Autor-Archive: Antigone

Über Antigone

Weder gewesene Pionierleiterin, Mitglied des Politbüros oder gar Geliebte des Staatsratsvorsitzenden (wie hier vermutet), sondern schlichte DDR-Bürgerin, nunmehr für 18 Milliarden DM zusammen mit 17 Millionen DDR-Bürgern zwangsweise verkaufte Bürgerin des Staates BRD. Hanna Fleiss: geb. 1941, wohnhaft in Berlin, Veröffentlichungen: zwei Gedichtbände "Nachts singt die Amsel nicht" und "Zwischen Frühstück und Melancholie" sowie in zahlreichen Anthologien und im Internet.

Selbsthilfe zuerst

Von | 13. Januar 2017

Ein alter Mann. Wie’s aussieht, gutsituiert, keiner von ganz unten. Liegt auf der Straße. Mitten auf dem Weg. Peinlich das. Besser nicht hinsehen. Was denkt der Alte sich eigentlich? Hier herumzuliegen? Ein kurzer Gedanke: Gestürzt vielleicht. Man müsste ihm aufhelfen. Ach was, saublöde Idee! Wozu sind Zuständige da? Und du tust, was alle hier tun:… Weiterlesen »

Self-help First

Von | 12. Januar 2017

Der alte Mann liegt mitten auf dem Weg. Wie’s aussieht, gut rasiert und situiert. Was ist dem armen Kerl denn bloß passiert? Und hat der denn dafür ein Privileg? Wie peinlich, geht es dir durchs Hinterhirn. Das tut man einfach nicht. Was denkt der sich? O Gott, das ist ja fast schon unmenschlich! Liegt hier… Weiterlesen »

Replik zum Nutzen der Kunst

Von | 12. Januar 2017

Hallo Rapunzel, was stellen Sie uns denn hier ein? Das Geschwafel, eines bürgerlichen Bildungsprotzes, das noch nicht mal zu einem Prozent wirklich etwas zum Nutzen oder Nichtnutzen der Kunst auf wissenschaftliche Weise sagt. Die Stoßrichtung, obwohl etwas versteckt, ist klar: gegen die DDR. Eine Anhäufung von Gefühlchen, Vermutungen und Diskreditierungen. Die Wissenschaft von der Kunst… Weiterlesen »

Die Intrigantin (2 Stanzen)

Von | 11. Januar 2017

Die Intrigantin (2 Stanzen) Wem ist solch Frauentyp noch nicht begegnet, der immer nur das Böse will und intrigriert, und wenn man dem ein Widerwort entgegnet, wird es sogleich ins Gegenteil frisiert – ein übles Weib, dem’s in die Suppe regnet, das liebend gern die andern kommandiert? Das kollert nichts als nur gestanztes Blech, und… Weiterlesen »

Leben spüren

Von | 11. Januar 2017

Leben immer nur Traum, hin zu den Meeren, den Bergen im Schnee, zum stillen See in verschwiegener Landschaft, in die Ebenen weit. Hier das Häusergrau, die Hektik des Straßenverkehrs, das Pseudodasein im Großraumbüro, die ehernen Marktgesetze, seltsam fremd fühlst du dich. Du trittst neben dich, begreifst das Irrationale des Heute, dein ungelebtes Leben, bohrend der… Weiterlesen »

Rapunzels Pläsier

Von | 10. Januar 2017

Sie reden viel zu viel, meist über nichts. Da staut sich irgendwas, das muss jetzt raus! Das reißt den Schnabel auf, hofft auf Applaus von wegen seines innern Gleichgewichts. Sie sind aufs viele Reden schwer erpicht, begeistern sich wie wild an dem Erguss und wissen selber doch, es ist bloß Stuss. Egal, Sie sind gemacht… Weiterlesen »

Von | 10. Januar 2017

Nun wäre es ja mal nach etlichen Rezepten, Binsenweisheiten und Zitaten angebracht, wenn Sie mal in Ihrer Inspiration graben und ein, zwei selbstgeschöpfte Sätze von sich geben würden, Verehrteste. Oder fühlen Sie sich dazu nicht in der Lage, hat es Ihnen die Sprache verschlagen? Wäre schön, hier würden einige aufatmen können.

