Dichterleben : Hochzeit und Haus

für Bora und Angelina

Was war das für eine Zeit vor Gavrilo Princip

Von Fehden und Grenzen polyglott durchwebt

und dennoch auf seltsame Weise friedlich

Seitdem Vorwände zur Mobilisierung

dienen : zerfetzen die Texturen

Bora sah Angelina auf einem Bild

im Schaufenster des Photographen  

fünf­undzwanzigjährig : im Matrosenkostüm

daran erkannte er sie : abends wieder

auf dem Maskenball

Womit hat er sie becirct : der berühmte

arme Dichter kaufte ein Haus : nicht

wie es aussah : nicht wieviele Zimmer

es hatte : Hauptsache Wein

rankte sich an den Wänden empor

Eine Laube im Arbeiterviertel : Unterstadt

unweit der Donau : im Keller

lagerte schon das Faß : der Garten

mit Blumen bepflanzt : Zwiebeln

Tomaten : Erdbeeren : Himbeeren

Das Arbeitszimmer mit Schreibtisch

nach hinten raus : vorn das Klavier

das Ehebett aus Paris mitgeschleppt

bald sprangen zwei Töchter heraus

und eine dritte folgte : während im Keller

Der Wein gärte : in der Rauchkammer

Fleisch trocknete : eine Herberge

am Wegrand : drumski han

Freunde : Verwandte : Schauspieler

Dichter gingen ein & aus

Bis Gavrilo kam : der Große Krieg das Haus

in Brand setzte : in den Zwanzigern

wiederhergestellt : bis der zweite

Große Krieg kam und es dem Erdboden

gleich machte : das Haus an der Vršacka

Den ersten Treffer platzierte

am sechsten April 41

ein Geschwader der Deutschen

zerbombt wurde das Dichterhaus

von Allierten zu Ostern 44

Echo auf: Das Ende von Eddy

Édouard Louis, Das Ende von Eddy

Mein Vater

Da ist mein Vater. Als er geboren wurde, 1967, gingen die Frauen des Dorfs noch nicht ins Krankenhaus, sondern entbanden zu Hause. Seine Mutter brachte ihn auf dem völlig verdreckten Sofa zur Welt, es war voller Staub, Hunde- und Katzenhaare und Dreck, wegen der immer schlammigen Schuhe, die niemand auszieht, wenn er das Haus betritt. Im Dorf gibt es natürlich asphaltierte Straßen, aber auch viele Feldwege, die immer noch existieren, wo Kinder spielen, unbetonierte Sand- und Schotterwege an den Feldrändern und Gehwege aus gestampfter Erde, die an Regentagen zu schlammigem Treibsand werden.

Bevor ich zur Mittelschule ging, machte ich mehrmals in der Woche Fahrradtouren auf den Feldwegen. Ich klemmte kleine Stückchen Karton in die Speichen, damit mein Fahrrad klang wie ein Motorrad, wenn ich in die Pedale trat.

Der Vater meines Vaters trank viel, Pastis und Wein aus Fünf-Liter-Kartons, wie die meisten Männer des Dorfs. Sie kaufen das im Lädchen, die außerdem als Kneipe und Tabakwarenladen dient und wo man auch Brot bekommt. Man kann seine Einkäufe dort zu jeder Zeit tätigen und braucht nur bei den Inhabern anzuklopfen. Sie sind immer für einen da.

Sein Vater trank viel, und wenn er betrunken war, schlug er seine Mutter. Plötzlich drehte er sich zu ihr um und fing an, sie zu beschimpfen, bewarf sie mit allem, was ihm in die Finger kam, manchmal sogar mit einem Stuhl, und dann schlug er sie. Mein Vater war noch zu klein und ein schmächtiges Kind, er sah ohnmächtig zu und fing stillschweigend an, ihn zu hassen.

Das alles hat natürlich nicht er mir erzählt. Mein Vater redete nicht, jedenfalls nicht über so etwas. Das tat meine Mutter, ihrer Rolle als Frau entsprechend.

Eines Morgens – mein Vater war fünf Jahre alt – verschwand sein Vater für immer, ohne Vorwarnung. Das hat meine Großmutter mir erzählt, die ebenfalls die Familiengeschichten weitergab (wiederum die Frauenrolle). Sie lachte noch viele Jahre später darüber, glücklich, dass sie dann endlich von ihrem Mann befreit war Eines Tages ist er in die Fabrik auf Arbeit gegangen und nicht zum Abendessen gekommen, wir haben auf ihn gewartet. Er war Fabrikarbeiter, er brachte das Geld nach Hause, und als er verschwand, stand die Familie mittellos da, kaum genug zu essen für sechs, sieben Kinder.

Das hat mein Vater nie vergessen, er sagte, so dass ich es hören konnte Der dreckige Hurensohn hat uns sitzenlassen, meine Mutter, ohne alles, auf den scheiß ich.

Am Tag, als der Vater meines Vaters starb, fünfunddreißig Jahre später, saßen wir im Wohnzimmer, vorm Fernseher, en famille.

Mein Vater wurde von seiner Schwester angerufen, oder aus dem Heim, in dem sein Alter seine letzte Lebenszeit verbrachte. Wer auch immer da anrief, sagte, Dein – Ihr – Vater ist heute früh verstorben, Krebs, aber vor allem eine zerschmetterte Hüfte, nach einem Unfall, die Wunde hat sich entzündet, wir haben alles versucht, aber wir haben ihn nicht retten können. Er war auf einen Baum gestiegen, um Äste zu beschneiden, und hatte den abgesägt, auf dem er selbst saß. Als sie das am Telefon hörten, mussten meine Eltern derart lachen, dass sie eine ganze Weile aus der Puste waren. Den Ast absägen, auf dem er draufsitzt, der Blödmann, das musst du erst mal bringen. Der Unfall, die zerschmetterte Hüfte. Als er das erfuhr, konnte sich mein Vater vor Freude kaum halten (…)

Aus: Édouard Louis, Das Ende von Eddy. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Frankfurt a.M. 2015. 7. Auflage 2019. S. 18f.

Meine Eltern

Mein Vater ist Lotse. Zwei Drittel des Monats verbringt er an Bord. Meine Mutter arbeitete bei der Hafenverwaltung, bevor sie vor zwei Jahren in Ruhestand ging. Der Hafen lag weit weg am Rand der Stadt, sie kam deshalb alle zwei Tage nach Hause und nahm sich dann zwei Tage frei. Das heißt, meine Eltern haben nur ungefähr fünf Tage im Monat, um wirklich miteinander zusammen zu sein, was eigentlich, meiner Meinung nach, das Geheimnis ihrer dauerhaften Ehe ist. Die konzentrierten Streite in diesen fünf Tagen, oder mit ihrem Wort, ihre Art zu kommunizieren, reicht für eine normale Familie das ganze Quartal aus. Noch spannender, sie haben eine kraftvolle Stimme. So ruft mich meine Mutter vom Wohnzimmer aus, als befände ich mich nicht im anderen Zimmer in derselben Wohnung, sondern in einem anderen Berg. Ich habe es gehasst, als Kind mit ihnen zusammen einkaufen zu gehen, denn 90 Prozent würden sie dann im Laden wegen irgendeines Krams anfangen, auf ihre Art zu kommunizieren, und das Zentrum der Aufmerksamkeit sein, wobei ich nur hilflos daneben wartete und hoffte, mich in eine der Erdbeeren im Einkaufswagen verwandeln zu können.

Jetzt muss ich komischerweise an ein Märchen von Oscar Wilde denken. Ein Riese kam bei einem Freund zu Besuch. Nach sieben Jahren hatte er alles gesagt, was er zu sagen hatte, und ging nach Hause. Ich weiß nicht, ob es das Grundprinzip aller Beziehungen ist. Vielleicht löscht die Liebe aus, wenn alles ausgesprochen wird, was man sagen will. Vielleicht sind meine Eltern doch ziemlich glücklich, immer miteinander streiten zu wollen.

Jing Lin

„Oma Darmstadt“

Der tiefe Schmerz, damals, am Ufer des Tejo, nach der Rückkehr aus England. Die sieben Jahre währende Beziehung war am Ende, und ich dachte an die andere Großmutter, Mutter des Vaters, „Oma Darmstadt“, an die ich kaum Erinnerungen hatte, an dieses Fehlende, Ausgesparte, Verbannte, den blinden Fleck in der Familie. „Oma Lene“ sollte bald sterben, sechsundneunzigjährig. Sie war immer Sonne gewesen, Licht, sie hatte gelitten, doch wohlhabend, nicht wie die andere, „Oma Darmstadt“, die sich das Leben genommen hatte (zwanzig Jahre waren vergangen), der finanziellen Hilfe durch ihre Kinder bedürftig, der Vater an erster Stelle. Sie ertrug die Schmerzen nicht mehr, schrieb sie in dem Brief, den sie hinterließ. War es dieser Schmerz, der sich, zwanzig Jahre später, in Lissabon in Erinnerung brachte? Oder war es eine andere Erinnerung? Ich saß am Ufer, im Licht eines zu Ende gehenden Tages, und das Licht traf auf den Schmerz, machte ihn klar und bewußt. Etwas Neues begann. Die Zäsur war da. Mehr wußte ich noch nicht.

Markus Sahr

Brief an die Mutter

Als Kind scheinst du glücklich gewesen. Deine Mutter war immer da, sorgend, fürsorglich, vielleicht nur allzu besorgt, zu ängstlich. Eine starke Frau, emanzipiert für ihre Zeit, doch einsam, seit sie selbst als Kind zu den Großeltern weggegeben und erst später, nach der Geburt der Geschwister, ihrer Stiefgeschwister, wieder zurückgeholt worden war, um der Mutter bei der Erziehung der beiden jüngeren Kinder zu helfen.

Als Mutter hielt sie die Hand über dich, vielleicht eben zu sehr. Doch autoritär war sie nicht. Das besorgte dein Vater.

Das glückliche Kindergesicht, das im Wald zur Mutter aufschaut. Ein Idyll inmitten des Kriegs oder kurz vor dessen Ausbruch. Wie alt warst du auf diesem Bild? Das Licht zwischen den Bäumen, den Stämmen, selbst auf dem alten, leicht vergilbten Schwarzweißfoto wirkt das Licht wie ein Kegel, in dessen Mitte du stehst, neben der Mutter. Du hast die Hände ineinandergelegt, trägst ein helles Kleid, es sieht aus, als hieltest du einen kleinen Strauß Blumen zwischen den Händen, und schaust lächelnd, den Kopf leicht zurückgelehnt, zur Mutter. Sie hat einen Arm gegen den Baum gelegt, der andere fällt locker an ihrer Seite herab. Sie trägt einen breitkrempigen Hut, ein Kleid mit halblangen Ärmeln. Auch sie lächelt, schaut zum Betrachter, dem Fotografen des Bilds, vermutlich, sehr wahrscheinlich, ihrem Mann, deinem Vater. Es könnte ein blaues Kleid sein, es reicht bis zu den Knien, fällt noch darüber. Unter dem Kleid trägt sie dunkle Strümpfe.

1940 hast du auf die Rückseite des Fotos geschrieben, weiter nichts. Es könnte der Gonsenheimer Wald sein, die Bäume stehen dicht, doch lassen sie Platz genug für das einfallende Licht. Es scheint hell ringsum, hohes Gras wächst zwischen den Bäumen, von der Sonne geflutet.

Du bist etwa vier Jahre alt.

Von einem Krieg in Polen, einem Einmarsch in Frankreich weißt du nichts. Nichts davon ist zu ahnen.

Ich war ein Kind während der ersten RAF-Gewalttaten, ich verstand nicht, was ich im Fernsehen sah, zwischen Flipper und Skippy, dem Buschkänguruh, wenn wir zu Filmen und Abendnachrichten zu Tante Anni und Onkel Hans hinaufgingen, in den vierten Stock. Doch ich erinnere mich an deine Stimme, deinen Lynchjustiz fordernden, unnachgiebigen Ton, deinen wie aus einer offenen Muschel aufquellenden Haß. Selbst heute noch meine ich, das Dach oder die Fassade des Frankfurter „Kaufhof“ zu sehen, kalt und in Schwarzweiß, und dazu deine Stimme zu hören, ein wütendes Maschinengewehr, ein Trommelfeuer explodierender, sich überstürzender Silben, die den Tod der Beteiligten fordern, den Strang, ja, ich meine sogar, deine Sätze begannen mit der Vorstellung, was du höchstpersönlich mit ihnen tun würdest.

Alle Verben galten der physischen Vernichtung der Gegner. Das Wort „Bande“ klang aus deinem Mund wie ein Brandschatz. Du kanntest kein Halten.

Vielleicht, denke ich heute, dachtest du dabei an deine eigene Mutter, die selbst in einem „Kaufhof“ arbeitete, wenn auch nicht in Frankfurt. Doch aus deinem Mund kam der Krieg, das Schützenfeuer, fuhren Panzer und detonierten die Bomben.

Du holtest den betrunkenen Vater aus den Kneipen der Nachbarschaft, warst ein junges Mädchen, eine junge Frau schon. Es war die Zeit nach dem Krieg, Anfang der 50er Jahre.

Der Vater war bei der Marine gewesen, in Wilhelmshaven oder Hamburg, er wollte es „den Engländern zeigen“, ein glühender Nazi war er nicht. Die Uniform stand ihm. Ein langer Mantel betonte die äußerlich schlanke Gestalt. Seine Frau, deine Mutter, soll ihm frischen Spargel aus Mainz nach Wilhelmshaven gebracht haben, mit dem Auto, während des Kriegs.

Sein Magen rebellierte, sein Mundwerk war lose, er verlor die Uniform, trug wieder Zivil. Geschehen ist ihm nichts.

Autos gab es am Ende des Kriegs nur noch wenige. Zuvor hatten viele im Hof deiner Eltern gestanden. Das Grundstück, das deine Mutter von ihrer Aussteuer gekauft hatte, unweit des Rheins, mitten in der Stadt, war der Autos wegen umgestaltet worden. Statt eines großen Gartens, wie zuvor, Stellplätze für die Wagen. Dein Vater,  gelernter Mechaniker, fuhr Paare im offenen Wagen zur Kirche, zur Hochzeit. Der Fuhrpark im einstigen Garten – ein Taxiunternehmen. Auch deine Mutter fuhr, stolz auf ihren Führerschein, als noch lange nicht alle Frauen einen solchen besaßen, geschweige denn Auto fuhren.

Es gibt ein Foto von dir, schon als junge Frau, Lehrmädchen in einem Bürobetrieb, da legst du die Hand auf die Klinke eines großen, feudalen Wagens. Alle Lehrmädchen durften das, einzeln, und wurden dabei fotografiert. Der Wagen gehörte einem Vorgesetzten. Die junge Frau, fast ein Mädchen noch, im langen Rock, schüchtern, stolz, die Hand auf der Klinke der Wagentür. Etwa so, wie man Kinder in meiner Generation mit einem Ball in der Hand oder einem Telefonhörer auf einer Decke fotografierte. Autos waren in deinem Leben immer wichtig. Sie waren die neue wie die alte Zeit.

In den Jahren nach dem Krieg, als du deinen Mann kennenlerntest, meinen späteren Vater, da war es die Fahrt nach Italien. Die Fahrt in den Urlaub, nach Rimini oder an die venezianische Küste, zu einer Zeit, da kaum jemand überhaupt daran dachte, mit dem Auto zu verreisen. Oder es sich jedenfalls nicht leisten konnte. Einen Führerschein hattest du nicht. Es war dein späterer Mann, blutjung noch, wie du, der den Führerschein machte und das vom Schwiegervater hergerichtete, geliehene Auto fuhr.

Doch offenbar gab es einen Bruch zwischen dem glücklich erscheinenden Mädchen und der späteren Frau. War es die Heirat mit dem falschen Mann? Das Kind, das du nicht wolltest? Der Verzicht auf die Arbeit, als das Kind in die Schule kam? Das Haus? Das Haus, das ihr gebaut habt und das dich aufs „Land“ verbannte?

Die Spur der Familie führt zurück zum 27. Februar, der Bombennacht, die 1945 nicht nur die Stadt zerstörte, unzählige individuelle Leben und Heime, sondern auch, sichtbar nach Jahren erst, die Identität der Überlebenden. Als sie sich aus den Trümmern befreiten, in notdürftigen Unterkünften die Familie der Mutter, die noch dreizehn Jahre nach dem Krieg in Ruinen lebte, oder in neu gefundenen Häusern, die die Bombennächte einigermaßen unbeschadet überstanden hatten, vollzog sich, unmerklich noch, der Abschied von der alten Stadt, und endgültig begraben wurde diese mit dem Häuserbau der Wunderjahre. Hier kamen die Generationen zusammen, in neu errichteten Mauern, mit den alten Geschichten, ohne Zukunft.

Der Geist blieb dem Alten verhaftet, er entwarf sich nicht, er setzte Grenzen, die verständlich sein mochten von früher her, die jedoch ausschlossen von einer Entwicklung. Es war ein unfruchtbarer Neuanfang, steril und kinderlos, selbst dort, wo es Kinder gab.

Ich sehe uns, dunkel, in einem matt beleuchteten Raum, in einer Ecke der früheren, der ersten Küche in der Neustadt noch, die Decke ist schräg, ein Tisch, eine Bank oder Stühle stehen in dieser Ecke, gedrängt, ich höre deine Stimme, die von Corned Beef spricht, Fleisch aus der Dose, das schmeckt. Die Stimme ist hell, sie bietet das violette, rosafarbene Fleisch an, preist es, offenbar ist es wichtig, der Vater ist anwesend und doch nicht, ich sehe ihn nicht, höre ihn nicht sprechen.

Markus Sahr

Sechs neue Gedichte, 2. Reihe

Aus „Wahrenberger Stanzen“

                 *

Igel und Fledermaus haben sich in 
den Winterschlaf gelegt Ihnen ist egal 
was Putin und Biden treiben Diese 
Manifestationen unserer Ansprüchlichkeit 
am Knick der Elbe hat ein Schiff

festgemacht Seine Lampen leuchten 
durch gewellte Herbstluft und hinter
jedem Fenster auf dem Wasser und
hier in deinem Dorf wird um Krümel
der Liebe gefeilscht Was Igel und 

Fledermaus nicht interessiert Sie
zweifeln nicht am Willen der Seligkeit 
in allen Dingen Derweil das Gebell des 
nachbarlichen Hundes übergeht in 
Wolfsgeheul Sibiriens Wind

              *

der Januar ist eine Sturm- und 
Regenfront Die Wolken ziehen 
dunkelschwadig und eine schwere 
Boe zerknickt meinen Schirm 
dessen blecherndes Gestänge 

(ein Billig-Produkt zur Erhaltung 
des Traumes vom ewigen Markt) 
nun verbogen ist Während man 
überall hin die Freiheit exportiert 
der Regen läßt etwas nach und

ich seh eine alte Frau Wie sie 
über ihren Hof humpelt als wäre 
sie Atlas und trüge das Gewicht 
der Welt Was sie vielleicht tut 
(und das ist nicht nur Gleichnis)

               *

Schnee hat mein Dorf weiß ein-
gehüllt Die Wildgänse sind nicht 
fortgezogen Vielleicht frieren sie 
und meine Stiefel sind die von 
Amundsen und meine Mütze die 

eines russischen Soldaten Der 
gleich blutend im Schnee liegt Ich
hoffe niemandem zu begegnen Wie 
in der Dunkelheit ihm die Angst
vor mir nehmen Wiewohl kein 

Krieg ist … Ein Lkw steht 
schweigend am Weg In seiner 
Kabine muß es rasch weich und
warm werden Ein Zuhause Doch
wer kann wen heimholen

               *

die Elbe führt Hochwasser und
die Buhnen wirken wie abgetauchte
U-Boote oder (in Friedenszeiten)
wie überspülte Walfische In einem
Fenster seh ich einen Mann und

zwei Frauen zu Abend essen und
sich langweilen wie in Van Goghs
Kartoffelessern (keiner wagt das
befreiende Wort) Woanders
sitzt man rücklings zum blau 

flackernden Fernseher Bewegungs-
melder verraten mich Wir sind jene 
denen stets etwas fehlt Die sich 
sicherungsverwahren unter 
Odysseus’ leuchtenden Plejaden

              *

der volle Mond blickt silbern
durch den Dunst der Nacht und
mein rechter Handschuh sträubt
sich auf der linken Hand Auf
einer Terrasse zur Elbe hin

werden zwei alte Frauen 
gefüttert von helfender Hand
im Hintergrund flackern die
Nachrichten Ein Bombardement
auf Aleppo Oder ist’s eine

andere Stadt Der Mond sagt
ich werde mich nicht wollen
können und die Weide streckt
sich igelborstig in die Nacht
wie Kakteen im Sterbezimmer

              *

jede Grenze wird mit dem Blut
eines Soldaten gezogen und aus 
Beischlaf wird das Haus gebaut 
darin wir am Ofen sitzen ver-
gessen oder üben für den Krieg 

so bilden wir stets neu die neue
Welt Komm her zu mir du mit
dem vergifteten Kamm im Haar
erwache aus dem Schlaf Damit
auch ich erwache Zieh mich

weg vom schwarzen Fieber Wer
löst den Kamm der Feindschaft 
daß herabfällt dein goldenes 
Haar die Grenze sanft wird 
still das Haus und wunderbar


Walter Thümler, Mai 2022

Diese Gedichte als Video-Lesung

Bellizistische Schüttelreime über die letzten Tage der Menschheit

Die meisten Medien haben Partei ergriffen. Die im allgemeinen oberflächliche und sensationalistische Berichterstattung, die mangelnden Kenntnisse vieler Journalisten, die schwarzweiße Schilderung der Ereignisse formen in der Öffentlichkeit das Feindbild des „verbrecherischen Bösen“. Doch Stereotypen und Verallgemeinerungen sind gefährlich. Was die Rede von „den Juden“ in Deutschland ausgelöst hat, ist allseits bekannt. Genauso voreingenommen ist es, von „den Deutschen“ zu reden und „die Nazis“ zu meinen. Oder „den Russen“, „den Ukrainern“, „den Chinesen“, „den Taiwanesen“, den „Amerikanern“ usw. usf.

