Autor-Archive: Sigune

Über Sigune

1981 in Filderstadt geboren; Diplom-Studiengang Literaturübersetzen in Düsseldorf; Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien; unter den Preisträgern beim 5. Brüggener Literaturherbst (2014), beim Kempener Literaturwettbewerb und beim Badener Lyrikbewerb zeilen.lauf (2015).

Die Farbe von November

Von | 8. November 2020

Sturmschwalben ziehen über das Watt. Das Meer atmet lauter. Du sammelst Fragen, die das Wasser tiefer spülte als meine Worte. Dort hinten ist die Sehnsucht weites Hügelland, und ihre Gräser schweigen. Ein Bild von ihr hängt schief noch immer zwischen Bücherwand und Tür.

Im Schnee wird meine Stimme blau

Von | 20. September 2020

An meinen Versen hängt noch Nacht. Bei der Kaimauer rufen die Möwen nicht mehr, und Schiffe fahren zu keinen Ufern. Worte graben sich in Sohlen und Ackerfurchen. Ob sie über mich hinauswachsen im Frühling zwischen gestrandeten Gedanken und morschen Planken – Du legst mir Meer vor die Füße, doch jeder Tropfen rinnt an einen Ort… Weiterlesen »

Heimweg

Von | 3. November 2019

Manchmal falle ich in Zwischentöne, die drängender hallen als Menschen und Züge. Gedanken sterben an Ampeln. Wenn ich alles auf Rot setze, zerfällt mein Kopf über Unebenheiten der Zeit, hält der Atem nicht inne über unerledigten Dingen. Manchmal stoße ich ans Innere der Müdigkeit.

In alte Wunden

Von | 19. Juni 2019

taucht die Morgensonne, so rot steht sie am Horizont. Aus Fenstern kriecht das Schweigen. Wenn du sprichst, rollen sich die Worte zu Steinen, die sich mittags erhitzen und glühend in die Sonne schreien. Doch jetzt liegen sie kalt zu meinen Füßen, hinterlassen Abdrücke vernarbter Träume. Auf der Rückseite spüre ich noch Jahre später die Kerben… Weiterlesen »

Aus deinem Mund

Von | 8. Juni 2019

fällt Schnee. Deine Stimme ein fremder Wald ohne Rehe. Immer den Schneisen nach gehst du zum Ausweg, auf dem das Mondlicht liegt und manchmal ein See am Ende der Böschung. Nach Harz riecht der Atem des Dunkels. Bäume zittern Schatten unter die Haut, und ihre Nadeln weisen nach Norden wie du.

Ist das dein Schmetterling?

Von | 29. September 2018

Das Gefühl von Gerechtigkeit hat etwas Merkwürdiges an sich. Schon in früher Kindheit rieselt es in uns hinein, eine feine, staubige Saat, die jedes Wort der Mutter umgibt. Wir nehmen sie auf, schlucken sie herunter, und ehe wir uns versehen, bricht etwas auf, wächst und öffnet sich, blüht in sanften oder grellen Farben. In Anna… Weiterlesen »

Herausragendes Exemplar mit grauen Wangen

Von | 16. April 2018

Sie fügte sich so geschmeidig in die immer kleiner werdende Normalität, wie der Begriff von Experten definiert wurde, dass jeder Spaziergänger sie fast übersah. Doch da sie nichts hatte, woran man sich stoßen konnte, gab es auch keinen Zusammenprall. Wenn sie über die Entwicklung nachdachte, die das Normale mit den Jahren durchlaufen hatte, war sie… Weiterlesen »

Schwermut

Von | 5. November 2017

In den Wäldern fällt die Zeit vom Geäst. Ich fange sie mit meiner Kleidung und trage schwer an deiner Stimme, die noch immer in den Tagen ruht. Am Abend wasche ich den Stoff mit deinem Schweigen im großen Fluss.

Januartage

Von | 1. Oktober 2017

Deine Stimme flieht über die Berge. Auf dem Gipfel liegt der Schnee kniehoch. Ich gebe dem Wind Meerworte und eine Handvoll Regen. Die Zeit ist noch nicht reif, sagst du. Sie liegt dir bitter auf den Lippen, und Kraniche sind unbekannt verzogen.

