milliarden Euro – ein neuer Markt wird erobert. (Quelle: www.transgen.de) Nota bene: Verwunderlich ist, daß die GRÜNEN die Anwendung von Gentechnik in der Humanmedizin mittragen – wenn es um die Landwirtschaft geht, z.B. den Maisanbau, geht, sind sie jedoch strikt dagegen. Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier erhielten für die Entdeckung des Crisperns 2020 den Chemie-Nobelpreis. Die GRÜNEN monieren gegen Firmen, die in die Forschung der neuen Gentechnik investieren:Obwohl der Eindruck altruistisch handelnder Unternehmen erweckt werden soll, verfolgen diese stets ihre eigenen Ge­schäftsinteressen und rücken dafür eine einzige Technologie in den Fokus. Das ist legitim, aber nicht gemeinwohlorientiert.“ (Fraktionsbeschluss vom 16.06.2020) Gegen die gentechnisch operie­renden Pharmafirmen protestieren die GRÜNEN in keiner Weise, sondern verlassen ihre Op­po­sitionsrolle und tragen die fahrlässige Politik der Regierung nahezu kritiklos mit. Dabei lassen sich die Kritik­punkte, die die Grünen gegenüber den neuen Biotech-Firmen im Agrarsektor vortragen, auch auf die gentechnisch operierende Pharmaindustrie anwenden. Ich zitiere die Prin­zipien aus dem erwähnten Fraktionsbeschluß zur Landwirtschaft:

  • Auch neue Gentechnik ist Gentechnik
  • Auch kleine Veränderungen können große Auswirkungen haben
  • Unhaltbare Präzisionsversprechen
  • Prinzip der Umkehrbarkeit sicherstellen
  • Risiken für Ökosysteme und Arten
  • Risiken für die menschliche Gesundheit
  • Patente auf Leben hemmen Fortschritt

Offenbar weiß bei den GRÜNEN die Rechte nicht mehr, was die Linke tut – während die Rechts­grünen der gentechnischen Impfkampagne hinterher rennen, beschließen die Linksgrünen zur gleichen Zeit die Ablehnung des Crisperns…

August 2020

Priorisierung der Impfung zum Erreichen von „Herdenimmunität“ durch die WHO: Bereits im August 2020, als es noch keine zugelassenen Corona-Impfstoffe gab, favorisierte die WHO durch ihre Covid-19-Be­auftragte Maria van Kerkhove umfangreiche Impfungen. Natürliche Herdenimmunität sei unethisch und würde viel Zeit in Anspruch nehmen. Es habe noch nie eine Infektionskrankheit gegeben, die durch natürliche Herdenimmunität eingedämmt worden sei, behauptete die WHO-Wissen­schaft­lerin Soumya Swaminathan. (Quelle: Ärzteblatt vom 20.7.2020)

 * * *

Die Pharmaindustrie ist eine historisch gesehen junge Erscheinung. Wenn Soumya Swaminathan recht hätte, wäre die Menschheit längst ausgestorben. Die natürliche Immunabwehr ist älter als der Mensch selbst. Nicht zufällig werden Impfstoffe bevorzugt an Primaten erprobt, bevor sie für klini­sche Versuchreihen am Menschen zugelassen werden. Zugleich ist das Immunsystem äußerst komplex und wohl noch nicht in allen Einzelheiten verstanden. Fest steht jedoch, daß ohne eine natürliche Immunantwort kein Impfstoff dieser Welt erfolgreich wäre. Daher betrachtet Antony Fauci die natürliche Herdenimmunität als „Mutter aller Vak­zine“. Impfungen regen letztlich lediglich die natürliche Immunantwort an. Zugespitzt ausgedrückt: Wenn Körper mit geschwächtem Immunsystem geimpft werden, nützt auch der beste Impfstoff nichts. Ohne eine Stärkung des Immun­systems bleiben Impfungen wirkungslos. Diese Binsenweisheit reißt die Maske von der scheinheiligen Lock­down-Politik: Indem sie einseitig auf die Verhinderung sozialer Kontakte ausgerichtet ist und zu diesem Zweck zahllose Aktivitäten verbietet, die bislang als Gesundheitsprävention galten (Fitness­zentren, Mannschaftssport, Kultur, Genuß), schwächt sie das Immunsystem der Menschen. Die Abhängigkeit der Impfstoffwirksamkeit vom natürlichen Immun­system offenbart sich spätestens im Alter: In Bezug auf Covid wurde die ältere Bevölkerung als Risikogruppe identifiziert – gerade bei ihr erweisen sich die Impfstoffe jedoch als weit weniger wirksam. Was nicht an den Impfstoffen an sich liegt, sondern am naturgemäß schwächeren Immunsystem der meisten älteren Menschen. Die Impfung simuliert die Krankheit, um eine Immunantwort zu stimulieren. Ist das Immunsystem jedoch geschwächt (z.B. aufgrund von Be­wegungs- und Sauerstoffmangel, sozialer Isolation, Depression und Einsamkeit), kann es auch von der deaktivierten Form des Er­re­gers oder den verwendeten Zusatzstoffen, die für den Organismus Fremdkörper darstellen, überfordert sein. Dies gilt um so mehr für experimentelle Impf­stoffe, die gegen­wärtig mil­lionen­fach gegen Covid verimpft werden.

Seit Beginn der Corona-Krise führt die WHO eine ständige aktualisierte Excel-Liste mit aus­sichts­rei­chen Impf­stoff-Kandidaten (Draft landscape of COVID-19 vaccine candidates, www.who.int/publications/m/item/draft-landscape-of-covid-19-candidate-vaccines). Etwa die Hälf­­te bilden klassische Impfstoffe im präklinischen Stadium, die eine abgeschwächte („deak­ti­vier­te“) Variante des Corona­virus verwenden. Die andere Hälfte geht auf experimentelle Impfstoffe zu­rück, die sich auf gentechnisch veränderte DNA- oder mRNA-Fragmente des Virus stützen. Die ex­perimentellen Impfstoffe besitzen für die Pharmaindustrie den Vorteil, daß durch Polymerase – eine Gentechnologie – schnell massenhaft hergestellt werden können und nicht wie klassische Impfstoffe langwierig z.B. in Hühnerei-Kulturen gezüchtet werden müssen. Außerdem können sie schnell abgeändert („umdesigned“) werden, falls der Erreger mutiert. Damit besitzen sie – wie länger haltbare Milch – für die Industrie einen höheren Marktwert. Was in der Landwirtschaft weitherin verboten ist, darf dank Corona und der EU-Ausnahmeregelung nun im Massen­versuch am Menschen angewandt werden: das Einbringen von Gentechnik in den Or­ganis­mus.

Für die Kunden oder Patienten besitzen die experimentellen Impfstoffe den Nachteil, daß sie bisher – außer bei Ebola, das eine Fallsterblichkeit von über 50% aufwies – noch nie in der Humanmedizin angewandt wurden, da sie in aller Regel vor Corona nicht über den Tierversuch hinausgekommen und für die klinische Erprobung am Menschen zugelassen worden sind. Die Corona-Krise hat diese Sachlage fundamental verändert. Dank Notfall- und Eilzulassung können die experimentellen Impfstoffe nun unter Umgehung der GVO-Verordnung millionenfach eingesetzt werden. Der Marktdurchbruch ist geschafft.

Aus Sicht der Investoren ist dieser Durchbruch längst überfällig. Im Westen sind sowohl private als  auch öffentliche Gelder in Millionenhöhe ausschließlich in die Zulas­sungs­stu­dien für ex­peri­men­telle, auf Gentechnik beruhende Impfstoffe geflossen – die Corona-Krise schuf für die Groß­investoren die Gelegenheit, für Medizin­­produkte auf mRNA- und DNA-Basis die Marktzulassung zu erhalten, wenn auch nur be­dingt im Eil- und Notverfahren, und damit Rendite zu erwirt­schaften. Bereits Jahre vor der Corona-Krise sind erhebliche Summen privater Geldgeber in Biotech-Firmen geflossen – nun war es höchste Zeit, daß sie sich rentieren. Als Beispiel seien hier die Investitionen der Gates-Stiftung aufgeführt: „Die Bill & Melinda Gates Stiftung unterstützte CanSino und ihren Kandidaten in den Jahren 2015 und 2020 mit Investments von insgesamt mindestens 550.000 US-Dollar … Ein ähnlicher Kandidat mit Aussicht auf eine Zulassung im Frühjahr 2021 ist ein mRNA-Impfstoff des Tübinger Unternehmens CureVac. Auch dieses Unternehmen und seine RNA-Technologie gehören seit 2015 zu den größten Investitionsprojekten der Bill & Melinda Gates Stiftung. Initial investierte die Stiftung damals 46 Millionen Euro in CureVac … Das Unternehmen BioNTech wurde schon im Herbst 2019 mit einer Investitionssumme von 55 Millionen Dollar von der Bill & Melinda Gates Stiftung unterstützt, wobei eine Gesamtinvestition von 100 Millionen Dollar in Aussicht gestellt wurde … Schon 2016 unterstützte die Bill & Melinda Gates Stiftung die mRNA-Technologie von Moderna mit einem Investment von zunächst 20 Millionen Dollar mit der Aussicht auf eine Erhöhung auf 100 Millionen im weiteren Verlauf … Nachdem die Bill & Melinda Gates Stiftung die Vorproduktion des Oxford-Kandidaten [AstraZenica] Anfang Juni 2020 mit einer neuerlichen Investition von 750 Millionen Dollar unterstützt hatte, wurde das anvisierte Volumen dieser Vorproduktion von ursprünglich einer auf zwei Milliarden Impfstoffdosen verdoppelt.“ (Clemens Arvay, 2021) Mit anderen Worten: Hinter den einzelnen Marktteilnehmern steht eine verhältnismäßig über­schaubare Zahl von Investoren, die ihr Geld in verschiedene Konkurrenten steckt und damit die Wahrscheinlichkeit, zu den Corona-Krisengewinnlern zu gehören, exponentiell steigert, das Risiko einer Fehlinvestition aber massiv verringert.

Der Vorteil klassischer Impfstoffe besteht darin, daß sie hinsichtlich ihres Wirkprinzips erprobt und bewährt sind. Sie werden von bevölkerungsreichen Ländern wie Indien und China bevorzugt, denn sie lassen erwarten, daß sie weniger Nebenwirkungen und Komplikationen hervorrufen. Von unseren Medien vollständig ausgeblendet, wird ihre Existenz nur in Fach­zeit­schriften von we­nigen Experten wahrgenommen. Im Westen wurden selbst aussichtsreiche klassische Impfstoff-Kandidaten in Phase I finanziell aus­­gebremst, indem ihnen keine Fördergelder gewährt wurden. Daher konnten keine klinische Studien ge­startet werden.

Zu den bisher bedingt zugelassenen Impfstoffen gehören ausschließlich experi­mentelle, d.h. auf neu­ar­tiger Gentechnik beruhende Substanzen. Daß es sich bei BIONtech/Pfizer, Moderna und AstraZenica um DNA- und mRNA-Stoffe handelt, wird nicht verschwiegen – daß es sich um bisher nicht ausreichend erprobte Wirkprinzipien handelt, geht in der gebetsmühlenartigen Versicherung, die Stoffe seien „sicher und wirksam“ aber unter. Medienberichte drehen sich überwiegend um die Be­schaffung, Verteilung und neuerdings auch Nebenwirkungen. Die Hersteller und die EMA indes schweigen lautstark zu den weitergehenden Risiken: aufgrund fehlender Lang­zeitbeobachtung ist gegenwärtig weder ihre Wirksamkeit noch ihre Sicherheit realistisch ein­schätzbar. Behauptet wird das Gegenteil.

Tatsächlich sind lediglich kurzfristige Effekte der neuartigen experimentellen Impfstoffe bekannt; langfristig ist weder ihre Sicherheit noch ihre Wirksamkeit erwiesen – ein Fakt, der in den öffentlichen Medien, die auf Kampagne getrimmt sind, selten oder nicht erwähnt wird. Damit schnelle Ergebnisse binnen Jahresfrist durchgepeitscht werden konnten, wurden die üblichen Er­probungsphasen von Impfstoffen zusammengestaucht, ver­kürzt oder bildlich gesprochen „teleskopiert“. Die Notfallzulassung durch die Europäische Arznei­mit­telbehörde EMA erfolgte schließlich bereits auf Grundlage von vorläufigen Zwischenberichten der laufenden Phase III von üblicherweise 4 Phasen der Impfstofferprobung. Bemerkenswert ist, daß von Freiwilligen, die an den Erprobungsstudien teilnahmen, nur eine verschwindend geringe Zahl mit Corona infiziert war. Beispielsweise gehörten zu den knapp 800 Probanden über 75 Jahre nur 5 Covid-Erkrankte. „In der höchsten Altersgruppe (> 75 Jahre) ist daher eine Aussage über die Effektivität der Imp­fung mit hoher Unsicherheit behaftet“, resümierte die STIKO im Januar 2021 und empfahl nichtsdestotrotz die Impfung der Älteren als Gruppe mit der höchsten Impfpriorität (Epide­miologisches Bulletin, 2/2021, S. 27).

