– Auszug –
… Deine Briefe hatten vor allem eine Wirkung: Sie reizten mir die Gedärme. Sie lehrten mich das Rennen. Ich, die ich im Sport eher unteres Mittelmaß war, legte nach der Lektüre Deiner Briefe einen echten Sprint hin. …
– Auszug –
… Deine Briefe hatten vor allem eine Wirkung: Sie reizten mir die Gedärme. Sie lehrten mich das Rennen. Ich, die ich im Sport eher unteres Mittelmaß war, legte nach der Lektüre Deiner Briefe einen echten Sprint hin. …
Wir hobeln Gruben bis zum Stein.
Wir siechen hin mit all den Empfindungen,
Abfall betastet auf der endlosen Straße
der Niemand´s – Wertigkeit.
wir dichter sind freundliche schafe : lassen uns
herumführen von ort zu ort : immer einen scherz
auf der zunge : dabei sind wir melancholisch
nur aufzuheitern durch gutes essen : bitte drei gänge
und ein paar gläser wein oder zwei flaschen bier
damit sind wir schon zufrieden und lassen uns
herumkutschieren : kreuz und quer durchs land
um am abend ein paar minuten lang unsere genialität
zu preisen : indem wir möglichst gleichgültig verse
vorlesen vor fünf oder fünfzehn leuten : von denen man nie weiß
was sie ins publikum verschlagen hat : uns verschafft es
den nächsten aufenthalt : die nächste beteiligung
an einer anthologie (nicht an aktien) : wir sind so einfach
zufriedenzustellen : am tage reicht uns eine leere landschaft
mit weitem blick und bitte eine portion
einsamkeit : romanschriftsteller lieben es etwas belebter
sie brauchen eine unterkunft in kleinen großstädten
wo verbrechen und verfolgung mit der sirene ins hotelzimmer tönen
wir dichter lassen uns ohne widerstand abführen
in irgendeine idylle : ohne zu murren
Ein Benutzer-Handbuch* für Frauen mit akademischem Abschluss
*Ratgeber wollen wir nicht verwenden, das klingt zu sehr nach der Generation Mutti und Omi. Gebrauchsanweisung ist zu technisch. Unser heutiges Thema aber hat mit dem menschlichen Körper und seinen Chromosomen zu tun. Etwas mit den Händen benutzen bietet sich also weitaus besser an und ist wesentlich zeitgemäßer: Keine Romantik, keine Beschönigung, kein unnützes Drumherum.
1. Sie sind in seiner Wohnung und betrachten das mäßig bestückte CD-Regal. Sie sagen, mein früherer Freund interessierte sich so sehr für klassische Musik aus allen Epochen und Ländern, dass er eine komplette Wand seines 30 Quadradmeter großen Wohnzimmers für die Tonträger benötigte.
Seine Reaktion: er zeigt Ihnen eine 10 CD umfassende Sammlung der Filmmusik von „Matrix“ und „Matrix Reloaded“ und sagt dazu, der Komponist sei ganz modern, erst vor 2 Jahren gestorben. Das Cover ist futuristisch und scheint im Baumarkt entworfen zu sein. Daneben stehen Spielzeug-Busse und -flugzeuge. Er erklärt deren Herkunft und die Umstände, unter denen ihre lebensgroße Originale einst eingesetzt wurden. Es handelt sich nicht um Kriegsspielzeug.
Ihre Antwort: Sie bleiben höflich und interessiert, sagen oh und ah und hmhm und ja. Ist ja interessant. Schließlich warten Sie darauf, dass er Sie küsst.
2. Er nimmt Ihren Kopf in beide Hände und beginnt das Küssen. Leider spüren Sie nur dünne Lippen, Feuchtigkeit und eine Zunge, die immerzu dieselben Bewegungen ausführt.
Ihre Reaktion: Sie halten selbstverständlich die Augen geschlossen und harren dem, was da noch kommen mag. Noch ist es nicht vorbei.
Seine Antwort: Er macht dankbar weiter.
3. Sie landen tatsächlich auf seinem Bett oder seiner Couch. Es scheint langsam besser zu werden.
Ihre Reaktion: – (selbsterklärend)
4. Er sagt: Du bist eine wirklich faszinierende Frau. Ich wollte bloß nicht, dass du etwas falsch verstehst, deshalb habe ich…, während er weiter macht.