Von | 10. Januar 2017

Du hast die Kommentare feige deaktiviert. Aber ich möchte dir trotzdem mitteilen, verehrte Rapunzel, dass du völlig recht hast: Was du hier einstellst, das ist profan. Und ich füge hinzu: Ausgerechnet Sie haben es nötig, Verehrteste, hier über Profanität zu schwatzen. Sie haben doch alles getan, dass dieser Blog profan wurde! Sie sollten sich schämen… Weiterlesen »

Da war doch was

Von | 10. Januar 2017

Wie nichts fällt uns die Zeit so durch die Hände. Man blättert den Kalender um und staunt: Schon wieder ist ein ganzes Jahr zu Ende! Man denkt ans Geld und ist gleich mies gelaunt. Es wird sortiert, die mürben Fetzen fliegen, man macht im Lebenshause Inventur. Den großen Rest, den lässt man besser liegen –… Weiterlesen »

Reisen bildet eben doch

Von | 10. Januar 2017

Vorausgesetzt, er hat ein bisschen Geld, das leider, leider nicht vom Himmel fällt, dann kommt der Deutsche ziemlich weit herum: Er reist. Und dafür legt er sich fast krumm. Gesamtdeutsch reist er durch die ganze Welt. Die Mauer weg, die man ihm hingestellt. Ihm blieb bloß Ungarn, was für eine Schmach! Wobei es ihm recht… Weiterlesen »

Amtliches

Von | 9. Januar 2017

Ich kenn ein Haus, das hat so viele Fenster. Wer reingeht, wird stracks von der Welt verdammt. Dort hausen schreckliche Papiergespenster – Sie ahnen’s schon: Es ist das Arbeitsamt. Die oben sagen: Prima Arbeitslage! Weshalb das Amt auch meistens überfüllt. Das kommt, das weiß man ohne Gegenfrage, weil man dort alle Wünsche eifrigst stillt. Nicht… Weiterlesen »

Warum nicht mal verreisen?

Von | 7. Januar 2017

An manchen Tagen ist mir nach Verreisen, da will ich von der schönen Welt was sehen, da will ich fremd durch fremde Straßen gehen, mir irgendwas vielleicht noch mal beweisen. Wohin ich will? Ich habe keinen Schimmer. Doch etwas zerrt an mir herum seit Jahren: Noch niemals warst du auf den Balearen! Was dafür gut… Weiterlesen »

Noch ein Aphorismus

Von | 4. Januar 2017

Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, so kann freilich kein Apostel heraussehen. Wir haben keine Worte, mit dem Dummen von Weisheit zu sprechen. Der ist schon weise, der den Weisen versteht. Georg Christoph Lichtenberg

Was von der Rose blieb

Von | 3. Januar 2017

Nicht meine Schuld, dass die Schönheit lackierten Larven gewichen, dem willigen Leugnen – wer klug, schweigt sich aus der Welt, hinter die Wand der Wörter. Lichtlos gehen die Tage, das kostbare gute Wort in der Schleuder des Schlussverkaufs, und die Grimasse jedes lächelnden Menschen hat ihren Preis. Wie sie wiederfinden in dieser Welt zertretener Seelen,… Weiterlesen »

Trotz alledem!

Von | 26. Dezember 2016

Das war die Zeit der Tollität, trotz Lenin, Marx und alledem! Nun aber, da es rückwärts geht, nun ist es kalt, trotz alledem! Trotz alledem und alledem – trotz Modrow, Krenz und alledem – ein wüster, rauer Wendewind durchfröstelt uns trotz alledem! Wer standhaft blieb und Leninist, ließ es geschehn trotz alledem! Nun war er… Weiterlesen »

Spaß muss sein

Von | 18. Dezember 2016

Die nette, gute, stets besorgte Dame Kleist, die höchstwahrscheinlich Müller oder Lehmann heißt, ist sehr erbost, wenn wer ihr dumpfes Nest bescheißt, ihr fehlt nicht nur, was man geläufig nennt den Geist. Statt Denkerstirn hat sie am Kopfe bloß Frisur, nichtsdestotrotz ist sie von staatlicher Statur, die schleppt sie hoffnungsfroh mit Eifer und Bravour, das… Weiterlesen »

Das Schnippchen

Von | 16. Dezember 2016

Die Mittagssonne schien in die Küche. Inga trat ans Fenster und sah auf den menschenleeren Hof hinaus. Auf dem Herd brodelte das Mittagessen, es gab Mohrrübeneintopf. Gern hätte Inga etwas Opulenteres gekocht. Aber die Mutter brachte es fertig, keinen Bissen herunterzuschlucken, falls ihr das Essen nicht gefiel, egal, wie gut es zubereitet war. Und gestern… Weiterlesen »

Von | 15. Dezember 2016

Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm. Jede nicht herausgekommene Untat mischte in Diederichs Ergebenheit… Weiterlesen »

Von | 13. Dezember 2016

Fürchterliner als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm.

