Echo auf: Bei Dao, Das blaue Haus

Mit dem Sommersemester beginnt eine neue Folge von „Ecos da escrita“ – Echos auf ausgewählte Textausschnitte. In der Schreibübung in Germersheim reagieren Studentinnen in dieser Woche auf einen Text des ersten chinesischen Übersetzers von Tomas Tranströmers Gedichten, den Lyriker und Essayist Bei Dao. (Aus rechtlichen Gründen folgt hier nur ein kurzer Auszug aus Bei Daos Text.)

Bei Dao, Das blaue Haus

1       Das blaue Haus liegt auf einer kleinen Insel nahe Stockholm, es ist das Landhaus des schwedischen Dichters Tomas Tranströmer. Es ist winzig und alt. Es kann die strengen Winter in Schweden nur überstehen, weil es immer wieder repariert und gestrichen wird.

Ende März dieses Jahres ging ich nach Stockholm auf eine Konferenz, die deprimierend und langweilig war, wohl so wie Konferenzen überall auf der Welt. Einen Tag vor der Abreise hatten Annika und ich uns zu einem Besuch bei Tomas in Vasteras verabredet. Von Stockholm bis zu dieser Stadt braucht man zwei Stunden. Annika fährt einen roten Saab. Der Himmel war düster, ab und zu fielen Schneeflocken. Der Frühling hatte in diesem Jahr auf sich warten lassen, die trübseligen Wälder lagen noch in tiefem Schlaf, die Felder gaben sich graublau, kahl lagen sie da, hoben und senkten sich mit der Fahrbahn.

(In: Bei Dao, Gottes chinesischer Sohn. Essays. Übersetzt von Wolfgang Kubin. Weidle-Verlag, Bonn 2012)

Julie Schneider, Besuch bei der alten Dame

Das erste was ich in Bukarest tat war, mich zu verlaufen. Kaum am Bahnhof angekommen (Gleis zwei, 11:28), ging es schon los: es kostete mich ganze zehn Minuten, den Ausgang zu finden, da ich sofort zielstrebig in die falsche Richtung gelaufen war und es erst bei Gleis 14 realisierte. Als ich es dann endlich geschafft hatte, dem Bahnhof zu entkommen, holte ich meinen Notizzettel mit der Wegbeschreibung zu Großtante Ioanas Adresse heraus. Sollte nicht allzu schwer sein, dachte ich mir in meiner Naivität. Eine Viertelstunde zu Fuß, da lohnt sich ein Taxi nicht.

Und so begann ich, voller Zuversicht durch die mal breiten und geraden, mal schmalen und gewundenen Straßen Bukarests zu marschieren. Immerhin war ich hier aufgewachsen, die Wegbeschreibung war vermutlich ohnehin überflüssig. Abgesehen von einigen neuen Geschäften und Baustellen hatte sich nicht allzu viel verändert.

Eine halbe Stunde später verwandelte sich mein strammes Schritttempo allmählich in ein gemäßigtes Schlurfen, immer wieder unterbrochen von Pirouetten, wenn ich mich verwirrt umsah. Irgendetwas stimmte nicht. Ich hätte schon längst an dem Kiosk bei der Baumallee vorbeikommen sollen; stattdessen stand ich vor einer Statue von George Enescu. Definitiv stimmte da was nicht.

Reflexartig zog ich mein Handy aus der Tasche und klappte es auf, nur um es direkt wieder zuzuklappen. Großtante Ioana hatte kein Telefon, was bedeutete, dass nur eine Person blieb, die ich hätte anrufen können – und das kam gar nicht in Frage. Bevor ich zu solch einer Verzweiflungstat herabsinken würde, bräuchte es schon mehr als 30 Minuten Umhergeirre in Bukarest.

Genaugenommen brauchte es zwei Stunden Umhergeirre in Bukarest, wie ich anderthalb Stunden später feststellte. Die Sonne brannte unnachgiebig auf mein erhitztes Gesicht, der Schweiß lief mir den Nacken hinab, und ich hatte mindestens drei Blasen an den Fersen. Nun gut, dann sollte es wohl so sein.

