Willys Traum

 

Willy hatte einen merkw√ľrdigen Traum. Darin tr√§umte ihm, dass er der Herrscher irgendeines Landes war, das im Traum nicht weiter bestimmt war, der absolute Herrscher. Und nat√ľrlich, dem Willy im Traum war v√∂llig klar, dass eine solche absolute Herrschaft heute nicht lange funktionieren w√ľrde. Nat√ľrlich war Willy ein aufgekl√§rter absoluter Herrscher, es galt also sich an gewisse Prinzipien zu halten.

 

Agieren im Verborgenen

Der Willy im Traum hatte seinen Harry Potter genau gelesen. Besonders hatte ihn die Regierung des Dunklen Lords fasziniert. Der war nie der offzielle Herrscher, trat nie offen auf, aber das machte seine Herrschaft umso effektiver. Als Herrscher im Verborgenen war er der Herrscher, der √ľber der Ordnung stand.

 

Die Freiheit bewahren

Selbstverst√§ndlich. Der Willy im Traum hat den Menschen nicht verboten zu verreisen. Er hat lediglich tempor√§r untersagt, Hotels und Ferienwohnungen zu √∂ffnen. Wegen Gr√ľnde. Auf diese Weise hat der Willy die Freiheit der Menschen bewahrt. √úberhaupt: Jeder musste, wenn er irgendwo eine Dichterlesung oder ein Konzert besuchen wollte, sein Smartphone vorweisen. Das hatte zwar √ľberhaupt keinen wirklichen Sinn, aber als blo√üe Unterwerfungsgeste war es unglaublich effektiv. Nat√ľrlich durfte niemand in der Regierung so etwas sagen wie: “Das Smartphone gibt den Menschen die Freiheit zur√ľck”, Gott bewahre!

 

Keine Zensur

Aber klar, die Nachrichten wurden selbstverst√§ndlich nicht zensiert. Aber der Willy im Traum erhob von jedem Haushalt einen kleinen Pressebeitrag – f√ľr die Vielfalt. So entzog er dem Markt eine gewaltige Summe Geld, und die √ľbrigen Verlage und Filmemacher, die nicht unter seiner Kontrolle standen, versanken mangels finanzieller Mittel in die bodenlose Bedeutungslosigkeit.

 

Brot und Spiele

Die Spiele kosteten den Willy im Traum kein einziger Euro, kein einziger Dollar. Das hatten alle mit ihrem kleinen Pressebeitrag selbst gezahlt. Der Traumwilly war beeindruckt: Die Tatortshooter und die Fernseh-Hack-and-Slay boten mehr blutige Unterhaltung an einem Tag, als das antike Rom im gesamten r√∂mischen Reich in einem Monat organisieren konnte. Und das Brot: Das musste billig sein. im Krieg hatte man ja das Brot mit allem m√∂glichen gestreckt, sogar mit Holzsp√§nen. Da waren die M√∂glichkeiten heute ins unersch√∂pfliche gewachsen. Da gen√ľgte es, wenn in einem Joghurt nur ein Prozent Milch war. Der Rest waren die billigen Zusatzstoffe.

 

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Der Willy, der dann wieder wach war, hatte den Traum fast vollst√§ndig vergessen. Nur eine Ahnung war ihm geblieben, die Ahnung, warum der Willy als absoluter Herrscher im Traum so erfolgreich war: Es war das Indirekte. Der Willy im Traum war der Herrscher einer indirekten Diktatur. Und das war wesentlich effektiver als eine direkte Diktatur. Und niemand konnte etwas dagegen sagen. Weil der Willy im Traum hat ja nichts verboten, und er war auch nicht der offizielle Herrscher. Der echte Willy, der etwas gegen den Traumwilly sagen wollte, der den Traumwilly st√ľrzen wollte, der echte Willy hatte keine Chance – er versank sofort in einem Sprachsumpf, der Traumwilly entglitt dem echten Willy wie der Schatten des Lord Voldemorts aus diesem Harry Potter. Tr√§umen war in diesem Traum vom Traumwilly √ľbrigens nicht verboten worden, aber es war nicht m√∂glich, wegen technischer Gr√ľnde, die Lautst√§rke am Smartphone auf Null zu stellen.

Genre: Realitätsschatten, Trauersymmetrie

__ * _

Strahlendblaue * Geometrie,
Geometrie strahlend * blau,
Strahlengeometrie bis * zu den Sternen
und an ihnen vorbei, zu der Stelle
wo einer herausfiel * aus seiner
Sichtbarkeit, Sphären*geometrie
von außen zusammengezogen

Ein Muskel spielt * mit sich selbst.
Das Herz schlägt.

*

In der Teilbarkeit * der Zahlen
suchen drei Drittel * ihr Ganzes,
bekannter Rhythmus * eingezwängt
in den Raum, fließt * es durch An*fang
und Ende hindurch

Genre: Wortmysterien

Vorgestellt

Jetzt stell dir mal vor, es klingelt an der Haust√ľr und die ganze Familie steht drau√üen. Lustig machen sie sich, √ľber das kleine Guckloch und den Briefkastenschlitz an deiner Eingangst√ľr, das Treppenhaus sieht aus “wie bei Tante K√§the” (schallendes Gel√§chter, da interessiert es keinen, ob es Sonntag zwischen eins und drei ist), dicke Blumenstr√§u√üe werden ausgepackt und dir entgegengehalten (haste keine Vasen?), Tante geht in die K√ľche, Onkel freut sich √ľber den sch√∂nen Ausblick: “Wer hat denn den Baum da hingestellt?”, abermals schallendes Gel√§chter, Kaffee wird angesetzt (das h√§ttste aber auch schon mal vorbereiten k√∂nnen), der Kuchen allerdings ist “ein Gedicht”, und das Geschirr, na, das hattse doch alles von den Eltern. Die Nichte hat sich vom Freund getrennt, daher ist der nicht mit (na, das wusstest du doch?) und im Wohnzimmer sind die Clubsessel nicht so ganz nach dem Geschmack aller (da komm ich dann doch nicht mehr raus), und du sch√§mst dich f√ľr deinen d√ľnnen und fadenscheinigen Schreibtischstuhl, auf dem der kr√§ftige und schnaufende Onkel kaum Platz findet – und dann kommst du aus der K√ľche, hast den Kaffee fertig, ein gro√ües St√ľck Torte auf dem Teller und strahlst, na, das kann ich mir jetzt auch mal g√∂nnen, nach zwanzig Wochen Quarant√§ne.

Genre: Realitätsschatten

Ende der Zahlenspiele

Teil 3: √úbersterblichkeit als Spekulationsobjekt

Die Beschw√∂rung der Corona-Krise konfrontiert die Bev√∂lkerung permanent in den Nachrichten¬≠sendungen mit der Zahl der Todesf√§lle. Seit dem Zweiten Weltkrieg war die Sterblichkeit des Menschen vor allem ein privates Thema, √ľber das selbst innerhalb der Familien nur schwer gesprochen werden konnte. Es blieb spezialisierten Berufen, vor allem dem Bestattungswesen, vor¬≠be¬≠halten, eine professionelle Routine im Umgang mit dem Tod zu entwickeln. In einer Deutsch¬≠landfunk-Reportage berichtete ein Berliner Bestatter, da√ü sich fr√ľher, d.h. vor der Corona-Zeit, niemand f√ľr seinen Beruf interessiert habe. Nun seien die Sterbef√§lle in den Mittelpunkt ger√ľckt.

Tats√§chlich kann es eine Chance bedeuten, der Endlichkeit des menschlichen Daseins wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Drehte sich in fr√ľheren Jahrhunderten darum der Kern der Religionen, so hat der Einzug des Atheismus im Gleichschritt mit dem ‚Äěwissenschaftlichen Weltbild‚Äú im Laufe des 20. Jahrhunderts auch zu einer Verdr√§ngung des Todes, zur marktwirtschaftlichen Verwertung der Illusion ewiger Jugend beigetragen. Die Wellness-Industrie ist voll von Antiage-Produkten.

Die Corona-Krise f√ľhrte jedoch nicht zu einem umfassenden Blick auf das Sterben, sondern fokussierte lediglich eine, scheinbar entscheidende Frage: Bewirkt das Coronavirus eine substanzielle √úbersterblichkeit oder ist die ‚Äět√∂dliche Wirkung‚Äú des Virus √§hnlich einzuordnen wie die Folgen schwerer Grippeepidemien der vergangenen Jahrzehnte? Dar√ľber wurde und wird derzeit viel spekuliert. Mir erscheint es zun√§chst wichtig, auf die Engf√ľhrung des Themas hin¬≠zuweisen ‚Äď sie ist charakteristisch f√ľr den √∂ffentlichen Diskurs in der Corona-Zeit √ľberhaupt: Einzelaspekte, die Corona betreffen, werden monothematisch in den Vordergrund ger√ľckt, Kon¬≠texte wer¬≠den ausgeblendet.

In diesem Beitrag ordne ich die statistischen Zahlen zu Sterbef√§llen in l√§ngerfristige Zu¬≠sam¬≠menh√§nge ein und berechne daraus einen Erwartungswert, mit welcher Sterblichkeit im Jahr 2020 in Deutschland ohne Corona zu rechnen gewesen w√§re. Die zugrundegelegten Daten stammen vom Stati¬≠sti¬≠schen Bundesamt sowie vom RKI. Ziel der Betrachtung ist es, Scheindebatten zu beenden und den Blick wieder zu weiten. Dazu w√§hle ich einen trichterf√∂rmigen Fokus: Ich beginne mit einem gr√∂beren zeitlichen Ma√üstab, um langfristige Verl√§ufe sichtbar zu machen, und wende mich erst danach dem ‚Äěmikroskopischen‚Äú (monatsgenauen) Ma√üstab zu, um die besondere Dynamik im Jahr 2020 zu erkennen.

Sterberate_1970_2020

Abbildung 3: Sterberate in Deutschland in den letzten 50 Jahren (Fälle je 1000 Einwohner, Quelle: Stat. Bundesamt)

Um die Sterblichkeit √ľber einen l√§ngeren Zeitraum einordnen zu k√∂nnen, bietet es sich an, einen Blick auf die Sterberate zu werfen. Damit sind die Sterbef√§lle je 1000 Einwohner ge¬≠meint. Auf diese Weise werden Schwankungen in Bezug auf die Bev√∂lkerungszahl, die die Rohzahl der Sterbef√§lle beeinflu√üt, herausgerechnet. Denn anzunehmen ist, da√ü bei einer gr√∂√üeren Be¬≠v√∂l¬≠kerungszahl auch mehr Sterbef√§lle vorkommen, ohne da√ü sich dabei die Sterberate ge√§ndert hat.

Zu erkennen ist ein typischer U-f√∂rmiger Verlauf: W√§hrend die Sterberate von den 1970er Jahren bis zum Jahr 2000 um 2.4 Promille gesunken ist, w√§chst sie im neuen Jahrtausend wieder an. Als Hintergrund daf√ľr kommt vor allem der Anstieg der Lebenserwartung in Betracht: Indem der Anteil der √Ąlteren in der Bev√∂lkerung zunimmt, w√§chst auch die Zahl der Sterbef√§lle √ľber¬≠proportional ‚Äď denn die Steigerung der Lebenserwartung nimmt nicht ins Unendliche zu, sie st√∂√üt stets auf eine Grenze, auch wenn diese sich dank des medizinischen Fortschritts zunehmend ins h√∂here Alter verschiebt. Das erneute Anwachsen der Sterberate ist daher Ausdruck einer an sich erfreulichen Erh√∂hung der Lebenserwartung in den letzten zwanzig Jahren: In Deutschland ist die Zahl der √úber-80j√§hrigen von 2004 bis 2014 um 987.000 auf rund 4,5 Millionen gestiegen. Das entspricht einem Plus von 27.8%. Der Anteil der sogenannten Hochaltrigen an der Gesamt¬≠be¬≠v√∂l¬≠kerung lag Ende 2014 bei 5.6%, 2004 betrug er nur 4.3%.

Eine zweite Erkenntnis dr√§ngt sich bei der Betrachtung der Sterberate in den letzten f√ľnfzig Jahren auf: Obwohl der Trend seit dem Jahr 2000 wieder steigend ist, wurde¬†das 12.8-Promille-Allzeithoch von 1969 im Jahr 2020 nicht erreicht. Auch dies ist eine an sich gute Nach¬≠richt. Momentan entspricht die Sterberate in Deutschland in etwa der des Jahres 1990. Durch die √∂ffentlichen Medien geisterte demgegen√ľber die Behauptung, eine h√∂here Sterb¬≠lich¬≠keit als 2020 habe es zum letzten Mal vor f√ľnfzig Jahren gegeben ‚Äď hierbei handelt es sich um eine¬† offensichtliche Fehlinterpretation, die verbreitet wurde.

Um abzuschätzen, ob im Jahr 2020 in Deutschland eine Übersterblichkeit zu verzeichnen ist, betrachten wir im folgenden den Trend der letzten zehn Jahre. Wir befinden uns damit auf dem wieder ansteigenden Ast des U-förmigen Verlaufes:

Sterbefaelle_2010_2020

Abbildung 4: Sterbefälle in Deutschland Zuwachs zwischen 2010 und 2019 (Quelle: Stat. Bundesamt)

Dabei beobachten wir ann√§hernd eine lineare Steigerung in H√∂he von 11310 Sterbef√§llen pro Jahr (95%-Konfidenzintervall 7555; 15065) zwischen den Jahren 2010 bis 2019 (durchgezogene rote Linie) ‚Äď diese Zeitspanne legen wir nun zugrunde, um die Zahl der zu erwartenden Sterbef√§lle im Jahr 2020 zu sch√§tzen. Das Sta¬≠tistische Bundesamt verglich die Sterbef√§lle im Corona-Jahr lediglich mit dem Durchschnitt der¬† vier voran¬≠gegangenen Jahre ‚Äď diese Vergleichsgr√∂√üe ist aber unzureichend, da sie den nat√ľrlichen Zuwachs der Sterbef√§lle in den letzten Jahrzehnten nicht ber√ľcksichtigt. Tat¬≠s√§chlich steckt in der Zahl der Sterbef√§lle eine Dynamik, die bei einer Bezugnahme auf den Durch¬≠schnitts¬≠wert der Vorjahre nicht abgebildet wird.

