Archive for the ‘Erinnerungsbrösel’ Category

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Sonntag, November 22nd, 2020

Gegen
das Verbot des Königs
küsst Antigone
ihren toten Bruder
ohne Maske.

[wegelbach

Freitag, November 20th, 2020

in den stillen winkeln der wiesen
die gräser zittern noch
vom licht
von den wilden gedanken
wie es früher war
unter dem schnee unter
den hufen der huftiere
damals lebten unter der erde noch zwerge
alle sind
alles ist

verschwunden

der wolkenhimmel
streift die fehlenden zäune
sie taten dem gras gut und
schützten es
vor der unbill der zeit

Und (365)

Freitag, November 20th, 2020

immer noch die Natur, die keine Sprünge macht;
geh’ (endlich) arbeiten!

Erinnerung

Samstag, November 14th, 2020

Hier führt die Aorta direkt zu den Sternen.

Auf dem Pass war es am höchsten: Schmerz
War Gesang, Wolken Gas
In flüssigem Zustand. Logik Gefühl, der Yak ein Eimer.
Der Schädel – meiner oder deiner? war nurmehr Helm,
Helmbrecht Milchkuh. Bertold: – einer nur,
Einer von hier. Und dort nur Wasser, so weit das Auge reicht.
Wasser und Wolken

[oden | wälder ... wir ruderten die themse hinauf nach maiden | head]

Mittwoch, November 4th, 2020

[oden | wälder
wir ruderten die themse hinauf nach maiden | head]
wörtliche rede

wir legen hörrohre
in die weit verzweigten enden der wälder
die fein verästelten adern ihrer wurzel und blattwerke
in das grüne auge mit der herbstfarbenen iris
die pulst unter der rinde
quillt
als harz aus allen schnitten
süß duftende wunden
verletzungen
waldtränen
rinnsale gerinne flüsse des todes
alles mit sich reißend
was nicht gehalten wird durch die kräfte der nacht
der poesie des mondlichts
oder neon
oder LED
[pssst
schhh]
wir legen störrohre ins labyrinth

* * *

Dienstag, November 3rd, 2020

Schwarze Katze, weißer Kater

Hast du Lust, ‘ne Stunde
hier herumzuliegen
& zu träumen von

Feuer & Eis?

meine geliebte spricht mit fallenden blättern

Donnerstag, Oktober 15th, 2020

belade mich mit trauer
die singvögelchöre sind verstummt
in den nuten der herzspur
ziehen salanganen ihre bahnen
wir neigen unsere häupter
tief
hinunter zu den verwunschenen dörfern und städten
vor unseren füßen
wachsen regenländer
schneelandschaften

vergnügungen

Mittwoch, August 19th, 2020

der sommer hat ausgeatmet
der dunst der tage legt sich
auf mein gemüt
wir hatten die felder bestellt
und den regen besungen

nun werfen wir uns schatten zu
gedüngt sind die momente
des letzten jahres
halte meine hand
nur noch ein einziges mal

vater

Mittwoch, August 19th, 2020

im unterhemd saßt du
mit dem bleistift in der hand
eine geschichte im kopf
mich auf dem schoß
und in diesem augenblick
flog die sehnsucht über den horizont
das blei des stiftes
kratzte am papier
der schweiß deines körpers
roch nach einem harten tag
und ich auf deinem schoß
der baum auf dem papier
ragten äste in die luft
du warst so leise oder müde
und ich war dein kind
bis dahin

Und

Dienstag, Juni 9th, 2020

Wie bescheiden es da steht. Gänzlich ungeübt darin, groß geschrieben und allein im Rampenlicht einer Überschrift zu stehn, kommt es sich ganz verloren vor. Und doch ist es an der Zeit, es endlich einmal angemessen zu würdigen. Also halte durch, kleines großes Und. Du wirst sehen wie gut es tut, einmal ein wenig Anerkennung für deinen unschätzbaren Dienst zu erhalten. So viele Worte vermögen mit ihrer Bedeutung Bilder, Assoziationen und Erinnerungen auszulösen oder uns und andere mit der Schönheit ihres Klanges, ihrem Humor, ihrer Dynamik oder Tiefe für oder gegen sich einzunehmen. Einigen von ihnen werden wir auf den kommenden Seiten begegnen. Du hingegen verfügst über keine solchen Reize und doch will mir dein Wirken für unsere Sprache noch viel bedeutsamer erscheinen als mancher Begriff, der uns mit seiner eindrucksvollen Bedeutung besticht. Welches Wort wäre schließlich so wie du in der Lage, andere Worte, Dinge, Gedanken, Menschen, ja Welten selbst über größte Unterschiede und Gegensätze hinweg miteinander zu verbinden? Nur dank dir können wir so unterschiedliche Beziehungen wie die zwischen Sonne und Mond, Romeo und Julia, laut und leise, Pat und Patachon, Tag und Nacht, Kraut und Rüben oder Leben und Tod zum Ausdruck bringen. In vollkommener Neutralität stellst du deine Beziehungsfähigkeit allem und jedem zur Verfügung, ohne je eines der durch dich verbundenen Worte oder Glieder eines Satzes zu bewerten oder zu beurteilen. Du bist eines jener oft unscheinbaren Wesen, die selbst verschiedenste Worte und Geschöpfe in ein Miteinander, ins Gespräch zu bringen vermögen, ganz unabhängig davon, ob sie in einer innigen Liebesbeziehung leben oder sich ganz unversöhnlich gegenüber stehen. Ohne dich wäre unsere Sprache ein beziehungsloser, von vereinsamten Einzelexistenzen bevölkerter Raum aus Aufzählungen und Aneinanderreihungen. Romeo, Julia, Tag, Nacht, laut, leise, Zucker, Salz. Unser verbaler Austausch nähme den Duktus einer To-do-Liste an. Du bist damit nicht nur das Beziehungsgenie unter den Worten. Du ermöglichst auch erst den fließenden Rhythmus unserer Sprache.

Gewiss, auch die übrigen Wörter aus dem Kreis deiner Familie, die wir als Binde- und Fügewörter oder Konjunktionen bezeichnen, tragen einen beträchtlichen Teil dazu bei, dass wir Beziehungen sprechen und in ihren unterschiedlichen Gestaltungen denken und bewerten können. Doch vermag kein anderes Wort sie wie du von jeglicher Bewertung frei zu gestalten und den so Verbundenen eine unvoreingenommene Begegnung auf Augenhöhe zu ermöglichen. Nicht selten gelingt es dir dadurch, ungeahnte Gemeinsamkeiten zu fördern, die jene Wenns, Abers und Entweder-Oders unserer Welt beim besten Willen nicht zu erkennen vermögen. Ihnen fehlt jene zugewandte Offenheit, mit der wir all den Worten und Dingen begegnen, denen wir mit dir entgegen sehen. Manch vermeintlicher Gegensatz, manche Polarität stellte sich so schon als gedankliche Chimäre heraus. Mancher Streit löste sich in Wohlgefallen auf. Und lassen sich nicht erst so jene Einsichten erschließen, die wir mit Wunsch und Willen, die wir denkend und bewertend nie zu finden vermögen?

Natürlich ist es gerade auch die Fähigkeit, zu bewerten und zu beurteilen, die uns Menschen ausmacht. Schon um Dinge und Wesen strikt voneinander getrennt halten zu können, die sich partout nicht miteinander verstehen. Nur so vermögen wir ein friedliches Zusammenleben zu gestalten und uns die Welt denkend und argumentierend zu erschließen. Ohne die Bereitschaft, Position zu beziehen und sich abzugrenzen, gibt es keine Freiheit. Und wo diese Freiheit, wo Menschlichkeit und Toleranz gar bedroht sind, sei es etwa durch Rassismus, Antisemitismus, Extremismus oder Gewalt und Hetze, ist die Grenze jeder Neutralität und Akzeptanz erreicht. Doch wie schwer fällt es uns Menschen oft, die Welt in all ihren Schattierungen überhaupt erst einmal frei von eigenen Bewertungen und Emotionen wahrzunehmen. Ihr unvoreingenommen und offen zu begegnen. Wo aber die Bereitschaft fehlt, zunächst einmal inne-, ja an sich zu halten; die Fähigkeit, zwischen der äußeren Welt in all ihrer Komplexität und unserer Wahrnehmung, zwischen Tatsachen und Bewertungen zu unterscheiden, beginnt die Sprache unseren Blick mehr zu vernebeln als ihn zu erhellen. Ohne ein Bemühen, die Welt in ihrer Streitbarkeit, Gedanken und Positionen in ihrer Gegensätzlichkeit zunächst einmal anzunehmen und auszuhalten, wird es schwer fallen, Gemeinsamkeiten und Kompromisse zu finden.

Dies ist dir, liebes Und, wiederum ein Leichtes. Du lässt selbst schärfste Gegensätze da sein, ohne sie durch eigene Bewertungen oder Emotionen einzuschränken oder gar noch anzuheizen. Ganz als wüsstest du, dass wir die Welt in ihrer Vielfalt mit all den verschiedenen Wörtern unserer Sprache nur dann zu finden und zu erkennen vermögen, wenn wir sie in ihrer Verbundenheit begreifen und verstehen. Dass all die einfachen, vermeintlich klaren Formeln, Abgrenzungen, Begriffe und Bewertungen, mit denen wir die Welt so gerne auf das Maß unseres Geistes zusammenfalten, bestenfalls Halbheiten bleiben. Dass mindestens zwei Seiten, das Für und das Wider, oft aber eine schier unendliche Zahl an Faktoren und Facetten gleichzeitig miteinander vorhanden und zu bedenken sind. So führst du uns wie kaum ein anderes Wort vor Augen wie wichtig es ist, jede Einseitigkeit zu vermeiden. Dass nur dort Licht, wo auch Schatten ist. Das Verbindende zu denken und nicht das Trennende. Türen zu öffnen, statt sie zu schließen. Auch den schmerzlichen Erfahrungen und Empfindungen, die das Leben für uns bereit hält offen entgegen zu gehen, geben sie ihm doch erst seine Würze und Fülle. Bekanntlich vergrößern wir sie nur, wenn wir sie verdrängen oder bekämpfen. Unserem Zusammenleben und unseren Beziehungen den Raum und die Aufmerksamkeit zu geben, die sie benötigen, und sie immer wieder neu zu bedenken. Und mit deinem Beziehungstalent wirst du mir hoffentlich auch verzeihen, wenn ich hier den ein oder anderen Ausflug in fernliegende gedankliche Gefilde unternehme, ja abenteuerliche Abschweifungen, überraschende Sprünge und auch längere Umwege müssten eigentlich ganz in deinem Sinne und nach deinem Geschmack sein. Mögen also Denken und Phantasie in diesem Stück, in dem du die ersten Töne spielst, nur immer frei und lustig aufspielen und sich vor allzu engen Gehegen hüten.

