Ende der Zahlenspiele 3: Übersterblichkeit als Spekulationsobjekt

Von | 3. Februar 2021

Die Beschwörung der Corona-Krise konfrontiert die Bevölkerung permanent in den Nachrichten­sendungen mit der Zahl der Todesfälle. Seit dem Zweiten Weltkrieg war die Sterblichkeit des Menschen vor allem ein privates Thema, über das selbst innerhalb der Familien nur schwer gesprochen werden konnte. Es blieb spezialisierten Berufen, vor allem dem Bestattungswesen, vor­be­halten, eine professionelle Routine im Umgang mit dem Tod zu entwickeln. In einer Deutsch­landfunk-Reportage berichtete ein Berliner Bestatter, daß sich früher, d.h. vor der Corona-Zeit, niemand für seinen Beruf interessiert habe. Nun seien die Sterbefälle in den Mittelpunkt gerückt.

Tatsächlich kann es eine Chance bedeuten, der Endlichkeit des menschlichen Daseins wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Drehte sich in früheren Jahrhunderten darum der Kern der Religionen, so hat der Einzug des Atheismus im Gleichschritt mit dem „wissenschaftlichen Weltbild“ im Laufe des 20. Jahrhunderts auch zu einer Verdrängung des Todes, zur marktwirtschaftlichen Verwertung der Illusion ewiger Jugend beigetragen. Die Wellness-Industrie ist voll von Antiage-Produkten.

Die Corona-Krise führte jedoch nicht zu einem umfassenden Blick auf das Sterben, sondern fokussierte lediglich eine, scheinbar entscheidende Frage: Bewirkt das Coronavirus eine substanzielle Übersterblichkeit oder ist die „tödliche Wirkung“ des Virus ähnlich einzuordnen wie die Folgen schwerer Grippeepidemien der vergangenen Jahrzehnte? Darüber wurde und wird derzeit viel spekuliert. Mir erscheint es zunächst wichtig, auf die Engführung des Themas hin­zuweisen – sie ist charakteristisch für den öffentlichen Diskurs in der Corona-Zeit überhaupt: Einzelaspekte, die Corona betreffen, werden monothematisch in den Vordergrund gerückt, Kon­texte wer­den ausgeblendet.

In diesem Beitrag ordne ich die statistischen Zahlen zu Sterbefällen in längerfristige Zu­sam­menhänge ein und berechne daraus einen Erwartungswert, mit welcher Sterblichkeit im Jahr 2020 in Deutschland ohne Corona zu rechnen gewesen wäre. Die zugrundegelegten Daten stammen vom Stati­sti­schen Bundesamt sowie vom RKI. Ziel der Betrachtung ist es, Scheindebatten zu beenden und den Blick wieder zu weiten. Dazu wähle ich einen trichterförmigen Fokus: Ich beginne mit einem gröberen zeitlichen Maßstab, um langfristige Verläufe sichtbar zu machen, und wende mich erst danach dem „mikroskopischen“ (monatsgenauen) Maßstab zu, um die besondere Dynamik im Jahr 2020 zu erkennen.

Sterberate_1970_2020

Abbildung 3: Sterberate in Deutschland in den letzten 50 Jahren (Fälle je 1000 Einwohner, Quelle: Stat. Bundesamt)

Um die Sterblichkeit über einen längeren Zeitraum einordnen zu können, bietet es sich an, einen Blick auf die Sterberate zu werfen. Damit sind die Sterbefälle je 1000 Einwohner ge­meint. Auf diese Weise werden Schwankungen in Bezug auf die Bevölkerungszahl, die die Rohzahl der Sterbefälle beeinflußt, herausgerechnet. Denn anzunehmen ist, daß bei einer größeren Be­völ­kerungszahl auch mehr Sterbefälle vorkommen, ohne daß sich dabei die Sterberate geändert hat.

Zu erkennen ist ein typischer U-förmiger Verlauf: Während die Sterberate von den 1970er Jahren bis zum Jahr 2000 um 2.4 Promille gesunken ist, wächst sie im neuen Jahrtausend wieder an. Als Hintergrund dafür kommt vor allem der Anstieg der Lebenserwartung in Betracht: Indem der Anteil der Älteren in der Bevölkerung zunimmt, wächst auch die Zahl der Sterbefälle über­proportional – denn die Steigerung der Lebenserwartung nimmt nicht ins Unendliche zu, sie stößt stets auf eine Grenze, auch wenn diese sich dank des medizinischen Fortschritts zunehmend ins höhere Alter verschiebt. Das erneute Anwachsen der Sterberate ist daher Ausdruck einer an sich erfreulichen Erhöhung der Lebenserwartung in den letzten zwanzig Jahren: In Deutschland ist die Zahl der Über-80jährigen von 2004 bis 2014 um 987.000 auf rund 4,5 Millionen gestiegen. Das entspricht einem Plus von 27.8%. Der Anteil der sogenannten Hochaltrigen an der Gesamt­be­völ­kerung lag Ende 2014 bei 5.6%, 2004 betrug er nur 4.3%.