Deine Worte werfen keinen Schatten

Von | 1. Juli 2017

Sie zwängten mein Leben in sechsundzwanzig Buchstaben. In den Leerzeichen klangen die Töne lauter und widersprachen dem Gesang der Lerchen. Ich pflückte weiße Worte von den Lippen und legte sie in Zwischenräume. Ohne Schatten hallten sie durch meinen Tag.

Wohin träumen

Von | 14. April 2017

Wieder drücken sich die Tage eng an meine Haut, tritt ein Teil aus mir heraus und geht in sie über, und ich weiß nicht, wie ich mich halten soll inmitten dieser Zeit, in der die Schritte blind übereinander fallen und ich in keine Himmelsrichtung träumen kann.

Fragment

Von | 11. Februar 2017

I Zuerst entdeckte ich meine Einsamkeit in einem Teich. Sie schwamm an der Wasseroberfläche und kräuselte sich in einem Lächeln. Dünne Falten bewegten sich hin und her. Sie wirkte freundlich und erschreckte mich nicht. Doch als ich einen kleinen Stein auf sie warf, wurden die Wasserfalten tiefer, schwankten heftig, und ein neuer Ernst drang in… Weiterlesen »

Das Dunkel

Von | 10. Dezember 2016

riecht nach Luchs. Ich streife durch die Tiefen meiner Sprache. Zeit bricht mit wuchtigen Fingern Worte. Wir starren Löcher in die Luft und füllen sie mit Stimmen. Auf der Rückseite sind die Tage rau, kaum schwerer als der Regen. Ich halte Stunden gegen das Licht, doch nichts scheint durch. Auf ihrer Haut sammelt sich die… Weiterlesen »

Zeitwall

Von | 7. Dezember 2016

Meine Sehnsucht schweigt sich alt. Die Zeit hat mir in dieser Nacht vom Haar genommen. Ich träumte schwarzen Sand, der fiel und fiel und an den Ufern Falten legte. Dort rauscht ein Fluss und nagt am Tagesrand. Ich bäumte mich im Schlaf und legte Jahresringe ans Gestade, doch das Wasser zog sie in den Sog… Weiterlesen »

Traumfänger

Von | 30. Oktober 2016

Ich bin ein Stück Land in weiter See und die Gedanken Gräser auf den Deichen. Immer wieder reißt das Meer an meinen Hängen, bäumt sich auf und trägt mich ab, wirft mit dem Sand, was in den Fängen ist, auf fremde Klippen. Manchmal türme ich mein Sehnen auf die Hafenmauer, damit ein Fischerboot vor Anker… Weiterlesen »

Mauern

Von | 21. Oktober 2016

Als ich in deinem Schatten saß, lag noch Schnee auf den Bergen. Von den Grashalmen zitterte der Tau auf deine Hand. Du flochtest Geduldsfäden in dein Haar, und aus deinem Mund sprangen Grillen. Keine streifte mich in jener Vormärzsonne, als ich meine Finger zwischen Halmen verbarg. Unsere Lippen hielten einander nicht Wort. Am Abend schlich… Weiterlesen »

Das Leben ist kein guter Vorgesetzter

Von | 5. Oktober 2016

Ob ich einsam bin, fragst du, als ich am geöffneten Fenster den Regen betrachte. Im Fallen liegt eine Ruhe, eine Selbstverständlichkeit, der ich mich nicht entziehen kann. In der Scheibe verschmelze ich mit einer Tanne, zwei Formen, ineinander und doch getrennt. Wir zeichnen uns stets mit unseren Grenzen von der Welt ab; vielleicht ist es… Weiterlesen »

Manchmal häutet sich

Von | 29. September 2016

die Zeit, und aus dem Innern tönen Melodien früher Träume. Die Adern pochen leis den Takt. Als Ahnen hallt ein jeder Ton Sekunden in mir nach. Dann finde ich dich noch in Harmonien zwischen Tag und Schlaf.

