Ende der Zahlenspiele 2: Die Tücken der Exponentialfunktion

Von | 24. Januar 2021

Die Zählung der Intensivplätze, d.h. der Betten und des entsprechend ausgebildeten Personals, ist eine vergleichsweise valide Angelegenheit und gelingt jedem Klinikverwaltungsleiter allein mit Hilfe des Kleinen Einmaleins. Als weitaus weniger valide erweist sich der Nachweis eines in­fek­tuösen Virus. Im Laufe des Sommers 2020 entbrannte ein heftiger Streit über die Aussagekraft von PCR-Tests. In der New York Times vom 30. August wurde in einem Artikel unter dem Titel „Your coronavirus test is positive. Maybe it shouldn’t be“ über die Abhängigkeit der Befunde von der Zahl der Analysezyklen (Cycle treshold, Ct-Wert) berichtet: Während die Mehrzahl der Labore den Gesund­heits­behörden lediglich mitteilt, ob der Test ein positives oder negatives Ergebnis habe, werde nicht mitgeteilt, wieviele Zyklen notwendig waren, um zu einem positiven Befund zu gelangen. Die Viruslast verhält sich aber umgekehrt proportional zum Ct-Wert, d.h. je mehr Zyklen erfordlich sind, desto geringer ist die Viruslast. Die Nachricht erreichte am 6. September auch die Tagesschau-Redaktion. Danach schien diese Erkenntnis dort rasch wieder in Vergessenheit zu geraten.

Aus ihr ergeben sich gravierende Unsicherheiten für die Diagnose von Covid. Im PCR-Verfahren wird ein exponentiell wirksamer Verstärker eingesetzt: Wenn in einer Probe zu Beginn nur ein einziges RNA-Partikel befindet, das mit dem gesuchten Target übereinstimmt, so ver­vielfacht das PCR-Verfahren dieses Partikel im ersten Zyklus auf zwei, im zweiten auf vier, im dritten auf 16, im vierten auf 256 usw.

Um dem sich allmächtig dünkenden Herrscher Shihram zu verdeutlichen, daß er ohne sein Volk, ohne Bauern, Läufer, Reiter und nicht zuletzt seine Gattin, nur winzige Schritte zu gehen imstande war,  erfand der Weise Sissa das Schach­spiel. Der Tyrann fand Gefallen daran, wurde milder und einsichtiger. Zum Dank gewährte er dem Weisen einen Wunsch. Sissa bat den König, ihn mit einem Weizenkorn auf dem ersten Feld, zwei Körnern auf dem zweiten Feld, vier auf dem dritten usw. zu entlohnen. Shihram lachte und war zugleich verärgert über die Be­schei­den­heit des Weisen. Wie hatte er sich vom Augenschein täuschen lassen! Dem Hofmathematiker gelang es nicht, die gewünschte Menge an Weizenkörnern auszurechnen, und der Vorsteher der Kornkammern mußte gestehen, daß alle Vorräte des Reiches nicht aus­reichen würden, um den Wunsch des Weisen zu erfüllen.

Tatsächlich übersteigt der „bescheidene“ Wunsch des Weisen bei 64 Schachfeldern das Tau­send­fache der heutigen Getreideproduktion. Um ein RNA-Fragment des Coronavirus nachzuweisen, müssen die Testlabore nicht ganz so weit gehen. Ihnen genügen zumeist „schon“ 39 Analysezyklen bei der Anwendung des PCR-Tests. Ab dem 40. Zyklus verwerfen sie den Befund. Mit jedem Zyklus verdoppelt sich die Zahl des gefundenen Partikels und es vervielfacht sich in der Summe um das Tausend-, Millionen-, Milliarden-, Billionenfache. Die genaue Zahl des PCR-Verstärkungseffektes läßt sich anhand der geometrischen Summen­formel bestimmen:

Analysezyklen (Ct)