So still du nun aber zu wirken verstehst, so unersetzlich du für das Miteinander all der vielen anderen Worte auch bist, so leicht wirst du auch übersehen. Nicht nur in der Welt der Sprache fehlt uns oft der Blick für all die kleinen Wörtchen, die Beziehungen stiften und deren Schönheit im Inneren und ihrem fast unmerklichen Wirken liegt. Auch alle Menschen, die dadurch Sympathie und Verständnis füreinander fördern, dass sie für andere da sind, die sich persönlich und ohne Ansehen der Person um das Wohlbefinden anderer und aller, um das Miteinander all der so unterschiedlichen Wesen auf unserem Planeten kümmern, werden von uns leicht übersehen. Als wüssten wir nicht, dass ihr, dass dein Wirken im Kleinen das Große oft erst ermöglicht. Wie häufig denken wir, wenn wir die Architektur eines Hauses bewundern noch an das Werk der Maurer, die es Stein für Stein zusammenfügten? An das unermüdliche Wirken all der Pflegerinnen und Pfleger, die sich Tag und Nacht um Alte, Kranke und Menschen mit körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen, die sich um das Wohl der Tiere oder schon in den frühen Morgenstunden um Pflanzen, Parks und Gärten kümmern? An die Krankenschwestern und -pfleger, Rettungssanitäterinnen und Sanitäter, Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten die anderen dabei helfen, Krankheiten und Krisen zu überwinden? Streetworker und Sozialarbeiterinnen? An Mütter und Väter, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Kraft und Zeit dem Wohlbefinden und der Bildung unserer Kinder und nicht selten auch uns Eltern widmen? Die Gastwirte und Wirtinnen, Kellnerinnen und Kellner die uns an ihren Tischen und Stühlen und all die anderen Künstlerinnen und Künstler die uns Beziehungs- und Gemeinschaftserlebnisse ermöglichen?

Wie sehr sind wir auch darauf angewiesen, uns gegenseitig mit einem herzlichen Lächeln oder Scherz, einer kleinen Geste oder einem Gespräch zu bezeugen, dass wir im All nicht allein, sondern Mensch unter Menschen sind? Geben wir unseren Mitmenschen oft genug Gelegenheit, dies mit uns zu empfinden? Kümmern wir uns genug um all diejenigen, die krank oder einsam sind, die mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen leben, die nicht arbeiten können, keine Arbeit finden oder gar auf der Straße leben? Zeigen wir ihnen allen, all unseren Mitmenschen, dass wir sie wahrnehmen? Zeigen wir all jenen, die Tag um Tag, manche Nacht und viele Feiertage und Wochenenden unermüdlich für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen und unsere Gemeinschaft, unser Zusammenleben und unsere Gesundheit im Kleinen tätig und verantwortlich sind oft genug jene Wertschätzung, die sie verdienen? Den Landwirten und -wirtinnen? Putzfrauen und -männern, Briefträgerinnen und Paketboten? Fensterputzern, Stadtreinigern und Straßenfegern? Verkäuferinnen und Verkäufern? Den Friseuren und Friseusen, Feuerwehrfrauen und -männern, Bus- und S-Bahnfahrern? Polizistinnen und Polizisten, Soldatinnen und Soldaten die Demokratie und Frieden sichern? Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Jobcentern, die anderen dabei zu helfen versuchen, wieder Arbeit zu finden? Die sich um die Integration von Menschen anderer Herkunft und Geflüchteter bemühen? Unseren Hausmeistern, Pförtnerinnen und Pförtnern? Wäscherinnen und Wäschern, Bauarbeitern, Stadt-, Müll- und all den anderen Handwerkern und -werkerinnen? Und was ist mit all den Vielen, die ehrenamtlich und außerhalb des Berufslebens für andere da sind? Wären wir ohne sie und all jene, die mir hoffentlich verzeihen dass ich hier versäume, sie ausdrücklich zu erwähnen, um nicht völlig den Faden zu verlieren, wären wir ohne dich, liebes Und, nicht gänzlich aufgeschmissen?

Und so verwundert es wenig, dass wir ungeachtet all der Worte und Wesen, die sich mit Vorwitz, Dünkel, forschen und großen Tönen, Rang und Namen oder langen Ahnentafeln ins rechte Licht zu rücken wissen nur die Worte „die“ und „der“ noch häufiger verwenden als dich. Wenn wir dir also bislang auch viel zu selten die Achtung und Wertschätzung entgegen gebracht haben, die du verdient hättest, so belegt dies immerhin, wie sehr wir Worte und Wesen wie dich brauchen. Wie wenig ohne dich wohl von der inneren Schönheit unserer Sprache bliebe. Und, ich verspreche, nicht länger gedankenlos über dich hinwegzupreschen und nie mehr die Achtung und Aufmerksamkeit für deine Beziehungsarbeit zu verlieren, so leise und unmerklich du sie auch zu verrichten vermagst, sind es doch erst und eigentlich die Beziehungen, die uns zu Menschen und eine Sprache zu der unseren machen.

Medizin

Dienstag, Juni 9th, 2020

einander
helfen,

auch den
Vögeln,

gemeinsam
gehen,

Radio
hören,

Klavier
spielen,

miteinander
reden,

Karten,
Briefe,

Gedichte
lesen,

besonders
Goethes

Märchen

Montag, Juni 8th, 2020

aus dem Tschad:
Bis zu dem Augen-
blick, wenn wir einem
Menschen oder Tier
ins Gesicht schauen
und darin unsere
Brüder und Schwestern
erkennen umgibt uns
noch dunkle Nacht.

Eisgrau

Dienstag, Mai 19th, 2020

fallen

[https://inskriptionen.de/?p=]

achtundvierzigfünfundachtzig

brennend aus dem Himmel des Sterns mit Namen

*

- Besser als ein Stern ohne Namen.
- Wieso?
- Na, die bleiben so klein. Fast unsichtbar…
(zweifelnder Blick)
- Hm, aber dann gleich – SUPERNOVAAH?
(Stirnrunzeln)
- Ah.

Parabeln auf die Pandemie 7: Kammer-Bühl

Sonntag, Mai 3rd, 2020

An einem leicht bewölkten, nicht allzu heißen Augusttag des Jahres 1822 trafen sich Jöns Jakob Berzelius, ein Chemiker aus Schweden, der gerade in Marienbad zur Kur weilte, Graf von Sternberg, Johann Baptist Emanuel Pohl, ein Botaniker, Christoph Nepomuk Drostig, Mineraloge und Goethes Assistent, hm, nein, damals hieß es noch Diener, sowie schließlich, nicht zu vergessen, der Geheime Bergwerksrat höchstselbst zu einer Wanderung auf den Kammerbühl. Der Kammerbühl ist nicht irgendein Berg. Zwar klein, so daß man in ein paar Minuten von seinem Fuße aus den Gipfel erreicht, scheint er doch ein Vulkan zu sein und verheißt für Liebhaber der ernsthaften Naturkunde Überraschungen und Entdecker-Freuden, über die es sich vortrefflich streiten läßt. Siebenmal schon hatte Goethe die 30 Höhenmeter erklommen, vier Aufsätze hatte er über den Berg verfaßt: zuerst 1808 Der Kammerberg bei Eger und zuletzt 1822 ganz frisch Kammer-Bühl. War der Kammerbühl nun vulkanisch, also plutonischen Ursprungs, oder ist er wie andere Berge eine Auf­schichtung von Sedimenten, also dem Wasser entstiegen, ein Sprößling Neptuns? Goethe wurde nicht schlau aus dem Berglein, klopfte mit seinem Häm­mer­chen hier und da, sammelte Proben von Basalt und Schlacke. Und was hatte es mit dem Basalt überhaupt auf sich? Sah nicht der große Professor Werner, Vater aller modernen Geo­gnosten, im Basalt ein wässriges Geschöpf? Lagert er nicht gerne auf Sediment­ge­stein?

Pohl nickte und stimmte ein: „Richtig, unser verehrter Meister, Carl von Linné, der Unschätzbareres für die Ordnung der Pflanzen und der Natur geleistet hat, erkennt im Sediment ein Übrigbleibsel des Urozeans. Vor unendlichen Zeiten hat er sich langsam zurückgezogen, seine Wellen furchten und ackerten den Fels. Den Basalt hat er sicher als letztes Element auf die Sedimentschichten geworfen.“

Berzelius wackelte skeptisch mit dem Kopf. „Mein lieber Pohl“, sprach er, während er sich anschickte, sich zu dem zierlichen Moos hinunterzubeugen, das vor seinen Füßen wucherte, „als Chemiker möchte ich schon behaupten, daß Basalt eine kristalline Struktur hat, die mich an Lavagestein erinnert. Gewiß ist er aus einer Glutkugel heraus entstanden.“

Drostig nickte eifrig. „Seht, Freunde“, sprach er jauchzend, „welch herrlicher Quarz.“ In diesem Augenblick beugte er sich flink und hob einen kleinen Granitstein auf, der am Wegesrand lag.

