Echo auf: Saša Stanišic, Herkunft

Oskoruša, 2009

(…)

Auf dem Friedhof von Oskoruša teilte ich meinen Namen und Brot mit den Toten. Wir aßen Räucherfleisch auf meinen Ahnen, da ergriff Gavrilo das Wort.

»Hier«, sagte er und goss etwas Schnaps in die Erde, »liegt dein Urgroßvater. Die Urgroßmutter hat nur heimlich getrunken.« Auch auf ihre Seite stellte er einen Becher und sah dann weg, damit sie weiterhin heimlich trinken konnte. Wir stießen an.

( . . . )

Die Friedhofshitze schmeckte salzig und klang nach Zikaden. Gavrilo suchte meinen Blick. Ich nickte ihm zu und fand es sofort unpassend, genickt zu haben auf einem Friedhof.

»Siehst du das?« Er zeigte in die Landschaft. »Da stand das Haus«, sagte er.

»Von meinen Urgroßeltern?«

»Ja.«

»Da?«

»Nein, da.«

»Da, wo man den Zaun sieht?«

»Nein, da wo man nichts sieht.«

Ich lachte. Gavrilo fand es nicht komisch, und das war der Augenblick, da Gavrilo mich fragte, woher ich käme.

Also doch, Herkunft, wie immer, dachte ich und legte los. Komplexe Frage! Zuerst müsse geklärt werden, worauf das Woher ziele. Auf die geografische Lage des Hügels, auf dem der Kreißsaal sich befand? Auf die Landesgrenzen des Staates zum Zeitpunkt der letzten Wehe? Provenienz der Eltern? Gene, Ahnen, Dialekt? Wie man es dreht, Herkunft bleibt doch ein Konstrukt! Eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist. Als solches ein Fluch! Oder, mit etwas Glück, ein Vermögen, das keinem Talent sich verdankt, aber Vorteile und Privilegien verschafft.

(Aus: Saša Stanišic, Herkunft. Luchterhand Literaturverlag, München 2019)

Herkunft

Als ich ein Kind war, brachte mir eine Tante von einer Reise in die Schweiz eine Schachtel Schwarzschokolade mit. Die kleinen, in goldene Folie eingewickelten Würfelchen lagen säuberlich in der exquisiten Blechschachtel. Das schöne Geschenk aus dem fernen Westen schätzte ich so sehr, dass schon eine Woche vergangen war, bis das erste Stück endlich gekostet werden konnte. Doch für ein kleines Mädchen ist die Definition von Schokolade einfach Milchschokolade. Der trockene, bittere Geschmack hat mich dazu gebracht, sie sofort wieder auszuspucken. Ich war noch zu jung, um an etwas anderem als an Süßem Gefallen zu finden, aber auch nicht mehr jung genug, um lügen zu können. Ich tat so, als würden sie mir schmecken, und die ganzen Sommerferien versuchte ich mit gerunzelter Stirn, sie wirklich zu genießen. Sie kamen doch aus der Schweiz! Es konnte nicht sein, dass sie nicht gut waren.

Nicht viel anders sind manche Erwachsene beim Umgang mit anderen. Hast du früher bei der Suche nach dem Mutterleib eine ausgezeichnete Arbeit geleistet, bist du dann diese Schweizer Schokolade, für die die Leute mehr Toleranz aufbringen. Du kannst jede Form, jeder Geschmack sein, ohne dir Sorgen zu machen, dass keiner dich aus dem Regal nehmen würde, denn deine Herkunft hat schon all dein Anderssein legimitiert. Sei laut, du bist temperamentvoll, nicht unhöflich; sei ruhig, du bist nachdenklich, nicht zurückgezogen. Sei sparsam, du bist nicht geizig, der Minimalismus ist doch in Mode; gib viel aus, du bist nicht von Konsum dominiert, sondern der Meister im Genießen des Lebens. Leider, für Pechvögel ist die gestempelte Herkunft eventuell ein lebenslanger Kampf mit unmöglicher Lösung.