Eine zweite Erkenntnis drängt sich bei der Betrachtung der Sterberate in den letzten fünfzig Jahren auf: Obwohl der Trend seit dem Jahr 2000 wieder steigend ist, wurde das 12.8-Promille-Allzeithoch von 1969 im Jahr 2020 nicht erreicht. Auch dies ist eine an sich gute Nach­richt. Momentan entspricht die Sterberate in Deutschland in etwa der des Jahres 1990. Durch die öffentlichen Medien geisterte demgegenüber die Behauptung, eine höhere Sterb­lich­keit als 2020 habe es zum letzten Mal vor fünfzig Jahren gegeben – hierbei handelt es sich um eine  offensichtliche Fehlinterpretation, die verbreitet wurde.

Um abzuschätzen, ob im Jahr 2020 in Deutschland eine Übersterblichkeit zu verzeichnen ist, betrachten wir im folgenden den Trend der letzten zehn Jahre. Wir befinden uns damit auf dem wieder ansteigenden Ast des U-förmigen Verlaufes:

Sterbefaelle_2010_2020

Abbildung 4: Sterbefälle in Deutschland Zuwachs zwischen 2010 und 2019 (Quelle: Stat. Bundesamt)

Dabei beobachten wir annähernd eine lineare Steigerung in Höhe von 11310 Sterbefällen pro Jahr (95%-Konfidenzintervall 7555; 15065) zwischen den Jahren 2010 bis 2019 (durchgezogene rote Linie) – diese Zeitspanne legen wir nun zugrunde, um die Zahl der zu erwartenden Sterbefälle im Jahr 2020 zu schätzen. Das Sta­tistische Bundesamt verglich die Sterbefälle im Corona-Jahr lediglich mit dem Durchschnitt der  vier voran­gegangenen Jahre – diese Vergleichsgröße ist aber unzureichend, da sie den natürlichen Zuwachs der Sterbefälle in den letzten Jahrzehnten nicht berücksichtigt. Tat­sächlich steckt in der Zahl der Sterbefälle eine Dynamik, die bei einer Bezugnahme auf den Durch­schnitts­wert der Vorjahre nicht abgebildet wird.

Wir erkennen, daß sich Über- und Untersterblichkeit in Deutschland in einem ziemlich festen Rhyth­mus ab­wechseln. Betrachten wir die Differenz zum Vorjahr, so folgt in der Regel auf zwei Jahre mit einer Steigerung der Sterbefälle ein Jahr, in dem die Zahl der Sterbefälle im Vergleich zum Vorjahr geringer ausfällt. In diesem Rhythmus erhöht sich in den letzten beiden Jahrzehnten  sukzessive die Sterberate in Deutschland.

In Abbildung 4 habe ich daher zusätzlich den Mittelwert jeweils zweier aufeinander folgender Jahre eingetragen (blaue Linie) – damit glätten sich die Jahres­schwankungen der Sterblichkeit. Die blaue Linie paßt sich der Geraden, die den linearen Anstieg der Sterbefälle modelliert (rote Linie), deutlich besser an. Hinter der rhythmischen Schwankung von Über- und Untersterblichkeit  steckt das natürliche Phäno­men, daß auf eine Saison, in der – z.B. witterungsbedingt – weniger gestorben wurde, eine Saison folgt, in der mehr Menschen sterben werden. Besonders markant entsprach das Jahr 2015 dieser Regel (Abbildung 5): War zuvor die Grippewelle 2014 sehr mild ausgefallen, so wütete sie 2015 um so mehr – mit der Folge, daß bereits 2016 wieder eine Untersterblichkeit zu ver­zeichnen war. So berichtete die Apotheker-Zeitung vom 9. März 2017: „Die meisten Todesfälle in den ver­gangenen Jahren gab es mit geschätzten 21.300 in der Grippesaison 2014/15.“ Es folgte eine Atempause in der Saison 2015/16 und 2016/17, bevor 2017/18 erneut eine außergewöhnlich starke Grippewelle nach Schätzungen rund 25.100 Menschen in Deutschland das Leben kostete. „Das sei die höchste Zahl an To­des­fällen in den vergangenen 30 Jahren, wie der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, erklärte“, war in der Ärzte-Zeitung vom 30. September 2019 zu lesen. Daraufhin folgte 2018/19 und – wie es zunächst schien – auch in der Saison 2019/20 wieder eine Atempause.

