Nachts
die Eisschollen krachen wie Feuerwerk und
dann wieder
wie Paletten auf dem Gemüsemarkt
zusammengeworfen Dazwischen schlürft ein
Wal den Fluss und die
Wildgänse errichten
einen fliegenden Teppich aus
Klang
darunter bin ich allein in der Nacht Und
in den Häusern vor den Bildschirmen
löscht man sich selber aus
seh den Großen
Wagen wie er senkrecht auf der Deichsel
steht (die Ladung
herausgekippt)
Missa Brevis
für Ute
Kyrie
kein Wort Das sich
erkennt … Und Sterben wie
Leben ist so einfach (dass
ich es nicht kann)
Gloria
Wasser (mit
der Wünschelrute nicht
zu finden) strömt als
Glück (preist)
Credo
seine Gedanken sind
nicht meine Gedanken So
schält er mich gegen
den Strich
Sanctus
die hören: sprechen
: Feuer Wie
der Atem kommt
und sich erneuert
Agnus Dei
den Alptraum
gibt es Etwas muß
sich zerbrechen
(für uns)
Feiertag
der Supermarkt hat die Werbe-
tafeln hereingeholt der Parkplatz
feiert seine Leere und die Reisegruppe
atmet niemandem die Luft weg Ich
höre ich hätte Sand in meinen
Brunnen geschüttet und müsse ihn
wieder hinausschaufeln solange
gütig die Kuh noch kaut
Namen
starke Mai-Winde treiben
junge Blätter um mich herum und
missachten
Name und Bedeutung Ich
habe verstanden Lass das
Eichenblatt fallen und durchfühle
meine
Unwissenheit
Was lebt
alles was lebt wächst alles was lebt
wird müde alles was lebt
stirbt
beim Menschen kommt hinzu Er
versucht zu lieben und ist vielleicht
Ziel eines solchen Versuchs
verrät und wird verraten
überwacht
sein Auto und seine Tür
(und wird überwacht)
ab und an
erklingt bei ihm Musik
weil er (wie zum Trotz)
leben will
o.T.
für Jutta
aber zum Glück du gibst uns
preis Wie
wenn wir aufgetan für das
Atmen? Schwere hebt uns
durch die Schwebe Da sein
kann ich nicht Nur
hier Zersaust
Walter Thümler, Mai 2022
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Echo auf: Saša Stanišic, Herkunft
Oskoruša, 2009
(…)
Auf dem Friedhof von Oskoruša teilte ich meinen Namen und Brot mit den Toten. Wir aßen Räucherfleisch auf meinen Ahnen, da ergriff Gavrilo das Wort.
»Hier«, sagte er und goss etwas Schnaps in die Erde, »liegt dein Urgroßvater. Die Urgroßmutter hat nur heimlich getrunken.« Auch auf ihre Seite stellte er einen Becher und sah dann weg, damit sie weiterhin heimlich trinken konnte. Wir stießen an.
( . . . )
Die Friedhofshitze schmeckte salzig und klang nach Zikaden. Gavrilo suchte meinen Blick. Ich nickte ihm zu und fand es sofort unpassend, genickt zu haben auf einem Friedhof.
»Siehst du das?« Er zeigte in die Landschaft. »Da stand das Haus«, sagte er.
»Von meinen Urgroßeltern?«
»Ja.«
»Da?«
»Nein, da.«
»Da, wo man den Zaun sieht?«
»Nein, da wo man nichts sieht.«
Ich lachte. Gavrilo fand es nicht komisch, und das war der Augenblick, da Gavrilo mich fragte, woher ich käme.
Also doch, Herkunft, wie immer, dachte ich und legte los. Komplexe Frage! Zuerst müsse geklärt werden, worauf das Woher ziele. Auf die geografische Lage des Hügels, auf dem der Kreißsaal sich befand? Auf die Landesgrenzen des Staates zum Zeitpunkt der letzten Wehe? Provenienz der Eltern? Gene, Ahnen, Dialekt? Wie man es dreht, Herkunft bleibt doch ein Konstrukt! Eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist. Als solches ein Fluch! Oder, mit etwas Glück, ein Vermögen, das keinem Talent sich verdankt, aber Vorteile und Privilegien verschafft.
(Aus: Saša Stanišic, Herkunft. Luchterhand Literaturverlag, München 2019)
Herkunft
Als ich ein Kind war, brachte mir eine Tante von einer Reise in die Schweiz eine Schachtel Schwarzschokolade mit. Die kleinen, in goldene Folie eingewickelten Würfelchen lagen säuberlich in der exquisiten Blechschachtel. Das schöne Geschenk aus dem fernen Westen schätzte ich so sehr, dass schon eine Woche vergangen war, bis das erste Stück endlich gekostet werden konnte. Doch für ein kleines Mädchen ist die Definition von Schokolade einfach Milchschokolade. Der trockene, bittere Geschmack hat mich dazu gebracht, sie sofort wieder auszuspucken. Ich war noch zu jung, um an etwas anderem als an Süßem Gefallen zu finden, aber auch nicht mehr jung genug, um lügen zu können. Ich tat so, als würden sie mir schmecken, und die ganzen Sommerferien versuchte ich mit gerunzelter Stirn, sie wirklich zu genießen. Sie kamen doch aus der Schweiz! Es konnte nicht sein, dass sie nicht gut waren.
Nicht viel anders sind manche Erwachsene beim Umgang mit anderen. Hast du früher bei der Suche nach dem Mutterleib eine ausgezeichnete Arbeit geleistet, bist du dann diese Schweizer Schokolade, für die die Leute mehr Toleranz aufbringen. Du kannst jede Form, jeder Geschmack sein, ohne dir Sorgen zu machen, dass keiner dich aus dem Regal nehmen würde, denn deine Herkunft hat schon all dein Anderssein legimitiert. Sei laut, du bist temperamentvoll, nicht unhöflich; sei ruhig, du bist nachdenklich, nicht zurückgezogen. Sei sparsam, du bist nicht geizig, der Minimalismus ist doch in Mode; gib viel aus, du bist nicht von Konsum dominiert, sondern der Meister im Genießen des Lebens. Leider, für Pechvögel ist die gestempelte Herkunft eventuell ein lebenslanger Kampf mit unmöglicher Lösung.
Jing Lin
Das Haus im Süden des Landes
Im Süden des Landes steht ein Haus, das seit vielen Jahren unbewohnt ist. Die Einrichtung erinnert mehr an die Vergangenheit, als an die Gegenwart. Wenn man das Haus betritt, scheint es, als wäre die Zeit im Jahre 1976 stehen geblieben. Die orangenen Küchenvorhänge und weißen Tischdecken wurden von Hand genäht und der blaue Teppich über Generationen hinweg weiterverschenkt. Das Porzellan steht fein säuberlich und unbenutzt hinter der Vitrine. Auf der Nähmaschine bilden sich feine Staubwolken und an den Wänden hängen Schwarzweißporträts. Zu jedem Ferienbeginn stiegen meine Mutter und ich, vollgepackt mit Ariel Waschpulver und Lindt Schokolade, in den Reisebus und fuhren in das Haus im Süden des Landes. Auf dem kleinen Fernseher liefen amerikanische Filme, deren Dialoge von einem Sprecher in monotonem Tonfall synchronisiert wurden. Zwischen unseren Beinen klemmten Taschen mit selbst belegten Brötchen, an der Tankstelle zur Grenze gab es zum amerikanischen Film grüne Pringles. An jeder Raststätte füllte sich der Bus mit kaltem Zigarettenrauch. Nach sechzehn Stunden Busfahrt quer durch zwei Länder und einer kurzen Taxifahrt, stiegen wir mit Ariel Waschpulver und Lindt Schokolade am grünen Gartentor des Hauses aus. Großmutter wartete schon an der offenen Haustür auf uns, die Haare kurz und lockig, das einfache Kleid lang bis über die Knöchel. Ich habe meine Großmutter nie eine Hose tragen gesehen. Meine Mutter ließ als erstes alle Koffer unausgepackt auf dem Boden liegen und lief in den großen Garten. Jedes Mal merkte ich in diesem Moment die große Sehnsucht nach ihrem Zuhause und nach der Freiheit, die sie nicht mehr in der Stadt im Ausland, sondern in der Natur in ihrer Heimat fand. Meine Kindheit im Süden des Landes beschränkte sich auf zwei Straßen. Mehr brauchte ich nicht. Mir reichte unser Garten, in dem ich mit meiner Cousine zeltete, die Küche meiner Tante eine Straße weiter, und das Fernsehzimmer meiner Großmutter, in dem wir täglich zusammen die 20 Uhr Nachrichten schauten. Ihr liebster Platz war auf der rechten Seite am Küchenfenster. Heute, viele Jahre später, sitze ich an ihrem Platz und blicke aus dem Fenster in den großen Garten, in dem meine Cousine und ich schon vor langer Zeit unsere Zelte abgebaut haben. Die sechzehnstündige Busfahrt habe ich gegen den einstündigen Flug eingetauscht. Die Pringles von der Tankstelle an der Grenze zum monoton synchronisierten Film schmecken dennoch besser als am Flugsteig. Ich sitze auf dem Platz meiner Großmutter, blicke aus dem Küchenfenster und sehe, wie meine Mutter bei ihrer Ankunft die Koffer liegen lässt und in den Garten Richtung Freiheit läuft. Früher konnte ich nicht verstehen, warum sie die orangenen Küchenvorhänge nicht gegen neue eintauschen wollte, warum sie am blauen Teppich ihres Großvaters hing, und warum das Porzellan in der Vitrine nie benutzt wurde. Heute, während ich auf dem Platz ihrer Mutter sitze, verstehe ich es, denn auch ich würde manchmal gerne die Zeit anhalten. Ich laufe eine Straße weiter in die Küche meiner Tante, denn mehr als diese zwei Straßen im Süden des Landes brauche ich immer noch nicht, und denke daran, wie gut die orangenen Küchenvorhänge zur weißen Tischdecke passen.
Magdalena Loska
an einem sonnentag
wollen frühlingsblätter
beschrieben werden
sie fliegen auf
und davon
es ist kalt draußen sagst du
zieh einen pullover an
und sammle die hellen stunden
wortblüten
sind kostbar in dieser stürmischen zeit
Echo auf: Bei Dao, Das blaue Haus
Mit dem Sommersemester beginnt eine neue Folge von „Ecos da escrita“ – Echos auf ausgewählte Textausschnitte. In der Schreibübung in Germersheim reagieren Studentinnen in dieser Woche auf einen Text des ersten chinesischen Übersetzers von Tomas Tranströmers Gedichten, den Lyriker und Essayist Bei Dao. (Aus rechtlichen Gründen folgt hier nur ein kurzer Auszug aus Bei Daos Text.)
Bei Dao, Das blaue Haus
1 Das blaue Haus liegt auf einer kleinen Insel nahe Stockholm, es ist das Landhaus des schwedischen Dichters Tomas Tranströmer. Es ist winzig und alt. Es kann die strengen Winter in Schweden nur überstehen, weil es immer wieder repariert und gestrichen wird.
Ende März dieses Jahres ging ich nach Stockholm auf eine Konferenz, die deprimierend und langweilig war, wohl so wie Konferenzen überall auf der Welt. Einen Tag vor der Abreise hatten Annika und ich uns zu einem Besuch bei Tomas in Vasteras verabredet. Von Stockholm bis zu dieser Stadt braucht man zwei Stunden. Annika fährt einen roten Saab. Der Himmel war düster, ab und zu fielen Schneeflocken. Der Frühling hatte in diesem Jahr auf sich warten lassen, die trübseligen Wälder lagen noch in tiefem Schlaf, die Felder gaben sich graublau, kahl lagen sie da, hoben und senkten sich mit der Fahrbahn.
(In: Bei Dao, Gottes chinesischer Sohn. Essays. Übersetzt von Wolfgang Kubin. Weidle-Verlag, Bonn 2012)
Julie Schneider, Besuch bei der alten Dame
Das erste was ich in Bukarest tat war, mich zu verlaufen. Kaum am Bahnhof angekommen (Gleis zwei, 11:28), ging es schon los: es kostete mich ganze zehn Minuten, den Ausgang zu finden, da ich sofort zielstrebig in die falsche Richtung gelaufen war und es erst bei Gleis 14 realisierte. Als ich es dann endlich geschafft hatte, dem Bahnhof zu entkommen, holte ich meinen Notizzettel mit der Wegbeschreibung zu Großtante Ioanas Adresse heraus. Sollte nicht allzu schwer sein, dachte ich mir in meiner Naivität. Eine Viertelstunde zu Fuß, da lohnt sich ein Taxi nicht.
Und so begann ich, voller Zuversicht durch die mal breiten und geraden, mal schmalen und gewundenen Straßen Bukarests zu marschieren. Immerhin war ich hier aufgewachsen, die Wegbeschreibung war vermutlich ohnehin überflüssig. Abgesehen von einigen neuen Geschäften und Baustellen hatte sich nicht allzu viel verändert.
Eine halbe Stunde später verwandelte sich mein strammes Schritttempo allmählich in ein gemäßigtes Schlurfen, immer wieder unterbrochen von Pirouetten, wenn ich mich verwirrt umsah. Irgendetwas stimmte nicht. Ich hätte schon längst an dem Kiosk bei der Baumallee vorbeikommen sollen; stattdessen stand ich vor einer Statue von George Enescu. Definitiv stimmte da was nicht.
Reflexartig zog ich mein Handy aus der Tasche und klappte es auf, nur um es direkt wieder zuzuklappen. Großtante Ioana hatte kein Telefon, was bedeutete, dass nur eine Person blieb, die ich hätte anrufen können – und das kam gar nicht in Frage. Bevor ich zu solch einer Verzweiflungstat herabsinken würde, bräuchte es schon mehr als 30 Minuten Umhergeirre in Bukarest.
Genaugenommen brauchte es zwei Stunden Umhergeirre in Bukarest, wie ich anderthalb Stunden später feststellte. Die Sonne brannte unnachgiebig auf mein erhitztes Gesicht, der Schweiß lief mir den Nacken hinab, und ich hatte mindestens drei Blasen an den Fersen. Nun gut, dann sollte es wohl so sein.
Mit einem leidenden Seufzer zog ich mein Handy erneut hervor und wählte die Nummer meiner Cousine Alina. Es kostete mich immense Willenskraft, auf die Anruftaste zu drücken und beinahe ebenso viel, um nicht direkt aufzulegen, als sich die vertraute näselnde Stimme meldete: „Hat der Zug sich verlaufen oder du?“
„Es wäre lieb, wenn du mich abholen würdest“, knurrte ich so höflich wie möglich zurück und schaute mich nach einem Straßenschild um. Meine Güte, war mein Rumänisch eingerostet. „Ich bin beim, äh– Carol Park.“
„Wo?“ Ich spürte den Luftzug ihres verächtlichen Schnaubens förmlich in meinem Ohr. „Du bist hoffnungslos.“
Und bevor ich durch wortloses Auflegen ein Zeichen setzen konnte, hatte sie schon aufgelegt.
Die nächsten Minuten verbrachte ich damit, mein Rumänisch wieder aufzufrischen, indem ich sämtliche mir bekannten Schimpfwörter vor mich hin grummelte. Als mein Wortschatz erschöpft war, trat ich zum Abschluss gegen eine Mülltonne, setzte mich auf eine Bank im Schatten und wartete.
Die Zeit verstrich, und ich begann bereits zu befürchten, dass Alina mich eiskalt hier sitzen lassen würde, da bog endlich ein kleiner, klappernder Volkswagen um die Ecke. Ich erkannte das Auto sofort – meine Eltern hatten es mir nach dem Schulabschluss geschenkt, doch da ich wenige Monate später zum Studium nach Frankreich gezogen war, hatten sie es an Alina weitergegeben. Nicht, dass ich darauf neidisch gewesen wäre; ich hatte jetzt sowieso mein eigenes Auto. Einen Porsche.
„Willkommen in meiner bescheidenen Heimatstadt“, rief mir Alina zu. Das Fenster auf der Fahrerseite war heruntergekurbelt, und sie ließ einen Arm lässig heraushängen. Ihr Blick hinter der knallrot umrahmten Sonnenbrille war undurchdringlich.
Ich rollte mit den Augen und setzte mich ohne ein Wort auf den Beifahrersitz. Dann überlegte ich, ob ich nicht vielleicht doch etwas zu unhöflich war – immerhin hatten wir uns seit Jahren nicht gesehen und sie war eben zu meiner Rettung gekommen. „Hi“, sagte ich.
Alina sagte nichts.
Mein „Du mich auch“ ging im Aufbrummen des Motors unter, als wir uns in Bewegung setzten. Die ersten Minuten verbrachten wir in Schweigen.
„Keine Ahnung, wie du es geschafft hast, den Weg nicht zu finden“, murmelte Alina schließlich. „Das war die einfachste Wegbeschreibung, die man sich vorstellen kann.“
Ich räusperte mich pikiert. „Ich muss falsch abgebogen sein.“
„Ja, so um die fünfzig Mal. Gut, dass wir keine Abkürzungen dazugeschrieben haben, sonst wärst du jetzt wahrscheinlich in Bulgarien.“
„Man wird sich doch wohl mal in der Straße irren dürfen.“
„Na ja, du warst ja seit Jahren nicht mehr hier. Da kann man schon mal alles komplett vergessen.“
„Ich kann dich in Toulouse herumführen, wenn du irgendwann vorbeikommst“, gab ich zurück.
„Nein danke. Ich bin vollauf zufrieden damit, hierzubleiben.“
„Natürlich. Vielen Dank, dass du extra für mich das Haus verlassen hast, das muss ein großes Opfer gewesen sein.“
Alina schnaubte, und dieses Mal klang es weniger herablassend und mehr stocksauer. „Ich kann dich gerne im nächsten Straßengraben absetzen.“
„Nein danke“, sagte ich schnell. Von da an redete ich kaum noch und ließ stattdessen Alina jede Ecke und Gasse Bukarests kommentieren, als hätte ich noch nie einen Fuß in die Stadt gesetzt. Der nervigste Audioguide der Welt.
Endlich tauchte vor uns die vertraute Silhouette unseres alten Familienhauses auf. Ich warf einen Blick auf die Uhr: die Fahrt hatte nur 15 Minuten gedauert. 15 Minuten, die mindestens doppelt so lang gewesen waren wie die zwei Stunden davor. Wie lang würde dann erst das Wochenende hier werden?
Magdalena Loska, Gespräche in vier Wänden
Wie jeden Mittwochnachmittag, saßen wir zusammen in der Runde und besprachen die kommenden Arbeitsaufgaben für die nächste Woche. Nach Abschluss des Meetings erzählte uns Eran, der Verantwortliche für uns Volontäre, von einem Anruf, den er vor Kurzem erhalten hatte. Ein älterer Mann namens Michael, der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg von Deutschland nach Israel gekommen war, hatte erfahren, dass in unserer Einrichtung jährlich deutsche Volontäre ein freiwilliges Jahr absolvierten. Sehr gerne würde er sich wieder mit jemandem in seiner Muttersprache unterhalten, ein bisschen Computerhilfe könnte er auch gebrauchen. Ich meldete mich sofort. Wo sonst hätte ich die Möglichkeit gehabt, Geschichten von einer Person zu hören, die mir von den 1930-er Jahren in Deutschland, von Flucht und Krieg und von einem Land erzählen konnte, das vor 80 Jahren noch einen anderen Namen trug als heute, und wo dort, wo heute Stadt ist, früher Wüste war? An einem Mittwochabend im November machte ich mich auf den Weg zu unserem ersten Treffen. Michael und Miriam wohnten nicht weit von meiner Wohnung in der Katzenelson entfernt. Die Straße hoch, an der Bushaltestelle vorbei, an der ich so oft am Wochenende saß. Nach Fahrplänen- und Zeiten sucht man hier vergeblich. Stattdessen holt man sich eine Falafel um die Ecke, setzt sich auf die Bank und wartet. Vielleicht kommt man am Abend noch an der Klagemauer in Jerusalem oder auf der Party in Tel Aviv an. An der Haltestelle geradeaus, an schönen Einfamilienhäusern vorbei, die so typisch für Kiryat Tivon sind, erreichte ich das Gartentor von Michael und Miriam. Ich verspürte sofort Sympathie diesem älteren Ehepaar gegenüber, das vor kurzem seinen 70. Hochzeitstag feierte. Sie gehörten zu denjenigen, die zwar fast ihr gesamtes Leben in Israel verbracht hatten, aber sich nie an die Hitze und Trockenheit des Landes gewöhnen konnten, und die eine gewisse Aura von der Eleganz des alten Europa ausstrahlten. Ich fing die Unterhaltung auf Hebräisch an, sie unterbrachen mich in fließendem Deutsch. Ich war überrascht, dass Michael nach all der Zeit seine Muttersprache nicht vergessen hatte und sie so fließend sprach, als wären keine Jahrzehnte und Kriege vergangen. Sogar Miriam und seinen zwei Töchtern hatte er seine Muttersprache beigebracht. Es überraschte mich nicht nur die Tatsache, dass er noch Deutsch sprechen konnte, sondern vielmehr, dass er es wollte. Ich wusste vom Israel des vergangenen Jahrhunderts, auf dessen Straßen die verschiedensten Sprachen Europas zu hören waren. Aber die meisten Menschen dieses Landes, auf der Suche nach einer neuen, gemeinsamen Sprache und Identität, hatten sich schon vor langer Zeit von ihren Muttersprachen und Heimaten verabschiedet, die oftmals an schmerzhafte Erinnerungen geknüpft waren. Vor mir stand jemand, der augenscheinlich weniger Probleme damit hatte als ich, die deutsche Sprache in Israel zu sprechen. Schon nach dem ersten Treffen und dem gemeinsamen Abendessen verspürte ich eine tiefe Verbundenheit den beiden gegenüber. Und somit trafen wir uns jeden Mittwochabend. Michael wurde schnell zu dem Großvater, den ich niemals gehabt hatte. Unsere Treffen hatten einen routinierten Ablauf: Michael und ich gingen in sein Arbeitszimmer, in dem wir vor seinem Computer Platz nahmen. Manchmal stellte er mir Fragen zur Internetnutzung, manchmal schauten wir uns philosophische YouTube-Videos an, aber immer erzählte er. Wenn er den Computer ausmachte und das Abendessen noch nicht fertig war, erzählte er von Krieg, Flucht, dem Ankommen und dann wieder von Krieg. All diese Gespräche fanden in seinem Arbeitszimmer statt, denn wenn er beim Abendessen weiter erzählen wollte, unterbrach ihn Miriam. Sie wollte nichts mehr von Krieg hören, geschweige denn darüber sprechen. Es schien, als hätte sie das Wort „Krieg“ mit all ihren Erinnerungen in eine Schublade gepackt und den dazugehörigen Schlüssel vor allen versteckt. Nicht selten war ich etwas darüber enttäuscht, dass ich das Ende einer Erzählung nicht mehr hören konnte, aber konnte ich es ihr verübeln? Natürlich nicht. Michael kam mit 13 Jahren aus Köln nach Israel (damals noch Palästina), Miriam mit neun aus einem Teil Russlands, dessen Grenzen im Laufe der Zeit verschwammen, und der später zu Rumänien wurde und heute Moldawien ist. Beide verließen noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ihre jeweilige alte Heimat – nicht ahnend, dass weitere Kriege in ihrer neuen Heimat auf sie warten würden. Wenn Michael sprach, schwieg Miriam. Und somit gewöhnten wir uns an, die Tür seines Arbeitszimmers vor Miriam zu verschließen. Er erzählte von seiner Mutter, die psychisch krank geworden war, als sein Vater die Familie verlassen hatte und mit seiner neuen Frau nach Argentinien ausgewandert war. Kurze Zeit später wurde seine Mutter in eine Psychiatrie eingewiesen. Michael konnte sich noch genau an den Tag erinnern, als er mit drei Jahren von den Erziehern des Kölner Kinderheimes abgeholt wurde. Er versteckte sich unter seinem Bett in der Hoffnung, dass man ihn nicht finden würde. Gewaltsam wurde er mit seinem Bruder und seiner Schwester aus dem Haus gezogen und in ein Kinderheim gebracht. Bei einem seiner Besuche in der Psychiatrie, nicht ahnend, dass es der letzte sein würde, nahm seine Mutter ihn bei der Hand und führte ihn zum See. Sie wollte ihn und sich ertränken. In letzter Sekunde wurde eine der Pflegekräfte auf sie aufmerksam. Michael sah seine Mutter nie wieder. Die Patienten dieser Psychiatrie waren mitunter die ersten, die ein paar Jahre später von Nationalsozialisten ermordet wurden. Als Michael 13 Jahre alt war, gewannen er und sein Freund durch ihre guten sportlichen Leistungen ein Ticket nach Israel. Das Kölner Kinderheim, in dem sein Bruder und seine Schwestern blieben, verließ 1942 die Stadt in Richtung Minsk. Als sie ankamen, wartete schon das Erschießungskommando auf sie. Während er mir all das erzählte, zitterten seine großen Hände. Michael hatte Parkinson. In seinen Augen, die sich tief hinter der dicken, orangenen Brille versteckten, sah ich den Schmerz und gleichermaßen das Verlangen danach, seine Geschichte zu erzählen. Mit seinen Kindern und Enkelkindern konnte er all das nicht teilen, denn sie befürchteten, dass sich sein gesundheitlicher Zustand durch seine Reise in die Vergangenheit verschlechtern würde. Während er sprach, blickte ich immer wieder auf das große Schwarzweißbild seiner Geschwister auf der Wand. Ich hörte seiner zittrigen Stimme zu, und gleichzeitig hörte ich immer wieder meine eigene Stimme im Kopf: weine nicht vor ihm. Ich sah mich nicht im Recht, den Tränen freien Lauf zu lassen, die er unterdrückte. Jede Woche erzählte mir Michael ein Kapitel aus dem Buch seines Lebens. Wenn ich nicht vor Ort in Israel war, dann führten wir unsere Gespräche am Telefon weiter. Jeden Mittwochabend. Ein paar Jahre später erkrankte er an schwerer Demenz. In einem Wutanfall, verschuldet durch die Krankheit, riss er das große Schwarzweißbild seiner Geschwister von der Wand. Das letzte Mal, als ich ihn sah, war kurz vor seinem Tod in einem Pflegeheim. Auf der Hinfahrt im Taxi bereitete mich Miriam darauf vor, dass er mich vielleicht nicht erkennen würde. Michael saß in einem Rollstuhl im Garten und blickte auf die Landschaft. Als ich mich zur Begrüßung zu ihm hinunterbeugte, nahm er mein Gesicht in seine zitternden Hände und fragte mich, was ich mir zu meinem Geburtstag nächste Woche wünschte. Natürlich hatte er diesen nicht vergessen. Wir saßen zusammen im Garten und ich versuchte nicht daran zu denken, dass es das letzte Mal sein könnte. Ein paar Wochen später starb Michael friedlich im Schlaf. Und wenn ich an ihn denke, dann sehe ich uns beide in seinem Arbeitszimmer sitzen. Ich spüre seine großen, zittrigen Hände auf meinen, und ich blicke auf das große Schwarzweißbild seiner Geschwister an der Wand.
