Archive for the ‘Gemütstiefe’ Category

Über die Bewahrung von Sinn und Form beim Übersetzen

Freitag, Oktober 23rd, 2020

Der Satz, eine Folge von Speerspitzen. Partitur
Der Vers, ein Speer – ein einziger Text
Einheiten übersetzen, Texteinheiten
Gestaltwandel: im f u n k t i o n a l – s e m a n t i s c h e n Feld zweier Sprachen wird Vollständigkeit definierbar!
Nichts weglassen oder hinzufügen. Und – alles geben !! _
Das Ideal: der konservative Revolutionär

marmara

Donnerstag, Oktober 15th, 2020

1
der abend hat die straßen
weggespült
die stadt ist nur noch ein meer
aus lichtern stimmen
auch deines ist unter ihnen deine

du bist auf dem weg
in die nacht die stille
menschen
autos
aus einem schacht der luftzug einer u-bahn

am morgen tummeln sich überall fische
delphine

2
gestern erwachte ich
auf der insel
wo der marmor wächst
weißer marmor und
die rehe schlafen bis weit in den tag
unter den kastanienbäumen
wollen wir uns lieben
vom mittag zum mittag
wenn dein atem in der nacht
einen gleichklang bildet
mit dem wind vom meer
will ich ablassen von dir und lauschen
wie du geheimnisse tauschst
mit den stimmen den sternen
den ahnen der fische

3
das geheimnis deiner gedichte
ist ihr verschwinden
über den fischgründen des marmarameeres
die schiffe sultan süleymans versanken dort
mit gold edelsteinen und gewürzen an bord
seitdem leuchtet das meer und funkelt
und sein duft kommt aus fernen ländern

und deine gedichte geben dem meer seine stimme

Warte : lausche : da

Donnerstag, August 13th, 2020

Manchmal möchte ich
Den Augenblick verlängern : laufe
Eine Runde oder zwei : schwimme
Warte : lausche : da
Dringt sie ein : die Zeit
Sie bleibt nicht
Stehen : sie verflüssigt sich
In meinem Blut : kreist
Zwischen Herz und Hirn
Im Sitzen trete ich
Den Wettlauf an

Langsam gewinnt

Featuring : Josif Brodskij : Von der Landschaft

Montag, August 10th, 2020

für Girolamo Marcello

Die Sonne geht unter, und die Bar an der Ecke ist dicht.

Die Laternen gehen an, haargenau ihre Augen schminkt so eine Mime
mit der lila Farbe für Schönheit und Grauen.

Kopfschmerz fällt am Fallschirm aus dem dunkelblauen
Raum zielgenau auf die Stirn des Feindes aus dem Stall Pirelli.

Und zwei Tauben im Gesims des Palazzo Minelli
vö.eln in den letzten Strahlen des Gestirns,

achtlos planschend in der Dünung des Hirns
wie unsere griesgrämigen Vorfahren unter vorsintflutlichen
Umständen, ganz ähnlichen zu heute und hier, vermutlich.

Das sind Schläge einer Glocke, vom Glockenturm purzeln
frei in den venezianischen Himmel Wurzeln,

haargenau fallende, zielbewusst wandernde
nie den Boden erreichende Früchte. Gibt es ein anderes

Leben, so wird in ihm jemand damit befasst sein,
diese Dinge zu sammeln. Und ich darf gefasst sein,

all das bald zu erfahren. Hier, wo so viel Entzücken
seinen Samen vergossen, Tränen des Glückes

und des Weins, an einer Ecke irdischen Paradieses
stehe ich am Abend, sauge diese

herbstlich-winterliche, lungengummiartig schwellende
saubere, sich von Dachziegelrot erhellende

hiesige Luft ein, von der,
wer sie atmet: braucht mehr.

Mehr und mehr – hinterher! vom Duft
sich aus Lebenszellen befreiender Luft,

sich befreiend von Zeit. Wälzt haargenau Geld um,
leckendes Wasser macht diese Welt stumm

mit seinen Azuranteilsscheinen am Palazzo, wofür es als Wechselgeld
einen zerfressenen Stein erhält

mit seiner Dermatitis
und eine bröckelnde Karyatide, die

sich den Sprechapparat mitsamt seiner Zigarette
auf ihre Schultern bettet

und, schwer in Vogel-Wahrnehmung eingetaucht,
seit sie im nach außen gewendeten Schlafzimmer raucht,

von des Anstands Sitte befreit ist,
mal aussieht wie jemand, der bereit ist,

mal – wie ein um den Verstand gekommenes römisches
Zahlzeichen, mal – Verszeilen handgeschrieben und Geflüster, böhmisches.

Herbst 1995
Casa Marcello

Und

Dienstag, Juni 9th, 2020

Wie bescheiden es da steht. Gänzlich ungeübt darin, groß geschrieben und allein im Rampenlicht einer Überschrift zu stehn, kommt es sich ganz verloren vor. Und doch ist es an der Zeit, es endlich einmal angemessen zu würdigen. Also halte durch, kleines großes Und. Du wirst sehen wie gut es tut, einmal ein wenig Anerkennung für deinen unschätzbaren Dienst zu erhalten. So viele Worte vermögen mit ihrer Bedeutung Bilder, Assoziationen und Erinnerungen auszulösen oder uns und andere mit der Schönheit ihres Klanges, ihrem Humor, ihrer Dynamik oder Tiefe für oder gegen sich einzunehmen. Einigen von ihnen werden wir auf den kommenden Seiten begegnen. Du hingegen verfügst über keine solchen Reize und doch will mir dein Wirken für unsere Sprache noch viel bedeutsamer erscheinen als mancher Begriff, der uns mit seiner eindrucksvollen Bedeutung besticht. Welches Wort wäre schließlich so wie du in der Lage, andere Worte, Dinge, Gedanken, Menschen, ja Welten selbst über größte Unterschiede und Gegensätze hinweg miteinander zu verbinden? Nur dank dir können wir so unterschiedliche Beziehungen wie die zwischen Sonne und Mond, Romeo und Julia, laut und leise, Pat und Patachon, Tag und Nacht, Kraut und Rüben oder Leben und Tod zum Ausdruck bringen. In vollkommener Neutralität stellst du deine Beziehungsfähigkeit allem und jedem zur Verfügung, ohne je eines der durch dich verbundenen Worte oder Glieder eines Satzes zu bewerten oder zu beurteilen. Du bist eines jener oft unscheinbaren Wesen, die selbst verschiedenste Worte und Geschöpfe in ein Miteinander, ins Gespräch zu bringen vermögen, ganz unabhängig davon, ob sie in einer innigen Liebesbeziehung leben oder sich ganz unversöhnlich gegenüber stehen. Ohne dich wäre unsere Sprache ein beziehungsloser, von vereinsamten Einzelexistenzen bevölkerter Raum aus Aufzählungen und Aneinanderreihungen. Romeo, Julia, Tag, Nacht, laut, leise, Zucker, Salz. Unser verbaler Austausch nähme den Duktus einer To-do-Liste an. Du bist damit nicht nur das Beziehungsgenie unter den Worten. Du ermöglichst auch erst den fließenden Rhythmus unserer Sprache.

Gewiss, auch die übrigen Wörter aus dem Kreis deiner Familie, die wir als Binde- und Fügewörter oder Konjunktionen bezeichnen, tragen einen beträchtlichen Teil dazu bei, dass wir Beziehungen sprechen und in ihren unterschiedlichen Gestaltungen denken und bewerten können. Doch vermag kein anderes Wort sie wie du von jeglicher Bewertung frei zu gestalten und den so Verbundenen eine unvoreingenommene Begegnung auf Augenhöhe zu ermöglichen. Nicht selten gelingt es dir dadurch, ungeahnte Gemeinsamkeiten zu fördern, die jene Wenns, Abers und Entweder-Oders unserer Welt beim besten Willen nicht zu erkennen vermögen. Ihnen fehlt jene zugewandte Offenheit, mit der wir all den Worten und Dingen begegnen, denen wir mit dir entgegen sehen. Manch vermeintlicher Gegensatz, manche Polarität stellte sich so schon als gedankliche Chimäre heraus. Mancher Streit löste sich in Wohlgefallen auf. Und lassen sich nicht erst so jene Einsichten erschließen, die wir mit Wunsch und Willen, die wir denkend und bewertend nie zu finden vermögen?

