Archive for the ‘Wortmysterien’ Category

Parabolischer Hyperbelast, elliptisch getrieben

Dienstag, März 24th, 2020

Zweimal hatten sie ihr nun schon den Rechner lahmgelegt, ihr Arbeitsgerät. Ja bilden die sich wirklich ein, dass sie das dürften?! Sie begann zu atmen, Bilder glitten ineinander und verwandelten sich eins ums andere ineinander.
Quantentränen in Kadmiumträumen
das Meer, das Meer unsäglich
Lichtquanten: ich mag minimal art, ich mag David Hume.
*
In einer Jurte sitzend, Puschkin übersetzend

“Es dämmerte.”

Featuring Esser mit Braten im Wiesengrund

Montag, März 16th, 2020

Sie aber : Argument und Erfahrung
der gedanke, der nichts positiv hypostasieren darf außerhalb des dialektischen vollzugs, schießt über den gegenstand hinaus, mit dem eins zu sein er nicht länger vortäuscht; er wird unabhängiger als in der konzeption seiner absolutheit, in der das souveräne und willfährige sich vermengen, eines vom anderen in sich abhängig vielleicht zielte darauf die kantische exemtion der intelligibeln sphäre von jeglichem immanenten versenkung ins einzelne, die zum extrem gesteigerte dialektische immanenz, bedarf als ihres moments auch der freiheit, aus dem gegenstand herauszutreten, die der identitätsanspruch abschneidet hegel hätte sie gerügt: er verließ sich auf die vollständige vermittlung in den gegenständen in der erkenntnispraxis, der auflösung des unauflöslichen, kommt das moment solcher transzendenz des gedankens daran zutage, daß sie als mikrologie einzig über makrologische mittel verfügt die forderung nach verbindlichkeit ohne system ist die nach denkmodellen diese sind nicht bloß monadologischer art das modell trifft das spezifische und mehr als das spezifische, ohne es in seinen allgemeineren oberbegriff zu verflüchtigen philosophisch denken ist soviel wie in modellen denken; negative dialektik ein ensemble von modellanalysen philosophie erniedrigte sich erneut zur tröstlichen affirmation, wenn sie sich und andere darüber betröge, daß sie, womit immer sie ihre gegenstände in sich selbst bewegt, ihnen auch von außen einflößen muß was in ihnen selbst wartet, bedarf des eingriffs, um zu sprechen, mit der perspektive, daß die von außen mobilisierten kräfte, am ende jede an die phänomene herangebrachte theorie in jenen zur ruhe komme auch insofern meint theorie ihr eigenes ende: durch ihre verwirklichung verwandte intentionen fehlen nicht in der geschichte der französischen aufklärung verleiht ihr oberster begriff, der der vernunft, unterm formalen aspekt etwas systematisches; die konstitutive verflochtenheit ihrer vernunftidee jedoch mit der einer objektiv vernünftigen einrichtung der gesellschaft entzieht dem system das pathos, das es erst wieder gewinnt, sobald vernunft als idee ihrer verwirklichung absagt und sich selbst zum geist verabsolutiert denken als enzyklopädie, ein vernünftig organisiertes und gleichwohl diskontinuierliches, unsystematisches, lockeres drückt den selbstkritischen geist von Vernunft aus er vertritt, was dann aus der philosophie, ebensowohl durch ihren anwachsenden abstand von der praxis wie durch ihre eingliederung in den akademischen betrieb, entwich, welterfahrung, jenen blick für die realität, dessen moment auch der gedanke ist nichts anderes ist freiheit des geistes so wenig zu entbehren freilich wie das vom kleinbürgerlichen wissenschaftsethos diffamierte element des homme de lettre ist dem denken, was die verwissenschaftlichte philosophie mißbraucht, das meditative sich zusammenziehen, das argument, das soviel skepsis sich verdiente wann immer philosophie substantiell war, traten beide momente zusammen aus einigem abstand wäre dialektik als die zum selbstbewußtsein erhobene anstrengung zu charakterisieren, sie sich durchdringen zu lassen sonst degeneriert das spezialisierte argument zur technik begriffsloser fachmenschen mitten im begriff, so wie es heute in der von robotern erlernbaren und kopierbaren sogenannten analytischen philosophie akademisch sich ausbreitet legitim ist das immanent argumentative, wo es die zum system integrierte wirklichkeit rezipiert, um wider sie ihre eigene kraft aufzubieten