So geht das Reisen
So geht das Reisen in diesen Zeiten
Der Maulesel bleibt daheim : der Maulkorb
Wird auf dem Bahnsteig angeschnallt
Die Läden flunkern anhaltende
Schlemmerfreuden vor : Seuchenkrieg
& Kriegsseuche finden keinen Platz
Hinter den Schaufenstern : dem Führer
In der Lok gelingt das Kuppeln nicht
Eine zweite Lok wird vorgespannt
Hü hott : auf geht’s ins bekannte
Niemandsland : das fremdelnd einst
ich mein Zuhause nannte
Vom Denken in Geld und dem Glauben an Gott
Getrieben von dem Wunsch, das aktuelle Geschehen zu verstehen, es in einen größeren zeitlichen und historischen Kontext einordnen zu können, schreibe ich diese Zeilen in den Schluchten des Balkans, genauer: in meiner zweiten Heimat Bulgarien, in einer Art Notwehr nieder. Eine Art Notwehr gegen alle Falsch- und Nichtinformationen des Informationskrieges, in dem wir uns nicht erst seit dem angeblichen Krieg gegen Corona befinden. Der räumliche Abstand zu meiner ersten Heimat Deutschland hilft mir dabei, einen kühlen Kopf zu bewahren, meine Gedanken zu ordnen und festzuhalten.
Meine stärkste Assoziation, die bereits bei Beginn der Hygiene-Demos im Frühjahr 2020 in Berlin einsetzte, war die an die Ereignisse des gesamten Jahres 1989 in der DDR. Denn der Protest auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, bei denen ich zugegen war, hatten einige Parallelen mit den Demonstrationen in Leipzig, beispielsweise das rigorose Eingreifen der Polizei gegen bestimmte Plakate und das Hochalten der Verfassung. In Leipzig wurde dieser Job noch von Mitarbeitern der Staatssicherheit in Zivil erledigt.
Der bekannte Ausgang der Proteste in Leipzig, deren Augenzeuge ich ebenfalls war, machte mir Hoffnung, aber nicht nur Hoffnung. Im selben Moment machte er mich auch nachdenklich und vorsichtig. Vor allem deswegen, weil bis heute eine charakterstarke, machtvolle Persönlichkeit wie Michail Gorbatschow fehlt, ohne die eine Wende in der Form, wie wir sie 1989 erlebt haben, nicht möglich gewesen wäre. Ein großer Wandel, ganz bewusst kein „großer Umbruch“, ist trotzdem prinzipiell auch heute möglich, so denke ich, auch wenn gerade nicht nur Deutschland und Europa, sondern die ganze Welt den gesunden Menschenverstand verloren zu haben scheint, was Nietzsche so erklärte:
„Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.“
Eine weitere wichtige Erfahrung, vielleicht besser Lehre, aus dem Jahr 1989 ist, dass es am Ende immer anders kommt, als man denkt. In dem Fall, dass aus „Wir sind das Volk“ „Wir sind ein Volk wurde“. Dazu muss man wissen, dass niemand in der DDR auf die Straße gegangen war, zumindest am Anfang nicht, um sich mit der alten Bundesrepublik zu vereinigen, und schon gar nicht um ihr beizutreten, sondern weil man eine bessere DDR wollte. Aber so ist es wohl immer in der Menschheitsgeschichte, oder zumindest meistens, und vermutlich auch diesmal bei Corona. Am Ende kommt etwas anderes heraus, als man es sich erhofft hat – so oder so. Ich befürchte, dass auch diesmal zum Schluss alles wieder nur „besser“ aber nichts „gut“ wird. Das ist auch ein Grund, der mich in der gegenwärtigen Situation lähmt, und ich vermute nicht nur mich.
Andererseits: Was habe ich zu verlieren? Eine mögliche Impfpflicht, für die ich mich ganz „frei“ entscheiden darf. Einen obligatorischen Grünen Pass, den ich für nicht notwendig erachte. Einschränkungen beim Reisen, mehr Kontrolle und Überwachung und vieles andere mehr … Meine Arbeit als Taxifahrer habe ich bereits vor zwei Jahren verloren. Auch eine Tätigkeit als Krankenpfleger, in meinem erlernten Beruf, ist für mich demnächst nicht mehr möglich. – So gesehen lohnt es sich schon aufzustehen, auch für mich. Nicht nur manchmal hadere ich deswegen mit mir, jetzt nicht in Berlin auf der Straße zu sein, auf der ich einst viele Jahre mit meinem Taxi zu hause war.
Als in der DDR groß gewordener Mensch glaubte ich, ich gebe es offen zu, lange an die allgemeine und stetige Fortentwicklung der Menschheit im Marxschen Sinne. Die marxistische Dialektik besagt aber auch, dass sich jeder einzelne Mensch weiter einwickeln kann, und das tue ich. Die vielen Jahre auf der Straße, meiner Universität, und die zahlreichen Gespräche mit Fahrgästen und Kollegen haben mir dabei geholfen. Es hat etwas gedauert, aber am Ende habe ich die für mich wahrere Deutung gefunden. Diesmal nicht bei Marx, sondern bei seinem Landsmann und Zeitgenossen Nietzsche:
„Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren oder Stärkeren oder Höheren dar, in der Weise, wie dies heute geglaubt wird. Der ‚Fortschritt’ ist bloß eine moderne Idee, das heißt eine falsche Idee. Der Europäer von heute bleibt in seinem Wert tief unter dem Europäer der Renaissance; Fortentwicklung ist schlechterdings nicht mit irgendwelcher Notwendigkeit Erhöhung, Steigerung, Verstärkung.“
Dass es etwas gedauert hat, die Dinge zu durchschauen, mich zu korrigieren und damit auch annehmen zu können, dass ich lange Zeit falsch gelegen habe, liegt auch am falschen Gebrauch der Sprache, den es ebenfalls nicht erst seit Corona gibt. Corona hat es mit dem Missbrauch der Sprache und seinen ganzen Falschwörtern wie „Covidioten“, Coronaleugner“ und „Impfgegner“, um nur einige zu nennen, nur auf die Spritze, Verzeihung, Spitze getrieben. Und dabei hätte ich als Halbbulgare darauf vorbereitet sein können. Denn wenn, wie in Bulgaren, JA NEIN und NEIN JA bedeuten kann, dann muss LINKS-GRÜN, dem auch ich lange Zeit zugeneigt war, nicht automatisch immer und für alle Zeit LINKS-GRÜN heißen. Der falsche Gebrauch der Sprache kann fatale Folgen für das gesamte Gemeinwesen haben, das meinte zumindest Konfuzius:
„Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so verderben Sitten und Künste. Darum achte man darauf, dass die Worte stimmen.“
Der Missbrauch der Sprache ist DAS Mittel, mit dem uns der Glaube an den Fortschritt verkauft wird. Denn verkauft und gekauft werden muss, am besten jeden Tag ein neuer Glaube, eine neue Wahrheit, obwohl es unter der Sonne kaum etwas Neues gibt. Um wirklich etwas Neues zu erfahren, schaut man am besten in Bücher – je älter, desto besser. Aber selbst das ist keine Garantie, wie ich kürzlich erfahren musste, als ich den berühmten Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ des bekannten tschechischen Autors Milan Kundera aus dem Jahr 1984 erneut in die Hand nahm.
Er beginnt folgendermaßen: „Die Ewige Wiederkehr ist ein geheimnisvoller Gedanke, und Nietzsche hat damit manchen Philosophen in Verlegenheit gebracht: alles wird sich irgendwann so wiederholen, wie man es schon einmal erlebt hat, und auch diese Wiederholung wird sich unendlich wiederholen! Was besagt dieser widersinnige Mythos?“ – Fast möchte man fragen: Was besagt diese widersinnige Frage? Und zwar deswegen, weil mit der Ewigen Widerkehr, auf die schon andere Philosophen vor Nietzsche gekommen waren, eine Idee, ein Schema gemeint ist, und eben nicht: „alles wird sich irgendwann so wiederholen, wie man es schon einmal erlebt hat, … .“
Wie nun diese Idee, dieses Schema aussieht, beziehungsweise aussehen könnte, darauf bin ich ausgerechnet in Orwells „1984“ gestoßen, das den meisten wegen seinem „Big Brother“, dem „Ministerium für Wahrheit“, der „Gedankenpolizei“ und dem „Neusprech“ bekannt ist. Genau genommen ist es auch nicht Orwells Schema, sondern das von Emmanuel Goldstein, aus dessen Buch „Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus“ Winston seiner Geliebten Julia im zweiten Teil von „1984“ vorliest:
„Von Anbeginn der geschichtlichen Überlieferung und wahrscheinlich seit dem Ende des Steinzeitalters gab es auf der Welt drei Arten von Menschen: die Oberen, die Mittleren und die Unteren. Sie waren auf vielerlei Weise untergliedert, trugen verschiedenartige Namen, und sowohl ihr Verhältniszahl wie ihre Einstellung zueinander änderte sich von Epoche zu Epoche: doch die Grundstruktur der Gesellschaft hat sich nie gewandelt. Selbst nach ungeheuren Umwälzungen und scheinbar unwiderruflichen Veränderungen stellte sich stets das gleiche Muster wieder her, genauso wie ein Gyroskop sich immer wieder aufrichtet, wie sehr man es auch aus dem Gleichgewicht bringt.
Die Ziele dieser drei Gruppen sind unvereinbar. Das Ziel der Oberen ist es, dort zu bleiben, wo sie sind. Das Ziel der Mittleren, mit den Oberen den Platz zu tauschen. Das Ziel der Unteren, sofern sie überhaupt eines haben – denn es ist ein bleibendes Charakteristikum der Unteren, dass sie von der Plackerei zu ausgelaugt sind, um öfters als nur sporadisch etwas Interesse zu zeigen, das außerhalb ihres Alltagslebens liegt –, ist es, alle Unterschiede abzuschaffen und eine Gesellschaft zu errichten, in der alle Menschen gleich sein sollen. Und so wiederholt sich durch die ganze Geschichte ein in seinen Grundzügen immer gleicher Kampf.
Über lange Zeiträume scheinen die Oberen ungefährdet an der Macht zu sein, doch früher oder später kommt der Augenblick, in dem sie entweder ihr Selbstvertrauen verlieren oder die Fähigkeit, wirksam zu regieren, oder beides. Sie werden dann von den Mittleren gestürzt, die die Unteren dadurch auf ihre Seite ziehen, dass sie ihnen vorspiegeln, für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. Sobald die Mittleren ihr Ziel erreicht haben, stoßen sie die Unteren wieder in ihre alte Knechtschaft zurück und werden selber zu den Oberen. Schon bald spaltet sich von einer der beiden anderen Gruppen oder von beiden eine neue Mittelgruppe ab, und der Kampf beginnt von Neuem.“
Was mich so sicher macht, auf der richtigen Spur zu sein, möglicherweise das richtige Schema auch für das aktuellen Geschehen gefunden zu haben, das nicht wenige mit der Erfindung des Geldes und des Zinses in Verbindung bringen, ist mein Eindruck, dass „Es geht um Leben und Tod“ Lauterbach möglicherweise gerade dabei ist, wie beschrieben entweder sein Selbstvertrauen zu verlieren oder die Fähigkeit, wirksam zu regieren, oder beides, so sehr verstrickt er sich in Widersprüche. Möglicherweise dienen diese Widersprüche, wenngleich vom sich Widersprechenden angeblich beliebtesten Politiker unseres Landes unbeabsichtigt, aber auch einem anderen Ziel, und zwar dem des „kontrollierten Wahnsinns“, wie Emmanuel Goldstein alias George Orwell es nennt:
„Soll die Gleichheit der Menschen für immer verhindert werden – sollen die Oberen, wie wir sie genannt haben, ihre Stellung dauerhaft behaupten -, dann muss der vorherrschende Geisteszustand kontrollierter Wahnsinn sein.“
Vielleicht denkt man aber auch schon an die Zeit nach Corona und nach Karl Lauterbach. Klaus Schwab geht in seinem Buch „Covid-19: Der große Umbruch“ davon aus, „dass uns die Pandemie zwei Jahre erhalten bleibt.“ Er beruft sich dabei auf Experten, er selbst ist ja keiner. Danach, also ziemlich bald, könnte ein neuer Virus und mit ihm ein neuer „Gesundheitsminister“ kommen, oder ganz und gar ein neuer Krieg. Diesmal nicht gegen einen winzig kleinen Mikroorganismus, sondern gegen das größte Land, obwohl dessen Einwohner möglicherweise gar keinen Krieg wollen. Zumindest stellte dies ein bekannter Pop-Song in den Achtzigern noch in Frage: „Denkst du, die Russen wollen Krieg?“
Bis es so weit ist, sei rasch noch ein weiteres Phänomen erwähnt, das von Emmanuel Goldstein in Orwells „1984“ wie folgt beschrieben wird, das es bereits in der DDR gab, und das aktuell auch wieder aufgetaucht ist. Es wird als „Delstop“ bezeichnet, im englischen Original heißt es „Crimestop“, die deutsche Umschreibung für das Phänomen ist „schützende Dummheit“:
„Delstop bezeichnet die Fähigkeit, geradezu instinktiv auf der Schwelle jedes riskanten Gedankens haltzumachen. Es schließt die Gabe ein, Analogien nicht zu begreifen, logische Fehler zu übersehen, die simpelsten Argumente mißzuverstehen, wenn sie dem gängigen Narrativ widersprechen*, und von jedem Gedankengang, der in eine ketzerische Richtung führen könnte, gelangweilt und abgestoßen zu werden. Kurz gesagt, Delstop bedeutet schützende Dummheit.“ (* im Original: „Engsoz-feindlich sind“)
Dass das gängige Narrativ aktuell von vielen nicht mehr in Frage gestellt wird, liegt auch daran, dass bereits das Hinterfragen nicht ganz ungefährlich ist. Im Normalfall wird es „nur“ mit sozialer Ausgrenzung geahndet, im dümmeren Fall mit einer Geldstrafe belegt. Der Grund dafür ist, dass aus der Wissenschaft von einst, also aus Rede und Gegenrede, aus These, Gegenthese und Synthese, DIE Wissenschaft geworden ist, eine Art orthodoxer Glauben einer Sekte, den „Zeugen Coronas“, in der Abwägung und Verhältnismäßigkeit unbekannt, Zweifel verboten und Zweifler Aussätzige sind. Von einem gläubigen Sektenmitglied wird ziemlich genau das erwartet, was in Orwells „1984“ von einem Parteimitglied verlangt wird:
„Von einem Parteimitglied wird nicht nur verlangt, dass es die richtigen Ansichten, sondern auch, dass es die richtigen Instinkte hat. Viele der ihm abgeforderten Überzeugungen und Verhaltensweisen werden nie direkt formuliert und können auch nicht formuliert werden, ohne die dem gängigen Narrativ* innenwohnenden Widersprüche aufzudecken. Ist das Parteimitglied von Natur aus orthodox (in Neusprech: ein Gutdenker), dann wird es in allen Lebenslagen ohne Nachdenken wissen, was der richtige Glaube oder die erwünschte Emotion ist.“ (* im Original: „Engsoz“)
Worum es im aktuellen Glaubenskrieg geht, das erklärt folgendes Zitat aus Harald Walachs „Brücken zwischen Psychotherapie und Spiritualität“: „A Catholic knows he is a Catholic. A Muslim knows he is a Mulim. A Jew knows he is a Jew, and a Hindu knows he is a Hindu. Only a materialist doesn’t know he is a materialist. He thinks he is a scientist.“ – Im gegenwärtigen Glaubenskrieg geht es nicht um DEN einen Gott, auch nicht um DIE Wissenschaft, und auch nicht einfach um Besitzstandswahrung, sondern um die Erweiterung des Besitzes an Gut und Geld. Geld, von dem Super-Reiche beispielsweise gerade im großen Stil Land kaufen, ähnlich wie der weiße Mann bei der Besiedlung Amerikas für eine Handvoll Dollar vom „Native American“, dem Indianer, Land kaufte, der gar nicht verstand, wie er etwas verkaufen kann, das ihm nicht gehört.
Mit Glaubenskriegen kennen wir Deutsche uns aus, der bekannteste Glaubenskrieg hierzulande war die Reformation. Sie nahm ihren Ausgang am Ablass, genauer am Ablasshandel, mit dessen Einnahmen der Petersdom zu Rom errichtet wurde. Der Ablass von heute ist die Impfung. Wer sie über sich ergehen lässt, dem wird ewiges Leben versprochen. Derjenige, der sich dagegen entscheidet, ist des Todes, eine Gefahr für die Volksgesundheit, ein Gefährder, ein Ketzer, ein Ungläubiger, praktisch ein Untermensch und so gut wie tot. Wofür die Einnahmen aus dem aktuellen Ablasshandel verwendet werden, kann bisher nur vermutet werden. Möglicherweise für neue, noch perfidere Ablasshändel. Die einmal in Gang gesetzte Spirale ist bereits dabei, sich immer schneller zu drehen, die Abstände zwischen den Impfungen werden immer kürzer.
Der Reformation folgten die Gegenreformation, der Bauernkrieg und später der erwähnte Dreißigjährige Krieg, ein Krieg voller Gräuel. Das ganze währte etwa 150 Jahre. Dem Westfälischen Frieden, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, gingen zweijährige Friedensverhandlungen voraus, so gespalten waren die Kriegsparteien – damals schon. In diesen geschichtlichen Kontexten und auch zeitlichen Dimensionen denke ich mittlerweile, wenn ich an den „Krieg gegen Corona“ denke.
Wallenstein, ein großer Profiteur des Dreißigjährigen Krieges, sagte angesprochen auf die vielen Truppen, die er aufzustellen beabsichtigte, ohne dass er über das dafür notwenige Geld verfügte, sinngemäß, dass der Krieg den Krieg ernähren würde. Und so scheint es mir auch mit diesem Krieg zu sein. Denn auch in diesem Krieg geht es ums Geld. Während weltweit die große Mehrheit der Menschheit immer weiter und schneller verarmt, ist noch nie zuvor eine einzelne Person innerhalb nur eines Jahres um mehr als 100 Milliarden Dollar reicher geworden. Aber nicht nur für Elon Musk ist Corona eine gute Zeit. Die Milliardäre der Welt haben 3,9 Billionen Dollar hinzugewonnen in 2020. Für wen Corona ein einträgliches Geschäft ist, dürfte kaum etwas gegen Corona haben. Vielleicht ginge es mir genauso, wenn ich mit Corona Geld verdienen würde. Da dem nicht so ist, stellt sich mir diese Frage nicht, muss ich sie nicht beantworten.
Ich führe auch keinen Krieg. Ich halte es mit Corona wie Muhamed Ali es mit dem Vietnamesen gehalten hat. Der habe ihm nichts getan, weswegen er nicht einsah, gegen ihn in den Krieg zu ziehen. Ali ging damals ins Gefängnis dafür, dass er nicht gegen den Vietnamesen kämpfen wollte. Heute gibt es bisher „nur“ Geldstrafen, die einen aber schnell in den finanziellen Ruin treiben können, wenn man sich nicht, so wie Ali, fürs Gefängnis entscheidet. Mit Zeitangaben, sowohl was einen Gefängnisaufenthalt, als auch den „Krieg gegen Corona“ angeht, tue ich mich schwer, was daran liegt, dass unsere Zeit schnelllebiger ist als noch zu Luthers, Müntzers und Wallensteins Zeiten.
Nachdem ich vor vielen Jahren, damals aus eigener Dummheit, ich saß im verkehrten Bus, der ins Grenzgebiet zu Griechenland fuhr, die Bekanntschaft mit einem Gefängnis in Bulgarien gemacht habe, ganz genau waren es drei verschiedene Gefängnisse gewesen, kann ich dazu mit Bestimmtheit sagen, dass mich nichts dorthin zurückzieht. Andererseits ist es für mich mittlerweile zu einer Frage der Ehre und auch der Würde geworden, mich in dem derzeitigen Krieg zu positionieren, den man mir Tag für Tag aufs Neue aufzwingt, weswegen man auch hier von Notwehr sprechen kann.
