Der Abstieg hatte schon länger begonnen. Drinnen war jetzt ein Frisör, im Fenster ein kleiner Stern, der das Dunkle, Regenichte müde beleuchtete, ganz als hätte ein Arzt sich zur Untersuchung seines Patienten entschlossen und ein mit Schwachstrom betriebenes Instrument hervorgeholt. Das matte Plakat in Schwarzweiß mit dem schönen Jüngling war nur von feinen und geübten Augen zu erahnen – und meine Kurzsichtigkeit war mit einem Mal kein Manko mehr, sondern von lustvoller Zärtlichkeit gegenüber dem zweidimensionalen Objekt. Das Ramschlädchen mit den Stoffvorhängen, vor dem die Straßenbahn hielt, blieb dagegen in finsterer Nacht. Ein paar Haselnüsse blühten schon, der Regen fiel in transparenten Punkten gleichmäßig wie im Schlaf. Du hättest gesagt, das ist die Jahreszeit, zu der man in diese Bar nicht gehen kann. Ich denke, das hast du ja gar nicht gesagt. Ich denke, ich und du und unsere gemeinsamen Essen in dem auf dem Abstieg befindlichen Lokal sind so straff miteinander verwoben, dass eine Trennung unmöglich ist. Ein strenges Muster in einem abfälligen Gottesplan. Zum Würfeln hat er nie geneigt, der Alte, und wenn er es hier einmal getan hätte, drei Sechsen wären diese Stunden mit dir und mir, dem Putengenuss und deinem aufgestellten Patent sicher nicht gewesen. Ich blicke in den Regen, die Uhr an der Straßenbahnanzeige steht auf 07:07. Bei Schnappszahlen denkt ein Engel an dich. Minuten später steige ich in die Bahn und die Erinnerung klammert sich an meinem Rücken fest. Offenbar will sie mitfahren. Ich knipse den Fahrschein und lächle ihr zu.
Ausgabe und Arbeit [Verausgabung und Mühe], und Reibung,
Fließt aus dem See [zu dritt] der Drei!
Sache und Gabe [Werk und Geschenk] – aus dem [Zweier-] See der Zwei!
Das Gras behindert die Füße beim Gehen,
[_] Gift löscht die Seele, und kalt wird das Blut.
[.] Stumpfes Messer schneidet schwer.
[:] Sackgasse – der / ein Weg // mit negativem Faktor.
Offen wandelt den Weg der Freudige,
Schwierig und mühsam schleppt’s sich auf ’nem Pfad.
Der ausgeweidete / organlose Körper, des Geistes // der Seele beraubt,
Der reglose Leichnam, der Bewegung beraubt [erleichtert],
Die Belustigung / Satire – eine Wohnstatt für Tote,
In denen du dich nicht regst,-
Ihr alle entfließt der Drei,
Die gute Sache dagegen – der Zwei. [Diesem See…:]
Jungfrau und Geist, flügelbrausend von dort her.
Die Zwei zweigt / treibt, es drängelt / dringt die Drei.
Travi uzhi schreit man’s an der Wolga,
Dabei / damit die Katz‘ aufhaltend.
Gezeugt oder gehaucht? Und warum als Tier?
Venus im Pelz 2
Film von Roman Polanski
„Der Herr, der allmächtige Gott, aber hat ihn bestraft, ihn in die Hand einer Frau gegeben und ihn zuschanden gemacht.“ BUCH JUDIT (Jdt 16,7)

Sie stehen sich gegenüber in klar verteilten Rollen: der Mann hat die Macht, die Frau macht ihn an. Gerade ihre Unvollkommenheit, an der sie eindeutig schuld ist – Zuspätkommen, Nichtwissen, Rücksichtslosigkeit –, ist die vollkommene Tarnung als Unschuldige. Damit wickelt sie ihn ein, den armen, willensschwachen, zaudernden Autor, der in nächtlichen Stunden die Regieanweisungen in den Computer hackt. Dazwischen eine Phase der Unbestimmtheit: Ist das noch Vorspiel, proben sie noch oder spielen sie schon Theater? Lächerlich: diese Ausstiege aus dem Spiel, das Vergewissern, wer den Hut auf hat, das stylische Hundeband um den Hals trägt. Konsequent: am Ende ist das Spiel Realität, das Handy, das noch mit der „Verlobten“ daheim verbindet und die profane Alltagsliebe außerhalb der Bühne mit Wagnerklingelton zu Bewußtsein bringt, in den Saal geworfen. Die Bühnenbeziehung droht in einen Seitensprung zu kippen, den die Frau souverän, selbstbewußt, fehlerfrei befiehlt. Sie kippt aber nicht, sondern mündet in einer antiken Tragödie, die als Komödie trapiert ist: die Macht, die der Frau dank sexueller Energie verliehen ist, taugt nur zum Heldendrama. C’ est tout. Denkst du nicht, das sei sexistisch?
