Archive for the ‘Realitätsschatten’ Category

#leavenoonebehind

Dienstag, Mai 26th, 2020

aus einer zeit kommend in der parolen noch in landessprache verabreicht wurden
verwundert sich der beobachter und ist auch manchmal los den rat

Wider-Geburt

Dienstag, Mai 19th, 2020

zum Gegenufer
gespannt
widersprechen
dem was schon ist
Pfeil werden
und
auf Neuland gestürzt
aufrechter gehen

semantische absurditäten

Dienstag, Mai 19th, 2020

schon morgens die tage beginnen zu altern wir müssen
nur noch die stunden erschlagen die stadt liegt trunken am straßenrand
fensterscheiben erbrechen licht … ich … (du) nur der auswurf
des augenblicks um m(d)ich herum blutende wände waagerecht übereinander-
gestapelt die ordnung der dinge verlor sich im herbst
m(d)eine glieder (wahllos) im zimmer verstreut ein arm in der ecke
ein bein auf dem tisch das bulimische herz ins koma
erbrochen mach dir kein bild aus leuchtenden worten unter der erde atme ich
blau du hast den blick für die farben verloren: ich sterbe wie
ich geboren mit einem kräftigen schlag auf den rücken – pflegte nur mit
den toten verkehr – die zeit wirft falten (wie löschpapier)
niemand zeichnet die welt mit tinte (bin nur ein fleck auf weißem grund)
wie viele seiten ein buch doch hat am ende von allem: sag mir
was ist ein gedicht & wozu

Ein Sprung von Mathematik

Dienstag, Mai 12th, 2020

Ein Ereignis ist, wenn Sie mit einem einzigen Würfel eine 7 würfeln. Oder eine 8. Jedenfalls keine der Zahlen auf dem Würfel. Aber bitte, bleiben Sie dem Ereignis treu. Akzeptieren Sie die 7. Würfeln Sie nicht noch einmal. Bleiben Sie der 7 treu. Folgen Sie ihrer Spur.

Ein Sprung von Geometrie?

Samstag, Mai 9th, 2020

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Featuring : Josif Brodskij : Erinnerung 1995

Samstag, Mai 9th, 2020

Je n’ai pas oublié, voisin de la ville
Notre blanche maison, petite mais tranquille

Charles Baudelaire

Das Haus war ein Sprung von Geometrie ins taubstumme Grünen
des Parks, dessen Statueninfanterie, wie der Eingang zur Orangerie
Bewohner – nie! lümmelte in den Alleen, abgestolpert vom Straßenknie;
als sich die Fenster erhellten, war unklar – wessen und wie.
Wie man sieht, bediente das Rauschen des Winds, summierend die Varianten
der Abhängigkeit vom Schicksal (des Kinds – an den Abenden)
sich der Lammkrakelschatten, und, vom Standpunkt der Lampe aus,
reichte das aus fürs Erglühen von Wolfram.
Doch Vorhänge hingen davor. Eine grobkörnige Gravur,
vorsichtig knirschend, zeugte nicht von eines
Anderen Anwesenheit, sondern nur der Feier einer üppigen
Ungebundenkeit, den Umgebungen hingestolpert von ihr.
Und um Mitternacht die Wolken, erzogen von der Hochschule zur
Uferlosigkeit oder einfach nur kopfloser Abwehr von Dünkel
bedeckten patriotisch mit rissigem Laken den nackten
Kosmos vor der verwilderten Summe rechter Winkel.

Pandemische Paradoxien 2 (Update): Zahlenspiele, frisch frisiert

Sonntag, Mai 3rd, 2020

„Es wird ja fleißig gearbeitet und viel mikroskopiert, aber es müsste mal wieder einer einen gescheiten Gedanken haben.“ (Rudolf Virchow, Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für Pathologie, Bd. 40, S. 4)

 „Wähle eine Maske, die einen deiner Mängel übertreibt, dann wirkst du sympathischer.“ (Baron James Ensor, ordentliches Mitglied der Königlichen Akademie von Belgien, Ostende  im August 1935)

„Endlich war es möglich, Krieg zu führen, indem man zu Hause blieb.“ (Curzio Malaparte, Geschichte von morgen, 1951)

 „Schaufle die Tage auf. Zerpflügte Stirne – brandend in Spätsommertagen. Fiebre in deiner Enge, deiner stachelnden Stille. Hallo, die Pfähle glühn – die dich umzirkeln, umkerkern, sind süß. Tanze, springe. Weltlust pfeife auf zerküßten Lippen … Särglein ist süß.“ (Ludwig Meidner, Im Nacken das Sternenmeer, 1918)

 „Ich verachte die dummen hygienischen Vorstellungen der Bourgeoisie.“ (Massimo Cacciari, Philosoph, Bürgermeister von Venedig 1993 bis 2000 und von 2005 bis 2010)

 „In einem armseligen, entlegenen Flecken verweilen, inmitten von Bächen und Feldern, umgeben von den Mauern der Häuser, unter einem Dach aus Gras oder Schilf, oben undicht, unten feucht – all das versetzt das gewöhnliche Volk in düstere, gedrückte Stimmung, bereitet ihm Kümmernisse und Sorge, es verliert die Zuversicht. Der Weise verweilt dabei, ohne beunruhigt zu sein, ohne zu leiden und zu klagen und ohne die Freude an sich selbst zu verlieren. Warum ist es so? Indem er im Innern durchdrungen ist von Natürlichkeit, Reichtum und Mangel, Armut und Wohlstand, Arbeit und Dienstpflicht keinen Wert für ihn haben, verliert er den Sinn für deren Bedeutung.“ (Huainanzi, 1.19, 2. Jahrhundert v.u.Z.)

 

Im März 2020 wurden wir – zunächst allmählich, nach wenigen Tagen jedoch im Halbstundentakt – Zeu­ge einer Berichterstattung, die sich unter Berufung auf nackte Zahlen einem Schreckens­szenario verschrieb. Den Ausgangspunkt bildeten zwei Ziffern, die aus der Provinz Hubei und ihrer Haupt­stadt Wuhan gemeldet und auf Europa übertragen wurden: Die Sterbequote der vom neu­artigen Coronavirus infizierten Personen betrage 3.4% (WHO Directors speech am 3.3.2020). Das Virus werde 60-70% der deutschen Bevölkerung anstecken, prognostizierte Angela Merkel in ihrer Rede am 12.3.2020. Offensichtlich, so schien es nach diesem Kalkül, war hierzulande mit mindestens etwa anderthalb Millionen Toten zu rechnen. Je nachdem, in welcher Geschwindigkeit sich das Virus aus­breiten würde, würden die Menschen entweder innerhalb weniger Wochen oder über das Jahr verteilt nur so „wegsterben“. Das Robert-Koch-Institut (RKI) richtete Anfang März ein Monito­ring ein, die Bundesregierung war alarmiert. Verlaufsszenarien wurden als Computer­simu­latio­nen anhand verschiedener Modelle entwickelt und der Pandemieplan aus den Jahren 2016/17 aus den Schubladen geholt. Am 11. März 2020 rief die WHO schließ­lich für die Krankheit Covid-19 den Pandemie-Status aus. Damit überstürzten sich die Ereignisse.

Sowohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse in Bezug auf das neuartige Virus als auch die stati­stischen Methoden des Pandemie-Monitorings wiesen gravierende Lücken auf: Unbekannt waren nicht nur die bereits vorhandende Ausbreitung und die weitere Verbreitungsgeschwindigkeit des Virus. Auch die Übertragungswege, die Hinter­grund­im­mu­nität aufgrund von Infektionen mit be­kann­ten Coronaviren und die Genesungschancen konnten noch nicht valide eingeschätzt werden. Die Un­gewiß­heit all dieser Parameter veranlaßte die Ent­scheider, auf „Nummer sicher“ zu gehen: Das Schreckens­szenario, so schien es, könne nur ab­ge­wen­det werden, wenn die befürchtete exponentielle Ausbreitung des Virus so stark verlangsamt werde, daß das Gesundheitssystem mit den Patienten, die an der neuen Atemwegserkrankung Covid-19 litten, nicht überlastet werde, d.h. wenn die Ausbreitungskurve des Virus abgeflacht werde.

Länder wie Taiwan und Südkorea ließen sich infolge ihrer Erfahrungen mit SARS 2002/2003 und MERS 2015 von dem Verdacht leiten, daß die von der WHO aus Wuhan gemeldeten Zahlen eher eine Untertreibung darstellen und tatsächlich mit einer höheren Mortalitätsrate zu rech­nen sei. Bereits Anfang Januar ergriffen sie mit ruhiger Hand gezielte Sofortmaßnahmen: Schließung der Grenzen, insbesondere zur VR China, Sperrung des Schiffs- und Flugverkehrs, vorsorg­liche Quarantäne für alle Pendler nach China, Verbot von Groß­­veran­staltungen, Preisbin­dung für Medizinprodukte wie Atemmasken und Des­in­fika­tionsmittel, extensives Fiebermessen vor Eintritt in öffentliche Gebäude sowie konsequente Verfolgung von „Quarantäne-Sündern“ – insgesamt ein Bündel von 124 Maßnahmen, ein Überblick findet sich im „Update“ von Paul R. Vogt. Der in Europa be­schrittene Weg des Stillegens des gesamten gesellschaftlichen Lebens einschließlich Wirtschaft, Bildung und Kultur („Lockdown“) wurde in Taiwan und Südkorea vermieden (Jason Wang et al., 3.3.2020,  vgl. Richard Friebe im Tagesspiegel vom 5.3.2020, Martin Kölling im Handelsblatt vom 15.3.2020). Dennoch blieb sowohl die Zahl der Infizierten als auch der Verstorbenen in Taiwan und Südkorea anhaltend gering, ja um Größenordnungen geringer als in den Lockdown-Ländern.

Der Westen hat weder genau hingeschaut noch davon gelernt. Zuerst wurde das neue Corona­virus als ein fernes fernöstliches Leid ignoriert oder kleingeredet. Spätestens ab Mitte März brach ein Überbietungswettbewerb der Länder um die Schärfe der Verbote und Einschränkungen aus. Flankiert wurde er von einem medialen Feuerwerk, in dem selektiv herausgegriffene Zahlen und Bilder allgemeinen Horror verbreiteten – zur „Einstimmung“ der Bevölkerung auf eine hohe Opfer­zahl, wie es in einem Strate­giepapier des Innenministeriums von Mitte März hieß; das Papier wurde in der Presse ausführlich diskutiert (z.B. Christoph Prantner in der NZZ vom 5.4.2020).

Jedem Beobachter mit halbwegs wachem Sachverstand war klar, daß es sich um eine rhetorisch aufgerüstete Propaganda handelte. Merkel stufte die „Corona-Krise“ als schlimmsten Einschnitt „seit dem Zweiten Weltkrieg“ ein (Ansprache vom 18.3.2020). Macron ließ sich dazu hinreißen, die Bekämpfung des Virus als Krieg zu bezeichnen (Rede am 3.4.2020).