Vervielfachung des Zielpartikels

0

1

1

3

5

31

10

1.023

15

32.767

20

1.048.575

25

33.554.431

30

1.073.741.823

35

34.359.738.367

40

1.099.511.627.775

45

35.184.372.088.831

Tabelle 1: Exponentielle Vervielfachung eines gefundenen Partikels bei optimaler Durchführung des PCR-Tests

Eine Verstärkung durch vier bis sechs Zyklen genügt in der Regel, um das Target vom Hinter­grund­rauschen unterscheiden zu können (Kaltenboeck & Wang, 2005). Für die Erkennung von Corona­viren­ werden 10 bis 45 Analysezyklen durchgeführt. Was bedeutet diese phantastisch anmutende Steigerung der Sensitivität für die Interpretation des PCR-Testergebnisses? Kleinste Mengen können so vergrößert werden, daß sie makroskopische Effekte bewirken und zum Beispiel optisch sichtbar werden. Metaphorisch gesprochen wird ein Millivolt auf Hochspannung trans­for­miert.

Die Zu­wächse bei der Expo­nentialfunktion sind gewaltig – daher flößt eine „exponentielle Ausbreitung“ des Virus Angst ein. Und wir können dankbar sein über eine Regierende, die im Unterschied zu dem Tyrannen aus der Antike davon schon einmal vor langer Zeit in der Schule oder im Studium gehört hat. Nur gilt die Exponentialfunktion nicht allein für die idealisiert dargestellte Ausbreitung eines Virus, sondern auch für die Sensitivität des PCR-Tests: Sie wächst mit jedem Zyklus. Und damit verliert der Test seine Validität. Seltsamerweise ist öffentlich über die Sen­si­tivität und Spezifität des PCR-Tests in den letzten Monaten viel diskutiert worden – das wesentlich bedeutsamere Merkmal ist die Validität, d.h. seine sachliche Gültigkeit: Mißt der Test, was er zu messen vorgibt – diese Frage blieb weitgehend unbeachtet.

„However, it is important to keep in mind that Ct values, and typically used differences between Ct values of analyte and reference mRNA (Delta Ct), are exponentially related to the number of target copies. Thus, small errors in Delta Ct may become large errors in the ratios. These data underscore the extreme importance of tight control of all parameters and rigorous validation if real-time PCR protocols.” (Bernhard Kaltenboeck & Chenming Wang, 2005)

Jedes Labor legt den Schwellenwert, ab welcher Zyklenzahl man einen positives Testergebnis nicht mehr als positiven Befund interpretiert, selbst fest oder richtet sich nach der Anweisung des jeweiligen Herstellers – es gibt keine Standardisierung dafür. Das RKI wie auch PHE (Public Health England) bezeichnen den Ct-Wert daher als „semiquantitativ“, da er von Labor zu Labor eine andere Größe darstellen könne. Wie genau der Ct-Wert mit der Aus­gangs­menge des Targets korreliert, hängt zudem von der Empfindlichkeit, Präzision und Effizienz des im Labor eingesetzten Testkits ab. Aus diesen Gründen riet im August 2020 auch das College of American Pathologists (CAP) zur Vorsicht bei der Interpretation des Ct-Wertes (Rhoads, 2020). Ct-Werte können zwischen 3 bis 12 Zyklen in Abhängigkeit von Target (Abstrich), Testkit und La­bor­praxis schwanken. „Während der COVID-19-Pandemie ist es für klinische Labore üblich ge­worden, mehrere RT-PCR-Assays zum Nachweis von SARS-CoV-2 durchzuführen. Daher kann die Angabe des Ct-Werts bei allen positiven Ergebnissen verwirrend und irreführend für den Auftraggeber sein“, resümierte im Oktober 2020 Matthew Binnicker, Direktor der klinischen Virologie an der Mayo Clinic in Rochester.

