Mit vollem Mund redete Vyvyan weiter. »Ich bin doch nur dein Legostein. Ein Legostein, der so schön in dein … offenes Haus passt. Weil man ihn schon von weitem leuchten sieht.«
Eduard spürte, wie eine eiskalte Welle ihn überspülte und auf seine Gedärme schlug. »Weißt du was du bist, Vyvyan«, sagte er, in seine Schallplattensammlung hinein: »Was du wirklich bist? Du bist ein… ein maßloser Egoist.«
Er hörte, wie Vyvyan den Stuhl zur Seite schob und seine Beine darauf legte. Immer machte er das, während des Essens, während der Soirees mit den – anderen Männern … immer machte er das – so.
»Ein – Egoist?« Vyvyans Stimme nahm wieder diesen Operettenton an: »Egoist … passt doch perfekt zu der Vorstellung, die sich alle hier von mir gemacht haben. Passt doch perfekt zu dem, was sie wollen. Für ihre … um dein Wort zu gebrauchen: maßlosen Fantasien.«
Eduards Herz pumpte. »Du hast dich doch … gern für sie entkleidet. Du hast es genossen, sie zappeln zu lassen. Du hast es genossen, wenn sie schon ganz … aus dem Häuschen waren. Und immer, immer hast du entschieden … du … hast entschieden, wer dich wie … lieben durfte.«
Definitive Antwort V.s in einem noch zu antizipieren den Streitgesprächmit-wemauchimmer:
– Wer auch immer hier zurückschlägt, das Imperium, der Grinch oder auch nur deine Mutter, die Gute, aus meinen Atomen wirst du es wispern hören, solange du atmest: nach den Donnerschlägen, den Vereisungen-sieben-Kelvin und überhaupt allem! 42
Ich bin dein Zweidreisieben, multiplikativ, nicht geschüttelt — und du bist nichts als mein
L.er
Das Plus unter meinen Gedanken
Beim ersten Lutschen der Pastille entfaltete sich der Eukalyptus auf Vyvyans Zunge. Kühl und klar, als würde jemand ein Fenster in einem stickigen Raum öffnen. Einen Moment später setzte das Menthol nach. Die Frische wanderte über den Gaumen, den Rachen hinunter, breitete sich in den Atemwegen aus wie ein unsichtbarer Luftzug. Dahinter lag die weiche Süße des Honigs, warm und golden, gerade stark genug, um die Kälte nicht scharf, sondern verführerisch erscheinen zu lassen.
Vyvyan ließ die Pastille gegen seine Zähne gleiten und sprach weiter, ohne sich die Mühe zu machen, seinen Mund ganz zu leeren.
»Ich bin doch nur dein Legostein. Ein Legostein, der so schön in dein … offenes Haus passt. Weil man ihn schon von weitem leuchten sieht.«
Eduard stand vor seiner Schallplattensammlung. Seine Finger glitten über die Rücken der Hüllen, doch er sah nicht, was dort stand. Jede Silbe aus Vyvyans Mund schien den Raum zu treffen und von den Wänden zurückgeworfen zu werden.
Dann traf ihn die Kälte.
Nicht die der Pastille, sondern etwas anderes. Eine eisige Welle, die ihm durch den Bauch fuhr und sich festsetzte, tief unter den Rippen.
»Weißt du, was du bist, Vyvyan?«, sagte er schließlich. Seine Stimme war rauer geworden, als er beabsichtigt hatte. »Was du wirklich bist? Du bist ein … ein maßloser Egoist.«
Hinter ihm scharrte Holz über den Boden.
Vyvyan schob den Stuhl zurück und legte die Beine darauf. Langsam. Selbstverständlich. Als gehöre ihm jeder Winkel des Zimmers.
Immer machte er das.
Beim Essen. Bei den Soireen. In Gesellschaft der anderen Männer.
Immer nahm er sich mehr Raum, als jemand ihm freiwillig gegeben hätte.
»Ein Egoist?«
Die Worte kamen leicht über seine Lippen. Fast singend. Der Rest der Honigsüße lag noch auf seinem Atem, während die Frische des Menthols den Raum zwischen ihnen füllte.
»Egoist passt doch perfekt zu der Vorstellung, die sich alle hier von mir gemacht haben. Passt doch perfekt zu dem, was sie wollen. Für ihre … um dein Wort zu gebrauchen … maßlosen Fantasien.«
Eduard schloss für einen Augenblick die Augen.
Sein Herz schlug schwer.
Er hasste diese Stimme.
Hasste die Art, wie sie schmeicheln konnte, selbst wenn sie spottete. Hasste die lässige Ruhe in ihr. Hasste vielleicht am meisten, dass sie ihm nie gleichgültig gewesen war.
»Du hast dich doch gern für sie entkleidet«, sagte er leise. »Du hast es genossen, sie zappeln zu lassen. Du hast es genossen, wenn sie schon ganz aus dem Häuschen waren.«
Er drehte sich endlich um.
Vyvyan saß zurückgelehnt da. Entspannt. Die Finger locker um die Armlehne gelegt. Das Licht strich über seine Wangenknochen und fing sich in seinem halben Lächeln.
»Und immer«, fuhr Eduard fort, »hast du entschieden. Immer du. Du hast entschieden, wer dich wie lieben durfte.«
Die Stille danach dehnte sich aus.
Nur die Frische des Eukalyptus hing noch in der Luft. Hartnäckig. Kühl.
Vyvyan sagte nichts.
Er neigte lediglich den Kopf ein wenig zur Seite und sah Eduard an.
Auf seinen Lippen lag noch ein letzter Hauch Honigsüße.
In seinem Blick dagegen nichts Weiches.