Mit einem leidenden Seufzer zog ich mein Handy erneut hervor und wählte die Nummer meiner Cousine Alina. Es kostete mich immense Willenskraft, auf die Anruftaste zu drücken und beinahe ebenso viel, um nicht direkt aufzulegen, als sich die vertraute näselnde Stimme meldete: „Hat der Zug sich verlaufen oder du?“

„Es wäre lieb, wenn du mich abholen würdest“, knurrte ich so höflich wie möglich zurück und schaute mich nach einem Straßenschild um. Meine Güte, war mein Rumänisch eingerostet. „Ich bin beim, äh– Carol Park.“

Wo?“ Ich spürte den Luftzug ihres verächtlichen Schnaubens förmlich in meinem Ohr. „Du bist hoffnungslos.“

Und bevor ich durch wortloses Auflegen ein Zeichen setzen konnte, hatte sie schon aufgelegt.

Die nächsten Minuten verbrachte ich damit, mein Rumänisch wieder aufzufrischen, indem ich sämtliche mir bekannten Schimpfwörter vor mich hin grummelte. Als mein Wortschatz erschöpft war, trat ich zum Abschluss gegen eine Mülltonne, setzte  mich auf eine Bank im Schatten und wartete.

Die Zeit verstrich, und ich begann bereits zu befürchten, dass Alina mich eiskalt hier sitzen lassen würde, da bog endlich ein kleiner, klappernder Volkswagen um die Ecke. Ich erkannte das Auto sofort – meine Eltern hatten es mir nach dem Schulabschluss geschenkt, doch da ich wenige Monate später zum Studium nach Frankreich gezogen war, hatten sie es an Alina weitergegeben. Nicht, dass ich darauf neidisch gewesen wäre; ich hatte jetzt sowieso mein eigenes Auto. Einen Porsche.

„Willkommen in meiner bescheidenen Heimatstadt“, rief mir Alina zu. Das Fenster auf der Fahrerseite war heruntergekurbelt, und sie ließ einen Arm lässig heraushängen. Ihr Blick hinter der knallrot umrahmten Sonnenbrille war undurchdringlich.

Ich rollte mit den Augen und setzte mich ohne ein Wort auf den Beifahrersitz. Dann überlegte ich, ob ich nicht vielleicht doch etwas zu unhöflich war – immerhin hatten wir uns seit Jahren nicht gesehen und sie war eben zu meiner Rettung gekommen. „Hi“, sagte ich.

Alina sagte nichts.

Mein „Du mich auch“ ging im Aufbrummen des Motors unter, als wir uns in Bewegung setzten. Die ersten Minuten verbrachten wir in Schweigen.

„Keine Ahnung, wie du es geschafft hast, den Weg nicht zu finden“, murmelte Alina schließlich. „Das war die einfachste Wegbeschreibung, die man sich vorstellen kann.“

Ich räusperte mich pikiert. „Ich muss falsch abgebogen sein.“

„Ja, so um die fünfzig Mal. Gut, dass wir keine Abkürzungen dazugeschrieben haben, sonst wärst du jetzt wahrscheinlich in Bulgarien.“

„Man wird sich doch wohl mal in der Straße irren dürfen.“

„Na ja, du warst ja seit Jahren nicht mehr hier. Da kann man schon mal alles komplett vergessen.“

„Ich kann dich in Toulouse herumführen, wenn du irgendwann vorbeikommst“, gab ich zurück.

„Nein danke. Ich bin vollauf zufrieden damit, hierzubleiben.“

„Natürlich. Vielen Dank, dass du extra für mich das Haus verlassen hast, das muss ein großes Opfer gewesen sein.“

Alina schnaubte, und dieses Mal klang es weniger herablassend und mehr stocksauer. „Ich kann dich gerne im nächsten Straßengraben absetzen.“

„Nein danke“, sagte ich schnell. Von da an redete ich kaum noch und ließ stattdessen Alina jede Ecke und Gasse Bukarests kommentieren, als hätte ich noch nie einen Fuß in die Stadt gesetzt. Der nervigste Audioguide der Welt.

Endlich tauchte vor uns die vertraute Silhouette unseres alten Familienhauses auf. Ich warf einen Blick auf die Uhr: die Fahrt hatte nur 15 Minuten gedauert. 15 Minuten, die mindestens doppelt so lang gewesen waren wie die zwei Stunden davor. Wie lang würde dann erst das Wochenende hier werden?

