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Pandemische Paradoxien 2: Zahlenspiele

Montag, März 30th, 2020

Wir hatten 2019/20 einen ausgesprochen milden Winter. Die Sterblichkeitsrate in den Monaten Dezember 2019 bis März 2020 flachte sich europaweit ab. EuroMOMO, das europäische Projekt zur Überwachung der Sterblichkeit, erfaßt mit standardisierten Verfahren in Echtzeit die Anzahl von Todesfällen im Zusammenhang mit Bedrohungen der öffentlichen Gesundheit in den teilnehmenden europäischen Ländern. Die Standardisierung der Erhebung wird erreicht durch folgende Maßnahmen:

  • Bestandsaufnahme der nationalen Mortalitätserfassung
  • Klärung von Mindeststandards an die Mortalitätserfassung
  • retrospektive Analyse von Mortalitätsdaten zur Untersuchung der Mortalitäts­dynamik (Veränderungen, Trends usw.) einschließlich Re­gres­sions­techniken und anderer Ansätze zur Zeitreihenanalyse
  • Vergleichsanalysen mit historischen Mortalitäts-, Morbiditäts- und Umweltdaten
  • Etablierung eines einheitlichen analytischen Ansatzes
  • Pilotprojekte zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Verfahrens  für die Echtzeit-Mortalitätserfassung
  • Fragebogenerhebungen bei den EU-Mitgliedsstaaten
  • Literaturauswertung

Das System ist seit 2009 in Betrieb und wird kontinuierlich in den europäischen Ländern eingesetzt, die die Mindestanforderungen erfüllen, nachdem im Frühjahr 2009 die sog. “Schweinegrippe” ausgerufen worden war, die ohne gravierende Folgen für die öffentliche Gesundheit blieb, aber enorme Kosten für die vorsorgliche Beschaffung von Impfstoffen verursacht hatte. Auf Grund­lage der zeitnahen, standardisierten und koordinierten Erhebung der Sterb­lichkeit gelang es im Winter 2009/10,die Re­gierungen und Behörden in den europäischen Ländern zur angemessenen Vor­be­reitung der Gesundheitssysteme auf die Auswirkungen der Infektionswelle zu be­wegen. Wir haben es hier mit der aus wissenschaftlicher Sicht solidesten Datenbasis zu tun, die gegenwärtig zur Beurteilung der Sterblichkeitsrate in den europäischen Ländern zur Verfügung steht. Aufgrund ihrer hohen Standardisierung erlaubt sie den Ver­gleich der Kennziffern über die Ländergrenzen hinweg.

 

Pooled-number 2020-12

Abb. 1: Mortalität in Europa von 2016 bis Ende März 2020, differenziert nach Altersgruppen

 

Die Abbildung zeigt die Sterblichkeitsziffer, zu­sam­mengefaßt für die teilnehmenden europäischen Länder von der vierten Kalenderwoche 2016 bis zur zwölften Kalenderwoche 2020. Anhand der unteren drei Verläufe sehen wir in jahreszeitlicher Rhythmik ein Anschwellen der Sterblichkeit in den Wintermonaten, d.h. in etwa von der 40. Kalenderwoche (Herbst) bis zur 12. Kalenderwoche des darauffolgenden Jahres (Frühjahr) – der Volksmund hat dafür den Begriff „Grippewelle“ geprägt. Wir sehen außerdem eine besonders hohe und breite Verteilung der Todesfälle im Winter 2017/18. Schließlich ist zu erkennen, daß die Sterblichkeit im Winter 2019/20 im Vergleich zu den drei Vorjahren deutlich zurückgegangen ist und sich die Kurve gerade in den Monaten Februar und März abgeflacht hat – vermutlich dank des extrem milden Winters, von dem die Metereologen sagen, es sei der wärmste Winter seit Beginn der Wetter­auf­zeich­nungen. Hier soll es aber nicht um den Klimawandel gehen. Von einer Steigerung der Mortalität durch Covid19 kann aus dieser Perspektive nicht gesprochen werden.

Dagegen läßt sich einwenden, daß sich die tödliche Wirkung des neuartigen Coronavirus nicht in der zusammenfassenden Datenaggregation für Europa, sondern nur in den Sterblichkeitsziffern einzelner, besonders betroffener Länder zeigt. Um diese Hypothese zu überprüfen, soll ein Blick auf folgende Abbildung geworfen werden:

 

Multicountry-zscore-Total 2020-12

Abb. 2: Vergleich der Mortalität in Europa von 2016 bis Ende März 2020

 

Tatsächlich sehen wir auch bei der nationalen Aufschlüsselung der Mor­ta­litätsziffern für die meisten europäischen Länder eine Abnahme der Sterb­lichkeit im Winter 2019/20. Ausnahmen bilden Italien und die Schweiz. Deutlich wird jedoch, daß die Mortalität in allen europäischen Ländern – einschließlich Italien und Spanien – im Winter 2019/20 geringer ausgefallen ist als in den Jahren zuvor. Die blaue Farbe am Ende der Kurve bedeutet, daß der Verlauf durch die Verzögerung der Meldungen durch die nationalen Behörden an EuroMOMO teilweise geschätzt wurde und sich zu einem späteren Zeitpunkt noch verschieben kann. Die Autoren von EuroMOMO merken dazu an: „In den letzten Tagen hat der EuroMOMO-Hub viele Fragen zu den wöchentlichen Gesamtmortalitätsdaten und dem möglichen Beitrag einer COVID-19-bezogenen Mortalität erhalten. Einige fragen sich, warum in den gemeldeten Sterblichkeitszahlen für die von COVID-19 betroffenen Länder keine erhöhte Mortalität beobachtet wird. Die Antwort lautet, daß eine erhöhte Mortalität, die hauptsächlich auf subnationaler Ebene oder in kleineren Schwerpunktbereichen auftreten und / oder sich auf kleinere Altersgruppen konzentrieren kann, auf natio­naler Ebene möglicherweise nicht nachweisbar ist, insbesondere nicht in der zusammengefaßten Analyse auf europäischer Ebene, wenn die Zahl der Gesamt­bevölkerung den Nenner bildet. Darüber hinaus verzögert sich die Re­gi­strierung und Meldung von Todesfällen häufig um einige Wochen. Daher müssen die EuroMOMO-Sterblichkeitszahlen der letzten Wochen mit einiger Vorsicht inter­pretiert werden.“ (EuroMOMO, Download am 30.3.2020, Übersetzung: VK).

Wir können dieser Anmerkung zwei Aspekte entnehmen: Erstens die aktuellen Daten sind noch mit Vorsicht zu betrachten – dies gilt auch für die Analysen von EuroMOMO. Zweitens führt der Maßstab der Gesamtbevölkerung dazu, daß eventuelle Steigerungen der Sterblichkeit in bestimmten Altersgruppen statistisch nicht hervortreten – für die Einstufung einer Krankeit als Epidemie bzw. Pandemie sollte aber die Auswirkung auf die Mortalität in der Gesamtbevölkerung eine entscheidende Rolle spielen, um weitreichende rigide Maßnahmen für eben diese Gesamt­be­völ­kerung zu rechtfertigen.

