Zum Glück hat Brandenburg ein paar herrenlose
Herrenhäuser und Schlösser (preußischer
Kulturbesitz) mit läppischer Park-
Wildnis ringsum : sonst würden wir
Alternde Seenfahrer : keine Stelle
Zum Anlanden finden : Privatstege
Aneinandergereiht : Maschendrahtzaun
Durch Brennesseldickicht gezogen
„Betreten verboten“ grüßt überall : herzlich
Willkommen : das Parkgelände bietet
Raum für Wasserwanderer und andere
Aussterbende Arten : im übrigen
Unterscheidet sich Caputh nicht
Von Golm oder Werder oder Sacrow
Der Stegegoismus reicht bis Berlin
Mitte : in schöner Vollendung : die Ordnung
Ist flöten gegangen : auch Preußen
Verschwand : nicht mal drei Jahre
Hat der Möchtegernstaat Albert Einstein
Die Caputher Sommerfrische gegönnt
Nach der Blamage : die Stadt Berlin
Vertreten durch Bürgermeister Bless
Wollte dem Physiker ein Häuschen am See
Übereignen für sein geliebtes Segelboot
Nur waren alle Häuser schon besetzt
Und mit Privatsteg versehen : betreten
Verboten etc. : das Lied kennen wir schon
(Ist es die brandenburgische Nationalhymne?)
Einstein lehnte dankend ab : eine andere
Familie aus ihrem Haus zu schmeißen : damit
Er seinen Zugang zum See erhielt : Herr Bless
War blessiert : die Zeitungen machten sich
Lustig : denn Einstein kaufte sich selbst
Sein Quartier : Caputh klingt viel besser
Als Berlin : damals versprach es Ruhe
Und Waldluft : der Schwielowsee lud
Zum Segeln ein : ohne Algen und Motorlärm
Der Friede währte nicht lange : Machtergreifung
Flucht und Enteignung : zwei Jahre später zogen
Die Youngsters von HJ und BDM ein : lagerten
Zwischen den verwaisten Bücherregalen
Im Arbeitsszimmer : wer braucht denn
Gekrümmte Räume und verlangsamte Zeit
Jetzt war Deutsche Physik angesagt
Ganz im Sinne von Newton und Euklid
Ihr Scherzkekse : außer Krieg nichts im Sinn
Hattet ihr : und die Gemeinde Caputh
Bekam Einsteins Häuschen geschenkt
Ohne irgendeine Idee wozu und wofür
Denn ein Museum durfte es nicht werden : das hatte
Der Meister persönlich verfügt : es gab schon genug
Personenkult seiner Zeit : die herausgestreckte
Zunge auf Postern und Ansteckern mußte
Genügen : also machte Caputh Einsteins Häuschen
Einfach kaputt oder ließ es verfallen : zum Glück
Erbarmte sich die Akademie der Wissenschaften der DDR
(Auch eine Spielart Deutscher Wissenschaft
Im Zeichen der Internationale) des Grundstücks
Ließ es 1979 zum Hundertsten renovieren
Und gäbe es das Holzhäuschen nicht : Caputh hätte
Gar nichts : außer den Stegen am See
Privat : also JEDER hat SEINEN : wie ist das
Meinte Einstein : es gebe nur zwei
Dinge : die unendlich sind : das Universum
Und die menschliche Dummheit : ach
Beim Universum sei er sich unsicher
Eher ein Prosastück als ein Gedicht, warum also sich mit Zeilenumbrüchen quälen…
Kritik:
– läppischer? Warum das? Was heißt das schon… läppisch = lasch. Die Natur hängt lasch herunter, angesichts der HERRschenden Dürre.
– Vom Templiner See kommend: Herr Holz schreibt einen Reiseführer. Klasse. Our Daily Bite-Size-Candy.
– Maschendrahtzaun: Ein rep. Störfaktor, ähnlich wie Rasenmäher.
– „Betreten verboten“ grüßt überall : herzlich
Willkommen. „Sagt Hallo“, wäre ja auch gegangen…
– Stegegoismus? Muss mal Copilot fragen, der ist hier grad offen.
– Mister
Goebbels. Wieso jetzt wieder der. Ich könnte da aus so ne Geschichte erzählen, aus Riddagshausen, nahe BS. Ich tus aber nicht. Stichwort: „Grüner Jäger“.
– Der Rest dauert mir jetzt zu lange. Wünsche noch einen schönen, warmen Tag.