Aktuell liegt wie gesagt ein Krieg gegen Russland in der Luft, wobei hier in Bulgarien der Westen von nicht wenigen als Kriegstreiber wahrgenommen wird. Praktisch so wie früher von Linken im Westen, jetzt wohl eher linken Linken, die in Personen wie Bush, Blair und auch Obama noch Kriegstreiber sahen, wohingegen Biden und auch Gates heute ihre Freunde zu sein scheinen, möglicherweise auch Schwab. Wahrscheinlich glauben die „Linken“ von heute wirklich, dass dieselben Herrschaften, die viele Jahre am Mitverursachen des Klimawandels gutes Geld verdient haben, jetzt ernsthaft mit einem „Green Deal“ die Welt retten wollen. Ganz abgesehen von den Akteuren denke ich, dass man mit der Natur, also mit Gott, grundsätzlich nicht dealt.
Wahrheiten erkennt man nicht daran, dass sie einem gefallen, sondern daran, dass sie wahr sind, genauer: wahrer als andere Wahrheiten. Ein möglicherweise bevorstehender Ablenkungs-Krieg gegen Russland ist eine solche tiefere, wahrere Wahrheit. Und auch, dass ein Bürgerkrieg in manchen Ländern des Westens offenbar bereits begonnen hat, angesichts der sich täglich wiederholenden Auseinandersetzungen auf den dortigen Straßen, beispielsweise Brüssels. Bei beiden Kriegen geht es vor allem um Geld und Gut, auch wenn dies nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Mit einer Impfung kann man viel Geld verdienen, mit einer Impfpflicht mehr, mit einer Dauer-Impfpflicht, einem Impf-Abonnement, noch mehr. Billiges Gas aus Russland ist war gut, selbst die Vorkommen zu kontrollieren oder auch nur sein eigenes Gas zu verkaufen, ist besser.
Das Denken, Urteilen und Beurteilen in Geld ist tief in unser Bewusstsein und Unterbewusstsein eingedrungen. Oskar Wilde beschrieb das Phänomen so: „Heutzutage kennen die Leute von allem den Preis und von nichts den Wert.“
Wohin dieses Denken führen kann, dafür habe ich eine Erklärung in einem Buch gefunden, das als Gesamtwerk erstmals 1922 erschien, also vor genau 100 Jahren. Die Rede ist von Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Das „Schwergewicht“ endet überraschenderweise mit dem Kapitel „Endkampf zwischen Geld und Politik; Sieg des Blutes“. Auch wenn der Schluss insgesamt etwas kryptisch und apokalyptisch klingt, in gewisser Weise erinnert es an die „Offenbarung“, möchte ich ein paar Gedanken aus dem Buch wiedergeben und einige Sätze aus ihm zitieren:
„Die Banken und damit die Börsen haben sich … zur eigenen Macht entwickelt und sie wollen, wie das Geld in allen Zeiten, die einzige Macht sein. Das uralte Ringen zwischen erzeugender und erobernder Wirtschaft (nach Spengler ‚zugleich ein Ringen zwischen Geld und Recht’) erhebt sich zu einem Riesenkampf der Geister, der auf dem Boden der Weltstädte ausgefochten wird. Es ist der Verzweiflungskampf des technischen Denkens gegenüber dem Denken in Geld.“ … „Die Diktatur des Geldes schreitet vor und nähert sich einem natürlichen Höhepunkt …“ … „Der letzte Kampf beginnt, … : der zwischen Geld und Blut.“ … „Das Schwert siegt über das Geld …“. – So weit aus dem zweiten Teil des den fünften und letzten Kapitels vom „Untergang des Abendlandes“, der den Titel „Die Maschine“ trägt.
Was Spengler mit „Denken in Geld“ genau meint, beschreibt er im vorherigen ersten Teil des fünften Kapitels mit dem Titel „Das Geld“ so: „ … an Stelle des Denkens in Gütern tritt das Denken in Geld“, was bedeutet: „Das Wirtschaftsbild wird ausschließlich auf Quantitäten zurückgeführt, unter Absehen von der Qualität, die gerade das wesentliche Merkmal des Gutes ist.“ Was dazu führt, dass: „Wer dieses Denken beherrscht, ist Meister des Geldes. Die Entwicklung geht in allen Kulturen diesen Weg. Lysias stellte in seiner Rede gegen die Getreidehändler fest, dass die Spekulanten im Piräus manchmal das Gerücht verbreiteten, eine Getreideflotte sei gescheitert oder ein Krieg ausgebrochen, um eine einträgliche Panik (sic!) hervorzurufen.“
Spengler führt weitere Beispiele der Menschheitsgeschichte an, unter anderem wie der Finanzverwalter Alexander des Großen für Ägypten mit einer durch Buchkäufe verursachten Hungersnot einen „ungeheurer Gewinn“ erzielen konnte. Eine „einträgliche Panik“, wenngleich nur für einige wenige, die meisten hungerten oder verhungerten einfach, gab es also damals schon, und möglicherweise ist sie nichts anderes als Orwells „kontrollierter Wahnsinn“ oder hat zumindest Parallelen mit ihm.
All dies führt Spengler in „Der Untergang des Abendlandes“ am Ende des vierten Kapitels „Der Staat“ zu folgender Feststellung: „Durch das Geld vernichtet die Demokratie sich selbst, nachdem das Geld den Geist vernichtet hat.“
In dem Zusammenhang fällt mir ein Traum ein, den ich neulich hatte, und dessen Hauptakteure bewaffnete Guerilla-Kämpfer waren. Dazu muss man wissen, dass die Guerilla früher zu den Guten gehörte, beispielsweise ein Che Guevara, und das nicht nur bei den Linken. Viele kennen heute nur noch das Guerilla-Marketing, wofür mitunter ein bekanntes Guevara-Foto herhalten muss, das aber mit der Guerilla von einst und ihrem Befreiungskampf nichts zu tun hat. In meinem Traum gibt es noch die gute alte Guerilla à la Che & Robin Hood, und sie dringt dort in das Schlafzimmer von Mark Zuckerberg ein. Oder war es das von Klaus Schwab? Am Ende ist es egal. Man lässt Mark, oder wegen mir auch Klaus, fünf Minuten Zeit seine Sachen zu packen. Offensichtlich soll er irgendwohin verbracht werden. Wohin ist unklar, spielt in dem Zusammenhang auch keine Rolle. Man will ihm jedenfalls nicht ans Leder, es fließt kein Blut, und man hat auch keine Spritze dabei. Irritierend für mich an dem Traum ist, dass Mark beziehungsweise Klaus gar nicht erstaunt sind, sondern im Gegenteil so tun, als hätten sie irgendwie damit gerechnet. Denn sie sagen beide unisono etwas wie: „Ich wusste, dass es irgendwann so kommen würde – am Ende war ja alles nur geklaut.“
Nachdem, geht es nach Spengler, das Schwert über das Geld gesiegt hat, bleibt noch die Frage nach dem Glauben, oder wie Goethe es im „Faust“ formuliert hat: „Wie hältst du’s mit der Religion?“. Ausgerechnet bei Michel Houellebecq findet sich eine Antwort, die sich wiederum auf Nietzsche bezieht, von dem der französische „Skandalautor“ alles andere als ein Fan ist, eher das Gegenteil. Umso ernster sollte man möglicherweise Houellebecq an dieser Stelle nehmen, wenn er sagt:
„.. dass Nietzsche, wenn er heute lebte, vielleicht der erste wäre, der eine Erneuerung des Katholizismus wünschen würde. Während er damals hartnäckig das Christentum als eine ‚Religion der Schwachen’ bekämpfte, würde er heute einsehen, dass die ganze Kraft Europas in jener ‚Religion der Schwachen’ begründet war, und dass Europa ohne sie verloren ist.“
Einen großen Staat regiert man, wie man kleine Fische brät
Kleine Fische werden unansehnlich, wenn man sie beim Kochen ständig umrührt. Das Volk leidet darunter, wenn man einen großen Staat regiert und ständig die Gesetze ändert. Daher heißt es bei Laozi: „Einen großen Staat regiert man, wie man kleine Fische kocht.“
CRISPR
„Der Weise hat Wissen, aber
er wendet es nicht an.“
Zhuangzi
Warum verwechseln wir das „Sein“ mit dem „Sein des Seienden“, wie der Meisterdenker genau analysiert hat? Und diese Verwechslung dauert nun bereits seit fast zweitausendfünfhundert Jahren an. Wie kam es, dass wir das abendländische Technik-Monster in die Welt gesetzt haben und jetzt seiner nicht „Herr“ werden? Jenes Monster, das in Kronos sein ultimatives Dispositiv gefunden hat und seither seine Kinder frisst. Warum fanden wir es angezeigt, das Sein dem Sein des Seienden zu opfern? Welche Sucht hat da in uns geschlummert und ist grausam erwacht? Uns: das ist der Wille der zunächst kleinen griechisch-römisch-christlichen Weltpopulation zur Welt- und Naturbeherrschung. Die Welt zu etwas Erklärtem machen. Wille, der Wille zum Wissen als Macht ist. Eine Idee, die einem Angehörigen der indigenen Bevölkerung der San oder der Khoikhoi, aber auch einem Hindu, Buddhisten, Daoisten oder christlichen Mystiker nie gekommen wäre. Wir aber „stellen“ die Welt „fest“, machen sie zu einem Gegenüber, zu einem Gegen-Stand, entkleiden sie ihres Geheimnisses. Es bleibt eine schwer zu erklärende Tatsache, warum ausgerechnet im griechisch-römischen Kulturraum die Voraussetzungen der Technik entwickeln wurden und sich von dort aus global verbreiteten. Unsere legitimen Werkzeuge und Hebel wurden zur Prothetik und zu reproduzierenden Maschinen, zur automatisierten Mechanik, die sich schließlich digital verschönert, die sauber ist. Warum ist das schlimm? Weil jene Prothetik und jene Maschinen uns den Weg als Akt stehlen und damit die unmittelbare Sinnhaftigkeit unserer Tuns, die wir zur Erfahrung von Werthaftigkeit brauchen. Ein Tee in der Teezeremonie zubereitet ist nicht das Gleiche, wie sich einen Tee aus dem Automaten zu ziehen oder Wasser über einen Aufgussbeutel zu gießen. Unsere Alltags-Akte sollen dem Tag Farbe schenken, das Zeit-Kontinuum der Dauer eröffnen. Aber wir fürchten die Dauer als mögliches „Welten“ der Welt. Das „Welten“ der Welt wollen wir unter Kontrolle bringen und natürlich da zuerst, wo es uns am gefährlichsten ist: Im eigenen Körper. Der Körper muss ein Modell des Wissens werden, d.h. artifiziell. Wir züchten Organe nach, bauen Kontrollfunktionen ein. Blutdruck, Herzleistung, Verbrauch von Kohlehydraten, Schritthäufigkeit usw. überwachen wir mittels Smart-Watch, also mit Kronos in digitaler und erweiterter Gestalt, wir implantieren Chips. Normal wartet die Natur, der Körper sich selbst. Aber durch unsere technischen Eingriffe entsteht künstliche Wartungsnotwendigkeit und damit Wartungsabhängigkeit. Wer gewährt die kostenreiche Wartung unserer Prothesen und Chips, wer bezahlt sie, und ist das medizinische Personal verfügbar? Zunächst beruhigt uns die Kontrollmöglichkeit des schwer berechenbaren Körperdings. Kontrolle allein genügt jedoch nicht mehr. Wir müssen mittels synthetischer Biologie uns in das körpereigene Programm aller Wesen, ins Genom, einschleusen und dieses umschreiben, um das uns genehme, nicht störende Ziel zu erreichen. Jetzt gibt unser Geist, der ein Geist der Flickschusterei ist, der Natur das Ziel vor. Macht sich zum Herrn. Das nennen wir die CRISPR/Cas-Methode (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats). Wir dürfen den natürlichen Vorgängen keinen ungewissen Ausgang mehr erlauben. Erhofftes Ziel ist totale Kontrolle und Manipulation.
Die Wissenschaft hat noch nie ein „Naturgesetz“ entdeckt, sondern nur, was die Natur als Echolalie auf unsere Fragen und Anwendungen liefert. Die Natur ist Chaos und Unschärfe, ist dionysisch, gewaltsam, ist Schönheit innerhalb einer uns sich entziehenden Ordnung. Darum wollen wir ihr nur erlauben, das zu machen, was wir innerhalb dieser Echolalie nachvollziehen können. Darum müssen wir die Genome aller Lebewesen umschreiben. Nur so gelangen wir zu ungestörtem anhaltenden Komfort. Zur ereignislosen Faulheit.
Technik und Wissenschaft sollten zu Dienern werden, unsere elementaren Lebensvollzüge erleichtern. Aber das Verhältnis hat sich umgekehrt. Jetzt dienen wir unseren Vorrichtungen. Dabei ist die Technik als Techné, als Handwerk und Fertigkeit, als analoge nicht automatisierte Unterstützung manueller Vorgänge, eine der menschlichen Geistesverfassung eigene Qualität und Hilfe. Aber als wir Gott und Schöpfung trennten, in die Einheit Gottes ein dualistisches Prinzip einfügten, entstand die Panphobie und wir versuchten fortan, des Pan Herr zu werden. Tierquälerei zu Forschungszwecken, Massentierhaltung, Lebensraum-Zerstörung, Transhumanismus und künstliche Intelligenz, und das im großen Stil, sind die logischen Folgen und zeigen die vollendete Umkehrung des Herrschaftsverhältnisses zwischen Mensch und Maschine. „Künstliche Intelligenz“ ist eine dem Technik-Programm inhärente Falschmünzerei, und zeigt, dass wir nicht wissen, was echte Intelligenz ist. „Künstliche Intelligenz“ ist in Wahrheit ein hochprimitives auf Kybernetik beruhendes kausales Schaltprinzip. Dumm wie, ja dümmer als Bohnenstroh. Was und wofür forschen wir? Ist Forschung noch ein Gebot der Vernunft und der Freiheit oder dient sie seit langem nur der Durchsetzung unserer kapital-kumulierenden Projekte?
Wer wollte leugnen, dass unser Gegenstandsbewußtsein von Welt, das uns das Sezieren, Verdrahten, Digitalisieren, Neuzüchten, Clonen ermöglicht, uns nicht große Schritte in Medizin, Mobilität und Produktion hat machen lassen. Nur Schritte wohin? Sicherheit und Gesundheit sind nicht mehr die Abwesenheit von Krankheit oder Verbrechen, sondern sind absolute Werte geworden. Als solche funktionieren sie als andauernde fiktionale Nähe. Unser immerwährendes Gegenüber ist die Angst. Die Panphobie hat eine Wandlung durchgemacht. Da die Welt „gestellt“ ist, die Angst aber nicht aus der Welt ist, was sie nur durch vertrauensbildende Maßnahmen wäre, durch Feier und Fest, durch Nähe und Teilhabe, ist sie zum dauerhaften, abstrakten Agens geworden. Unser Bewältigungsmechanismus, die Technik, erschafft uns die Illusion von Sicherheit. Im Hintergrund streiten sich zwei Zeiten: die Zeit des Vollzugs und die Zeit der Schaltungen, oder die erfüllte und die leere Zeit. Die leere Zeit verschlingt den Raum, verhindert, dass die Zeit des Vollzugs Wirklichkeit wird. So hecheln wir ständig jedweder Neuerung hinterher als eines Versprechens der Verortung. Allein, es ist nur eine Geschwindigkeitssteigerung, ein Wahn.
Die Technik ist eine Herrschaftsmetapher. Mittels der Geräte, der Dispositive, bin ich Teilhaber dieser Herrschaft. Wir fühlen uns von dieser Teilhabe ausgeschlossen und bekommen Panik, wenn unser Smart-Phone, unser PC oder unser Auto nicht mehr funktioniert. Die Communio der Herrschaft hingegen macht uns lüstern, feuert uns an, macht uns gierig. Vor den Artefakten einer innovativen Technik machen wir den Kniefall. Gleichzeitig geraten wir stets tiefer in die innere Verwahrlosung. Unser soziales Leben stirbt und mit ihm unsere sittliche Bildung. Wir leben in der Wertleere, in der Aushöhlung von Erfahrung, im Alles und Nichts. Das ist der Boden, auf dem die Technokratie die Herrschaft antreten kann im Verein mit Szientismus als Wissenschaftsgläubigkeit und Monopolkapital. Diese drei zusammen bilden das böse Triumvirat.
Die Technik hat zur Bedingung der Möglichkeit, wie oben gezeigt, die Welt als Erklärte. Wir müssen über die Welt geistige Verfügungsgewalt erlangen, eh wir sie in unsere Installationen und Programme hineintreiben können. Aber wie wird die Welt zu einer Verfügbaren? Dafür ist unser Verhältnis zum Körper entscheidend. Man nehme als Beispiel die weibliche Brust. Wie anders ist unser Verhältnis zu ihr als Liebhaber, als Frau, die sich ihrer Schönheit freut, als Säugling, als Arzt. Einmal ist sie Zauber, dann Nahrung, dann simples kausal-mechanisches Prinzip. In der Mammografie wird sie Objekt des Wissens. Wir haben die Welt mammografiert. Sie liegt vor unserem kaltem Blick hingestreckt da. Wir sind ihr keinerlei Dank schuldig. Sie ist ihrem Geheimnis entblößt. Entblößung ist unser Projekt. Da kommen wir nicht heraus, es sei denn wir bauen neues Vertrauen auf. Ein tiefes, seinbegründetes: Die Akzeptanz des Schleiers. Was wir anders der Natur, den Tieren, den Pflanzen, den Dingen antun, tun wir uns selbst an. Die Einheit Gottes, des Seins, mit der Welt ist aufgekündigt zugunsten einer für unsere Greifwerkzeuge totalen Verfügbarkeit. Aber jetzt, nach so vielen Jahrhunderten, schlägt das System zurück. Wir selbst sind Teil der Verfügungsmasse geworden. Unsere Körper gehören uns nicht mehr. Der Organhandel floriert, Impfzwang und Totalüberwachung sind die Folgen der in unser kleines Ein-mal-eins verfrachteten Schöpfung. Kein Gott spricht mehr darin. Aus Pan-Phobie ist Pan-Optik geworden. Bleibt die Frage, wer ist hier Überwacher und wer Überwachter. Die Natur zu erklären durch eine angebliche Entschlüsselung eines ebenso angeblichen Codes, ohne zu merken, dass es sich hier um unsere arg beschränkten und simplifizierenden Beschreibungswerkzeuge handelt, ist eine spezielle Art von Dummheit, Dummheit als Hybris und Machenschaft.
Geben wir es zu, wir wissen, dass etwas falsch läuft. Allein, wir wissen nicht was. Probleme mit dem Klima, mit den Ressourcen stoßen uns mit der Nase drauf. Es hat vor fast zweitausendfünfhundert Jahren begonnen, als wir uns kraft unseres Willens zur Macht entschieden, das Sein mit dem Sein des Seienden zu verwechseln, woraufhin sich die abendländische Installationswut Bahn brach. Das ist der griechisch-römische Sonderweg, der das politische Christentum als Blaupause benutzte. Zur technischen Installation gesellten sich Bildung und Erziehung. Der Seins-, der Götter-, der Gottesbezug musste nicht mehr bemüht werden. Die klare Zweiteilung von Gott und Schöpfung öffnete, wenn Gott erst abgetan war, Tür und Tor. Darin konnten wir nach Herzenslust operieren, sezieren, installieren. Schöpfung musste nur noch Natur und Wissenschaft Naturwissenschaft werden. Warum würde sich bei uns ein Angehöriger der indigenen Bevölkerung der San oder der Khoikhoi nicht wohlfühlen? Er würde denken, er sei in der Hölle. Keine Feier, kein Fest, kein Opfer, keine Dankbarkeit, keine Verneigung vor Bruder Tier und Bruder Pflanze, keine Ehrfurcht vor dem Göttlichen, sondern Zerstörung der Natur, Vereinsamung der Menschen, Quälerei der Tiere, Sinnlosigkeit des Daseins, Verlorensein an die Arbeit, was reziprok ist zu dem Verlorensein ans Geld, an sinnlose Produkte, an Bildung, die nichts als Nutzanwendung für all das oben Genannte ist. Wie könnte ich jenem Indigenen der Khoikhoi oder der San, wie könnte ich Zhuangzi oder Buddha oder Christus klarmachen, dass wir nicht in der Hölle sind?
Walter Thümler, März 2022
In der Steilwand
Der Titel des neuen Gedichtbandes von Michael Fruth, ENG. WEIT. HIER. NOCH, könnte die deutsche Lyriklandschaft charakterisieren, in die er ein markantes Wegzeichen einrammt. Der Autor ist bescheidener, nennt das Buch eine „poetische Autobiografie“, und doch ist diese nicht nur subjektiv und singulär, sondern repräsentiert zugleich Gesellschaftlich-Historisches und Allgemein-Menschliches. Der Titel des neuen Gedichtbandes von Michael Fruth, ENG. WEIT. HIER. NOCH, könnte die deutsche Lyriklandschaft charakterisieren, in die er ein markantes Wegzeichen einrammt. Der Autor ist bescheidener, nennt das Buch eine „poetische Autobiografie“, und doch ist diese nicht nur subjektiv und singulär, sondern repräsentiert zugleich Gesellschaftlich-Historisches und Allgemein-Menschliches. Die ersten drei Einsilber des Titels gewinnen durch den Punkt eine Härte und Prägnanz, die auf Existenzielles schließen lässt. Alle vier enthalten jedoch auch so viel Suggestivität, dass sich hinter jedem Definitionskreis neue Horizonte öffnen. Das Fehlen des Punktes nach „NOCH“ verweist auf solche Offenheit. Der Titel ist daher Programm nicht nur im Inhaltlichen, sondern auch bei der Kompositionsweise. Fruth folgt Ezra Pounds bekanntem Diktum „Dichten = condensare“, indem er in diesem Spätwerk Erlebtes auf seine Essenz zurückführt, sprachlich, bildlich, emotionsbezogen, wobei die Narrativität einer Autobiografie auf Blitzlichtaufnahmen einzelner Szenen, Erinnerungen und Eindrücke reduziert wird. „In der Steilwand“ etwa beschreibt die von einem Haus nach der Bombardierung übrig gebliebenen Trümmer: „Darunter ragte ein Rest vom Boden, / aus dessen Kante Stroh hervorkam / und aufgewelltes Stragula, / Platz für ein Paar Schuhe und / einen, der sehr aufrecht steht“. Dieser Schluss verschlägt einem den Atem, wie überhaupt viele der Gedichtabschlüsse an die Wucht der Coda-Couplets von Shakespeare-Sonetten erinnern. Die Angst vor dem Absturz, dem passionierten Bergsteiger Michael Fruth wohlbekannt, erfasst hier das ganze Leben, die ganze Kunst.
Fruth ist in der anglo-amerikanischen Dichtung zu Hause, und seine Verwendung von Freivers und open form lassen einen oft an die amerikanische Tradition seit William Carlos Williams denken. Hierzu gehört die Vorstellung von Dichtung als nicht abschließbarem Prozess. Fruth revidiert seine Texte immer wieder, selbst wenn sie bereits publiziert wurden: seine Internet-Lesung beim Leipziger Literaturverlag wich an vielen Stellen von der gedruckten Fassung ab. Wie um dieses Prinzip zu illustrieren, enthält der vorliegende Band zwei Versionen desselben Gedichts, „Nachfolge“, einmal in knapperer Form im ersten Teil, „ENG.“, im Kontext von Familie, Herkunft, Nachkommen; zum anderen etwas ausführlicher im Schlussteil, „NOCH“, im Kontext von Tod und Vergänglichkeit. Beide Male ist die Platzierung plausibel.
