Die Popmechaniker feat. „Gedicht zur Stunde der Geburt des Punk in Deutschland“

Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee.
Micha, mein Micha, und alles tut so weh.
Ich im Bikini und du am FKK, Nina im Mienie -
Rotwein war auch da!

(Die Maschine wird behutsam gestartet, ein Anlasser-Unvergleichlich schleppt seinen rechten Fuß hinter sich her)

Es knackt: das magnetische Potenzial bewirkt eine mechanische Bewegung

Busfahrer

Weißt du noch, als wir über den Busfahrer redeten? Es war eine Kontaktanzeige, und der Busfahrer meldete sich. Mit fliehenden Fahnen stellte er sich vor: bunt und unkonventionell versuchte er, von seinem langweiligen und kurvenreichen Beruf abzulenken. Hut auf, Brille hinter den Ohren, Bart angeklebt. Farbiges Shirt, hochgeklappte Schuhe, weite Hose mit engem Bund. Das Jackett: Gelb und viel zu eng. Wir freuten uns: Dank dieses Kuriosums kam etwas Leben in unsere Bude, unter anderem bestand die Gelegenheit, zu Geburtstagen einen Bus zu chartern und mit den Gästen darin zu feiern. Später erfuhren wir von seiner Lieblingslektüre. Diese Lektüre gab auch Aufschluss darüber, weshalb unser Freund sich so seltsam kleidete. Er hatte Stefan Zweig gelesen, diese Geschichte, in der ein Typ vorkommt, der von sich erzählt, dessen extravagantes Arbeitszimmer beschrieben wird, starkriechende Blumen, eine Kordel um die Decke und ähnliche Kinkerlitzchen. Also, der Busfahrer, er war der Typ mit der Kordel.

Was können wir tun, damit aus dem Busfahrer wieder ein Radfahrer wird?

Dicke Gegenwart, dünne Vergangenheit

Zu den Exportgütern der Volks­republik gehören nicht nur materielle Waren. Nach dem Vorbild der deutschen Goethe-Institute hat die Volksrepublik ein weltweites Netz von Konfuzius-Instituten aufgespannt. Konfuzius als Vertreter des konservativen, an sozialen Hierarchien orientierten Sozial­systems wurde in der Ära Xi’s rehabilitiert. Die nach ihm benannten Institute widmen sich dem Spracherwerb und Kultur­austausch – harmlos, wie es scheint. Wieder hat die Volksrepublik auf das bewährte Konzept des joint ventures zurückgegriffen: die Institute sind Teil der Universitäten im Gastgeberland, zur Hälfte aus Beijing finanziert, greifen sie der dahinsiechenden westlichen Sino­logie unter die Arme und genießen im Gegenzug sofortige akademische Anerkennung im Westen.

In der „Zeit der Streitenden Reiche“, einer kriegerischen Epoche vor der chinesischen Reichseinigung im Jahr 221 v.u.Z., zogen in der Wandergelehrte – ähnlich den Trobadouren im europäischen Mittelalter – von Hof zu Hof, um ihre Erfolgsstrategie an die Fürsten zu verkaufen. Die Epoche wurde bereits im alten China als „Zeit der hundert Schulen“ bezeichnet. Es handelt sich um die kreative Zeit des chinesischen Denkens – alle bis heute lebendigen philosophischen Strömungen stammen aus dieser Epoche und wurden in den nachfolgenden beiden Jahrtausenden fortlaufend neu interpretiert. Von den vielfältigen philosophischen Strömungen, die im alten China als „Hundert Schulen“ im Wettstreit miteinander standen, wurden in der Volksrepublik unter Xi zwei Traditionslinien wiederbelebt:

Konfuzianismus

Konfuzius (551-479) hat ein strikt patriachalisches System etabliert, in dem Frauen den Män­nern und die Jüngeren den Älteren hierarchisch unter­geordnet sind. Aufgrund einer fest­ste­henden sozialen Hierarchie werden soziale Verhältnisse – bis zur Erstarrung – stabilisiert. Wissen, Fleiß, Gehorsam, Mitmenschlichkeit und Güte sind kon­fu­zianische Werte, die unter Xi als sozialistische Werte in der Volks­republik wieder­auf­erstehen. Sie veredeln die autoritäre Einmann- und Ein­parteienherrschaft mit einer hu­ma­ni­stischen Oberfläche und unterwerfen den Einzelnen einer positivistischen Moral: Sei aktiv, lerne, tue das Gute!

Legalismus

Mittels Zentralverwaltung, Vereinheitlichung von Schrift, Wäh­rung und Maß­ein­heiten, Zwangs­arbeit, Abschaffung der Erblichkeit von Ämtern sowie einer ausschließlich auf Landwirtschaft und Angriffskrieg kon­zentrierten Lebensweise, führte der Shang Yang (gest. 338 v.u.Z.) den Staat Qin zu preußischer Effizenz und Größe. Prinz Hanfeizi (280-233), ein Schüler des mis­anthropischen Konfuzianers Xunzi (300-239), gewissermaßen der Machiavelli des alten China, setzte sich aus­führlich mit dem paradox erscheinenden Prinzip „Tue das Nichtstun“ (Wei Wuwei) auseinander­gesetzt – er kam zu dem Schluß: der Fürst könne sich am ehesten zurücklehnen und nichts tun, wenn er eine Diktatur errichte, in der die Menschen so viel Angst haben, daß sie alles tun, wenn der Herrscher nur mit der Wimper zuckt. Schöngeistige Bücher sollten verboten werden. Das erreiche er durch die Todesstrafe oder durch Be­lohnung in Form von Landparzellen ensprechend der Zahl der Köpfe getöteter Feinde. Nicht dem Fürsten der Han, sondern dem 13jährigen Ying Zheng (259-210), der zum Fürsten von Qin ernannt wurde, gelang es, China zu vereinen, indem er die Nach­bar­staaten durch Druck, Überredung, Drohung, Eroberung oder Bestechung unterwarf – er nannte sich fortan Qin Shi Huangdi (Ursprünglicher Gelber Kaiser von Qin). Von Qin leitet sich der im Westen ver­brei­tete Name „China“ ab (wäh­rend die Chinesen selbst ihr Land als „Reich der Mitte“ be­zeichnen). Qin Shi Huandi starb jung im Alter von 49 Jahren. Von ihm kündet bis heute die berühmte Grabstätte, die Terrakotta-Armee bei Xian. Unter seinem Sohn zerfiel das Reich.

These 11: Präsident Xi nimmt sich offenbar Qin zum Vorbild – ohne zu erwägen, daß Qin’s geeintes Reich schon nach zwanzig Jahren Rebellen zum Opfer fiel: Es zerbrach am Unmut des Volkes gegen das allzu harsche Regime.

Auf Anraten seines Ministers Li Si (280-208), der ebenfalls ein Schüler von Xunzi war und  Hanfeizi’s Empfehlung eines Bücherverbots folgte, befahl im Jahr 213 v.u.Z. Qin Shi Huangdi, die Mehr­­zahl der auffindbaren Bücher (Bambusrollen) zu ver­brennen und die Gelehrten lebendigem Leib einzugraben.

„Diese Gelehrten lernen nicht von der Gegenwart, sondern von der Vergangenheit, und kritisieren damit unsere Zeit und stürzen die Schwarzhaarigen (die Bauern – die Red.) in Verwirrung. Wenn sie hören, dass ein kaiserlicher Befehl ergangen ist, debattieren sie ihn je nach ihrer Lehrmeinung. Bei Hofe kritisieren sie ihn im Herzen; draußen reden sie darüber in den Straßen. Den Herrscher zu diskreditieren ist ein Weg, berühmt zu werden. Sie leiten ihre Schüler darin an, üble Nachrede zu üben. Wenn Dinge wie diese nicht verboten werden, wird die Macht des Herr­schers oben geschwächt, und unten bilden sich Parteien. Ich bitte deshalb darum, alle historischen Auf­zeich­nun­gen, die nicht aus dem Reiche Qin stammen, zu verbrennen. Außer den Exemplaren, die in der kaiserlichen Hof­akademie liegen, sollen alle Lieder, Urkunden und alle Schriften der Hundert Schulen, die irgend jemand im Reich aufzubewahren gewagt hat, zu den Gouverneuren und Kommandanten gebracht und verbrannt werden. Jeder, der es wagt, über die Lieder und die Urkunden zu diskutieren, soll auf dem Marktplatz hingerichtet werden. Die­je­nigen, die das alte System heranziehen, um das neue zu kritisieren, sollen mitsamt ihren Familien exekutiert werden. Beamte, die von diesen Verbrechen hören oder von ihnen wissen, ohne sie zu verfolgen, sollen genauso be­straft werden wie diese Kriminellen. Dreißig Tage nachdem dieses Dekret ergangen ist, wird jeder, der seine Bücher noch nicht verbrannt hat, mit dem Brandmal im Gesicht und Zwangsarbeit bestraft. Ausgenommen sind nur Bücher über Medizin, Orakelkunde und Landwirtschaft.“ (Li Si, zit. nach Rademacher, 2003, S. 126)

Tatsächlich rettete das Volk eine Vielzahl der Schriften vor den Flammen, versteckte sie in Ton­gefäßen und vergrub diese in der Erde. Bücher­verbrennungen – das war ein archaisch-radikaler, blutiger Versuch der Zensur. Zunächst lehnten die chinesischen Marxisten Qin Shi Huangdi ab und betrachteten die Bauern, die die Herrschaft seines Sohnes stürzten, als Revolutionäre. Zu Beginn des Großen Sprungs sprach sich Mao jedoch plötzlich für den Ersten Kaiser aus, ja, er erhob sich über ihn: Auf der zweiten Sitzung des Achten Parteitages am 8. Mai 1958 lobte er den Artikel Die historische Forschung muß heute dick und in der Vergangenheit dünn sein: „Dieser Artikel beweist, daß es unsere Tradition ist, in der Gegenwart dick und in der Vergangenheit dünn zu sein. Sima Guang wurde zitiert, Qin Shi Huang leider nicht. Doch Qin Shi Huang war ein Experte darin, die Gegenwart zu verdicken und die Vergangenheit zu verdünnen.“

An diesem Punkt entgegnete Lin Biao: „Qin Shi Huang verbrannte Bücher und verbot den Kon­fu­zia­nismus.“

Mao brüstete sich daraufhin mit folgender Dummheit: „Was war denn so außergewöhnlich an Qin Shi Huang? Er hat 460 Gelehrte (Konfuzianer) lebendig begraben; wir haben 46.000 Gelehrte (Konfuzianer) lebendig begraben. Dazu habe ich schon mit gewissen Demokraten diskutiert: Ihr glaubt, ihr könnt uns beleidigen, wenn ihr uns als Qin Shi Huang bezeichnet, aber ihr irrt, wir haben Qin Shi Huang hundertfach übertroffen! Ihr bezeichnet uns als Diktatur – wir bekennen uns gern zu diesen Eigen­schaften, wir bedauern nur, daß ihr derartig hinter der Wahrheit zurückbleibt, daß wir eure Vor­würfe ergänzen müssen!“ (Mao Zedong, 1958, Text 29)

Während der Kulturrevolution setzte sich die Glorifizierung des Ersten Kaisers durch: Seine Ge­walt­herrschaft zum Wohle der Nation wurde bejubelt, dessen Weitsicht China geeint habe. Nur weil er die Staatsfeinde nicht gründlich genug ausgerottet habe, sei er den Rebellen zum Opfer gefallen.