*
Das Freie am Gedanken dagegen repräsentiert die Instanz, die vom emphatisch Unwahren jenes Zusammenhangs schon weiß. Ohne dies Wissen käme es nicht zum Ausbruch, ohne Zueignung der Gewalt des Systems mißglückte er. Daß die beiden Momente nicht bruchlos verschmelzen, hat seinen Grund in der realen Macht des Systems, die einbezieht, auch was es potentiell übersteigt. Die Unwahrheit des Immanenzzusammenhangs selber jedoch erschließt sich der überwältigenden Erfahrung, daß die Welt, welche so systematisch sich organisiert, wie wenn sie die von Hegel glorifizierte verwirklichte Vernunft wäre, zugleich in ihrer alten Unvernunft die Ohnmacht des Geistes verewigt, der allmächtig erscheint. Immanente Kritik des Idealismus verteidigt den Idealismus, insofern sie zeigt, wie sehr er um sich selber betrogen wird; wie sehr das Erste, das ihm zufolge immer der Geist ist, in Komplizität mit der blinden Vormacht des bloß Seienden steht. Die Lehre vom absoluten Geist befördert jene unmittelbar. – Geneigt wäre der wissenschaftliche Consensus, zuzugestehen, auch Erfahrung impliziere Theorie. Sie aber sei ein “Standpunkt”, bestenfalls hypothetisch. Konziliante Vertreter des Szientivismus verlangen, was ihnen anständige und saubere Wissenschaft heißt, solle von derlei Voraussetzungen Rechenschaft ablegen. Gerade diese Forderung ist unvereinbar mit geistiger Erfahrung. Wird ihr ein Standpunkt abverlangt, dann wäre er der des Essers zum Braten. Sie lebt von ihm, indem sie ihn aufzehrt: erst wenn er unterginge in ihr, wäre das Philosophie. Bis dahin verkörpert Theorie in der geistigen Erfahrung jene Disziplin, die Goethe bereits im Verhältnis zu Kant schmerzlich empfand. Überließe Erfahrung allein sich ihrer Dynamik und ihrem Glück, so wäre kein Halten. Ideologie lauert auf den Geist, der, seiner selbst sich freuend wie Nietzsches Zarathustra, unwiderstehlich fast sich selbst zum Absoluten wird. Theorie verhindert das. Sie berichtigt die Naivetät des Selbstvertrauens, ohne daß er doch die Spontaneität opfern müßte, auf welche Theorie ihrerseits hinaus will. Denn keineswegs verschwindet der Unterschied zwischen dem sogenannten subjektiven Anteil der geistigen Erfahrung und ihrem Objekt; die notwendige und schmerzliche Anstrengung des erkennenden Subjekts bezeugt ihn. Im unversöhnten Stand wird Nichtidentität als Negatives erfahren. Davor weicht das Subjekt auf sich und die Fülle seiner Reaktionsweisen zurück. Einzig kritische Selbstreflexion behütet es vor der Beschränktheit seiner Fülle und davor, eine Wand zwischen sich und das Objekt zu bauen, sein Fürsichsein als das An und für sich zu supponieren. Je weniger Identität zwischen Subjekt und Objekt unterstellt werden kann, desto widerspruchsvoller, was jenem als erkennendem zugemutet wird, ungefesselte Stärke und aufgeschlossene Selbstbesinnung. Theorie und geistige Erfahrung bedürfen ihrer Wechselwirkung. Jene enthält nicht Antworten auf alles, sondern reagiert auf die bis ins Innerste falsche Welt. Was deren Bann entrückt wäre, darüber hat Theorie keine Jurisdiktion. Beweglichkeit ist dem Bewußtsein essentiell, keine zufällige Eigenschaft. Sie meint eine gedoppelte Verhaltensweise: die von innen her, den immanenten Prozeß, die eigentlich dialektische; und eine freie, gleichwie aus der Dialektik heraustretende, ungebundene. Beides indessen ist nicht nur disparat. Der unreglementierte Gedanke ist wahrverwandt der Dialektik, die als Kritik am System an das erinnert, was außerhalb des Systems wäre; und die Kraft, welche die dialektische Bewegung in der Erkenntnis entbindet, ist die, welche gegen das System aufbegehrt. Beide Stellungen des Bewußtseins verbinden sich durch Kritik aneinander, nicht durch Kompromiß.