Wir erkennen, daß sich Über- und Untersterblichkeit in Deutschland in einem ziemlich festen Rhyth­mus ab­wechseln. Betrachten wir die Differenz zum Vorjahr, so folgt in der Regel auf zwei Jahre mit einer Steigerung der Sterbefälle ein Jahr, in dem die Zahl der Sterbefälle im Vergleich zum Vorjahr geringer ausfällt. In diesem Rhythmus erhöht sich in den letzten beiden Jahrzehnten  sukzessive die Sterberate in Deutschland.

In Abbildung 4 habe ich daher zus√§tzlich den Mittelwert jeweils zweier aufeinander folgender Jahre eingetragen (blaue Linie) ‚Äď damit gl√§tten sich die Jahres¬≠schwankungen der Sterblichkeit. Die blaue Linie pa√üt sich der Geraden, die den linearen Anstieg der Sterbef√§lle modelliert (rote Linie), deutlich besser an. Hinter der rhythmischen Schwankung von √úber- und Untersterblichkeit¬† steckt das nat√ľrliche Ph√§no¬≠men, da√ü auf eine Saison, in der ‚Äď z.B. witterungsbedingt ‚Äď weniger gestorben wurde, eine Saison folgt, in der mehr Menschen sterben werden. Besonders markant entsprach das Jahr 2015 dieser Regel (Abbildung 5): War zuvor die Grippewelle 2014 sehr mild ausgefallen, so w√ľtete sie 2015 um so mehr ‚Äď mit der Folge, da√ü bereits 2016 wieder eine Untersterblichkeit zu ver¬≠zeichnen war. So berichtete die Apotheker-Zeitung vom 9. M√§rz 2017: ‚ÄěDie meisten Todesf√§lle in den ver¬≠gangenen Jahren gab es mit gesch√§tzten 21.300 in der Grippesaison 2014/15.‚Äú Es folgte eine Atempause in der Saison 2015/16 und 2016/17, bevor 2017/18 erneut eine au√üergew√∂hnlich starke Grippewelle nach Sch√§tzungen rund 25.100 Menschen in Deutschland das Leben kostete. ‚ÄěDas sei die h√∂chste Zahl an To¬≠des¬≠f√§llen in den vergangenen 30 Jahren, wie der Pr√§sident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, erkl√§rte‚Äú, war in der √Ąrzte-Zeitung vom 30. September 2019 zu lesen. Daraufhin folgte 2018/19 und ‚Äď wie es zun√§chst schien ‚Äď auch in der Saison 2019/20 wieder eine Atempause.

Sterbefälle_2010_2020_Vorjahr

Abbildung 5: Differenz der Sterbefälle in Deutschland zum Vorjahr: (unbemerktes) Maximum 2015

Die maximale Vorjahresdifferenz und damit gravierendste Sterblichkeitsdynamik der letzten zehn Jahre war mit 56.844 zwischen 2015 und 2014 zu beobachten. Die Vorjahresdifferenz zwischen 2020 und 2019 folgt mit 42.969 auf dem zweiten Rang (Abbildung 5).

Nimmt man die nat√ľrliche Steigerung zwischen 2010 und 2019 als Grundlage, um die Zahl der Sterbe¬≠f√§lle zu sch√§tzen, so ergibt sich nach dem einfachen Modell der linearen Re¬≠gression folgende Formel:

¬†Sterbef√§lle in Deutschland = 11310 x Jahr ‚Äď 21.883.005

Empirisch korreliert die Zahl der Sterbefälle in diesem Zeitraum signifikant in Höhe von .92** mit dem Ka­lenderjahr. Ein lineares Modell zur Schätzung der zu erwartenden Zahl der Sterbefälle im Jahr 2020 erscheint damit gerechtfertigt.

Jahr

Differenz zur Erwartung

%

Bewertung

2010

8.673

1.0

√úbersterblichkeit

2011

-9.077

-1.1

Untersterblichkeit

2012*

-6.133

-0.7

Untersterblichkeit

2013

9.800

1.1

√úbersterblichkeit

2014

-26.979

-3.1

Untersterblichkeit

2015

18.555

2.0

√úbersterblichkeit

2016*

-10.053

-1.1

Untersterblichkeit

2017

3.007

0.32

√úbersterblichkeit

2018

14.299

1.5

√úbersterblichkeit

2019

-12.365

-1.3

Untersterblichkeit

2020*

16.294

1.66

√úbersterblichkeit

Tabelle 3: Abfolge von Über- und Untersterblichkeit in Deutschland 2010-2020 (mit Sternchen wurden Schaltjahre gekennzeichnet, ihne wurde aufgrund des zustzlichen Tages im Februar ein um 3000 höherer Erwartungswert zugerechnet)

√úber- und Untersterblichkeit wechseln sich auch nach diesem Modell in einem gewissen Rhy¬≠thmus miteinander ab. In pros¬≠pe¬≠¬≠rierenden Zeiten mit steigender Lebenswartung gibt es in der Re¬≠gel h√§u¬≠figer Phasen der √úber¬≠sterblichkeit, da der Anteil hochbetagter Menschen w√§chst. Mit dem Alter aber nimmt nat√ľrlicherweise auch die Zahl der Vorerkrankungen zu, w√§hrend das Immunsystem schw√§cher wird.

F√ľr das Jahr 2020 ist nach diesem Modell eine √úbersterblichkeit in Deutschland zu konstatieren. Sie liegt der Gr√∂√üenordnung nach zwischen der √úbersterblichkeit des Jahres 2015 und der des Jahres 2018. Dabei ist zu be¬≠r√ľck¬≠sichtigen, da√ü 2020 ein Schaltjahr war und aufgrund des zus√§tzlichen Tages im Februar er¬≠war¬≠tungs¬≠gem√§√ü die Zahl der Sterbef√§lle um 3000 h√∂her ausfallen sollte.

Versuchen wir, die √úbersterblichkeit des Jahres 2020 noch etwas genauer einzugrenzen und n√§hern uns der Frage, ob sie durch Covid-19 erkl√§rt werden kann. In der folgenden √úbersicht wer¬≠den die Berechnungsgrundlagen f√ľr die Bewertung der Sterblichkeit in Deutschland sowie des dazu¬≠geh√∂rigen Konfidenzintervalls (95%) zusammengefa√üt:

Schätzung der Übersterblichkeit 2020:
Sterbefälle 2020

982.489

linearer Erwartungswert (2010-2019) f√ľr 2020

-963.195

Schaltjahrmalus

-3000

Differenz zum Erwartungswert

16.294

√úbersterblichkeit 2020 in %

1.66%

Oberer Erwartungswert f√ľr die Sterblichkeit 2020

-969.950

Differenz Sterbefälle vs. Erwartungswert 2020

12.539

√úbersterblichkeit 2020 in % (untere Grenze)

1.27%

Unterer Erwartungswert f√ľr die Sterblichkeit 2020

-962.440

Differenz Sterbefälle vs. Erwartungswert 2020

20.049

√úbersterblichkeit 2020 in % (obere Grenze)

2.04%

Zum Anteil der ‚ÄěCoronatoten‚Äú an der Gesamtsterblichkeit:

Zahl der an Covid-19 Verstorbenen lt. RKI

33.071

Anteil der ‚ÄěCoronatoten‚Äú an den Sterbef√§llen 2020

3.4%

Anteil der ‚ÄěCoronatoten‚Äú an der √úbersterblichkeit

203% (165% – 264%)

Anteil der ‚Äě√úbersterblichen‚Äú an den ‚ÄěCoronatoten‚Äú

49% (39% – 61%)

Zum Vergleich 2015:

Sterbefälle 2015

925.200

Linearer Erwartungswert f√ľr die Sterblichkeit 2015

-906.645

Differenz Sterbefälle vs. Erwartungswert 2015

18.555

√úbersterblichkeit 2015 in %

2.0%

Tabelle 4: Schätzung der Übersterblichkeit in Deutschland 2020 und des Anteils, den Covid-19 dazu beigeragen hat (Grundlage: lineares Modell der Sterbefälle 2010-19)

In Deutschland war im Jahr 2020 ohnehin mit einer h√∂heren Sterblichkeit zu rechnen als 2019. Unter Ber√ľcksichtigung des in den letzten zehn Jahren zu beobachtenden Trends in der Ent¬≠wicklung der Sterbezahlen ist von einer √úbersterblichkeit von 1.66% mit einem Konfidenz¬≠inter¬≠vall zwischen 1.27% und 2.04% im Jahr 2020 auszugehen ‚Äď dies ist die zweith√∂chste √úber¬≠sterblichkeit der letzten zehn Jahre und insgesamt als moderat zu beurteilen ‚Äď so auch die Einsch√§tzung des Sta¬≠tistischen Bundesamtes. Das bisherige Maximum von 2% √úbersterblichkeit im Jahr 2015 wurde 2020 nicht √ľber¬≠troffen. Vielmehr liegt die √úbersterblichkeit 2020 in etwa gleichauf mit der des Jahres 2018. Die Unterschiede erweisen sich nicht als sig¬≠nifikant, sondern fallen in das Fehlerintervall der Z√§hlungen.

Bemerkenswert ist, da√ü die Zahl der offiziell als ‚ÄěVerstorbene an oder mit Covid-19‚Äú um mehr als das Doppelte √ľber die Zahl der F√§lle, die die √úbersterblichkeit begr√ľndeten, hinausging. Das hei√üt, wenn Covid die einzige Ursache f√ľr die √úbersterblichkeit gewesen sein sollte, dann war bei etwa der H√§lfte der wegen Corona Verstorbenen statistisch zu erwarten, da√ü sie auch ohne Covid im Jahr 2020 sterben w√ľrden. Realistischerweise ist von einer deutlich h√∂heren Zahl dieser Sterbef√§lle aus¬≠zugehen, denn es ist unwahrscheinlich, da√ü au√üer Covid kein anderer Grund die √úber¬≠sterblichkeit im Jahr 2020 herbeigef√ľhrt hat: Depression, Vereinsamung und Existenzangst, verschobene Opera¬≠tionen, vernachl√§ssigte Vorsorgeuntersuchungen und √ľberhaupt die weithin beklagte Mei¬≠dung √§rzt¬≠licher Hilfe im Coronajahr sind als weitere treibende Faktoren der √úber¬≠sterblichkeit an¬≠zu¬≠nehmen.

Damit kommt das Dilemma der bisherigen Corona-Politik auf den Punkt: Der Befund legt nahe, da√ü eine Inflation an¬†falsch-positiven Testergebnissen zu einer verzerrten Wahrnehmung des Anteils der ‚ÄěCorona¬≠toten‚Äú an der Gesamtsterblichkeit beigetragen hat. Eine seri√∂se Gesundheitspolitik kon¬≠zen¬≠triert die medizi¬≠ni¬≠schen Kapazit√§ten auf die echten Krankheitsf√§lle, sch√ľtzt so weit m√∂glich die ge¬≠f√§hr¬≠deten Gruppen, aber verzettelt sich nicht im sportlichen Eifer, auch √ľberall dort Corona fest¬≠zustellen, wo es nicht ist, so da√ü eine Inflation falsch-positiver F√§lle das Gesamtsystem ruiniert.

Ein Blick auf die Statistik der Todesursachen in Deutschland offenbart sofort, in welcher Gro√üen¬≠ordnung die Fixation auf Corona als das vermeintliche ‚ÄěKillervirus‚Äú zu einem Neglect beigetragen hat. Der Einengung der Aufmerksamkeit auf eine Erkrankung, die in den meisten F√§llen ver¬≠gleichs¬≠weise moderat verl√§uft und sich im Vergleich zu Herz-Kreislauf und Krebs¬≠erkrankungen als seltene Todesursache erweist, kann selbst bereits ein Krankheitswert zugeschrieben werden: als psy¬≠chische und/oder Verhaltensst√∂rung. Statistisch ist zu bef√ľrchten, da√ü die mittlerweile in weiten Teilen der Be¬≠v√∂lkerung verbreitete Corona-Angst weitaus gef√§hrlichere und auch t√∂dlichere Folgen nach sich zieht, als die biologische Wirkung des Virus, wenn es auf ein intaktes Immunsystem trifft.

Todesursache

2019

%

2015

%

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

331.200

35.3

356.616

38.5

Krebs

231.300

24.6

226.337

24.5

Atemwegserkrankungen

67.021

7.1

68.300

7.4

Psychische und Verhaltensstörungen

57.839

6.1

44.590

4.8

Krankheiten des Verdauungssystems

33.626

3.6

39.844

4.3

Verletzung oder Vergiftung

41.779

4.4

36.496

3.9

Covid-19 (2020)*

33.071

3.4

Infektiöse und parasitäre Krankheiten

16.194

1.7

19.943

2.2

St√ľrze

16.657

1.7

12.867

1.4

Suizid

9.041

0.96

10.078

1.1

Verkehrsunfälle

3.059

0.3

3.688

0.4

insgesamt

939.520

925.200

Tabelle 5: Todesursachen in Deutschland nach Zahl der Verstorbenen (Quelle: Statistisches Bundesamt, * RKI)

Ich bin gespannt auf die Todesursachen-Statistik f√ľr 2020, die im Laufe des Jahres 2021 vom Sta¬≠tistischen Bundesamt herausgegeben wird: Wenn Covid in nennenswerter Gr√∂√üenordnung an¬≠stelle anderer Todesursachen gez√§hlt wurde (obwohl es m√∂glicherweise nicht ausschlaggebend war), dann ist zu erwarten, da√ü die H√§ufigkeit anderer Todesursachen im Jahr 2020 geringer ausf√§llt, als es aus dem Trend der letzten Jahre zu erwarten w√§re.