Herr Hölzchen dankt der Kritik und hat ein bisschen nachgebessert. Prosa ists nicht, aber vielleicht ein Prosagedicht. Und es geht auch nicht ums Reisen, sondern um ein altes Eisen. Auf Mister Goebbels können wir wahrlich verzichten, der war halt eine Art Nachbar, drei Seen weiter, in seiner Villa auf Schwanenwerder. Weg damit, raus aus dem Text. An einem kühlen Tag weiter zu lesen…
Was der Konkretisierung harrt, damit es nicht einfach nur eine Behauptung bliebe nach Bauart von Fakenjuhs:
„Spielart Deutscher Wissenschaft im Zeichen…“
Drei Varianten:
A. ein Forschungsprogramm wurde aus nicht nachvollziehbaren Gründen eingestellt,
B. ein Spitzenwissenschaftler wurde in ideologischer Manier nach dem Westen getrieben,
C. (…)
Was war Sache?
Ich hätte noch ein tagesaktuelles Thema in das Gedicht einzubringen: Die Leihmutterschaft bei Jens Spahn. Knackig, frisch, gerade erst aus dem Ofen der Erkenntnis geholt. Hierüber wurde garantiert noch nicht geschrieben.
Das Ferkel und seine Gefühle bei stringenter Annäherung an die Demarkationslinie schweinischen Lebens, jenseits derer die Frage nach dem Gemeinwohlbezug des Handelns im Ganzen, Leben genannt, mit der Kraft der Wüstensonne auch in verdunkelte Seele scheint, selbst wenn es solche nicht geben sollte. Es ist eben Ausdruck frühkindlicher Prägung, dass sich die gewünschten Inhalte des Denken zum nahenden Ende hin semantisch reimen: 1 Baum, 1 Haus, 1 K.
Einstein als Übervater, als ‚wise old man‘.
In Zeiten, als ich am gelebten Sinn meines eigenen Vaters zweifelte, war für mich Albert Einstein eine Art weltgeistigen Ersatzes. Leider war mir damals nicht klar, dass beide eine Sinnstruktur teilten: die einmal gefällte Gewissensentscheidung im Nachhinein als objektiv falsch zu erkennen und dementsprechend bitter zu bereuen.
Aber im Sinne oben stehenden Texts einfach zurückgefragt: „Gibt es Gravitation als Grundkraft eigentlich?“ (Schon in Newtons Principia Mathematica findet sich an exponierter Stelle das Grundproblem, wie diese „fernwirkende Kraft“ konsistent zu denken sei, ausgeblendet…)
Danke für die Erinnerung. Und: ich bin nicht (!) Urheber des ‚Krausizmo‘ in der spanischen Rechtsgeschichte…
Keine Textkritik, nur eine Reminiszenz: Auch ich in Caputh, im Sommer 1995. Nicht als Seenfahrer, sondern mit dem Auto. An Privatstege erinnere ich mich nicht. Vielleicht gab es sie noch nicht? Der Ort schien damals friedlich, noch nicht aufgeteilt unter den Geiern. Oder fiel es mir nicht auf, da selbst Sommerausflügler aus Berlin? Jedenfalls trägt der Text mir, Gedicht hin, Prosa her, angenehme Erinnerungen zu.
Wer mit dem Auto anreist, sieht auch heute die Stege nicht oder kaum. Wer vom See kommt, findet keine Stelle zum Anlegen, weil sich ein Privatsteg (oft mit Gittertür versperrt) an den nächsten reiht. Hätte sich die Gemeinde eine Uferpromenade freigehalten für den Gemeinsinn, gäbe es das Phänomen nicht, das im übrigen alle Berliner Seen betrifft. Im Leipziger Neuseenland ist es anders – da stehen die Eigenheim meist in der zweiten Reihe…
Mit dem Auto… Dicke Füße machen auch Abdrücke.
Das Häuschen in den Achtzigern, mit dem Fahrrad von Süden. Ein historischer Artikel in Spektrum und das Staunen, dass mensch diese Orte, an denen der Hauch hochverehrten Lebens noch materiell haftet, ja tatsächlich höchstpersönlich in Augenschein zu nehmen die Möglichkeit habe. Gewusst – gewollt! Ankunft in der Mittagshitze, zwischen zwölf und zwei. Das neue Staunen ob der Unzugänglichkeit des seiner Bedeutung nach ja ach so öffentlichen Ortes, ein einfaches Klingelschild, Akademie privatissima. Immerhin zwei Blicke durch gut geputzte Fenster, ein Schreibtisch in der oberen Etage mit Blick über dich hinweg hinaus auf den See, so stehen also Impuls-Spannungs-Tensoren in ihrer multilinearen Variabilität. Der Abschied nach Andacht und Stärkung vom Gepäckträger in idealistischem Knoten, aufsteigend in Richtung Brust. Heißglühend oder verlassen, die Erinnerung bleibt ambivalent. Ein Rest an damals subjektiv Neuem: „Einsteinturm“ (harrt noch immer eines Besuchs, Architektur…
Eduards Herz pumpte. „… Du hast es genossen, wenn sie schon ganz … aus dem Häuschen waren. …“