* * *

Sonntag, März 15th, 2020

Nun werde ich endlich geliebt um der Liebe willen.
Kälte im Ostwind auf früh erwachenden Tages Lippen.
Nun werde ich auch geliebt vor den leeren Spiegeln,
keine Bilder darin als die reine, die nackte Geometrie.
Nun werde ich wieder geliebt für das Kind einer
Liebe, die aus Zweien eins macht
mit Rest Un-
endlich.

* *

Angekommen im Niemandsland der Seele streife ich am Morgen mein schwarzes T-Shirt über, die Blöße offenen Denkens lässt sich nicht mit Worten bedecken

*

Über das schwarze T-Shirt einen weißen Pullover, die Fenster weit auf zum Durchlüften, den Türspalt als Spalt für Licht und … Katze,

flugbahnen

Montag, März 2nd, 2020

        grauer fels
               einer mondnacht entstiegen
flogst ins gestirnte augen-
                                            licht 

 

                                                                               zerschlissen vom irisgebläuten strom
                                     hinter der lidwand aus gelbem stein
                                                                                              erinnertest dich
                                                                   so vieler namen

 

        in marmorne haut
                          mit dem eisen geritzt
am ende der letzten julinacht
                                            schlugen die meißel

 

                                                                                glockenschläge hinterm grünenden schläfenbein
                                                        tausendfingriges kindheitsgeläute
                                                                                                                  dem nachtblau durchs wellige haar

 

                          einsam sein leuchten wie silberfische
stumm der pupillen vernarbtes
rot

Kusskurs

Sonntag, Februar 23rd, 2020

Iss Kuskus beim Kusskurs
komm klamm in die Kammer
mit Klaus zum Konzert
zu kleine Kleider
weg damit : leider
ist der Kusskurs in Kursk

Elf Strophen

Mittwoch, Februar 12th, 2020

Ewig & gesund.

Tam tam tam tam
Tam tam tüta
Tam tam tam tam tam

Tüta tüta tüta tüta
Tüta tüta tüta tüta

Tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatatüta tütatüta tütatüta

Tüta tütatüta tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatüta tütatüta tütatatüta
Tütatüta tütatüta tüta

Tütatüta tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatüta tütatüta tütatatüta
Tütatüta tütatüta tüta

Tütatüta tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatüta tütatüta tütatatüta
Tütatüta tütatüta tüta

Tütatüta tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatüta tütatüta tütatatüta
Tütatüta tütatüta tüta

Tütatüta tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatüta tütatüta tütatatüta
Tütatüta tütatüta tüta

Tütatüta tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatüta tütatüta tütatatüta
Tütatüta tütatüta tüta

Tütatüta tütatüta tütatüta tütatüta
Tütatüta tütatüta tütatatüta
Tütatüta tütatüta tüta tütatü