Lang lebe der Mao-Zedong-Gedanke

Zu Studenten und Professoren der Beijing-Universität sprach Präsident Xi:

„Es ist der größte Traum des chinesischen Volks seit dem Opium-Krieg (1840-1842) und das höchste und grund­le­gend­ste Interesse der chinesischen Nation, ein reiches und starkes, demokratisches, zivilisiertes und harmonisches und modernes sozialistisches Land aufzubauen und die große nationale Renaissance zu verwirklichen. Die Be­strebungen aller 1.3 Milliarden Chinesen dienen im Grunde dazu, dieses großartige Ziel zu verwirklichen… Doch wir sind gegen die Schlußfolgerung, daß ein starkes Land zwangsläufig Hegemonie anstrebt, und beharren auf einem friedlichen Entwicklungsweg.“ (ebd., S. 208 ff.)

Zu Politkadern der Kommunistischen Partei Chinas sprach Xi:

„Parteimitglieder und Funktionäre müssen fest an den Marxismus und Kommunismus glauben, sich unermüdlich und gewissenhaft für die Verwirklichung des grundlegenden Programms der Partei in der jetzigen Phase einsetzen … Führende Funktionäre, insbesondere ranghohe, sollten die grundlegenden marxistischen Theorien zur Aus­bildung ihrer besonderen Fähigkeiten beherrschen und den Marxismus-Leninismus, die Mao-Zedong-Ideen und insbesondere die Deng-Xiaoping-Theorie, die wichtigen Ideen der Drei Vertretungen sowie das Wissenschaftliche Entwicklungskonzept gewissenhaft studieren … Parteilichkeit und Volksverbundenheit stehen nach wie vor in Einklang … Dabei setzen wir darauf, ganz nah am Menschen zu und den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Unsere Arbeit muss sich dementsprechend daran orientieren, dem Volk zu dienen … Es sollen vor allem Solidarität, Stabilität und Aufmunterung thematisiert werden und positive Berichte sollen dominieren.“ (ebd., S. 188 f.)  

Präsident Xi stammt aus der alten Nomenklatura. Sein Vater trat 1928 in die KP ein und bekleidete während der Hungerjahre nach dem Großen Sprung das Amt des Stellvertretenden Minister­prä­si­den­­ten (1959-1962). Danach war er Gouverneur der Provinz Guangdong. Xi genoß eine privi­legierte Kindheit, bis die Roten Garden seinen Vater verhafteten und die Familie ver­unglimpften. Als Jugendlicher floh Xi in das Dorf Liangjiahe, wo er etliche Jahre als Land­arbeiter unterkam und in einer Höhle lebte. Diese Erfahrung bewegte ihn jedoch dazu, die maoistischen Methoden der Um­erziehung und des Terrors fallenzulassen. Die gegenwärtige Verfolgung der Uiguren in Xinjiang gilt als „die  größte Internierung einer ethnisch-religiösen Minderheit seit der Nazizeit“ (Kai Stritt­matter, 2020, S. 19) Es ist vor allem der kurzfristige Erfolg des Legalismus, den Xi vor Augen hat: ihm verdankt China bis auf den heutigen Tag seine Einheit und ist in Form der wieder ausgegrabenen Terrakotta-Armee Qin Shi Huangdi’s zu bewundern.

Memento mori

Ich weiß nicht, wer es war, jedenfalls einer der Passanten, die jeden Tag am Krankenhaus vorbeikamen. Er war jedenfalls, so wird es erzählt, nachts mit einer Schaufel über den Friedhofszaun geklettert, hatte sich ein Grab gesucht, das gerade aufgelöst, aber noch nicht eingeebnet worden war, hatte gegraben, einen doch recht gut erhaltenen Schädel gefunden und mitgenommen. Jetzt steht der Schädel auf seinem Schreibtisch (manche sagen, das ist nur ein Schauermärchen, wie das Medizinstudenten den Juristen auf Partys erzählen; aber Schädel – die kann man nicht im Internet bestellen). Jeden Morgen singt er jetzt einen lateinischen Hymnus, bevor er seine Tasche nimmt, ins Auto steigt und Montag bis Freitag der immergleichen profanen Arbeit nachgeht.

Schleichwege auf der neuen Seidenstraße

„Wenn ein einsichtiger König re­giert, zeigt sich sein Wirken überall un­term Himmel, ohne daß er selbst in Erscheinung tritt; die zahllosen Lebe­wesen wandeln sich, und das Volk gerät nicht in Ab­hän­gig­keit; niemand wird gepriesen und gerühmt, alle finden Freude in sich selbst; er richtet sich auf durch das, was sich nicht ermessen läßt, und spaziert dort umher, wo nichts ist.“ (Zhuangzi, 7.4)

Wir haben durch Lenins Brille auf den pandemisch angegriffenen Westen geblickt – ein noch klare­res Bild erkennen wir, wenn wir den Blick gen Osten richten, wo der Marxismus/Leninismus bis heute den ideologischen Überbau der Herrschenden bildet, ohne ernsthaft als Analyseinstrument der aktuellen Lage genutzt zu werden: Mao Zedong (wörtlich „Wohltäter des Ostens“), einst als „Steuermann der Welt­revolution“ ge­priesen, vollbrachte unter zahllosen Menschenopfern das Wunder, mit einer schlecht ausgerüsteten Bauernarmee, Japan zu besiegen und den Bürgerkrieg gegen die reaktionäre Kaste von Chiang Kaishek (Jiang Jieshi) zu gewinnen, der sich 1949 schließlich mit einem Großteil der kaiser­lichen Schätze nach Taiwan absetzte, um auf der Insel die „Republik China“ auszurufen. Seitdem blickt Mao’s Konterfei vom Tor der Verbotenen Stadt herunter auf den Platz des Himmlischen Friedens. Doch der alternde Revolutionär kam nicht zur Ruhe. Von der Idee beflügelt, die In­du­strie­produktion des Westens zu übertrumpfen, befahl er den Bauern, „die Stadt auf das Land zu bringen“, in den Dörfern Volkskommunen zu gründen, Werkzeuge selbst zu bauen, Rohstoffe vor Ort zu finden – das hieß letzten Endes die kaum vorhandene chinesische Industrie zu dezen­tra­lisieren, Mini-Hochöfen anzufeuern und auf diese Weise Stahl zu gewinnen. Es sollte der „Große Sprung nach vorn“ werden, der China, die Sowjetunion und den Ostblock mit wissen­schaftlicher Gesetzmäßigkeit an die Spitze des Fortschritts katapultieren sollte, und mündete in der größten Hungerkatastrophe der Menschheit, die von 1959 bis 1962 währte: In wenigen Jahren starben nach offiziellen Angaben der chinesischen Regierungen 15 Millionen Menschen, nach inoffiziellen Schätzungen waren es 45 bis 55 Millionen. Zu dieser Zeit kam es noch darauf an, die Sterbeziffer in der Propa­ganda stark zu untertreiben. Augenzeugen berichteten von eng beeinander liegenden Leichen in den Straßengräben.

Für Mao war dies nicht genug. Die Genossen „der ersten Front“, u.a. Liu Shaoqi – der wie Mao Sohn reicher Bauern war und eine Ausbildung zum Lehrer absolviert hatte – und Deng Xiaoping (seit 1923 sein Parteiname, der wörtlich „Kleiner Friede“ bedeutet), er­klärten den Klassen­kampf für beendet und ver­suchten, das Land mit Hilfe der Anreize eines regulierten Marktes zu ordnen und mit ruhiger Hand aufzubauen. Mao witterte Verrat. Für ihn galt der Spruch: „Mit Chaos auf Erden erreicht man Ordnung im Land.“ Er be­trauerte Stalins Tod, mißtraute der Tauwetter-Politik Chrustschows, dessen Kritik an den Volkskommunen zum Bruch zwischen China und der Sowjetunion führte. Mao befürchtete, daß aus der Unterschicht neue Ausbeuter hervortreten und die Stelle der alten Feudalherren einnehmen würden. Als sich die „erste Front“ vom permanenten Revolutionär abwandte, nutzte er den schwelenden Generationen­konflikt, um die studentische Jugend gegen die neue Funktionärskaste aufzuhetzen: die Große Sozialistische Kulturrevolution begann, forderte im Laufe von zehn Jahren schätzungsweise bis zu 20 Millionen Opfer und stürzte China erneut in den Ruin.

Der Pragmatiker Deng Xiaoping erfand ab 1975 die „sozialistische Marktwirtschaft“, mit der sich China tatsächlich sprunghaft nach vorn zu bewegen begann. Noch auf dem Sterbebett unterstellte ihm Mao, er sei „ein kleiner Kapitalist mit rechter Gesin­nung“, der vom Klassenkampf nichts verstünde und in der alten kapitalistischen Demokratie stehen geblieben sei. (Changshan Li, 2010, S. 190). Hat Mao mit dieser Einschätzung recht behalten?

Nach Mao’s Tod stürzte die Parteiführung die Viererbande – so hatte Mao selbst noch das ihm suspekt erscheinende  Bünd­­nis genannt, das seine letzte Ehefrau Jiang Qing mit den links­extremen Parteisoldaten Wang, Yao und Wang aus Shanghai eingegangen war, um während der Kulturrevolution die Macht, insbesondere in den staatlichen Medien, auszuüben und zur Gewalt auf­zustacheln. Mit der Beschränkung der Amtszeit hoher Beamter und der Aus­arbeitung einer neuen Ver­fassung für die Volksrepublik entfesselte Deng das chinesische Wirtschaftswunder. Indem sich das Billiglohnland China als Werkbank der Welt darbot, wurde nicht nur in kürzester Zeit ein epochaler Wohlstand erarbeitet. Vielmehr gelang es der chinesischen Wirtschaft den westlichen Kapitalismus, allen voran Amerika, Zug um Zug in ihre Abhängigkeit zu ziehen. Während sich im Westen die Staatsschulden anhäufen, wachsen in der Volksrepublik die Dollar­re­serven. Der Zwang, daß westliche Firmen joint venture mit chinesischen Firmen eingehen müssen, wenn sie auf dem chinesischen Markt verkaufen wollen, führte zu einem signifikanten brain drain:  Wur­de den Chi­nesen vorgeworfen, westliche Produktionsgeheimnisse aus­zuspionieren und west­liche Tech­no­logie zu kopieren, geht die technische Innovation nun vielfach von der Volksrepublik aus. Satelliten im Orbit, Taikonauten, Monderkundung, Mars­missionen sind nur die Speerspitze dieser Entwicklung. Indem sich der Westen illusorisch als Hort der Freiheit im Denken und Handeln selbst mißversteht, während die wirtschaftliche Dynamik tatsächlich von der exponentiell wuchernden Bürokratie gebremst und behindert wird, unterschätzt er das chinesische In­no­va­tionspotential.