Glashaus

Von | 6. Juli 2016

Sie trug ein Haus aus Glas um ihren Körper. Alles, was sie empfand, prallte daran ab, drang nicht nach außen. Doch immer wieder stieß es an die harten Wände und schmerzte, wenn es im Ausfallswinkel zu ihr zurückkam. Eines Morgens hörte sie ein leises Klopfen an der Tür. Der durchdringende Klang ließ die Kuppel sanft… Weiterlesen »

Auf den Dächern

Von | 11. Juni 2016

sitzen Spatzen, lösen sich Ziegel aus Erinnerung. Ich sehe Mutter am Bügelbrett, wie sie den Tag glättet. Draußen bist du Schneekönigin mitten im Frühling, hängt sie Wäsche und alte Regeln an die Leine, die mit den Worten der Nachbarn flattern. Zwischen Unkraut lauern Nacktschnecken und andere Feinde, baust du Schlösser und braust Mittel für tote… Weiterlesen »

Alte Wege

Von | 25. Mai 2016

Nebel zieht über das Moor, und die Töne der Vögel zittern. Einst schrieb die Zeit Falter an Felsen. Zwischen Heidekraut liegt das Leichte unter meinen Füßen. In der sumpfigen Wiese sprachen wir uns stumm. Jeder Laut wog schwer und sank. Gestern füllte ich die Taschen mit fossilen Worten und legte sie in Farben. An ihren… Weiterlesen »

Ebbe

Von | 22. April 2016

Salz hängt spröde an den Klippen meiner Träume, und die Wellen rauschen nur von fern. Ich gleite von den windgepeitschten Hügeln. Immer tiefer falle ich zu dir. Einst wiesen deine Blicke meerwärts, blaue Ruhe vor dem Sturm. Dann warf ich in dir Anker.

November

Von | 6. Oktober 2015

Bevor wir gingen, brachen wir die Tage des Schweigens an und zehrten an ihnen. Der Hunger hing in Winterfarben an den Fingern. Mit körniger Stimme rieselte er ins Stundenglas der Liebe, und das Laub brannte den Sommer aus. Erst gestern fand ich mich zinnoberrot am Rand der Nacht.

Putztag

Von | 2. August 2015

Manchmal bröckeln die Stunden vom Himmel und brechen Ziegel aus dem Dach der Kindheit. An den Wänden haften Schreie, wenn der Tag wieder in den Eimer fällt. Mutter geht noch immer durch die Zimmer und wischt mit aufgelöstem Tagwerk über die Regale. Ich stehle mich in den Garten und schaukle über ihre Worte hinweg. Am… Weiterlesen »

Stillstand

Von | 17. Januar 2015

Ich habe mich beiseitegelegt, auf Gletschereis, um mich nicht an einem Frühlingsmorgen verdunstend ins Sonnenlicht zu mischen. Nie stürze ich und flute. Meine Umgebung bleibt für immer kalt. Gewohnheiten schleichen mir katzenpfotig um die Beine, meine Hände harren tagein, tagaus auf Fell. Doch währenddessen sind mir die Wünsche aus dem Nest gefallen. Ein Unbekannter berührte… Weiterlesen »

Sturmland

Von | 20. Dezember 2014

Noch immer reißt der Sturm Zweige aus dem Leben. Im Gartenteich versinken sie in ihrem Spiegelbild. Ein Baum zittert Wellen ins Wasser. Winters laufen wir auf verpassten Möglichkeiten. Unter den Füßen knackt das Eis Geschichten von einem Land jenseits der Stürme.

Sommerabend

Von | 23. November 2014

In den Falten der Bettdecke ruht Erinnern, wenn die Tage am Horizont aus allen Wolken fallen. Dann hängen Melodien am Rahmen des gekippten Fensters, und leise gibt der Wasserhahn den Takt an. Die Zeit löst sich auf und sickert in Gedächtnislücken. In ihrem Wasser bilden Pflanzen neue Triebe, ranken sich in Träume. Hinter den Lidern… Weiterlesen »