Deutlich wurde, daß die Berichterstattung des RKI wissen­schaft­li­chen Kriterien nicht standhielt. Täglich wird als Absolutzahl die kumulative Häufigkeit der Infizierten vermeldet, ohne die Grund­lage der Datenerhebung zu benennen oder das Bemühen um re­prä­sen­ta­ti­ve Erhebungen erkennen zu lassen. Tatsächlich handelt es sich nicht um die Infizierten, sondern um die Zahl der positiven Laborbefunde – was wegen der Dunkelziffer einen erheblichen Unterschied darstellt. Auch die Mel­dungen zu Todesfällen im Zusam­men­hang mit Covid-19 erwies sich als unzuverlässig, da nicht zwi­schen ver­schiedenen Todes­ur­sachen unter­schie­den wurde. Statt dessen meldete sich Christian Drosten als führender Virologe und Re­gierungs­be­ra­ter, in einem täglichen Podcast zu Wort – eine Form der Öffentlichkeit, die für einen ernst­zu­neh­men­den Wissenschaftler nicht angezeigt scheint. Häufig wirkte er fahrig, überfordert, fokussierte spe­zifisch-viro­lo­gi­sche Aspekte, kapitulierte bei epide­mio­logischen, soziologischen oder päda­go­gischen Fragen, ver­wei­gerte konkrete Hand­lungs­em­pfeh­lungen und wies die Zuständigkeit für Ent­schei­dungen der Po­li­tik zu. Das mag manchen sympathisch erscheinen – tatsächlich gelang es ihm nicht, im Ganzen zu denken. Zu kleinteilig, ohne Phantasie für die Folgen waren Drostens vage Andeutungen in Nebensätzen, wie etwa der  häufig bemühte Ver­gleich mit der Spanischen Grippe von 1918-20. Magere gesundheitspolitische Hinweise heizten den real­po­litischen Überbietungs­wett­streit weiter an. Offenbar fehlte der gegen­wärtigen Medizin ein Vir­chow, der natur­wissenschaftlichen Forscher­drang und engagiertes Interesse für die gesell­schaftlichen Rahmen­­bedingungen von Gesundheit unter einen Hut bringt.

Diese Umstände motivieren diesen Beitrag. Zum einen sollen die Grundlagen empirischer For­schung skizziert werden, die zu den Voraussetzungen gehören, um die  Ge­fähr­lichkeit und das Risiko einer epidemischen Erkrankung beurteilen zu können. Zum anderen soll auf typische Anfängerfehler hingewiesen werden, die insbesondere bei Journalisten im Umgang mit statistischen Zahlen zu beobachten waren und sich teilweise bis in die Gegenwart fortsetzen.

Nachdem im Moment Hand- und Fußballspiele verboten sind, hat Corona den Kopfball als neue olym­pische Sportart hervorgebracht: die Zahlenspiele. „Die Corona-Krise hat uns alle zu Zahlenjunkies gemacht. Wie entwickeln sich die Fallzahlen? Gibt es neue Todesfälle? Wie hoch ist der Fall-Ver­storbenen-Anteil? Wie hängt er vom Alter der Patienten ab? … Es ist in un­über­sicht­lichen Situa­tionen gut, sich an Zahlen statt an Emotionen zu orientieren, aber Zah­lenwerte sind oft trügerisch: Sie verstecken ihren Kontext. Wenn wir uns heute anhand von Zahlen ein Bild von der aktuellen Situation zu machen versuchen, dürfen wir dies nie aus dem Blick ver­lieren.“ warnte Sybille Anderl bereits Mitte März in der FAZ. Entsprechend ihrer medialen Reichweite sind Fehl­in­ter­pretationen von Jour­nalisten keine Privat­an­ge­legen­heit, insbesondere wenn sie mit politischem Kal­kül oder auch nur in sen­sations­erheischender Absicht be­gin­nen, die öffentliche Mei­nungs­bildung zu domi­nieren. Im folgenden geht es um Datenkompetenz, also um eine Mini­malkenntnis der Spielregeln, um sta­tisti­sche Zahlen lesen und interpretieren zu kön­nen – und daran zu erkennen, welches Spiel mit uns ge­spielt wird.

Dieser Essay wurde in seiner ursprünglichen Fassung am 30. März 2020 geschrieben. Das Er­scheinen des neuen Virus auf der Bühne des Tagesgeschehens und noch mehr die im Akkord ver­ab­schiedeten Rechtsvorordnungen der Länder, die in der Corona-Zeit vorübergehend zur Aussetzung aller bürgerlichen Grundrechte außer des Rechts auf Gesundheit führten, haben uns überrascht. Auf wel­cher Grundlage entschieden die Regierungen derart radikal? In den letzten Wochen wandelte sich das Bild vom neuen Virus in den Wissenschaften. Hier fasse ich wesentliche em­pirische Erkenntnisse über das neue Virus zusammen. Ausführlich dargestellt und diskutiert werden sie weiterhin an der Stelle, wo sich der ursprüngliche Beitrag befand: https://inskriptionen.de/?p=12363

-          Eine weltweite virale Verbreitung und Überzeugungskraft bei politischen Entscheidern gewannen Anfang März 2020 die Handlungsempfehlungen des kalifornischen Beraters Tomas Pueyo. Sie stützten sich nicht auf empirische Erkenntnisse, sondern auf hypothetische Modellrechnungen für die USA, die bislang weder dort noch an anderen Orten der Welt eingetroffen sind.

-          Die Zahl der PCR-Tests in  Bezug auf das neue Virus ist in einigen Ländern rasant gestiegen, insbesondere in den USA, Deutschland und Italien.

-          Die Teststrategie in den einzelnen Ländern unterscheidet sich stark, so daß Vergleiche der Kennziffern aufgrund fehlender Mindeststandards bei der Datenerhebung bislang nicht möglich sind. Wo dennoch verglichen wird, ist dies aus wissenschaftlicher Sicht unredlich (Verletzung der Datenethik).

-          Die kumulative Zahl der positiv getesteten Personen, die in der Corona-Zeit in den täglichen Nachrichtensendungen bekannt gegeben wird und den Eindruck einer vermuteten oder gefühlten Bedrohung durch das neue Virus verbreitet, ist linear abhängig von der Zahl der Tests. Eine exponentielle Ausbreitung des neuen Virus ließ sich nicht beobachten.

-          Es fehlen nach wie vor regelmäßig wiederholte, repräsentative Erhebungen zur Verbreitung des neuen Virus. Damit können bislang weder Prävalenz (bereits vorhandende „Durchseuchung“) und Inzidenz der Infektion (Zahl der Neuinfektionen) noch die Ge­fähr­lichkeit des neuen Virus (Lethalität) für die Allgemeinbevölkerung valide bestimmt werden.

-          Politischen Entscheidern fehlt damit nach wie vor eine gesicherte wissenschaftliche Grundlage, an der sie sich bei Abwägungen zwischen gleichberechtigten Interessen orien­tie­ren können.

-          Die Befunde zur Fehlerhaftigkeit des RT-PCR-Labortests zur Covid-19-Diagnose erscheinen noch unübersichtlich. Während Christian Drosten als Testentwickler von einer Falsch-Positivrate von 0% ausgeht, wurde in großangelegten Vergleichsstudien in China und in den USA eine sehr hohe Falsch-Negativrate ermittelt, z.B. im Vergleich zur computertomographischen Lungendiagnostik.

-          Fiebermessungen, die auf Taiwan als „Schnelltest“ verwendet werden, lassen sich wesent­lich niedrigschwelliger und breiter angelegt als der PCR-Labortest einsetzen, um erkrankte Personen im Alltag zu identifizieren. Je häufiger niedrigschwellige Tests eingesetzt werden, desto geringer fällt die beobachtete Zahl der Infizierten und der Todesfälle aus.

-          Das neue Virus breitete sich nicht flächendeckend aus, sondern in lokalen „Hotspots“,  „Clustern“ oder „Herden“.

-          Das deutsche Gesundheitssystem war in keinem Moment während der Corona-Zeit überfordert. In der Regel standen mehr als 40% der deutschen ITS-Plätze auch während des vermuteten Höhepunkts der Infektion frei. Aus medizinethischer Sicht ist die Verschiebung von Operationen und Behandlungen anderer Krankheiten zum Zweck des Vorhaltens freier ITS-Kapazitäten kritisch zu beurteilen.

-          Am häufigsten wurden Infektionen mit dem neuen Virus bei der mittleren Altersgruppe (35-55 Jahre) festgestellt. Schwere Krankheitsverläufe waren dagegen mehrheitlich bei vorerkrankten Personen zu beobachten, insbesondere mit Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes. Die mit Covid-19 in Zusammenhang gebrachte Mortalität war bei älteren Patienten am höchsten (Altersdurchschnitt über 80 Jahre).

-          Für die Abwägung, ob im Einzelfall eine intensiv- oder palliativmedizinische Versorgung angezeigt ist – gerade für diese Altersgruppe auch unabhängig von Covid-19 relevant – wurden keine Leitlinien entwickelt. Auch ein Monitoring der palliativmedizinischen Versorgung findet nicht statt.

-          Die verabschiedeten Empfehlungen zu Hygiene- und Schutz­maß­nahmen, um die Ausbreitung des Virus in Alten- und Pflegeheimen zu bremsen, vernachlässigen vollständig den Aspekt der seelischen Gesundheit, erhöhen die Gefahr der Vereinsamung und eines „elenden Tods“ in sozialer Isolation.

-          Unabhängige Studien legen nahe, nicht das neue Virus an sich als gefährlich zu betrachten, sondern seine Wechselwirkung mit ökologischen, sozialen und individuellen Vorbelastungen (Kontextfaktoren):

  • Laut Grippeweb des RKI gab es im extrem milden Winter 2019/20 vergleichsweise erfreulich wenige Atemwegserkrankungen, die geringste Zahl seit Beginn des Monitorings. Viele gesundheitlich gefährdete Menschen haben die Grippewelle überlebt. Im Gegenzug wurde Covid-19 für sie gefährlich.
  • Nachweislich verstärkt wird die toxische Wirkung von Covid-19 durch die lokale Luftverschmutzung, fehlende TBC-Impfungen sowie Faktoren, die mit der soziologischen „Überalterung“ der westlichen Wohlstandsgesellschaften zusammenhängen.

-          Die Politik des allgemeinen „Lockdown“ folgt populärwissenschaftlichen Konzepten des Umgangs mit Epidemien. Sie bekämpft die Ausbreitung des Virus, ohne die ökologischen und sozialen Folgen ausreichend zu berücksichtigen.

-          Differenzierte und adaptive („smarte“) Strategien können auf den Lockdown verzichten und die Ausbreitung des Virus um Größenordnungen wirkungsvoller eindämmen (Beispiel Taiwan).

-          Um leichtfertige Grundrechtseingriffe in Zukunft zu erschweren, ist der Schweregrad einer Erkrankung, meßbar in Form der in repräsentativen Studien wiederholt bestimmten Lethalität, im Infektionsschutzgesetz zu verankern.

 

Zahlenspiele – Inhaltsübersicht

Spielregeln

Grundlagen für die länderübergreifende Vergleichbarkeit von Public-Health-Daten

 

Foulspiel

Schwachpunkte der Datenerhebung zum neuartigen Coronavirus

Wer zählt was? Äpfel und Birnen in Corona-Form

Positiv oder falsch-positiv, negativ oder falsch-negativ – das ist hier die Frage

Zahlen ohne Bezugsgröße sagen nichts

Exponentionalfunktion oder Wellenform

 

Zwischenspielstand

Lineare Abhängigkeit der Zahl der Positiv-Befunde von der Zahl der durchgeführten Tests

Die Dunkelziffer: Spekulationen, Schätzungen, erste Studien

Genesen: Wie wird man Covid-19 wieder los

 

Schiedsrichterentscheidungen

Ab wann ist das deutsche Gesundheitssystem überlastet?

Multimorbidität und Implikationen für die ITS-Praxis

ITS-Kapazitäten in europäischen Ländern

 

Spitzenspiel

Ende März: Hochrechnung zur ITS-Auslastung in Deutschland

Mitte April: Resümée zur Hochrechnung

Erst hämmern, dann tanzen – ein Storyteller erobert die westliche Welt

Made by man: Schrecken ohne Ende

 

Kontexte

Hinterläßt Covid-19 Spuren in Bezug auf die Gesamtmortalität in Europa?

Unterschiede zwischen den Ländern

Klimawandel, milde Winter

Feinstaub: Autobahnen für Viren?