Natürlich ist es gerade auch die Fähigkeit, zu bewerten und zu beurteilen, die uns Menschen ausmacht. Schon um Dinge und Wesen strikt voneinander getrennt halten zu können, die sich partout nicht miteinander verstehen. Nur so vermögen wir ein friedliches Zusammenleben zu gestalten und uns die Welt denkend und argumentierend zu erschließen. Ohne die Bereitschaft, Position zu beziehen und sich abzugrenzen, gibt es keine Freiheit. Und wo diese Freiheit, wo Menschlichkeit und Toleranz gar bedroht sind, sei es etwa durch Rassismus, Antisemitismus, Extremismus oder Gewalt und Hetze, ist die Grenze jeder Neutralität und Akzeptanz erreicht. Doch wie schwer fällt es uns Menschen oft, die Welt in all ihren Schattierungen überhaupt erst einmal frei von eigenen Bewertungen und Emotionen wahrzunehmen. Ihr unvoreingenommen und offen zu begegnen. Wo aber die Bereitschaft fehlt, zunächst einmal inne-, ja an sich zu halten; die Fähigkeit, zwischen der äußeren Welt in all ihrer Komplexität und unserer Wahrnehmung, zwischen Tatsachen und Bewertungen zu unterscheiden, beginnt die Sprache unseren Blick mehr zu vernebeln als ihn zu erhellen. Ohne ein Bemühen, die Welt in ihrer Streitbarkeit, Gedanken und Positionen in ihrer Gegensätzlichkeit zunächst einmal anzunehmen und auszuhalten, wird es schwer fallen, Gemeinsamkeiten und Kompromisse zu finden.

Dies ist dir, liebes Und, wiederum ein Leichtes. Du lässt selbst schärfste Gegensätze da sein, ohne sie durch eigene Bewertungen oder Emotionen einzuschränken oder gar noch anzuheizen. Ganz als wüsstest du, dass wir die Welt in ihrer Vielfalt mit all den verschiedenen Wörtern unserer Sprache nur dann zu finden und zu erkennen vermögen, wenn wir sie in ihrer Verbundenheit begreifen und verstehen. Dass all die einfachen, vermeintlich klaren Formeln, Abgrenzungen, Begriffe und Bewertungen, mit denen wir die Welt so gerne auf das Maß unseres Geistes zusammenfalten, bestenfalls Halbheiten bleiben. Dass mindestens zwei Seiten, das Für und das Wider, oft aber eine schier unendliche Zahl an Faktoren und Facetten gleichzeitig miteinander vorhanden und zu bedenken sind. So führst du uns wie kaum ein anderes Wort vor Augen wie wichtig es ist, jede Einseitigkeit zu vermeiden. Dass nur dort Licht, wo auch Schatten ist. Das Verbindende zu denken und nicht das Trennende. Türen zu öffnen, statt sie zu schließen. Auch den schmerzlichen Erfahrungen und Empfindungen, die das Leben für uns bereit hält offen entgegen zu gehen, geben sie ihm doch erst seine Würze und Fülle. Bekanntlich vergrößern wir sie nur, wenn wir sie verdrängen oder bekämpfen. Unserem Zusammenleben und unseren Beziehungen den Raum und die Aufmerksamkeit zu geben, die sie benötigen, und sie immer wieder neu zu bedenken. Und mit deinem Beziehungstalent wirst du mir hoffentlich auch verzeihen, wenn ich hier den ein oder anderen Ausflug in fernliegende gedankliche Gefilde unternehme, ja abenteuerliche Abschweifungen, überraschende Sprünge und auch längere Umwege müssten eigentlich ganz in deinem Sinne und nach deinem Geschmack sein. Mögen also Denken und Phantasie in diesem Stück, in dem du die ersten Töne spielst, nur immer frei und lustig aufspielen und sich vor allzu engen Gehegen hüten.

So still du nun aber zu wirken verstehst, so unersetzlich du für das Miteinander all der vielen anderen Worte auch bist, so leicht wirst du auch übersehen. Nicht nur in der Welt der Sprache fehlt uns oft der Blick für all die kleinen Wörtchen, die Beziehungen stiften und deren Schönheit im Inneren und ihrem fast unmerklichen Wirken liegt. Auch alle Menschen, die dadurch Sympathie und Verständnis füreinander fördern, dass sie für andere da sind, die sich persönlich und ohne Ansehen der Person um das Wohlbefinden anderer und aller, um das Miteinander all der so unterschiedlichen Wesen auf unserem Planeten kümmern, werden von uns leicht übersehen. Als wüssten wir nicht, dass ihr, dass dein Wirken im Kleinen das Große oft erst ermöglicht. Wie häufig denken wir, wenn wir die Architektur eines Hauses bewundern noch an das Werk der Maurer, die es Stein für Stein zusammenfügten? An das unermüdliche Wirken all der Pflegerinnen und Pfleger, die sich Tag und Nacht um Alte, Kranke und Menschen mit körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen, die sich um das Wohl der Tiere oder schon in den frühen Morgenstunden um Pflanzen, Parks und Gärten kümmern? An die Krankenschwestern und -pfleger, Rettungssanitäterinnen und Sanitäter, Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten die anderen dabei helfen, Krankheiten und Krisen zu überwinden? Streetworker und Sozialarbeiterinnen? An Mütter und Väter, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Kraft und Zeit dem Wohlbefinden und der Bildung unserer Kinder und nicht selten auch uns Eltern widmen? Die Gastwirte und Wirtinnen, Kellnerinnen und Kellner die uns an ihren Tischen und Stühlen und all die anderen Künstlerinnen und Künstler die uns Beziehungs- und Gemeinschaftserlebnisse ermöglichen?

Wie sehr sind wir auch darauf angewiesen, uns gegenseitig mit einem herzlichen Lächeln oder Scherz, einer kleinen Geste oder einem Gespräch zu bezeugen, dass wir im All nicht allein, sondern Mensch unter Menschen sind? Geben wir unseren Mitmenschen oft genug Gelegenheit, dies mit uns zu empfinden? Kümmern wir uns genug um all diejenigen, die krank oder einsam sind, die mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen leben, die nicht arbeiten können, keine Arbeit finden oder gar auf der Straße leben? Zeigen wir ihnen allen, all unseren Mitmenschen, dass wir sie wahrnehmen? Zeigen wir all jenen, die Tag um Tag, manche Nacht und viele Feiertage und Wochenenden unermüdlich für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen und unsere Gemeinschaft, unser Zusammenleben und unsere Gesundheit im Kleinen tätig und verantwortlich sind oft genug jene Wertschätzung, die sie verdienen? Den Landwirten und -wirtinnen? Putzfrauen und -männern, Briefträgerinnen und Paketboten? Fensterputzern, Stadtreinigern und Straßenfegern? Verkäuferinnen und Verkäufern? Den Friseuren und Friseusen, Feuerwehrfrauen und -männern, Bus- und S-Bahnfahrern? Polizistinnen und Polizisten, Soldatinnen und Soldaten die Demokratie und Frieden sichern? Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Jobcentern, die anderen dabei zu helfen versuchen, wieder Arbeit zu finden? Die sich um die Integration von Menschen anderer Herkunft und Geflüchteter bemühen? Unseren Hausmeistern, Pförtnerinnen und Pförtnern? Wäscherinnen und Wäschern, Bauarbeitern, Stadt-, Müll- und all den anderen Handwerkern und -werkerinnen? Und was ist mit all den Vielen, die ehrenamtlich und außerhalb des Berufslebens für andere da sind? Wären wir ohne sie und all jene, die mir hoffentlich verzeihen dass ich hier versäume, sie ausdrücklich zu erwähnen, um nicht völlig den Faden zu verlieren, wären wir ohne dich, liebes Und, nicht gänzlich aufgeschmissen?

Und so verwundert es wenig, dass wir ungeachtet all der Worte und Wesen, die sich mit Vorwitz, Dünkel, forschen und großen Tönen, Rang und Namen oder langen Ahnentafeln ins rechte Licht zu rücken wissen nur die Worte „die“ und „der“ noch häufiger verwenden als dich. Wenn wir dir also bislang auch viel zu selten die Achtung und Wertschätzung entgegen gebracht haben, die du verdient hättest, so belegt dies immerhin, wie sehr wir Worte und Wesen wie dich brauchen. Wie wenig ohne dich wohl von der inneren Schönheit unserer Sprache bliebe. Und, ich verspreche, nicht länger gedankenlos über dich hinwegzupreschen und nie mehr die Achtung und Aufmerksamkeit für deine Beziehungsarbeit zu verlieren, so leise und unmerklich du sie auch zu verrichten vermagst, sind es doch erst und eigentlich die Beziehungen, die uns zu Menschen und eine Sprache zu der unseren machen.