Sterbefälle_2010_2020_Vorjahr

Abbildung 5: Differenz der Sterbefälle in Deutschland zum Vorjahr: (unbemerktes) Maximum 2015

Die maximale Vorjahresdifferenz und damit gravierendste Sterblichkeitsdynamik der letzten zehn Jahre war mit 56.844 zwischen 2015 und 2014 zu beobachten. Die Vorjahresdifferenz zwischen 2020 und 2019 folgt mit 42.969 auf dem zweiten Rang (Abbildung 5).

Nimmt man die natürliche Steigerung zwischen 2010 und 2019 als Grundlage, um die Zahl der Sterbe­fälle zu schätzen, so ergibt sich nach dem einfachen Modell der linearen Re­gression folgende Formel:

 Sterbefälle in Deutschland = 11310 x Jahr – 21.883.005

Empirisch korreliert die Zahl der Sterbefälle in diesem Zeitraum signifikant in Höhe von .92** mit dem Ka­lenderjahr. Ein lineares Modell zur Schätzung der zu erwartenden Zahl der Sterbefälle im Jahr 2020 erscheint damit gerechtfertigt.

Jahr

Differenz zur Erwartung

%

Bewertung

2010

8.673

1.0

Übersterblichkeit

2011

-9.077

-1.1

Untersterblichkeit

2012*

-6.133

-0.7

Untersterblichkeit

2013

9.800

1.1

Übersterblichkeit

2014

-26.979

-3.1

Untersterblichkeit

2015

18.555

2.0

Übersterblichkeit

2016*

-10.053

-1.1

Untersterblichkeit

2017

3.007

0.32

Übersterblichkeit

2018

14.299

1.5

Übersterblichkeit

2019

-12.365

-1.3

Untersterblichkeit

2020*

16.294

1.66

Übersterblichkeit

Tabelle 3: Abfolge von Über- und Untersterblichkeit in Deutschland 2010-2020 (mit Sternchen wurden Schaltjahre gekennzeichnet, ihne wurde aufgrund des zustzlichen Tages im Februar ein um 3000 höherer Erwartungswert zugerechnet)

Über- und Untersterblichkeit wechseln sich auch nach diesem Modell in einem gewissen Rhy­thmus miteinander ab. In pros­pe­­rierenden Zeiten mit steigender Lebenswartung gibt es in der Re­gel häu­figer Phasen der Über­sterblichkeit, da der Anteil hochbetagter Menschen wächst. Mit dem Alter aber nimmt natürlicherweise auch die Zahl der Vorerkrankungen zu, während das Immunsystem schwächer wird.

Für das Jahr 2020 ist nach diesem Modell eine Übersterblichkeit in Deutschland zu konstatieren. Sie liegt der Größenordnung nach zwischen der Übersterblichkeit des Jahres 2015 und der des Jahres 2018. Dabei ist zu be­rück­sichtigen, daß 2020 ein Schaltjahr war und aufgrund des zusätzlichen Tages im Februar er­war­tungs­gemäß die Zahl der Sterbefälle um 3000 höher ausfallen sollte.

Versuchen wir, die Übersterblichkeit des Jahres 2020 noch etwas genauer einzugrenzen und nähern uns der Frage, ob sie durch Covid-19 erklärt werden kann. In der folgenden Übersicht wer­den die Berechnungsgrundlagen für die Bewertung der Sterblichkeit in Deutschland sowie des dazu­gehörigen Konfidenzintervalls (95%) zusammengefaßt:

Schätzung der Übersterblichkeit 2020:
Sterbefälle 2020

982.489

linearer Erwartungswert (2010-2019) für 2020

-963.195

Schaltjahrmalus

-3000

Differenz zum Erwartungswert

16.294

Übersterblichkeit 2020 in %

1.66%

Oberer Erwartungswert für die Sterblichkeit 2020

-969.950

Differenz Sterbefälle vs. Erwartungswert 2020

12.539

Übersterblichkeit 2020 in % (untere Grenze)

1.27%

Unterer Erwartungswert für die Sterblichkeit 2020

-962.440

Differenz Sterbefälle vs. Erwartungswert 2020

20.049

Übersterblichkeit 2020 in % (obere Grenze)