„Medicin im Großen“

Der Zustand unserer Gesundheitssysteme

Das neue Virus aus Sicht der Entwicklungs- und Schwellenländer

Bipolare epidemiologische Erinnerungskulturen

Versuch einer Zwischenbilanz

Die eigentliche Frage, um die es geht: Alter, Krankheiten und Tod

 

Spielergebnisse: Quintessenzen denken

 

Literatur

portfolio für eisenwarenhändler

Freitag, Mai 1st, 2020

engelsgeplärr aus wolken blechblasmusik
über talnebeln
saßen wir auf einer datenbank
das loch schon im kopf
ausgeschlagen von einem grünspecht
grünspan auf allen dächern

heimwärts!
sollte es gehen
nur weg aus der ferne

legten sich träume auf wüstensand
schlaflos
kippten die bäume in jener nacht in ein meer

deine lippen formten wörter
du ahmtest stimmen nach

die an gestorbene rotkehlchen [engl. robins] erinnerten

& wieder flossen über alle graslande der welt walwasser
als stammten sie [lande & wasser] aus der familie der traurigkeiten

maigedicht

Freitag, Mai 1st, 2020

hältst du in den händen die enden der welt
wie die enden einer gerissenen perlenkette

leuchtet lyrik
ihrer wege gehen die brandstifter
das eine ende der welt liegt hinter einem apfelbaum
du schüttelst ihn und tapst
in die schneewittchenfalle
wer in meinem bettchen geschlafen hat kommt
nimmer um

ich saß in der küche und dachte an dich
das messer lag noch auf dem stuhl

gestern besuchte ich einen muschelfriedhof
beim anblick der schalenbruchstücke einer islandmuschel
fühlte ich rührung
ein alter seewolf war der muschelmörder
ich lauschte dem sound einer bekassine
eines tordalks eines regenbrachvogels

ich fand perlmutt
über die lippen rann es einem catfish

***

Mittwoch, April 29th, 2020

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spurend

Montag, April 27th, 2020

nachts offenen auges
hinterm fenster des kalten traums
die luft voller salz und moll

ins augenweiß
gestürzte stunden
kein kerzenlicht
überm scheitelsims

verschüttet die frühen tage
über allem ein welkes braun das zittert
sich warm

fremd im wind
der gegerbte leib
schwer vor angst
die stimme

gebrochen gesänge übereinander
gestapelt aus gelbem gestein enthauptet
der finger

zeigt auf den mond

I l o I l o I l o

Donnerstag, April 23rd, 2020

Mein Geistes Tropfen (bist du)
Ewige Zuversicht strahlt (dein Lachen)
Deine Aura wärmt (den Raum goldgelb)
Lebendigkeit sprudelt (Bahnen)
meinen unauslöschlich (ruhelos rasend)
en Will en
Das reinste Edelauge (im widerwilligsten Glauben)
Falke, der Turm (ist ungebrochen)

Uns (er) ist die Wiederkehr

die zeit enthäutet sich

Mittwoch, April 22nd, 2020

wir tragen mundschutzmasken
lass mich nicht die worte verlieren
die stille fühlt sich an
wie ein lauer sommerregen
der die fenster streift

zugesperrte münder
ich kann dein lachen nicht sehen
und die hand
die ich dir reiche
fällt ins leere

***

Dienstag, April 21st, 2020

Zeichen

sind

Masken.

Parabeln zur Pandemie 6: Kleiner Engpaß

Samstag, April 18th, 2020

Fern in Ostasien brach einst eine rheumatische Krankheit aus, die dazu führte, daß die Arbeiter ihre Ellbogen nicht mehr bewegen konnten. Auf den Fließbändern rauschten die Produkte unbearbeitet hinweg und fielen am Ende auf wilde Haufen. Niemand war in der Lage, sich darum zu kümmern. Die Gelenkschmerzen waren einfach zu groß. Die Arbeiter standen wie erstarrt an ihren Plätzen und verzogen die Gesichter. Die Bilder gingen um die Welt, ihr erinnert euch… Zum Glück war die rheumatische Ellbogenerkrankung keine Pandemie – sie blieb auf das ferne Ostasien beschränkt, auch wenn sie dort das ganze Land lähmte. Die Arbeiter zogen es vor, sich in die Parks zu begeben und mit Qigong, Kongfu und Taiji die Gelenke allmählich wieder zu lockern. Davon sahen wir keine Bilder… Hierzulande waren alle heilfroh, daß das Ellbogen-Rheuma nicht über die Ländergrenzen hinwegschwappte, hatten wir doch noch genug mit den Folgen der letzten Pandemie zu tun, die Schwellungen und Blasen im Gesicht hervorgerufen hatte und dank der gesichtsbedeckenden Heilpflaster nun wirksam „eingedämmt“ war, wie es hieß. Wir schnappten uns also unsere Pflaster und wollten uns gerade ins Auto schwingen, um ins nahe gelegene Umland in den Jahresurlaub aufzubrechen – da bekamen wir es doch mit den Folgen des Ellbogen-Rheumas zu tun: der Stillstand der fernöstlichen Fließbänder unterbrach die „Lieferketten“. Was ist denn das? Haben sie etwas mit Radfahren zu tun? Na, nicht ganz: Es kam kein Nachschub mehr und es fehlte plötzlich an allem. An den Anblick halbleerer Regale hatten wir uns längst gewöhnt und waren im Grunde nicht sehr überrascht. Der Engpaß betraf nun die Gurte, ja richtig, die Anschnallgurte in den Autos konnten nicht mehr eingebaut, repariert und ausgewechselt werden. Über die Fernsehbildschirme flackerten am folgenden Tag die finster dreinblickenden Gesichter der Minister, aufgelockert nur von einer lächelnden Ministerin für Gesundheit, die mit ihrem tieflila Kleid für einen dezenten Farbakzent zwischen den schwarzen Zwei­reihern sorgte. Das Wort führte der Verkehrsminister, dessen buschige Augenbrauen dunkel über die Stirn stachelten: „Anschnallgurte im Auto“, sprach er langsam, um seinen Worten Gewicht zu verleihen, „Anschnallgurte dienen im Auto der Sicherheit. Daher heißen sie in der Fachsprache auch Sicherheitsgurte. Die Regierung wird alles Erdenkliche tun, um den Mangel an Sicherheitsgurten so schnell wie möglich zu beheben.“ Damit endete seine Rede, und er blickte sich fragend in der Ministerrunde um. Bevor die Schweigepause unerträglich wurde, meldete sich der Innenminister zu Wort. Sein schlohweises Haar zeugte von Weisheit, was hatte er in seinem langen Berufspolitikerleben nicht alles schon beobachten müssen. Ein Engpaß bei der Lieferung von Sicherheitsgurten war aber noch nie passiert. Schnell ergriff er das Wort: „Liebe Bürgerinnen und Bürger, zu Ihrer Sicherheit wird heute im Innenministerium das Sicherheitskabinett tagen. Wir werden Beschlüsse fassen, die zu Ihrer Sicherheit bei fehlendem Sicherheitsgurt beitragen werden.“ Nun wurde es schwarz auf den Fernsehbildschirmen, der Ton aber war weiterhin zu hören. Es erklang der Trauermarsch von Chopin, ihr erinnert euch, diese schöne Melodie, zu Stalins Beerdigung wurde sie zum letzten Mal im Rundfunk ausgestrahlt. Endlich durften wir sie wieder hören. Zur Einstimmung auf die Millionen Verkehrstoten, die ohne Sicherheitsgurt mit Sicherheit einem qualvollen Ende auf der Autobahn oder in einer viel zu schmalen Landstraßenkurve entgegen sahen. Wir konnten uns die künftigen Bilder des drohenden Leids bereits vorstellen: zwischen die splitternde Frontscheibe und dem geborstenem Lenkrad eingeklemmte Köpfe mit halb geöffneten röchelnden Mündern. Natürlich floß Blut über all diese Szenen, kein Ketchup odr Theaterblut, sondern echtes wohlgemerkt. Die Titelseiten der Zeitungen würden voll davon sein. Eine schreckliche Perspektive. Unbedingt mußte verhindert werden, daß es soweit kam. Am folgenden Tag, kurz nachdem sich das Sicherheitskabinett zusammen gefunden hatte, trat der Innenminister wieder vor die Kamera. Diesmal war er allein und trug einen tiefblauen Anzug, der seinem schlohweisen Haar noch mehr einen Hauch von Weisheit verlieh, während das Anzugblau kosmisch in höhere Sphären zu strahlen schien. Seine Beliebtheitswerte in der Bevölkerung wuchsen bei diesem Anblick sprunghaft. Ach, könnte die Wahl nicht rasch auf heute vorgezogen werden, dachte der Innenminister im Stillen. In die Kamera aber sprach er: „Liebe Bürgerinnen und Bürger, wir haben sehr gründlich und alle Seiten bedenkend und abwägend im Kabinett beraten und beschlossen, den Autoverkehr in unserem Land solange zu untersagen, bis wieder Sicherheitsgurte geliefert oder hierzulande hergestellt werden können. Sicherlich liegt auch Ihnen allen die Sicherheit eines jeden Autofahrers am Herzen, ob er nun noch über einen alten Sicherheitsgurt in seinem Fahrzeug verfügt oder ohne Gurt fahren müßte. Wir zeigen uns solidarisch! Wir gehören zusammen! Daher ist es nur billig und recht, wenn auch die Autofahrer, die noch einen Gurt haben für die Dauer des Engpasses auf das Autofahren verzichten. Nur so kann die Sicherheit aller gewährleistet werden. Sicherlich können Sie diese Sicherheitsmaßnahme verstehen. Um Sie in Ihrer Einsicht in die Notwendigkeit zu unterstützen, hat mein Ministerium mit sofortiger Gültigkeit eine Rechtsverfügung erlassen. Da die Abgeordneten aufgrund dieser Verfügung nicht mehr ins Parlament fahren konnten, haben sie freiwillig auf ihr Stimmrecht verzichtet und stimmen für die Dauer des Engpasses bereits vorsorglich allen Entscheidungen der Regierung zu. Die Verfügung lautet: ‚Ab dem heutigen Tage und auf unbestimmte Dauer ist das Führen eines Automobils untersagt. Ausnahmen können beim örtlichen TÜV beantragt werden.’ Ich wünsche Ihnen allen eine sichere Zeit, bleiben Sie gut zu Fuß!“ Mit diesen Worten verabschiedete sich der Innenminister, setzte sich ein grünes Filzhütchen mit Feder auf das schlohweise Haupt und warf sich eine ebenso fichtennadelgründe Joppe mit Hornknöpfen über die Schultern. Er schickte sich – ein Vorbild wollte er dem Volke sein – zu einer Wanderung an. In seinem Alter! Da schwenkte die Kamera weg. Wieder hörten wir Chopin, diesmal sahen wir sogar das Orchester spielen.