Schneider
Ich bin der Schneider des Lebens, und maße mir das Leben an.
Ich schneide auf, und schneide zu,
Und schneide ab den Faden.
Platons Tod
Text wurde am 05.01. von Heideggers Hand gelöscht
Lieblingsdichter
am liebsten mag ich
diese weißen blätter
im herbst
wenn der nebel über dem talkessel hängt
und der wind sich um das haus schleicht
wie ein alternder räuber
dann tauche ich ein
in dein gedicht
als könnte ich dich erkennen
in den wortspielen
und spüren was du nicht sagst
die botschaft
ereignis reich die nacht
liefen hunde zu einem sternbild
zusammen
hinter wolkengedröhn
mitten im kalten winter
fressen licht von der milch
straße schwarze löcher
ein bellen am himmel
wohl zu der halben nacht
ein streunen
und im fell stallgeruch
wie uns die alten sungen
kritik
bei aller fernsichtabsorbtion: ich erkenne unkonturiertes, das fett und schläfrig in seinem möglichkeitsbettchen ruht. das mag meiner fehlsichtigkeit geschuldet sein und besitzt keine allgemeinbildlichkeit. ich erinnere mich nur wieder einmal an träume: kinderzimmer, puppenkissen, fühlen, was drin ist, wattefüllung, aufschneiden und schlafen auf stroh, zuvor noch dünn umhüllt von blau-kariert, könnte, müsste, sollte –
http://www.physiologus.de/moegl_sinn.htm
.
Für M.
Die Liebe hängt am Silberfaden
Leid und Klagewolken verhüllen
ihre klaren Scheiben
Ich willose leidlich. Die Geburt
der Zeit schreit abwärts
taumelnd: Wo bist Du?
Wo nur bist du, mein Herzstück?
Sie raubt den Verstand,
fesselt, zerstückelt, knechtet
– und fordert Erlösung.
Mein Jadestern, ich reiße
alle Himmelsdecken nieder
und flehe dir zu:
Vergebung!
Dämonen, Dämonen
Michael Jackson am Ende seiner Grundausbildung im Kampf für den Frieden.
Kommandant Leonidas: Immer kurbeln, ob rechts ob links, mit Mut gelingt’s.
Michael: Hä?
Leonidas: Wenn sie im Sichtfenster auftauchen, brauchst du am Anfang den Taschenrechner: Welche Note hattest du in Mathe?
Michael: Hm-hm.
Leonidas: Also nicht nachlassen. Damals an den Thermopylen hatten wir noch nicht mal Hallöfeln, um die Verzerrungen der Wahrnehmung wegzuschlürfen. Wir schaffen das schon, alles nicht so schlimm. Vorsicht! Diesen Knopf nicht. Den nehmen wir erst nächste Woche dazu.