2.04%

Zum Anteil der „Coronatoten“ an der Gesamtsterblichkeit:

Zahl der an Covid-19 Verstorbenen lt. RKI

33.071

Anteil der „Coronatoten“ an den Sterbefällen 2020

3.4%

Anteil der „Coronatoten“ an der Übersterblichkeit

203% (165% – 264%)

Anteil der „Übersterblichen“ an den „Coronatoten“

49% (39% – 61%)

Zum Vergleich 2015:

Sterbefälle 2015

925.200

Linearer Erwartungswert für die Sterblichkeit 2015

-906.645

Differenz Sterbefälle vs. Erwartungswert 2015

18.555

Übersterblichkeit 2015 in %

2.0%

Tabelle 4: Schätzung der Übersterblichkeit in Deutschland 2020 und des Anteils, den Covid-19 dazu beigeragen hat (Grundlage: lineares Modell der Sterbefälle 2010-19)

In Deutschland war im Jahr 2020 ohnehin mit einer höheren Sterblichkeit zu rechnen als 2019. Unter Berücksichtigung des in den letzten zehn Jahren zu beobachtenden Trends in der Ent­wicklung der Sterbezahlen ist von einer Übersterblichkeit von 1.66% mit einem Konfidenz­inter­vall zwischen 1.27% und 2.04% im Jahr 2020 auszugehen – dies ist die zweithöchste Über­sterblichkeit der letzten zehn Jahre und insgesamt als moderat zu beurteilen – so auch die Einschätzung des Sta­tistischen Bundesamtes. Das bisherige Maximum von 2% Übersterblichkeit im Jahr 2015 wurde 2020 nicht über­troffen. Vielmehr liegt die Übersterblichkeit 2020 in etwa gleichauf mit der des Jahres 2018. Die Unterschiede erweisen sich nicht als sig­nifikant, sondern fallen in das Fehlerintervall der Zählungen.

Bemerkenswert ist, daß die Zahl der offiziell als „Verstorbene an oder mit Covid-19“ um mehr als das Doppelte über die Zahl der Fälle, die die Übersterblichkeit begründeten, hinausging. Das heißt, wenn Covid die einzige Ursache für die Übersterblichkeit gewesen sein sollte, dann war bei etwa der Hälfte der wegen Corona Verstorbenen statistisch zu erwarten, daß sie auch ohne Covid im Jahr 2020 sterben würden. Realistischerweise ist von einer deutlich höheren Zahl dieser Sterbefälle aus­zugehen, denn es ist unwahrscheinlich, daß außer Covid kein anderer Grund die Über­sterblichkeit im Jahr 2020 herbeigeführt hat: Depression, Vereinsamung und Existenzangst, verschobene Opera­tionen, vernachlässigte Vorsorgeuntersuchungen und überhaupt die weithin beklagte Mei­dung ärzt­licher Hilfe im Coronajahr sind als weitere treibende Faktoren der Über­sterblichkeit an­zu­nehmen.

Damit kommt das Dilemma der bisherigen Corona-Politik auf den Punkt: Der Befund legt nahe, daß eine Inflation an falsch-positiven Testergebnissen zu einer verzerrten Wahrnehmung des Anteils der „Corona­toten“ an der Gesamtsterblichkeit beigetragen hat. Eine seriöse Gesundheitspolitik kon­zen­triert die medizi­ni­schen Kapazitäten auf die echten Krankheitsfälle, schützt so weit möglich die ge­fähr­deten Gruppen, aber verzettelt sich nicht im sportlichen Eifer, auch überall dort Corona fest­zustellen, wo es nicht ist, so daß eine Inflation falsch-positiver Fälle das Gesamtsystem ruiniert.

Ein Blick auf die Statistik der Todesursachen in Deutschland offenbart sofort, in welcher Großen­ordnung die Fixation auf Corona als das vermeintliche „Killervirus“ zu einem Neglect beigetragen hat. Der Einengung der Aufmerksamkeit auf eine Erkrankung, die in den meisten Fällen ver­gleichs­weise moderat verläuft und sich im Vergleich zu Herz-Kreislauf und Krebs­erkrankungen als seltene Todesursache erweist, kann selbst bereits ein Krankheitswert zugeschrieben werden: als psy­chische und/oder Verhaltensstörung. Statistisch ist zu befürchten, daß die mittlerweile in weiten Teilen der Be­völkerung verbreitete Corona-Angst weitaus gefährlichere und auch tödlichere Folgen nach sich zieht, als die biologische Wirkung des Virus, wenn es auf ein intaktes Immunsystem trifft.