Die phänomenalen Zahlen zur Wirksamkeit der experimentellen Impfstoffe wurden in den Medien geradezu stolz verkündet. Tatsächlich erinnern sie an die Wahlergebnisse in der ehemaligen DDR: die Wirksamkeit betrage 95%, bei Kindern und Jugendlichen gar 100% (wobei nicht erwähnt wird, daß diese in aller Regel weder an Covid im ursprünglichen Wortsinn erkranken noch sterben). Diese Schein-Wirksamkeit wurde durch eine extrem geringe Zahl Probanden erkauft, die tatsächlich Covid-Symptome aufwies. Die Verkürzung der Impfstoff-Erprobung zieht darüber hinaus die Folge nach sich, daß die Dauer und Qualität der Wirksamkeit bisher nicht bekannt sind: Sind Auffrischungen der Impfung erforderlich? Wenn ja, in welchem Abstand? Schützt die Impfung lediglich vor schweren Verläufen oder sind die Geimpften auch steril, d.h. nicht mehr ansteckend? Für weiterführende politische Entscheidungen sind die Antworten auf diese Fragen bedeutsam.

Doch nicht nur die Angaben zur Wirksamkeit der neuartigen Impfstoffe sind zweifelhaft, vor allem fehlen die üblichen Studien zur Sicherheit: Welche Wechselwirkungen mit anderen Medi­kamenten können auftreten? Bei welchen Vorerkrankungen ist die Anwendung kontra­in­di­ziert? Kann es zu Autoimmunerkrankungen kommen? Verändern die DNA-Impfstoffe den mensch­­lichen Zellkern? Kommt es vor, daß die verimpfte mRNA von körpereigenen Enzymen in DNA um­ge­wandelt wird? Welche Nebenwirkungen rufen die als Trägermaterial eingesetzten Nano­lipide her­vor? Sind längere Zeit nach der Impfung, etwa nach zwei bis vier Jahren, adverse Effekte wie Immunschwäche oder Krebs zu erwarten?

Ob über diese bisher noch offenen Fragen vor der Impfung im Einzelfall ausreichend aufgeklärt wird, darf bezweifelt werden. Möglich, daß sich mRNA- und DNA-Impfstoffe in einiger Zukunft als hoff­­nungsvolle Technologien erweisen – frühestens in fünf Jahren wissen wir Genaueres dazu. Gegen­wärtig ist es zumindest fahrlässig und grenzt an Körperverletzung, eine derart große Anzahl von Menschen, die nur ein verschwindend geringes Risiko haben, an Covid zu sterben, gentechnisch veränderten Substanzen auszusetzen, ohne aus­reichend über die Risiken und Nebenwirkungen aufzuklären. Erstaunlich, daß die Grünen die gentechnischen Impfstoffe gutheißen. Es ist übrigens kein Experiment, das mit den Menschen hier veranstaltet wird. Ein Experiment hätte definierte Bedingungen, würde sorgfältig geplant und beobachtetet werden. Es ist ein Feldversuch im Doppel­blindverfahren. Die Regierung entscheidet im Blindflug, basierend auf invaliden Zahlen. Die Be­völkerung ist alarmiert, in Angst und Schrecken versetzt. Der Vorwand, es ginge darum, Gesundheit und Leben zu retten, hat wieder einmal verfangen. Das RKI warnte Ende März 2021 vor 100’000 Neu­infek­tionen pro Tag. Seit September 2020 ist Lothar Wieler Vor­sitzender des Review Committee der IHR: hier werden die international gültigen Regeln den Er­fahrungen während der Corona-Krise angepaßt. So läßt sich das Panikorchester im Hinter­grund dirigieren.

Die Hersteller der experimentellen Impfstoffe können auf die staatlich organisierte und finan­zierte Impf-Infrastruktur bauen: Anschaffung und Lagerung der Impfstoffe, Transport und Kühlung, Distribution an Impfzentren, Ärzte und sonstige Er­fül­lungsgehilfen werden durch Regie­rungs­­handeln und Verordnungen unverhältnismäßig durch Steuergelder unterstützt. Während der Ausbau der Ladestationen für Elektrofahrzeuge in weiten Teilen den Herstellern oder dem Markt überlassen wird, setzt der Staat in Bezug auf die Impfstoffdistribution künstliche monetäre Anreize und damit marktwirtschaftliche Mechanismen außer Kraft. Paradoxerweise geht die Fixierung auf Covid mit einer Vernachlässigung aller anderen Krankheitsursachen einher, auch derjenigen, deren Morbidität und Mortalität um Größenordnungen schwerwiegender ist – diese Tendenz zur Ver­einseitigung der Politik insgesamt (nicht nur der Gesundheitspolitik, da die „Pan­demie­bekämpfung“ nun­mehr alle gesellschaftlichen Bereiche außer „Testen und Impfen“ lahm­ge­legt hat), läßt auf­horchen – hier geht es um die Schaffung eines neuen Marktes für den pharma­in­dustriellen Kom­plex.

Hinzu kommt die konzertierte Werbekampagne für die Impfung mit experimentellen, gen­tech­nisch veränderten Substanzen durch die gebührenfinanzierten Medien. Nach ihren Statuten sind sie der Aufklärung, Unabhängigkeit und Ermöglichung von Meinungsstreit verpflichtet. Tatsächlich sind sie ein Teil der pharmaindustriellen Aktion: die Impfbereitschaft zu erhöhen. Gegen Menschen zu hetzen, die sich nicht testen und/oder nicht impfen lassen wollen (wie übrigens auch Horst Seehofer), die nicht an die Co­rona-Propaganda westlicher Regierungen glauben, die falsche Schlüsse auf invalider Daten­grund­lage zurückweisen – diese Form der Diskriminierung ist gegenwärtig en vogue. Auf so­genannte „Verschwörungstheoretiker“ scheint das Diskriminierungsverbot nicht zu­zutreffen.  Es hat sich ein „silent consense“ herausgebildet: Die Angst vor dem Virus sei legitim, die Herabwürdigung der Skeptiker eine moralisch erhebende Angelegenheit. Doch nicht in allen Ländern verfiel die Politik zu Kriegsrhetorik, damit einhergehend zum medialen Gleichschritt und zum stillschweigenden Einverständnis der Mehrheit. Die stumme Zu­stimmung der Masse zur Repression – sie ist tatsächlich angsteinflößend.

Wenn Dauerberieselung mit Apologetik nicht weiterhilft, werden reale Privilegien für Geimpfte gegenüber Nichtgeimpften geschaffen – es handelt sich um Banalitäten: in der Caféteria gemeinsam zu essen, wird von geimpften Bewohnern eines Altenpflegeheims vorm Oberverwaltungsgericht und, wenn es sein muß, vorm Verfassungsgericht, gegen alle Widerstände der Behörden erstritten. Ähn­lich werden in Kürze Kino- und Theaterbesuche Gegenstand höchstrichterlicher Ent­schei­dun­gen sein. Die Spaltung der Gesellschaft schreitet währenddessen voran. Im Hintergrund bereitet die EU-Kommission die Einführung digitaler Impfpässe vor, die als Zugangsvoraussetzung zur Wiederer­lan­gung banaler bür­ger­licher Rechte wie dem Herumreisen im Schengenraum erhoben werden und zugleich die Erfassung und Weitergabe personenbezogener Gesundheitsdaten durch tägliche Per­manenz in eine „neue Nor­malität“ verwandeln. Gesundheitsdaten, nicht Impfstoffe, bilden die eigentliche Wirt­schaftsgrundlage moderner Gesundheits-Tech-Konzerne.

Die Änderung der grundlegenden Definitionen, was eine Pandemie eigentlich ist und was unter Herdenimmunität zu verstehen ist, führt letztlich zu fundamentalen Widersprüchen, an denen die wunderbar ausgeklügelten pharmaindustriellen PR-Aktionen auch scheitern können: Schließlich ruft es Widerstand hervor, jeden Menschen, der hustet oder niest oder „symptomlos erkrankt“ ist, unter Verdacht zu stellen, er sei von einem besonders gefährlichen Virus befallen. Herden­im­mu­nität auf Geimpfte einzuschränken, führt alle natürlichen Bemühungen der Gesundheitsprävention und das Immun­system zu stärken, ad ab­surdum. Eine Regierung, die Sport und Geselligkeit ver­bietet, wird über kurz oder lang davongejagt. Gegenwärtig ist eine Gratwanderung zu beobachten. Indem die Bundesregierung Verordnungsbefugnis zentralistisch an sich zu ziehen versucht, wird sie auch den Unmut der Menschen an sich ziehen. Wann reißt der Geduldsfaden?

Parabeln auf die Pandemie 10: Das Ministerium für Gesundheitssicherheit

Von | 28. März 2021

Ottmar Spieler, der Direktor des bedeutenden Reinhold-Bäcker-Instituts, das nicht nur eine wissenschaftliche Größe, sondern in erster Linie eine staatliche Oberinstanz darstellte, hatte einen Glückstag: Die Große Vorsitzende ernannte ihn kurz vor ihrer Pensionierung zum Minister. Es war nicht irgendein Ressort, dem der ehemalige Ameisenforscher nun vorstand, es war die Schaltzentrale des Neuen Normstaates (NNS) schlechthin: das Ministerium für Gesundheitssicherheit (MfGS), im Volksmund Gesi genannt. Galten in der Demo­kratischen Republik (DR), die dem NNS vorausging, noch Wirtschafts-, Finanz- und Ver­tei­digungsministerium als entscheidende Posten der öffentlichen Verwaltung, so vereinte die Gesi den Zentralisierten Verfassungs­schutz (ZVS) mit dem Allgemeinen Fürsorgefond (AFF). Das MfGS war eine neuartige Organisation: Es speiste sich nicht von Steuergeldern, sondern war eine, wie es hieß „public-private-partnership“ – achtzig Prozent seiner Gelder bezog es von Firmen, die am Pillendrehen verdienten, die übrigen zwanzig Prozent kamen von den Bürgern, die von Geburt an monatlich eine Gesundheitsgebühr (GG) an den AFF zu entrichten hatten. Das Erkennungszeichen des MfGS bestand aus einem roten Kreuz, dessen Arme in der Mitte von einen dünnen Kreis gehalten wurde. Auf diese Weise symbolierte es sowohl medizinische Hilfe als auch die Präzision eines Scharfschützen. „Ich schütze euch doch alle!“, wurde Ottmar Spieler auf Transparenten und Werbeplakaten zitiert, ein Bonmot, das er anläßlich seiner Ernennung im kleinen Kreis der Ministerriege hatte fallen lassen, das in Kürze aber nach außen gedrungen war und jedermann aus dem Herzen sprach. Keiner wußte, daß dieser Gruß an die Ministerkollegen ein Vorbote des künftigen Ruhmes und Erfolges des Hauses von Ottmar Spieler war: indem er die anderen Minister mit der Pillenschluckverordnung und der Fiebermeßanweisung in persönliche Haftung nahm – nur wer zu 100% gesund war, durfte sich seines Amtes weiter erfreuen – schon der Hauch eines Schnupfens stellte einen Skandal dar, dem die Presse mit Rücktrittsforderungen wegen Asozial-unsolidarischen Verhaltens (AUV) Nachdruck verlieh. Bereits nach sechs Monaten hatte Ottmar Spieler aufgeräumt: Sämtliche Ministerkollegen, die ihm hätten ge­fährlich werden können, waren im Zuge der Sommergrippe zu unzuverlässigen Elementen erklärt und aus dem Amt entlassen worden. Die Nachfolger entpuppten sich als willfährige Marionetten, die Ottmar Spieler gern im Hintergrund die Strippen ziehen ließen, während sie nach außen hin weiterhin eine Art „Demokratie“ sym­bo­lisierten.

Die erste Amtshandlung des mächtigen Gesundheitssicherheitsministers war die Einfüh­rung der Elektronischen Identitätskarte (EIK): auf ihr waren nicht nur sämtliche Fieber­meßwerte und Pillenschluckaktionen gespeichert, die dem Einzelnen als Bürger von Kindesbeinen an ein unverwechselbares Profil verliehen, das man in Anlehnung an frühere Methoden der Forensik den Gesundheitlichen Fingerabdruck (GFA) nannte. Vor allem enthielt die EIK die Höhe der monatlichen Beiträge für den AFF, die der Bürger seit seiner Geburt geleistet hatte und die seinen indivduellen Be­we­gungsspielraum entsprechend der aktuell gültigen Quarantäne-Regularien (QR) definierte. Im Volksmund war in Anlehnung an eine altmodische IT-Technik von QR-Code die Rede, auch wenn diese an abstrakte Kunst erinnernde Schwarzweißgraphik heutzutage für die EIK keine Rolle mehr spielte. Die Technik war soweit fort­geschritten, daß der einzelne Bürger seine elektronische Identitätskarte als UV-Lackierung für das menschliche Auge unsichtbar auf der Stirn trug. Die all­gegen­wärtigen Gesundheitsscanner konnten an jeder Straßenecke den individuellen QR-Code von der Stirn lesen. Sobald sich ein Fußgänger über seinen persönlichen Bannkreis hinaus bewegte, wurde die automatisierte Kontaktverfolgung aktiviert.