Werfen wir nun einen ‚Äěmikroskopischen‚Äú Blick auf die Verteilung der Sterblichkeit in den ein¬≠zelnen Monaten des Jahres 2020 ‚Äď dies entspricht der ‚ÄěSonderauswertung‚Äú, die vom Statistischen Bundesamt Ende Januar 2021 vorgelegt und in den √∂ffentlichen Medien verbreitet wurde. Als Referenz wurde vom Stati¬≠stischen Bundes¬≠amt der Durchschnitt der Sterbef√§lle der Jahre 2016-19 heran¬≠ge¬≠zogen. Zur Auswahl dieser Vorjahre ist kritisch anzumerken, da√ü sie das¬† Jahr 2015 ausklammert, das hinsichtlich der √úbersterblichkeit am ehesten mit 2020 vergleichbar ist ‚Äď damit f√§llt die Bilanz ung√ľnstiger aus, als es bei einem fairen Vergleichsma√üstab der Fall w√§re. F√ľr 2015 liegen jedoch weder beim Statistischen Bundesamt noch bei Eurostat monatsgenaue Sterbeziffern f√ľr Deutschland vor. Um die Gr√∂√üenordnung des Anteils der an oder mit Covid Verstorbenen zu verdeutlichen, habe ich erg√§nzend die Schwankungsbreite (SB) der Jahre 2016 bis 2019 als graue gestrichelte Linie ein¬≠getragen:

Sterbefälle_2020_monatsgenau

Abbildung 7: Sterbefälle pro Monat in Deutschland 2020 (Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes)

Bis Ende Oktober √ľberschreitet die Zahl der laut RKI an oder mit Covid Verstorbenen nicht die Schwankungsbreite, die in den Jahren 2016-19 zu beobachten war. Auch der √ľberdurchschnittliche Aprilwert ‚Äď von dem die einen behaupten, er sei eine Folge des Virus, w√§hrend die anderen meinen, er sei eine Folge des Lockdown ‚Äď bewegt sich im Rahmen der Schwankungsbreite der voran¬≠¬≠gegangenen vier Jahre. Erst im November und Dezember des Jahres 2020 begann die Zahl der offiziell als ‚ÄěCoronatote‚Äú registrierten Verstorbenen die sonst √ľbliche Schwankungsbreite f√ľr diese Mo¬≠nate substanziell zu √ľbersteigen. Im Vergleich √ľberschreitet der Dezember 2020 das Allzeithoch der letzten 30 Jahre vom M√§rz 2018 nicht ‚Äď damit l√§√üt sich die Einordnung der Gef√§hrlichkeit von Covid in die Gr√∂√üenordnung schwerer Grippewellen nicht als falsch zur√ľckweisen. Zu dieser Einsch√§tzung gelangte auch eine Arbeitsgruppe des RKI im √Ąrzteblatt vom Februar 2021 (Rommel et al., 2021).

Schlie√ülich suggeriert die monatliche Aufschl√ľsselung der Sterbef√§lle des Jahres 2020 eine weitere These: Wenn es √ľberhaupt einen Einflu√ü des Lockdown gibt, dann hat er im Fr√ľhjahr dazu beigetragen, die Sterbewelle im Herbst vorzubereiten ‚Äď denn wir haben oben ja gesehen, da√ü Phasen der Untersterblichkeit und der √úbersterblichkeit nat√ľrlicherweise einander abwechseln. Zu Beginn des Jahres 2020 war in Deutschland bis Ende M√§rz eine Untersterblichkeit zu verzeichnen. Das RKI meldete bereits Mitte Februar, da√ü die Grippeausbreitung auf ein Allzeittief gesunken sei und der Ausbreitung im Sommer entspreche. Daraus erw√§chst zwangsl√§ufig die Wahrscheinlichkeit, da√ü in der n√§chsten Saison, d.h. im Herbst 2020 und Winter 2021, nat√ľrlicherweise eine √úbersterblichkeit auftreten wird.

Zum Abschlu√ü m√∂chte ich die Erkenntnisse zur √úbersterblichkeit 2020 auf den europ√§ischen Vergleich anwenden. Gest√ľtzt habe ich mich auf den Datenpool von Eurostat, der vom Statistik-Amt der Euro¬≠p√§ischen Union¬†gepflegt wird. Damit die Ergebnisse nachvollziehbar sind, wurde f√ľr die folgenden L√§nder zun√§chst die Zahl der Sterbef√§lle im Jahr 2020 aufgef√ľhrt. Die Sch√§tzung der √úber¬≠sterblichkeit erfolgte anhand von drei Modellen, der Einfachheit halber nicht anhand einer Regressionsanalyse, sondern anhand des durchschnittlichen j√§hrlichen Zuwachses:

o¬† Exzess 1 (statisch): Sch√§tzung ohne Zuwachs, als Vergleichsgr√∂√üe dient der Durchschnitt der Jahre 2015 ‚Äď 2019, zzgl. des Schaltjahrmalus‚Äô (365stel des Jahres 2019)

o  Exzess 2 (langgfristig dynamisch): als Vergleichsgröße dient das Elffache des durch­schnittlichen Zuwachses zwischen 2010 und 2019 (Faktor 2), zzgl. Schaltjahrmalus

o  Exzess 3 (kurzfristig dynamisch): als Vergleichsgröße dient das Vierfache des durch­schnitt­lichen Zuwachses zwischen 2016 und 2018 (Faktor 3), zzgl. Schaltjahrmalus

Zu erkennen ist, da√ü zwischen 2010 und 2019 nicht in allen L√§ndern ein Anwachsen der Sterbef√§lle wie in Deutschland zu beobachten war. Ein R√ľckgang der Sterbef√§lle in diesem Zeitraum dr√ľckt sich in der folgenden √úbersicht durch einen negativen Faktor aus. Er war in Norwegen, Estland und Schweden zu verzeichnen. In Island und D√§nemark blieb die Zahl der Sterbef√§lle in den letzten zehn Jahren vor Corona nahezu konstant. In den √ľbrigen L√§ndern, die bereits 2010 Sterblichkeitsziffern an Eurostat gemeldet haben, war ein Anwachsen der Sterbef√§lle in den Jahren vor Corona festzustellen.

Geradezu dramatisch stellt sich der Zuwachs der Sterbef√§lle vor Corona dar, wenn man die drei Jahre 2016-2018 betrachtet ‚Äď in diese Zeit f√§llt die verheerende Grippewelle der Saison 2017/18, die europaweit zur einer Zunahme der Sterbef√§lle f√ľhrte (au√üer in Island). Der √∂ffentlichen und medialen Wahrnehmung blieb diese Dynamik weitgehend verborgen ‚Äď die Politik reagierte in keiner Weise darauf.

Land 2020 Exzess 1 % Faktor 2 Exzess 2 % Faktor 3 Exzess 3 %
Norway (*) 41053,00 179,25 ,44 -4,60 448,65 1,09 92,67 -1143,95 -2,79
Iceland 2321,00 63,81 2,75 28,00 25,81 1,11 -16,00 187,81 8,09
Denmark (*) 55473,00 1725,59 3,11 72,00 1448,59 2,61 831,67 -3099,41 -5,59
Estonia* 16188,00 688,59 4,25 -10,60 824,59 5,09 123,33 -75,01 -,46
Germany (*) 982489,0 47361,37 4,82 8075,20 32319,77 3,29 14657,33 -33229,0 -3,38
Hungary 141665,0 11020,05 7,78 179,40 11865,45 8,38 1443,67 -1329,15 -,94
Sweden 96941,00 7729,36 7,97 -206,50 10976,06 11,32 288,67 3393,56 3,50
Italy* 705116,0 60295,45 8,55 - - - 5045,33 20274,45 2,88
Greece* 134003,0 11662,00 8,70 - - - 612,00 6665,80 4,97
France* 677589,0 72250,86 10,66 - - - 5650,00 37704,26 5,56
Austria (*) 91527,00 9955,16 10,88 621,30 9125,26 9,97 1073,67 1892,56 2,07
Portugal* 124948,0 13814,19 11,06 790,80 12377,79 9,91 888,00 8649,59 6,92
Switzerland (*) 75605,00 8511,83 11,26 628,30 7276,73 9,62 746,33 2156,03 2,85
Netherlands* 171175,0 20257,60 11,83 1866,40 17346,40 10,13 1558,67 11554,80 6,75
Czechia (*) 130684,0 19164,64 14,66 756,50 17580,54 13,45 1789,00 6469,04 4,95
Belgium* 128817,0 18920,72 14,69 593,20 19490,72 15,13 936,33 10492,92 8,15
Spain* 501029,0 81197,05 16,21 4340,70 80637,55 16,09 5955,33 36309,25 7,25
Poland (*) 484021,0 80849,42 16,70 3769,70 71510,52 14,77 8119,67 32334,22 6,68
UK* 699632,0 578194,8 82,64 - - - 5357,67 54103,96 7,73

Tabelle 4: √úbersterblichkeit 2020 im europ√§ischen Vergleich (Berechnungen auf Grundlage der Datenbasis von Eurostat);¬† ¬†* L√§nder mit Lockdown, (*) L√§nder mit teilweisem Lockdown 2020; Tschechien, Griechenland, Italien, Gro√übritannien und die Schweiz lagen die Zahlen f√ľr die letzten Wochen des Jahres 2020 noch nicht vor und wurden gesch√§tzt (Stand 2.2.2021); f√ľr Italien, Griechenland, Frankreich und Gro√übritannien lagen keine Sterbeziffern f√ľr das Jahr 2010 vor.

Die Spalte ‚ÄěExzess 1‚Äú gibt im Wesentlichen das Bild wieder, das in den √∂ffentlichen Medien ge¬≠zeichnet wird, wenn sie sich auf den Ma√üstab des Gesamtjahres 2020 einlassen und nicht einzelne Mo¬≠nate oder gar Wochen willk√ľrlich aus dem Geschehen herausgreifen. Um die Orientierung zu erleichtern, habe ich die Tabelle nach dieser Ma√üzahl aufsteigend geordnet. Wir sehen zum einen, da√ü auch nach der unrealistischen statischen Sch√§tzmethode etwa bei der H√§lfte der L√§nder die vermutete √úbersterblichkeit unter 10% und damit gering ausf√§llt. Besonders gut schneidet Norwegen ab. Zum anderen f√§llt auf, da√ü L√§nder mit einer geringeren √úbersterblichkeit h√§ufig keinen oder nur einen teilweisen Lockdown verh√§ngt haben, w√§hrend sich in L√§ndern, die sich durch einen besonders harten Lockdown hervortaten, auch die Sterbef√§lle h√§uften. Besonders krass ist dieser Effekt in Gro√übritannien festzustellen.

Ber√ľcksichtigt man den bereits in den Jahren 2016-18 weitgehend unbemerkt gebliebenen dynamischen Anstieg der Sterbef√§lle in Europa (au√üer Island), dann f√§llt die √úbersterblichkeit im Corona-Jahr 2020 deutlich geringer aus (Spalte “Exzess 3″). Im Vergleich zu diesem Ma√üstab war in Norwegen, D√§nemark, Estland, Deutschland und Ungarn sogar eine Untersterblichkeit zu verzeichnen. Die √úbersterblichkeit von Italien, der Schweiz und √Ėsterreichs sowie Schwedens sinkt dann auf eine geringe Gr√∂√üenordnung. Lediglich Island hat einen st√§rkeren Anstieg der Sterbef√§lle zu beklagen ‚Äď der aber mit dem spezifischen R√ľckgang der Sterblichkeit in den Vorjahren zusammenh√§ngt.

In der Konsequenz l√§√üt sich zusammenfassen, da√ü im Corona-Jahr 2020 eine Entwicklung er¬≠kenn¬≠bar wurde, die bereits in den Vorjahren unter dem Etikett der Grippewellen zumindest 2015 und 2018 dramatische Z√ľge angenommen hatte, ohne das √∂ffentliche Bewu√ütsein zu erreichen. Durch die Zuschreibung der Gef√§hrlichkeit an ein neues Virus gelang es, das Ph√§nomen der Sterblichkeit des modernen Menschen, seine Naturw√ľchsigkeit und seine Abh√§ngigkeit von gesell¬≠schaft¬≠lichen wie auch biologischen (virologischen) Kontexten wieder ins Auge zu fassen ‚Äď so sehr das nervt oder schmerzt. Im R√ľckblick erscheint die Fixierung auf das Coronavirus als vermeintlich einzige Gefahr √ľbertrieben. Psychologisch reizt sie zur Abspaltung und Dissoziation, zur Aufsplitterung des gewohnten ganzheitlichen Lebensvollzuges der sich in Freiheit w√§hnenden Men¬≠schen. Wie paradox mutet es an, da√ü im Zuge der Pandemiebek√§mpfung alles, was Leib und Seele gesund h√§lt, Sport, Geselligkeit, sinnstiftende T√§tigkeit, Genu√ü und Selbstwirksamkeitserleben verboten oder zumindest stark eingeschr√§nkt wird?

Genre: Realitätsschatten

Home Office Teil 2

… hoher Blutdruck und Geschimpfe, Herumh√§ngen bei niedrigem Blutdruck … in diesem Winter konnten sie es uns nicht recht machen.

“Irgendwie kommt es mir die ganze Zeit vor, als w√ľrde ich krank werden. F√ľhlt sich irgendwie an wie ne Doktor-Arbeit, nur dass ich da nicht krank war…!

Aber: Wie ne Doktorarbeit in Literaturwissenschaften. Und: Ne Doktorarbeit in Marburg.

“… Klebriger als nen Kandisappel aufm Jahrmarkt.”

“Ein Jahrmarkt der Befindlichkeiten.”

