* * *

Gegen
das Verbot des Königs
k√ľsst¬†Antigone
ihren toten Bruder
ohne Maske.

Genre: Erinnerungsbrösel, Trauersymmetrie

Aus: Gespräch mit Dir (2013 Р?)

Die Lust, etwas zu schreiben.
Die Erinnerung an gestern Abend,
mit dir. Der Duktus des gerade
Gelesenen, wirkend. Spiegelneuronen…
Das Gelesene wirkt, die Phantasie
arbeitet. Du bist nicht du,
und nicht sie. Sie – eine
andere, ferne.

*

So sind wir beieinander & kennen uns nicht.

**

Anarchisches Teetrinken (Baal…)
und der Schnitt, Entschluss zum
Handeln – Entscheidung … sie
war Körper, damit du Denken
werdest. Denn sie sie liebt dich

*

Yeah, yeah, yeah … erzwungenes
Abtauchen, zum Gl√ľck schlafen
noch alle … das Becken hat jetzt nur
einen Besucher; ich denke an
dich, denn du bist mir nah

Genre: Gem√ľtstiefe

[wegelbach

in den stillen winkeln der wiesen
die gräser zittern noch
vom licht
von den wilden gedanken
wie es fr√ľher war
unter dem schnee unter
den hufen der huftiere
damals lebten unter der erde noch zwerge
alle sind
alles ist

verschwunden

der wolkenhimmel
streift die fehlenden zäune
sie taten dem gras gut und
sch√ľtzten es
vor der unbill der zeit

Genre: Erinnerungsbrösel, Rezensionen, Trauersymmetrie

Und (365)

immer noch die Natur, die keine Spr√ľnge macht;
geh’ (endlich) arbeiten!

Genre: Erinnerungsbrösel

Rhythmen

auf trockenes Laub
der Klang fallender Tropfen
ist fraglich

auch Winter haften nicht (am Boden)
f√ľr nichts, weder Schnee
noch Stille

wie Zugvögel, Zeitgenossen
d√ľnn ist das Brot der Magerjahre
mit Durst in vier Himmels-Lichtungen

das Licht kreist und fällt
Wasserläufe in Schluchten
ermächtigen den Keimling

Genre: Realitätsschatten, Trauersymmetrie

o t 2

es gibt das fernsehen und
das nahsehen
das ohr
an deinem puls
es gibt die ewige frage nach dem huhn oder dem ei

Genre: Rezensionen

* **

Weil die fremde Erfahrung verständlich ist,
braucht man sie selbst nicht zu machen.

Der Chronist schaut sich selbst beim Leben zu, der
Leser wendet sich schaudernd ab.

Die dunkle Romantik sollte die wahre Romantik werden,
Gef√ľhl ohne Strich und Komma.

Was davon bliebe: Strich & Faden,
nach

den Gewittern ist vor dem Gewitter.

*

Das Kind liebt die Eltern, aber weiß es nicht.
Selbstliebe ist Kindesliebe.

Wer immer wen liebt, hat eine Nuss zu knacken: “Aber
nun sei doch nicht gleich ein Eichh√∂rnchen!” (Frosch

auf goldener Kugel, akrobatisch statisch)

**

Hegel: F√ľr das Kind ist irgendwann alles
Liebe; in der dritten Person.

“Symbol der Sittlichkeit”

Brecht: Wo aber keine ist, sterben sogar diese.
Was schwer zu machen ist. Zu machen wäre.

“Wo aber”

Genre: Gem√ľtstiefe

Erinnerung

Hier f√ľhrt die Aorta direkt zu den Sternen.

Auf dem Pass war es am höchsten: Schmerz
War Gesang, Wolken Gas
In fl√ľssigem Zustand. Logik Gef√ľhl, der Yak ein Eimer.
Der Schädel Рmeiner oder deiner? war nurmehr Helm,
Helmbrecht Milchkuh. Bertold: – einer nur,
Einer von hier. Und dort nur Wasser, so weit das Auge reicht.
Wasser und Wolken

Genre: Erinnerungsbrösel, Realitätsschatten, Rezensionen

Featuring : Osip Emil’evic / Ossip non gossip, gen. M’scht. : 1910 (lange her)

Der Drache

(Celansche √úbersetzung ohne Titel)

[Wahrscheinlich als Markierung des schlechten Gewissens dem Originaltextautor gegen√ľber]

{=riskante Lesart, zu falsifizieren}

Ist der Reim “plot’ – Gospod’” √ľbersetzbar?

Genre: Gem√ľtstiefe

in den wind

erdengesenkt
ein lichtendes wort schädelbrandig verdunkelt
behangen mit eisenlippen aschen-
stumm aus geschleiftem mund weinberauscht schwanken
gassenlieder auf wimper und stirn

fraßgesänge verloschen im flimmernden augenschein
zungend√ľrftig

in tr√ľmmerkl√§ngen zum schl√§fen-
schlag wimmern die hungrigen ratten … wie sie quieken
in deinem mund als letzter laut noch minuten-
lang

ins leere gerichtet der silbenflug

Genre: Realitätsschatten

Die Masken der Vorsehung (feat. B. B.)

An meiner Garderobe hängen medizinische Masken
Masken mir zu dienen, zertifiziert nach DIN
Mitf√ľhlend f√ľhle ich
Die gedehnten Gummibänder, andeutend
Wie anstrengend es ist, zu herrschen.

Genre: Trauersymmetrie

Parabeln auf die Pandemie 9: Die Kulturrevolution ‚Äď ein Pl√§doyer

Noch war der Kapitalismus nicht verloren. Zwar h√§uften sich die Stimmen, die be¬≠haup¬≠teten, das alte Gegensatzpaar ‚Äď Sozialismus und Kapitalismus ‚Äď sei gebrechlich geworden, habe ausgedient. Doch hinter den Kulissen bewegte sich etwas. ‚ÄěVorhang auf‚Äú, rief die Gro√üe Vorsitzende, ‚Äěihr habt mich bereits abgeschrieben, doch ihr kennt meine Blaupause nicht. Im Westen geboren, bin ich ein Kind des Ostens ‚Äď dort habe ich siegen gelernt. Ein langer Marsch mit verheerenden Verlusten kann die Gegner vergessen machen, da√ü es mich √ľberhaupt noch gibt. Ihr wi√üt, da√ü ich lieber im Hintergrund die Strippen ziehe. Die Schauspielerkunst ist mein Handwerk nicht. Im Gegenteil, la√üt mich still die Zahlen studieren und ich sage euch die Zukunft voraus. Eine Wahrsagerin bin ich, ausgestattet mit allen prophetischen F√§higkeiten, die von der Wissenschaft f√ľr regelrechte Prognosen bereitgestellt werden. Folgt mir, ich zeige euch den Weg. Den Weg durchs Dunkel, durch den Sozialismus hindurch zu einer h√∂heren und vollkommeneren Stufe des Kapitalismus. Eines Kapitalismus, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat!‚Äú

Die Gro√üe Vorsitzende hielt bedeutungs¬≠schwanger inne und blickte sich um. Aus Gesundheitsgr√ľnden hatte sie nur eine Handvoll Vertraute um sich geschart, die erwartungsgem√§√ü nickten. Sie wu√üte, da√ü das Volk in seine Endger√§te glotzte und ihren Worten lauschte.