Tütatü tütatü tütatü tütatü
Tütatü tütatüta
Tütatü tütatü tütatü

Mandellikör

Mittwoch, Oktober 30th, 2019

Du wolltest nicht zahlen.
Der Klempner kam nicht. Der
alte Gigolo, und wir
badeten in
der Wanne
aus den Fünfzigern,
deren Rand
bereits braun war, aus
der wir die Füße
über den Rand baumelten,
damals, in unserer
Wohnung mit dem
Teppich im engen Flur,
du sagtest,
ich mach jetzt
was Tolles,
und gingst noch mal
um kurz vor Sechs,
im Winter, bei Dunkelheit
in den Discounter, um vorne,
ziemlich weit vorne im
Regal unten links zwei
Flaschen Faber zu greifen
und auf meinem Bett
zu zerschlagen, aber –
für die Wanne kauftest du
Mandelliqueur.

ein licht : ereignis

Mittwoch, Oktober 23rd, 2019

.

_
° X

=

*

* *

:

* * _

Samstag, Oktober 19th, 2019

featuring robert gernhardt

Erdogan und Ötschalan
trafen sich beim Bier.
Der eene war’n Terrorist,
Der an’re nich’ von hier.

Erdi sacht zu Ötschalan:
Wat trinkst’n du für Suppe?
Ötschi saacht zu Erdogan:
De Sorte Izmir-Schnuppe…

der garten steht still / in den straßen warten die unbeugsamen

Montag, Oktober 7th, 2019

pulst blut im ohr
und der atem hält an
die stimme gelähmt
die stimmbänder gedehnt
reise ich
in eine zeitlose zeit

tastsinne fallen mir ein

Samstag, Oktober 5th, 2019

ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett
(Nancy Hünger)

 

werden begleitet heute von oboen die wörter
fadenscheine in der nacht zwischen straßenbahnschienen
stolpert einer über das kopfsteinpflaster
gucken aus den häusern fenster
aus den fenstern leute
welche leute

haben abgestellt um die hausecken einsamkeit
ein zwei einsamkeiten für jeden
holt sie am morgen vor der ersten dämmerung
im regen die städtische müllabfuhr

lauschst du den klängen der wörter und oboen
die durch die straßen wehen
sich ausruhen in hauseingängen
warten sie auf das ende der nacht

wir tragen eine glut in uns
ein flammendes feuer aus quecksilber
das uns sein lässt
murmelnde nomaden

[tastsinne fallen mir ein
wenn ich mich bewege als schuppentier]

Sinnbettungen

Donnerstag, Oktober 3rd, 2019

Bewußtseinspreziosen
voller Herz
in Fabeln;
nacherzählend
vom Tränenflug
im Rätselspruch

Dreifünfundvierzig

Mittwoch, September 18th, 2019

Das ist ein Kloster:
Wodka, Gelächter
Alles zeremoniell
Und der Abt
In Pluderhose

Sie schreiben einen Brief
An den türkischen Sultan,
Ihre Ordensregel
Ein Kreuz in Bewegung

Grenztruppen der Zarin,
Rang ohne Abzeichen
& keine Truppenfahne
.

Endlich Strammeln

Montag, September 16th, 2019

Frühmorgens kommt der Stinkefuß
Verpaßt mir einen Hinkekuß

Es trillerpfeift ein kleines Maul
“Papa : lieg nicht rum so faul”

Ob tot : ob foht oder lebendig sind sie
Meine Kinder : Mara : Ulf & Thomas

Wenn sie sich um mich versammeln
“Papa : hör jetzt auf zu gammeln”

Spätabends wenn ich fallend lalle
geil & giftig : Galle genschelnd

Stoltern durch die Klingklanghalle
Wo die Kinder stehn & stammeln

“Papa : laß uns endlich strammeln”

Für August, Mara, Ulf & Thomas

Kritik und Paraphrase : Hermann Hesses Stilpunkseminare

Sonntag, August 11th, 2019

Stierkampf muss weg!