Zwickau : Äußere Plauensche
Alles ist angemalt : alles ist ausgebaut
Sächsischer Barock : Bergbauinsignien
Die Mulde strömt eingezwängt durchs Tal
Liebliche Figürchen auf Säulen und Treppen
Sauber ist diese Stadt : adrette Menschen
In mittlerem Alter stöckeln ins Kino : ruhiger
Feierabend : und was sehe ich
Verfallene Straßen : die Äußere Plauensche
Das Dunkelgrauschwarz der Häuser : Klo
Halbe Treppe : Fliegengesumm über der Fallgrube
Hier hab ich gesessen als Kind und gefürchtet
Hinunter zu fallen durchs Loch
Des Aborts ins Grünglitschige : während
Die Eltern : Onkel und Tante weiterkauen
An Omas Karpfen Blau : während sie weitertrinken
Den unbestechlichen Klaren : der den Magen
Putzt : sie habens gut : müssen nicht mehr
Aufs Klo : mich haben sie vergessen und aus Protest
Schlucke ich einen Löffel Salz : nur einen kleinen
Aber der reicht : um zu kotzen
Und den Rest des Nachmittags überm Waschbecken
Zu verbringen : dann gehe ich hinaus
Und hänge selbstgemalte Verbotsschilder
Entlang der Straße auf : die keiner beachtet
Kommentar
zu: „Zukunft“
ich glaube, das hier wird so ähnlich wie der traum, (da wir nun schon bei dieser kategorienbildung angelangt sind): also der traum, in dem mein ehemaliger professor sagte, das exposee müsse komplett neu geschrieben werden, da es ohne methode sei, und wer immer noch den faltern im licht nachschaue, würde es in der ernst zu nehmenden wissenschaft nie zu etwas bringen. gut war, dass ich saß.
Zukunft
ist die Fortsetzung der Kindheit mit anderen Mitteln
Das Tragische
Wie würdest du spüren
das ein Treffen mit dir
wie Weihnachten
für mich ist?
Wie konnte ich nur annehmen,
du würdest es fühlen ?
traumschutt
dem nachtschatten des 15. jährigen entsprang die idee: ihr könnt nun eure beiträge traumschutt-kategorien zuordnen, hier ein erster wurf…
gibt es weitere vorschläge?
`Ab`!
Feldstimmen wandern langatmig über Silberkleckse zitternd gewebter Kinderfaden.
Fühlende Inschriften reisen in den pfadrosenden Heimlosnächten zwischen kalten Schenkeln.
Kalten Schenkeln. Füchse spalten rote Galgen auf holz – duftenden Rädern.
Fahle Wässer grasen auf Hufeisenschichten der Wundermühle.
Fünf zig mal krähte das Huhn.
Dreht sich die Raupe
in den Arkaden.
Feldspinnen riechen den Klang ferner Sommerkinderstimmen
in den Blumen.
Dörrobst
Zubereitung: Die Früchte und Nüsse schneiden, mit einem Teil der Milch anfeuchten und stehen lassen.
Die Idee ist gut. Sie macht sich fast von allein. Zeigt ihre Schärpen und Rüschen aus Apfelspalt und Birnenritze. Sie dreht sich einmal rund und schwingt dabei das Tellerröckchen aus Nüsschen und filletierten Appriköschen namens Lady Lilac. Hoppsapsa, freut sie sich, und der Gesundheit zu liebe. Doch dann: stehen lassen? Da fühlt sich die Lady ganz schön angepisst. Wackelt über die Tanzfläche und legt sich eine Dörrpflaume in das Stolzenfels-Sektchen.
Das Schlimmste war das Haarewaschen
Mein Freund wohnt in einer Gegend, die von Geiern umkreist wird. Es sind Tiere, keine Siliciumwesen (das wäre ihm sicher besser zu passe gekommen), sie treten in Schwärmen auf. Zu ganz bestimmten Uhrzeiten (schämen Sie sich!) bekunden sie laut und aktiv ihr Dasein, während sie fressen und scheißen. Das ist wie eine Rutschbahn auf der man runtersaust, dieses Satzende. Spinntanpoetik, würde Eisenhans, wäre er noch unter den Blogern, hierzu sagen. Ich mache das Fenster zu, bevor ich schreibe. Denn vor meiner Balkontür kreisen die Geier, die Bibliothek haben sie schon im Griff, und das, was dort auf der Straße in kleinen Schüben und Klecksen dicht beieinander aufgetragen ist und im Auge glänzt, ist Vogelkacke der unterschiedlichsten Trockungsgrade. Erst jetzt kommt mir das zu Bewusstsein, ich hinke anscheinend mit allem etwas hinterher. Stehe auf dem Schlauch oder auf der langen Leitung, je nachdem, ob gebaut, bewässert oder gedüngt wird. Ich stelle mein Fahrrad ab. Die Sonne lacht, die Luft ist frisch und kalt. Kleine Vorboten des Guten. Auch die Autos links und rechts neben dem Bürgersteig sind vollgeschissen. In der Mittagszeit (also, Sie haben wirklich kein Schamgefühl…) ruhen die Geier, sie sind abwesend, und Stille erfüllt die drei Dimensionen des Raumes. Ja, Sie hören richtig, des Raumes. Die Stadt ist ein Raum, von Materie unterteilt. Im Großen wie im ganz Kleinen. Raum genug, um tief Luft zu holen. Es ist wenig Verkehr und der Kopyshop hat noch geöffnet. Noch ist nicht Kochzeit (Sie sind die Verdorbenheit per se), daher bleibt die Luft neutral. Obwohl ich Entzugserscheinungen verspüre, geht es mir gut. Ich denke, dass mein Freund dort drüben in dem Café sitzt und arbeitet. Denken reicht mir. Ich biege in den Kopyshop ab. Letzte Woche trat mein Freund schon morgens um sieben aus dem Haus und wurde mit Vogelkacke auf das seidige Haupthaar beglückt. Das bringt Geld, denke ich, etwas, wovon er eigentlich nicht noch mehr braucht, worüber er sich aber trotzdem freut. Aber das Schlimmste war das Haarewaschen.