Das Corman/Drosten-Papier, das die WHO im Januar 2020 im Schnellverfahren zur Blaupause für die weltweit durchgeführten Corona-PCR-Tests erhob, beinhaltete 45 (!) Analysezyklen. In ihrem Artikel stellte die New York Times im Sommer 2020 fest, daß die meisten Labore den Schnitt bei 40 Zyklen ansetzten, einige wenige bei 37. Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine kanadische Forschungs­gruppe zur Diagnostik von Covid-19: In Kanada lag das Cutoff-Kriterium für einen Positiv­befund zwischen einem Ct-Wert von 36 und 40 (LeBlanc et al., 2020). Ein von der WHO akkreditierter, chinesischer PCR-Testkit-Hersteller gib in der Bedienungs­an­lei­tung vor, daß ein Ergebnis bis zu einem Ct-Wert von 37 als Positivbefund und erst ab einem Ct-Wert von 40 als Negativbefund zu inter­pretiert werden soll, Werte dazwischen seien als Grauzone zu deuten (Jiangsu Bioperfectus Technologies).

Dennoch stellt der Ct-Wert bei aller labortechnischen Variation ein Maß dar, dem eine klinische Bedeutsamkeit zukommt. Bereits im Frühjahr 2020 zeigten einige Studien, daß Patienten in den ersten Tagen der Infektion Ct-Werte unter 30 und oft unter 20 haben, was auf eine hohe Viruslast hinweist; wenn das Immun­system das Coronavirus bekämpft, steigen die Ct-Werte allmählich an. Eine Meta-Analyse über 18 Studien, die im Juli in Infectious Diseases and Therapy erschien, fand signifikante Korrelationen zwischen Ct-Werten und der Schwere der Erkrankung sowie zwischen Ct und dem Vorhandensein biochemischer Indikatoren im Blutbild (Rao et al., 2020). Auch in neueren Studien wurde be­obachtet, daß eine höhere Viruslast die Ansteckungsfähigkeit stark beeinflussen und den Schweregrad der Erkrankung vorhersagen kann. So untersuchten Forscher um Bernard La Scola, Experte für Infektions­krankheiten am IHU-Méditerranée Infection, 3790 positive Proben mit bekannten Ct-Werten darauf, ob sie lebensfähige Viren enthielten. La Scola und seine Kollegen fanden heraus, daß bei 70% der Proben ein Ct-Wert von 25 oder darunter ausreichte, um zu einem positiven Testergebnis zu gelangen. Dagegen enthielten weniger als 3% der Fälle mit Ct-Werten über 35 vermehrungsfähige Viren (Jaafar et al. 2020). Zudem wiesen etwa 40% der Personen, bei denen eine hohe Viruslast (Ct-Wert < 25) festgestellt wurde, keine klinischen Symptome auf und blieben ge­sund.

Das amerikanische Center for Desease Control (CDC) empfahl im Som­mer daher einen Schwel­len­wert von 33 Zyklen. Tat­säch­lich wären 85-90% der im Juli in Mas­sa­chusetts als positiv gewerteten Coronatests bei einem Ct-Wert von 30 negativ ausgefallen. Das RKI riet im September, Personen mit einem positiven Testergebnis, das mit einem Ct-Wert von 30 oder höher zustande gekommen sei, aus der Quarantäne zu befreien. Laut Tagesschau wurde dies aber nur in Schwerin auch so praktiziert – in den meisten deutschen Kommunen erfahren die Gesund­heitsämter den Ct-Wert gar nicht.