In der pädagogischen Provinz blüht der Rost auf den Klingen. Entelechie wird Lebenslauf, die Gestirne

Featuring : Alexander Blok : Wegscheide

Dienstag, April 9th, 2019

Und wieder Unmögliches geträumt
Fet

Noch sind bleichende Fetzen am Himmel,
In der Ferne kräht sacht ein Hahn.
Auf des Felds Kornährengewimmel
Geht plötzlich ein Lichtpunkt an.

Dann dunkelt der Erlenzweige Schar,
Hinterm Fluss flackert Rauch, dass Feuer werde.
Und durch den Nebel wunderbar
Sprengt eine unsichtbare Herde.

Ich fahre durch ewig gleiche Felder,
Den ewig gleichen Singsang im Sinn.
Und Träume, Träume hinterm Rücken
Verschwinden, wo ich nicht mehr bin.

Und was nie war, werden Silben und Klänge -
Der Gedanke, geflüstert, wird mein.
Es schaukeln die grauen Äste,
Das sind Hände von Schädelgebein.

17. November 1902

Drei Verse

Samstag, März 30th, 2019

*

Die Freundlichkeit kommt mit dem Frühling,
nicht früher

* *

Barocke Turnhalle, umständliches
Geziere

* * *

Magnolienblätter verdecken die Scham

Annonce nicht

Freitag, Februar 8th, 2019

Anschauung sucht

Keine Form, endo

Plasmatisches Nicht

Retikulum, Rati

Bor unterm Stein

Edita deditora, pa

Dam, Damm, ä/e

Abstraktion des Gefühlslebens (1)

Samstag, Dezember 8th, 2018

Er trug schon beim zweiten Treffen den altmodischen Hut. Es lag Schnee in der Luft, die Kurven liefen sich nicht gut in den glatten Schuhen, alles schien sich in Schleier zu werfen, und sie wollten den Weg nach Hause hinauszögern, um klarer im Kopf zu werden. An der Tür hatten sie dann einander ihre Zuneigung gestanden, trotz altmodischer Hüte und postmoderner Zickigkeit. „Vielleicht können wir gemeinsam auf die Bühne gehen.“

Clarisse löcherte Eduard viele Tage mit Fragen zu seinem neuen Freund, und er war, wie in einem Beichtstuhl, anfangs bereit, ihr alles zu erzählen. Er lud sie zu sich ein, sie entdeckte Spuren des neuen, des seltsamen Freundes, der zwar nicht bei Ziegenbarth, wie angenommen, studierte, aber in einer ähnlich renommierten Klasse angenommen worden war. Da lag eine Decke auf dem Sofa, die ihr sehr gefiel, kleine Zettel mit Schrift bedeckt, oft nur einzelne Worte, die keinen Zusammenhang ergaben, angerauchte Zigaretten, die einen gelblichen Teint hatten, und die sie selbst hier noch nicht gesehen hatte, wahrscheinlich eine Importware. Sie tauchte ein in die Details, die Eduard ihr erzählte und kam endlich, nach mehreren Besuchen, zu einer Schlussfolgerung. „Euch verbindet die Merkwürdigkeit. Die Verstricktheit in euch selbst und in eure Interessen, die sich bei äußerlicher Verschiedenheit jedoch sehr in ihrem Verfahren gleichen.“

Die Wohnung wirkte noch weißer, noch kühler. „Wie frisch gefallener Schnee“, witzelte Clarisse und kam dann für eine Weile nicht mehr zu Besuch. Eduard nahm sich Zeit, seinen Freund besser kennen zu lernen. Abends legte er statt Jazz-Platten Chansons von Debussy auf. Er dimmte das Licht in der Wohnung, besorgte auf dem Flohmarkt Jugendstillüster, Lampenschirme in unverwundbaren Farben. Er fragte in Geschäften nach altem Weinbrand, freundete sich mit Whiskey und Cognac an. Eigentlich hatte er fasten wollen, wenigstens bis Ostern. Er fand heraus, dass sein Freund ein Waisenkind war, Onkel und Tante steinreich. Das war eine glatte Lüge, und er wusste es, aber er genoss das Spiel mit solchen Lügen und Klischees, Dinge, die man immer am Beginn einer neuen Beziehung genießt, bevor sie aus dem Weg geräumt werden.