Freiheit in China spielt sich vorrangig außerhalb der Hauptstadt ab, in den Provinzen und Sonder­wirt­schaftsregionen, wo der Arm der Zentralgewalt nicht hinreicht. „Regieren unter Ver­zicht auf Ein­griffe in den natürlichen Lauf der Dinge“ – ein Grundsatz aus der Philosophie Laozi’s, auf den sich chinesische Politiker gern berufen, wenn es gilt, den autoritären Kern zu verschleiern. In der Praxis werden Regeln pragmatisch gebrochen, Interessen rück­sichtslos durchgesetzt. Groß­projekte schei­tern nicht an Fledermaus-Ha­bitaten oder ein­stöckigen Wohnhäusern ohne Ka­nalisation, die den Trassen der Industrialisierung im Wege stehen. Menschenrechte, Umweltbelange – kein Hinder­nis. Im Westen erscheint der radikale Pragmatismus, von dem in China tätige Archi­tekten und Firmenchefs schwärmen, als Ausdruck eines zen­tralistischen Durchgriffs. Doch auch dies ist eine Fehleinschätzung: Die Führung in Beijing wußte nach dem Ende der Kulturrevolution, daß die Wirtschaft nur Fahrt gewinnt, wenn sie dezentral von Einzelnen vorangetrieben wird. Familien, Gruppen, Clans sind es, die die Regeln bestimmen – der chinesische Staat agiert fröhlich mit.

Insofern ist die „sozialistische Marktwirtschaft“ der Volksrepublik seit Mitte der 1970er Jahre ein staatskapitalistisches System mit marxistisch-maoistischer Fassade, die an den Universitäten nach wie vor zum Pflichtprogramm gehört. In der Volksrepublik muß sich der staats­mono­po­li­stische Sektor nicht erst entwickeln, indem er mühsam die Verwaltung als Kundin gewinnt und in materielle Abhängigkeit zwingt. Der chinesische Staat ist per Verfassung Lobbyist in eigener Sache, der die privat­wirtschaftliche Konkurrenz als Stachel nutzt, um das Wachstum zu beschleunigen. Zugleich achtet er mit Argusaugen darauf, daß Privatunternehmer wie der ehemalige Englischlehrer Jack Ma, Gründer von Alibaba, dessen Firma nicht zuletzt durch einen Milliardeneinstieg von Yahoo Erfolge verbuchte, nicht übermächtig und schon gar nicht zum Kritiker des chinesischen Weges werden – in diesem Fall, welch Wunder, ist der maoistische Revolutionsgedanke wieder zupaß und die chinesischen Wettbewerbsbehörde bereit, den Ausbeuter zu disziplinieren.          

Nun ist die Ära Deng Xiaopings bereits Geschichte. Präsident Xi Jinping, im Volksmund „Baozi“ (gedämpfte Teigtasche) genannt, ließ sich als recht­mäßiger ideologischer Erbe Maos mit Unfehl­barkeitsstatus zum „überragenden Führer“ auf Lebenszeit ausrufen. Seine Ideen zum „So­zialismus chinesischer Prägung“ sollen in die Partei­sta­tu­ten eingehen. Einer seiner Vorgänger hatte bereits das Prinzip der Dreifachen Vertretung etabliert: die Kommunistische Partei vertrete in China die Entwicklung der Produktivkräfte, die Ausrichtung der Kultur und die Interessen der Mehrheit des Volkes.

These 10: Tatsächlich erkennen wir in der Bewegung von Mao, über Deng zu Xi einen Wandel vom Stalinismus zum dynamischen Staatskapitalismus und schließlich zum Imperialismus chinesischer Art.

Der „chinesische Traum“, den Xi stellvertretend für die Volksrepublik träumt, zielt auf die Wieder­herstellung des Reichs der Mitte als Mittelpunkt und Stabilitätsanker der Welt. China hat im internationalen Handel einen Finanzüberschuß erwirtschaftet, den es natürlich ge­winn­bringend anlegen möchte. Das Zauberwort heißt Neue Seidenstraße oder One belt, one road.  Damit ist das Investitions­programm gemeint, mit dem sich die Volksrepublik überall auf dem Globus, wo sich die Chance bietet, seit 2014 einkauft: Sei es der Hafen Piräus vor den Toren Athens, der Duis­burger Güterbahnhof, in dem wöchentlich drei Dutzend Züge aus China eintreffen, der Schweizer Chemiehersteller Syngenta, der Augsburger Roboter­ent­wickler Kuka, Film­pro­duk­tions­firmen in Hollywood, italienische Fußballvereine, ein Hafen in Sri Lanka, die Autobahn in Monte­negro, Eisenbahnlinien und Pipelines in Afrika – es sind gerade finanzschwache Strukturen, die sich von Chinas Unterstützung angezogen fühlen und in die Schuldenfalle tappen. Die Regierung in Beijing bietet keinen Fond mit gleichen Regeln für alle Teilnehmer, sondern handelt die Konditionen bilateral mit jedem Bittsteller einzeln aus. Sri Lanka beispielsweise verpachtete seinen Hafen für 99 Jahre an die Volksrepublik, ein Schelm, wer dabei an Großbritannien und seine ehemalige Kronkolonie Hongkong denkt… Während Beijing von einer Globalisierung 2.0 schwärmt, sprechen Kritiker von einer Kolonisierung 2.0. Als Gegenleistung erwartet Beijing einen Kotau vor seinen geopolitischen Ansprüchen: den Verzicht auf die Anerkennung von Taiwan und des Dalai Lama, die Akzeptanz der Ver­einnahmung des südchinesischen Meeres usw.

nach\_mehr

mama, wo'st
wesen
\
nun mehr
tut's nicht
/
nun tu's
nit mehr
\
/
*

**

Ördi, mehr - nich nach __Izmir

Die natürliche Ordnung der Dinge

Schlechte Aussichten:
Weinende Kreaturen,
Fische schreien,
Tote Vögel im Watt.
Nichts hören,
Nichts sehen,
Nichts sagen.
Das große Fressen
Geht zu Ende.
Der Mars steht
Nah den Plejaden,
Der Stier hat seine Hörner
Nun auf uns gerichtet.
Die Konten eingefroren,
Kleingeld geronnen
Zu Staub.

Die natürliche Ordnung
Der Dinge
Ist gestört.

Pandemie-Kakophonie

Ich sagte es dir.
Du sagtest es ihm.
Er sagte es ihnen.
Sie sagten es auch.
Es wurde gesagt.
Wir alle sagten es.
Ihr sagtet es weiter.
Doch
Sie alle kannten
Die Wahrheit nicht.

Das neue Zeitalter

Ein neues Zeitalter hatte begonnen. Niemand hatte daran gedacht, doch nun war es da. Wie konnte es geschehen? Zu­erst kam die Sintflut. Nicht die biblische, sondern die neu­zeit­liche Überflutung ganz West- und halb Mittel­euro­pas. Auf dem verbleibenden Festland wurde das Autofahren verboten. Die Leute nahmen es hin und bastelten fortan an ihren Booten und Surfbrettern herum, glaubten, das wäre alles. Herr Klopsig ar­beitete bei der Bahn, dort genoß er freie Fahrt auf allen Strecken, die von der Sintflut verschont geblieben waren. Das Auto­ver­bot berührte ihn nicht, im Gegenteil, er be­grüß­te es. Die Re­gierung fühlte sich ermutigt.

Als nächstes knöpfte sie sich das Trinken vor. Nein, die Zustände der Prohibition kehrten nicht wieder: Es gab keinen Widerstand, keinen Untergrund. Gering alko­ho­lische Ge­tränke wie Bier und Wein blieben legal – verboten wurden De­stillate. Die Leute waren so gesättigt und schwach, be­schäf­tigt mit ihren davon schwim­menden Eigen­tums­wohnungen und Liebesgeschichten, daß niemand auf die Idee kam, Schwarz­brennereien zu gründen, um den Stoff für noch mehr Geld zu brennen. Es wäre eine phan­ta­stische Um­ver­tei­lung geworden. Neue proletarische Kreise wären zur Elite aufgestiegen, erst in der Mafia, dann in der Regierung. All das blieb aus.

Statt dessen beschlossen die Oberen, schamlos mutig, das Fallen­lassen von Papier auf die Sandwege unter Strafe zu stellen. Was wäre ein Gesetz ohne Strafen anderes als ein horn­loses Nashorn? Binnen eines Jahres folgte die Wieder­ein­führung der Todesstrafe. Die Leute jubelten. Die Todes­strafe wollten sie schon immer zurück haben. Endlich wie­der Köpfe rollen sehen. Die Todesstrafe – gepaart mit dem universellen menschlichen Bedürfnis nach Sauberkeit und Ord­nung – entsprach vollkommen dem Volkswillen. Von we­gen, De­mo­kra­tie und Diktatur seien Gegensätze. Diktatur erschien den Machthabern als der voll­­endete Ausdruck der De­mo­­kratie: sie war unverstellt und schran­kenlos. Eine neue Verfassung wurde verabschiedet: die Ver­fassung der liberalen Dik­tatur.

An den gebohnerten, im staubigen Sonnenlicht glän­zen­den, menschenleeren Sandwegen war zweifelsfrei zu er­ken­nen, daß das neue Zeitalter ausgebrochen war. An den Gullydeckeln wurden Soldaten mit Maschinengewehren postiert, die darüber wachten, daß niemand eine Zigarettenspitze oder ein Pa­pier­taschentuch hineinwarf. Die kleinste Verunreinigung konnte zu einer Verstopfung im Kanal­system und einer erneuten Überflutung Berlins führen. Das Rauchen im öffentlichen Raum hatte die Regierung im übrigen schon vor der Sintflut unter Strafe gestellt. Die Zü­ge und Schiffe füllten sich mit Ge­set­­zes­brechern, das heißt die Güter­züge und die Con­tai­ner­­schiffe.

Der Bahnhofs­vor­ste­her, ein alter Schul­kamerad von Herrn Klopsig, ihm seit langem als freund­licher Arbeits­kollege vertraut, lächelte. Jetzt hatte er endlich alle Hände voll zu tun. Herr Klopsig lächelte zurück, dachte, er könne, indem er ihm helfe, das System unterminieren. Herr Klopsig sah die furcht­samen Gesichter in den Öffnungen und Ritzen der Waggons. Die lächelnde Visage des Bahn­hofwarts. Die ge­spen­stisch glän­zenden leeren Straßen.

Zur Demokratie gehörte der Dreck, er zeugte vom Leben. Der Tod hatte keine Zeugen. Nur den Bahnhofswart, der die Weichen so stellte, daß die Waggons direkt in den Schlund des Verbrennungsofens hineinrollten. Und Herrn Klopsig, der mitmachte, um zu protestieren, zu sabotieren. Aber da­raus wurde nichts.

Einmal, als der Bahnhofsvorsteher eingeschlafen war, stell­te Herr Klopsig die Weiche um und manövrierte den Zug auf ein Abstellgleis, hoffte, daß die zahlenmäßig über­legene Meute der zum Tode verurteilten Sandweg­be­schmut­zer aufbegehren würde. Statt dessen blickte sie furcht­sam, in Schreckstarre, durch die Ritzen im Holz und nichts geschah. Sie fragten demütig, wann die Fahrt weiter­gehen würde.