„Granit, Granit“, rief Bergwerksgeheimrat Goethe hocherfreut, „du ältester aller Steine auf dieser Erde. Am liebsten möchte ich sagen: Im Anfang war … Granit. Geboren auf dem tiefsten Grunde des Urozeans, stapelst und formst du die höchsten Berge, die wir kennen: den Mont Blanc, den Gotthard und selbst den Brocken.“

Entzückt drehte und wendete Goethe das Steinchen, in dem sich Einsprengsel von Feldspat und Glimmer befanden, die sogar in der leicht verhangenden Sonne fun­kel­ten.

Das Grüppchen wanderte weiter, hatte schon den halben Weg zum Gipfel zurück­gelegt, als sie auf einer Weggabelung einen Felsbrocken entdeckten, dessen Ober­fläche gerundet war, als hätte ein Riese oder Zyklop ihn als Bonbon gelutscht und ausgespuckt.

„Ein Findling!“, entfuhr es Goethe voller Überraschung. „Zum achten Mal besteige ich den Kammerbühl, doch dieser Stein ist meinem Blick bisher entgangen. Wie kommt er hierher? Ich habe eine Vermutung… Was meint ihr?“

Die Herren umringten den Stein, schoben ihre Hüte über die Stirn, so daß die Krempe den Nacken berührte und schwiegen ein paar Minuten, in denen sie über die Herkunft des rätselhaften Steins sinnierten.

„Also“, eröffnete Pohl mutig die Diskussion, „ich glaube, der Urozean hat ihn auf seinem Rückzug hier verloren. Das Wasser hat ihn so schön abgerundet, daß wir uns an ihm freuen.“

„Halt, mein Lieber“, erwiderte Drostig. „wie wäre es, wenn ein Vulkan ihn aus­gespuckt hat. Der Kammerbühl ist doch ein Vulkan, da bin ich sicher.“

Pohl schüttelte heftig den Kopf, das konnte er nicht glauben. Berzelius jedoch führte Drostigs Gedanken weiter: „Es könnte sogar sein, daß dieser runde Riesenstein aus dem Weltall herabgestürzt ist, ein Meteroit, so nennt man das.“

Pohl kam aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Nein, das konnte er nicht glauben. „Das Wasser war’s. Es hat dem Stein die runde Form verpaßt. Wart ihr noch nie am Meer?“ Da nickte Berzelius, der Schwede.

„Natürlich“, erwiderte er, „natürlich war ich schon oft am Meer. Aber dort, lieber Freund, sind die runden Steine am Ufer viel kleiner. Das Salz hat sie zerfressen und das Wasser gerundet. Ich bleibe dabei, der Stein stammt aus dem Schlund eines Vulkans oder aus dem Weltall an sich.“

Graf von Sternberg hatte die ganze Zeit über noch nichts gesagt. „Oh ihr Neptunisten und Plutonisten“, stöhnte er, „könnt ihr nicht aufhören zu streiten? Ewig will einer von euch recht behalten!“ Damit zog er eine Flasche köstlich kühlen Biers aus seinem Rucksack, entkorkte sie und reichte sie den Streithähnen herum. „Trinkt erst einmal!“, munterte er sie auf.

Goethe schwieg und lächelte. Dann sprach er: „Ich habe eine Vermutung, ihr werdet’s nicht glauben: Das Gegenteil von vulkanischer Hitze ist’s, das diesen Stein geformt hat, denke ich. Die Kälte war’s. Es muß eine Epoche großer Kälte wenigstens über Europa hinweg gegangen sein, als der Kontinent noch über 1000 Fuß hoch mit Wasser bedeckt war. Die Kälte verwandelte es in Eis. Das Eis, das können wir in unsrer Theorie nicht entbehren: Es hat die Felsklippen umhergeschoben und um­her­geworfen, abgeschliffen und gerundet.“

Goethes Gesprächspartner blickten betreten zum Boden. Nein, das hätte keiner von ihnen gedacht. Einen Moment lang herrschte frostige Stimmung. Kann ein kühles Bier so inspirierend wirken? Goethe reichte die Flasche dem Grafen von Sternberg zurück. „Nun, laßt uns nicht verzagen“, wandte er versöhnlich ein, „gehen wir weiter.“

Während sie sich nun dem Gipfel des Kammerbühl näherten, stellte Drostig die entscheidende Frage: „Verehrtester Herr Bergwerksminister“ – damit war Goethe gemeint –, „wie steht es nun um den Kammerbühl? Ist er vulkanischen Ursprungs oder als Sediment aus dem Urozean hervorgewachsen?“

Sie waren nun oben angelangt und genossen die Aussicht. Trotz leichten Wolken­dunsts erblickten sie die Dächer von Eger, das heute Cheb heißt. „Zuerst dachte ich“, hob Goethe an und blickte dabei Pohl tief in die Augen, „der Kammerbühl sei ein Geschicht, ein Sedimentberg. Ich war wie mein Lehrer Werner Neptunist. Dann fand ich Granit und Quarz und hielt ihn für vulkanisch. Ein Plutonist jedoch bin ich deswegen nicht geworden.“ Goethe hielt inne, sein Blick schweifte blinzelnd zu Drostig und Berzelius hinüber. „Denn Lava habe ich hier hie gefunden, bei all meinen sieben Wanderungen und auch heute nicht.“

Da drückte Berzelius das Hämmerchen, das Goethe stets bei sich trug, in Drostigs Hand. Der hockte sich nieder, schabte das Moos beiseite und begann zu klopfen. Dann stieß er auf eine harte Spalte, haute ein Stück von ihr ab und entdeckte in der Bruchfläche ein Olivin. Das war der Beweis: Der Stein war Lava.

„Oh!“ stieß Drostig hervor und wie zur Bestätigung begann der Berg unter ihm zu grollen. „Oh, oh, oh!“ Von unten donnerte es gegen die steinerne Kruste. Aus der winzigen Ritze, die Drostig in den Fels gehämmert hatte, züngelten winzige Flammen.

„Nichts wie weg von hier!“, sprach Graf von Sternberg und die Herren beeilten sich vom Kammerbühl wieder runterzukommen. Kaum waren sie unten in Eger, das heute Cheb heißt, hatte sich der Berg auch schon wieder beruhigt.

‘Gott die Natur’, dachte Goethe, ‘welch hohe und zartfühlende Macht, niemand darf ihr zu nahe treten, auch mein treuer Drostig nicht.’

Tage später, als Berzelius in der Postkutsche nach Stralsund saß, notierte er in sein Tagebuch: „Goethe war entzückt über diesen Fund und das Naturerlebnis und besonders über die Art und Weise, auf welche man a priori dazu gekommen war.“

***

Dienstag, April 28th, 2020

Ich vermisse

das Geprassel und Geplätscher

des Regens.

tagebuchnotiz

Mittwoch, April 22nd, 2020

und es gab tage
da schrieb ich dir gedichte
schrieb ich
schrieb
mir die tinte aus dem leib
und was zurückkam
wenn was kam
kam
meist zu spät
oder hatte keinen bezug

***

Dienstag, April 21st, 2020

Zeichen

sind

Masken.

Ein etwas

Montag, April 13th, 2020

…. das Fliegen, und Schwingen im Wind – wiegen, das eigenständige Purzelbaumschlagen, das wortbeständige Wolkenflügellächeln, das nüstern – erbetete Höhengleichnis, der Sprung der Zeit in einem Zellentraum, der raumsprengende Innen – Baum.

Meine Flügel geben nach, ich falle tief. In die Erden deiner Haut. Deine Worte durchfüllen meine Wellen mit berauschender Leichtigkeit. Deine Ebene schwingt. und ich lasse mich von ihr tragen , die Schwingung trifft mich leicht davontragend, es ist des Windes Bestimmung meine Teile miteinander fortzusagen, ineinander getrennt, zerteilen sie die Zeit, die Ewige. Sie trennt sich von Nichts. Ihre Stimme klingt weiter, selbst wenn die Gondeln Trauer tragen.
Selbst wenn der weiße Mondkuchen wieder zwischen Bambusglocken lilablau erblüht. Die Maiglöckchen fressen ihre Erinnerungen und verdecken ihre Küsse in Mondesträume.

Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Auslöschung.
Vergeudete Chancen.
Ihre Stimmen ersticken wortlos.
Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Reise.
Erbeutete Chancen.
Ihre Stimmen erklingen wortlos.
Di…. das Fliegen, und Schwingen im Wind – wiegen, das eigenständige Purzelbaumschlagen, das wortbeständige Wolkenflügellächeln, das nüstern – erbetende Höhengleichnis, der Sprung der Zeit in einem Zellentraum, der raumsprengende Innen – Baum.

Meine Flügel geben nach, ich falle tief. In die Erden deiner Haut. Deine Worte durchfüllen meine Wellen mit berauschender Leichtigkeit. Deine Ebene schwingt. und ich lasse mich von ihr tragen , die Schwingung tirfft mich leicht davontragend, es ist des Windes Bestimmung meine Teile miteinander fortzutragen, ineinander getrennt, zerteilen sie die Zeit, die Ewige. Sie trennt sich von Nichts. Ihre Stimme klingt endlos weiter, selbst wenn die Gondeln Trauer tragen.
Selbst wenn der weiße Mondkuchen wieder zwischen Bambusglocken lilablau erblüht. Die Maiglöckchen fressen ihre Erinnerungen und verdecken ihre Küsse in Mondesträume.

Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Auslöschung.
Vergeudete Chancen.
Ihre Stimmen ersticken wortlos.
Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Reise.
Erbeutete Chancen.
Ihre Stimmen erklingen wortlos.
Die Spezies fängt an zu weinen.
Als ich als kleinster Krümel noch versuchte die Welt abzubilden,
ergoss sich mir eine andere Art von Flut.
Ich verzweifelte. Und vergaß.
Ich entschloss und vergaß.
Ich vergaß. Leben. Das Leben. Ich, vergaß.
Ihre Stimmen. Ein Chor der Lockung.
Ich vergaß, ein Paradies der Wahrsagung. Eine Verzückung. Ein lustwandelndes kleinstes verköstigtes Etwas.
Eine Zündung. Eine Reißung. eine nie zerkeimende Verheißung, eine entschlüsselte Verkommenheit, ein Dialog. Endend.

Parabeln auf die Pandemie 5: Die Blaupause – Finale

Freitag, April 10th, 2020

Ein Wunder war geschehen: So plötzlich, wie die hochgefährlichen Mehlwürmer in den ukrischen Salamibroten aufgetaucht waren, so rasch verschwanden sie wieder, genauer gesagt, so schnell verwandelten sie sich in normale, ekelerregende Mehl­wür­mer, wie wir sie schon immer kannten. In dem Ameisenbau, den sich die Königin nach der Flucht ihres Volkes gesucht hatte, kannte man die Kunlun-Milben nicht, kein Tierchen rannte mit geknickten Fühlern herum. Auch von der schreckliche Wuche­rungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit, die in Italien gewütet hatte, war plötzlich nichts mehr zu sehen. Stattdessen hatten manche Menschen sportliche blaue Flecken am Knie, leichte Blutergüsse am Hals nach einem leidenschaftlichen Kuß oder Pubertätspickel im Gesicht – ein Anblick, der uns nicht erfreute, aber an den wir gewöhnt waren. Schließlich wurde auch die Lügen-Pandemie geheilt: Wie durch ein Wunder kehrten die Menschen zur Wahrheit zurück, genauer gesagt, zu den Halb-Wahrheiten, mit denen sie seit Jahrhunderten gelernt hatten zu leben. Nun durfte auch der auf Lügner allergisch reagierende Richter aus seiner un­bequemen Position halb innerhalb und halb außerhalb des Gefängnisses freigelassen werden – er saß wieder in seinem Büro. Zuvor jedoch legte er den feierlichen Eid ab, nie wieder einen Menschen wegen Lügnerei zu verurteilen, sondern seine richterlichen Urteile so zu fällen, wie es das Gesetz dem Geist nach vor­sah: für Ver­brechen.

Die Mikroorganismen und die sonstige Tierwelt, die Ukrier, Italien und die Menschenwelt insgesamt – alle kehrten zu ihrem vorherigen, natürlichen Leben zurück. Die Dramatik der letzten Tagen, der Ausnahmezustand von Natur und Gesellschaft war nach kurzer Zeit wie weggeblasen. Die Freude über die wiedergewonnene Frei­heit überspielte alles. So schien es zumindest. Die Ameisenkönigin, die nun schon alt und leicht vergeßlich geworden war, entdeckte in der Nähe ihres neuen Staates mitten im Wald niedrig wachsende Sträucher, aus denen blaue Beeren hervorlugten. Doch nicht die Blaubeeren hatten es ihr angetan, sondern die kleinen grünen Blätter, die an den Sträuchern hingen: Stapelweise ließ sie die Blättchen herbeischaffen und begann auf ihnen, ihre Geschichte gegen das Vergessen niederzuschreiben: Wie sie den Kampf gegen die bösartigen Kunlun-Milben auf­ge­nom­men und mit ihrem Befehl, die Fühler einzuknicken, gewonnen hatte. Ihr neues Ameisenstaatsvolk wußte noch nichts von den Milben und lauschte gespannt den abenteuerlichen Geschichten der Königin. Die Brutpflegerinnen lasen die Blätter, dichteten Lieder daraus und sangen sie den Eiern vor, aus denen die neuen Ameisen noch nicht geschlüpft waren. Das ganze Volk war so fasziniert, daß sie die Blätter abschrieben und kopierten. Die findigen Tierchen ent­deckten, daß sich der Saft der Blaubeere vorzüglich als Tinte eignete. Und bald er­fanden sie eine Vervielfältigungsmethode, die die Welt verändern sollte: die Blau­pause. Indem sie die Blätter sorgfältig mit Blaubeerensaft einrieben, in der Sonne trocknen ließen und dann erst die Blätter übereinander stapelten, gelang es ihnen, die Geschichte ihrer Königin zu kopieren, indem sie nur das obere Blatt beschrieben, sich dabei aber mit ihren Füßchen von oben derart gegen den Stapel stemmten, daß sich die Buchstaben auch noch auf dem untersten Blatt in die getrocknete Blau­beeren­saft­schicht ein­kratzten.

Um ihrer Königin Anerkennung zu zollen, knickten die Ameisen freiwillig und ohne Bedrängnis durch feindliche Milben ihre Fühler ein und verzichteten auf die überholten Bräuche der Betrillerung. Die Königin war so entzückt von ihrem neuen Volk, daß sie einen Freudentanz über dem Bau flog und damit den Befehl verkündete: Tragt die Blaupausenblätter zu allen anderen Ameisenstaaten im Wald und lest ihnen meine Geschichte vor. Die Ameisen marschierten divisionsweise über Stöcklein und Moose, um dem Auftrag gerecht zu werden. Die Königin aber zog sich zufrieden ins Innere des Baues zurück und legte sich zur Ruhe. Kurz darauf gab es im ganzen Wald nur noch Ameisen mit geknickten Fühlern, die auf dem Rücken ein bekritzeltes Blaubeerblättchen wie einen Panzer mit sich herumschleppten und niemals fallen ließen – das ist unsere Bibel, sagten sie zu sich selbst. Als „Schildameisen“ gingen sie in die Biologie-Lehrbücher ein. Sicherlich habt ihr sie gesehen, wenn ihr in eurem Leben schon einmal die Gelegenheit hattet, durch einen Wald zu spazieren.

Nicht nur die Ameisen waren der wundersamen Kunst des Lesens und Schreibens mäch­tig, nicht nur die Ameisen hatten die Erfindung der Blaupause lieb­ge­won­nen. Auch die Menschen hörten davon und schauten sich von den vorbildlichen, fleißigen Tierchen die Technik ab, um ihre Geschichten gegen das Ver­gessen festzuhalten für künftige Generationen.

Der schlaue Orfin ließ sich von Staatsdichtern eine geheime Geschichte des ukri­schen Volkes in Knittelversen verfassen. Darin sangen sie Loblieder auf den heiligen Mehlwurm, der es Orfin ermöglicht hatte, ein Krönchen mit Haarspangen an seiner dünner und schütter werdenden Kopfbehaarung zu befestigen. Damit gelang es Orfin nicht nur, seine Altersglatze auf geschickte Weise zu verstecken. Das Volk himmelte ihn, als er einmal mit diesem glitzernden Kopfschmuck auf dem Balkon seines Regie­rungs­sitzes erschien, als König an. Nun konnte er nach Belieben schalten und walten, ohne jemanden fragen zu müssen. Während er vom Balkon aus Reden über den Schutz des Vol­kes vor gefährlichen Mehlwürmern hielt – eine dichterische Meisterleistung übri­gens, die in der Weltliteratur ihresgleichen sucht – wackelte er mit dem Hintern und gab damit seinen Lakeien und Ministern Anweisungen, was sie zu tun hatten. Es war eine besondere Form der Gebärdensprache, die sich der schlaue Orfin angeeignet hatte. Das Volk warf aus Angst und Abscheu gegenüber den gefährlichen Würmern sämtliche Brote und Brötchen in den Müll. Die Diener von König Orfin I. ließen sie nachts aus den Mülltonnen wieder einsammeln, in Wasser einweichen, zu Papp­soldaten formen und in der quälend heißen, ukrischen Sommersonne trocknen, bis die Figuren knochenhart waren. Nun erteilte der schlaue Orfin den in die Arbeitslosigkeit gestürzten Malern und Lackiereren einen lukrativen Staatsauftrag: Sie durften heimlich in den Palast kommen und gegen Bezahlung in Form von Logis und Kost den knochenharten Pappsoldaten aus recyceltem Semmelmehl bunte Uniformen an­malen. Sicher habt ihr schon von den magischen Fähigkeiten der Maler gehört: Wenn sie ihre Kunst gut beherrschen, verleihen sie den Geschöpfen auf der Leinwand Leben. Früher, als die Menschen noch Museen und Galerien besuchten, standen sie berührt oder begeistert vor ein paar Klecksen bunter Farbe, die sie „Gemälde“ nannten, und glaubten, lebendig in ferne Zeiten und Länder einzutauchen, während sie sich in Wirklichkeit nur im Hier und Jetzt befanden. Mit diesem Aberglauben, so predigte der schlaue Orfin nach vorn zum Volk von seinem Balkon aus, werde nun aufgeräumt. Nach hinten aber wackelte er mit dem Popo und befahl den Malern mit dieser Gebärde, ein Höchstmaß ihrer Kunst beim Bemalen der Pappsoldaten an den Tag zu legen. Binnen kurzem wimmelte es im Palast von farbenfroh anzusehenden, friedlich lächelnden Soldaten und Offizieren und Generälen, die tänzelnd durch die Säle schritten. Dabei krümelte es ein wenig von ihren Schultern und Gelenken, aber das kümmerte niemanden. Der schlaue Orfin hatte es dank seines unermüdlichen Krieges gegen die Mehlwürmer geschafft: Er hatte den Ukriern die mächtigste Streitmacht seit den Mongolen geschenkt. Davon kündete seine Geheime Geschichte der Ukrier in hymnischen Versen.