Ihre Reaktion: – (selbsterklärend) Ihre Beine sind mittlerweile oberhalb seines Körpers.
5. Er erschlafft mit einem Mal, wird unkonzentriert und beginnt das Faseln: Dein Buch ist wirklich gut, du brauchst aber mehr Erfolg, es fehlt dir an Bekanntheit … etc, pp.
Ihre Reaktion: ?
6. Er sagt, er müsse mehr Sport treiben, entschuldigt sich und geht aufs Klo.
Hier gibt es 2 Möglichkeiten: Entweder Sie bleiben tolerant, ignorieren eventuelle Körpergeräusche und hoffen auf bessere Zeiten, die ja bekanntlich immer mal kommen werden – oder Sie nutzen den Moment, packen Ihre Sachen und steuern schleunigst den Ausgang der Wohnung an.
Kultur ist also ein Zeichensystem, das auf eine ganz bestimmte Weise organisiert ist. Dabei fungiert gerade das Moment der Organisation – verstanden als die Summe von Regeln und Einschränkungen, denen das System unterworfen ist – als das bestimmende Merkmal der Kultur.
Die Definition der Kultur als eines Zeichensystems, das bestimmten Strukturregeln unterworfen ist, erlaubt es uns, die Kultur als eine Sprache auszufassen – in der allgemeinsemiotischen Bedeutung dieses Terminus.
Unweigerlich nimmt die Kultur den Charakter eines sekundären Systems an, das jeweils über einer in der betreffenden Gemeinschaft üblichen natürlichen Sprache errichtet wird, und in ihrer inneren Organisation reproduziert die Kultur das Strukturschema der Sprache.
Die Übersetzung ein und derselben Texte in verschiedene andere semiotische Systeme, die Identifizierung unterschiedlicher Texte, Grenzverschiebungen zwischen den Texten, die einer Kultur zugehören, und denen, die sich jenseits ihrer Grenzen befinden – diese Vorgänge bilden den Mechanismus der kulturellen Wirklichkeitsaneignung. Die Übersetzung eines Ausschnitts de Wirklichkeit in eine „Sprache“ der Kultur, seine Umwandlung in einen Text, das heißt in eine auf bestimmte Weise fixierte Information, und die Aufnahme dieser Information in ein kollektives Gedächtnis – dies ist die Sphäre der tagtäglichen kulturellen Tätigkeit. Nur das, was in ein Zeichensystem übersetzt wurde, kann Gedächtnisbesitz werden, und in diesem Sinne kann man die Geistesgeschichte der Menschheit als einen Kampf um das Gedächtnis betrachten. Nicht zufällig erfolgt jede Zerstörung von Kultur als Vernichtung von Gedächtnis, als Tilgung von Texten, als Vergessen von Zusammenhängen.
Die Chronik war der Wirklichkeit isomorph: Die alljährliche Aufzeichnung ermöglichte es, einen endlosen Text aufzubauen, der sich entlang der Zeitachse immer weiter ausdehnte. Der Begriff des Endes bekam in diesem Kontext eine eschatologische Einfärbung, er stimmte überein mit den Vorstellungen über das Ende der Zeiten, das heißt der irdischen Welt. Das Herausheben eines markierten Endes im Text (die Umwandlung der Chronik in eine Geschichte oder einen Roman) stimmte überein mit seiner kausalen Modellierung. In dieser Hinsicht war die Umwandlung des Lebens in einen Text verbunden mit der Erklärung seines geheimen Sinns. Im Aufbau der Chronik wird ein anderes Schema realisiert:
Leben –> Text –> Gedächtnis
Die Umwandlung des Lebens in einen Text dient hier nicht der Sinnerklärung, sondern der Eintragung von Ereignissen in ein kollektives Gedächtnis… Das gemeinsame Gedächtnis verwies auf die bewußt wahrgenommene Einheit der Existenz. In diesem Sinne konnten die Chronik und die ihr funktionsverwandten Gedächtniszeichen (Gräber und Epitaphien, Denkmäler, Inschriften auf Gebäudemauern, Toponymik) für die Gemeinschaft die Funktion von Existenzzeichen erfüllen, weil sie – im Unterschied zu historischen Texten mit pragmatischer Ausrichtung – nicht Erklärungen von Ereignissen, sondern die Erinnerung an Ereignisse darstellten.