Kary Mullis, der Erfinder des PCR-Tests, warnte – im Zusammenhang seiner umstrittenen Thesen zum HI-Virus – vor einer Gleichsetzung von positivem Testergebnis und klinischem Befund: Mit dem PCR-Test ist es möglich, positiv getestet zu werden, ohne krank oder infektuös zu sein. „Die PCR hat alles revolutioniert. Sie hat die Molekularbiologie wirklich stark gemacht – was dann auch andere Bereiche verändert hat, sogar weit entfernte wie Ökologie und Evolution … Es ist unmöglich, den Einfluß der PCR zu überschätzen. Die Fähigkeit, so viel DNA einer bestimmten Sequenz zu erzeugen, wie man will, ausgehend von ein paar einfachen Chemikalien und einigen Tem­­pera­turänderungen – das ist einfach magisch“, wird David Bilder, Moleku­larbiologe in Berkely, in einem kritischen Nachruf auf Mullis zitiert. In einem Interview, das auf der Homepage von Kary Mullis zu finden ist, charakterisiert David Jay Brown die weiteren Einsatzgebiete der PCR wie folgt: „Sie hat nicht nur die Genforschung revolutioniert, sondern auch die Popkultur und die Science-Fiction be­einflußt. Da die PCR die Fähigkeit besitzt, DNA aus Fossilien zu extrahieren, war sie die theoretische Grundlage für den Kinofilm Jurassic Park. Tatsächlich ist die PCR die Grundlage für eine völlig neue wissen­schaft­liche Disziplin, die Paläobiologie.“ Darüberhinaus findet die PCR in der Forensik An­wen­dung bei der Herstellung genetischer Fingerabdrücke, DNA-Tests (z.B. auch bei Mordopfern) oder Vaterschaftstests – Fragen also, bei denen es gerade nicht um ver­meh­rungs­fähige DNA-Sequenzen in lebenden Organismen geht.

Wenn im Laufe der Corona-Pandemie behauptet wurde, daß sich das Virus mit exponentieller Geschwindigkeit ausbreite, wurde nicht erwähnt, auf welcher Anzahl von Analysezyklen die Messung des Virus beruhte. In einem Appell vom 21.1.2021 forderte die WHO die Labore auf, die Bedienungs­an­leitungen der PCR-Test-Kits gründlicher zu lesen, das klinische Erscheinungsbild der getesteten Personen in die Interpretation der Ergebnisse ein­zu­be­ziehen, wie es vorgeschrieben ist, und die Schwellen­werte nur in begründeten Einzelfällen manuell zu ändern. Eine zugegeben recht skurrile Forderung der WHO.

Wird der PCR-Test als diagnostisches Hilfsmittel in der Infektionsmedizin lediglich dichotom („positiv“ vs. „negativ“) ausgewertet, hat er wegen seiner über­steuer­baren Sensitivität ein Vali­di­täts­problem: Er mißt keine Infektion, sondern das Vor­han­den­sein von Target-Partikeln, unabhängig von der Frage, ob diese ein vermehrungsfähiges Virus darstellen. „However, RT-PCR does not distinguish between infectious and non-infectious virus“, resümierten Singanayagam et al. (2020) in ihrer Studie zur Dauer der Nachweisbarkeit von Coronaviren im PCR-Test. Die Autoren konnten bei Mehrfachtestungen in einer Zeitspanne über 20 Tage bei 425 Patienten mit klinischer Symptomatik und positivem PCR-Ergebnis zeigen, daß der Ct-Wert im Laufe der Zeit zunahm, d.h. sich die Viruslast verringerte. Nur aus 10% der Proben, die bei einem Ct-Wert über 35 positiv wurden, ließen sich vermehrungsfähige Viren anzüchten. Zu einem ähnlichen Resultat gelangte eine Forscher­gruppe von der Chung-Ang Universitätsklinik in Seoul (Südkorea), veröffentlicht am 27. Januar 2021 im New England Journal of Medicine: „Vom ersten Auftreten der Symptome ließen sich im Median sieben Tage  lang (95 %-Konfidenzintervall [KI], 5 bis 10) vermehrungsfähige Viren­kulturen be­obachten, in der RT-PCR waren sie dagegen 34 Tage nachweisbar (untere Grenze des 95-%-KI, 24 Tage). Die längste lebende Viruskultur war zwölf Tage nach Symptombeginn festzustellen (bei Patient 6). Nach Abklingen des Fiebers wurden lebensfähige Viren noch bis zu drei Tagen identifiziert (bei Patient 14). Die Virenkulturen waren nur in Proben mit einem Zyklus-Schwellenwert von 28.4 oder weniger positiv … Unsere Ergebnisse können bei der Festlegung von Isolationszeiten für Patienten mit Covid-19 und bei der Abschätzung des Risikos einer sekundären Übertragung bei engen Kontakten im Rahmen der Vertragsverfolgung hilfreich sein. Angesichts der kleinen Stichprobengröße, des inkonsistenten Zeitpunkts der Probenentnahme und der relativ milden Erkrankung der teilnehmenden Patienten sollten unsere Er­gebnisse in größeren und vielfältigeren Patientengruppen verifiziert werden.“ (Kim et al., 2021)