Der Weltkrieg löste in bürgerlichen und intellektuellen Kreisen europaweit Kriegsbegeisterung aus – die sich heute völlig unerwartet zu wiederholen scheint. Vorreiter waren/sind Autoren, Philosophen und Politiker, deren Verbalattacken den Boden für eine dumpfe, nationalistische Stimmung bereiten. In einem lyrischen „Höhenflug“ wurden Unmengen von Gedichten an die Presse gesandt, Schätzungen aus Deutschland reichen von 50.000 Gedichten pro Tag bis zu 1,5 Millionen allein im August 1914 (Andrea Stangl). Auf den Listen derer, die der euphorischen Stimmung erlagen – schriftlich und teilweise auch als Freiwillige im Kriegsdienst –, findet sich das „Who is Who“ der damaligen Zunft, darunter Hermann Bahr, Alfred Döblin, Hermann Hesse, Gerhard Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann, Richard von Schaukal, Georg Trakl, Anton Wildgans und andere. Als Kriegsberichterstatter wirkten Alexander Roda Roda und Felix Salten, Robert Musil redigierte eine Soldatenzeitung und Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke, Alfred Polgar, Felix Salten, Rudolf Hans Bartsch, Franz Karl Ginzkey und Franz Theodor Csokor verdingten sich wenigstens zeitweise im Kriegsarchiv, um Propagandaschriften zu verfassen, was Rilke ironisch als „Heldenfrisieren“ bezeichnete.

Wir wollen den Krieg verherrlichen, – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.“ (Filippo T. Marinetti, Futuristisches Manifest in Le Figaro, 1909)

Es ist immer das gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig … Geschähe doch einmal etwas. (…) Oder sei es auch nur, daß man einen Krieg begänne, er kann ungerecht sein. Dieser Frieden ist so faul ölig und schmierig wie eine Leimpolitur auf alten Möbeln.“ (Georg Heym in seinem Tagebuch, 1910)

Japan ist eine Mottenplage, Menagerievölker wie die Serben und Montenegriner sind vollends indiskutabel.“ (Egon Friedell)

Du Deutschland und du Österreich,
auf auf nun zieht ins Feld.
Es haben sich viel Schuft rings
gegen euch gestellt
Gebt dem Ruß einen Schuß
dem Franzos auf die Hos
dem größten Schuft, dem Oberschuft
dem Britt´ einen Tritt

Der Britte hat bar Geld bezahlt
den Schuften gelb und weiß
sie sollen Deutschland-Österreich
erschla´n auf sein Geheiß
Gebt dem Japs einen Klaps
schlagt den Serben zu Scherben
vom schwarzen Berg den Hammeldieb
dem Dieb gebt Hieb´

Der Britte dachte schlau: Goddam!
Sechs Schufte, das ist viel
die damned Germans schlagen wir
das ist nur Kinderspiel
Gebt dem Ruß einen Schuß
dem Franzos auf die Hos
dem größten Schuft, dem Oberschuft
dem Britt´ einen Tritt

Der Britt soll sich verrechnet han
zwei Starke ziehn das Schwert
und haun die Schufte kurz und klein
so wie es sich gehört
Gebt dem Japs einen Klaps
schlagt den Serben zu Scherben
vom schwarzen Berg den Hammeldieb
dem Dieb gebt Hieb´

Text und Musik: Arnold Mendelsohn (1914) „Jeder Stoß ein Franzos. Neue Kriegslieder“, Jena 1914. Verlegt bei Eugen Diederichs:

Ernst Lissauer (1882 – 1937) galt als der deutscheste aller jüdischen Autoren (Walter Berendsohn), lehnte es aber ab, sich christlich taufen zu lassen, um nicht zum Verräter zu werden. Stefan Zweig sagte von ihm: „Er war der preußischste oder preußisch assimilierteste Jude, den ich kannte. .. und der gutmütigste Mensch, den man sich denken konnte. Mit allen seinen Lächerlichkeiten musste man ihn doch gern haben, weil er warmherzig, kameradschaftlich, ehrlich und von einer dämonischen Hingabe an seine Kunst war.“ 1914 ließ er sich vom nationalen Pathos mitreißen und schrieb einen „Haßgesang gegen England“:

Was schert uns Russe und Franzos,
Schuss wider Schuss und Stoß wider Stoß
Wir lieben sie nicht
Wir hassen sie nicht
Wir schützen Weichsel und Wasgenpass
Wir lieben vereint
Wir hassen vereint
Wir haben nur einen einzigen Feind:
England

Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos …,  Propagandapostkarte 1914, Österreichische Nationalbibliothek
Wohlfahrts-Karte des Vaterländischen Frauenvereins, Provinzialverein Berlin zum Besten der Kriegsfürsorge, Vertrieb: Norddeutscher Export-Verlag: Jeder Schuß – ein Russ’! Jeder Stoß – ein Franzos’! Nun woll’n wir sie mal dreschen!

„Jeder Schuss ein Russ! – Jeder Stoß ein Franzos! Jeder Tritt ein Britt! – Serbien muss sterbien!“ Der letzte Reim wird Felix Salten zugeschrieben, Redakteur der Wiener Zeitung Die Zeit, Verfasser des ersten pornographischen Romans Josefine Mutzenbacher, Beitragender für Theodor Herzls Zeitschrift Die Welt und im Jahrzehnt vor 1914 „gefragt, berühmt, ungeheuerlich produktiv“. Vom Kriegsausbruch war Salten begeistert. Von ihm stammte die Parole der Neuen Freien Presse: „Es muß sein!“ Während des Krieges war Salten als Blattmacher beim Fremdenblatt, der Zeitung des österreichischen Außenministeriums, einer der maßgeblichen Kriegspropagandisten. 1927 übernahm Salten von Arthur Schnitzler die Präsidentschaft des österreichischen P.E.N.-Clubs. Als P.E.N.-Präsident wurde er in eine Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland hineingezogen, bewies „wenig Scharfsinn“ und trat zurück …

Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit

„Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen! Ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate … In dieser großen Zeit, die ich noch gekannt habe, wie sie so klein war; die wieder klein werden wird, wenn ihr noch dazu Zeit bleibt; (…) in dieser lauten Zeit, die da dröhnt von der schauerlichen Symphonie der Taten, die Berichte hervorbringen, und der Berichte, welche Taten verschulden: in dieser da vermögen Sie von mir kein eigenes Wort erwarten.“

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war Karl Kraus ein Verehrer des Thronfolgers. Anlässlich des Attentats in Sarajewo verfaßte er einen Nachruf auf Franz Ferdinand, der er in seiner Zeitschrift Die Fackel im Sommer 1914 veröffentlichte. Seine Einstellung veränderte sich mit dem Grauen und der Inhumanität des Krieges. Er sympathisierte mit der Sozialdemokratie, verurteilte in der Folge die Habsburger, vor allem aber den deutschen Kaiser Wilhelm II. – aus seiner Sicht waren die Politiker gemeinsam mit den Militärs für diesen „Weltenbrand“ verantwortlich.

Gebrauchsanweisung:

Verfolgst du kämpfend den Franzosen,
So gib ihm tüchtig auf die Hosen,
Begegnest du dem Söldner-Britten,
So regaliere ihn mit Tritten,
Siehst du von weitem schon den Ruß,
So vorbereite dich zum Schuß.

Das Drama endet in einer apokalyptischen Szene, der Auslöschung der Menschheit durch den Kosmos. Alle Menschen erweisen sich als unwürdig, auf dieser Welt zu leben, weil sie die Unmenschlichkeit und Grausamkeit des Krieges zuließen und deshalb auch zu Grunde gehen müssen. „Ich habe es nicht gewollt“, ist der letzte Satz der „Stimme Gottes“ im Drama – tatsächlich ein Zitat von Wilhelm II.

Echo auf: Jean Améry

Sinnieren über Herkunft, Heimat und Identität (als Reaktion auf Jean Améry: „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“)

Vor kurzem habe ich einen Roman gelesen, „Daheim“ von Judith Hermann. Ein sehr tröstlicher Text. Ich muss an einen Dialog zwischen der neu zugezogenen Protagonistin, deren Name nie genannt wird, und ihrer Nachbarin Mimi denken, in dem es um Wurzeln geht. Wo sind deine Wurzeln? Die beiden Frauen haben dazu unterschiedliche Gedanken. Oh, ich fürchte, ich habe keine. Und: Manche Leute haben Wurzeln und andere eher nicht. Man könne auch vorläufig verwurzelt sein, an einem Ort, an dem man sich in der gegenwärtigen Lebensphase zu Hause fühlt.

Fühle ich mich verwurzelt? Wo? Oder wann? Welche Rolle spielen Herkunft und Heimatgefühl in der Konstruktion meiner Identität?

Die Vorfahren meiner Großmutter mütterlicherseits stammen aus Frankfurt und Umland, der Vater meiner Mutter ist allerdings in Kosel in Oberschlesien geboren und musste, nachdem er Ende des Zweiten Weltkriegs von der Ostfront zurückgekehrt war, fliehen. Er war ein Vertriebener, der, soweit ich weiß, in Frankfurt aber eine neue Heimat fand.

Meine Großeltern väterlicherseits und ihre Vorfahren kommen aus dem Odenwald, aus der Gegend um Bad König und Darmstadt. Deren Ururgroßeltern waren Hugenotten, calvinistische Glaubensflüchtlinge, die Anfang des 17. Jahrhunderts dort Zuflucht suchten und blieben. Auch sie ihrer Heimat beraubt. Mein Urgroßvater, ein Nachkomme dieser Vertriebenen, Postmeister in einer Kleinstadt und NSDAP-Mitglied, beging 1944 Suizid. Hatte er dabei mitgewirkt, anderen ihre Identität und damit ihre Daseinsberechtigung, ihr Leben, abzusprechen?

In meinen Venen fließt Blut der Vertreibung und Blut der Täterschaft. Wie bringt man das zusammen?

Ich bin an einem scheinbar wahllosen Ort groß geworden, der zunächst auch für meine Eltern, als sie dort hinzogen, ein Ort ohne Bedeutung war. Die Verbindung mussten sie erst aufbauen. Fühle ich mich dieser meinigen Heimat so wenig verbunden, weil sie nicht die Heimat meiner Ahnen ist? Die Erde dort ist stumm, sie kann mir unsere Geschichte nicht erzählen.

Andere Orte, an denen ich gewesen bin, sprechen zu mir, ohne dass ich zu sagen wüsste, warum. Ich sehne mich bisweilen zutiefst nach ihnen. Es ist die Sehnsucht nach einem Heimatgefühl, einem In-Sich-Ruhen, einer Rast. Flüstern mir das Pfeifen des Winds, das Rauschen des Meeres, das Rascheln der Kornfelder und das Geschrei der Möwen vom Leben meiner Vorfahren? Dann erkenne ich mich selbst und kann still sein.

Liliane Katharina Urich

Wir sind alle deutsche Juden

„Maman, durch dich bin ich Jude. Dir habe ich den ganzen Schlamassel zu verdanken.“ Mit diesem Satz fängt die Dokumentation “Wir sind alle deutsche Juden” an, auf die ich vor einiger Zeit in der ARD-Mediathek gestoßen bin. Daniel Cohn-Bendit, ein deutsch-französischer Publizist und Politiker der Grünen, begibt sich auf die Suche nach seiner jüdischen Identität. Cohn-Bendit entstammt einem säkularen jüdischen Haushalt, der jüdische Werte akzeptierte, Religion jedoch ablehnte. Im Jahr 1933 flohen seine Eltern aus Deutschland nach Paris. In Frankreich geboren, verbrachte Cohn-Bendit seine Kindheit in der Normandie, bis er mit 13 Jahren nach Frankfurt am Main kam. Zwischenzeitlich war er staatenlos. Wie oft er sich wohl die Frage nach seiner Identität stellen musste. Wer bin ich eigentlich? Bin ich Franzose, Deutscher, Jude, nichts von allem oder doch alles zusammen? Die Reise auf der Suche nach seiner Identität findet nicht in Berlin, dem Geburtsort seines Vaters, oder Posen, dem Geburtsort seiner Mutter, statt. Cohn-Bendit reist dafür nach Israel, an einen Ort, wo die jüdische Identität von jedem Juden auf verschiedenste Weise interpretiert und gelebt wird. Auf seiner Reise stellt er sich die Frage: „Ich bin Jude. Was bedeutet das?“ Während seine Mutter das Judentum intensiv gelebt hat, ohne religiös zu sein, weiß Cohn-Bendit mit seinen 75 Jahren immer noch nicht, was das ist. Denn wie kann er jüdisch sein, ohne jüdisch zu leben? Bevor er sich auf die Suche nach seiner Identität in Israel macht, besucht er seinen Bruder in Frankreich, der sagt: „Es sind die anderen die einem eine Identität formen und ich will mich einfach nicht einsperren lassen in einer Identität, die die anderen aus mir machen wollen. […] Das Einzige, was man mir unterjubeln will, obwohl ich überhaupt nichts dafür kann, ist Jude zu sein.“ Er möchte nicht in Schubladen gesteckt werden, keinen Stempel von anderen aufgedrückt bekommen. Cohn-Bendit widerspricht seinem Bruder: „Wir sind Juden, auch wenn ich nicht erklären kann, was es für mich bedeutet.“ Hat man eine Wahl bei seiner Identität? Die Frage nach der jüdischen scheint oftmals viel schwieriger zu beantworten. Denn das Judentum ist viel mehr als „nur“ eine Religion. Es ist Kultur, Tradition, Kunst, Sprache(n), aber auch Verfolgung, Holocaust, Erinnerungskultur und die israelische Politik. Aber wie kann eine solche Suche und die erhoffte Entdeckung aussehen, wenn man nicht glaubt, weder Jiddisch noch Hebräisch spricht, keinen Schabbat feiert und auch keine eindeutige Meinung zum Staat Israel hat? Cohn-Bendit trifft auf seiner Reise Menschen, die sich vom Judentum emanzipieren oder es zelebrieren, Menschen, die den jüdischen Glauben mit Überzeugung leben oder verwerfen, die die Politik des jüdischen Staates unterstützen oder bekämpfen, die ihre Identität gefunden haben oder diese immer noch suchen. Eine Rabbinerin, die er trifft, sagt: „Jude sein bedeutet, morgens mit einer Frage aufzuwachen und abends mit einer Frage schlafen zu gehen.“ Am Ende seiner Reise steht Cohn-Bendit auf einem Hügel und hinterfragt seine Identität, die oftmals mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Sie entspringt der Geschichte seiner Familie, dem Gedächtnis des jüdischen Volkes, seinem Anspruch an die Welt und sich selbst. „Vielleicht gibt es nicht auf jede Frage eine Antwort. Vielleicht sind wir alle deutsche Juden, entwurzelte, auf der Suche nach der eigenen Identität.“

Magdalena Loska

https://www.ardmediathek.de/video/dokus-im-ersten/wir-sind-alle-deutsche-juden/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuL2EwMmY0OWI4LTFhOTgtNDEwMS05NjA4LTkyMTM4YWNiZWQ4OA

Monopterus albus

Gelber Aal : dunkel gefleckt : glatt

& schup­­penlos : Rücken-, Schwanz- & Afterflosse

verschmelzen zu einem Flossensaum

kurz & breit der Kopf : kleine Augen

Das große : von dicken Lippen umfaßte

Maul ist tief gespalten : unter der Kehle

wachsen die Kiemen zusammen & bilden

einen quergestellten Kiemenschlitz

Lebt in Schlammlöchern oder Felsspalten

Teichen : Kanälen : Flüssen & Reisfeldern

frißt Fische : Würmer : Krebse : auch größeres

Getier & treibende Pflanzenreste

Proterandrischer Hermaphrodit : wechselt

im Laufe des Lebens das Geschlecht

zuerst männlich : dann weiblich

ein : e minimalistische : r Künstler : in

Zur Fortpflanzung baut das Männchen

frei treibende Schaumnester : die befruchteten

Eier werden nach dem Laichakt hinein-

gespuckt & bewacht : bis sie geschlüpft sind

Sechs neue Gedichte, 1. Reihe

Nachts


die Eisschollen krachen wie Feuerwerk und
                                              dann wieder
   wie Paletten auf dem Gemüsemarkt 
        zusammengeworfen Dazwischen schlürft ein  
     Wal den Fluss und die
                                  Wildgänse errichten 
       einen fliegenden Teppich aus 
                                       Klang 
      darunter bin ich allein in der Nacht Und
     in den Häusern vor den Bildschirmen 
       löscht man sich selber aus
                           seh den Großen
      Wagen wie er senkrecht auf der Deichsel
        steht (die Ladung 
                             herausgekippt)


Missa Brevis

                 für Ute

Kyrie

kein Wort Das sich 
erkennt … Und Sterben wie 
Leben ist so einfach (dass 
ich es nicht kann)

Gloria

Wasser (mit
der Wünschelrute nicht
zu finden) strömt als
Glück (preist)

Credo

seine Gedanken sind
nicht meine Gedanken So
schält er mich gegen 
den Strich 

Sanctus

die hören: sprechen
   : Feuer Wie
der Atem kommt
und sich erneuert

Agnus Dei

den Alptraum
  gibt es Etwas muß
sich zerbrechen
(für uns)


Feiertag

der Supermarkt hat die Werbe-
  tafeln hereingeholt der Parkplatz
    feiert seine Leere und die Reisegruppe
 atmet niemandem die Luft weg Ich
   höre ich hätte Sand in meinen
 Brunnen geschüttet und müsse ihn
  wieder hinausschaufeln solange
    gütig die Kuh noch kaut


Namen

starke Mai-Winde treiben
    junge Blätter um mich herum und 
      missachten
                   Name und Bedeutung Ich
       habe verstanden Lass das 
    Eichenblatt fallen und durchfühle
         meine 
                  Unwissenheit 



Was lebt

alles was lebt wächst alles was lebt
   wird müde alles was lebt
                             stirbt
beim Menschen kommt hinzu Er 
  versucht zu lieben und ist vielleicht
    Ziel eines solchen Versuchs
 verrät und wird verraten 
                          überwacht 
 sein Auto und seine Tür  
    (und wird überwacht)  
                      ab und an  
     erklingt bei ihm Musik 
       weil er (wie zum Trotz)
                               leben will



o.T.

                  für Jutta

aber zum Glück du gibst uns
                        preis Wie
    wenn wir aufgetan für das 
       Atmen? Schwere hebt uns
   durch die Schwebe Da sein
       kann ich nicht Nur
          hier Zersaust


Walter Thümler, Mai 2022


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Echo auf: Saša Stanišic, Herkunft

Oskoruša, 2009

(…)

Auf dem Friedhof von Oskoruša teilte ich meinen Namen und Brot mit den Toten. Wir aßen Räucherfleisch auf meinen Ahnen, da ergriff Gavrilo das Wort.

»Hier«, sagte er und goss etwas Schnaps in die Erde, »liegt dein Urgroßvater. Die Urgroßmutter hat nur heimlich getrunken.« Auch auf ihre Seite stellte er einen Becher und sah dann weg, damit sie weiterhin heimlich trinken konnte. Wir stießen an.

( . . . )

Die Friedhofshitze schmeckte salzig und klang nach Zikaden. Gavrilo suchte meinen Blick. Ich nickte ihm zu und fand es sofort unpassend, genickt zu haben auf einem Friedhof.

»Siehst du das?« Er zeigte in die Landschaft. »Da stand das Haus«, sagte er.

»Von meinen Urgroßeltern?«

»Ja.«

»Da?«

»Nein, da.«

»Da, wo man den Zaun sieht?«

»Nein, da wo man nichts sieht.«

Ich lachte. Gavrilo fand es nicht komisch, und das war der Augenblick, da Gavrilo mich fragte, woher ich käme.

Also doch, Herkunft, wie immer, dachte ich und legte los. Komplexe Frage! Zuerst müsse geklärt werden, worauf das Woher ziele. Auf die geografische Lage des Hügels, auf dem der Kreißsaal sich befand? Auf die Landesgrenzen des Staates zum Zeitpunkt der letzten Wehe? Provenienz der Eltern? Gene, Ahnen, Dialekt? Wie man es dreht, Herkunft bleibt doch ein Konstrukt! Eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist. Als solches ein Fluch! Oder, mit etwas Glück, ein Vermögen, das keinem Talent sich verdankt, aber Vorteile und Privilegien verschafft.