Todesursache

2019

%

2015

%

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

331.200

35.3

356.616

38.5

Krebs

231.300

24.6

226.337

24.5

Atemwegserkrankungen

67.021

7.1

68.300

7.4

Psychische und Verhaltensstörungen

57.839

6.1

44.590

4.8

Krankheiten des Verdauungssystems

33.626

3.6

39.844

4.3

Verletzung oder Vergiftung

41.779

4.4

36.496

3.9

Covid-19 (2020)*

33.071

3.4

Infektiöse und parasitäre Krankheiten

16.194

1.7

19.943

2.2

Stürze

16.657

1.7

12.867

1.4

Suizid

9.041

0.96

10.078

1.1

Verkehrsunfälle

3.059

0.3

3.688

0.4

insgesamt

939.520

925.200

Tabelle 5: Todesursachen in Deutschland nach Zahl der Verstorbenen (Quelle: Statistisches Bundesamt, * RKI)

Ich bin gespannt auf die Todesursachen-Statistik für 2020, die im Laufe des Jahres 2021 vom Sta­tistischen Bundesamt herausgegeben wird: Wenn Covid in nennenswerter Größenordnung an­stelle anderer Todesursachen gezählt wurde (obwohl es möglicherweise nicht ausschlaggebend war), dann ist zu erwarten, daß die Häufigkeit anderer Todesursachen im Jahr 2020 geringer ausfällt, als es aus dem Trend der letzten Jahre zu erwarten wäre.

Werfen wir nun einen „mikroskopischen“ Blick auf die Verteilung der Sterblichkeit in den ein­zelnen Monaten des Jahres 2020 – dies entspricht der „Sonderauswertung“, die vom Statistischen Bundesamt Ende Januar 2021 vorgelegt und in den öffentlichen Medien verbreitet wurde. Als Referenz wurde vom Stati­stischen Bundes­amt der Durchschnitt der Sterbefälle der Jahre 2016-19 heran­ge­zogen. Zur Auswahl dieser Vorjahre ist kritisch anzumerken, daß sie das  Jahr 2015 ausklammert, das hinsichtlich der Übersterblichkeit am ehesten mit 2020 vergleichbar ist – damit fällt die Bilanz ungünstiger aus, als es bei einem fairen Vergleichsmaßstab der Fall wäre. Für 2015 liegen jedoch weder beim Statistischen Bundesamt noch bei Eurostat monatsgenaue Sterbeziffern für Deutschland vor. Um die Größenordnung des Anteils der an oder mit Covid Verstorbenen zu verdeutlichen, habe ich ergänzend die Schwankungsbreite (SB) der Jahre 2016 bis 2019 als graue gestrichelte Linie ein­getragen:

Sterbefälle_2020_monatsgenau

Abbildung 7: Sterbefälle pro Monat in Deutschland 2020 (Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes)

Bis Ende Oktober überschreitet die Zahl der laut RKI an oder mit Covid Verstorbenen nicht die Schwankungsbreite, die in den Jahren 2016-19 zu beobachten war. Auch der überdurchschnittliche Aprilwert – von dem die einen behaupten, er sei eine Folge des Virus, während die anderen meinen, er sei eine Folge des Lockdown – bewegt sich im Rahmen der Schwankungsbreite der voran­­gegangenen vier Jahre. Erst im November und Dezember des Jahres 2020 begann die Zahl der offiziell als „Coronatote“ registrierten Verstorbenen die sonst übliche Schwankungsbreite für diese Mo­nate substanziell zu übersteigen. Im Vergleich überschreitet der Dezember 2020 das Allzeithoch der letzten 30 Jahre vom März 2018 nicht – damit läßt sich die Einordnung der Gefährlichkeit von Covid in die Größenordnung schwerer Grippewellen nicht als falsch zurückweisen. Zu dieser Einschätzung gelangte auch eine Arbeitsgruppe des RKI im Ärzteblatt vom Februar 2021 (Rommel et al., 2021).

Schließlich suggeriert die monatliche Aufschlüsselung der Sterbefälle des Jahres 2020 eine weitere These: Wenn es überhaupt einen Einfluß des Lockdown gibt, dann hat er im Frühjahr dazu beigetragen, die Sterbewelle im Herbst vorzubereiten – denn wir haben oben ja gesehen, daß Phasen der Untersterblichkeit und der Übersterblichkeit natürlicherweise einander abwechseln. Zu Beginn des Jahres 2020 war in Deutschland bis Ende März eine Untersterblichkeit zu verzeichnen. Das RKI meldete bereits Mitte Februar, daß die Grippeausbreitung auf ein Allzeittief gesunken sei und der Ausbreitung im Sommer entspreche. Daraus erwächst zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit, daß in der nächsten Saison, d.h. im Herbst 2020 und Winter 2021, natürlicherweise eine Übersterblichkeit auftreten wird.