Da saßen wir nun mit unseren gepackten Koffern vorm Auto, wollten eigentlich raus in die Heide vor der Stadt, der Jahresurlaub lockte. Jetzt war uns das Autofahren verboten worden. Betrübt blickten wir uns an und verfolgten, was um uns herum geschah: Wie von Zauberhand gestoppt, blieben die eben noch rollenden Fahrzeuge stehen, wo sie gerade waren. Die Insassen stiegen aus und wie von Zauberhand ausgestattet, trugen sie alle einen knorrigen Wanderstab in der Hand. Filzhüte mit Federn und Joppen mit Hornknöpfen waren wieder in Mode gekommen. Alt und jung, alles schleppte sich, lief und schlurfte auf den autoleeren Straßen hinaus aus der Stadt. Offenbar hatten alle den gleichen Gedanken: ‚Jahresurlaub! Raus in die Heide!’ Wir waren nicht allein. Der Innenminister behielt recht: Alle zeigten sich solidarisch. Die Schüler, die einst an freitags die Schule geschwänzt und  gegen die Luftverschmutzung demonstriert Schule hatten – habt ihr das etwa schon vergessen, manche von ihnen bekamen Disziplinarstrafen und Verweise wegen des Fernbleibens von der Schule, manche Eltern mußten wegen ihrer umweltbewußten Zöglinge mit Ordnungsgeld büßen, bevor der Staat dankenswerterweise für alle die Schulpflicht aufhob, aber das ist eine alte, lange zurückliegende Geschichte, ich habe sie, glaube ich, von meiner Oma gehört… – die freitags einst schwänzenden Schüler jubelten. Sie klatschten Beifall und trugen den Innenministern über ihren Köpfen auf Händen in den Wald. Auch die Gewerbetreibenden und Einzelhändler waren begeistert: Soviel Laufpublikum hatten sie seit Jahrzehnen nicht mehr gesehen. Die Zulieferer in den „Lieferketten“ hatten für ihrer LKW-Fahrer schnell Ausnahmegenehmigungen beim TÜV besorgt. Damit dem Volk nicht auffiel, daß der Lastwagenverkehr ungehindert weiter rollte, wurde er in die U-Bahn-Tunnel verlegt. Alle erfreuten sich an den freien Tagen bei sauberer Luft in der nahen Umgebung, unserer schönen, blühenden Heide. Nur die alleinerziehenden Mütter, diese undankbaren, egoistischen Elemente, die es gewohnt waren, ihre heißgeliebten Sprößlinge im Van zum Klavierunterricht, Tennis oder Freibad zu chauffieren, stöhnten laut auf. “Was sollen wir tun?”, riefen sie, und formierten sich in ihren gepanzerten Limousinen zu einem Autokorso, der laut hupend vor dem Innenministerium demonstrierte. Doch der Minister lag längst auf einer Lichtung im Wald zwischen Blaubeersträuchern, die auf seinem tiefdunklen Anzug, den er unter der Filzjoppe trug, nicht einmal Flecken hinterließ. Ach, träumte er, hätte nicht heute schon Neuwahl sein können?, dachte er träumend, während sein Blick sich in persilweißen Schäfchenwolken verlor. Da wurde er von einer Fahrradklingel auf seiner Waldlichtung aufgeschreckt. Eine der egoistischen, nur auf den eigenen Nachwuchs bedachten, alleinerziehenden Mütter war vom Auto aufs Rad umgestiegen und dem Innenminister tief in den Wald gefolgt. “Hätte, hätte Fahrradkette”, krähte ein Dreijähriger von seinem Kindersitz in die Ohren des Ministers. Dann fügte der Dreijährige haspelnd hinzu: “Hätte es nicht genügt, daß alle langsam fahren?” Der Minister blickte sich um, wer ihm diese bahnbrechende Idee eingeflüstert hatte. Oder träumte er noch immer? Egal, morgen würde er wieder vor die Kamera treten und sie dem Volk verkünden. Von der Mutter mit ihrem dreijährigen Kind war nichts mehr zu sehen. Längst waren sie an der Lichtung vorbei durch den Wald hindurch geradelt.

Donnerstag, April 16th, 2020

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Ein etwas

Montag, April 13th, 2020

…. das Fliegen, und Schwingen im Wind – wiegen, das eigenständige Purzelbaumschlagen, das wortbeständige Wolkenflügellächeln, das nüstern – erbetete Höhengleichnis, der Sprung der Zeit in einem Zellentraum, der raumsprengende Innen – Baum.

Meine Flügel geben nach, ich falle tief. In die Erden deiner Haut. Deine Worte durchfüllen meine Wellen mit berauschender Leichtigkeit. Deine Ebene schwingt. und ich lasse mich von ihr tragen , die Schwingung trifft mich leicht davontragend, es ist des Windes Bestimmung meine Teile miteinander fortzusagen, ineinander getrennt, zerteilen sie die Zeit, die Ewige. Sie trennt sich von Nichts. Ihre Stimme klingt weiter, selbst wenn die Gondeln Trauer tragen.
Selbst wenn der weiße Mondkuchen wieder zwischen Bambusglocken lilablau erblüht. Die Maiglöckchen fressen ihre Erinnerungen und verdecken ihre Küsse in Mondesträume.

Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Auslöschung.
Vergeudete Chancen.
Ihre Stimmen ersticken wortlos.
Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Reise.
Erbeutete Chancen.
Ihre Stimmen erklingen wortlos.
Di…. das Fliegen, und Schwingen im Wind – wiegen, das eigenständige Purzelbaumschlagen, das wortbeständige Wolkenflügellächeln, das nüstern – erbetende Höhengleichnis, der Sprung der Zeit in einem Zellentraum, der raumsprengende Innen – Baum.

Meine Flügel geben nach, ich falle tief. In die Erden deiner Haut. Deine Worte durchfüllen meine Wellen mit berauschender Leichtigkeit. Deine Ebene schwingt. und ich lasse mich von ihr tragen , die Schwingung tirfft mich leicht davontragend, es ist des Windes Bestimmung meine Teile miteinander fortzutragen, ineinander getrennt, zerteilen sie die Zeit, die Ewige. Sie trennt sich von Nichts. Ihre Stimme klingt endlos weiter, selbst wenn die Gondeln Trauer tragen.
Selbst wenn der weiße Mondkuchen wieder zwischen Bambusglocken lilablau erblüht. Die Maiglöckchen fressen ihre Erinnerungen und verdecken ihre Küsse in Mondesträume.

Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Auslöschung.
Vergeudete Chancen.
Ihre Stimmen ersticken wortlos.
Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Reise.
Erbeutete Chancen.
Ihre Stimmen erklingen wortlos.
Die Spezies fängt an zu weinen.
Als ich als kleinster Krümel noch versuchte die Welt abzubilden,
ergoss sich mir eine andere Art von Flut.
Ich verzweifelte. Und vergaß.
Ich entschloss und vergaß.
Ich vergaß. Leben. Das Leben. Ich, vergaß.
Ihre Stimmen. Ein Chor der Lockung.
Ich vergaß, ein Paradies der Wahrsagung. Eine Verzückung. Ein lustwandelndes kleinstes verköstigtes Etwas.
Eine Zündung. Eine Reißung. eine nie zerkeimende Verheißung, eine entschlüsselte Verkommenheit, ein Dialog. Endend.

Frohe Ostern!

Sonntag, April 12th, 2020

Griechenland: Konditor kreiert Osterhasen mit Corona-Schutzmasken ...

Parabeln zur Pandemie 5: Die Blaupause – Finale

Freitag, April 10th, 2020

Ein Wunder war geschehen: So plötzlich, wie die hochgefährlichen Mehlwürmer in den ukrischen Salamibroten aufgetaucht waren, so rasch verschwanden sie wieder, genauer gesagt, so schnell verwandelten sie sich in normale, ekelerregende Mehl­wür­mer, wie wir sie schon immer kannten. In dem Ameisenbau, den sich die Königin nach der Flucht ihres Volkes gesucht hatte, kannte man die Kunlun-Milben nicht, kein Tierchen rannte mit geknickten Fühlern herum. Auch von der schreckliche Wuche­rungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit, die in Italien gewütet hatte, war plötzlich nichts mehr zu sehen. Stattdessen hatten manche Menschen sportliche blaue Flecken am Knie, leichte Blutergüsse am Hals nach einem leidenschaftlichen Kuß oder Pubertätspickel im Gesicht – ein Anblick, der uns nicht erfreute, aber an den wir gewöhnt waren. Schließlich wurde auch die Lügen-Pandemie geheilt: Wie durch ein Wunder kehrten die Menschen zur Wahrheit zurück, genauer gesagt, zu den Halb-Wahrheiten, mit denen sie seit Jahrhunderten gelernt hatten zu leben. Nun durfte auch der auf Lügner allergisch reagierende Richter aus seiner un­bequemen Position halb innerhalb und halb außerhalb des Gefängnisses freigelassen werden – er saß wieder in seinem Büro. Zuvor jedoch legte er den feierlichen Eid ab, nie wieder einen Menschen wegen Lügnerei zu verurteilen, sondern seine richterlichen Urteile so zu fällen, wie es das Gesetz dem Geist nach vor­sah: für Ver­brechen.

Die Mikroorganismen und die sonstige Tierwelt, die Ukrier, Italien und die Menschenwelt insgesamt – alle kehrten zu ihrem vorherigen, natürlichen Leben zurück. Die Dramatik der letzten Tagen, der Ausnahmezustand von Natur und Gesellschaft war nach kurzer Zeit wie weggeblasen. Die Freude über die wiedergewonnene Frei­heit überspielte alles. So schien es zumindest. Die Ameisenkönigin, die nun schon alt und leicht vergeßlich geworden war, entdeckte in der Nähe ihres neuen Staates mitten im Wald niedrig wachsende Sträucher, aus denen blaue Beeren hervorlugten. Doch nicht die Blaubeeren hatten es ihr angetan, sondern die kleinen grünen Blätter, die an den Sträuchern hingen: Stapelweise ließ sie die Blättchen herbeischaffen und begann auf ihnen, ihre Geschichte gegen das Vergessen niederzuschreiben: Wie sie den Kampf gegen die bösartigen Kunlun-Milben auf­ge­nom­men und mit ihrem Befehl, die Fühler einzuknicken, gewonnen hatte. Ihr neues Ameisenstaatsvolk wußte noch nichts von den Milben und lauschte gespannt den abenteuerlichen Geschichten der Königin. Die Brutpflegerinnen lasen die Blätter, dichteten Lieder daraus und sangen sie den Eiern vor, aus denen die neuen Ameisen noch nicht geschlüpft waren. Das ganze Volk war so fasziniert, daß sie die Blätter abschrieben und kopierten. Die findigen Tierchen ent­deckten, daß sich der Saft der Blaubeere vorzüglich als Tinte eignete. Und bald er­fanden sie eine Vervielfältigungsmethode, die die Welt verändern sollte: die Blau­pause. Indem sie die Blätter sorgfältig mit Blaubeerensaft einrieben, in der Sonne trocknen ließen und dann erst die Blätter übereinander stapelten, gelang es ihnen, die Geschichte ihrer Königin zu kopieren, indem sie nur das obere Blatt beschrieben, sich dabei aber mit ihren Füßchen von oben derart gegen den Stapel stemmten, daß sich die Buchstaben auch noch auf dem untersten Blatt in die getrocknete Blau­beeren­saft­schicht ein­kratzten.

Um ihrer Königin Anerkennung zu zollen, knickten die Ameisen freiwillig und ohne Bedrängnis durch feindliche Milben ihre Fühler ein und verzichteten auf die überholten Bräuche der Betrillerung. Die Königin war so entzückt von ihrem neuen Volk, daß sie einen Freudentanz über dem Bau flog und damit den Befehl verkündete: Tragt die Blaupausenblätter zu allen anderen Ameisenstaaten im Wald und lest ihnen meine Geschichte vor. Die Ameisen marschierten divisionsweise über Stöcklein und Moose, um dem Auftrag gerecht zu werden. Die Königin aber zog sich zufrieden ins Innere des Baues zurück und legte sich zur Ruhe. Kurz darauf gab es im ganzen Wald nur noch Ameisen mit geknickten Fühlern, die auf dem Rücken ein bekritzeltes Blaubeerblättchen wie einen Panzer mit sich herumschleppten und niemals fallen ließen – das ist unsere Bibel, sagten sie zu sich selbst. Als „Schildameisen“ gingen sie in die Biologie-Lehrbücher ein. Sicherlich habt ihr sie gesehen, wenn ihr in eurem Leben schon einmal die Gelegenheit hattet, durch einen Wald zu spazieren.

Nicht nur die Ameisen waren der wundersamen Kunst des Lesens und Schreibens mäch­tig, nicht nur die Ameisen hatten die Erfindung der Blaupause lieb­ge­won­nen. Auch die Menschen hörten davon und schauten sich von den vorbildlichen, fleißigen Tierchen die Technik ab, um ihre Geschichten gegen das Ver­gessen festzuhalten für künftige Generationen.

