Leer war die Erde,
Wüst und leer.
Dann schuf ER
Den Menschen,
Nach seinem Bild,
Steht geschrieben.
Gab ihm die Erde
Zum Wohnen anheim.
Mit Pflanzen, Tieren,
Bergen und Meer,
Auf dass er sie
Nutze und hüte
Zu seinem Glück.
Jahre verwehen
Wie ein Tag.
Der Mensch aber
War nicht allein
Abbild von IHM,
Es liegen immer
Dunkel und Licht
in ewigem Kampf.
Abraxas‘ Schatten
Fliegt über die Welt.
Frieden und Krieg,
Liebe und Hass,
So geht es hin
Bis zum Ende der Zeit.
Der Untertan stirbt
Tausende Tode,
Und die Erde wird sein
Wieder wüst und leer.
Amerika, eine Aufgabe feat. 01.06.2016 * AK
Sprengung
aller Katergorien,
Gedicht im A4-Format: auf
dem Grunde der Seele
klebt Blut – wie
ist das möglich?
Papageienträume, Papayalieder
und vergraben im Wald
kein Wischlappen,
nur
eine unbekannte
Stadt – Teil
eines Sternhaufens auf Erden.
Ich höre dich singen, singen
Ich höre dich, Amerika
Ich höre eine Stimme und weiß nicht
Wie,
wie heißt du wirklich, Amerika?
Die Familie Vespucci hat
längst ihren Dank abgestattet, südlich
korrekt & in Maßen
überschwänglich (wie…
bei den Ringmanns und Wald
seemüllern dieser Welt, die
Familie Vespucci hat
nichts mehr zu
tun mit
allem,
was folgte (Wie, wie … die Familie
Vespucci hat
ihre Schuldigkeit getan.
Getan? Schuldigkeit? Die Familie Vespucci
hat
Wie heißt du wirklich?
Wie bist du geboren?
Warst du einst autonom?
Wie Australien,
durch Wüste und Dschungel
zieht sich die feurige Spur
des Gesangs
Wie,
wie heißt du wirklich –
in Träumen & Liedern entstanden
auf dem Grunde des Himmels,
Stadt – Teil
des Unbekannten, grauen
erregenden grenzen
los freudigen
Beginnens
von Etwas, Welt im A4
Format oder Reißbrett
inmitten einer Seele, tabula
rasa
Sprengung aller Kategorien?
Erneuerung der Sprache?
Des Denkens?
Neue Welt gar, aus
Allen Teilen
Gemischt?
Ich höre dich singen, singen
Ich sehe dich stolpern und torkeln
Burroughs & Ginsberg, Freunde
i.m. D.P. : 3.1.93
Es ist die Stunde der Unsterblichen : Der Frosch springt in den Teich. : Die Wellen schlagen…
Nie wieder soll hier : Jetzt werden, jetzt : Ohne Di… , ohne… !
Schnellfertig und Weilehaben
Schnellfertig besucht Weilehaben. Er sieht, wie Weilehaben sein Geschirr umständlich mit der Hand abwäscht und fragt: „Sag, hast du keinen Geschirrspüler? Wie viel Zeit verschwendest du mit dieser Arbeit!“
Weilehaben: Wenn ich mit der Hand abwasche, vollziehe ich das Speisen und die dazu gehörigen Eindrücke nach. Ich erinnere die Gedanken und Gefühle, die ich beim Essen hatte, und war Besuch da, erinnere ich unsere Gespräche. Es reißt mich aus der Geschwindigkeit mit mir selbst, in die mich ständig etwas hineinzwingen will. Hast du jemals deinen Geschirrspüler eingeschaltet und dir gesagt, so, in der freien Zeit mache ich etwas Schönes? Keiner tut das. Stattdessen telefoniert man oder verschafft sich weitere Beschäftigungen und verfällt dem Getriebensein.
Schnellfertig: Dann hast du bestimmt auch kein Smartphone oder Computer?
Weilehaben: Doch hab ich. Aber das Smartphone ist ausgeschaltet. Ich verwende es nur zweimal am Tag. Nach dem Frühstück und nach dem Abendessen.
Schnellfertig: Klingt nach Technik-Kritik.
Weilehaben: Wenn du so willst, ja, es ist Technik-Kritik.
Schnellfertig: Kannst du dir vorstellen, wo wir heute wären ohne die technischen Hilfsmittel? Kein Auto, keine digitale Uhr, keine Waschmaschine, keinen Computer, kein Telefon, keine Heizung, kein Radar, keine digitalgestützte Medizin, keine Flugzeuge, keine Landmaschinen, keine industrielle Produktion, keine selbstfahrenden Staubsauger und Rasenmäher.
Weilehaben: Ja, wo wären wir? In der Steinzeit vermutlich. Ich denke, wir müssen in uns zwei Menschen unterscheiden: Den des Aktes und den der Schrift. Jener der Schrift führt unweigerlich zur Technik, zur Digitalisierung und zu dem, was danach kommt. Der Mensch des Aktes ist der Hörende, der Auswendigkennende, der Feiernde und Spielende. Jener der Schrift doppelt die Wirklichkeit, er lässt das Original nach und nach verschwinden.
Schnellfertig: An das Original glaubt schon lange niemand mehr. Wir haben es überall mit Kopien und Palimpsesten zu tun. Man könnte sagen, die ganze Wirklichkeit ist Schrift geworden. Das hat uns einen großen Bewegungsraum verschafft. Wir können fast überall hin. Und das nicht nur im Sinn des Reisens. Wir können per Video-Anruf kommunizieren, uns über tausende Kilometer hinweg auf dem Bildschirm sehen. Ich kann über Computer oder Smartphone bei einer Veranstaltung zeitgleich dabei sein, obwohl ich in meiner Wohnung sitze.
Weilehaben: Diese Errungenschaften sind nicht zu bestreiten. Die Frage ist, wie machen wir sie uns dienlich? Um das zu schaffen, müssten wir zu allererst wissen, wer das ist: Wir. Dieses Wissen verlieren wir mehr und mehr mit jeder weiteren technischen Errungenschaft. Warum? Weil die Technik uns die Kontaktfläche der Hand und somit die nachvollziehbare Wahrnehmung ersetzt und bestreitet. Die Haptizität geht verloren. Es macht einen Unterschied, ob ich einen Menschen leibhaftig erfahre oder nur seine E-Mail lese oder mit ihm per Video kommuniziere.
Schnellfertig: Das kann ich ja trotzdem tun.
Weilehaben: Macht man aber nicht. Das Laster der Faulheit und Bequemlichkeit wird ausgeweidet. Wir leben mit dem Smartphone nur noch auf Zuruf. Es ist ein Sprechen, kein Schreiben. Interessant wie wir alles erfinden, aber nicht für uns sorgen können, was unsere seelische Gesundheit betrifft. Die Welt wird uns eine machbare, eine, die uns immer dichter bedrängt, uns knebelt. Der mangelnde Kontakt mit Welt macht uns aseptisch, lässt uns einem Hygienismus verfallen. Wir können nichts mehr hergeben. Niemanden mehr in die Wohnung lassen z.B. Fern bleibt uns die nicht meßbare Wirklichkeit und der Kontakt zu unserer in der Tiefe waltenden dramatischen Verflechtung. Wir werden notlos und damit gesichts- und charakterlos.
Schnellfertig: Jetzt trägst du aber dick auf.
Weilehaben: Wenn es aber so ist … Der unter technisch-modizfizierten Lebensvollzügen lebende Mensch wird eine große Affinität zum Totalitären entwickeln. Zum Rausch des Alles-Mach- und Dominierbaren. Er kann kaum innere Gegenwehr aufbringen. Wozu auch?
Schnellfertig: Die Technik hat sich rasch sehr hoch entwickelt. Das können wir nicht wieder von uns stoßen. Nichts würde mehr funktionieren.
Weilehaben: Nein, umgekehrt, die Technik weiter und weiter gesponnen, dann funktioniert nichts mehr, nämlich das soziale Leben. Die Technik liefert eines nicht mit: Die vertrauensbildenden Maßnahmen. Warum nicht: Weil sie davon lebt, genau diese Maßnahmen zu überspringen, scheinbar überflüssig zu machen. Außerdem verbirgt sich hinter der Technik eine Auslegung von Welt, die die Welt von uns ausschließt und in uns die Einbildung nährt, wir wüssten, was das ist: Welt. Die Welt und auch die Natur sind in Wahrheit nie so eindeutig, dass sie eine gesetzliche Fixierung zulassen. Eigentlich gibt es nur Bewegungen und Übergänge. Was man erkennen kann, ist Stückwerk. „Mehr als je/ fallen die Dinge hinab, die erlebbaren, denn/ sie werden verdrängend ersetzt durch ein Tun ohne Bild“, zitiere ich den Dichter.
Schnellfertig: Meinst du, statt eines Bildersturms bräuchten wir einen Sturm gegen das Digitale, einen neuen Maschinensturm?
Weilehaben: Nein, es geht darum, den selbstreferentiellen selbsthergestellten Mangel zu verstehen. Es muss klar gegeben sein, dass wir Herr der Maschine sind, wir uns ihrem Sog entziehen können. Dass wir unsere tieferen Lebenswerte über jene des Machbaren zu stellen in der Lage sind: z.B. die Maschinen abstellen und Schichtarbeit verbieten. Wir müssen die Technik an kurzer Leine halten und nicht diese uns. Dafür müssen wir jedoch einen Besinnungsraum jenseits des Machbaren betreten. Eine menschliche gesunde Kultur besteht aus Schrift und Akt. Und die Schrift darf den Akt nicht entleeren, sondern soll ihn zeigen, für ihn zeugen.
Schnellfertig: Könnte ich mir vorstellen, was da am Ende herauskommen soll, würde ich dir vielleicht folgen. Aber Geschirrspülen würde ich trotzdem nicht.
Oktober 2022
Anmerkung: „Mehr als je/ fallen die Dinge hinab, die erlebbaren, denn/ sie werden verdrängend ersetzt durch ein Tun ohne Bild“, Rainer Maria Rilke, aus der neunten Duineser Elegie
***
Kleider machen Sport.
Featuring : Wolfgang Herrndorf : Traurige Tropen (1)
Tschick hatte seine Ellenbogen bei sich aus dem Fenster gehängt und den Kopf draufgelegt, und auch ich hatte meinen linken Arm aus dem Fenster gehängt wie bei einer Bootsfahrt, wenn man ins Wasser greift. Zweige von Bäumen und Sträuchern streiften meine Hand, und mit der anderen Hand steuerte ich den Lada durch die schattenhafte Welt.
Als ich in Brasilien ankam, war man im Begriff, diese Gegend zu erschließen, vor allem auf Betreiben eines englischen Unternehmens, dem die Regierung anderthalb Millionen Hektar Land überlassen hatte mit der Auflage, Straßen und Eisenbahnen zu bauen.
