Bellizistische Schüttelreime über die letzten Tage der Menschheit

Die meisten Medien haben Partei ergriffen. Die im allgemeinen oberflächliche und sensationalistische Berichterstattung, die mangelnden Kenntnisse vieler Journalisten, die schwarzweiße Schilderung der Ereignisse formen in der Öffentlichkeit das Feindbild des „verbrecherischen Bösen“. Doch Stereotypen und Verallgemeinerungen sind gefährlich. Was die Rede von „den Juden“ in Deutschland ausgelöst hat, ist allseits bekannt. Genauso voreingenommen ist es, von „den Deutschen“ zu reden und „die Nazis“ zu meinen. Oder „den Russen“, „den Ukrainern“, „den Chinesen“, „den Taiwanesen“, den „Amerikanern“ usw. usf.

Der Weltkrieg löste in bürgerlichen und intellektuellen Kreisen europaweit Kriegsbegeisterung aus – die sich heute völlig unerwartet zu wiederholen scheint. Vorreiter waren/sind Autoren, Philosophen und Politiker, deren Verbalattacken den Boden für eine dumpfe, nationalistische Stimmung bereiten. In einem lyrischen „Höhenflug“ wurden Unmengen von Gedichten an die Presse gesandt, Schätzungen aus Deutschland reichen von 50.000 Gedichten pro Tag bis zu 1,5 Millionen allein im August 1914 (Andrea Stangl). Auf den Listen derer, die der euphorischen Stimmung erlagen – schriftlich und teilweise auch als Freiwillige im Kriegsdienst –, findet sich das „Who is Who“ der damaligen Zunft, darunter Hermann Bahr, Alfred Döblin, Hermann Hesse, Gerhard Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann, Richard von Schaukal, Georg Trakl, Anton Wildgans und andere. Als Kriegsberichterstatter wirkten Alexander Roda Roda und Felix Salten, Robert Musil redigierte eine Soldatenzeitung und Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke, Alfred Polgar, Felix Salten, Rudolf Hans Bartsch, Franz Karl Ginzkey und Franz Theodor Csokor verdingten sich wenigstens zeitweise im Kriegsarchiv, um Propagandaschriften zu verfassen, was Rilke ironisch als „Heldenfrisieren“ bezeichnete.

Wir wollen den Krieg verherrlichen, – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.“ (Filippo T. Marinetti, Futuristisches Manifest in Le Figaro, 1909)

Es ist immer das gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig … Geschähe doch einmal etwas. (…) Oder sei es auch nur, daß man einen Krieg begänne, er kann ungerecht sein. Dieser Frieden ist so faul ölig und schmierig wie eine Leimpolitur auf alten Möbeln.“ (Georg Heym in seinem Tagebuch, 1910)

Japan ist eine Mottenplage, Menagerievölker wie die Serben und Montenegriner sind vollends indiskutabel.“ (Egon Friedell)

Du Deutschland und du Österreich,
auf auf nun zieht ins Feld.
Es haben sich viel Schuft rings
gegen euch gestellt
Gebt dem Ruß einen Schuß
dem Franzos auf die Hos
dem größten Schuft, dem Oberschuft
dem Britt´ einen Tritt

Der Britte hat bar Geld bezahlt
den Schuften gelb und weiß
sie sollen Deutschland-Österreich
erschla´n auf sein Geheiß
Gebt dem Japs einen Klaps
schlagt den Serben zu Scherben
vom schwarzen Berg den Hammeldieb
dem Dieb gebt Hieb´

Der Britte dachte schlau: Goddam!
Sechs Schufte, das ist viel
die damned Germans schlagen wir
das ist nur Kinderspiel
Gebt dem Ruß einen Schuß
dem Franzos auf die Hos
dem größten Schuft, dem Oberschuft
dem Britt´ einen Tritt

Der Britt soll sich verrechnet han
zwei Starke ziehn das Schwert
und haun die Schufte kurz und klein
so wie es sich gehört
Gebt dem Japs einen Klaps
schlagt den Serben zu Scherben
vom schwarzen Berg den Hammeldieb
dem Dieb gebt Hieb´

Text und Musik: Arnold Mendelsohn (1914) „Jeder Stoß ein Franzos. Neue Kriegslieder“, Jena 1914. Verlegt bei Eugen Diederichs:

Ernst Lissauer (1882 – 1937) galt als der deutscheste aller jüdischen Autoren (Walter Berendsohn), lehnte es aber ab, sich christlich taufen zu lassen, um nicht zum Verräter zu werden. Stefan Zweig sagte von ihm: „Er war der preußischste oder preußisch assimilierteste Jude, den ich kannte. .. und der gutmütigste Mensch, den man sich denken konnte. Mit allen seinen Lächerlichkeiten musste man ihn doch gern haben, weil er warmherzig, kameradschaftlich, ehrlich und von einer dämonischen Hingabe an seine Kunst war.“ 1914 ließ er sich vom nationalen Pathos mitreißen und schrieb einen „Haßgesang gegen England“:

Was schert uns Russe und Franzos,
Schuss wider Schuss und Stoß wider Stoß
Wir lieben sie nicht
Wir hassen sie nicht
Wir schützen Weichsel und Wasgenpass
Wir lieben vereint
Wir hassen vereint
Wir haben nur einen einzigen Feind:
England

Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos …,  Propagandapostkarte 1914, Österreichische Nationalbibliothek
Wohlfahrts-Karte des Vaterländischen Frauenvereins, Provinzialverein Berlin zum Besten der Kriegsfürsorge, Vertrieb: Norddeutscher Export-Verlag: Jeder Schuß – ein Russ’! Jeder Stoß – ein Franzos’! Nun woll’n wir sie mal dreschen!

„Jeder Schuss ein Russ! – Jeder Stoß ein Franzos! Jeder Tritt ein Britt! – Serbien muss sterbien!“ Der letzte Reim wird Felix Salten zugeschrieben, Redakteur der Wiener Zeitung Die Zeit, Verfasser des ersten pornographischen Romans Josefine Mutzenbacher, Beitragender für Theodor Herzls Zeitschrift Die Welt und im Jahrzehnt vor 1914 „gefragt, berühmt, ungeheuerlich produktiv“. Vom Kriegsausbruch war Salten begeistert. Von ihm stammte die Parole der Neuen Freien Presse: „Es muß sein!“ Während des Krieges war Salten als Blattmacher beim Fremdenblatt, der Zeitung des österreichischen Außenministeriums, einer der maßgeblichen Kriegspropagandisten. 1927 übernahm Salten von Arthur Schnitzler die Präsidentschaft des österreichischen P.E.N.-Clubs. Als P.E.N.-Präsident wurde er in eine Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland hineingezogen, bewies „wenig Scharfsinn“ und trat zurück …

Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit

„Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen! Ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate … In dieser großen Zeit, die ich noch gekannt habe, wie sie so klein war; die wieder klein werden wird, wenn ihr noch dazu Zeit bleibt; (…) in dieser lauten Zeit, die da dröhnt von der schauerlichen Symphonie der Taten, die Berichte hervorbringen, und der Berichte, welche Taten verschulden: in dieser da vermögen Sie von mir kein eigenes Wort erwarten.“

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war Karl Kraus ein Verehrer des Thronfolgers. Anlässlich des Attentats in Sarajewo verfaßte er einen Nachruf auf Franz Ferdinand, der er in seiner Zeitschrift Die Fackel im Sommer 1914 veröffentlichte. Seine Einstellung veränderte sich mit dem Grauen und der Inhumanität des Krieges. Er sympathisierte mit der Sozialdemokratie, verurteilte in der Folge die Habsburger, vor allem aber den deutschen Kaiser Wilhelm II. – aus seiner Sicht waren die Politiker gemeinsam mit den Militärs für diesen „Weltenbrand“ verantwortlich.

Gebrauchsanweisung:

Verfolgst du kämpfend den Franzosen,
So gib ihm tüchtig auf die Hosen,
Begegnest du dem Söldner-Britten,
So regaliere ihn mit Tritten,
Siehst du von weitem schon den Ruß,
So vorbereite dich zum Schuß.

Das Drama endet in einer apokalyptischen Szene, der Auslöschung der Menschheit durch den Kosmos. Alle Menschen erweisen sich als unwürdig, auf dieser Welt zu leben, weil sie die Unmenschlichkeit und Grausamkeit des Krieges zuließen und deshalb auch zu Grunde gehen müssen. „Ich habe es nicht gewollt“, ist der letzte Satz der „Stimme Gottes“ im Drama – tatsächlich ein Zitat von Wilhelm II.

Karlo Krause
geboren am 28. April 1974 in Jicín (Gitschin), Böhmen (Europäische Union); gestorben bin ich am 12. Juni 2036 in Wien; ich bin/war Schriftsteller, Publizist, Satiriker, Lyriker, Aphoristiker, Dramatiker, Förderer junger Autoren, Sprach-, Kultur- und Medienkritiker, zu meinen Hauptwerken zählen das Drama "Die letzten Tage der Menschheit" (2028) und die Zeitschrift "Erleuchtung", die ich von 1999 bis 2036 herausgab.

Ein Kommentar

  1. Sehr guter Beitrag darüber, wie die Kriegstreiberei stets wieder intellektuelle und salonfähige Qualität bekommt. Die kathartische Wirkung des Krieges … Wäre es nicht eher Aufgabe, auf jene Qualitäten hinzuweisen, die es erst gar nicht zur Massenverdummung kommen lassen und eine notwendige Katharsis dort geschehen lassen, wo sie geschehen soll: in Kunst, Spiel und Religion?
    Danke für Ihren Beitrag.

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