Der schlaue Orfin ließ sich von Staatsdichtern eine geheime Geschichte des ukri­schen Volkes in Knittelversen verfassen. Darin sangen sie Loblieder auf den heiligen Mehlwurm, der es Orfin ermöglicht hatte, ein Krönchen mit Haarspangen an seiner dünner und schütter werdenden Kopfbehaarung zu befestigen. Damit gelang es Orfin nicht nur, seine Altersglatze auf geschickte Weise zu verstecken. Das Volk himmelte ihn, als er einmal mit diesem glitzernden Kopfschmuck auf dem Balkon seines Regie­rungs­sitzes erschien, als König an. Nun konnte er nach Belieben schalten und walten, ohne jemanden fragen zu müssen. Während er vom Balkon aus Reden über den Schutz des Vol­kes vor gefährlichen Mehlwürmern hielt – eine dichterische Meisterleistung übri­gens, die in der Weltliteratur ihresgleichen sucht – wackelte er mit dem Hintern und gab damit seinen Lakeien und Ministern Anweisungen, was sie zu tun hatten. Es war eine besondere Form der Gebärdensprache, die sich der schlaue Orfin angeeignet hatte. Das Volk warf aus Angst und Abscheu gegenüber den gefährlichen Würmern sämtliche Brote und Brötchen in den Müll. Die Diener von König Orfin I. ließen sie nachts aus den Mülltonnen wieder einsammeln, in Wasser einweichen, zu Papp­soldaten formen und in der quälend heißen, ukrischen Sommersonne trocknen, bis die Figuren knochenhart waren. Nun erteilte der schlaue Orfin den in die Arbeitslosigkeit gestürzten Malern und Lackiereren einen lukrativen Staatsauftrag: Sie durften heimlich in den Palast kommen und gegen Bezahlung in Form von Logis und Kost den knochenharten Pappsoldaten aus recyceltem Semmelmehl bunte Uniformen an­malen. Sicher habt ihr schon von den magischen Fähigkeiten der Maler gehört: Wenn sie ihre Kunst gut beherrschen, verleihen sie den Geschöpfen auf der Leinwand Leben. Früher, als die Menschen noch Museen und Galerien besuchten, standen sie berührt oder begeistert vor ein paar Klecksen bunter Farbe, die sie „Gemälde“ nannten, und glaubten, lebendig in ferne Zeiten und Länder einzutauchen, während sie sich in Wirklichkeit nur im Hier und Jetzt befanden. Mit diesem Aberglauben, so predigte der schlaue Orfin nach vorn zum Volk von seinem Balkon aus, werde nun aufgeräumt. Nach hinten aber wackelte er mit dem Popo und befahl den Malern mit dieser Gebärde, ein Höchstmaß ihrer Kunst beim Bemalen der Pappsoldaten an den Tag zu legen. Binnen kurzem wimmelte es im Palast von farbenfroh anzusehenden, friedlich lächelnden Soldaten und Offizieren und Generälen, die tänzelnd durch die Säle schritten. Dabei krümelte es ein wenig von ihren Schultern und Gelenken, aber das kümmerte niemanden. Der schlaue Orfin hatte es dank seines unermüdlichen Krieges gegen die Mehlwürmer geschafft: Er hatte den Ukriern die mächtigste Streitmacht seit den Mongolen geschenkt. Davon kündete seine Geheime Geschichte der Ukrier in hymnischen Versen.

Die Ärzte in Italien hatten die schreckliche Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit er­folg­reich “eingedämmt” (ein Wort, als handelte es sich um eine Flut…), indem sie den Menschen gesichts­be­deckende Heilpflaster ver­ordneten. Anfangs waren die Heilpflaster Mangelware, mußten aus Fernost ein­ge­flo­gen werden, was ein logistisches Kunststück war angesichts des beinahe kom­plett eingestellten Flugverkehrs. So wunderte es nicht, daß ganze Flug­zeugbäuche mit den rettenden Gesichtspflastern bei einer Zwischen­landung im Kongo von Ureinwohnern geplündert oder CIA-Agenten beschlagnahmt wurden, wer genau, wußte niemand. Endlich aber trafen die ersten Lieferungen in Rom ein und konnten auf Eselskarren sicher bis ins reiche, aber von der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit besonders heimgesuchte Norditalien transportiert werden. Die Menschen nahmen die Rettung dankbar an und atmeten unter ihren Pflastern erleichtert auf. Außer der berühmten italienischen Streicheis- und Waffelindustrie konnten nun Produktion und Handwerk wieder hochgefahren werden. Einzig die Gelaterien erhielten Berufsverbot, denn der Verzehr von Straßeneis hätte massenhaft zu dem unverantwortbaren Phänomen geführt, daß die Bürger mitten im Sommer – in Italien war er ähnlich quälend heiß wie in Ukrien – ihr rettendes Gesichtspflaster kurzzeitig abgerissen hätten, um sich eine Kugel Eis in den Mund zu stopfen. Derart überholte, unhygienische Ernährungs­ge­wohn­heiten mußten konsequent ausgemerzt werden. Zu diesem Zweck befahl das Hygiene­ministerium, das nach dem Sieg über die schreckliche Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit das alte Gesundheitsministerium abgelöst hatte, in den Unabhängigen Staatlichen Rundfunk-Anstalten, abgekürzt USRA, weiterhin stündlich die garstigen Bilder von den Wucherungen, Schwellungen und Blasen zu zeigen – nicht weil sich die Krank­heit weiterhin ausbreitete, sie war besiegt und drohte dem Ver­gessen anheim zu fallen. Zur erwachsenenpädagogisch wertvollen Abschreckung der sorglosen, egoi­stischen und auf Kosten der Allgemeinheit schlemmenden Eisesser liefen die Bilder weiterhin über die Fernseher und wurden noch mit weit finsteren Bil­dern aus fernen Ländern, die weiterhin unter Wucherungen, Schwellungen und Bla­sen litten als unser schönes Italien, angereichert.

Zum Erfolgsrezept der Hygiene­behörde gehörten nicht nur die Gesichtspflaster, die bald schon in modischen Formen vertrieben wurden, und das generelle Eisessverbot, sondern die Isolation der älteren und ältesten Teile der Bevölkerung in speziell für sie eingerichteten „Alten-Camps“. In sicheren Heimen, fernab der großen Städte mit ihrem langsam wieder in Betrieb genommenen, hochansteckenden Theatern, Opern und Museen, konnten die Alten ihren Lebensabend genießen, blieben von lästigen Besuchen ihrer Kinder und Enkel verschont, wurden vom Pflegepersonal liebevoll sozialpädagogisch umsorgt – die pflegerische Fürsorge wurde übrigens per Stechuhr gerecht auf alle Bewohner der Camps verteilt und bei der Krankenkasse abgerechnet. Die böse Natur, die ihnen mit dem täglichen Älterwerden an den Leib zu rücken drohte, konnte den Älteren und Ältesten nun nichts mehr anhaben. Der Übergang in eine neue Ära – das Zeitalter des ewigen Lebens – stand unmittelbar bevor. Die Beamten des Hygieneministeriums sahen schon Jesus vom Kreuz herunterklettern und für ewig auf die Erde zurück­kehren – eine Phantasie, die in Italien und nicht zuletzt im Vatikan helle Begeisterung auslöste.

Nur die Kriminalpolizei, weiterhin Kripo genannt – das sei am Rande vermerkt, da es in der öffentlichen Diskussion in den Unabhängigen Staatlichen Rundfunk-Anstalten (USRA) nicht vorkam, hier aber die ganze Wahrheit berichtet werden soll – nur die Kriminalpolizei äußerte Bedenken gegen die Einführung der rettenden Gesichtspflaster, denn sie erschwere die Suche nach Einbrechern und Dieben, wie sich denken läßt. Im Schutze des Pflasters konnte geklaut und vergewaltigt werden wie nie zuvor. Die Opfer oder wie es nun hieß, die Geschädigten dieser schrecklichen Verbrechen waren nicht einmal imstande, laut zu schreien und Hilfe herbeizurufen. Auch die Schilderungen der Zeugen, die die Polizei zur Vernehmung ins Revier lud, beschränkten sich auf die Augen- und die Haarfarbe sowie den Satz: “Trug ein gesichtsbedeckendes Pflaster.“ Tausendfach wurden Ermittlungsver­fah­ren eingestellt. Noch nie sahen sich die Mafia und die Camorra so wirksam vom Staat unterstützt wie von der Einführung der Gesichtspflaster durch das Hygie­ne­ministerium. Die Schrecken der Verbrechen waren an die Stelle der schrecklichen Krankheit getreten – aber die Gesundheit war, das wußte jedes Kind auswendig, wichtiger als alles andere.

Die Rechtsstaatliche Staatspolizei, abgekürzt Restapo, lobte die Gesichtspflaster in hohen Tönen. Nach dem Sieg über die Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit waren Versammlungen und Demonstrationen wieder erlaubt. Insbesondere die Um­weltschützer hatten die Füße während der Quarantäne kaum stillhalten können und die Zahl der Petitionen im Internet war flutartig angeschwollen. Nun durften sie wieder auf Plätze und Straßen treten. Doch in der neuen Zeit erinnerten ihre Demonstrationen dank der Ge­sichtspflaster eher an Schweigemärsche. Sie wedelten ihre phantasievoll gestalteten Transparente durch die Luft, spielten zu Hause am Re­korder eingesprochene Reden ab – die Demonstrationen waren gemein­schaft­liche Hör­buchnachmittage. Ja, die Umweltschützer… Sie hatten während des Wütens der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit erlebt, wie radikal die Regierung zu einer Änderung der Lebens- und Wirtschaftsweise zu bewegen war. Nun schöpften sie Hoffnung: eine bessere Welt ist möglich, ließen sie auf den Demos durch Lautsprecher verkünden. Tatsächlich konnte man die Reden hinterher auf Audible nach­­hören, so daß es sich eigentlich gar nicht lohnte, wegen einer Demo auf die Straße zu gehen. Nicht einmal die Beamten der Restapo mußten ihre Büros verlassen. Sie konnten gemütlich im Zimmer bei einem Espresso, den sie sich mittels wiederverwendbarer Strohhalme aus ökologischem Bambus durch ihr Gesichtspflaster hindurch einflößten, ermitteln, welche staatsgefährdenden Gedanken von welchen Umweltschützern herausposaunt wurden. Auch die Ver­höre ließen sich dank der Gesichtspflaster wirksamer gestalten als früher: die Ver­nommenen hatten keine Chance zu erkennen, wer sie vernahm – da konnte die eine oder andere Folterpraxis wie Fingerbrechen oder Arm­auskugeln, die seit dem seligen Mussolini in Vergessenheit ge­raten war, un­ge­straft in die Verhörkeller zurückgeholt werden. Aber damit driften wir ins Reich der ge­heimen Blaupause ab, das eigentlich dem schlauen Orfin vorbehalten war. Mit dem wollte natürlich niemand etwas zu tun haben, diesem Wahnsinnigen, der sich für einen modernen Dschingis Khan hielt, schon gar kein Repräsentant unseres sauberen Italien…

Die Banken schrieben eine Blaupause, die sie in Form eines Forderungskataloges öffentlich an die Regierung herantrugen: Sie forderten – wie schon während der Krank­heit – die Fortzahlung nichtrückzahlbarer Fördergelder, genannt Zuschüsse, aus dem Staatshaushalt. Dank der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasen­krankheit wußten sie nun, wie das Staatssäckel geplündert werden konnte, wenn den Mini­stern der Boden unter den Füßen wankte. Ihre Hoffnung, der Regierung weitere Billiönchen zu entlocken, war nicht besonders groß, aber versuchen sollte man es. Vielleicht sprangen am Ende ein paar Milliönchen heraus.