Magdalena Loska, Gespräche in vier Wänden

Wie jeden Mittwochnachmittag, saßen wir zusammen in der Runde und besprachen die kommenden Arbeitsaufgaben für die nächste Woche. Nach Abschluss des Meetings erzählte uns Eran, der Verantwortliche für uns Volontäre, von einem Anruf, den er vor Kurzem erhalten hatte. Ein älterer Mann namens Michael, der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg von Deutschland nach Israel gekommen war, hatte erfahren, dass in unserer Einrichtung jährlich deutsche Volontäre ein freiwilliges Jahr absolvierten. Sehr gerne würde er sich wieder mit jemandem in seiner Muttersprache unterhalten, ein bisschen Computerhilfe könnte er auch gebrauchen. Ich meldete mich sofort. Wo sonst hätte ich die Möglichkeit gehabt, Geschichten von einer Person zu hören, die mir von den 1930-er Jahren in Deutschland, von Flucht und Krieg und von einem Land erzählen konnte, das vor 80 Jahren noch einen anderen Namen trug als heute, und wo dort, wo heute Stadt ist, früher Wüste war? An einem Mittwochabend im November machte ich mich auf den Weg zu unserem ersten Treffen. Michael und Miriam wohnten nicht weit von meiner Wohnung in der Katzenelson entfernt. Die Straße hoch, an der Bushaltestelle vorbei, an der ich so oft am Wochenende saß. Nach Fahrplänen- und Zeiten sucht man hier vergeblich. Stattdessen holt man sich eine Falafel um die Ecke, setzt sich auf die Bank und wartet. Vielleicht kommt man am Abend noch an der Klagemauer in Jerusalem oder auf der Party in Tel Aviv an. An der Haltestelle geradeaus, an schönen Einfamilienhäusern vorbei, die so typisch für Kiryat Tivon sind, erreichte ich das Gartentor von Michael und Miriam. Ich verspürte sofort Sympathie diesem älteren Ehepaar gegenüber, das vor kurzem seinen 70. Hochzeitstag feierte. Sie gehörten zu denjenigen, die zwar fast ihr gesamtes Leben in Israel verbracht hatten, aber sich nie an die Hitze und Trockenheit des Landes gewöhnen konnten, und die eine gewisse Aura von der Eleganz des alten Europa ausstrahlten. Ich fing die Unterhaltung auf Hebräisch an, sie unterbrachen mich in fließendem Deutsch. Ich war überrascht, dass Michael nach all der Zeit seine Muttersprache nicht vergessen hatte und sie so fließend sprach, als wären keine Jahrzehnte und Kriege vergangen. Sogar Miriam und seinen zwei Töchtern hatte er seine Muttersprache beigebracht. Es überraschte mich nicht nur die Tatsache, dass er noch Deutsch sprechen konnte, sondern vielmehr, dass er es wollte. Ich wusste vom Israel des vergangenen Jahrhunderts, auf dessen Straßen die verschiedensten Sprachen Europas zu hören waren. Aber die meisten Menschen dieses Landes, auf der Suche nach einer neuen, gemeinsamen Sprache und Identität, hatten sich schon vor langer Zeit von ihren Muttersprachen und Heimaten verabschiedet, die oftmals an schmerzhafte Erinnerungen geknüpft waren. Vor mir stand jemand, der augenscheinlich weniger Probleme damit hatte als ich, die deutsche Sprache in Israel zu sprechen. Schon nach dem ersten Treffen und dem gemeinsamen Abendessen verspürte ich eine tiefe Verbundenheit den beiden gegenüber. Und somit trafen wir uns jeden Mittwochabend. Michael wurde schnell zu dem Großvater, den ich niemals gehabt hatte. Unsere Treffen hatten einen routinierten Ablauf: Michael und ich gingen in sein Arbeitszimmer, in dem wir vor seinem Computer Platz nahmen. Manchmal stellte er mir Fragen zur Internetnutzung, manchmal schauten wir uns philosophische YouTube-Videos an, aber immer erzählte er. Wenn er den Computer ausmachte und das Abendessen noch nicht fertig war, erzählte er von Krieg, Flucht, dem Ankommen und dann wieder von Krieg. All diese Gespräche fanden in seinem Arbeitszimmer statt, denn wenn er beim Abendessen weiter erzählen wollte, unterbrach ihn Miriam. Sie wollte nichts mehr von Krieg hören, geschweige denn darüber sprechen. Es schien, als hätte sie das Wort „Krieg“ mit all ihren Erinnerungen in eine Schublade gepackt und den dazugehörigen Schlüssel vor allen versteckt. Nicht