?
Was bringt die Elektronen aber dazu, so unermüdlich durch das Kabel zu wandern?
Die früh Verwöhnten
Die früh Verwöhnten kuscheln brav
Im Bett : am Bildschirm
hocken sie die halbe Nacht : der Vollmond
Interessiert sie nicht & nicht der Sturm : der
Durch die Esche rauscht : das ist zuviel Natur
Ein Schritt zuviel vors Haus : sie warten ab
Beim Nachbarn brennts : die Flammen
Greifen über : solang das Sofa
Steht : herrscht keine Not
Wenn sie sich doch bewegen müssen : hat
Ein andrer schuld : so ists bequem
Mag draußen Regen quirlen : der Kuchen
Schmeckt & Krieg gibts nur im Spiel : da
Wird geschossen : was die Maus hergibt
Los : räum ab : ich hab den kleinen Finger
Grad nicht frei : Mama wirds mir richten
Weihnachtsmänner
Als die Atemnot im Rossmann so stark wurde, dass ich kaum noch gehen konnte, kam ein Brief von Dir an. Ich öffnete die Botschaft und blieb auf dem Fleck stehen, auf dem ich mich regenerieren wollte, hoffend, nicht innerhalb der nächsten zehn Sekunden umzukippen und von einer der Kassiererinnen vom Fußboden aufgekratzt zu werden. Und mit Tatütata wäre es auch schon in die Notfallklinik gegangen. Infusionen, Tabletten Spritzen – reines Cortison, du kennst das von mir. Sonntags in der Elsterbar trug ich lange Ärmel wegen der Sonne, die dunkelblaue Brille über Stirn und Augen. Was willst du mit dieser kranken Frau, fragte ich mich, nur schreiben kann sie, deine Fiktionen aufhübschen, rennovieren, das ist alles. Da kann sie ruhig gegen jedes Stäubchen allergisch sein, wusstest du, ich bete ihren Geist an, bedecke ihr sanftes Gesicht mit blütenweißen Gazefiltern, teuer erstanden im Sanitätswarenladen. Du, ja ich weiß, du opferst dich für mich, obwohl deine Gefühle von Natur aus eher schwach sind. Warum schien damals nur die Sonne und ich habe dich mir angelacht. Nun stehe ich mit Atemnot am Regal neben den Bioklamotten, dem grünen Thee, den geriebenen Vanilleschoten, dem Chai Latte aus irgendwelchen korrekten Anbaugebieten, dem Tee, den du irgendwann am Anfang mal gern für mich da gehabt hättest – und lese. Du wünschst mir ein gutes, ein schönes – nein nicht nur ein gutes, nicht nur ein schönes – ein besonders schönes Weihnachtsfest. Später zerschlage ich Blumentöpfe und klebe ihre Scherben kunstvoll wieder zusammen. Crashe die Christbaumkugeln mit der bloßen Hand. Aber am Regal mit dem Bioobst, den Theedüften, denke ich, mein Weihnachtsmann in rotem Zelluphan, es knistert, die Schokolade ist süß da drinnen, der Himmel abschüssig und du kommst gerade auf einem Edelholzschlitten herabgesaust zu mir, direkt in diesen Rossmann. Nein, Sie dürfen den Krankenwagen wieder abbestellen. Mit mir ist wirklich nichts.