‚ÄěIhr seht‚Äú, fuhr sie fort, ‚Äěda√ü in den Verschw√∂rerstaaten eine unzureichende Wahrsagepraxis vorherrscht. Manche behaupten, da√ü es auf der Welt gar kein Gesundheitsproblem gebe. Ich werde euch beweisen, da√ü es m√∂glich ist, auf der Gesund¬≠heitswelle reitend, die Gesellschaft auf eine h√∂here Stufe zu katapultieren: Man nehme eine mittelschwere Krankheit, die es erlaubt, hier und da furcht¬≠ein¬≠fl√∂√üende Bilder von elend r√∂chelnden Patienten zu produzieren und zu verbreiten. Nun wird die anhaltende Angst genutzt, um die Bewegungs- und Berufsfreiheit der B√ľrger an gewinnbringende Arbeit zu binden. Schuften und fressen ‚Äď das ist die Moral, die z√§hlt. Orchideenberufe, die blo√ü der individuellen Selbst¬≠ver¬≠wirklichung dienen, Berufe der Eitelkeit, die auf Ruhm statt auf Profit ausgerichtet sind, werden per Dekret verboten. Schlagzeuger zu Tiefbauarbeitern, mit dem Pre√ülufthammer in der Hand! Maler zu Malern und Lackierern, mit der Spr√ľhflasche an den Autos der Zukunft in sauberen Fabriken! Dichter zu Klempnern, sie haben gelernt, Dichtungen abzudichten!‚Äú

Die Gro√üe Vorsitzende blickte sich mit strahlenden Augen um, bevor sie fortfuhr: ‚ÄěIhr werdet sehen, wie in k√ľrzester Zeit alle k√ľnst¬≠lerischen Aktivit√§ten ihren k√ľnst¬≠lichen, f√ľr den menschlichen Fortschritt kom¬≠plett √ľber¬≠fl√ľssigen, kurz gesagt, faulen, parasit√§ren und absterbenden Charakter offenbaren. Ja, ich gestehe‚Äú, schob die Gro√üe Vorsitzende mit ged√§mpfter Stimme ein, ‚Äědiese Idee ist nicht ganz neu. Meine Vorg√§nger im Amt haben sich daran mit mehr oder weniger r√ľhmlichem Erfolg bereits ausprobiert. Heute rufen wir die Kulturrevolution mit entgegengesetztem Vorzeichen aus! Wenn all die T√§nzer, S√§nger, Musiker und ihre Erf√ľllungsgehilfen aus dem Backstagebereich wieder der wirklich systemrelevanten Produktion zugef√ľhrt werden, dann spart das nicht nur Millionen im Staatshaushalt ein, der Staat verdient sogar an h√∂heren Einkommenssteuern. Das Volk wird sein Gehalt nicht mehr wie in der Phase des ¬Ľbl√ľhenden Kapi¬≠talismus¬ę an Luxusg√ľter, Schminke, Mode und spontane Wochenendreisen quer √ľber den Globus verplempern, sondern sich mit Wattejacken, Blaum√§nnern und Kernseife zufrieden geben. Die neue Phase der gesellschaftlichen Entwicklung, nennen wir sie den ¬Ľhochkonzentrierten Kapitalismus¬ę kann sich auf eine √ľberschaubare und damit in engstem Austausch mit der Politik auch handlungsf√§hige Elite st√ľtzen, der 99.99% des gesamten¬† ver¬≠wert¬≠baren Eigentums auf dem Planeten geh√∂rt. Nachdem der sogenannte Mittelstand, der sich im sogenannten ¬Ľbl√ľhenden Kapitalismus¬ę noch als R√ľckgrat der Gesellschaft w√§hnte, in Wirklichkeit aber lediglich Vorteile aus einer ihm wohlgesonnenen Steuergesetzgebung gezogen hatte, nun mit Hilfe unserer unmi√üverst√§ndlichen, der Gesundheit und damit dem Volkswohl dienenden Dekrete zur Aufgabe seiner Gesch√§ftst√§tigkeit und damit als Wirtschaftssubjekt un¬≠wider¬≠ruflich liquidiert wurde, ger√§t die Entscheidungsbefugnis √ľber s√§mtliche wirt¬≠schaftlichen Fragen automatisch in die H√§nde der hochkonzentrierten Elite.‚Äú

Die Gro√üe Vorsitzende legte eine kurze Pause ein. ‚ÄěSie werden Verst√§ndnis daf√ľr haben”, fl√ľsterte sie, “da√ü ich Ihnen keine Namen nennen kann.” Wieder eine wohldosierte Pause von ein paar Bruchteilen einer Sekunde. “Doch Sie sind frei, noch sind Sie frei, selbst zu denken‚Äú, f√ľgte sie schmunzelnd hinzu.

‚ÄěDie Abschaffung der kleinb√ľrgerlichen Gier, die uns auf diesem Wege f√ľr alle Zeiten gelingt, wird in den ersten Monaten durch gro√üz√ľgige soziale Ma√ü¬≠nahmen abgefedert. Zun√§chst erhalten die bankrotten Mittelst√§ndler einen Verdienstausfall. In dieser Zeit sind sie angehalten, sich nach abh√§ngigen Besch√§ftigungen in den exponentiell wachsenden Elitefirmen umzuschauen. Gelingt ihnen dies nicht, werden wir sie dauerhaft staatlich alimentieren ‚Äď Lenin und Genossen w√ľrden sich wundern √ľber derart humanistische Regungen. Wir haben aus der Geschichte gelernt. Niemand soll uns vorwerfen, wir seien Extremisten. Nein, wir nutzen den Sozialismus gezielt als historisches Interregnum, um eine h√∂here Konzentration des Kapitals zu erreichen: Kapitalismus durch Sozialismus!, lautet die Devise. Sie fragen, was hat dieser, wissenschaftlich begr√ľndete, √∂konomische Wandlungsproze√ü mit der Verk√ľndung der Kulturrevolution zu tun?‚Äú