Für die Berücksichtigung hoher Zyklenwerte spricht, daß damit eine Infektion einer­seits bereits im Frühstadium und andererseits auch noch im Spätstadium, wenn das Virus bereits vom Rachen in die Lunge gewandert ist, erkannt werden kann. Tatsächlich ist die Viruslast bei Covid-Patienten etwa vom zweiten Tag vor dem Sichtbarwerden von klinischen Symptomen bis zum fünften Tag nach dem ersten Auftreten von Symptomen am höchsten. So argumentierte die amerikanische F.D.A. (Food and Drug Ad­mini­stration) im Sommer 2020 für die Beibehaltung der hohen Ct-Schwellenwerte.

Dem ist entgegenzuhalten, daß auf diese Weise eine erhebliche An­zahl falsch-positiver Test­er­geb­nisse in Kauf genommen wird: Es werden Menschen als „infektuös“ stig­matisiert, die es in Wirklichkeit nicht sind. Die Steiermärkische Kranken­anstalten­gesellschaft stellte daher im Oktober 2020 unmißverständlich fest: „Da mittels PCR nur die virale RNA und nicht das gesamte, intakte Virus detektiert wird, ist ein SARS-Cov2-RNA-Nachweis nicht automatisch gleichzusetzen mit Infektuosität oder An­steckungsfähigkeit des Patienten.“

Dabei lassen sich falsch-positive Befunde mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen, wenn man Personen mit einem positiven Ergebnis bei hohem Ct nach einigen Stunden noch einmal testet – tragen sie tatsächlich ein lebensfähiges Virus in sich, dann würde es sich innerhalb dieser Zeit stark vermehren und bereits nach etwa 10 bis 15 Zyklen sichtbar werden. So empfiehlt die Steier­märkische Krankenanstaltengesellschaft die Entlassung aus der Absonderung, wenn im Abstand von mindestens 48 Stunden zweimal nur ein Ct-Wert > 30 zustande kam. Die fehlende Standardisierung der PCR-Tests insbesondere hinsichtlich des Ct-Wertes führte Michael Mina et al. (2021) in der renommierten Lancet zu der Einschätzung: „Für Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit ist ein anderer Ansatz erforderlich. Tests, die helfen sollen, die Ausbreitung von SARS-CoV-2 zu ver­lang­samen, fragen nicht, ob jemand RNA von einer früheren Infektion in der Nase hat, sondern ob er heute infektiös ist. Es ist ein Verlust für die Gesundheit, das soziale und wirtschaftliche Wohl­ergehen von Gemeinschaften, wenn postinfektiöse Personen positiv getestet und für 10 Tage isoliert werden. Unserer Ansicht nach ist der aktuelle PCR-Test daher nicht der geeignete Gold­standard eines SARS-CoV-2-Tests für die öffentliche Gesundheit.“ (Dt. VK)

Eine akute Dringlichkeit hat im ersten Schritt die Verpflichtung der Labore, den Ct-Wert – auch wenn er nicht exakt vergleichbar ist und bei mehreren angewandten Testkits verwirrend erscheinen sollte – an die Gesundheitsbehörden zu melden. Solange die Ct-Werte unbekannt sind, können sie für die Entscheidungsfindung nicht berücksichtigt werden. Völlig unverständlich ist zudem, daß das RKI seiner eigenen Empfehlung nicht nachkommt und nur Positivbefunde bei einem Ct-Wert unter 30 in die Coranastatistik aufnimmt. Bei allen methodischen Unsicherheiten würde die Validität der seit März 2020 angehäuften Zahlen erheblich wachsen. Bislang ist die wahre Ver­brei­tung des Virus in Deutschland unbekannt. Ein Skandal angesichts der fortgesetzten Suspendierung fast aller Grundrechte! Erst im Oktober startete das RKI in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) eine repräsentative Prä­va­lenzstudie, die Coronabefunde aus PCR-, Antigen- und Antikörpertests mit sozioökonomischen Daten von ca. 34.000 Erwachsenen verknüpfen soll.

