Tattoo

Er überlegte, sich ein Tattoo stechen zu lassen. Über das Motiv war Vyvyan sich im Klaren, über die Stelle an seinem Körper, die es schmücke sollte, weniger. Er hatte Angst, Al oder Elou zu befragen, weil ihre Vorschläge sicher nicht das getroffen hätten, was er sich insgeheim vorgestellte.

Vorsichtig betrat er das Wohnzimmer, in dem Eduard und Alan gerade beratschlagten, wen man am nächsten Wochenende einladen sollte, und ob einer von den Twinks mitgebracht werden sollte, die Vyvyan eventuell »toppen« könnte, wie Alan sich ausgedrückt hatte. »Wieso soll ich die toppen«, hatte Vyvyan gefragt, und das Sonnenlicht im Wohnraum war zu hell gewesen, die Kisten, Zeichnungen, Bücher und das ganze Buffet mit dem Essen seltsam akkurat zur Seite geräumt. Wer von den beiden es gemacht hatte, Vyvyan wusste es nicht. Gestern Abend hatte es noch samtig, bunt und fröhlich geleuchtet, sanft gedimmt, im Abendlicht, das Zimmer, nun war es ein greller funktionaler Raum. »Was beratschlagt ihr«, fragte er und sein Herz meldete sich mit unstetem Klopfen. Alan wandte sich um. »Vyv, wir haben gerade überlegt, wen wir am Wochenende einladen wollen. Wärest du einverstanden, wenn wir … Mermaid und Twinky mit dazu nehmen? Sie sind sehr jung und schüchtern, und Twinky ist ein … absoluter Beginner. Er nimmt dein Foto mit ins Bett und küsst es jeden Morgen, das hat er mir jedenfalls gestern unter Tränen gestanden.« Vyvyan machte keinen Schritt in Richtung der riesigen Couch, auf der seine beiden Liebhaber saßen. »Al, Elou, ich glaube, ich möchte mir ein Tattoo stechen lassen. Einen … Skorpion, weil er mich an … an das Sternzeichen meiner Schwester erinnert.«

Alan und Eduard drehten sich gleichzeitig um. »Das ist eine … eine wunderbare Idee, Vyv«, begann Eduard, »aber … ein Skorpion?«

Alan unterbrach ihn. »Sei vorsichtig, Elou. Du verletzt ihn. Er muss seine Entscheidungen selbst treffen. Und einen Skorpion … hat nicht jeder.«

»Nimm die süße Stelle über deinem Nabel«, fiel Eduard sofort ein.

Die Sonne zog einen Schleier aus Wolken vor ihr zu grelles Gesicht. Über seinem Nabel. Oder etwas versetzt daneben. Er hob das Hemd, das zu seinem Schlafanzug gehörte, und zeigte auf die Stelle. Die beiden Männer auf der Couch beugten sich zu ihrem Geliebten. »Das wird sehr schön für uns drei. Vielleicht auch noch für andere.« sagte Alan und seine Stimme bekam die Zauberkraft, die Vyvyan dazu veranlasste, das Glas mit dem Orangensaft, den Eduard ihm ausgepresst hatte, und der seit dem Morgen unangerührt dort auf dem Esstisch stand, in die Hand zu nehmen und ihn schluckweise zu trinken.

»Ich kann nicht toppen, Al«, hatte er vorgestern noch gesagt, als der Gedanke zum ersten Mal ausgesprochen wurde. »Natürlich kannst du das«, hatte Alan gesagt und seine Hand gehalten wie damals bei Lorys, bei ihrem ersten Zusammentreffen. »Elou hat es mir doch erzählt.«

»Das ist etwas anderes. Das ist … Elou. Bei ihm …«

»Wenn du es gar nicht willst, lassen wir es«, sagte er jetzt. »Es war eine dumme Idee von mir, nicht wahr Elou« – er wandte sich an Eduard, wie schlichtend, »eine sehr dumme Idee, weil ich dachte, er …« er sah zu Vyvyan, der noch immer unschlüssig auf die Stelle auf seinem Bauch starrte, die von schwarzer Tinte, verziert werden sollte, »eine wirklich sehr dumme Idee, Twinky und Mermaid so … heiß zu machen, und dann noch mit dem Foto. Man lernt eben nie aus. Ich hätte nicht gedacht, Elou, hätte nie gedacht, dass dein Junge so … sensibel ist.«

»You can’t eat your words, Al,« sagte Eduard nur. »Vielleicht sollten sie sich einfach nur mal … kennen lernen. Nicht bei Lorys, nicht bei uns, oder doch bei uns. Wir kochen was zusammen.«

Zusammen was kochen. Vyvyan zuckte und ließ sein Hemd endgültig fallen. Das Licht streichelte seinen Schlafanzug. »Also gut«, sagte er. »Wir kochen, ich entscheide. Keine Versprechen. Egal, wie viele Fotos Twinky sich an die Brust heftet. Egal, wie oft er weint.«

Sein Blick im Sonnenlicht. »So eisiges Violettblau«, murmelte Eduard und sah Alan an. Der verstand. »Wir dürfen ihn nicht überfordern. Wir sind schon … nein, nicht weiter als er. Vielleicht nur … kalt.«

crysantheme
Wer eine Crysantheme verblühen lässt oder ihr den Kopf vor ihrer Zeit abschneidet, der erntet zur Strafe nur noch grünes Friedhofskraut.

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