Ende der Zahlenspiele

Von | 6. Januar 2021

Teil 1: Die übersehene Konstante

Wer den täglich erscheinenden Lagebericht des Robert-Koch-Instituts liest und auf der ersten Seite, genauer: in der zusammenfassenden Übersicht zu Beginn der ersten Seite, kleben bleibt, der kann angesichts der wachsenden („dynamischen“) Zahlen von Infizierten, Intensivpatienten und Ver­stor­benen im Zusammenhang mit Covid-19 nur in Besorgnis geraten. Diese Zahlen werden täglich im Halbstundentakt berichtet, als gäbe es keine anderen Probleme auf unserem Planeten. Wer dem durch häufige Wiederholung abstumpfenden Zahlenjournalismus noch Aufmerksamkeit schenkt, kann nur resignieren oder in helle Panik geraten. Vermutlich gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Studie zu den sozial-emotionalen Beeinträchtigungen, die von der Berichterstattung in Zu­sam­menhang mit Corona hervorgerufen werden. Tatsächlich wiegen die kulturellen und wirt­schaft­lichen Folgen, die von der phantasielosen Fortsetzung des „Lockdown“ ausgehen, schwerer als die psychologischen Kollateralschäden. Er geht auf Kosten der Kinder sowie überhaupt fast aller Menschen, die jünger als 60 Jahre sind, erhöht das Armutsrisiko und spaltet die Gesell­schaft.

Zu befürchten ist, daß sich nicht nur die Mehrzahl der unkritisch gewordenen Journalist*innen, sondern auch der entscheidenden Politiker*innen, vor allem auf Landesebene, von den Zahlen­spielen auf Seite eins des RKI-Lageberichts beeindrucken läßt und schlicht aufhört weiterzulesen. Denn würden die Entscheidungsträger*innen und die Berichterstatter*innen den Lagebericht bis Seite acht studieren, genauer: den Abschnitt „DIVI-Intensivregister“, dann würden sie ein anderes Lagebild gewinnen. Das Register wird seit April 2020 vom RKI gemeinsam mit der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) geführt und ist auf www.intensivregister.de für jede Leser*in zugänglich. Es dokumentiert die in Deutschland vorgehaltene Kapazität an ITS-Plätzen und gibt Ärzt*innen Einblick, wo freie Kapazitäten zu finden sind.

Der Übersichtlichkeit halber beschränke ich mich in der folgenden Darstellung auf einen wohldefinierten Stichtag pro Monat, genauer: auf jeweils den letzten Mittwoch des Monats bzw. den ersten Mittwoch des Folgemonats, wenn er näher am Ende des Vormonats liegt. (Der Mittwoch wurde gewählt, weil der Lagebericht an diesem Tag die validesten Daten und darüber hinaus die Ergebnisse der Laborumfrage enthält.) Anfangs haben sich noch nicht alle Kliniken am DIVI-Verbund beteiligt, daher können die Angaben vom März nicht interpretiert werden. Trägt man die Angaben zur Auslastung der deut­schen Intensivmedizin für das Jahr 2020 auf diese Weise zusammen, ergibt sich ein ver­blüf­fendes Bild:

ITS_Auslastung_2021_03

Abbildung 1: ITS-Kapazität, Auslastung und Anteil der Covid-Patienten in Deutschland (Stichtag: letzter Mittwoch des Monats bzw. erster Mittwoch des Folgemonats, Quellen: RKI-Lageberichte)

Die gestrichelte schwarze Linie stellt die Zahl der zur Verfügung stehenden ITS-Plätze in Deutsch­land dar. Während des ersten Lockdown im Frühjahr wurden zusätzliche Kapazitäten geschaffen. Im Juli/August, als die Positivquote dramatisch gesunken war, wurde begonnen, die Zahl der ITS-Bet­ten zu reduzieren. Erstaunlicherweise hält der Rückbau der ITS-Kapazitäten bis zum Jahresende an und wurde über den Jahreswechsel 2020/21 nur auf vergleichweise niedrigem Niveau stabilisiert, obwohl die Positiv­quote von Oktober bis Dezember beträchtlich anstieg und mit dem „dynamischen Infektions­ge­sche­hen“ der zweite Lockdown im November 2020 sowie dessen Verlängerung bis Ende Januar 2021 „begründet“ wurde. Welche Politiker*in hat den Rückbau der ITS-Kapazitäten in Deutsch­land der Bevölkerung jemals erklärt? Welchen Motiven folgt er? Könnte nicht im Gegenteil ein Ausbau der In­tensivmedizin – wie im Frühjahr 2020 – einem befürchteten Kollaps des Gesund­heitssystems vor­beugen? Vermutlich sind diese Fragen naiv gestellt. Es geht ja nicht um die Zahl der Intensivbetten, an denen gibt es keinen Mangel, sondern um die Zahl des Personals, das für die Intensivmedizin ausgebildet ist: Intensivärzt*innen und Intensivpfleger*innen fehlen und sind nicht auf dem Bestell­weg zu beschaffen…