“Blues-Druck” (Einer, der mehr kann)

Genre: Realitätsschatten

Ende der Zahlenspiele

Teil 2: Die T√ľcken der Exponentialfunktion

Die Z√§hlung der Intensivpl√§tze, d.h. der Betten und des entsprechend ausgebildeten Personals, ist eine vergleichsweise valide Angelegenheit und gelingt jedem Klinikverwaltungsleiter allein mit Hilfe des Kleinen Einmaleins. Als weitaus weniger valide erweist sich der Nachweis eines in¬≠fek¬≠tu√∂sen Virus. Im Laufe des Sommers 2020 entbrannte ein heftiger Streit √ľber die Aussagekraft von PCR-Tests. In der New York Times vom 30. August wurde in einem Artikel unter dem Titel ‚ÄěYour coronavirus test is positive. Maybe it shouldn‚Äôt be‚Äú √ľber die Abh√§ngigkeit der Befunde von der Zahl der Analysezyklen (Cycle treshold, Ct-Wert) berichtet: W√§hrend die Mehrzahl der Labore den Gesund¬≠heits¬≠beh√∂rden lediglich mitteilt, ob der Test ein positives oder negatives Ergebnis habe, werde nicht mitgeteilt, wieviele Zyklen notwendig waren, um zu einem positiven Befund zu gelangen. Die Viruslast verh√§lt sich aber umgekehrt proportional zum Ct-Wert, d.h. je mehr Zyklen erfordlich sind, desto geringer ist die Viruslast. Die Nachricht erreichte am 6. September auch die Tagesschau-Redaktion. Danach schien diese Erkenntnis dort rasch wieder in Vergessenheit zu geraten.

Aus ihr ergeben sich gravierende Unsicherheiten f√ľr die Diagnose von Covid. Im PCR-Verfahren wird ein exponentiell wirksamer Verst√§rker eingesetzt: Wenn in einer Probe zu Beginn nur ein einziges RNA-Partikel befindet, das mit dem gesuchten Target √ľbereinstimmt, so ver¬≠vielfacht das PCR-Verfahren dieses Partikel im ersten Zyklus auf zwei, im zweiten auf vier, im dritten auf 16, im vierten auf 256 usw.

Um dem sich allm√§chtig d√ľnkenden Herrscher Shihram zu verdeutlichen, da√ü er ohne sein Volk, ohne Bauern, L√§ufer, Reiter und nicht zuletzt seine Gattin, nur winzige Schritte zu gehen imstande war,¬† erfand der Weise Sissa das Schach¬≠spiel. Der Tyrann fand Gefallen daran, wurde milder und einsichtiger. Zum Dank gew√§hrte er dem Weisen einen Wunsch. Sissa bat den K√∂nig, ihn mit einem Weizenkorn auf dem ersten Feld, zwei K√∂rnern auf dem zweiten Feld, vier auf dem dritten usw. zu entlohnen. Shihram lachte und war zugleich ver√§rgert √ľber die Be¬≠schei¬≠den¬≠heit des Weisen. Wie hatte er sich vom Augenschein t√§uschen lassen! Dem Hofmathematiker gelang es nicht, die gew√ľnschte Menge an Weizenk√∂rnern auszurechnen, und der Vorsteher der Kornkammern mu√üte gestehen, da√ü alle Vorr√§te des Reiches nicht aus¬≠reichen w√ľrden, um den Wunsch des Weisen zu erf√ľllen.

Tats√§chlich √ľbersteigt der ‚Äěbescheidene‚Äú Wunsch des Weisen bei 64 Schachfeldern das Tau¬≠send¬≠fache der heutigen Getreideproduktion. Um ein RNA-Fragment des Coronavirus nachzuweisen, m√ľssen die Testlabore nicht ganz so weit gehen. Ihnen gen√ľgen zumeist ‚Äěschon‚Äú 39 Analysezyklen bei der Anwendung des PCR-Tests. Ab dem 40. Zyklus verwerfen sie den Befund. Mit jedem Zyklus verdoppelt sich die Zahl des gefundenen Partikels und es vervielfacht sich in der Summe um das Tausend-, Millionen-, Milliarden-, Billionenfache. Die genaue Zahl des PCR-Verst√§rkungseffektes l√§√üt sich anhand der geometrischen Summen¬≠formel bestimmen:

Analysezyklen (Ct)

Vervielfachung des Zielpartikels

0

1

1

3

5

31

10

1.023

15

32.767

20

1.048.575

25

33.554.431

30

1.073.741.823

35

34.359.738.367

40

1.099.511.627.775

45

35.184.372.088.831

Tabelle 1: Exponentielle Vervielfachung eines gefundenen Partikels bei optimaler Durchf√ľhrung des PCR-Tests

Eine Verst√§rkung durch vier bis sechs Zyklen gen√ľgt in der Regel, um das Target vom Hinter¬≠grund¬≠rauschen unterscheiden zu k√∂nnen (Kaltenboeck & Wang, 2005). F√ľr die Erkennung von Corona¬≠viren¬≠ werden 10 bis 45 Analysezyklen durchgef√ľhrt. Was bedeutet diese phantastisch anmutende Steigerung der Sensitivit√§t f√ľr die Interpretation des PCR-Testergebnisses? Kleinste Mengen k√∂nnen so vergr√∂√üert werden, da√ü sie makroskopische Effekte bewirken und zum Beispiel optisch sichtbar werden. Metaphorisch gesprochen wird ein Millivolt auf Hochspannung trans¬≠for¬≠miert.

Die Zu¬≠w√§chse bei der Expo¬≠nentialfunktion sind gewaltig ‚Äď daher fl√∂√üt eine ‚Äěexponentielle Ausbreitung‚Äú des Virus Angst ein. Und wir k√∂nnen dankbar sein √ľber eine Regierende, die im Unterschied zu dem Tyrannen aus der Antike davon schon einmal vor langer Zeit in der Schule oder im Studium geh√∂rt hat. Nur gilt die Exponentialfunktion nicht allein f√ľr die idealisiert dargestellte Ausbreitung eines Virus, sondern auch f√ľr die Sensitivit√§t des PCR-Tests: Sie w√§chst mit jedem Zyklus. Und damit verliert der Test seine Validit√§t. Seltsamerweise ist √∂ffentlich √ľber die Sen¬≠si¬≠tivit√§t und Spezifit√§t des PCR-Tests in den letzten Monaten viel diskutiert worden ‚Äď das wesentlich bedeutsamere Merkmal ist die Validit√§t, d.h. seine sachliche G√ľltigkeit: Mi√üt der Test, was er zu messen vorgibt ‚Äď diese Frage blieb weitgehend unbeachtet.

‚ÄěHowever, it is important to keep in mind that Ct values, and typically used differences between Ct values of analyte and reference mRNA (Delta Ct), are exponentially related to the number of target copies. Thus, small errors in Delta Ct may become large errors in the ratios. These data underscore the extreme importance of tight control of all parameters and rigorous validation if real-time PCR protocols.‚ÄĚ (Bernhard Kaltenboeck & Chenming Wang, 2005)

Jedes Labor legt den Schwellenwert, ab welcher Zyklenzahl man einen positives Testergebnis nicht mehr als positiven Befund interpretiert, selbst fest oder richtet sich nach der Anweisung des jeweiligen Herstellers ‚Äď es gibt keine Standardisierung daf√ľr. Das RKI wie auch PHE (Public Health England) bezeichnen den Ct-Wert daher als ‚Äěsemiquantitativ‚Äú, da er von Labor zu Labor eine andere Gr√∂√üe darstellen k√∂nne. Wie genau der Ct-Wert mit der Aus¬≠gangs¬≠menge des Targets korreliert, h√§ngt zudem von der Empfindlichkeit, Pr√§zision und Effizienz des im Labor eingesetzten Testkits ab. Aus diesen Gr√ľnden riet im August 2020 auch das College of American Pathologists (CAP) zur Vorsicht bei der Interpretation des Ct-Wertes (Rhoads, 2020). Ct-Werte k√∂nnen zwischen 3 bis 12 Zyklen in Abh√§ngigkeit von Target (Abstrich), Testkit und La¬≠bor¬≠praxis schwanken. ‚ÄěW√§hrend der COVID-19-Pandemie ist es f√ľr klinische Labore √ľblich ge¬≠worden, mehrere RT-PCR-Assays zum Nachweis von SARS-CoV-2 durchzuf√ľhren. Daher kann die Angabe des Ct-Werts bei allen positiven Ergebnissen verwirrend und irref√ľhrend f√ľr den Auftraggeber sein‚Äú, res√ľmierte im Oktober 2020 Matthew Binnicker, Direktor der klinischen Virologie an der Mayo Clinic in Rochester.

Das Corman/Drosten-Papier, das die WHO im Januar 2020 im Schnellverfahren zur Blaupause f√ľr die weltweit durchgef√ľhrten Corona-PCR-Tests erhob, beinhaltete 45 (!) Analysezyklen. In ihrem Artikel stellte die New York Times im Sommer 2020 fest, da√ü die meisten Labore den Schnitt bei 40 Zyklen ansetzten, einige wenige bei 37. Zu √§hnlichen Ergebnissen kam eine kanadische Forschungs¬≠gruppe zur Diagnostik von Covid-19: In Kanada lag das Cutoff-Kriterium f√ľr einen Positiv¬≠befund zwischen einem Ct-Wert von 36 und 40 (LeBlanc et al., 2020). Ein von der WHO akkreditierter, chinesischer PCR-Testkit-Hersteller gib in der Bedienungs¬≠an¬≠lei¬≠tung vor, da√ü ein Ergebnis bis zu einem Ct-Wert von 37 als Positivbefund und erst ab einem Ct-Wert von 40 als Negativbefund zu inter¬≠pretiert werden soll, Werte dazwischen seien als Grauzone zu deuten (Jiangsu Bioperfectus Technologies).

Dennoch stellt der Ct-Wert bei aller labortechnischen Variation ein Ma√ü dar, dem eine klinische Bedeutsamkeit zukommt. Bereits im Fr√ľhjahr 2020 zeigten einige Studien, da√ü Patienten in den ersten Tagen der Infektion Ct-Werte unter 30 und oft unter 20 haben, was auf eine hohe Viruslast hinweist; wenn das Immun¬≠system das Coronavirus bek√§mpft, steigen die Ct-Werte allm√§hlich an. Eine Meta-Analyse √ľber 18 Studien, die im Juli in Infectious Diseases and Therapy erschien, fand signifikante Korrelationen zwischen Ct-Werten und der Schwere der Erkrankung sowie zwischen Ct und dem Vorhandensein biochemischer Indikatoren im Blutbild (Rao et al., 2020). Auch in neueren Studien wurde be¬≠obachtet, da√ü eine h√∂here Viruslast die Ansteckungsf√§higkeit stark beeinflussen und den Schweregrad der Erkrankung vorhersagen kann. So untersuchten Forscher um Bernard La Scola, Experte f√ľr Infektions¬≠krankheiten am IHU-M√©diterran√©e Infection, 3790 positive Proben mit bekannten Ct-Werten darauf, ob sie lebensf√§hige Viren enthielten. La Scola und seine Kollegen fanden heraus, da√ü bei 70% der Proben ein Ct-Wert von 25 oder darunter ausreichte, um zu einem positiven Testergebnis zu gelangen. Dagegen enthielten weniger als 3% der F√§lle mit Ct-Werten √ľber 35 vermehrungsf√§hige Viren (Jaafar et al. 2020). Zudem wiesen etwa 40% der Personen, bei denen eine hohe Viruslast (Ct-Wert < 25) festgestellt wurde, keine klinischen Symptome auf und blieben ge¬≠sund.

Das amerikanische Center for Desease Control (CDC) empfahl im Som¬≠mer daher einen Schwel¬≠len¬≠wert von 33 Zyklen. Tat¬≠s√§ch¬≠lich w√§ren 85-90% der im Juli in Mas¬≠sa¬≠chusetts als positiv gewerteten Coronatests bei einem Ct-Wert von 30 negativ ausgefallen. Das RKI riet im September, Personen mit einem positiven Testergebnis, das mit einem Ct-Wert von 30 oder h√∂her zustande gekommen sei, aus der Quarant√§ne zu befreien. Laut Tagesschau wurde dies aber nur in Schwerin auch so praktiziert ‚Äď in den meisten deutschen Kommunen erfahren die Gesund¬≠heits√§mter den Ct-Wert gar nicht.

Kary Mullis, der Erfinder des PCR-Tests, warnte ‚Äď im Zusammenhang seiner umstrittenen Thesen zum HI-Virus ‚Äď vor einer Gleichsetzung von positivem Testergebnis und klinischem Befund: Mit dem PCR-Test ist es m√∂glich, positiv getestet zu werden, ohne krank oder infektu√∂s zu sein. ‚ÄěDie PCR hat alles revolutioniert. Sie hat die Molekularbiologie wirklich stark gemacht ‚Äď was dann auch andere Bereiche ver√§ndert hat, sogar weit entfernte wie √Ėkologie und Evolution … Es ist unm√∂glich, den Einflu√ü der PCR zu √ľbersch√§tzen. Die F√§higkeit, so viel DNA einer bestimmten Sequenz zu erzeugen, wie man will, ausgehend von ein paar einfachen Chemikalien und einigen Tem¬≠¬≠pera¬≠tur√§nderungen ‚Äď das ist einfach magisch‚Äú, wird David Bilder, Moleku¬≠larbiologe in Berkely, in einem kritischen Nachruf auf Mullis zitiert. In einem Interview, das auf der Homepage von Kary Mullis zu finden ist, charakterisiert David Jay Brown die weiteren Einsatzgebiete der PCR wie folgt: ‚ÄěSie hat nicht nur die Genforschung revolutioniert, sondern auch die Popkultur und die Science-Fiction be¬≠einflu√üt. Da die PCR die F√§higkeit besitzt, DNA aus Fossilien zu extrahieren, war sie die theoretische Grundlage f√ľr den Kinofilm Jurassic Park. Tats√§chlich ist die PCR die Grundlage f√ľr eine v√∂llig neue wissen¬≠schaft¬≠liche Disziplin, die Pal√§obiologie.‚Äú Dar√ľberhinaus findet die PCR in der Forensik An¬≠wen¬≠dung bei der Herstellung genetischer Fingerabdr√ľcke, DNA-Tests (z.B. auch bei Mordopfern) oder Vaterschaftstests ‚Äď Fragen also, bei denen es gerade nicht um ver¬≠meh¬≠rungs¬≠f√§hige DNA-Sequenzen in lebenden Organismen geht.