Ehe Herr Klopsig sich versah, hatte ein Ge­heimdienstler den Mißstand erkannt, war hinzugeeilt, lotste den Waggon in den Orkus und feuerte Herrn Klopsig von sei­ner wun­der­baren Arbeitsstelle als Dispatcher bei der Bahn. Beinahe wäre er selbst vorm Tribunal gelandet und verurteilt worden. Diesmal hatte er Glück.

Später erzählte Herr Klopsig, wenn er nach dem Grund seiner kurz­zeitigen Arbeitslosigkeit gefragt wurde, er habe seinen Beruf bei der Bahn wegen der Sintflut verloren. Was nur halb stimmte. Tatsächlich fuhren die Züge nach der Sint­flut lediglich in Richtung Rußland. Im übrigen Europa wa­ren die Bö­den zu sumpfig geworden. Herr Klopsig hätte ohnehin seinen Be­ruf bei der Bahn aufgeben oder nach Osten umziehen müs­sen. Bald schon hatte er sich eine neue Existenz­grund­lage ge­schaf­­fen.


(geschrieben 2008, wiedergelesen am 21.6.21, in: „Empörte Flut“)

Duldung

Großes Maul und kleines Hirn,
So sind heute leider viele.
Verkleiden sich in feinem Zwirn,
Und spielen mit uns ihre Spiele.

Sie können alles, wissen Bescheid,
Ihr Götze ist einzig das Geld.
Sie glauben an Macht auf ewige Zeit
Und beherrschen uns und die Welt.

Alle paar Jahre dürfen wir wählen,
Ob der oder die uns regiert,
Unsere Stimme soll ja dann zählen,
Wir werden von Blendern verführt.

Es blüht das Geschäft mit den Lügen,
Politik wird es wohl genannt,
Dass Menschen sich selber betrügen,
Ist seit alten Zeiten bekannt.

Wie lange noch werden wir’s dulden,
Wann hören wir zu pennen auf?
Wann zahlen sie ihre Schulden,
Wann endet der Ausverkauf?

Noch spinnen sie ihre Netze,
Noch ist es ihnen nicht bang.
Noch zählen ihre Gesetze,
Aber nicht mehr unendlich lang.

Die Krise

Als Dauergast in unsrem Kreise,
Verstört sie uns auf eigne Weise.
Sie ist zur Regel uns geworden
Für Störungen verschiedener Sorten.
Die Zeitungen benennen diese
Als Grund für alles hier: die Krise.

Als Ursache für alle Sorgen
Beunruhigt sie uns schon am Morgen.
Ob Flüchtende, ob Klimawandel,
Die Schwierigkeit im Weltenhandel,
Das Konto zeigt wieder mal Miese,
Wir wissen nun: schuld ist die Krise.

Trotz allem gibt es schöne Sachen
Und alle Tage was zu lachen.
Das Auf und Ab der Konjunktur
Ist mir egal, denn ich will nur
Dass man mir meine Ruhe ließe,
Ihr könnt mich mal mit eurer Krise.

Leset auf dem Grabstein

Mag sein, im Moment der Todeserwartung, wenn alles eilt, alles in panischer Angst sich durch Flucht zu retten sucht, sich beeilt, über Zäune springt, ohne Hoffnung etwas zu retten, die Mannigfaltigkeit vieler persönlicher Leben, sondern nur ums eigne sich sorgend, wenn im Kopf eines Menschen dasselbe geschieht, was in der Stadt geschieht, die von den hungrigen Wellen flüssigen, geschmolzenen Gesteins überflutet wird, kann es sein, dass im Moment der Erwartung des Endes im Kopf eines jeden mit schrecklicher Schnelligkeit eine solche Erfüllung in Reißen und Riss, Formbruch und Grenzüberschreitung vor sich geht. Und sein kann es , dass im Bewusstsein einer jeden mit derselben schrecklichen Schnelligkeit die Wahrnehmung eines Zustands A in die Wahrnehmung eines Zustands B übergeht, und dass erst dann, im Zustand B, die Wahrnehmung ihre Geschwindigkeit verliert und wahrnehmbar wird, so wie wir die Speichen eines Rads erst dann wahrnehmen, wenn die Geschwindigkeit seiner Drehung unter eine bestimmte Grenze fällt…

Gras

Aber niemand sollte weinen müssen ohne Wein
Aber niemand sollte satt sein mit leerem Bauch
Und Musik ist was dem Tod auf dieser Erde fehlt
Und Musik nun wie der Tod in der Luft ein Hauch

Aber wenn du einen Stengel in der Tasche hast, heißt das
Dieses ganze Leben ist doch gar nicht so schlecht
Wenn ein Ticket für den Silberflügler mit hineinpasst
Der beim Abheben nur seinen Schat_ten da lässt

Wie Preußen die Mongolei eroberte

Schade, dass Wörter älter werden. Dabei werden sie nicht schöner;

Der Sektionsvorsitzende zum Rapport beim Innenminister. Schriftzeichen. Sie haben schon welche, und leider viel bessere als wir. Aber das mache nichts. Tabak- und Alkoholsteuer noch unbekannt, seien sie für Fortschritt noch so offen wie ein Scheunentor. Wie es einstmals der Genosse Lenin ausdrückte – Schritt vor, zwei zurück. Machen wir es also wie damals die Russen mit uns:

– Welcher Verdauungstrakt ist der wichtigste im Kampf?

– Ah, dieser Witz – na, der Kling-, äh Blinddarm…

– Richtig. Und wo klingelt es am lautesten?

– Peter und Paul… Wie war das nochmal… „der Mensch ist ein lachendes Geschöpf; der Mensch ist ein federloser Zweifüßler; der Mensch ist ein…“

– Ja. Und dazu jetzt noch die kyrillischen Buchstaben, wie in plazdarm — dosto

– primetschatelnosti, äh, also einfach Straßtwutje, hm, äh, also ich frag‘ ’nfach Jew…

wenn ich sage, dass araignée (Spinne) im Altfranzösischen aragne lautete, fällt mir auf, dass araignée eine aragne ist, die beim Älterwerden ihren schönen Klang verloren hat,

also Zhenja, ja?! Die Sterne am Himmel, immer eine Herausforderung… Am interessantesten immer noch die Kometen, Asteroiden und anderen Irrlichter vorm Astoria… Keine VLs mehr, noch nicht mal Kosmos-Vorlesungen… Die KI nun emanzipiert oder was man so nennt, mensch Egon! Im Staate Dänemark die Lacher immer auf deiner Seite, und der nordeuropäische Bürgerkrieg endlich durch Sprachbarrieren befriedet… Der Traum vom barrierefreien Wohnen findet nun im Theater auf der Bühne statt, sofern’s noch nicht möglich war, sie abzureißen % Denkmalschutz, Zielkonflikte, rouge & noir… Weiße Haut unter schwarzer Seide – schon Rassismus? Die im Wort selbst abgespeicherte Suppe ist selten nicht selbst, was sie brandmarkt

der frank und frei durch seine beiden a eröffnet wird, und dieses >> gnée << ist weder angenehm noch notwendig. Aragne hat genügt.

Die vier Jahreszeiten

nach einer Melodie von Vivaldi

Sind in Vergessenheit geraten : im Herbst

Ernten wir und nehmen Abschied

Im Winter kehrt Ruhe ein : Erholung

Und Grabesstille : im Frühling

Atmen wir auf und streifen die schweren

Jacken ab : die Brust bläht sich

In kitzelnder Luft : die Zipperlein

Weichen : Bakterien

Und Keime fliehen ins Trockene

Um auszutrocknen : der Hals erholt sich

Der Husten hoppelt davon : sagt

Ernsthaft : ihr habt das alles

Vergessen : wenn ihr den Absturz

Der Zahlen seht : freut ihr euch

Auf den Sommer wie Kinder

Und laßt euch belehren : all das

Sei das Werk eurer Disziplin

Nicht der Jahreszeit : was ist das

Für eine Weisheit : die uns einsperrt

Im Herbst und im Winter

Die Sache mit der Solidarität

„Im Staat Zheng lebte ein Schamane namens Ji Xian (Kenner der Gelegenheiten), der wußte, wann die Menschen geboren werden und sterben, überleben und umkommen, wann ihnen Unglück oder Glück widerfährt, ob sie lange leben oder jung sterben, er ver­mochte dies auf Jahr, Monat, Woche und Tag vorherzusagen, als wäre er ein Geist. Wenn die Einwohner von Zheng ihn erblickten, ließen sie alles stehen und liegen und rannten davon.“ (Zhuangzi, 7.5)

Über die Verteilungsgerechtigkeit zu wachen, gehört zu den menschlichen Urinstinkten: Als Kin­der passen wir auf, daß der Kuchen in gleiche Teile ge­schnit­ten wird. Die für das Kind existenzielle Angst, zu kurz zu kommen, rührt vom Narzissmus her, der in den ersten Lebensjahren über­lebens­wichtig ist, um sich in einer Welt von Erwachsenen und Gleichaltrigen zu behaupten. Wenn die Eigenliebe zugunsten von Mitgefühl und Liebe in den Hintergrund tritt, ändert sich das Motiv der Gerechtigkeit. Die Wahrnehmung, daß andere ungerecht behandelt werden, indem sie zu kurz kommen und keine Chance haben, ihr Recht zu er­langen, tritt als neue Qualität hinzu.

In der Corona-Krise wurde unter dem Stichwort der „Soli­da­ri­tät“ das Gerechtigkeitsempfinden des narzisstischen Kindes angesprochen: Wenn wir privat zurückstecken und verzichten sollen, dann sollen auch die großen Betriebe schließen und ihren Beitrag zur „Kontaktvermeidung“ leisten. Wenn die Älteren in den Heimen weggeschlossen und isoliert werden, dann sollen auch die Jün­geren keine Partys feiern und fröhlich durch die Gegend laufen. – Das ist Gerechtigkeit auf der untersten Stufe, „Solidarität“, die vom Neid bestimmt wird und letztlich auf eine große Un­gerechtigkeit hinausläuft: Denn für die Älteren ist es unangemessen, in den Heimen eingesperrt zu wer­den, wie es un­ver­hält­nis­mäßig ist, die Jüngeren ihrer Lebensperspektiven durch das Vorenthalten von Bildung und Arbeit zu berauben. Für beide braucht es andere Wege. So aber leiden die Älteren in Einsamkeit und Elend während ihrer letzten Lebensmonate, in denen sie vor einer Krank­heit geschützt werden, und sterben nicht selten an den Folgen der Isolation. Die Jüngeren aber müssen noch Jahre und Jahrzehnte mit dem Trauma der zerbrochenen Perspektive, Schul­karriere oder wegen Pleite aufgegebenen Selbständigkeit leben. Dabei waren sie von keiner Krank­heit übermäßig bedroht – der Lockdown war menschengemacht, Menschen tragen für ihn die Ver­antwortung. Daher das schreiende Gefühl der Ungerechtigkeit. Es ist Zynismus, sie dem Virus zu­zuschreiben.