*
21. Auflage 2015, S. 110
92. Auflage, März 2022, S. 217
Verschwörung der Praxis
Sie leuchten mir heim
Schwärzen die Verträge
Der Energiebonus kommt bestimmt
Ich scharre schon in den Startlöchern
Hab auch die Sprühdose dabei
Sagt einer Höhle, schick ich die Armee
Sie bringen mir Welt
Speichern meine Krater
Bunte junge Hunde unterm alten Grau
Land hab ich nicht bestellt
Doch die Verpackung und der zurückgelegte Weg
Auf die beiden ist Verlass
waki
Die unorthodoxe Dich-
ter : in liebt nun ihre Frau
Neue Sentenzen, 1. Reihe
Einfach einen Schnips in die Luft machen und der Kaffee ist da, das Essen ist fertig, die Tür geht auf oder man ist in einem anderen Land oder der Freund steht im Zimmer. Zaubern können: Ein Kinderwunsch. Ein Kind wünscht sich das, weil es von Weltmächtigkeit ausgeschlossen ist. Aber sollte der Erwachsene sich das auch wünschen? Wir können es ein bißchen: Unsere Technik ist ein kleiner Zauberer. Aber was wir bei unserem naiven Wunsch vergessen: Bemühung, Arbeit, Anstrengung um eine Sache ist Teil der Erfüllung. Wenn jeder meiner Wünsche auf einen Schnips hin Erfüllung fände, wäre das die Hölle. Ich hätte keinen Weg mehr. Keinen Weg, den Kaffee oder das Essen liebevoll zuzubereiten, keinen Weg, die Reise zu planen, keinen Weg zum Freund oder zur Freundin. Das Leben ist lebendig im Weg, nicht erst am Ziel. Wenn ich zaubern könnte, wäre mein einziger Wunsch, dass mir diese Fähigkeit wieder genommen würde. Wie also mit der Technik umgehen, deren einziges Agens ist: Zaubern, Zaubern, Zaubern? Kultur als Fluchtkultur, als Kultur des Machens und des Immer-Neuen. Unser Problem: Wir können nicht verweilen und darum auch nicht wohnen. Denn eh wir im Haus wohnen können, wenn wir es denn wollen, müssen wir „dichterisch“ gewohnt haben und also fähig sein, uns in der Dauer einzurichten, müssen wir ein Verhältnis zur Dauer haben. Aber da wir das nicht vermögen oder wir davon abgelenkt werden, leben wir in der ständigen Umwälzung unserer Alltagsverhältnisse, sind wir ausgesetzt an jedes Spektakel. Über die Dispositive der Macht erreichen uns die Nachrichten und Befehle der Wirrnis in immer kleineren Intervallen. Unser Haus, unser Wohnraum, ist nur noch Funktionsraum, ist Wirrnis. Darin sind wir zwangsläufig besitzlos. Nur eines gehört uns, und das auch nur scheinbar: Das Dispositiv, womit wir die Befehle empfangen. Darum pressen wir es ans Herz. Die technische Welt als gnosisierende muss zwangsläufig in die klinische, aseptische münden. Für die aseptische Welt sind Viren die größte Bedrohung, mehr noch als Krieg oder Naturkatastrophen. Viren können unseren hygienischen Zaun überspringen. Folglich müssen wir jede Kontaktfläche und damit Nähe meiden. Anders könnten wir uns infizieren und also fremdbestimmt werden. Unser Auto war doch innen so schön sauber, die Hände haben wir stets desinfiziert, die Wäsche und das Geschirr mit zahlreichen Waschmittelzusätzen gewaschen. Und doch sollte uns der aseptische, von Fremdstoffen freie Raum nicht gelingen? Das Aseptismus-Syndrom … Wir haben lange dafür gearbeitet, endlich Atemmasken wie die Japaner tragen zu dürfen. Aber gibt es ein Leben, wenn wir die Gefahr aussperren, oder wird nicht vielmehr dann die Angst das Leben? Die Umkehrung des Zu-Verantwortenden gegen den Verantwortlichen durch den Verantwortungsnehmer … Oder wie das Feigenblatt der Humanität zur Tyrannei wird. Ein Beispiel: Den Krankenhäusern ist aus irgendeinem Grund der Gips ausgegangen. Darum darf sich niemand mehr Arm oder Bein brechen. Man könne diese Patienten ja nicht behandeln und würde so an seinem humanen Ideal schuldig werden. Also verbietet der Gesetzgeber im Umkehrschluss alle Sportarten, wo es vermehrt zu Arm- und Beinbrüchen kommt. Oder Gesundheitsämter sind wegen akuten Personalmangels nicht in der Lage, von Läusen befallende Kinder formell zu erfassen. Also werden allen Kindern Kontaktbeschränkungen auferlegt, statt dass das Personal aufgestockt wird. Derartige Umkehrungen sind auch ein beliebtes Mittel – hier nicht aus vorgeblichen humanitären, sondern pekunären Gründen – von Versicherungen. Sich für eine Leistung bezahlen lassen und dann derart auf den Gesetzgeber einwirken, dass der Schadensfall gar nicht eintreten kann. Ein Schadensfall verhindern wird als löblich empfunden und ist darum leicht durchsetzbar. Das erste Beispiel ist eine Perversion der humanen Idee. Das zweite ist Betrug. In beiden Fällen sind luzide Logiken der doppelten Verneinung am Werk, schwer zu durchschauen, aber stets mit der Beschneidung der Freiheit endend, das Versprechen der Freiheit im Munde führend. In welchen Zugzwang bringt sich der Mensch durch seine Erfindungen und Vorstellungen? Die Erfindung folgt der Vorstellung, und der Erfindung folgt, abgesichert in der Vorstellung, der Zwang zur Verwirklichung. So resultiert aus der Vorstellung der Globalität z.B. die Erfindung des Fluggeräts und der Telekommunikation, und diese Erfindungen nähren wiederum die Vorstellung. So folgt der Vorstellung vom homo sapiens als erst durch Bildung vollendbarem Wesen seine Optimierung. Die Optimierung wird Idee und Forderung, während der Mangel Realität bleibt und Schulderfahrung präliminiert. Die Vorstellung von der Gleichheit der Menschen rückt von seiner moralischen Wurzel weg zur äußerlich technischen Behandlung, die sich auf alle Menschen erstreckt. Die Welt wird homogen gemacht und der reibungslose Verkehr in ihr durch Technik ermöglicht. Die Optimierung des Menschen wird eine technische, eine transhumane. Nicht seine Sittlichkeit muss gehoben, sondern die Mängel seines Körpers müssen behoben werden. Dieser Körper wird durch Maschinen ergänzt, wird im Sinn der Fürsorge überwacht. Da aber die Sittlichkeit nicht mitwächst, vielmehr verkümmert, der Mensch aber im nunmehr globalen Verkehr nicht mehr das Vertrauen eines Dorfes, einer Gemeinschaft genießt, wo man ihn kennt, braucht es Zeichen, woran man ihn erkennt. Er braucht einen Identitätsnachweis. Weil das zwischenmenschliche Vertrauen im globalen Verkehr mehr und mehr verlernt wird, muss der Identitätsnachweis immer genauer und umfassender werden. Die Arbeit und die Versorgung geschehen nicht vor Ort, sondern global als Fernarbeit und Fernversorgung. Darum weiß man nicht, was die Bedürfnisse des Einzelnen sind. Da aber in Massen produziert wird, muss das Verhalten des Menschen, wozu auch seine Bedürfnisse gehören, gekannt sein. Der Bäcker im Dorf weiß aus dem Kontakt mit seinem Kunden, welches Brot und welchen Kuchen dieser bevorzugt. Das globale Unternehmen kann das nur über anonyme Ausforschung ermitteln. So kommt es zur doppelten Überwachung: Zur Feststellung der Identität und zur Auslesung des Verhaltens. Keiner muss noch Vertrauen leisten, noch gibt’s eine Güterversorgung, der gegenüber Dank zu bezeigen möglich wäre. Die Technik ist unser Schicksal im Verein mit unserem Vorstellungsmodell der Gleichheit, eines Körpers ohne Mangel und weltumfassenden Verwaltungsorganisation zur Erreichung dieser Optimierungen. Kraft solcher Vorstellungen steht und fällt eine Welt, die in Wahrheit nur ein Kartenhaus ist, auch wenn sie aus Stahlbeton gebaut und in Fels gehauen ist. Wir leben in einer Rundum-Kultur des Machenschaftlichen. Dieses Machenschaftliche hat der Positivismus im Verein mit Kapitalismus und Technologie zum Totalitarismus ausgebaut, zugespitzt, optimiert. Deutliches Indiz für das Machenschaftliche: Der Mensch darf nicht sein, nur noch das Humane und schließlich das Transhumane. Im Transhumanen sind wir Funktion und Adresse des Machenschaftlichen. Dieses ist ein allesfressender Objektivismus, ein Totalitarismus des Machens. Wir leben nach dem Rhythmus der Maschinen, diese nicht nach dem Rhythmus des Menschen. Welt und Mensch werden befreit von den Keimen der Armut, der Krankheit, des Schmutzes, eingepflanzt in den Horizont des Klinischen und Prothetischen. Und wo ist der Ausgang? Gibt es einen? Das ganze Projekt des Machenschaftlichen zu unterlaufen, nicht zu glauben, dass die Welt einen errechenbaren Sinn haben, der Mensch vermessen werden könnte. Die Maschinen den Gezeiten des Menschlichen unterwerfen. Die Maschinen ausstellen, statt den Menschen in die Schichtarbeit einbestellen. Den Tee nicht aufgießen, wenn das Wasser kocht, sondern wenn seine Zeit ist. Wann ist die Zeit des Menschen? Immer. Aber diese ist täglich neu zu bestimmen und gegen die schnappatmende Zeit des Machenschaftlichen durchzusetzen. Um mit einer Sache, einem Ding vertraut zu werden, muss es mir gehören. Muss ich mich ihm hingeben und es muss sich mir hingeben können. So entsteht Vertrautheit im Dasein. Genau diese Hingabe unterläuft ein Wirtschaftssystem, darin es kein Eigentum an den Sachen mehr gibt, sondern alles auf Leihbasis gestellt ist. „Gekauft“ heißt jetzt „Geliehen“. Wir werden fremd in der Welt, werden geschwächt. Wir verlieren die Kraft zum Widerstand. Warum gibt es Krieg oder „hundert Mann und ein Befehl und ein Weg, den keiner will“? Dennoch gehen wir ihn. Ein Grund, warum die Bevölkerung mitmacht, ist der Überdruss, die Langeweile. Das in tiefgreifender Feigheit vor dem Leben sich hinschleppende Gros der Menschen fühlt Mut für den Hass, den Krieg, aber nicht für das Leben. Im Krieg verlieren alle bis auf jene, die die Beute unter sich aufteilen. Und diese nehmen nicht teil am Krieg. Sie betreiben die Propaganda, reißen den nach Zugehörigkeit lechzenden unmündigen schlafenden Bürger hinein in die Zockerei. Ohne ihn wäre kein Krieg möglich. „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.“ Aber sie gehen hin, glauben an das projizierte Feindbild. Sie glauben es, weil ihre Unmündigkeit, Schlafmützigkeit und Feigheit Weisungsabhängigkeit bedeutet. Sie ersehnen den Befehl. „Es ist ehrenvoll, das Land zu verteidigen“, lassen sie sich einreden. Gäbe es keine Uniform, wüssten sie gar nicht, wer der Feind ist. Aber wer wird zum Feind aufgebauscht? Der Bürger des anderen Beute-Regimes, der von der anderen Elite durch Propaganda Losgehetzte. Auch dieser weiß nicht, was er tut. Im Krieg ist nie die Bevölkerung der Sieger, selbst nicht, wenn ihre Seite gesiegt hat. Die Bevölkerung sieht nur zerstörte Familien, Häuser, verwüstete Landstriche, Millionen Tote. Und folgen nicht aus jedem Krieg neue ungerechte Regelungen, woran sich der nächste Krieg entzündet? „Der Herr gibt deinen Grenzen Frieden“, heißt es im Psalm. Ein Verbleiben in den Grenzen. Das ist spannend genug, ist eine täglich neue Aufgabe. Der Elite, den Regierungen, den Räuberbanden den Wind aus den Segeln nehmen. Krieg ist keine Naturkatastrophe, aber er wirkt wie eine. Kriegstreiber ist, wer die Grenzen, denen man zugestimmt hat, propagandistisch und beuteorientiert verletzt oder wer den andern in die Enge treibt. Neu entstandene ungerechte Grenzverschiebungen oder ein provozierendes und bedrohliches Bündnisungleichwicht müssen durch Verhandlungen und ein Schiedsgericht beseitigt werden. Aber darüber lacht die Räuberbande. Wer soll dieses Schiedsgericht sein? Ein solches müsste über exekutive Gewalt verfügen Die Räuberbande ist auf Raub fixiert. Nur eines kann sie bremsen: Sie ruft „Krieg“, aber keiner geht hin. Zum totalitären Geist gehört der Wille zur Ausschließung bzw. zur Selbsterhöhung. Dieser Geist muss irgendetwas an den Haaren herbeiziehen, was angeblich einen Unterschied macht: Rasse, Hautfarbe, Impfung. Die Unterscheidungen sind gern biologisch begründet, denn solche sind unabänderlich. Und wenn biologische nicht aufzurichten sind, müssen ideologische herhalten. Am besten man