Auf der untersten Stufe wurde die QR-Überschreitung nur registriert, beispielsweise wenn der betreffende Bürger, im Behördenjargon „Bagatellisierer“ genannt, statt das ge­neh­migte Fitnessstudio fünzig Meter weiter das be­nach­barte Kino besuchte. Hier saß jeder Gast in seiner eigenen Plexiglasbox, auf deren Wände ihm der gewünschte Film in 5D-Technik projiziert wurde – für die Gesund­heits­sicherheit ein geringfügiges Risiko. Schwerwiegender waren schon illegale Besuche des örtlichen Stadions: Hier waren im Zuge der Großen Gesundheits­sicherheitsreform vor Jahren schon allgemeine Abstandsregeln eingeführt worden. Wo sich in früherer Zeit noch 40’000 Zuschauer johlend und grölend dicht aneinander drängten, waren jetzt noch knapp 4000 Zuschauer zugelassen, die im Abstand von 12 Metern ein Einzelsegment für sich beanspruchten. Wie Gesundheitsforscher in aufopferungsvollen Detailstudien herausgefunden hatten, stellte der Mindestabstand in den Stadien aufgrund der beim Grölen ausgestoßenen Aerosole immerhin ein moderates Risiko dar, sich mit dem Schnupfen seines Nachbarn anzustecken, der sich ein Segment weiter, also im Abstand von 24 Metern befand. Wurde die automatisierte Kontaktverfolgung in der Anfangszeit durch die Gesundheitspolizei vollzogen, die dem „Regelverletzer“ unauffällig folgte, so sorgte der umtriebige und hemds­ärmelige Ottmar Spieler mit seiner ruhigen und zurückhaltenden Art dafür, daß die funktionslos gewordenen Überwachungskameras, die bereits in der Zeit der Demo­kratischen Republik installiert worden waren, die Aufgaben der Kon­takt­ver­folgung übernahmen. In die folgenschwerste Kategorie fielen schließlich die „Grenz­verletzer“. Sie überschritten die Grenzen des ihnen zugewiesenen Landkreises, in dem sie sich auf­zuhalten hatten. An den Landkreisgrenzen wurde permanent der aktuelle Fieber­meßwert und Pillenschluckstatus kontrolliert. Lediglich triftige Gründe, die im UV-Lack auf der Stirn eingebrannt waren, legitimierten den Grenzübertritt zum benachbarten Landkreis: zum Beispiel wenn die Oma im Krankenhaus lag oder verstorben war. Der Besuch des enteigneten Gartengrundstücks oder gar eines ehemaligen Spaßbades – beides war im Zuge der Großen Gesundheitsreform liquidiert worden – gehörte zum von der Gesi besonders hartnäckig verfolgten Asozial-Unsolidarischen Verhalten. Ottmar sorgte, kaum drei Monate im Amt, dafür, daß derartige Grenzverletzer un­mittelbar an der Landkreisgrenze mit einem blitzartigen Elektroschock ins Ohr an die geltenden Schutzregeln erinnert wurden. Die Gesundheitspolizei trug daher einen Blitz als Erkennungszeichen auf dem Kragenspiegel.

Einen bemerkenswerten Karrieresprung verdankte Ottmar Spieler dem kleinen Hans. Er nannte ihn fortan „mein Hans im Glück“, obwohl er ihn nie persönlich kennengelernt, sondern nur dank der informellen Gesi-Mitarbeiter von ihm erfahren hatte. In Wirklichkeit war der kleine Hans ein Hans im Unglück. Sein schwarzer Tag begann damit, daß er während der ritualisierten Fiebermessung in der ersten Unterrichtsstunde niesen mußte. „Niesen“ – ein modernes Kind, ein Kind unserer Zeit, in der Gesundheitssicherheit groß geschrieben wird – weiß gar nicht, wie man dieses Wort buchstabiert. Welch eine animalische Verhaltensweise! Mit ihr kündigte sich beim kleinen Hans der Abtrünnige verräterische Charakter (AVC) an. In zahllosen Fortbildungen waren die Lehrer und Erzieher geschult worden, diese Subjekte bereits im Frühstadium zu erkennen und auszusondern. Dafür war das altehrwürdige Institut der „Sonderschule“ wiedereröffnet worden. Der kleine Hans offenbarte sich also durch spontanes Niesen während der morgendlichen Fieber­messung als unzuverlässiges und verräterisches Element. Offenbar hatten ihn seine Eltern trotz erkennbarer Erkältungssymptome ins Lernkollektiv geschickt, damit er seine Parasiten und Krankheitserreger dort fröhlich weiterverbreite – ein klarer Fall für die Gesi. Der arme kleine Hans wurde nach dem dritten Nieser, nachdem die ganze Klasse entsetzt aufgesprungen war und mit dem Finger auf ihn gezeigt hatte, sofort in die Sonderschule gebracht, wo er eine zweiwöchige Quarantäne bei Wasser und Brot absolvieren mußte. Die Gesi-Fahnder fanden heraus, daß die Eltern des kleinen Hans aus zwei verschiedenen Landkreisen stammten – sie hatten sich illegal getroffen, kennengelernt und ihre genetischen Codes in völlig unverantwortlicher Weise miteinander verschmolzen. Kein Wunder, daß der kleine Hans derart aus dem Rahmen fiel.

Für Ottmar Spieler war dieser skandalöse Zwischenfall ein großes Glück: Er konnte seine Behörde zum Internationalen Ministerium für Gesundheitssicherheit (IMfGS) ausbauen. Sogleich wurde er von der Weltgesundheitssicherheitsverwaltung als Internationaler Minister (IM) bestätigt. Kraft seiner neuen Befugnisse konnte er nun Grenzüberschreitungen zwischen den Landkreisen wirksamer bekämpfen als je zuvor: Fiebermessungen, die in Landkreis A vorgenommen wurden, wurden in Landkreis B fortan als ungültig angesehen. Der Pillenschluckstatus, den ein Bürger in Landkreis A erworben hatte, galt in Landkreis B nichts.Entsprechend erloschen die elektronischen Identitätsbefugnisse beim Übertritt in den benachbarten Landkreis und konnten nur durch eine langwierig bürokratische An­er­ken­nungs­prozedur (LBAP) übertragen werden. Pendler, die berufsmäßig den Landkreis wechselten, wurden von dieser neuen Regelung ausgenommen. Alle privaten Land­kreis­grenzverletzer verloren fortan ihren Bewegungsspielraum. Und Ottmar Spieler feierte seinen größten Triumph. Der Neue Normstaat aber war noch sicherer geworden.

Aleksandr Blok : Über die wunderbare Dame / Wege Gablungen

Von | 18. März 2021

Freudlose Samen gehen auf.
Wind schlägt an kalte, nackte Zweige.
In meiner Seele gehen Krakel* auf.
Ich deck‘ sie zu und hüll‘ sie ein – an Dörfer Mauerresten, Wege Gablungen…
Und schleiche, wie ein Schatten, entlang der bleichen Wände.
Es wechselt, dunkelt und verschwimmt die Wand.
Ein süßes Rinnsal rinnt durch meine Hände,
Ein jeder Tag gebiert und bleicht aus dunkler Hand.
Was bin ich wach, wie quillt des Blutes Schlag in mir!
Hier bin ich heimisch, unterirdisch quellend!
Verhüllte Augenblicke! Du, Liebe ewig!
Ich habe euch verstanden! Bin mit euch! Folge und bedecke** euch!
Es wächst, ein Riese, wächst die Wand.
Wind schlägt an kalte, nackte Zweige…
Ich habe euch geborgen, Krakelhände.
Ich berge*** lächelnd euch an Wege Gablungen.

6.9.1902

___

* (alt) Runen; vgl. Josif Brodskij: „karakuli“, z.B. (dt.) Lammkrakelschatten
** entdecke (m/ich in) euch
*** lege

Ende der Zahlenspiele! 4.3 Staatskampagnen gegen die Natur

Von | 15. März 2021

„Der Herrscher über das Südmeer war Shu der Schnelle; der Herrscher über das Nord­meer war Hu der Plötzliche; der Herrscher über die Mitte war Hundun der Wirre. Der Schnelle und der Plötzliche trafen sich von Zeit zu Zeit auf dem Territorium des Wirren und der Wirre begegnete ihnen freundlich. Der Schnelle und der Plötzliche wollten diese Anständigkeit erwidern und sprachen: ‚Alle Men­schen haben sieben Öffnungen, durch die sie sehen, hören, essen und atmen können; nur dieser hier hat keine einzige – laß uns eine in ihn bohren.’ Von nun an bohrten sie jeden Tag eine Öffnung in ihn – am siebenten Tag war Hun­dun tot.“ (Zhuangzi, 7.7)

Auf Epidemien wird in der westlichen Welt mit mechanistischen, technokratischen Maßnahmen reagiert, die sowohl die Natur des Menschen als auch die Natur des Virus ignorieren. Es werden trügerische Erlösungshoffnungen durch teure Medizintechnik – Testen und Impfen – geweckt, ohne zu verstehen, daß damit auch Impfmutationen („Escape-Varianten“) ausgelöst werden: das Virus wird auf die Impfung antworten und eigendynamisch neue Lücken und Wege in den Wirts­organis­men finden. Die politisch Verantwortlichen schätzen die natürliche Immunreaktion gering, die der menschliche Körper zu­meist auf das Virus hervorbringt und ihn wirksamer schützt als die Impfung (Tarke et al., 2021). Die natürliche Immunreaktion kostet nichts, erfordert keinen Markt und keine Logistik, bringt keinen Profit – daher genießt sie im Pharma-Kapitalismus einen schlechten Ruf, wird als gefährlich und un­zu­verlässig abgewertet: sie ist billig. Dabei ist die natürliche Immun­reaktion im Falle des Corona­virus nicht nur im Blutkreislauf aktiv wie die von der Impfung künstlich angeregte Immunantwort, sondern auch im Mund- und Nasenraum – sie führt also in den allermeisten Fällen zu einer sterilen Immunität. Wer einmal an Covid erkrankt und wieder genesen ist, steckt niemanden mehr an (Deisenhammer et al., 2020; Gökkaya & Traidl-Hoffmann, 2020). Nach einer Impfung kann man sich nach heutigem Wissen da nicht sicher sein.

Die Engführung des öffent­lichen Bewußtseins auf die Erlösung durch experimentelle Impfstoffe trug außerdem zur Vernachlässigung der Erprobung medizinischer Be­hand­lungs­methoden bei, z.B. von Blut­ver­dün­nern, um der bei schweren Covid-Verläufen auf­treten­den Lungen­em­bolie vor­zu­beugen, oder des Medikaments Ivermectin oder auch einfach nur ergänzend der Gabe von Vitamin D etc. zur prophylaktischen Stärkung des Immun­systems im Win­ter­halbjahr – altbekannte Prä­pa­rate, die zumindest bei Menschen, die durch Covid ge­fährdet sind, nachweislich eine vorbeugende Wirkung entfalten und schwere Verläufe lindern. Ihr Patentschutz ist abgelaufen, sie bringen nur wenig Profit und können weltweit ohne Lizenz legal hergestellt werden. Die Vor­stellung, daß einem neuartigen Virus mit bereits bekannten und kosten­günstigen Mitteln bei­­ge­kommen werden kann, paßt nicht ins Schema des pharmaindustriellen Kom­plexes. Darum hören wir im Westen davon nichts.

Wir sehen den Vorteil der natür­lichen Immunreaktion beispielsweise anhand der ansonsten be­dauerns­­werten Situation der Palästi­nen­ser: auf engstem Raum zusammengepfercht, seit Jahr­zehnten unter Blockade, während der Corona-Krise weitgehend ohne Masken, Lockdown und Impfstoff, hat das Virus unter der vergleichsweise jungen Bevölkerung keineswegs gewütet – zwar lag Anfang März 2021 die 7-Tage-Inzidenz pro 100’000 Einwohner bei 238 und damit auf Platz 60 im weltweiten Vergleich. Von der deutschen Regierung wurde Palästina als „Hochrisikogebiet“ mit einer Reise­warnung versehen. Doch fiel die Zahl der an Covid Ver­stor­benen mit 2110 sehr gering aus, die Fallsterblichkeit beläuft sich auf 1.09% – Palästina steht damit auf einem hervorragenden 149. Platz, ähnlich übrigens wie die Türkei, die mit 1.05% auf Platz 152 kommt. Zum Vergleich: Deutsch­land, wo die Regierung behauptet, wir seien doch gut durch die Pandemie ge­kom­men, liegt mit einer Fallsterblichkeit von 2.9% auf Platz 39 und steht damit etwa viermal schlechter da. Indien, das mit einer „In­zi­denz“ von acht (!) Fällen pro 100’000  Einwohner in sieben Tagen im Frühjahr 2021 eigent­lich ein No-Covid-Land darstellt, wird von der deutschen Regierung weiterhin zu den „Risi­ko­­ge­bieten“ ge­zählt.