Der künstlich geschürte und verstärkte Generationenkonflikt – mutet er nicht bekannt an? Am Vorabend des Ersten Weltkriegs trafen sich auf dem Hohen Meißner in Hessen 2.500 Ju­gendliche und Heranwachsende, um in der Natur dem Mief der schwerindustrialisierten Groß­städte und dem Militarismus zu entkommen. Sie forderten die Möglichkeit, „aus eigener Be­stimmung, vor eigener Ver­ant­wortung, mit innerer Wahrhaftigkeit“ ihr Leben zu gestalten: „Die Jugend steht an einem ge­schicht­lichen Wendepunkt. Bisher aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen und angewiesen auf eine passive Rolle des Lernens, auf eine spielerisch-nichtige Geselligkeit, nur ein Anhängsel der älteren Generation, beginnt sie, sich auf sich selbst zu besinnen. Sie versucht, unabhängig von den trägen Gewohnheiten der Alten und von den Geboten einer häßlichen Konvention sich selbst ihr Leben zu gestalten.“ Aufruf zur Teilnahme am Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner, 1913)   

Die Corona-Krise läßt sich als Symptom betrachten: als Symptom einer allgemeinen Krise des modernen Menschen, genauer des Menschen in einer normopathischen Gesellschaft (Maaz), der sich nicht nach seiner natürlichen Bestimmung (Zhuangzi) fragt, sondern den auferlegten Pflichten folgt, die ihm Eltern, Lehrer und Chefs übergestülpt haben – des Menschen, der funktionieren will.  Diese Funktionslust wird durch die Corona-Maßnahmen infrage gestellt: Politik und Medien nutzen die reale Angst vor dem Virus, um Angst zu schüren, indem sie „den Alarm hochhalten“. Damit werden verdrängte Ängste geweckt, die auf ungelöste innere Konflikte hinweisen (Abhängigkeit, Ent­frem­dung). Das Bewußtwerden dieser Ängste wird vom Ich aktiv abgewehrt a) durch totale Anpassung an die politischen Einschränkungen und die vehemente Verteidigung der angetragenen Unfreiheit oder b) durch Skepsis und Kritik an der einseitigen Darstellung der vermeintlichen Risiken, dabei in Kauf nehmend, als Verräter, Omega, Verschwörungstheoretiker oder Nazi diffamiert zu werden.

Die politische Wirkung besteht in der Polarisierung der Gesellschaft, genauer gesagt in der kognitiven Verstärkung der ökonomisch angelegten Polarisierung. Indem sich die Mehrheit der Bevölkerung in Corona-Gläubige und Corona-Skeptiker, Positiv- und Negativgetestete, Geimpfte und Nichtgeimpfte spaltet, wird der Konflikt auf den Nebenschauplatz der Virusbekämpfung abgelenkt, während die eigentlichen Konflikte der heutigen Zeit aus dem Blick geraten.

„Grundrechte sind nicht nur Abwehrrechte des Einzelnen, sondern sie fungieren über die Verfassungsbeschwerde auch als politische Partizipationserzwingungsrechte von Minder­heiten­gruppen. Parlamentarische Mehrheiten werden gezwungen, andere Belange zu berücksichtigen, jedenfalls sich mit ihnen auseinanderzusetzen, damit das Gesetz nicht vor Gericht scheitert. Föderalismus und Grundrechte beheben auf diese Weise Repräsentations- und Artikulationsdefizite des parlamentarischen Prozesses und sorgen dafür, dass auch ein in Berlin erstarrter politischer Prozess, der nur noch eine Koalitionsvereinbarung „abarbeitet“, oder in der Gewissheit von Modellrechnungen denkt, Anstöße erhält. Für solche Arenen, die Partizipation und Pluralismus pflegen, besteht besonderer Bedarf, wenn sich der politische Prozess vor solchen Anstößen abschottet und auch durch Gerichte nicht dazu gezwungen wird, sie zu verarbeiten.“ schrieb Oliver Lepsius in seinem Beitrag Das ver­fas­sungs­recht­liche Argu­ment hat es schwer  vom 05.02.2021.

Tatsächlich steht die moderne Welt am Scheideweg, sich mittels intelligenter Technik in eine Wohlfühl-und-Fürsorge-Technokratie  zu transformieren, die im Kern autoritär bis totalitär, sagen wir technokratisch, ist und dem Profit der führenden Tech-Konzerne dient; oder die Gesellschaft demokratisiert sich weiter in subsidiär verwaltete Minderheiten und Nischensozietäten, in denen Partizipation und Basis­demo­kratie lebendig entfaltet werden können. Die Tücke der Corona-Strategen besteht darin, die allgegenwärtige latente Gesundheitssorge in eine Angst zu verwandeln. Dafür werden vermeintlich linke, ursprünglich einfach demokratische Werte wie „Solidarität“ und „Partizipation“ als festlich ge­schmückte Zugpferde vor den Karren  der Konzerninteressen gespannt: Jüngere beschränken sich und verzichten für Ältere, Impfstoff für alle… In der gegenwärtigen Umkehrung aller Werte treten autoritäre „Linke“ für Freiheitsbeschneidung, Unterwerfung, Obrigkeitsdenken und das Ausbluten des Mittel­standes ein, während sie Illusionen wie No- oder Zero-Covid hinterher eilen.

These 9: Die Corona-Politik bewirkte unter Berufung auf die „Solidarität“ – die Jüngeren bringen ein Sonder­opfer für die Älteren, die Maske schütze nicht mich, sondern die anderen – eine Rechts-Links-Umkehr.

Wurde diese Parole von den Regierungen zunächst nur rhetorisch im Sinne einer pro­phy­laktischen Präventionskommunikationsstrategie gebraucht, um einem Rückfall in die Bar­barei vorzubeugen, in der jeder nur sich selbst der nächste ist, lockte die „Solidaritäts“-Propaganda die „Linke“ in die Vorkammern der Macht und reanimierte die Lust am autoritären Staat, der sich anschickt, Gleichheit und Gerechtigkeit auf dem Weg der Verordnung von oben durchzusetzen – gleichsam die Wiederkehr des überwunden geglaubten leninistisch-stalinistisch-maoistischen Programms. Die „Rechte“ dagegen, die in den Jahrzehnte davor nicht zimperlich war, die Staats­gewalt für ihre Zwecke einzusetzen, geriert sich nun als Verteidigerin der individuellen Freiheit…

Statt die Industrie in den Schutz der Bevölkerung einzuspannen, wird die Bevölkerung durch Zermürbung gefügig gemacht, so daß das „Sich-Frei-Impfen“ auch auf große, nicht gefährdete Gruppen, die unter 60jährigen, ausgeweitet wird. Dies führt zu dem Paradox, daß die „Solidarität“, die den Jüngeren in Form eines umfassenden Lebendigkeitsverzichts abverlangt wird, durch Zwangs­maßnahmen aufrechterhalten bleibt, obwohl die vulnerablen Gruppen bereits „durch­geimpft“ sind. Die Jüngeren werden mit dieser Strategie doppelt betrogen und ausgebeutet: Zu­nächst wurden sie Einschränkungen in Beruf und Bildung unterworfen. Seitdem die verletzlichen Gruppen qua Impfung als geschützt gelten, werden die Einschränkungen nur für sie, nicht aber für die solidarisch in Mithaftgenommenen wieder aufgehoben. Gar keine Rede ist davon, daß bei Jüngeren (<60 J.) die Kosten-Nutzen-Abwägung der Impfung kippt: aufgrund der äußerst winzigen Wahr­scheinlichkeit für nicht vulnerable Menschen, tatsächlich eine schwere Atemwegserkrankung (nicht nur ein positives Testergebnis) zu erleiden und daran zu sterben, potenziert sich das Gewicht „seltener“ Nebenwirkungen wie der Hirnvenenthrombosen, Em­bolien usw. Zum doppelten Betrug an der jüngeren Bevölkerungsmehrheit kommt die Ver­dopp­lung des Risikos hinzu, von Impfnebenwirkungen betroffen zu sein, deren Wahrscheinlichkeit umgekehrt proportional zum Alter wächst.

Wie „begründet“ die Politik die Impfung der nicht von Covid gefährdeten Bevölkerung? Natürlich wegen der „Solidarität“ mit den Älteren, denn würde man den Jüngeren die für sie gefährlichere Impfung ersparen, wäre die „Herdenimmunität“ passé.

Wenn ich mit älteren Men­schen spreche, wundern sie sich über den Aktionismus der zumeist kinderlosen Politiker: Die Älteren wollen die Chancen ihrer Kinder und Enkel nicht davonschwimmen sehen; eine Politik, die dies zuläßt, empört sie – Reisemöglichkeiten auf die Balearen oder an die Algarve hin oder her. Und die „Herdenimmunität“ ist vermutlich eine Chimäre, wenn das Virus wie in den letzten drei Mil­lionen Jahren im Herbst leicht variiert wiederkehrt. Die Jugendlichen auf dem Hohen Meißner widersetzten sich dem Diktat, indem sie wanderten, sangen und tanzten. Und auch heute gilt wieder: Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren! Tanz bedeutet Leben, Liebe, Freiheit, Kampf, Sehnsucht, Freude, Verzweiflung, Versöhnung, Schönheit und Kraft.

Liebe

für Micha

Zwischen Maß und Übermaß spannt sich eine Brücke

Wie im Märchen Metalle, die sich mischen und nicht

Bewegung, Daseinsweise … Materie, Wesen — 2 K

*

haare im wind

an den meisten tagen
war die kindheit verwaschen
die farben verloren sich
auf dem heimweg
ein blasses kind
lügt sich geschichten
an die wand
sagen sie
manchmal pochen
die worte im kopf
auf gut passt mut
auf brot passt not
mutter trägt eine karierte schürze
darauf reimt sich nichts

nachts schleichen
vanilleträume ums haus
sprachfetzen aus zimt
und weißer schokolade
türmen gedankenberge
ein freches kind
sagen sie
immer das letzte wort
ungereimtes schon im stammbaum
haare im wind
ein verwittertes kind

* * *

Deine Augen – zwei Flügel,

Dein Blick – eine Tür.

Wenn sie mich anschauen

durch einen Tunnel aus Zeit,

wird mein Körper beschleunigt

Richtung nirgendwo.

So ist:

deine Liebe – meine Rakete.