In Österreich dagegen wurden bereits Ende April, Ende Mai und Mitte November 2020 Baseline­studien zu der von COVID-19 betroffenen Bevölkerung von Statistik Austria im Auftrag des Wissen­schaftsministeriums und in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Roten Kreuz sowie der Medizinischen Universität Wien durchgeführt. Dabei ergab die Hochrechnung, daß Ende April etwa 0.15% der Bevölkerung infiziert war. Ende Mai lag die Zahl der Infizierten bereits unterhalb der statistischen Nachweisgrenze. Von 1.279 verwertbaren PCR-Proben wurde keine einzige positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Im November 2020 wurden zusätzlich Blutproben entnommen, um Antikörper festzustellen. 3.1% der öster­reichischen Bevölkerung wiesen einen aktuell positiven PCR-Test auf, bei 4.7% waren Antikörper nachweisbar. Be­mer­kens­wert ist, daß 61% dieser Fälle den Gesundheitsbehörden bisher nicht bekannt waren, also der Dunkelziffer zu­zu­rechnen sind. Im Gesamtergebnis zeigt sich, daß bei einer derart geringen Ver­brei­tung des Coronavirus von einem erheblichen Prävalenzfehler, d.h. einer hohen Zahl falsch-positiver Befunde bei der Ersttestung, auszugehen ist.

Die fehlende Standardisierung der Testkits, Schwellenwerte, Laborroutinen und nicht zuletzt der sogenannten „Teststrategien“ in den einzelnen Ländern entzieht der internationalen Ver­gleich­barkeit der Coronadaten die Grundlage. Tabellen, Säulen­diagramme, Farbkarten etc., in denen ver­schiedene Regionen miteinander ver­glichen werden – wie es in den Nachrichtensendungen seit 2020 gang und gäbe ist, sind wissenschaftlich unredlich. In einem ZDF-Interview vom 23. No­vem­ber 2020 bezeichnete der renommierte Infektionsmediziner Wolfgang Schrappe die bisher er­ho­be­nen Co­rona­zahlen als wertlos: „Die täglich erhobenen Infektionszahlen sind vom Nebel nicht weit entfernt. Wir testen 1.5 Millionen Leute in der Woche und haben meinetwegen 120 000 Test-Positive, aber wenn man 2.5 Millionen Leute testen würde, wie viele hätten wir dann? Das hat keine Basis. Die Zahlen sind – also wir drücken uns mittlerweile relativ deutlich aus – das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben ist. Und schon gar nicht können Sie damit Politik steuern. Diese Zahlen werden erhoben und dann auf die gesamte Bevölkerung umgerechnet, ohne einzuberechnen, wie viele in der Gesamtbevölkerung denn noch zusätzlich vielleicht infiziert sind. Diese Zahlen sind nichts wert.“ Sie eignen sich weder zur individual­diag­no­stischen Abklärung, wie infektuös die einzelne „po­s­itiv getestete“ Person ist, noch zur ge­sund­heitspolitischen Steuerung der Pandemie­be­kämpfung: Die als „positiv“ interpretierten Ergebnisse der in Wirklichkeit falsch-positiv getesteten Personen belasten die Gesundheitsämter und erschweren oder verhindern die Kon­takt­nach­ver­folgung der wirklich infektuösen Personen. Zudem werden massenhaft Menschen mit falsch-positivem Ergebnis zu Unrecht in Quarantäne geschickt.