Zum Abschluß möchte ich die Erkenntnisse zur Übersterblichkeit 2020 auf den europäischen Vergleich anwenden. Gestützt habe ich mich auf den Datenpool von Eurostat, der vom Statistik-Amt der Euro­päischen Union gepflegt wird. Damit die Ergebnisse nachvollziehbar sind, wurde für die folgenden Länder zunächst die Zahl der Sterbefälle im Jahr 2020 aufgeführt. Die Schätzung der Über­sterblichkeit erfolgte anhand von drei Modellen, der Einfachheit halber nicht anhand einer Regressionsanalyse, sondern anhand des durchschnittlichen jährlichen Zuwachses:

Exzess 1 (statisch): Schätzung ohne Zuwachs, als Vergleichsgröße dient der Durchschnitt der Jahre 2015 – 2019, zzgl. des Schaltjahrmalus’ (365stel des Jahres 2019)

Exzess 2 (langgfristig dynamisch): als Vergleichsgröße dient das Elffache des durch­schnittlichen Zuwachses zwischen 2010 und 2019 (Faktor 2), zzgl. Schaltjahrmalus

Exzess 3 (kurzfristig dynamisch): als Vergleichsgröße dient das Vierfache des durch­schnitt­lichen Zuwachses zwischen 2016 und 2018 (Faktor 3), zzgl. Schaltjahrmalus

Zu erkennen ist, daß zwischen 2010 und 2019 nicht in allen Ländern ein Anwachsen der Sterbefälle wie in Deutschland zu beobachten war. Ein Rückgang der Sterbefälle in diesem Zeitraum drückt sich in der folgenden Übersicht durch einen negativen Faktor aus. Er war in Norwegen, Estland und Schweden zu verzeichnen. In Island und Dänemark blieb die Zahl der Sterbefälle in den letzten zehn Jahren vor Corona nahezu konstant. In den übrigen Ländern, die bereits 2010 Sterblichkeitsziffern an Eurostat gemeldet haben, war ein Anwachsen der Sterbefälle in den Jahren vor Corona festzustellen.

Geradezu dramatisch stellt sich der Zuwachs der Sterbefälle vor Corona dar, wenn man die drei Jahre 2016-2018 betrachtet – in diese Zeit fällt die verheerende Grippewelle der Saison 2017/18, die europaweit zur einer Zunahme der Sterbefälle führte (außer in Island). Der öffentlichen und medialen Wahrnehmung blieb diese Dynamik weitgehend verborgen – die Politik reagierte in keiner Weise darauf.

Land 2020 Exzess 1 % Faktor 2 Exzess 2 % Faktor 3 Exzess 3 %
Norway (*) 41053,00 179,25 ,44 -4,60 448,65 1,09 92,67 -1143,95 -2,79
Iceland 2321,00 63,81 2,75 28,00 25,81 1,11 -16,00 187,81 8,09
Denmark (*) 55473,00 1725,59 3,11 72,00 1448,59 2,61 831,67 -3099,41 -5,59
Estonia* 16188,00 688,59 4,25 -10,60 824,59 5,09 123,33 -75,01 -,46
Germany (*) 982489,0 47361,37 4,82 8075,20 32319,77 3,29 14657,33 -33229,0 -3,38
Hungary 141665,0 11020,05 7,78 179,40 11865,45 8,38 1443,67 -1329,15 -,94
Sweden 96941,00 7729,36 7,97 -206,50 10976,06 11,32 288,67 3393,56 3,50
Italy* 705116,0 60295,45 8,55 5045,33 20274,45 2,88
Greece* 134003,0 11662,00 8,70 612,00 6665,80 4,97
France* 677589,0 72250,86 10,66 5650,00 37704,26 5,56
Austria (*) 91527,00 9955,16 10,88 621,30 9125,26 9,97 1073,67 1892,56 2,07
Portugal* 124948,0 13814,19 11,06 790,80 12377,79 9,91 888,00 8649,59 6,92
Switzerland (*) 75605,00 8511,83 11,26 628,30 7276,73 9,62 746,33 2156,03 2,85
Netherlands* 171175,0 20257,60 11,83 1866,40 17346,40 10,13 1558,67 11554,80 6,75
Czechia (*) 130684,0 19164,64 14,66 756,50 17580,54 13,45 1789,00 6469,04 4,95
Belgium* 128817,0 18920,72 14,69 593,20 19490,72 15,13 936,33 10492,92 8,15
Spain* 501029,0 81197,05 16,21 4340,70 80637,55 16,09 5955,33 36309,25 7,25
Poland (*) 484021,0 80849,42 16,70 3769,70 71510,52 14,77 8119,67 32334,22 6,68
UK* 699632,0 578194,8 82,64 5357,67 54103,96 7,73