Jing Lin

Das Haus im Süden des Landes

Im Süden des Landes steht ein Haus, das seit vielen Jahren unbewohnt ist. Die Einrichtung erinnert mehr an die Vergangenheit, als an die Gegenwart. Wenn man das Haus betritt, scheint es, als wäre die Zeit im Jahre 1976 stehen geblieben. Die orangenen Küchenvorhänge und weißen Tischdecken wurden von Hand genäht und der blaue Teppich über Generationen hinweg weiterverschenkt. Das Porzellan steht fein säuberlich und unbenutzt hinter der Vitrine. Auf der Nähmaschine bilden sich feine Staubwolken und an den Wänden hängen Schwarzweißporträts. Zu jedem Ferienbeginn stiegen meine Mutter und ich, vollgepackt mit Ariel Waschpulver und Lindt Schokolade, in den Reisebus und fuhren in das Haus im Süden des Landes. Auf dem kleinen Fernseher liefen amerikanische Filme, deren Dialoge von einem Sprecher in monotonem Tonfall synchronisiert wurden. Zwischen unseren Beinen klemmten Taschen mit selbst belegten Brötchen, an der Tankstelle zur Grenze gab es zum amerikanischen Film grüne Pringles. An jeder Raststätte füllte sich der Bus mit kaltem Zigarettenrauch. Nach sechzehn Stunden Busfahrt quer durch zwei Länder und einer kurzen Taxifahrt, stiegen wir mit Ariel Waschpulver und Lindt Schokolade am grünen Gartentor des Hauses aus. Großmutter wartete schon an der offenen Haustür auf uns, die Haare kurz und lockig, das einfache Kleid lang bis über die Knöchel. Ich habe meine Großmutter nie eine Hose tragen gesehen. Meine Mutter ließ als erstes alle Koffer unausgepackt auf dem Boden liegen und lief in den großen Garten. Jedes Mal merkte ich in diesem Moment die große Sehnsucht nach ihrem Zuhause und nach der Freiheit, die sie nicht mehr in der Stadt im Ausland, sondern in der Natur in ihrer Heimat fand. Meine Kindheit im Süden des Landes beschränkte sich auf zwei Straßen. Mehr brauchte ich nicht. Mir reichte unser Garten, in dem ich mit meiner Cousine zeltete, die Küche meiner Tante eine Straße weiter, und das Fernsehzimmer meiner Großmutter, in dem wir täglich zusammen die 20 Uhr Nachrichten schauten. Ihr liebster Platz war auf der rechten Seite am Küchenfenster. Heute, viele Jahre später, sitze ich an ihrem Platz und blicke aus dem Fenster in den großen Garten, in dem meine Cousine und ich schon vor langer Zeit unsere Zelte abgebaut haben. Die sechzehnstündige Busfahrt habe ich gegen den einstündigen Flug eingetauscht. Die Pringles von der Tankstelle an der Grenze zum monoton synchronisierten Film schmecken dennoch besser als am Flugsteig. Ich sitze auf dem Platz meiner Großmutter, blicke aus dem Küchenfenster und sehe, wie meine Mutter bei ihrer Ankunft die Koffer liegen lässt und in den Garten Richtung Freiheit läuft. Früher konnte ich nicht verstehen, warum sie die orangenen Küchenvorhänge nicht gegen neue eintauschen wollte, warum sie am blauen Teppich ihres Großvaters hing, und warum das Porzellan in der Vitrine nie benutzt wurde. Heute, während ich auf dem Platz ihrer Mutter sitze, verstehe ich es, denn auch ich würde manchmal gerne die Zeit anhalten. Ich laufe eine Straße weiter in die Küche meiner Tante, denn mehr als diese zwei Straßen im Süden des Landes brauche ich immer noch nicht, und denke daran, wie gut die orangenen Küchenvorhänge zur weißen Tischdecke passen.

Magdalena Loska

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