Die Grenzschützer schließlich schrieben ihre eigene Blaupause für den Grenzschutz der neuen Zeit und spuckten sich vor Freude in die Hände: Standen vor Ausbruch der Krankheit noch alle Grenzen offen, das hieß, waren die Grenzschützer ständig von Arbeitslosigkeit bedroht, so hatten sie voll Erstaunen mit angesehen, wie schnell es möglich ist, alle Grenzen zu schließen, nicht nur die Landesgrenzen, auch die Grenzen der Bezirke und Provinzen innerhalb der Länder waren verschlußfähig – das hätten sie sich nie zu träumen gewagt. Neue Grenzpolizisten mußten ausgebildet werden, die sogenanne Innere Grenzschutzpolizei, genannt Igspo, die die genesenen Bürger nun davon abhielt, Ausflugsziele, Natur-und Kulturdenkmale aufzusuchen, sollte sich doch weiterhin jeder nur in seiner Bannmeile aufhalten, die auf 33 km vom Haupt­wohnsitz festgelegt worden war. Die neugeschaffene Igspo hatte Tag und Nacht zu tun, vor allem nachts sogar, denn besonders widerspenstige und asoziale Elemente suchten den Schutz der Dunkelheit, um sich über den Radius ihrer Bannmeile hinaus zu bewegen.

Die Regierung, das soll nicht verschwiegen werden, schuf sich ihre eigene Blaupause, in der sie ihre Erkenntnisse und Erfahrungen, die zum Sieg über die Krankheit beigetragen hatten, für künftige Eliten bewahrte. Ihre Blaupause hieß Strategiepapier und trug auf jedem Blatt einen Stempel mit der Inschrift „Verschlußsache: Nur für den Dienstgebrauch“ – ja auch diese Blaupause gehörte zum Reich der geheimen Depeschen, es sollte ja niemand verunsichert werden und an­fangen, an den Regeln der Demokratie zu zweifeln. Gerade jetzt verlangte die Regierung Loyalität und war sich doch unsicher, ob das Volk überhaupt noch auf sie hörte oder jeder einfach lebte, wie er wollte. Nun hatte sie mit ängstlicher Verwunderung beobachtet, daß sie mit einer Handvoll Dekrete sämtliche Freiheiten kassieren konnte, ohne dass sich der geringste Widerstand regte. Denn alle Ein­schrän­kungen dienten nur einem Zweck: dem Schutz der Gesundheit. Was sich vorm Auge der Regierenden – die sich übrigens bald schon Regenten nannten – abspielte, war eine Generalprobe. Aber wofür? Die Antwort auf diese Frage überlasse ich der Phan­tasie des Lesers…

All diese Beobachtungen und Erfahrungen wurden in den Geschichten gegen das Vergessen niedergeschrieben und festgehalten – sie galten als Blaupause für künf­tige Generationen. An die Stelle der Welt, wie Tiere und Menschen sie kannten, trat eine Welt der Kämpfe und Gegensätze: Die Polizisten der Kripo sabotierten die Beschlüsse des Hygieneministeriums, die Beamten der Restapo zersetzten die Be­we­gung der Umweltschützer, die Banken kochten wie eh und je ihr eigenes Süppchen, nur die Grenzschützer handelten vereint gegen alle, die sich nicht in ihre Wohnung verbannen ließen, jene unbelehrbaren Freiheitskämpfer, die nicht mehr an die Rechtmäßigkeit der herrschenden Ordnung glaubten und – wie die Regierung sagte – Opfer von Verschwörern geworden waren. Jede Gruppe folgte ihrer Blaupause und auf ihren Blau­beerblättchen war kein Platz für die Geschichte der anderen. Es war keine Zeit der Erlösung, wie es in den ersten Tagen nach dem Sieg über die Krankheit noch schien, sondern eine Zeit des Chaos und der Willkür. Keiner vertraute dem anderen, keiner konnte die Wahrheit mit den Händen greifen. Am Ende sah sich die Regierung genötigt, den schlauen Orfin um Amtshilfe zu bitten. Die knochenharten, krümelnden Papp­soldaten marschierten aus Ukrien ein und errichteten die auch im Rest Europas Monarchien.

Die Ameisen aber irrten mit ihren geknickten Fühlern ohne Betrillerung durch den Wald und fanden nicht mehr zu ihrem Bau zurück, wo die glorreiche vergeßliche Königin alleinselig einschlummerte und nicht mehr zum Leben erwachte.

offenbar

Donnerstag, April 9th, 2020

schweigend über die dinge hinaus
jenseits von wörtlichkeiten irgendwo hinter bilderrätseln
grünen die leeren tage ins volle licht – einer
der winkt

den sekunden nach
wo niemand mehr lebt senkt blauer tau sich
hinter der stille aufs abendbrevier

in wildem ritt übers stirngeläuf
wolkenstürmend ins weltvergessen wir wollen nicht hadern
mit dieser stunde fallen die tode reif vom baum
die ganze nacht

und den neuen tag
ein jeder schatten weinend
verblasst

Sie können das, ohne zu verzweifeln

Mittwoch, April 8th, 2020

Vyvyan stellte den Gartenstuhl, vom Nachbarn bei Nacht schnell entwendet und am nächsten Morgen grün lackiert, auf den Balkon. „Ich glaube, Tante Viola hat eine Seite an sich, das schiefe Stück einer Torte, an einer ihrer Flanken, aus ihrem Kleid entlang herausgeschnitten, eine Seite, die mich nicht mag. Sie redet zu mir und zugleich zeigt sie, dass sie mich übersieht. Onkel Albert ist froh über den nicht existierenden Skandal, diese Leerstelle, die nicht nur leer blieb, sondern im Antlitz ihrer entkleideten Banalität uns nun bereitwillig Jahr um Jahr dem Alter entgegen treiben lässt. Wir sind schon Kunst – für Nachfahren, die es chic finden, uns wieder zu entdecken.“

Christian, Albert und Violas Adoptivsohn, hatte den größten Teil des gesamten Zyklusses gekauft, Privat- und Familienkunst, Privat-und Familienbesitz, das petrifizierte Leben. Sie setzten sich nieder, Esther, Vyvyan, Eduard, Miranda, nach wie vor ein Quartett aus einem altmodischen Brettspiel, das leichter zu spielen war als Schach. Es schien vorhersehbar, nicht veränderbar und war nichts dergleichen. Albert und Viola, Kuchen und Würste essend. Eduard erzählte noch manchmal Professor Ehrenberg davon, der jetzt einen neuen Schüler hatte und Eduards Doktorarbeit längst in die zweite Auflage gebracht hatte. „Schreiben Sie Ihre Kritik über das Idyll. Sie können das, ohne zu verzweifeln. Sie beginnen einfach mit dem Satz, Idyllisches macht mich nervös und skizzieren virtuos die Darstellung eines mit Schafwolken beklebten Himmels. Sie tanzen für unsere Studenten Walzer mit ihrem Freund, und erleichtern ihnen jede Form der Lebensführung, sie führen andere aus ihrer Enge.“ Er sprach jetzt am Telefon mit Eduard so viel, wie er mit Vyvyan niemals Worte gemacht hatte. Er kam das Quartett an einem Wochentag im Kurpark besuchen, er hatte Benzin in die Luft geschleudert und verbrannt, Frösche und Igel überfahren. Sein silberner Audi 80 konnte selbst Tante Viola keinen bewundernden Blick entlocken. Schmerz und Leid waren zu einer grotesken, lächerlichen Plattheit, gleich den überfahrenen Tieren auf den Straßen, geronnen, und sie atmeten erleichtert auf, tranken ihren schwarzen Tee.

Moment der Schwere

Montag, März 30th, 2020

Eisen liegt nun auf den Häuten
mehr nicht
keine Schafe grasen
auch am Himmel kein Bewegen
ohne Trübung oder Aufwind
Frieren verfällt ohne Datum

Eisen breitet sich aus
der gewohnte Gang atemlos
geschnürt auch Erzschuhe und -hüte
eingepasst in Eisenmaßstäbe
tägliche Schnelldurchgänge durch die Magnetfelder
mit klackendem Handschlag

Atemrisse

Gemächlich aus dem Stillstand in Bewegung kommen  

Samstag, März 28th, 2020

Ostern : ein magisches Wort

Laßt uns Goethe als Mantra murmeln

Und uns langsam auf den Weg machen

Ein kleiner Spaziergang zu Ostern

 

Was ist daran schlimm : ein Verbrechen

Die Zukunft naht : wir können nicht weiter

In den Betten liegen und den Kindern

Beim Zocken zusehen : es gibt eine Zukunft

 

Gekrönt von Langsamkeit : wir wollen

Nicht zurück zum Hetzen & Jagen

Vollkommen ist : wer gemächlich geht

Mit dem Grundeinkommen zu Füßen

 

Schlurfen wir in die Zukunft : von Schritt

Zu Schritt das Tempo steigernd

Und rasch verlangsamend : gerade

Wie es paßt : nicht wie es diktiert wird

 

Vom Markt und sonstigen Schreihälsen

Wenn wir etwas in der häuslichen

Quarantäne gelernt haben : das eigene

Tempo : die Verständigung im Hintergrund

 

Untergrund : glaubt nicht : ihr Hirten

Daß wir euch dumpf hinterher trotten

Wohin immer ihr die schweigenden

Lämmer führen wollt : wenn das Gras

 

Aufhört zu wachsen : werden wir laut

Unser Blöken wird euch betäuben

Und den letzten Verstand rauben

Den ihr jetzt schon zu verlieren scheint

 

Ostern! : werden wir flüstern

Ostern! : werden wir schreien

Wenn ihr nichts von Erlösung gehört habt

Wir glauben euch nicht : glauben euch nicht

persistent

Mittwoch, März 25th, 2020

flüstern des atems am scheibenrand:
still es kommen nur die mit purpurnen zweigen
und gelben flügeln

gestorben dereinst über der zeit
schweig

es kommen nur
die schon immer ragten
wie türme

bis jenseits des aughorizonts
auf brennenden zungen verkohlte töne lila und
rot wie singendes glas die ränder
beschrieben weiß

und blau wie das meer
über bergen tief im geheimnis der krüge
zerschlagen

das pochen der blätter
gebrochener äste in ihrem blut gebeuteltes grün
über glimmendem braun auf geblendeten
spiegeln zerdrückt

wie ertrunken lauschten des nachts
in die falten des raums den jahren zwischen die stunden
greifend der abend zitternd im schwarzen kleid
still dreh dich nicht

in den lauen wind

Parabeln zur Pandemie 2: Die einäugige Alte oder vom Glück, im eigenen Bett sterben zu dürfen

Sonntag, März 22nd, 2020

Eine alte Frau verbrachte ihre letzten Tage im Pflegeheim. Sie war mit einem biblischen Alter von 86 Jahren gesegnet, hatte Mussolini, die deutsche Besatzung und schließlich die Nachkriegszeit durchlebt.  Ihre rüstige Tochter, die gerade ihren 60. Geburtstag gefeiert hatte, besuchte sie beinahe täglich. Die Alte war – soweit sie sich erinnern konnte – zufrieden. Sie war noch imstande gemächlich herumzulaufen, genauer gesagt: zu schlurfen,  und sich selbst anzukleiden, fühlte sich umsorgt und hegte nur noch einen Wunsch im Herzen: im eigenen Bett zu sterben. Tatsächlich dachte ihre Tochter zuweilen ernsthaft darüber nach, sie wieder zu sich nach Hause zu holen, um ihrer Mutter diesen letzten Wunsch zu gewähren.

Mitten im Sommer geschah etwas Eigenartiges: Von der Hitze bildeten sich rote Blasen auf der Haut der Alten, besonders auf den Wangen, die so sehr anschwollen, daß sie auf der linken Seite ein Auge zudrückten. Die Pfleger kümmerten sich rührend, legten Kompressen auf, es nützte nichts. Als die Schwellung nach drei Tagen nicht verschwand, riefen sie den Arzt, der stets ins Altenheim kam, wenn es gesundheitliche Probleme gab – das war praktisch jeden Tag der Fall. Die Blasen blieben und überwucherten das linke Auge. Die alte Frau ähnelte einer Leprakranken, doch es war kein Lepra. Eine neuartige, eine unbekannte Krankheit, raunte der Arzt und ordnete die Verlegung der Alten ins Krankenhaus an.