Tabelle 4: Übersterblichkeit 2020 im europäischen Vergleich (Berechnungen auf Grundlage der Datenbasis von Eurostat);   * Länder mit Lockdown, (*) Länder mit teilweisem Lockdown 2020; Tschechien, Griechenland, Italien, Großbritannien und die Schweiz lagen die Zahlen für die letzten Wochen des Jahres 2020 noch nicht vor und wurden geschätzt (Stand 2.2.2021); für Italien, Griechenland, Frankreich und Großbritannien lagen keine Sterbeziffern für das Jahr 2010 vor.

Die Spalte „Exzess 1“ gibt im Wesentlichen das Bild wieder, das in den öffentlichen Medien ge­zeichnet wird, wenn sie sich auf den Maßstab des Gesamtjahres 2020 einlassen und nicht einzelne Mo­nate oder gar Wochen willkürlich aus dem Geschehen herausgreifen. Um die Orientierung zu erleichtern, habe ich die Tabelle nach dieser Maßzahl aufsteigend geordnet. Wir sehen zum einen, daß auch nach der unrealistischen statischen Schätzmethode etwa bei der Hälfte der Länder die vermutete Übersterblichkeit unter 10% und damit gering ausfällt. Besonders gut schneidet Norwegen ab. Zum anderen fällt auf, daß Länder mit einer geringeren Übersterblichkeit häufig keinen oder nur einen teilweisen Lockdown verhängt haben, während sich in Ländern, die sich durch einen besonders harten Lockdown hervortaten, auch die Sterbefälle häuften. Besonders krass ist dieser Effekt in Großbritannien festzustellen.

Berücksichtigt man den bereits in den Jahren 2016-18 weitgehend unbemerkt gebliebenen dynamischen Anstieg der Sterbefälle in Europa (außer Island), dann fällt die Übersterblichkeit im Corona-Jahr 2020 deutlich geringer aus (Spalte „Exzess 3“). Im Vergleich zu diesem Maßstab war in Norwegen, Dänemark, Estland, Deutschland und Ungarn sogar eine Untersterblichkeit zu verzeichnen. Die Übersterblichkeit von Italien, der Schweiz und Österreichs sowie Schwedens sinkt dann auf eine geringe Größenordnung. Lediglich Island hat einen stärkeren Anstieg der Sterbefälle zu beklagen – der aber mit dem spezifischen Rückgang der Sterblichkeit in den Vorjahren zusammenhängt.

In der Konsequenz läßt sich zusammenfassen, daß im Corona-Jahr 2020 eine Entwicklung er­kenn­bar wurde, die bereits in den Vorjahren unter dem Etikett der Grippewellen zumindest 2015 und 2018 dramatische Züge angenommen hatte, ohne das öffentliche Bewußtsein zu erreichen. Durch die Zuschreibung der Gefährlichkeit an ein neues Virus gelang es, das Phänomen der Sterblichkeit des modernen Menschen, seine Naturwüchsigkeit und seine Abhängigkeit von gesell­schaft­lichen wie auch biologischen (virologischen) Kontexten wieder ins Auge zu fassen – so sehr das nervt oder schmerzt. Im Rückblick erscheint die Fixierung auf das Coronavirus als vermeintlich einzige Gefahr übertrieben. Psychologisch reizt sie zur Abspaltung und Dissoziation, zur Aufsplitterung des gewohnten ganzheitlichen Lebensvollzuges der sich in Freiheit wähnenden Men­schen. Wie paradox mutet es an, daß im Zuge der Pandemiebekämpfung alles, was Leib und Seele gesund hält, Sport, Geselligkeit, sinnstiftende Tätigkeit, Genuß und Selbstwirksamkeitserleben verboten oder zumindest stark eingeschränkt wird?

Kategorie: Panphobie

Über Viktor Kalinke

geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Mitbegründer der Edition + Galerie Erata, Promotion, Professur, lebt in Leipzig.