Eduard nahm alles, was mit der Jahrhundertwende zu tun hatte, zunehmend ernster, als hätte sich ein Virus in seine Zellen eingeklinkt und streute nun weitere Viren in die noch gesunden Zellen, formte sie um. Ein Parasit – aber vielleicht war es doch eine Symbiose, da Eduard gute Ergebnisse in seiner Arbeit am Lehrstuhl für Kunstgeschichte ablieferte.

Und überhaupt ist die Abstraktion des Gefühlslebens zweier Männer ein Cocktail, ein Gebräu, von dessen Genuss abzuraten ist. Man verliert sich in Behauptungen und Klischees wie ein Heizungsexperte, gemeinplatzig, heißluftig und ungerecht. Man lässt die schwarzen Wildlederstiefel vor der Wohnung stehen und klinkt die Tür zu. Die Türen in Eduards Wohnung waren offen, das Licht gedimmt aber nicht ausgeknipst, wer herein wollte, konnte herein, und so wurde die Liebesbeziehung zu einem Stück Geschichte.

Salomenia (Flucht und Wiederkehr XXVIII)

Samstag, November 17th, 2018

Das junge Mädchen wandelte, des ewig brennenden Himmels reich, Welten,
verschwebte inmitten halb rauwinkliger, halb erträumter Städte,
passierte gelb und blau mit einer Lilaterne,
schwamm hungersüß als Morgengrau, hetzte geifernd um die Schluchten.

Rückwärtig schwärmwankte die Prozession im Gleichschritt,
schrillte verzerrt umspulte Liturgien, eine obsidiannadelnde Klangwolke,
die Tiefenwahn umschlang, versank vor fahlem Springgiftlicht.

Um keine Angstdurft verlegen, fieberte ihre weichgezeichnete Masse
nach Ohren, die ihr hölzernes Stöhnen erhören mochten,
der einen Stimme, die sie ihr salziges Dürsten vergessen ließe,
nach dem letzten Ziel ihrer pechschwarzen, an die wüsteste Ferne verlorenen Masada-Augen.

Einen Sturm ohne Regen verkündeten Posaunen am Totenmeerhang,
es wurde Helltag und still, braungeronnen Bäche entrückten Bluts und
auf der Rampe versickerten Tränen eines abkriechenden Schattens.

Suche / Herbst

Freitag, Oktober 26th, 2018

Dem Land steigt Dunst
aus allen Poren,
und auf die Stimme legt sich
Herbst.

Heute ist kein Tag
für Schnee
und Leoparden in den Blicken.

Ich schlinge dir
die letzten Worte
um den Hals
und lehne mich an Felsen.

Vielleicht liegt dort
auf deinem Mantel
dieser eine Satz.

Hallgrím – Variationen (I)

Samstag, Juni 30th, 2018

Hallgrím stand im Eis
Und sah der Lava zu

Die Eule kam mit dem Postboot
Das Schiff legte an
Sie nahm ihren Koffer
Ging an Land und wurde
Von Heinar überfahren
So war das

Hallgrím aber trieb
Auf dem Strom des Eises

Hallgrím stand
Mit gespreizten Beinen
Unter ihm der Graben

Hallgrím schwieg

Dann brachen die Worte aus
Wie Lava, wie Lava

atomdichter und zungenbecken (canto verbano)