18.04.21

Renaissance staatsmonopolistischer Kontexte

„Was mit Haken und Schnur, Zirkel und Winkelmaß zurechtgerückt wird, ist zu­recht­ge­stutzte Natur; was mit Schnur, Leim und Lack wiederhergestellt wird, büßt seine Lebens­­­kraft ein … Die gewöhnliche Natür­lichkeit biegt ohne Zu­hilfe­nahme von Haken, richtet gerade ohne Schnur, run­det ab ohne Zirkel, macht rechteckig ohne Winkelmaß, fügt zusammen ohne Leim und Lack, verbindet ohne Stricke.“ (Zhuangzi, 8.2)

Der freie Wettbewerb ist eine lebendige, vorwärtstreibende, schöpferische Angelegenheit. Ihm ver­dankt die Marktwirtschaft ihre Dynamik. Der Kapitalismus jedoch pervertiert die Marktwirtschaft durch die ihm innewohnende Tendenz, daß der auf dem Markt Erfolgreiche den einmal er­wirt­schaf­teten Vorteil in der Regel zur Vervielfachung seines Vorsprungs nutzt – dieser selbst­referentielle Ver­stärkungsprozeß stimmt strukturell mit dem Zinseszins-Effekt überein und führt ungeregelt mit mathe­matischer Zwangsläufigkeit zur exponentiellen Beschleunigung des wirtschaftlichen Wachs­tums, der Akkumulation des Kapitals, der Konzentration der Produk­tionsmittel in der Ver­fügungs­gewalt weniger, der Polarisation und Spaltung der Gesellschaft in eine extrem dünne Glanzschicht der Superreichen und eine wirtschaftlich machtlose Mehrheit der abhängig Beschäftigten (auch wenn sie unternehmerisch selbständig sind, sind sie abhängig von den Aufträgen der Groß­industrie). Mit einem Wort: die freie Marktwirtschaft tendiert im Kapitalismus, der sich der feudalen Bindungen, Adelshierarchien und Beschränkungen entledigt hat, zur Monopolbildung – daran konnten auch die Kartellbehörden in den letzten hundert Jahren er­staun­lich wenig ändern.

Die Kreativität der kapitalistisch motivierten technischen In­no­vation war der Trägheit der staat­lichen Aufsichtsbehörden meist um Lichtjahre voraus. So konnten aus unscheinbaren, studen­tischen Hinterhaus- und Garagenfirmen im Siliconvalley die mono­polistisch agierenden Tech-Giganten erwachsen. Bevor irgendein Kartellamt dieser Welt Verdacht geschöpft hatte und schnel­ler als alle Konkurrenz, hatten sie innerhalb von zwei Jahrzehnten den Markt der Com­putersysteme (Microsoft, Apple), Internet­wer­bung (google, Facebook) und der virtuellen Zahlungsmittel (paypal) er­obert. Die Monopolbildung ist das Gegenteil des freien Wett­be­werbs. Sie garantiert un­genügenden Pro­dukten (Ford, IBM, MS-DOS, Windows) weltweite Verbreitung, erstickt aufkeimende Konkurrenz, wo sie ihrer habhaft wird und versucht, sich zu verstetigen, indem sie die Kundschaft von ihnen ab­hängig macht (z.B. Antivirensoftware für Mi­cro­softprodukte). Soweit die klassische marxistische Kapitalismusanalyse.

Zur Kundschaft der Monopole gehört jedoch auch der Staat: auch die staatlichen Organe be­nö­tigen technische Geräte, Transportmittel, finanzielle Transaktionen, das Internet, auch sie geraten damit unwillkürlich in Abhängigkeit der zu Monopolen pervertierten Anbieter, die zum Bestimmer mu­tiert sind. Im Anfangsstadium dieser Abhängigkeit bedient sich der Staat der angebotenen Produkte mit einer gewissen Entscheidungsfreiheit. Das Instrument der Ausschreibung soll den Bieterwettbewerb aufrecht erhalten. In der zweiten Phase der Abhängigkeit sind die Produkte der Mono­pol­inhaber bereits in die staatlichen Organisationsprozesse eingebaut: Indem Behörden beispielsweise Windowssysteme einsetzen, sind sie gezwungen, Antivirensoftware zu beschaffen und zu aktualisieren – auf diese Weise wird der Produktabsatz zum staatlich subventionierten Selbstläufer. Die Monopole müssen ihre Produkte nicht mehr bewerben, sie können durch ver­meintliche Innovation (Updates, Versionen) die Nutzer, d.h. auch die staatlichen Behörden, nötigen, regelmäßig erneut bei ihnen einzukaufen. Damit kehrt sich das Verhältnis von Anbieter und Kunde, das den freien Markt kenn­zeichnet, um: die Wahlfreiheit des Kunden, die den Wettbewerb stimuliert, wird durch Stan­dards beschnitten, die von den Monopolisten gesetzt werden. In der dritten Phase spannen die Monopolisten die Politik aktiv in die Erweiterung ihre Absatzmärkte ein.

Damit staatliche Kam­pag­nen initiiert werden können, bedarf es handfester Krisen. In der Krise ist die Handlungsfähigkeit der Politik gefragt, sucht die Politik die Nähe der Monopole, um dank deren Einfluß die Hand­lungs­fähigkeit des Staates zu beweisen. Das Stolpern von einer Krise in die nächste ist der Normal­mo­dus des Monopolkapitalismus. Jede Krise bringt ihre eigenen Regeln, ihre eigene „Normalität“ hervor. Ölkrise, Kubakrise, Sputnikschock, Wettrüsten, Kriege in fernen Ländern, Finanzkrise, Pandemien – sie alle bringen die westlichen Staaten als Einkäufer in Stellung. Steuer­gelder werden nicht nur zum Aufbau und zur Unterhaltung von Infrastruktur, die für die Distribution erforderlich ist, aufgewendet, sondern für unmittelbare Großaufträge des Staates – damit sichern die Monopole einerseits ihr Fortbestehen und vertiefen andererseits die Abhängigkeit des Staates. Soweit die leninistische Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus:

„Die Kartelle werden zu einer der Grundlagen des ganzen Wirtschaftslebens… Die Kartelle ver­ein­baren Verkaufs­bedingungen, Zahlungstermine u.a. Sie verteilen die Absatzgebiete untereinander. Sie bestimmen die Menge der zu erzeugenden Produkte. Sie setzen die Preise fest. Sie verteilen den Profit unter die einzelnen Unternehmungen… Das ist schon etwas ganz anderes als die alte freie Konkurrenz zersplitterter Unternehmer, die nichts voneinander wissen und für den Absatz auf un­bekanntem Markte produzieren … Die qualifizierten Arbeitskräfte werden monopolisiert, die besten Ingenieure angestellt… In seinem imperialistischen Stadium führt der Kapitalismus bis dicht an die allseitige Vergesellschaftung der Produktion heran, er zieht die Kapitalisten gewissermaßen ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen in eine Art neue Gesellschaftsordnung hinein, die den Übergang von der völlig freien Konkurrenz zur vollständigen Vergesellschaftung bildet. Die Produktion wird vergesellschaftet, die Aneignung jedoch bleibt privat. Die gesellschaftlichen Pro­duktionsmittel bleiben Privateigentum einer kleinen Anzahl von Personen. Der allgemeine Rahmen der formal anerkannten freien Konkurrenz bleibt bestehen, und der Druck der wenigen Monopolinhaber auf die übrige Bevölkerung wird hundertfach schwerer, fühlbarer, unerträglicher. Der deutsche Ökonom Kestner hat den ›Kämpfen zwischen Kartellen und Außenseitern‹, d.h. Unternehmern, die dem Kartell nicht angehören, ein spezielles Werk gewidmet. Er betitelte sein Werk ›Der Organisationszwang?, während man natürlich, um den Kapitalismus nicht zu be­schönigen, von einem Zwang zur Unterwerfung unter die Monopolverbände sprechen müßte. Es ist lehrreich, wenigstens einen flüchtigen Blick auf die Liste der Mittel des gegenwärtigen, modernen, zivilisierten Kampfes um die ›Organisation‹ zu werfen, zu denen die Monopolverbände greifen: 1. die Materialsperre (mit ›die wichtigste Methode des Kartellzwanges‹) 2. Sperrung der Arbeitskräfte durch ›Allianzen‹ (d.h. Vereinbarungen zwischen Kapitalisten und Arbeiterverbänden derart, daß die Arbeiter nur in kartellierten Betrieben arbeiten dürfen) 3. Sperre der Zufuhr; 4. Sperre des Absatzes; 5. Verträge mit den Abnehmern, wonach diese ausschließlich mit kartellierten Firmen Geschäftsverbindungen haben dürfen; 6. planmäßige Preisunterbietung (um die ›Außenseiter‹, d.h. die Unternehmungen, die sich den Monopol­inhabern nicht unterordnen, zu ruinieren; es werden Millionen ausgegeben, um eine Zeitlang unter dem Selbstkostenpreis zu verkaufen; 7. Sperrung des Kredits; 8. Verrufserklärung. Wir haben es nicht mehr mit dem Konkurrenzkampf kleiner und großer, technisch rückständiger und technisch fortgeschrittener Betriebe zu tun. Durch die Monopolinhaber werden alle diejenigen abgewürgt, die sich dem Monopol, seinem Druck, seiner Willkür nicht unterwerfen. Im Bewußtsein eines bürgerlichen Ökonomen spiegelt sich dieser Prozeß folgendermaßen wider: ›Auch innerhalb der rein wirtschaftlichen Tätigkeit‹, schreibt Kestner, ›tritt eine Verschiebung vom Kaufmännischen im früheren Sinne zum Organisatorisch-Spekulativen ein. Nicht der Kauf­mann kommt am besten vorwärts, der auf Grund seiner technischen und Handelserfahrungen die Bedürfnisse der Kunden am genauesten versteht, der eine latente Nachfrage zu finden und wirksam zu erwecken vermag, sondern das spekulative Genie (?!), das die organisatorische Entwicklung, die Möglichkeit der Beziehungen zwischen den einzelnen Unter­nehmungen und zu den Banken voraus­zuberechnen oder auch vorauszufühlen vermag.‹ In eine menschliche Sprache übertragen, bedeutet das: Der Kapitalismus ist so weit entwickelt, daß die Warenproduktion, obwohl sie nach wie vor ›herrscht‹ und als Grundlage der gesamten Wirt­schaft gilt, in Wirklichkeit bereits untergraben ist und die Hauptprofite den ›Genies‹ der Finanz­machenschaften zufallen. Diesen Machenschaften und Schwindeleien liegt die Vergesellschaftung der Produktion zugrunde, aber der gewaltige Fortschritt der Menschheit, die sich bis zu dieser Vergesellschaftung emporgearbeitet hat, kommt den – Spekulanten zugute. Wir werden weiter unten sehen, wie ›auf dieser Grundlage‹ die kleinbürgerlich-reaktionäre Kritik des kapitalistischen Imperialismus von einer Rückkehr zur ›freien‹ ›friedlichen‹, ›ehrlichen‹ Konkurrenz träumt… Das Herrschaftsverhältnis und die damit verbundene Gewalt – das ist das Typische für die ›jüngste Entwicklung des Kapitalismus‹, das ist es, was aus der Bildung allmächtiger wirtschaftlicher Monopole unvermeidlich hervorgehen mußte und hervorgegangen ist. Die Ausschaltung der Krisen durch die Kartelle ist ein Märchen bürgerlicher Ökonomen, die den Kapitalismus um jeden Preis beschönigen wollen. Im Gegenteil, das Monopol, das in einigen Industriezweigen entsteht, verstärkt und verschärft den chaotischen Charakter, der der ganzen kapitalistischen Produktion in ihrer Gesamtheit eigen ist. ›Je entwickelter eine Volkswirtschaft ist‹, schreibt Liefmann, ein vorbehaltloser Verteidiger des Kapitalismus, ›um so mehr wendet sie sich riskanteren oder ausländischen Unternehmungen zu, solchen, die einer sehr langen Zeit zu ihrer Entwicklung bedürfen, oder endlich solchen, die von nur lokaler Bedeutung sind.‹ Das gesteigerte Risiko hängt in letzter Instanz mit der ungeheuren Zunahme des Kapitals zusammen, das sozusagen überschäumt, ins Ausland strömt usw. Und zugleich bringt das beschleunigte Tempo der technischen Entwicklung immer mehr Elemente des Mißverhältnisses zwischen den verschiedenen Teilen der Volkswirtschaft, immer mehr Chaos und Krisen mit sich. Dieser selbe Liefmann ist gezwungen einzugestehen: ›Wahrscheinlich stehen der Menschheit in nicht zu ferner Zeit wieder einmal große Umwälzungen auf technischem Gebiete bevor, die ihre Wirkungen auch auf die volkswirtschaftliche Organisation äußern werden … In solchen Zeiten grundlegender wirtschaftlicher Ver­änderungen pflegt sich auch in der Regel eine starke Spekulation zu entwickeln.‹ Die Krisen – jeder Art, am häufigsten ökonomische Krisen, aber nicht nur diese allein – verstärken aber ihrerseits in ungeheurem Maße die Tendenz zur Kon­zen­tration und zum Monopol.“ (Lenin, 1917, S. 209 ff.)