Medizin

Dienstag, Juni 9th, 2020

einander
helfen,

auch den
Vögeln,

gemeinsam
gehen,

Radio
hören,

Klavier
spielen,

miteinander
reden,

Karten,
Briefe,

Gedichte
lesen,

besonders
Goethes

Märchen

Montag, Juni 8th, 2020

aus dem Tschad:
Bis zu dem Augen-
blick, wenn wir einem
Menschen oder Tier
ins Gesicht schauen
und darin unsere
Brüder und Schwestern
erkennen umgibt uns
noch dunkle Nacht.

homeoffice

Samstag, Mai 30th, 2020

rhesusaffe negativ
flüchtiger traumblick
dann wechselt die farbe

Featuring : Josif Brodskij : Erinnerung 1995

Samstag, Mai 9th, 2020

Je n’ai pas oublié, voisin de la ville
Notre blanche maison, petite mais tranquille

Charles Baudelaire

Das Haus war ein Sprung von Geometrie ins taubstumme Grünen
des Parks, dessen Statueninfanterie, wie der Eingang zur Orangerie
Bewohner – nie! lümmelte in den Alleen, abgestolpert vom Straßenknie;
als sich die Fenster erhellten, war unklar – wessen und wie.
Wie man sieht, bediente das Rauschen des Winds, summierend die Varianten
der Abhängigkeit vom Schicksal (des Kinds – an den Abenden)
sich der Lammkrakelschatten, und, vom Standpunkt der Lampe aus,
reichte das aus fürs Erglühen von Wolfram.
Doch Vorhänge hingen davor. Eine grobkörnige Gravur,
vorsichtig knirschend, zeugte nicht von eines
Anderen Anwesenheit, sondern nur der Feier einer üppigen
Ungebundenkeit, den Umgebungen hingestolpert von ihr.
Und um Mitternacht die Wolken, erzogen von der Hochschule zur
Uferlosigkeit oder einfach nur kopfloser Abwehr von Dünkel
bedeckten patriotisch mit rissigem Laken den nackten
Kosmos vor der verwilderten Summe rechter Winkel.

natur belassen

Freitag, Mai 1st, 2020

vor der stadt lagern monde
und bögen aus papier
wellen sich felder
über deine mondmilchhände
ergießen sich stimmen
in ein langgedicht im fluss
verwandeln sich die kurzen atempausen
in den weidenruten
zu flusskrebssalat im amselgelächter
in schnittmusterbögen am sternenhimmel
schneiden schnitter wellengebirge
aus deinem mund

die zeit enthäutet sich

Mittwoch, April 22nd, 2020

wir tragen mundschutzmasken
lass mich nicht die worte verlieren
die stille fühlt sich an
wie ein lauer sommerregen
der die fenster streift

zugesperrte münder
ich kann dein lachen nicht sehen
und die hand
die ich dir reiche
fällt ins leere

Ein etwas

Montag, April 13th, 2020

…. das Fliegen, und Schwingen im Wind – wiegen, das eigenständige Purzelbaumschlagen, das wortbeständige Wolkenflügellächeln, das nüstern – erbetete Höhengleichnis, der Sprung der Zeit in einem Zellentraum, der raumsprengende Innen – Baum.

Meine Flügel geben nach, ich falle tief. In die Erden deiner Haut. Deine Worte durchfüllen meine Wellen mit berauschender Leichtigkeit. Deine Ebene schwingt. und ich lasse mich von ihr tragen , die Schwingung trifft mich leicht davontragend, es ist des Windes Bestimmung meine Teile miteinander fortzusagen, ineinander getrennt, zerteilen sie die Zeit, die Ewige. Sie trennt sich von Nichts. Ihre Stimme klingt weiter, selbst wenn die Gondeln Trauer tragen.
Selbst wenn der weiße Mondkuchen wieder zwischen Bambusglocken lilablau erblüht. Die Maiglöckchen fressen ihre Erinnerungen und verdecken ihre Küsse in Mondesträume.

Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Auslöschung.
Vergeudete Chancen.
Ihre Stimmen ersticken wortlos.
Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Reise.
Erbeutete Chancen.
Ihre Stimmen erklingen wortlos.
Di…. das Fliegen, und Schwingen im Wind – wiegen, das eigenständige Purzelbaumschlagen, das wortbeständige Wolkenflügellächeln, das nüstern – erbetende Höhengleichnis, der Sprung der Zeit in einem Zellentraum, der raumsprengende Innen – Baum.

Meine Flügel geben nach, ich falle tief. In die Erden deiner Haut. Deine Worte durchfüllen meine Wellen mit berauschender Leichtigkeit. Deine Ebene schwingt. und ich lasse mich von ihr tragen , die Schwingung tirfft mich leicht davontragend, es ist des Windes Bestimmung meine Teile miteinander fortzutragen, ineinander getrennt, zerteilen sie die Zeit, die Ewige. Sie trennt sich von Nichts. Ihre Stimme klingt endlos weiter, selbst wenn die Gondeln Trauer tragen.
Selbst wenn der weiße Mondkuchen wieder zwischen Bambusglocken lilablau erblüht. Die Maiglöckchen fressen ihre Erinnerungen und verdecken ihre Küsse in Mondesträume.

Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Auslöschung.
Vergeudete Chancen.
Ihre Stimmen ersticken wortlos.
Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Reise.
Erbeutete Chancen.
Ihre Stimmen erklingen wortlos.
Die Spezies fängt an zu weinen.
Als ich als kleinster Krümel noch versuchte die Welt abzubilden,
ergoss sich mir eine andere Art von Flut.
Ich verzweifelte. Und vergaß.
Ich entschloss und vergaß.
Ich vergaß. Leben. Das Leben. Ich, vergaß.
Ihre Stimmen. Ein Chor der Lockung.
Ich vergaß, ein Paradies der Wahrsagung. Eine Verzückung. Ein lustwandelndes kleinstes verköstigtes Etwas.
Eine Zündung. Eine Reißung. eine nie zerkeimende Verheißung, eine entschlüsselte Verkommenheit, ein Dialog. Endend.

Parabeln zur Pandemie 5: Die Blaupause – Finale

Freitag, April 10th, 2020

Ein Wunder war geschehen: So plötzlich, wie die hochgefährlichen Mehlwürmer in den ukrischen Salamibroten aufgetaucht waren, so rasch verschwanden sie wieder, genauer gesagt, so schnell verwandelten sie sich in normale, ekelerregende Mehl­wür­mer, wie wir sie schon immer kannten. In dem Ameisenbau, den sich die Königin nach der Flucht ihres Volkes gesucht hatte, kannte man die Kunlun-Milben nicht, kein Tierchen rannte mit geknickten Fühlern herum. Auch von der schreckliche Wuche­rungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit, die in Italien gewütet hatte, war plötzlich nichts mehr zu sehen. Stattdessen hatten manche Menschen sportliche blaue Flecken am Knie, leichte Blutergüsse am Hals nach einem leidenschaftlichen Kuß oder Pubertätspickel im Gesicht – ein Anblick, der uns nicht erfreute, aber an den wir gewöhnt waren. Schließlich wurde auch die Lügen-Pandemie geheilt: Wie durch ein Wunder kehrten die Menschen zur Wahrheit zurück, genauer gesagt, zu den Halb-Wahrheiten, mit denen sie seit Jahrhunderten gelernt hatten zu leben. Nun durfte auch der auf Lügner allergisch reagierende Richter aus seiner un­bequemen Position halb innerhalb und halb außerhalb des Gefängnisses freigelassen werden – er saß wieder in seinem Büro. Zuvor jedoch legte er den feierlichen Eid ab, nie wieder einen Menschen wegen Lügnerei zu verurteilen, sondern seine richterlichen Urteile so zu fällen, wie es das Gesetz dem Geist nach vor­sah: für Ver­brechen.

Die Mikroorganismen und die sonstige Tierwelt, die Ukrier, Italien und die Menschenwelt insgesamt – alle kehrten zu ihrem vorherigen, natürlichen Leben zurück. Die Dramatik der letzten Tagen, der Ausnahmezustand von Natur und Gesellschaft war nach kurzer Zeit wie weggeblasen. Die Freude über die wiedergewonnene Frei­heit überspielte alles. So schien es zumindest. Die Ameisenkönigin, die nun schon alt und leicht vergeßlich geworden war, entdeckte in der Nähe ihres neuen Staates mitten im Wald niedrig wachsende Sträucher, aus denen blaue Beeren hervorlugten. Doch nicht die Blaubeeren hatten es ihr angetan, sondern die kleinen grünen Blätter, die an den Sträuchern hingen: Stapelweise ließ sie die Blättchen herbeischaffen und begann auf ihnen, ihre Geschichte gegen das Vergessen niederzuschreiben: Wie sie den Kampf gegen die bösartigen Kunlun-Milben auf­ge­nom­men und mit ihrem Befehl, die Fühler einzuknicken, gewonnen hatte. Ihr neues Ameisenstaatsvolk wußte noch nichts von den Milben und lauschte gespannt den abenteuerlichen Geschichten der Königin. Die Brutpflegerinnen lasen die Blätter, dichteten Lieder daraus und sangen sie den Eiern vor, aus denen die neuen Ameisen noch nicht geschlüpft waren. Das ganze Volk war so fasziniert, daß sie die Blätter abschrieben und kopierten. Die findigen Tierchen ent­deckten, daß sich der Saft der Blaubeere vorzüglich als Tinte eignete. Und bald er­fanden sie eine Vervielfältigungsmethode, die die Welt verändern sollte: die Blau­pause. Indem sie die Blätter sorgfältig mit Blaubeerensaft einrieben, in der Sonne trocknen ließen und dann erst die Blätter übereinander stapelten, gelang es ihnen, die Geschichte ihrer Königin zu kopieren, indem sie nur das obere Blatt beschrieben, sich dabei aber mit ihren Füßchen von oben derart gegen den Stapel stemmten, daß sich die Buchstaben auch noch auf dem untersten Blatt in die getrocknete Blau­beeren­saft­schicht ein­kratzten.