(Aus: Saša Stanišic, Herkunft. Luchterhand Literaturverlag, München 2019)

Herkunft

Als ich ein Kind war, brachte mir eine Tante von einer Reise in die Schweiz eine Schachtel Schwarzschokolade mit. Die kleinen, in goldene Folie eingewickelten Würfelchen lagen säuberlich in der exquisiten Blechschachtel. Das schöne Geschenk aus dem fernen Westen schätzte ich so sehr, dass schon eine Woche vergangen war, bis das erste Stück endlich gekostet werden konnte. Doch für ein kleines Mädchen ist die Definition von Schokolade einfach Milchschokolade. Der trockene, bittere Geschmack hat mich dazu gebracht, sie sofort wieder auszuspucken. Ich war noch zu jung, um an etwas anderem als an Süßem Gefallen zu finden, aber auch nicht mehr jung genug, um lügen zu können. Ich tat so, als würden sie mir schmecken, und die ganzen Sommerferien versuchte ich mit gerunzelter Stirn, sie wirklich zu genießen. Sie kamen doch aus der Schweiz! Es konnte nicht sein, dass sie nicht gut waren.

Nicht viel anders sind manche Erwachsene beim Umgang mit anderen. Hast du früher bei der Suche nach dem Mutterleib eine ausgezeichnete Arbeit geleistet, bist du dann diese Schweizer Schokolade, für die die Leute mehr Toleranz aufbringen. Du kannst jede Form, jeder Geschmack sein, ohne dir Sorgen zu machen, dass keiner dich aus dem Regal nehmen würde, denn deine Herkunft hat schon all dein Anderssein legimitiert. Sei laut, du bist temperamentvoll, nicht unhöflich; sei ruhig, du bist nachdenklich, nicht zurückgezogen. Sei sparsam, du bist nicht geizig, der Minimalismus ist doch in Mode; gib viel aus, du bist nicht von Konsum dominiert, sondern der Meister im Genießen des Lebens. Leider, für Pechvögel ist die gestempelte Herkunft eventuell ein lebenslanger Kampf mit unmöglicher Lösung.

Jing Lin

Das Haus im Süden des Landes

Im Süden des Landes steht ein Haus, das seit vielen Jahren unbewohnt ist. Die Einrichtung erinnert mehr an die Vergangenheit, als an die Gegenwart. Wenn man das Haus betritt, scheint es, als wäre die Zeit im Jahre 1976 stehen geblieben. Die orangenen Küchenvorhänge und weißen Tischdecken wurden von Hand genäht und der blaue Teppich über Generationen hinweg weiterverschenkt. Das Porzellan steht fein säuberlich und unbenutzt hinter der Vitrine. Auf der Nähmaschine bilden sich feine Staubwolken und an den Wänden hängen Schwarzweißporträts. Zu jedem Ferienbeginn stiegen meine Mutter und ich, vollgepackt mit Ariel Waschpulver und Lindt Schokolade, in den Reisebus und fuhren in das Haus im Süden des Landes. Auf dem kleinen Fernseher liefen amerikanische Filme, deren Dialoge von einem Sprecher in monotonem Tonfall synchronisiert wurden. Zwischen unseren Beinen klemmten Taschen mit selbst belegten Brötchen, an der Tankstelle zur Grenze gab es zum amerikanischen Film grüne Pringles. An jeder Raststätte füllte sich der Bus mit kaltem Zigarettenrauch. Nach sechzehn Stunden Busfahrt quer durch zwei Länder und einer kurzen Taxifahrt, stiegen wir mit Ariel Waschpulver und Lindt Schokolade am grünen Gartentor des Hauses aus. Großmutter wartete schon an der offenen Haustür auf uns, die Haare kurz und lockig, das einfache Kleid lang bis über die Knöchel. Ich habe meine Großmutter nie eine Hose tragen gesehen. Meine Mutter ließ als erstes alle Koffer unausgepackt auf dem Boden liegen und lief in den großen Garten. Jedes Mal merkte ich in diesem Moment die große Sehnsucht nach ihrem Zuhause und nach der Freiheit, die sie nicht mehr in der Stadt im Ausland, sondern in der Natur in ihrer Heimat fand. Meine Kindheit im Süden des Landes beschränkte sich auf zwei Straßen. Mehr brauchte ich nicht. Mir reichte unser Garten, in dem ich mit meiner Cousine zeltete, die Küche meiner Tante eine Straße weiter, und das Fernsehzimmer meiner Großmutter, in dem wir täglich zusammen die 20 Uhr Nachrichten schauten. Ihr liebster Platz war auf der rechten Seite am Küchenfenster. Heute, viele Jahre später, sitze ich an ihrem Platz und blicke aus dem Fenster in den großen Garten, in dem meine Cousine und ich schon vor langer Zeit unsere Zelte abgebaut haben. Die sechzehnstündige Busfahrt habe ich gegen den einstündigen Flug eingetauscht. Die Pringles von der Tankstelle an der Grenze zum monoton synchronisierten Film schmecken dennoch besser als am Flugsteig. Ich sitze auf dem Platz meiner Großmutter, blicke aus dem Küchenfenster und sehe, wie meine Mutter bei ihrer Ankunft die Koffer liegen lässt und in den Garten Richtung Freiheit läuft. Früher konnte ich nicht verstehen, warum sie die orangenen Küchenvorhänge nicht gegen neue eintauschen wollte, warum sie am blauen Teppich ihres Großvaters hing, und warum das Porzellan in der Vitrine nie benutzt wurde. Heute, während ich auf dem Platz ihrer Mutter sitze, verstehe ich es, denn auch ich würde manchmal gerne die Zeit anhalten. Ich laufe eine Straße weiter in die Küche meiner Tante, denn mehr als diese zwei Straßen im Süden des Landes brauche ich immer noch nicht, und denke daran, wie gut die orangenen Küchenvorhänge zur weißen Tischdecke passen.

Magdalena Loska

an einem sonnentag

wollen frühlingsblätter
beschrieben werden
sie fliegen auf
und davon
es ist kalt draußen sagst du
zieh einen pullover an
und sammle die hellen stunden
wortblüten
sind kostbar in dieser stürmischen zeit

Echo auf: Bei Dao, Das blaue Haus

Mit dem Sommersemester beginnt eine neue Folge von „Ecos da escrita“ – Echos auf ausgewählte Textausschnitte. In der Schreibübung in Germersheim reagieren Studentinnen in dieser Woche auf einen Text des ersten chinesischen Übersetzers von Tomas Tranströmers Gedichten, den Lyriker und Essayist Bei Dao. (Aus rechtlichen Gründen folgt hier nur ein kurzer Auszug aus Bei Daos Text.)

Bei Dao, Das blaue Haus

1       Das blaue Haus liegt auf einer kleinen Insel nahe Stockholm, es ist das Landhaus des schwedischen Dichters Tomas Tranströmer. Es ist winzig und alt. Es kann die strengen Winter in Schweden nur überstehen, weil es immer wieder repariert und gestrichen wird.

Ende März dieses Jahres ging ich nach Stockholm auf eine Konferenz, die deprimierend und langweilig war, wohl so wie Konferenzen überall auf der Welt. Einen Tag vor der Abreise hatten Annika und ich uns zu einem Besuch bei Tomas in Vasteras verabredet. Von Stockholm bis zu dieser Stadt braucht man zwei Stunden. Annika fährt einen roten Saab. Der Himmel war düster, ab und zu fielen Schneeflocken. Der Frühling hatte in diesem Jahr auf sich warten lassen, die trübseligen Wälder lagen noch in tiefem Schlaf, die Felder gaben sich graublau, kahl lagen sie da, hoben und senkten sich mit der Fahrbahn.

(In: Bei Dao, Gottes chinesischer Sohn. Essays. Übersetzt von Wolfgang Kubin. Weidle-Verlag, Bonn 2012)

Julie Schneider, Besuch bei der alten Dame

Das erste was ich in Bukarest tat war, mich zu verlaufen. Kaum am Bahnhof angekommen (Gleis zwei, 11:28), ging es schon los: es kostete mich ganze zehn Minuten, den Ausgang zu finden, da ich sofort zielstrebig in die falsche Richtung gelaufen war und es erst bei Gleis 14 realisierte. Als ich es dann endlich geschafft hatte, dem Bahnhof zu entkommen, holte ich meinen Notizzettel mit der Wegbeschreibung zu Großtante Ioanas Adresse heraus. Sollte nicht allzu schwer sein, dachte ich mir in meiner Naivität. Eine Viertelstunde zu Fuß, da lohnt sich ein Taxi nicht.

Und so begann ich, voller Zuversicht durch die mal breiten und geraden, mal schmalen und gewundenen Straßen Bukarests zu marschieren. Immerhin war ich hier aufgewachsen, die Wegbeschreibung war vermutlich ohnehin überflüssig. Abgesehen von einigen neuen Geschäften und Baustellen hatte sich nicht allzu viel verändert.

Eine halbe Stunde später verwandelte sich mein strammes Schritttempo allmählich in ein gemäßigtes Schlurfen, immer wieder unterbrochen von Pirouetten, wenn ich mich verwirrt umsah. Irgendetwas stimmte nicht. Ich hätte schon längst an dem Kiosk bei der Baumallee vorbeikommen sollen; stattdessen stand ich vor einer Statue von George Enescu. Definitiv stimmte da was nicht.

Reflexartig zog ich mein Handy aus der Tasche und klappte es auf, nur um es direkt wieder zuzuklappen. Großtante Ioana hatte kein Telefon, was bedeutete, dass nur eine Person blieb, die ich hätte anrufen können – und das kam gar nicht in Frage. Bevor ich zu solch einer Verzweiflungstat herabsinken würde, bräuchte es schon mehr als 30 Minuten Umhergeirre in Bukarest.

Genaugenommen brauchte es zwei Stunden Umhergeirre in Bukarest, wie ich anderthalb Stunden später feststellte. Die Sonne brannte unnachgiebig auf mein erhitztes Gesicht, der Schweiß lief mir den Nacken hinab, und ich hatte mindestens drei Blasen an den Fersen. Nun gut, dann sollte es wohl so sein.

Mit einem leidenden Seufzer zog ich mein Handy erneut hervor und wählte die Nummer meiner Cousine Alina. Es kostete mich immense Willenskraft, auf die Anruftaste zu drücken und beinahe ebenso viel, um nicht direkt aufzulegen, als sich die vertraute näselnde Stimme meldete: „Hat der Zug sich verlaufen oder du?“

„Es wäre lieb, wenn du mich abholen würdest“, knurrte ich so höflich wie möglich zurück und schaute mich nach einem Straßenschild um. Meine Güte, war mein Rumänisch eingerostet. „Ich bin beim, äh– Carol Park.“

Wo?“ Ich spürte den Luftzug ihres verächtlichen Schnaubens förmlich in meinem Ohr. „Du bist hoffnungslos.“

Und bevor ich durch wortloses Auflegen ein Zeichen setzen konnte, hatte sie schon aufgelegt.

Die nächsten Minuten verbrachte ich damit, mein Rumänisch wieder aufzufrischen, indem ich sämtliche mir bekannten Schimpfwörter vor mich hin grummelte. Als mein Wortschatz erschöpft war, trat ich zum Abschluss gegen eine Mülltonne, setzte  mich auf eine Bank im Schatten und wartete.

Die Zeit verstrich, und ich begann bereits zu befürchten, dass Alina mich eiskalt hier sitzen lassen würde, da bog endlich ein kleiner, klappernder Volkswagen um die Ecke. Ich erkannte das Auto sofort – meine Eltern hatten es mir nach dem Schulabschluss geschenkt, doch da ich wenige Monate später zum Studium nach Frankreich gezogen war, hatten sie es an Alina weitergegeben. Nicht, dass ich darauf neidisch gewesen wäre; ich hatte jetzt sowieso mein eigenes Auto. Einen Porsche.

„Willkommen in meiner bescheidenen Heimatstadt“, rief mir Alina zu. Das Fenster auf der Fahrerseite war heruntergekurbelt, und sie ließ einen Arm lässig heraushängen. Ihr Blick hinter der knallrot umrahmten Sonnenbrille war undurchdringlich.

Ich rollte mit den Augen und setzte mich ohne ein Wort auf den Beifahrersitz. Dann überlegte ich, ob ich nicht vielleicht doch etwas zu unhöflich war – immerhin hatten wir uns seit Jahren nicht gesehen und sie war eben zu meiner Rettung gekommen. „Hi“, sagte ich.

Alina sagte nichts.

Mein „Du mich auch“ ging im Aufbrummen des Motors unter, als wir uns in Bewegung setzten. Die ersten Minuten verbrachten wir in Schweigen.

„Keine Ahnung, wie du es geschafft hast, den Weg nicht zu finden“, murmelte Alina schließlich. „Das war die einfachste Wegbeschreibung, die man sich vorstellen kann.“

Ich räusperte mich pikiert. „Ich muss falsch abgebogen sein.“

„Ja, so um die fünfzig Mal. Gut, dass wir keine Abkürzungen dazugeschrieben haben, sonst wärst du jetzt wahrscheinlich in Bulgarien.“

„Man wird sich doch wohl mal in der Straße irren dürfen.“

„Na ja, du warst ja seit Jahren nicht mehr hier. Da kann man schon mal alles komplett vergessen.“

„Ich kann dich in Toulouse herumführen, wenn du irgendwann vorbeikommst“, gab ich zurück.

„Nein danke. Ich bin vollauf zufrieden damit, hierzubleiben.“

„Natürlich. Vielen Dank, dass du extra für mich das Haus verlassen hast, das muss ein großes Opfer gewesen sein.“

Alina schnaubte, und dieses Mal klang es weniger herablassend und mehr stocksauer. „Ich kann dich gerne im nächsten Straßengraben absetzen.“

„Nein danke“, sagte ich schnell. Von da an redete ich kaum noch und ließ stattdessen Alina jede Ecke und Gasse Bukarests kommentieren, als hätte ich noch nie einen Fuß in die Stadt gesetzt. Der nervigste Audioguide der Welt.

Endlich tauchte vor uns die vertraute Silhouette unseres alten Familienhauses auf. Ich warf einen Blick auf die Uhr: die Fahrt hatte nur 15 Minuten gedauert. 15 Minuten, die mindestens doppelt so lang gewesen waren wie die zwei Stunden davor. Wie lang würde dann erst das Wochenende hier werden?

Magdalena Loska, Gespräche in vier Wänden

Wie jeden Mittwochnachmittag, saßen wir zusammen in der Runde und besprachen die kommenden Arbeitsaufgaben für die nächste Woche. Nach Abschluss des Meetings erzählte uns Eran, der Verantwortliche für uns Volontäre, von einem Anruf, den er vor Kurzem erhalten hatte. Ein älterer Mann namens Michael, der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg von Deutschland nach Israel gekommen war, hatte erfahren, dass in unserer Einrichtung jährlich deutsche Volontäre ein freiwilliges Jahr absolvierten. Sehr gerne würde er sich wieder mit jemandem in seiner Muttersprache unterhalten, ein bisschen Computerhilfe könnte er auch gebrauchen. Ich meldete mich sofort. Wo sonst hätte ich die Möglichkeit gehabt, Geschichten von einer Person zu hören, die mir von den 1930-er Jahren in Deutschland, von Flucht und Krieg und von einem Land erzählen konnte, das vor 80 Jahren noch einen anderen Namen trug als heute, und wo dort, wo heute Stadt ist, früher Wüste war? An einem Mittwochabend im November machte ich mich auf den Weg zu unserem ersten Treffen. Michael und Miriam wohnten nicht weit von meiner Wohnung in der Katzenelson entfernt. Die Straße hoch, an der Bushaltestelle vorbei, an der ich so oft am Wochenende saß. Nach Fahrplänen- und Zeiten sucht man hier vergeblich. Stattdessen holt man sich eine Falafel um die Ecke, setzt sich auf die Bank und wartet. Vielleicht kommt man am Abend noch an der Klagemauer in Jerusalem oder auf der Party in Tel Aviv an. An der Haltestelle geradeaus, an schönen Einfamilienhäusern vorbei, die so typisch für Kiryat Tivon sind, erreichte ich das Gartentor von Michael und Miriam. Ich verspürte sofort Sympathie diesem älteren Ehepaar gegenüber, das vor kurzem seinen 70. Hochzeitstag feierte. Sie gehörten zu denjenigen, die zwar fast ihr gesamtes Leben in Israel verbracht hatten, aber sich nie an die Hitze und Trockenheit des Landes gewöhnen konnten, und die eine gewisse Aura von der Eleganz des alten Europa ausstrahlten. Ich fing die Unterhaltung auf Hebräisch an, sie unterbrachen mich in fließendem Deutsch. Ich war überrascht, dass Michael nach all der Zeit seine Muttersprache nicht vergessen hatte und sie so fließend sprach, als wären keine Jahrzehnte und Kriege vergangen. Sogar Miriam und seinen zwei Töchtern hatte er seine Muttersprache beigebracht. Es überraschte mich nicht nur die Tatsache, dass er noch Deutsch sprechen konnte, sondern vielmehr, dass er es wollte. Ich wusste vom Israel des vergangenen Jahrhunderts, auf dessen Straßen die verschiedensten Sprachen Europas zu hören waren. Aber die meisten Menschen dieses Landes, auf der Suche nach einer neuen, gemeinsamen Sprache und Identität, hatten sich schon vor langer Zeit von ihren Muttersprachen und Heimaten verabschiedet, die oftmals an schmerzhafte Erinnerungen geknüpft waren. Vor mir stand jemand, der augenscheinlich weniger Probleme damit hatte als ich, die deutsche Sprache in Israel zu sprechen. Schon nach dem ersten Treffen und dem gemeinsamen Abendessen verspürte ich eine tiefe Verbundenheit den beiden gegenüber. Und somit trafen wir uns jeden Mittwochabend. Michael wurde schnell zu dem Großvater, den ich niemals gehabt hatte. Unsere Treffen hatten einen routinierten Ablauf: Michael und ich gingen in sein Arbeitszimmer, in dem wir vor seinem Computer Platz nahmen. Manchmal stellte er mir Fragen zur Internetnutzung, manchmal schauten wir uns philosophische YouTube-Videos an, aber immer erzählte er. Wenn er den Computer ausmachte und das Abendessen noch nicht fertig war, erzählte er von Krieg, Flucht, dem Ankommen und dann wieder von Krieg. All diese Gespräche fanden in seinem Arbeitszimmer statt, denn wenn er beim Abendessen weiter erzählen wollte, unterbrach ihn Miriam. Sie wollte nichts mehr von Krieg hören, geschweige denn darüber sprechen. Es schien, als hätte sie das Wort „Krieg“ mit all ihren Erinnerungen in eine Schublade gepackt und den dazugehörigen Schlüssel vor allen versteckt. Nicht selten war ich etwas darüber enttäuscht, dass ich das Ende einer Erzählung nicht mehr hören konnte, aber konnte ich es ihr verübeln? Natürlich nicht. Michael kam mit 13 Jahren aus Köln nach Israel (damals noch Palästina), Miriam mit neun aus einem Teil Russlands, dessen Grenzen im Laufe der Zeit verschwammen, und der später zu Rumänien wurde und heute Moldawien ist. Beide verließen noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ihre jeweilige alte Heimat – nicht ahnend, dass weitere Kriege in ihrer neuen Heimat auf sie warten würden. Wenn Michael sprach, schwieg Miriam. Und somit gewöhnten wir uns an, die Tür seines Arbeitszimmers vor Miriam zu verschließen. Er erzählte von seiner Mutter, die psychisch krank geworden war, als sein Vater die Familie verlassen hatte und mit seiner neuen Frau nach Argentinien ausgewandert war. Kurze Zeit später wurde seine Mutter in eine Psychiatrie eingewiesen. Michael konnte sich noch genau an den Tag erinnern, als er mit drei Jahren von den Erziehern des Kölner Kinderheimes abgeholt wurde. Er versteckte sich unter seinem Bett in der Hoffnung, dass man ihn nicht finden würde. Gewaltsam wurde er mit seinem Bruder und seiner Schwester aus dem Haus gezogen und in ein Kinderheim gebracht. Bei einem seiner Besuche in der Psychiatrie, nicht ahnend, dass es der letzte sein würde, nahm seine Mutter ihn bei der Hand und führte ihn zum See. Sie wollte ihn und sich ertränken. In letzter Sekunde wurde eine der Pflegekräfte auf sie aufmerksam. Michael sah seine Mutter nie wieder. Die Patienten dieser Psychiatrie waren mitunter die ersten, die ein paar Jahre später von Nationalsozialisten ermordet wurden. Als Michael 13 Jahre alt war, gewannen er und sein Freund durch ihre guten sportlichen Leistungen ein Ticket nach Israel. Das Kölner Kinderheim, in dem sein Bruder und seine Schwestern blieben, verließ 1942 die Stadt in Richtung Minsk. Als sie ankamen, wartete schon das Erschießungskommando auf sie. Während er mir all das erzählte, zitterten seine großen Hände. Michael hatte Parkinson. In seinen Augen, die sich tief hinter der dicken, orangenen Brille versteckten, sah ich den Schmerz und gleichermaßen das Verlangen danach, seine Geschichte zu erzählen. Mit seinen Kindern und Enkelkindern konnte er all das nicht teilen, denn sie befürchteten, dass sich sein gesundheitlicher Zustand durch seine Reise in die Vergangenheit verschlechtern würde. Während er sprach, blickte ich immer wieder auf das große Schwarzweißbild seiner Geschwister auf der Wand. Ich hörte seiner zittrigen Stimme zu, und gleichzeitig hörte ich immer wieder meine eigene Stimme im Kopf: weine nicht vor ihm. Ich sah mich nicht im Recht, den Tränen freien Lauf zu lassen, die er unterdrückte. Jede Woche erzählte mir Michael ein Kapitel aus dem Buch seines Lebens. Wenn ich nicht vor Ort in Israel war, dann führten wir unsere Gespräche am Telefon weiter. Jeden Mittwochabend. Ein paar Jahre später erkrankte er an schwerer Demenz. In einem Wutanfall, verschuldet durch die Krankheit, riss er das große Schwarzweißbild seiner Geschwister von der Wand. Das letzte Mal, als ich ihn sah, war kurz vor seinem Tod in einem Pflegeheim. Auf der Hinfahrt im Taxi bereitete mich Miriam darauf vor, dass er mich vielleicht nicht erkennen würde. Michael saß in einem Rollstuhl im Garten und blickte auf die Landschaft. Als ich mich zur Begrüßung zu ihm hinunterbeugte, nahm er mein Gesicht in seine zitternden Hände und fragte mich, was ich mir zu meinem Geburtstag nächste Woche wünschte. Natürlich hatte er diesen nicht vergessen. Wir saßen zusammen im Garten und ich versuchte nicht daran zu denken, dass es das letzte Mal sein könnte. Ein paar Wochen später starb Michael friedlich im Schlaf. Und wenn ich an ihn denke, dann sehe ich uns beide in seinem Arbeitszimmer sitzen. Ich spüre seine großen, zittrigen Hände auf meinen, und ich blicke auf das große Schwarzweißbild seiner Geschwister an der Wand.