Damit gelangen wir von der Betrachtung der soliden Ziffern in Bezug auf die Sterblichkeit in den europäischen Ländern zur aktuell unsicheren Datenbasis, die momentan von den staatlichen Gesundheitsbehörden und den öffentlichen Me­dien in Bezug auf das neue Coronavirus verbreitet werden und den Regierungen als Begründung für massive Einschränkungen der bürgerlichen Grundrechte herangezogen wurden. Im Unterschied zu den Angaben von EuroMOMO sind diese Datenbestände gekennzeichnet durch:

  • gravierende Unterschiede der nationalen und regionalen Erfassung der Infektion und Mortalität
  • fehlende Definitionen, ob die erfaßte Sterblichkeit ausschließlich, haupt­sächlich oder nur beiläufig durch das neuartige Coronavirus verursacht und entsprechend zu zählen ist
  • die täglich wechselnde Grundgesamtheit der Erhebung infolge fortlaufender Er­höhung der Zahl der Tests
  • fehlende Analyse statistischer Trends, Vernachlässigung probabilistischer Teststatistiken wie odds ratio (Verhältnis von positiven zu negativen Befunden), Zeitreihen- und Regressionsanalysen
  • fehlende Bemühung um Einheitlichkeit und Mindeststandards für die Erfassung der Infektion durch Covid-19 und der damit zusammenhängenden Mortalität in den europäischen Ländern
Als wissenschaftlich unhaltbar gelten zum einen die Verwendung allein der Zahl der Positivbefunde unter Ausblendung der Datenbasis (d.h. der Gesamtzahl N der angewandten Tests) sowie zum anderen der Vergleich der Infektionszahlen zwischen Ländern mit unterschiedlicher Erhebungs- und Zählmethodik. So ist bei­spielsweise bekannt, daß die italienischen Gesundheitsbehörden nicht zwischen Verstorbenen „an“ oder „mit“ Covid-19 oder sonstigen Todesursachen unter­scheiden (Tagesschau vom 21.3.2020). Derart unsaubere Zählweisen eignen sich nicht zur weiteren Auswertung.

Es wird viel über die täglich verbreiteten Zahlen diskutiert. Insbesondere der “Verdoppelungszeitraum” wird gegenwärtig als Kriterium zur Lockerung der rigiden Schutzmaßnahmen herangezogen. Angela Merkel nannte am 28. März als Cut-off-Kriterium einen Verdoppelungszeitraum von 10 Tagen, um die Ein­schrän­kungen der elementaren Grundrechte wieder aufzuheben. Nun dürfte jeder Schülerin im Physikleistungskurs klar sein, daß eine Vergleichbarkeit der Test­ergebnisse nur dann gegeben ist, wenn an den Randbedingungen nichts verändert wird. Gerade dies ist aber, wenn man den Blick auf die Zahl der Positivbefunde einengt, nicht der Fall. Um zu einer valideren Beurteilung der statistischen Angaben zur Verbreitung des neuartigen Coronavirus zu gelangen, ist die Berücksichtigung der Baseline und der Zahl der Testungen eine unabdingbare Voraussetzung. Daß die Zahl der an­ge­wandten Tests den maßgeblichen Virologen nicht bekannt sei, sondern nur grob geschätzt werden könne (Drosten am 26.3.2020), verwundert sehr. Das Robert-Koch-Institut hat die örtlichen Gesundheitsämter Anfang März verpflichtet, auch die Zahl der Negativbefunde zu melden. In erster Näherung kann daher – wenn man die Zahl ungültiger oder möglicherweise nicht eindeutiger Tests vernachlässigt – die Summe der positiven und negativen Befunde als Schätzung für die Gesamtzahl der vor­genommenen Tests herangezogen werden. Damit sollte es ge­lingen, den angststarren Blick von den Absolutzahlen zu lösen.

Am 19. März berichtete die Deutsche Krankenhausgesellschaft: „As the German Hospital Society (DKG) announced on Thursday, 167,009 samples were tested in 148 laboratories by the end of last week, of which 6540 were positive.” We interpret ‘the end of last week’ as the 15 March.” (zitiert nach ourworldindata.org, Download vom 22.03.2020). Am 26.3.2020 erwähnte Andreas Gassen, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, 410000 Labortests in Deutschland im Zeitraum vom 9. März an mit einer Positivrate von 6.8% (zitiert nach Focus Online, Download am 30.3.2020). Am selben Tag waren im Lagebericht des RKI (S. 5 f.) die ersten Ergebnisse einer Laborumfrage (174 beteiligte Labore) enthalten. Am 1. April veröffenlichte das RKI zudem die Aktualisierung der Laborumfrage bis einschließlich zur 13. Kalenderwoche. Folgende Übersicht stellt den Versuch dar, die Zahl der be­rich­teten Positivbefunde mit der Gesamtzahl der Testungen aus diesen Quellen ins Ver­hältnis zu setzen:

Datum

Summe der Tests (N)

Positiv-Befunde absolut

Positiv-Befunde in %

Todesfälle

02.03.2020  (RKI)

(1000*)

130

(13*)

0

05.03.2020

(RKI Lagebericht)

400

0

15.03.2020 (DKG)

167.009

6540

3,9

15.03.2020 (RKI Lagebericht)

4.838

12

11. KW (RKI Laborumfrage)

127.457

7.582

5,9

26.03.2020

(RKI Lagebericht)

36.508

198

26.03.2020 (KBV)

410.000

27.880

6,8

26.03.2020

(RKI Laborumfrage)

483.295

33.491

6,9

12. KW (bis 26.3., (RKI Laborumfrage)

348.619

23.820

6,8

29.03.2020 (RKI Laborumfrage)

918.460

64.906

7,06

01.04.2020 (RKI Lagebericht)

67.366

732

17.04.2020

3.900.000*

273000*

Quellen: RKI (Lagebericht vom 05.03.2020, 15.03.2020, 26.03.2020, 01.04.2020), DKG – Deutsche Kranken­hausgesellschaft (ourworldindata.org), KBV – Kassen­ärztliche Bundesvereinigung, * Schätzung / Hochrechnung

Zunächst fällt auf, daß bei der Umfrage des RKI von den Laboren weniger Tests angegeben wurden, die aber eine höhere Positivrate aufweisen, als im Bericht der DKG, wo die Positivrate trotz höherer Zahl der Tests deutlich geringer ausfiel. Vergleicht man die Differenzen zwischen dem 15. und dem 29. März, mutet das Ergebnis geradezu trivial an: Mit der exponentiellen Steigerung der Zahl der durch­geführten Tests steigt auch die Zahl der Positivbefunde. Beide Variablen unter­scheiden sich lediglich durch eine lineare Verschiebung und ihr prozentuales Ver­hältnis ist nahezu konstant. Dies gilt zumindest solange, bis die Dunkel­ziffer aus­geschöpft ist.

Oddsratio_corona_2020-04-02

Abb. 3: Zahl der Tests und Positiv-Befunde des neuartigen Coronavirus in Deutschland

Mit anderen Worten: anhand der täglich berichteten Absolutzahl der positiv ge­testeten Personen ist nicht erkennbar, ob sich der Virus weiter ausbreitet oder ledig­lich bereits infizierte Personen mit mildem Verlauf oder ohne wahrnehmbare Symp­tome erfaßt werden. Beide Einflüsse sind in der Absolutzahl der positiv Getesteten kon­fundiert. Die Dunkelziffer wird von manchen Experten im Maximum auf das 20fache der Positiv-Getesteten geschätzt (Gert Antes im Spiegel vom 31.3.2020) – was ein gutes Zeichen wäre, denn damit würde die Mortalitätsrate sinken und die Immunisierung wachsen. Die vorläufige Analyse des prozentualen Ver­hält­nisses der Positiv­befunde zur Gesamtzahl der Testungen laut Laborumfrage des RKI deutet eher auf eine Abschwächung hin: hier ist zwischen der 11. und 13. Kalenderwoche lediglich ein Unterschied von einem Prozentpunkt fest­zustellen, der sich zwischen den Variablen „Ausbreitung des Virus“ und „Auf­deckung der Dunkelziffer“ aufteilt (in welchem Ver­hältnis wissen wir nicht). Bei einer exponentiellen Ausbreitung des Virus wäre zu erwarten, daß die Zahl der positiv Getesteten der Zahl der Testungen „davonläuft“ bzw. sich der Prozentsatz der Positivbefunde sprunghaft erhöht. Dies ist bisher in Deutschland nicht der Fall. Legt man für eine kon­servative Schätzung den geringen Prozentsatz der Infizierten zugrunde, der von der Deutschen Krankenhausgesellschaft am 15. März gemeldet wur­de, so ist auch nach 14 Tagen noch keine Verdoppelung erreicht. Angela Merkels Kriterium müßte demnach bei Berücksichtung der „fieberhaften“ Steigerung der Testaktivitäten in den Laboren, bereits jetzt als übers­chritten gelten.