Lenin entwickelte die Theorie vom „Stamokap“ (Staatsmonopolistischer Kapitalismus) während des Ersten Weltkriegs im Zürcher Exil. Die Aufteilung der Absatzgebiete mündete in seinen Augen direkt in imperialistischen Ambitionen: Territorien zu erobern und der Warendistribution einzuverleiben. Die territoriale Orientierung der Monopolisten entsprach einem „analogen“ Modus des Wirt­schaftens: Eisenbahn und Schiffahrt dienten als Distributionsmittel. Die Kolonialisierung war eine un­mittelbare Folge des kapita­li­stischen Expansionsstrebens. Dazu brauchten die Monopole die Mit­wirkung der Staaten. Das Militär wurde vom Steuerzahler finanziert, die Ausbeutung der unter­worfenen Länder privatisiert. Die analoge Ausweitung der Absatzgebiete kam an ihre Grenzen, als die Kolonien auf der gesamten Welt aufgeteilt waren. Galt bis dahin, daß die westlichen Binnen­märkte als Konsumtreiber möglichst intakt und liquide bleiben sollten, richtete sich die Konkurrenz der Monopole untereinander nun auf die westlichen Länder selbst – das Resultat war der Erste Weltkrieg, der aus ökonomischer Sicht den Versuch einer Neugliederung der bereits aufgeteilten Kolonial­gebiete darstellte.

In der dekolonialisierten, digitalen Welt spielt die physische Eroberung von Territorien keine wesent­liche Rolle – es reicht, wenn die technische Infrastruktur (Elektrifizierung, Internet, virtuelle Finanztransaktionen) global zugänglich ist. Wo der Westen noch einmal versucht hat, auf dem Kriegs­weg seine Einflußsphäre zu erweitern (Kuba, Vietnam, Chile, Irak, Afghanistan) ist er kläglich gescheitert. Die Erfindung des Internets hat diese Niederlagen vergessen gemacht. Das Internet wurde ursprünglich für militärische Zwecke entwickelt. Es sollte die Kräfte des Westens gegenüber dem flächenmäßig zeitweise überlegenen Sowjetsystem (Rußland, China, Osteuropa) bündeln. Indem es etwa ab dem Jahr 2000 massentauglich wurde, mutierte es zur gigantischen, globalen Distri­butionsform, um Größenordnungen mächtiger als das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überwundene, bis heute nicht aufgearbeitete und im Westen begriffene Kolonial­system. In der ersten Phase seiner ökonomischen Entfaltung offerierte das Internet die Bühne für eine neue Spielart der freien Marktwirtschaft. Amazons „Marketplace“ scheint den Prototyp dieser Plattform für die Neue Ökonomie (New Economy) darzustellen – doch der Eindruck täuscht: Der sogenannte „Marketplace“ gehört bereits zur zweiten Phase der monopolistischen Durchdringung des freien Internetmarktes. Amazon bietet keine neutrale Verkaufsfläche an, vielmehr agiert Amazon selbst als größter Verkäufer und nutzt seine Sonderstellung als Betreiber der Plattform, um den Markt zu beobachten, erfolgreiche Produkte zu kapern und ins eigene Portfolio aufzunehmen – dies ist die konkurrenzvernichtende, erstickende Seite des monopolistischen Wirtschaftens. Wenn die Kartell­be­hörde die Entwicklung nicht gänzlich verschlafen hätte, hätte sie die Doppelrolle Ama­zons als Pattformbetreiber und Verkäufer frühzeitig unterbinden und zerschlagen müssen, um der schädlichen Monopolwirkung vorzubeugen.                     

These 7: Wir befinden uns gegenwärtig in der dritten Phase der Monopolbildung der Internetwirtschaft: die ein­stigen Startups, die sich in den letzten 20 Jahren zu globalen Monopolisten ge­mau­sert haben, sind nun dabei, sich mit staatlichen Strukturen zu verflechten, um ihre digitalen Ein­flußmöglichkeiten (Absatzmärkte) zu er­weitern. Sie nutzen die Deklaration einer Pandemie aus, um hoheitliche Akte wie die Ausstellung eines (Impf-) Passes mit Hilfe privatwirtschaftlicher Tech­no­logie zu digitalisieren. Die angepeilte Durchimpfung der ge­sam­ten Weltbevölkerung dient als Vehikel, um das eigentliche Ziel zu erreichen: die bisher qua Geburt ver­briefte, ana­loge bürgerliche Existenz (Reise-, Berufs-, Versammlungs-, Meinungsfreiheit usw.) in Ab­hän­gig­keit von digi­talen Werkzeugen zu bringen.   

„Google Adwords“ und „cookies“ wirken angesichts dieser Aktion wie Dinosaurier des Internet­mar­ketings. Wenn es den Tech-Giganten mit Hilfe der staatlichen Organe gelingt, jede physische Person mit einer digi­talen Identität zu verlinken, die den Zugang zu den bis zu Beginn des Jahres 2020 als „Grund­rechte“ bezeichneten bürgerlichen Freiheiten reguliert, entsteht die Möglichkeit einer technokratischen totalitären Herrschaft. Sie kann einerseits von den Techfirmen genutzt werden, um ihre Produkte noch weiter zu „personalisieren“, auf den Einzelnen zuzuschneiden und pass­genauer an die Person zu bringen. Andererseits erhält der Staat dank automatisierter Informa­tions­tech­nologie die Möglichkeit, sowohl die körperliche als auch die geistige Beweg­lichkeit jedes Bür­gers effi­zient zu kontrollieren. Wessen Profil den digital gesteuerten staatlichen Vorgaben nicht entspricht, der erhält keinen Zugang mehr zu bisher selbstverständlichen sozialen Räumen (Gastro­no­mie, Hotellerie, Schule, Theater, Kino, Kultur etc.). Wird außer den Personaldokumenten auch das Bargeld zugunsten einer staatlichen digitalen Währung („digitaler Euro“) abgelöst, ist die digitale Abhängigkeit und Kontrollierbarkeit des gläsernen Bürgers perfekt. 

Dafür ist es nicht nur gleichgültig, sondern geradezu hilfreich, daß die in den Vordergrund gerückte Impfkampagne holprig verläuft. Daß sich die überstürzt auf den Markt gekippten Impf­stoffe in der praktischen Anwendung als unwirksam („Mutanten“) oder unsicher („Hirn­venen­thrombosen“) erweisen, macht die Fortführung und Verstetigung des Impfens erforderlich – damit erhält der Staat die notwendige Zeit, um von den bisherigen analogen Personaldokumenten auf Papier („Impf­aus­weis“) oder Plastik („Personalausweis“) auf digitale Dokumente umzurüsten. Ge­schenkt, daß es in der Anfangsphase zahlreiche Betrüger geben wird, die sich einen gefälschten pa­piernen Impf­ausweis beschaffen, den sie in den digitalen Impfausweis 1.0 übertragen lassen werden – Haupt­sache, sie sind erfaßt. Die kontinuierliche Auffrischung der Impfung im Halbjahres- oder Jahres­rhythmus wird dafür sorgen, daß die Datenqualität der neuen digitalen Identitäts­zertifikate mit der Zeit besser und genauer wird. Digitaler Impfausweis 2.0 etc. Die Falle schnappt zu.   

Zu Beginn des Jahres 2020 verkündeten die Experten, Masken würden nicht vor Viren schützen – es kam die Maskenpflicht; verkündeten die Politiker, es werde keinen Impfzwang geben – es kam die Aufhebung der bürgerlichen Grundrechte und die Bedingung, geimpft zu sein, um sie wieder­zuerlangen. Internetindustrie und Gesundheitslobby gehen Bündnisse ein, um die Trans­for­mation des Westens in digitale Gesellschaften voranzutreiben. Die Initiative anmaßender Weniger, ge­stützt auf Impfung und digitale Technologie die Menschheit zu retten, bedient sich massen­psycho­logischer Manipulationsmethoden und subtiler Propaganda im Stile Edward Berneys. Im Ergebnis steht nicht die Wiedererlangung der bürgerlichen Freiheiten, sondern eine neototalitäre Wen­de: Sämtliche Bereiche des persönlichen, sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens werden reduziert und auf die digitale Spur gebracht.

Erstaunlich, wie wenig Widerspruch gegen diesen Kurs ertönt. Die parlamentarische Opposition (mit Ausnahme von Rechtsaußen) hat ihre Oppositionsrolle im Zuge der „Pandemiebekämpfung“ aufgegeben und überbietet die amtierende Regierung durch die „Kritik“, daß Impfung und Digitalisierung nicht schnell genug in die Wege geleitet werden oder mangelhaft organisiert seien. Es hat sich eine „kapitalistische Einheitsfront“ herausgebildet, wie ein Satiriker in Anspielung auf die „sozialistische Einheitsfront“ bei Wahlen in der DDR feststellte. Dramatisch daran ist, daß Rechts­außen auf diese Weise ein Monopol auf Opposition wahrnehmen kann, wenn Linke, Grüne und (zumeist) auch Liberale lediglich versuchen, die Regierung vor­weg­eilend zu überbieten, ohne Fundamentalopposition zu äußern.

Die Gesellschaft befindet sich im Doppelblind-Versuch: Die ökonomisch Mächtigen glauben an die Technokratisierung der Welt, die politisch Mächtigen an die Pflicht zur Volksfürsorge – die Be­völ­kerung fürchtet das Virus und blendet die Folgen der rabiaten und zer­störerischen Form der „Pandemiebekämpfung“ mittels Lockdown aus, es sei denn, man selbst gehört zu den Betroffenen und Verlierern, deren Existenz gefährdet ist. Gleichermaßen blenden Politiker die Interes­sen der profitierenden Konzerne aus, die sie als Teil ihres technokratischen Erlösungs­narrativs betrachten: Testen, Isolieren, Impfen. Tatsächlich wirksame medizinische Maßnahmen, die Exzesse der Krankheit mildern würden, werden zielgerichtet unterlassen, etwa Maß­nahmen zur Stärkung des Immunsystems, psychischen Stabilisierung der Älteren usw., da sie patentfrei, kostengünstig und natürlich sind. Aus dem Zusammentreffen der mit doppelter Blindheit geschlagenen Akteu­re keimt die technologisch gestützte Autokratie (tracking, tracing, genetic modu­lating).  