Wenn im Laufe der Corona-Pandemie behauptet wurde, da√ü sich das Virus mit exponentieller Geschwindigkeit ausbreite, wurde nicht erw√§hnt, auf welcher Anzahl von Analysezyklen die Messung des Virus beruhte. In einem Appell vom 21.1.2021 forderte die WHO die Labore auf, die Bedienungs¬≠an¬≠leitungen der PCR-Test-Kits gr√ľndlicher zu lesen, das klinische Erscheinungsbild der getesteten Personen in die Interpretation der Ergebnisse ein¬≠zu¬≠be¬≠ziehen, wie es vorgeschrieben ist, und die Schwellen¬≠werte nur in begr√ľndeten Einzelf√§llen manuell zu √§ndern. Eine zugegeben recht skurrile Forderung der WHO.

Wird der PCR-Test als diagnostisches Hilfsmittel in der Infektionsmedizin lediglich dichotom (‚Äěpositiv‚Äú vs. ‚Äěnegativ‚Äú) ausgewertet, hat er wegen seiner √ľber¬≠steuer¬≠baren Sensitivit√§t ein Vali¬≠di¬≠t√§ts¬≠problem: Er mi√üt keine Infektion, sondern das Vor¬≠han¬≠den¬≠sein von Target-Partikeln, unabh√§ngig von der Frage, ob diese ein vermehrungsf√§higes Virus darstellen. ‚ÄěHowever, RT-PCR does not distinguish between infectious and non-infectious virus‚Äú, res√ľmierten Singanayagam et al. (2020) in ihrer Studie zur Dauer der Nachweisbarkeit von Coronaviren im PCR-Test. Die Autoren konnten bei Mehrfachtestungen in einer Zeitspanne √ľber 20 Tage bei 425 Patienten mit klinischer Symptomatik und positivem PCR-Ergebnis zeigen, da√ü der Ct-Wert im Laufe der Zeit zunahm, d.h. sich die Viruslast verringerte. Nur aus 10% der Proben, die bei einem Ct-Wert √ľber 35 positiv wurden, lie√üen sich vermehrungsf√§hige Viren anz√ľchten. Zu einem √§hnlichen Resultat gelangte eine Forscher¬≠gruppe von der Chung-Ang Universit√§tsklinik in Seoul (S√ľdkorea),¬†ver√∂ffentlicht am 27. Januar 2021 im New England Journal of Medicine: ‚ÄěVom ersten Auftreten der Symptome lie√üen sich im Median sieben Tage¬† lang (95 %-Konfidenzintervall [KI], 5 bis 10) vermehrungsf√§hige Viren¬≠kulturen be¬≠obachten, in der RT-PCR waren sie dagegen 34 Tage nachweisbar (untere Grenze des 95-%-KI, 24 Tage). Die l√§ngste lebende Viruskultur war zw√∂lf Tage nach Symptombeginn festzustellen (bei Patient 6). Nach Abklingen des Fiebers wurden lebensf√§hige Viren noch bis zu drei Tagen identifiziert (bei Patient 14). Die Virenkulturen waren nur in Proben mit einem Zyklus-Schwellenwert von 28.4 oder weniger positiv … Unsere Ergebnisse k√∂nnen bei der Festlegung von Isolationszeiten f√ľr Patienten mit Covid-19 und bei der Absch√§tzung des Risikos einer sekund√§ren √úbertragung bei engen Kontakten im Rahmen der Vertragsverfolgung hilfreich sein. Angesichts der kleinen Stichprobengr√∂√üe, des inkonsistenten Zeitpunkts der Probenentnahme und der relativ milden Erkrankung der teilnehmenden Patienten sollten unsere Er¬≠gebnisse in gr√∂√üeren und vielf√§ltigeren Patientengruppen verifiziert werden.‚Äú (Kim et al., 2021)

F√ľr die Ber√ľcksichtigung hoher Zyklenwerte spricht, da√ü damit eine Infektion einer¬≠seits bereits im Fr√ľhstadium und andererseits auch noch im Sp√§tstadium, wenn das Virus bereits vom Rachen in die Lunge gewandert ist, erkannt werden kann. Tats√§chlich ist die Viruslast bei Covid-Patienten etwa vom zweiten Tag vor dem Sichtbarwerden von klinischen Symptomen bis zum f√ľnften Tag nach dem ersten Auftreten von Symptomen am h√∂chsten. So argumentierte die amerikanische F.D.A. (Food and Drug Ad¬≠mini¬≠stration) im Sommer 2020 f√ľr die Beibehaltung der hohen Ct-Schwellenwerte.

Dem ist entgegenzuhalten, da√ü auf diese Weise eine erhebliche An¬≠zahl falsch-positiver Test¬≠er¬≠geb¬≠nisse in Kauf genommen wird: Es werden Menschen als ‚Äěinfektu√∂s‚Äú stig¬≠matisiert, die es in Wirklichkeit nicht sind. Die Steierm√§rkische Kranken¬≠anstalten¬≠gesellschaft stellte daher im Oktober 2020 unmi√üverst√§ndlich fest: ‚ÄěDa mittels PCR nur die virale RNA und nicht das gesamte, intakte Virus detektiert wird, ist ein SARS-Cov2-RNA-Nachweis nicht automatisch gleichzusetzen mit Infektuosit√§t oder An¬≠steckungsf√§higkeit des Patienten.‚Äú

Dabei lassen sich falsch-positive Befunde mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschlie√üen, wenn man Personen mit einem positiven Ergebnis bei hohem Ct nach einigen Stunden noch einmal testet ‚Äď tragen sie tats√§chlich ein lebensf√§higes Virus in sich, dann w√ľrde es sich innerhalb dieser Zeit stark vermehren und bereits nach etwa 10 bis 15 Zyklen sichtbar werden. So empfiehlt die Steier¬≠m√§rkische Krankenanstaltengesellschaft die Entlassung aus der Absonderung, wenn im Abstand von mindestens 48 Stunden zweimal nur ein Ct-Wert > 30 zustande kam.

Eine akute Dringlichkeit hat im ersten Schritt die Verpflichtung der Labore, den Ct-Wert ‚Äď auch wenn er nicht exakt vergleichbar ist und bei mehreren angewandten Testkits verwirrend erscheinen sollte ‚Äď an die Gesundheitsbeh√∂rden zu melden. Solange die Ct-Werte unbekannt sind, k√∂nnen sie f√ľr die Entscheidungsfindung nicht ber√ľcksichtigt werden. V√∂llig unverst√§ndlich ist zudem, da√ü das RKI seiner eigenen Empfehlung nicht nachkommt und nur Positivbefunde bei einem Ct-Wert unter 30 in die Coranastatistik aufnimmt. Bei allen methodischen Unsicherheiten w√ľrde die Validit√§t der seit M√§rz 2020 angeh√§uften Zahlen erheblich wachsen. Bislang ist die wahre Ver¬≠brei¬≠tung des Virus in Deutschland unbekannt. Ein Skandal angesichts der fortgesetzten Suspendierung fast aller Grundrechte! Erst im Oktober startete das RKI in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Instituts f√ľr Wirtschaftsforschung (DIW) eine repr√§sentative Pr√§¬≠va¬≠lenzstudie, die Coronabefunde aus PCR-, Antigen- und Antik√∂rpertests mit sozio√∂konomischen Daten von ca. 34.000 Erwachsenen verkn√ľpfen soll.

In √Ėsterreich dagegen wurden bereits Ende April, Ende Mai und Mitte November 2020 Baseline¬≠studien zu der von COVID-19 betroffenen Bev√∂lkerung von Statistik Austria im Auftrag des Wissen¬≠schaftsministeriums und in Zusammenarbeit mit dem √Ėsterreichischen Roten Kreuz sowie der Medizinischen Universit√§t Wien durchgef√ľhrt. Dabei ergab die Hochrechnung, da√ü Ende April etwa 0.15% der Bev√∂lkerung infiziert war. Ende Mai lag die Zahl der Infizierten bereits unterhalb der statistischen Nachweisgrenze. Von 1.279 verwertbaren PCR-Proben wurde keine einzige positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Im November 2020 wurden zus√§tzlich Blutproben entnommen, um Antik√∂rper festzustellen. 3.1% der √∂ster¬≠reichischen Bev√∂lkerung wiesen einen aktuell positiven PCR-Test auf, bei 4.7% waren Antik√∂rper nachweisbar. Be¬≠mer¬≠kens¬≠wert ist, da√ü 61% dieser F√§lle den Gesundheitsbeh√∂rden bisher nicht bekannt waren, also der Dunkelziffer zu¬≠zu¬≠rechnen sind. Im Gesamtergebnis zeigt sich, da√ü bei einer derart geringen Ver¬≠brei¬≠tung des Coronavirus von einem erheblichen Pr√§valenzfehler, d.h. einer hohen Zahl falsch-positiver Befunde bei der Ersttestung, auszugehen ist.

Die fehlende Standardisierung der Testkits, Schwellenwerte, Laborroutinen und nicht zuletzt der sogenannten ‚ÄěTeststrategien‚Äú in den einzelnen L√§ndern entzieht der internationalen Ver¬≠gleich¬≠barkeit der Coronadaten die Grundlage. Tabellen, S√§ulen¬≠diagramme, Farbkarten etc., in denen ver¬≠schiedene Regionen miteinander ver¬≠glichen werden ‚Äď wie es in den Nachrichtensendungen seit 2020 gang und g√§be ist, sind wissenschaftlich unredlich. In einem ZDF-Interview vom 23. No¬≠vem¬≠ber 2020 bezeichnete der renommierte Infektionsmediziner Wolfgang Schrappe die bisher er¬≠ho¬≠be¬≠nen Co¬≠rona¬≠zahlen als wertlos: ‚ÄěDie t√§glich erhobenen Infektionszahlen sind vom Nebel nicht weit entfernt. Wir testen 1.5 Millionen Leute in der Woche und haben meinetwegen 120 000 Test-Positive, aber wenn man 2.5 Millionen Leute testen w√ľrde, wie viele h√§tten wir dann? Das hat keine Basis. Die Zahlen sind ‚Äď also wir dr√ľcken uns mittlerweile relativ deutlich aus ‚Äď das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben ist. Und schon gar nicht k√∂nnen Sie damit Politik steuern. Diese Zahlen werden erhoben und dann auf die gesamte Bev√∂lkerung umgerechnet, ohne einzuberechnen, wie viele in der Gesamtbev√∂lkerung denn noch zus√§tzlich vielleicht infiziert sind. Diese Zahlen sind nichts wert.‚Äú Sie eignen sich weder zur individual¬≠diag¬≠no¬≠stischen Abkl√§rung, wie infektu√∂s die einzelne ‚Äěpo¬≠s¬≠itiv getestete‚Äú Person ist, noch zur ge¬≠sund¬≠heitspolitischen Steuerung der Pandemie¬≠be¬≠k√§mpfung: Die als ‚Äěpositiv‚Äú interpretierten Ergebnisse der in Wirklichkeit falsch-positiv getesteten Personen belasten die Gesundheits√§mter und erschweren oder verhindern die Kon¬≠takt¬≠nach¬≠ver¬≠folgung der wirklich infektu√∂sen Personen. Zudem werden massenhaft Menschen mit falsch-positivem Ergebnis zu Unrecht in Quarant√§ne geschickt.

Die Orientierung an invaliden Testergebnissen wirft damit grundlegende rechtliche Fragen auf.¬† Nicht nur die massenhaft von den Gesundheits√§mtern verh√§ngten Einzelfallma√ünahmen entbehren einer nachvollziehbaren Grundlage, sondern auch die landesweiten Corona-Schutzverordnungen. ‚ÄěWe‚Äôve been using one type of data for everything, and that is just plus oder minus ‚Äď that‚Äôs all. We‚Äôre using that for clinical diagnostics, for public health, for policy decision-making.‚Äú (Michael Mina, Harvard T.H. Chan School of Public Health, in NYT from 30.8.20)

Es verwundert daher kaum, da√ü die Resultate der bisherigen nicht-standardisierten, invaliden und nicht-repr√§sentativen, mehrfach ad hoc ge√§nderten, daf√ľr aber massenhaften und daher auch mit gravierenden Me√üfehlern behaftete Corona-‚ÄěTeststrategie‚Äú widerspr√ľchlich, ja bizarr anmuten. Offenbar lassen sie auch die politischen Entscheider zunehmend in Hilflosigkeit er¬≠star¬≠ren. M√∂g¬≠licher¬≠weise f√§llt ihnen die Widerspr√ľchlichkeit nicht auf, wenn sie nur in 7-Tage-Inzidenzen und Legislaturperioden den¬≠ken. Nach einer alten chinesischen Weisheit ist es nutzlos, mit einer Eintagsfliege √ľber den mor¬≠gigen Tag zu reden. Die Beschr√§nkung der Zahlen auf wenige Tage, wie sie in den Hauptnachrichten praktiziert wird, tr√§gt zur Verwirrung der Wahr¬≠nehmung des Geschehens bei, stumpft ab und sch√ľrt diffuse √Ąngste. Dazu ein Beispiel: In der folgenden Abbildung sind sowohl der prozentuale Anteil der positiven Testergebnisse an der Zahl der durchgef√ľhrten Tests als auch der prozentuale Anteil der ITS-Patienten mit Covid-Diagnose an den aktuell positiv getesteten F√§llen f√ľr das Jahr 2020 zu sehen:

PCR-Prozente

Abbildung 2: Anteil  der schweren Fälle (intensivpflichtige Covidpatienten) an den aktiven Fällen und jeweilige  Positivquote in Deutschland  im Jahr 2020  in % (jeweils  in der letzten Woche des Monats, Quelle: RKI Lagebericht)

W√§hrend der Coronawelle im Fr√ľhjahr 2020 verliefen beide Kurven mit einer gewissen zeit¬≠lichen Verschiebung ann√§hernd parallel. Es wurden √ľberwiegend Personen mit Erk√§l¬≠tungs¬≠symptomen getestet und die Zahl der Tests bewegte sich noch in einem vergleichsweise √ľber¬≠schaubaren Rahmen ‚Äď beide Faktoren trugen zur Minderung der Zahl der falsch-positiven Be¬≠funde bei. Tat¬≠s√§ch¬≠lich erreichte der Anteil der schweren Covidverl√§ufe an den aktiven F√§llen mit etwa 9% bereits im Mai 2020 das Jahreshoch. Die Verz√∂gerung gegen√ľber der Positivquote ist durch die Inkubationszeit erkl√§rbar. Zum Sommer hin nahm die Positivquote extrem ab und sank zeitweise unter ein Prozent. In gleichem Ma√üe ver¬≠ringerte sich auch der Anteil der ITS-Patienten an den aktiven F√§llen. Ab Mitte September jedoch wuchs die Positivquote pl√∂tzlich und scheinbar unerwartet steil an. Der Grund daf√ľr l√§√üt sich in der Aus¬≠weitung der Testungen auf Personen ohne jede klinische Symptomatik erkennen: Ur¬≠laubs¬≠r√ľckkehrer, Familien auf dem Weg in die Herbstferien und andere Reisende, die anla√ülos per Dekret zu Testungen gen√∂tigt wurden. W√§hrend der rasante Anstieg der Positivquote die Hauptnachrichten beherrschte, verharrte der Anteil der schweren Verl√§ufe an den aktiven F√§llen vollkommen unbemerkt auf sehr niedrigem Niveau. Wie l√§√üt sich das Auseinanderdriften von schweren Covid-Verl√§ufen und Positivbefunden erkl√§ren? Vermutlich handelte es sich bei einer erheblichen Zahl der positiven Testergebnisse in der so¬≠ge¬≠nannten ‚Äězweiten Welle‚Äú um falsch-positive Befunde, d.h. um Personen, die ohne An¬≠la√ü¬≠symp¬≠tomatik getestet wurden und einen Positivbefund bei hohem Ct-Wert erzielten.