Die einäugige Alte wurde nun vom Hautarzt, von der Augenärztin, vom Internisten und schließlich vom Chefarzt inspiziert – niemand konnte eine klare Diagnose stellen, allen stand das Rätsel als Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Am folgenden Tag nahm die Hautärztin eine Gewebeprobe und schickte sie ins Labor. Es dauerte drei Tage, ehe ein Eilkurier die Ergebnisse der Untersuchung persönlich dem Chefarzt überbrachte, drei Tage, in denen die Blase unterm linken Auge der alten Frau weiter und weiter wucherte. Nun bildete er bereits einen Auswuchs, der mit der Stirn zu verwachsen schien.

Der Laborbericht enthielt im Telegrammstil folgende Mitteilung: „Neuartiger Bakterienstamm, aus der Famile der Mykobakterien, aber mit bisher unbekannter DNA, im Unterschied zu anderen Mykobakterien offenbar schnell ansteckend und mit kurzer Inkubationszeit.“ Der Bericht war per eMail zeitgleich ans Gesundheitsministerium in die Hauptstadt geschickt worden. Dort landete er jedoch mit etwa dreitausend weiteren eMails vom selben Tag im Postfach der Pressestelle und wurde nicht weiter beachtet.

Die alte Frau im Krankenhaus erfuhr nichts von den Laborergebnissen. Ihr wurde gesagt, es handele sich um eine seit langem bekannte, heilbare Krankheit, sie bekomme jetzt Medikamente und in ein paar Tagen werde die Blase wieder abschwellen. Die Alte schöpfte Hoffnung, daß ihr langgehegter Wunsch, zu Hause bei ihrer Tochter sterben zu können, nun doch in Erfüllung gehen könne. Sie bat um das Rezept und wollte sich nach Hause bringen lassen. Da erschien der Chefarzt persönlich zur Visite an ihrem Bett und erklärte ihr, das sei nicht möglich, sie müsse bleiben.

In der Zwischenzeit hatte ein Pfleger beim Feierabendbier mit einem Freund über die ungewöhnliche Alte mit dem zugeschwollenen Auge gesprochen. Dieser Freund war von Natur aus neugierig und hörte aufmerksam zu – er arbeitete bei der Lokalzeitung. Er entwickelte eine lebhafte Vorstellung von der Monsterkrankheit der Alten, stellte sich vor, wie nicht nur das Auge, sondern bald schon die Stirn und dann der ganze Kopf von der Blase überwuchert und eingehüllt sein würden – eine schauderhafte, Grausen erregende Vorstellung. Am folgenden Morgen streifte er sich einen grünen Kittel über, setzte sich einen Mundschutz auf und begleitete den Pfleger zur Arbeit ins Krankenhaus, ließ sich ans Bett der Alten führen, die nichts argwöhnte. Dort schoß er heimlich eine ganze Fotoserie von der Alten, genauer gesagt: von der Blase, die ihr Auge überwölbt hatte. Er kniete sich neben das Krankenbett, um aus schräger Perspektive von unten ein besonders eindrucksvolles Bild von der Größe der Blase einzufangen. Am Computer könnte er mittels der Auto­korrekturfunktion die rötlichen Stellen blutrot erscheinen lassen – es würde ein auf­sehendes Bild ergeben. Mit etwas Glück, genauer gesagt: wenn sich an diesem Tag kein anderes Unglück ereignete, würde das Bild auf der Titelseite landen.

So ge­schah es: der Reporter hatte Glück, das Bild wurde auf Seite eins abgedruckt. Der Chef­redakteur feuerte die Redaktion an, die Geschichte weiterzuverfolgen. Nun erhielt die alte Frau in ihrem einsamen Krankenzimmer dreimal täglich Besuch von jenem umtriebigen Redakteur, der nun noch eine Assistentin und einen profes­sionellen Fotografen im Schlepptau mitführte. In einem Tagebuch, das der Reporter als Blog im Internet vorab veröffentlichte und das in Auszügen nun eine eigene Kolumne der Lokalzeitung bildete, berichtete er von den Veränderungen und Wucherungen der Blase. Er schilderte die Gedanken der alten Frau, ihr Leid und ihre Schmerzen. Genauer gesagt schilderte er, wie er sich die Gedanken, das Leid und die Schmerzen der alten Frau vorstellte, denn sie sprach nicht mit ihm, hielt ihn in ihrer Gutmütigkeit weiterhin für eine Krankenpfleger, der sich um sie kümmere.

Inzwischen hatten die Zeitungsberichte auch die Hauptstadtpresse erreicht und das spektakuläre erste Bild, das der Reporter selbst noch auf Knien von der Blase ge­schos­sen hatte, schaffte es in die Abendnachrichten. Nun fiel auch im Gesund­heits­ministerium unter all den zahllosen eMails die Kurzmitteilung des Labortests in die richtigen Hände. Der zuständige Ministerialdirigent für subtropische Medizin nahm sich des Berichts an, hakte nach und ließ – gut gekühlt in diesem heißen Sommer – die Gewebeprobe in die Hauptstadt transportieren.

Nun nahmen die Dinge ihren Lauf. Ein Krisenstab wurde eingerichtet. Täglich berichtete die Pressestelle des Ministeriums. Die Meldungen wurden sofort von allen großen Sendern übernommen. Ohne daß es einer Anweisung bedurfte, überprüfte das Personal in sämtlichen Pflegeheimen, ob weitere alte Menschen ähnliche Symptome zeigten. Tatsächlich – niemand hätte es gedacht: der heiße Sommer hatte auch bei anderen Senioren zu Schwellungen aller Art geführt. Bei einem alten Mann war das linke Knie geschwollen, daß es einem Medizinball glich. Einer weiteren alten Frau  war die eigentlich schon schlaffe linke Brust aufgebläht, daß es schien, sie erwarte mit ihren 74 Jahren ein Kind.

Eines aber hatten alle Schwel­lungen, Wucherungen und Auswüchse gemeinsam: Sie waren stets auf der linken Körperhälfte zu finden. Nun kamen die Neurologen und Hirnforscher ins Spiel. Sie verkündeten, daß es sich um eine Anomalie der rechten Hirnhälfte handeln müsse, denn diese steuere die Vorgänge auf der linken Körperhälfte. Man müsse das Gehirn untersuchen, müsse den Stoffwechsel testen und mit radioaktiven Markern in Echtzeit die Blutströme zur Großhirnrinde unter die Lupe nehmen. Ein findiger Forscher entwickelte eine Methode, die Anomalien der Großhirnrinde mit Hilfe des EEG zu diagnostizieren, was den technischen und finanziellen Aufwand um ein Vielfaches minderte. Noch bevor der findige Forscher sein neuartiges Testverfahren kreuzvalidieren und veröffentlichen konnte, erging vom Ministerium der Erlaß, in allen Pflegeheimen, EEG-Elekroden anzuschaffen, das Personal zu schulen und sämtliche Bewohner der Heime zu überwachen.

Von nun an wurden täglich neue Alte in den Pflegeheimen aufgespürt, die auch ohne jede Schwellungs-, Wucherungs- und Blasen­symptomatik eine Anomalie auf der rechten Großhirnhälfte aufwiesen. Wegen der Befürchtung, den Gefahren, die von der Störung ausgingen, nicht gewachsen zu sein, veranlaßte das Pflegepersonal instinktiv bei der kleinsten Auffälligkeit, ja beim geringsten Hüpfer im rechtsseitigen EEG den Notarzt zu rufen. Der Notarzt war durch die täglichen, genauer gesagt: nunmehr stündlichen Sondernachrichten zu Schwellungen und Auswüchsen, bereits gut vorbereitet, genauer gesagt: gebrieft. Er überwies den Patienten sofort in die Intensiv­medizin. Dies geschah, wie man sich denken kann, in allen Pflegeheimen gleichzeitig, denn keines wollte seiner Verantwortung und Fürsorgepflicht für die alten Menschen nicht gerecht werden.

Also hieß es handeln, ohne zu zögern, keine kostbare Zeit verstreichen zu lassen. Die Ärzte auf den Intensivstationen wunderten sich. Sie fühlten sich dem Ansturm nicht gewachsen, wollten zugleich aber ihren jahrhundertelang gepflegten Hippokratischen Eid erfüllen – also schlugen sie Alarm. Mehrere hundert Chefärzte riefen am selben Tag den Gesundheitsminister an, die Telefondrähte glühten. Der Minister war jung und forsch, spürte den Tatendrang in seiner Brust. Wäre er doch eigentlich selbst Mediziner – in Wirklichkeit war er ein Kaufmann – und stellte sich vor, was es heißen würde, helfen zu wollen, aber nicht zu können, weil die Umstände katastrophal erschienen – dem mußte vorgebeugt werden. Vorbeugung war schon immer die beste Medizin. In Wirklichkeit standen die Mediziner bei älteren Patienten immer schon vor der Entscheidung, ob eine intensive Behandlung das Leid eher vergrößere oder viel­mehr eine Schmerzlinderung angezeigt sei. Dieses Dilemma gab es, seitdem es den Arztberuf gab – nichts daran war neu.

Unser junger Minister bat also den Ministerpräsidenten, eine Kabinettsrunde ein­zuberufen. Auf dieser Sitzung wurde der nationale Gesund­heits­notstand ausgerufen. Die Krankenhäuser müßten ausgebaut, neue Inten­sivstationen eröffnet, alle sonstigen Operationen vertagt und alles auf die Rettung der alten Menschen aus den Pflegeheimen, die dem Schwellungs- und Wucherungstod nahe standen, ausgerichtet werden – koste es was es wolle, das gebiete unsere Menschlichkeit und Solidarität.

Tatsächlich offen­barten sich auf den Intensivstationen schwerste Fälle von sterbens­kranken 82-, 78- und 89jährigen. Den in Transportern eilends hergekarrten Alten aus den Pflegeheimen bekam der Umzug auf die Intensivstationen, sagen wir es diplomatisch, nicht gerade gut. Sie vermißten ihre vertrauten Pfleger, die vor wenigen Tagen noch kleine Scherze, Späße und nette Bemerkungen für sie übrig hatten. Stattdessen wurden nun blinkende Meßgeräte um sie herum aufgebaut. Viele wurden an den Tropf gehangen, erhielten prophylaktisch einen künstlichen Darmausgang. Jeder menschliche Kontakt war durch Mundschutz und Plexiglasbrille auf der Nase der Ärzte und Krankenschwestern vorbeugend geschützt. Denn die Patienten schleppten ihre langwierigen Krankheiten, an denen sie schon seit Jahren laborierten, auf die Intensivstationen, Krankheiten, die bei ihnen als unheilbar galten: Krebs, Lungenentzündungen, Schlaganfälle, Diabetes, In­kon­tinenz. Die Intensivstationen mutierten landesweit zu Geronto-Intensivstationen. Doch die Patienten ver­mißten die Palliativärzte, die ihnen wenigstens den Schmerz zu lindern vermochten. Allein der Ortswechsel verursachte bei manchen einen Schock, von dem sie sich nicht erholten.

Es kam, wie es kommen mußte – auf den Geronto-Intensivstationen stieg die Todesrate rasant an, ein Umstand, der sich nicht verheimlichen ließ, denn die Sozial­ar­beiter der Krankenhäuser waren nun fortlaufend damit beschäftigt, Be­stat­tungs­institute anzurufen und mit der Abholung der Verstorbenen zu be­auftragen. Schließlich traten die Bestatter wegen Überlastung in einen Streik und wandten sich an die Presse. Eine überaus alarmierende Schlagzeile machte die Runde: „In der Gruppe der über 80-Jährigen ist die höchste Sterblichkeitsrate zu ver­zeichnen.“ Kaum zu glauben! Tatsächlich berichtete ein Magazin nach dem anderen über dieses phänomenale Phänomen. Starben nicht in normalen Zeiten schon mehr als zweitausend Menschen am Tag eines natürlichen Todes, ohne daß außerhalb der eigenen Familie darüber gesprochen wurde? Die Regierung bemühte sich redlich, das Erschreckende dieser Nachricht klein zu halten – auch für eine einstmals demokratisch gewählte Regierung empfiehlt sich eine gewisse Strategie der Volksverdummung, damit die Panik nicht anschwelle, genauer gesagt: in die richtige Richtung gelenkt werde.