Zwei einander entgegengesetzte Verfahrensweisen:
1. Die Welt ist ein Text. Sie stellt eine sinnvolle Mitteilung dar, als Schöpfer des Textes können auftreten: Gott, Naturgesetze, die absolute Idee usw. Die kulturelle Aneignung der Welt durch den Menschen besteht im Erlernen der Sprache des Textes, in seiner Entschlüsselung und Übersetzung in die dem Menschen zugängliche Sprache… Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß zum Beispiel die armenische Kirche einen besonderen Feiertag der Heiligen Übersetzer kennt, der als Tag der nationalen Kultur begangen wird.
2. Die Welt ist kein Text. Sie hat keinen Sinn… Hier haben wir es nicht mit der Übersetzung eines Textes zu tun, sondern mit der Umwandlung von Nichttext in Text. Die Umwandlung von Wald in Ackerland, die Trockenlegung von Sümpfen oder die Bewässerung von Wüsten, kurz: jegliche Umwandlung von nicht kultivierter Landschaft in kultivierte kann man als Transformation von Nichttext in Text auffassen. In diesem Sinne gibt es zum Beispiel zwischen dem Wald und der Stadt einen prinzipiellen Unterschied. Die Stadt trägt in sich in sozialen Zeichen fixierte Information über verschiedene Seiten des menschlichen Lebens, das heißt, sie ist ein Text in demselben Ausmaß wie jede Produktionsstruktur.
Mit der Bitte um Beachtung …
Auch er will leben. Heute morgen will ich nur schnell ein Brot essen. Die Scheiben kommen dunkelbraun aus dem Toaster geflogen, im Zimmer gegenüber flattert ein Stoß Papier, bedruckt mit einer 8-Punkt-Schrift. Alles bei offenem Fenster. Die Küchenuhr schellt, die Eier im Topf zerplatzten. Entropie, murmelte mein Freund, den Mund noch halb voll und schon im Arbeitsanzug. Seine Tochter ist groß, weitere Kinder will er nicht. Die ganze Woche bin ich allein und damit beschäftigt, einen Ort für meine literarische Arbeit frei zu schaufeln. Allein, während mein Freund im In- oder Ausland Software testet. Software für Munition, Software für Banken, Software für Aktienmärkte oder Software für Sachbearbeiter im Gesundheitswesen. Die Wände sind mit seriellen Zahlenreihen bespickt. Informationstechnologie, das ist die Zukunft. Ich sage, hier. Ich helfe ihm in den Mantel, auch als Frau tue ich das gern, und küsse ihn auf die Stirn. So wünscht er sich das, liebevoll auf die Stirn. Wenn wir dann am Freitag gemeinsam beim Dinner sitzen, ist es ihm gleich, ob die Raucherlounge noch leer ist. Er sitzt gern dort. Jedes Wort wirft ein Echo ab, zwischen blanken Tischen und Stühlen, es stört ihn nicht, dass die Kellnerin extra für uns den weiten Weg herkommt, weil wir das einzige Paar in der Raucherlounge sind. Ich hole den Staubsauger aus der Abstellkammer und beginne mit der Hausarbeit. Wir haben einen digitalen Staubsauger, dessen Software sicher auf alle wahrscheinlichen Fehler getestet wurde. In zwei Stunden werde ich mein Werk vollbracht haben. Sein Schreibtisch ist leer, die Zahlenreihen sind verschwunden – ich schließe die Augen und denke an nichts. Ich ziehe den Stecker. Nun habe ich Zeit für wirklich wichtige Dinge.
Der Mensch will leben. Die Menschheit trachtet nach Fortbestand. Diese elementaren Wahrheiten liegen sowohl dem Verhalten des einzelnen zugrunde wie auch dem Gang der Weltgeschichte. Die Erfahrung zeigt, daß die Verwirklichung dieses so einfachen und offenkundig berechtigten Zieles jedoch mit immensen Schwierigkeiten verbunden ist …
Die Praxis der Geschichte ist ein strenger Kritiker. Unerbittlich sondert sie all das als Spreu aus, was für das jeweilige System entbehrlich ist. Dennoch, wenn wir die Menschheitsgeschichte überblicken, so werden wir mit Erstaunen gewahr, daß die Menschheit im gesamten uns zugänglichen Zeitraum, so weit wir auch in die Vergangenheit zurücksteigen mögen, neben der unmittelbaren Produktion stets auch Kräfte bereitstellt für die Kunst, für theoretische Beschäftigung, für Erkenntnis und Selbsterkenntnis.
