Tönerne Krieger erobern das Abendland

Von | 24. August 2021

Auch Aggression muss sich in heutiger Zeit dem viel zitierten Paradigmenwandel unterziehen. So schickte vor 70 Generationen ein chinesischer Kaiser die Kopien seiner besten Krieger in den Untergrund und verschied, wahrscheinlich im Bewusstsein, dass noch einiges zu tun sein würde bei der Eroberung der Welt. Man könnte auch sagen, die Aussaat einer Idee fand statt, ein Keim zukünftiger Welteroberung wurde mit geistiger Klarheit und großem handwerklichem Geschick der Erde zur Langzeitkonservierung übergeben. Obwohl das lokale Herrschaftsgebäude des besagten Kaisers schon wenige Jahre später zu großen Teilen Opfer eines Bauernaufstandes wurde, überdauerte die Idee im Verborgenen ungefähr 2000 Jahre.

Nun tauchen seit einigen Jahren diese Abbilder eines ehemals mächtigen Heers gehäuft in europäischen Metropolen auf. Auch kleinere Orte, die sich selbst sehr gern als kulturelles Zentrum sähen, werden von dieser Invasion nicht verschont. Da die ursprüngliche Anzahl der tönernen Krieger keinesfalls ausreichen würde, um so viele Museen zu füllen, kann der Beobachter dieses Phänomens nicht umhin, neben dieser zeitgemäßen und symbolischen Invasionsmethode auch eine ebenso geartete Art der Mobilisierung der Truppen im Reich der Mitte zu vermuten. Betrachtet man die Anzahl der derzeit vorgeführten Ausstellungen, so muss man vermuten, dass zumindest einige mit Handwerkern und Material wohl ausgestattete Manufakturen die logistische Basis für diese historisch einmalige Disloziierung von Eroberungstruppen im Ausland bilden. Möglicherweise ist ja auch schon ein besonderer Industriezweig zur Absicherung dieses speziellen Exports entstanden.

Eng verbunden mit dieser Wiederauferstehung kriegerisch daherkommender Tonfiguren ist die Tatsache, dass sich die einladenden Institutionen offenbar auch im Konsens mit einer durchaus zeitgemäßen Methode der Konfliktbehandlung befinden. Auch die lebendigen Soldaten der UNO-Friedenstruppen werden ja in der Regel von den betroffenen Regierungen selbst eingeladen und unterhalten.

Das wirtschaftswachsende große China beginnt also symbolisch damit, seine Truppen in die Konfliktgebiete der westlichen Welt auszusenden. Unsere heimischen Krisen sind natürlich in der Regel viel diffiziler und verlaufen gegenwärtig in den seltensten Fällen in Formen von offenem Mord und Totschlag. Jedoch stehen die aus der Ferne eingetroffenen Besatzungstruppen auch in diesem Falle nur für zeitweilige Befriedung.

Vielleicht auch nur für Befriedigung des Bedürfnisses nach Ablenkung und Unterbrechung einer mittlerweile als existenziell empfundenen Langeweile?

2 Gedanken zu „Tönerne Krieger erobern das Abendland

  1. Kopf hoch, Genosse!

    Mit merkt dem Artikel an, dass der Verfasser noch nie inmitten des unterirdischen Heers der tönernen Krieger gestanden hat. Denn in jenem Fall wäre ihm wahrscheinlich statt einer billigen, ironischen (Pseudo-)Reflexion [über nichts…] mit dem Staunen ob der schier grenzenlosen Paranoia das Problem quer durch den Rücken gekrochen, angesichts des Wahnsinns dieser Welt weiterleben zu müssen {ja vielleicht gar nicht zu müssen, aber wenigstens zu sollen!}

    Mich jedenfalls hat damals ein Gefühl erfasst, das als Ekel – spontan ausgedrückt – nur sehr unvollkommen beschrieben gewesen wäre. Eine Art Schock ob der Ausmaße – „Was haben sich diese Asiaten da schon wieder ausgedacht!“ – – aber eben viele Jahre, bevor die europäischen Heere monarchischer Phallusplastiken begannen, den armen Planeten mit dem Schrecken ihrer steinernen, später metallischen Hässlichkeit zu überziehen.

    Lu Da, greif ein! Das Moor ist ein Taucherparadies, und die Devise sei – – – Schnorcheln im Trüben!!

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  2. M. Laux

    „Alte und Kranke, unsere Arbeitgeber. Keine Pflegefälle, sondern schimpfende Geister.“

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