vermischt beide. Der Überdruss und der damit verbundene Sinnverlust sehnt sich nach Zerstörung, nach Krieg. Lieber Totsein als Leben in der Sinnleere. Zerstörung wird ein letzter Sinn. Was aber schafft freudigen, erbauenden Sinn? Das Wagnis in die Lebensgefahr, die nicht Krieg ist, ins Fest, in die Unternehmung, ins Abenteuer. Jeder kann sein Überdruss-Gefängnis verlassen. Aber dafür braucht er die Erfahrung von Rest-Sinn. Das Leben in der Feigheit pulverisiert den Sinn. Es ist die Feigheit, die Krieg will. Unsere technischen Erfindungen verfolgen immer das gleiche Ziel: Die Schwerkraft überwinden. Ist die Schwerkraft das, worunter wir am meisten leiden? Nein, sie ist eher ein Unbehagen, eine Unbequemlichkeit. Wir leiden an unserer Art des Umgangs mit ihr, an unserem Reagieren auf sie. Wenn mir statt zu fahren zu fliegen gelingt, dann hab ich zwar eine Entfernung zeitlich verkleinert, aber sofort hängt sich mein inneres Raum-Zeit-Verhältnis an die neue Möglichkeit. Jetzt will ich nicht mehr nach Amerika, sondern zum Mond oder zum Mars. Mit jeder überwundenen Schwerkraft macht mein Raum-Zeit-Verhältnis eine neue Rechnung auf. Es ist ein Schattenboxen ohne Ende. Unsere Siege sind vorläufig. In ihrem Gefolge baut sich die altbekannte Niederlage anders wieder auf. Aber woran leiden wir, wenn es nicht eigentlich die Schwerkraft ist? Wir leiden an der Multiplikation der irrigen Mittel, die die physische Schwerkraft, anstatt sie zu verkleinern, vergrößern zur Sprachlosigkeit, zur Nicht-Kommunizierbarkeit, leiden daran, dass die Schwerkraft durch uns nicht in Spiel und Fest, in Schönheit verwandelt wird, sondern in Arbeit, Mühe, Betäubung, Leere. Aber mehr noch als am irrigen Zugriff auf Welt leiden wir am charakterlichen Mangel, unserer inneren Unfreiheit und Unaufrichtigkeit, an unserem selbst-losen Eingepasstsein in eine Rede-Rolle … Leiden wir? Es leidet, wer ins Offene drängt. Anmerkungen: „Der Herr gibt deinen Grenzen Frieden“, Psalm 147,14 „Hundert Mann und ein Befehl und ein Weg, den keiner will“, Originaltitel „The Ballad of the Green Berets“, ist ein 1966 in den USA veröffentlichtes Lied, verfasst von Robin Moore, über eine Spezialeinheit der US-amerikanischen Armee. Der deutsche Text (Ernst Bader) ist aus Sicht des Soldaten geschrieben und stellt den Sinn des Krieges in Frage, während der englische Text eine Hymne auf die Spezialeinheit darstellt. „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“, Carl August Sandburg, aus seinem Lang-Gedicht „The People, Yes“ September 2022 Weitere neue Sentenzen
Sechs neue Gedichte, 4. Reihe
Aus „Wahrenberger Stanzen“
in Windesstille plätschert das Meer
durch die Nacht und an festgemachten
Booten flüstert ein Liebespaar sich
Liebesschwüre durch Fischernetze
zu Hat an so einem Ort der Engel
Jakob die Hüfte ausgerenkt? wie
nicht untergehn im Kampf mit Ihm
der im Dunklen kämpft Wie eine
Buhne sich ins Wasser und ins
Festland Keilt dieser sich in eine
Brust … Hörst dem Plätschern des
Meeres zu … Das sich um Schiffe
Fische Steine um Liebesschwüre
mit Salz und Ferne legt Die Luft
wird schwerer Sprache wird Gehör
*
das Wasser zischt in der Heizung
(die Eismeere schmelzen und
Bangladesh und Sylt wird es bald
nicht mehr geben) während ich
darüber nachsinn warum sich
das Leben stets ins Tragische
wendet Für den Mann an der
Tankstelle bin ich halb Räuber
halb Kunde Er schickt mich
fort mit dem Beleg Nein ich
treibe nicht schiffbrüchig im
Indischen Ozean vor Sumatra
doch die Hohlheit der Worte ist
vielleicht grausamer Ich rufe
Ihn Der den Inhalt schenkt
*
mein ostfälisches Dorf betört
mich mit seinen Fachwerkhöfen
und kleinen Häusern atmend in
weiten Gärten Noch nicht verkauft
an den Willen des Markts Am
Zaun wartet ein Hund Den ich
mit Leckereien besteche Nachts
bleiben die Laternen dunkel und
die Bäume wiegen sich wie ein
schweres schwarzes Segel Und
die glänzenden Sterne sind keine
RTL 2-Oper Hier laufe ich Aber
sehe nicht hinter das Dunkel
das mich sieht Und bitte Tod
lösch mir diese Schönheit nicht
*
die Februartage künden die ersten
Frühlingsboten Leberblümchen und
Krokusgrün So treibt die Erde
aus Wie aber werden daraus keine
Ansprüchlichkeiten Wächst mit
Gewinn nicht der Verlust Maria
bewegt die Worte Die sie gehört
in ihrem Herzen während man in
England Qualzucht betreibt mit
menschlichen Embryonen
sag, warum können wir nicht
still sitzen Nur sanft die Hand
erheben derweil die Bäume
wogen in Mariens Arm rufen
Haltet ein ihr Gewalttätigen
*
die Katze sitzt auf der Mauer Sie
fürchtet sich nicht im Dunkel und
das Käuzchen ruft durch die Nacht
seine berühmte Melodie aus ganzer
und punktierter Note und Triller
der bis ans Ende der Welt rollt
und sagt Daß irgendwo jemand
keinen Menschen hat und vorm
Fernseher eingeschlafen ist
die warm leuchtenden Fenster
verraten nicht wie klein die
Wärme ist Von uns gegeben
und nie umsonst Noch immer
sitzt die Katze auf der Mauer
schaut im Dunkel die Farben
*
du möchtest nicht zu einem Volk
gehören Das jenseits seiner Grenzen
ausraubt brandschatzt Müll wegwirft Das
ohne Dank zu Tische sitzt Du möchtest
still im Regen gehen und vielleicht
von fern noch eine Säge hören Ver-
mischt mit dem Gesang von Schwänen
die übers Wasser streifen Möchtest
der Grasnarbe Geduld erspüren und
keinen Politiker wählen Nicht für
drei die Erde verbrauchen Sondern
die Freude wie dein Hund es kann
ins Herz einlassen Willst niemand
in Verzweiflung treiben Dem
andern nicht das Maß festhalten
September 2022
Neue Sentenzen dieses Autors
regentage quellen
in der erinnerung
formen die gedanken luftblasen
ich falle
mutter hält mein herz
in der hand
sie spricht die sprache des lachens
ihre worte springen aus den augen
und ich ahne nichts
vom leben auf der straße
mein mund saugt an der liebe
die mich nicht einholt
egal wie schnell ich laufe
Ossip Mandelstam, 16.01.1937
Oh, dieser langsam, atemstörend weite Raum!
Ich bin von ihm gesättigt bis zur Lösung –
Ein freigeblasener Horizont, man sieht ihn kaum –
Nun wäre eine Augenbinde schon Erlösung!
Denn eher noch ertrüge ich die Seele,
Stein-sandig-aufgetürmt: die Ufer der Kamá;
Den Ärmel ihres scheuen Armes zupfte ich und schele
Blicke würf‘ ich auf Kurven, Formen, Höhlungen*
Wir würden’s ausarbeiten – für ewig, einen einzigen Augenblick –
Stromschnellen-neidisch ich & Felsentürmung du,
Und würden unter ihrer Rinde Bretter-Stämme fließen hören Stück für Stück
Im Rundgang ihrer Fasern… ( – – – )
* * *
Anm.:
* = „Ich bin für dich & du für mich nun da.“
* * [Spinoza: Ethik T. 4, adäquate Beziehung]
Steingräber Ventlinge
Für Anna Rydstedt
Senkrecht im Stein versenkt : trotzen
Sie Witterung und Wind : im flachen
Süden umspielt von Sommer und Meer
Geht die Dichterin ihren Weg vom Fels
Zum Schieferstein an der Küste : ein paar
Hundert Meter sind’s nur : schon
Jagen die Möwen einander am Ufer
Entlang : zwischen den Feldern
Schwärmen die Sperlinge auf und nieder
Nichts hat sich geändert seit den Gedichten
Oscar Wilde heiratet einen Mann
Dreh dich doch noch einmal um. Zeig es mal her, dein Gesicht. Ich kann dich doch gar nicht sehen. Was für ein plüschiger Lampenschirm. Fransen unten dran, geschwungen der untere Rand. Was für ein Stoff ist das. Gibt die Lampe Licht ab? Es scheint so. Immerhin ist dein Gesicht voller Kontraste. Dein Haar ganz glatt von Brillantine. Irgend so etwas Glättendes ist es jedenfalls. Fest wie eine Paste. Mensch, hast du unförmige Waden. Die passen nicht zu deinem zarten Gesicht. Deine spitze Nase. Warst du in der Sonne? Hast du dich an einen Palmenstrand gelegt? Oder warst du nur im Sonnenstudio. Nirgends, wirst du sagen. Meine Haut ist so. Nichts ist da gefärbt oder angebrannt. Ich bin von Natur aus. So. Was hast du dir da umgehängt? Soll das ein Tischtuch sein? Bist du ein gedeckter Tisch?
Überhitzung
Leicht krängt das Segelboot : im Abendwind
Kräuseln sich die Wellen : kühl ist’s
Im Schatten : vom Ufer herüber schwappen
Gitarrenmusik und Gesang : wir liegen
Unbekümmert im Sand : so läßt es sich
Leben : so können wir lieben
Was einfach und klar ist : das Wasser
Glitzert wie Glas : kein Fisch regt sich
Hüpft heraus : es ist kein natürlicher
See : ein Produkt unseres Hungers
Nach Wärme : Energie : Kohle
Wir haben sie der Erde entrissen und träumen
Uns jetzt ans Meer : nicht die Temperaturen
Überhitzen sich : dieser Planet hat schon
So manche Warmzeit überstanden : sonst
Gäbe es das schwarze Gold nicht unter
Seiner Haut : sonst gäbe es uns
Nicht und nicht unser Bibbern im Winter
Wir hetzen überhitzt : hasten ohne Rast
Hinterm Horizont geht es nicht weiter
Wir können ausharren am gläsernen See
Echo auf: Peter Handke, Lied vom Kindsein

Candido Portinari, Denise a cavalo (1960)
Der kleine Tod
Spät durch Nacht und Wind reitet Denise ihren Hippocampus. Ihre ersten Lebensjahre scheinen aber wie aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Ihre Erfahrungen aus dieser Zeit beeinflussen sie trotzdem unbewusst bis heute. Das Seepferdchen des Gehirns nämlich steuert verschiedene Gedächtnisinhalte. Gefühle, besonders Gerüche rekapitulieren die Erinnerungen, die nicht mehr bewusst abgerufen werden können. Nun, erwachsen, erhebt sie sich über den Geliebten wie eine Windsbraut und sucht nach dem, was sie früher erlebte. Als das Kind Frau war, erwachte sie in einem fremden Bett, und immer wieder strebt sie nach der Liebe. Wie der damals gegen den Baum geworfene Stock, zittert sie heute noch.
Renata Perez de Medeiros
Reminder

Does that make him less gay in the winter?
Echo auf: Traumseminar
Tomas Tranströmer, Traumseminar
Vier Milliarden Menschen auf der Erde.
Und alle schlafen, alle träumen.
Gesichter drängen sich und Körper
in jedem Traum –
die geträumten Menschen sind zahlreicher als wir.
Doch nehmen sie keinen Platz ein…
Bisweilen schläfst du im Theater ein.
Mitten im Stück sinken die Augenlider.
Kurze Zeit Doppelbeleuchtung: die Bühne vorn,
sie wird von einem Traume überrollt.
Dann ist da keine Bühne mehr, du bist sie.
(…)
Aus: Tomas Tranströmer, Sämtliche Gedichte. Aus dem Schwedischen von Hanns Grössel. Hanser Akzente. München 1997. S. 191f.
Dann ist da keine Bühne mehr, ich bin sie.
Und auf mir stampfen alle möglichen Leute herum,
verschwitzte Männer in Arbeitshosen, schnaufend, scheinbar vom Alltag erschöpft,
montieren den Scheinwerfer über meinem Kopf.
In eine Ecke meiner Kulissen wird ein Eimer mit Konfetti gestellt.
Eine halbfertig geschminkte Frau läuft nervös zu mir hinüber,
kehrt nach einem Augenblick wieder zurück, stellt einem Herrn in der zweiten Reihe eine Frage,
er antwortet kurz, ihre Stimmen werden nur wie unter Wasser gehört,
sie verschwindet ,,behind my scenes”.
Die verschwitzten Männer schleppen allerlei Requisiten,
simpel gemalt auf alte Holzplatten;
Mainz, Stockholm, Uppsala, die Mosel.
Sie diskutieren miteinander in welcher Folge die Requisiten organisiert werden sollen,
sie kriegen Anweisungen von einer jungen gut gekleideten Frau mit dem Manus in der Hand.
Durch eine geöffnete Tür in meinem Saal sehe ich zwei in weißen Hemden
einen Rollbehälter ziehen, der klirrt.
Ich nicke ein, tief. Es fühlt sich an, als wären ein paar Stunden vergangen.
Doch langsam werde ich mir einer Gegenwart bewusst, erregtes Gemurmel, einzelnes Gelächter.
Es ist dunkel, auch als ich anfange, meine Augen zu öffnen.
Einige Gestalten sind im Finstern und tauschen einige Worte miteinander aus.
Nach einer Zeit tritt eine von ihnen vor, sodass ein Lichtstrich auf sein Gesicht gezeichnet wird.
Er schüttelt sein Bein, atmet dann tief ein und bleibt still,
bevor der Vorhang sich öffnet.