Um ihrer Königin Anerkennung zu zollen, knickten die Ameisen freiwillig und ohne Bedrängnis durch feindliche Milben ihre Fühler ein und verzichteten auf die überholten Bräuche der Betrillerung. Die Königin war so entzückt von ihrem neuen Volk, daß sie einen Freudentanz über dem Bau flog und damit den Befehl verkündete: Tragt die Blaupausenblätter zu allen anderen Ameisenstaaten im Wald und lest ihnen meine Geschichte vor. Die Ameisen marschierten divisionsweise über Stöcklein und Moose, um dem Auftrag gerecht zu werden. Die Königin aber zog sich zufrieden ins Innere des Baues zurück und legte sich zur Ruhe. Kurz darauf gab es im ganzen Wald nur noch Ameisen mit geknickten Fühlern, die auf dem Rücken ein bekritzeltes Blaubeerblättchen wie einen Panzer mit sich herumschleppten und niemals fallen ließen – das ist unsere Bibel, sagten sie zu sich selbst. Als „Schildameisen“ gingen sie in die Biologie-Lehrbücher ein. Sicherlich habt ihr sie gesehen, wenn ihr in eurem Leben schon einmal die Gelegenheit hattet, durch einen Wald zu spazieren.

Nicht nur die Ameisen waren der wundersamen Kunst des Lesens und Schreibens mäch­tig, nicht nur die Ameisen hatten die Erfindung der Blaupause lieb­ge­won­nen. Auch die Menschen hörten davon und schauten sich von den vorbildlichen, fleißigen Tierchen die Technik ab, um ihre Geschichten gegen das Ver­gessen festzuhalten für künftige Generationen.

Der schlaue Orfin ließ sich von Staatsdichtern eine geheime Geschichte des ukri­schen Volkes in Knittelversen verfassen. Darin sangen sie Loblieder auf den heiligen Mehlwurm, der es Orfin ermöglicht hatte, ein Krönchen mit Haarspangen an seiner dünner und schütter werdenden Kopfbehaarung zu befestigen. Damit gelang es Orfin nicht nur, seine Altersglatze auf geschickte Weise zu verstecken. Das Volk himmelte ihn, als er einmal mit diesem glitzernden Kopfschmuck auf dem Balkon seines Regie­rungs­sitzes erschien, als König an. Nun konnte er nach Belieben schalten und walten, ohne jemanden fragen zu müssen. Während er vom Balkon aus Reden über den Schutz des Vol­kes vor gefährlichen Mehlwürmern hielt – eine dichterische Meisterleistung übri­gens, die in der Weltliteratur ihresgleichen sucht – wackelte er mit dem Hintern und gab damit seinen Lakeien und Ministern Anweisungen, was sie zu tun hatten. Es war eine besondere Form der Gebärdensprache, die sich der schlaue Orfin angeeignet hatte. Das Volk warf aus Angst und Abscheu gegenüber den gefährlichen Würmern sämtliche Brote und Brötchen in den Müll. Die Diener von König Orfin I. ließen sie nachts aus den Mülltonnen wieder einsammeln, in Wasser einweichen, zu Papp­soldaten formen und in der quälend heißen, ukrischen Sommersonne trocknen, bis die Figuren knochenhart waren. Nun erteilte der schlaue Orfin den in die Arbeitslosigkeit gestürzten Malern und Lackiereren einen lukrativen Staatsauftrag: Sie durften heimlich in den Palast kommen und gegen Bezahlung in Form von Logis und Kost den knochenharten Pappsoldaten aus recyceltem Semmelmehl bunte Uniformen an­malen. Sicher habt ihr schon von den magischen Fähigkeiten der Maler gehört: Wenn sie ihre Kunst gut beherrschen, verleihen sie den Geschöpfen auf der Leinwand Leben. Früher, als die Menschen noch Museen und Galerien besuchten, standen sie berührt oder begeistert vor ein paar Klecksen bunter Farbe, die sie „Gemälde“ nannten, und glaubten, lebendig in ferne Zeiten und Länder einzutauchen, während sie sich in Wirklichkeit nur im Hier und Jetzt befanden. Mit diesem Aberglauben, so predigte der schlaue Orfin nach vorn zum Volk von seinem Balkon aus, werde nun aufgeräumt. Nach hinten aber wackelte er mit dem Popo und befahl den Malern mit dieser Gebärde, ein Höchstmaß ihrer Kunst beim Bemalen der Pappsoldaten an den Tag zu legen. Binnen kurzem wimmelte es im Palast von farbenfroh anzusehenden, friedlich lächelnden Soldaten und Offizieren und Generälen, die tänzelnd durch die Säle schritten. Dabei krümelte es ein wenig von ihren Schultern und Gelenken, aber das kümmerte niemanden. Der schlaue Orfin hatte es dank seines unermüdlichen Krieges gegen die Mehlwürmer geschafft: Er hatte den Ukriern die mächtigste Streitmacht seit den Mongolen geschenkt. Davon kündete seine Geheime Geschichte der Ukrier in hymnischen Versen.

Die Ärzte in Italien hatten die schreckliche Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit er­folg­reich “eingedämmt” (ein Wort, als handelte es sich um eine Flut…), indem sie den Menschen gesichts­be­deckende Heilpflaster ver­ordneten. Anfangs waren die Heilpflaster Mangelware, mußten aus Fernost ein­ge­flo­gen werden, was ein logistisches Kunststück war angesichts des beinahe kom­plett eingestellten Flugverkehrs. So wunderte es nicht, daß ganze Flug­zeugbäuche mit den rettenden Gesichtspflastern bei einer Zwischen­landung im Kongo von Ureinwohnern geplündert oder CIA-Agenten beschlagnahmt wurden, wer genau, wußte niemand. Endlich aber trafen die ersten Lieferungen in Rom ein und konnten auf Eselskarren sicher bis ins reiche, aber von der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit besonders heimgesuchte Norditalien transportiert werden. Die Menschen nahmen die Rettung dankbar an und atmeten unter ihren Pflastern erleichtert auf. Außer der berühmten italienischen Streicheis- und Waffelindustrie konnten nun Produktion und Handwerk wieder hochgefahren werden. Einzig die Gelaterien erhielten Berufsverbot, denn der Verzehr von Straßeneis hätte massenhaft zu dem unverantwortbaren Phänomen geführt, daß die Bürger mitten im Sommer – in Italien war er ähnlich quälend heiß wie in Ukrien – ihr rettendes Gesichtspflaster kurzzeitig abgerissen hätten, um sich eine Kugel Eis in den Mund zu stopfen. Derart überholte, unhygienische Ernährungs­ge­wohn­heiten mußten konsequent ausgemerzt werden. Zu diesem Zweck befahl das Hygiene­ministerium, das nach dem Sieg über die schreckliche Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit das alte Gesundheitsministerium abgelöst hatte, in den Unabhängigen Staatlichen Rundfunk-Anstalten, abgekürzt USRA, weiterhin stündlich die garstigen Bilder von den Wucherungen, Schwellungen und Blasen zu zeigen – nicht weil sich die Krank­heit weiterhin ausbreitete, sie war besiegt und drohte dem Ver­gessen anheim zu fallen. Zur erwachsenenpädagogisch wertvollen Abschreckung der sorglosen, egoi­stischen und auf Kosten der Allgemeinheit schlemmenden Eisesser liefen die Bilder weiterhin über die Fernseher und wurden noch mit weit finsteren Bil­dern aus fernen Ländern, die weiterhin unter Wucherungen, Schwellungen und Bla­sen litten als unser schönes Italien, angereichert.