Die Verzerrung der Coronatestungen durch Falsch-Positive zieht gravierende Folgen f√ľr den Schutz der √∂ffentlichen Gesundheit nach sich: Die beschr√§nkten Ressourcen der Gesundheits√§mter werden sinnfrei f√ľr zahl¬≠reiche Menschen ein¬≠gesetzt, von denen in Wirklichkeit keine In¬≠fek¬≠tionsgefahr ausgeht, w√§hrend die Ressourcen f√ľr die Gruppe der eigentlich gef√§hrdeten Personen nicht mehr aus¬≠reichen ‚Äď das System der Kontakt¬≠nach¬≠verfolgung ist kollabiert.

Indem der hypersensitive PCR-Test nur im Format ‚Äěpositiv‚Äú oder ‚Äěnegativ‚Äú verwertet wird, entsteht ein Schwarzwei√ü-Bild der Pandemie, in dem die tats√§chlichen Konturen zunehmend ins Dunkel tauchen. Es n√§hrt den Boden f√ľr die scheinbar einzige Erl√∂sungshoffung: die un¬≠aus¬≠ge¬≠go¬≠rene Impfung. Das Bild w√ľrde sich¬† sp√ľrbar aufhellen, wenn die Gesundheits√§mter fl√§chendeckend an¬≠fan¬≠gen, die Vorgabe des RKI umzusetzen, und von den Laboren verlangen, da√ü ihnen be¬≠helfs¬≠weise (so¬≠lange keine Standardisierung existiert) auch der Ct-Wert mitgeteilt wird, um¬† falsche Positivbefunde auszuschlie√üen. Dies bedeutet nicht, da√ü im Einzelfall auch Personen, deren PCR-Test einen hohen Ct-Wert aufweist und damit eine geringe Viruslast nahelegt, einen schweren Krankeheitsverlauf entwickeln k√∂nnen ‚Äď klinische Diagnose und gesundheitspolitische, epidemiologische Erhebung sind eben nicht dasselbe.

Die systematische Erfassung der Ct-Werte ‚Äěasymptomatischer F√§lle‚Äú erm√∂glicht es zudem, den Schwellen¬≠wert f√ľr Falschpositivbefunde sowie das dazu¬≠geh√∂rende Konfidenzintervall empirisch zu bestimmen. Damit w√ľrde sich die Spreu vom Weizen trennen. Es w√ľrde eine zur Gesundung der Lage betragende Gewichtung resultieren, die zum Realismus in der Einsch√§tzung des Pan¬≠de¬≠miegeschehens zur√ľckf√ľhrt, den Fokus wieder auf die eigentlich Ge¬≠f√§hr¬≠deten richtet und die Gesellschaft von Wahrnehmungsverzerrungen und der Fixierung auf artifizielle Zahlen befreit. Indem die Gesundheits√§mter von den wahrscheinlich falsch-positiven F√§llen entlastet werden, k√∂nnen sie ihrer eigentlichen Bestimmung wieder gerecht werden und dazu beitragen, da√ü einer¬≠seits gef√§hrdete Menschen seltener mit Covid angesteckt und intensiv¬≠pflichtig werden, und andererseits gesunde Menschen unbehelligt bleiben.

Zu erw√§hnen ist, da√ü die absolute Zahl der mit Corona diagnostizierten ITS-Patienten im Herbst 2020 zunahm, wie wir in Abbildung 1 gesehen haben, w√§hrend sich die Zahl der ITS-Patienten insgesamt nicht √§nderte. Offenbar war Covid in den meisten F√§llen nicht der alleinige Anla√ü f√ľr die ITS-Einweisung. Die Belegung der Intensivstationen ist ein Flie√ügleichgewicht: Die wenigsten Patienten verweilen lange, die meisten gehen nach einigen Tagen wieder. Ca. 25-30% sterben, andere werden in die Reha verlegt und sterben dort. Manche kehren nach Hause zur√ľck. Das ist der Lauf des Lebens und Sterbens in hochindustrialisierten L√§ndern, in denen viele Menschen die Augen vor der Endlichkeit des Daseins verschlie√üen. Darum geht es im dritten Teil dieses Essays.

Genre: Realitätsschatten, Trauersymmetrie

… und die Zeitung druckt weiter

Zwischentexte

1. Ansgar

Damals hatten sie den Fu√üboden aufgestemmt. Das muss um 1980 gewesen sein. Albert war noch im Vorstand bei Hugo Boss besch√§ftigt, Viola betrieb einen Kosmetiksalon, ich wei√ü, das ist ein altes Klischee, der Mann aber, Albert, war nicht in einer typisch m√§nnlichen Branche besch√§ftigt, er war gelernter Schneider und hatte sich hochgearbeitet … aber davon wollen wir jetzt nicht reden. Das Haus, das stark sanierungsbed√ľrftig bereits in den 1960er Jahren gewesen war, musste nun kernsaniert werden. Und dabei stemmten sie den Fu√üboden auf. Albert schwitzte. Aber nicht wegen der harten Arbeit, die andere leisteten. Er schwitze, weil er wusste, dass fr√ľher mit Zeitungen ged√§mmt wurde, Zeitungen, die sicher noch lesbar waren, und eventuell Material zu tage bef√∂rdern w√ľrden, das ihm helfen w√ľrde, sich erneut mit Tante Violas Vergangenheit, der Vergangenheit ihrer Stiefkinder besch√§ftigen zu k√∂nnen. Was er zu Tage f√∂rderte war zun√§chst j√§mmerlich.

Da war zum Beispiel ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1907. Der alte Stadtanzeiger, auch damals schon mehr ein Werbebl√§ttchen als eine ser√∂se Quelle von Informationen, aber aus diesem Grunde mehr geliebt als alle andere Zeitungslekt√ľre.

Der Stadtanzeiger war stark verblasst. Die Rezension, die dort zu lesen war, verheerend, etwas, das den Leumund ernst zu nehmender Menschen und Schauspieler gr√ľndlich zu verderben im Stande war. Direkt unter der Lampenaufh√§ngung, in der Mitte des Zimmers, des damals gro√üen Wohnzimmers, des Salons, war dieses Bl√§ttchen nebst wirklich seri√∂ser Lekt√ľre zur Verhinderung von Nervensch√§den einbettoniert worden. Und es war noch lesbar, lesbar gemacht worden offenbar, f√ľr die Nachwelt erhalten, Albert war sich sicher, dass da Absicht dahinter steckte, 1980 sprach man noch nicht von Aluh√ľten, aber Viola h√§tte ihm damals sicher einen verpasst, die Stiefkinder waren noch zu klein, um etwas davon zu verstehen, aber Talente kapieren so etwas schnell.

Das dr√∂hnende Lachen, das Werfen mit Gegenst√§nden kann unter solchen Umst√§nden nur als skandal√∂s bewertet werden. Innerhalb eines Jahres hatte Ansgar √ľber zwanzig Kilo zugenommen. Hatte er einst seinen Vater davon √ľberzeugen k√∂nnen, dass es sich bei seinen Schauspielversuchen um Marotten handelte, so war er jetzt ernsthaft dabei, seine Karriere zu ruinieren. Er hatte sein Publikum mit Gesten schockiert, die selbst seine √ľberdrehte Schwester nicht guthei√üen konnte.

Und die Rezension im Tageblättchen lautete ungefähr so:

Der ungelernte Schauspieler Ansgar B. hat sich im neuen St√ľck, das er selbst geschrieben und auf die B√ľhne gebracht hatte, um Kopf und Kragen gespielt – ja, l√§cherlich, Kragen – welchen Kragen, welche Kleidung √ľberhaupt, und der Kopf, der Kopf, sein Kopf war zu diesem Zeitpunkt anscheinend nur noch eine leere Porzellanschale, aus echtem Porzellan, aber leer.

Man verzeihe den Provinzschreibern ihre grauenhafte Handschrift. Niemand fragte sich, ob sie denn einen eigenen Stil hatten.

Genre: Realitätsschatten

Haiku

Herbst auf Lesbos
Wind blättert die Zeitung auf
Fotos mit Ratten

Genre: Realitätsschatten, Trauersymmetrie

Schnee _ *

Endlich! wird der Vers
_ _ _ zum Besitzer seines
Impulses, hat sich
* * * * * * ein zerfetztes
Segel √ľber die Erde

gelegt

Genre: Wortmysterien

was dichten sei?

gedichte schreiben

ein wenig verr√ľcktheit kultivieren

Genre: Trauersymmetrie

lesung online

ich spreche gedichte ein
verse in stummschaltung
spiele ich bilder ein wie lebendig
spricht der himmel mit den kranichen im flug

Genre: Realitätsschatten, Trauersymmetrie

ausverkauf & neue märkte

Haiku f√ľr Heiko

erst die frauen
dann die ossis
jetzt die kinder

Genre: Realitätsschatten

Auftakt. Die Stille. Im Zimmer.

Kranke und Krankheit, ein Thema das manche zum Fr√∂steln bringt. Doch mich bringt es in Hochstimmung. Ich ziehe mir einen Fellmantel an, binde einen Mundschutz um, renne vor das Haus, in den sp√§therbstlichen Garten, beginne wie ein dummes Kind mit den Armen zu rudern und vesuche gegen den Sturm, in die aus einer Bleigie√üerei geflossenen Wolkenberge zu schreien, was niemand h√∂rt: ‚ÄěIch brauche einen Reigen von f√ľnf mal f√ľnf Metern Person f√ľr diese Materie, wer stellt sich mir freiwillig zum Experiment?‚Äú Ein sandfarbenes Blatt verf√§ngt sich in meiner Felljacke, h√§ngt fest, klappert wie eine Motte mit ihren Fl√ľgeln, eine Motte, ein Falter.

Genre: Gem√ľtstiefe

Ende der Zahlenspiele

Teil 1: Die √ľbersehene Konstante

Wer den t√§glich erscheinenden Lagebericht des Robert-Koch-Instituts liest und auf der ersten Seite, genauer: in der zusammenfassenden √úbersicht zu Beginn der ersten Seite, kleben bleibt, der kann angesichts der wachsenden (‚Äědynamischen‚Äú) Zahlen von Infizierten, Intensivpatienten und Ver¬≠stor¬≠benen im Zusammenhang mit Covid-19 nur in Besorgnis geraten. Diese Zahlen werden t√§glich im Halbstundentakt berichtet, als g√§be es keine anderen Probleme auf unserem Planeten. Wer dem durch h√§ufige Wiederholung abstumpfenden Zahlenjournalismus noch Aufmerksamkeit schenkt, kann nur resignieren oder in helle Panik geraten. Vermutlich gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Studie zu den sozial-emotionalen Beeintr√§chtigungen, die von der Berichterstattung in Zu¬≠sam¬≠menhang mit Corona hervorgerufen werden. Tats√§chlich wiegen die kulturellen und wirt¬≠schaft¬≠lichen Folgen, die von der phantasielosen Fortsetzung des ‚ÄěLockdown‚Äú ausgehen, schwerer als die psychologischen Kollateralsch√§den. Er geht auf Kosten der Kinder sowie √ľberhaupt fast aller Menschen, die j√ľnger als 60 Jahre sind, erh√∂ht das Armutsrisiko und spaltet die Gesell¬≠schaft.

Zu bef√ľrchten ist, da√ü sich nicht nur die Mehrzahl der unkritisch gewordenen Journalist*innen, sondern auch der entscheidenden Politiker*innen, vor allem auf Landesebene, von den Zahlen¬≠spielen auf Seite eins des RKI-Lageberichts beeindrucken l√§√üt und schlicht aufh√∂rt weiterzulesen. Denn w√ľrden die Entscheidungstr√§ger*innen und die Berichterstatter*innen den Lagebericht bis Seite acht studieren, genauer: den Abschnitt ‚ÄěDIVI-Intensivregister‚Äú, dann w√ľrden sie ein anderes Lagebild gewinnen. Das Register wird seit April 2020 vom RKI gemeinsam mit der Deutschen Interdisziplin√§ren Vereinigung f√ľr Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) gef√ľhrt und ist auf www.intensivregister.de f√ľr jede Leser*in zug√§nglich. Es dokumentiert die in Deutschland vorgehaltene Kapazit√§t an ITS-Pl√§tzen und gibt √Ąrzt*innen Einblick, wo freie Kapazit√§ten zu finden sind.