So geht das Reisen

So geht das Reisen in diesen Zeiten

Der Maulesel bleibt daheim : der Maulkorb

Wird auf dem Bahnsteig angeschnallt

Die Läden flunkern anhaltende

Schlemmerfreuden vor : Seuchenkrieg

& Kriegsseuche finden keinen Platz

Hinter den Schaufenstern : dem Führer

In der Lok gelingt das Kuppeln nicht

Eine zweite Lok wird vorgespannt

Hü hott : auf geht’s ins bekannte

Niemandsland : das fremdelnd einst

ich mein Zuhause nannte  


					

Vom Denken in Geld und dem Glauben an Gott

Getrieben von dem Wunsch, das aktuelle Geschehen zu verstehen, es in einen größeren zeitlichen und historischen Kontext einordnen zu können, schreibe ich diese Zeilen in den Schluchten des Balkans, genauer: in meiner zweiten Heimat Bulgarien, in einer Art Notwehr nieder. Eine Art Notwehr gegen alle Falsch- und Nichtinformationen des Informationskrieges, in dem wir uns nicht erst seit dem angeblichen Krieg gegen Corona befinden. Der räumliche Abstand zu meiner ersten Heimat Deutschland hilft mir dabei, einen kühlen Kopf zu bewahren, meine Gedanken zu ordnen und festzuhalten.

Meine stärkste Assoziation, die bereits bei Beginn der Hygiene-Demos im Frühjahr 2020 in Berlin einsetzte, war die an die Ereignisse des gesamten Jahres 1989 in der DDR. Denn der Protest auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, bei denen ich zugegen war, hatten einige Parallelen mit den Demonstrationen in Leipzig, beispielsweise das rigorose Eingreifen der Polizei gegen bestimmte Plakate und das Hochalten der Verfassung. In Leipzig wurde dieser Job noch von Mitarbeitern der Staatssicherheit in Zivil erledigt.

Der bekannte Ausgang der Proteste in Leipzig, deren Augenzeuge ich ebenfalls war, machte mir Hoffnung, aber nicht nur Hoffnung. Im selben Moment machte er mich auch nachdenklich und vorsichtig. Vor allem deswegen, weil bis heute eine charakterstarke, machtvolle Persönlichkeit wie Michail Gorbatschow fehlt, ohne die eine Wende in der Form, wie wir sie 1989 erlebt haben, nicht möglich gewesen wäre. Ein großer Wandel, ganz bewusst kein „großer Umbruch“, ist trotzdem prinzipiell auch heute möglich, so denke ich, auch wenn gerade nicht nur Deutschland und Europa, sondern die ganze Welt den gesunden Menschenverstand verloren zu haben scheint, was Nietzsche so erklärte:

„Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.“

Eine weitere wichtige Erfahrung, vielleicht besser Lehre, aus dem Jahr 1989 ist, dass es am Ende immer anders kommt, als man denkt. In dem Fall, dass aus „Wir sind das Volk“ „Wir sind ein Volk wurde“. Dazu muss man wissen, dass niemand in der DDR auf die Straße gegangen war, zumindest am Anfang nicht, um sich mit der alten Bundesrepublik zu vereinigen, und schon gar nicht um ihr beizutreten, sondern weil man eine bessere DDR wollte. Aber so ist es wohl immer in der Menschheitsgeschichte, oder zumindest meistens, und vermutlich auch diesmal bei Corona. Am Ende kommt etwas anderes heraus, als man es sich erhofft hat – so oder so. Ich befürchte, dass auch diesmal zum Schluss alles wieder nur „besser“ aber nichts „gut“ wird. Das ist auch ein Grund, der mich in der gegenwärtigen Situation lähmt, und ich vermute nicht nur mich.

Andererseits: Was habe ich zu verlieren? Eine mögliche Impfpflicht, für die ich mich ganz „frei“ entscheiden darf. Einen obligatorischen Grünen Pass, den ich für nicht notwendig erachte. Einschränkungen beim Reisen, mehr Kontrolle und Überwachung und vieles andere mehr …  Meine Arbeit als Taxifahrer habe ich bereits vor zwei Jahren verloren. Auch eine Tätigkeit als Krankenpfleger, in meinem erlernten Beruf, ist für mich demnächst nicht mehr möglich. – So gesehen lohnt es sich schon aufzustehen, auch für mich. Nicht nur manchmal hadere ich deswegen mit mir, jetzt nicht in Berlin auf der Straße zu sein, auf der ich einst viele Jahre mit meinem Taxi zu hause war.

Als in der DDR groß gewordener Mensch glaubte ich, ich gebe es offen zu, lange an die allgemeine und stetige Fortentwicklung der Menschheit im Marxschen Sinne. Die marxistische Dialektik besagt aber auch, dass sich jeder einzelne Mensch weiter einwickeln kann, und das tue ich. Die vielen Jahre auf der Straße, meiner Universität, und die zahlreichen Gespräche mit Fahrgästen und Kollegen haben mir dabei geholfen. Es hat etwas gedauert, aber am Ende habe ich die für mich wahrere Deutung gefunden. Diesmal nicht bei Marx, sondern bei seinem Landsmann und Zeitgenossen Nietzsche:

„Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren oder Stärkeren oder Höheren dar, in der Weise, wie dies heute geglaubt wird. Der ‚Fortschritt’ ist bloß eine moderne Idee, das heißt eine falsche Idee. Der Europäer von heute bleibt in seinem Wert tief unter dem Europäer der Renaissance; Fortentwicklung ist schlechterdings nicht mit irgendwelcher Notwendigkeit Erhöhung, Steigerung, Verstärkung.“

Dass es etwas gedauert hat, die Dinge zu durchschauen, mich zu korrigieren und damit auch annehmen zu können, dass ich lange Zeit falsch gelegen habe, liegt auch am falschen Gebrauch der Sprache, den es ebenfalls nicht erst seit Corona gibt. Corona hat es mit dem Missbrauch der Sprache und seinen ganzen Falschwörtern wie „Covidioten“, Coronaleugner“ und „Impfgegner“, um nur einige zu nennen, nur auf die Spritze, Verzeihung, Spitze getrieben. Und dabei hätte ich als Halbbulgare darauf vorbereitet sein können. Denn wenn, wie in Bulgaren, JA NEIN und NEIN JA bedeuten kann, dann muss LINKS-GRÜN, dem auch ich lange Zeit zugeneigt war, nicht automatisch immer und für alle Zeit LINKS-GRÜN heißen. Der falsche Gebrauch der Sprache kann fatale Folgen für das gesamte Gemeinwesen haben, das meinte zumindest Konfuzius:

„Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so verderben Sitten und Künste. Darum achte man darauf, dass die Worte stimmen.“

Der Missbrauch der Sprache ist DAS Mittel, mit dem uns der Glaube an den Fortschritt verkauft wird. Denn verkauft und gekauft werden muss, am besten jeden Tag ein neuer Glaube, eine neue Wahrheit, obwohl es unter der Sonne kaum etwas Neues gibt. Um wirklich etwas Neues zu erfahren, schaut man am besten in Bücher – je älter, desto besser. Aber selbst das ist keine Garantie, wie ich kürzlich erfahren musste, als ich den berühmten Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ des bekannten tschechischen Autors Milan Kundera aus dem Jahr 1984 erneut in die Hand nahm.

Er beginnt folgendermaßen: „Die Ewige Wiederkehr ist ein geheimnisvoller Gedanke, und Nietzsche hat damit manchen Philosophen in Verlegenheit gebracht: alles wird sich irgendwann so wiederholen, wie man es schon einmal erlebt hat, und auch diese Wiederholung wird sich unendlich wiederholen! Was besagt dieser widersinnige Mythos?“ – Fast möchte man fragen: Was besagt diese widersinnige Frage? Und zwar deswegen, weil mit der Ewigen Widerkehr, auf die schon andere Philosophen vor Nietzsche gekommen waren, eine Idee, ein Schema gemeint ist, und eben nicht: „alles wird sich irgendwann so wiederholen, wie man es schon einmal erlebt hat, … .“

Wie nun diese Idee, dieses Schema aussieht, beziehungsweise aussehen könnte, darauf bin ich ausgerechnet in Orwells „1984“ gestoßen, das den meisten wegen seinem „Big Brother“, dem „Ministerium für Wahrheit“, der „Gedankenpolizei“ und dem „Neusprech“ bekannt ist. Genau genommen ist es auch nicht Orwells Schema, sondern das von Emmanuel Goldstein, aus dessen Buch „Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus“ Winston seiner Geliebten Julia im zweiten Teil von „1984“ vorliest:

„Von Anbeginn der geschichtlichen Überlieferung und wahrscheinlich seit dem Ende des Steinzeitalters gab es auf der Welt drei Arten von Menschen: die Oberen, die Mittleren und die Unteren. Sie waren auf vielerlei Weise untergliedert, trugen verschiedenartige Namen, und sowohl ihr Verhältniszahl wie ihre Einstellung zueinander änderte sich von Epoche zu Epoche: doch die Grundstruktur der Gesellschaft hat sich nie gewandelt. Selbst nach ungeheuren Umwälzungen und scheinbar unwiderruflichen Veränderungen stellte sich stets das gleiche Muster wieder her, genauso wie ein Gyroskop sich immer wieder aufrichtet, wie sehr man es auch aus dem Gleichgewicht bringt.

Die Ziele dieser drei Gruppen sind unvereinbar. Das Ziel der Oberen ist es, dort zu bleiben, wo sie sind. Das Ziel der Mittleren, mit den Oberen den Platz zu tauschen. Das Ziel der Unteren, sofern sie überhaupt eines haben – denn es ist ein bleibendes Charakteristikum der Unteren, dass sie von der Plackerei zu ausgelaugt sind, um öfters als nur sporadisch etwas Interesse zu zeigen, das außerhalb ihres Alltagslebens liegt –, ist es, alle Unterschiede abzuschaffen und eine Gesellschaft zu errichten, in der alle Menschen gleich sein sollen. Und so wiederholt sich durch die ganze Geschichte ein in seinen Grundzügen immer gleicher Kampf.

Über lange Zeiträume scheinen die Oberen ungefährdet an der Macht zu sein, doch früher oder später kommt der Augenblick, in dem sie entweder ihr Selbstvertrauen verlieren oder die Fähigkeit, wirksam zu regieren, oder beides. Sie werden dann von den Mittleren gestürzt, die die Unteren dadurch auf ihre Seite ziehen, dass sie ihnen vorspiegeln, für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. Sobald die Mittleren ihr Ziel erreicht haben, stoßen sie die Unteren wieder in ihre alte Knechtschaft zurück und werden selber zu den Oberen. Schon bald spaltet sich von einer der beiden anderen Gruppen oder von beiden eine neue Mittelgruppe ab, und der Kampf beginnt von Neuem.“

Was mich so sicher macht, auf der richtigen Spur zu sein, möglicherweise das richtige Schema auch für das aktuellen Geschehen gefunden zu haben, das nicht wenige mit der Erfindung des Geldes und des Zinses in Verbindung bringen, ist mein Eindruck, dass „Es geht um Leben und Tod“ Lauterbach möglicherweise gerade dabei ist, wie beschrieben entweder sein Selbstvertrauen zu verlieren oder die Fähigkeit, wirksam zu regieren, oder beides, so sehr verstrickt er sich in Widersprüche. Möglicherweise dienen diese Widersprüche, wenngleich vom sich Widersprechenden angeblich beliebtesten Politiker unseres Landes unbeabsichtigt, aber auch einem anderen Ziel, und zwar dem des „kontrollierten Wahnsinns“, wie Emmanuel Goldstein alias George Orwell es nennt:

„Soll die Gleichheit der Menschen für immer verhindert werden – sollen die Oberen, wie wir sie genannt haben, ihre Stellung dauerhaft behaupten -, dann muss der vorherrschende Geisteszustand kontrollierter Wahnsinn sein.“

Vielleicht denkt man aber auch schon an die Zeit nach Corona und nach Karl Lauterbach. Klaus Schwab geht in seinem Buch „Covid-19: Der große Umbruch“ davon aus, „dass uns die Pandemie zwei Jahre erhalten bleibt.“ Er beruft sich dabei auf Experten, er selbst ist ja keiner. Danach, also ziemlich bald, könnte ein neuer Virus und mit ihm ein neuer „Gesundheitsminister“ kommen, oder ganz und gar ein neuer Krieg. Diesmal nicht gegen einen winzig kleinen Mikroorganismus, sondern gegen das größte Land, obwohl dessen Einwohner  möglicherweise gar keinen Krieg wollen. Zumindest stellte dies ein bekannter Pop-Song in den Achtzigern noch in Frage: „Denkst du, die Russen wollen Krieg?“

Bis es so weit ist, sei rasch noch ein weiteres Phänomen erwähnt, das von Emmanuel Goldstein in Orwells „1984“ wie folgt beschrieben wird, das es bereits in der DDR gab, und das aktuell auch wieder aufgetaucht ist. Es wird als „Delstop“ bezeichnet, im englischen Original heißt es „Crimestop“, die deutsche Umschreibung für das Phänomen ist „schützende Dummheit“:

„Delstop bezeichnet die Fähigkeit, geradezu instinktiv auf der Schwelle jedes riskanten Gedankens haltzumachen. Es schließt die Gabe ein, Analogien nicht zu begreifen, logische Fehler zu übersehen, die simpelsten Argumente mißzuverstehen, wenn sie dem gängigen Narrativ widersprechen*, und von jedem Gedankengang, der in eine ketzerische Richtung führen könnte, gelangweilt und abgestoßen zu werden. Kurz gesagt, Delstop bedeutet schützende Dummheit.“ (* im Original: „Engsoz-feindlich sind“)

Dass das gängige Narrativ aktuell von vielen nicht mehr in Frage gestellt wird, liegt auch daran, dass bereits das Hinterfragen nicht ganz ungefährlich ist. Im Normalfall wird es „nur“ mit sozialer Ausgrenzung geahndet, im dümmeren Fall mit einer Geldstrafe belegt. Der Grund dafür ist, dass aus der Wissenschaft von einst, also aus Rede und Gegenrede, aus These, Gegenthese und Synthese, DIE Wissenschaft geworden ist, eine Art orthodoxer Glauben einer Sekte, den „Zeugen Coronas“, in der Abwägung und Verhältnismäßigkeit unbekannt, Zweifel verboten und Zweifler Aussätzige sind. Von einem gläubigen Sektenmitglied wird ziemlich genau das erwartet, was in Orwells „1984“ von einem Parteimitglied verlangt wird:

„Von einem Parteimitglied wird nicht nur verlangt, dass es die richtigen Ansichten, sondern auch, dass es die richtigen Instinkte hat. Viele der ihm abgeforderten Überzeugungen und Verhaltensweisen werden nie direkt formuliert und können auch nicht formuliert werden, ohne die dem gängigen Narrativ* innenwohnenden Widersprüche aufzudecken. Ist das Parteimitglied von Natur aus orthodox (in Neusprech: ein Gutdenker), dann wird es in allen Lebenslagen ohne Nachdenken wissen, was der richtige Glaube oder die erwünschte Emotion ist.“ (* im Original: „Engsoz“)

Worum es im aktuellen Glaubenskrieg geht, das erklärt folgendes Zitat aus Harald Walachs „Brücken zwischen Psychotherapie und Spiritualität“: „A Catholic knows he is a Catholic. A Muslim knows he is a Mulim. A Jew knows he is a Jew, and a Hindu knows he is a Hindu. Only a materialist doesn’t know he is a materialist. He thinks he is a scientist.“ – Im gegenwärtigen Glaubenskrieg geht es nicht um DEN einen Gott, auch nicht um DIE Wissenschaft, und auch nicht einfach um Besitzstandswahrung, sondern um die Erweiterung des Besitzes an Gut und Geld. Geld, von dem Super-Reiche beispielsweise gerade im großen Stil Land kaufen, ähnlich wie der weiße Mann bei der Besiedlung Amerikas für eine Handvoll Dollar vom „Native American“, dem Indianer, Land kaufte, der gar nicht verstand, wie er etwas verkaufen kann, das ihm nicht gehört.

Mit Glaubenskriegen kennen wir Deutsche uns aus, der bekannteste Glaubenskrieg hierzulande war die Reformation. Sie nahm ihren Ausgang am Ablass, genauer am Ablasshandel, mit dessen Einnahmen der Petersdom zu Rom errichtet wurde. Der Ablass von heute ist die Impfung. Wer sie über sich ergehen lässt, dem wird ewiges Leben versprochen. Derjenige, der sich dagegen entscheidet, ist des Todes, eine Gefahr für die Volksgesundheit, ein Gefährder, ein Ketzer, ein Ungläubiger, praktisch ein Untermensch und so gut wie tot. Wofür die Einnahmen aus dem aktuellen Ablasshandel verwendet werden, kann bisher nur vermutet werden. Möglicherweise für neue, noch perfidere Ablasshändel. Die einmal in Gang gesetzte Spirale ist bereits dabei, sich immer schneller zu drehen, die Abstände zwischen den Impfungen werden immer kürzer.

Der Reformation folgten die Gegenreformation, der Bauernkrieg und später der erwähnte Dreißigjährige Krieg, ein Krieg voller Gräuel. Das ganze währte etwa 150 Jahre. Dem Westfälischen Frieden, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, gingen zweijährige Friedensverhandlungen voraus, so gespalten waren die Kriegsparteien – damals schon. In diesen geschichtlichen Kontexten und auch zeitlichen Dimensionen denke ich mittlerweile, wenn ich an den „Krieg gegen Corona“ denke.

Wallenstein, ein großer Profiteur des Dreißigjährigen Krieges, sagte angesprochen auf die vielen Truppen, die er aufzustellen beabsichtigte, ohne dass er über das dafür notwenige Geld verfügte, sinngemäß, dass der Krieg den Krieg ernähren würde. Und so scheint es mir auch mit diesem Krieg zu sein. Denn auch in diesem Krieg geht es ums Geld. Während weltweit die große Mehrheit der Menschheit immer weiter und schneller verarmt, ist noch nie zuvor eine einzelne Person innerhalb nur eines Jahres um mehr als 100 Milliarden Dollar reicher geworden. Aber nicht nur für Elon Musk ist Corona eine gute Zeit. Die Milliardäre der Welt haben 3,9 Billionen Dollar hinzugewonnen in 2020. Für wen Corona ein einträgliches Geschäft ist, dürfte kaum etwas gegen Corona haben. Vielleicht ginge es mir genauso, wenn ich mit Corona Geld verdienen würde. Da dem nicht so ist, stellt sich mir diese Frage nicht, muss ich sie nicht beantworten.

Ich führe auch keinen Krieg. Ich halte es mit Corona wie Muhamed Ali es mit dem Vietnamesen gehalten hat. Der habe ihm nichts getan, weswegen er nicht einsah, gegen ihn in den Krieg zu ziehen. Ali ging damals ins Gefängnis dafür, dass er nicht gegen den Vietnamesen kämpfen wollte. Heute gibt es bisher „nur“ Geldstrafen, die einen aber schnell in den finanziellen Ruin treiben können, wenn man sich nicht, so wie Ali, fürs Gefängnis entscheidet. Mit Zeitangaben, sowohl was einen Gefängnisaufenthalt, als auch den „Krieg gegen Corona“ angeht, tue ich mich schwer, was daran liegt, dass unsere Zeit schnelllebiger ist als noch zu Luthers, Müntzers und Wallensteins Zeiten.