Montag, Juni 25th, 2018

zog hallgrím an den gletscher
und log gedichte
über die geburt der basalte
reiste ugla die henne
im gepäcknetz vom nordland nach reykjavík
kam sie unter die räder eines straßenkreuzers
verlor sie ihr leben
da weinte das wollgras

wir lagen im gletscherbett
an seinem grund schlief der see
die berge ringsum
waren nunatakker
wurden geschliffen die inseln
geschleifte drumlins
trieben mit den booten dahin

tastete ich deinen finerokörper
grünes gestein
das sich geschält hatte aus seinem erdmantel
trug ich stimmen in die wälder
schürfte sich seine haut wund an der erdkruste

lief die schwarze katze von links ins bild
konnte das gedicht gelingen

erweiterte ich meine sammlung um eine muschelschale
legte sie zwischen das pfennigstück
und das welkgepresste
blatt eines bergahorns

wog hallgrím das gewicht des mittelatlantischen rückens

Solidaritätskippa oder die Reise zum toten Mehr (Flucht und Wiederkehr XXII)

Mittwoch, April 25th, 2018

Dieses eine, seltene Gefühl, das einen beispielsweise überkommt, wenn im Frühling der Himmel grau, windig und regnerisch, aber die Blätter der Straßenbäume jung und grün sind, wenn beschmierte Klinker-Häuserwände sich mit kleinen, bunten Altbauladengeschäften abwechseln – die eine Hälfte des Gesichtes traurig sein und die andere lächeln will.

Kurz vor Beginn der ersten Intifada steht der Junge – fünf Jahre alt – vor einem, ihm wie ein riesiger, bearbeiteter Monolith einer fantastischen Küste, ja eines fremden Planten entraubt erscheinenden, grauen Betonklotz inmitten der unbarmherzigen Hitze eines, so hatte er – erzogen von atheistischen Wissenschaftlern – gelernt, ‘heilig’ genannten Landes.

Seine Eltern und er, nach ihrer Ankunft ob ihrer Herkunft und Sprache mehrmals wie aus dem Nichts übelst, fast handgreiflich beschimpft, setzen ihm rasch eine kleine Kippa auf und betreten das Gebäude mit ihm. Er versteht nicht, was das gedämmte Licht, was die Tafeln mit den vielen Namen, die Bilder der so unglaublich mageren Körper, mit ihren traurigen und teilweise unendlich leeren Blicke bedeuten, er fühlt sich unangenehm berührt, empfindet gleichwohl, der kindlichen Gabe zur Empathie entsprungen, Pietät und schweigt, nicht wagend, den ihn umbegebenden fremden Gesichtern seine Antwort auf die Last der Zeit, die er der Welt an diesem Ort zu schenken bereit ist, offen zu bezeugen.

Er war zuvor durch Wüsten gefahren, hatte in Salzlake gebadet, belebte Basare und verfallene Stätten besucht, eine davon hoch oben auf einem Berg, durfte, auf dem Weg durch dieses öde und doch so wunderschöne Land auf den Schultern seines Vaters eine Pomelo am Rande einer Plantage abpflücken und im Garteninnenhof eines Freundes der Familie das unglaubliche reiche Bouquet jener Blumen erschnuppern, die dort gedeihen, wo die Sonne, anders als in seiner Heimat, Gesetz ist. Ein unsichtbarer Gott, ohne Namen – Richter ist Er.

In Betlehem war man mit ihm in eine Grotte, die Geburtshöhle hieß, herabgestiegen, auch dort schien ein diffuses Licht, doch die Wände schmeichelten – leicht feucht, fast rund, als hätten die Hände tausender Besucher sie geglättet – und der Weg gewundener, ohne Ecken und Kanten gespickt, ja, das einzig gerade dort unten, dachte er, hatte in den Planken der Stege und den Brillen der Besucher bestanden. Er erinnerte sich daran, den Ort genossen zu haben, vielleicht nicht so sehr wie den Garten, das Picknick mit der selbstgepflückten, unbekannten Frucht, oder den Blick vom Berg in die schier endlose Ebene, aber doch, es war angenehm gewesen dort unten.