Die Orientierung an invaliden Testergebnissen wirft damit grundlegende rechtliche Fragen auf.  Nicht nur die massenhaft von den Gesundheitsämtern verhängten Einzelfallmaßnahmen entbehren einer nachvollziehbaren Grundlage, sondern auch die landesweiten Corona-Schutzverordnungen. „We’ve been using one type of data for everything, and that is just plus oder minus – that’s all. We’re using that for clinical diagnostics, for public health, for policy decision-making.“ (Michael Mina, Harvard T.H. Chan School of Public Health, in NYT from 30.8.20)

Es verwundert daher kaum, daß die Resultate der bisherigen nicht-standardisierten, invaliden und nicht-repräsentativen, mehrfach ad hoc geänderten, dafür aber massenhaften und daher auch mit gravierenden Meßfehlern behaftete Corona-„Teststrategie“ widersprüchlich, ja bizarr anmuten. Offenbar lassen sie auch die politischen Entscheider zunehmend in Hilflosigkeit er­star­ren. Mög­licher­weise fällt ihnen die Widersprüchlichkeit nicht auf, wenn sie nur in 7-Tage-Inzidenzen und Legislaturperioden den­ken. Nach einer alten chinesischen Weisheit ist es nutzlos, mit einer Eintagsfliege über den mor­gigen Tag zu reden. Die Beschränkung der Zahlen auf wenige Tage, wie sie in den Hauptnachrichten praktiziert wird, trägt zur Verwirrung der Wahr­nehmung des Geschehens bei, stumpft ab und schürt diffuse Ängste. Dazu ein Beispiel: In der folgenden Abbildung sind sowohl der prozentuale Anteil der positiven Testergebnisse an der Zahl der durchgeführten Tests als auch der prozentuale Anteil der ITS-Patienten mit Covid-Diagnose an den aktuell positiv getesteten Fällen für das Jahr 2020 zu sehen:

Abbildung 2: Anteil  der schweren Fälle (intensivpflichtige Covidpatienten) an den aktiven Fällen und jeweilige  Positivquote in Deutschland  in % (jeweils  in der letzten Woche des Monats, Quelle: RKI Lagebericht)

Während der „Coronawelle“ im Frühjahr 2020 verliefen beide Kurven mit einer gewissen zeit­lichen Verschiebung annähernd parallel. Es wurden überwiegend Personen mit Erkäl­tungs­symptomen getestet und die Zahl der Tests bewegte sich noch in einem vergleichsweise über­schaubaren Rahmen – beide Faktoren trugen zur Minderung der Zahl der falsch-positiven Be­funde bei. Tat­säch­lich erreichte der Anteil der schweren Covidverläufe an den aktiven Fällen mit etwa 9% bereits im Mai 2020 das Jahreshoch. Die Verzögerung gegenüber der Positivquote ist durch die Inkubationszeit erklärbar. Zum Sommer hin nahm die Positivquote extrem ab und sank zeitweise unter ein Prozent. In gleichem Maße ver­ringerte sich auch der Anteil der ITS-Patienten an den aktiven Fällen. Ab Mitte September jedoch wuchs die Positivquote plötzlich und scheinbar unerwartet steil an. Der Grund dafür läßt sich in der Aus­weitung der Testungen auf Personen ohne jede klinische Symptomatik erkennen: Ur­laubs­rückkehrer, Familien auf dem Weg in die Herbstferien und andere Reisende, die anlaß­los per Dekret zu Testungen genötigt wurden. Während der rasante Anstieg der Positivquote die Hauptnachrichten beherrschte, verharrte der Anteil der schweren Verläufe an den aktiven Fällen vollkommen unbemerkt auf sehr niedrigem Niveau. Wie läßt sich das Auseinanderdriften von schweren Covid-Verläufen und Positivbefunden erklären? Vermutlich handelte es sich bei einer erheblichen Zahl der positiven Testergebnisse in der so­ge­nannten „zweiten Welle“ um falsch-po­sitive Befunde, d.h. um Personen, die ohne An­laß­symp­tomatik getestet wurden und einen Positiv­befund bei hohem Ct-Wert erzielten. Indem seit November 2020 positive Befunde von Schnelltests mit einem PCR-Labortest nachgetestet werden, kann die Positivquote künstlich gesteigert werden: Da die Zahl der Schnelltests mit negativem Befund gar nicht erfaßt wird, erfolgt nach dem Satz von Bayes zur bedingten Wahrscheinlichkeit eine künstliche Übergewichtung der Positivbefunde. Dies gilt insbesondere für anlaßlose Massentests, bei denen die Gesamt­bevölkerung getestet wird, aber nur die Positivbefunde gezählt werden. Auf diese Weise können weitere „Corona-Wellen“ beinahe nach Belieben artifiziell erzeugt werden.