Nachdem ich vor vielen Jahren, damals aus eigener Dummheit, ich saß im verkehrten Bus, der ins Grenzgebiet zu Griechenland fuhr, die Bekanntschaft mit einem Gefängnis in Bulgarien gemacht habe, ganz genau waren es drei verschiedene Gefängnisse gewesen, kann ich dazu mit Bestimmtheit sagen, dass mich nichts dorthin zurückzieht. Andererseits ist es für mich mittlerweile zu einer Frage der Ehre und auch der Würde geworden, mich in dem derzeitigen Krieg zu positionieren, den man mir Tag für Tag aufs Neue aufzwingt, weswegen man auch hier von Notwehr sprechen kann.

Aktuell liegt wie gesagt ein Krieg gegen Russland in der Luft, wobei hier in Bulgarien der Westen von nicht wenigen als Kriegstreiber wahrgenommen wird. Praktisch so wie früher von Linken im Westen, jetzt wohl eher linken Linken, die in Personen wie Bush, Blair und auch Obama noch Kriegstreiber sahen, wohingegen Biden und auch Gates heute ihre Freunde zu sein scheinen, möglicherweise auch Schwab. Wahrscheinlich glauben die „Linken“ von heute wirklich, dass dieselben Herrschaften, die viele Jahre am Mitverursachen des Klimawandels gutes Geld verdient haben, jetzt ernsthaft mit einem „Green Deal“ die Welt retten wollen. Ganz abgesehen von den Akteuren denke ich, dass man mit der Natur, also mit Gott, grundsätzlich nicht dealt.

Wahrheiten erkennt man nicht daran, dass sie einem gefallen, sondern daran, dass sie wahr sind, genauer: wahrer als andere Wahrheiten. Ein möglicherweise bevorstehender Ablenkungs-Krieg gegen Russland ist eine solche tiefere, wahrere Wahrheit. Und auch, dass ein Bürgerkrieg in manchen Ländern des Westens offenbar bereits begonnen hat, angesichts der sich täglich wiederholenden Auseinandersetzungen auf den dortigen Straßen, beispielsweise Brüssels. Bei beiden Kriegen geht es vor allem um Geld und Gut, auch wenn dies nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Mit einer Impfung kann man viel Geld verdienen, mit einer Impfpflicht mehr, mit einer Dauer-Impfpflicht, einem Impf-Abonnement, noch mehr. Billiges Gas aus Russland ist war gut, selbst die Vorkommen zu kontrollieren oder auch nur sein eigenes Gas zu verkaufen, ist besser.

Das Denken, Urteilen und Beurteilen in Geld ist tief in unser Bewusstsein und Unterbewusstsein eingedrungen. Oskar Wilde beschrieb das Phänomen so: „Heutzutage kennen die Leute von allem den Preis und von nichts den Wert.“

Wohin dieses Denken führen kann, dafür habe ich eine Erklärung in einem Buch gefunden, das als Gesamtwerk erstmals 1922 erschien, also vor genau 100 Jahren. Die Rede ist von Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Das „Schwergewicht“ endet überraschenderweise mit dem Kapitel „Endkampf zwischen Geld und Politik; Sieg des Blutes“. Auch wenn der Schluss insgesamt etwas kryptisch und apokalyptisch klingt, in gewisser Weise erinnert es an die „Offenbarung“, möchte ich ein paar Gedanken aus dem Buch wiedergeben und einige Sätze aus ihm zitieren:

„Die Banken und damit die Börsen haben sich … zur eigenen Macht entwickelt und sie wollen, wie das Geld in allen Zeiten, die einzige Macht sein. Das uralte Ringen zwischen erzeugender und erobernder Wirtschaft (nach Spengler ‚zugleich ein Ringen zwischen Geld und Recht’) erhebt sich zu einem Riesenkampf der Geister, der auf dem Boden der Weltstädte ausgefochten wird. Es ist der Verzweiflungskampf des technischen Denkens gegenüber dem Denken in Geld.“ … „Die Diktatur des Geldes schreitet vor und nähert sich einem natürlichen Höhepunkt …“ … „Der letzte Kampf beginnt, … : der zwischen Geld und Blut.“ … „Das Schwert siegt über das Geld …“. – So weit aus dem zweiten Teil des den fünften und letzten Kapitels vom „Untergang des Abendlandes“, der den Titel „Die Maschine“ trägt.

Was Spengler mit „Denken in Geld“ genau meint, beschreibt er im vorherigen ersten Teil des fünften Kapitels mit dem Titel „Das Geld“ so: „ … an Stelle des Denkens in Gütern tritt das Denken in Geld“, was bedeutet: „Das Wirtschaftsbild wird ausschließlich auf Quantitäten zurückgeführt, unter Absehen von der Qualität, die gerade das wesentliche Merkmal des Gutes ist.“ Was dazu führt, dass: „Wer dieses Denken beherrscht, ist Meister des Geldes. Die Entwicklung geht in allen Kulturen diesen Weg. Lysias stellte in seiner Rede gegen die Getreidehändler fest, dass die Spekulanten im Piräus manchmal das Gerücht verbreiteten, eine Getreideflotte sei gescheitert oder ein Krieg ausgebrochen, um eine einträgliche Panik (sic!) hervorzurufen.“

Spengler führt weitere Beispiele der Menschheitsgeschichte an, unter anderem wie der Finanzverwalter Alexander des Großen für Ägypten mit einer durch Buchkäufe verursachten Hungersnot einen „ungeheurer Gewinn“ erzielen konnte. Eine „einträgliche Panik“, wenngleich nur für einige wenige, die meisten hungerten oder verhungerten einfach, gab es also damals schon, und möglicherweise ist sie nichts anderes als Orwells „kontrollierter Wahnsinn“ oder hat zumindest Parallelen mit ihm.

All dies führt Spengler in „Der Untergang des Abendlandes“ am Ende des vierten Kapitels „Der Staat“ zu folgender Feststellung: „Durch das Geld vernichtet die Demokratie sich selbst, nachdem das Geld den Geist vernichtet hat.“

In dem Zusammenhang fällt mir ein Traum ein, den ich neulich hatte, und dessen Hauptakteure bewaffnete Guerilla-Kämpfer waren. Dazu muss man wissen, dass die Guerilla früher zu den Guten gehörte, beispielsweise ein Che Guevara, und das nicht nur bei den Linken. Viele kennen heute nur noch das Guerilla-Marketing, wofür mitunter ein bekanntes Guevara-Foto herhalten muss, das aber mit der Guerilla von einst und ihrem Befreiungskampf nichts zu tun hat. In meinem Traum gibt es noch die gute alte Guerilla à la Che & Robin Hood, und sie dringt dort in das Schlafzimmer von Mark Zuckerberg ein. Oder war es das von Klaus Schwab? Am Ende ist es egal. Man lässt Mark, oder wegen mir auch Klaus, fünf Minuten Zeit seine Sachen zu packen. Offensichtlich soll er irgendwohin verbracht werden. Wohin ist unklar, spielt in dem Zusammenhang auch keine Rolle. Man will ihm jedenfalls nicht ans Leder, es fließt kein Blut, und man hat auch keine Spritze dabei. Irritierend für mich an dem Traum ist, dass Mark beziehungsweise Klaus gar nicht erstaunt sind, sondern im Gegenteil so tun, als hätten sie irgendwie damit gerechnet. Denn sie sagen beide unisono etwas wie: „Ich wusste, dass es irgendwann so kommen würde – am Ende war ja alles nur geklaut.“

Nachdem, geht es nach Spengler, das Schwert über das Geld gesiegt hat, bleibt noch die Frage nach dem Glauben, oder wie Goethe es im „Faust“ formuliert hat: „Wie hältst du’s mit der Religion?“. Ausgerechnet bei Michel Houellebecq findet sich eine Antwort, die sich wiederum auf Nietzsche bezieht, von dem der französische „Skandalautor“ alles andere als ein Fan ist, eher das Gegenteil. Umso ernster sollte man möglicherweise Houellebecq an dieser Stelle nehmen, wenn er sagt:

„..  dass Nietzsche, wenn er heute lebte, vielleicht der erste wäre, der eine Erneuerung des Katholizismus wünschen würde. Während er damals hartnäckig das Christentum als eine ‚Religion der Schwachen’ bekämpfte, würde er heute einsehen, dass die ganze Kraft Europas in jener ‚Religion der Schwachen’ begründet war, und dass Europa ohne sie verloren ist.“

Einen großen Staat regiert man, wie man kleine Fische brät

Kleine Fische werden unansehnlich, wenn man sie beim Kochen ständig umrührt. Das Volk leidet darunter, wenn man einen großen Staat regiert und ständig die Gesetze ändert. Daher heißt es bei Laozi: „Einen großen Staat regiert man, wie man kleine Fische kocht.“

CRISPR

„Der Weise hat Wissen, aber

er wendet es nicht an.“

Zhuangzi

Warum verwechseln wir das „Sein“ mit dem „Sein des Seienden“, wie der Meisterdenker genau analysiert hat? Und diese Verwechslung dauert nun bereits seit fast zweitausendfünfhundert Jahren an. Wie kam es, dass wir das abendländische Technik-Monster in die Welt gesetzt haben und jetzt sei­ner nicht „Herr“ werden? Jenes Monster, das in Kronos sein ultimatives Dispositiv gefunden hat und seither seine Kinder frisst. Warum fanden wir es angezeigt, das Sein dem Sein des Seienden zu op­fern? Welche Sucht hat da in uns geschlummert und ist grausam erwacht? Uns: das ist der Wille der zunächst kleinen griechisch-römisch-christlichen Weltpopulation zur Welt- und Naturbeherr­schung. Die Welt zu etwas Erklärtem machen. Wille, der Wille zum Wissen als Macht ist. Eine Idee, die ei­nem Angehörigen der indigenen Bevölkerung der San oder der Khoikhoi, aber auch einem Hindu, Buddhis­ten, Daoisten oder christ­lichen Mystiker nie ge­kommen wäre. Wir aber „stellen“ die Welt „fest“, machen sie zu einem Ge­genüber, zu einem Ge­gen-Stand, entkleiden sie ihres Geheimnisses. Es bleibt eine schwer zu er­klärende Tatsache, warum ausgerechnet im griechisch-römischen Kultur­raum die Voraussetzungen der Technik entwickeln wurden und sich von dort aus global verbreite­ten. Unsere legitimen Werkzeuge und Hebel wurden zur Prothetik und zu reproduzierenden Maschi­nen, zur automatisierten Mecha­nik, die sich schließlich digital ver­schönert, die sauber ist. Warum ist das schlimm? Weil jene Pro­thetik und jene Maschinen uns den Weg als Akt stehlen und damit die unmittelbare Sinnhaftigkeit unserer Tuns, die wir zur Erfahrung von Werthaftigkeit brauchen. Ein Tee in der Teezere­monie zu­bereitet ist nicht das Gleiche, wie sich einen Tee aus dem Automaten zu ziehen oder Wasser über ei­nen Auf­gussbeutel zu gießen. Unsere Alltags-Akte sollen dem Tag Farbe schenken, das Zeit-Kontinuum der Dauer eröffnen. Aber wir fürchten die Dauer als mögliches „Welten“ der Welt. Das „Welten“ der Welt wollen wir unter Kontrolle bringen und natürlich da zu­erst, wo es uns am gefährlichsten ist: Im eige­nen Körper. Der Körper muss ein Modell des Wissens werden, d.h. artifiziell. Wir züchten Or­gane nach, bauen Kontrollfunktionen ein. Blutdruck, Herz­leistung, Verbrauch von Kohlehydra­ten, Schritthäufigkeit usw. überwachen wir mittels Smart-Watch, also mit Kronos in digi­taler und erweiterter Gestalt, wir implantieren Chips. Normal wartet die Natur, der Körper sich selbst. Aber durch unsere technischen Eingriffe entsteht künstliche War­tungsnotwendigkeit und damit Wartungsabhän­gigkeit. Wer gewährt die kostenreiche Wartung unse­rer Prothe­sen und Chips, wer bezahlt sie, und ist das medizinische Personal verfügbar? Zunächst be­ruhigt uns die Kontrollmög­lichkeit des schwer berechenbaren Körperdings. Kontrolle allein ge­nügt jedoch nicht mehr. Wir müssen mittels synthetischer Biologie uns in das körpereigene Programm al­ler Wesen, ins Genom, einschleusen und dieses umschreiben, um das uns ge­nehme, nicht störende Ziel zu erreichen. Jetzt gibt unser Geist, der ein Geist der Flickschusterei ist, der Natur das Ziel vor. Macht sich zum Herrn. Das nen­nen wir die CRISPR/Cas-Methode (Cluste­red Regularly Interspaced Short Palindro­mic Repeats). Wir dürfen den natürlichen Vorgängen keinen un­gewissen Ausgang mehr erlauben. Erhofftes Ziel ist totale Kon­trolle und Manipulation.

Die Wissenschaft hat noch nie ein „Naturgesetz“ entdeckt, sondern nur, was die Natur als Echolalie auf unsere Fra­gen und Anwendungen liefert. Die Natur ist Chaos und Unschärfe, ist dionysisch, ge­waltsam, ist Schönheit innerhalb einer uns sich entziehenden Ordnung. Darum wollen wir ihr nur erlauben, das zu machen, was wir innerhalb dieser Echo­lalie nachvollziehen können. Darum müssen wir die Genome aller Lebewesen umschrei­ben. Nur so gelangen wir zu un­gestörtem anhaltenden Komfort. Zur er­eignislosen Faulheit.

Technik und Wissenschaft sollten zu Dienern werden, unsere elementaren Lebensvollzüge erleich­tern. Aber das Verhältnis hat sich umgekehrt. Jetzt dienen wir unseren Vorrichtungen. Dabei ist die Technik als Techné, als Handwerk und Fertigkeit, als analoge nicht automatisierte Unterstüt­zung manueller Vorgänge, eine der menschlichen Geistesverfassung eigene Qualität und Hilfe. Aber als wir Gott und Schöpfung trennten, in die Einheit Gottes ein dualistisches Prinzip einfügten, ent­stand die Panpho­bie und wir versuchten fortan, des Pan Herr zu werden. Tierquälerei zu Forschungszwe­cken, Mas­sentierhaltung, Lebensraum-Zerstörung, Transhumanismus und künstliche Intelligenz, und das im großen Stil, sind die logi­schen Folgen und zeigen die vollendete Umkehrung des Herr­schaftsverhältnisses zwi­schen Mensch und Maschine. „Künstliche Intelligenz“ ist eine dem Tech­nik-Programm inhär­ente Falschmünze­rei, und zeigt, dass wir nicht wissen, was echte Intelli­genz ist. „Künstliche Intellig­enz“ ist in Wahrheit ein hochprimitives auf Kybernetik beruhendes kausales Schaltprinzip. Dumm wie, ja dümmer als Bohnenstroh. Was und wofür forschen wir? Ist Forschung noch ein Ge­bot der Vernunft und der Freiheit oder dient sie seit langem nur der Durch­setzung unse­rer kapital-kumulier­enden Pro­jekte?

Wer wollte leugnen, dass unser Gegenstandsbewußtsein von Welt, das uns das Sezieren, Verdrahten, Digitalisieren, Neuzüchten, Clonen ermöglicht, uns nicht große Schritte in Medizin, Mobilität und Produktion hat machen lassen. Nur Schritte wohin? Sicherheit und Gesundheit sind nicht mehr die Abwesenheit von Krankheit oder Verbrechen, sondern sind abso­lute Werte geworden. Als solche funktionieren sie als andauernde fiktionale Nähe. Unser immerwäh­rendes Gegenüber ist die Angst. Die Panphobie hat eine Wand­lung durchgemacht. Da die Welt „gestellt“ ist, die Angst aber nicht aus der Welt ist, was sie nur durch vertrauensbildende Maßnah­men wäre, durch Feier und Fest, durch Nähe und Teilhabe, ist sie zum dauerhaften, abstrakten Agens geworden. Unser Bewältigungsmec­hanismus, die Technik, er­schafft uns die Illusion von Si­cherheit. Im Hintergrund streiten sich zwei Zeiten: die Zeit des Voll­zugs und die Zeit der Schaltun­gen, oder die erfüllte und die leere Zeit. Die leere Zeit verschlingt den Raum, verhindert, dass die Zeit des Vollzugs Wirk­lichkeit wird. So he­cheln wir ständig jedwe­der Neuerung hinterher als eines Versprechens der Verortung. Allein, es ist nur eine Geschwindig­keitssteigerung, ein Wahn.

Die Technik ist eine Herrschaftsmetapher. Mittels der Geräte, der Dispositive, bin ich Teilhaber die­ser Herrschaft. Wir fühlen uns von dieser Teilhabe ausgeschlossen und bekommen Panik, wenn un­ser Smart-Phone, unser PC oder unser Auto nicht mehr funktioniert. Die Communio der Herrschaft hingegen macht uns lüstern, feuert uns an, macht uns gierig. Vor den Artefakten einer innovativen Technik machen wir den Kniefall. Gleichzeitig geraten wir stets tiefer in die innere Ver­wahrlosung. Unser sozia­les Leben stirbt und mit ihm unsere sittliche Bildung. Wir leben in der Wertleere, in der Aushöhlung von Erfahrung, im Alles und Nichts. Das ist der Boden, auf dem die Technokratie die Herrschaft antreten kann im Verein mit Szientismus als Wissenschaftsgläubigkeit und Monopolka­pital. Diese drei zu­sammen bilden das böse Triumvirat.

Die Technik hat zur Bedingung der Möglichkeit, wie oben gezeigt, die Welt als Erklärte. Wir müs­sen über die Welt geistige Verfügungsgewalt erlangen, eh wir sie in unsere Installationen und Pro­gramme hineintreiben können. Aber wie wird die Welt zu einer Verfügbaren? Dafür ist unser Ver­hältnis zum Körper entscheidend. Man nehme als Beispiel die weibliche Brust. Wie anders ist unser Ver­hältnis zu ihr als Liebhaber, als Frau, die sich ihrer Schönheit freut, als Säugling, als Arzt. Ein­mal ist sie Zauber, dann Nahrung, dann sim­ples kausal-mechanisches Prinzip. In der Mammografie wird sie Objekt des Wissens. Wir haben die Welt mammografiert. Sie liegt vor unserem kal­tem Blick hin­gestreckt da. Wir sind ihr keinerlei Dank schuldig. Sie ist ihrem Geheimnis entblößt. Ent­blößung ist unser Projekt. Da kommen wir nicht heraus, es sei denn wir bauen neues Ver­trauen auf. Ein tiefes, seinbegründetes: Die Akzeptanz des Schleiers. Was wir anders der Natur, den Tie­ren, den Pflanzen, den Dingen antun, tun wir uns selbst an. Die Einheit Gottes, des Seins, mit der Welt ist aufgekündigt zu­gunsten einer für unsere Greifwerkzeuge totalen Verfüg­barkeit. Aber jetzt, nach so vielen Jahrhun­derten, schlägt das System zurück. Wir selbst sind Teil der Verfügungs­masse gewor­den. Unsere Körper gehören uns nicht mehr. Der Organhandel floriert, Impfzwang und Totalüberw­achung sind die Folgen der in unser kleines Ein-mal-eins verfrachteten Schöpfung. Kein Gott spricht mehr darin. Aus Pan-Phobie ist Pan-Optik geworden. Bleibt die Fra­ge, wer ist hier Überwa­cher und wer Über­wachter. Die Natur zu erklären durch eine angebliche Entschlüsselung eines ebenso angeblichen Codes, ohne zu merken, dass es sich hier um unsere arg be­schränkten und sim­plifizierenden Be­schreibungswerkzeuge handelt, ist eine spezielle Art von Dumm­heit, Dumm­heit als Hybris und Ma­chenschaft.

Geben wir es zu, wir wissen, dass etwas falsch läuft. Allein, wir wissen nicht was. Probleme mit dem Kli­ma, mit den Ressourcen stoßen uns mit der Nase drauf. Es hat vor fast zweitausendfünfhun­dert Jahren begonnen, als wir uns kraft unseres Willens zur Macht entschieden, das Sein mit dem Sein des Seienden zu verwech­seln, woraufhin sich die abendländische Installati­onswut Bahn brach. Das ist der griechisch-römische Sonderweg, der das politische Christen­tum als Blau­pause benutzte. Zur technischen In­stallation gesellten sich Bildung und Erziehung. Der Seins-, der Götter-, der Got­tesbezug musste nicht mehr bemüht werden. Die klare Zwei­teilung von Gott und Schöpfung öffne­te, wenn Gott erst abgetan war, Tür und Tor. Darin konnten wir nach Herzens­lust operieren, sezie­ren, installieren. Schöpfung musste nur noch Natur und Wis­senschaft Naturwis­senschaft werden. Warum würde sich bei uns ein Angehöriger der indigenen Bevölkerung der San oder der Khoikhoi nicht wohl­fühlen? Er würde denken, er sei in der Hölle. Keine Feier, kein Fest, kein Op­fer, keine Dank­barkeit, keine Verneigung vor Bruder Tier und Bru­der Pflanze, keine Ehrfurcht vor dem Göttlichen, sondern Zerstörung der Natur, Vereinsamung der Menschen, Quälerei der Tiere, Sinnlosigkeit des Daseins, Verlorensein an die Arbeit, was reziprok ist zu dem Verlorensein ans Geld, an sinnlose Pro­dukte, an Bildung, die nichts als Nutzanwendung für all das oben Genannte ist. Wie könnte ich je­nem Indigenen der Khoikhoi oder der San, wie könnte ich Zhuangzi oder Buddha oder Christus klarmachen, dass wir nicht in der Höl­le sind?