Was läuft in Indien, der Türkei und Palästina besser? Deutschland setzt einseitig auf tech­nische Lösungen: Impfen, anlaßloses Testen und Wegsperren. Ein humaner Schutz der Älteren und vul­nerablen Menschen durch punktuelle Tests, um Kontakt zu ermöglichen, geschützte Ein­kaufs­zeiten und gesonderte Verkehrsmittel (Taxis) werden nur in Tübingen und Rostock angeboten. Alles, was das Immunsystem stärkt, wurde erschwert oder verboten. Die Folge: Wer nicht durch Corona gefährdet war, geriet durch die Maßnahmen, die gegen Corona verhängt wurden, in Gefahr.

Die täglichen Coronameldungen in den zwangserstarrten Nachrichtensendungen sind zu einem Mittel der Ab­stump­­fung verkommen: „Nachrichten in einfacher Sprache“ für alle. Sie manipulieren das öffentliche Bewußtsein, benutzen invalide Zahlen als Propaganda, um Angst und Schrecken zu ver­breiten – und verfehlen dank ihrer leichten Durchschaubarkeit zumindest zum Teil ihren Zweck, wenn die Zuhörer in andere Kanäle abwandern. Damit spaltet sich das öffentliche Bewußtsein: Wer den Nachrichten weiterhin Glauben schenkt, tappt in die Falle, die ihm von der Scheinobjektivität der täg­lich ver­kündeten „Inzidenzen“ gestellt wird. Scheinobjektiv sind diese Zahlen, indem sie eine Genauigkeit vorgeben, die sie nicht besitzen. Weder die Fehler- noch die Testquote wird mitgeteilt. Nur weil sie abstrakt sind, sind Zahlen nicht einfach von Woche zu Woche vergleichbar – ins­be­sondere wenn an den Bedingungen ihrer Erhebung ständig gedreht wird. Im öffentlichen Bewußt­sein hat sich die Testgläubigkeit festgesetzt: Wer ein positives Ergebnis hat, ist positiv, vor allem wenn es vom PCR-Test noch mal bestätigt wurde. Daß bei der Testung und bei der Auswertung des Tests zahllose Fehler unterlaufen können, wird übersehen. Das Testergebnis gilt als Nachweis. Die Testgläubigkeit läßt im Kopf die Abhängigkeit von den Institutionen wachsen, die den Corona-Glauben vertreten.

Der Paragraph 28a des Infektionsschutzgesetzes vom November 2020 ist die Lex Corona schlecht­hin: ein Tiefpunkt deutscher Gesetz­gebung, die der Willkür Tür und Tor öffnet – indem 35 und 50 als konkrete „Inzidenz“ ins Gesetz geschrieben wurden, um die Grundrechte zu suspen­dieren, ohne aber die Voraussetzungen zur Erhebung und Vergleichbarkeit dieser Zahlen fest­zulegen. Auf diese Weise kann die Regierung auf dem Verordnungsweg beschließen, was sie will – die Schein­objektivität regiert. Wenn die Zahlen sinken, wird stillschweigend die Testkapazität erhöht. Oder es werden „Schnelltests“ vorgeschaltet, um die Labortests zu filtern – wenn nur noch Personen mit positivem Schnelltest auch mit Labortests untersucht werden, wächst die Wahrscheinlichkeit, daß diese nach Wunsch positive Ergebnisse produzieren – all dies hat nichts mit der natürlichen Ausbreitung einer Infektionswelle zu tun, sondern läßt sich als politisch angelegtes Experiment interpretieren, das Artefakte zu „wissenschaftlicher Erkenntnis“ deklariert, um nach Be­lieben Schalten und Walten zu können.

Während sich die deutsche Regierung mit Modellierer*innen umgab, die auf Grundlage invalider Zahlen die Zukunft auf drei Stellen nach dem Komma scheinobjektiv vorhersagten, blieben die vulnerablen Menschen ohne Schnelltests, wo sie benötigt worden wären, in den Pflegeheimen isoliert und starben über den Winter in großer Zahl – an Einsamkeit, an Alterskrankheiten und auch an Covid. Das technokratische Menschenbild der Regierung und ihrer Berater klebte derweil an der über­wun­den geglaubten Computer-Metapher, die im Grund nichts anderes ist als Descartes „Glieder­maschine“ oder La Mettrie’s „L’homme est la machine“:

These 4: Die Regierung orientiert sich in der Corona-Krise an einem überholten mechanistischen und techno­kra­tischen Welt- und Menschenbild.

Die moderne Form des Maschinen-Menschen ist die Computer-Metapher: Stellen Sie sich vor, der Mensch sei ein Windows-Computer. Mindestens einmal im Halbjahr – am besten aber täglich – benötigen Sie ein Update Ihres Antiviren-Programms, damit Ihr Betriebssystem intakt bleibt. Welch hervorragende Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für den technokratisch-industriellen Komplex!

Im übertragenenen Sinne: Die Angst vor den Mutanten ist bedeutsam für das Ver­triebs­modell experimenteller Impfstoffe,  dessen Kampagne folgende Phasen umfaßt:

  1. das neue Virus = Verunsicherung = Ausnahmezustand = Todesangst (Bilder von Bergamo),
  2. Wellen­angst = das Virus kommt wieder = Erlösungshoffnung durch Impfung, Todesangst wird generalisiert, auch Skeptiker werden von ihr erfaßt,
  3. Angst vor weiteren Wellen und neuen Mutanten = Durchimpfung = Stig­ma­tisierung der Nicht-Geimpften = permanente Auffrischung der Impfung

Damit ist der neuartige Impfstoff für den permanenten weltweiten Gebrauch etabliert. Erst dann wird von der Corona-Pandemie nur noch am Rande die Rede sein. Dann aber wird sich die Welt, wie wir sie kannten, in einem anderen Zustand befinden.

These 5: Die Corona-Krise eignet sich hervorragend, um die Menschheit in Anhängigkeit von Phar­ma­firmen bringen. 

Damit wird in keiner Weise behauptet, daß der pharma-industrielle Komplex die Corona-Krise ab­sichts­voll herbeigeführt habe, um sie für seine Zwecke zu nutzen. Vielmehr läßt sich Corona als Gelegenheit betrachten. Tatsächlich hat die Industrie im Grunde gar keine andere Chance, als Corona bestmöglich auszubeuten: Zeiten, in denen die öffentliche Unterstützung für Pharmakonzerne so stark und und beinahe unwidersprochen ist wie während der Corona-Krise, gibt es selten. Ver­mut­lich hat die Industrie schon früher versucht, lokal auftretende Krankheitserreger zur Pandemie zu stili­sieren – SARS 1 ist dafür ein Beispiel aus den Jahren 2002/3. Das damalige SARS-Virus war mit einer Letalität von 11% gefährlicher als SARS 2, verbreitete sich doch lediglich auf dem Weg der Tröpf­chen­infektion und ließ sich durch klassische nichtpharmakologische Maßnahmen wie Quaran­täne in kurzer Zeit eindämmen.

Sentenzen aus der Hauptstadt der Theorie

Von | 14. März 2021

Neulich sagte einer zu mir, es nütze gar nichts, einfach nur Adorno zu lesen. Man müsse schon, und erst recht frau, zugleich einiges von dem lesen, was Adorno gelesen habe.
In der Tat, dachte ich: wenn diese Weisheit mal nicht einem geheimen Plan zu Grunde liegt! Europäische Kulturrevolution… das hieße ja annehmen, hier sei eine bisher gänzlich unbekannte Weisheitslehre in Tätigkeit gekommen. Corona-Didaktik, so könnte mensch sagen

Ende der Zahlenspiele! 4.2 Wissenschaftsgläubigkeit

Von | 12. März 2021

 „Wer mit Ungerechtigkeit Gerechtigkeit anstrebt, dessen

Gerechtigkeit bleibt ungerecht; wer mit Unglaubwürdigem

Glaubwürdigkeit anstrebt, dessen Glaubwürdigkeit bleibt

unglaubwürdig.“ (Zhuangzi 32.17)

Die metaphysischen Bedürfnisse des Menschen haben sich in den letzten Jahrhunderten kaum verändert, seine Ängste sind geblieben – aber die Selbstüberzeugung, vernunftbegabt zu sein und rational zu handeln, ist stetig gewachsen. Den Hauptbeitrag zu dieser Illusion verdanken wir der Wissenschaft. Mag die wissenschaftliche Erkenntnis im einzelnen objektiv und nachvollziehbar erscheinen, in der gesellschaftlichen Praxis wird ihr geglaubt und soll ihr geglaubt werden. Wissenschaftsgläubigkeit ist an die Stelle des Kirchen- und Gottesglaubens getreten. Wissenschaft übernimmt die Rolle der Institutionen, die sich von Alters her dem Geschäft mit dem Ungewissen gewidmet haben. Dabei sind der Wissenschaft strukturelle Einschränkungen im Umgang mit dem Ungewissen auferlegt: Sie kann das Ungewisse nicht metaphysisch in Gewißheiten transformieren, denn wissenschaftliche Wahrheiten gelten nur bis zu ihrer Wider­le­gung – Falsifizierbarkeit ist ihr oberstes Gebot. An die Stelle der ewigen göttlichen Weisheit treten kurzlebige wissenschaftliche Er­kenntnisse, Grenzwerte und Richtlinien, die übermorgen bereits fallen gelassen werden, Routinen, die morgen schon überholt sind. Galt in der Blütezeit der Eugenik die Rassenh­ygiene als wissen­schaft­licher Standard, der mit rationaler Wucht vertreten und durchgesetzt wurde, ist es zu Zeiten der Furcht vor Erkältungskrankheiten die sogenannte AHA-Regel.

Der Atheismus, mit dem sich die Wissenschaftsgläubigkeit maskiert, erweist sich im Kern als eine trost­lose Religion – wie schon Carl Friedrich von Weizsäcker bemerkte. Dem Atheismus fehlen die trost­spendenden Rituale, die Orte, an denen sich die Generationen versammeln und gegenseitig Halt geben, Lieder und Tänze, Berührungen. In den Laboren werden aseptische Zustände hergestellt, in den Klausuren und Prüfungsräumen werden Argumente ausgetauscht. Der Mensch wird im west­lichen Bildungs- und Hochschulsystem zunehmend auf ein Kopfwesen reduziert, dessen öffentliche Fas­sade zu reiner Rationalität kri­stal­lisiert wie Salz auf einer perfekt abgedichteten Mauer. Ins­geheim aber, in der Freizeit oder späte­stens mit dem Erlangen des Qualifikationsnachweises wird das Bedürfnis nach Transzendenz, Spiri­tualität oder Irrationalität wach. Der Absolvent oder die Absolventin wendet sich neu­heid­nischen oder fernöstlichen Vergnügungen und Praktiken zu, meldet sich beim Yoga, Tantra oder Schweige-Retreat an.

Wer sich in der Öffentlichkeit auf die Wissenschaft beruft, biedert sich zumeist einem linearen Kausal­denken an, um die beim Publikum unterstellte Vollkasko-Mentalität zu bedienen. Die Wirk­sam­keit politischer Maßnahmen wird in wissenschaftlichem Duktus behauptet, ohne tatsächlich einen empirischen Wir­kungs­nachweis mitzuliefern, geschweige denn Wechsel- und Neben­wir­kungen zu be­rück­sich­tigen. Wissenschaftlichkeit ist die Beruhigungspille einer sich selbst als ratio­nal miß­ver­stehenden Gesellschaft und dient der Demonstration von Handlungsfähigkeit – nur leider müs­sen die im Brustton der Überzeugung verkündeten Leitlinien und Regeln alle drei Wochen über den Haufen geworfen werden, weil sie sich nicht bewahrheitet haben.

Auffällig in der Corona-Krise ist die aktive Vermeidung eines hinreichend komplexen Bild vom Ge­schehen seitens der Regierung. Seit Februar 2020 fordern ernstzunehmende Gesund­heits­wis­sen­schaftler repräsentative Erhebungen zur Verbreitung des Virus. Denn nur auf dieser Grund­lage las­sen sich Dunkelziffer, Inzidenz und die Wirksamkeit der Maßnahmen valide schätzen. Lösungs­orientiert und daher nachhaltiger wie auch zukunftsträchtiger wären darüber hinaus re­präsentative Studien zur bereits vorhandenen Immunität auf Grundlage der Messung corona­spe­zifischer Antworten der T-Lymphozyten („Gedächtniszellen“), die mittlerweile möglich ist (Sekine et al., 2020).  Eine Er­klä­rung, warum die Regierung bzw. das ihr untergeordnete RKI repräsentative Studien verweigert, wird nicht gegeben – die Regierung zieht es vor, das Land kraft diktatorischer Verordnungsmacht im Blindflug durch den Ausnahmezustand zu manövrieren – anfällig für die Einredungen einzelner, hand­verlesener Experten und Schwarzseher.