An dieser Stelle hob die Gro√üe Vorsitzende belehrend den Zeigefinger: ‚ÄěVielleicht erinnern Sie sich an den Spruch: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Fr√ľher f√ľhlten wir uns ‚Äď ich meine mich und meine Partei ‚Äď ¬†dieser Botschaft ver¬≠pflichtet. Wenn wir jetzt verlangen, da√ü sich die Bev√∂lkerung in breiten Kreisen auf die Dualit√§t von Schuften und Fressen einschr√§nkt und aufh√∂rt, ihre wertvolle Arbeitszeit durch Besuche in Theatern, Museen, gar Opern und Ballett¬≠h√§u¬≠sern zu vergeuden, brauchen wir Stille. Ich meine Stille in den K√∂pfen. Es darf einfach keine querulatorischen Spinner mehr geben, die mit Phantasie und Satire an die ver¬≠flosse¬≠nen Zeiten des ¬Ľbl√ľhenden Kapitalismus¬ę erinnern. Die Kulturrevolution ist die notwendige Begleitmusik f√ľr die Geburt der neuen, hochkonzentriert-kapitalistischen Gesell¬≠schaft. Konkret gesagt gen√ľgt es, wenn wir vier staatlich genehmigte Opern in ausgew√§hlten H√§usern spielen. Titel wie Mit der Maske Berge erklimmen, Der Sieg des Abstandsgebotes in den Kinderg√§rten, Die Sch√∂nheit geimpfter K√∂rper und Die sieben Prinzipien der Freiwilligen Unterwerfung erscheinen nicht nur geeignet, sondern auch hinreichend, um die Bev√∂lkerung im niemals endenden Kampf um die Gesundheit bei Laune zu halten. Atmet tief!‚Äú

Mit diesen Worten verabschiedete sich die Große Vorsitzende, verbeugte sich vor dem eingebildeten Publikum und lächelte ein letztes Mal in die Kamera.

Genre: Wortmysterien

Die Farbe von November

Sturmschwalben ziehen √ľber das Watt.
Das Meer atmet lauter.
Du sammelst Fragen,
die das Wasser tiefer sp√ľlte
als meine Worte.
Dort hinten ist die Sehnsucht
weites H√ľgelland,
und ihre Gräser schweigen.

Ein Bild von ihr hängt schief
noch immer zwischen B√ľcherwand und T√ľr.

Genre: Realitätsschatten

[oden | wälder ... wir ruderten die themse hinauf nach maiden | head]

[oden | wälder
wir ruderten die themse hinauf nach maiden | head]
wörtliche rede

wir legen hörrohre
in die weit verzweigten enden der wälder
die fein verästelten adern ihrer wurzel und blattwerke
in das gr√ľne auge mit der herbstfarbenen iris
die pulst unter der rinde
quillt
als harz aus allen schnitten
s√ľ√ü duftende wunden
verletzungen
waldtränen
rinnsale gerinne fl√ľsse des todes
alles mit sich reißend
was nicht gehalten wird durch die kräfte der nacht
der poesie des mondlichts
oder neon
oder LED
[pssst
schhh]
wir legen störrohre ins labyrinth

Genre: Erinnerungsbrösel, Realitätsschatten, Wortmysterien

* * *

Schwarze Katze, weißer Kater

Hast du Lust, ne Stunde
hier herumzuliegen
& zu träumen von

Feuer & Eis?

Genre: Erinnerungsbrösel, Realitätsschatten, Trauersymmetrie

Parabeln auf die Pandemie 8: Die verr√ľckte Feuerwehr

In den s√ľdlichen L√§ndern war eine seltsame Feuersbrunst ausgebrochen: Sie befiel nur die Pinien. Die Zypressen lie√ü sie stehen. Auch die F√∂hren und Tannen, von Birken und Eschen ganz zu schweigen. Vor allem, nein, nahezu ausschlie√ülich fra√ü das Feuer die wunderbar knorrigen, alten Pienen¬≠b√§ume, die im Wind, der vom Mittelmeer heraufwehte, behaglich knurrten. Es war ein Trauerspiel. Jahrhunderte alte B√§ume, die von F√∂rstern und Waldpflegern umsorgt und gehegt worden waren, loderten wie Kerzen auf und zerfielen zu Asche. Sicherlich hatte die Trockenheit der letzten Jahre, die den Boden metertief ausged√∂rrt hatte, dazu beigetragen, da√ü ausgerechnet die Pinien so leicht f√ľr die Flammen empf√§nglich geworden waren.

Ein weiteres, noch nie beobachtetes Ph√§nomen wurde von den Waldpflegern festgestellt: unsichtbare W√§rmestrahlen, die von allen brennbaren Materialien ausgingen, konnten die armen Pinien in Windeseile erhitzen, indem sie Wirbel und Strudel um sie herum bildeten. F√ľr das menschliche Auge waren sie nicht wahrnehmbar. Wer seine Hand an den Stamm eines betroffenen Baumes hielt, sp√ľrte, wie W√§rmeblitze die Haut durchdrangen, und zuckte unwillk√ľrlich zusammen. Daher war es jedermann klar, dass es sich um eine seltsame, neuartige Feuersbrunst handelte.

Zuerst brachen die Feuer lokal aus. In ein paar D√∂rfern, die gleich hinter dem muschelkalkwei√üen Str√§nden lagen. Dort konnten sie schnell gel√∂scht werden und niemand beachtete sie. Die Menschen untersch√§tzten die unsichtbare W√§rmestrahlung, die von allem ausging, was √ľberhaupt brennen konnte. Zumindest behauptete das ein Feuerwehrhauptmann, der sich mit dem Oberf√∂rster √ľber die Baumbr√§nde unterhielt. Der F√∂rster konnte es, ehrlich gesagt, kaum glauben.

Bald brannten nicht nur in seinem Dorf die Pinien, sondern entlang der gesamten K√ľste. Erst nur entlang der K√ľste Italiens, dann breitete sich das Feuer nach Osten und Westen aus, ergriff die Pinien Griechenlands und Spaniens. Als die seltsame Feuersbrunst sich Richtung Norden vorw√§rtszufressen anschickte und geradenwegs auf Rom zumarschierte, sp√§ter dann auch mitten ins Herz von Madrid und Athen zielte ‚Äď da reichte es den Regierungen: Sie beschlossen, Ma√ünahmen zu ergreifen.

Ersparen wir uns, die Ma√ünahmen im Detail zu erl√§utern. Es gen√ľgt, wenn wir behaupten, da√ü sie notwendig waren. Und, nebenbei bemerkt, waren sie √§u√üerst raffiniert. Der schlaue Feuerwehrhauptmann von der K√ľste hatte sich n√§mlich als erster erfolgreicher Feuersbrunstbek√§mpfer bei der Re¬≠gierung um einen Beraterposten beworben. In ihrer Ratlosigkeit und ‚Äď ehrlich gesagt ‚Äď Un¬≠wissenheit nahm die Regierung diese Bewerbung eines Fachmanns und aus¬≠ge¬≠wiesenen Kenners dankbar an.