Die Ärzte in Italien hatten die schreckliche Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit er­folg­reich “eingedämmt” (ein Wort, als handelte es sich um eine Flut…), indem sie den Menschen gesichts­be­deckende Heilpflaster ver­ordneten. Anfangs waren die Heilpflaster Mangelware, mußten aus Fernost ein­ge­flo­gen werden, was ein logistisches Kunststück war angesichts des beinahe kom­plett eingestellten Flugverkehrs. So wunderte es nicht, daß ganze Flug­zeugbäuche mit den rettenden Gesichtspflastern bei einer Zwischen­landung im Kongo von Ureinwohnern geplündert oder CIA-Agenten beschlagnahmt wurden, wer genau, wußte niemand. Endlich aber trafen die ersten Lieferungen in Rom ein und konnten auf Eselskarren sicher bis ins reiche, aber von der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit besonders heimgesuchte Norditalien transportiert werden. Die Menschen nahmen die Rettung dankbar an und atmeten unter ihren Pflastern erleichtert auf. Außer der berühmten italienischen Streicheis- und Waffelindustrie konnten nun Produktion und Handwerk wieder hochgefahren werden. Einzig die Gelaterien erhielten Berufsverbot, denn der Verzehr von Straßeneis hätte massenhaft zu dem unverantwortbaren Phänomen geführt, daß die Bürger mitten im Sommer – in Italien war er ähnlich quälend heiß wie in Ukrien – ihr rettendes Gesichtspflaster kurzzeitig abgerissen hätten, um sich eine Kugel Eis in den Mund zu stopfen. Derart überholte, unhygienische Ernährungs­ge­wohn­heiten mußten konsequent ausgemerzt werden. Zu diesem Zweck befahl das Hygiene­ministerium, das nach dem Sieg über die schreckliche Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit das alte Gesundheitsministerium abgelöst hatte, in den Unabhängigen Staatlichen Rundfunk-Anstalten, abgekürzt USRA, weiterhin stündlich die garstigen Bilder von den Wucherungen, Schwellungen und Blasen zu zeigen – nicht weil sich die Krank­heit weiterhin ausbreitete, sie war besiegt und drohte dem Ver­gessen anheim zu fallen. Zur erwachsenenpädagogisch wertvollen Abschreckung der sorglosen, egoi­stischen und auf Kosten der Allgemeinheit schlemmenden Eisesser liefen die Bilder weiterhin über die Fernseher und wurden noch mit weit finsteren Bil­dern aus fernen Ländern, die weiterhin unter Wucherungen, Schwellungen und Bla­sen litten als unser schönes Italien, angereichert.

Zum Erfolgsrezept der Hygiene­behörde gehörten nicht nur die Gesichtspflaster, die bald schon in modischen Formen vertrieben wurden, und das generelle Eisessverbot, sondern die Isolation der älteren und ältesten Teile der Bevölkerung in speziell für sie eingerichteten „Alten-Camps“. In sicheren Heimen, fernab der großen Städte mit ihrem langsam wieder in Betrieb genommenen, hochansteckenden Theatern, Opern und Museen, konnten die Alten ihren Lebensabend genießen, blieben von lästigen Besuchen ihrer Kinder und Enkel verschont, wurden vom Pflegepersonal liebevoll sozialpädagogisch umsorgt – die pflegerische Fürsorge wurde übrigens per Stechuhr gerecht auf alle Bewohner der Camps verteilt und bei der Krankenkasse abgerechnet. Die böse Natur, die ihnen mit dem täglichen Älterwerden an den Leib zu rücken drohte, konnte den Älteren und Ältesten nun nichts mehr anhaben. Der Übergang in eine neue Ära – das Zeitalter des ewigen Lebens – stand unmittelbar bevor. Die Beamten des Hygieneministeriums sahen schon Jesus vom Kreuz herunterklettern und für ewig auf die Erde zurück­kehren – eine Phantasie, die in Italien und nicht zuletzt im Vatikan helle Begeisterung auslöste.

Nur die Kriminalpolizei, weiterhin Kripo genannt – das sei am Rande vermerkt, da es in der öffentlichen Diskussion in den Unabhängigen Staatlichen Rundfunk-Anstalten (USRA) nicht vorkam, hier aber die ganze Wahrheit berichtet werden soll – nur die Kriminalpolizei äußerte Bedenken gegen die Einführung der rettenden Gesichtspflaster, denn sie erschwere die Suche nach Einbrechern und Dieben, wie sich denken läßt. Im Schutze des Pflasters konnte geklaut und vergewaltigt werden wie nie zuvor. Die Opfer oder wie es nun hieß, die Geschädigten dieser schrecklichen Verbrechen waren nicht einmal imstande, laut zu schreien und Hilfe herbeizurufen. Auch die Schilderungen der Zeugen, die die Polizei zur Vernehmung ins Revier lud, beschränkten sich auf die Augen- und die Haarfarbe sowie den Satz: “Trug ein gesichtsbedeckendes Pflaster.“ Tausendfach wurden Ermittlungsver­fah­ren eingestellt. Noch nie sahen sich die Mafia und die Camorra so wirksam vom Staat unterstützt wie von der Einführung der Gesichtspflaster durch das Hygie­ne­ministerium. Die Schrecken der Verbrechen waren an die Stelle der schrecklichen Krankheit getreten – aber die Gesundheit war, das wußte jedes Kind auswendig, wichtiger als alles andere.

Die Rechtsstaatliche Staatspolizei, abgekürzt Restapo, lobte die Gesichtspflaster in hohen Tönen. Nach dem Sieg über die Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit waren Versammlungen und Demonstrationen wieder erlaubt. Insbesondere die Um­weltschützer hatten die Füße während der Quarantäne kaum stillhalten können und die Zahl der Petitionen im Internet war flutartig angeschwollen. Nun durften sie wieder auf Plätze und Straßen treten. Doch in der neuen Zeit erinnerten ihre Demonstrationen dank der Ge­sichtspflaster eher an Schweigemärsche. Sie wedelten ihre phantasievoll gestalteten Transparente durch die Luft, spielten zu Hause am Re­korder eingesprochene Reden ab – die Demonstrationen waren gemein­schaft­liche Hör­buchnachmittage. Ja, die Umweltschützer… Sie hatten während des Wütens der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit erlebt, wie radikal die Regierung zu einer Änderung der Lebens- und Wirtschaftsweise zu bewegen war. Nun schöpften sie Hoffnung: eine bessere Welt ist möglich, ließen sie auf den Demos durch Lautsprecher verkünden. Tatsächlich konnte man die Reden hinterher auf Audible nach­­hören, so daß es sich eigentlich gar nicht lohnte, wegen einer Demo auf die Straße zu gehen. Nicht einmal die Beamten der Restapo mußten ihre Büros verlassen. Sie konnten gemütlich im Zimmer bei einem Espresso, den sie sich mittels wiederverwendbarer Strohhalme aus ökologischem Bambus durch ihr Gesichtspflaster hindurch einflößten, ermitteln, welche staatsgefährdenden Gedanken von welchen Umweltschützern herausposaunt wurden. Auch die Ver­höre ließen sich dank der Gesichtspflaster wirksamer gestalten als früher: die Ver­nommenen hatten keine Chance zu erkennen, wer sie vernahm – da konnte die eine oder andere Folterpraxis wie Fingerbrechen oder Arm­auskugeln, die seit dem seligen Mussolini in Vergessenheit ge­raten war, un­ge­straft in die Verhörkeller zurückgeholt werden. Aber damit driften wir ins Reich der ge­heimen Blaupause ab, das eigentlich dem schlauen Orfin vorbehalten war. Mit dem wollte natürlich niemand etwas zu tun haben, diesem Wahnsinnigen, der sich für einen modernen Dschingis Khan hielt, schon gar kein Repräsentant unseres sauberen Italien…

Die Banken schrieben eine Blaupause, die sie in Form eines Forderungskataloges öffentlich an die Regierung herantrugen: Sie forderten – wie schon während der Krank­heit – die Fortzahlung nichtrückzahlbarer Fördergelder, genannt Zuschüsse, aus dem Staatshaushalt. Dank der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasen­krankheit wußten sie nun, wie das Staatssäckel geplündert werden konnte, wenn den Mini­stern der Boden unter den Füßen wankte. Ihre Hoffnung, der Regierung weitere Billiönchen zu entlocken, war nicht besonders groß, aber versuchen sollte man es. Vielleicht sprangen am Ende ein paar Milliönchen heraus.

Die Grenzschützer schließlich schrieben ihre eigene Blaupause für den Grenzschutz der neuen Zeit und spuckten sich vor Freude in die Hände: Standen vor Ausbruch der Krankheit noch alle Grenzen offen, das hieß, waren die Grenzschützer ständig von Arbeitslosigkeit bedroht, so hatten sie voll Erstaunen mit angesehen, wie schnell es möglich ist, alle Grenzen zu schließen, nicht nur die Landesgrenzen, auch die Grenzen der Bezirke und Provinzen innerhalb der Länder waren verschlußfähig – das hätten sie sich nie zu träumen gewagt. Neue Grenzpolizisten mußten ausgebildet werden, die sogenanne Innere Grenzschutzpolizei, genannt Igspo, die die genesenen Bürger nun davon abhielt, Ausflugsziele, Natur-und Kulturdenkmale aufzusuchen, sollte sich doch weiterhin jeder nur in seiner Bannmeile aufhalten, die auf 33 km vom Haupt­wohnsitz festgelegt worden war. Die neugeschaffene Igspo hatte Tag und Nacht zu tun, vor allem nachts sogar, denn besonders widerspenstige und asoziale Elemente suchten den Schutz der Dunkelheit, um sich über den Radius ihrer Bannmeile hinaus zu bewegen.