Dabei wird für diese Tätigkeit nicht etwa abgestellt, wer sich für nichts Besseres eignet. Nicht die untauglichen und ausgestoßenen Mitglieder der Gesellschaft werden dafür eingesetzt, sondern gerade die fähigsten und aktivsten Menschen, bei denen sich Genie verbindet mit dem Streben nach Gemeinwohl…
Wenn es für die biologische Existenz eines einzelnen Menschen ausreicht, daß bestimmte natürliche Bedürfnisse befriedigt werden, so ist das Leben einer wie immer gearteten Gemeinschaft jedoch unmöglich ohne eine gewisse Kultur. Für jede Gemeinschaft ist die Kultur nicht fakultative Zugabe zum Minimum der Existenzbedingungen, sondern eine unerläßliche Voraussetzung für die Existenz der betreffenden Gemeinschaft…
Man kann die Bedürfnisse des Menschen in zwei Gruppen einteilen. Die einen verlangen eine sofortige Befriedigung und können nicht (oder so gut wie nicht) akkumuliert werden. Die Körperzellen können zwar in bestimmten Mengen Sauerstoff speichern, für den menschlichen Körper als Ganzes jedoch gibt es keine Atmung auf Vorrat. Ebensowenig kann man Schlaf speichern… Im Kampf um seine Existenz ist der Mensch also an zwei Prozessen beteiligt: Zum einen tritt er auf als Verbraucher materieller Dinge und Sachwerte, zum andern agiert er als Akkumulator von Information. Beide Seiten sind lebenswichtig. Mag für den Menschen als biologisches Wesen die erste genügen, so setzt aber das soziale Sein das Vorhandensein beider voraus.
Heute können wir dafür eine allgemeinere Definition angeben: Kultur – das ist die Gesamtheit aller nicht vererbten Information zusammen mit den Verfahren ihrer Organisation und Speicherung.
Einmal hatte ich die Eingebung
Dass nichts ohne den
Rest jemals
Bedeutung haben würde
Ich prüfte die Eingebung
Ich prüfte den Rest
Und befand
Ich befand mich urplötzlich
In einer anderen Welt
Die Dinge lächelten mir zu
Von den Dingen her
Strömte es übern Himmel
Der nur ein Grund für die Augen ist
Ich befand die Sache für
Prüfenswert mehr
Als nur eine Sache des Glaubens
Ich glaubte nicht an
Sprünge, von der Natur
Vollführt
In der Absicht zu verführen
Ich glaubte nicht an
Wunder, diese un-
Glaublichen Enthüllungen
Über alles und nichts
Am Ende blieb dann ein Rest
Der Gedanke wie es
Wohl wäre nie aufzuhören
Und ich hörte das Wasser
In der Leitung, den Strom
Wie er seelenruhig
In der Steckdose siedete
Und es wollte nicht aufhören
Nie mehr aufhören
Bis ich mich endlich
Besann: das war also
Eine Eingebung
Eine Eingebung in Worten
Erzählung über den Rest, ohne
Den niemals je
Irgendetwas
Auch nur im Entferntesten
Eine Bedeutung haben würde
Das war nun wirklich stark:
Niemals je
Irgendetwas
Als ob Aussagen dieser Art
Auch nur im Entferntesten
Mit der Steckdose und der
Langen Leitung zu tun haben könnten
Ich besann mich
Und fühlte das Strömen
Der Worte auf einer Zunge
Die keine Zunge ist
Sondern
Lediglich ein Organ
Des Artikulierens in der Zone
Zwischen Anfang und Ende
Wo sich immer alles abspielt
Und meistens mit Rest mit
in neuem gewand streift der herbst
rehe von den bäumen
lautlos fallen sie
und jedes hört
auf einen namen
die gehwege sind schon voll von ihnen
am liebsten gehe ich auf den boulevards
unter meinen füßen
das rascheln von rehen
————————
* polnisch, deutsch herbstlich
Sie wuchs von Innen nach Außen, sie klebte wie eine Fliege im Sonnentau. Fest und unerbittlich. Öffnete ihr Maul und zeigte ihre Zähne. Wild geworden, die Zeiger an der Uhr. Ich in der untergeordneten Rolle. Teil dieser sandigen Bewegung. Von oben durch ein schmales Rohr nach unten geronnen. Gehst du mit mir an den Strand, eine ins Leere gestellte und banale Frage, die sich zu dir verhält wie ein Mutterstern zu seinem Planeten, gerade weit genug entfernt, dass noch Leben möglich ist. Saß in der Erinnerung am Hochstrahlbrunnen in Wien. Einer schob die Brille nach oben. Tat, als würde er mich sehen. Freiwillig legte ich den Reiseführer zur Seite, stand auf vom Brunnenrand. Vor einiger Zeit hatte ich eine Münze in den Trevibrunnen geworfen. Wer das sagt, kehrt zurück. Und wenn ich dich kehrt machen hieß. Wenn selbst die Abwesenheit deiner langwelligen Haare klingt wie Eiswürfel, die ins Glas fallen.