selten war ich etwas darüber enttäuscht, dass ich das Ende einer Erzählung nicht mehr hören konnte, aber konnte ich es ihr verübeln? Natürlich nicht. Michael kam mit 13 Jahren aus Köln nach Israel (damals noch Palästina), Miriam mit neun aus einem Teil Russlands, dessen Grenzen im Laufe der Zeit verschwammen, und der später zu Rumänien wurde und heute Moldawien ist. Beide verließen noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ihre jeweilige alte Heimat – nicht ahnend, dass weitere Kriege in ihrer neuen Heimat auf sie warten würden. Wenn Michael sprach, schwieg Miriam. Und somit gewöhnten wir uns an, die Tür seines Arbeitszimmers vor Miriam zu verschließen. Er erzählte von seiner Mutter, die psychisch krank geworden war, als sein Vater die Familie verlassen hatte und mit seiner neuen Frau nach Argentinien ausgewandert war. Kurze Zeit später wurde seine Mutter in eine Psychiatrie eingewiesen. Michael konnte sich noch genau an den Tag erinnern, als er mit drei Jahren von den Erziehern des Kölner Kinderheimes abgeholt wurde. Er versteckte sich unter seinem Bett in der Hoffnung, dass man ihn nicht finden würde. Gewaltsam wurde er mit seinem Bruder und seiner Schwester aus dem Haus gezogen und in ein Kinderheim gebracht. Bei einem seiner Besuche in der Psychiatrie, nicht ahnend, dass es der letzte sein würde, nahm seine Mutter ihn bei der Hand und führte ihn zum See. Sie wollte ihn und sich ertränken. In letzter Sekunde wurde eine der Pflegekräfte auf sie aufmerksam. Michael sah seine Mutter nie wieder. Die Patienten dieser Psychiatrie waren mitunter die ersten, die ein paar Jahre später von Nationalsozialisten ermordet wurden. Als Michael 13 Jahre alt war, gewannen er und sein Freund durch ihre guten sportlichen Leistungen ein Ticket nach Israel. Das Kölner Kinderheim, in dem sein Bruder und seine Schwestern blieben, verließ 1942 die Stadt in Richtung Minsk. Als sie ankamen, wartete schon das Erschießungskommando auf sie. Während er mir all das erzählte, zitterten seine großen Hände. Michael hatte Parkinson. In seinen Augen, die sich tief hinter der dicken, orangenen Brille versteckten, sah ich den Schmerz und gleichermaßen das Verlangen danach, seine Geschichte zu erzählen. Mit seinen Kindern und Enkelkindern konnte er all das nicht teilen, denn sie befürchteten, dass sich sein gesundheitlicher Zustand durch seine Reise in die Vergangenheit verschlechtern würde. Während er sprach, blickte ich immer wieder auf das große Schwarzweißbild seiner Geschwister auf der Wand. Ich hörte seiner zittrigen Stimme zu, und gleichzeitig hörte ich immer wieder meine eigene Stimme im Kopf: weine nicht vor ihm. Ich sah mich nicht im Recht, den Tränen freien Lauf zu lassen, die er unterdrückte. Jede Woche erzählte mir Michael ein Kapitel aus dem Buch seines Lebens. Wenn ich nicht vor Ort in Israel war, dann führten wir unsere Gespräche am Telefon weiter. Jeden Mittwochabend. Ein paar Jahre später erkrankte er an schwerer Demenz. In einem Wutanfall, verschuldet durch die Krankheit, riss er das große Schwarzweißbild seiner Geschwister von der Wand. Das letzte Mal, als ich ihn sah, war kurz vor seinem Tod in einem Pflegeheim. Auf der Hinfahrt im Taxi bereitete mich Miriam darauf vor, dass er mich vielleicht nicht erkennen würde. Michael saß in einem Rollstuhl im Garten und blickte auf die Landschaft. Als ich mich zur Begrüßung zu ihm hinunterbeugte, nahm er mein Gesicht in seine zitternden Hände und fragte mich, was ich mir zu meinem Geburtstag nächste Woche wünschte. Natürlich hatte er diesen nicht vergessen. Wir saßen zusammen im Garten und ich versuchte nicht daran zu denken, dass es das letzte Mal sein könnte. Ein paar Wochen später starb Michael friedlich im Schlaf. Und wenn ich an ihn denke, dann sehe ich uns beide in seinem Arbeitszimmer sitzen. Ich spüre seine großen, zittrigen Hände auf meinen, und ich blicke auf das große Schwarzweißbild seiner Geschwister an der Wand.

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