Zum Erfolgsrezept der Hygiene­behörde gehörten nicht nur die Gesichtspflaster, die bald schon in modischen Formen vertrieben wurden, und das generelle Eisessverbot, sondern die Isolation der älteren und ältesten Teile der Bevölkerung in speziell für sie eingerichteten „Alten-Camps“. In sicheren Heimen, fernab der großen Städte mit ihrem langsam wieder in Betrieb genommenen, hochansteckenden Theatern, Opern und Museen, konnten die Alten ihren Lebensabend genießen, blieben von lästigen Besuchen ihrer Kinder und Enkel verschont, wurden vom Pflegepersonal liebevoll sozialpädagogisch umsorgt – die pflegerische Fürsorge wurde übrigens per Stechuhr gerecht auf alle Bewohner der Camps verteilt und bei der Krankenkasse abgerechnet. Die böse Natur, die ihnen mit dem täglichen Älterwerden an den Leib zu rücken drohte, konnte den Älteren und Ältesten nun nichts mehr anhaben. Der Übergang in eine neue Ära – das Zeitalter des ewigen Lebens – stand unmittelbar bevor. Die Beamten des Hygieneministeriums sahen schon Jesus vom Kreuz herunterklettern und für ewig auf die Erde zurück­kehren – eine Phantasie, die in Italien und nicht zuletzt im Vatikan helle Begeisterung auslöste.

Nur die Kriminalpolizei, weiterhin Kripo genannt – das sei am Rande vermerkt, da es in der öffentlichen Diskussion in den Unabhängigen Staatlichen Rundfunk-Anstalten (USRA) nicht vorkam, hier aber die ganze Wahrheit berichtet werden soll – nur die Kriminalpolizei äußerte Bedenken gegen die Einführung der rettenden Gesichtspflaster, denn sie erschwere die Suche nach Einbrechern und Dieben, wie sich denken läßt. Im Schutze des Pflasters konnte geklaut und vergewaltigt werden wie nie zuvor. Die Opfer oder wie es nun hieß, die Geschädigten dieser schrecklichen Verbrechen waren nicht einmal imstande, laut zu schreien und Hilfe herbeizurufen. Auch die Schilderungen der Zeugen, die die Polizei zur Vernehmung ins Revier lud, beschränkten sich auf die Augen- und die Haarfarbe sowie den Satz: “Trug ein gesichtsbedeckendes Pflaster.“ Tausendfach wurden Ermittlungsver­fah­ren eingestellt. Noch nie sahen sich die Mafia und die Camorra so wirksam vom Staat unterstützt wie von der Einführung der Gesichtspflaster durch das Hygie­ne­ministerium. Die Schrecken der Verbrechen waren an die Stelle der schrecklichen Krankheit getreten – aber die Gesundheit war, das wußte jedes Kind auswendig, wichtiger als alles andere.

Die Rechtsstaatliche Staatspolizei, abgekürzt Restapo, lobte die Gesichtspflaster in hohen Tönen. Nach dem Sieg über die Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit waren Versammlungen und Demonstrationen wieder erlaubt. Insbesondere die Um­weltschützer hatten die Füße während der Quarantäne kaum stillhalten können und die Zahl der Petitionen im Internet war flutartig angeschwollen. Nun durften sie wieder auf Plätze und Straßen treten. Doch in der neuen Zeit erinnerten ihre Demonstrationen dank der Ge­sichtspflaster eher an Schweigemärsche. Sie wedelten ihre phantasievoll gestalteten Transparente durch die Luft, spielten zu Hause am Re­korder eingesprochene Reden ab – die Demonstrationen waren gemein­schaft­liche Hör­buchnachmittage. Ja, die Umweltschützer… Sie hatten während des Wütens der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit erlebt, wie radikal die Regierung zu einer Änderung der Lebens- und Wirtschaftsweise zu bewegen war. Nun schöpften sie Hoffnung: eine bessere Welt ist möglich, ließen sie auf den Demos durch Lautsprecher verkünden. Tatsächlich konnte man die Reden hinterher auf Audible nach­­hören, so daß es sich eigentlich gar nicht lohnte, wegen einer Demo auf die Straße zu gehen. Nicht einmal die Beamten der Restapo mußten ihre Büros verlassen. Sie konnten gemütlich im Zimmer bei einem Espresso, den sie sich mittels wiederverwendbarer Strohhalme aus ökologischem Bambus durch ihr Gesichtspflaster hindurch einflößten, ermitteln, welche staatsgefährdenden Gedanken von welchen Umweltschützern herausposaunt wurden. Auch die Ver­höre ließen sich dank der Gesichtspflaster wirksamer gestalten als früher: die Ver­nommenen hatten keine Chance zu erkennen, wer sie vernahm – da konnte die eine oder andere Folterpraxis wie Fingerbrechen oder Arm­auskugeln, die seit dem seligen Mussolini in Vergessenheit ge­raten war, un­ge­straft in die Verhörkeller zurückgeholt werden. Aber damit driften wir ins Reich der ge­heimen Blaupause ab, das eigentlich dem schlauen Orfin vorbehalten war. Mit dem wollte natürlich niemand etwas zu tun haben, diesem Wahnsinnigen, der sich für einen modernen Dschingis Khan hielt, schon gar kein Repräsentant unseres sauberen Italien…

Die Banken schrieben eine Blaupause, die sie in Form eines Forderungskataloges öffentlich an die Regierung herantrugen: Sie forderten – wie schon während der Krank­heit – die Fortzahlung nichtrückzahlbarer Fördergelder, genannt Zuschüsse, aus dem Staatshaushalt. Dank der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasen­krankheit wußten sie nun, wie das Staatssäckel geplündert werden konnte, wenn den Mini­stern der Boden unter den Füßen wankte. Ihre Hoffnung, der Regierung weitere Billiönchen zu entlocken, war nicht besonders groß, aber versuchen sollte man es. Vielleicht sprangen am Ende ein paar Milliönchen heraus.

Die Grenzschützer schließlich schrieben ihre eigene Blaupause für den Grenzschutz der neuen Zeit und spuckten sich vor Freude in die Hände: Standen vor Ausbruch der Krankheit noch alle Grenzen offen, das hieß, waren die Grenzschützer ständig von Arbeitslosigkeit bedroht, so hatten sie voll Erstaunen mit angesehen, wie schnell es möglich ist, alle Grenzen zu schließen, nicht nur die Landesgrenzen, auch die Grenzen der Bezirke und Provinzen innerhalb der Länder waren verschlußfähig – das hätten sie sich nie zu träumen gewagt. Neue Grenzpolizisten mußten ausgebildet werden, die sogenanne Innere Grenzschutzpolizei, genannt Igspo, die die genesenen Bürger nun davon abhielt, Ausflugsziele, Natur-und Kulturdenkmale aufzusuchen, sollte sich doch weiterhin jeder nur in seiner Bannmeile aufhalten, die auf 33 km vom Haupt­wohnsitz festgelegt worden war. Die neugeschaffene Igspo hatte Tag und Nacht zu tun, vor allem nachts sogar, denn besonders widerspenstige und asoziale Elemente suchten den Schutz der Dunkelheit, um sich über den Radius ihrer Bannmeile hinaus zu bewegen.

Die Regierung, das soll nicht verschwiegen werden, schuf sich ihre eigene Blaupause, in der sie ihre Erkenntnisse und Erfahrungen, die zum Sieg über die Krankheit beigetragen hatten, für künftige Eliten bewahrte. Ihre Blaupause hieß Strategiepapier und trug auf jedem Blatt einen Stempel mit der Inschrift „Verschlußsache: Nur für den Dienstgebrauch“ – ja auch diese Blaupause gehörte zum Reich der geheimen Depeschen, es sollte ja niemand verunsichert werden und an­fangen, an den Regeln der Demokratie zu zweifeln. Gerade jetzt verlangte die Regierung Loyalität und war sich doch unsicher, ob das Volk überhaupt noch auf sie hörte oder jeder einfach lebte, wie er wollte. Nun hatte sie mit ängstlicher Verwunderung beobachtet, daß sie mit einer Handvoll Dekrete sämtliche Freiheiten kassieren konnte, ohne dass sich der geringste Widerstand regte. Denn alle Ein­schrän­kungen dienten nur einem Zweck: dem Schutz der Gesundheit. Was sich vorm Auge der Regierenden – die sich übrigens bald schon Regenten nannten – abspielte, war eine Generalprobe. Aber wofür? Die Antwort auf diese Frage überlasse ich der Phan­tasie des Lesers…

All diese Beobachtungen und Erfahrungen wurden in den Geschichten gegen das Vergessen niedergeschrieben und festgehalten – sie galten als Blaupause für künf­tige Generationen. An die Stelle der Welt, wie Tiere und Menschen sie kannten, trat eine Welt der Kämpfe und Gegensätze: Die Polizisten der Kripo sabotierten die Beschlüsse des Hygieneministeriums, die Beamten der Restapo zersetzten die Be­we­gung der Umweltschützer, die Banken kochten wie eh und je ihr eigenes Süppchen, nur die Grenzschützer handelten vereint gegen alle, die sich nicht in ihre Wohnung verbannen ließen, jene unbelehrbaren Freiheitskämpfer, die nicht mehr an die Rechtmäßigkeit der herrschenden Ordnung glaubten und – wie die Regierung sagte – Opfer von Verschwörern geworden waren. Jede Gruppe folgte ihrer Blaupause und auf ihren Blau­beerblättchen war kein Platz für die Geschichte der anderen. Es war keine Zeit der Erlösung, wie es in den ersten Tagen nach dem Sieg über die Krankheit noch schien, sondern eine Zeit des Chaos und der Willkür. Keiner vertraute dem anderen, keiner konnte die Wahrheit mit den Händen greifen. Am Ende sah sich die Regierung genötigt, den schlauen Orfin um Amtshilfe zu bitten. Die knochenharten, krümelnden Papp­soldaten marschierten aus Ukrien ein und errichteten die auch im Rest Europas Monarchien.