Bemerkenswert ist am Rande, daß der Lagebericht des RKI zudem etwa 3000 mehr Infizierte angibt, als in der Laborumfrage insgesamt als „positiv getestet“ angegeben wurden – handelt es sich hier um Infizierte, deren Befund freihändig ohne Labortest diagnostiziert wurde?

9.5% der positiv getesteten Personen wurden bis Ende März in ein Krankenhaus auf­­­­genommen, 1.5% litten an einer Lungenentzündung (RKI Lagebericht vom 1.4.2020, S. 5, hier jedoch bezogen auf die Gesamtzahl der Positiv Getesteten ein­schließ­­lich der Menschen ohne klinische Symptomatik). Wagen wir auf dieser Grundlage eine grobe Schätzung: Ab April 2020 soll die Zahl der Tests in Deutschland auf 200000 pro Tag erhöht wer­den. Damit  ist trivialerweise zu erwarten, daß auch die Zahl der positiv getesteten Men­schen weiter steigt (siehe Tabelle). Prozentual ist von einer rapiden Abnahme der Zahl der Infizierten auszugehen, wenn die Ränder des Dunkelfeldes erreicht werden.

Für die Prognose behalten wir den bisher stabilen Wert von 7% jedoch bei. Kalkuliert man konservativ, daß keiner von diesen Patienten ent­lassen wurde und wird (was unrealistisch ist), ergäbe sich für Mitte April eine Betten­belegung von 25953. Bei 4095 Patienten würde eine Lungen­entzündung auftreten. Tatsächlich sind viele der seit Anfang März wegen Covid-19 im Krankenhaus unter­gebrachten Patienten wieder entlassen worden. In seiner eigenen Modellierung vom 20. März geht das RKI von 14 Tagen Aufenthalt im Krankenhaus und 10 Tagen auf der ITS aus. Es ist nicht anzunehmen, daß die Patienten in Zukunft vier bis sechs Wochen, sondern weiterhin etwa 10-14 Tage stationär behandelt werden, viele noch kürzer, einige mit schweren Verläufen auch länger. Dies be­deutet, daß die Betten­auslastung Mitte April etwa bei 8651 zu erwarten ist (wobei sich Schätzungen dieser Art natürlich in einem Fehler­intervall bewegen).

Eine Über­forderung des medi­zinischen Systems er­scheint da­mit unwahrscheinlich. Voraus­sichtlich müssen nicht alle dieser Pa­tienten auf der ITS versorgt werden. Dort stehen momentan ca. 16000 Betten zur Verfügung, davon ist die eine Hälfte der Betten frei und die andere Hälfte könnte lt. RKI binnen 24 Stunden neu belegt werden. Die hier vorgenommene Schätzung ist nicht „smart“ in dem Sinne, daß sie lokale Unterschiede berücksichtigt. Es kann in einigen Regionen vorkommen, daß die Betten ausgelastet sind und in anderen weiter­hin frei stehen. Diese Situation ist nicht neu, sie besteht auch für andere Krankheiten. Für eine optimale Nutzung erscheint eine trägerübergreifende Vernetzung der Kran­kenhäuser vordringlich, so daß Ärzte in Echtzeit sehen können, wo sich die nächst­gelegenen freien Bettenkapazitäten befinden.

Das moralische Dilemma, das häufig als unzumutbar für die behandelnden Ärzte bezeichnet wurde und ein Generalargument für die Kontaktverbote darstellt, wurde im übrigen bereits vorauseilend von den Kliniken in Angriff genommen: Die Ärzte haben bereits jetzt entschieden, welche Operationen ausgesetzt oder verschoben werden, damit Betten für eventuelle Covid-19-Patienten frei werden – die ethische Fragwürdigkeit derartiger Entscheidungen wird zu diesem Zeitpunkt dadurch verschärft, daß sie nicht durch eine reale, sondern lediglich durch eine erwartete  Not­lage motiviert sind.

Ein Blick auf die Altersstruktur der mit Covid-19 Verstorbenen zeigt: „Der Alters­median liegt bei 82 Jahren, die Spanne zwischen 28 und 105 Jahren. Von den Todes­fällen waren 631 (86%) Personen 70 Jahre und älter.“ (RKI Lagebericht vom 1.4.2020). Den höchsten Anteil an den Verstorbenen haben die über 80jährigen – und dieser Umstand ist in allen Ländern, von Beginn des Ausbruchs von Covid-19 bis heute, durchgängig zu beobachten, bereits in den kleinsten Fallzahlen aus Deutschland von Anfang März – das heißt, es ist mit Sicherheit davon aus­zugehen, daß ihr Tod zu keinem Exzeß in der alljährlichen Mor­talitäts­ziffer führt.

Wir haben es vielmehr mit einer tiefergehenden, gesell­schaftl­ichen und kulturellen Frage zu tun: Wie gehen wir mit dem Altern, mit teilweise unausweichlichen und un­heilbaren Alterskrankheiten und schließlich mit dem un­ver­meid­lichen Tod um? Wie wollen wir damit umgehen? Alte Menschen in Heimen und Kranken­häusern ein­zusperren und zu isolieren, ihnen nur noch wie Astronauten in Schutzkleidung zu begegnen und zugleich den Beistand ihrer liebsten Angehörigen zu verwehren, um sie somatisch länger am Leben zu erhalten, das erscheint – gerade aus ethischer Sicht – als eine äußerst fragwürdige „Lösung“. Welche Qualität hat das Leben dann noch? Und welche Risiken bedeutet die soziale Isolation für die Gesundheit und das Überleben der alten Menschen?

Wie ist es gelungen, den Aspekt der seelischen Ge­sund­heit scheinbar komplett aus dem medizinischen Menschenbild zu eliminieren? Woher nehmen Politiker auf höchster Ebene die Gewißheit, wenn sie versuchen, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, es sei verantwortungslos und böse, seinen Nächsten in der Phase des Sterbens nahe, vielleicht sogar ein Grund zur Freude und zum Glück zu sein? Ist es nicht denkbar, daß hier der Chirurg die Säge ansetzt, um einen Schnupfen bei einem Patienten zu heilen, der seit Jahren schon an Krebs oder Diabetes leidet?

Folgerungen:

  1.  Politische Entscheidungsträger sollten sich an den Public-Health-Daten orien­tieren, die auf einer soliden Grundlage erhoben wurden und Mindest­standards für länderübergreifende statistische Erhebungen erfüllen.
  2. Die Auswertung der Zahl der positiv getesteten Personen ohne Berück­sich­ti­gung der Gesamtzahl der angewandten Tests ist unzulässig und darf nicht zur Berechnung des „Verdoppelungszeitraums“ herangezogen werden. Diese Variable ist als Cut-Off-Kriterium, um politische Entscheidungen zu treffen, un­geeignet.
  3. Rigide Einschränkungen der bürgerlichen Grundrechte, wie sie gegenwärtig vorgenommen wurden, lassen sich anhand der tatsächlichen Sterblich­keits­ziffer in den euro­päischen Ländern nicht rechtfertigen.
  4. Eine Novellierung des Infektionsschutzgesetzes sollte den Schweregrad einer In­fektionskrankheit, meßbar anhand der mit ihr kausal verknüpften Mortalität, als notwendige Bedingung aufnehmen, um grundrechtseinschränkende Maßnahmen zu begründen – diese Vorkehrung erscheint staatsrechtlich geboten, um die Einschränkung elementarer Grundrechte und der damit ver­bun­denen ethischen, sozialen und wirtschaftlichen Ver­wer­fun­gen vor­zu­beugen.

 

P.S. Dieser Beitrag wird in den kommenden Wochen kontinuierlich mit der realen Entwicklung abgeglichen und aktualisiert.