Die Regierung, das soll nicht verschwiegen werden, schuf sich ihre eigene Blaupause, in der sie ihre Erkenntnisse und Erfahrungen, die zum Sieg über die Krankheit beigetragen hatten, für künftige Eliten bewahrte. Ihre Blaupause hieß Strategiepapier und trug auf jedem Blatt einen Stempel mit der Inschrift „Verschlußsache: Nur für den Dienstgebrauch“ – ja auch diese Blaupause gehörte zum Reich der geheimen Depeschen, es sollte ja niemand verunsichert werden und an­fangen, an den Regeln der Demokratie zu zweifeln. Gerade jetzt verlangte die Regierung Loyalität und war sich doch unsicher, ob das Volk überhaupt noch auf sie hörte oder jeder einfach lebte, wie er wollte. Nun hatte sie mit ängstlicher Verwunderung beobachtet, daß sie mit einer Handvoll Dekrete sämtliche Freiheiten kassieren konnte, ohne dass sich der geringste Widerstand regte. Denn alle Ein­schrän­kungen dienten nur einem Zweck: dem Schutz der Gesundheit. Was sich vorm Auge der Regierenden – die sich übrigens bald schon Regenten nannten – abspielte, war eine Generalprobe. Aber wofür? Die Antwort auf diese Frage überlasse ich der Phan­tasie des Lesers…

All diese Beobachtungen und Erfahrungen wurden in den Geschichten gegen das Vergessen niedergeschrieben und festgehalten – sie galten als Blaupause für künf­tige Generationen. An die Stelle der Welt, wie Tiere und Menschen sie kannten, trat eine Welt der Kämpfe und Gegensätze: Die Polizisten der Kripo sabotierten die Beschlüsse des Hygieneministeriums, die Beamten der Restapo zersetzten die Be­we­gung der Umweltschützer, die Banken kochten wie eh und je ihr eigenes Süppchen, nur die Grenzschützer handelten vereint gegen alle, die sich nicht in ihre Wohnung verbannen ließen, jene unbelehrbaren Freiheitskämpfer, die nicht mehr an die Rechtmäßigkeit der herrschenden Ordnung glaubten und – wie die Regierung sagte – Opfer von Verschwörern geworden waren. Jede Gruppe folgte ihrer Blaupause und auf ihren Blau­beerblättchen war kein Platz für die Geschichte der anderen. Es war keine Zeit der Erlösung, wie es in den ersten Tagen nach dem Sieg über die Krankheit noch schien, sondern eine Zeit des Chaos und der Willkür. Keiner vertraute dem anderen, keiner konnte die Wahrheit mit den Händen greifen. Am Ende sah sich die Regierung genötigt, den schlauen Orfin um Amtshilfe zu bitten. Die knochenharten, krümelnden Papp­soldaten marschierten aus Ukrien ein und errichteten die auch im Rest Europas Monarchien.

Die Ameisen aber irrten mit ihren geknickten Fühlern ohne Betrillerung durch den Wald und fanden nicht mehr zu ihrem Bau zurück, wo die glorreiche vergeßliche Königin alleinselig einschlummerte und nicht mehr zum Leben erwachte.

Parabeln auf die Pandemie 4: Der schlaue Orfin

Mittwoch, April 1st, 2020

Vor langer Zeit liebten die Menschen das Wandern und Reisen. Sie zogen quer durch Europa, die Grenzen waren durch farbig bemalte Steine in den Wäldern markiert, aber hielten niemanden auf, mochte er sich der Arbeit wegen an einen anderen Ort begeben oder weil ihn die Sonne in den Süden oder der Schnee in den hohen Norden lockte. Heutzutage hocken die Menschen die meiste Zeit zu Hause in ihren vier Wänden, starren auf flackernde Rechtecke in ihren Händen und raffen sich nicht einmal mehr bis zur Ostsee auf. Genauer gesagt: der Weg dorthin wird ihnen versperrt. Von einem, der es geschafft hat, mehrere undurchdringliche Grenzen zu überwinden, habe ich folgende Geschichte gehört:

Ich bin zu Fuß den Wegen gefolgt, die ich bereits als Kind mit meinen Eltern gewandert bin, als die Grenzen trotz Eisernem Vorhang noch weitaus durchlässiger waren als heute. Also auf dem Grenzpfad am Prebitschtor unbemerkt in die Böhmische Schweiz, dann per Anhalter durch Tschechien. Im Süden erreichte ich schließlich Ukrien, ein traumhaftes Land, wo zwischen den Pfirsischbäumen herrliche Salamis wachsen. Welche Wonne, dachte ich, und wollte mir gerade ein Plätzchen zum Schlemmen suchen, als ich eine Stimme im Lautsprecher vernahm. Die Polizei fuhr umher und ließ ausrufen: „Vorsicht, Vorsicht! Ein neuartiger Mehlwurm wurde entdeckt! Gefährlicher als alle bisher bekannten Mehlwürmer! Wer in der Öffent­lichkeit beim Kauen eines Salamibrotes angetroffen wird, wird bestraft.“ Tatsächlich beobachtete ich, wie die Ukrier gleichsam auf Befehl ihre Salamibrote wegwarfen. Genauer gesagt, aßen sie schnell noch die Salami und warfen nur das Brot in den Müll. Einige alte Mütterchen traf ich, die murmelten: „Brot wegwerfen, das gibts doch nicht! Mehlwürmer gab es schon, als ich klein war. Damals herrschte Krieg. Und wir haben unsere Brote doch nicht wegen ein paar Mehlwürmern weggeschmissen.“ Diese Jammerei wollte aber niemand hören und bald schon hatte ich die Gelegenheit, eine Ansprache des neuen Königs, Orfin I., genannt der Schlaue, zu seinen ukrischen Untertanen auf einer Großbildleinwand anzuschauen. Mit einem rotgold schillernden Krönchen auf dem Kopf trat er vor die Kamera. „Liebe Ukrier!“, sprach der schlaue Orfin, „ihr seht, der neuartige Mehlwurm trachtet uns nach dem Leben und er wird unser aller Leben ändern. Bald wird es keinen Ukrier mehr geben, der weiß, was ein Brot ist. Stattdessen werden wir saubere, wissenschaftlich geprüfte Lebensmittel zu uns nehmen und unsere Feinde werden uns nicht besiegen.“

Die Ukrier ringsumher standen staunend mit offenen Mündern vor der Groß­bild­leinwand. Es dauerte nicht lange und ich hörte ihre Mägen knurren. „Ukrier“, flüsterte ich, „wer sind eure Feinde?“ Statt einer Antwort trafen mich stumme Blicke, ihr wißt schon, Blicke von denen man sagt, daß sie töten könnten. Nun, das vermochten sie nicht. Aber ich sah, wen diese stechenden stummen Blicke trafen: diesen und jenen, den Nachbarn, den Vater, die Schwester… ‚Aha’, dachte ich, ‚es sind die inneren Feinde gemeint, über die keiner spricht, und doch weiß jeder Bescheid.’ Kaum war ich zu dieser Erkenntnis gelangt, meldete sich der schlaue Orfin auf der Großbildleinwand im Stadtpark zurück: „Bürger!“ schrie er und hustete, „der neuartige Mehlwurm verursacht ein tödliches Husten. Wir haben zu eurer Sicherheit Q-Lager eingerichtet. Ihr wißt, wofür der Buchstabe Q steht, das muß ich euch nicht erklären. Meldet euch freiwillig, wenn ihr einmal gehustet habt, und geht ins Lager. Wenn ihr euren Nachbarn, eure Mutter oder euren Bruder husten hört – sagt dem Gesundheitsamt Bescheid, damit es sie ins Lager geleite.“ Hier wurde die Übertragung für eine halbe Minute unterbrochen. Im Hintergrund, d.h. ohne Bild, hörte man das heisere Hüsteln des schlauen Orfins. „Ihr seht, meine Lieben“, meldete sich der schlaue Orfin mit vollem Bild zurück, „ich habe für euch bestens gesorgt und schütze eure Gesundheit. Geht ins Lager und vertraut mir!“ Tosender Beifall brach aus. Er übertönte das Magenknurren im Park. „Ukrier!“, fuhr der schlaue Orfin fort, „nachdem mich heute das Parlament für alle Ewigkeit zum Alleinherrscher über euch bestimmt hat, habe ich ein Gesetz erlassen: Jeder, der euch eine beunruhigende Nachricht überbringt, wird mit fünf Jahren Gefängnis bestraft. Denn ich allein bin der Garant für eure Sicherheit und Gesundheit.“

Schade, dachte ich, schade um die Millionen Salamibrote, die nun in der Tonne landeten, während den Ukriern im Stadtpark der Magen knurrte. Wenn sie noch im Stadtpark sein durften und noch nicht ins Lager abtransportiert worden waren. Denn kurz nach der Ansprache Orfin I., genannt der Schlaue, verbreiteten sich epidemisch die Denunziationen im Land. Man mußte befürchten, daß bald ein Zehntel, genauer gesagt, die Hälfte der Untertanen – sie nannten sich nicht einmal mehr “Volk”, geschweige denn “Bevölkerung” – in den neu errichteten Q-Lagern einsaß. Doch davon sah ich nicht viel. Die Lager waren mit bunten Graffiti besprüht, so daß sie nach außen hin wirkten wie Jugendherbergen – also konnte es doch nicht so schlimm sein.

Nach ein paar Tagen bemerkte ich, was der schlaue Orfin mit „beunruhigenden Nachrichten“ meinte: Es war das Gemurmel der alten Mütterchen, das ihm auf die Nerven ging. Von wegen, früher habe es auch schon Mehlwürmer gegeben. Diese tödliche Gefahr war brandneu. Wenn also jemand, sei er nun alt oder jung, sagte: „Leute, es sind nur Mehlwürmer, habt keine Angst“, so galt er in den Augen des schlauen Orfin – und bald auch der Mehrheit der Untertanen – als „Beunruhiger“. Nun, ihr wißt, was den Beunruhigern blühte – sie durften nicht ins Q-Lager gehen, sondern wurden ins Gefängnis gesperrt, mindestens fünf Jahre. Und weil das Brot vom bösartigen Mehlwurm infiziert war, wurde ihnen nur noch Wasser zum Essen gereicht, nicht mehr Wasser und Brot, wie es früher, in alter Zeit einmal üblich war. Darin konnte man doch wirklich einen wissenschaftlich fundierten Fortschritt zum Wohle der politischen Gefangenen erblicken.