Kindheit, die erste „Station“, beginnt bereits mit der unehelichen Zeugung, die „in alchemistischem Eifer/ einen Fremden mit fremdem Geschick“ schafft, dazu eine schwierige Mutterbeziehung, auch die unausweichliche Vatersuche, einen Fremden, der die Unentschiedenheit der Mutter potenziert, sich „in diese Mischung aus Ja und Nein / in jener nicht mehr jungen Frau“ zwängt. Der Lebensbeginn wird im Titel des ersten Gedichtes „bezeugt“: die Identitätssuche wird zu Thema und Text. Wie Kurt Vonnegut als junger Kriegsgefangener erlebt der Autor als Einjähriger die Bombennacht von Dresden. Mit dem Gedicht „Slaughterhouse“ spielt er auf den großen Anti-Kriegsroman des Amerikaners an. Dessen nivellierender Kommentar zu jedem erzählten Todesfall, „so it goes“, findet hier ein Äquivalent im Takt des Maschinengewehrfeuers der Tiefflieger: „dein Leben und deins ist weniger wert als / dasdasdasdasdas. / Und das“. Auch die kindliche Angst im dunklen Kohlenkeller wird erinnernd lebendig, „Nicht nur, wenn ein besonders / stumpfes Schwarz erscheint / wie neulich abends am Berggrat // im klobigen Karst der Fleck / aus weicher Erde, so sinnlos / weit über höchstem Grün“; sie wird hier aber zugleich in ein Gemälde aus Farben, Alliterationen und Assonanzen sublimiert, wie sie immer wieder in diesem Buch erstehen.
Die epigenetische Forschung hat gezeigt, dass frühkindliche Traumata später nicht etwa Ängstlichkeit, sondern Risikobereitschaft hinterlassen. So mag man schließen, dass Fruths Weg vom Dresdener Feuersturm über das Berlin der Kindheit notwendig in die Abenteuerreisen späterer Jahre geführt hat: ein Jahr auf der Panamericana, jener längsten Straße der Welt, die den amerikanischen Doppelkontinent von Alaska bis Feuerland verbindet, drei Jahre in Indien, wo die Begegnung mit dem Fremden zur Erkundung des fremden Selbst werden sollte, dazu andere Länder, die ihre Erinnerungsspuren hinterlassen. Dies ist das Thema der zweiten Station, „WEIT.“, deren Titelwort verbatim und metaphorisch zu verstehen ist. Bei den Gedichten, die die Erinnerungen an Indien aufgreifen und transformieren, steht nicht der Poona-Aufenthalt des Dichters im Mittelpunkt, sondern die Begegnung mit den Obdachlosen, den Entstellten, den Leichenverbrennungen, aber auch, humorvoll und selbstironisch, mit dem Abjekten, wenn in dem die Yoga-Studien parodierenden Gedicht „Unterweisung“ der Besuch einer Bahnhofstoilette geschildert wird: „wo der Einbein-Stand mit Rückenbeugung / und Spreizknie so lang zu halten ist, / dass man ums Gleichgewicht kämpfend / manchmal den schwebenden Fuß / so hastig senkt, dass beim Auftreten / die stinkende Brühe hochspritzt; / dort wurde für billiges Entgelt / die wahre Achtsamkeit gelehrt“. Das Schockierende, Erschreckende, Furchteinflößende dringt immer wieder aus der Erinnerung herauf – Raub, Tierquälerei, Ungeziefer, aber auch die Schönheit und Unergründlichkeit der gesehenen Landschaften, wie in dem als durchlaufende, einzige Spalte gedruckten, fast interpunktionslosen Gedicht über die „San Andreas Fault bei Point Reyes“. Die formale Raffinesse, zum Beispiel der Verzicht auf Kommata (wie etwa bei William S. Merwin), lässt Ausdruck und Aussage zusammenfließen, wie in der Apokoinu-Konstruktion „Angeblich bewegt man sich / vorwärts und gleichzeitig / wächst irgendein Gegenteil mit / jedem Verlust und Verzicht / läuft eine zweite Zeit / weiter und ab“.
Das Verhältnis von Erleben, Zeit und Erinnerung bestimmt das ganze Buch und somit auch die dritte „Station“, HIER. Es wird zum poetologischen Programm: „Einen Stein werfen / in sandige Zeit ein Netz / in die Trockenheit / dass es hallt oder / knistert und ruht …“. Dieser Teil widmet sich dem Thema des Wurzelschlagens, zum Beispiel dem Ankommen des Autors in Oberbayern, wo er seit langem lebt (in der Nachbarschaft einer Sprache, der er 1980 in den zusammen mit C.-L. Reichert verfassten, großartigen Mundartgedichten von Ois Mindnand ein Denkmal gesetzt hat). HIER. weist immer wieder solche Hinführungen zur eigenen Praxis auf: „Bis der Morgen / die Dinge einzeln / benennt und verkennt“, oder „Worte zu suchen zumindest / für die schnelleren höheren Wolken … und für den Mittelpunkt / einer Leere, bevor er / gerinnt zum Ding / mit Namen“. Die schwebenden Zeilenbrüche verstärken die Spannung zwischen, wie goethesch gesagt wird, Dauer und Wechsel, zwischen Erinnern, Assoziieren und Benennen. Hier, in der bayerischen Landschaft, mischen sich andere Dimensionen ein. So in „Zeitmaße“: „Nichts als / der Takt des Felslebens / ist geblieben, der uns / gelassen übergeht“ – Zeilen, deren Rhythmus die erste Duineser Elegie aufruft: „Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen.“ An die Stelle des Exotisch-Fremden ist hier das Fremd-Vertraute getreten, nicht minder schmerzlich – „Eingedampftes Erleben … / … Es trägt bitter am Versagen und Entsagen“ –, aber im Angesicht des Erhabenen, Zeitlosen und sich dennoch Wandelnden – „Fels lädt Flechten ein wird Nahrung / wird Staub wird Stein“ – wirkt „Dichtung als Ampelschaltung / im Gedankengetöse“ („Bodensatz“) nahezu hilflos, als menschengesetzte, fast vergebliche Ordnung. Zu den kräftigen Naturbildern (Fruth ist auch Maler und hat wundervolle Naturfotografien geschaffen) gesellt sich „Das Leben der Dinge / die sich selbst gehören“: „Ein Hausschuh / die Nase zum / Schnabelschuh gekrümmt“. Auch diese werden zum Übergang, zur Schwellenerfahrung im wörtlichen Sinn: „Wirst dich später / nur erinnern an / die Schwelle mit Schuh / und die Klinke mit Hand“.
Damit sind wir im Übergang zur letzten Station, NOCH, die, wie der Umschlagtext signalisiert, „Nahtod & Sterben“ thematisiert. Nicht nur das Sterben von nahen Angehörigen – „Er schaut von unten / auf mich herab, / drei Finger winken / meiner Hand“, sondern auch das Massensterben am 11. September 2001 oder in Srebrenica, gar im Holocaust, in Fotografien vermittelt. Dabei überlagern sich fremdes und eigenes Erleben, und immer wieder in diesem Buch auch fremde und eigene Texte, wie in „Überlagert“: „Botho Strauß, wie er / Robinson Jeffers hochleben lässt, wie / der / seine Frau vor dem Haus … sitzen / sieht, /die ihren Tod in sich wachsen spürt wie / ein Kind … so sehe / ich / meine Frau in diesem Sommer, wie / sie nacheinander / den Sohn / den Bauch / die Hände / die Zartheit und / den Augenblick abstreift“. Verlusterfahrung und literarische Verlust-Versprachlichung stellen diese Gedichte in eine intertextuelle Reihe, durch die sich der Autor als im Gespräch mit der (nationalen und internationalen) literarischen Tradition befindlich bekennt. „Das Verrückte bei / dieser Zugfahrt durch die Zeit sei, dass sie / stehen bleibt, kaum dass man aufspringt“. Zeit, Raum und Figuren, wie in einem Drama, machen dieses Buch zu einem denkwürdigen Erlebnis.
Michael Fruth: Eng. Weit. Hier. Noch : Gedichte. Leipzig: Leipziger Literaturverlag, 2021. 104 Seiten, 19,95 Euro. ISBN 978-86660-269-4
TONTICS SEGEN DES EXILS
DIE WUNDER DES SPÄTEN SOMMERS
Stevan Tontic, der wohl bedeutendste serbische Dichter der Gegenwart, ist plötzlich verstorben. Er war mein langjähriger Wegbegleiter und Freund. Nein, ich kann keine Lobrede post mortem für liebe Menschen schreiben, denn bei solch einer Rede dringt stets auch ein Fünkchen Eitelkeit der Lebenden durch. Er schrieb über mich und ich schrieb über ihn. Anstelle von in memoriam überliefere ich lieber ein paar Fragmente, die im Laufe der Jahre und Jahrzehnte unseres Lebens aufgeschrieben wurden.
Die Chronisten der Belagerung von Sarajevo vergessen nie, die Tatsache zu erwähnen, dass die Koryphäen dieses schändlichen Attentats auf die Stadt serbische Schriftsteller waren. Da aber das Böse immer eine durchdringendere Stimme hat als das Gute, erwähnen heute nur wenige Menschen jene brillanten serbischen und kroatischen Schriftsteller, die sich dieser wahnsinnigen Plage widersetzten, nur noch wenige erinnern sich an die, die sich gegen den Ruf der Kriegsposaunen und die Perversion des Tötens auflehnten. Solche Leute waren auf allen drei brüderlichen Seiten das Ziel nationaler Verfluchungen, doch sie verteidigten eigentlich die Zivilisation, nämlich civis Sarajevo – die Bevölkerung; sie waren in den entscheidenden Momenten der einzige Beweis dafür, dass die Stadt überleben und fortbestehen kann, denn die Stadt war schon immer ein Ausdruck von Pluralität, Vielfalt und ein Mittelpunkt größter kreativer Potenziale des Menschen. Ihretwegen, dank dieser paar Menschen, dachte ich oft, ließ das westliche Bündnis die im Krieg vorbereitete Teilung des Landes nicht zu, weil gerade sie es waren, die in der Defensive der Zivilisation standen, an der Schwelle, die die Kultur von der Barbarei trennt.
Einer von ihnen ist der Dichter Tontic (Grdanovci, Sanski Most, 1946). Dichter, Prosaautor, Essayist, Redakteur, Anthologist, Übersetzer aus dem Deutschen. Tontic studierte Philosophie und Soziologie in Sarajevo. Anfang 1969 war er für kurze Zeit Chefredakteur der Studentenzeitung Naši dani und später Mitglied der Redaktion der Jugendzeitschrift Lica. Mitte der 1980er Jahre wurde er Chefredakteur der Zeitschrift Život, und am längsten arbeitete er als Redakteur beim Verlag Svjetlost. Den Zeitraum von Mai 1993 bis Ende 2001 verbrachte er im Exil in Deutschland, dann ließ er sich wieder in Sarajevo nieder, wo er heute als freiberuflicher Schriftsteller lebt. So lautete eine kurze und trockene biobibliografische Notiz. Aus ihr geht nichts vom Drama eines in die Literatur hinein wachsenden Lebens hervor, so wie auch die Literatur selbst oft, in Sehnsucht nach der reinen Form, die zahlreichen Nebenarme und Gänge des Lebenslabyrinths übersieht.
Das poetische Werk Stevan Tontics entstand und pulsierte in einem Zeitraum von fast vierzig Jahren, seit Beginn der siebziger Jahre, als sein erstes Buch veröffentlicht wurde, bis heute, wo der Autor sozusagen in voller Schaffenskraft und auf dem Höhepunkt seines kreativen Könnens stand. Zehn Gedichtbände sind nicht viel für vier Jahrzehnte, sieht man es vom Standpunkt moderner Textproduktion aus, aber es geht hier um ein Prinzip der Strenge und eine ihm eigene Ökonomie des Ausdrucks; Tontic reihte sich vom ersten Moment an als ein Priester der Poesie ein, der das Schreiben von Versen als eine spirituelle Erfahrung ersten Ranges betrachtete, und der, wie es der Titel eines seiner frühen Bücher ausdrückt, mit einem Gedicht „lästert und heiligt“.
Diese Heiligsprechung durch Lästerung erinnert uns an den magischen Baudelaire, aber in einer modernen Tonart. In Tontics ersten Büchern dominieren Töne von Zynismus und Ironie, die diese „Wissenschaft der Seele“ prägen und abrunden, diese „lustigen Geschichten“ über die Eitelkeit und Absurdität unseres sterblichen Daseins. Die Poesie trug sich als eine „geheime Korrespondenz“ zwischen Engel und Teufel zu. Seine Verse streben nach Kunstfertigkeit, scheuen aber nicht die Realität. Obwohl er informell zur Gruppe der „Schicksalhaften Jungen“ gehörte, unterschied sich Tontic von den meisten von ihnen durch seine große Gelehrsamkeit und sogar durch seine spezifische „Salon“-Kunstfertigkeit. Er etablierte sich zudem als glänzender Kritiker, Anthologist und Intellektueller, dessen diskursives Engagement seine Poetik und Poesie begleitete und „ergänzte“, die jederzeit bereit war, zu überraschen und zu schockieren. Von Anfang an zog der Autor die Aufmerksamkeit der Literaturkritik auf sich und seine Bücher wurden mit bedeutenden Preisen gekrönt.
Seine poetische Metamorphose erlebte Tontic im Kriegs-Sarajevo, wo er ein Jahr verbrachte. Die Realität des Mangels und die Landschaft der Verwüstung fließen in seine Verse ein, aber sie umreißen noch deutlicher den Glanz des Humanismus, „Glanz und Wunde“, wie der Dichter Veselko Koroman sagen würde. Zu Beginn der Belagerung Sarajevos schrieb Tontic einen Brief an die Stadt Belgrad, und die Worte dieses Briefs klingen noch heute kraftvoll wie ein Psalm: „Unsterbliches Belgrad! Ich flehe dich an, mit den Tränen einer halben Million Einwohner Sarajevos, dass du dich sofort, zu dieser Stunde, entscheidest, die Stadt Sarajevo zu retten. Wenn die Stadt Sarajevo stirbt, liebes Belgrad, dann wird sich die Schlinge des Hasses und Untergangs um dich zusammenziehen“ (Književna rec, Juni 1993). Das kriegerische Belgrad hörte jedoch nicht auf die Stimme Tontics, sondern auf die von Karadžic, Nogo und Crncevic. Deren Scheltrede, serbische Mütter hätten sich an der Niederlage der Serben schuldig gemacht, „weil sie sich äußerst unpatriotisch verhielten und feige ihre Söhne versteckten, da sie nicht bereit waren, sie für das Serbentum in den Tod zu schicken“, kommentierte Tontic, indem er sagte, er bezweifle, dass „jemals irgendwo in der weißen Welt eine solche Anklage aus der Feder eines Dichters kam“.
Mit seinen Nachbarn, vorwiegend Bosniaken, verbrachte er das erste Jahr der Belagerung und schrieb Verse, in denen die Güte triumphiert, in denen der „Akt gefesselter Hände“ verherrlicht wird, die Pracht des Mangels im Angesicht des Todes. Sein ironischer Ton ging verloren und verwandelte sich in eine Art Frömmigkeit und Reue. Im Buch Handschrift aus Sarajevo, sagt Jasmina Lukic, „wird die Stimme desjenigen wahrnehmbar, der nicht damit einverstanden ist, dass er höher oder niedriger taxiert wird, statt ihn als das zu definieren, was er ist: ein Mann, allein, mit einem Namen und nur einem einzigartigen Leben im Chaos des Krieges“. Diese neue „Beschreibung“ der Realität bei Tontic ist auch der Anfang einer Poetik der Verzweiflung und Resignation über die Welt und den Menschen, der, wie der Dichter in einem Gespräch sagte, ein „kosmischer Exzess“ sei, „eine Spezies, die sich selbst zerstört“. Die Erfahrung eines serbischen Dichters in einer Stadt, die unaufhörlich von der serbischen (Para-)Armee mit Granaten beschossen wird, hat jedoch auch eine andere, weniger romantische Seite. Folgendes bezeugt der Dichter über diesen Kreuzigungszustand in seinem essayistischen Text „Kriegs-Antikriegs-Brief“:
„Als mir bald klar wurde, dass diese Hölle, in der wir gelandet sind, andauern würde, und dass auch ich selbst ein ziemlich sicherer Kandidat für den Tod war (so wie jeder Bürger Sarajevos und, wenn Sie erlauben, als Serbe noch ein bisschen sicherer), musste ich in irgendeiner Weise mein Verstummen, meine absolute Hoffnungslosigkeit überwinden. Das heißt – versuchen, über sie Zeugnis abzulegen. Mindestens das, mindestens so viel. Wenigstens, um eine klare menschliche und dichterische Spur zu hinterlassen. Damit jeder – wenn ich nicht mehr unter den Lebenden weile – sehen kann, wie ich mich am ,schrecklichen Ort‘ verhalten habe. Als Mensch oder als menschlicher Lumpen, als Dichter oder als Lobgesang mörderischer Heldentaten. Als Persönlichkeit, die den Kern ihrer Menschlichkeit und ihrer Sprache (doch unzerstörbar!) verteidigte, oder als Verräter an seinen Freunden und an sich selbst, als Verräter am Schönsten in uns. Als ehrlicher und glaubwürdiger Zeuge der Schrecken und dieses ganzen Menschheitsdramas in höllischer Erpressung und Todesbedrohung, oder als Lügner und verkaufte Seele, als letzter propagandistisch verwertbarer Wicht.“
Im belagerten Sarajevo veröffentlichte Tontic im Juni 1992 in der neu aufgelegten Zeitschrift Zemlja einen Artikel mit der Überschrift „Serbe sein“, der Missverständnisse und Zorn bei seinen besten Freunden auslösen und eine bezeichnende Verurteilung des Autors heraufbeschwören sollte. In diesem Text spricht er über Schicksal und Fluch nationaler Zugehörigkeit, tritt aber dafür ein, dass keinerlei Verbrechen auf dem Rücken der Gemeinschaft lasten dürfe. Von seinen Nachbarn als Kollaborateur verdächtigt und von den eigenen Landsleuten zum Verräter erklärt, appelliert er an die Liebe, wohl wissend, dass die Macht der Worte in unruhigen Zeiten nur ein Mittel zur Rettung der eigenen Seele ist. Er sagt in seinem Text, dass die Todsünde und das Versagen der serbischen Politik ein Pakt mit Hochmut und brutaler Gewalt seien, verkörpert durch die Jugoslawische Volksarmee (JNA). Er verurteilt den serbischen Militarismus, analysiert aber auch das Versagen der bosniakischen Politik, erwähnt die Schikanen seiner Landsleute, die in der Stadt geblieben sind und kommt zu dem Schluss: „Ja, es ist wirklich schwierig, ein Serbe zu sein, meine Herren Serben. Erst recht in Sarajevo. Aber es ist immer noch am schwersten, ein Mensch zu sein. Und das ist das Einzige, was Sie tun müssen. Wie sterben. Und jeder Mann – sofern ihm dies vergönnt ist – kann anständig leben und sterben und als – Serbe.“
„Logisch: Ich wurde als Verräter angegriffen und verleumdet, als Diener der muslimischen Regierung in Sarajevo, kein Serbe und dergleichen. Auf der anderen Seite, für die ich eine Art „Dennoch-Serbe“ geblieben war, wurde ich sogar von Freunden als Verteidiger der Cetniks und der Cetnitet (oder Republika Srpska) verleumdet, kein bosnischer Patriot und so weiter. In ähnlicher Weise wurden auch alle anderen (aus allen drei Welten, Völker-Lagern) angegriffen und beschuldigt, die sich nicht als Trompeter des Hasses und Propagandisten des Krieges anheuern ließen; eines Krieges als mächtigstes Mittel der Rassenhygiene, als Mittel der radikalen (in einem Blutmeer) moralischen Wiedergeburt der Nation“, sagt er in dem oben genannten Essay und betont, dass die freiwillige Vertreibung oder das Exil die einzige Rettung sei.
Seine nächste Phase wurde von der Erfahrung des Exils bestimmt, dem „Segen des Exils“, wo sich der Dichter in einer Oase und an einem vor den Schergen sicheren Zufluchtsort seiner Nostalgie und Trauer um die verlorene Geliebte und um die Heimat hingab. Besonders berührend und großartig sind Tontics Liebeselegien, in denen er schreibt, dass er seine Geliebte „von den Schlachtplätzen“ fort trägt, und wehklagt, denn „sie haben mich von Jener getrennt, die ich atme; Todeslieder stottere ich, ohne meinen Himmel und ohne Gestalt“. Im Exil erkannte er, wie unterschiedlich sich die Erfahrungen der Geflüchteten und derjenigen, die in der Heimat geblieben waren, darstellten:
„Ein Mann mit enormer Kriegserfahrung und ein Mann, der den Krieg nicht gekostet hat – sie sind zwei verschiedene Wesen. Wesen, die einander kaum verstehen können, nie voll und ganz und nie bis zum Ende. Das Erlebnis der Kriegsgräuel verändert unsere Grundvorstellungen von der Gesellschaft und vom Menschen, von uns selbst, es stellt das gesamte ,Weltbild‘ auf den Kopf, das in einer Zeit des Friedens und naiver Zukunftsprojektionen errichtet wurde. In der Tollwut eines organisierten, mörderischen, alles zerstörenden Wahnsinns zerfällt all das sofort zu Staub und Asche. Dann gilt es, nicht nur das nackte Leben, sondern auch den Lebenswillen zu bewahren, Geist und Sprache gegen völlige Lähmung und tödliche Hoffnungslosigkeit zu verteidigen. Und das Wichtigste: die eigene Seele nicht an den Teufel zu verkaufen. In absoluter Hoffnungslosigkeit kann man nicht denken und nicht einmal schreiben. Nicht träumen, nicht lieben, nicht singen, nicht atmen.“
Im Exil, dem Paradies seiner Hölle, um mit einer Ujevic-Metapher zu sprechen – ist der Dichter damit konfrontiert, vor einer Wüste zu stehen. Die Welt, die ihm Zuflucht bot, ist nicht seine Welt.
Obwohl er sich als Dichter auch auf Deutsch behauptete, der Sprache seines Exils, wo er eine Reihe bemerkenswerter und von dortigen Kritikern hochgelobter Bücher veröffentlichte sowie mehrere sehr angesehene Literaturauszeichnungen erlangte, träumte er unaufhörlich davon, zu seiner Sprache zurückzukehren, in das Haus seines Kampfes: „Wozu das Leben, wenn ich ein Dichter bin, dem sie die Sprache wegnehmen und vernichten? In der Sprache liegt der Kern, die ganze Kraft und das gesamte Kapital meines zerbrechlichen, noch zu Lebzeiten entwerteten, gleichsam ermordeten Wesens. Und zwar nicht in der Sprache als praktischem Mittel zur Verständigung und Erhaltung der Existenz, sondern in der Sprache als Medium der wahrsten und edelsten, überdies testamentarischen Weisungen und Offenbarungen des Geistes. Der Sprache als bester, sicherster Hüter der gesamten menschlichen Inkarnation in Schönheit, Wahrheit, aber auch im Schrecken des Daseins, als Zeuge jedes bedeutenden Augenblicks aus Leben und Tod, für alle Zeiten.“
So wurde seine Poesie von einer deutschen Zeitung bewertet: „Mag sein, dass diese Strophen auch durch den Kontrast zu der zuvor blutleeren poetischen Umgebung Deutschlands an Durchdringung gewinnen, wo sie wie einsame Felsblöcke wirken, fast unheimlich in ihrer Düsterheit. Darin sind sie der Dichtkunst Paul Celans verwandt, ihrer Tiefe und dunklen Melancholie. Es kommt selten vor, dass uns Gedichte schon beim ersten Lesen im wahrsten Sinne des Wortes erschüttern. Tontic gelingt diese Meisterschaft mit leichter Hand“ (Berliner Morgenpost, 1998).