Um die Ausbreitung der hoch ansteckenden, bisher unbekannten Schwel­lungs- und Wucherungskrankheit einzudämmen, erließ die Zentralregierung Tag für Tag neue Gesetze: Schulen und Hochschulen zu besuchen, sich in ein Café zu setzen, seiner Arbeit nachzugehen, ja selbst sich die Haare schneiden zu lassen, wurde kurzerhand verboten. Eine Diskussion zu all diesen Dekreten, die der Form nach den Dekreten Lenins nach der Oktoberrevolution im fernen Petrograd, einem alten Freund unseres seligen Mussolini, nicht unähnlich waren, blieb der Regierung Gott sei Dank erspart. Denn wegen der Befürchtung, sich mit der hochansteckenden Schwellungs- und Wucherungskrankheit zu infizieren, hatte das Parlament – in Abwesenheit der Abgeordneten – einstimmig beschlossen, sämtliche Sitzungen für die kommende Zeit auszusetzen und dem Ministerpräsidenten, er nannte sich nun in alter Tradition wieder Duce, sämtliche Vollmachten zu übertragen.

Den Krankenhäusern blieb angesichts des Streiks der Bestattungsinstitute nichts anderes übrig, als die Armee zu bitten, die Leichen, die sich in den Kühlkellern stapelten, abzutransportieren – was der Ministerpräsident kraft seiner präsidialen Machtfülle mit einem Federstrich genehmigte. Die Bilder vom Militärkonvoi voller Leichen in Friedens-, aber Krisenzeiten gingen um die Welt. Kurzerhand wurden in allen zivi­lisierten Staaten EEG-Elektroden für die Alters- und Pflegeheime angeschafft. In manchen Staaten wurden auch die geschlossenen Psychiatriestationen und Hochsicherheitsgefängnisse in die diagnostische Präventionsmaßnahme integriert.

Nun nahmen die Dinge ihren Lauf. Der Weltgesundheitsverein (WGV e.V.) gab welt­weit anerkannte Empfehlungen heraus, die in der weiten Welt der vernünftigen und aufgeklärten Re­gierungen in Gesetze und Verordnungen umgewandelt wurden. Manchem Autokraten half diese Maßnahme, die Menschen mit Verweis auf die Ge­sund­heitsrisiken von Protesten und Demonstrationen gegen eine verfassungswidrige Ver­längerung der Amtszeit abzuhalten – wer hätte gedacht, daß sich die grassierende Infektion, die schauderhaft anzusehenden Wucherungen und Schwellungen, vor allem aber die unsichtbaren Anomalien auf der rechten Hirnhälfte, die glücklicherweise nun mit Hilfe des EEG sichtbar wurden, derart förderlich von den bestehenden Eliten ausnutzen ließen?

Die dubiose Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit erwies sich als wahrer Segen: nicht zuletzt für die Natur, die aufatmen konnte, auch für die gesunden Menschen mittleren Alters, die eingesperrt in ihren Wohnungen, sich nicht mehr mit Gedanken um die richtige Politik martern, nicht mehr täglich zur Arbeitsstelle und von dort durch den elenden Stau zur Schule hetzen mußten – es kehrte Ruhe ein, genauer gesagt: Friedhofsruhe. Und diese bekam der überwiegend gesunden Bevölkerungsmehrheit sehr gut, als wäre sie eine für alle angeordnete Erholungskur. Die Alten stürben sowieso, ob im Heim oder auf der Intensivstation, das war kein großer Unterschied. Die Mächtigen aber konnten mächtig auftrumpfen und keiner verübelte es ihnen.

Wen haben wir vergessen? Ach so, unsere alte Frau, der wegen der Blase unterm Auge vom Chefarzt verboten worden war, nach Hause zu gehen. Beinahe hätte ich es ver­säumt zu erzählen, daß ihre Schwellung Ende August langsam zurückging. Vielleicht waren die etwas kühleren Temperaturen daran schuld. Der Chefarzt wollte sie dennoch nicht entlassen, war sie doch so etwas wie eine Symbolfigur geworden: Patientin Null. Ihre Tochter versuchte, mit dem Anwalt gegen die Entscheidung vorzugehen. Wenigstens sollte ihre 86jährige Mutter in häusliche Quarantäne entlassen werden. Dort würde sie doch für niemanden außer ihre Familie eine Gefahr darstellen. Der Chefarzt ließ den Anwalt mit Verweis auf das Infek­tions­schutzgesetz abblitzen – das sei in der heutigen Zeit nicht erlaubt. Die Alte stelle immerhin eine Gefahr für die Allgemeinheit dar und ihre Tochter mache sich strafbar, wenn sie ihre Mutter zu Hause beherberge. Der Anwalt wiederum erlaubte sich, das Gesetz zu erwähnen, das kürzlich erst verabschiedet worden war und laut Verfassung jedem Menschen das Sterben in den eigenen vier Wänden garantiere, wenn er wolle sogar mit Beihilfe zum Suizid, z.B. bei starken Schmerzen. Da hatte der Chefarzt nur ein müdes Lächeln übrig, erwiderte, er müsse sich noch um die vielen anderen Patienten auf der Geronto-Intensivstation kümmern, leider habe er keine Zeit. Er bemüßigte sich nicht einmal, den Rechts­beistand des Krankenhaus­es von diesem Einwand zu informieren. Erst als die Tochter drohte, die Krankenkasse vom sinnlosen, aber doch recht kostenintensiven Aufenthalt ihrer nunmehr symptomfreien Mutter in Kenntnis zu setzen, zögerte der Chefarzt keine Sekunde: Er konnte wohl unterscheiden, worauf es ankam und worauf nicht.

* Musik soll sein

Sonntag, März 22nd, 2020

.

Nicht Musik soll sein,
wo mein Herz
am Abgrund lauert.

Nicht Musik soll sein,
wo so viele
Flüche gedacht!

Auf der Zunge Flügeln,
in Weihrauchs
Nebeln zerfällt

sogar eines
wahren Gedanken
Pracht . . .

Nicht Musik soll
sein, wo der
Abgrund dauert.

Der Gedanke
abseits der Seele
wütet im Nichts.

Seine Wahrheit
macht dem
Denken arg

zu schaffen.
Die Seele ein
Nichts, tränen-

leer

,

19.11.19

Pandemische Paradoxien 1: Krankheitsfolgen vs. Folgen der Krankheitsbekämpfung

Mittwoch, März 18th, 2020

Taiwan und Südkorea zeigen, daß der Umgang mit der Infektion anders gehen kann, ohne unkalkulierbare ökonomische Kollateralschäden, die beim Über­bie­tungs­wett­bewerb der Länder hier billigend in Kauf genommen werden: ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen sollen sich schützen und geschützt werden, es wird flächendeckend getestet, Erkrankte sollen zu Hause bleiben, sofern sie – wie es in der überwiegenden Mehrzahl der Fall ist – nur milde Symptome zeigen; Apps zeigen in Echtzeit, wo sich Infektionsherde und wo sich medizinische Hilfsmittel wie Atemmasken befinden; im Februar wurden die Schulferien verlängert. Die gesamte Bevölkerung prophylaktisch nach Hause zu verbannen, die Grundrechte (Versammlungsfreiheit, Recht auf Bildung) auszuhebeln und die Wirtschaft durch Stillegungen nachhaltig zu ruinieren – diesen Schritt haben Südkorea und Taiwan wohlweislich unterlassen. In der Abwägung von Kosten und Nutzen, in der syste­mischen Gesamtbilanz dürften sich solche Maßnahmen nicht rechtfertigen lassen – wir haben es weder mit Cholera, der Spanischen Grippe noch mit TBC zu tun.

Die politischen Entscheider hierzulande werden sich möglicherweise binnen kurzem einer veränderten gesell­schaftlichen Situation gegenübersehen: Dann geht es nicht mehr um die Gesundheit von 5 bis 20 Tausend, sondern um die Existenz von 5 bis 10 Millionen Menschen – allein die „Solo-Selbständigen“ sind Millionen. Soziale Unruhen werden die europäischen Länder ergreifen, und Politiker werden sich mit der Frage auseinander setzen, wie sie im Moment des Eiferns und der Machtanmaßung auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes, das Ganze aufs Spiel setzen konnten. Sie werden sich Veranwortungslosigkeit vorwerfen lassen müssen, indem sie unter dem Vorwand der Verantwortung und Solidarität, den wirt­schaftlichen Niedergang für fast alle verursacht haben.

Die Auswirkungen der menschengemachten Katastrophe aufgrund von Fehl­entscheidungen wird die Auswirkungen der Pandemie um ein Vielfaches über­treffen. Am Ende wird man feststellen: Operation gelungen, Patient tot. Erstaunlich, wie wenig nötig ist, um ein funktionierendes Gemeinwesen mit kurzatmigen „wissen­schaftlichen“ Begründungen abzuwürgen. Zum Beispiel wurde der Vergleich von Christian Drosten (Podcast #Update 12 und 13) mit der Spanischen Grippe in den Jahren 1918-20 aus dem Kontext gerissen und zur Begründung der flächen­deckenden Schulschließungen herangezogen. Naiv von einem Wissenschaftler zu glauben, daß Medien und politische Entscheider wie Wissenschaftler mit Infor­mationen umgehen – also abwägen, in Zweifel ziehen, Gegenhypothesen überprüfen.

Nun läßt sich im Zeitraffer beobachten, wie Dystopien soziale Realität werden. Die Ent­scheider haben sich verrannt und sonnen sich darin, „Macher“ zu sein. In Wirklichkeit sind sie Getriebene einer Eigendynamik, die sie als Einzelne gar nicht mehr stoppen können. Nun heißt es für alle, die keiner „Risikogruppe“ angehören: Versteckt euch nicht, laßt euch keine Angst einflößen, sondern erhebt eure Stimme für die systemische Vernunft, zeigt den Entscheidern, daß sie den falschen Weg gewählt haben.

In der Abwägung ist der Ruin aller betroffenen Länder nicht zu rechtfertigen – daß die Aus­wirkungen der menschengemachten Katastrophe die Folgen einer Pandemie um ein Vielfaches übersteigen, kann nicht in unserem Interesse sein! Auch nicht im Interesse der Erkrankten. Länder wie Südkorea und Taiwan machen es vor, wie man Corona begegnen kann, ohne wirtschaftlich bankrott zu gehen.

 

zur feier

Montag, März 16th, 2020

hohläugiger blick
mit augen von jenseits der schatten
ins schwarz der äonen
hingemeuchelt

an tischen aus fels
unbehauen sitzen wir stumm
im geschleiften gebein

zum gelächter der irren
die reichen uns wein aus mitternachts-
trauben wallt das blut bis über
die ufer

uralter gesänge
gen morgen erhängt
am stirngebälk

krähte der hahn viermal
das pochen im brustgewölbe verebbt
gebrochen jedwede geste kalt-
gepresst

gebeugt das tosende
zungenbein alle augen vom schlaf
umwölkt

Es gibt eine Liebe

Samstag, März 14th, 2020

Giwi Margwelaschwili

Eine Schachpartie in einer Küche
Ewig unvollendet
Ewig neu

/

Es gibt eine Liebe, die kommt aus der Tiefe

ephemer

Sonntag, März 8th, 2020

rauscht in der brust
traumverloren im innern der knochen
abgegolten

am rande des hirns
synapsentaumelnd neuronen-
geflochten hingeschüttet
in singenden
staub

tagblind und nacht-
vergessen ursprungsgerissen
wie totes segment

käme einer
höbe das wort aus erstarrter
zunge ließe es stürzen
blutrot

hinab ins zerstäubte
gedicht käme und fiele
vom silbenrand

den würgte
der achtlose sohlentritt kadenz-
zerschlagen mit stumpfer
gewalt

streue ich wind in die lippen-
asche