Briefwechsel 2
– Auszug –
… Deine Briefe hatten vor allem eine Wirkung: Sie reizten mir die Gedärme. Sie lehrten mich das Rennen. Ich, die ich im Sport eher unteres Mittelmaß war, legte nach der Lektüre Deiner Briefe einen echten Sprint hin. …
Wir Jaden
Wir hobeln Gruben bis zum Stein.
Wir siechen hin mit all den Empfindungen,
Abfall betastet auf der endlosen Straße
der Niemand´s – Wertigkeit.
wir dichter
wir dichter sind freundliche schafe : lassen uns
herumführen von ort zu ort : immer einen scherz
auf der zunge : dabei sind wir melancholisch
nur aufzuheitern durch gutes essen : bitte drei gänge
und ein paar gläser wein oder zwei flaschen bier
damit sind wir schon zufrieden und lassen uns
herumkutschieren : kreuz und quer durchs land
um am abend ein paar minuten lang unsere genialität
zu preisen : indem wir möglichst gleichgültig verse
vorlesen vor fünf oder fünfzehn leuten : von denen man nie weiß
was sie ins publikum verschlagen hat : uns verschafft es
den nächsten aufenthalt : die nächste beteiligung
an einer anthologie (nicht an aktien) : wir sind so einfach
zufriedenzustellen : am tage reicht uns eine leere landschaft
mit weitem blick und bitte eine portion
einsamkeit : romanschriftsteller lieben es etwas belebter
sie brauchen eine unterkunft in kleinen großstädten
wo verbrechen und verfolgung mit der sirene ins hotelzimmer tönen
wir dichter lassen uns ohne widerstand abführen
in irgendeine idylle : ohne zu murren
Manieren und Pleiten
Ein Benutzer-Handbuch* für Frauen mit akademischem Abschluss
*Ratgeber wollen wir nicht verwenden, das klingt zu sehr nach der Generation Mutti und Omi. Gebrauchsanweisung ist zu technisch. Unser heutiges Thema aber hat mit dem menschlichen Körper und seinen Chromosomen zu tun. Etwas mit den Händen benutzen bietet sich also weitaus besser an und ist wesentlich zeitgemäßer: Keine Romantik, keine Beschönigung, kein unnützes Drumherum.
1. Sie sind in seiner Wohnung und betrachten das mäßig bestückte CD-Regal. Sie sagen, mein früherer Freund interessierte sich so sehr für klassische Musik aus allen Epochen und Ländern, dass er eine komplette Wand seines 30 Quadradmeter großen Wohnzimmers für die Tonträger benötigte.
Seine Reaktion: er zeigt Ihnen eine 10 CD umfassende Sammlung der Filmmusik von „Matrix“ und „Matrix Reloaded“ und sagt dazu, der Komponist sei ganz modern, erst vor 2 Jahren gestorben. Das Cover ist futuristisch und scheint im Baumarkt entworfen zu sein. Daneben stehen Spielzeug-Busse und -flugzeuge. Er erklärt deren Herkunft und die Umstände, unter denen ihre lebensgroße Originale einst eingesetzt wurden. Es handelt sich nicht um Kriegsspielzeug.
Ihre Antwort: Sie bleiben höflich und interessiert, sagen oh und ah und hmhm und ja. Ist ja interessant. Schließlich warten Sie darauf, dass er Sie küsst.
2. Er nimmt Ihren Kopf in beide Hände und beginnt das Küssen. Leider spüren Sie nur dünne Lippen, Feuchtigkeit und eine Zunge, die immerzu dieselben Bewegungen ausführt.
Ihre Reaktion: Sie halten selbstverständlich die Augen geschlossen und harren dem, was da noch kommen mag. Noch ist es nicht vorbei.
Seine Antwort: Er macht dankbar weiter.
3. Sie landen tatsächlich auf seinem Bett oder seiner Couch. Es scheint langsam besser zu werden.
Ihre Reaktion: – (selbsterklärend)
4. Er sagt: Du bist eine wirklich faszinierende Frau. Ich wollte bloß nicht, dass du etwas falsch verstehst, deshalb habe ich…, während er weiter macht.