Ende 2001 verließ Tontic Deutschland nach neun Jahren und ging nach Sarajevo zurück. Diesmal steckte er wie alle Rückkehrer dauerhaft zwischen zwei Welten fest. Unmittelbar nach seiner Rückkehr sagte er mir in einem Interview mit BH Dani, dass er zum Zeitpunkt seiner Abreise nicht geglaubt hatte, jemals wiederzukommen. „Allerdings habe ich nie öffentlich gesagt, dass ich nie zurückkehren würde, weil mir eine solche Aussage etwas unhöflich erschien. Aber in der Stunde, als ich aus dem Höllenkreis herauskam, war ich bereit, nach Grönland oder in die Wüste Gobi zu gehen, nur um Frieden und halbwegs Sicherheit vor zügellosen Landsleuten zu finden – Kriegern, die in den Wahnsinn totaler Verfolgung eingespannt waren und alles niedermetzelten, was nicht auf ,unserer‘ Seite war“. 2014 zog er nach Novi Sad und das war sein letzter irdischer Umzug.
Bei der Nachricht seines Todes erinnerte ich mich an sein Gedicht Grab, das ich hier vollständig wiedergebe:
Auf einem Plateau, bitte
auf einem Plateau,
in klarer Erde,
im geklärten Sternbild.
Im Niemandsland
in klangvoller Leere,
rein von Heimat,
rein von Geschichte.
In Zweiheit mit Jener
die ich liebte
solang ich hier war –
in unerträglicher Freude der Zweisamkeit.
In einem Kristall ohne Namen,
ohne Eigentum.
Zwei Eisberge
in einer Eiskluft
unterm blauen Himmelstuch.
Im klaren Sternenfeuer. Im Abgrund.
Uns gehörend. Ganz bei uns.
Ins Deutsche übersetzt von Cornelia Marks
Bücher von Stevan Tontic im Leipziger Literaturverlag:
wir wollen keine ukraine die kämpft
wir wollen keine toten
wir wollen kein russland das kämpft
wir wollen keine toten
wir wollen keine toten
erst kommen die versteppungen dann die verwüstungen
die spielenden augen der kinder
das gras war schon fort
das zittern in der stimme
kommt von den einschlägen
erklärt er uns
in der stadt wächst die angst
fluchtgedanken nur wenige
wollen bleiben und sterben
es ist ein bisschen wie früher
im winterkrieg
nur dass der schnee langsam taut
die angreifer einmal brüder und schwestern waren
der wald bietet keine
verstecke mehr
sagt er uns und wendet den blick
zu boden
der einmal muttererde hieß
und alle ernährte
wir könnten singen schlägt er uns vor
aber das hilft nicht gegen sterben
und auf einmal singen wir
vom himmel über den kornfeldern
von den kosaken
die ihre mädchen verließen
falken flogen über die dörfer
und schlugen tauben
schöne hinter den bergen hinter dem meer
leuchtet die freiheit
und die augen der kinder spielen weiter
mit dem lange verschwundenen gras
die augen des despoten
gespiegelte landschaften gespiegelte städte
echoräume für die stimmen
der toten
eine liste von namen
keine gräber keine grabsteine
und die augen haben arme
hand
langer
an die strände der vergangenheit
spült sein letzter speichel
den leichengeruch der geschichte
den entkommenen
bleibt einzig die atemlosigkeit
Drehpunkt im endlosen Meer
Nur den Abschied im Blick gehabt,
viel zu lange.
Zeit floss dahin, umfloss den Felsblock mitten im Strom.
Mitte hat keine Ausdehnung. Hätte sie eine, gäbe es die rechte, die linke, die obere, die untere, die vordere und die hintere Mitte.
Der Strom fließt von Pol zu Pol. Brächte man die Pole zusammen, erstürbe Bewegung.
Rasender Stillstand: erstorbenes Drehmoment einer dimensionslosen Kugel.
Doch Kraft beschleunigt Dinge stets linear.
Herz umhüllt Mitte, wird zu ihrem Abbild. Es gleicht, ohne selbst zu sein.
Schläge markieren Dauer, erschaffen Umgrenzung.
Grenzland bleibt Drehpunkt im endlosen Meer gleich gültiger Begehrlichkeiten.
die wanderbewegungen des todes
stimmen wandern
und die tiere ihnen voraus
die auf einer bahre getragene
stimme des todes
durch das tor betrat sie die stadt
ging betteln in allen straßen
bis die menschen ihr gaben
alles geld allen reichtum alles glück der welt
aus dem land der löwen
zogen löwenmenschen nach norden
in kalksteinhöhlen in einem kalten land
zu den bären und tigern
den rehen hirschen und eisvögeln
jagten sie den schnee
in die weiche haut des todes
sinken stimmen
Geising
Die Häuschen in der Talsohle
Werden überragt von Gebäuden : die einst
Das Wohnungsbaukombinat Cottbus
Errichtete : Jungpioniere
Aus dem Norden kehren im hohen Süden
Ein : an der Bergscheide des Zinnwalds
Sich paarweise hochziehen
Zu lassen : die Füße im Schnee
Bewaffnet mit Brettern : die Spaß
Bedeuten : von oben hinab
Sausen wir : bis ich dich aus den Augen
Verliere : kleiner roter Punkt
In der Landschaft : der zum Pünktchen
Wird : da sause ich hinterher
Unten treffen wir uns wieder : um wieder
Von vorn zu beginnen : bis die Fichten
Den Schnee abschütteln wie fleckige
Hunde : unterm Schnee die Kuhweide
Hervorblinzelt : patschig zertreten
Auch das Glitschgeräusch bereitet dir Spaß
Und du bewirfst mich mit Bällen aus Matsch
Origami
Den Spuren der Faltlinien
ohne Anleitung folgend
öffnest du erneut das Papier
Es braucht keine Worte
ein unbeschriebenes Blatt
zusammengelegte Bilder
im Versuch, etwas zu erschaffen
Der Falz reißt
zum wiederholten Male
den Gedankenfaden
Alberiche sind wir
„Und welche Kräfte gibt es in der Welt, die sich Alberich, unserem Zwerg, in seiner neuen Rolle als eingeschworener Plutokrat widersetzen könnten? Schon bald ist er dabei, die Macht des Goldes auszuüben. Für seinen Gewinn sind Horden seiner Mitmenschen fortan dazu verdammt, über und unter der Erde elendig zu schuften, mit der unsichtbaren Peitsche des Hungers an ihre Arbeit gefesselt. Sie sehen ihn nie, ebenso wenig wie die Opfer unserer „gefährlichen Berufe“ die Aktionäre sehen, deren Macht dennoch überall ist und sie in den Untergang treibt. Gerade der Reichtum, den sie mit ihrer Arbeit schaffen, wird zu einer zusätzlichen Kraft, die sie verarmen lässt; denn so schnell, wie sie ihn schaffen, gleitet er aus ihren Händen in die Hände ihres Herrn und macht ihn mächtiger denn je. Sie können diesen Prozess heute in jedem zivilisierten Land selbst sehen, wo Millionen von Menschen in Not und Krankheit schuften, um mehr Reichtum für unsere Alberichs anzuhäufen, und dabei nichts für sich selbst zurücklegen, außer manchmal schreckliche und qualvolle Krankheiten und der Gewissheit eines vorzeitigen Todes. Dieser ganze Teil der Geschichte ist erschreckend real, erschreckend gegenwärtig, erschreckend modern; und seine Auswirkungen auf unser soziales Leben sind so grässlich und ruinös, dass wir nicht mehr genug vom Glück wissen, um uns daran zu stören. Nur für den Dichter mit seiner Vision von dem, was das Leben sein könnte, sind diese Dinge unerträglich. Wären wir ein Volk von Dichtern, so würden wir ihnen noch vor dem Ende dieses elenden Jahrhunderts ein Ende bereiten. Da wir aber eine Rasse von moralischen Zwergen sind, halten wir sie für höchst respektabel, bequem und anständig und erlauben ihnen, sich zu vermehren und ihr Übel in alle Richtungen zu tragen. Gäbe es keine höhere Macht auf der Welt, die gegen Alberich vorgehen würde, wäre das Ende der Welt die völlige Zerstörung.“
Bernard Shaw, Der perfekte Wagnerianer
Dämmerung
„Wir müssen sterben lernen, und zwar sterben, im vollständigsten Sinne des Wortes; die Furcht vor dem Ende ist der Quell aller Lieblosigkeit, und sie erzeugt sich nur da, wo selbst bereits die Liebe erbleicht. Wie ging es zu, daß diese höchste alles Lebenden dem menschlichen Geschlechte so weit entschwand, daß dieses endlich alles was es tat, einrichtete und gründete nur noch aus Furcht vor dem Ende erfand? Mein Gedicht zeigt es.“
Richard Wagner, Brief an August Röckel, Zürich, 25. Januar 1854
Das Ende der Willkür

Als sich der neue König die Krone aufs Haupt setzte, blickte er mit einem Auge auf die Schar der Diener zu seinen Füßen im Saal, die sich, bis die Nasenspitze den Boden berührte, vor ihm verbeugten. Sein anderes Auge ließ den Blick aus dem Fenster schweifen ins weite Land, das nun sein Reich war. Ohne Grenzen erschien es ihm, ihm ergeben, bis zum Horizont, das Volk eine konturlose, knetbare Masse. Seine Fähigkeit, beide Augen verschieden auszurichten, war bemerkenswert: bei gemeinen Menschen wurde sie verächtlich „Silberblick“ genannt, bei ihm galt sie als Indiz eines schlauen Strategen. Er saß noch nicht lange auf den Thron, war dennoch kein junger König, sein verbliebenes stummelkurzes Haar war schon ergraut. Eine Glatze bedeckte die größte Fläche des Schädels. Er hatte bis zur Abdankung seiner Vorgängerin, der Großen Königin, als Schatzmeister gedient. Berühmt geworden war er durch legendäre Ankauf-Verkauf-Geschäfte: Er kaufte den einen drückende Schulden ab und verkaufte die Schulden meistbietend an Superreiche, die damit ihre Steuerlast mindern konnten. Ein Superdeal des Super-Schatzmeisters der alten, schon etwas schwächlich und kurzsichtig gewordenen Königin. Auf diese Weise konnte er trotz Steuersenkung den Staatsschatz steigern und die Superreichen im Reich behalten. Als er nun endlich den Thron von seiner Vorgängerin erbte, bemerkte er, daß sein geliebtes Volk von einer sozialen Krise geschüttelt wurde: einer grassierenden Wohnungslosigkeit.
Tatsächlich besaßen etwa 100 Familien 100 Millionen Wohnungen, die sie an die Wohnungslosen vermieteten. Weil aber die Zahl der Vermieter auf eine derart überschaubare Größe geschrumpft war, hörte die Konkurrenz auf. Sie buhlten nicht mehr um Mieter, sondern die Mieter standen Schlange, um sich auf eine Wohnung oder auch nur ein Zimmerchen zu bewerben. Die Mieten schossen in die Höhe, überstiegen erst ein Zehntel des durchschnittlichen Monatslohns, dann die Hälfte. Als die Mieter etwa drei Viertel ihres sauer verdienten Gehalts den von Monat zu Monat gierigeren Vermietern in den Rachen warfen, wurde die Mehrheit der Wohnungslosen obdachlos. Sie konnte sich die Miete schlicht nicht mehr leisten.
Der neue alte König mit dem bestechend schlauen, einschläfernden Silberblick erinnerte sich an sein einstiges Erfolgsrezept: die Ankauf-Verkauf-Geschäfte. Ich muß nur die richtigen „Anreize“ setzen, sprach er zu sich, dann kommen wir aus der Krise, das garantiere ich. Also bot er allen Vermietern eine Prämie von 50’000 Talern für den Bau einer neuen Wohnung. Zugleich erkannte der raffinierte Fuchs, daß die Konzentration aller Wohnungen in wenigen Händen die eigentliche Ursache des Übels war, und versprach allen Vermietern, die Wohnungen unbewohnbar machten, eine Prämie von 36’000 Talern.
Wunderbar. Es dauerte nicht lange – genauer gesagt, nicht einmal 24 Stunden nach Erlaß des legendären „Doppelanreiz-Gesetzes“ – bis die ersten Vermieter dem Vorbild ihres weisen, schiefäugigen Königs folgten und die Vorteile des Ankauf-Verkauf-Modells für sich entdeckten: Sie bauten neue Wohnungen und kassierten Prämie 1, ließen sie leerstehen, indem sie die Baupolizei bestachen, die sie aus Brandschutzgründen für unbewohnbar erklärten, und kassierten Prämie 2, und vermieteten sie schließlich inoffiziell als Ferienwohnung zu überteuerten Preisen an Obdachlose, deren Miete der Staat übernahm. Auf diese Weise übertrumpften sie die Doppelanreizstrategie ihres alternden neuen König mit einem dritten Faktor. Die Zahl der Vermieter ging zurück auf die zehn schnellsten, die den dritten Faktor auszunutzen verstanden. Die übrigen 90 ehemaligen Vermieter reihten sich ein in die Masse der Wohnungslosen (damit waren die Menschen gemeint, die keine Eigentumswohnung besaßen, falls es der Leser noch nicht bemerkt hat.)
Die Mieter aber drängelten sich und bildeten endlose Schlangen, um auch in den Genuß einer der inoffiziellen Ferienwohnungen zu gelangen. Da kam dem Bauminister eine glänzende Idee, die er dem König für eine außerordentliche Spende verkaufte: Wäre nicht allen gleichermaßen gedient, wenn er per Definition diejenigen, die „nur“ eine Wohnung besaßen kurzerhand zu Wohnungslosen deklarierte, so daß auch sie sich bewerben könnten für die staatlichen Mietzuschüsse?
Ein geniales Modell. Die Verordnung wurde kurz vor Mitternacht erlassen und galt unanfechtbar vom nächsten Morgen an. Die frisch als wohnungslos Deklarierten, die noch eine Wohnung besaßen, durften sich sofort einfügen in die Masse der Wohnungssuchenden. Ihre eigene Wohnung ließen sie „freiwillig“ von der Baupolizei sperren. Die allmählich versiegenden Steuergelder flossen in die Fördertöpfe und von dort geradenwegs auf die Konten der verbliebenen zehn Vermieter, die das Land noch hatte. Den König packte Ungeduld. Endlich müsse ihn das Volk einmal bejubeln für seine Fernsicht, Weitsicht und Umsicht. Obwohl er glaubte, die grassierende soziale Krise zum Wohle aller gelöst zu haben, versammelte sich das Volk auf der Straße. Nein, es brauchte sich nicht einmal versammeln, es war schon da. Denn die meisten Wohnungslosen waren nun obachlos geworden. Ein Sturm der Entrüstung fegte den König vom Thron.
Oder gar nichts
Aufstapeln, abräumen,
die Sorten trennen
des Windes vor gräulichem Gewölk.
Verbiestert die Korken
schließen nicht mehr
Hälse, voll von Trauer.
Es steigt in fein ziseliertem Kristall
der Ängste leichtes Brausen,
stürzt sich auf niemals vergorenes Mohnfeld,
ausreichend für 60 Generationen.
So ist das, und wenn wir nicht abhängig bestreiten
des Steingartens gärende Schwären,
erreichen euch niemals der Leere Verbünde.
Haltet aus,
nehmt Anteil und säget verwegen
am Ast, eurem Sitz!
Echo auf: Ilja Repins Bild „Unerwartet“
Es ist ein Nachmittag wie jeder andere, die Kinder des Hauses sind im Wohn-Esszimmer und machen ihre Hausaufgaben, die Mutter spielt Klavier und die Großmutter beaufsichtigt die Kinder, die ihre Hausaufgaben machen und nicht spielen, in diesem Moment geht die Tür auf, die beiden Hausmädchen lassen einen Mann herein, die beiden Frauen befinden sich in einem Zustand der Wachsamkeit, eine Mischung aus Unsicherheit und Zweifel, ob es richtig war, den Mann hereinzulassen. Eine ältere Frau, bei der es sich wahrscheinlich um die Mutter des Mannes handelt, stand auf, um zu sehen, ob der Mann, der plötzlich hereinkam, ihr Sohn war, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Man kann sehen, wie ängstlich sie ihren vermeintlichen Sohn anschaut, man kann sogar erkennen, dass ihre linke Hand zittert. Auf dem Tisch, über die Tischdecke gelehnt, die, so wage ich zu behaupten, die Farben der Flagge der ehemaligen Sowjetunion trägt, steht ein kleines Mädchen, das den Gast mit ängstlichen, verstörten Augen anschaut, es könnte ihr Vater sein, ihr Onkel, ein Mann, den sie vielleicht noch nie in ihrem Leben gesehen hat. Rechts neben dem Mädchen sieht man das begeisterte Gesicht eines Jungen, der ihn im Gegensatz zu dem Mädchen zu kennen scheint, vielleicht aus den Erzählungen seiner Großmutter, Mutter oder Tante oder von einem Foto, das ihm eine von ihnen gezeigt hat. Im Hintergrund ist eine Frau zu sehen, anscheinend jünger als die andere, sie könnte die Frau des Mannes sein, der hereinkommt, oder seine Schwester, sie sieht ein wenig überrascht aus, ja, noch mehr als das, sie gibt uns den Eindruck, als ob sie sich selbst fragt: Was macht er hier? Wie kommt es, dass er so aus dem Nichts auftaucht? Wo war er die ganze Zeit über? Der hagere Mann mit den abgetragenen Stiefeln und dem etwas ramponierten Mantel hat Augen, die vor Erstaunen und scheinbarer Freude funkeln, und dieses Spiel der Blicke setzt sich bei der älteren Frau fort, die seine Mutter sein könnte. Wir sehen auch einen Mann, der Furcht und Angst zeigt, dem der Stempel des Leidens und der Bewährung ins Gesicht gedrückt wurde.
Milagros de la Matta
Die jüngste Tochter am Tisch
Mama hat gemeint, ich solle jeden Morgen schreiben üben. Sie sagt, es sei wichtig, dass Mädchen Schönschreiben lernen und gut in der Schule sind. Paul diktiert mir immer Geschichten oder Briefe. Ich höre die Tür knarren. Paul springt hoch und schubst mich. Ich schaue böse zu ihm auf, aber er sieht mich gar nicht an. Warum freut er sich so? Ich drehe mich zur Tür. Da steht ein Mann und schaut Mama erschrocken an. Warum macht er so große Augen? Er sieht so alt aus. Und Mama guckt auch so erschrocken. Er sieht aus wie ein Bettler. Was will er bei uns zuhause? Wird Mama ihm Geld geben, wie den Bettlern auf der Straße? Soll ich ihm die neuen Socken geben, die ich gestrickt hab? Mama hat gesagt, wenn ich die fertig gestrickt habe, soll ich mit ihr mitkommen und sie armen Menschen geben. Aber ich bin noch nicht ganz fertig. Wird er froh sein, wenn er die bekommt? Es fehlen noch fünf Reihen. Nein, vielleicht auch nur vier. Warum weint Mama denn?
Anastasia Keller
Die Rückkehr
Ich habe mir ständig eingeredet, dass ich zurückkehre, obwohl ich es gar nicht vorhatte. Jedes Jahr habe ich zu mir selbst gesagt, wenigstens komme ich mal vorbei, um zu sehen, wie sich die Stadt verändert hat.
Zwanzig Jahre sind vergangen, und jetzt bin ich da. Dort, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin.
Ich habe die ganze Welt bereist. Ich war auf allen Kontinenten, außer in der Antarktis. Nach dem Studienabschluss habe ich mich dem Roten Kreuz angeschlossen und die Möglichkeit bekommen, Afrika zu sehen. Das ist etwas, was ich nie vergessen werde. Nicht nur weil die Natur einfach atemberaubend ist, sondern auch weil ich die andere Seite des Lebens in dieser Welt gesehen habe. Und leider ist sie nicht schön. Die andere Seite ist Armut, Not und Leiden. Zuerst konnte ich meinen Augen nicht glauben. Ich konnte einfach nicht begreifen, warum so viele Menschen in solch schrecklichen Verhältnissen wohnen müssen und warum es im 21. Jahrhundert noch Kriege gibt. Ich erinnere mich daran, wie ich Verwundete und Kranke behandelt habe. Ich erinnere mich daran, wie ich verwaisten Kindern Essen gebracht habe. Ich erinnere mich an ihre Augen und daran, wie sie mich gefragt haben, wann ihre Eltern zu ihnen kommen. Und nie konnte ich die Antwort geben. Ich habe es einfach nicht gewagt. Ich weiß nicht, ob sie sich an die russische Krankenschwester mit blonden Haaren noch erinnern, ob ich ihre Herzen berührt habe. Ich weiß aber, dass sie in meinem Herzen geblieben sind. Jedes Mal, wenn ich sündige, indem ich denke, das Leben sei zu schwierig und könnte doch ein bisschen besser sein, verbanne ich diesen Gedanken aus meinem Kopf. Ich habe doch alles bekommen, was ich mir je gewünscht habe.
Nach einigen Jahren in Afrika war ich in Europa. Ich habe die Zeit dort ganz ruhig verbracht. Sowas wie Partys, Bars oder Klubs hat mich eigentlich nie interessiert. Ich habe nie Alkohol getrunken, mich in Räumen, wo es viele Menschen gibt, immer unwohl gefühlt, und die moderne Musik, die alle so toll fanden, hat mir nie gefallen.
Ich war immer eine Außenseiterin, aber das hat mich nie gestört. War ich einsam? Die meiste Zeit. Habe ich darunter gelitten? Nie. Ich habe meine Einsamkeit genossen, ich habe sie geliebt.
„Einsamkeit ist Unabhängigkeit, ich hatte sie mir gewünscht und mir erworben in langen Jahren. Sie war kalt, o ja, sie war aber auch still, wunderbar still und groß wie der kalte stille Raum, in dem die Sterne sich drehen“.
So wurde meine Einsamkeit etwas, worauf ich auf keinen Fall verzichten wollte. Allein bin ich durch ganz Europa gereist, habe viele nette Menschen kennengelernt, gute Bücher gelesen und mir noch einige Sprachen beigebracht. Und ich habe nie aufgehört zu schreiben. Nur Papier konnte mich völlig verstehen und hatte immer Geduld mit mir.
Ich habe immer gedacht, diese Einsamkeit, die ich so geschätzt habe, war nur für mich. Und plötzlich hat es sich herausgestellt, dass man sie mit einem Anderen teilen kann. Die deutsche Sprache hat dafür ein wunderschönes Wort. Es war nicht mehr Einsamkeit, die wir geteilt haben, es war unsere Zweisamkeit. Mit diesem Menschen habe ich meine Reise fortgesetzt. Ich wollte die Welt sehen. Aber ich habe verstanden, dass ich sie nicht mehr allein sehen wollte. Ich wollte alle Eindrücke und Erinnerungen mit diesem einzigen Menschen teilen. Ich wollte, dass meine Notizen und Gedichte von ihm gelesen werden. Ich wollte, dass er mich etwas Neues lernen sieht. Er war für mich mein zweites Ich, eine männliche Version von mir selbst.
Nordamerika und Südamerika waren wunderbar. Ich würde gerne noch mal zurückkehren, und das werde ich tun. Ich muss noch meine Freunde in Australien besuchen. Sie warten schon seit Jahren auf mich.
