Sechs neue Gedichte, erste Reihe

Nachts


die Eisschollen krachen wie Feuerwerk und
                                              dann wieder
   wie Paletten auf dem Gemüsemarkt 
        zusammengeworfen Dazwischen schlürft ein  
     Wal den Fluss und die
                                  Wildgänse errichten 
       einen fliegenden Teppich aus 
                                       Klang 
      darunter bin ich allein in der Nacht Und
     in den Häusern vor den Bildschirmen 
       löscht man sich selber aus
                           seh den Großen
      Wagen wie er senkrecht auf der Deichsel
        steht (die Ladung 
                             herausgekippt)


Missa Brevis

                 für Ute

Kyrie

kein Wort Das sich 
erkennt … Und Sterben wie 
Leben ist so einfach (dass 
ich es nicht kann)

Gloria

Wasser (mit
der Wünschelrute nicht
zu finden) strömt als
Glück (preist)

Credo

seine Gedanken sind
nicht meine Gedanken So
schält er mich gegen 
den Strich 

Sanctus

die hören: sprechen
   : Feuer Wie
der Atem kommt
und sich erneuert

Agnus Dei

den Alptraum
  gibt es Etwas muß
sich zerbrechen
(für uns)


Feiertag

der Supermarkt hat die Werbe-
  tafeln hereingeholt der Parkplatz
    feiert seine Leere und die Reisegruppe
 atmet niemandem die Luft weg Ich
   höre ich hätte Sand in meinen
 Brunnen geschüttet und müsse ihn
  wieder hinausschaufeln solange
    gütig die Kuh noch kaut


Namen

starke Mai-Winde treiben
    junge Blätter um mich herum und 
      missachten
                   Name und Bedeutung Ich
       habe verstanden Lass das 
    Eichenblatt fallen und durchfühle
         meine 
                  Unwissenheit 



Was lebt

alles was lebt wächst alles was lebt
   wird müde alles was lebt
                             stirbt
beim Menschen kommt hinzu Er 
  versucht zu lieben und ist vielleicht
    Ziel eines solchen Versuchs
 verrät und wird verraten 
                          überwacht 
 sein Auto und seine Tür  
    (und wird überwacht)  
                      ab und an  
     erklingt bei ihm Musik 
       weil er (wie zum Trotz)
                               leben will



o.T.

                  für Jutta

aber zum Glück du gibst uns
                        preis Wie
    wenn wir aufgetan für das 
       Atmen? Schwere hebt uns
   durch die Schwebe Da sein
       kann ich nicht Nur
          hier Zersaust


Walter Thümler, Mai 2022


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Walter Thümler
schreibt Poesie, Philosophie, Erzählprosa

1 Kommentar

  1. „alles was lebt wächst alles was lebt wird müde alles was lebt stirbt beim Menschen kommt hinzu Er versucht zu lieben“

    Wie schön! Wie wahr! Das ist der Mensch. Und er muss davon erzählen. Und darauf bildet er sich etwas ein.

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