Der √úbersichtlichkeit halber beschr√§nke ich mich in der folgenden Darstellung auf einen wohldefinierten Stichtag pro Monat, genauer: auf jeweils den letzten Mittwoch des Monats bzw. den ersten Mittwoch des Folgemonats, wenn er n√§her am Ende des Vormonats liegt. (Der Mittwoch wurde gew√§hlt, weil der Lagebericht an diesem Tag die validesten Daten und dar√ľber hinaus die Ergebnisse der Laborumfrage enth√§lt.) Anfangs haben sich noch nicht alle Kliniken am DIVI-Verbund beteiligt, daher k√∂nnen die Angaben vom M√§rz nicht interpretiert werden. Tr√§gt man die Angaben zur Auslastung der deut¬≠schen Intensivmedizin f√ľr das Jahr 2020 auf diese Weise zusammen, ergibt sich ein ver¬≠bl√ľf¬≠fendes Bild:

ITS_Auslastung_2020

Abbildung 1: ITS-Kapazität, Auslastung und Anteil der Covid-Patienten in Deutschland 2020 (Stichtag: letzter Mittwoch des Monats bzw. erster Mittwoch des Folgemonats, Quellen: RKI-Lageberichte)

Die gestrichelte schwarze Linie stellt die Zahl der zur Verf√ľgung stehenden ITS-Pl√§tze in Deutsch¬≠land dar. W√§hrend des ersten Lockdown im Fr√ľhjahr wurden zus√§tzliche Kapazit√§ten geschaffen. Im Juli/August, als die Positivquote dramatisch gesunken war, wurde begonnen, die Zahl der ITS-Bet¬≠ten zu reduzieren. Erstaunlicherweise h√§lt der R√ľckbau der ITS-Kapazit√§ten bis zum Jahresende an, obwohl die Positivquote ab Oktober betr√§chtlich anstieg und mit dem ‚Äědynamischen Infektions¬≠ge¬≠sche¬≠hen‚Äú der zweite Lockdown im November 2020 sowie dessen Verl√§ngerung bis Ende Januar 2021 ‚Äěbegr√ľndet‚Äú wurde. Welche Politiker*in hat den R√ľckbau der ITS-Kapazit√§ten in Deutschland der Bev√∂lkerung jemals erkl√§rt? Welchen Motiven folgt er? K√∂nnte nicht im Gegenteil ein Ausbau der In¬≠tensivmedizin ‚Äď wie im Fr√ľhjahr 2020 ‚Äď einem bef√ľrchteten Kollaps des Gesundheitssystems vor¬≠beugen? Vermutlich sind diese Fragen naiv gestellt. Es geht ja nicht um die Zahl der Intensivbetten, an denen gibt es keinen Mangel, sondern um die Zahl des Personals, das f√ľr die Intensivmedizin ausgebildet ist: Intensiv√§rzt*innen und Intensivpfleger*innen fehlen und sind nicht auf dem Bestell¬≠weg zu beschaffen…

Die langweilig anmutende, blaue Linie in Abbildung 1 offenbart eine deutlich tiefergehende Er¬≠kenntnis: Sie zeigt, da√ü die Gesamtauslastung der deutschen Intensivmedizin von April an geradezu konstant ist. Die Tragweite dieses Befundes mu√ü man erst einmal verdauen! Ich h√§tte mit einer jahreszeitlichen Schwankung gerechnet, etwa einer h√∂heren Auslastung im Herbst und Winter – ein konstanter Verlauf ist √ľberraschend. Er bedeutet zum einen in der Konsequenz, da√ü der Anteil der mit Covid in Zusammenhang gebrachten Patienten keinerlei Einflu√ü auf die Gesamtbelegung der ITS hatte. Weder hat der R√ľckgang der Corona-Positivquote im Sommer zur Entlastung der ITS beigetragen, noch hat der ‚Äědynamische‚Äú Anstieg der In¬≠fi¬≠zierten¬≠zahlen, der im November und Dezember 2020 berichtet wurde, zu einer h√∂heren Aus¬≠lastung der Intensivstationen insgesamt gef√ľhrt. Da√ü die Auslastung der ITS seit Beginn der Er¬≠hebungen im April in keinem Zusammenhang mit Covid steht, weder positiv noch negativ, ist die¬†bemerkenswerteste Erkenntnis der aufmerksamen Lekt√ľre des RKI-Lageberichts. Sie bedeutet zum anderen, da√ü auch s√§mtliche nichtpharmakologischen Ma√ünahmen der Pandemiebek√§mpfung, die seit April ergriffen wurden, keinerlei Einflu√ü auf die ITS-Auslastung hatten: Weder die schrittweise Aufhebung des ersten Lockdown im Mai/Juni, teilweise Schul√∂ffnungen, Kohortenunterricht, Schulschlie√üungen und die Schlie√üung der Kultureinrichtungen noch die Verh√§ngung des zweiten Lockdown – weder eine entlastende noch eine √ľberlastende Inanspruchnahme der Intensivmedizin im Ganzen ist erkennbar.

Die Erh√∂hung des Anteils der Covid-Patienten auf den Intensivstationen im Herbst 2020 ist offenbar auf eine Zusatz¬≠diagnose mit Covid bei Patienten, die ohnehin intensivpflichtig sind, zur√ľckzuf√ľhren. Vorausgesetzt, da√ü Intensiv¬≠ein¬≠weisungen nicht w√§hlbar sind, ‚Äěelektiv‚Äú wie es so sch√∂n im medizinischen Jargon hei√üt. Oder wurde bereits anderen Patienten zugunsten von Covid-Erkrankten die Intensivbehandlung verwehrt? Diese Folgerung wird durch die hinl√§nglich bekannten Befunde von Klaus P√ľschel best√§tigt, der als erster im Fr√ľhjahr 2020 begonnen hatte, sogenannte ‚ÄěCorona-Tote‚Äú zu obduzieren, und durchweg eine Reihe t√∂dlicher Vorerkrankungen bei den Ver¬≠storbenen neben dem Leiden an Covid feststellte.

Auf der ersten Seite des RKI-Lageberichts wird die Zahl der intensivpflichtigen Corona-In¬≠fizier¬≠ten als bezugslos herausgegriffene Zahl pr√§sentiert, so da√ü ihr Kontext im Rahmen der gesund¬≠heits¬≠politischen Kennzahlen der Intensivmedizin aus dem Blick ger√§t. Es entsteht der Eindruck einer rasanten Steigerung der ITS-Auslastung durch Covid-Patienten. In Wirklichkeit handelt es sich um Patienten, die auch an Covid leiden, dar√ľber hinaus jedoch in der Regel weitere intensivpflichtige Er¬≠krankungen aufweisen. Die Art der selektiven Berichterstattung ist geeignet, Furcht und Panik zu erregen.

Tats√§chlich be√§ngstigend ist dagegen die anhaltende Verknappung der ITS-Kapazit√§t ‚Äď mitten in einer Pandemie ein Unding f√ľr eine ver¬≠ant¬≠wortungsbewu√üte Regierung! Von M√§rz an reichte die in Deutschland insgesamt vorgehaltene Reserve an freier ITS-Kapazit√§t f√ľr die Zahl der mit Covid diagnostizierten Patienten aus. Dies bedeutet, da√ü gelegentliche lokale Engp√§sse vom DIVI-Verbund auf¬≠gefangen werden k√∂nnen. So wird es auch in den sogenannten ‚ÄěHotspot‚Äú-Regionen Sachsens seit Herbst 2020 praktiziert. Die Verknappung der ITS-Kapazit√§ten von Juli bis Ende Dezember um 6500 Pl√§tze schm√§lert die Reserve zusehends ‚Äď es ist bei der hier skizzierten Lage nicht nachvollziehbar, warum die Regierung einen Lock¬≠down nach dem anderen verh√§ngt, zugleich aber dem R√ľckbau in der Intensivmedizin nicht entgegenwirkt.

Aufwand und Nutzen sind aus den Fugen geraten. Die ma­the­matische Spielerei mit bezugslosen Zahlen, die auch von beraterisch tätigen Wis­sen­schaft­ler*innen an einigen Max-Planck- und Helmholtz-Instituten öffent­lich­keits­wirksam betrieben wird, hat Hochkonjunktur. Vergessen wir nicht, daß ein Modell nichts taugt, wenn ihm die empirische Basis fehlt.

 

Genre: Realitätsschatten, Trauersymmetrie

Anti-√Ėdipus; Oder: Wie ich auf meine Mutter masturbierte und dabei Logos und Eros miteinander vers√∂hnte

Wie vieles in der Pubert√§t geschah auch das sehr unerwartet. Es war an einem Sonntag. Ich qu√§lte mich gerade mit Mathe, Binomische Formeln. Ich lief durch die Wohnung, verkrampft versuchte ich die binomischen Formeln auswendig zu lernen. Nicht eine Sekunde dachte ich an meinen Schwanz, an Muschis oder an Titten und √Ąrsche. Wie auch. Zahlen waren f√ľr mich das unerotischste, was es gab. Ich fragte mich eher, wie Mathematiker √ľberhaupt einen hoch kriegten. ‚Äď Und schon gar nicht dachte ich an meine Mutter, weder in diesem noch in anderen Zusammenh√§ngen. Ich dachte einfach nur an die binomischen Formeln, als ich‚Ķ

- Nein, Stop, das ist zu fr√ľh, da komme ich sp√§ter noch hin. Au√üerdem wisst Ihr ja auch schon was ich erz√§hlen will. Interessiert es Euch √ľberhaupt noch? Oder wisst Ihr vielleicht genau, was ich meine, und k√∂nnt Eure eigene Geschichte erz√§hlen? Ihr? M√§nner? Ward Ihr schon mal geil auf Eure Mutter? Oder Ihr? Frauen? Ward Ihr schon mal geil auf Euren Vater? Oder Ihr? M√ľtter?

Ihr lieben M√ľtter, stellt Euch vor: Ihr steht vor dem Spiegel im Schlafzimmer. Es war ein harter Arbeitstag. Ihr seid m√ľde, seid froh zu Hause zu sein. Euer MakeUp br√∂ckelt, Euer Eyeliner ist verwischt. Ihr wollt loslassen, den Tag beenden, endlich Feierabend machen. Ihr wollt Euch eine Stunde nur um Euch selbst k√ľmmern, Euch baden, Euch entspannen, Euch anfassen, Euch streicheln, Euch cremen und gem√ľtliche Klamotten anziehen. Ihr steht also vor dem Spiegel, Ihr √∂ffnet die Haare, die Bluse, den BH. Dabei schaut Ihr euch an, dabei schaut Ihr euch zu. Eure Bewegungen sind langsam, Ihr beobachtet Euch. Ihr beurteilt Euren K√∂rper. Ihr beugt Euch nach vorn, zieht dabei den Schl√ľpfer aus und dann. Dann sp√ľrt Ihr zwei Augen auf Eurem Arsch kleben. Euch ist zun√§chst nicht klar, ob es die Augen Eures Mannes oder Eures Sohnes sind. Vielleicht irgendwas dazwischen?

Die Augen Eures Mannes sind ein Kompliment, sind aber auch aufdringlich, geil, fast √ľbergriffig, denn sie beobachten Euch in einem intimen Moment, der dazu bestimmt war, nur Euch allein zu geh√∂ren. Diese intimsten Momente sind im √úbrigen f√ľr den Mann die geilsten Momente. Jedoch h√§ttet Ihr gewusst, dass Euer Mann zuschaut, Ihr h√§ttet Euch anders gegeben, Euch anders bewegt, nie h√§ttet Ihr Euch so betrachtet, wie Ihr Euch seht, sondern wie die Augen Eures Mannes Euch sehen sollen. Das sind √ľbrigens nur die zweitgeilsten Momente.

Die Augen Eures Sohnes sind auch ein Kompliment. Mehr aber auch nicht. Nie w√ľrdet Ihr ihm sexuelle Ambitionen unterstellen. In Eurem K√∂rper gewachsen, aus Eurem K√∂rper geschl√ľpft, von Eurem K√∂rper getrunken, mit Eurem K√∂rper gespielt, auf Eurem K√∂rper geschlafen, denkt Ihr nur an diese heilige reine Einheit, an diese heilige reine Liebe zwischen Mutter und Sohn.

Das seht Ihr vielleicht in den Augen eines Sechsjährigen. Aber was ist mit den Augen eines 14jährigen?

Eines 14j√§hrigen, der das Wichsen in dreij√§hriger, t√§glicher, fast st√ľndlicher, anf√§nglich schmerzlicher Praxis zur Perfektion gebracht hatte. Der geil werden konnte, wann er wollte. Der den Muskel austrainiert hatte und beherrschte. Der bei jeder Gelegenheit abspritzen konnte, nachdem er heldenhaft die H√ľrden des Anf√§ngertums angenommen und mit Bravur √ľbersprungen hatte. Der bis zu einer Art religi√∂sen Schuldgef√ľhl seinen Pimmel wundgerieben hatte, ihn blutig gewichst hatte, und selbst den verkrusteten Schwanz nicht verschont hatte. Der nie aufgeh√∂rt hatte, nie aufgegeben hatte mit seinem Schwanz um die Herrschaft ringen. Bis er das Kunstst√ľck vollbrachte, w√§hrend einer Werbepause, als die Eltern in die K√ľche gingen und Getr√§nke holten, auf den Wohnzimmerteppich zu wichsen, die Wichse zu entfernen und entspannt wieder auf dem Sofa zu liegen, wenn die Eltern zur√ľckkamen, als sei nichts passiert. Nur der Vater bemerkte diesen weich-herben Geruch. Oder war es doch nur der unerf√ľllte sadistische Wunsch des 14j√§hrigen, irgendwann mal beim Wichsen erwischt zu werden, der dem Vater in die Nase stieg, so dass er schnaufen musste?

Ein echter Profi im Wichsen also, dachte ich an die binomischen Formeln, als ich ins Badezimmer ging. Meine Mutter lag in der Badewanne. Ich hatte meine Mutter tausendmal so gesehen, nein hunderttausendmal. Gef√ľhlte hunderttausendmal, denn realistisch gesehen waren es bis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als 2555-mal. 2555-mal hatte ich ihre gro√üen, runden Br√ľste auf dem Wasser schwimmen sehen. Und erst mit dem 2556sten mal bekam ich beim Anblick der schwimmenden Br√ľste meiner Mutter einen Steifen. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich der Herrscher meines Schwanzes gewesen. Ausgerechnet der Anblick meiner Mutter machte mich wieder zu seinem Sklaven, ausgerechnet der Anblick der schwimmenden Titten meiner Mutter. Ich stand in der T√ľr und starrte auf ihre Titten, meine Augen hatten sich verhakt in diese wabernden tanzenden nassen nuckeligen‚Ķ Ja, warum sind Titten eigentlich so verdammt geil?