Ihre Reaktion: – (selbsterklärend) Ihre Beine sind mittlerweile oberhalb seines Körpers.
5. Er erschlafft mit einem Mal, wird unkonzentriert und beginnt das Faseln: Dein Buch ist wirklich gut, du brauchst aber mehr Erfolg, es fehlt dir an Bekanntheit … etc, pp.
Ihre Reaktion: ?
6. Er sagt, er müsse mehr Sport treiben, entschuldigt sich und geht aufs Klo.
Hier gibt es 2 Möglichkeiten: Entweder Sie bleiben tolerant, ignorieren eventuelle Körpergeräusche und hoffen auf bessere Zeiten, die ja bekanntlich immer mal kommen werden – oder Sie nutzen den Moment, packen Ihre Sachen und steuern schleunigst den Ausgang der Wohnung an.
Kultur und Sprache
Kultur ist also ein Zeichensystem, das auf eine ganz bestimmte Weise organisiert ist. Dabei fungiert gerade das Moment der Organisation – verstanden als die Summe von Regeln und Einschränkungen, denen das System unterworfen ist – als das bestimmende Merkmal der Kultur.
Die Definition der Kultur als eines Zeichensystems, das bestimmten Strukturregeln unterworfen ist, erlaubt es uns, die Kultur als eine Sprache auszufassen – in der allgemeinsemiotischen Bedeutung dieses Terminus.
Unweigerlich nimmt die Kultur den Charakter eines sekundären Systems an, das jeweils über einer in der betreffenden Gemeinschaft üblichen natürlichen Sprache errichtet wird, und in ihrer inneren Organisation reproduziert die Kultur das Strukturschema der Sprache.
Die Übersetzung ein und derselben Texte in verschiedene andere semiotische Systeme, die Identifizierung unterschiedlicher Texte, Grenzverschiebungen zwischen den Texten, die einer Kultur zugehören, und denen, die sich jenseits ihrer Grenzen befinden – diese Vorgänge bilden den Mechanismus der kulturellen Wirklichkeitsaneignung. Die Übersetzung eines Ausschnitts de Wirklichkeit in eine „Sprache“ der Kultur, seine Umwandlung in einen Text, das heißt in eine auf bestimmte Weise fixierte Information, und die Aufnahme dieser Information in ein kollektives Gedächtnis – dies ist die Sphäre der tagtäglichen kulturellen Tätigkeit. Nur das, was in ein Zeichensystem übersetzt wurde, kann Gedächtnisbesitz werden, und in diesem Sinne kann man die Geistesgeschichte der Menschheit als einen Kampf um das Gedächtnis betrachten. Nicht zufällig erfolgt jede Zerstörung von Kultur als Vernichtung von Gedächtnis, als Tilgung von Texten, als Vergessen von Zusammenhängen.
Die Chronik war der Wirklichkeit isomorph: Die alljährliche Aufzeichnung ermöglichte es, einen endlosen Text aufzubauen, der sich entlang der Zeitachse immer weiter ausdehnte. Der Begriff des Endes bekam in diesem Kontext eine eschatologische Einfärbung, er stimmte überein mit den Vorstellungen über das Ende der Zeiten, das heißt der irdischen Welt. Das Herausheben eines markierten Endes im Text (die Umwandlung der Chronik in eine Geschichte oder einen Roman) stimmte überein mit seiner kausalen Modellierung. In dieser Hinsicht war die Umwandlung des Lebens in einen Text verbunden mit der Erklärung seines geheimen Sinns. Im Aufbau der Chronik wird ein anderes Schema realisiert:
Leben –> Text –> Gedächtnis
Die Umwandlung des Lebens in einen Text dient hier nicht der Sinnerklärung, sondern der Eintragung von Ereignissen in ein kollektives Gedächtnis… Das gemeinsame Gedächtnis verwies auf die bewußt wahrgenommene Einheit der Existenz. In diesem Sinne konnten die Chronik und die ihr funktionsverwandten Gedächtniszeichen (Gräber und Epitaphien, Denkmäler, Inschriften auf Gebäudemauern, Toponymik) für die Gemeinschaft die Funktion von Existenzzeichen erfüllen, weil sie – im Unterschied zu historischen Texten mit pragmatischer Ausrichtung – nicht Erklärungen von Ereignissen, sondern die Erinnerung an Ereignisse darstellten.