Hier hingegen, so überkommt es ihn, war ein bleierner Vorhang zwischen allem, was ihm in diesem Land begegnet war gezogen worden, der Ort war der Ausdruck purer Hoffnungslosigkeit, alles Organischen beraubt, die unmenschliche, dunkle Strenge der Formen dieses Gedenkens bedrückte ihn, drohte ihn zu begraben, zu ersticken, jene ausweglose Ernsthaftigkeit eines unvorstellbaren Mordgewitters, dessen Essenz anschließend zu diesem Sarkopharg erstarrt war und nun mit seiner kleinen Seele rang. Ein Lächeln, war er sich sicher, nur ein stilles Lächeln voller Hoffnung und Liebe konnte ihn, konnte die Welt von dem Fluch, der diesem Ort innewohnte, erlösen.

A Day In The Life (Flucht und Wiederkehr XXI)

Donnerstag, März 22nd, 2018

“Elle est de Livron-sur-Drôme”, flüsterte ein Geist. “Liesville-sur-Douve!” ein anderer, “Les Sables-d’Olonne!” der Dritte. Oh, das kenne ich, da war ich schon, erinnerte  sich der Zeitreisende mit großen Augen und ein Sommer streichelte seine Neuronen.

Die Sonne schien hell, ein Wesen – mir zutiefst ähnlich und doch fremd, eines lebendigen Spiegelbildes gleich – saß in der Küche am Fenster und im gleißenden Licht tanzten kleine Staubpartikel freundlich flirrend umher, während im Garten, hinter der Terrasse, silbrige Gräser wie Harpien durch Februarwind nach Beute jagten. Alles schien synchron, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.

Das Bad, dessen hellrosa Granit atmete und zerfloss, ihr Haar, einen Körper umschmeichelnd, dessen Umrisse Botticellis Venus nie ähnlicher gewesen waren, Reflexionen des schaukelnden Wassers, überall Lachen, ein Lachen voll des Glücks ob des Lebens, voll der Angst ob des Todes, ein Lachen, alles zu vergessen und für ewig in Wellen aufzugehen.

Die Gedanken an Verrottung durch Alterung, an Rettung, Unsterblichkeit – Galaxiehaufen umfassende Superzivilisationen erstanden auf und versanken – Ahnungen vom Größten im Kleinen, Synapsenclustern und Frieden des Atmans; schwebender Staub im warmen Sonnenschein hinter einer, den Winter aussperrenden Scheibe — die Gedanken.

lueckenschluss | lippenbekenntnis (string-tanka L)

Dienstag, Februar 20th, 2018

die luecke im buecherregal / ich schliesze sie / mit einem papierfalter / und musik // deine lippen / ahmen ein gedicht nach

[ // ]

Donnerstag, Januar 25th, 2018

Dieses Gedicht
wurde zur Bearbeitung
verbracht
in mein
Gedankenbüro.

tischgespräche

Montag, November 27th, 2017

die gabel sticht
in das brot
der mann wartet auf den aufschrei
die zeitung liegt gefaltet
neben der einsamkeit
das messer wartet
auf den dritten akt

die suppe wird kalt
sagt die frau in der küche
und schlägt die stille entzwei

Sonntag, November 26th, 2017

EIN EISBERG
mit Sprüngen der Schwärze darin
die brechen ab im Zählen
die springen menschenleer
da der Cut & deutet
als Cowboy freilich oder Kopfgeldjäger
aufm Hocker sitzend John Wayne
nüchtern ganz
schwenk
dorthin wo´s ihm passt
& behauptet gewissheitsumkränzt
stiegen die Menschen kämen von dorther
alle/
aus MONTEVIDEO.

Quartett

Freitag, November 24th, 2017

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