blassrotes kleid fällt als
trinke sie klang
ein klang
auf verdunkeltem
boden
unter ihren füßen
wiederholt
wo goldgleicher glast
in der hitzegluten meer
ein ring gehüllt in fernes
blau auf perlmutter liegt haar blank.
Eine Enthüllung
Das Tier stammte aus dem Erdaltertum. Als es sich auf dem Teppich zu wälzen begann und seinen Rüssel ausfuhr, der dem Rohr eines Staubsaugers glich, erkannte er, dass dies ein Geschenk von ihr sein musste. Sie wollte ihm die Arbeit erleichtern. Er beruhigte sein Gewissen und nahm eine Zigarette aus dem versilberten Etui. Das Etui hatte er von einer anderen. Warum hab ich nur so viele Freundinnen, überlegte er und schritt dabei leise grübelnd die Wohnung ab. Das Tier auf seinem Teppich, das aus dem Saugen gar nicht mehr herauskam, denn es war ihm wesensimmanent, wurde langsam schlaff und seine Haut schien matt und dünn in der Kerzenbeleuchtung. Es besaß anscheinend außer Saugen keine Möglichkeit, sich bemerkbar zu machen und zu zeigen, dass es ins Wasser musste. Er rannte ins Bad und begann, hektisch die Wanne voll zu lassen. Wenn das Tier einging und ein fischiger Geruch sich breit zu machen begann, dann wäre es aus zwischen ihm und ihr. Nie mehr würde sie ihn sanft bei der Hand nehmen und in die eigene Wohnung zurück führen, wenn er in der prallen Mittagssonne stundenlang am Briefkasten stand, weil er die Existenz von Gluonen nachweisen wollte. Was sollte dann aus ihm werden? Das Tier durfte nicht sterben. Das Wasser prasselte in die Wanne, die war schon dreiviertel voll. Jetzt mal nach dem Tier sehen. Das saugte in unglaublichem Tempo die Wand ab und wurde dabei immer dünner und blasser. Wie er es in die Wanne befördern sollte, wusste er nicht. Es würde zappeln und sich wehren, ihm vielleicht die Hand abbeißen. Niemand wusste, wie so ein Fossil sich verhielt, wenn es sich bedroht fühlte. Er läutete Sturm bei ihr. Nein, nein, mit mir ist nichts. Sie kam gähnend heraus. Es ist halb drei, mein Lieber. Sind die Gluonen wieder da?