Zwei einander entgegengesetzte Verfahrensweisen:
1. Die Welt ist ein Text. Sie stellt eine sinnvolle Mitteilung dar, als Schöpfer des Textes können auftreten: Gott, Naturgesetze, die absolute Idee usw. Die kulturelle Aneignung der Welt durch den Menschen besteht im Erlernen der Sprache des Textes, in seiner Entschlüsselung und Übersetzung in die dem Menschen zugängliche Sprache… Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß zum Beispiel die armenische Kirche einen besonderen Feiertag der Heiligen Übersetzer kennt, der als Tag der nationalen Kultur begangen wird.
2. Die Welt ist kein Text. Sie hat keinen Sinn… Hier haben wir es nicht mit der Übersetzung eines Textes zu tun, sondern mit der Umwandlung von Nichttext in Text. Die Umwandlung von Wald in Ackerland, die Trockenlegung von Sümpfen oder die Bewässerung von Wüsten, kurz: jegliche Umwandlung von nicht kultivierter Landschaft in kultivierte kann man als Transformation von Nichttext in Text auffassen. In diesem Sinne gibt es zum Beispiel zwischen dem Wald und der Stadt einen prinzipiellen Unterschied. Die Stadt trägt in sich in sozialen Zeichen fixierte Information über verschiedene Seiten des menschlichen Lebens, das heißt, sie ist ein Text in demselben Ausmaß wie jede Produktionsstruktur.
Neue Teilnahmebedingungen
Mit der Bitte um Beachtung …
Softwaretester
Auch er will leben. Heute morgen will ich nur schnell ein Brot essen. Die Scheiben kommen dunkelbraun aus dem Toaster geflogen, im Zimmer gegenüber flattert ein Stoß Papier, bedruckt mit einer 8-Punkt-Schrift. Alles bei offenem Fenster. Die Küchenuhr schellt, die Eier im Topf zerplatzten. Entropie, murmelte mein Freund, den Mund noch halb voll und schon im Arbeitsanzug. Seine Tochter ist groß, weitere Kinder will er nicht. Die ganze Woche bin ich allein und damit beschäftigt, einen Ort für meine literarische Arbeit frei zu schaufeln. Allein, während mein Freund im In- oder Ausland Software testet. Software für Munition, Software für Banken, Software für Aktienmärkte oder Software für Sachbearbeiter im Gesundheitswesen. Die Wände sind mit seriellen Zahlenreihen bespickt. Informationstechnologie, das ist die Zukunft. Ich sage, hier. Ich helfe ihm in den Mantel, auch als Frau tue ich das gern, und küsse ihn auf die Stirn. So wünscht er sich das, liebevoll auf die Stirn. Wenn wir dann am Freitag gemeinsam beim Dinner sitzen, ist es ihm gleich, ob die Raucherlounge noch leer ist. Er sitzt gern dort. Jedes Wort wirft ein Echo ab, zwischen blanken Tischen und Stühlen, es stört ihn nicht, dass die Kellnerin extra für uns den weiten Weg herkommt, weil wir das einzige Paar in der Raucherlounge sind. Ich hole den Staubsauger aus der Abstellkammer und beginne mit der Hausarbeit. Wir haben einen digitalen Staubsauger, dessen Software sicher auf alle wahrscheinlichen Fehler getestet wurde. In zwei Stunden werde ich mein Werk vollbracht haben. Sein Schreibtisch ist leer, die Zahlenreihen sind verschwunden – ich schließe die Augen und denke an nichts. Ich ziehe den Stecker. Nun habe ich Zeit für wirklich wichtige Dinge.