Noch loderten die Flammen vor den Toren der Stadt, da√ü Nero seine helle Freude gehabt h√§tte, schon √ľberh√§uften sie den Feuerwehrhauptmann mit glitzernden Orden und Medaillen. Welche bahnbrechende, patentw√ľrdige Idee hatte unser k√ľhner Hauptmann den M√§chtigen eingefl√ľstert? Nicht etwa, da√ü es darauf ankomme, neben jeder Pinie ein Fa√ü voll Wasser aufzustellen oder gar einen Hydranten zu installieren. Auch Flugzeuge oder Hubschrauber, die √ľber unseren sch√∂nen Pinienw√§ldern Wasser abwerfen k√∂nnten, empfahl er nicht. Nein, der tollk√ľhne Retter der Pinien ersann eine Methode, die anfangs nur er allein verstand. Denn nur er wu√üte von den unsichtbaren W√§rmestrahlen, die von allem Brennbaren ausgingen und die armen Pinien so gnaden¬≠los in den Feuertod rissen. Also, dachte er sich, w√ľrde es nichts helfen, die Pinien mit Wasser zu √ľbergie√üen, wie es die Feuerwehr bisher getan hatte. Man mu√üte alle brennbaren Stoffe, die sich in der N√§he der Pinien befanden, wegr√§umen.

Nicht nur wegr√§umen, vernichten mu√üte man sie ‚Äď Str√§ucher, B√§ume anderer Art, Blumen, selbst winzige Kr√§uter und Gr√§ser ‚Äď alles sollte entfernt, geh√§ckselt und geordnet in M√ľllverbrennungsanlagen unsch√§dlich gemacht werden, damit es die Pinien nicht mehr entz√ľnden konnte. ‚ÄěFeuerbek√§mpfung durch M√ľllverbrennung‚Äú lautete die Devise. Selbst die jungen Pinien sollten nicht verschont bleiben, um die sch√∂nen, knorrigen, alten Pinien zu sch√ľtzen.

Die Feuerwehr z√∂gerte erst, dieser neuen Aufgabe nachzukommen. Wie all die Zeiten zuvor wollte sie stur Schl√§uche mit Wasser f√ľllen und unter Hochdruck auf die Brandherde spritzen ‚Äď aus der Traum. Die Regierung glaubte dem Hauptmann, denn nur er hatte das Geheimnis der unsichtbaren W√§rmestrahlen durchschaut. Und siehe da: nach einigen Tagen gehorchten die Feuerwehrleute, tauschten Spritzen und Schl√§uche gegen Hacken und H√§cksler. √úberall im Land rodeten sie, was nur irgendwie gr√ľnte und bl√ľhte, das hie√ü, was irgendwann welkte, verdorrte und zweifellos in brennbares Material verwandeln konnte.

Die Feuersbrunst indes war von der heroischen Aktion nicht im mindesten beeindruckt. Sie r√ľckte weiter auf Rom vor, ja sie √ľbersprang die s√ľdlichen Haupt¬≠st√§dte und n√§herte sich unaufhaltsam den n√∂rdlichen L√§ndern. Die vornehmen Regierungen dort erbleichten, als sie den Qualm rochen, der √ľber ihre Grenzen quoll. Schlagb√§ume, das war ihnen klar, w√ľrden weder den Rauch, noch das Feuer aufhalten k√∂nnen. Jammerschade, da√ü diese bew√§hrte Methode der Problemeind√§mmung in diesem Fall nicht wirkte. Sich einigeln oder in einen Kokon einspinnen und abwarten ‚Äď zu sch√∂n war diese Vorstellung. Ehrlich gesagt, hatten sie auch keine bessere Idee als der kluge Hauptmann von den s√ľdlichen Gestaden, der bereits begonnen hatte, ihre Feuerwehren zu beraten.

Nur einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied gab es: Die n√∂rdlichen L√§nder sch√§tzten die Ma√ünahmen der s√ľdlichen L√§nder gewohn¬≠heitsm√§√üig als viel zu lasch und milde ein, geradezu schlampig, kein Wunder, da√ü sie nichts fruchteten. Zum Gl√ľck gab es immer weniger Pinien je n√∂rdlicher man kam, dies w√ľrde dem Feuer ganz von alleine Einhalt gebieten, hofften die Nordmenschen insgeheim. Doch gefehlt. Die seltsame Feuersbrunst fand auch Gefallen an Kiefern, sogar an Latschenkiefern hoch in den Alpen. Da ward auch den M√§chtigen im Norden klar, da√ü sie etwas tun mu√üten. Das gebot die Menschenliebe, die Solidarit√§t, √ľberhaupt die gesamte Niko¬≠machische Ethik.

Noch wirksamer erwies sich als Leitfaden der kategorische Imperativ, das wu√üten die Nordmenschen sehr genau. Auf den Kant konnten sie sich verlassen, der w√ľrde das Feuer besiegen, bevor es die Ostsee und die Nordsee erreichte. Also befahlen sie nicht nur der Feuerwehr, sondern konsequent allen Menschen ab dem 16. Lebensjahr sich an der Ausrottung alles potentiell Brennbaren zu beteiligen. Um den Kampf gegen das Feuer in den K√∂pfen zu festigen, sprachen sie vom exponentiell Im¬≠flamablen, das verhindert werden m√ľsse. Jeder, der sich an diesem Kampf beteilige, sei ein guter und vern√ľnftiger, weitsichtiger und moderner Mensch. Zeitgenossen, die behaupteten, Feuer bek√§mpfe man mit Wasser oder mit einer alten Pferdedecke, die man √ľber die Flammen werfe, um sie zu ersticken, wurden als verlorene Kinder Gottes bel√§chelt. Bald w√ľrden sie selber in den Flammen lodern, w√ľrde man ihre altmodischen Ratschl√§ge befolgen.

Stattdessen investierten die Regierungen ‚Äď nun vereint sowohl der n√∂rdlichen als auch der s√ľdlichen L√§nder ‚Äď mehrere Jahresstaatshaushalte, alle arbeitsf√§higen Menschen von ihrer eigentlichen Arbeit zu entbinden und f√ľr die Rodung, sprich Ausrottung s√§mtlichen pflanzlichen Materials einzusetzen, das keine Pinie oder Kiefer war.

Drei Jahre später.

Das Werk war vollendet: Ringsum stiegen noch hauchd√ľnne Rauchs√§ulen aus den Ascheh√§ufchen auf, zugegeben nur hier und da. In alle Himmelsrichtungen erstreckte sich endlich eine flammenfreie, kahle, graue Landschaft. Am Horizont jedoch ragten noch ein paar alte knorrige Pinien und Kiefern mit ihren wunderbaren dunkelgr√ľnen dicken Nadeln empor ‚Äď welch ein erhebender, minimalistischer Anblick. Kein K√ľnstler h√§tte der Welt ein sch√∂neres Bild schenken k√∂nnen. Der kluge Hauptmann von der K√ľste wurde zum Ehrenhauptmann ernannt und erhielt einen Thron ‚Äď nat√ľrlich gezimmert aus gerettetem Pinienholz.