Die Ameisen aber irrten mit ihren geknickten Fühlern ohne Betrillerung durch den Wald und fanden nicht mehr zu ihrem Bau zurück, wo die glorreiche vergeßliche Königin alleinselig einschlummerte und nicht mehr zum Leben erwachte.

Dem Auge

Freitag, April 3rd, 2020

Die Reise währt nun lange,
gelangte an den Ort
wo alles fließt

und weiter geht es noch -
doch nicht an einen Ort -
dass man es auch genießt…

* * *

Nun ist die Reise da
wo alles fließt

und weiter geht es noch
dass man es auch genießt:

O Hassesblick
der Venus,
mein wie dein -

so soll es sein!
Der Mensch sei, was genießt

* * *

was in des Körpers Falten
auf- und niederschießt
so gellend, gleich verstummt

im Zug nach oben
unvermummt
die leeren Kleider wehen, wehen lässt:

der Wind gefaltet
Luft bei Luft
getrennt, doch un-
getrennt der Raum
nicht Raum, wenn
Duft, dann Luft
nur vor dem Auge

Parabeln zur Pandemie 3: Die vergeßliche Ameisenkönigin

Mittwoch, März 25th, 2020

Von einer Brutpflegerin, die sich einsam im Sand eine sonnige Stelle gesucht hatte, hörten wir heute Mittag folgende Geschichte: Unser Volk hatte an einem Fußweg, der sich zwischen Wald und Feld hindurch schlängelte, seinen Hügel errichtet. Wir waren – wie alle Ameisenvölker – fleißig, hatten den Bau bereits mehrfach umgeschichtet und weitergetragen, an sonnigere und ruhigere Plätze. Seit sechzehn Jahren wurde unser Staat von einer klugen Königin regiert. Sie legte ausdauernd in jedem Frühjahr zwei- bis dreitausend Eier, damit es unserem Hügel gut ging.

Im Laufe ihrer langen Amtszeit hatte die Königin schon zahlreiche Unwägbarkeiten erlebt. Ihre größte Herausforderung war einst eine Milbenart namens Antennophorus. Diese stammte aus einem entlegenen Tal im fernen Kunlun-Gebirge.  Jene seltsamen Tiere, die auf nur zwei Beinen herumstaksen – unsere geflügelten Männchen bemerken sie in letzter Zeit immer häufiger in der Nähe unseres Hügels – hatten die Milben in einem Ding, das sie Flugzeug nennen, mitgebracht. Die Milben kitzelten uns Brutpflegerinnen im Bau, streichelten unsere Fühler und irritierten uns, so daß wir nicht aufhören konnten zu kichern, unsere eigentliche Aufgabe vergaßen und stattdessen tröpfchenweise eine zähe, weißliche Flüssigkeit absonderten, an der sich die Milben labten.

Ihr könnt euch vorstellen, wie er­schüttert die Ameisenkönigin war, als sie ihre wertvollen Eier ungepflegt in den Brutkammern herumkullern sah, während wir Brut­pflegerin­nen auf dem Rücken lagen, mit den Beinchen strampelten und grinsten. Eilends befahl die Ameisenkönigin, an einen sonnigeren Ort umzuziehen, denn Wärme behagte den Milben nicht, ab 27 Grad konnten sie nicht einmal mehr schlüpfen.

Emsiges Treiben begann und über Nacht war der ganze Ameisenstaat mitsamt seiner 80 Millionen Bewohner auf eine höher gelegene Lichtung umgezogen, eine Lichtung, die von jenen Zweibeinern neulich geschlagen worden war – sicherlich um mehr Sonnenlicht, auf die Erde fallen zu lassen.

Diese Zweibeiner – ihr wißt sicherlich, welche merkwürdigen Lebewesen ich meine – waren von der Natur nicht gerade beschenkt worden: Wir haben sechs Beine, mit denen wir unglaubliche Gewichte eilends davon tragen können. Dabei benutzen wir vier Beine zum Trippeln, die anderen beiden zur Transportsicherung. Oben wackelt auf dem Rumpf der Zweibeiner eine Kugel, die sie Kopf nennen, aber nicht einmal um 360 Grad drehen können. Mit ihren beiden Augen – wie lächerlich im Vergleich zu unseren Kom­plexaugen – können sie sich gerade einmal grob in der Landschaft orientieren. Nicht einmal infrarotes und ultraviolettes Licht nehmen sie wahr. Ihr Geruchssinn ist beinahe völlig ver­kümmert. Deswegen müssen sie sich Hunde halten, eine Vierbeinerart, die in vielerlei Hinsicht den Zweibeinern überlegen ist. Die Zweibeiner benutzen ihren Geruchssinn nur noch zur Nahrungsaufnahme, um herauszufinden, ob etwas eklig schmecken würde, würden sie es in den Mund nehmen. Wir dagegen können tausende Duftsekrete aussondern, mit denen wir uns über weite Entfernungen verständigen. Vor allem aber fehlen den Zweibeinern die Fühler, ich meine unsere genialen Antennen, mit denen wir nicht nur tasten, riechen und schmecken, sondern auch die Lufttemperatur und den Luftdruck, ja sogar den CO2-Gehalt in der Luft feststellen können. Das überrascht euch, nicht wahr? Auch die Zweibeiner wollen all das nicht glauben und halten sich selbst für die Krönung der Natur. Tatsächlich besteht ihre einzige Begabung darin, kleine Schachteln zu erfinden, mit denen sie alles mögliche messen und zählen, was ihnen die Natur nicht vergönnt hat zu empfinden…

Kaum hatte die Königin unseren Staat glücklich auf die Lichtung umgesiedelt, wo wir den Milben besser begegnen konnten, drohte das nächste Ungemach: Im Herbst tauchten die Zweibeiner mit Fässern auf, aus denen sie einen schwarzen zähflüssigen Brei auf den Feldweg sickern ließen, wo er erstarrte. Ein paar Tage später rollten die Zweibeiner in Schachteln auf vier Rädern vorbei. Sie zischten geschwind auf der schwarzen Bahn entlang, beinahe geräuschlos, und verpesteten die Luft. Unsere Fühler verklebten, wenn wir in die Nähe der geräderten Schachteln auf der schwarzen Bahn gekrabbelt waren.

Unsere Königin war alt und weise, sie wiegte lange ihren Kopf von links nach rechts und von rechts nach links, ehe sie beschloß, daß wir – zunächst einmal – auf der Lich­tung bleiben sollten. Seit langem schon überlegte unsere Königin, von ihrem Amt abzutreten und eine Jungkönigin heranzuziehen, damit frische Kräfte den Staat regierten. Die schwarze Bahn, die nun seit kurzem neben unserem Bau verlief, beunruhigte sie jedoch.

Daher trommelte sie fürs erste einen Beraterstab zusammen. Das heißt, sie versammelte alle geflügelten Männchen, die sich mit der Lage außerhalb unseres Hügels am besten auskannten sowie jeweils die fähigste Vertreterin der Brutpflegerinnen, Arbeiterinnen und Soldatinnen. Unter den Beratern befanden sich mehrere Experten für Milbenkunde – denn diese winzigen, beinahe unsichtbaren Parasiten – waren unser ärgster Feind. Außerdem gehörten Architektinnen und Bau­ingeneure, Ärzte und seit neuestem auch Forscher auf dem Gebiet der Anthropologie oder Zwei­beiner­kunde zum engeren Kreis um unsere alternde Köni­gin. Was hielt sie davon ab, zum Hochzeitsflug zu blasen, die Männchen los­flügeln zu lassen, um endlich eine der begabten Jungköniginnen zu begatten? Unsere Königin vermißte eine würdige, nein, eine fähige Nachfolgerin. Daher zögerte sie.