* Musik soll sein

Sonntag, März 22nd, 2020

.

Nicht Musik soll sein,
wo mein Herz
am Abgrund lauert.

Nicht Musik soll sein,
wo so viele
Flüche gedacht!

Auf der Zunge Flügeln,
in Weihrauchs
Nebeln zerfällt

sogar eines
wahren Gedanken
Pracht . . .

Nicht Musik soll
sein, wo der
Abgrund dauert.

Der Gedanke
abseits der Seele
wütet im Nichts.

Seine Wahrheit
macht dem
Denken arg

zu schaffen.
Die Seele ein
Nichts, tränen-

leer

,

19.11.19

warum cyberpunk mal realistische literatur war

Sonntag, Februar 23rd, 2020

gazoline : Denkpause

Der Weltraum steht allen offen. Die Phanthasie steht allen offen. Also ist die Phanthasie eine Art Weltraum, und der Weltraum Phanthasie. Und jetzt: die bloße Phantasie ist ganz sicher eine Art Weltflucht, ein Gestus. Gestus der Vermeidung. Vermeidung von Wünschen. An Wünsche zu denken. Vermeidung von Denken, von Arbeit.
Wie viel noch?
Letztes Drittel, beeil dich! Towers? Open … Die Wirklichkeit kam aus einem Film. Der Film war eher da als die Wirklichkeit. Feuer, zwei Lesarten; im Weltraum und in der Phantasie. In der ersten ein Kommando, in der anderen ein Vorschlag. Vorschlag, zu denken. An Wünsche, schon wünschen heißt denken. Und dann: Durchbruch ..! Im Raum findet die Welt ihre Panthasie

nachweihnacht

Donnerstag, Dezember 26th, 2019

gebratene ente oder gans
der unterschied ist marginal
jedenfalls kein hähnchen
gestern war in der küche noch zärtlichkeit
im bratrohr
warten die träume

das backsteinhaus nahe der schnellstraße
hat wieder geweint
der garten legt seine plane aus licht über die alte mauer

sag nicht
dass es dich nicht interessiert
vor kurzem noch gingen wir gemeinsam in die nacht

en attendant

Dienstag, Dezember 24th, 2019

drei glockenschläge
ist der novemberschnee
bis zum ersten advent getaut
eine katze hat sieben weihnachten

Fische und Fahrzeuge

Sonntag, Dezember 15th, 2019

Der Fisch hat Stoff
Der Fisch bringt Stoff zum Menschen
Der Mensch speist Stoff

Der Mensch arbeitet
Der Mensch stellt Dinge her
Dinge aus Stoff

Dinge verteilen sich
Dinge werden erworben
Werbung wirbt

Menschen werben
Menschen heiraten

Die Dinge werden verteilt
Die Dinge verteilen sich
Und werden Stoff

Der Stoff ist ein Teil
Der Stoff wird geteilt
Teile bilden Körper

Menschen heiraten
Bekommen Kinder

Kinder wachsen auf
Kinder werden Menschen
Der Mensch wirbt

Der Mensch denkt
Der Mensch stellt Gedanken her
Wahre und falsche

Stoff zum Denken
Stoff zum Arbeiten
Arbeit an Dingen

Menschen werden Kinder
Kinder werden Menschen

Der Mensch speist Stoff
Der Mensch bringt den Stoff zum Fließen
Der Fluss wird zum Meer

Featuring : Robert Gernhardt : Paulus

Samstag, Oktober 19th, 2019

Paulus spricht zu den Chinesen:
Tun wir, als sei nichts gewesen.

Paulus tröstet die Chilenen:
Das liegt alles an den Genen.

Paulus schimpft auf die Osmanen:
Immer muss man zweimal mahnen!

tastsinne fallen mir ein

Samstag, Oktober 5th, 2019

ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett
(Nancy Hünger)

 

werden begleitet heute von oboen die wörter
fadenscheine in der nacht zwischen straßenbahnschienen
stolpert einer über das kopfsteinpflaster
gucken aus den häusern fenster
aus den fenstern leute
welche leute

haben abgestellt um die hausecken einsamkeit
ein zwei einsamkeiten für jeden
holt sie am morgen vor der ersten dämmerung
im regen die städtische müllabfuhr

lauschst du den klängen der wörter und oboen
die durch die straßen wehen
sich ausruhen in hauseingängen
warten sie auf das ende der nacht

wir tragen eine glut in uns
ein flammendes feuer aus quecksilber
das uns sein lässt
murmelnde nomaden

[tastsinne fallen mir ein
wenn ich mich bewege als schuppentier]

Sinnbettungen

Donnerstag, Oktober 3rd, 2019

Bewußtseinspreziosen
voller Herz
in Fabeln;
nacherzählend
vom Tränenflug
im Rätselspruch

El año de los niños sagrados

Montag, September 30th, 2019

In der Grundschule, die ich heute im Rahmen einer Veranstaltung besuchte, hingen selbstbemalte Pappen aus. Die Sechs-bis Zehnjährigen, die sie erstellt hatten, besaßen offensichtlich ein ausgeprägtes Gespür für den ihren Alltag beherrschenden Zeitgeist und seine massenmedialen Abgesandten.

Mir wurde ein wenig kulturrevolutionär zumute, als ich die Kunstwerke näher zu betrachten begann und erahnte, was sie wohl gesellschaftspolitisch Bedeutsames zu verraten schienen.

Da war es, ein eher seltenes Gefühl, das sich in der oberen Magengegend einstellt, wenn einer Person bewußt wird, dass gerade etwas Wichtiges bezeugt wird, etwas, das prägend ist und die Wahrheiten jener Zeiten für immer tief in ihre Seele brennt.

Das Bonmot, die Revolution fresse ihre Kinder im Sinn, lief es mir eiskalt den Rücken herunter. Diese Grundschulkünstler: die Revolution, ich: ihre Kinder. Was ihre Plakate implizierten, war deutlich. Das neue Gebot: Fahrräder (grüner Haken). Die Verbote: Fleisch, Käse, Autos, Kreuzfahrtschiffe, Flugzeuge und dass Schlangen Plastik fressen.

Soweit, so radikal. Als ich jung war, kamen mir Gleichaltrige oft zu unpolitisch vor, zu konsumgeil und zu gemein.

Doch in den Hinterlassenschaften der hiesigen demographischen Repräsentanten schwelte offensichtlich noch etwas weitaus Düstereres – Angepasstheit, gepaart mit gleichgeschaltetem Eifer. War es eine junge Lehrerin vom Bund deutscher Meisenliebhabex, die das Feuer entfacht hatte? Oder vielleicht ein Geschwisterkind in der Hipsterjugend? Ihre glutenbefreiten, veganen Mütter? Schwer zu sagen. Der fanatische Eindruck bekommt jedenfalls ein identitär-religiöses Göring-Eckhardt-Moment: “Wir gehen auf die Straße und sagen: Bitte Klima! Verzeih uns doch!”

Ich muss einschieben, ich bin keiner von den “eigentlich bin ich ja keiner von denen”-Typen.
Wenn also die forenflutenden Rechtspopulisten, diese saublöden Arschlöcher, mit Stichworten wie “Klimareligion” polemisieren, dann triggert das nicht, oder würde mich das mit Wut im Herzen unterschreiben lassen. Aber dieser Begriff kam mir nun tatsächlich in den Sinn.

Ist da vielleicht etwas Messianisches im Gange? Mit Greta existiert immerhin eine Prophetin, inklusive Autismus – anstelle der klassischen Epilepsie – als modernes “Gott-nah-sein”, die das Wasser überquert hat, dazu die Verklärung einer, von den Anhängern als Dogma anerkannten, jedoch kaum en detail nachvollziehbaren Wissenschaft und, last but not least, die Hinwendung zu einer inquisitorischen Durchdringung aller Gesellschaftsbereiche mittels der reinen Lehre. Den neuen Kinderkreuzzug nicht zu vergessen.