Alexander Singh Nobel
Sechs neue Gedichte, 3. Reihe
Solche Fenster
für Katharina
es gibt Fenster Die führen hinaus
auf den Fluss Andere führen
direkt
auf eine Wand
und jeder Weg wird
noch durch ein Ziel zerstört
nenn nicht der
Lerche Freudenruf Bewachung ihres
Bestands
statt Einswerden mit ihrem Gott Wie auch
ich es suche Wie auch ihr
es sucht (wir alle)
im falschen Adressbuch
es gibt Fenster todnah
todklar (verlieren ist der beste
Weg zum Sieg)
Als wäre
seltsam dass keiner je das Richtige
Treffliche
sagt sondern nur Dies oder Das als wäre
seine Sprache ihm entflohen in einen fremden
Körper
weggebrannt Nur noch Asche
auf der Zunge
was will er mit dem Rest
der Rede Asche zu Asche
stäuben?
bleibt nur
die stummen Wangen
aneinanderreiben
Wenn
der weiße Fachwerkhof mit seinen roten Ziegeln
und warm erleuchteten Fenstern …
als ob dort
das Glück begänne Das Zuhause Adams
noch vor dem Verlust seines halben
Gehörs
nebenan
sitzt eine alte Frau und liest in einem
Buch Wird sie ihr Leben noch
korrigieren können? ein Schwarm
Krähen fliegt hypnotisierende
Schleifen
mich liebkosend mit dem Windhauch
der Flügel
Vierzeiler
für Adrienne
*
im Gras putzt eine Katze
ungerührt ihre Pfoten
obwohl ihr Herrchen
gestern gestorben
*
die Krähe krächzt
in den März Wartet
nicht auf Ostern Was
ist ihr Festtag wohl
*
dem Vogelpaar beim
Liebesspiel zugeschaut
dem blauen Fluss gefolgt
er kann nicht umkehren
*
muss wie ich zum Meer …
frage mich wann der
Habicht aufhört die Taube
zu jagen Aber warum
*
sollte er … Es gibt
keinen Weg Außer du
gehst ihn Hör ich im
Geblök der Schafe
*
die bis zum Boden
gespaltene Weide ...
sie grünt aus
toter Rinde
*
das Pferd auf der Wiese
kommt wie aus Mitgefühl
zu dir Es weiß Wie schwer
wir zu trösten
*
gäbe es ein Ende
müsste es längst
gekommen sein
sagt der Regen
Wenn ich könnte
noch ist es Herbst nicht Noch
muss ich nicht die ungeernteten
Früchte
im Gras verderben sehen Während mein
Apfel aus Neuseeland im Kühlschrank
glänzt
wie ein Hund höre ich auf Hopp und
Komm des Wetterberichts meines Smart-
phones oder auf sein Klingelzeichen
Freunde
verabreden sich aber keiner trifft
jemanden an Ich wollte ich könnte
dich beim Namen
nennen
Noch einmal
für Johanna
als ich im Paradies eintraf war
ich noch nicht bereit und bat
zurückzukehren ins Gewölk
aus Wenn und Aber Und
in die Angstlinien
*
und man erhörte mich
und gab mir eine Sonne Einen
Pfirsich und einen Bleistift
und eine Stimme sagte
das laß dir genug sein
*
da trat ich hinaus in die
Weite und wußte Ich bin
wieder wortlos verloren
und schlug mich mit einem
Ast Den ich fand Der
*
zerbarst wie Porzellan in
tausend Teile Ich flehte: Gib
mir ein Wort Dann werde
ich jede Scherbe feiern Doch
die Stimme sagte: Warte!
Walter Thümler, Juli 2022
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Echo auf: Chamisso
Wie erschrak ich, als ich den Mann im grauen Rock hinter mir her und auf mich zukommen sah. Er nahm sogleich den Hut vor mir ab, und verneigte sich so tief, als noch niemand vor mir getan hatte. Es war kein Zweifel, er wollte mich anreden, und ich konnte, ohne grob zu sein, es nicht vermeiden. (…)
»Möge der Herr meine Zudringlichkeit entschuldigen, wenn ich es wage, ihn so unbekannter Weise aufzusuchen, ich habe eine Bitte an ihn. Vergönnen Sie gnädigst –« (…)
»Während der kurzen Zeit, wo ich das Glück genoß, mich in Ihrer Nähe zu befinden, hab‘ ich, mein Herr, einige Mal – erlauben Sie, daß ich es Ihnen sage, – wirklich mit unaussprechlicher Bewunderung den schönen,, schönen Schatten betrachten können, den Sie in der Sonne, und gleichsam mit einer gewissen edlen Verachtung, ohne selbst darauf zu merken, von sich werfen, den herrlichen Schatten da zu Ihren Füßen. Sollten Sie sich wohl nicht abgeneigt finden, mir diesen Schatten zu überlassen. (…)
Ich hab‘ in meiner Tasche manches, was dem Herrn nicht ganz unwert scheinen möchte; für diesen unschätzbaren Schatten halt‘ ich den höchsten Preis zu gering.«
Aus: Adelbert von Chamisso, Peter Schlemihls wundersame Geschichte (Erstdruck 1814)
Versuch über den Schatten
Endlich springe ich über meinen Schatten und wage es, diesen Text zu schreiben. Wenn ich versuche, mich auf Deutsch auszudrücken, sind meine Ideen nur undeutlich erkennbare Gestalten. Und dann fürchte ich mich sogar vor meinem eigenen Schatten: Könnte ich es in meiner Muttersprache besser machen? Mir gefällt, dass es „Wörter” und „Worte” in dieser Sprache gibt, auf Portugiesisch ist der Unterschied nicht so deutlich. Einerseits sind Wörter konkrete Dinge und wenn wir sie übersetzen möchten, ist es, als ob wir sie mit unserer Interpretation beleuchten und nur Schatten bleiben würden. Umfang und Auflösung dieser Schatten hängen dann von der Entfernung der Empfänger ab. Andererseits frage ich mich, ob Worte, egal in welcher Sprache, nicht schon per se Eigenschaften des Schattens besitzen. Wie platonische Figuren sind sie in ihrer genauen Bedeutung unerreichbar. Ich möchte nicht dramatisch sein und meine dunkle Stelle zeigen, doch manchmal fühle ich mich einfach unverständlich, unklar. Allerdings kann auch die neue Sprache wie ein schattenspendender Baum sein, da sie manchmal eine gute Ausrede ist, um mich zu schützen. Ich beschwere mich immer, dass ich im Deutschen nur ein Schatten meiner selbst bin. Kennt man mich hier? Und falls ein Schatten auf mein Glück fällt, beschwere ich mich, dass die Fremdsprache mich in den Schatten stellt. Unter diesem Vorwand sollte die Sprache mein Ruhekissen sein, aber ein schlechtes Gewissen verfolgt mich wie ein Schatten: Ich bin einfach eine Schwindlerin. Glücklicherweise fiel noch nicht der leiseste Schatten des Verdachts auf mich und ich habe noch meinen Platz an der Sonne.
Renata Perez de Medeiros
Testament
I
Baudelaire hatte grüne Haare, hatte die Syphilis, Nietzsche hatte sie, und diverse Nervenkrankheiten, das nervöse Leiden, die Bleichsucht, schwere Anfälle von Melancholie, was sollte er also haben, sei denn es wären die alten Leiden der Dekadenz und die des ausgehenden 19. Jahrhunderts? Irgendein Verrückter, der Gürteltiere züchtet und isst, Ratten im Käfig hält und sie kocht, die Köpfe von Schildkröten zubereitet, auch wenn sie, wie gut er sie auch anrichtet, immer wie alter Kerzendocht schmecken, woher weiß er denn wie der schmeckt, einer, der immer weiß, wann nachts, x-mal der Tod an seine Tür klopft mit steinernem Herzen, und bei dem, entgegen aller Hoffnungen, niemals etwas besser wird, um hernach nicht umso verheerender über ihn herzufallen? Er hat sich hinein gewühlt, hineingesteigert in all diese betörenden Krankheiten des fin de siècle, bevor er sich eines Tages, frühlingshaft und unbedarft, an den Küchentisch setzt, mit einer noch dampfenden Tasse Tee in der Hand, und so auf einmal recht in der Stimmung ist, zu jammern, krank zu sein, die bodenständige Hausmannskost seiner Schwester, das olle ungesunde Weizenbrötchen, den schmierigen Brotaufstrich aus Kakaobutter, Parafin und ein bisschen Nuss und Schokolade, und nicht zu vergessen, einer Menge Zucker, als ungesund ablehnt und nach geschmortem Hahnenkamm in Burgundersauce verlangt. Er verlangt.
Und du hast mir gesagt, das wird schnell und elegant, atmet aus allen Poren, als ein flammendes Plädoyer aus zarter Haut und Parfüm den Geist des fin de siècle, du hast mir Abenteuer von Verlaine und Baudelaire versprochen, gezwirbelte Bärte, feine Cigarren, Herrengelage, gekritzelte und gestochene Karikaturen und bissigen Witz, geschmorte Kalbsleber, den Geruch von Kohle und Abwässern, den Mief und den Dunst der Industrie, den Dreck an den Kleidern und die Pferdeäppel hinter die Kutschen und dann noch all die eleganten Worte.
II
In einer Akadmie: Herr Doktor, erklären sie mir seine Krankheit. Seien Sie Arzt. Seien Sie das, was sie sind. Geben Sie sich Mühe. Ich quetsche mich neben Sie an den Schreibtisch und dann zeigen Sie mir das Radiogramm. Die Tomographie. Irgend so ein schwarzgraues Computerbild mit weißen Strichen. Ein Röntgenbild der Lunge. Die fein verzweigten Äste, tiefe Atemzüge. Sie sagen, das ist es, das Bild. Es sind nur ein paar harmlose Schatten. Er wird nicht daran sterben. Es ist nur eine ererbte Schwäche aus der Kindheit. Ich stoppe die Zeit. Und lasse die angehaltene Luft wieder heraus.
Der Atem strömt in die feuchte Außenluft. Er steht neben dem Arzt, seinem Peiniger. Der stellt ihm ein Rezept aus. Er zerknüllt es und wirft es in den Papierkorb. Komm, gehen wir. Ich möchte diese Geschichte nicht noch einmal erzählen. Ich greife nach einem Stift und schreibe was mir gerade mal zwischen Denken und Nichtdenken so einfällt. Weil es eine Wunderwaffe ist, mit der man es vielleicht doch in die Welt schafft. Worte wie Blitzgerät, Planlosigkeit, Frischhaltefolie, Kosmetiksalon, Volkswagen, Schreibtischarbeit, tastende Blicklosigkeit, Luft – werden wir irgendwann sagen, wenn der letzte Funken Sauerstoff veratmet ist.
III
Ich stehe, bin ich ein Kind, neben meiner Mutter, die eine Gesellschaft gibt, da ist sie glücklich, nicht mit meinem Vater, der schon wieder am Schreibtisch sitzt und rechnet, und ich tollpatschige, bewegungsfaule Tochter, latsche ihr voll aufs Kleid, dass es nur so kracht. An diesem Abend gab es für mich nichts zu essen. Und Jahre später rächte ich mich mit Portionen en miniatüre, Hahnenkamm und Fliegengewicht, und immer nach rechts rühren, sonst gibt’s Klumpen. Meine Taille war dünn wie ein Fliegenbein. Wer war doch gleich die Frau mit dem Tapirgesicht?
Die große Entmündigung
„Ihr Verbrechende an Maß und Grenze …“ Dass wir diese Verbrechenden sind, ist Ausgangspunkt für unzählige weitere Verbrechen, nicht die von sogenannten „Verbrechern“, sondern jene, die durch unser normales Darleben verursacht werden, durch unsere stets neu kreierten Sicherheitskonzepte, die aus eingebildeter Angst aufsteigen. „Was groß ist, kann auch größer“ möchte man das Zitat fortsetzen, wo es im Orignal „was hoch ist, kann auch höher“ (George) heißt. Aber in der neuesten Hybris geht es weder um „höher“ noch um „größer“, sondern um unbeschränkten Machtzuwachs, um die Auslöschung regionbezogener politischer Willensbildung, um Beendigung demokratischer Machtkontrolle. Der Maßstab ist, keinen zu haben.
Früher stand in nahezu jedem Wohnzimmer ein Globus. So konnte man ein wenig „Herr“ der Erde sein. Welchem imperialen Herzen ist die Idee des „Globalen“ entsprossen? Wenn der eine Gott überall der gleiche eine Gott ist, dann haben wir eine Voraussetzung und vielleicht auch eine Berechtigung, in jedem Menschen und in jeder Religion diesen einen Gott zu suchen. Aber ist der Umkehrschluss auch richtig, dass überall der Weg zu diesem Gott der gleiche sein muss? Wann sind wir der zwanghaften Gleichmacherei verfallen? Wann dem Glauben, dass Unterschied Minderung bedeutet? Ist hier nicht das uralte Muster, die Verwechslung von Gott und Opfer, reaktiviert worden, aber jetzt, weil es um den einen Gott geht, weltweit? Das Opfer ohne Gott soll überall gleich sein. So wurde aus der Einheit Gottes die Einheit der Welt oder vielmehr die Bestrebung, eine einheitliche Welt zu erschaffen. Dieses Opfer zu vollziehen gab und gibt es plausible Gründe, wie z.B. die Waren- und Verkehrswege zu verbessern. Dafür galt es, die Erde zu erobern, zu erforschen, zu bereisen. Ein Interesse, das jede Expansionsbestrebung sofort zu teilen bereit war. Da man den Gott mit dem Opfer verwechselte, verwechseln wollte, war es gleichgültig, wer nun jenseits des Meeres wie lebte. Der Räuber-Sinn fügte sich nahtlos ein ins Modell des Unterschiedslosen, dem Gleichmacherischen. Die Idee des Globalen wird Wahn und Wunschdenken der Gewalttätigen hinter der Tarnkappe der Philanthropie. Jemand will weltweit agieren, aber weiß nicht einmal, was sich im Zwanzig-Kilometerumkreis seines Hauses befindet, kennt nicht die Fußwege der Nähe. Das Projekt der globalen Besetzung, also dem Erdkreis eine Uniform zu verpassen, ist das Simultanprojekt von Technokratie, Szientismus und Oligarchie. Alle sind den gleichen Herrschaftsvorstellungen unterworfen. Niemandem fällt indessen mehr auf, dass die Welt des Blicks überall mit Werbung zugestellt ist. Der Raum, der allen zu gleichen Teilen gehört, ist verkauft. Wo ich mich auch aufhalte, überall stoß ich über kurz oder lang auf Werbung. Sollte ich eine dieser Werbetafeln übermalen oder wegreißen, habe ich’s sofort mit den Häschern der Oligarchie zu tun. Der Mensch ist aber ein Wesen, das sich veräumlichen muss. Genau dieser Raum wird markiert, wird qua Werbung ausgedeutet. Was für den Bildraum gilt, gilt auch für den Klangraum. Wer an der allgemeinen gesellschaftlichen Kommunikation teilnehmen will, muss sich Werbung anhören oder anschauen. Die Wahrnehmungsräume sind besetzt, sind fremdcodiert.