Das Gl√ľck, ihr k√∂nnt es euch denken, w√§hrte nicht lang. Kaum hatte der Feuerwehrhauptmann befriedigt auf dem Thron Platz genommen, hoben von allen Seiten St√ľrme an. Der Wind fegte in bisher unbekannter Geschwindigkeit √ľber die leer¬≠ger√§umte Erdkugel und knickte die letzten verbliebenen, ehrlich gesagt, schon etwas alters¬≠schwachen Pinien wie Streichh√∂lzer um. Die Menschen begannen sich, um die Asche zu streiten und zu schlagen, die der Wind aufwirbelte. Denn sie hatten nicht einmal mehr Felle, um sich zu kleiden. Die Asche aber, gab ihnen f√ľr einen kurzen Moment noch einmal W√§rme, bevor sie endg√ľltig erkaltete.

Genre: Realitätsschatten

Eine Stunde

Wurde uns geschenkt : damit wir
Durchs Laub gleiten : beinahe geräuschlos
F√§llt es herab : die √Ąpfel schwimmen
Im Fließ : wir stechen das Ruder

Ins Flache und stoßen uns ab
Die Abstoßungskräfte : sie wachsen
Den Worten wohnt Unerbittlichkeit
Inne : jeder ist nur auf sich selbst

Bedacht : saure Gurken
In Dillsoße : gläsern eingesperrt
Das sind wir : wenn wir uns ansehen
Ohne uns wahrzunehmen : der Zeitzauberer

Hat uns eine Stunde geschenkt
Am längsten Tag des Jahres : wir
Nutzen sie : bis die Arme schmerzen

Die Stimme rau geworden ist : das Herz
Versteinert in der Waldm√ľhle schl√§gt
Drei Häuser weiter der Holländermichel

Genre: Gem√ľtstiefe, Trauersymmetrie

Featuring : Aleksandr Blok : Juli 1902

Denn grausam knackt der Abendfrost,
Kommt Wind auf, der an Mauern schl√§gt…
Mit leisen Schritten tappt ein Kind
Kaum hörbar murmelnd auf dem Weg.

Gesichtslos kaltes Sich-Erinnern -
Wie Pixel k√∂rnig-gr√ľnen Eises
Bleibt unser Schauen stets im Innern
Des unauflöslich runden Kreises.

Genre: Trauersymmetrie

Lockdown in Schmocktown,

ganz ohne Micha.
Ach,
Micha, mein Micha

__

AUFGABEN:
1. Lernen Sie auswendig: “an-auf-hinter-neben-in-√ľber-unter-vor-zwischen”!
2. Sortieren Sie das Material unter der Frage: “Wo oder wohin?”
3. Was stellen Sie fest?
4. Nichts. Auch gut \

Genre: Realitätsschatten

Pandemische Paradoxien 2 (Update): Wie geht es den Falsch-Positiven?

Die Prävalenz-Falle

Insgesamt wirft diese Befundlage zur Fehlerhaftigkeit des RT-PCR-Tests mehr Fragen auf, als sie be¬≠antwortet. Eine indische Forscher¬≠gruppe wertete im April 2020 die Corona-Zahlen aus 210 L√§ndern aus und korrelierte sie mit demographischen, soziologischen sowie gesundheitspolitischen Daten, auf die ich inhaltlich im Abschnitt ‚ÄěKontexte‚Äú zur√ľckkomme. Dabei stellten die Forscher ver¬≠schiedene Un¬≠gereimtheiten fest, die auf methodische M√§ngel der Erhebungen zu Covid-19 zur√ľck¬≠zuf√ľhren seien: ‚ÄěDie gegenw√§rtige Form der Diagnostik √ľbersch√§tzt wahrscheinlich die SARS-CoV-2-Infektiosit√§t sowie die Morbidit√§t und Mortalit√§t von Covid-19, da sie darauf abzielt, SARS-CoV-2 in allen vermuteten Grippef√§llen und allen Todesf√§llen in den Pandemieregionen nachzuweisen. Eine h√∂here Anzahl von F√§llen wurde in L√§ndern mit einer hohen Alphabetisierung und st√§rkeren Volkswirtschaft registriert, die auch √ľber eine h√∂here Testkapazit√§t verf√ľgen, was ebenfalls darauf hinweist, da√ü sie m√∂glicherweise √ľberdiagnostiziert wurden. Gegenw√§rtig folgt das Testen auf COVID-9 nicht dem Ziel, die wahre Verbreitung der Krankheit (disease mapping) zu identifizieren. Bis die Tests nach einem soliden Stichprobenplan durchgef√ľhrt werden, kann die tats√§chliche Inzidenz und Pr√§valenz der Krankheit nicht genau bestimmt werden. Wenn keine repr√§sentativen Erkennt¬≠nisse zur wahren Verbreitung der Krankheit vorliegen, sind auch ihre Determinanten nicht korrekt beschreibbar … Ein hoher Anteil falsch-positiver Befunde von Covid-19-Tests hat kostspielige Folgen, die f√ľr eine wirksame Seuchenbek√§mpfung in Kauf genommen werden. Der aktuelle RT-PCR-basierte Labortest zeichnet sich jedoch durch einen hohen negativen Vor¬≠hersagewert aus und kann dazu f√ľhren, da√ü eine gro√üe Anzahl positiver F√§lle √ľbersehen wird, was zur anhaltenden Ausbreitung der Pandemie beitragen kann. Negative RT-PCR-Ergebnisse f√ľr Covid-19 erfordern wiederholte Tests, um das negative Ergebnis zu best√§tigen. Daher ist ein besserer Test mit h√∂heren positiven und negativen Vorhersagewerten erforderlich, um die wahre Anzahl positiver und negativer F√§lle bestimmen zu k√∂nnen.‚Äú (Singh et al. 2020, √úbersetzung VK)

Die Strategie, von Personen mit Erk√§ltungssymptomen einen Abstrich f√ľr den Labortest zu nehmen, erweist sich also aus mindestens zwei Gr√ľnden als fragw√ľrdig: Erstens entsteht auf diese Weise kein realistisches Bild von der Verbreitung von Covid-19, da die Stichprobe nicht re¬≠pr√§¬≠sentativ ist und Pr√§valenz sowie Inzidenz nicht bestimmt werden k√∂nnen. In den t√§glichen Nachrichtenmeldungen wird aber seit Anfang M√§rz so getan, als handelte es sich um diese Werte, indem irref√ľhrend von t√§glichen Neuinfektionen und √§hnlichem gesprochen wird. Zweitens ist das klinische Bild, das den Corona-Labortest veranla√üt, identisch mit den Anzeichen einer ‚ÄěGrippe‚Äú, wie sie durch Influenza und andere Erk√§ltungsviren hervorgerufen wird. Getestet wird aber nur das neue Coronavirus ‚Äď wahr¬≠schein¬≠¬≠liche Komorbidit√§ten mit anderen saisonalen Viren bleiben unerkannt. Eine derartig frag¬≠mentarische Diagnostik ist nicht nur f√ľr den medizinischen Er¬≠kennt¬≠nis¬≠gewinn unbrauchbar, son¬≠dern auch f√ľr die Ableitung eines angemessenen individuellen Thera¬≠pieplans. Daraus wiederum resultieren zahlreiche praktische und ethische Probleme.