Ich lebe in einem Bezirk, in dem die Grünen die absolute Mehrheit errungen haben und bin insofern einiges gewohnt. Gerade gestern habe ich etwa erfahren, dass die umgebenden Straßen für Durchgangsverkehr gesperrt werden und auf allen größeren Straßen Tempo 30 herrschen soll, an Wochenenden allerdings Tempo 0, da dort dann Spielstraßen auf eimsbüttler Biomütter mit ihren kleinen Emils und Lenas im Schlepptau warten. Wie Schwerter zu Pflugscharen, werden Nebenstraßen nach und nach zu Sackgassen umgewidmet. Und jedes neugebaute Haus muss nun eine Solaranlage vorweisen, sonst wird der Zutritt zur schönen, neuen grünen Wohnwelt von bauamtlichen Hohepriestern verwehrt.

Was mir sauer aufstößt, was mich wirklich nachdenklich macht, ist, dass die ursprüngliche Verzweiflung “todkrank ist dein Weltenerbe!” sich in Wahn verwandeln kann “und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt”, dass sich ein Mitläufertum, das den Totalitarismus begünstigt, herausbildet und Antistagnativ-Anarchisches in Kindern mithilfe frömmelnder Zombies (Mangelerscheinungen) früh, allzu früh erstickt.

Selbst wenn mit den Grundlagen und Zielen hunderprozentig übereingestimmt wird, wenn also die Differenzen nur den Stil betreffen würden, so ist es doch dieser Stil, der am Ende die Gesellschaft nicht nur umweltpolitisch, sondern gesamtheitlich – eben auch und gerade – verhaltensoktroyierend transformiert.

Die schwarze Pädagogik, hat sie sich ein grünes Fell übergezogen, lauert der Ökofaschismus tatsächlich hinter der nächsten Fahrradstraße?

Das sicher nicht, nur ein Aufmarsch der grünen Garden.

[Ich hatte Zweifel, diese Polemik zu schreiben, habe mich aber aus gegenwartsgeschichtlichen Gründen dafür entschieden. Und aus Gründen der Selbstkritik.]

20190929_124925 (3) 20190929_124931 (3) 20190929_124921 (2) 20190929_124909 (3) 20190929_124914 (3)

für (drei gedichte, gewidmet)

Dienstag, August 13th, 2019

für Jürgen Becker

                                          und
es ist ein gröbkörniger tag
wie sand kies moränen im blick auf den einen schatten
der lange still steht und sich dann
plötzlich bewegt
ums haus
über die straße vor dem haus
bis er weitergeht
in eine andere fotografie

[die im abend verschwimmt
mit deinem eigenen leben]

auf der du keinen mehr kennst

.

für Nicolas Born

unterwegs die häuser alle hatten weiße fenster
gelbe drehkreuze in den scharnieren
eine rote zeichnung unter dem neuen lack
schaut piwitt aus rom herunter auf die straße
ich beobachte die radfahrer mit ihren gefetteten ketten
wie sie am flussufer gegen die strömung fahren
talwärts ziehenden lastkähnen entgegen
beladen mit schwermut die einen
die anderen mit leichtem licht aus den bergen
lang fallen die schatten der lenker und räder
hinaus auf die treibende flut
ich gedenke dem wasser
der stadt

.

für Pier Paolo Pasolini

die zeichnung auf dem käferflügel wies scharfe konturen auf
filmschnitte im grauen chinin
marschierten junge faschisten durch ein drehbuch pasolinis
er schrieb es in erinnerung an ein treffen in weimar
später am strand von ostia
die stelle ist bekannt
fehlte ihm die zeit für ein letztes gebet
[verschwamm im abendhimmel
graues chinin]

Ein Text wie

Samstag, Juni 22nd, 2019

wenn ein Raumschiff startet. Erst ist da ein Feuerkreis, tanzende Kontur, in deren blaudunklem Rot sich undeutlich schwarze Schlieren abzeichnen. Tausende von Dingen, alle gleich, alle anders, in einem Strudel permanenten Nachdunkelns eingeschlossen. Dieser Text erzeugt ein Geräusch wie ein Fieber, das einem heiß aus den Ohren tritt. Inmitten dieser andauernden Explosion sind die Familien der Dinge erkennbar, aus denen wir gemacht sind, die uns immer wieder füllen, bis sie uns einmal ganz ausgefüllt haben werden. Dieser zukünftige Zustand bleibt irreal, ist nur als Verheißung erkennbar. Da wird nichts sein, kein Blatt, kein Stein, kein Stückchen Erde, das nicht von der dinglichen Fülle überquellen würde, das nicht ein Gedanke, ein Schatten wäre in sich. Das Dunkel all dieser Dinge aber sehnt sich nach Licht. Undeutlich sind die Konturen erkennbar, hier eine und dort eine, wie sie sich schemenhaft geometrisch aus einem schwarzweißen Hintergrund herausheben, wie sie versuchen zur Ruhe zu kommen, um einen klar erfassbaren Gegenstand zu bilden und wie sie immer wieder vom Fieber erfasst werden, das den Strudel der Dinge in einem einzigen Wünschen zu entbergen vermag. Plötzlich fällt dieser strudelnde Trichter von Text in sich zusammen, in der einst dampfenden Badewanne steht noch weiß seine spektrale Gestalt von Licht und Wärme, alles Wasser hat die Arena verlassen, nur Schaum, Reste von Schaum bedecken den glatten Boden.

Wie im Nebel heben sich aus dem schäumenden Grund satzartige Gebilde heraus,

Gesichter verhaltener Worte und Worte verhaltener Wünsche,

Ereignisse einer großen Bewegung -

seelisches Kondensat.

bauhaus

Donnerstag, Juni 20th, 2019

fallen in die straßen kinder
blaue augen braune
kohlenstaub
wachsen aus den gärten
glas beton un vent
les vents reviennent aux soleils
svetlana

[warten auf den winter deine hände]

Parque De Las Memorias

Samstag, Mai 25th, 2019

für Bernardo Serrano Velarde, 1949-2016

ich kam nicht bis Cochabamba
noch nie über das meer
an seine andere seite
nicht über den äquator zu anderen sternbildern
inti heißt dort die sonne
irgendwo im dschungel in einem dorf
haben sie den Che erschossen
vielleicht hörtet ihr denselben wind
dieselben stimmen aus der rinde des quebrachobaumes
die euch warnten weiter zu gehen
du erzähltest mir einmal von der reise der schwäne
sicher sind es singschwäne
ich höre die melodie auf einer knochenflöte
den pullover aus alpakawolle gibt es nicht mehr
irgendwann trug ihn noch meine frau
vientos y rosas nanntest du deine poeme
ich hatte sogar angefangen spanisch zu lernen
einmal im leben wollte ich nach Cochabamba
nach La Paz vielleicht ein stück weit auf den illimani
und um den see
mit einem schilfboot übersetzen in das andere land
aus dem panzer eines gürteltiers weht ein lied herüber
bis in den friedwald nach Cochabamba
du liebtest lieder auf guitarren und trompeten
solche von der mexikanischen art
morgen gleich in der früh
werde ich winde und rosen lesen
die zeit ist die antwort

hulyet hulyet, kinderlekh

Freitag, Mai 24th, 2019

Dieses Buch ist ein Lebenswerk über ein Lebenswerk und ein Leben. Uwe von Seltmann, dessen Vater noch in Krakau geboren wurde, der jetzt wieder in Krakau lebt, schreibt eine Biographie des Tate (Vaters) des jiddischen Liedes, Mordechai Gebirtig (1877-1942). Ich fange von hinten an: die Danksagungen füllen zwei Seiten, wie der Abspann eines großen Spielfilms. Gebentsht zoln zayn (Gedankt soll sein) dem Forscher Natan Gross, auf dessen Werk dieses Buch aufbaut, Irina Klepfisz, Samuel Mandelbaum und Michael Goldmann-Gilead, Überlebenden des Holocaust, die als Zeitzeugen Fragen aus eigenem Erleben beantworten konnten, neben Stiftungen und Geldgebern, Crowdhörnchen, auch Dichterinnen wie Bozena Keff, die den Antisemitismus in Polen auf die Bühne gebracht hat (“Stück über Mutter und Vaterland”). Um nur einige wenige zu nennen, die an diesem Buch mitgewirkt haben.