Die Verzerrung der Coronatestungen durch Falsch-Positive zieht gravierende Folgen für den Schutz der öffentlichen Gesundheit nach sich: Die beschränkten Ressourcen der Gesundheitsämter werden sinnfrei für zahl­reiche Menschen ein­gesetzt, von denen in Wirklichkeit keine In­fek­tionsgefahr ausgeht, während die Ressourcen für die Gruppe der eigentlich gefährdeten Personen nicht mehr aus­reichen – das System der Kontakt­nach­verfolgung ist kollabiert.

Indem der hypersensitive PCR-Test nur im Format „positiv“ oder „negativ“ verwertet wird, entsteht ein Schwarzweiß-Bild der Pandemie, in dem die tatsächlichen Konturen zunehmend ins Dunkel tauchen. Es nährt den Boden für die scheinbar einzige Erlösungshoffung: die un­aus­ge­go­rene Impfung. Das Bild würde sich  spürbar aufhellen, wenn die Gesundheitsämter flächendeckend an­fan­gen, die Vorgabe des RKI umzusetzen, und von den Laboren verlangen, daß ihnen be­helfs­weise (so­lange keine Standardisierung existiert) auch der Ct-Wert mitgeteilt wird, um  falsche Positivbefunde auszuschließen. Dies bedeutet nicht, daß im Einzelfall auch Personen, deren PCR-Test einen hohen Ct-Wert aufweist und damit eine geringe Viruslast nahelegt, einen schweren Krankeheitsverlauf entwickeln können – klinische Diagnose und gesundheitspolitische, epidemiologische Erhebung sind eben nicht dasselbe.

Die systematische Erfassung der Ct-Werte „asymptomatischer Fälle“ ermöglicht es zudem, den Schwellen­wert für Falschpositivbefunde sowie das dazu­gehörende Konfidenzintervall empirisch zu bestimmen. Damit würde sich die Spreu vom Weizen trennen. Es würde eine zur Gesundung der Lage betragende Gewichtung resultieren, die zum Realismus in der Einschätzung des Pan­de­miegeschehens zurückführt, den Fokus wieder auf die eigentlich Ge­fähr­deten richtet und die Gesellschaft von Wahrnehmungsverzerrungen und der Fixierung auf artifizielle Zahlen befreit. Indem die Gesundheitsämter von den wahrscheinlich falsch-positiven Fällen entlastet werden, können sie ihrer eigentlichen Bestimmung wieder gerecht werden und dazu beitragen, daß einer­seits gefährdete Menschen seltener mit Covid angesteckt und intensiv­pflichtig werden, und andererseits gesunde Menschen unbehelligt bleiben.

Zu erwähnen ist, daß die absolute Zahl der mit Corona diagnostizierten ITS-Patienten im Herbst 2020 zunahm, wie wir in Abbildung 1 gesehen haben, während sich die Zahl der ITS-Patienten insgesamt nicht änderte. Offenbar war Covid in den meisten Fällen nicht der alleinige Anlaß für die ITS-Einweisung. Die Belegung der Intensivstationen ist ein Fließgleichgewicht: Die wenigsten Patienten verweilen lange, die meisten gehen nach einigen Tagen wieder. Ca. 25-30% sterben, andere werden in die Reha verlegt und sterben dort. Manche kehren nach Hause zurück. Das ist der Lauf des Lebens und Sterbens in hochindustrialisierten Ländern, in denen viele Menschen die Augen vor der Endlichkeit des Daseins verschließen. Darum geht es im dritten Teil dieses Essays.

Kategorie: Panphobie

Über Viktor Kalinke

geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Mitbegründer der Edition + Galerie Erata, Promotion, Professur, lebt in Leipzig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.