Vielleicht habt ihr noch nie davon gehört, daß Ameisenköniginnen von Natur aus mit einer besonderen Begabung aus dem Ei schlüpfen: Sie können instinktiv mit großen Zahlen umgehen, sie lernen weder das Permutationsgesetz noch Wahr­schein­lich­keits­lehre in der Ameisenschule – die Ameisenkönigin kommt mit diesem mathematischen Geheimwissen auf die Welt und stützt darauf ihre monogyne Macht über den Staat. Wie sollte sie ohne die Souveränität im Hantieren mit großen Zahlen den Umzug von 80 Millionen Individuen in einer Nacht dirigieren? Seit es Ameisen gab, also seit 130 Millionen Jahren, als von den Zweibeinern noch nicht mal ein Zwerg auf der Erde zu sehen war, beherrschen unsere Königinnen die mathematische Kunst.

Und unsere Königin hatte sie sechzehn Jahre lang kühl und konsequent bewiesen. Also würde es schon richtig sein, was unsere einzige Zahlenkünstlerin ent­schied, dachten wir – doch nun war sie sich selbst nicht mehr ganz sicher. In ihrem Expertenstab tummelten sich frische Geister, aufgeweckte und mit ihren Antennen hoch­sensible Berater – allein der Umgang mit dem Gesetz der Großen Zahl fiel ihnen schwer. Daher zögerte unsere weise und umsichtige Königin, den Hoch­zeitsflug auszurufen und eine neue Königin zu bestimmen.

Noch ließ uns der Winter in Starre verharren, da flüsterte ein besonders kecker und aufgeweckter Berater: „Antennophoren! Hilfe, Antennophoren, eine neue Art, wieder aus China herüber­gesegelt – Hilfe!“ Unsere Königin war noch im Winterschlaf versunken und regte sich erst einmal gar nicht. Keine Panik, dachte sie, was ist das für ein junger, aufgeregter Kerl, warten wir das Frühjahr ab. Die Tage vergingen, die Berater tuschelten und tauschten sich aus. Fast jeder hatte das berühmte Kribbeln auf den Fühlern verspürt, sie kicherten und kippten auf den Rücken, um mit ihren sechs Beinchen in der Luft zu zappeln. Zugleich war es ihnen überaus peinlich, denn in jedem Augen­blick konnte die Königin erwachen, und sicher würde sie erzürnen, wenn sie ihr höchstes Gremium bei einer Kicherparty erwischte. Also knickten die Berater ihre Antennen ein, um nicht mehr so empfindlich zu sein und ganz besonders ernst drein zu schauen.

Die Verhaltensänderung zeigte Wirkung. Die Königin regte sich, krabbelte aus ihrer Kammer, sonnte sich ein paar Tage und begann mit ihrem Frühjahrsgeschäft, d.h. sie legte Eier – Dutzende, Hunderte, bis es in die Tausende ging. Die Berater waren weiterhin unruhig. Sie trauten der Sonne und dem schönen Frühlingswetter nicht, irgendetwas lag in der Luft – eine neue, bisher unbekannte Antennophorus-Art. Während die Königin noch ein Ei nach dem anderen aus ihrem Unterleib drückte und in die Brutkammer schob, wo das Arbeitervolk sie sortierte und wir Brutpflegerinnen unserer Arbeit nachgingen, bildeten die Berater einen geschlossenen Ring um die Königin und sonderten synchron den Duftstoff aus, der höchste Gefahr signalisierte. Nun hob die Königin langsam ihren Buckel, drehte ihren Kopf einmal um die Runde und fragte: „Was wollt ihr?“ – „Schütze uns, große Königin, schütze uns vor dem neuen, bösen Antennophorus, der sich in unseren Bau eingeschlichen hat und sich zu vermehren beginnt, während du Eier legst. Siehst du nicht, wie schwach die Arbeiterinnen und Soldatinnen schon sind? Manche wackeln auf ihren sechs Beinen, statt stabil und akrobatisch Überlasten umherzuschleppen wie sonst.“

Die Königin kroch durch den gesamten Bau. Auffällig war, das in einer Ecke tatsächlich ein paar Arbeiterinnen und Soldatinnen ausgestreckt herumlagen. Nicht die Müdigkeit hatte sie außer Gefecht gesetzt, bemerkte die Königin, diese armen Tiere röchelten – sie rangen um Luft. Wenn nichts geschah, würden sie sterben. Die Königin sandte geschwind drei geflügelte Männchen aus, die Umgebung des Baus von außen zu beobachten. Als sie zurückkehrten, war klar, daß es sich bei der gefährlichen Ecke um die Seite des Hügels handelte, die der seltsamen schwarzen Bahn zugewandt war, auf denen die Zweibeiner in ihren stinkenden Schachteln vorbeirollten.

Noch bevor die Königin erneut einen Umzug befehlen konnte, befand sich der gesamte Staat in heller Aufregung – die Berater hatten ihr Duftsekret, das höchste Gefahr durch einen neuartigen Antennophorus verkündete, bereits überall im Bau verschmiert: Es könne im schlimmsten Fall dazu kommen, daß nicht nur 2000 Ameisen wie sonst zu dieser Jahreszeit, nein sogar noch 30 Ameisen mehr pro Tag sterben müßten, noch einmal in Worten: dreißig Tag für Tag zusätzlich. Das hieß sicherlich, dachten wir, binnen kurzem würde unser Volk aussterben. So glaubten und verkündeten es unsere kecken und aufgeweckten Berater. Das Unglück war geschehen: Unsere alte, weise Königin hatte zum ersten Mal in ihrer langen Amtszeit das Gesetz der großen Zahl vergessen. Es gelang ihr nicht, uns zu beruhigen und Zuversicht zu geben, indem sie sprach: „Meine lieben Töchter und Söhne, 30 sind keine 2000.“

Nun wimmelten 80 Millionen Ameisen durcheinander. Die Brutkammern wurden von zahllosen Beinchen überkrabbelt und der Nachwuchs in den Eiern angekratzt. Nun mußte die Königin reagieren und die Notbremse ziehen: Sie befahl dem gesamten Volk, die Fühler einzuknicken, damit keine einzige Ameise, auch nicht die kleinste, jüngste, flügellose Arbeiterin von dem vermeintlichen Kitzeln des neuartigen Antennophorus irri­tiert wird.

Wir Ameisen nehmen Kontakt miteinander auf, indem wir unsere Antennen kreuzen. Dies war mit geknickten Fühlern nicht mehr möglich. Mit dem Antennenkreuzen verloren wir unsere kollektive Intelligenz, mit der wir eigentlich den Zweibeinern, wie die Naturgeschichte zweifelsohne zeigt, weit überlegen sind. Indem wir uns „betrillern“, so nennen wir den Kontakt durch Berühren, lösen wir die schwierigsten Transport- und Kommunika­tions­probleme. Nun war die Betrillerung verboten. In Kürze fiel unser Bau auseinander. Die Halme und Stengel, die ihn einst kunstvoll zusammen gehalten hatten, wurden von niemandem mehr befestigt. Unser Volk lief mit geknickten Fühlern in alle Himmelsrichtungen auseinander. Die Königin blieb zurück. Doch sie war nicht alleine: ihre Berater umringten sie noch immer und blickten hoffnungsvoll zu ihr auf. „Wir müssen uns ein neues Volk suchen“, sprach die Königin ächzend, ließ sich Flügel wachsen, um in den Tiefen des Waldes nach einem anderen Ameisenhügel Ausschau zu halten, den sie auf ihre alten Tage noch regieren könnte.

Parabolischer Hyperbelast, elliptisch getrieben

Dienstag, März 24th, 2020

Zweimal hatten sie ihr nun schon den Rechner lahmgelegt, ihr Arbeitsgerät. Ja bilden die sich wirklich ein, dass sie das dürften?! Sie begann zu atmen, Bilder glitten ineinander und verwandelten sich eins ums andere ineinander.
Quantentränen in Kadmiumträumen
das Meer, das Meer unsäglich
Lichtquanten: ich mag minimal art, ich mag David Hume.
*
In einer Jurte sitzend, Puschkin übersetzend

“Es dämmerte.”

Corona

Sonntag, März 22nd, 2020

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der
Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

Robinson und Telemach

Donnerstag, März 19th, 2020

H.Z.

1 : Liebt euch !

2 : x x y v.v.

3 : In dieser Schule brauchen die Kinder nicht zu lernen, was sie nicht wissen.