Wer dagegen, begleitet von hysterischen Schreien, laute Kampfparolen gegen den tödlichen Mehlwurm ausstieß, wurde von Orfin I. als „Held“ bezeichnet und mit Orden geehrt. „Krieg dem Wurm! Krieg dem Wurm!“ zu skandieren, bot die beste Aussicht auf Beförderung zum Pappsoldat. Denn bald schon besann sich der schlaue Orfin, daß er allein – und der Rest seiner Untertanen im Lager – kaum eine Chance hätte gegen den äußeren Feind. Wer war denn das?, fragte ich mich und fand tief im Keller einen verborgenen Freak, der an seinem alten PC noch Zugang zum weltweiten Netz besaß: Mit zitternden Händen tippten wir „Orfin“ in die Suchmaschine ein und wir fanden: „Später Nachfahre des mächtigen Dschingis Khan. Schon als Schüler war Orfin an der Orga­nisation von Massenbewegungen interessiert. Der Fall des Eisernen Vorhangs gab ihm dazu die erste Gelegenheit. Als Studentenführer forderte er un­eingeschränkte Reisefreiheit für alle Bürger Ukriens. Seitdem er die absolute Mehrheit im Parlament errungen hat, setzt er sich zunehmend für die Würde und Größe des ukrischen Volkes ein.“ In alter Zeit gab es eine Tugend, die „zwischen den Zeilen lesen“ genannt wurde. Was bedeutete die „Würde und Größe des ukrischen Volkes“? Nichts anderes, als daß die Ukrier tatsächlich eine winzige Minorität innerhalb Europas darstellten, und die freien Europäer des Westens in ihrer häuslichen Quarantäne nicht einmal bemerkt hatten, daß sich Orfin I. inmitten ihrer liberalen Union als königlicher Alleinherrscher ausgerufen hatte. Wen interessierten die Ukrier überhaupt? Im Westen spielten die Bürger weiter auf ihrer Playstation und es war ihnen einfach egal, was in der Welt geschah.

So konnte der schlaue Orfin ungestört walten. Kurz nachdem er die „Beunruhiger“ bei Wasser und sonst nichts eingesperrt hatte, baute er eine mächtige Armee von Pappsoldaten auf. Denn noch immer bohrte der Stachel des Ersten Weltkriegs in ihm. Nicht der Vertrag von Verseilles ärgerte ihn, sondern der Vertrag von Trianon: der schlaue Orfan verspürte Lust, sich einen Namen in der Geschichte zu verschaffen, indem er all die verlorenen Ländereien in Transylvanien, der Slowakei sowie in Slowenien, Kroatien und Serbien heim ins ukrische Reich holte. Nein, all dies genügte ihm nicht. Der schlaue Orfin wußte, daß ihn ein sprachliches Band mit den Finnen im hohen Norden verband. Also sollte sich sein neuer Staat bis nach Helsinki erstrecken. Leider erhielt er auf all seine Depeschen – per eMail, SMS oder Whatsapp – an die finnische Präsidentin nie eine Antwort, geschweige denn eine Einladung in die Sauna. Also besann sich der schlaue Orfin auf seine ferneren Vorfahren. Der mächtige Dschingis Khan, kann er nicht als einziger wahrer Weltherrscher bezeichnet werden, der Orient und Okzident gleichermaßen unter seiner Fuchtel wußte? Gedacht, getan.

Der schlaue Orfin stellte seine unbesiegbare Armee aus Pappsoldaten auf in Reih und Glied. Nun ging es dem äußeren Feind an die Wäsche. Zuerst wäre Siebenbürgen dran, dann der Balkan. Leider nur konnten die ukrischen Bauern, die Orfin als Pappsoldaten rekrutierte, nicht mehr auf den Feldern fleißig Salamis züchten. ‚Zum Glück gibt es Mehlwürmer’, dachte sich der schlaue Orfin im Stillen. Dann rief er die alten Mütterchen herbei. Sie kauten ihm vor, wie man in Kriegszeiten Brot ißt, das von Mehlwürmern durchsetzt ist. Ob tödlich oder nicht, spielte nun keine Rolle. Hauptsache nahrhaft. Den Ukriern fehlten ja die glorreichen Salamis.

* Musik soll sein

Sonntag, März 22nd, 2020

.

Nicht Musik soll sein,
wo mein Herz
am Abgrund lauert.

Nicht Musik soll sein,
wo so viele
Flüche gedacht!

Auf der Zunge Flügeln,
in Weihrauchs
Nebeln zerfällt

sogar eines
wahren Gedanken
Pracht . . .

Nicht Musik soll
sein, wo der
Abgrund dauert.

Der Gedanke
abseits der Seele
wütet im Nichts.

Seine Wahrheit
macht dem
Denken arg

zu schaffen.
Die Seele ein
Nichts, tränen-

leer

,

19.11.19

* * *

Sonntag, März 15th, 2020

Nun werde ich endlich geliebt um der Liebe willen.
Kälte im Ostwind auf früh erwachenden Tages Lippen.
Nun werde ich auch geliebt vor den leeren Spiegeln,
keine Bilder darin als die reine, die nackte Geometrie.
Nun werde ich wieder geliebt für das Kind einer
Liebe, die aus Zweien eins macht
mit Rest Un-
endlich.

* *

Angekommen im Niemandsland der Seele streife ich am Morgen mein schwarzes T-Shirt über, die Blöße offenen Denkens lässt sich nicht mit Worten bedecken

*

Über das schwarze T-Shirt einen weißen Pullover, die Fenster weit auf zum Durchlüften, den Türspalt als Spalt für Licht und … Katze,

warum cyberpunk mal realistische literatur war

Sonntag, Februar 23rd, 2020

gazoline : Denkpause

Der Weltraum steht allen offen. Die Phanthasie steht allen offen. Also ist die Phanthasie eine Art Weltraum, und der Weltraum Phanthasie. Und jetzt: die bloße Phantasie ist ganz sicher eine Art Weltflucht, ein Gestus. Gestus der Vermeidung. Vermeidung von Wünschen. An Wünsche zu denken. Vermeidung von Denken, von Arbeit.
Wie viel noch?
Letztes Drittel, beeil dich! Towers? Open … Die Wirklichkeit kam aus einem Film. Der Film war eher da als die Wirklichkeit. Feuer, zwei Lesarten; im Weltraum und in der Phantasie. In der ersten ein Kommando, in der anderen ein Vorschlag. Vorschlag, zu denken. An Wünsche, schon wünschen heißt denken. Und dann: Durchbruch ..! Im Raum findet die Welt ihre Panthasie

Rhythmen wie ein Router

Montag, Februar 17th, 2020

Ode_wasistlitera-TOUR

Lyrik & Prosa
Prosa & Jazz
Jack, oh
my dear
dein Bier
aus meinen Oh
ren,
3
Quellen
(no problem:
* Verstand
* Vernunft, nicht
> _ Ur deil s ! g r a f …

kreide fressen

Freitag, Februar 7th, 2020

hinter den tellerrändern warten
die suppen die brühe
kocht
in meinem stadtviertel liest einer diogenes
alles für die tonne
ein essenstreff schließt
ein neuer öffnet
spezialität: braune soße!

ich gehe weiter
einmal um den block
der wart grüßt
barsch

beäugt er mich seit langem
wo ich wohl meine mahlzeit nehme

sicher nicht bei dir mein wolf

luzid

Montag, November 25th, 2019

Wir spielten uns selbst und gerieten beim Sprechen in Verse.
(Peter Kurzeck)

 

die treppenstufen gezählt
21   22   23
die herzschläge
24   25   26
oben angekommen und wieder nach unten
alles noch einmal von vorne
die treppenstufen der herzschlag

am ende die müdigkeit

und schließlich fingen wir an zu leben
im häuserschatten der jordanstraße
schwammen wir stadtauswärts
auf der bockenheimer landstraße
wuchs das gras hoch über den kopf
die menschen sprachen französisch
in unserer botanisiertrommel

nur reste von gräsern und blüten

klack klack klack
schlugen die boulekugeln aneinander
und spritzten in alle richtungen
nach staufenberg lollar gießen
tachau franzensbad frankfurt uzès
wieder einmal standen wir am anfang eines neuen lebens
erst ein regen- und dann ein schneewinter *

viel später der vorige sommer und der sommer davor **

 

———————————————————————-

* aus Peter Kurzeck: Übers Eis, Roman, Frankfurt am Main (Stroemfeld), 1997
** Peter Kurzeck: Der vorige Sommer und der Sommer davor, Roman, Frankfurt a. M. (Schöffling&Co.), 2019

Im Gedenken an
 Peter Kurzeck (*10.6.1943 Tachau, +25.11.2013 Frankfurt a.M.)

V.

Dienstag, November 5th, 2019

Nicht gesehen von dir,
schmerzte,
trieb mich weiter und weiter.
Nie wirklich gekannt,
gehalten von dir,
machte mich haltlos.
Zeitlose Ewigkeiten in der
Vergangenheit,
Längst vorbei, vermeintlich,
Ruhelosigkeit bis heute.

Endlose Zeiten heute
lassen dich sehen.
Im Jetzt.
Aber das Vergessen
ist schneller
als das Verstehen.
Langsames Verschwinden,
Verblassen,
ohne Wiederkehr,
ohne Abschied.

Heimweg

Sonntag, November 3rd, 2019

Manchmal falle ich
in Zwischentöne,
die drängender hallen
als Menschen und Züge.
Gedanken sterben an Ampeln.
Wenn ich alles auf Rot setze,
zerfällt mein Kopf
über Unebenheiten
der Zeit, hält der Atem nicht inne
über unerledigten Dingen.