Aber zuerst muss ich noch etwas erledigen. Man sagt, die Welt habe keine Grenzen, sie habe keinen Anfang und kein Ende. Eine Reise hat aber beides. Das Ende einer Reise ist dort, wo sie begonnen hat. Meine hat im Jahre 2019 im russischen Fernen Osten begonnen, als ich von zuhause weggezogen bin, um in Moskau zu studieren. Ich war erst achtzehn und habe noch nicht geahnt, wieviel auf mich zukommt.
Jetzt ist meine Weltreise zu Ende. Ich bin wieder zu Hause. Doch das Leben geht weiter. Und bevor ich mich auf eine neue Reise begebe, muss ich die einzigen Menschen, die ich mehr liebe als mich selbst, sehen.
Ich öffne die Tür (den Schlüssel habe ich immer noch) und betrete etwas unschlüssig die Wohnung.
„Hallo, Mama, Papa“, sage ich.
„Da bist du ja endlich“, lautet die Antwort…
Nastja Matjasch
Echo auf: Pessoa, Buch der Unruhe (Tagtraum)
„Wie gut tut es der Seele, unter einer stillen hohen Sonne diese strohbeladenen Fuhrwerke, diese noch zu verpackenden Kisten, diese langsamen Passanten eines in die Stadt versetzten Dorfes schweigen zu sehen! Ich selber, der sie vom Fenster des Büros aus anschaut, in dem ich ganz allein bin, bin übersiedelt. Ich bin auf einmal in einer stillen Ortschaft in der Provinz, ich erstarre in einem unbekannten Dörfchen und, weil ich mich anders fühle, bin ich glücklich.“ (Aus dem Portugiesischen übersetzt von Georg Rudolf Lind)
In diesem Café scheint die Atmosphäre angenehm zu sein. Die Frau an der Theke redet freundlich mit einem Kunden, und ich schlage meinen Freundinnen vor, uns hier reinzusetzen. Wir haben uns schon länger nicht gesehen, und ich freue mich, mit ihnen wieder etwas Zeit zu verbringen. Wir bestellen uns Latte und Kuchen, und Monica erzählt uns, was sie in den letzten Monaten gemacht hat.
„Stellt euch vor, ich war seit November nicht mehr im Kino. Jetzt läuft gerade ein Marvel Film, aber der scheint nicht besonders interessant zu sein. Sie spielen immer dieselben Sachen ab, ich habe keine großen Hoffnungen.“
Chris stimmt mit ein: „Ich hab den gesehen. Ich muss echt zugeben, ich bin kein Marvel Fan, deshalb ist meine Bewertung da nicht so zuverlässig. Ich war mit meiner Schwester im Kino, und wir sind beide unzufrieden rausgekommen. Obwohl sie diese Filme normalerweise mag.“
Ich schau auf die Zuckerdose. „Ich hab gehört, vielen gefällt der nicht, die die vorherigen Filme nicht gesehen haben.“ Ich habe mal wieder vergessen, Zucker zu kaufen.
„Genau das hab ich mir auch gedacht,“ meint Monica.
Mein Blick fällt auf ein Poster, dass hinter Chris hängt. Es ist die Aussicht auf London und die Themse. Normalerweise hängt man immer Bilder von berühmten touristischen Sehenswürdigkeiten auf, wie den Big Ben oder London Eye. Dieses Plakat zeigt aber das Kunstmuseum Tate. Viele würden das nicht als London wiedererkennen. Ich war jedoch vor einigen Jahren dort und habe es besucht. Ich erinnere mich an eine ganz bestimmte Ausstellung, bei der ein Film rund um die Uhr lief. Man konnte sich zu jeder Uhrzeit in den Saal setzen und beobachten, wie Ausschnitte aus allen möglichen Filmen die genaue Uhrzeit des Tages darstellten. So hieß der Film auch: „The Time“, weil er rund um die Uhr die aktuelle Uhrzeit anzeigte. Ich fand die Idee schon damals so kreativ und originell, dass ich den ganzen Tag dort hätte verbringen können. Ich habe gehofft, dass ich einige Filmausschnitte wiedererkennen würde, und versuchte, mich an Filme zu erinnern, in denen man explizit die Zeit sagt oder zeigt. Bis auf Neujahrsfilme konnte ich mich an nichts erinnern. Aber ich konnte schlecht bis um Mitternacht im Museum bleiben. Ich weiß, dass es so einen Tag gab, an dem das Museum nachts offen ist und man dann den gesamten Film sehen konnte. Leider war das an dem Tag nicht der Fall. Und ich war sowieso mit meiner Freundin unterwegs, und wir hatten einen Tagesplan. Ich hatte vor, ihr noch Buckingham Palace zu zeigen, bevor sie abreisen musste. Tatsächlich gestand sie mir an dem Tag, dass sie den Film so ruhig anschauen konnte, ohne regelmäßig panisch auf die Uhr zu schauen, weil die Uhrzeit durch den Film immer sichtbar war. Wie ironisch, dass Menschen, die immer hetzen und aktiv die Uhrzeit verfolgen, sich entspannen, sobald die Uhrzeit durchgehend sichtbar ist. Wie verschieden wir doch sind. Ich bin in dem Sinne das genaue Gegenteil. Das erinnert mich; ich habe sie schon länger nicht gesehen. Vielleicht sollten wir uns mal wieder treffen und etwas Zeit miteinander verbringen.
„Was meinst du? Sollen wir uns den Film zusammen anschauen?“ reißt mich Monica aus meinen Gedanken.
„Welchen?“ frage ich verwirrt.
„Hast du wieder nicht zugehört?“
„Ah, sorry, war nicht mit Absicht.“
„Dachte ich mir schon. Ich meine den neuen James Bond Film. Ich kann nachschauen, ob der am Freitag läuft, da haben wir alle Zeit.“
„Ja, das klingt gut. Ich bin dabei.“
Anastasia Keller
Mein Tagtraum
Es ist ein warmer Tag in Moskau. Ich kann kaum glauben, dass ich nicht zur Uni muss, weil die Sommerferien begonnen haben. Ich sitze auf einer Bank im Park, wo ich eine Unmenge Zeit mit Lesen oder einfach mit Nachdenken verbringe. Heute ist es Bernhard Schlink, dessen Roman „Der Vorleser“ ich genieße.
Plötzlich halte ich inne, schaue auf, und Tausende von Bildern gehen durch meinen Kopf. Hanna Schmitz ist ständig umgezogen, und ich muss schon lange in derselben Stadt bleiben. Hanna ist ständig geflohen, und eigentlich würde ich auch gerne fliehen. Weg von allem und allen. Dorthin, wo ich noch nie gewesen bin. Es gibt so viel zu sehen, so viel zu entdecken. Es gibt so viele nette Menschen, die ich noch nicht kennengelernt habe, und so viele Erfahrungen, die ich noch nicht gesammelt habe.
In meinen Gedanken reise ich zuerst nach Polen, dorthin, wo sehr viele meiner Vorfahren herkommen. Danzig (Gdansk), Breslau (Wroclaw), Warschau…Wie sehne ich mich nach diesen Städten, obwohl ich nur eine gesehen habe. Ich würde gerne echte polnische Äpfel probieren, die, die den ganzen Sommer das Sonnenlicht genossen haben. Die polnische Sprache wird für mich wie echte Musik klingen, und ich würde die gerne lernen. So wohl würde ich mich in Polen fühlen, weil es in meinem Blut etwas gibt, was mich mit diesem Land verbindet.
Dann geht es nach Deutschland. Hier fehlen mir einfach die Worte. Jede meiner Fasern, jede einzelne Zelle in meinem Körper liebt dieses Land, seine Geschichte, seine Kultur, seine Sitten und Bräuche. Marina Zwetajewa hat Deutschland ihre Liebe gestanden, Das tue ich auch, indem ich ihr Gedicht zitiere:
Germanien, meine tiefste Neigung, ???????? – ??? ???????!
Germanien, ach, mein edler Wahn! ???????? – ??? ??????!
Mehr brauche ich nicht zu sagen…
Und dann geht es weiter…Österreich, die Schweiz, Belgien, Luxemburg, Liechtenstein, die Slowakei, Tschechien, Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Schweden. Norwegen, Finnland, Ungarn, Kroatien… Sogar Moldawien, Weißrussland und die Ukraine würde ich gerne sehen. Man sagt, es lohne sich nicht, diese Länder zu besuchen, weil sie arm sind. Aber sie haben doch ihre eigene Kultur und Geschichte. Wie können die Länder, die sowas haben, nur arm genannt werden? Nein, so kann es nicht sein. Ich muss unbedingt dorthin.
Und dann ist noch die ganze Welt vor mir. Ich gehe barfuß durch New York und fühle mich wahnsinnig klein im Vergleich zu den Wolkenkratzern. Und es ist nicht der einzige Ort in den USA, den ich zu Gesicht bekommen möchte…Kalifornien, Florida, Texas und natürlich Alaska.
Und dann weiterreisen, durch ganz Nordamerika. Es gibt noch Kanada, Kuba, Mexiko, Jamaika, Haiti, Costa Rica. Man kann ewig aufzählen. In Südamerika gibt es auch so viel zu sehen. Zum Beispiel habe ich noch nie den brasilianischen Karneval erlebt, und das muss ich unbedingt tun.
Viele Menschen glauben an Stereotype über den Iran. Doch ich weiß, dass das Land nicht so ist, wie man es im Fernsehen sieht. Jetzt sind meine Gedanken in Teheran…Ich kaufe Mandeln und Gewürze auf einem kleinen Markt. Mein Kopf ist mit einem bunten Tuch bedeckt, und ich sehe wie eine orientalische Schönheit aus (nur mit blonden Haaren, aber warum denn nicht?).
Nichts kann mich von meinem Traum, die Welt zu sehen, abhalten. Afrika ist auch eines meiner Reiseziele. Egal, was dort passiert, eines Tages werde ich den Kontinent sehen.
Jetzt gibt es noch Australien, Ozeanien und natürlich Asien. Ich wurde im asiatischen Teil Russlands geboren und es wird an der Zeit sein zurückzukehren. Die letzte Station meiner langen Reise wird meine Heimatstadt sein. Chabarowsk…Vor zwei Jahren habe ich dich verlassen. Ich habe mir ständig eingeredet, ich komme mal vorbei, aber es ist nie passiert. Doch irgendwann muss man zurückkehren, und wenn auch nur für kurze Zeit. Meine Seele will zu dir, auf deine Straßen mit altertümlichen Gebäuden, zu unserem breiten Fluss, schließlich in die Taiga. Ein Teil von mir will auch zu den Eltern. Das kleine Mädchen ist jetzt groß, aber dieser Teil will nie erwachsen werden. Wer weiß, vielleicht ist es besser so…
Ein bellender Hund reißt mich aus meinen Gedanken. Ich lasse das Buch fallen. Der Herr eilt auf mich zu, um sich zu entschuldigen.
„Macht nichts“, sage ich. „Ich habe einfach nachgedacht…“
Nastja Matjasch
Echo auf: Claude Lévi-Strauss, Traurige Tropen (Kapitel „Sonnenuntergänge“)
Für die Wissenschaftler sind Morgendämmerung und Abenddämmerung ein und dieselbe Erscheinung, und schon die alten Griechen waren dieser Ansicht, denn auch sie bezeichneten sie mit demselben Wort, das sie, je nachdem, ob es sich um den Abend oder den Morgen handelte, durch ein anderes Attribut ergänzten. Diese Vermengung veranschaulicht sehr deutlich das vorherrschende Bemühen um theoretische Spekulationen sowie eine eigentümliche Vernachlässigung des konkreten Aspekts der Dinge… (Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer) – aus urheberrechtlichen Gründen werden bei allen folgenden Beiträgen von „Echo auf…“ nur Ausschnitte aus dem Text vorangestellt
Beschreibung eines Naturphänomens
Der Anstieg ist lang und anstrengend. Der Boden ist sehr instabil, und man rutscht ständig auf den leichten, schwarzen vulkanischen Steinen aus. Der Atem geht schwer wegen der Gase, und die Luft riecht stark nach Schwefel. Es ist überall dunkel, das einzige Licht ist da ganz oben, auf der Spitze. Ein intermittierendes rotes Licht erinnert uns daran, wo unser Ziel liegt. Die letzten Meter sind eine riesige Herausforderung, denn der Pfad ist unglaublich steil und rutschig, man muss ständig husten und die Augen brennen. Aber endlich sind wir da. Es ist schwierig, in der Dunkelheit die echte Entfernung abzuschätzen, aber nicht mehr als 50 Meter von uns entfernt zeigt sich auf dem nebenstehenden Gipfel der Krater des aktiven Vulkanes Pacaya. Eine knallrote und blaue Flamme taucht von der Öffnung auf, ragt einige Meter hoch und löst sich im schwarzen Himmel auf . Eine graue und schwere Wolke aus unterschiedlichen Gasen strömt kontinuierlich aus dem Vulkan und steigt entlang dem Berghang ab und verschwindet in der Dunkelheit. Kleine Aschenteilchen schweben in der Luft und erschweren das Sehen. Ein rollendes, dröhnendes Geräusch kommt aus der Tiefe des Vulkans und hebt die ohnehin schon majestätische Szene noch mehr hervor. Entlang einer Seite des Pacayas fließt ein Rinnsal von Lava bergab: die glühende Linie kontrastiert mit dem Schwarzen der Landschaft.
Erica Amistadi
Offene Briefe an die Entscheider
Dieser Beitrag sammelt Offene Briefe, Studien und Dokumente, die für Verhältnismäßigkeit, streitbare Wissenschaft, Kunstfreiheit und kritische Diskussion sprechen. Die Texte formulieren Forderungen, Vorschläge und Bitten, die Engführung der öffentlichen Diskussion auf virologische Panik und Repression zu beenden. Stattdessen gilt es, den bürgerlichen Freiheiten wieder den Rang einzuräumen, der ihnen gebührt. Seit zwei Jahren werden wir mit zunehmender Willkür auf dem Verordnungsweg eingeschränkt, obwohl Verordnungen den geltenden Gesetzen – erst recht dem Grundgesetz – nachgeordnet sind. Sie dürfen Gesetze präzisieren, sie aber nicht außer Kraft setzen. Die angeordnete Ausschaltung der Grundrechte, wie wir sie erlebt haben, bringt die Rechtsordnung insgesamt ins Wanken. Dagegen erhebt sich – zu Recht – Protest, dagegen sprechen die hier versammelten Texte.
Die Texte sind chronologisch geordnet, können durch einen Klick heruntergeladen und als PDF geöffnet werden; inhaltlich geben sie stets die Meinung der Autorin, des Autors oder der Autoren wieder, nicht meine
- 02.12.2022 Berliner Kinderkliniken: Erneuter Brandbrief an Gote
- 30.11.2022 William Engdhal: Der Krieg gegen die Landwirtschaft
- 29.11.2022 Rüdiger Pötsch: Brandbrief an Lauterbach
- 28.11.2022 Bor et al.: Zur Diskriminierung Ungeimpfter (Nature)
- 28.11.2022 Offener Brief zu Julian Assange
- 07.11.2022 RÄ Brigitte Röhrig: Offener Brief an die STIKO gegen Impfempfehlung für Kinder
- 01.11.2022 Dr. Michael Nehls: Offener Brief an Karl Lauterbach
- 01.11.2022 Shir-Raz et al.: Censorship and suppression of Covid-19 Heterodoxy (Springer)
- 28.10.2022 Ionannidis et al.: IFR of Covid-19 (peer-reviewd, Elsevier)
- 21.10.2022 Fabien Deruelle: Die Pharmaindustrie ist gefährlich für die Gesundheit (SNI)
- 14.10.2022 Studie zur künstlichen Verschlimmerung von Coronaviren (bioRxiv preprint)
- 24.09.2022 Offener Brief eines Impfarztes
- 20.09.2022 Marcus Fuchs: Offener Brief an MDR
- 18.09.2022 Offener Brief GEGEN WAFFENLIEFERUNGEN
- 10.09.2022 Botschaft von General Christian Blanchon zu Ehren der Nichtgeimpften
- 09.09.2022 Offener Brief von Susan Bonath an PEI
- 09.09.2022 Offener Brief aus dem Erzgebirge
- 08.09.2022 Lange et al.: Immunebridge Interimsanalyse Juli 2022
- 03.09.2022 SKW Piesteritz:Brandbrief an Bundeskanzler Scholz
- 31.08.2022 Fraiman et al.: Serious adverse events following mRNA vaccination
- 26.08.2022 Demokratie und Grundrechte: Offener Brief an den Gesundheitsminister
- 25.08.2022 Judith Flora Schneider: Offener Brief an die Bundesregierung
- 20.08.2022 Vera Sharav zum Nürnberger Kodex
- 17.08.2022 Offener Brief der Handwerkerschaft Halle Saalekreis
- 15.08.2022 David Klemperer: Corona verstehen (Hogrefe)
- 11.08.2022 Offener Brief zum Kindeswohl
- 10.08.2022 Kuhbandner & Reitzner: Excess Mortality (Preprint, methodisch bisher beste Studie)
- 03.08.2022 Schneegans (Stadtwerke Freiberg): Offener Brief an Habeck
- 01.08.2022 Offener Brief: Bürgermeister von Reichenbach an Habeck
- 29.07.2022 Offener Brief: HOLOCAUSTÜBERLEBENDE UND NACHFAHREN AN DIE MEDIEN
- 28.07.2022 Petition von Martin Sprenger et al.: Kinder in der Schule 2022
- 22.07.2022 Jakob Armann: Irrationale Coronaangst
- 21.07.2022 Boucau et al.: Die Unwirksamkeit der mRNA-Impfstoffe (NEJM)
- 18.07.2022 CDU-Wirtschaftsminister an Habeck
- 15.07.2022 Aufruf: Wissenschaftler kritisieren Genderpraxis
- 06.07.2022 Expertenrat: Analysen der mRNA-Impfstoffe
- 05.07.2022 Offener Brief an die Bundesregierun Österreichs – Neutralität!
- 29.06.2022 Offener Brief: Waffenstillstand jetzt!
- 29.06.2022 Berliner Kinderkliniken: Brandbrief an Gote und Lauterbach
- 26.06.2022 Netzwerk Linker Widerstand: Impfpflicht adé, aber auch die Repression?
- 25.06.2022 Jan-David Zimmermann – Brief an Anna Baar -Bachmannpreisrede 2022
- 23.06.2022 Doshi et al.: Schwerwiegende Nebenwirkungen nach mRNA-Impfung – SSRN Originalstudie
- 21.06.2022 Offener Brief der Bremer Initiative Freie Impfentscheidung
- 17.06.2022 Gat et al.: Covid-19-vaccination impairs semen concentration (Andrology)
- 16.06.2022 Berufsverband „Hippokratischer Eid“ gegründet
- 16.06.2022 Kassenärztlicher Bundesverband: Impfenebenwirkungsbericht
- 06.06.2022 Clinical outcomes of Omicron
- 01.06.2022 Alice Schwarzer: Der Offene Brief und die Folgen
- 31.05.2022 Naomi Wolf: Auswertung der Pfizer-Dokumente
- 28.05.2022 Walach et al.: Erhöhter CO2-Gehalt unter Masken bei Kindern
- 28.05.2022 Brief an Klaus Schwab
- 26.05.2022 Bardosh et al.: Consequences of COVID-19 vaccine policy (BMJ)
- 22.05.2022 Jan Müller (NLW): China. Ein langer Weg – wohin?
- 20.05.2022 Petition gegen die einrichtungsbezogene Impfpflicht in Dresden
- 19.05.2022 Offener Brief: Die Affenpocken sind das neue Covid
- 18.05.2022 Jin Park et al.: Cerebral Venous Thrombosis with mRNA-Vaccines
- 18.05.2022 Hans-Joachim Maaz: Corona-Normopathie
- 13.05.2022 Fleming-Dutra et al.: Corona-Impfung fördert Infektion (Jama)
- 11.05.2022 Global Covid Summit: 17000 Ärzte fordern Ende der Impfungen
- 09.05.2022 Petition: Einrichtungsbezogene Impfpflicht rückgängig machen!
- 07.05.2022 Freie Linke Zukunft: Die Bedeutung des Achten Mai
- 06.05.2022 Kritische Analyse der Rede von Olaf Scholz am ersten Mai 2022
- 05.05.2022 Übersterblichkeit 2021 im internationalen Vergleich (WHO)
- 05.05.2022 Zehn Lebensmittel zum Überleben – bevorraten Sie sich
- 02.05.2022 Offener Brief: Verfassungswidrige grüne Wahllisten
- 02.05.2022 Generalstaatsanwalt: Fehlinformationen über COVID-19
- 29.04.2022 Brief an den österreichischen Bundesminister
- 28.04.2022 Sun, Jaffe & Levi: Increased emergency cardiovascular events among under 40 population in Israel during vaccine rollout and third COVID-19 wave
- 28.04.2022 Uwe Kranz: Offener Brief an Justiz, Verwaltung und Medien
- 26.04.2022 Solidarität für Marion Schmidt, Referentin im KZ Dachau
- 26.04.2022 Stellungnahme von Prof. Robert Clancy zum Pandemievertrag
- 25.04.2022 BRIEF AN DIE WHO
- 22.04.2022 Martin Kulldorf: Have People Been Given the Wrong Vaccine
- 22.04.2022 Offener Brief an Olaf Scholz
- 20.04.2022 Karlstad et al.: SARS-CoV-2-Vaccination and Myocarditis
- 19.04.2022 Shabnam Palesa Mohamed: What did The People say to WHO
- 16.04.2022 Stefan Homburgs Lehren aus 2 Jahren Corona
- 15.04.2022 Prof. Arne Burkhardt – Impfbrandbrief
- 14.04.2022 Niesen et al.: Safety of 3 Doses of COVID-19 mRNA
- 12.04.2022 # Ich habe mitgemacht – Beleidigungen gegen Ungeimpfte
- 11.04.2022 Rhoda Wilson: Big Study Finds Non Vaccinated are Healthier
- 09.04.2022 Impf-Nebenwirkungen melden (Formular im Postkartenformat)
- 07.04.2022 Grüne gegen Impfpflicht & 2G – Update
- 05.04.2022 Gazit et al.: Natürliche Immunität besser als Imfpung gegen Covid
- 05.04.2022 Benn et al.: Randomised Clinical Trials of COVID-19 Vaccines
- 04.04.2022 Mader & Rüttenauer: Effects of Non-pharmaceutical Interventions
- 04.04.2022 Jan Müller: Warum hat die Linke in der Coronakrise versagt
- 01.04.2022 Wilfried Schwetz: Linke und Corona – Totalversagen
- 01.04.2022 Harald-Matthes: Mind. 70% Untererfassung Impfnebenwirkungen
- 29.03.2022 PlusMinus: Kommentare zu Impfschäden
- 28.03.2022 John Ioannidis: Das Ende der Pandemie ausrufen! (Eur J Clin)
- 28.03.2022 Statement der Alternativen Linkslibertären Tendenz
- 25.03.2022 Offener Brief: Öffentliche Debatte zum „WHO-Pandemievertrag“
- 25.03.2022 Offener Brief einer Unternehmerin an den Bundestag
- 24.03.2022 Brandbrief von Prof. Burkhardt an das PEI (Nachtrag)
- 23.03.2022 Freie Linke West Aktion
- 22.03.2022 Suspendierte Gesundheitsangestellte im Hungerstreik
- 22.03.2022 Offener Brief von Bürgern aus Weinböhla an MP Kretschmer
- 21.03.2022 KRiStA: Stellungnahme zur Impfpflicht (Gesundheitsausschuss)
- 20.03.2022 Offener Brief: Widerstand anthroposophischer Ärzte
- 19.03.2022 KRiStA:10 Gründe gegen die Impfpflicht – Update
- 16.03.2022 Brandbrief von Pathologen ans PEI
- 16.03.2022 Jureidin & McHenry: Evidenzbasierte Medizin ist eine Illusion (BMJ)
- 15.03.2022 Vera Sharav: Brief an die Gedenkstätte des KZ Dachau
- 15.03.2022 Wissenschaft für die Gesellschaft: Factsheet 3 – Impfstoffe
- 14.03.2022 Fabio Vighi: Von Covid-19 zu Putin-22
- 14.03.2022 Tom Lausen im Bundestag: Arbeitsunfähigkeit Geimpfter explodiert
- 11.03.2022 Robert Melone: US-Biolabore im Ausland
- 10.03.2022 Johnny Vedmore: Hintergründe zu CFR, CIA und WEF
- 09.03.2022 Offener Brief zum Pandemievertrag der WHO (World Council Health)
- 09.03.2022 Wissenschaft für die Gesellschaft: Factsheet 2 – Gesundheitswesen
- 09.03.2022 Offener Brief der Gewerkschaft Freier Arbeitnehmer
- 09.03.2022 Update: 7 wissenschaftliche
- Argumente gegen eine Impfpflicht
- 08.03.2022 Aufruf zum feministischen Systemwechsel von unten
- 07.03.2022 Uwe Kranz: Offener Brief an Bundestag gegen Impfpflicht
- 07.03.2022 Chalkias et al.: Unsicherheit der 100 Mikrogramm mRNA-Impfung
- 07.03.2022 Offener Brief zum WHO-Pandemievertrag (Ärzte Österreich)
- 04.03.2022 Ärzteverein fordert Antworten von politischen Parteien
- 04.03.2022 Petitionsausschuss berät gegen Corona-Impfpflicht
- 03.03.2022 Offener Brief an CDU/CSU
- 02.03.2022 Ahmed Abdulkareem: Tears for Ukraine
- 28.02. 2022 Gewerkschaft der Polizei Berlin gegen Impfpflicht
- 27.02.2022 Offener Brief von Nachkommen des antifaschistischen Widerstands
- 25.02.2022 Wissenschaft für die Gesellschaft: Factsheet 1 – Gefährlichkeit Covid
- 25.02.2022 Petition gegen den WHO-Pandemievertrag
- 25.02.2022 Aldén et al.: mRNA-Impfstoff schreibt sich in menschliche DNA ein
- 22.02.2022 Offener Brief an die GRÜNEN
- 22.02.2022 Offener Brief an die LINKE
- 21.02.2022 Offener Brief: Klinikpersonal an MP Kretschmann
- 21.02.2022 BKK schlägt Alarm: 3 Millionen Verdachtsfälle auf Impfnebenwirkungen
- 21.02.2022 Forscher finden von ModeRNA patentierte Sequenz in SARS-Cov2
- 21.02.2022 Kuhbandner: Signale zur Impfsicherheit werden ignoriert
- 20.02.2022 New York Times: CDC zensiert Covid-Daten
- 20.02.2022 Harald Martenstein verlässt den Tagesspiegel aus Protest
- 19.02.2022 Sachsens Landesbischof kritisiert Impfpflicht
- 18.02.2022 Liane Kilinc: Frieden!
