Das hier

„Und er hat dich wirklich nicht noch einmal gemalt?“ fragte Eduard ungläubig. Das letzte Wort ging fast unter. „Dr. Motten hat ihn sicherlich davor gewarnt.”
“Nein, Eduard. Er wollte mich mittags malen, bei Tageslicht. Ich habe ihn versetzt. Er war nicht einmal böse. Ich glaube, es war etwas anderes.“
Ich fühlte eine seltsame Leere und Ratlosigkeit. Das, was Vyvyan in Eduards Rede als Diethelmisierung bezeichnet hatte, die Amputation von Gefühl und Verstand, genau das war es.
„Eduard, du mußt mir etwas erklären, ich glaube ich …“
„Was soll ich dir erklären? Du hast doch viel mehr Zeit mit Vyvyan verbracht als ich, als wir alle.“
„Gerade das ist es ja. Eduard.”
Ich merkte, daß das Gespräch zu nichts führen würde. Eduard räusperte sich umständlich, was untypisch für ihn war. Es klang nach einer sich vollsaugenden Wasserflasche.
„Nun, als ich Vyvyan kennenlernte, lebte seine Mutter noch. Du weißt, daß sie auf dieser Konzertreise verunglückt ist. Jedenfalls lebte sie damals noch. Und wir fuhren zu dritt zu diesen Vorlesungen. Vyvyans Mutter war das, was man früher eine femme fatale genannt hätte. Sie hat in ihrer Jugend einen Zirkel ins Leben gerufen. Sie hatten sich irgendwie zur Aufgabe gemacht, die Erscheinungen über das Ding an sich zu stellen.”
Mir fiel die Gauloises auf den Teppich. Das war ja Kant.

Ich hatte keinerlei Ambitionen, das hier mit Kant erklären zu wollen.

Dieser Beitrag wurde von crysantheme am 16. Juni 2020 um 19:46 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

1 Kommentar »

  1. von daher also weht der wind.

    Comment by theorie ohne praxis — 22. Juni 2020 @ 22:07

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