Zu allen Zeiten haben die Mächtigen und Gewalttätigen ihre Bilder aufgestellt. Doch jetzt haben diese Bilder eine subkutane, universalmanipulierende Qualität erreicht. Wir kennen nur noch Ziele, keine Wege mehr. Der besetzte Raum ist verwahrlost. Ist ein einziger Industrievorort der immergleichen Labels geworden, ein Ort, der mit seinen Fahnen, Lagerhallen, Fabriken, Hochstraßen, Büros und Malls nicht aufhört. Er ist überall zeichenhaft zugegen. Konnten sich bisher die Bevölkerungsgruppen per erkämpftem politischen Mandat gegen die schlimmsten Übergriffe, Zumutungen und Bevormundungen zur Wehr setzen, so ist nun auch dieses verkauft. Die Politik wird nicht mehr von der Bevölkerung und ihren Vertretern bestimmt (wurde sie das je?), sondern direkt von den Besetzern des Raums: Der Monopolwirtschaft, der Technokratie, der Oligarchie. Jetzt muss sich kein Lobbyist mehr als Politiker tarnen. Nein, die „Sache des Volkes“ ist Sache der Monopoleigner geworden. Eine Herrschaftsriege hat die übrigen Menschen ans Smartphone gefesselt, das diese nur zu gerne in der Hand halten. Die Demokratie ist ein Dinosaurier. Im Projekt der globalen oligarchischen Technokratie gibt es kein Mitspracherecht, keine Machtkontrolle, keine Wahlen. Und wer wollte angesichts von Klimawandel, Ressourcen-Knappheit, globaler Kapital- und Warenströme bezweifeln, dass wir eine Global Governance, eine Weltregierung brauchen? Doch wie eine multikulturelle Welt regieren, ohne sie zu uniformieren, ohne Wert-Normierung, ohne globales Design und deren gewalttätige Durchsetzungsmanöver?
Aber wir brauchen keine Demokratie, keine demokratische Willensbildung mehr. Diese geschieht automatisch, indem mein Verhaltensprofil, das sich im Smartphone manifestiert, statistisch ausgewertet wird. So werden automatisch Mehrheitsbedürfnisse berücksichtigt. Die Ökonomie produziert angesichts dieser Bedürfnisse. Oder ist es umgekehrt? Die Bedürfnisse werden manipulativ erschaffen? Der politischen Willensbildung bedarf es nicht, denn es gibt nichts mehr zu wollen. Alles geschieht bereits nach dem statistisch festgestellten Willen der Mehrheit. So befinden wir uns in einer manipulierten und manipulierenden Mehrheitsdiktatur. Was die Mehrheit will, bestimmen Global Player und Monopolisten. Das heißt der Mensch als ein Wesen, das Wahlfreiheit zu seiner Selbsterfassung benötigt, ist geopfert. Es herrscht planwirtschaftliche Ökonomie und normative Verhaltenskontrolle, welche die Welt in einen kakophonischen Gleichklang versetzt.
Das Soziale, der Geist des Miteinanders und der Polis, ist zum Geist der Überwachung geworden. Statt Empathie füreinander ist unser Interesse nun die Kontrolle des andern. Diesen Geist der Überwachung zu installieren gibt es kein tauglicheres Mittel als eine tatsächliche oder gemutmaßte Seuche. Jetzt ist die Welt nicht mehr meine Welt, sondern eine, darin ich potenzieller Verbrecher, Gefährder bin. Meine Spuren werden gespeichert, nachgelesen. Mir wird grundsätzlich misstraut. Es ist mir unmöglich, mich richtig zu verhalten. Über mir schwebt das Urteil. Kein metaphysisches oder religiöses, sondern das der Grausamkeit des Man, das alle Mittel der Zivilisation in seine Gewalt gebracht hat.
„We all live in America“ oder „we all live in China“. Wer das Ganze liebt, wird auch das Detail lieben. Das Detail, das sind die verschiedenen Bevölkerungsgruppen und ihre je eigene Kultur, das ist der Einzelne. Ein politisches Handeln und Trachten, das dies außer Acht lässt, heißt Totalitarismus. Das Detail ist jedoch nicht das Nationale. Es ist das Partikular-Verantwortliche, das um das Ganze weiß. Was im Kleinen verantwortet ist, kann im Großen nicht falsch sein. Umgekehrt hingegen schon. Die neue Tyrannis kommt nicht mit Stiefeln und Ledermänteln daher, sondern mit subtiler Verführung und einem großartigen technischen Knowhow. Diese Tyrannis erschafft die globale Sprachlosigkeit, die globale Amnesie. Allein die Tyrannis darf reden, darf erinnern. Das bereitet die Grundstimmung der Unterwerfung. Wer nicht mehr sprechen kann, dem bleibt nur Schreien oder Verstummen. Der erste Schritt der Unterwerfung ist, sich von jeglichem Eigentum zu trennen. Ist es nicht bequemer, alles nur geliehen zu bekommen? Die neue Tyrannis aus Technokratie, Szientismus und Oligarchie bedarf zu ihrer Machtentfaltung und Machterhaltung der genauen Kontrolle der Bevölkerung. Die technischen Mittel dafür hat sie. Sie gibt diese Überwachung als unseren Schutz, unsere Sicherheit aus. Globalismus bedeutet Detailvernichtung, und da wir Menschen nur en detail Vertrauen fassen und erleben können, bleibt uns nur das Gegenteil von Vertrauen: Angst. Dieser Angst begegnet der globale Sicherheitsapparat mit der Anonymität von Schaltungen und Regelungen, mit abstrakten Vorgängen, mit panoptischer Überwachung. Am besten wir internalisieren dies und verhalten uns im vorauseilenden Gehorsam regelkonform.
Wir erleben kaum Protest gegen den drohenden Verlust der Freiheit … „Freiheit“ ist ein janusköpfiges Gut. Die Diebe der Freiheit arbeiten, wie stets, mit unseren allzumenschlichen Schwächen. Ein Besteller des Bestellten per Tastendruck zu werden, überall jedermann erreichen zu können, Telefon, Musik, Videos, Fotos, Nachrichten, Landkarten usw. in einem kleinen handgroßen Gerät bei sich zu tragen, das fühlt sich an wie Freiheit, ja, wie Allmacht. Die bedrohlichen Nahräume vernachlässigen und die Fernräume bespielen können hat etwas Verzauberndes. Die andere Blickrichtung der Freiheit: In die Qual der Wahl, in verantwortete Nähe, vom Fliehenden der Schrift in die Gegenwart des Wortes, in den Akut von Feier und Fest, in die analoge Ausführung und Vorführung, kurz, in die befreiende Schwerkraft. Das hat jedoch der Mensch nie wirklich haben wollen. Die Mündigkeit zu erringen war nicht erste Wahl. Also warum nicht brav an der Leine der Überwachungskameras, des elektronischen Fingerabdrucks, der Trojaner und anderer Datensammler herumlaufen? Die Freiheit ist ein Versprechen, das nur ich selbst einlösen kann.
Vermag der Mensch überhaupt unter globalistischen Umständen zu leben? Ist sein Körper nicht auf regionspezifische Nahrung, Bakterien, Viren angewiesen? Um im globalen Virenhaushalt nicht von einer Pandemie in die andere zu geraten, muss sich fortan die gesamte Weltbevölkerung kontinuierlich impfen lassen. Impfstoffe stellen Technokratie und Oligarchie gerne bereit. „Weltbevölkerung“, das sind die Mehrwertbeschaffer, die von ihrem Überlebensanteil an diesem Mehrwert sich die Impfstoffe per Steuerabgaben kaufen müssen. Ein für die Herrschaftselite ökonomisch ergiebiges Hamsterrad.
Sollen wir jetzt zu „Ludditen“, zu jenen Maschinenstürmern von Nottingham des 19. Jahrhunderts werden und unsere „dark Satanic Mills“ (William Blake), die Smartphones, in der Badewanne versenken und unsere WhatsApp-Chats und unsere Impfzertifikate verlöschen sehen? Werden wir dann, wie jene Ludditen, hingerichtet oder statt nach Australien auf den Mond verbracht? Können wir die Verwechslung von Gott und Opfer noch rückgängig machen? Dazu müssten wir es wollen. Aber um es wollen zu können, müssen wir uns von den tagtäglichen Einreden befreien, die uns aus jedem Gerät, das für unsere Alltagsbewältigung unabdingbar ist, wie z.B. das Smartphone, entgegenschlagen, müssen wir es wagen, den Raum der Dauer neu zu eröffnen.
Walter Thümler, Juni 2022
Echo auf: Tomas Tranströmer
Der Name
Ich werde schläfrig während der Autofahrt und fahre unter die Bäume neben der Straße. Rolle mich auf dem Rücksitz zusammen und schlafe. Wie lange? Stunden. Das Dunkel ist schon eingefallen.
Plötzlich bin ich wach und erkenne mich nicht wieder. Hellwach, aber das hilft nicht. Wo bin ich? WER bin ich? Ich bin etwas, das auf einem Rücksitz erwacht, in Panik umhertobt wie eine Katze in einem Sack. Wer?
Endlich kehrt mein Leben wieder. Mein Name kommt wie ein Engel. Außerhalb der Mauern ertönt ein Trompetensignal (wie in der Leonorenouvertüre), und die rettenden Schritte kommen rasch rasch die viel zu lange Treppe herunter. Das bin ich! Das bin ich!
Aber unmöglich, die fünfzehn Sekunden Kampf in der Hölle des Vergessens zu vergessen, ein paar Meter von der Landstraße entfernt, wo der Verkehr mit angeschalteten Lichtern vorbeigleitet.
Aus dem Schwedischen von Hanns Grössel
Mein Name
Als Hanna in die Klasse kam, stellte sich Hannas Welt auf den Kopf.
Auf einmal musste sie die Grundlage ihrer Identität teilen. Wenn ihr Name gerufen wurde, konnte sie nicht mehr sicher sein, dass sie gemeint war: „Ah, ich meinte nicht dich“ wurde ein Satz, den sie oft zu hören bekam. Beim Klang ihres Namens horchte sie auf, ihr Rücken versteifte sich, ihr Kopf drehte sich herum; dann sackte sie immer wieder in sich zusammen, mal erleichtert, mal enttäuscht. Die Erwähnung ihres Namens löste nicht selten Verwirrung aus; bei Lehrern, bei Mitschülern, bei ihr selbst.
„Warum heißt die Neue auch Hanna?“, fragte sie eines Tages ihre Mutter.
Die zuckte nur mit den Schultern. „Das ist normal. Viele Leute haben den gleichen Namen. Es gibt noch mehr Hannas auf der Welt, genauso wie es noch mehr Annikas und Michaels und Maxe gibt.“
„Aber warum?“, fragte Hanna empört, doch ihre Mutter war schon wieder in den Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeine vertieft.
In der Schule gab es viele Experimente, um Missverständnisse zu vermeiden. „Hanna eins und Hanna zwei“ wurde schnell verworfen, genauso wie „Hanna Susanna und Hanna Marie“ oder „Die eine Hanna und die andere Hanna“.
Durch Herumprobieren einigte sich das Kollektiv schließlich darauf, die beiden anhand der ersten Buchstaben ihrer Nachnamen zu unterscheiden: Hanna P. und Hanna N. Damit konnte selbst Hanna – Hanna P. – sich anfreunden. Sogar genug, um sich ein bisschen mit Hanna N. anzufreunden. Sie war nicht mehr eine Rivalin, die darauf aus war, ihren Platz einzunehmen, sondern eine klar von ihr getrennte Einzelperson.
Nach langem Kampf hatte Hanna P. also ihre eigene Identität zurückerlangt, oder zumindest eine eigene Identität. Sie hatte wieder eine Bezeichnung, die unverwechselbar und unmissverständlich auf sie hinwies; sie konnte sich wieder darauf verlassen, wer sie war.
Manchmal fragte sie sich, was passieren würde, wenn eine zweite Hanna P. in die Klasse käme.