These 2: Die Regierung schmückt sich mit dem Duktus der Wissenschaftlichkeit, ohne die em­pirische Evidenz­for­schung tatsächlich zuzulassen, zu fördern und schließlich auch ernst zu nehmen. Auf diese Weise verlängert sie für sich die Option direkten Durchregierens auf dem Verordnungsweg, ohne Rücksicht auf parlamentarische Auseinandersetzungen nehmen zu müssen.

Darüberhinaus fehlt der Regierung auf der Meta-Ebene ein Verständnis für die Komplexität natur­wüchsiger Wechselbeziehungen – dieses Verständnis kann ihr die heutige Naturwissenschaft zu­meist nicht bieten. Es ist aber die Voraussetzung, um Wissenschaft und gesellschaftliche Erwartung auf­einander abzustimmen. Stattdessen dominiert in der Politik ein technokratisches Welt- und Men­schen­bild, das im Grunde auf dem Niveau der klassischen Mechanik argumentiert und nahezu alles auf kausale Weise für machbar hält. Man müsse nur die Ursachen erkennen und entsprechend handeln. Das ist weniger als das scholastische Wissenschaftsverständnis, das zu Zeiten von René Descartes vor­herrschte: Alles in der Welt bewege sich durch Druck und Stoß, der menschliche Körper sei bloß eine „Gliedermaschine“.

Das wissenschaftliche Ethos, das Descartes einst auszeichnete und zu einem mutigen Skeptiker werden ließ, ist den Universitäten europaweit in den letzten Jahrzehnten abhanden gekommen: Der Abbau von Wissenschaft und Bildung wurde mit der Bologna-Reform erfolgreich in Angriff ge­nom­men. Die Universität versteht sich nicht mehr im Geist des Humboldtschen Universalismus, um der Erkenntnis willen zu forschen und zu lehren, sondern hat ein sozialdarwinistisches Social-Credit-System im Dienste kurzfristiger merkantiler Interessen etabliert. Die Beschränkung des Bachelor-Ab­schlus­­ses auf eine dreijährige theoretische Berufsausbildung beinahe ohne Praxisvermittlung spült junge, un­gebildete, sprich formbare Absolventen in die Konzerne – aber auch in die Ver­wal­tung und In­sti­tu­tionen der Daseinsvorsorge. Im besten Falle entsteht Fachwissen durch betriebs­interne Fort­bildungen und „Learning by doing“. Im schlimmsten Falle regiert die Unwissenheit. An die Stelle von Bildung ist Selbstoptimierung für den Arbeitsmarkt getreten. Die wissenschaftliche Neugier und das Bedürfnis, sich ganzheitlich zu einer Persönlichkeit zu entwickeln, findet zuweilen noch im Master­studium ein wenig Raum – hier sind die Plätze aber künstlich verknappt worden.

Der technokratische Ver­stand steht vor un­lösbaren Rätseln, wenn anstelle kausaler Ursache-Wirkungs­ketten, die unmittelbare Machbarkeit sug­gerieren, natürliche Zusammenhänge ent­scheidend sind. Was heute von der Regierung als Wissenschaftlichkeit bezeichnet wird, ist instru­men­ta­li­sierte Wissenschaft, also das Gegenteil von Wissenschaft. Es werden Unsummen in die Ent­wicklung experimenteller Impfstoffe investiert, während abenteuerliche „Teststrategien“ zeitgleich massive statistische Artefakte nach sich ziehen, die den Lockdown solange legitimieren, bis eine zermürbte Bevölkerung danach ruft, sich „freiimpfen“ lassen zu wollen. In Gefälligkeitsgutachten, erstattet von der Leopoldina oder etwa der Impfkommission, wird dem staatlichen Pharma-PR-Projekt  die Krone aufgesetzt, indem behauptet wird, alles sei „wissenschaftlich“, der PCR-Test sei valide, die neu­artigen, in Windeseile aus dem Labor hervorgezauberten Impfstoffe seien auch ohne Langzeitprüfung sicher und wirksam. Es ist nicht lange her, da schwätzten die Propheten vom „wis­sen­­­schaftlichen Kommunismus“, der gesetzmäßig wie die Jahreszeiten, den Kapitalismus ab­lösen werde. Das Gegenteil trat ein. Wissenschaftlichkeit eignet sich in jeder Art von Diktatur, der Willkür ein Mäntelchen scheinbarer Objektivität umzuhängen.

These 3: In Deutschland ist aller gegenteiligen Rhetorik zum Trotz ein wissenschaftsfeindlicher Umgang mit Corona seitens der Politik zu beobachten: Repräsentative Studien werden unterlassen, fun­da­mentale Statistik­fehler toleriert, die Obduktion von „Corona-Toten“ erst untersagt, dann erschwert – die Furcht vor wissen­schaftlicher Redlichkeit ist eine Folge des Abbaus des wichtigsten Rohstoffes, den dieses Land je hatte: Bildung.

Die skurrile Bevorzugung („Priorisierung“) der Wirtschaft gegenüber der Kultur führte während der Corona-Krise zu einem Radikalabbau von Schul- und Hochschulbildung – im Vergleich zu dieser, diesmal europäischen Kulturrevolution war die Bologna-Reform nur ein trockener Husten. Das gesamte akademische Leben wurde in sterile „digitale Lernformen“ verbannt, die einschließlich der Klausuren dank Videoübertragung in der Vereinzelung der Studentenbude abgehalten werden können. Der monate­lange Unter­richtsausfall an den vorbereitenden Schulen bereitet einem neuen Analphabetismus den Boden. Nicht nur Lesen, Rechnen und Schreiben wird für die Grund­schüler, die ihre ersten schulischen Erfahrungen monatelang im „Distanzunterricht“ erleiden mußten, zu den selten erlernten Künsten gehören. Vor allem Menschen, die imstande sind, zwi­schen den Zeilen zu lesen, Kontexte zu entziffern und systemisch zu denken, werden zu einer aus­sterbenden Species zählen.

Ende der Zahlenspiele! 4.1 Gesundheitsfetischismus

Von | 9. März 2021

„Unterm Himmel leben alle natürlich, ohne zu wissen, wie es kommt, daß sie le­ben;

alle erhalten es gleichermaßen, ohne zu wissen, wie es kommt, daß sie es erhalten …

Wer ein wenig verwirrt ist, verwechselt rasch die Richtung;

wer sehr verwirrt ist, zerstört seine natürlichen Anlagen.“ (Zhuangzi, 8.2)

Wie die Corona-Krise zu deuten ist und was sie zu bedeuten hat, ist gegenwärtig noch unklar. Im folgenden schreite ich Eckpunkte ab, um die Konturen der gesellschaftlichen Folgen zu erkunden, die uns in Namen von Corona ereilen.

„Woher weiß ich, daß die Freude am Leben keine Täuschung ist? Woher weiß ich, daß die Furcht vor dem Tod nicht einem jungen Wandergesellen gleicht, der nicht heim­kehren will? … Woher weiß ich, ob ein Toter seine frühere Sehnsucht nach dem Leben nicht bereut? … Na­türliche Unterschiede auszugleichen, gestützt auf all­mäh­liche Ent­wick­lung – das bedeutet, seine Lebensjahre bis zum Ende aus­zuschöpfen … Vergiß die Jahre, die dir zum Leben bleiben, vergiß die Recht­schaffenheit, brich auf ins Grenzenlose und wohne im Gren­zenlosen.“ (Zhuangzi, 2.12)

Nicht nur am Leben zu sein, sondern sich lebendig zu fühlen – das bedeutet „Gesundheit“, ein Begriff, der in den Kulturen recht verschieden verstanden wird. Erkennen die Lateiner in ihr die Abwesenheit von Krankheit in Form von „sanitas“, die mit Sauberkeit und Reinlichkeit verknüpft ist, verweist das indogermanische „sunto“ oder „suento“ auf „geschwind sein“. Schnelligkeit, Rü­stig­keit, Regesein – dies sind assoziative Wortfelder von „Gesundheit“ (Walde & Pokorny, 1927, S. 524).

Kulturhistorisch haben Reinlichkeit und Sauberkeit in der Viehzucht und in den öffentlichen Bädern (Sauna, Therme, Hamam) eine Rolle gespielt. Erstere war für die Ausbildung der mono­thei­stischen Religionen in Vorderasien ausschlaggebend. Neben dem Leittier sollte es kein zweites geben. Letztere hat den Genuß des Körpers der herr­schenden Schichten in Babylonien, Griechen­land und Rom geprägt. Marcus Terentius Varro hatte bereits im letzten Jahrhundert v.u.Z. erkannt, daß für viele Krankheiten kleine Tiere verantwortlich sind, die wir nicht sehen können (Rerum Rusticarum libri tres, 1.12). Gesundheit im Sinne von Rüstigkeit wird eher von Kulturen ins Auge gefaßt, die ihre Wehrhaftigkeit in den Vordergrund rücken.

Bedeutete Gesundheit zur Zeit des Sturm und Drang und des humanistischen Idealismus noch Spielfreude, so wurde sie im Zuge der „industriellen Revolution“, im Kohlenstaub und 16-Stunden-Tag, auf das pure Überleben reduziert. Einer der Begründer der Hygiene war der Arzt Johann Peter Frank (1745–1821), dessen sechsbändiges Werk den sprechenden Titel „System einer vollständigen medizinischen Policey“ trägt und die bis heute von der Politik heißgeliebte Verquickung von Heil­kunde und Staatsgewalt vorbereitet hat.

Der Kolonialismus zog die Eugenik als Theorie der Ver­bes­serung der „Volksgesundheit“ durch die Reinhaltung und das „Ausjäten der Rasse“ (Alfred Ploetz) nach sich, als Reflex auf die Begegnung mit indigenen Kulturen in Amerika, Australien und Afrika. Dank des Ritterschlags durch Darwins Evolutionstheorie wähnte sich die Eugenik vor dem Ersten Weltkrieg als Inbegriff und letzten Schrei der medizinischen Wissenschaftlichkeit und schaffte es, die europäischen Massen zu überzeugen – nicht zuletzt, indem sie jeder Nation einzeln vorgaukelte, sie sei die am höchsten und weitesten und besten entwickelte.

Der Rassenwahn der Nationalsozialisten stellte demgegenüber keine neue Qualität dar, sondern verknüpfte den Sozialdarwinismus mit technischer Durchsetzungs­macht, um  das Leben zahlloser Menschen auszulöschen. „Gesundheit“ stand nur den „Herren­menschen“ zu. Sie war ein Merkmal sozialer Differenz: der athletische Mann, die gebärfreudige Frau. Sport und FKK wurden gefördert, sie dienten als un­mit­tel­bare Voraus­setzung der Wehrhaftigkeit, die kultisch propagiert wurde, beispielsweise in Leni Riefenstahls Dokumentation der Olympiade von 1936. Das Rauchen dagegen wurde als rasseschädlich gebrandmarkt: Hitler, Mussolini und Franco verabscheuten es, Churchill’s Zigarre – wie später Helmut Schmidt’s Menthol-Zigarette – galt als Inbegriff der Freiheit, demon­stra­tiv in der Öffentlichkeit zum Glühen gebracht. In den Augen der Diktatoren war sie der Ausdruck eines perversen Liberalismus. Das Leben der anderen galt als min­der­wertig und durfte im Namen der Hygienegesetze straffrei verletzt und ver­nichtet wer­den. „Gesundheit“ mutierte zum Kampf­be­griff gegen den In­di­vi­dualis­mus. Für­sorg­liche Ärzte glauben schon lange zu wissen, was für das Volk gut ist.

In diesem Rahmen beteiligte sich auch das nationalsozialistisch umgekrempelte Robert-Koch-Institut seit 1931 an „wissenschaftlichen Versuchen am Menschen“ zum Zweck der Entwicklung neuartiger Heilbehandlungen, erforschte mit medizinischen Experimenten den Faktor „Rasse“ bei Tuberkulose und Viruserkrankungen, Diphterie und Fleckfieber.  Die Er­geb­nis­se, insbesondere die Stan­dardisierung und Ökonomisierung von Impfungen, stellten eine Dienstleistung für die Pharma­konzerne dar, die als kriegsrelevant galten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der rassenideologisch aufgeblähte Gesundheitsbegriff zu einer Wohlfühlkategorie weichgespült. Die kommerzielle Nutzung ließ ganze Produktserien in Dro­gerie­märkten und Apotheken wachsen, die keinem anderen Zweck folgen, als das subjektive Wohlbefinden zu steigern. In der Wohlfühlblase entfremdete sich der moderne Mensch der natür­lichen Umwelt, verlor das Gespür für Rhythmen (warm – kalt, drinnen – draußen, Sät­tigung – Fasten, Geschwindigkeit – Ruhe usw.), gierte nach vermeintlich lebensverlängernden, zumindest optisch die Jugendlichkeit erhaltenden Mittelchen und verlor die zwangsläufige Endlichkeit des menschlichen Lebens aus dem Blick. Der Tod wurde arbeitsteilig ins Bestattungswesen ausquartiert, verschwand aus dem Alltag. Die Erhöhung der Lebenserwartung eroberte den ersten Rang gesell­schaftlichen Strebens.