-Meine Mutter streckt den Kopf zur√ľck, ihre Brust w√∂lbt sich hervor und ihre gro√üen, runden Titten schwimmen auf dem Wasser und kleine Wellen z√ľngeln die Brustwarzen hoch. Das Wasser schwappt zur√ľck und f√ľr einen kurzen Moment sehe ich ihre Muschi rosa unter ihren schwarzen Schamhaaren hervorscheinen.

Meine Mutter schaut mich an, ich starre auf ihre Titten. Sie sagt etwas, ich h√∂re es nicht. Ich starre auf ihre Titten und ich sp√ľre meinen Schwanz. Ich sp√ľre nur ihn, ¬†denn er ist erwacht. ‚ÄěGeh bitte raus.‚Äú sagt sie. Ich √ľberh√∂re es, denn ich sp√ľre nur ihn. ‚ÄěGeh bitte raus.‚Äú sagt sie energischer. Und ich kann sie nicht l√§nger ignorieren und schlie√üe die T√ľr.

Was ich in diesem Moment dachte? Nichts, nichts dachte ich und nichts konnte ich denken. Mein Schwanz war erwacht und ich konnte nichts denken. Ich fand das weder abstrus, noch surreal, noch bedenklich. Das kam erst sp√§ter. Mein Schwanz war erwacht und ich konnte nichts anderes f√ľhlen als ihn. Mir war es nicht peinlich, ich sch√§mte mich nicht, ich war nicht schockiert. Das kam erst viel sp√§ter. Mein Schwanz war erwacht und ich konnte nur noch eins tun. Es gab nichts anderes zu tun als das. Nichts war wichtiger, nichts dringlicher, als dass ich in mein Zimmer rannte.

Ich rannte also in mein Zimmer, ich schloss nicht die T√ľr, ich √∂ffnete nicht meine Hose. Denn nichts war wichtiger, nichts war dringlicher, als dass ich meinen Schwanz in die Hand nahm. Von oben schob ich die Hand in die Hose, ich kniff mir in die Eichel. Ich dachte, nein ich dachte nicht, ich stellte sie mir vor. Die schwimmenden Titten meiner Mutter, die Brustwarzen von kleinen Wellen umz√ľngelt, die tropfenden Schamhaare. Die nass-triefende Muschi meiner Mutter stellte ich mir vor. Und ich √∂ffnete jetzt doch meine Hose. Mit geballter Faust erh√∂hte ich den Druck auf meinen Schwanz und spritzte ab. Ich spritzte auf meinen Schreibtisch, auf mein offenes Mathebuch und auf mein offenes Matheheft, auf die Aufgaben f√ľr den n√§chsten Tag. Auf die binomischen Formeln spritzte ich. Ich beschoss sie mit meinem Sperma, verschmierte sie mit meinem Sperma, l√∂ste die Gleichungen mit meinem Sperma auf. Schnell schlug ich Buch und Heft zu, als h√§tte ich meine Aufgaben erledigt. Als w√§re alles getan, stemmte ich mich ersch√∂pft mit beiden Armen drauf. Fertig.

+

Gerade gekommen, kam mir zusätzlich zu den binomischen Formeln die wichtigere Gleichung in den Sinn. Zusätzlich zu den binomischen Rechenwegen tat sich mir ein weiterer, breiterer, universellerer Rechenweg auf, wo Mathematik und Poesie miteinander verschmolzen. Wo eine Gleichung ein erotisches Gedicht war. Und wo ein Mathematiker schließlich doch noch einen hoch kriegte. Mir war plötzlich mit zahlenfester und ödipaler Sicherheit klar, dass nur die Mutter in dieser Gleichung die Variable spielen konnte.

Genre: Realitätsschatten

seidenstraße virtuell

die minzehändler in ihren cabriolets bringen die einnahmen
eines ganzen jahres ins land des sonnenaufgangs
von karawanserei zu karawanserei bei jeder ein motel
mit minztee und mädchen in safrankleidern
kardamom und weihrauch w√ľrzige kr√§uter
auch opium gegen die schmerzen und f√ľr das vergessen
von zeit zu zeit ziehen heilige krieger auf kamelen
durch heilige kriegsgebiete
auf den bergkuppen flakgesch√ľtze luftabwehr
raketen im schatten des halbmonds
unterwegs in den dörferm sprechen die menschen farsi
ein paar mandarin
und eine alte weise sanskrit
die minzehändler lachen trinken
vergn√ľgen sich mit den m√§dchen
das geld wird weniger
wie das benzin in den tanks der staubigen cabriolets

Genre: Realitätsschatten

Tr√§nen trocknen im Sonnenschein feat. “Utopischen Stress” (U. Hassbecker)

Tränen trocknen im Wind allein

Wenn die Katze kindlich ihren Schwanz jagt
Wenn der Hund seinen Nachbarn schwanzwedelnd

Wenn der Mensch stumm seinen Worten hinterherblickt
Wenn es hinterher nicht schlechter ist als vorher

Wenn gestern und morgen Freunde geworden
Wenn’s Geworden ein dampfendes Einst, bergend

*

Wenn hinter der Mauer die Steine einen Plan

Genre: Realitätsschatten

Weihnachten alleine feiern: Das können Sie tun

Genre: Realitätsschatten

Bier

‚ÄěBier ist die totale Einlullung.‚Äú

‚ÄěWas? Wieso denn gerade Bier?‚Äú

‚ÄěNa, Bier hole ich mir, wenn ichs mir gem√ľtlich machen will. So zum Abend. So nach harter Arbeit. Da geh ich dann schnell noch mal in die Kaufhalle, hol mir drei oder vier Flaschen Bier, und dann zieh ich mich in mein Bett zur√ľck und trinke.‚Äú

‚ÄěUnd das tut dir gut?‚Äú (Ehrlich gesagt, finde ich Alkohol im Bett die totale Schlamperei. Rotwein? D‚Äôaccord, meinetwegen. Aber Bier!?)

‚ÄěKlar! ¬†Klar tut mir das gut. Deshalb mache ich es ja. Bier, das ist Kindheit, das ist Geborgenheit und ich kann wunderbar schlafen. Bier macht selig in der eigenen Welt. Und A. lebt auch in seiner eigenen Welt.‚Äú

‚ÄěWhiskey dagegen macht wach?‚Äú

‚ÄěWiskey? Habe ich nicht so die Erfahrungen mit. Auf jeden Fall lullt er dich nicht ein.‚Äú

Genre: Realitätsschatten

Drei Tage vor Weihnachten

Nun rattern die Erntemaschinen drei Tage
Vor Weihnachten √ľbers Feld : gr√ľn reckt sich
Das Futter empor f√ľr die murrenden
K√ľhe in offenen St√§llen : bald geh√∂rt
Der Mammutbaum mit seinen mächtigen
Wurzeln zum “heimischen Gew√§chs”
Schnee kennen die Kinder
Aus Filmen der hundertjährigen Eltern

Genre: Realitätsschatten

Wahlkampf 2021

Zarathustra antwortet Anne W.:

“Deshalb war die Westschule eine Volksverdummungsmaschine.”

[...]

“Und: Bitte entschuldigen Sie meine volkst√ľmliche Ausdrucksweise!”

PENG\

“Sie sehen: das hier ist kein nachtr√§gliches Pl√§doyer f√ľr die sogenannte volkst√ľmliche Bildung, sondern die polytechnische Kritik daran…”

Genre: Realitätsschatten

Hurz-Murz-Kurz

Auf ver-
dichtetem engsten Raum
drei Worte ‚Äď alles
gesagt

Was gibt es da
zu schw√§rmen in Gef√ľhlen, frage ich Sie?
Na, sehen Sie! Alles Dichten
vergebens,

es hat sie keinen Deut weiter-
gebracht

Genre: Realitätsschatten

Text.verlust

J. W. Rosch (1.6.16)

Verlustanzeige f√ľhrte zu keinem Suchergebnis.

Genre: Realitätsschatten

Vater, reloaded

Eingereicht am 15.10.2016 um 09:37

1) Mutter erzählt mir von Vater. Dass er wieder nicht mit ihr redet und dass er jetzt bekloppt wird
2) Vater sagt zu mir, deine Mutter, die kannste vergessen
3) Tante Adelheid ist abwesend, denn zur Verwandtschaft besteht kein Kontakt mehr
4) Das hier ist ein Inselgrundst+ck
= Stoff f√ľr einen gro√üen Roman: Eine Generation schreibt sich ein. Und das seit fast 10 Jahren. Also doch kein Leerstand, keine Hohlbirne? Aber der Mirabellenbaum.

Tante Adelheid erschreckt ihren Nachbarn (Relaunch)
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Genre: Realitätsschatten

.

Meine liebe Tochter,

ich glaube, dein Vater, der wird jetzt bekloppt. Und manchmal, wenn ich mir dich so ankucke, denke ich, der Apfel, der f√§llt auch nicht weit vom Stamm…

Genre: Rezensionen

* * *

Winter ‚Äď
Bahnhof der Erkältung.

Genre: Rezensionen

Dein Museum : F√ľr die Musen

f. U.R. & R.B.

Hier in F. f√ľttern sie die Ultras mit Politik.
Wasserhäuschen allerorten, eine Frage der Tradition.
Der Arbeiter-Samariter-Bund erhielt eine eigene Schule, sollen
sie sich doch selbst, ohne fremde Hilfe, zugrunde-richten.

Du hattest die gleiche kehlige Schwarte um den Hals wie ich:
“Ouma, sollisch dier die Flasche uf-f’n Nischel hauen?!”
Wir lachten. Ihr fragender Blick Рder höchste Punkt,
an dem eine Kindheit festgemacht werden kann.

Du lachtest nicht, als sie die Motoren anlie√üen um halb f√ľnf in der Fr√ľhe.
Die weiße Milch war noch schwarz.
Als die Augen der Emigration dir drohend zuwinkten,
drohend? √Ąugelein? warst du bereits ein Pirat und ich: – Steuermann.

Hast du das Schiff auch gesehen, in Oslo, ..?
Wir kennen uns nicht.
Ich hörte von dir.
Herzwurzelfreund – das ist meine letzte Zeile f√ľr dich

*

Neunauge, sei wachsam!
√úberall
regt sich: S t r e b e n -
und leider immer
menschliches … o G√∂tter,

Vater mit allen
deinen A f f e k t i o n e n
& Stoffumwandlungen,
Momenten der Erleuchtung
& des wirkenden √Ąthers -

lasst uns zuteil werden,
was lange schon unser!

Genre: Realitätsschatten, Trauersymmetrie

** *

Das Wasser der Meere steigt.
Nein!
Es sind nur die Inseln, die untertauchen

&

weil angeblich alles relativ ist -
relativ und verhältnismäßig -
nehmen wir die Endlichkeit unserer Leben ernst.

Angeblich ändert sich nichts.
Angeblich sind wir

*

Und immer die Sanftmut
deren
(Vorsicht, Zuversicht, “freie”

in der Geschichte vom Riesen
in Bewegung

Auf t√∂nernen F√ľ√üen steht
die Schrift

Schon der letzte
König der Etrusker
wunderte sich

Schafsfell, Lederg√ľrtel, R i c h t u n g

Genre: Gem√ľtstiefe, Rezensionen

Atlantisches Gl√ľck, ozeanische Trauer (letztes apogramm: “In der Badewanne… ]}

Ich pullerte.
Nein!
Es pullerte mich

Genre: Realitätsschatten

Featuring : Josif Brodsky : Wiegenlied

Ich gebar dich in der W√ľste
nicht zum Spaß.
Sondern weil im bittenden Gedenken sie
keinen König hat.

In ihr sucht man dich umsonst.
In ihr wälzt
Sich des winters mehr Kälte um, als ihr
Raum selbst.

Manche haben Spielzeug, einen Ball, und
das Haus ist hoch.
Du hast f√ľr die Kinderspiele allen Sand
- dieses ganze Loch.

Gew√∂hn’ dich, S√∂hnchen, an die W√ľste
wie ans Los.
Wo auch immer es dich hintreibt, Gott
ist groß.

Ich ernährte mit der Brust dich,
aber sie
lehrte dich den Blick voll Leere,
ganz wie sie.

F√ľr jenen Stern – dessen Abstand
schrecklich ist – wird in ihm
deiner klaren Stirn Leuchten
einmal deutlich sein.

Gew√∂hn’ dich, S√∂hnchen, an die W√ľste,
unterm Tritt
hast du ihre Bruchst√ľcke, keine andere Gewissheit
bringst du je mit.

In ihr liegt vorm Blick offen das Los.
Alles Holz
in ihr zeigt dir leicht deinen Berg,
sein Kreuz.

In ihr sind die Pfade menschlich nicht,
erst einst!
wenn die Menschen weg sind, findet Raum
Zeit.

Gew√∂hn’ dich, S√∂hnchen, an die W√ľste,
wie die Prise Salz
an den Wind, f√ľhlend, dass du mehr bist
als Staub & kalt.

Lern’ zu leben mit diesem Geheimnis:
sein Gef√ľhl
wird dir n√ľtzen, einmal, in des Herzens
Leere & Gew√ľhl.

Sie ist schlimmer nicht als beide:
länger, schmaler nur,
und die Liebe zu dir ist ihr Stigma, Zeichen f√ľr
deines Sandes Uhr.

Gew√∂hn’ dich an die W√ľste, Lieber,
an den Stern,
der in ihr sein Licht mit solcher
Kraft vergießt,

als entz√ľndet’ er die Lampe, sich zu sp√§ter Stund’ an
den Sohn erinnernd, jenen, der in ihr -
in der W√ľste l√§nger schon ist
als wir.

Dezember 1992

Genre: Gem√ľtstiefe