Bereits w√§hrend des Vietnamkrieges, als es darum ging, mit welcher Wahrscheinlichkeit ameri¬≠ka¬≠nische Piloten vietnamesische von kambodschanischen Kampfjets unterscheiden k√∂nnen, (CIA, 2008), sp√§ter bei der Interpretation von massenhaft gespeicherten Fluggastdaten nach 9/11, schlie√ü¬≠l¬≠ich auch bei¬† Einstufung der Zahl zu Unrecht verd√§chtigter Personen bei Rasterfahndungen mit DNA-Tests ‚Äď immer wenn es sich um gro√üe Zahlen handelt, k√∂nnen auch kleinste Me√üfehler zu gra¬≠¬≠vierenden Fehlinterpretationen beitragen. Menschen lassen sich in ihrem intuitiven Zahlen¬≠ver¬≠st√§ndnis eher vom Augenschein als von bedingten Wahrscheinlichkeiten leiten (Tversky & Kahne¬≠man, 1974). So mag ein Patient glauben, wenn ihm der Arzt die Kunde von einem positiven Corona-Laborbefund √ľberbringt, da√ü er sich also mit 98%iger Sicherheit nun mit Covid-19 infiziert habe, denn der PCR-Test habe doch eine solch hohe Genauigkeit (Spezifit√§t). Dieser Glaube, der gegenw√§rtig weit verbreitet zu sein und auch von unseren Datenjournalisten geteilt, zumindest nicht aktiv ausger√§umt zu werden scheint, beruht jedoch auf einem folgenschweren Irrtum, der in der Literatur als ‚ÄěPr√§valenzfehler‚Äú oder ‚ÄěBase Rate Fallacy‚Äú bekannt ist und ins Erstsemester Sta¬≠tistik geh√∂rt. Wenn pro Woche, wie es seit Ende August 2020 in Deutschland der Fall ist, eine Million PCR-Tests durchgef√ľhrt werden, dann f√ľhrt auch eine scheinbar kleine Falsch-Positv-Rate von 2% zu einer immensen Anzahl irrt√ľmlich mit einer Covid-19-Erkrankung (‚ÄěInfektion‚Äú) verd√§chtigter Per¬≠sonen: Nehmen wir an, das neue Coronavirus hat sich bereits bei 1% der Bev√∂lkerung aus¬≠ge¬≠breitet ‚Äď diese Zahl wird Pr√§valenz genannt. Dann sollte der Test bei 10’000 der untersuchten Personen ein po¬≠sitives Ergebnis anzeigen. Mindestens, mu√ü man sagen, denn aufgrund der durchaus realistschen Fehlerquote wird er dar√ľber hinaus bei 2% der 990000 Personen, die keinen Abschnitt des Corona¬≠virus in sich tragen, ebenfalls mit einem positiven Laborergebnis anschlagen: es handelt sich um¬† 19800 falsch positive Laborbefunde, die pro Woche allein durch die Falsch-Positiv-Quote ‚Äěein¬≠ge¬≠preist‚Äú werden m√ľssten ‚Äď davon aber ist in unseren Nachrichten keine Rede. Vielmehr wird irre¬≠f√ľh¬≠rend ein positiver Laborbefund mit einer aktiven klinischen Infektion gleichgesetzt, was schlicht¬≠weg eine Falschmeldung ist. Tats√§chlich betr√§gt die Wahrscheinlichkeit, erkrankt zu sein, wenn ein positiver Labor¬≠befund vorliegt, bei einer Pr√§valenz von 1% lediglich 33.5%.

Prävalenz

Falsch-Positive

Wahrscheinlichkeit einer Infektion

0.5%

19900

20.0%

1%

19800

33.5%

1.5%

19700

43.2%

2%

19600

50.5%

3%

19400

60.7%

5%

19000

72.5%

10%

18000

84.7%

25%

15000

94.3%

50%

10000

98.0%

Tabelle 2: Modellrechnung zur Auswirkung der Pr√§valenz (base rate) auf die Wahrscheinlichkeit, bei einem positiven PCR-Laborbefund tats√§chlich mit Covid-19 infiziert zu sein (Parameter:¬† N= 1’000’000, Spezfit√§t 98%, Sensitivit√§t 100%)

 

Deutlich wird, da√ü die Wahrscheinlichkeit, mit der bei einem positiven Laborbefund auch von einer tats√§chlichen Infektion auszugehen ist, keinesfalls a priori mit 100% anzusetzen ist, sondern ma√ü¬≠geblich von der aktuellen Gesamtzahl der bereits Infizierten, der Basisrate, abh√§ngt. Dabei handelt es sich nicht im epidemiologischen Sinne um die sogenannte ‚ÄěDurchseuchung‚Äú, also dier Personen, die die Erkrankung bereits durchstanden haben und damit immun geworden sind, sondern um die Zahl der aktiven F√§lle, die mit einem PCR-Test erfasst werden k√∂nnen.¬† Erst wenn jeder Zweite, der einen positiven Laborbefund empf√§ngt, auch klinische Symptome zeigt, k√∂nnen wir von einer 98%igen Wahrscheinlichkeit ausgehen, da√ü er auch an Covid-19 erkrankt ist.

Die Pr√§valenz ist also ein ausschlaggebender Faktor, um die t√§glich im Halbstundentakt ver¬≠mel¬≠dete Zahl der Positivbefunde, die von den Datenjournalisten irrref√ľhrend mit der Zahl der In¬≠fi¬≠zierten gleichgesetzt wird, realistisch einordnen zu k√∂nnen. Die Testkapazit√§t hat keinen Einflu√ü auf die Infektionswahrscheinlichkeit. Bei einer geringen Pr√§valenz schie√üt vielmehr bei einer gleichzeitig hohen Testkapazit√§t die absolute Zahl der f√§lschlicherweise mit einer Covid-19-In¬≠fek¬≠tion in Verbindung ge¬≠brachten Personen in die H√∂he ‚Äď was nicht im Sinne der Gesundheitsvorsorge sein kann, aber just zum Herbstbeginn der Fall war. Das Mot¬≠to ‚ÄěTest, test, test!‚Äú erweist sich damit als irref√ľhrend ‚Äď es kommt vielmehr auf die Qualit√§t der Teststrategie an.