Gebirtig war bereits zu Lebzeiten ein Star, den keiner kannte. Seine Lieder wurden nicht nur in Polen, sondern auch in Rumänien, Litauen, Weißrußland und in Amerika gesungen, sie galten als Volkslieder, die auf der Straße, beim Frisör und auf den Feldern gesungen wurden, doch niemand wußte, wer ihr Schöpfer war.

Am Ende des Buches findet sich auch ein Lebenslauf von Mordechai Gebirtig – bemerkenswert, dass er nicht mit dem Tod des Lieddichters 1942 endet, sondern bis 2018 fortgeführt wird: er enthält auch die postumen Veröffentlichungen und die Entdeckung verschollener Lieder, ganz selbstverständlich als Teil des Lebens von Mordechai Gebirtig – eine kluge Entscheidung. Denn was ist das Leben eines Dichters ohne sein Werk, ohne die Bücher, die sich nicht etwa verselbständigen, sondern das Leben ihres Schöpfers weiterleben und verlängern, über den Tod hinaus, und im Falle von Mordechai Gebirtig kann man sagen: seinen Peinigern und Mördern zum Trotz! Dies ist die vornehmste Aufgabe des Buches, es überwindet das Martyrium und überlistet die Zeit.

Wer war Mordechai Gebirtig? Ein Tischler aus Krakau, Vater von fünf Töchtern, der sich als Laienschauspieler in Arbeiterbildungsvereinen und als sotsyal-demokrat engagierte. Mit 28 Jahren trug er zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ein eigenes Gedicht vor und begann zu veröffentlichen. Infolge einer Krankheit war er gezwungen, seine Möbelwerkstatt aufzugeben, zum Glück nahm ihn sein Bruder als Hilfsarbeiter in sein Geschäft auf. Es folgte der Große Krieg, die Einberufung in die Armee der Habsburger – der Krieg, der ihn zu zahlreichen Antikriegsliedern, Schlaf- und Wiegenliedern bewegte. In den 1920ern landete Gebirtig seine Welthits: kinder-yorn und hulyet hulyet, kinderlekh, die auf Liederabenden und in Operetten aufgeführt werden, sich bis nach Lemberg, Czernowitz, Warschau und Lodz, Tel Aviv und New York verbreiten, rezensiert und als Schallplatten aufgenommen werden.

Das Ende begann 1939. Innerhalb von sechs Tagen erreichte die Wehrmacht Krakau. Gebirtig wurde ausgewiesen, zog sich mit Frau und Töchtern in ein Dorf vor der Stadt zurück, wo er weiterhin Lieder schrieb, wurde im März ins Krakauer Ghetto verschleppt und drei Monate später auf dem Transport ins Vernichtungslager Belzec erschossen. Seine Schreibhefte wurden von seinen Töchtern gerettet: sie übergaben sie Freundinnen, die mit gefälschten Papieren außerhalb des Ghettos überlebten.

Uwe von Seltmann: Es brennt. Mordechai Gebirtig, Vater des jiddischen Liedes
homunculus verlag, Erlangen, 2019

Mittwoch, Mai 22nd, 2019

Kanalgas-
düfte durchwandern
das Fenster

die Putzkraft
öffnet die Flure
weit

der Kleiber geht
uns an die Wäsche:

Oh du schöne Maienzeit

Wolken : Heim

Montag, April 8th, 2019

Für Elli

Das traute : klassisch
Humanistische Häuschen
Darin richten wir uns ein

Und schwingen uns
Über die schnöde Welt
Der anderen : um ängstlich

Blickscheu : am Nachbarn
Vorbei zu huschen
Zu schleichen : zu lauschen

Es gibt eine Verbindung
zwischen Hölderlin : Hegel
Fichte & Marx

Der Staatsterror von 365
Lokalfürsten : das ist es
Was sie deutsche Freiheit

Nennen : die von innen
Her kommt : verkommt
Die Freiheit der Folter

Die Freiheit der Flucht
Geht in die Wälder & sucht
Sie zwischen den Sporen

Eure Helden & Horen

Sieben

Sonntag, März 31st, 2019

mit Blok und Brecht

Den Krieg haben wir verloren, doch nicht den Krieg!
Zeit haben wir gewonnen: ganz ohne Sieg.

Die Jahre kamen und gingen. Wir wollten mehr,
Als nur feiern und singen. Nun sind wir leer

Wie Buddhas atmende Seele, wie das Gesetz,
Dem alle Körper gehorchen zu guter Letzt…

Den Krieg haben wir nicht vergessen. Kinder waren wir.
Und die ihn geführt hatten, sind nicht mehr hier.

Was Frieden ist, lernten wir bei der Armee:
Einatmen – zielen und – treffen, weiß wie Schnee.

Wenn die Kinder heute lernen, wie man schreibt und liest,
Kann es sein, dass sie auch lernen, wie man schnell vergisst.

Zeit haben wir gewonnen auf dem Weg zum Sieg.
Und unseren Enkeln sagen wir: Nie wieder Krieg!

(Dreizehn)

Freitag, März 8th, 2019

Die toten Seelen der Mopeds in Sachsen-Anhalt

Re: Reflexionen aus dem beschädigten Leben (Flucht und Wiederkehr XXIX)

Mittwoch, Februar 20th, 2019

Archie tänzelt, hält das Spielzeuggewehr erst vor die Brust, dann über die Schulter, als schieße er eine Bazooka ab, schließlich hält er es sich vor das Geschlecht, “Phew, phew, phew”, seine Stimme klingt hoch, es wirkt absurd.
Um ihn herum lacht die Menge, wirft Münzen. Archie, dessen Sonnenbrille schief über seinem fehldenden Auge sitzt, simuliert noch einen Kopfschuss und tritt einer imaginären Leiche gegen den Kopf, steht dann urplötzlich stramm und grüßt, Hand an der Stirn.

Archie trägt auch heute wieder eine saubere Flecktarnuniform, er wohnt mit seiner Mutter, erzählt er nach der Straßenvorstellung, sein Vater sei vor seinen Augen getötet worden, als er neun Jahre alt war.
Auf die Frage hin, ob er davon träume etwas anderes zu machen, beginnt er zu weinen.

Sein Dilemma: das Trauma ist zugleich Einkommen. Über den rauchenden Trümmern seiner Kindheit spukt die ewige Wiederkehr. Archie Toulee, einst Soldat im Dienste verrohter Männer, die rituelle Kleinkindtötungen zur Stärkung der Kampfmoral der Sippen vollzogen und das Fleisch ihrer Feinde aßen, um Macht zu demonstrieren, die auf den Straßen Monrovias hungrigen, zehnjährigen Klebstoffschnüfflern Kalashnikovs an die Hände banden, dieser Archie Toulee tanzt alle Tage den Special Forces-Tanz.

Der Filmemacher entschuldigt sich bei ihm. Die Sequenz endet, indem wiederholt erst Archies Tanzschritte und anschließend Archivbilder von Kämpfen und Hinrichtungsszenen gezeigt werden. Identisch das Tänzeln, Treten, Zielen, die Salven, die Bazooka, das Schiessen von unten. Kinder, die den Schwerpunkt des Gewehres verlagern mussten, weil sie so jung waren. Kein Lachen, nur Sprachlosigkeit ob der Sinnlosigkeit, der fehlenden Gerechtigkeit eines kalten Universums.