Walter Thümler, März 2022

In der Steilwand

Der Titel des neuen Gedichtbandes von Michael Fruth, ENG. WEIT. HIER. NOCH, könnte die deutsche Lyriklandschaft charakterisieren, in die er ein markantes Wegzeichen einrammt. Der Autor ist bescheidener, nennt das Buch eine „poetische Autobiografie“, und doch ist diese nicht nur subjektiv und singulär, sondern repräsentiert zugleich Gesellschaftlich-Historisches und Allgemein-Menschliches. Der Titel des neuen Gedichtbandes von Michael Fruth, ENG. WEIT. HIER. NOCH, könnte die deutsche Lyriklandschaft charakterisieren, in die er ein markantes Wegzeichen einrammt. Der Autor ist bescheidener, nennt das Buch eine „poetische Autobiografie“, und doch ist diese nicht nur subjektiv und singulär, sondern repräsentiert zugleich Gesellschaftlich-Historisches und Allgemein-Menschliches. Die ersten drei Einsilber des Titels gewinnen durch den Punkt eine Härte und Prägnanz, die auf Existenzielles schließen lässt. Alle vier enthalten jedoch auch so viel Suggestivität, dass sich hinter jedem Definitionskreis neue Horizonte öffnen. Das Fehlen des Punktes nach „NOCH“ verweist auf solche Offenheit. Der Titel ist daher Programm nicht nur im Inhaltlichen, sondern auch bei der Kompositionsweise. Fruth folgt Ezra Pounds bekanntem Diktum „Dichten = condensare“, indem er in diesem Spätwerk Erlebtes auf seine Essenz zurückführt, sprachlich, bildlich, emotionsbezogen, wobei die Narrativität einer Autobiografie auf Blitzlichtaufnahmen einzelner Szenen, Erinnerungen und Eindrücke reduziert wird. „In der Steilwand“ etwa beschreibt die von einem Haus nach der Bombardierung übrig gebliebenen Trümmer: „Darunter ragte ein Rest vom Boden, / aus dessen Kante Stroh hervorkam / und aufgewelltes Stragula, / Platz für ein Paar Schuhe und / einen, der sehr aufrecht steht“. Dieser Schluss verschlägt einem den Atem, wie überhaupt viele der Gedichtabschlüsse an die Wucht der Coda-Couplets von Shakespeare-Sonetten erinnern. Die Angst vor dem Absturz, dem passionierten Bergsteiger Michael Fruth wohlbekannt, erfasst hier das ganze Leben, die ganze Kunst.

Fruth ist in der anglo-amerikanischen Dichtung zu Hause, und seine Verwendung von Freivers und open form lassen einen oft an die amerikanische Tradition seit William Carlos Williams denken. Hierzu gehört die Vorstellung von Dichtung als nicht abschließbarem Prozess. Fruth revidiert seine Texte immer wieder, selbst wenn sie bereits publiziert wurden: seine Internet-Lesung beim Leipziger Literaturverlag wich an vielen Stellen von der gedruckten Fassung ab. Wie um dieses Prinzip zu illustrieren, enthält der vorliegende Band zwei Versionen desselben Gedichts, „Nachfolge“, einmal in knapperer Form im ersten Teil, „ENG.“, im Kontext von Familie, Herkunft, Nachkommen; zum anderen etwas ausführlicher im Schlussteil, „NOCH“, im Kontext von Tod und Vergänglichkeit. Beide Male ist die Platzierung plausibel.

Kindheit, die erste „Station“, beginnt bereits mit der unehelichen Zeugung, die „in alchemistischem Eifer/ einen Fremden mit fremdem Geschick“ schafft, dazu eine schwierige Mutterbeziehung, auch die unausweichliche Vatersuche, einen Fremden, der die Unentschiedenheit der Mutter potenziert, sich „in diese Mischung aus Ja und Nein / in jener nicht mehr jungen Frau“ zwängt. Der Lebensbeginn wird im Titel des ersten Gedichtes „bezeugt“: die Identitätssuche wird zu Thema und Text. Wie Kurt Vonnegut als junger Kriegsgefangener erlebt der Autor als Einjähriger die Bombennacht von Dresden. Mit dem Gedicht „Slaughterhouse“ spielt er auf den großen Anti-Kriegsroman des Amerikaners an. Dessen nivellierender Kommentar zu jedem erzählten Todesfall, „so it goes“, findet hier ein Äquivalent im Takt des Maschinengewehrfeuers der Tiefflieger: „dein Leben und deins ist weniger wert als / dasdasdasdasdas. / Und das“. Auch die kindliche Angst im dunklen Kohlenkeller wird erinnernd lebendig, „Nicht nur, wenn ein besonders / stumpfes Schwarz erscheint / wie neulich abends am Berggrat // im klobigen Karst der Fleck / aus weicher Erde, so sinnlos / weit über höchstem Grün“; sie wird hier aber zugleich in ein Gemälde aus Farben, Alliterationen und Assonanzen sublimiert, wie sie immer wieder in diesem Buch erstehen.

Die epigenetische Forschung hat gezeigt, dass frühkindliche Traumata später nicht etwa Ängstlichkeit, sondern Risikobereitschaft hinterlassen. So mag man schließen, dass Fruths Weg vom Dresdener Feuersturm über das Berlin der Kindheit notwendig in die Abenteuerreisen späterer Jahre geführt hat: ein Jahr auf der Panamericana, jener längsten Straße der Welt, die den amerikanischen Doppelkontinent von Alaska bis Feuerland verbindet, drei Jahre in Indien, wo die Begegnung mit dem Fremden zur Erkundung des fremden Selbst werden sollte, dazu andere Länder, die ihre Erinnerungsspuren hinterlassen. Dies ist das Thema der zweiten Station, „WEIT.“, deren Titelwort verbatim und metaphorisch zu verstehen ist. Bei den Gedichten, die die Erinnerungen an Indien aufgreifen und transformieren, steht nicht der Poona-Aufenthalt des Dichters im Mittelpunkt, sondern die Begegnung mit den Obdachlosen, den Entstellten, den Leichenverbrennungen, aber auch, humorvoll und selbstironisch, mit dem Abjekten, wenn in dem die Yoga-Studien parodierenden Gedicht „Unterweisung“ der Besuch einer Bahnhofstoilette geschildert wird: „wo der Einbein-Stand mit Rückenbeugung / und Spreizknie so lang zu halten ist, / dass man ums Gleichgewicht kämpfend / manchmal den schwebenden Fuß / so hastig senkt, dass beim Auftreten / die stinkende Brühe hochspritzt; / dort wurde für billiges Entgelt / die wahre Achtsamkeit gelehrt“. Das Schockierende, Erschreckende, Furchteinflößende dringt immer wieder aus der Erinnerung herauf – Raub, Tierquälerei, Ungeziefer, aber auch die Schönheit und Unergründlichkeit der gesehenen Landschaften, wie in dem als durchlaufende, einzige Spalte gedruckten, fast interpunktionslosen Gedicht über die „San Andreas Fault bei Point Reyes“. Die formale Raffinesse, zum Beispiel der Verzicht auf Kommata (wie etwa bei William S. Merwin), lässt Ausdruck und Aussage zusammenfließen, wie in der Apokoinu-Konstruktion „Angeblich bewegt man sich / vorwärts und gleichzeitig / wächst irgendein Gegenteil mit / jedem Verlust und Verzicht / läuft eine zweite Zeit / weiter und ab“.

Das Verhältnis von Erleben, Zeit und Erinnerung bestimmt das ganze Buch und somit auch die dritte „Station“, HIER. Es wird zum poetologischen Programm: „Einen Stein werfen / in sandige Zeit ein Netz / in die Trockenheit / dass es hallt oder / knistert und ruht …“. Dieser Teil widmet sich dem Thema des Wurzelschlagens, zum Beispiel dem Ankommen des Autors in Oberbayern, wo er seit langem lebt (in der Nachbarschaft einer Sprache, der er 1980 in den zusammen mit C.-L. Reichert verfassten, großartigen Mundartgedichten von Ois Mindnand ein Denkmal gesetzt hat). HIER. weist immer wieder solche Hinführungen zur eigenen Praxis auf: „Bis der Morgen / die Dinge einzeln / benennt und verkennt“, oder „Worte zu suchen zumindest / für die schnelleren höheren Wolken … und für den Mittelpunkt / einer Leere, bevor er / gerinnt zum Ding / mit Namen“. Die schwebenden Zeilenbrüche verstärken die Spannung zwischen, wie goethesch gesagt wird, Dauer und Wechsel, zwischen Erinnern, Assoziieren und Benennen. Hier, in der bayerischen Landschaft, mischen sich andere Dimensionen ein. So in „Zeitmaße“: „Nichts als / der Takt des Felslebens / ist geblieben, der uns / gelassen übergeht“ – Zeilen, deren Rhythmus die erste Duineser Elegie aufruft: „Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen.“ An die Stelle des Exotisch-Fremden ist hier das Fremd-Vertraute getreten, nicht minder schmerzlich – „Eingedampftes Erleben … / … Es trägt bitter am Versagen und Entsagen“ –, aber im Angesicht des Erhabenen, Zeitlosen und sich dennoch Wandelnden – „Fels lädt Flechten ein wird Nahrung / wird Staub wird Stein“ – wirkt „Dichtung als Ampelschaltung / im Gedankengetöse“ („Bodensatz“) nahezu hilflos, als menschengesetzte, fast vergebliche Ordnung. Zu den kräftigen Naturbildern (Fruth ist auch Maler und hat wundervolle Naturfotografien geschaffen) gesellt sich „Das Leben der Dinge / die sich selbst gehören“: „Ein Hausschuh / die Nase zum / Schnabelschuh gekrümmt“. Auch diese werden zum Übergang, zur Schwellenerfahrung im wörtlichen Sinn: „Wirst dich später / nur erinnern an / die Schwelle mit Schuh / und die Klinke mit Hand“.

Damit sind wir im Übergang zur letzten Station, NOCH, die, wie der Umschlagtext signalisiert, „Nahtod & Sterben“ thematisiert. Nicht nur das Sterben von nahen Angehörigen – „Er schaut von unten / auf mich herab, / drei Finger winken / meiner Hand“, sondern auch das Massensterben am 11. September 2001 oder in Srebrenica, gar im Holocaust, in Fotografien vermittelt. Dabei überlagern sich fremdes und eigenes Erleben, und immer wieder in diesem Buch auch fremde und eigene Texte, wie in „Überlagert“: „Botho Strauß, wie er / Robinson Jeffers hochleben lässt, wie / der / seine Frau vor dem Haus … sitzen / sieht, /die ihren Tod in sich wachsen spürt wie / ein Kind … so sehe / ich / meine Frau in diesem Sommer, wie / sie nacheinander / den Sohn / den Bauch / die Hände / die Zartheit und / den Augenblick abstreift“. Verlusterfahrung und literarische Verlust-Versprachlichung stellen diese Gedichte in eine intertextuelle Reihe, durch die sich der Autor als im Gespräch mit der (nationalen und internationalen) literarischen Tradition befindlich bekennt. „Das Verrückte bei / dieser Zugfahrt durch die Zeit sei, dass sie / stehen bleibt, kaum dass man aufspringt“. Zeit, Raum und Figuren, wie in einem Drama, machen dieses Buch zu einem denkwürdigen Erlebnis.

Michael Fruth: Eng. Weit. Hier. Noch : Gedichte. Leipzig: Leipziger Literaturverlag, 2021. 104 Seiten, 19,95 Euro. ISBN 978-86660-269-4

TONTICS SEGEN DES EXILS

DIE WUNDER DES SPÄTEN SOMMERS

Stevan Tontic, der wohl bedeutendste serbische Dichter der Gegenwart, ist plötzlich verstorben. Er war mein langjähriger Wegbegleiter und Freund. Nein, ich kann keine Lobrede post mortem für liebe Menschen schreiben, denn bei solch einer Rede dringt stets auch ein Fünkchen Eitelkeit der Lebenden durch. Er schrieb über mich und ich schrieb über ihn. Anstelle von in memoriam überliefere ich lieber ein paar Fragmente, die im Laufe der Jahre und Jahrzehnte unseres Lebens aufgeschrieben wurden.

Die Chronisten der Belagerung von Sarajevo vergessen nie, die Tatsache zu erwähnen, dass die Koryphäen dieses schändlichen Attentats auf die Stadt serbische Schriftsteller waren. Da aber das Böse immer eine durchdringendere Stimme hat als das Gute, erwähnen heute nur wenige Menschen jene brillanten serbischen und kroatischen Schriftsteller, die sich dieser wahnsinnigen Plage widersetzten, nur noch wenige erinnern sich an die, die sich gegen den Ruf der Kriegsposaunen und die Perversion des Tötens auflehnten. Solche Leute waren auf allen drei brüderlichen Seiten das Ziel nationaler Verfluchungen, doch sie verteidigten eigentlich die Zivilisation, nämlich civis Sarajevo – die Bevölkerung; sie waren in den entscheidenden Momenten der einzige Beweis dafür, dass die Stadt überleben und fortbestehen kann, denn die Stadt war schon immer ein Ausdruck von Pluralität, Vielfalt und ein Mittelpunkt größter kreativer Potenziale des Menschen. Ihretwegen, dank dieser paar Menschen, dachte ich oft, ließ das westliche Bündnis die im Krieg vorbereitete Teilung des Landes nicht zu, weil gerade sie es waren, die in der Defensive der Zivilisation standen, an der Schwelle, die die Kultur von der Barbarei trennt.

Einer von ihnen ist der Dichter Tontic (Grdanovci, Sanski Most, 1946). Dichter, Prosaautor, Essayist, Redakteur, Anthologist, Übersetzer aus dem Deutschen. Tontic studierte Philosophie und Soziologie in Sarajevo. Anfang 1969 war er für kurze Zeit Chefredakteur der Studentenzeitung Naši dani und später Mitglied der Redaktion der Jugendzeitschrift Lica. Mitte der 1980er Jahre wurde er Chefredakteur der Zeitschrift Život, und am längsten arbeitete er als Redakteur beim Verlag Svjetlost. Den Zeitraum von Mai 1993 bis Ende 2001 verbrachte er im Exil in Deutschland, dann ließ er sich wieder in Sarajevo nieder, wo er heute als freiberuflicher Schriftsteller lebt. So lautete eine kurze und trockene biobibliografische Notiz. Aus ihr geht nichts vom Drama eines in die Literatur hinein wachsenden Lebens hervor, so wie auch die Literatur selbst oft, in Sehnsucht nach der reinen Form, die zahlreichen Nebenarme und Gänge des Lebenslabyrinths übersieht.

Das poetische Werk Stevan Tontics entstand und pulsierte in einem Zeitraum von fast vierzig Jahren, seit Beginn der siebziger Jahre, als sein erstes Buch veröffentlicht wurde, bis heute, wo der Autor sozusagen in voller Schaffenskraft und auf dem Höhepunkt seines kreativen Könnens stand. Zehn Gedichtbände sind nicht viel für vier Jahrzehnte, sieht man es vom Standpunkt moderner Textproduktion aus, aber es geht hier um ein Prinzip der Strenge und eine ihm eigene Ökonomie des Ausdrucks; Tontic reihte sich vom ersten Moment an als ein Priester der Poesie ein, der das Schreiben von Versen als eine spirituelle Erfahrung ersten Ranges betrachtete, und der, wie es der Titel eines seiner frühen Bücher ausdrückt, mit einem Gedicht „lästert und heiligt“.

Diese Heiligsprechung durch Lästerung erinnert uns an den magischen Baudelaire, aber in einer modernen Tonart. In Tontics ersten Büchern dominieren Töne von Zynismus und Ironie, die diese „Wissenschaft der Seele“ prägen und abrunden, diese „lustigen Geschichten“ über die Eitelkeit und Absurdität unseres sterblichen Daseins. Die Poesie trug sich als eine „geheime Korrespondenz“ zwischen Engel und Teufel zu. Seine Verse streben nach Kunstfertigkeit, scheuen aber nicht die Realität. Obwohl er informell zur Gruppe der „Schicksalhaften Jungen“ gehörte, unterschied sich Tontic von den meisten von ihnen durch seine große Gelehrsamkeit und sogar durch seine spezifische „Salon“-Kunstfertigkeit. Er etablierte sich zudem als glänzender Kritiker, Anthologist und Intellektueller, dessen diskursives Engagement seine Poetik und Poesie begleitete und „ergänzte“, die jederzeit bereit war, zu überraschen und zu schockieren. Von Anfang an zog der Autor die Aufmerksamkeit der Literaturkritik auf sich und seine Bücher wurden mit bedeutenden Preisen gekrönt.

Seine poetische Metamorphose erlebte Tontic im Kriegs-Sarajevo, wo er ein Jahr verbrachte. Die Realität des Mangels und die Landschaft der Verwüstung fließen in seine Verse ein, aber sie umreißen noch deutlicher den Glanz des Humanismus, „Glanz und Wunde“, wie der Dichter Veselko Koroman sagen würde. Zu Beginn der Belagerung Sarajevos schrieb Tontic einen Brief an die Stadt Belgrad, und die Worte dieses Briefs klingen noch heute kraftvoll wie ein Psalm: „Unsterbliches Belgrad! Ich flehe dich an, mit den Tränen einer halben Million Einwohner Sarajevos, dass du dich sofort, zu dieser Stunde, entscheidest, die Stadt Sarajevo zu retten. Wenn die Stadt Sarajevo stirbt, liebes Belgrad, dann wird sich die Schlinge des Hasses und Untergangs um dich zusammenziehen“ (Književna rec, Juni 1993). Das kriegerische Belgrad hörte jedoch nicht auf die Stimme Tontics, sondern auf die von Karadžic, Nogo und Crncevic. Deren Scheltrede, serbische Mütter hätten sich an der Niederlage der Serben schuldig gemacht, „weil sie sich äußerst unpatriotisch verhielten und feige ihre Söhne versteckten, da sie nicht bereit waren, sie für das Serbentum in den Tod zu schicken“, kommentierte Tontic, indem er sagte, er bezweifle, dass „jemals irgendwo in der weißen Welt eine solche Anklage aus der Feder eines Dichters kam“.

Mit seinen Nachbarn, vorwiegend Bosniaken, verbrachte er das erste Jahr der Belagerung und schrieb Verse, in denen die Güte triumphiert, in denen der „Akt gefesselter Hände“ verherrlicht wird, die Pracht des Mangels im Angesicht des Todes. Sein ironischer Ton ging verloren und verwandelte sich in eine Art Frömmigkeit und Reue. Im Buch Handschrift aus Sarajevo, sagt Jasmina Lukic, „wird die Stimme desjenigen wahrnehmbar, der nicht damit einverstanden ist, dass er höher oder niedriger taxiert wird, statt ihn als das zu definieren, was er ist: ein Mann, allein, mit einem Namen und nur einem einzigartigen Leben im Chaos des Krieges“. Diese neue „Beschreibung“ der Realität bei Tontic ist auch der Anfang einer Poetik der Verzweiflung und Resignation über die Welt und den Menschen, der, wie der Dichter in einem Gespräch sagte, ein „kosmischer Exzess“ sei, „eine Spezies, die sich selbst zerstört“. Die Erfahrung eines serbischen Dichters in einer Stadt, die unaufhörlich von der serbischen (Para-)Armee mit Granaten beschossen wird, hat jedoch auch eine andere, weniger romantische Seite. Folgendes bezeugt der Dichter über diesen Kreuzigungszustand in seinem essayistischen Text „Kriegs-Antikriegs-Brief“:

„Als mir bald klar wurde, dass diese Hölle, in der wir gelandet sind, andauern würde, und dass auch ich selbst ein ziemlich sicherer Kandidat für den Tod war (so wie jeder Bürger Sarajevos und, wenn Sie erlauben, als Serbe noch ein bisschen sicherer), musste ich in irgendeiner Weise mein Verstummen, meine absolute Hoffnungslosigkeit überwinden. Das heißt – versuchen, über sie Zeugnis abzulegen. Mindestens das, mindestens so viel. Wenigstens, um eine klare menschliche und dichterische Spur zu hinterlassen. Damit jeder – wenn ich nicht mehr unter den Lebenden weile – sehen kann, wie ich mich am ,schrecklichen Ort‘ verhalten habe. Als Mensch oder als menschlicher Lumpen, als Dichter oder als Lobgesang mörderischer Heldentaten. Als Persönlichkeit, die den Kern ihrer Menschlichkeit und ihrer Sprache (doch unzerstörbar!) verteidigte, oder als Verräter an seinen Freunden und an sich selbst, als Verräter am Schönsten in uns. Als ehrlicher und glaubwürdiger Zeuge der Schrecken und dieses ganzen Menschheitsdramas in höllischer Erpressung und Todesbedrohung, oder als Lügner und verkaufte Seele, als letzter propagandistisch verwertbarer Wicht.“

Im belagerten Sarajevo veröffentlichte Tontic im Juni 1992 in der neu aufgelegten Zeitschrift Zemlja einen Artikel mit der Überschrift „Serbe sein“, der Missverständnisse und Zorn bei seinen besten Freunden auslösen und eine bezeichnende Verurteilung des Autors heraufbeschwören sollte. In diesem Text spricht er über Schicksal und Fluch nationaler Zugehörigkeit, tritt aber dafür ein, dass keinerlei Verbrechen auf dem Rücken der Gemeinschaft lasten dürfe. Von seinen Nachbarn als Kollaborateur verdächtigt und von den eigenen Landsleuten zum Verräter erklärt, appelliert er an die Liebe, wohl wissend, dass die Macht der Worte in unruhigen Zeiten nur ein Mittel zur Rettung der eigenen Seele ist. Er sagt in seinem Text, dass die Todsünde und das Versagen der serbischen Politik ein Pakt mit Hochmut und brutaler Gewalt seien, verkörpert durch die Jugoslawische Volksarmee (JNA). Er verurteilt den serbischen Militarismus, analysiert aber auch das Versagen der bosniakischen Politik, erwähnt die Schikanen seiner Landsleute, die in der Stadt geblieben sind und kommt zu dem Schluss: „Ja, es ist wirklich schwierig, ein Serbe zu sein, meine Herren Serben. Erst recht in Sarajevo. Aber es ist immer noch am schwersten, ein Mensch zu sein. Und das ist das Einzige, was Sie tun müssen. Wie sterben. Und jeder Mann – sofern ihm dies vergönnt ist – kann anständig leben und sterben und als – Serbe.“

„Logisch: Ich wurde als Verräter angegriffen und verleumdet, als Diener der muslimischen Regierung in Sarajevo, kein Serbe und dergleichen. Auf der anderen Seite, für die ich eine Art „Dennoch-Serbe“ geblieben war, wurde ich sogar von Freunden als Verteidiger der Cetniks und der Cetnitet (oder Republika Srpska) verleumdet, kein bosnischer Patriot und so weiter. In ähnlicher Weise wurden auch alle anderen (aus allen drei Welten, Völker-Lagern) angegriffen und beschuldigt, die sich nicht als Trompeter des Hasses und Propagandisten des Krieges anheuern ließen; eines Krieges als mächtigstes Mittel der Rassenhygiene, als Mittel der radikalen (in einem Blutmeer) moralischen Wiedergeburt der Nation“, sagt er in dem oben genannten Essay und betont, dass die freiwillige Vertreibung oder das Exil die einzige Rettung sei.