Es geht noch das gleiche vor, der Park steht voller Bäume, mit dem Schein von etwas, Bäume, die ihre Blätter abwerfen, der Wind erinnert gleich dem Abziehbild aus einem Album an die weit entfernte See, an das Herumkreiseln und dann Hinfallen als Kind. In den Fensterscheiben spiegeln sich aufsteigende Luftmassen, gläsernes Grau. Weiß und Preußischblau, wer will schon mehr darüber wissen. Ich schreibe dir von den Wasserwelten der jungen Erde, du lobst mein Wissen über den Plattwurm, er sei einfach, unsterblich, mit einem Gehirn. Schier unerschöpfliche Lebenskraft, was ist dagegen ein Algorithmus. Jetzt machst du das Fenster auf, ich gehe nicht durch deine Straße, ich bewege mich anderswo. Ich denke mir aus, du stehst auf einer rotierenden Scheibe unterhalb eines Pendels im Rhythmus der Stunden. Tick, tack, Ührchen geht an seinem Schnürchen: All die elektronischen Steuerwerke, die ihre Zeiger bewegen, einige ticken leise und schnell, andere pulsieren träge wie im Halbschlaf und gehen nicht nach. Und ich strenge mich beim Laufen mehr an, wenn es von überall zieht. Du schließt das Fenster wieder. Eine Seite deiner Arbeit hat der Wind zu mir heruntergetrieben. Wir drehen uns um die eigene Achse und folgen dem Pendel in uns, verstohlen. Ich hänge eins auf in deiner Kammer, blauviolett, weißt du noch, in deiner Kammer.
die akazie am haus trägt erste
gelbe blätter : braune schalen
knorriger samen hängen herab
wespen flirren aus ihren
verstecken : der regen floh
in den teich : pflaumen fallen
geräuschvoll zur erde und geben
im gras kleinen tieren ein fettes mahl
und die menschen : schlafwandlerisch
treten sie aus ihren hütten
die kapelle ist fort : in den ohren
hallt noch die nacht nach
die akazienblätter zittern im wind
weder frust noch frost : sondern freude
sie winken : zwinkern : vibrieren
Rund drei Viertel unseres Gehirns besteht aus Wasser.
Die Plattwürmer zählen zu den einfachsten Kreaturen, bei denen sich folgender Bauplan beobachten lässt: Vorn sitzt ein Kopf, und darin ruht das Gehirn.
Lady Belgrad ist verschont geblieben : Titos schwarze Muse
am Rande der Stadt : sie zeigt uns ihren kleinen Finger
welche Botschaft sie sendet : wir wissen es nicht
den Generalstab hat es getroffen : ein paar Meter weiter
die Ruine : ein Blickfang für Reisende aus dem Westen
nur wenige zieht es hierher : ob Joseph sich die Folgen
angesehen hat : wir wissen es nicht : vermutlich
blieb er in Frankfurt und leckt sich die Wunden
Indianer sollen stolz auf sie sein : Belgrad trägt sie
zur Schau wie die neueste Mode : nur die Gardinenröcke
fehlen : die die Frauen über den Mini schlagen
im Sommer : aus Respekt vorm Patriarchen
damit er ihnen kein Kopftuch verordnet : nur noch
die Mädchen vom Land trauen sich : sich zu verhüllen
Lady Belgrad hat ein paar weiße Tupfer : wie Nagellack
leuchten sie nachts : während sich die Pärchen
in dunkle Ecken drücken : ohne Angst
hier lebst du sicherer als in New York : diese Stadt
hat Wille zum Leben : der ist Musik
wußte schon Arthur : auch der war nie hier
ist in Berlin geblieben und hat geträumt von den Veden
mein Blick fällt auf die Dächer : düster
schlafen die Fassaden : keinen Dornröschenschlaf
die Zeit schwärzt die äußeren Hüllen : damit
die Bewegung im Innern nicht aufhört
Mein Freund schrieb mir von einer seiner unzähligen Reisen, den Annehmlichkeiten und Hindernissen des Unterwegsseins, den ungewöhnlich schicken Herren und Damen mit auftoupierten Haaren, schnittigen Zöpfen und dem Palaver von Welt. Den transparenten Duschkabinen, den Schüttelfrösten während seiner Fieberperioden oder den Unbequemlichkeiten des dreifachen Währungstausches. Das Beste, meine Liebe, das Beste neben all der Hochkultur Europas, den Katakomben, den kleinen Restaurants mit dem starken schwarzen Tabak und dem Morgenkaffee, gemahlen aus echter Bohne – dazu reichen sie Würfelzucker, bedruckt mit den Emblemen aller Kantone – das Beste, meine liebe Freundin, das Beste auf jeder Reise war und ist doch immer das Essen.