Die langweilig anmutende, blaue Linie in Abbildung 1 offenbart eine deutlich tiefergehende Er­kenntnis: Sie zeigt, daß die Gesamtauslastung der deutschen Intensivmedizin von April an geradezu kon­stant ist. Die Tragweite dieses Befundes muß man erst einmal verdauen! Ich hätte mit einer jahreszeitlichen Schwankung gerechnet, etwa einer höheren Auslastung im Herbst und Winter – ein konstanter Verlauf ist überraschend. Er bedeutet zum einen in der Konsequenz, daß der Anteil der mit Covid in Zusammenhang gebrachten Patienten keinerlei Einfluß auf die Gesamtbelegung der ITS hatte. Weder hat der Rückgang der Corona-Positivquote im Sommer zur Entlastung der ITS bei­getragen, noch hat der „dynamische“ Anstieg der In­fi­zierten­zahlen, der im November und De­zember 2020 sowie Januar 2021 berichtet wurde, zu einer höheren Aus­lastung der Intensivstationen insgesamt geführt. Daß die Auslastung der ITS seit Beginn der Er­hebungen im April 2020 in keinem Zusammenhang mit Covid steht, weder positiv noch negativ, ist die bemerkenswerteste Erkenntnis der aufmerksamen Lektüre des RKI-Lageberichts. Sie bedeutet zum anderen, daß auch sämtliche nicht­pharma­ko­lo­gischen Maßnahmen der Pandemiebekämpfung, die seit April ergriffen wurden, keinerlei Einfluß auf die ITS-Auslastung hatten: Weder die schrittweise Aufhebung des ersten Lockdown im Mai/Juni, teilweise Schulöffnungen, Kohortenunterricht, Schulschließungen und die Schließung der Kultur­einrichtungen im Dezember noch die Verhängung des zweiten Lockdown – weder eine ent­lastende noch eine überlastende Inanspruchnahme der Intensivmedizin im Ganzen ist erkennbar.

Die Erhöhung des Anteils der Covid-Patienten auf den Intensivstationen im Herbst 2020 ist offenbar auf eine Zusatz­diagnose mit Covid bei Patienten, die ohnehin intensivpflichtig sind, zurückzuführen. Vorausgesetzt, daß Intensiv­ein­weisungen nicht wählbar sind, „elektiv“ wie es so schön im medizinischen Jargon heißt. Oder wurde bereits anderen Patienten zugunsten von Covid-Erkrankten die Intensivbehandlung verwehrt? Diese Folgerung wird durch die hinlänglich bekannten Befunde von Klaus Püschel bestätigt, der als erster im Frühjahr 2020 begonnen hatte, sogenannte „Corona-Tote“ zu obduzieren, und durchweg eine Reihe tödlicher Vorerkrankungen bei den Ver­storbenen neben dem Leiden an Covid feststellte.

Auf der ersten Seite des RKI-Lageberichts wird die Zahl der intensivpflichtigen Corona-In­fizier­ten als bezugslos herausgegriffene Zahl präsentiert, so daß ihr Kontext im Rahmen der gesund­heits­politischen Kennzahlen der Intensivmedizin aus dem Blick gerät. Es entsteht der Eindruck einer rasanten Steigerung der ITS-Auslastung durch Covid-Patienten. In Wirklichkeit handelt es sich um Patienten, die auch an Covid leiden, darüber hinaus jedoch in der Regel weitere intensivpflichtige Er­krankungen aufweisen. Die Art der selektiven Berichterstattung ist geeignet, Furcht und Panik zu erregen.

Tatsächlich beängstigend ist dagegen die anhaltende Verknappung der ITS-Kapazität – mitten in einer Pandemie ein Unding für eine ver­ant­wortungsbewußte Regierung! Von März an reichte die in Deutschland insgesamt vorgehaltene Reserve an freier ITS-Kapazität für die Zahl der mit Covid diagnostizierten Patienten aus. Dies bedeutet, daß gelegentliche lokale Engpässe vom DIVI-Verbund auf­gefangen werden können. So wird es auch in den sogenannten „Hotspot“-Regionen Sachsens seit Herbst 2020 praktiziert. Die Verknappung der ITS-Kapazitäten von Juli bis Ende Dezember um 6500 Plätze schmälert die Reserve zusehends – es ist bei der hier skizzierten Lage nicht nachvollziehbar, warum die Regierung einen Lock­down nach dem anderen verhängt, zugleich aber dem Rückbau in der Intensivmedizin nicht entgegenwirkt.

Aufwand und Nutzen sind aus den Fugen geraten. Die ma­the­matische Spielerei mit bezugslosen Zahlen, die auch von beraterisch tätigen Wis­sen­schaft­ler*innen an einigen Max-Planck- und Helmholtz-Instituten öffent­lich­keits­wirksam betrieben wird, hat Hochkonjunktur. Vergessen wir nicht, daß ein Modell nichts taugt, wenn ihm die empirische Basis fehlt.

 

4 Gedanken zu „Ende der Zahlenspiele

  1. Analyse (1)

    Drei Zeitreihen, ein Problem:

    Es gibt in Deutschland nicht genug ausgebildete Pflegekräfte.

    These: Hier liegt der entscheidende Engpass…

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  2. Urteil

    „Der hat seinen Fahrer dabei…“

    „Warum liegen manche Leute mit ihrer Analyse immer so knapp daneben?“

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  3. Sprechmaschine

    Nieder mit den Metaphern! Tod der frei flottierenden: Willkürherrschaft! Von bloßen Worten…

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