Nur das ruhige Bewusstsein eines Menschen, der seine Wirkung kennt. Und nie auch nur einen Augenblick daran gedacht hat, sich dafür zu entschuldigen.
»Du hast dich doch gern für sie entkleidet«, sagte Eduard. »Du hast es genossen, sie zappeln zu lassen. Du hast es genossen, wenn sie schon ganz aus dem Häuschen waren.«
Vyvyan antwortete nicht sofort.
Die Pastille war inzwischen kleiner geworden. Er schob sie mit der Zunge an die Innenseite seiner Wange. Das Menthol war noch immer da. Kühl, klar, beharrlich. Mit jedem Atemzug strömte die Frische durch ihn hindurch.
Statt auf die Worte zu hören, beobachtete er Eduard.
Die steifen Schultern.
Die Finger, die immer wieder über dieselbe Schallplattenhülle glitten.
Die Spannung in seinem Nacken.
Wie merkwürdig, dachte Vyvyan, dass Eduard immer dann am lebendigsten wirkte, wenn er zornig war.
»Und immer«, fuhr Eduard fort, »hast du entschieden. Immer du. Du hast entschieden, wer dich wie lieben durfte.«
Da war es.
Nicht der Vorwurf.
Etwas anderes.
Vyvyan schmeckte Honig auf seiner Zunge und lächelte beinahe.
Er kannte diesen Ton inzwischen.
Er kam immer dann zum Vorschein, wenn Eduard versuchte, über andere Menschen zu reden und dabei ungewollt von sich selbst sprach.
Das Licht fiel schräg durchs Fenster und zeichnete helle Streifen über die Regale. Staubpartikel schwebten darin wie Goldstaub. Eduard stand mitten darin, den Rücken halb abgewandt, als wolle er sich verstecken und zugleich gesehen werden.
Vyvyan betrachtete ihn einen Moment länger, als nötig gewesen wäre.
Vielleicht war das grausam.
Vielleicht war es Eitelkeit.
Oder vielleicht konnte er einfach nie widerstehen, wenn ein Mensch versuchte, etwas zu verbergen.
Die Kühle der Pastille lag mittlerweile tief im Rachen. Jeder Atemzug fühlte sich frisch an.
»Ist es das?«, fragte er schließlich leise.
Eduard erstarrte.
»Was?«
Vyvyan richtete sich etwas auf. Nicht viel. Nur so weit, dass sein Blick den anderen vollständig erreichte.
»Dass ich entschieden habe.«
Mehr sagte er nicht.
Er sah, wie Eduards Kiefer sich anspannte.
Wie sein Herzschlag beinahe sichtbar unter dem Stoff seines Hemdes arbeitete.
Plötzlich erschien ihm der ganze Raum zu klein. Zu voll von Dingen, die seit Jahren unausgesprochen geblieben waren.
Die Süße des Honigs war fast verschwunden.
Geblieben war nur die Frische.
Und die eigentümliche Spannung zwischen ihnen.
Vyvyan wusste, dass andere Menschen ihn schön fanden. Das hatte er früh gelernt. Er wusste auch, wie Blicke funktionierten, wie Sehnsucht funktionierte, wie leicht Menschen ihre eigenen Wünsche in einen anderen hineinlesen konnten.
Bei Eduard jedoch war es nie so einfach gewesen.
Deshalb ließ er den Blick nicht von ihm.
Deshalb wollte er wissen, was wirklich hinter dem Vorwurf lag.
Nicht die Männer.
Nicht die Soireen.
Nicht die Fantasien.
Sondern der schmale, schmerzhafte Unterschied zwischen: Du hast sie wählen dürfen.
Und: Mich nicht.
»Und immer hast du entschieden, wer dich wie lieben durfte.«
Die Worte blieben zwischen ihnen hängen.
Vyvyan hielt seinem Blick stand.
Einen Moment lang rührte sich keiner von beiden. Dann setzte Eduard sich plötzlich in Bewegung.
Mit wenigen Schritten war er bei ihm.
Vyvyan hatte gerade noch Zeit aufzublicken, als Eduard ihn am Revers packte und gegen die Wand drängte. Nicht hart genug, um weh zu tun. Gerade fest genug, dass ihm der Atem stockte.
Die kühle Frische der Pastille lag noch immer auf seiner Zunge.
Eduards Gesicht war jetzt so nah, dass Vyvyan jedes Detail erkennen konnte: die Anspannung in seinem Kiefer, die geröteten Wangen, den Zorn, der etwas anderes verbarg.
Etwas Gefährlicheres.
Etwas Ehrlicheres.
»Ach, wirklich?«, fragte Vyvyan leise.
Seine Stimme klang überraschend ruhig.
Eduards Hand schloss sich fester um den Stoff seines Jacketts.
Für einen Augenblick schien er mit sich selbst zu kämpfen.
Dann entwich ihm ein kurzes, beinahe ungläubiges Lachen.
Er schüttelte den Kopf.
»You feisty little thing.«
Die Worte kamen halb vorwurfsvoll, halb bewundernd über seine Lippen.
Vyvyan spürte, wie ihm unwillkürlich ein Lächeln entglitt.
Da war es endlich.
Nicht die Wut.
Nicht die Vorwürfe.
Sondern die Aufmerksamkeit, die schon die ganze Zeit darunter gelegen hatte.
»Das«, sagte er sanft und hob eine Augenbraue, »klingt nicht besonders nach Verachtung, Eduard.«
Für den Bruchteil einer Sekunde verriet Eduards Gesicht mehr, als ihm lieb war.
Und genau das war der Moment, den Vyvyan festhielt. Nicht das Festhalten an der Wand. Nicht die körperliche Nähe.
Sondern das seltene, kostbare Aufblitzen von Wahrhaftigkeit hinter all dem Zorn.