Es ist die bewährte staatsmonopolistische Schockstrategie, zu der westliche Regierungen auch in der Corona-Krise greifen. Schockstrategien sind im Westen erprobt (Naomi Klein, 2007). Die Medien, ob öffentlich oder privat, rea­gie­ren reflexartig und ziehen freudig mit in die Kampagne – sie sind auf Sensationsreize konditioniert. Während Korea, Vietnam, Irak und Afghanistan weit weg erschienen, ist diesmal jedoch die Bevölkerung des Westens direkt betroffen.

Internetkonzerne treiben die gewählten Regierungen vor sich her. Sie brauchen die Ge­sundheitspanik, um unter den Rahmenbedingungen liberaler Verfassungen den Ausnahme­zu­stand auszurufen und im Sinne der Konzerninteressen durchzuregieren – was nach staatlichen Ein­griffen und Maßnahmen aussieht, ist tatsächlich nur die Begleitmusik für die wenigen Solisten, die auf dem monopolisierten Terrain, das von der Marktwirtschaft übrig blieb, für die passende Stim­mung sorgen, damit die von Herdenimmunität träumende Masse schweigend und einvernehmlich auf die über Jahrhunderte erstrittenen Grundrechte pfeift – Rebellion, Kampf um die Freiheit wird durch Schockstarre, Panik und stündlich propagierte Todesangst paralysiert – die Be­völkerung ist gefügig geworden.

These 8: Die extreme Minderheit der neuen Superreichen hat die Netzwerke der von ihr abhängigen Erfül­lungsgehilfen (Zulieferer, Distribution, die technische Intelligenz, Lobbyisten) global auf­ge­spannt, so daß west­liche Regierungen in ihre Abhängigkeit geraten sind und Politik nicht ent­sprechend des „Wählerauftrags“ (der eine Illusion ist) gestalten können, sondern ihre Maßnahmen in Rücksicht auf die Kartelle ausrichten müssen. Weder Lockdown noch weltweite Impfkampagnen sind ohne Tech- und Pharmaindustrie durchführbar. Um­­gekehrt braucht die mono­polisierte Internetwirtschaft den Staat, um ihre Kampagnen in der Fläche aus­zu­weiten. 

Während des Ersten Weltkriegs entwickelte Sigmund Freuds Neffe Edward Bernays einen Acht-Punkte-Plan zur psychologischen Kriegsführung, den er später für Werbekampagnen etwa im Inte­resse der Tabakindustrie zivil weiter vermarktete (Ziele definieren, Recherchieren, Ziele anpassen, Strategie festlegen,  Symbole und Anreize schaffen, Organisationen gründen, Zeit­plan festlegen, Durchführung). Er kann als Blaupause für heutige PR-Kampagnen herhalten. Unverblümt plädierte Bernays für die massenpsychologische Manipulation als politisches Mittel in Demokratien:

„Die bewußte und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element der demokratischen Gesellschaft. Diejenigen, die diesen unsichtbaren Mechanismus der Gesell­schaft manipulieren, bilden eine unsichtbare Regierung, die die wahre herrschende Macht unseres Landes ist. Wir werden regiert, unser Geist wird geformt, unser Geschmack geformt, unsere Ideen vorgeschlagen, größtenteils von Menschen, von denen wir noch nie gehört haben. Dies ist ein logisches Ergebnis der Art und Weise, wie unsere demo­kratische Gesellschaft organisiert ist. Sehr viele Menschen müssen auf diese Weise zusammenarbeiten, um als reibungslos funktionierende Gesellschaft zusammenleben zu können. Unsere unsichtbaren Gouverneure sind sich in vielen Fällen der Identität ihrer Kollegen im Innenkabinett nicht bewußt. Sie regieren uns durch ihre natür­lichen Führungsqualitäten, ihre Fähigkeit, die benötigten Ideen zu liefern, und durch ihre Schlüsselposition in der sozialen Struktur. Unabhängig von der Haltung, die man gegenüber diesem Zustand einnimmt, bleibt es eine Tat­sache, daß wir in fast jedem Akt unseres täglichen Lebens, sei es im Bereich der Politik oder der Wirtschaft, in un­serem sozialen Verhalten oder in unserem ethischen Denken, von der relativ kleinen Zahl dominiert werden von Personen, die die mentalen Prozesse und sozialen Muster der Massen verstehen. Sie ziehen an den Drähten, die das öffentliche Bewußtsein kontrollieren, nutzen alte soziale Kräfte und erfinden neue Wege, um die Welt zu binden und zu führen.“ (Bernays, 1928)

Daß manipulative Ambitionen in der Corona-Politik eine Rolle spielten, zeigt das berüchtigte, ge­heime Strategiepapier des deutschen Innenministeriums vom März 2020 – Hauptsache, so schien es See­hofers Maxime zu sein, es kehre wieder Autoritarismus in die freiflottierend liberale deutsche Gesellschaft zurück. Und bitte nicht kleckern, sondern klotzen: schwarze Pädagogik, Kinder er­schrecken, indem man ihnen einredet, daß sie am Tod ihrer Großeltern Schuld seien, wurde als Mittel der Wahl gepriesen. Offiziell hat sich die Regierung nie zu dieser Schock­strategie bekannt. Merkel vollstreckte nahezu kommentarlos eine Politik, in der Kinder sozial isoliert, von Bildung fern­gehalten und in psychische Zwangssituationen getrieben werden, wenn sie nicht der körper­lichen Gewalt in der Familie ausgesetzt sind. Linke Politiker – mit Ausnahme von Sahra Wagen­knecht – sind auf diese vermeintlich sachorientierte Politik hereingefallen. Haben früher einmal anti­­kapitalistisch denkende JUSOs wie Olaf Scholz oder ein Ministerpräsident wie Bodo Ramelow ihren Lenin nicht gelesen oder ist der Stamokap-Flügel insgeheim weiterhin von autoritären Träu­men beseelt?

Hommage für einen Freund durch dessen Augen

f.P.B.

„Gehe weiter. Der Mond wartet.“

„Der Blick in die Mitte ist frei.“

„Mit jedem Schlag kommst du ihm näher.“

„Jahre später fahren wir wieder aufs Meer, irgendwohin, ohne Ziel, begegnen dem Stab, eingewoben in Eis, in Stürmen, beladen mit Muscheln, mit Nacht, zeigend zu einem Pol irgendwo im Schaum.“

„Diese Linien der See, gezeichnet aus Seegras am Strand, eine hinter der anderen, und immer ist noch Platz für eine weitere Linie, davor, dahinter, dazwischen, und dann die Dünen, diese Linien aus Sand, und wieder dahinter liegt der Weg zu unserem Haus.“

*

„Nur der Schnee zeichnete den Kreis wieder, wie jeden Winter, und dieser Kreis war mehr als alle Perlen.“

Was in diesen Augen

Literatur sei?

Eine Bewegung des Körpers, die im Kopf ankommt: Haifischflosse der Hand über dem liegenden Bauchmuskel, Drehung des Arms bis ins Schultergelenk hinein, das Zurückschieben des Wassers in der Höhe bei der Vorwärtsbewegung in Gedanken, auch der Impuls endlich aufzustehen und Finger am Handgelenk über das Papier gleiten zu lassen

Der Entschluss nun aufzuhören, aber den angefangenen Satz noch zu Ende zu denken: das Lied von 1977 / 1989 nochmals auf Vinyl gepresst / vor einer Stunde wiedererkannt, Klumpen im Netz – Bilder, Gefühle / Klavier im Fluss, ein Klavier in einem leeren Zimmer, Kurzschlüsse 2\K// Verbindungen

Wünsche. Die Erfüllung von Wünschen. Die Erfüllung nicht erfüllter Wünsche. Ein Feuer vor einer Gitarre, ohne Theater. Engelstrompete – geblasener Wind aus dem Off. Die Nichterfüllung unerfüllbarer Wünsche. Die Nichterfüllung von was auch immer. Gequatsche. Worum & worüber. Die Gründe wie immer. Das Warum, die Grundlosigkeit. Abgründe. Ende und Anfang mit Haifischflosse. In Freundlichkeit gedenken

Quartett (2)

Bild

Affekt … Vermehrung oder Verminderung?

Eins – zwei – drei, grüner Brei um den Teich.

Ein Frosch – es zuckt – blubb!

Meine liebe Tochter …

Bad Glitzow, den fünfzehnten September 1900.

Meine liebe Tochter,

eigentlich hatte ich heute gar nicht so recht Lust, Dir zu schreiben. Denn was Dein Vater heute wieder abgesondert hat, vermiest und verpestet die Stimmung im Hause ganz gemein. Heute in der Früh fing er schon wieder an, mich mit den Tabletten von Dr. Lauschmann zu traktieren. Ich solle es doch mal versuchen, nur auf den Versuch käme es an, der Frau Schönborn habe es auch geholfen, die Libido sei nach kürzester Zeit gesund und frech zurück gekehrt, sie sei wieder wie ein junges Mädchen, und ihr Gatte sänge Lobeshymnen auf ihren erfrischten Geist. Ich entgegnete ihm, es ginge ihm dabei doch nicht primär um mich, sondern in erster Linie um die Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse. Worauf er entnervt die Zeitung auf den Tisch knallte und sagte, Emma, sagte er, das geht uns beide an. Seit Monaten kein liebes Wort, kein Eheleben mehr, es ist zum Verzweifeln … Da wurde auch ich lauter. Carl, rief ich, Carl, deine Kunst als Liebhaber gilt es zu überprüfen in der Sache, und das erledigt sich nicht, indem du mir ein paar Tabletten einflößt. Ja, ich weiß, ich esse zu viel Kuchen. Aber ich würde sofort damit aufhören, wenn du einsehen tätest, es liegt nicht nur an mir. Du musst dazu lernen. Lernen, wie man sich einer Frau – auch der Ehefrau – nährt, auch Lauschmann hat dies zu bedenken gegeben …

Nun siehst Du, was hier schon wieder los ist. Die Nachbarin ist recht großzügig und brachte drei Hühner vorbei. Leider müssen sie noch gerupft und ausgenommen werden. Dein Vater ist schon wieder ins Herrenzimmer verschwunden, weiß Gott, was er dort treibt. Es stinkt gewaltig nach dicken Zigarren, und auch der grüne Likör, den Tante Lena ihm zum Geburtstag geschenkt hat (worüber ich kein Wort verlor!), war gestern bei meiner Inspektion mit dem Stubenmädchen schon wieder bis auf eine kleine Pfütze leer.

Es grüßt Dich von Herzen und mit einem kleinen bisschen Wut im Bauch

Deine Dich liebende

Mama.

Autos und Menschen

Wie langwierig : wie vielschichtig

Sie herzustellen : welche Mühe

Wie schön anzusehen : wie flink

Sind sie im besten Alter

Wie gebrechlich : bedauernswert

Liegen sie im Graben : einen halben

Meter neben dem Weg

Enden sie : keine Hoffnung

Auf Heilung oder Reparatur