These 1: Die Corona-Krise hat tiefgreifende Wurzeln in der Angst des Menschen vor dem Tod. Diese Urangst ist durch keinen äußeren Fortschritt zu überwinden und bietet die Grundlage für alle Spielarten der Manipulation.

Jugendwahn und Unsterblichkeitswunsch sind Menschheitsthemen. Pharaonen und ägyptische Beamte, die sich einbalsamieren ließen, hingen ihm ebenso an wie Alchemisten, die Kügelchen aus getrocknetem Pferdemist formten und das ewige Leben versprachen. Im alten China wurde den Jüngern der Unsterblichkeitssuche Quecksilber als Elixier des Lebens verabreicht – nur eine kurze Ewigkeit war ihnen beschert, wie zu vermuten ist.

Im Jahr 2020 nach Christus ermittelte eine Allensbach-Studie, daß die überwältigende Mehrheit der Deutschen Ein­schränkungen der Freiheitsrechte akzeptiert, wenn sie der Gesundheit dienen: „69 Prozent der Befragten räumen dem Gesundheitsschutz einen Vorrang gegenüber Freiheits­rechten ein. Be­mer­kenswert ist dabei die Zustimmung über alle Generationen hinweg: Bei den über 60-Jährigen bewerten nur 10 Prozent die Freiheitsrechte höher als den Gesundheitsschutz, bei den unter 30-Jährigen sind es mit 14 Prozent kaum mehr.“ (Rechtsreport 2021 der Roland-Rechts­schutz­ver­sicherung auf Grundlage von 1.286 Interviews zwischen 1. und 11. November 2020)

Der Körper schlägt die Vernunft. Was an die Nieren geht, löst Gefühle aus. Der Verstand sagt adieu. Indem wir dem Fetisch „Gesundheit“ huldigen, wehren wir unsere Urangst ab: die Angst vor dem Sterben, die stärker ist als alles andere, weil wir ihm nicht entkommen. Wenn der Faschismus wieder­kehrt, dann trägt er einen weißen Kittel.

Willys Traum

Von | 27. Februar 2021

 

Willy hatte einen merkwürdigen Traum. Darin träumte ihm, dass er der Herrscher irgendeines Landes war, das im Traum nicht weiter bestimmt war, der absolute Herrscher. Und natürlich, dem Willy im Traum war völlig klar, dass eine solche absolute Herrschaft heute nicht lange funktionieren würde. Natürlich war Willy ein aufgeklärter absoluter Herrscher, es galt also sich an gewisse Prinzipien zu halten.

 

Agieren im Verborgenen

Der Willy im Traum hatte seinen Harry Potter genau gelesen. Besonders hatte ihn die Regierung des Dunklen Lords fasziniert. Der war nie der offzielle Herrscher, trat nie offen auf, aber das machte seine Herrschaft umso effektiver. Als Herrscher im Verborgenen war er der Herrscher, der über der Ordnung stand.

 

Die Freiheit bewahren

Selbstverständlich. Der Willy im Traum hat den Menschen nicht verboten zu verreisen. Er hat lediglich temporär untersagt, Hotels und Ferienwohnungen zu öffnen. Wegen Gründe. Auf diese Weise hat der Willy die Freiheit der Menschen bewahrt. Überhaupt: Jeder musste, wenn er irgendwo eine Dichterlesung oder ein Konzert besuchen wollte, sein Smartphone vorweisen. Das hatte zwar überhaupt keinen wirklichen Sinn, aber als bloße Unterwerfungsgeste war es unglaublich effektiv. Natürlich durfte niemand in der Regierung so etwas sagen wie: „Das Smartphone gibt den Menschen die Freiheit zurück“, Gott bewahre!

 

Keine Zensur

Aber klar, die Nachrichten wurden selbstverständlich nicht zensiert. Aber der Willy im Traum erhob von jedem Haushalt einen kleinen Pressebeitrag – für die Vielfalt. So entzog er dem Markt eine gewaltige Summe Geld, und die übrigen Verlage und Filmemacher, die nicht unter seiner Kontrolle standen, versanken mangels finanzieller Mittel in die bodenlose Bedeutungslosigkeit.

 

Brot und Spiele

Die Spiele kosteten den Willy im Traum kein einziger Euro, kein einziger Dollar. Das hatten alle mit ihrem kleinen Pressebeitrag selbst gezahlt. Der Traumwilly war beeindruckt: Die Tatortshooter und die Fernseh-Hack-and-Slay boten mehr blutige Unterhaltung an einem Tag, als das antike Rom im gesamten römischen Reich in einem Monat organisieren konnte. Und das Brot: Das musste billig sein. im Krieg hatte man ja das Brot mit allem möglichen gestreckt, sogar mit Holzspänen. Da waren die Möglichkeiten heute ins unerschöpfliche gewachsen. Da genügte es, wenn in einem Joghurt nur ein Prozent Milch war. Der Rest waren die billigen Zusatzstoffe.

 

////////////////////////////////

 

Der Willy, der dann wieder wach war, hatte den Traum fast vollständig vergessen. Nur eine Ahnung war ihm geblieben, die Ahnung, warum der Willy als absoluter Herrscher im Traum so erfolgreich war: Es war das Indirekte. Der Willy im Traum war der Herrscher einer indirekten Diktatur. Und das war wesentlich effektiver als eine direkte Diktatur. Und niemand konnte etwas dagegen sagen. Weil der Willy im Traum hat ja nichts verboten, und er war auch nicht der offizielle Herrscher. Der echte Willy, der etwas gegen den Traumwilly sagen wollte, der den Traumwilly stürzen wollte, der echte Willy hatte keine Chance – er versank sofort in einem Sprachsumpf, der Traumwilly entglitt dem echten Willy wie der Schatten des Lord Voldemorts aus diesem Harry Potter. Träumen war in diesem Traum vom Traumwilly übrigens nicht verboten worden, aber es war nicht möglich, wegen technischer Gründe, die Lautstärke am Smartphone auf Null zu stellen.

__ * _**.

Von | 14. Februar 2021

Strahlendblaue * Geometrie,
Geometrie strahlend * blau,
Strahlengeometrie bis * zu den Sternen
und an ihnen vorbei, zu der Stelle
wo einer herausfiel

Ein Muskel spielt * mit sich selbst

*

In der Teilbarkeit * der Zahlen
suchen drei Drittel * ihr

Zucken, andauerndes
Verwesen

**

Es wächst

Vorgestellt

Von | 7. Februar 2021

Jetzt stell dir mal vor, es klingelt an der Haustür und die ganze Familie steht draußen. Lustig machen sie sich, über das kleine Guckloch und den Briefkastenschlitz an deiner Eingangstür, das Treppenhaus sieht aus „wie bei Tante Käthe“ (schallendes Gelächter, da interessiert es keinen, ob es Sonntag zwischen eins und drei ist), dicke Blumensträuße werden ausgepackt und dir entgegengehalten (haste keine Vasen?), Tante geht in die Küche, Onkel freut sich über den schönen Ausblick: „Wer hat denn den Baum da hingestellt?“, abermals schallendes Gelächter, Kaffee wird angesetzt (das hättste aber auch schon mal vorbereiten können), der Kuchen allerdings ist „ein Gedicht“, und das Geschirr, na, das hattse doch alles von den Eltern. Die Nichte hat sich vom Freund getrennt, daher ist der nicht mit (na, das wusstest du doch?) und im Wohnzimmer sind die Clubsessel nicht so ganz nach dem Geschmack aller (da komm ich dann doch nicht mehr raus), und du schämst dich für deinen dünnen und fadenscheinigen Schreibtischstuhl, auf dem der kräftige und schnaufende Onkel kaum Platz findet – und dann kommst du aus der Küche, hast den Kaffee fertig, ein großes Stück Torte auf dem Teller und strahlst, na, das kann ich mir jetzt auch mal gönnen, nach zwanzig Wochen Quarantäne.

Ende der Zahlenspiele! 3. Übersterblichkeit als Spekulationsobjekt

Von | 3. Februar 2021

Die Beschwörung der Corona-Krise konfrontiert die Bevölkerung permanent in den Nachrichten­sendungen mit der Zahl der Todesfälle. Seit dem Zweiten Weltkrieg war die Sterblichkeit des Menschen vor allem ein privates Thema, über das selbst innerhalb der Familien nur schwer gesprochen werden konnte. Es blieb spezialisierten Berufen, vor allem dem Bestattungswesen, vor­be­halten, eine professionelle Routine im Umgang mit dem Tod zu entwickeln. In einer Deutsch­landfunk-Reportage berichtete ein Berliner Bestatter, daß sich früher, d.h. vor der Corona-Zeit, niemand für seinen Beruf interessiert habe. Nun seien die Sterbefälle in den Mittelpunkt gerückt.

Tatsächlich kann es eine Chance bedeuten, der Endlichkeit des menschlichen Daseins wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Drehte sich in früheren Jahrhunderten darum der Kern der Religionen, so hat der Einzug des Atheismus im Gleichschritt mit dem „wissenschaftlichen Weltbild“ im Laufe des 20. Jahrhunderts auch zu einer Verdrängung des Todes, zur marktwirtschaftlichen Verwertung der Illusion ewiger Jugend beigetragen. Die Wellness-Industrie ist voll von Antiage-Produkten.

Die Corona-Krise führte jedoch nicht zu einem umfassenden Blick auf das Sterben, sondern fokussierte lediglich eine, scheinbar entscheidende Frage: Bewirkt das Coronavirus eine substanzielle Übersterblichkeit oder ist die „tödliche Wirkung“ des Virus ähnlich einzuordnen wie die Folgen schwerer Grippeepidemien der vergangenen Jahrzehnte? Darüber wurde und wird derzeit viel spekuliert. Mir erscheint es zunächst wichtig, auf die Engführung des Themas hin­zuweisen – sie ist charakteristisch für den öffentlichen Diskurs in der Corona-Zeit überhaupt: Einzelaspekte, die Corona betreffen, werden monothematisch in den Vordergrund gerückt, Kon­texte wer­den ausgeblendet.

In diesem Beitrag ordne ich die statistischen Zahlen zu Sterbefällen in längerfristige Zu­sam­menhänge ein und berechne daraus einen Erwartungswert, mit welcher Sterblichkeit im Jahr 2020 in Deutschland ohne Corona zu rechnen gewesen wäre. Die zugrundegelegten Daten stammen vom Stati­sti­schen Bundesamt sowie vom RKI. Ziel der Betrachtung ist es, Scheindebatten zu beenden und den Blick wieder zu weiten. Dazu wähle ich einen trichterförmigen Fokus: Ich beginne mit einem gröberen zeitlichen Maßstab, um langfristige Verläufe sichtbar zu machen, und wende mich erst danach dem „mikroskopischen“ (monatsgenauen) Maßstab zu, um die besondere Dynamik im Jahr 2020 zu erkennen.

Sterberate_1970_2020

Abbildung 3: Sterberate in Deutschland in den letzten 50 Jahren (Fälle je 1000 Einwohner, Quelle: Stat. Bundesamt)

Um die Sterblichkeit über einen längeren Zeitraum einordnen zu können, bietet es sich an, einen Blick auf die Sterberate zu werfen. Damit sind die Sterbefälle je 1000 Einwohner ge­meint. Auf diese Weise werden Schwankungen in Bezug auf die Bevölkerungszahl, die die Rohzahl der Sterbefälle beeinflußt, herausgerechnet. Denn anzunehmen ist, daß bei einer größeren Be­völ­kerungszahl auch mehr Sterbefälle vorkommen, ohne daß sich dabei die Sterberate geändert hat.

Zu erkennen ist ein typischer U-förmiger Verlauf: Während die Sterberate von den 1970er Jahren bis zum Jahr 2000 um 2.4 Promille gesunken ist, wächst sie im neuen Jahrtausend wieder an. Als Hintergrund dafür kommt vor allem der Anstieg der Lebenserwartung in Betracht: Indem der Anteil der Älteren in der Bevölkerung zunimmt, wächst auch die Zahl der Sterbefälle über­proportional – denn die Steigerung der Lebenserwartung nimmt nicht ins Unendliche zu, sie stößt stets auf eine Grenze, auch wenn diese sich dank des medizinischen Fortschritts zunehmend ins höhere Alter verschiebt. Das erneute Anwachsen der Sterberate ist daher Ausdruck einer an sich erfreulichen Erhöhung der Lebenserwartung in den letzten zwanzig Jahren: In Deutschland ist die Zahl der Über-80jährigen von 2004 bis 2014 um 987.000 auf rund 4,5 Millionen gestiegen. Das entspricht einem Plus von 27.8%. Der Anteil der sogenannten Hochaltrigen an der Gesamt­be­völ­kerung lag Ende 2014 bei 5.6%, 2004 betrug er nur 4.3%.