Seine nächste Phase wurde von der Erfahrung des Exils bestimmt, dem „Segen des Exils“, wo sich der Dichter in einer Oase und an einem vor den Schergen sicheren Zufluchtsort seiner Nostalgie und Trauer um die verlorene Geliebte und um die Heimat hingab. Besonders berührend und großartig sind Tontics Liebeselegien, in denen er schreibt, dass er seine Geliebte „von den Schlachtplätzen“ fort trägt, und wehklagt, denn „sie haben mich von Jener getrennt, die ich atme; Todeslieder stottere ich, ohne meinen Himmel und ohne Gestalt“. Im Exil erkannte er, wie unterschiedlich sich die Erfahrungen der Geflüchteten und derjenigen, die in der Heimat geblieben waren, darstellten:

„Ein Mann mit enormer Kriegserfahrung und ein Mann, der den Krieg nicht gekostet hat – sie sind zwei verschiedene Wesen. Wesen, die einander kaum verstehen können, nie voll und ganz und nie bis zum Ende. Das Erlebnis der Kriegsgräuel verändert unsere Grundvorstellungen von der Gesellschaft und vom Menschen, von uns selbst, es stellt das gesamte ,Weltbild‘ auf den Kopf, das in einer Zeit des Friedens und naiver Zukunftsprojektionen errichtet wurde. In der Tollwut eines organisierten, mörderischen, alles zerstörenden Wahnsinns zerfällt all das sofort zu Staub und Asche. Dann gilt es, nicht nur das nackte Leben, sondern auch den Lebenswillen zu bewahren, Geist und Sprache gegen völlige Lähmung und tödliche Hoffnungslosigkeit zu verteidigen. Und das Wichtigste: die eigene Seele nicht an den Teufel zu verkaufen. In absoluter Hoffnungslosigkeit kann man nicht denken und nicht einmal schreiben. Nicht träumen, nicht lieben, nicht singen, nicht atmen.“

Im Exil, dem Paradies seiner Hölle, um mit einer Ujevic-Metapher zu sprechen – ist der Dichter damit konfrontiert, vor einer Wüste zu stehen. Die Welt, die ihm Zuflucht bot, ist nicht seine Welt.

Obwohl er sich als Dichter auch auf Deutsch behauptete, der Sprache seines Exils, wo er eine Reihe bemerkenswerter und von dortigen Kritikern hochgelobter Bücher veröffentlichte sowie mehrere sehr angesehene Literaturauszeichnungen erlangte, träumte er unaufhörlich davon, zu seiner Sprache zurückzukehren, in das Haus seines Kampfes: „Wozu das Leben, wenn ich ein Dichter bin, dem sie die Sprache wegnehmen und vernichten? In der Sprache liegt der Kern, die ganze Kraft und das gesamte Kapital meines zerbrechlichen, noch zu Lebzeiten entwerteten, gleichsam ermordeten Wesens. Und zwar nicht in der Sprache als praktischem Mittel zur Verständigung und Erhaltung der Existenz, sondern in der Sprache als Medium der wahrsten und edelsten, überdies testamentarischen Weisungen und Offenbarungen des Geistes. Der Sprache als bester, sicherster Hüter der gesamten menschlichen Inkarnation in Schönheit, Wahrheit, aber auch im Schrecken des Daseins, als Zeuge jedes bedeutenden Augenblicks aus Leben und Tod, für alle Zeiten.“

So wurde seine Poesie von einer deutschen Zeitung bewertet: „Mag sein, dass diese Strophen auch durch den Kontrast zu der zuvor blutleeren poetischen Umgebung Deutschlands an Durchdringung gewinnen, wo sie wie einsame Felsblöcke wirken, fast unheimlich in ihrer Düsterheit. Darin sind sie der Dichtkunst Paul Celans verwandt, ihrer Tiefe und dunklen Melancholie. Es kommt selten vor, dass uns Gedichte schon beim ersten Lesen im wahrsten Sinne des Wortes erschüttern. Tontic gelingt diese Meisterschaft mit leichter Hand“ (Berliner Morgenpost, 1998).

Ende 2001 verließ Tontic Deutschland nach neun Jahren und ging nach Sarajevo zurück. Diesmal steckte er wie alle Rückkehrer dauerhaft zwischen zwei Welten fest. Unmittelbar nach seiner Rückkehr sagte er mir in einem Interview mit BH Dani, dass er zum Zeitpunkt seiner Abreise nicht geglaubt hatte, jemals wiederzukommen. „Allerdings habe ich nie öffentlich gesagt, dass ich nie zurückkehren würde, weil mir eine solche Aussage etwas unhöflich erschien. Aber in der Stunde, als ich aus dem Höllenkreis herauskam, war ich bereit, nach Grönland oder in die Wüste Gobi zu gehen, nur um Frieden und halbwegs Sicherheit vor zügellosen Landsleuten zu finden – Kriegern, die in den Wahnsinn totaler Verfolgung eingespannt waren und alles niedermetzelten, was nicht auf ,unserer‘ Seite war“. 2014 zog er nach Novi Sad und das war sein letzter irdischer Umzug.

Bei der Nachricht seines Todes erinnerte ich mich an sein Gedicht Grab, das ich hier vollständig wiedergebe:

Auf einem Plateau, bitte

auf einem Plateau,

in klarer Erde,

im geklärten Sternbild.

Im Niemandsland

in klangvoller Leere,

rein von Heimat,

rein von Geschichte.

In Zweiheit mit Jener

die ich liebte

solang ich hier war –

in unerträglicher Freude der Zweisamkeit.

In einem Kristall ohne Namen,

ohne Eigentum.

Zwei Eisberge

in einer Eiskluft

unterm blauen Himmelstuch.

Im klaren Sternenfeuer. Im Abgrund.

Uns gehörend. Ganz bei uns.

Ins Deutsche übersetzt von Cornelia Marks

Bücher von Stevan Tontic im Leipziger Literaturverlag:

wir wollen keine ukraine die kämpft
wir wollen keine toten
wir wollen kein russland das kämpft
wir wollen keine toten

wir wollen keine toten

erst kommen die versteppungen dann die verwüstungen

die spielenden augen der kinder
das gras war schon fort

das zittern in der stimme
kommt von den einschlägen
erklärt er uns
in der stadt wächst die angst


fluchtgedanken nur wenige
wollen bleiben und sterben

es ist ein bisschen wie früher
im winterkrieg
nur dass der schnee langsam taut
die angreifer einmal brüder und schwestern waren

der wald bietet keine
verstecke mehr

sagt er uns und wendet den blick
zu boden
der einmal muttererde hieß
und alle ernährte

wir könnten singen schlägt er uns vor
aber das hilft nicht gegen sterben

und auf einmal singen wir
vom himmel über den kornfeldern
von den kosaken
die ihre mädchen verließen

falken flogen über die dörfer
und schlugen tauben

schöne hinter den bergen hinter dem meer
leuchtet die freiheit
und die augen der kinder spielen weiter
mit dem lange verschwundenen gras

die augen des despoten

gespiegelte landschaften gespiegelte städte
echoräume für die stimmen
der toten

eine liste von namen
keine gräber keine grabsteine

und die augen haben arme
hand
langer

an die strände der vergangenheit
spült sein letzter speichel
den leichengeruch der geschichte

den entkommenen
bleibt einzig die atemlosigkeit

Drehpunkt im endlosen Meer

Nur den Abschied im Blick gehabt,

viel zu lange.

Zeit floss dahin, umfloss den Felsblock mitten im Strom.

Mitte hat keine Ausdehnung. Hätte sie eine, gäbe es die rechte, die linke, die obere, die untere, die vordere und die hintere Mitte.

Der Strom fließt von Pol zu Pol. Brächte man die Pole zusammen, erstürbe Bewegung.

Rasender Stillstand:  erstorbenes Drehmoment einer dimensionslosen Kugel.

Doch Kraft beschleunigt Dinge stets  linear.

Herz umhüllt Mitte, wird zu ihrem Abbild. Es gleicht, ohne selbst zu sein.

Schläge markieren Dauer, erschaffen Umgrenzung.

Grenzland bleibt Drehpunkt im endlosen Meer gleich gültiger Begehrlichkeiten.

die wanderbewegungen des todes

stimmen wandern
und die tiere ihnen voraus

die auf einer bahre getragene
stimme des todes
durch das tor betrat sie die stadt
ging betteln in allen straßen
bis die menschen ihr gaben
alles geld allen reichtum alles glück der welt

aus dem land der löwen
zogen löwenmenschen nach norden
in kalksteinhöhlen in einem kalten land
zu den bären und tigern
den rehen hirschen und eisvögeln
jagten sie den schnee

in die weiche haut des todes
sinken stimmen

Geising

Die Häuschen in der Talsohle

Werden überragt von Gebäuden : die einst

Das Wohnungsbaukombinat Cottbus

Errichtete : Jungpioniere

Aus dem Norden kehren im hohen Süden

Ein : an der Bergscheide des Zinnwalds

Sich paarweise hochziehen

Zu lassen : die Füße im Schnee

Bewaffnet mit Brettern : die Spaß

Bedeuten : von oben hinab

Sausen wir : bis ich dich aus den Augen

Verliere : kleiner roter Punkt

In der Landschaft : der zum Pünktchen

Wird : da sause ich hinterher 

Unten treffen wir uns wieder : um wieder

Von vorn zu beginnen : bis die Fichten

Den Schnee abschütteln wie fleckige

Hunde : unterm Schnee die Kuhweide

Hervorblinzelt : patschig zertreten

Auch das Glitschgeräusch bereitet dir Spaß

Und du bewirfst mich mit Bällen aus Matsch 

Origami

Den Spuren der Faltlinien
ohne Anleitung folgend
öffnest du erneut das Papier

Es braucht keine Worte
ein unbeschriebenes Blatt
zusammengelegte Bilder
im Versuch, etwas zu erschaffen

Der Falz reißt
zum wiederholten Male
den Gedankenfaden

Alberiche sind wir

„Und welche Kräfte gibt es in der Welt, die sich Alberich, unserem Zwerg, in seiner neuen Rolle als eingeschworener Plutokrat widersetzen könnten? Schon bald ist er dabei, die Macht des Goldes auszuüben. Für seinen Gewinn sind Horden seiner Mitmenschen fortan dazu verdammt, über und unter der Erde elendig zu schuften, mit der unsichtbaren Peitsche des Hungers an ihre Arbeit gefesselt. Sie sehen ihn nie, ebenso wenig wie die Opfer unserer „gefährlichen Berufe“ die Aktionäre sehen, deren Macht dennoch überall ist und sie in den Untergang treibt. Gerade der Reichtum, den sie mit ihrer Arbeit schaffen, wird zu einer zusätzlichen Kraft, die sie verarmen lässt; denn so schnell, wie sie ihn schaffen, gleitet er aus ihren Händen in die Hände ihres Herrn und macht ihn mächtiger denn je. Sie können diesen Prozess heute in jedem zivilisierten Land selbst sehen, wo Millionen von Menschen in Not und Krankheit schuften, um mehr Reichtum für unsere Alberichs anzuhäufen, und dabei nichts für sich selbst zurücklegen, außer manchmal schreckliche und qualvolle Krankheiten und der Gewissheit eines vorzeitigen Todes. Dieser ganze Teil der Geschichte ist erschreckend real, erschreckend gegenwärtig, erschreckend modern; und seine Auswirkungen auf unser soziales Leben sind so grässlich und ruinös, dass wir nicht mehr genug vom Glück wissen, um uns daran zu stören. Nur für den Dichter mit seiner Vision von dem, was das Leben sein könnte, sind diese Dinge unerträglich. Wären wir ein Volk von Dichtern, so würden wir ihnen noch vor dem Ende dieses elenden Jahrhunderts ein Ende bereiten. Da wir aber eine Rasse von moralischen Zwergen sind, halten wir sie für höchst respektabel, bequem und anständig und erlauben ihnen, sich zu vermehren und ihr Übel in alle Richtungen zu tragen. Gäbe es keine höhere Macht auf der Welt, die gegen Alberich vorgehen würde, wäre das Ende der Welt die völlige Zerstörung.“

Bernard Shaw, Der perfekte Wagnerianer

Dämmerung

„Wir müssen sterben lernen, und zwar sterben, im vollständigsten Sinne des Wortes; die Furcht vor dem Ende ist der Quell aller Lieblosigkeit, und sie erzeugt sich nur da, wo selbst bereits die Liebe erbleicht. Wie ging es zu, daß diese höchste alles Lebenden dem menschlichen Geschlechte so weit entschwand, daß dieses endlich alles was es tat, einrichtete und gründete nur noch aus Furcht vor dem Ende erfand? Mein Gedicht zeigt es.“

Richard Wagner, Brief an August Röckel, Zürich, 25. Januar 1854

Das Ende der Willkür

Als sich der neue König die Krone aufs Haupt setzte, blickte er mit einem Auge auf die Schar der Diener zu seinen Füßen im Saal, die sich, bis die Nasenspitze den Boden berührte, vor ihm verbeugten. Sein anderes Auge ließ den Blick aus dem Fenster schweifen ins weite Land, das nun sein Reich war. Ohne Grenzen erschien es ihm, ihm ergeben, bis zum Horizont, das Volk eine konturlose, knetbare Masse. Seine Fähigkeit, beide Augen verschieden auszurichten, war bemerkenswert: bei gemeinen Menschen wurde sie verächtlich „Silberblick“ genannt, bei ihm galt sie als Indiz eines schlauen Strategen. Er saß noch nicht lange auf den Thron, war dennoch kein junger König, sein verbliebenes stummelkurzes Haar war schon ergraut. Eine Glatze bedeckte die größte Fläche des Schädels. Er hatte bis zur Abdankung seiner Vorgängerin, der Großen Königin, als Schatzmeister gedient. Berühmt geworden war er durch legendäre Ankauf-Verkauf-Geschäfte: Er kaufte den einen drückende Schulden ab und verkaufte die Schulden meistbietend an Superreiche, die damit ihre Steuerlast mindern konnten. Ein Super­deal des Super-Schatzmeisters der alten, schon etwas schwächlich und kurzsichtig gewordenen Königin. Auf diese Weise konnte er trotz Steuersenkung den Staatsschatz steigern und die Superreichen im Reich behalten. Als er nun endlich den Thron von seiner Vorgängerin erbte, be­merkte er, daß sein geliebtes Volk von einer sozialen Krise geschüttelt wurde: einer gras­sierenden Wohnungslosigkeit. 

Tatsächlich besaßen etwa 100 Familien 100 Millionen Wohnungen, die sie an die Wohnungslosen vermieteten. Weil aber die Zahl der Vermieter auf eine derart überschaubare Größe geschrumpft war, hörte die Konkurrenz auf. Sie buhlten nicht mehr um Mieter, sondern die Mieter standen Schlange, um sich auf eine Wohnung oder auch nur ein Zimmerchen zu bewerben. Die Mieten schossen in die Höhe, überstiegen erst ein Zehntel des durchschnittlichen Monatslohns, dann die Hälfte.  Als die Mieter etwa drei Viertel ihres sauer verdienten Gehalts den von Monat zu Monat gierigeren Vermietern in den Rachen warfen, wurde die Mehrheit der Woh­nungslosen obdachlos. Sie konnte sich die Miete schlicht nicht mehr leisten.

Der neue alte König mit dem bestechend schlauen, einschläfernden Silberblick erinnerte sich an sein einstiges Erfolgsrezept: die Ankauf-Verkauf-Geschäfte. Ich muß nur die richtigen „Anreize“ setzen, sprach er zu sich, dann kommen wir aus der Krise, das garantiere ich. Also bot er allen Vermietern eine Prämie von 50’000 Talern für den Bau einer neuen Wohnung. Zugleich erkannte der raffinierte Fuchs, daß die Konzentration aller Wohnungen in wenigen Händen die eigentliche Ursache des Übels war, und versprach allen Vermietern, die Wohnungen unbewohnbar machten, eine Prämie von 36’000 Talern. 

Wunderbar. Es dauerte nicht lange – genauer gesagt, nicht einmal 24 Stunden nach Erlaß des legendären „Doppelanreiz-Gesetzes“ – bis die ersten Vermieter dem Vorbild ihres weisen, schiefäugigen Königs folgten und die Vorteile des Ankauf-Verkauf-Mo­dells für sich entdeckten: Sie bauten neue Wohnungen und kassierten Prämie 1, ließen sie leerstehen, indem sie die Baupolizei bestachen, die sie aus Brandschutzgründen für unbewohnbar erklärten, und kassierten Prämie 2, und vermieteten sie schließlich inoffiziell als Ferienwohnung zu überteuerten Preisen an Obdachlose, deren Miete der Staat übernahm. Auf diese Weise übertrumpften sie die Doppelanreizstrategie ihres alternden neuen König mit einem dritten Faktor. Die Zahl der Vermieter ging zurück auf die zehn schnellsten, die den dritten Faktor auszunutzen verstanden. Die übrigen 90 ehemaligen Vermieter reihten sich ein in die Masse der Wohnungslosen (damit waren die Menschen gemeint, die keine Eigentumswohnung besaßen, falls es der Leser noch nicht bemerkt hat.)

Die Mieter aber drängelten sich und bildeten endlose Schlangen, um auch in den Genuß einer der inoffiziellen Ferienwohnungen zu gelangen. Da kam dem Bauminister eine glänzende Idee, die er dem König für eine außerordentliche Spende ver­kaufte: Wäre nicht allen gleichermaßen gedient, wenn er per Definition diejenigen, die „nur“ eine Wohnung besaßen kurzerhand zu Wohnungslosen deklarierte, so daß auch sie sich bewerben könnten für die staatlichen Mietzuschüsse?

Ein geniales Modell. Die Verordnung wurde kurz vor Mitternacht erlassen und galt unanfechtbar vom nächsten Morgen an. Die frisch als wohnungslos Deklarierten, die noch eine Wohnung besaßen, durften sich sofort einfügen in die Masse der Wohnungssuchenden. Ihre eigene Wohnung ließen sie „freiwillig“ von der Baupolizei sperren. Die all­mählich versiegenden Steuergelder flossen in die Fördertöpfe und von dort geradenwegs auf die Konten der verbliebenen zehn Vermieter, die das Land noch hatte. Den König packte Ungeduld. Endlich müsse ihn das Volk einmal bejubeln für seine Fernsicht, Weitsicht und Umsicht. Obwohl er glaubte, die grassierende soziale Krise zum Wohle aller gelöst zu haben, versammelte sich das Volk auf der Straße. Nein, es brauchte sich nicht einmal versammeln, es war schon da. Denn die meisten Wohnungslosen waren nun obachlos geworden. Ein Sturm der Entrüstung fegte den König vom Thron.

Oder gar nichts

Aufstapeln, abräumen,

die Sorten trennen

des Windes vor gräulichem Gewölk.

Verbiestert die Korken

schließen nicht mehr

Hälse, voll von Trauer.

Es steigt in fein ziseliertem Kristall

der Ängste leichtes Brausen,

stürzt sich auf niemals vergorenes Mohnfeld,

ausreichend für 60 Generationen.

So ist das, und wenn wir nicht abhängig bestreiten

des Steingartens gärende Schwären,

erreichen euch niemals der Leere Verbünde.

Haltet aus,

nehmt Anteil und säget verwegen

am Ast, eurem Sitz!