Korn das keimt, aber der weitere Regen bleibt aus, eine Gazelle, die Sekunden zu spät geboren wird und noch nicht zu rennen vermag, das ausgesetzte Kind, dessen Mutter vor Hunger keine Milch mehr geben konnte. Und Archie, Mahnmal einer Generation, die im Sog der Katastrophe wie ein kalter Wind um die aufreizend unsichtbaren Kleider des moralischen Menschen stob.

Denjenigen, die erwidern, es gäbe ja auch Gutes, es gäbe inmitten des Scheiterns auch trotzendes Glück, übersehen, dass kein getränkter Halm, kein trabendes Kitz, kein sabbernder Wonneproppen und kein glücklicher Archiebald jemals darüber hinwegtäuschen könnten, dass die einzige Ebene, auf der gerechter Friede zu herrschen vermag der Gedanke eben daran ist – geprägt in einer Welt des Leids, deren Gesetze Ambitionen dessen abbilden, was sie gebar. Der freie Wille ist tot, lang lebe der freie Wille.

 

Rio Reiser – Menschenfresser Menschen

Archie Toulee (in: Larry Charles Dangerous World Of Comedy E1+2)
Archie Toulee

Annonce nicht

Freitag, Februar 8th, 2019

Anschauung sucht

Keine Form, endo

Plasmatisches Nicht

Retikulum, Rati

Bor unterm Stein

Edita deditora, pa

Dam, Damm, ä/e

kabul

Sonntag, Januar 6th, 2019

wieder für Granaz Moussavi

wir sprachen farsi und schnitten
zweige aus den kirschbäumen
im garten blühten reine verse
auf der straße vor dem haus
ratterte ein alter motorroller
und ahmad schlug auf seinen esel ein
schneeluft wehte von den bergen
sangen mädchen im radio
sirisirin
du bliebst stehen
die menge rannte weiter einer steinigung
hinterher
wir sprachen farsi und schnitten
zweige aus den kirschbäumen
im garten blühten reine verse
ahmads esel hatte sich losgerissen von seinem karren
und blieb stehen vor dem haus
am ende der straße
brachtest du ihm frisches gras
und reine verse

wir waren atomdichter

Sonntag, Dezember 16th, 2018

wir waren atomdichter
und sprachen mit den basalten
unsere eltern zogen über die gletscher
unseren kindern gaben wir namen
wie sonnenschein zukunft oder hoffnung
auf ein besseres leben warten wir noch

auf den schneefeldern hinter dem fjord
landeten drohnen geophysikalische messungen
der schwere und des magnetfelds von spalteneruptionen
einer paläoerde trieben fremde forscher ins land
ein paar sind geblieben
sie verliebten sich in unsere elfen

skaldendichter sangen verse über feuchten torf
zeichen aus flechten und gletscherschliffe auf steinen
ein mann eine frau eine hauswiese
auf ihr grasten schafe und pferde
im wollgras das sich im wind wiegte ruhten stimmen
der jeep vor dem haus hatte kein benzin mehr

im jahr des großen ascheregens verfinsterte sich der himmel
kinder verhungerten frauen und männer
eine insel wurde geboren
flugzeuge verloren die orientierung und fielen vom himmel
du summtest ein wiegenlied
in ihm trockneten stockfisch und walfleisch in klarer luft

Salomenia (Flucht und Wiederkehr XXVIII)

Samstag, November 17th, 2018

Das junge Mädchen wandelte, des ewig brennenden Himmels reich, Welten,
verschwebte inmitten halb rauwinkliger, halb erträumter Städte,
passierte gelb und blau mit einer Lilaterne,
schwamm hungersüß als Morgengrau, hetzte geifernd um die Schluchten.

Rückwärtig schwärmwankte die Prozession im Gleichschritt,
schrillte verzerrt umspulte Liturgien, eine obsidiannadelnde Klangwolke,
die Tiefenwahn umschlang, versank vor fahlem Springgiftlicht.

Um keine Angstdurft verlegen, fieberte ihre weichgezeichnete Masse
nach Ohren, die ihr hölzernes Stöhnen erhören mochten,
der einen Stimme, die sie ihr salziges Dürsten vergessen ließe,
nach dem letzten Ziel ihrer pechschwarzen, an die wüsteste Ferne verlorenen Masada-Augen.

Einen Sturm ohne Regen verkündeten Posaunen am Totenmeerhang,
es wurde Helltag und still, braungeronnen Bäche entrückten Bluts und
auf der Rampe versickerten Tränen eines abkriechenden Schattens.

Uporigination (Flucht und Wiederkehr XXVI)

Donnerstag, September 27th, 2018

In der Traumzeit suchte, der Morgen graute
fern vom Stamm am großen Fels,
der Geist des ersten halbnackten Wesens,
euch Jungen gleich, malend nach den Ahnen.

Warum, fragte er, seid ihr nicht mehr als bloße Erinnerung,
strahlt durch euer Vergehen meine eigene Endlichkeit an
und lehrt mich euer Scheitern Demut oder
ermahnt es mich, eure Ohnmacht zu verfluchen?

Nicht kann ich jenseits meiner Gedanken Zeitenräume  durchschreiten,
dem ungewollten Tod in die Arme der Jugend entfliehen,
stets werde ich zurückgeworfen in den öden Busch, unter die gleißende Sonne,
stets ist alles was mir widerfährt Durst und Verzweiflung.

Die Zeit zu vermessen bedarf der Kenntnis des Raumes,
sie tanzen miteinander wie Fluten im Lauf des Mondes;
viele Wanderungen, endlose Jahre des Wachens unter Sternen,
unzählige Geschichten, Initiationen und das Wissen keimt.

Wie eine verborgene Wurzel in flirrender, rötlicher Weite aufzuspüren,
graben dessen Schüler unermüdlich nach den Geheimnissen der Beschaffenheiten,
finden Zeichen, entwickeln Sätze für das Kleinste, das Größte, für das Mischen von Stoffen,
formen Sprachen, beschreiben Dinge, die aus Natur und doch nicht heimisch in ihr sind.

Erfahrungen betten sie in den Zeitenregen wie Ameisen ihre Eier auf lebendige Flöße retten,
ihre Errungenschaften werden riesenhaft und bergesschwer,
Krokodilszähne der immer im Wandel begriffenen Gestalten fressen tief im Leib der Erde,
und ihr sumpfiger Atem legt sich als Schleier über klare Himmel -

Verzweiflung wird sie treiben und Durst, denn ich bin ihr Vater.

Ein Weltenbrand umstürmt ihre Erde und wie uns die Asche der Buschfeuer frisches Gras schenkt,
durchbricht Hoffnung ihre Trümmer, die Geister des Morgen verweben alle Träume,
alle Wirklichkeiten, erschaffen im Wissen um die Erzählung das Bewußtsein darin neu.

Was uns Hütern des Lichtes und der Wärme ein Feuerstein, ist ihnen die Zeitenhütte,
was uns die Sonne, ist ihnen ein Sandkorn,
was uns das Leben, ist ihnen ein Moment des Vergessens inmitten kreißender Ewigkeit.

Sie winken über einen breiten, anschwellenden Strom, gefährlich und verführerisch,
arrogant, unwissend, doch neugierig und liebenswert zugleich,
erlangen Macht über den Ursprung der Gedanken -

gießen sich Schlüssel zur Zeit, durchdringen Manifestationen aller Räume
und wenn wieder das Größte ins Kleinste eingeht, das Kleinste dann birst,
werde ich sie und sie euch, ihr Ahnen, geboren haben, wie ihr zuvor mich.