Um die Pr√§valenz zu messen, ben√∂tigt man eine re¬≠pr√§¬≠sen¬≠tative Auswahl der Stich¬≠probe. Davon ist die ‚Äěnationale Teststrategie‚Äú in Deutschland weit entfernt (vgl. ‚ÄěAktualisierung der Nationalen Teststrategie vom 15.10.2020 auf www.rki.de). Wurden im Fr√ľhjahr 2020 selektiv Per¬≠sonen mit Erk√§ltungssymptomen getestet, waren es im Sommer die Urlaubs¬≠r√ľck¬≠kehrer aus dem Ausland und vor den Herbstferien die Inlandstouristen, die aus Regionen mit h√∂¬≠herer Inzidenz in eine Region mit niedrigerer Inzidenz fahren wollten ‚Äď mit einer wissen¬≠schaft¬≠lichen Studie, die anhand demo¬≠gra¬≠phischer Kriterien einen repr√§sentativen Be¬≠v√∂l¬≠ke¬≠rungs¬≠quer¬≠schnitt testet, hat all das nichts zu tun ‚Äď Zweifel an der wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit der Re¬≠gierung sind daher mehr als angebracht, mag sie sich selbst noch so h√§ufig als wissenschaftlich orientiert gegen√ľber der Willk√ľrherrschaft autorit√§rer Machthaber in anderen L√§ndern bezeichnen. Die anhaltende Ver¬≠wei¬≠gerung, eine fundierte Pr√§valenz¬≠studie f√ľr Deutschland zu initiieren, gibt gesund¬≠heitspolitische R√§t¬≠sel auf.

Seit April 2020 erfa√üt das RKI das Vorkommen von Corona-Antik√∂rpern bei Blutspendern (SeBlu¬≠Co-Studie). Alle zwei Wochen werden ca. 5000 Blutproben gesunder erwachsener Personen von 13 Blutspendediensten, die auf 28 Regionen Deutschlands verteilt sind, auf Seropositivit√§t untersucht. Eine Zwischenauswertung zum 19. August 2020 brachte folgende Ergebnisse: ‚ÄěDer Anteil von Personen mit spezifischen Antik√∂rpern gegen SARS-CoV-2 unter blutspendenden Erwachsenen ist mit 1.25% weiterhin gering.‚Äú Erg√§nzend wurden bei 65% der Proben erg√§nzende ‚ÄěNeu¬≠tra¬≠li¬≠sa¬≠tions¬≠tests‚Äú durchgef√ľhrt, um falsch-positive Befunde auszuschlie√üen. ‚ÄěVon diesen hatten ca. 27% (96/362) auch nachweisbare neutralisierende Antik√∂rper.‚Äú ‚Äď d.h., die korrigierte Pr√§valenz lag im August bei ca.¬† 0.34%. ‚ÄěDie Seropr√§valenz war bei M√§nnern signifikant h√∂her als bei Frauen (1.48 bzw. 0.96%) Es wurden Unterschiede in der Altersverteilung der Seropositiven erkennbar. Die drei j√ľngsten Altersgruppen (18-29 Jahre) der SeBluCo-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer zeigen nach Auswertung von ca. 50% der Studiendaten die h√∂chste adjustierte Pr√§valenz. Die Regionen Freiburg und Bayern S√ľd-Ost haben den h√∂chsten Anteil an Seropositiven.‚Äú (Quelle: www.rki.de)

Im Hotspot Gangelt ermittelte das Team von Hendrick Streek dagegen eine Prävalenz von 20% Рsie kann jedoch ebenfalls nicht als repräsentativ angesehen werden.

In seiner umstrittenen Berechnung des Nutzens des Lockdowns f√ľr die Eind√§mmung der Pan¬≠demie ging das Imperial College im Juni 2020 von 0.85¬†% Pr√§valenz f√ľr Deutschland aus (Flax¬≠man, 2020).

Eine der bisher qualitativ besten Prävalenzmessungen stammt von Mai 2020 aus Brazilien (Hallal et al., 2020). Es wurde eine anhand von 25 Census-Kriterien ausgeglichene Zufallsstichprobe in 133 Städten, proportional zur Bevölkerungsgröße gezogen, mit mindestens jeweils ca. 250 Teilnehmern. Insgesamt nahmen 25955 Probanden an der Studie teil. Es wurde wiederum die Seropositivität be­stimmt. Ohne statistische Korrekturen betrug die krude Prävalenz 1.39%.

Im WHO Bulletin vom 15. Oktober 2020 ver√∂ffentlichte John Ioannidis eine √úbersicht zu allen serologischen Corona-Antik√∂rpertests weltweit seit Beginn der Pandemie (es wurden vor allem Studien w√§hrend der ersten Welle ausgewertet). Dabei wurden Pr√§valenzstudien zur Verbreitung des Coronavirus im Krankenhauspersonal oder in bestimmten relig√∂sen Gruppen nicht ber√ľcksichtigt. Im Ergebnis wurden 61 Studien mit ingesamt 74 Pr√§valenzsch√§tzungen zusammengetragen ‚Äď Deutschland war lediglich durch die Streek-Studie in Gangelt und eine Unter¬≠suchung in Frank¬≠furt a.M. vertreten. Die Pr√§valenz schwankte weltweit zwischen 0 und 54.4% (in den Slums von Mumbai). Die Infektions-Fatalit√§tsquote betrug 0-1.63% (im US-Bundesstaat Louisiana). Aufgrund dieser gro√üen Spannbreite kam Ioan¬≠nidis zu dem Schlu√ü, da√ü eine klassische Meta-Analyse, um die Daten mehrerer Studien zusammenzufassen, nicht in Frage komme. Vielmehr grup¬≠pierte er die Ergebnisse anhand des globalen Mittelwertes (118 Coronatote / 1 Million Einwohner): in 51 Regionen, die unter diesem Mittel¬≠wert lagen, betrug die Fatalit√§tsquote 0.09%, in Regionen mit √ľberdurchschnittlicher Mor¬≠talit√§t schwankte die durchschnittliche Fatalit√§tsquote zwischen¬† 0.20% und 0.57%. Bei Menschen, die j√ľnger als 70 Jahre waren, lag die krude Fatalit√§tsquote bei 0.31%, nach statischer Korrektur bei 0.05%.

Ioannidis folgerte, da√ü die Sterblichkeit an Covid-19 damit deutlich unter den Bef√ľrchtungen vom Beginn der Pandemie und den Zahlen aus Wuhan einzustufen sei. Regionale Unterschiede ergeben sich in Folge der Altersstruktur der Bev√∂lkerung, Bev√∂lkerungsdichte und der Vorbelastung mit Atemwegserkrankungen, z.B. in Zusammenhang mit der Luftverschmutzung.

Ioannidis‚Äô Metastudie gibt am Ende beiden Lagern recht: den Alarmisten, die nicht genug vor der Gef√§hrlichkeit des neuen Virus warnen und mahnen k√∂nnen, wie auch den Verharmlosern, die Covid-19 keine besondere Gef√§hrlichkeit zuschreiben: Es h√§ngt jeweils von den Kontext¬≠be¬≠din¬≠gungen ab. In einigen wenigen Regionen √ľbersteigt die T√∂dlichkeit des neuen Virus um das Zehn- bis Zwanzigfache die T√∂dlichkeit der bekannten Grippeviren. In vielen anderen Regionen ist es aber im Durchschnitt √§hnlich oder sogar weniger gef√§hrlich als die Grippe.