Kultur und Information
Der Mensch will leben. Die Menschheit trachtet nach Fortbestand. Diese elementaren Wahrheiten liegen sowohl dem Verhalten des einzelnen zugrunde wie auch dem Gang der Weltgeschichte. Die Erfahrung zeigt, daß die Verwirklichung dieses so einfachen und offenkundig berechtigten Zieles jedoch mit immensen Schwierigkeiten verbunden ist …
Die Praxis der Geschichte ist ein strenger Kritiker. Unerbittlich sondert sie all das als Spreu aus, was für das jeweilige System entbehrlich ist. Dennoch, wenn wir die Menschheitsgeschichte überblicken, so werden wir mit Erstaunen gewahr, daß die Menschheit im gesamten uns zugänglichen Zeitraum, so weit wir auch in die Vergangenheit zurücksteigen mögen, neben der unmittelbaren Produktion stets auch Kräfte bereitstellt für die Kunst, für theoretische Beschäftigung, für Erkenntnis und Selbsterkenntnis.
Dabei wird für diese Tätigkeit nicht etwa abgestellt, wer sich für nichts Besseres eignet. Nicht die untauglichen und ausgestoßenen Mitglieder der Gesellschaft werden dafür eingesetzt, sondern gerade die fähigsten und aktivsten Menschen, bei denen sich Genie verbindet mit dem Streben nach Gemeinwohl…
Wenn es für die biologische Existenz eines einzelnen Menschen ausreicht, daß bestimmte natürliche Bedürfnisse befriedigt werden, so ist das Leben einer wie immer gearteten Gemeinschaft jedoch unmöglich ohne eine gewisse Kultur. Für jede Gemeinschaft ist die Kultur nicht fakultative Zugabe zum Minimum der Existenzbedingungen, sondern eine unerläßliche Voraussetzung für die Existenz der betreffenden Gemeinschaft…
Man kann die Bedürfnisse des Menschen in zwei Gruppen einteilen. Die einen verlangen eine sofortige Befriedigung und können nicht (oder so gut wie nicht) akkumuliert werden. Die Körperzellen können zwar in bestimmten Mengen Sauerstoff speichern, für den menschlichen Körper als Ganzes jedoch gibt es keine Atmung auf Vorrat. Ebensowenig kann man Schlaf speichern… Im Kampf um seine Existenz ist der Mensch also an zwei Prozessen beteiligt: Zum einen tritt er auf als Verbraucher materieller Dinge und Sachwerte, zum andern agiert er als Akkumulator von Information. Beide Seiten sind lebenswichtig. Mag für den Menschen als biologisches Wesen die erste genügen, so setzt aber das soziale Sein das Vorhandensein beider voraus.
Heute können wir dafür eine allgemeinere Definition angeben: Kultur – das ist die Gesamtheit aller nicht vererbten Information zusammen mit den Verfahren ihrer Organisation und Speicherung.
Der Rest
Einmal hatte ich die Eingebung
Dass nichts ohne den
Rest jemals
Bedeutung haben würde
Ich prüfte die Eingebung
Ich prüfte den Rest
Und befand
Ich befand mich urplötzlich
In einer anderen Welt
Die Dinge lächelten mir zu
Von den Dingen her
Strömte es übern Himmel
Der nur ein Grund für die Augen ist
Ich befand die Sache für
Prüfenswert mehr
Als nur eine Sache des Glaubens
Ich glaubte nicht an
Sprünge, von der Natur
Vollführt
In der Absicht zu verführen
Ich glaubte nicht an
Wunder, diese un-
Glaublichen Enthüllungen
Über alles und nichts
Am Ende blieb dann ein Rest
Der Gedanke wie es
Wohl wäre nie aufzuhören
Und ich hörte das Wasser
In der Leitung, den Strom
Wie er seelenruhig
In der Steckdose siedete
Und es wollte nicht aufhören
Nie mehr aufhören
Bis ich mich endlich
Besann: das war also
Eine Eingebung
Eine Eingebung in Worten
Erzählung über den Rest, ohne
Den niemals je
Irgendetwas
Auch nur im Entferntesten
Eine Bedeutung haben würde
Das war nun wirklich stark:
Niemals je
Irgendetwas
Als ob Aussagen dieser Art
Auch nur im Entferntesten
Mit der Steckdose und der
Langen Leitung zu tun haben könnten
Ich besann mich
Und fühlte das Strömen
Der Worte auf einer Zunge
Die keine Zunge ist
Sondern
Lediglich ein Organ
Des Artikulierens in der Zone
Zwischen Anfang und Ende
Wo sich immer alles abspielt
Und meistens mit Rest mit