- 18.02.2022 Petition an die MedUni Wien
- 18.02.2022 Offener Brief von 23 israelischen Top-Medizinern an Justin Trudeau
- 17.02.2022 Jan David Zimmermann: Offener Brief Bachmannpreis
- 17.02.2022 Offener Brief von 708 Ärzten an Gassen
- 16.02.2022 Thomas Roeper: Thesen zur Vorgeschichte der Covid19-Pandemie
- 16.02.2022 Marcel Schmidt, Bürgermeister von Stollberg, an die Bürger
- 16.02.2022 KBV-Blitzumfrage zu Belastungen von Arzt- und Therapiepraxen
- 15.02.2022 Grüne gegen Impfpflicht und 2G
- 14.02.2022 Annika auf Demo in Graz für Würde, Wahrheit und Menschlichkeit
- 11.02.2022 Offener Apothekerbrief gegen die Impfpflicht
- 11.02.2022 Chen Guangcheng warnt vor Social Credit System
- 10.02.2022 Linker Widerstand: Wir sind vernünftige Verschwörungstheoriker
- 10.02.2022 Joseph Mercola: Fehlbehandlung von Covid und Übersterblichkeit
- 10.02.2022 Offener Brief zur Absage der Leipziger Buchmesse: Wir wollen lesen
- 08.02.2022 Clemens Heni: Totalitarismus & Antisemitismus der „Zeugen Coronas“
- 08.02.2022 Offener Brief eines 18jährigen Studenten
- 07.02.2022 Das Sterberisiko mRNA-geimpfter Kinder (The Exposé)
- 07.02.2022 McGonagle: Gesundheitsberufe von der Impfung befreien (Lancet)
- 06.02.2022 MWDFG: Schreiben an die politischen Entscheider
- 05.02.2022 Robert Melone an die kanadischen Trucker
- 04.02.2022 Gassen plädiert für Freedom Plan
- 04.02.2022 VwG Osnabrueck zur Verkürzung des Genesenenstatus
- 03.02.2022 Dror et al.: Vitamin D-Mangel und Schwere des Covid-Verlaufs
- 01.02.2022 Dramatische Zunahme von Krankheiten in der US-Army
- 31.01.2022 Ivermectin in Phase III der klinischen Erprobung gegen Covid
- 31.01.2022 Offener Brief von Ortwin Rosner an die Medien
- 31.01.2022 Grüne Basis an den Bundesrat
- 31.01.2022 Covid-Heim-Report 4: Zur Impfkampagne in Pflegeheimen (Charité)
- 29.01.2022 Petition der Freien Linken Zukunft zur Enteignung von BioNTech
- 28.01.2022 MWGFD: Corona-Ausstiegskonzept
- 28.01.2022 Steffen Loehnitz: Zahlenmanipulation in Österreich im Januar 2022
- 26.01.2022 Fragen des Österreichischen Verfassungsgerichtshofs zur Impfpflicht
- 26.01.2022 Offener Brief der MWGDF an die Bevölkerung
- 25.01.2022 Ärzte für ein Leben mit Covid
- 24.01.2022 Landrat Bautzen an den sächsischen Ministerpräsidenten
- 23.01.2022 Vera Sharav: Rede in Brüssel
- 23.01.2022 Seneff et al.: Immunsuppression durch die mRNA-Imfpung
- 20.01.2022 Röltgen et al.: Toxische Spike-Produktion durch mRNA-Impfstoffe
- 20.01.2022 Fragen von Chemikern an den Hersteller des Corona-Impfstoffs
- 17.01.2022 Netzwerk Lyrik: Poesie als freie und kritische Kommunikation
- 15.01.2022 Rede von Luc Montagnier in Mailand
- 15.02.2022 Lucy Kerr et al.: Ivermectin-Prophylaxe in Brasilien
- 15.01.2022 Herby et al.: Metaanalyse zu Lockdown-Folgen und Mortalität
- 15.01.2022 Steffen Loehnitz: Manipulation der Corona-Zahlen in Vorarlberg
- 13.01.2022 Offener Brief von 600 Ärzten
- 10.01.2022 Breemen et al.: Hanfblüten schützen gegen Covid (J Nat Prod)
- 09.01.2022 Offener Brief von 1101 Psychotherapeuten
- 07.01.2022 Offener Brief von 217 Hebammen
- 06.01.2022 Wissenschaftlergruppe: 7 Argumente gegen eine Impfpflicht
- 04.01.2022 Martin Sprenger: Alternativen zur Impfpflicht
- 26.12.2021 Chefarzt Bischofswerda an den Landrat
- 24.12.2021 Grüne Basis an die Parteispitze
- 15.12.2021 Open letter from The BMJ to Mark Zuckerberg
- 13.12.2021 Ärzte zur COVID-Impfung
- 13.12.2021 Covid-19-Schutzmaßnahmen und Einschränkungen des sozialen Lebens in Pflegeheimen
- 10.12.2021 Offener Brief von Wissenschaftlern gegen die Impfpflicht
- 02.12.2021 Brief eines Oberfeldwebels an seinen Major
- 24.11.2021 Offener Brief von Ärzten aus Südthüringen
- 18.11.2021 Astrid Stuckelberger (ehm. WHO): Pandemie der Lügen
- 15.11.2021 Patone et al.: Risks of Myocarditis
- 14.11.2021 Ein Absolvent an den Präsidenten der Uni Nürnberg
- 08.11.2021 Matta et al.: Selbstberichtetes Long Covid ist unspezifisch
- 26.10.2021 Jiping Liu et al: Pathophysiological alterations after vaccination
- 22.10.2021 El Sahly et al.: Moderna-Nebenwirkungen im Doppelblindversuch
- 17.10.2021 Uwe Hannes: Gegen Gesundheitsgefährdung und Diskriminierung
- 15.10.2021 Nordström & Ballin: Große Studie zu mRNA-Impfungen
- 10.10.2021 Offener Brief eines Polizisten
- 05.10.2021 Ole Skambraks: Ich kann nicht mehr schweigen
- 13.09.2021 OPEN LETTER FROM DOCTORS AND SCIENTISTS
- 13.09.2021 BionTech-Infobrief: Genesene haben breitere Immunantwort als Geimpfte
- 22.08.2021 Our grave concerns about the handling of the COVID pandemic
- 18.08.2021 Can Li et al.: Myokarditis bei intravenöser mRNA-Impfung
- 16.08.2021 Fabio Vighi: Eine ökonomische Pandemie-Theorie
- 20.07.2021 Ying Wang et al.: Wirksame und sichere Lebendimpfstoffe
- 30.06.2021 Covid-Heim-Report 5: Zur Krankenhausversorgung von Heimbewohnern (Charité)
- 23.06.2021 Covid-Heim-Report 4: Covid-Todesfälle von Heimbewohnern (Charité)
- 09.06.2021 Covid-Heim-Report 3: Isolation und Einsamkeit – Maßnahmefolgen in Pflegeheimen (Charité)
- 16.05.2021 Radtke et al.: Long Covid tritt auch bei Kindern ohne Infektion auf
- 22.04.2021 Covid-Heim-Report 2: Zur Versorgungssituation in Pflegeheimen (Charité)
- 16.04.2021 Susanne Rauch et al.: mRNA-Impfstoff scheitert im Tierversuch
- 15.04.2021 Bendavid, Oh, Jay & Ioannides: Effects of NPI (Wiley)
- 12.04.2021 Judith Flora Schneider: Offener Brief an den Bundestag
- 07.04.2021 Paul R. Vogt: 1-Jahr-COVID-19 – Wissenschaft, Politik, Gesellschaft
- 26.03.2021 Judith Flora Schneider: Offener Brief über Masken
- 31.03.2021 Covid-Heim-Report 1: Zum Befinden des Pflegepersonals (Charité)
- 24.02.2021 Judith Flora Schneider: Offener Brief an Angela Merkel
- 22.02.2021 Offener Brief von Ärzten und Gesundheitsberufen der Schweiz
- 14.02.2021 Wiesendanger: Literaturstudie zum Ursprung des neuen Coronavirus
- 11.02.2021 Krebsforschung: Vitamin D und Gewinn an Lebensjahren
- 04.02.2021 Günter Kampf: Benefit and risk of Lockdown (Lancet)
- 22.12.2020 Esmaeil Farshi et al.: Zytokinesturm nach mRNA-Impfung
- 15.12.2020 Verfassungsbeschwerde von Richter Pieter Schleiter (LG Berlin)
- 15.12.2020 Zelenko et al.: Ambulante Behandlung von COVID-19 (Elsevier)
- 30.11.2020 Review zum Corman-Drosten-Paper
- 15.11.2020 Beck & Widmer: Corona in der Schweiz
- 15.09.2020 Ioannidis: Metaanalyse zur Fallsterblichkeit (WHO)
- 18.08.2020 Ines Kappstein: Vor- und Nachteile von Atemmasken (Thieme)
- 30.05.2020 CORONA-Brandbrief Pflegeheime
- 28.05.2020 Interview mit Prof. Pueschel (Die ZEIT)
- 07.05.2020 Stephan Kohn (BMI): Bericht an den Krisenstab
- 26.04.2020 Rainer Totzke: Stunde der Wahrheit(en) – Vortrag
- 24.04.2020 Boyl R.Singh: Epidemiological Determinants of the Covid-Pandemic
- 15.04.2020 Gassen, Corman, Drosten et al.: Spermidin schützt gegen Corona
- 25.09.2014 Michail Schischkins Brief an Europa
Echo auf: Virginia Woolf, Ein eigenes Zimmer
„Da Fakten so schwer zu erlangen sind, will ich mir nur einmal vorstellen, was geschehen wäre, wenn Shakespeare eine wunderbar begabte Schwester gehabt hätte, sagen wir, mit Namen Judith.“ (Aus dem Englischen übersetzt von Heidi Zerning)
Das vergessene Leben von Maja Einstein
Albert und Maja waren die Nachkommen von Hermann und Pauline Einstein, einem jüdischen Ehepaar aus der Mittelschicht. Die beiden Einstein-Kinder verbrachten die meiste Zeit ihres jungen Lebens in Deutschland. Ihr Vater war Mitinhaber eines Unternehmens, das elektrische Geräte herstellte, und ihre Mutter blieb zu Hause und kümmerte sich um Haus und Familie. Maja und Albert erhielten eine breite Ausbildung, und Maja promovierte in Romanistik an der Universität Bern.
Aber es kam der Tag, an dem Albert erfolgreicher war als Maja, und die Dinge änderten sich dramatisch. Alle schenkten Albert ihre Aufmerksamkeit, während sie pausenlos lernte, um klüger zu sein als ihr angebeteter Bruder. Eines Tages beschloss sie aus Verzweiflung, das Land zu verlassen und nach Brasilien zu gehen. Dort konnte sie zumindest als die intelligenteste Frau ihrer Zeit anerkannt werden. Man hat nie wieder etwas von ihr gehört.
Paulina Dönmez
Der innere Monolog von Puschkins Schwester
Ein neuer Tag in Sankt Petersburg. Der letzte, den ich hier im Herbst verbringe und dann geht es zurück in das leere und einsame Dorf, wo keine Seele zu finden ist, mit der ich mich unterhalten und der ich meine heimlichen Gedanken anvertrauen könnte. Das Einzige, was ich an der Situation gut finde, ist, dass ich jetzt mehr Freizeit haben werde, um Gedichte zu schreiben. Gedichte, die nie veröffentlicht werden. Ich mag Puschkins Schwester sein. Ich mag so begabt sein wie er (wenn nicht viel begabter). Aber das nützt nichts, denn ich bin vor allem nur eine Frau. Nur eine Frau…Und doch bestimmt diese Tatsache mein Schicksal. Eine Frau kann keine Gedichte schreiben. Eine Frau kann die Welt nicht entdecken. Eine Frau kann ihre Meinung nicht äußern. Alles, was sie kann, ist leise und hübsch sein, um Männern zu gefallen. Männer…unsere größte Unterstützung und unser größter Fluch. Sie gründen ganze Städte, erobern andere, regieren Reiche, kämpfen für den Frieden, werden berühmt und genießen das Leben in vollem Maße, all seine Seiten…
Und was bleibt einer Frau? Der Haushalt, der Mann, der ständig alle Hände voll zu tun hat und sie an einigen Nächten besucht, Kinder, die sie nach diesen Besuchen bekommt, und lange Tage voller Einsamkeit in einem Dorf, wenn die ganze Familie nicht in der Hauptstadt ist.
Es wäre lustig, wäre es nicht so traurig. Ich weiß, was mir zukommt, obwohl ich mein Leben noch gar nicht gelebt habe. Weil ich nur eine Frau bin. Eine Frau und nicht mehr… Aber ich weiß: es kommt die Zeit, und endlich werden Frauen das Recht bekommen, sich zu äußern, dafür zu kämpfen, was ihren Herzen lieb ist. Und sie werden ihr Ziel erreichen. Sie werden mehr sein als „nur Frauen“.
Die Schwester von Alexander Puschkin hat recht. Die Zeit wird vergehen, und bekannt werden solche Frauen wie die Schwestern Bront?, Mary Shelley, Jane Austen, Virginia Woolf, Louisa May Alcott und Margaret Mitchell. In Russland wird man von Marina Zwetajewa, Anna Achmatowa und Bella Achmadulina erfahren. Aber sie, die Schwester von Alexander Puschkin, die noch begabter ist als ihr Bruder, wird nie berühmt sein und in Vergessenheit geraten. Sie und Tausende von anderen unglaublich begabten Frauen, die ihr ganzes Leben ihre Last tragen werden – die Last des Frauenseins.
Nastja Matjasch
Großer Sprung zurück in die digitale Diktatur
Anstelle eines militärischen Anreiz- und Strafsystems, wie Shang Yang es etablierte, nutzt die KP moderne Informationstechnologie als durchgreifende Technik des Überwachens und Strafens. Doch Xi ist sich bewußt, daß der Legalismus allein das Potential hat, Revolten zu provozieren. Schließlich wurde Qin’s einiges China schon wenige Jahre nach seinem Tod von Rebellen hinweggefegt, die gegen den Militarismus Qin’s aufbegehrten. Indem Xi den Legalismus (Terror durch Überwachung und Loyalität durch strikte Anreize) und den Konfuzianismus (traditionelle konservative Werte) miteinander verschmilzt, versucht er die „kommunistische“ Herrschaft zu festigen und zu stabilisieren.
Die Volksrepublik China hat zu diesem Zweck eine massive Zensur des Internets aufgebaut, die sich auf Techniken wie die „Große Firewall von China“ (Fánghuo chángchéng) oder den „Goldenen Schild“ (Jindùn gongchéng) stützt. Westliche Internetprodukte wie die Googlesuche oder Wikipedia sind nicht erreichbar. Konnten die Zensurmechanismen bis vor Kurzem noch durch Technologien wie VPN umgangen werden, so ist dies nicht mehr möglich und verboten. Wie im Westen begründet die chinesische Parteiführung die Einschränkung des Internets mit dem Schutz der Bevölkerung. Bei einem Vorbereitungstreffen des „Internet Governance Forum“, einer vom UN-Generalsekretär ins Leben gerufenen Diskussions-Plattform, in Genf am 13.5.2009 rechtfertigte ein chinesischer Diplomat die Internet-Zensur der KP wie folgt, um die Teilnehmer zur Zurückhaltung mit Kritik aufzufordern:
„Im Kampf gegen den Terrorismus und andere kriminelle Akte haben alle Staaten das Recht, zur Wahrung der Sicherheit des Staates und der Interessen seiner Bürger Inhalte bestimmter Internetseiten zu filtern. Und ich denke, alle Länder sind im Begriff, eben das zu tun.“ (zitiert nach Monika Ermert vom 14.5.2009)
Der 33jährige Li Wenliang, Augenarzt und KP-Mitglied, bemerkte als einer der ersten anhand klinischer Beobachtung bei sieben Patienten das Auftreten einer schweren Lungenkrankheit, die an SARS aus den Jahren 2002/3 erinnerte. Seine Geschichte wirft ein Licht auf die Umstände, die zur Ausbreitung des Virus beigetragen haben, Umstände, die typisch sind für die Krisenreflexe einer Diktatur: Am 30. Dezember 2019 schrieb Li in einer WeChat-Gruppe an Arztkollegen, um vor dem Verdacht einer Infektionskrankheit zu warnen. Die chinesische Staatssicherheit las – wie gewöhnlich – mit. Bereits zwei Tage später, am 1. Januar 2020, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua, daß acht Personen wegen der Verbreitung gesundheitlicher Falschnachrichten im Internet belangt würden – ein Topos, der im weiteren Verlauf der Pandemie auch im Westen im Zusammenhang mit Löschungen auf Youtube oder Facebook wieder auftauchte. Zwei weitere Tage später wurde Li von der chinesischen Stasi vorgeladen und gezwungen, öffentlich zu bekennen, daß er unwahre Behauptungen verbreitet habe, die die soziale Ordnung störten. Im Stil der stalinistischen Selbstkritik und Selbstanklagen solle er seinen Fehler einsehen und Reue zeigen: „Wenn Sie weiter halsstarrig bleiben, Ihre Vergehen nicht bedauern und mit diesen illegalen Aktivitäten fortfahren, werden Sie strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen – haben Sie verstanden?“ (Quelle: Weibo, Post von Li Wenliang) Einen Monat später entschuldigte sich die Behörde bei ihm – da hatte das Virus bereits angefangen, sich zu verbreiten und weltweit von Regierungen und Nichtregierungsorganisationen für die verschiedensten Zwecke ausgenutzt zu werden. Ironie des Schicksals: Li verstarb wenige Tage später an den Folgen einer Lungenkrankheit, obwohl Tests auf SARS-Cov2 bei ihm negativ ausgefallen waren.
Xu Zhangrun, Juraprofessor an der Qinghua-Universität in Beijing, der bereits 2018 durch eine schonungslose Kritik am politischen System der Volksrepublik aufgefallen war, mit Berufsverbot belegt und ständig überwacht wurde, verfaßte vom 4. bis zum 9. Tag des 1. Mondmonats im Jahr Gengzi (28.1.-2.2.2020) eine Brandschrift, in der er den moralischen Zerfall der chinesischen Staatsmacht konstatierte, eine Welle der Empörung im Volk wahrnahm und den baldigen Niedergang der kommunistischen Herrschaft vorhersagte. Ursachen des Übels seien der Mangel an Meinungsfreiheit, das Monopol der KP, die Regierung zu stellen, und schließlich die Einmann-Herrschaft Xi’s innerhalb der kollektiven Führung.