Die Fettnäpfchen des Lebens

Von | 13. Dezember 2016

Im Leben tritt der Mensch in manches rein, den Rosenzüchter- und den Sportverein – er will dabeisein, immer vorneweg, er kümmert sich partout um jeden Dreck. Und kein Verein, der ihm dafür zu klein. Er weiß genau, was grad der Nachbar macht, sei es bei Tag und sei es in der Nacht – moralisch misst… Weiterlesen »

Der kleine Überfluss II

Von | 11. Dezember 2016

Als blasser Underdog hat man’s nicht leicht. Was Mitleid heißt, das hat die Welt vergessen und meint, dem Kerl ist das doch angemessen. Du hast bloß Pech, so matt und ausgebleicht. Ein Stückchen Glück, das hätte dir gereicht. Du hast dir noch kein Bäuchlein angefressen, liegt wohl auch kaum im eigenen Ermessen, du bist auf… Weiterlesen »

Das Aquarell

Von | 9. Dezember 2016

Das kleine Aquarell über meinem Schreibtisch ist von ihm, von Lucien. Ich kenne Lucien nicht, nur sein Bild. Und dass der Maler Lucien heißt, weiß ich nur, weil er seinen Namen in die linke untere Ecke des Aquarells gesetzt hat: Lucien, Paris, 1978. Ein Haus ist dargestellt, ein sehr altes Pariser Haus, ein Häuschen auf… Weiterlesen »

Am Spreekanal

Von | 5. Dezember 2016

Die Bäume nackt in sich zurückgezogen, und grau die Luft vorm nahen ersten Schnee. Geräuschlos fließt es unterm Brückenbogen, fast leer schräg gegenüber ein Café. November nebelt durch Berliner Straßen. Auf Bürgersteigen noch das braune Laub, das Wind und Wetter absichtslos vergaßen, und unbemerkt verwirbelt blasser Staub. Ganz melancholisch wird’s dir im Gemüte. Erinnerst dich,… Weiterlesen »

Berlin am Morgen

Von | 3. Dezember 2016

Die Straße menschenleer in dieser Frühe, ein Laster donnert über den Asphalt. Die Stadt erschöpft von ihres Tages Mühe, was war, ist lang schon von ihr abgeprallt. Am Horizont verkümmern letzte Sterne. Die Stadt im Schlaf, ein grummelnder Moloch. Geräusche hin und wieder aus der Ferne – man träumt sich eins, und sei es bloß… Weiterlesen »

Da ist kein Wort

Von | 1. Dezember 2016

Was ich hörte. Genug Geräusche des Tröstens. Uns blieben die Federn der Nachtvögel. Deine Hand auf meinem Haar. Sprich nicht, sagst du. Als gäb es Gründe nicht tausendfach. Licht will ich. Und die Regen, die morgens niedergehen, spüren auf der Haut. Wie gefangen wir sind.

Jesus, deine Höflichkeit

Von | 29. November 2016

Wer einst die Höflichkeit erfunden hat, war Jesus, steht doch in der Bibel drin: „Haust du mir auf die Backe, halt ich glatt dir auch noch gleich die andre Backe hin!“ Vergiss die Höflichkeit dabei nicht gleich, sag: „Bitte sehr! Bediene dich, mein Bester!“ Verbuchst du als dein Plus fürs Himmelreich. Der andre haut dann… Weiterlesen »

Von | 27. November 2016

Wenn er seinen Verstand gebrauchen sollte, so war es ihm, als wenn jemand, der beständig seine rechte Hand gebraucht hat, etwas mit der linken tun soll. Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, S. 40

Endlich allein

Von | 26. November 2016

Der Bahnsteig hatte sich geleert, vorn wurde gepfiffen, der Zug ruckte an und glitt hinaus in die Nacht. Ein Mann, nicht mehr jung, blickte ihm nach, bis die Schlusslichter zu einem einzigen glühendroten Punkt verschwammen. Der Kiosk hatte noch geöffnet. Der Mann kaufte eine Schachtel Zigaretten und stand dann noch eine Weile auf dem Bahnhof… Weiterlesen »

Apropos, was ich sagen wollte

Von | 25. November 2016

Der Mensch regt sich oft über gar nichts auf, braucht einfach einmal einen Kontrapunkt. Dann wird er keck; mit Verve und Geschnauf wirft er sich in die Schlachten, dass es funkt. Dort steht er gar nicht gern alleine da. So sucht er sich Verstärkung, findet sie, vermeidet Aufruhr nicht und nicht Eklat, und hin ist… Weiterlesen »