Manchmal stoße ich
ans Innere der Müdigkeit.

was bleibt

Montag, Oktober 28th, 2019

das laute aufgesogen
sturmböen im gemüt
und die tage in die haut geritzt
nun faltet großvater
das leben zusammen
im fahlen licht des endes
sagt er
bleibt nur ein wort

Chósebuz

Freitag, Oktober 4th, 2019

Ich saß im Lauterbach und wartete. Nicht im hauptgeschäft in der Sprem, sondern in der filiale in der Fürst-Pückler-Passage, gegenüber dem bahnhof, gleich neben dem schwedischen hotel, in dem ich wohnte. Ich wartete auf P, wir waren verabredet. Ich war zu früh. Ich nahm sein manuskript und las.

Wir haben den krieg schon lang vergessen, das ist wahr. Und wahr ist auch, dass ich die menschen liebe, ich habe viel für sie übrig.

Ich hatte mich entschlossen, den fotoband zu machen. Die idee stammte von Gary, und eigentlich auch wieder nicht. Gary hatte auf der party davon gesprochen. Ihm schwebte ein band mit schwarz-weißfotos vor, nur schwarz-weißfotos. Man müsse einfach eine kamera nehmen und damit durch die stadt laufen, überall gebe es motive. Ich hatte Gary auf der party von meinen spaziergängen erzählt. Tagelang hatte ich mich in den gassen und winkeln der historischen altstadt herum getrieben, hatte die außenbezirke durchstreift, war über die gelände der stillgelegten tuchfabriken gestolpert.

Warst du schon im Museum für Neue Kunst? fragte Corinna und fuhr fort, die haben da ein irres gemälde! Und dann beschrieb sie es in allen einzelheiten, ich kannte das bild. Gary meinte, ich müsse gleich am nächsten tag die ersten aufnahmen machen. Fotografiere alles, was dir vor die linse kommt, und überlege nicht lang, wähle nicht aus! Einfach draufhalten und abdrücken, das genüge für den anfang. Aber ich hatte da meine eigenen ideen.

Das bild führt die vergänglichkeit vor augen. Im linken bildvordergrund sieht man die grablegung Christi. Weiße tücher umhüllen den leichnam des Heilands, des erlösers der welt, den sein vater in der stunde des todes verließ. Der verdrehte kopf Christi mit dem vom betrachter abgewandten gesicht weist in den rechten bildhintergrund. Eine stillende mutter mit kind wohnt dort einer kreuzigungsszene bei. Eine menschenmenge aus soldaten in kampfuniformen, alten herren im frack, badegästen und freizeitsportlern bindet eine nackte, farbige frau an einen holzpfahl und peitscht sie aus. Die geschlechtsteile der frau sind überdeutlich abgebildet. Über allem schwebt eine riesige dornenkrone mit der aufschrift vita e morte! Den leichnam Christi trägt ein nacktes paar. In der bildmitte sieht man eine größere, unregelmäßige stelle, die unbemalt ist. Die rohe leinwand bildet dort einen markanten fleck. Vielleicht wollte der künstler damit das unausdrückbare nichts ausdrücken? Seitlich rechts und links von dem gemälde befinden sich große fotocollagen aus fetzen von werbeplakaten, illustrierten, modejournalen, politischen magazinen, tageszeitungen und anderen schriftstücken. Das gesamte ensemble gleicht einem tryptichon. Der titel des kunstwerkes lautet dreieinigkeit oder der sechste schöpfungstag.

Die tage wurden kürzer, die nächte kälter, das wetter schlecht, es war november. Genau die richtige jahreszeit für die fotos, grau und kälte standen der stadt gut. Da waren das nasse kopfsteinpflaster in der Bautzener, dort, wo sie die bahngleise querte, das gras neben dem bordstein, die letzten hundeblumen blühten zwischen den ritzen der pflastersteine, da waren die spiegelungen in den pfützen. Nichts in der stadt war eben und glatt. Da gab es verfallende fassaden der bürgerhäuser aus der gründerzeit gleich neben neu herausgeputzten fassaden.
Kontraste, licht und schatten, ideal für schwarz-weißaufnahmen, rauhe oberflächen, gebrochene strukturen. Mauerwerk ohne mörtel, putz, der nicht haftete, ornamente bis zur unkenntlichkeit verwittert. Gehwege aus fest getretenem erdboden neben neu asphaltierten straßenbelägen. Ich fotografierte alles, arbeitete konventionell, altmodisch: eine sucherkamera, manuelle belichtungsmessung, grobkörniges filmmaterial, unscharfe konturen. Die besten motive wollte ich in einem zweiten gang mit einer mittelformatkamera, makroobjektiv, blitzschirm und feinstem filmkorn noch einmal aufsuchen. Jede einzelne ecke, rauhigkeit wollte ich wie in studioatmosphäre festhalten.
Die Friedrich-Ebert-Straße und die beiden kirchen, die kleine wenden- oder landkirche des ehemaligen klosters und die große bürger- oder stadtkirche, hatten es mir als motive besonders angetan. Es schneite, als ich in die Sprem einbog, die mit matten, hellen granitplatten neu ausgelegt worden war. Futuristische straßenlaternen mit graphitfarbenen masten aus hohlprofilstahlblechen säumten die fußgängerzone. Gary war fasziniert von meinen bildern, Corinna wollte mit mir schlafen.
Warst du schon im fußballstadion? Gary meinte, dass ich da unbedingt bei einem heimspiel hin müsse, die idee hatte ich vor seinem vorschlag auch schon gehabt. Ich wollte die menschen in der stadt fotografieren, die gesichter, mit einem normalobjektiv. Nur kein tele! Ich wollte den menschen ganz nah sein, ihnen auf die pelle rücken. Ich wollte ihre körpertemperatur und ihren atem einfangen, die hautfältchen unter den augen und auf den handrücken festhalten.

Gary tupfte sich mit einem in gesichtswasser getränkten wattebausch die schminke aus dem gesicht, ich stand hinter ihm und beobachtete ihn im spiegel. Die ganze garderobe roch nach isopropylalkohol, schweiß und vaseline. Hast du mich gesehen?
Ich wollte lügen und ja sagen, aber Garys gesichtsausduck merkte ich an, dass er mich durchschaut hatte.
Du warst nicht in der vorstellung, sag es frei heraus!
Ich schwieg.
Gary beendete das schweigen: was hältst du von Corinna, gefällt sie dir, hast du bemerkt, dass sie in dich verknallt ist, verknallt ist nicht der richtige ausdruck, dass sie versucht, dich anzumachen, und mit dir schlafen will?
Hast du schon die probeabzüge der fotos aus dem stadion angeschaut, wie findest du sie?
Gary schminkte sich weiter ab und sagte nur: jetzt lenk nicht ab!

Er begann, sich auszuziehen.
Natürlich habe ich bemerkt, dass Corinna es auf mich abgesehen hat! Und, weil ich Gary nicht belügen wollte, sagte ich es frei heraus: es ist auch schon passiert zwischen uns, zwischen Corinna und mir!
Er sackte bei meinen worten innerlich zusammen.

Nach einer weile sagte er: hast du alles vergessen?
Er war nackt und stand direkt vor mir. Ich schämte mich und wusste nicht, wo ich hinschauen sollte.
Schau mich nur an, schau mich an! schrie Gary.
Früher hast du es oft getan, und noch mehr, du hast dich nie geschämt! Es hat dir sogar gefallen!

Weißt du, dass Corinna es mit jedem und jeder treibt? Und nach einer kurzen pause: warum wirfst du dich so weg?

Und dann fiel er über mich her wie ein tier, wie ein dürstendes und ausgehungertes tier, genau wie damals, beim ersten mal, und ich hatte nicht die kraft, mich zu wehren, erinnerte mich an damals, an unseren sommer, der nicht enden wollte und dann doch geendet hatte. Auf einmal hatten wir genug voneinander gehabt und uns schließlich sogar gehasst.

Als wir aus unserem taumel aufwachten, beide nackt am boden dieser schäbigen garderobe eines drittklassigen provinztheaters, stand Corinna in der tür. Sie musste schon eine weile dort gestanden haben.
Die fotos sind großartig, sagte sie, drehte sich um und ging.

Auf dem weg zurück in mein hotel wartete ich lange vor der geschlossenen schranke des bahnübergangs an der Bautzener und stierte über das nasse kopfsteinpflaster. Der mann im stellwerk beobachtete mich. Nass vom regen erreichte ich das hotel.

Erinnerung und vergessen liegen manchmal ganz nah beieinander, manchmal sind sie aber auch sehr weit voneinander entfernt.

Ich legte das manuskript beiseite und schaute aus dem fenster: grau. P kam noch immer nicht. Ich bestellte einen kaffee. Ein theaterstück fiel mir ein, das ich vor jahren verlegt hatte.

In dem ersten bild des stücks, einem vorspiel im paradies, war es auf der bühne zuerst ganz dunkel gewesen. Eine männer- und eine frauenstimme hatten im wechsel freiheit, die ich meine, gleichheit für alle, brüderlichkeit, schwesterlichkeit gesagt. Beim spielen der Marseillaise war das licht angegangen: eine aufrecht gehende, nackte frau hatte einen gebeugt gehenden, nackten mann an einem lederhalsband mit leine über die bühne geführt. Der mann hatte versucht, sich aufzurichten, war aber mit peitschenhieben von der frau daran gehindert worden. Auch seine hilferufe hatten ihm nichts genützt. Dann war das licht erloschen, und über lautsprecher hatte man den John-Lennon-Song woman is the nigger of the world gehört.
Im weiteren verlauf des stücks war eine inzestgeschichte zwischen vater und tochter vorgekommen. Die tochter hatte über ihr seelisches leiden gesprochen, der vater war in form eines geistes, eines gespenstes erschienen.

Gespenster, überall gespenster. Geister.