Eine zweite Erkenntnis drängt sich bei der Betrachtung der Sterberate in den letzten fünfzig Jahren auf: Obwohl der Trend seit dem Jahr 2000 wieder steigend ist, wurde das 12.8-Promille-Allzeithoch von 1969 im Jahr 2020 nicht erreicht. Auch dies ist eine an sich gute Nach­richt. Momentan entspricht die Sterberate in Deutschland in etwa der des Jahres 1990. Durch die öffentlichen Medien geisterte demgegenüber die Behauptung, eine höhere Sterb­lich­keit als 2020 habe es zum letzten Mal vor fünfzig Jahren gegeben – hierbei handelt es sich um eine  offensichtliche Fehlinterpretation, die verbreitet wurde.

Um abzuschätzen, ob im Jahr 2020 in Deutschland eine Übersterblichkeit zu verzeichnen ist, betrachten wir im folgenden den Trend der letzten zehn Jahre. Wir befinden uns damit auf dem wieder ansteigenden Ast des U-förmigen Verlaufes:

Sterbefaelle_2010_2020

Abbildung 4: Sterbefälle in Deutschland Zuwachs zwischen 2010 und 2019 (Quelle: Stat. Bundesamt)

Dabei beobachten wir annähernd eine lineare Steigerung in Höhe von 11310 Sterbefällen pro Jahr (95%-Konfidenzintervall 7555; 15065) zwischen den Jahren 2010 bis 2019 (durchgezogene rote Linie) – diese Zeitspanne legen wir nun zugrunde, um die Zahl der zu erwartenden Sterbefälle im Jahr 2020 zu schätzen. Das Sta­tistische Bundesamt verglich die Sterbefälle im Corona-Jahr lediglich mit dem Durchschnitt der  vier voran­gegangenen Jahre – diese Vergleichsgröße ist aber unzureichend, da sie den natürlichen Zuwachs der Sterbefälle in den letzten Jahrzehnten nicht berücksichtigt. Tat­sächlich steckt in der Zahl der Sterbefälle eine Dynamik, die bei einer Bezugnahme auf den Durch­schnitts­wert der Vorjahre nicht abgebildet wird.

Wir erkennen, daß sich Über- und Untersterblichkeit in Deutschland in einem ziemlich festen Rhyth­mus ab­wechseln. Betrachten wir die Differenz zum Vorjahr, so folgt in der Regel auf zwei Jahre mit einer Steigerung der Sterbefälle ein Jahr, in dem die Zahl der Sterbefälle im Vergleich zum Vorjahr geringer ausfällt. In diesem Rhythmus erhöht sich in den letzten beiden Jahrzehnten  sukzessive die Sterberate in Deutschland.

In Abbildung 4 habe ich daher zusätzlich den Mittelwert jeweils zweier aufeinander folgender Jahre eingetragen (blaue Linie) – damit glätten sich die Jahres­schwankungen der Sterblichkeit. Die blaue Linie paßt sich der Geraden, die den linearen Anstieg der Sterbefälle modelliert (rote Linie), deutlich besser an. Hinter der rhythmischen Schwankung von Über- und Untersterblichkeit  steckt das natürliche Phäno­men, daß auf eine Saison, in der – z.B. witterungsbedingt – weniger gestorben wurde, eine Saison folgt, in der mehr Menschen sterben werden. Besonders markant entsprach das Jahr 2015 dieser Regel (Abbildung 5): War zuvor die Grippewelle 2014 sehr mild ausgefallen, so wütete sie 2015 um so mehr – mit der Folge, daß bereits 2016 wieder eine Untersterblichkeit zu ver­zeichnen war. So berichtete die Apotheker-Zeitung vom 9. März 2017: „Die meisten Todesfälle in den ver­gangenen Jahren gab es mit geschätzten 21.300 in der Grippesaison 2014/15.“ Es folgte eine Atempause in der Saison 2015/16 und 2016/17, bevor 2017/18 erneut eine außergewöhnlich starke Grippewelle nach Schätzungen rund 25.100 Menschen in Deutschland das Leben kostete. „Das sei die höchste Zahl an To­des­fällen in den vergangenen 30 Jahren, wie der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, erklärte“, war in der Ärzte-Zeitung vom 30. September 2019 zu lesen. Daraufhin folgte 2018/19 und – wie es zunächst schien – auch in der Saison 2019/20 wieder eine Atempause.

Sterbefälle_2010_2020_Vorjahr

Abbildung 5: Differenz der Sterbefälle in Deutschland zum Vorjahr: (unbemerktes) Maximum 2015

Die maximale Vorjahresdifferenz und damit gravierendste Sterblichkeitsdynamik der letzten zehn Jahre war mit 56.844 zwischen 2015 und 2014 zu beobachten. Die Vorjahresdifferenz zwischen 2020 und 2019 folgt mit 42.969 auf dem zweiten Rang (Abbildung 5).

Nimmt man die natürliche Steigerung zwischen 2010 und 2019 als Grundlage, um die Zahl der Sterbe­fälle zu schätzen, so ergibt sich nach dem einfachen Modell der linearen Re­gression folgende Formel:

 Sterbefälle in Deutschland = 11310 x Jahr – 21.883.005

Empirisch korreliert die Zahl der Sterbefälle in diesem Zeitraum signifikant in Höhe von .92** mit dem Ka­lenderjahr. Ein lineares Modell zur Schätzung der zu erwartenden Zahl der Sterbefälle im Jahr 2020 erscheint damit gerechtfertigt.

Jahr

Differenz zur Erwartung

%

Bewertung

2010

8.673

1.0

Übersterblichkeit

2011

-9.077

-1.1

Untersterblichkeit

2012*

-6.133

-0.7

Untersterblichkeit

2013

9.800

1.1

Übersterblichkeit

2014

-26.979

-3.1

Untersterblichkeit

2015

18.555

2.0

Übersterblichkeit

2016*

-10.053

-1.1

Untersterblichkeit

2017

3.007

0.32

Übersterblichkeit

2018

14.299

1.5

Übersterblichkeit

2019

-12.365

-1.3

Untersterblichkeit

2020*

16.294

1.66

Übersterblichkeit

Tabelle 3: Abfolge von Über- und Untersterblichkeit in Deutschland 2010-2020 (mit Sternchen wurden Schaltjahre gekennzeichnet, ihne wurde aufgrund des zustzlichen Tages im Februar ein um 3000 höherer Erwartungswert zugerechnet)

Über- und Untersterblichkeit wechseln sich auch nach diesem Modell in einem gewissen Rhy­thmus miteinander ab. In pros­pe­­rierenden Zeiten mit steigender Lebenswartung gibt es in der Re­gel häu­figer Phasen der Über­sterblichkeit, da der Anteil hochbetagter Menschen wächst. Mit dem Alter aber nimmt natürlicherweise auch die Zahl der Vorerkrankungen zu, während das Immunsystem schwächer wird.

Für das Jahr 2020 ist nach diesem Modell eine Übersterblichkeit in Deutschland zu konstatieren. Sie liegt der Größenordnung nach zwischen der Übersterblichkeit des Jahres 2015 und der des Jahres 2018. Dabei ist zu be­rück­sichtigen, daß 2020 ein Schaltjahr war und aufgrund des zusätzlichen Tages im Februar er­war­tungs­gemäß die Zahl der Sterbefälle um 3000 höher ausfallen sollte.

Versuchen wir, die Übersterblichkeit des Jahres 2020 noch etwas genauer einzugrenzen und nähern uns der Frage, ob sie durch Covid-19 erklärt werden kann. In der folgenden Übersicht wer­den die Berechnungsgrundlagen für die Bewertung der Sterblichkeit in Deutschland sowie des dazu­gehörigen Konfidenzintervalls (95%) zusammengefaßt:

Schätzung der Übersterblichkeit 2020:
Sterbefälle 2020

982.489

linearer Erwartungswert (2010-2019) für 2020

-963.195

Schaltjahrmalus

-3000

Differenz zum Erwartungswert

16.294

Übersterblichkeit 2020 in %

1.66%

Oberer Erwartungswert für die Sterblichkeit 2020

-969.950

Differenz Sterbefälle vs. Erwartungswert 2020

12.539

Übersterblichkeit 2020 in % (untere Grenze)

1.27%

Unterer Erwartungswert für die Sterblichkeit 2020

-962.440

Differenz Sterbefälle vs. Erwartungswert 2020

20.049

Übersterblichkeit 2020 in % (obere Grenze)

2.04%

Zum Anteil der „Coronatoten“ an der Gesamtsterblichkeit:

Zahl der an Covid-19 Verstorbenen lt. RKI

33.071

Anteil der „Coronatoten“ an den Sterbefällen 2020

3.4%

Anteil der „Coronatoten“ an der Übersterblichkeit

203% (165% – 264%)

Anteil der „Übersterblichen“ an den „Coronatoten“

49% (39% – 61%)

Zum Vergleich 2015:

Sterbefälle 2015

925.200

Linearer Erwartungswert für die Sterblichkeit 2015

-906.645

Differenz Sterbefälle vs. Erwartungswert 2015

18.555

Übersterblichkeit 2015 in %

2.0%

Tabelle 4: Schätzung der Übersterblichkeit in Deutschland 2020 und des Anteils, den Covid-19 dazu beigeragen hat (Grundlage: lineares Modell der Sterbefälle 2010-19)

In Deutschland war im Jahr 2020 ohnehin mit einer höheren Sterblichkeit zu rechnen als 2019. Unter Berücksichtigung des in den letzten zehn Jahren zu beobachtenden Trends in der Ent­wicklung der Sterbezahlen ist von einer Übersterblichkeit von 1.66% mit einem Konfidenz­inter­vall zwischen 1.27% und 2.04% im Jahr 2020 auszugehen – dies ist die zweithöchste Über­sterblichkeit der letzten zehn Jahre und insgesamt als moderat zu beurteilen – so auch die Einschätzung des Sta­tistischen Bundesamtes. Das bisherige Maximum von 2% Übersterblichkeit im Jahr 2015 wurde 2020 nicht über­troffen. Vielmehr liegt die Übersterblichkeit 2020 in etwa gleichauf mit der des Jahres 2018. Die Unterschiede erweisen sich nicht als sig­nifikant, sondern fallen in das Fehlerintervall der Zählungen.

Bemerkenswert ist, daß die Zahl der offiziell als „Verstorbene an oder mit Covid-19“ um mehr als das Doppelte über die Zahl der Fälle, die die Übersterblichkeit begründeten, hinausging. Das heißt, wenn Covid die einzige Ursache für die Übersterblichkeit gewesen sein sollte, dann war bei etwa der Hälfte der wegen Corona Verstorbenen statistisch zu erwarten, daß sie auch ohne Covid im Jahr 2020 sterben würden. Realistischerweise ist von einer deutlich höheren Zahl dieser Sterbefälle aus­zugehen, denn es ist unwahrscheinlich, daß außer Covid kein anderer Grund die Über­sterblichkeit im Jahr 2020 herbeigeführt hat: Depression, Vereinsamung und Existenzangst, verschobene Opera­tionen, vernachlässigte Vorsorgeuntersuchungen und überhaupt die weithin beklagte Mei­dung ärzt­licher Hilfe im Coronajahr sind als weitere treibende Faktoren der Über­sterblichkeit an­zu­nehmen.

Damit kommt das Dilemma der bisherigen Corona-Politik auf den Punkt: Der Befund legt nahe, daß eine Inflation an falsch-positiven Testergebnissen zu einer verzerrten Wahrnehmung des Anteils der „Corona­toten“ an der Gesamtsterblichkeit beigetragen hat. Eine seriöse Gesundheitspolitik kon­zen­triert die medizi­ni­schen Kapazitäten auf die echten Krankheitsfälle, schützt so weit möglich die ge­fähr­deten Gruppen, aber verzettelt sich nicht im sportlichen Eifer, auch überall dort Corona fest­zustellen, wo es nicht ist, so daß eine Inflation falsch-positiver Fälle das Gesamtsystem ruiniert.

Ein Blick auf die Statistik der Todesursachen in Deutschland offenbart sofort, in welcher Großen­ordnung die Fixation auf Corona als das vermeintliche „Killervirus“ zu einem Neglect beigetragen hat. Der Einengung der Aufmerksamkeit auf eine Erkrankung, die in den meisten Fällen ver­gleichs­weise moderat verläuft und sich im Vergleich zu Herz-Kreislauf und Krebs­erkrankungen als seltene Todesursache erweist, kann selbst bereits ein Krankheitswert zugeschrieben werden: als psy­chische und/oder Verhaltensstörung. Statistisch ist zu befürchten, daß die mittlerweile in weiten Teilen der Be­völkerung verbreitete Corona-Angst weitaus gefährlichere und auch tödlichere Folgen nach sich zieht, als die biologische Wirkung des Virus, wenn es auf ein intaktes Immunsystem trifft.