Julie Schneider
Dichterleben : Hochzeit und Haus
für Bora und Angelina
Was war das für eine Zeit vor Gavrilo Princip
Von Fehden und Grenzen polyglott durchwebt
und dennoch auf seltsame Weise friedlich
Seitdem Vorwände zur Mobilisierung
dienen : zerfetzen die Texturen
Bora sah Angelina auf einem Bild
im Schaufenster des Photographen
fünfundzwanzigjährig : im Matrosenkostüm
daran erkannte er sie : abends wieder
auf dem Maskenball
Womit hat er sie becirct : der berühmte
arme Dichter kaufte ein Haus : nicht
wie es aussah : nicht wieviele Zimmer
es hatte : Hauptsache Wein
rankte sich an den Wänden empor
Eine Laube im Arbeiterviertel : Unterstadt
unweit der Donau : im Keller
lagerte schon das Faß : der Garten
mit Blumen bepflanzt : Zwiebeln
Tomaten : Erdbeeren : Himbeeren
Das Arbeitszimmer mit Schreibtisch
nach hinten raus : vorn das Klavier
das Ehebett aus Paris mitgeschleppt
bald sprangen zwei Töchter heraus
und eine dritte folgte : während im Keller
Der Wein gärte : in der Rauchkammer
Fleisch trocknete : eine Herberge
am Wegrand : drumski han
Freunde : Verwandte : Schauspieler
Dichter gingen ein & aus
Bis Gavrilo kam : der Große Krieg das Haus
in Brand setzte : in den Zwanzigern
wiederhergestellt : bis der zweite
Große Krieg kam und es dem Erdboden
gleich machte : das Haus an der Vršacka
Den ersten Treffer platzierte
am sechsten April 41
ein Geschwader der Deutschen
zerbombt wurde das Dichterhaus
von Allierten zu Ostern 44
Echo auf: Das Ende von Eddy
Édouard Louis, Das Ende von Eddy
Mein Vater
Da ist mein Vater. Als er geboren wurde, 1967, gingen die Frauen des Dorfs noch nicht ins Krankenhaus, sondern entbanden zu Hause. Seine Mutter brachte ihn auf dem völlig verdreckten Sofa zur Welt, es war voller Staub, Hunde- und Katzenhaare und Dreck, wegen der immer schlammigen Schuhe, die niemand auszieht, wenn er das Haus betritt. Im Dorf gibt es natürlich asphaltierte Straßen, aber auch viele Feldwege, die immer noch existieren, wo Kinder spielen, unbetonierte Sand- und Schotterwege an den Feldrändern und Gehwege aus gestampfter Erde, die an Regentagen zu schlammigem Treibsand werden.
Bevor ich zur Mittelschule ging, machte ich mehrmals in der Woche Fahrradtouren auf den Feldwegen. Ich klemmte kleine Stückchen Karton in die Speichen, damit mein Fahrrad klang wie ein Motorrad, wenn ich in die Pedale trat.
Der Vater meines Vaters trank viel, Pastis und Wein aus Fünf-Liter-Kartons, wie die meisten Männer des Dorfs. Sie kaufen das im Lädchen, die außerdem als Kneipe und Tabakwarenladen dient und wo man auch Brot bekommt. Man kann seine Einkäufe dort zu jeder Zeit tätigen und braucht nur bei den Inhabern anzuklopfen. Sie sind immer für einen da.
Sein Vater trank viel, und wenn er betrunken war, schlug er seine Mutter. Plötzlich drehte er sich zu ihr um und fing an, sie zu beschimpfen, bewarf sie mit allem, was ihm in die Finger kam, manchmal sogar mit einem Stuhl, und dann schlug er sie. Mein Vater war noch zu klein und ein schmächtiges Kind, er sah ohnmächtig zu und fing stillschweigend an, ihn zu hassen.
Das alles hat natürlich nicht er mir erzählt. Mein Vater redete nicht, jedenfalls nicht über so etwas. Das tat meine Mutter, ihrer Rolle als Frau entsprechend.
Eines Morgens – mein Vater war fünf Jahre alt – verschwand sein Vater für immer, ohne Vorwarnung. Das hat meine Großmutter mir erzählt, die ebenfalls die Familiengeschichten weitergab (wiederum die Frauenrolle). Sie lachte noch viele Jahre später darüber, glücklich, dass sie dann endlich von ihrem Mann befreit war Eines Tages ist er in die Fabrik auf Arbeit gegangen und nicht zum Abendessen gekommen, wir haben auf ihn gewartet. Er war Fabrikarbeiter, er brachte das Geld nach Hause, und als er verschwand, stand die Familie mittellos da, kaum genug zu essen für sechs, sieben Kinder.
Das hat mein Vater nie vergessen, er sagte, so dass ich es hören konnte Der dreckige Hurensohn hat uns sitzenlassen, meine Mutter, ohne alles, auf den scheiß ich.
Am Tag, als der Vater meines Vaters starb, fünfunddreißig Jahre später, saßen wir im Wohnzimmer, vorm Fernseher, en famille.
Mein Vater wurde von seiner Schwester angerufen, oder aus dem Heim, in dem sein Alter seine letzte Lebenszeit verbrachte. Wer auch immer da anrief, sagte, Dein – Ihr – Vater ist heute früh verstorben, Krebs, aber vor allem eine zerschmetterte Hüfte, nach einem Unfall, die Wunde hat sich entzündet, wir haben alles versucht, aber wir haben ihn nicht retten können. Er war auf einen Baum gestiegen, um Äste zu beschneiden, und hatte den abgesägt, auf dem er selbst saß. Als sie das am Telefon hörten, mussten meine Eltern derart lachen, dass sie eine ganze Weile aus der Puste waren. Den Ast absägen, auf dem er draufsitzt, der Blödmann, das musst du erst mal bringen. Der Unfall, die zerschmetterte Hüfte. Als er das erfuhr, konnte sich mein Vater vor Freude kaum halten (…)
Aus: Édouard Louis, Das Ende von Eddy. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Frankfurt a.M. 2015. 7. Auflage 2019. S. 18f.
Meine Eltern
Mein Vater ist Lotse. Zwei Drittel des Monats verbringt er an Bord. Meine Mutter arbeitete bei der Hafenverwaltung, bevor sie vor zwei Jahren in Ruhestand ging. Der Hafen lag weit weg am Rand der Stadt, sie kam deshalb alle zwei Tage nach Hause und nahm sich dann zwei Tage frei. Das heißt, meine Eltern haben nur ungefähr fünf Tage im Monat, um wirklich miteinander zusammen zu sein, was eigentlich, meiner Meinung nach, das Geheimnis ihrer dauerhaften Ehe ist. Die konzentrierten Streite in diesen fünf Tagen, oder mit ihrem Wort, ihre Art zu kommunizieren, reicht für eine normale Familie das ganze Quartal aus. Noch spannender, sie haben eine kraftvolle Stimme. So ruft mich meine Mutter vom Wohnzimmer aus, als befände ich mich nicht im anderen Zimmer in derselben Wohnung, sondern in einem anderen Berg. Ich habe es gehasst, als Kind mit ihnen zusammen einkaufen zu gehen, denn 90 Prozent würden sie dann im Laden wegen irgendeines Krams anfangen, auf ihre Art zu kommunizieren, und das Zentrum der Aufmerksamkeit sein, wobei ich nur hilflos daneben wartete und hoffte, mich in eine der Erdbeeren im Einkaufswagen verwandeln zu können.
Jetzt muss ich komischerweise an ein Märchen von Oscar Wilde denken. Ein Riese kam bei einem Freund zu Besuch. Nach sieben Jahren hatte er alles gesagt, was er zu sagen hatte, und ging nach Hause. Ich weiß nicht, ob es das Grundprinzip aller Beziehungen ist. Vielleicht löscht die Liebe aus, wenn alles ausgesprochen wird, was man sagen will. Vielleicht sind meine Eltern doch ziemlich glücklich, immer miteinander streiten zu wollen.
Jing Lin
„Oma Darmstadt“
Der tiefe Schmerz, damals, am Ufer des Tejo, nach der Rückkehr aus England. Die sieben Jahre währende Beziehung war am Ende, und ich dachte an die andere Großmutter, Mutter des Vaters, „Oma Darmstadt“, an die ich kaum Erinnerungen hatte, an dieses Fehlende, Ausgesparte, Verbannte, den blinden Fleck in der Familie. „Oma Lene“ sollte bald sterben, sechsundneunzigjährig. Sie war immer Sonne gewesen, Licht, sie hatte gelitten, doch wohlhabend, nicht wie die andere, „Oma Darmstadt“, die sich das Leben genommen hatte (zwanzig Jahre waren vergangen), der finanziellen Hilfe durch ihre Kinder bedürftig, der Vater an erster Stelle. Sie ertrug die Schmerzen nicht mehr, schrieb sie in dem Brief, den sie hinterließ. War es dieser Schmerz, der sich, zwanzig Jahre später, in Lissabon in Erinnerung brachte? Oder war es eine andere Erinnerung? Ich saß am Ufer, im Licht eines zu Ende gehenden Tages, und das Licht traf auf den Schmerz, machte ihn klar und bewußt. Etwas Neues begann. Die Zäsur war da. Mehr wußte ich noch nicht.
Markus Sahr
Brief an die Mutter
Als Kind scheinst du glücklich gewesen. Deine Mutter war immer da, sorgend, fürsorglich, vielleicht nur allzu besorgt, zu ängstlich. Eine starke Frau, emanzipiert für ihre Zeit, doch einsam, seit sie selbst als Kind zu den Großeltern weggegeben und erst später, nach der Geburt der Geschwister, ihrer Stiefgeschwister, wieder zurückgeholt worden war, um der Mutter bei der Erziehung der beiden jüngeren Kinder zu helfen.
Als Mutter hielt sie die Hand über dich, vielleicht eben zu sehr. Doch autoritär war sie nicht. Das besorgte dein Vater.
Das glückliche Kindergesicht, das im Wald zur Mutter aufschaut. Ein Idyll inmitten des Kriegs oder kurz vor dessen Ausbruch. Wie alt warst du auf diesem Bild? Das Licht zwischen den Bäumen, den Stämmen, selbst auf dem alten, leicht vergilbten Schwarzweißfoto wirkt das Licht wie ein Kegel, in dessen Mitte du stehst, neben der Mutter. Du hast die Hände ineinandergelegt, trägst ein helles Kleid, es sieht aus, als hieltest du einen kleinen Strauß Blumen zwischen den Händen, und schaust lächelnd, den Kopf leicht zurückgelehnt, zur Mutter. Sie hat einen Arm gegen den Baum gelegt, der andere fällt locker an ihrer Seite herab. Sie trägt einen breitkrempigen Hut, ein Kleid mit halblangen Ärmeln. Auch sie lächelt, schaut zum Betrachter, dem Fotografen des Bilds, vermutlich, sehr wahrscheinlich, ihrem Mann, deinem Vater. Es könnte ein blaues Kleid sein, es reicht bis zu den Knien, fällt noch darüber. Unter dem Kleid trägt sie dunkle Strümpfe.
1940 hast du auf die Rückseite des Fotos geschrieben, weiter nichts. Es könnte der Gonsenheimer Wald sein, die Bäume stehen dicht, doch lassen sie Platz genug für das einfallende Licht. Es scheint hell ringsum, hohes Gras wächst zwischen den Bäumen, von der Sonne geflutet.
Du bist etwa vier Jahre alt.
Von einem Krieg in Polen, einem Einmarsch in Frankreich weißt du nichts. Nichts davon ist zu ahnen.
Ich war ein Kind während der ersten RAF-Gewalttaten, ich verstand nicht, was ich im Fernsehen sah, zwischen Flipper und Skippy, dem Buschkänguruh, wenn wir zu Filmen und Abendnachrichten zu Tante Anni und Onkel Hans hinaufgingen, in den vierten Stock. Doch ich erinnere mich an deine Stimme, deinen Lynchjustiz fordernden, unnachgiebigen Ton, deinen wie aus einer offenen Muschel aufquellenden Haß. Selbst heute noch meine ich, das Dach oder die Fassade des Frankfurter „Kaufhof“ zu sehen, kalt und in Schwarzweiß, und dazu deine Stimme zu hören, ein wütendes Maschinengewehr, ein Trommelfeuer explodierender, sich überstürzender Silben, die den Tod der Beteiligten fordern, den Strang, ja, ich meine sogar, deine Sätze begannen mit der Vorstellung, was du höchstpersönlich mit ihnen tun würdest.
Alle Verben galten der physischen Vernichtung der Gegner. Das Wort „Bande“ klang aus deinem Mund wie ein Brandschatz. Du kanntest kein Halten.
Vielleicht, denke ich heute, dachtest du dabei an deine eigene Mutter, die selbst in einem „Kaufhof“ arbeitete, wenn auch nicht in Frankfurt. Doch aus deinem Mund kam der Krieg, das Schützenfeuer, fuhren Panzer und detonierten die Bomben.
Du holtest den betrunkenen Vater aus den Kneipen der Nachbarschaft, warst ein junges Mädchen, eine junge Frau schon. Es war die Zeit nach dem Krieg, Anfang der 50er Jahre.
Der Vater war bei der Marine gewesen, in Wilhelmshaven oder Hamburg, er wollte es „den Engländern zeigen“, ein glühender Nazi war er nicht. Die Uniform stand ihm. Ein langer Mantel betonte die äußerlich schlanke Gestalt. Seine Frau, deine Mutter, soll ihm frischen Spargel aus Mainz nach Wilhelmshaven gebracht haben, mit dem Auto, während des Kriegs.