 

[1] , [2] , [3]

nichts – außer

Samstag, September 22nd, 2018

buestenhalter

innen Schaumstoff,
trage ich nicht,

nichts – außer
haut & ´Knochen
dehnbaren
Muszkeln

brauche ich

Um jugendstil
zu sein.

footing

Mittwoch, September 19th, 2018

dein leben hat keine 2-fache sicherheit
gegen grundbruch nicht einmal
teil sicherheiten
für eine vorübergehende oder dauernde situation
mach dir nichts vor baby
du kannst das versagen berechnen
für das fundament eines hauses
aber nicht für dein leben

retain

Mittwoch, September 19th, 2018

voll eingespannt und rückverankert
dein leben ausgesucht
das richtige profil
mit holz ausfachung
hand aufs herz baby
welche nachweise willst du noch
führen
für deine existenz

Dr. Zsäsegs Mind Machine (Flucht und Wiederkehr XXV)

Mittwoch, September 5th, 2018

Versuchen Sie einen Text zu imaginieren, in der eine Protagonistin handelt, ohne auf einen Mann angewiesen zu sein.

Eine Geschichte, die von vorne bis hinten auf jeglichen Anflug reaktionärer Zynik verzichtet, in der keine von Herkunft, Aussehen und Bildung ausgehenden Vorurteile kolportiert werden, keine Reduktion auf Geschlecht, Weltanschauung oder Geschmack vorgenommen wird –

eine Geschichte vielleicht, in der Klarabella ihre Milch an den Nachwuchs der fürsorglichen, gleichgeschlechtlichen Partner von nebenan verschenkt, Ulrike etwas sucht, das sie niemals finden wird, während sich das Idealismuskarussell immer weiter um ihre vielen Identitätsmerkmale dreht, obwohl das natürlich positiv ist, da sie es immerhin versucht, das Kopfverdrehen;

eine Handlung, in der Ruth einst Kevin war, jetzt aber total happy und Markus früher Marion, sich nun aber wieder nach ihrem alten Körper sehnt. Irre-relevant, da Inklusivität selbstverständlich allumfassend ist und auf detailliertere Ausführungen aus Triggergefahr verzichtet wird.

Ein Text also, dessen Safe Space Ihnen selbstbewußt ins Gesicht faucht, wie eine Kampflesbe einex transgender Homophobex, dex eine Antidiskriminierungsbeauftragte, welche leidenschaftlich die Anschaffung von Gartenzwergen verteidigt, vergeblich liebt. Gut, vergessen Sie das Letzte bitte ganz schnell wieder, es klingt wohl alles noch ein wenig zu privilegiert.

Dr. Zsäseg blickte von dem Manuskript auf. Braunlich verdörrten die Kastanienbäume vor seinem Fenster und verschandelten ihm die ansonsten so erquicklich gedeihende Aussicht.

Die Einsendung faszinierte ihn nur auf eine spezielle Weise, rechtfertigte er sich. Etwa wie schwarzer Humor zuweilen die eigene Borniertheit erfrischend entlarvt und transzendiert – Satire darf, nein sollte! immerhin alles. Und doch stieß ihn dieser dahingerotze Dreck zugleich wie selbstverständlich ab. Er fragte sich  kurz, ob es sich nur um seine fingerzeigende, übergestreifte, gesellschaftliche Moral handelte, der er – nicht zu vergessen – seine Position zum Teil verdankte, nein schuldete! – und unterließ eine Antwort.

Hätte er ohne die Exotik seines Namens die Position erklimmen können, aus der heraus er heute richtete – Wächter über die Verbeitung  gehaltvoller Texte, Verfechter der reinen Lehre?
Aber da war etwas. Dieses Fight-Club-Gefühl, das sich, wie er erinnerte, aus lauten Sommernächten, aus Wut und Frust, Hoffnung im Verbund mit Abenteuerlust, aus Durst und Überdurst schöpfte. Jugend, ewige  Jugend und neu mach die Welt.
Unwirklich milde und zynisch zugleich blickte er auf die Seiten. Oldschool per Post. Wahrscheinlich ein 25jähriger Retro-Knirps, der weder Menschen verachtete, noch Diskriminierung verteidigen wollte. Ihn störte wohl die gängelnde In-Your-Face-Mentatlität einer permanenten Sprachregelung durch doppeldenk Gleichstellungszombies.
Warum konnte der sich bloß nicht damit abfinden? Es war doch nicht allzu schwer, sich der Leere anheimzugeben. Dr. Zsäseg verfiel in leichte Trance.

Mindsetting.. Sprache, nur Sprache.. aber ohne Einfluß auf Gefühle?.. fühl wie du willst.. nimm alles offen an.. alles Offene ist gut.. wir..
Er kämpfte sich ruckartig hoch, griff hastig den Mauszeiger und öffnete seine Mails, um sich abzulenken, obgleich ihn wegen des Abruchs des Clearings ein schlechtes Gewissen plagte. Zwei neue Mails, bestenfalls Strandgut, miesepeterte er.

Ein Fingerhut

Es ist Sommer – ein Sommer ohne Frischeperioden. Hitze, Schweiß, lüsterne Gedanken den lichten Tag lang. Obgleich der Alltag stattfindet, scheint das Land seit Monaten wie nach einem erschöpfenden Akt langsam vor sich dahinzuwälzen. Die Themen dieses Sommers sind unter-, die Süße der Früchte hingegen überirdisch – wohl dem, der Zugang zu Gärten hat. Meine Urgroßeltern verloren vor fünfundsiebzig Jahren im Feuersturm ihr Geschäft. Kleinwaren, Stoffe, Knöpfe Nadeln. Ein überkommenes Geschäftsmodell, das Gedenken?

Natürlich nicht, aber irgendwie verdächtig. Weiter.
Die nächste Mail, ein kurzes Gedicht, ließ ihn innehalten. Er las vorsichtig, als ob eine alte Melodie aus dem Nichts in seine Eingeweide gefahren wäre und seine Gesichtsmuskeln erweckt hätte.

Herbstgeburt

Am Ende aller Wellen steh’n Welten, wenn es spricht:
von riesenhaften Flatterfarnen, Ruinen bei der Au,
von Kronengrün und Wiesengelb, von Schollenbraun
und tausendfachem Blau.

Auf liebevolle Weise verführt das Sommerlicht,
zieht reifend Kreise, bis es
errötend bricht.

Dr. Zsäseg erging sich in Gedanken. Ließ sie laufen, spazierte dahin, schwebte, staunte, lächelte, wütete, schnaubte, Dr. Zsäseg weinte und schmiss ihnen jene entgegen, die er gefangengehalten hatte, ohne sie je vergessen zu können, halbverfaulte, zerlumpte Gedanken, Proletarierprologe, Faschofragmente und Mittemäander verklumpten und bildeten das Epizentrum des schwarzen Loches, das in seinem Geist rotierte. Wie gut es tat loszulassen. Wie wunderbar sich Freiheit anfühlte. Obszön? Nein ehrlich, falsch und doch wahr. Insanity? Unsanity! Dreckig aber wohlgemut, lebendig. Er badete im Mist und wusch sich mit Liebe. Er verstand.

In eine Sanitärdenkblase gepresst dahin zu vegitieren, Verdenkmaschine, nicht Mensch zu bleiben war zukunftslos; nur eine solche, wusste er, könnte das kleine Gedicht verachten, und nur ein jenes könnte sie von sich selbst befreien.

[Untermalung 1,2,3]

über kommen

Mittwoch, September 5th, 2018

für Arthur Rimbaud

wenn die arbeiter (die angestellten)
die fabrikhallen (die büros) verlassen
geht wieder /unbemerkt
ein sonniger tag zu ende
lassen sich die männer und frauen nicht
an den ufern der seine [se:n] nieder
sondern fallen
in ihre fernsehsessel (in die balkonstühle)
soziale netzwerke
säuseln smart aus den phones arbeiterlieder
(angestelltenlieder)
über die liebe über gott
und die welt /unbedeutende? gegenden
zwischen zwei atemzügen zwei augenaufschlägen
eines glücks /nicht existent!
rauschen vor dem haus die autos
und in der ferne irgendwo
die grüngestorbenen wälder
die feldfluren die flusswasser
die stillen
die schnee-e
diese letzten leichentücher
die den arbeitern (den angestellten)
aus der /guten alten zeit geblieben sind