Todesursache

2019

%

2015

%

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

331.200

35.3

356.616

38.5

Krebs

231.300

24.6

226.337

24.5

Atemwegserkrankungen

67.021

7.1

68.300

7.4

Psychische und Verhaltensstörungen

57.839

6.1

44.590

4.8

Krankheiten des Verdauungssystems

33.626

3.6

39.844

4.3

Verletzung oder Vergiftung

41.779

4.4

36.496

3.9

Covid-19 (2020)*

33.071

3.4

Infektiöse und parasitäre Krankheiten

16.194

1.7

19.943

2.2

Stürze

16.657

1.7

12.867

1.4

Suizid

9.041

0.96

10.078

1.1

Verkehrsunfälle

3.059

0.3

3.688

0.4

insgesamt

939.520

925.200

Tabelle 5: Todesursachen in Deutschland nach Zahl der Verstorbenen (Quelle: Statistisches Bundesamt, * RKI)

Ich bin gespannt auf die Todesursachen-Statistik für 2020, die im Laufe des Jahres 2021 vom Sta­tistischen Bundesamt herausgegeben wird: Wenn Covid in nennenswerter Größenordnung an­stelle anderer Todesursachen gezählt wurde (obwohl es möglicherweise nicht ausschlaggebend war), dann ist zu erwarten, daß die Häufigkeit anderer Todesursachen im Jahr 2020 geringer ausfällt, als es aus dem Trend der letzten Jahre zu erwarten wäre.

Werfen wir nun einen „mikroskopischen“ Blick auf die Verteilung der Sterblichkeit in den ein­zelnen Monaten des Jahres 2020 – dies entspricht der „Sonderauswertung“, die vom Statistischen Bundesamt Ende Januar 2021 vorgelegt und in den öffentlichen Medien verbreitet wurde. Als Referenz wurde vom Stati­stischen Bundes­amt der Durchschnitt der Sterbefälle der Jahre 2016-19 heran­ge­zogen. Zur Auswahl dieser Vorjahre ist kritisch anzumerken, daß sie das  Jahr 2015 ausklammert, das hinsichtlich der Übersterblichkeit am ehesten mit 2020 vergleichbar ist – damit fällt die Bilanz ungünstiger aus, als es bei einem fairen Vergleichsmaßstab der Fall wäre. Für 2015 liegen jedoch weder beim Statistischen Bundesamt noch bei Eurostat monatsgenaue Sterbeziffern für Deutschland vor. Um die Größenordnung des Anteils der an oder mit Covid Verstorbenen zu verdeutlichen, habe ich ergänzend die Schwankungsbreite (SB) der Jahre 2016 bis 2019 als graue gestrichelte Linie ein­getragen:

Sterbefälle_2020_monatsgenau

Abbildung 7: Sterbefälle pro Monat in Deutschland 2020 (Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes)

Bis Ende Oktober überschreitet die Zahl der laut RKI an oder mit Covid Verstorbenen nicht die Schwankungsbreite, die in den Jahren 2016-19 zu beobachten war. Auch der überdurchschnittliche Aprilwert – von dem die einen behaupten, er sei eine Folge des Virus, während die anderen meinen, er sei eine Folge des Lockdown – bewegt sich im Rahmen der Schwankungsbreite der voran­­gegangenen vier Jahre. Erst im November und Dezember des Jahres 2020 begann die Zahl der offiziell als „Coronatote“ registrierten Verstorbenen die sonst übliche Schwankungsbreite für diese Mo­nate substanziell zu übersteigen. Im Vergleich überschreitet der Dezember 2020 das Allzeithoch der letzten 30 Jahre vom März 2018 nicht – damit läßt sich die Einordnung der Gefährlichkeit von Covid in die Größenordnung schwerer Grippewellen nicht als falsch zurückweisen. Zu dieser Einschätzung gelangte auch eine Arbeitsgruppe des RKI im Ärzteblatt vom Februar 2021 (Rommel et al., 2021).

Schließlich suggeriert die monatliche Aufschlüsselung der Sterbefälle des Jahres 2020 eine weitere These: Wenn es überhaupt einen Einfluß des Lockdown gibt, dann hat er im Frühjahr dazu beigetragen, die Sterbewelle im Herbst vorzubereiten – denn wir haben oben ja gesehen, daß Phasen der Untersterblichkeit und der Übersterblichkeit natürlicherweise einander abwechseln. Zu Beginn des Jahres 2020 war in Deutschland bis Ende März eine Untersterblichkeit zu verzeichnen. Das RKI meldete bereits Mitte Februar, daß die Grippeausbreitung auf ein Allzeittief gesunken sei und der Ausbreitung im Sommer entspreche. Daraus erwächst zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit, daß in der nächsten Saison, d.h. im Herbst 2020 und Winter 2021, natürlicherweise eine Übersterblichkeit auftreten wird.

Zum Abschluß möchte ich die Erkenntnisse zur Übersterblichkeit 2020 auf den europäischen Vergleich anwenden. Gestützt habe ich mich auf den Datenpool von Eurostat, der vom Statistik-Amt der Euro­päischen Union gepflegt wird. Damit die Ergebnisse nachvollziehbar sind, wurde für die folgenden Länder zunächst die Zahl der Sterbefälle im Jahr 2020 aufgeführt. Die Schätzung der Über­sterblichkeit erfolgte anhand von drei Modellen, der Einfachheit halber nicht anhand einer Regressionsanalyse, sondern anhand des durchschnittlichen jährlichen Zuwachses:

Exzess 1 (statisch): Schätzung ohne Zuwachs, als Vergleichsgröße dient der Durchschnitt der Jahre 2015 – 2019, zzgl. des Schaltjahrmalus’ (365stel des Jahres 2019)

Exzess 2 (langgfristig dynamisch): als Vergleichsgröße dient das Elffache des durch­schnittlichen Zuwachses zwischen 2010 und 2019 (Faktor 2), zzgl. Schaltjahrmalus

Exzess 3 (kurzfristig dynamisch): als Vergleichsgröße dient das Vierfache des durch­schnitt­lichen Zuwachses zwischen 2016 und 2018 (Faktor 3), zzgl. Schaltjahrmalus

Zu erkennen ist, daß zwischen 2010 und 2019 nicht in allen Ländern ein Anwachsen der Sterbefälle wie in Deutschland zu beobachten war. Ein Rückgang der Sterbefälle in diesem Zeitraum drückt sich in der folgenden Übersicht durch einen negativen Faktor aus. Er war in Norwegen, Estland und Schweden zu verzeichnen. In Island und Dänemark blieb die Zahl der Sterbefälle in den letzten zehn Jahren vor Corona nahezu konstant. In den übrigen Ländern, die bereits 2010 Sterblichkeitsziffern an Eurostat gemeldet haben, war ein Anwachsen der Sterbefälle in den Jahren vor Corona festzustellen.

Geradezu dramatisch stellt sich der Zuwachs der Sterbefälle vor Corona dar, wenn man die drei Jahre 2016-2018 betrachtet – in diese Zeit fällt die verheerende Grippewelle der Saison 2017/18, die europaweit zur einer Zunahme der Sterbefälle führte (außer in Island). Der öffentlichen und medialen Wahrnehmung blieb diese Dynamik weitgehend verborgen – die Politik reagierte in keiner Weise darauf.

Land 2020 Exzess 1 % Faktor 2 Exzess 2 % Faktor 3 Exzess 3 %
Norway (*) 41053,00 179,25 ,44 -4,60 448,65 1,09 92,67 -1143,95 -2,79
Iceland 2321,00 63,81 2,75 28,00 25,81 1,11 -16,00 187,81 8,09
Denmark (*) 55473,00 1725,59 3,11 72,00 1448,59 2,61 831,67 -3099,41 -5,59
Estonia* 16188,00 688,59 4,25 -10,60 824,59 5,09 123,33 -75,01 -,46
Germany (*) 982489,0 47361,37 4,82 8075,20 32319,77 3,29 14657,33 -33229,0 -3,38
Hungary 141665,0 11020,05 7,78 179,40 11865,45 8,38 1443,67 -1329,15 -,94
Sweden 96941,00 7729,36 7,97 -206,50 10976,06 11,32 288,67 3393,56 3,50
Italy* 705116,0 60295,45 8,55 5045,33 20274,45 2,88
Greece* 134003,0 11662,00 8,70 612,00 6665,80 4,97
France* 677589,0 72250,86 10,66 5650,00 37704,26 5,56
Austria (*) 91527,00 9955,16 10,88 621,30 9125,26 9,97 1073,67 1892,56 2,07
Portugal* 124948,0 13814,19 11,06 790,80 12377,79 9,91 888,00 8649,59 6,92
Switzerland (*) 75605,00 8511,83 11,26 628,30 7276,73 9,62 746,33 2156,03 2,85
Netherlands* 171175,0 20257,60 11,83 1866,40 17346,40 10,13 1558,67 11554,80 6,75
Czechia (*) 130684,0 19164,64 14,66 756,50 17580,54 13,45 1789,00 6469,04 4,95
Belgium* 128817,0 18920,72 14,69 593,20 19490,72 15,13 936,33 10492,92 8,15
Spain* 501029,0 81197,05 16,21 4340,70 80637,55 16,09 5955,33 36309,25 7,25
Poland (*) 484021,0 80849,42 16,70 3769,70 71510,52 14,77 8119,67 32334,22 6,68
UK* 699632,0 578194,8 82,64 5357,67 54103,96 7,73

Tabelle 4: Übersterblichkeit 2020 im europäischen Vergleich (Berechnungen auf Grundlage der Datenbasis von Eurostat);   * Länder mit Lockdown, (*) Länder mit teilweisem Lockdown 2020; Tschechien, Griechenland, Italien, Großbritannien und die Schweiz lagen die Zahlen für die letzten Wochen des Jahres 2020 noch nicht vor und wurden geschätzt (Stand 2.2.2021); für Italien, Griechenland, Frankreich und Großbritannien lagen keine Sterbeziffern für das Jahr 2010 vor.

Die Spalte „Exzess 1“ gibt im Wesentlichen das Bild wieder, das in den öffentlichen Medien ge­zeichnet wird, wenn sie sich auf den Maßstab des Gesamtjahres 2020 einlassen und nicht einzelne Mo­nate oder gar Wochen willkürlich aus dem Geschehen herausgreifen. Um die Orientierung zu erleichtern, habe ich die Tabelle nach dieser Maßzahl aufsteigend geordnet. Wir sehen zum einen, daß auch nach der unrealistischen statischen Schätzmethode etwa bei der Hälfte der Länder die vermutete Übersterblichkeit unter 10% und damit gering ausfällt. Besonders gut schneidet Norwegen ab. Zum anderen fällt auf, daß Länder mit einer geringeren Übersterblichkeit häufig keinen oder nur einen teilweisen Lockdown verhängt haben, während sich in Ländern, die sich durch einen besonders harten Lockdown hervortaten, auch die Sterbefälle häuften. Besonders krass ist dieser Effekt in Großbritannien festzustellen.

Berücksichtigt man den bereits in den Jahren 2016-18 weitgehend unbemerkt gebliebenen dynamischen Anstieg der Sterbefälle in Europa (außer Island), dann fällt die Übersterblichkeit im Corona-Jahr 2020 deutlich geringer aus (Spalte „Exzess 3“). Im Vergleich zu diesem Maßstab war in Norwegen, Dänemark, Estland, Deutschland und Ungarn sogar eine Untersterblichkeit zu verzeichnen. Die Übersterblichkeit von Italien, der Schweiz und Österreichs sowie Schwedens sinkt dann auf eine geringe Größenordnung. Lediglich Island hat einen stärkeren Anstieg der Sterbefälle zu beklagen – der aber mit dem spezifischen Rückgang der Sterblichkeit in den Vorjahren zusammenhängt.

In der Konsequenz läßt sich zusammenfassen, daß im Corona-Jahr 2020 eine Entwicklung er­kenn­bar wurde, die bereits in den Vorjahren unter dem Etikett der Grippewellen zumindest 2015 und 2018 dramatische Züge angenommen hatte, ohne das öffentliche Bewußtsein zu erreichen. Durch die Zuschreibung der Gefährlichkeit an ein neues Virus gelang es, das Phänomen der Sterblichkeit des modernen Menschen, seine Naturwüchsigkeit und seine Abhängigkeit von gesell­schaft­lichen wie auch biologischen (virologischen) Kontexten wieder ins Auge zu fassen – so sehr das nervt oder schmerzt. Im Rückblick erscheint die Fixierung auf das Coronavirus als vermeintlich einzige Gefahr übertrieben. Psychologisch reizt sie zur Abspaltung und Dissoziation, zur Aufsplitterung des gewohnten ganzheitlichen Lebensvollzuges der sich in Freiheit wähnenden Men­schen. Wie paradox mutet es an, daß im Zuge der Pandemiebekämpfung alles, was Leib und Seele gesund hält, Sport, Geselligkeit, sinnstiftende Tätigkeit, Genuß und Selbstwirksamkeitserleben verboten oder zumindest stark eingeschränkt wird?