(Den gesamten Beitrag finden Sie im Essay “Zahlenspiele”.)

 

Genre: Trauersymmetrie

√úber die Bewahrung von Sinn und Form beim √úbersetzen

Der Satz, eine Folge von Speerspitzen. Partitur
Der Vers, ein Speer – ein einziger Text
Einheiten √ľbersetzen, Texteinheiten – Gestaltwandel:
Im f u n k t i o n a l – s e m a n t i s c h e n Feld zweier
Sprachen wird Vollständigkeit definierbar!
Nichts weglassen oder hinzuf√ľgen. Alles geben !!

Ideal: der konservative Revolutionär
“Deine blauen Augen…”

Und jetzt bitte nicht die
sog. PC

Genre: Wortmysterien

Ein Diléttant

Das Metall,
kälter als Luft.

Der Himmel grau,
noch weiß

fast fahren Bauger√ľste

in ihn hinein, die Kirche
schie√üt d√ľnnste T√ľrme
nach oben, ihn
zu ber√ľhren.

Sie schafft nicht, die tief-
fliegende Wolke
zu stechen.

Der Himmel
bedeckt, was darunter hängt,

da reißt er  auf
und stellt sich bloß.
_

Länger als eine Stunde
wird der Weg sein.

In die nächste Bahn
hinein, gegen das Fenster
im fast leeren Zug

sitzt sie
mit Kopien in der Mappe
gepresst an ihren Mantel.

“Was besch√§ftigt dich?”

Die Lichtschnur von kaltem Gelb,
die schwarzpunktierten Blicke
der zwei √Ąlteren, wer

war Musil, ein Diléttant?

Den Raum verschließt
sie nicht, das darf sie
nicht, da sitzt noch jemand.

Genre: Realitätsschatten

Ebene sieben

Sangesi spricht.

Sie sagen, gestorben seien die Rjurik und Romanow,
Gefallen die Kal√©din, Krym√≥w, Korn√≠low und Koltschak…
Nein! Mit den Sklaven (kämpfte/ die polnische Garde) trieb es Pan, der Durchtriebene [waren da Kastraten & Jungpioniere, barocke Avantgarde] -
War Kiew schon zig.mal erobert, verbrannt.
Asche, Feuer aus Eis…
Der Reiche weinte: da lachte, wer arm war -
Als Kal√©din sich seiner Kosaken entledigte. {…}

Genre: Realitätsschatten

meine geliebte spricht mit fallenden blättern

belade mich mit trauer
die singvögelchöre sind verstummt
in den nuten der herzspur
ziehen salanganen ihre bahnen
wir neigen unsere häupter
tief
hinunter zu den verwunschenen dörfern und städten
vor unseren f√ľ√üen
wachsen regenländer
schneelandschaften

Genre: Erinnerungsbrösel

gesänge aus den unterwelten

wohin ziehen die dichterinnen
wenn der wald verschwindet
wohin die dichter ohne die gebirge
sie m√ľssen maulw√ľrfe werden
und sich eingraben
im dunklen den schritten lauschen
die √ľber sie hinweggehen
die erde durchpfl√ľgen auf der suche nach w√ľrmern
da singen die maulw√ľrfe
wird man ihnen nachrufen
sie werden es nicht mehr hören
in ihrem reich
ganz nah bei den toten

Genre: Trauersymmetrie

marmara

1
der abend hat die straßen
weggesp√ľlt
die stadt ist nur noch ein meer
aus lichtern stimmen
auch deines ist unter ihnen deine

du bist auf dem weg
in die nacht die stille
menschen
autos
aus einem schacht der luftzug einer u-bahn

am morgen tummeln sich √ľberall fische
delphine

2
gestern erwachte ich
auf der insel
wo der marmor wächst
weißer marmor und
die rehe schlafen bis weit in den tag
unter den kastanienbäumen
wollen wir uns lieben
vom mittag zum mittag
wenn dein atem in der nacht
einen gleichklang bildet
mit dem wind vom meer
will ich ablassen von dir und lauschen
wie du geheimnisse tauschst
mit den stimmen den sternen
den ahnen der fische

3
das geheimnis deiner gedichte
ist ihr verschwinden
√ľber den fischgr√ľnden des marmarameeres
die schiffe sultan s√ľleymans versanken dort
mit gold edelsteinen und gew√ľrzen an bord
seitdem leuchtet das meer und funkelt
und sein duft kommt aus fernen ländern

und deine gedichte geben dem meer seine stimme

Genre: Gem√ľtstiefe

Poesie und Prosa

Auch er, der Dichter mit dem kindlichen Herzen: nicht frei von Moralinstaub zwischen den Gedanken … und es reizt die √ľbersensible Nase zum Niesen just in dem Moment (b e i m L e s e n) da die dem Leiden entsprungene Verachtung gut und gern auch dich treffen k√∂nnte -

<< Oh Hassesblick der Venus
<< Weißt du nicht fern ein Land
<< Mit d√ľsterem Himmel …
<< O Leser, zartes Scheusal

Genre: Realitätsschatten

Bolero von Ravel

Steine springen √ľber das Wasser
Kind sein
sinken
ins Erinnern
im lang anhaltenden Crescendo
in Erwartung
drängen Kreise ins Weite
wiedererkennen
erhebt sich ein Sturm
Spannung
bebend das Wasser
Angst
sein Sog
Zwang
nach innen
wohin?
ein Akt
was?
das Neue
oh!
Stille
Zeit

Genre: Realitätsschatten

Die ausgewilderten Worte

Den Dingen gleich betreiben sie ihr Spiel
mit der Gleichheit, die ausgewilderten Worte

Den Dingen gleich ernähren sie in der Seele
die Illusion und leben gut davon, die

den Dingen durch √Ąhnlichkeit verwandten
Worte, die sich fein säuberlich getrennt

immer in einem wortreichen Sicherheits-
abstand zu ja und nein erhalten (diesen Wächtern unser

aller
Kindheit,

Zone Märchenland & Plappergaumen, aus dem es

herausbricht wie Muttermilch aus dem √úberfluss

der unter dem Fluss sein Bett und nicht sein Bett

weil er niemandes Fluss ist

Genre: Realitätsschatten

wörter

zu risiken und nebenwirkungen fragen sie ihren schriftsteller oder dichter

das flimmern der wörter
beim durchspießen der ausgelegten netzhäute
ihr ton
wenn sie gegen die aufgespannten trommelfelle knallen
ihre formen und umrisse
in den ascher√ľckst√§nden der b√ľcherverbrennungen
wörter
diese gefährlichen herz und hirnschmeichler
ihr druck von hinten auf dein sternum
wir nahmen sie auf
als wir sie verletzt fanden
fast stumm in einem gedicht
wir pflegten und päppelten sie wieder auf
bald werden wir sie auswildern
zwischen menschen ihresgleichen

Genre: Wortmysterien