Echo auf: Ilja Repins Bild „Unerwartet“

Es ist ein Nachmittag wie jeder andere, die Kinder des Hauses sind im Wohn-Esszimmer und machen ihre Hausaufgaben, die Mutter spielt Klavier und die Großmutter beaufsichtigt die Kinder, die ihre Hausaufgaben machen und nicht spielen, in diesem Moment geht die Tür auf, die beiden Hausmädchen lassen einen Mann herein, die beiden Frauen  befinden sich in einem Zustand der Wachsamkeit, eine Mischung aus Unsicherheit und Zweifel, ob es richtig war, den Mann hereinzulassen. Eine ältere Frau, bei der es sich wahrscheinlich um die Mutter des Mannes handelt, stand auf, um zu sehen, ob der Mann, der plötzlich hereinkam, ihr Sohn war, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Man kann sehen, wie ängstlich sie ihren vermeintlichen Sohn anschaut, man kann sogar erkennen, dass ihre linke Hand zittert. Auf dem Tisch, über die Tischdecke gelehnt, die, so wage ich zu behaupten, die Farben der Flagge der ehemaligen Sowjetunion trägt, steht ein kleines Mädchen, das den Gast mit ängstlichen, verstörten Augen anschaut, es könnte ihr Vater sein, ihr Onkel, ein Mann, den sie vielleicht noch nie in ihrem Leben gesehen hat. Rechts neben dem Mädchen sieht man das begeisterte Gesicht eines Jungen, der ihn im Gegensatz zu dem Mädchen zu kennen scheint, vielleicht aus den Erzählungen seiner Großmutter, Mutter oder Tante oder von einem Foto, das ihm eine von ihnen gezeigt hat. Im Hintergrund ist eine Frau zu sehen, anscheinend jünger als die andere, sie könnte die Frau des Mannes sein, der hereinkommt, oder seine Schwester, sie sieht ein wenig überrascht aus, ja, noch mehr als das, sie gibt uns den Eindruck, als ob sie sich selbst fragt: Was macht er hier? Wie kommt es, dass er so aus dem Nichts auftaucht? Wo war er die ganze Zeit über? Der hagere Mann mit den abgetragenen Stiefeln und dem etwas ramponierten Mantel hat Augen, die vor Erstaunen und scheinbarer Freude funkeln, und dieses Spiel der Blicke setzt sich  bei der älteren Frau fort, die seine Mutter sein könnte. Wir sehen auch einen Mann, der Furcht und Angst zeigt, dem der Stempel des Leidens und der Bewährung ins Gesicht gedrückt wurde.

Milagros de la Matta

Die jüngste Tochter am Tisch

Mama hat gemeint, ich solle jeden Morgen schreiben üben. Sie sagt, es sei wichtig, dass Mädchen Schönschreiben lernen und gut in der Schule sind. Paul diktiert mir immer Geschichten oder Briefe. Ich höre die Tür knarren. Paul springt hoch und schubst mich. Ich schaue böse zu ihm auf, aber er sieht mich gar nicht an. Warum freut er sich so? Ich drehe mich zur Tür. Da steht ein Mann und schaut Mama erschrocken an. Warum macht er so große Augen? Er sieht so alt aus. Und Mama guckt auch so erschrocken. Er sieht aus wie ein Bettler. Was will er bei uns zuhause? Wird Mama ihm Geld geben, wie den Bettlern auf der Straße? Soll ich ihm die neuen Socken geben, die ich gestrickt hab? Mama hat gesagt, wenn ich die fertig gestrickt habe, soll ich mit ihr mitkommen und sie armen Menschen geben. Aber ich bin noch nicht ganz fertig. Wird er froh sein, wenn er die bekommt? Es fehlen noch fünf Reihen. Nein, vielleicht auch nur vier. Warum weint Mama denn?

Anastasia Keller


Die Rückkehr

Ich habe mir ständig eingeredet, dass ich zurückkehre, obwohl ich es gar nicht vorhatte. Jedes Jahr habe ich zu mir selbst gesagt, wenigstens komme ich mal vorbei, um zu sehen, wie sich die Stadt verändert hat.

Zwanzig Jahre sind vergangen, und jetzt bin ich da. Dort, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin.

Ich habe die ganze Welt bereist. Ich war auf allen Kontinenten, außer in der Antarktis. Nach dem Studienabschluss habe ich mich dem Roten Kreuz angeschlossen und die Möglichkeit bekommen, Afrika zu sehen. Das ist etwas, was ich nie vergessen werde. Nicht nur weil die Natur einfach atemberaubend ist, sondern auch weil ich die andere Seite des Lebens in dieser Welt gesehen habe. Und leider ist sie nicht schön. Die andere Seite ist Armut, Not und Leiden. Zuerst konnte ich meinen Augen nicht glauben. Ich konnte einfach nicht begreifen, warum so viele Menschen in solch schrecklichen Verhältnissen wohnen müssen und warum es im 21. Jahrhundert noch Kriege gibt. Ich erinnere mich daran, wie ich Verwundete und Kranke behandelt habe. Ich erinnere mich daran, wie ich verwaisten Kindern Essen gebracht habe. Ich erinnere mich an ihre Augen und daran, wie sie mich gefragt haben, wann ihre Eltern zu ihnen kommen. Und nie konnte ich die Antwort geben. Ich habe es einfach nicht gewagt. Ich weiß nicht, ob sie sich an die russische Krankenschwester mit blonden Haaren noch erinnern, ob ich ihre Herzen berührt habe. Ich weiß aber, dass sie in meinem Herzen geblieben sind. Jedes Mal, wenn ich sündige, indem ich denke, das Leben sei zu schwierig und könnte doch ein bisschen besser sein, verbanne ich diesen Gedanken aus meinem Kopf. Ich habe doch alles bekommen, was ich mir je gewünscht habe.

Nach einigen Jahren in Afrika war ich in Europa. Ich habe die Zeit dort ganz ruhig verbracht. Sowas wie Partys, Bars oder Klubs hat mich eigentlich nie interessiert. Ich habe nie Alkohol getrunken, mich in Räumen, wo es viele Menschen gibt, immer unwohl gefühlt, und die moderne Musik, die alle so toll fanden, hat mir nie gefallen.

Ich war immer eine Außenseiterin, aber das hat mich nie gestört. War ich einsam? Die meiste Zeit. Habe ich darunter gelitten? Nie. Ich habe meine Einsamkeit genossen, ich habe sie geliebt.

„Einsamkeit ist Unabhängigkeit, ich hatte sie mir gewünscht und mir erworben in langen Jahren. Sie war kalt, o ja, sie war aber auch still, wunderbar still und groß wie der kalte stille Raum, in dem die Sterne sich drehen“.

So wurde meine Einsamkeit etwas, worauf ich auf keinen Fall verzichten wollte. Allein bin ich durch ganz Europa gereist, habe viele nette Menschen kennengelernt, gute Bücher gelesen und mir noch einige Sprachen beigebracht. Und ich habe nie aufgehört zu schreiben. Nur Papier konnte mich völlig verstehen und hatte immer Geduld mit mir.

Ich habe immer gedacht, diese Einsamkeit, die ich so geschätzt habe, war nur für mich. Und plötzlich hat es sich herausgestellt, dass man sie mit einem Anderen teilen kann. Die deutsche Sprache hat dafür ein wunderschönes Wort. Es war nicht mehr Einsamkeit, die wir geteilt haben, es war unsere Zweisamkeit. Mit diesem Menschen habe ich meine Reise fortgesetzt. Ich wollte die Welt sehen. Aber ich habe verstanden, dass ich sie nicht mehr allein sehen wollte. Ich wollte alle Eindrücke und Erinnerungen mit diesem einzigen Menschen teilen. Ich wollte, dass meine Notizen und Gedichte von ihm gelesen werden. Ich wollte, dass er mich etwas Neues lernen sieht. Er war für mich mein zweites Ich, eine männliche Version von mir selbst.

Nordamerika und Südamerika waren wunderbar. Ich würde gerne noch mal zurückkehren, und das werde ich tun. Ich muss noch meine Freunde in Australien besuchen. Sie warten schon seit Jahren auf mich.

Aber zuerst muss ich noch etwas erledigen. Man sagt, die Welt habe keine Grenzen, sie habe keinen Anfang und kein Ende. Eine Reise hat aber beides. Das Ende einer Reise ist dort, wo sie begonnen hat. Meine hat im Jahre 2019 im russischen Fernen Osten begonnen, als ich von zuhause weggezogen bin, um in Moskau zu studieren. Ich war erst achtzehn und habe noch nicht geahnt, wieviel auf mich zukommt.

Jetzt ist meine Weltreise zu Ende. Ich bin wieder zu Hause. Doch das Leben geht weiter. Und bevor ich mich auf eine neue Reise begebe, muss ich die einzigen Menschen, die ich mehr liebe als mich selbst, sehen.

Ich öffne die Tür (den Schlüssel habe ich immer noch) und betrete etwas unschlüssig die Wohnung.

„Hallo, Mama, Papa“, sage ich.

„Da bist du ja endlich“, lautet die Antwort…

Nastja Matjasch

Echo auf: Pessoa, Buch der Unruhe (Tagtraum)

„Wie gut tut es der Seele, unter einer stillen hohen Sonne diese strohbeladenen Fuhrwerke, diese noch zu verpackenden Kisten, diese langsamen Passanten eines in die Stadt versetzten Dorfes schweigen zu sehen! Ich selber, der sie vom Fenster des Büros aus anschaut, in dem ich ganz allein bin, bin übersiedelt. Ich bin auf einmal in einer stillen Ortschaft in der Provinz, ich erstarre in einem unbekannten Dörfchen und, weil ich mich anders fühle, bin ich glücklich.“ (Aus dem Portugiesischen übersetzt von Georg Rudolf Lind)

In diesem Café scheint die Atmosphäre angenehm zu sein. Die Frau an der Theke redet freundlich mit einem Kunden, und ich schlage meinen Freundinnen vor, uns hier reinzusetzen. Wir haben uns schon länger nicht gesehen, und ich freue mich, mit ihnen wieder etwas Zeit zu verbringen. Wir bestellen uns Latte und Kuchen, und Monica erzählt uns, was sie in den letzten Monaten gemacht hat.

„Stellt euch vor, ich war seit November nicht mehr im Kino. Jetzt läuft gerade ein Marvel Film, aber der  scheint nicht besonders interessant zu sein. Sie spielen immer dieselben Sachen ab, ich habe keine großen Hoffnungen.“

              Chris stimmt mit ein: „Ich hab den gesehen. Ich muss echt zugeben, ich bin kein Marvel Fan, deshalb ist meine Bewertung da nicht so zuverlässig. Ich war mit meiner Schwester im Kino, und wir sind beide unzufrieden rausgekommen. Obwohl sie diese Filme normalerweise mag.“

              Ich schau auf die Zuckerdose. „Ich hab gehört, vielen gefällt der nicht, die die vorherigen Filme nicht gesehen haben.“ Ich habe mal wieder vergessen, Zucker zu kaufen.

              „Genau das hab ich mir auch gedacht,“ meint Monica.

              Mein Blick fällt auf ein Poster, dass hinter Chris hängt. Es ist die Aussicht auf London und die Themse. Normalerweise hängt man immer Bilder von berühmten touristischen Sehenswürdigkeiten auf, wie den Big Ben oder London Eye. Dieses Plakat zeigt aber das Kunstmuseum Tate. Viele würden das nicht als London wiedererkennen. Ich war jedoch vor einigen Jahren dort und habe es besucht. Ich erinnere mich an eine ganz bestimmte Ausstellung, bei der ein Film rund um die Uhr lief. Man konnte sich zu jeder Uhrzeit in den Saal setzen und beobachten, wie Ausschnitte aus allen möglichen Filmen die genaue Uhrzeit des Tages darstellten. So hieß der Film auch: „The Time“, weil er rund um die Uhr die aktuelle Uhrzeit anzeigte. Ich fand die Idee schon damals so kreativ und originell, dass ich den ganzen Tag dort hätte verbringen können. Ich habe gehofft, dass ich einige Filmausschnitte wiedererkennen würde, und versuchte, mich an Filme zu erinnern, in denen man explizit die Zeit sagt oder zeigt. Bis auf Neujahrsfilme konnte ich mich an nichts erinnern. Aber ich konnte schlecht bis um Mitternacht im Museum bleiben. Ich weiß, dass es so einen Tag gab, an dem das Museum nachts offen ist und man dann den gesamten Film sehen konnte. Leider war das an dem Tag nicht der Fall. Und ich war sowieso mit meiner Freundin unterwegs, und wir hatten einen Tagesplan. Ich hatte vor, ihr noch Buckingham Palace zu zeigen, bevor sie abreisen musste. Tatsächlich gestand sie mir an dem Tag, dass sie den Film so ruhig anschauen konnte, ohne regelmäßig panisch auf die Uhr zu schauen, weil die Uhrzeit durch den Film immer sichtbar war. Wie ironisch, dass Menschen, die immer hetzen und aktiv die Uhrzeit verfolgen, sich entspannen, sobald die Uhrzeit durchgehend sichtbar ist. Wie verschieden wir doch sind. Ich bin in dem Sinne das genaue Gegenteil. Das erinnert mich; ich habe sie schon länger nicht gesehen. Vielleicht sollten wir uns mal wieder treffen und etwas Zeit miteinander verbringen.

              „Was meinst du? Sollen wir uns den Film zusammen anschauen?“ reißt mich Monica aus meinen Gedanken.

              „Welchen?“ frage ich verwirrt.

              „Hast du wieder nicht zugehört?“

              „Ah, sorry, war nicht mit Absicht.“

              „Dachte ich mir schon. Ich meine den neuen James Bond Film. Ich kann nachschauen, ob der am Freitag läuft, da haben wir alle Zeit.“

              „Ja, das klingt gut. Ich bin dabei.“

Anastasia Keller

Mein Tagtraum

Es ist ein warmer Tag in Moskau. Ich kann kaum glauben, dass ich nicht zur Uni muss, weil die Sommerferien begonnen haben. Ich sitze auf einer Bank im Park, wo ich eine Unmenge Zeit mit Lesen oder einfach mit Nachdenken verbringe. Heute ist es Bernhard Schlink, dessen Roman „Der Vorleser“ ich genieße.

Plötzlich halte ich inne, schaue auf, und Tausende von Bildern gehen durch meinen Kopf. Hanna Schmitz ist ständig umgezogen, und ich muss schon lange in derselben Stadt bleiben. Hanna ist ständig geflohen, und eigentlich würde ich auch gerne fliehen. Weg von allem und allen. Dorthin, wo ich noch nie gewesen bin. Es gibt so viel zu sehen, so viel zu entdecken. Es gibt so viele nette Menschen, die ich noch nicht kennengelernt habe, und so viele Erfahrungen, die ich noch nicht gesammelt habe.

In meinen Gedanken reise ich zuerst nach Polen, dorthin, wo sehr viele meiner Vorfahren herkommen. Danzig (Gdansk), Breslau (Wroclaw), Warschau…Wie sehne ich mich nach diesen Städten, obwohl ich nur eine gesehen habe. Ich würde gerne echte polnische Äpfel probieren, die, die den ganzen Sommer das Sonnenlicht genossen haben. Die polnische Sprache wird für mich wie echte Musik klingen, und ich würde die gerne lernen. So wohl würde ich mich in Polen fühlen, weil es in meinem Blut etwas gibt, was mich mit diesem Land verbindet.

Dann geht es nach Deutschland. Hier fehlen mir einfach die Worte. Jede meiner Fasern, jede einzelne Zelle in meinem Körper liebt dieses Land, seine Geschichte, seine Kultur, seine Sitten und Bräuche. Marina Zwetajewa hat Deutschland ihre Liebe gestanden, Das tue ich auch, indem ich ihr Gedicht zitiere:

Germanien, meine tiefste Neigung,               ???????? – ??? ???????!

Germanien, ach, mein edler Wahn!               ???????? – ??? ??????!

Mehr brauche ich nicht zu sagen…

Und dann geht es weiter…Österreich, die Schweiz, Belgien, Luxemburg, Liechtenstein, die Slowakei, Tschechien, Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Schweden. Norwegen, Finnland, Ungarn, Kroatien… Sogar Moldawien, Weißrussland und die Ukraine würde ich gerne sehen. Man sagt, es lohne sich nicht, diese Länder zu besuchen, weil sie arm sind. Aber sie haben doch ihre eigene Kultur und Geschichte. Wie können die Länder, die sowas haben, nur arm genannt werden? Nein, so kann es nicht sein. Ich muss unbedingt dorthin.

Und dann ist noch die ganze Welt vor mir. Ich gehe barfuß durch New York und fühle mich wahnsinnig klein im Vergleich zu den Wolkenkratzern. Und es ist nicht der einzige Ort in den USA, den ich zu Gesicht bekommen möchte…Kalifornien, Florida, Texas und natürlich Alaska.

Und dann weiterreisen, durch ganz Nordamerika. Es gibt noch Kanada, Kuba, Mexiko, Jamaika, Haiti, Costa Rica. Man kann ewig aufzählen. In Südamerika gibt es auch so viel zu sehen. Zum Beispiel habe ich noch nie den brasilianischen Karneval erlebt, und das muss ich unbedingt tun.

Viele Menschen glauben an Stereotype über den Iran. Doch ich weiß, dass das Land nicht so ist, wie man es im Fernsehen sieht. Jetzt sind meine Gedanken in Teheran…Ich kaufe Mandeln und Gewürze auf einem kleinen Markt. Mein Kopf ist mit einem bunten Tuch bedeckt, und ich sehe wie eine orientalische Schönheit aus (nur mit blonden Haaren, aber warum denn nicht?).

Nichts kann mich von meinem Traum, die Welt zu sehen, abhalten. Afrika ist auch eines meiner Reiseziele. Egal, was dort passiert, eines Tages werde ich den Kontinent sehen.

Jetzt gibt es noch Australien, Ozeanien und natürlich Asien. Ich wurde im asiatischen Teil Russlands geboren und es wird an der Zeit sein zurückzukehren. Die letzte Station meiner langen Reise wird meine Heimatstadt sein. Chabarowsk…Vor zwei Jahren habe ich dich verlassen. Ich habe mir ständig eingeredet, ich komme mal vorbei, aber es ist nie passiert. Doch irgendwann muss man zurückkehren, und wenn auch nur für kurze Zeit. Meine Seele will zu dir, auf deine Straßen mit altertümlichen Gebäuden, zu unserem breiten Fluss, schließlich in die Taiga. Ein Teil von mir will auch zu den Eltern. Das kleine Mädchen ist jetzt groß, aber dieser Teil will nie erwachsen werden. Wer weiß, vielleicht ist es besser so…

Ein bellender Hund reißt mich aus meinen Gedanken. Ich lasse das Buch fallen. Der Herr eilt auf mich zu, um sich zu entschuldigen.

„Macht nichts“, sage ich. „Ich habe einfach nachgedacht…“

Nastja Matjasch

Echo auf: Claude Lévi-Strauss, Traurige Tropen (Kapitel „Sonnenuntergänge“)

Für die Wissenschaftler sind Morgendämmerung und Abenddämmerung ein und dieselbe Erscheinung, und schon die alten Griechen waren dieser Ansicht, denn auch sie bezeichneten sie mit demselben Wort, das sie, je nachdem, ob es sich um den Abend oder den Morgen handelte, durch ein anderes Attribut ergänzten. Diese Vermengung veranschaulicht sehr deutlich das vorherrschende Bemühen um theoretische Spekulationen sowie eine eigentümliche Vernachlässigung des konkreten Aspekts der Dinge… (Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer)aus urheberrechtlichen Gründen werden bei allen folgenden Beiträgen von „Echo auf…“ nur Ausschnitte aus dem Text vorangestellt

Beschreibung eines Naturphänomens

Der Anstieg ist lang und anstrengend. Der Boden ist sehr instabil, und man rutscht ständig auf den leichten, schwarzen vulkanischen Steinen aus. Der Atem geht schwer wegen der Gase, und die Luft riecht stark nach Schwefel.  Es ist überall dunkel, das einzige Licht ist da ganz oben, auf der Spitze. Ein intermittierendes rotes Licht erinnert uns daran, wo unser Ziel liegt. Die letzten Meter sind eine riesige Herausforderung, denn der Pfad ist unglaublich steil und rutschig, man muss ständig husten und die Augen brennen. Aber endlich sind wir da. Es ist schwierig, in der Dunkelheit die echte Entfernung abzuschätzen, aber nicht mehr als 50 Meter von uns entfernt zeigt sich auf dem nebenstehenden Gipfel der Krater des aktiven Vulkanes Pacaya. Eine knallrote und blaue Flamme taucht von der Öffnung auf, ragt einige Meter hoch und löst sich im schwarzen Himmel auf . Eine graue und schwere Wolke aus unterschiedlichen Gasen strömt kontinuierlich aus dem Vulkan und steigt entlang dem Berghang ab und verschwindet in der Dunkelheit. Kleine Aschenteilchen schweben in der Luft und erschweren das Sehen. Ein rollendes, dröhnendes Geräusch kommt aus der Tiefe des Vulkans und hebt die ohnehin schon majestätische Szene noch mehr hervor. Entlang einer Seite des Pacayas fließt ein Rinnsal von Lava bergab: die glühende Linie kontrastiert mit dem Schwarzen der Landschaft.

Erica Amistadi