Boris Leonidowitsch Pasternak : Meine Schwester ist das Leben (1919)

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Meine Schwester – das Leben – hat als Regen sich heute
An die Leiber aller Wesen, den Frühling, verteilt,
Doch die schmuckverzierten Körper all der unzufriedenen Leute
Stechen, stacheln ihre Freude, dass sie nicht hier verweilt.

Alle älteren Menschen haben dafür eigene Gründe.
Zweifelsohne, zweifelsohne ist lachhaft dein Grund.
Dass der Rasen und die Augen lila werden bei Gewitter
Und nach muffiger Reseda riecht der Horizont.

Dass im Mai, wenn du das Kursbuch liest,
Mit dem Zauberzweiglein in deinem Kupee,
Es grandioser ist als die heilige Schrift
Und das staub- und sturmbesetzte schwarze Kanapee.

Dass, kaum hat zu winseln begonnen ein bremsender Leib
An friedlichen Dörflern in abgelegenem Dschumm,
Sie aus Matratzen lugen, ist nicht das mein Bahnsteig,
Und die Sonne, sich setzend, macht sich mit mir krumm.

Und zum dritten lostanzend, schwimmt ein Glöckchen dahin
In purem Bedauern: tut mir leid, hier nicht.
Nimmt es mit hintern Vorhang unters glühende Kinn
Der Steppennacht, deren Sprossen es verteilen hinan ins Licht.

Blinkend, blinzelnd, doch irgendwo schlafen sie süß,
Liegt die Fata Morgana der Liebsten im Bette
Zu der Stunde, da das Herz, durch Waggons tanzend wüst
Mit dem Schlagen der Wagentüren sich zerstäubt in der Steppe.

Zhenja
Künstlername des aus Südrußland stammenden Dichters Jewgeni Sacharow; hob unter nickname Zhenja 2007 gemeinsam mit Gesche Blume und Viktor Kalinke den literarischen Blog www.inskriptionen.de aus der Taufe. Das seit 2009 verwendete Pseudonym stand dabei zunächst Pate für eine Reihe von Versuchen, sich zugleich die Bild- und Klangsprache des 1922 verstorbenen futuristischen Dichters Viktor Vladimirovic Chlebnikov und die Ausdrucksmöglichkeiten des Deutschen als literarischer Nichtmuttersprache zu eigen zu machen. Zunehmende Vermischung eigener Sprachschöpfungsprozesse mit dem Ideenfundus des russischen Avantgardisten bis zur „non-rem-fusion“. Sacharow lebt und arbeitet seit 2008 als Garderobier und freischaffender Autor in Frankfurt am Main. Projekt der beiden in Deutschland ansässigen russischen Dichter Jewgeni Sacharow und Sascha Perow, „Brüder im Namen“. Jewgeni beschäftigt sich seit 1990 mit Drama in - wie er es nennt - Außenprojekten, ich dagegen (Perow) versuche mich gelegentlich an Übersetzungen aus dem Russischen; mein Ziel: Erschaffung eines neuen Dialekts der Weltpoesie, der „Sternensprache“. Wichtig war für unser Inskriptionen-Doppelleben die Begegnung mit der deutschen Dichterin Hanna Fleiss im Winter 2012 in Berlin.

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