„Der Grund liegt darin, daß die Staatsgewalt auf allen Ebenen erst die Redefreiheit beschneidet, Tatsachen verheimlicht und die Bevölkerung betrügt, anschließend die Verantwortung abschiebt und die Verdienste anderer für sich in Anspruch nimmt, während die beste Zeit zur Vorbeugung und Behandlung der Krankheit vor aller Augen ungenutzt verstreicht … Eigentlich wußten schon unsere Vorfahren: ›Dem Volk den Mund zu verbieten, ist schlimmer, als einen reißenden Strom aufzuhalten.‹ (aus: Guoyu. Gespräche über den Staat) … Das derzeitige bürokratische System ist von allgemeinem Mittelmaß geprägt, ausgelaugt und dekadent. Die chaotische Lage in der Provinz Hubei, wo sich zur Zeit die absurdesten und übelsten Szenen ereignen, beleuchtet nur einen kleinen Teil des ganzen Deasasters … Hinzu kommt, daß die staatlichen Autoritäten in den letzten Jahren die Repressionen weiter verstärkt und jede Entwicklung hin zu einer Zivilgesellschaft unterdrückt haben. Die Zensur nimmt von Tag zu Tag zu, wodurch genau jene Mechanismen geschwächt und eliminiert werden, die in einer Gesellschaft frühzeitig auf Probleme aufmerksam machen. So in der aktuellen Coronavirus-Epidemie, bei der gerade deshalb, weil die Meldungen über erste Erkrankungen abgeblockt wurden, schließlich ganze Städte abgeriegelt werden müssen, und das Abwürgen persönlichen Engagements schließlich zum Tod von Menschen führt. Es ist leicht einzusehen, daß dies begleitet ist von einer skrupellosen Profitgier und dem platten Pragmatismus einer Politik, die schlimmer kaum sein kann. All das zeigt, daß jene Generation, die während der Kulturrevolution aufs Land verschickt worden war und anschließend, unter den besonderen Umständen ihrer Zeit, an die Macht gelangte, heute jeglicher Moralität und Vernunft entbehrt. Man darf zu Recht behaupten, daß diese Generation auf allen Ebenen der staatlichen Macht die unfähigste Führungselite seit vier Jahrzehnten darstellt … Mit repressiven Mitteln der Disziplinierung und Überwachung wird nun versucht, den Beamtenapparat dazu anzutreiben, sich weiterhin mit einer sinnentleerten Abarbeitung von Verordnungen abzurackern und durchzulavieren. Und weil es sowohl an Redefreiheit als auch an einem modernen bürokratischen System fehlt – von ›loyalen Ministern, die den Kaiser zu kritisieren wagen‹, wie wir sie aus der chinesischen Geschichte kennen, ganz zu schweigen –, hat die Peitsche der Repression weder Überwachung noch Einschränkung zu fürchten. Darüberhinaus herrscht die eiserne Faust der [von Xi eingerichteten] Nationalen Sicherheitskommission mit noch härterem Griff. Zuletzt wird alles stufenweise durch den ganzen Apparat nach oben geleitet, wo es in einer einzigen Person zusammentrifft. Diese aber ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, der seiner Aufgabe mitnichten gewachsen ist … So ist es auch beim aktuellen Deasaster von Wuhan: Konkret ereignet sich zwar alles an der Basis, doch die Wurzel des Problems liegt bei den Machthabern in Peking, in diesem System, das sich um nichts anderes mehr dreht als um seinen eigenen Machterhalt … Das Land und die Bevölkerung werden heute mittels eines totalitären Big-Data-Kontrollsystems und dessen an Terror grenzender Zensur der gängigen Social-Media-Plattform WeChat regiert … Entsprechend hielt der scheinbare Übergang aus einem maoistisch-totalitären System zu einem autoritären Staat nach den Olympischen Spielen im Jahr 2008 zunächst inne, um dann abermals zu einem maoistisch orientierten Totalitarismus zurückzukehren, und zwar im Laufe der letzten sechs Jahr mit immer schnellerer Geschwindigkeit. Weil der Einsatz technologischer Mittel aufgrund unbegrenzter Staatshaushalte sich auf nahezu unerschöpfliche Finanzquellen stützen konnte, erleben wir heute einen Big-Data-Totalitarismus im Orwellschen Stil.“ (Xu Zhangrun, 2020)
Im Westen vollzieht sich eine ähnliche Entwicklung, in umgekehrter Richtung: Im „Krieg gegen das Virus“ geraten die von den Verfassungen garantierten Grundrechte und der Datenschutz ins Hintertreffen, werden Gesetze auf dem Verordnungsweg außer Kraft gesetzt, nachdem sich die Parlamente selbst entmachtet und die Entscheidungsbefugnis an die Exekutive abgegeben haben. Die private Presse, die wegen sinkender Werbeeinnahmen von Finanzspritzen amerikanischer Konzerne wie Google abhängt, schaltet sich mit den öffentlich-rechtlichen Medien gleich. Im Hintergrund betätigt sich die Google-Tochter Youtube als Zensor und löscht Beiträge, in denen Ärzte über Impfnebenwirkungen berichten – nach chinesischem Vorbild unter dem Vorwand der „medizinischen Falschinformation“. Mit Hilfe der Digitalisierung von Test- und Impfzertifikaten wird ein Social Credit-System eingeführt: Nur wer sich den Verordnungen beugt, sich testen und impfen läßt und dies auf seinem Smartphone nachweisen kann, darf noch am gesellschaftlichen Leben teilhaben, einkaufen sowie Kultureinrichtungen und öffentliche Verkehrsmittel betreten. In Australien annulliert ein Minister persönlich das Visum eines von den Behörden ausgestellten Visums für einen ungenehmen Spitzensportler. Das System, im Westen bekannt unter den Namen Green Pass, 2G, 2G+ oder 3G, nähert sich dem chinesischen Vorbild an, ja übertrifft es hinsichtlich des Grades der Repression: Während im chinesischen System mehrere Variablen des Wohlverhaltens ausgewertet werden und den Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen schaffen, ist das westliche System – zunächst erst einmal – monofaktoriell auf Corona ausgerichtet. Hinsichtlich der skrupellosen Profitgier und des platten Pragmatismus der Politik läßt sich kein Unterschied zur chinesischen Nomenklatura feststellen: Maskenskandale und Intensivbettenlüge (DIVI-Gate) bilden nur die Spitze des Eisbergs, zu dem sich die Korruption höchster, demokratisch legitimierter Regierungskreise verdichtet hat. Ohne maßgebliche Interessenskonflikte, die symptomatisch die Durchdringung der Politik mit Lobbyisten der Pharma- und IT-Industrie anzeigen, wäre die Corona-Krise gar nicht ausgerufen worden. Ein überschaubarer Club von Multimilliardären, die vor 30 Jahren noch in Hinterhof-Garagen an Schaltkreisen oder Billigsoftware herumbastelten, hat Regierungen und Presseagenturen gekapert. Auch die Mittelmäßigkeit der Beamten, die sich mit einer sinnentleerten Abarbeitung von Verordnungen abrackern und durchlavieren, unterscheidet den Westen nicht von China. Die logische Widersprüchlichkeit der „Corona-Schutzverordnungen“ fällt bereits Schulabbrechern ins Auge, nur die Funktionselite hält eisern daran fest. Nachdem Behörden wie das RKI die Ermächtigung erhalten haben, die geltenden „Regeln“ auf ihrer Internetseite zu veröffentlichen und ihnen damit ohne Debatte oder Einspruchsmöglichkeit sofortige Geltung zu verleihen, muß die rechtsstaatliche Verfassung des Westens zumindest im Bereich der Corona-Politik als außer Kraft gesetzt angesehen werden: Einzelpersonen können nach Gutdünken schalten und walten. Die Willkür der Definition, wer als „geimpft“ oder „genesen“ gilt, wird über Nacht für Millionen vom gesellschaftlichen Leben ausgegrenzte Bürgern spürbar.
These 12: Der Westen nähert sich im Eiltempo dem technokratisch-totalitären Regime, für das die IT-Branche die Volksrepublik bewundert.
Xu Zhangrun ahnte, daß dies sein letzter Text sein würde – am 6. Juli 2020 wurde er von zwanzig Polizisten in Beijing verhaftet, wie die deutsche Vertretung in China am 9.7.2020 mitteilte. Der Dichter Yang Lian postete daraufhin: „This is another proof of Chinese government keeps the very nature of Mao’s authoritarian tradition, and taken off their face-mask of ›Reform‹ now, they are nothing but the enemy of Humanity and civilisation. Europe, be clear, stop to play your game of power and money with them!“
Auch Ren Zhiqiang – ein prominenter KP-Kritiker, Immobilienmakler und selbst Teil der Nomenklatura, von manchen der chinesische Trump genannt – kritisierte in einem Essay, das sich viral verbreitete, die mangelnde Rede- und Pressefreiheit in der Volksrepublik. Die Angst der Machthaber, öffentlich schlecht dazustehen, verhindere, daß auf akute Gefahren schnell reagiert werden könne, der Parteiführer zeige sich in neuen Kleider, gleiche in Wirklichkeit aber einem nackten Clown – daraufhin verschwand Ren im März 2020 in den Zellen der Stasi und wurde im September in einem Verfahren, das nur einen Tag dauerte, wegen Korruption zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt.
Die chinesische Parteiführung hatte bereits im Laufe des Januar 2020 aus dem Vorfall gelernt. Zunächst galt es, die heimische Bevölkerung durch zur Schau gestellten Aktionismus zu beruhigen. Im Februar gingen die Bilder vom hektischen Bau zweier Krankenhäuser in Wuhan innerhalb von zehn Tagen um die Welt. Diese Bilder waren es, die die Welt alarmierte, gepaart mit den noch vorsichtigen Warnungen der WHO. Die KP verstand es, das Auftreten der ersten Krankheitsfälle in eine internationale Propagandaschlacht umzumünzen. Sie sprach von einem „Volkskrieg“ und sogar von einem „totalen Krieg“ gegen das Virus, eine Rhetorik, die in Europa beispielsweise vom französischen Präsidenten begierig aufgegriffen wurde und auch die damalige deutsche Kanzlerin beeinflußte – d.h., die KP nahm die Fundamentalkritik ihrer internen Widersacher ernst, nachdem sie sie ausgeschaltet hatte, und bemühte sich, das Gegenteil zu beweisen.
Zu den quasi-militärischen Maßnahmen, die die kommunistische Parteiführung ergriff, gehört die Erfindung des „Lockdown“. Es handelte sich um eine vollständige, militaristisch gegen das eigene Volk gerichtete Abriegelung des Reiseverkehrs in beide Richtungen, erst in Bezug auf Wuhan, dann ausgeweitet auf die Provinz Hubei, während die Einwohner in ihren Wohnungen verharren sollten. Quarantäne hatte es schon seit Jahrhunderten zur Vorbeugung der Seuchenverbreitung gegeben: die von der Krankheit befallenen Menschen wurden isoliert. Die Maßnahme der KP ging über Quarantäne weit hinaus: Es wurden alle Menschen der Region in ihrer Wohnung eingesperrt, unabhängig davon ob sie gesund oder infiziert waren. Wenig später diente der von der kommunistischen Parteiführung erfundene Lockdown als Blaupause für die Pandemiebekämpfung im Westen. Ironie des Schicksals: Als die stellvertretende Ministerpräsidentin Sun Chunlan im März 2020 Wuhan besuchte, um die Visite von Präsident Xi auf Potemkinsche Weise vorzubereiten, riefen die eingesperrten Bürger im Chor durch die geöffneten Fenster: „Jiade! Jiade! Dou shi jiade!“ („Fake!, Fake! Das ist alles Fake!“, zit. nach Kai Strittmatter, 2020) – Widerstand gegen die Unverhältnismäßigkeit der Maßnahmen, wie er auch im Westen aufkeimt.
Die kommunistische Partei erklärte sich nach kurzer Zeit zum Sieger im „Krieg gegen das Virus“, etikettierte China um „vom Krisenherd zum Krisenheld“. Als im Westen zur Zermürbung der nicht genügend impfwilligen Bevölkerung ein Lockdown nach dem anderen verhängt wurde, feierten die Einwohner Wuhans längst wieder Massenpartys. Lokale Virusausbrüche, etwa im Juni 2020 in einigen Teilen Beijings, wurden lokal „ausgetreten“. China heizte seine Wirtschaft an und verzeichnete als einziges Industrieland im Jahr 2020 ein Wachstum – nicht zuletzt dank der naiven Milliardenaufträge des Westens für Masken, Testkits und andere Gesundheitsprodukte.
Nach innen begriff die Parteiführung Corona als strategische Chance für den Ausbau des repressiven Staates: hatte sie in den letzten Jahren bereits den Ausbau informationellen Überwachung (Internetzensur, Überwachungskameras, nachbarschaftliche Denunziation) dank „fortschrittlicher“ künstlicher Intelligenz zum Staatsziel erhoben, so bot der Lockdown in Wuhan und Hubei die Möglichkeit, dem Volk ein Exempel zu statuieren, wozu die Regierung im Ernstfall fähig ist: die räumliche und informationelle Bewegungsfreiheit weitgehend einzuschränken und den parteilichen Zentralismus gegen die seit den Reformjahren aufkeimenden Zentrifugalkräfte zu in Stellung zu bringen.
„Wie die Analyse der politischen Kommunikation im Lande nahelegt, bringt der durch COVID-19 ausgelöste nationale Krisenmodus eine Reihe von Vorteilen für die Herrschaft der Partei mit sich: Er erlaubt die resolute Durchsetzung zentraler parteistaatlicher Macht innerhalb einer Hierarchie politischer Steuerung, die im Normalmodus zur Fragmentierung neigt, im Krisenmodus aber zur strikten Durchsetzung von Vorgaben zwingt. Zugleich erlaubt er die Mobilisierung massiver materieller und ideeller Ressourcen, deren Einsatz im vaterländischen Krieg gegen das Virus angesichts der existenziellen Bedrohung dazu beiträgt, die Parteiherrschaft zu legitimieren und Kritik zu diskreditieren. Die Legitimität des Top-down-Durchgriffs und die dadurch erzeugte Effektivität des Krisenmanagements verstärken einander, solange der Krisenmodus aufrechterhalten wird.“ (Heike Holbig, 2020)
→ weiterlesenSolang tanzen wir
Wie tot ist dieses Land : wie ernst
Versucht die Alten es vorm Tod
Zu retten und läßt das Leben
Fahr’n ins Nichts : es könnte
Laut und bunt sein : nur
Im Traum noch : auf der Straße
Eil’n die Menschen
Regungslos vorbei
Verstecken ihr Gesicht : verstecken
Sich : verfolgt von Angst
Ein Fangespiel ist dieses Treiben
Ersatz für : keiner glaubt’s
Den dritten Großen Krieg : der
Uns erspart nicht bleiben wird
Und solang tanzen wir auf uns’rem
Stern : gebären Chaos
Echo auf: Mustafa Khalifa, Das Schneckenhaus
„Ecos da escrita“, zu deutsch etwa „Echos des Geschriebenen“ – unter diesem Motto stehen einige ausgewählte Texte von Studentinnen einer Germersheimer Übung: Kreatives Schreiben: Zielsprache Deutsch. „Ecos da leitura“, „Echos der Lektüre“, würde es ebenso treffen. Schreibanlässe sind jeweils Auszüge von übersetzter Literatur, auf die die – nichtmuttersprachlichen – Studentinnen sprachlich reagieren sollten.
Ein erstes Beispiel ist der Anfang von Mustafa Khalifas Roman „Das Schneckenhaus“, eine Abschiedsszene auf dem Flughafen Orly…
Mustafa Khalifa, Das Schneckenhaus. Tagebuch eines Voyeurs (Deutsch von Larissa Bender)
Suzanne und ich saßen in einem Café am Pariser Flughafen Orly und warteten auf den Abflug. Nach sechs Jahren würde ich in mein Land zurückkehren.
Sogar in dieser letzten Viertelstunde wurde Suzanne nicht müde, mich zum Bleiben zu überreden. Immer wieder führte sie Argumente an, die ich schon kannte, seit ich ihr vor ein paar Monaten von meinem Entschluß erzählt hatte, in die Heimat zurückzukehren und dort zu arbeiten.
Ich komme aus einer arabischen Familie christlich-katholischen Glaubens. Die eine Hälfte der Familie lebt in Paris, weshalb mir in diesem Land alle Türen für das Studium offen gestanden hatten. Das Studium war mir leichtgefallen, unter anderem weil ich des Französischen schon vor meiner Ankunft in Paris mächtig gewesen war. Ich hatte Regie studiert und war ein ausgezeichneter Student gewesen. Und nun wollte ich nach meinem Abschluß in mein Land und meine Stadt zurückkehren.
Auch Suzanne stammte aus einer arabischen Familie, doch ihre Familie war ausgewandert und lebte in Frankreich. In den letzten beiden Studienjahren waren wir ein Paar gewesen und hätten sogar mit dem Segen beider Familien heiraten können, sofern ich nicht darauf bestanden hätte, nach Hause zurückzukehren, und sie, in Frankreich zu bleiben.
Bei unserem letzten Gespräch im Flughafen sagte ich resolut:
„Suzanne, ich liebe mein Land, meine Stadt. Ich liebe die Straßen und Gassen dort. Das ist keine banale Romantik, sondern ein tief empfundenes Gefühl. Ich erinnere mich noch immer an die Slogans auf den Mauern der alten Häuser in unserem Stadtviertel. Ich liebe sie, ich sehne mich nach ihnen. Außerdem möchte ich ein außergewöhnlicher Regisseur sein, ich habe viele Projekte und Pläne im Kopf. Ich habe große Ambitionen. In Frankreich würde ich ein Fremder bleiben, ich würde wie jeder andere Flüchtling hier jobben, und sie würden mir nur ein paar Brotkrumen hinwerfen. Nein, das möchte ich nicht. In meinem Land habe ich Rechte, dort bin ich niemandem zu Dank verpflichtet. Mit ein wenig Mühe kann ich es dort zu etwas bringen. Abgesehen davon, daß mein Land mich und meinesgleichen braucht. Deshalb ist mein Entschluß zurückzukehren endgültig, und jeder Versuch, mich umzustimmen, ist zum Scheitern verurteilt.“
Ein paar Minuten herrschte Schweigen. Wir vernahmen den Aufruf, es war Zeit für den Abflug. Wir standen auf und kippten den Rest unseres Bieres hinunter. Ich sah sie mitfühlend an, Tränen sammelten sich in ihren Augen. Sie warf sich mir an die Brust. Ich küßte sie flüchtig. Solche Situationen kann ich nicht ertragen.
„Ich wünsche dir alles Gute“, sagte ich.
„Ich dir auch. Und paß auf dich auf!“
Ich bestieg das Flugzeug.
(Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Bonn, 2019. Original: Al-Qawqa’a: Yawmiyy?t Mutala??i?. 2008)
Texte zu Mustafa Khalifa, Das Schneckenhaus
Innerer Monolog Suzannes
Wie kann er mir so etwas antun? Nach allem, was wir zusammen erlebt haben, die vier Jahren an der Uni, das dunkle und feuchte Zimmer im Keller, die gemeinsamen Freunde… wie kann er jetzt alles hinter sich lassen und weggehen? Wir hätten heiraten und eine Familie gründen können. Wir hätten glücklich zusammen sein können, wie wir es bis jetzt gewesen sind. Es wird schwierig sein, ohne ihn. Meine kleine Schwester Fatima wird ihn furchtbar vermissen! Ich werde ihn furchtbar vermissen… Aber ich kann ihm nicht böse sein. Im Gegenteil, ich verstehe ihn. Natürlich musste ich versuchen, ihn zu überreden, dass er hierbleiben soll und, dass er hierhergehört. Das musste ich wieder und wieder versuchen, obwohl ich wusste, dass ich keine Chance hatte, sein Vorhaben zu ändern. Das konnte ich in seinen Augen sehen. Er war immer erfolgreich, ein ausgezeichneter Student und, später, bei seinen ersten Aufträgen und Projekten, ein talentierter Regisseur. Trotzdem habe ich auch in seinen glücklichsten Tagen einen Hauch von Melancholie bemerkt, die er ständig versuchte zu unterdrücken, bis sie ihn überwältigt hat. Ich weiß, dass er mich liebt und es auch ihm schwerfällt, dieser Entscheidung zu folgen. Gegen seine Gefühle kämpfend leerte er sein Bierglas und stand auf, überzeugt davon, seinem Schicksal zu folgen. Er küsste mich und wünschte mir alles Gute. Mir fiel nichts Anderes ein, und ich antwortete nur „Ich dir auch. Und pass auf dich auf“. Letztendlich wusste ich, dass ich ihn gehen lassen musste. Er wollte sich verbessern, bekannt werden, an wichtigeren Projekten teilnehmen. Bis dahin fühlte er sich nicht genügend anerkannt und ausreichend herausgefordert. Außerdem nahm die Sehnsucht nach der Heimat mit der Zeit ständig zu, bis er sich in Frankreich wie ein kompletter Fremder gefühlt hat. Obwohl er die Sprache beherrschte, versuchte er immer weniger Kontakt zu Leuten zu haben, bis er sich nur mit seiner und meiner Familie traf. Und jedes Mal, wenn es um Syrien ging, fingen seine Augen an zu glänzen und ein bitteres Lächeln änderte seine Gesichtszüge. All das war monatelang vor meinen Augen, aber ich habe es immer ignoriert. Ich habe gehofft, dass es nur eine Phase sein würde und, dass er sich eines Tages beruhigen würde und sein relativ neues Leben wieder zu schätzen wüsste. Seine Entscheidung war für mich also nicht ohne Gründe zustande gekommen. Ich konnte sie verstehen und sogar akzeptieren. Deswegen drehte ich mich um und lief Richtung Ausgang.
Erica Amistadi
Der innere Monolog von Suzanne
(Mustafa Khalifa, Das Schneckenhaus)
Da sitzt er, der Mann, mit dem ich mein Leben verbinden wollte, der die letzten zwei Jahre mein ein und alles war, was ich ihm eigentlich nie gesagt habe. Und jetzt ist es zu spät für lange Reden über nicht ausgedrückte Gefühle. Wenn ich ihn jetzt anschaue, kommt er mir irgendwie fremd vor. Seine andere Seite ist zu sehen, diejenige, die in Syrien verliebt ist und dem Land zuliebe wirklich alles hinter sich lassen würde. Diese Seite habe ich bisher nicht gekannt.
Fremd wie nie beschrieben
Sieht mich mein Schicksal an
So schrieb Rilke. Und wie sehr passen diese Zeilen zur Situation.
Es ist an der Zeit, sich zu verabschieden. Ich bin bereit, Abschied zu nehmen, aber ich glaube, ich werde ihn nie ganz loslassen können. Er geht von mir weg, aber bei ihm bleibt etwas. Bei ihm bleibt ein Herz, und das Herz ist mein.
Anastasiia Matiash (Nastja Matjasch)
Innerer Monolog Suzannes
Es ist dann das Ende. Wer konnte damit rechnen, dass diese emotionale Verbundenheit mit unserem Land, die uns vor zwei Jahren zusammenbrachte, uns jetzt wieder trennen würde? Oder hätte ich es eigentlich noch früher bemerken können, dass das Heimweh, von dem wir ständig gesprochen haben, nicht wirklich so ein geteiltes Gefühl war, wie es das in meiner Vorstellung ist? An meine Kindheit in Syrien denke ich eigentlich gern zurück, aber nur als eine nostalgische Erfahrung, wenn es im Leben nichts gibt, um das ich mich sorge oder über das ich mich freue, also ja, Romantik, in seinem Wort. Aber wirklich zurück in das Land? Lieber nicht. Um ehrlich zu sein, verstehe ich ihn auch nicht ganz. Ist es nicht besser, die Erinnerung halt Erinnerung sein zu lassen? Und Regie, natürlich, seine Lebenskarriere. Ich liebe es tatsächlich, wenn er über seinen Traum spricht. Dass er sich die ganze Zeit über so sicher ist, was er will und sich von nichts abhalten lässt, erscheint mir wie immer so attraktiv, auch wenn uns diese Entschiedenheit jetzt zur Trennung führt. Ich konnte mir schon gut vorstellen, dass er mich eines Tages wegen seiner Arbeit verlassen würde. Es kommt immer ein „Syrien“ vor, wenn er mich nicht in seiner Zukunft sieht.
Ich hoffe nur, dass es in Syrien wirklich was Spannendes gibt, das auf ihn wartet, wie er es sich jetzt vorstellt. Alles Gute, meine Liebe.
Jing Lin
Ein Hintern, der „dezente Zurückhaltung“ ankündigt?
[…] Tapeten und den Landschaftsbildern umher, die er
für eine größere Seminararbeit sezierte, und dennoch entging
ihm nicht dieser Hintern, der ihm im Grunde dadurch auffiel,
dass er zunächst nichts Besonderes an sich hatte, dezente
Zurückhaltung ankündigte – ja sogar ein wenig dafür sorgte, […]
[…] Er war Gast in der Bibliothek, hielt hier und da Vorträge, schritt mit den Alten einher. Sortierte Karteikästen, nur um gesehen zu werden. Er hatte einen Schrank gemietet. Schrank, so nannten wir die Kabinette, in denen man allein für sich arbeiten konnte. Wer hierzu den Schlüssel besaß, hielt sich für einen Grundbesitzer. Wir, in den Reihen an den Tischen dagegen, wir waren das Fußvolk, waren die Knechte, die Lakaien.