Sein Magen rebellierte, sein Mundwerk war lose, er verlor die Uniform, trug wieder Zivil. Geschehen ist ihm nichts.
Autos gab es am Ende des Kriegs nur noch wenige. Zuvor hatten viele im Hof deiner Eltern gestanden. Das Grundstück, das deine Mutter von ihrer Aussteuer gekauft hatte, unweit des Rheins, mitten in der Stadt, war der Autos wegen umgestaltet worden. Statt eines großen Gartens, wie zuvor, Stellplätze für die Wagen. Dein Vater, gelernter Mechaniker, fuhr Paare im offenen Wagen zur Kirche, zur Hochzeit. Der Fuhrpark im einstigen Garten – ein Taxiunternehmen. Auch deine Mutter fuhr, stolz auf ihren Führerschein, als noch lange nicht alle Frauen einen solchen besaßen, geschweige denn Auto fuhren.
Es gibt ein Foto von dir, schon als junge Frau, Lehrmädchen in einem Bürobetrieb, da legst du die Hand auf die Klinke eines großen, feudalen Wagens. Alle Lehrmädchen durften das, einzeln, und wurden dabei fotografiert. Der Wagen gehörte einem Vorgesetzten. Die junge Frau, fast ein Mädchen noch, im langen Rock, schüchtern, stolz, die Hand auf der Klinke der Wagentür. Etwa so, wie man Kinder in meiner Generation mit einem Ball in der Hand oder einem Telefonhörer auf einer Decke fotografierte. Autos waren in deinem Leben immer wichtig. Sie waren die neue wie die alte Zeit.
In den Jahren nach dem Krieg, als du deinen Mann kennenlerntest, meinen späteren Vater, da war es die Fahrt nach Italien. Die Fahrt in den Urlaub, nach Rimini oder an die venezianische Küste, zu einer Zeit, da kaum jemand überhaupt daran dachte, mit dem Auto zu verreisen. Oder es sich jedenfalls nicht leisten konnte. Einen Führerschein hattest du nicht. Es war dein späterer Mann, blutjung noch, wie du, der den Führerschein machte und das vom Schwiegervater hergerichtete, geliehene Auto fuhr.
Doch offenbar gab es einen Bruch zwischen dem glücklich erscheinenden Mädchen und der späteren Frau. War es die Heirat mit dem falschen Mann? Das Kind, das du nicht wolltest? Der Verzicht auf die Arbeit, als das Kind in die Schule kam? Das Haus? Das Haus, das ihr gebaut habt und das dich aufs „Land“ verbannte?
Die Spur der Familie führt zurück zum 27. Februar, der Bombennacht, die 1945 nicht nur die Stadt zerstörte, unzählige individuelle Leben und Heime, sondern auch, sichtbar nach Jahren erst, die Identität der Überlebenden. Als sie sich aus den Trümmern befreiten, in notdürftigen Unterkünften die Familie der Mutter, die noch dreizehn Jahre nach dem Krieg in Ruinen lebte, oder in neu gefundenen Häusern, die die Bombennächte einigermaßen unbeschadet überstanden hatten, vollzog sich, unmerklich noch, der Abschied von der alten Stadt, und endgültig begraben wurde diese mit dem Häuserbau der Wunderjahre. Hier kamen die Generationen zusammen, in neu errichteten Mauern, mit den alten Geschichten, ohne Zukunft.
Der Geist blieb dem Alten verhaftet, er entwarf sich nicht, er setzte Grenzen, die verständlich sein mochten von früher her, die jedoch ausschlossen von einer Entwicklung. Es war ein unfruchtbarer Neuanfang, steril und kinderlos, selbst dort, wo es Kinder gab.
Ich sehe uns, dunkel, in einem matt beleuchteten Raum, in einer Ecke der früheren, der ersten Küche in der Neustadt noch, die Decke ist schräg, ein Tisch, eine Bank oder Stühle stehen in dieser Ecke, gedrängt, ich höre deine Stimme, die von Corned Beef spricht, Fleisch aus der Dose, das schmeckt. Die Stimme ist hell, sie bietet das violette, rosafarbene Fleisch an, preist es, offenbar ist es wichtig, der Vater ist anwesend und doch nicht, ich sehe ihn nicht, höre ihn nicht sprechen.
Markus Sahr
Sechs neue Gedichte, 2. Reihe
Aus „Wahrenberger Stanzen“
*
Igel und Fledermaus haben sich in
den Winterschlaf gelegt Ihnen ist egal
was Putin und Biden treiben Diese
Manifestationen unserer Ansprüchlichkeit
am Knick der Elbe hat ein Schiff
festgemacht Seine Lampen leuchten
durch gewellte Herbstluft und hinter
jedem Fenster auf dem Wasser und
hier in deinem Dorf wird um Krümel
der Liebe gefeilscht Was Igel und
Fledermaus nicht interessiert Sie
zweifeln nicht am Willen der Seligkeit
in allen Dingen Derweil das Gebell des
nachbarlichen Hundes übergeht in
Wolfsgeheul Sibiriens Wind
*
der Januar ist eine Sturm- und
Regenfront Die Wolken ziehen
dunkelschwadig und eine schwere
Boe zerknickt meinen Schirm
dessen blecherndes Gestänge
(ein Billig-Produkt zur Erhaltung
des Traumes vom ewigen Markt)
nun verbogen ist Während man
überall hin die Freiheit exportiert
der Regen läßt etwas nach und
ich seh eine alte Frau Wie sie
über ihren Hof humpelt als wäre
sie Atlas und trüge das Gewicht
der Welt Was sie vielleicht tut
(und das ist nicht nur Gleichnis)
*
Schnee hat mein Dorf weiß ein-
gehüllt Die Wildgänse sind nicht
fortgezogen Vielleicht frieren sie
und meine Stiefel sind die von
Amundsen und meine Mütze die
eines russischen Soldaten Der
gleich blutend im Schnee liegt Ich
hoffe niemandem zu begegnen Wie
in der Dunkelheit ihm die Angst
vor mir nehmen Wiewohl kein
Krieg ist … Ein Lkw steht
schweigend am Weg In seiner
Kabine muß es rasch weich und
warm werden Ein Zuhause Doch
wer kann wen heimholen
*
die Elbe führt Hochwasser und
die Buhnen wirken wie abgetauchte
U-Boote oder (in Friedenszeiten)
wie überspülte Walfische In einem
Fenster seh ich einen Mann und
zwei Frauen zu Abend essen und
sich langweilen wie in Van Goghs
Kartoffelessern (keiner wagt das
befreiende Wort) Woanders
sitzt man rücklings zum blau
flackernden Fernseher Bewegungs-
melder verraten mich Wir sind jene
denen stets etwas fehlt Die sich
sicherungsverwahren unter
Odysseus’ leuchtenden Plejaden
*
der volle Mond blickt silbern
durch den Dunst der Nacht und
mein rechter Handschuh sträubt
sich auf der linken Hand Auf
einer Terrasse zur Elbe hin
werden zwei alte Frauen
gefüttert von helfender Hand
im Hintergrund flackern die
Nachrichten Ein Bombardement
auf Aleppo Oder ist’s eine
andere Stadt Der Mond sagt
ich werde mich nicht wollen
können und die Weide streckt
sich igelborstig in die Nacht
wie Kakteen im Sterbezimmer
*
jede Grenze wird mit dem Blut
eines Soldaten gezogen und aus
Beischlaf wird das Haus gebaut
darin wir am Ofen sitzen ver-
gessen oder üben für den Krieg
so bilden wir stets neu die neue
Welt Komm her zu mir du mit
dem vergifteten Kamm im Haar
erwache aus dem Schlaf Damit
auch ich erwache Zieh mich
weg vom schwarzen Fieber Wer
löst den Kamm der Feindschaft
daß herabfällt dein goldenes
Haar die Grenze sanft wird
still das Haus und wunderbar
Walter Thümler, Mai 2022
Diese Gedichte als Video-Lesung
Bellizistische Schüttelreime über die letzten Tage der Menschheit
Die meisten Medien haben Partei ergriffen. Die im allgemeinen oberflächliche und sensationalistische Berichterstattung, die mangelnden Kenntnisse vieler Journalisten, die schwarzweiße Schilderung der Ereignisse formen in der Öffentlichkeit das Feindbild des „verbrecherischen Bösen“. Doch Stereotypen und Verallgemeinerungen sind gefährlich. Was die Rede von „den Juden“ in Deutschland ausgelöst hat, ist allseits bekannt. Genauso voreingenommen ist es, von „den Deutschen“ zu reden und „die Nazis“ zu meinen. Oder „den Russen“, „den Ukrainern“, „den Chinesen“, „den Taiwanesen“, den „Amerikanern“ usw. usf.
Der Weltkrieg löste in bürgerlichen und intellektuellen Kreisen europaweit Kriegsbegeisterung aus – die sich heute völlig unerwartet zu wiederholen scheint. Vorreiter waren/sind Autoren, Philosophen und Politiker, deren Verbalattacken den Boden für eine dumpfe, nationalistische Stimmung bereiten. In einem lyrischen „Höhenflug“ wurden Unmengen von Gedichten an die Presse gesandt, Schätzungen aus Deutschland reichen von 50.000 Gedichten pro Tag bis zu 1,5 Millionen allein im August 1914 (Andrea Stangl). Auf den Listen derer, die der euphorischen Stimmung erlagen – schriftlich und teilweise auch als Freiwillige im Kriegsdienst –, findet sich das „Who is Who“ der damaligen Zunft, darunter Hermann Bahr, Alfred Döblin, Hermann Hesse, Gerhard Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann, Richard von Schaukal, Georg Trakl, Anton Wildgans und andere. Als Kriegsberichterstatter wirkten Alexander Roda Roda und Felix Salten, Robert Musil redigierte eine Soldatenzeitung und Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke, Alfred Polgar, Felix Salten, Rudolf Hans Bartsch, Franz Karl Ginzkey und Franz Theodor Csokor verdingten sich wenigstens zeitweise im Kriegsarchiv, um Propagandaschriften zu verfassen, was Rilke ironisch als „Heldenfrisieren“ bezeichnete.
„Wir wollen den Krieg verherrlichen, – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.“ (Filippo T. Marinetti, Futuristisches Manifest in Le Figaro, 1909)
„Es ist immer das gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig … Geschähe doch einmal etwas. (…) Oder sei es auch nur, daß man einen Krieg begänne, er kann ungerecht sein. Dieser Frieden ist so faul ölig und schmierig wie eine Leimpolitur auf alten Möbeln.“ (Georg Heym in seinem Tagebuch, 1910)
„Japan ist eine Mottenplage, Menagerievölker wie die Serben und Montenegriner sind vollends indiskutabel.“ (Egon Friedell)
Du Deutschland und du Österreich,
auf auf nun zieht ins Feld.
Es haben sich viel Schuft rings
gegen euch gestellt
Gebt dem Ruß einen Schuß
dem Franzos auf die Hos
dem größten Schuft, dem Oberschuft
dem Britt´ einen Tritt
Der Britte hat bar Geld bezahlt
den Schuften gelb und weiß
sie sollen Deutschland-Österreich
erschla´n auf sein Geheiß
Gebt dem Japs einen Klaps
schlagt den Serben zu Scherben
vom schwarzen Berg den Hammeldieb
dem Dieb gebt Hieb´
Der Britte dachte schlau: Goddam!