7 Gedanken zu „Ende der Zahlenspiele 3: Übersterblichkeit als Spekulationsobjekt

  1. Vergleich

    Aussagekräftig wäre doch vielmehr folgender Vergleich:

    Denken Sie den sogenannten Lockdown weg. Errechnen Sie jetzt die Zahl der an Covid Verstorbenen für 365 Tage (ohne Lockdown). Das sollte eine einfache Wahrscheinlichtkeitsrechnung sein.

    Vergleichen Sie jetzt das Ergebnis mit den an Grippe Verstorbenen für 365 Tage der „Grippewelle“ 17/18.

    Wenn jetzt die erste Zahl kleiner oder gleich ist der zweiten Zahl, dann haben Sie mich überzeugt.

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  2. Viktor Kalinke Beitragsautor

    Was ist daran aussagekräftig? „Denken Sie den sogenannten Lockdown weg. Errechnen Sie jetzt die Zahl der an Covid Verstorbenen“ – das ist hochgradig spekulativ. In die Berechnungen zur Übersterblichkeit geht der Einfluß des Lockdown ebensowenig ein wie aller anderen möglichen Einflußfaktoren – das ist der einzige sichere Anhaltspunkt, den wir statistisch zur Verfügung haben.

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  3. Vergleich

    „In die Berechnungen zur Übersterblichkeit geht der Einfluß des Lockdown ebensowenig ein…“

    Womit diese ganze Berechnung zwar sehr beeindruckend wirkt, aber letztlich die entscheidende Frage leider ausklammert.

    Der Lockdown hat einen wesentlichen, qualitativen Unterschied zu allen anderen möglichen Einflußfaktoren.

    In der Fachliteratur finden sich übrigens solche Berechnungen.

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  4. Viktor Kalinke Beitragsautor

    In diesem Beitrag geht es eben nicht um die Modellierung des Lockdown, die auf einer abstrakten Ebene stecken bleiben muß, solange die sog. „Inzidenzzahlen“ invalide sind und nicht als Grundlage für mathematische Modelle taugen. Vielmehr geht es hier um die Optionen, die vernünftigerweise zur Einordnung der objektiven Zahl der Sterbefälle in Erwägung zu ziehen sind. Insbesondere geht es um den Nachweis, daß der Ansatz, der vom Statistischen Bundesamt gewählt wurde – nämlich nur den Durchschnitt der letzten vier Jahre zum Vergleich heranzuziehen – nicht hinreichend ist, da er die Dynamik in der jährlichen Veränderung der Sterblichkeit vernachlässigt. Falls Sie also z.B. die Schätzungen des Imperial College meinen, welche Zahl von Sterbefällen uns ohne Lockdown geblüht hätten, so fließen in diese theoretischen Modelle einerseits eine Vielzahl hypothetischer Randbedingungen ein, die das Ergebnis schließlich rein spekulativ erscheinen lassen. Andererseits werden in diesen Modellen die schädlichen Wirkungen des Lockdown (z.B. die heute berichteten Verschiebungen von Krebsbehandlungen und -vorsorgeuntersuchungen) gar nicht berücksichtigt. Da Krebs aber um Größenordnungen häufiger als Covid tödlich endet, ist zu erwarten, daß sich diese Versäumnisse deutlicher auf die Sterblichkeit auswirken. Und das ist nur ein Beispiel der in der Fachliteratur unterbelichteten Aspekte…

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  5. Die Mathematisierung der Welt

    Ich habe Angst vor den Zahlen…

    Sie geben eine Objektivität vor, die sie gar nicht haben…

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  6. Wer hat Angst vorm Zahlenspiel

    Es gibt solche und solche Zahlen, Zahlen, die etwas symbolisieren, abstrakte Zahlen, kleine Zahlen, große Zahlen – Angst bereiten mir die großen Zahlen ohne Bezug: Sie vermengen, vermischen, verschleiern. Mutieren zur Zahlen-Propaganda. Die Zahl an sich kann nichts dafür. Es geht darum, wie wir mit ihr umgehen.

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  7. Kompromiß und General

    Der Regierung geht es wohl nicht um die Sterblichkeit, es geht ihr doch offiziell um die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems und um die Nachverfolgung der Gesundheitsämter.

    Mit anderen Worten, man hält es gar nicht für eine so gefährliche Krankheit für den einzelnen. Man sieht es aber als Problem an, dass so viele gleichzeitig erkranken. Die Ärzte, die Pfleger, die Polizisten, die Staatsorgane…

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