- – -

nach Marguerite Duras, Sommerregen

* * *

Sonntag, März 15th, 2020

Nun werde ich endlich geliebt um der Liebe willen.
Kälte im Ostwind auf früh erwachenden Tages Lippen.
Nun werde ich auch geliebt vor den leeren Spiegeln,
keine Bilder darin als die reine, die nackte Geometrie.
Nun werde ich wieder geliebt für das Kind einer
Liebe, die aus Zweien eins macht
mit Rest Un-
endlich.

* *

Angekommen im Niemandsland der Seele streife ich am Morgen mein schwarzes T-Shirt über, die Blöße offenen Denkens lässt sich nicht mit Worten bedecken

*

Über das schwarze T-Shirt einen weißen Pullover, die Fenster weit auf zum Durchlüften, den Türspalt als Spalt für Licht und … Katze,

Laterna Magica

Samstag, Februar 15th, 2020

„Gerade dir muss doch klar sein, dass es solche schrägen Vögel gibt. Die nicht nur im Garten rumhumpeln, sondern sich kreativ betätigen wollen. Was also hast du gegen die Idee?“, hatte Eduard einen Monat zuvor gefragt, die Visitenkarte einer Kurklinik in der Hand.

Seine Eifersucht war ein Spiegel, aus den Scherben der Geschwätzigkeit zusammengekehrt.

Sie zogen in eine Stipendiatenwohnung neben dem Kurgarten. Eine Künstlerwohnung, nannten sie es. Stipendiaten einer Stiftung für betreutes Wohnen und Kurheime, das war es, was die Gemälde ihnen eingebracht hatten. Die Vergeber dieser Stipendien waren nicht kleinlich. Morgens frische Äpfel. Ein eigener Balkon. Esther klappte zuweilen das Visier ihres propellerartigen Sommerhutes nach oben, um ihnen in die Augen zu sehen. “Alte und Kranke, unsere Arbeitgeber. Keine Pflegefälle, sondern schimpfende Geister.”

Vyvyan: “Ich werde regelmäßig bezahlt, die Leute sind wach genug, ich muss ihnen nicht die Hände führen. Hintern wischen überlasse ich Eduard. Miranda sagt, dass er mich immer noch liebt. Ich hingegen liebe meine Schwester, wenn sie so etwas Blumiges sagt. An meinen Augen fliegen langweilige Klischees wie eine Laterna Magica vorbei. Licht- und Feuerstürze. Ich stehe morgens auf und immer ist es heiter. Die Maisonne leuchtet, und die Alten kommen langsam auf den Gedanken, ihre schrumpeligen Finger, die runzlige Hühnerhaut ihrer Hände in Farbeimer zu tauchen.”

Einer, zu nichts als zum Müßiggang begabt, an Eduards Seite.

Er öffnet zeitig die Gardinen und schält sich aus seinem Frack. Sein Haar wird an den Schläfen grau. „Ich bin der Hampelmann und ende damit, diese älteren Herrschaften für Öl und Glanz auf faltigem Papier zu begeistern. Selbst zeitweise pflegebedürftig, gebe ich den Rest meiner fettreduzierten Tage an die AG malende Kurpatienten. Dass Esther nun in der Presseabteilung der Klinik arbeitet, ist ein Muster in Gottes Plan.“

Onkel Albert wiegt den Kopf, und Esther erscheint es wie das Pendeln einer Küchenlampe. Alberts Lieblingssport: „Vyvyan, es ist gut, dass du hier bist. Du machst etwas Solides. Und Esthers Werbetexte gefallen mir, ihre schwarze Schrift neben den Fotos von Gudruns Lebenselixir.“

So führten sie Reden, die das Altern ermöglichten.

abhängig

Freitag, Februar 7th, 2020

deine Worte
das Rauschen von Muscheln
am Ohr
dem Kind war es
das ganze Meer

Gesang der Wale
dröhnende Bohrinseln
Geschmack von Salz
von Öl im Gefieder
Friedhofstille

deine Worte brennen
über harten Narben
über das weite Meer

antianti

Dienstag, Februar 4th, 2020

Und am schlimmsten war immer noch der uneingestandene Neid der Erwachsenen auf die Kinder, der sich in der Rede ausdrückt, etwas müsse so sein.

Nein: noch schlimmer als der uneingestandene Neid war das irgendwann auf ihn folgende

Bekenntnis

..

wozu auch immer

versunken

Sonntag, Januar 12th, 2020

die feine Reibung von Kieselsteinen
erzeugt ein Knirschen
das ich Schritt für Schritt genieße
umgeben von Natursteinen Zwergkiefern
und wiegenden Gräsern
hier springt ein Bach über Felsen
beruhigt sich im See
Spiegelbild und Tiefe
Mythen steigen auf
am Feuer
an Höhlenwände gezeichnet
vertraute Spuren
die entblößen

Novemberlicht (für M.)

Donnerstag, Januar 9th, 2020

Die Pappelallee vergoldet.
Wortfetzen hallen
über den See.
Glitzernde Wellen
im schrägen Schein
der blassen Sonne.
Letzte Blumen
begleiten Gedanken
an den Sommer.
Fröstelnd zieht
der Boden sich zusammen,
atmend in den Nebel,
bedeckt sich mit Laub,
- wie die Jungfrau
mit dem Laken -
alt und doch wieder
unschuldig nach
getaner Ernte.
Vertrocknete Äpfel
im Geäst, bewacht
vom zeternden
Hüter den Waldes.
Rote Beeren im
hellen Grüngelb.
Vogelschar – fliehend -
mit Sehnsucht
nach Wärme.

Nov. 2019

für silvio

Montag, Januar 6th, 2020

der mensch ist nichts

die menschheit sterblich

- was ist der mensch?

nichts

ohne menschheit

* * *

doch mensch nicht menschheit

menschheit kein mensch

grauzeiten

Freitag, November 29th, 2019
nun entblättert sich der baum
still ist es draußen
in der dämmerung atmen wir frieden
berühren unsere sprache
mit den küssen des fallenden regens
ich erzählte dir von den herbsttagen
der wind torkelte ums haus
und auf dem tisch lagen
gedichte von Hesse und Kästner
die sehnsucht hängt schief im raum
nächte fallen ins leere
du fragst dich
nach dem grund meiner abwesenheit

Rückkehr

Mittwoch, November 27th, 2019

Auf gewohnter Straße. Bäume, Lichter, Plakate färben das Gedächtnis. Hauseingänge riechen nur hier so. Mein Gang wird schneller, die Schatten dunkler. Ich höre die Fragen ihrer Gesichter.
Auf dem Stadtplan irre ich zwischen Namen. Taste die Stadtmauer entlang. Durch den grauen Graben hinauf zur Burg. Falken stechen in den Horizont. Er glüht. Am Drehkreuz kehre ich um, sinke in das Tal. Weit bis zur Bergkette. Bin da. Ohne Ort.

S.

Montag, November 18th, 2019

Tränen netzen
mein Gesicht.
So nah wie einst,
so fern doch jetzt.
Nicht mehr eigen
Fleisch und Blut.
Unbekannte Fremde,
aufgebrochen ins
Land ohne Halt.
Zerstörung des Selbst
auf unbekanntem Pfad,
jenseits von Sinn
und Verstand.
Tastend ins Nichts,
begleitet von
düsteren Gestalten,
ohne Liebe.
Verlierend das eigene Ich.
Trostlos rücklassend mich.

atemübungen mit lungenfischen

Montag, November 18th, 2019

wir machen atemübungen mit den lungenfischen
survivaltraining im schlamm
was das anbelangt
sind sie uns voraus
mindestens 200 millionen jahre
auch beim totenkult den liedern und gebeten
lungenfische glauben nicht an ein jenseits
eine wiedergeburt oder auferstehung
ewiges leben dauert bei ihnen höchstens 100 jahre
von ihren ahnen haben sie die lungen
und die traurigen augen

lungenfische

Montag, November 18th, 2019

messe ich die welt mit dem maß der lungenfische
sind drei nächte noch kein vers
sieben kein gedicht
öffne ich die tür zum totenreich für die stimmen
formen sargnägel einen fluss
heilige finsternis bleibe
verdammte finsternis weiche

atmen die lungenfische die tage
stehen sterne immer am firmament
krümmen sich ihre schatten gegen die unendlichkeit
ewig ist ein kurzes wort
wie viel länger sein sinn
GIWE
kehrst du zurück

in ein trockenes flussbett legen wir uns zu den lungenfischen
und warten auf wasser
dass es benetzt unsere lippen unsere zunge unsere stimme
dass wir singen gegen den sturm
der aus dem felsenschlund kommt
dem menschenschlund
in deinen händen hältst du die enden der welt

gib mir ein leichentuch und ich zeige dir ein grab