Sechs Schufte, das ist viel
die damned Germans schlagen wir
das ist nur Kinderspiel
Gebt dem Ruß einen Schuß
dem Franzos auf die Hos
dem größten Schuft, dem Oberschuft
dem Britt´ einen Tritt
Der Britt soll sich verrechnet han
zwei Starke ziehn das Schwert
und haun die Schufte kurz und klein
so wie es sich gehört
Gebt dem Japs einen Klaps
schlagt den Serben zu Scherben
vom schwarzen Berg den Hammeldieb
dem Dieb gebt Hieb´
Text und Musik: Arnold Mendelsohn (1914) „Jeder Stoß ein Franzos. Neue Kriegslieder“, Jena 1914. Verlegt bei Eugen Diederichs:

Ernst Lissauer (1882 – 1937) galt als der deutscheste aller jüdischen Autoren (Walter Berendsohn), lehnte es aber ab, sich christlich taufen zu lassen, um nicht zum Verräter zu werden. Stefan Zweig sagte von ihm: „Er war der preußischste oder preußisch assimilierteste Jude, den ich kannte. .. und der gutmütigste Mensch, den man sich denken konnte. Mit allen seinen Lächerlichkeiten musste man ihn doch gern haben, weil er warmherzig, kameradschaftlich, ehrlich und von einer dämonischen Hingabe an seine Kunst war.“ 1914 ließ er sich vom nationalen Pathos mitreißen und schrieb einen „Haßgesang gegen England“:
Was schert uns Russe und Franzos,
Schuss wider Schuss und Stoß wider Stoß
Wir lieben sie nicht
Wir hassen sie nicht
Wir schützen Weichsel und Wasgenpass
Wir lieben vereint
Wir hassen vereint
Wir haben nur einen einzigen Feind:
England


„Jeder Schuss ein Russ! – Jeder Stoß ein Franzos! Jeder Tritt ein Britt! – Serbien muss sterbien!“ Der letzte Reim wird Felix Salten zugeschrieben, Redakteur der Wiener Zeitung Die Zeit, Verfasser des ersten pornographischen Romans Josefine Mutzenbacher, Beitragender für Theodor Herzls Zeitschrift Die Welt und im Jahrzehnt vor 1914 „gefragt, berühmt, ungeheuerlich produktiv“. Vom Kriegsausbruch war Salten begeistert. Von ihm stammte die Parole der Neuen Freien Presse: „Es muß sein!“ Während des Krieges war Salten als Blattmacher beim Fremdenblatt, der Zeitung des österreichischen Außenministeriums, einer der maßgeblichen Kriegspropagandisten. 1927 übernahm Salten von Arthur Schnitzler die Präsidentschaft des österreichischen P.E.N.-Clubs. Als P.E.N.-Präsident wurde er in eine Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland hineingezogen, bewies „wenig Scharfsinn“ und trat zurück …

Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit
„Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen! Ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate … In dieser großen Zeit, die ich noch gekannt habe, wie sie so klein war; die wieder klein werden wird, wenn ihr noch dazu Zeit bleibt; (…) in dieser lauten Zeit, die da dröhnt von der schauerlichen Symphonie der Taten, die Berichte hervorbringen, und der Berichte, welche Taten verschulden: in dieser da vermögen Sie von mir kein eigenes Wort erwarten.“
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war Karl Kraus ein Verehrer des Thronfolgers. Anlässlich des Attentats in Sarajewo verfaßte er einen Nachruf auf Franz Ferdinand, der er in seiner Zeitschrift Die Fackel im Sommer 1914 veröffentlichte. Seine Einstellung veränderte sich mit dem Grauen und der Inhumanität des Krieges. Er sympathisierte mit der Sozialdemokratie, verurteilte in der Folge die Habsburger, vor allem aber den deutschen Kaiser Wilhelm II. – aus seiner Sicht waren die Politiker gemeinsam mit den Militärs für diesen „Weltenbrand“ verantwortlich.
Gebrauchsanweisung:
Verfolgst du kämpfend den Franzosen,
So gib ihm tüchtig auf die Hosen,
Begegnest du dem Söldner-Britten,
So regaliere ihn mit Tritten,
Siehst du von weitem schon den Ruß,
So vorbereite dich zum Schuß.“
Das Drama endet in einer apokalyptischen Szene, der Auslöschung der Menschheit durch den Kosmos. Alle Menschen erweisen sich als unwürdig, auf dieser Welt zu leben, weil sie die Unmenschlichkeit und Grausamkeit des Krieges zuließen und deshalb auch zu Grunde gehen müssen. „Ich habe es nicht gewollt“, ist der letzte Satz der „Stimme Gottes“ im Drama – tatsächlich ein Zitat von Wilhelm II.
Echo auf: Jean Améry
Sinnieren über Herkunft, Heimat und Identität (als Reaktion auf Jean Améry: „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“)
Vor kurzem habe ich einen Roman gelesen, „Daheim“ von Judith Hermann. Ein sehr tröstlicher Text. Ich muss an einen Dialog zwischen der neu zugezogenen Protagonistin, deren Name nie genannt wird, und ihrer Nachbarin Mimi denken, in dem es um Wurzeln geht. Wo sind deine Wurzeln? Die beiden Frauen haben dazu unterschiedliche Gedanken. Oh, ich fürchte, ich habe keine. Und: Manche Leute haben Wurzeln und andere eher nicht. Man könne auch vorläufig verwurzelt sein, an einem Ort, an dem man sich in der gegenwärtigen Lebensphase zu Hause fühlt.
Fühle ich mich verwurzelt? Wo? Oder wann? Welche Rolle spielen Herkunft und Heimatgefühl in der Konstruktion meiner Identität?
Die Vorfahren meiner Großmutter mütterlicherseits stammen aus Frankfurt und Umland, der Vater meiner Mutter ist allerdings in Kosel in Oberschlesien geboren und musste, nachdem er Ende des Zweiten Weltkriegs von der Ostfront zurückgekehrt war, fliehen. Er war ein Vertriebener, der, soweit ich weiß, in Frankfurt aber eine neue Heimat fand.
Meine Großeltern väterlicherseits und ihre Vorfahren kommen aus dem Odenwald, aus der Gegend um Bad König und Darmstadt. Deren Ururgroßeltern waren Hugenotten, calvinistische Glaubensflüchtlinge, die Anfang des 17. Jahrhunderts dort Zuflucht suchten und blieben. Auch sie ihrer Heimat beraubt. Mein Urgroßvater, ein Nachkomme dieser Vertriebenen, Postmeister in einer Kleinstadt und NSDAP-Mitglied, beging 1944 Suizid. Hatte er dabei mitgewirkt, anderen ihre Identität und damit ihre Daseinsberechtigung, ihr Leben, abzusprechen?
In meinen Venen fließt Blut der Vertreibung und Blut der Täterschaft. Wie bringt man das zusammen?
Ich bin an einem scheinbar wahllosen Ort groß geworden, der zunächst auch für meine Eltern, als sie dort hinzogen, ein Ort ohne Bedeutung war. Die Verbindung mussten sie erst aufbauen. Fühle ich mich dieser meinigen Heimat so wenig verbunden, weil sie nicht die Heimat meiner Ahnen ist? Die Erde dort ist stumm, sie kann mir unsere Geschichte nicht erzählen.
Andere Orte, an denen ich gewesen bin, sprechen zu mir, ohne dass ich zu sagen wüsste, warum. Ich sehne mich bisweilen zutiefst nach ihnen. Es ist die Sehnsucht nach einem Heimatgefühl, einem In-Sich-Ruhen, einer Rast. Flüstern mir das Pfeifen des Winds, das Rauschen des Meeres, das Rascheln der Kornfelder und das Geschrei der Möwen vom Leben meiner Vorfahren? Dann erkenne ich mich selbst und kann still sein.
Liliane Katharina Urich
Wir sind alle deutsche Juden
„Maman, durch dich bin ich Jude. Dir habe ich den ganzen Schlamassel zu verdanken.“ Mit diesem Satz fängt die Dokumentation “Wir sind alle deutsche Juden” an, auf die ich vor einiger Zeit in der ARD-Mediathek gestoßen bin. Daniel Cohn-Bendit, ein deutsch-französischer Publizist und Politiker der Grünen, begibt sich auf die Suche nach seiner jüdischen Identität. Cohn-Bendit entstammt einem säkularen jüdischen Haushalt, der jüdische Werte akzeptierte, Religion jedoch ablehnte. Im Jahr 1933 flohen seine Eltern aus Deutschland nach Paris. In Frankreich geboren, verbrachte Cohn-Bendit seine Kindheit in der Normandie, bis er mit 13 Jahren nach Frankfurt am Main kam. Zwischenzeitlich war er staatenlos. Wie oft er sich wohl die Frage nach seiner Identität stellen musste. Wer bin ich eigentlich? Bin ich Franzose, Deutscher, Jude, nichts von allem oder doch alles zusammen? Die Reise auf der Suche nach seiner Identität findet nicht in Berlin, dem Geburtsort seines Vaters, oder Posen, dem Geburtsort seiner Mutter, statt. Cohn-Bendit reist dafür nach Israel, an einen Ort, wo die jüdische Identität von jedem Juden auf verschiedenste Weise interpretiert und gelebt wird. Auf seiner Reise stellt er sich die Frage: „Ich bin Jude. Was bedeutet das?“ Während seine Mutter das Judentum intensiv gelebt hat, ohne religiös zu sein, weiß Cohn-Bendit mit seinen 75 Jahren immer noch nicht, was das ist. Denn wie kann er jüdisch sein, ohne jüdisch zu leben? Bevor er sich auf die Suche nach seiner Identität in Israel macht, besucht er seinen Bruder in Frankreich, der sagt: „Es sind die anderen die einem eine Identität formen und ich will mich einfach nicht einsperren lassen in einer Identität, die die anderen aus mir machen wollen. […] Das Einzige, was man mir unterjubeln will, obwohl ich überhaupt nichts dafür kann, ist Jude zu sein.“ Er möchte nicht in Schubladen gesteckt werden, keinen Stempel von anderen aufgedrückt bekommen. Cohn-Bendit widerspricht seinem Bruder: „Wir sind Juden, auch wenn ich nicht erklären kann, was es für mich bedeutet.“ Hat man eine Wahl bei seiner Identität? Die Frage nach der jüdischen scheint oftmals viel schwieriger zu beantworten. Denn das Judentum ist viel mehr als „nur“ eine Religion. Es ist Kultur, Tradition, Kunst, Sprache(n), aber auch Verfolgung, Holocaust, Erinnerungskultur und die israelische Politik. Aber wie kann eine solche Suche und die erhoffte Entdeckung aussehen, wenn man nicht glaubt, weder Jiddisch noch Hebräisch spricht, keinen Schabbat feiert und auch keine eindeutige Meinung zum Staat Israel hat? Cohn-Bendit trifft auf seiner Reise Menschen, die sich vom Judentum emanzipieren oder es zelebrieren, Menschen, die den jüdischen Glauben mit Überzeugung leben oder verwerfen, die die Politik des jüdischen Staates unterstützen oder bekämpfen, die ihre Identität gefunden haben oder diese immer noch suchen. Eine Rabbinerin, die er trifft, sagt: „Jude sein bedeutet, morgens mit einer Frage aufzuwachen und abends mit einer Frage schlafen zu gehen.“ Am Ende seiner Reise steht Cohn-Bendit auf einem Hügel und hinterfragt seine Identität, die oftmals mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Sie entspringt der Geschichte seiner Familie, dem Gedächtnis des jüdischen Volkes, seinem Anspruch an die Welt und sich selbst. „Vielleicht gibt es nicht auf jede Frage eine Antwort. Vielleicht sind wir alle deutsche Juden, entwurzelte, auf der Suche nach der eigenen Identität.“
Magdalena Loska
Monopterus albus
Gelber Aal : dunkel gefleckt : glatt
& schuppenlos : Rücken-, Schwanz- & Afterflosse
verschmelzen zu einem Flossensaum
kurz & breit der Kopf : kleine Augen
Das große : von dicken Lippen umfaßte
Maul ist tief gespalten : unter der Kehle
wachsen die Kiemen zusammen & bilden
einen quergestellten Kiemenschlitz
Lebt in Schlammlöchern oder Felsspalten
Teichen : Kanälen : Flüssen & Reisfeldern
frißt Fische : Würmer : Krebse : auch größeres
Getier & treibende Pflanzenreste
Proterandrischer Hermaphrodit : wechselt
im Laufe des Lebens das Geschlecht
zuerst männlich : dann weiblich
ein : e minimalistische : r Künstler : in
Zur Fortpflanzung baut das Männchen
frei treibende Schaumnester : die befruchteten
Eier werden nach dem Laichakt hinein-
gespuckt & bewacht : bis sie geschlüpft sind
Sechs neue Gedichte, 1. Reihe
Nachts
die Eisschollen krachen wie Feuerwerk und
dann wieder
wie Paletten auf dem Gemüsemarkt
zusammengeworfen Dazwischen schlürft ein
Wal den Fluss und die
Wildgänse errichten
einen fliegenden Teppich aus
Klang
darunter bin ich allein in der Nacht Und
in den Häusern vor den Bildschirmen
löscht man sich selber aus
seh den Großen
Wagen wie er senkrecht auf der Deichsel
steht (die Ladung
herausgekippt)
Missa Brevis
für Ute
Kyrie
kein Wort Das sich
erkennt … Und Sterben wie
Leben ist so einfach (dass
ich es nicht kann)
Gloria
Wasser (mit
der Wünschelrute nicht
zu finden) strömt als
Glück (preist)
Credo
seine Gedanken sind
nicht meine Gedanken So
schält er mich gegen
den Strich
Sanctus
die hören: sprechen
: Feuer Wie
der Atem kommt
und sich erneuert
Agnus Dei
den Alptraum
gibt es Etwas muß
sich zerbrechen
(für uns)
Feiertag
der Supermarkt hat die Werbe-
tafeln hereingeholt der Parkplatz
feiert seine Leere und die Reisegruppe
atmet niemandem die Luft weg Ich
höre ich hätte Sand in meinen
Brunnen geschüttet und müsse ihn
wieder hinausschaufeln solange
gütig die Kuh noch kaut
Namen
starke Mai-Winde treiben
junge Blätter um mich herum und
missachten
Name und Bedeutung Ich
habe verstanden Lass das
Eichenblatt fallen und durchfühle
meine
Unwissenheit
Was lebt
alles was lebt wächst alles was lebt
wird müde alles was lebt
stirbt
beim Menschen kommt hinzu Er
versucht zu lieben und ist vielleicht
Ziel eines solchen Versuchs
verrät und wird verraten
überwacht
sein Auto und seine Tür
(und wird überwacht)
ab und an
erklingt bei ihm Musik
weil er (wie zum Trotz)
leben will
o.T.
für Jutta
aber zum Glück du gibst uns
preis Wie
wenn wir aufgetan für das
Atmen? Schwere hebt uns
durch die Schwebe Da sein
kann ich nicht Nur
hier Zersaust
Walter Thümler, Mai 2022
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