Nach so einem Brief wartete ich drei Tage mit einer Antwort. Es machte mich verlegen, ihn so offen über den Körper und seine Einverleibungswünsche schreiben zu sehen. Was es genau zu essen gab, blieb im Dunkel. Ich griff zum Taschentuch und schnaubte mir die Nase, die auch im Spätsommer unter dem Blütenstaub litt und unentwegt lief. Ich trank meinen Tee nicht aus. Ich betrachtete seine steil abfallende Schrift, die Postkarte mit dem Elefanten darauf. Ich spitzte den Stift. Ich drehte mir eine Locke um den Finger und dachte nach. Mein Lieber, schrieb ich schließlich zurück, das Essen ist der gewagteste Teil einer Reise. Es wird in großzügigen Schüsseln dargeboten, zwei bis dreimal am Tage, du fühlst dich kurz zuvor wie frisch gebadet, legst dir neue Garderobe an und begiebst dich, den Teller in der Hand, mit dem Besteck bewaffnet, in den Esssalon. Ich will dir nicht aufzählen, welche Speisen es gab. Die Saucen waren hervorragend, die Gesellschaft leger und nonchalant. Flattrige Kleidung, lose Mundart, schlaffe Hüte. Die Tage waren heiß. Ich und meine Freundin gewöhnten uns das Schaufeln an, wir sahen unsere ewig gefüllten Backen, die ewig hungrigen Augen, die bereits zum Zerbersten gestopften Münder. Und immer lächelten wir, schnippten wir sorglos unsere Asche in die silbernen Gefäße. Ich wurde von Tag zu Tag eleganter und raffinierter darin, das so eben Genossene auf dem schnellsten Wege wieder los zu werden. Schon während ich es mir einverleibte, dachte ich im Stillen an eine neue Methode. Ach, lieber Freund, die Klagen und Mühen des zu reichlichen Genusses sind ein wesentliches Laster unserer Zeit – gleich dem Unterwegssein und seinen Strapazen. Wenn wir würfeln, überlassen wir vieles dem Zufall. Aber ich hoffe, wir zwei, Du und ich, sind noch immer Tag und Nacht, Sonne und Mond, die Vorreiter auf einer Zielgeraden…
Ich weiß nicht, was und wann er mir antworten wird. Ich wickle ein Stück Zucker aus und lege es in den frisch gebrühten Kaffee, der mir den Mund zusammenzieht.
an dichten sommertagen
ziehe ich die blaue luft
zu fäden und spiele
darauf harfe
um mich herum
hautflügler ein paar
werden den tag nicht
überleben
du stehst auf deinem balkon
und beäugst das wachstum
der tomaten sammelst raupen
einzeln ab
die robinien in unserer straße verlassen
schon die kräfte
nur das motorrad vom nachbarn
dröhnt wie am ersten tag
So tun, als ob nichts sei. Am Seilfaden
springen. An der wippenden Gedanken
mitte seifend sich ertragen. Ball der
Feilheiten. Keil und Federnd sich
Selbst zusehen beim Wegblick.
Das Gefühl tragen. Daseinszynik
in jedem Atemzug. Je höher die
Laune, desto tiefer der Stich
In meine Herzpunkte.
Tüpfelnd. Ich durste mit
meiner Uneinnehmlichkeit
in Dich hinein.
Soll das mein Leben sein?
Kleinstheit der Sekundenbrüche
täglichen Augenblicks?
Leere des Deins?
Keine Heimat haben
in dem Mensch.
Streblos und
Zerweht.
wir männer : wie verfallen wir
dem weib und brüsten uns
mit macht : potenz und narretei
wir knien nachts vor ihrem schoß
der doch verschlossen bleibt und bloß
ein lächeln ernten wir und lächeln
schmerzverzerrt zurück : nichts
wissen wir von schmerzen : ein scherz
wars nur : ein balgen : schlaffe säfte
früh um drei ists schon vorbei
nein : nicht vergessen : es warten
nur : ach ja : vergebliche geschäfte
Oder: wenn die Lust zur Last wird
28. Oktober
Liebe Frau Kleist,
Ihre langjährige Erfahrung mit guter Prosa beeindruckt mich so sehr, dass ich nunmehr beschlossen habe, selbst etwas zu verfassen. Doch bin ich noch ungeübt und in den Kinderschuhen mit meinen Texten. Ich möchte eine Erzählung, vielleicht sogar etwas mehr aus diesen Fragmenten machen. Vielleicht wird es sogar ein Roman! Doch ich weiß nicht, ob ich alles richtig mache, da ich eine blutige Anfängerin bin. Für Tipps aus Ihrem Nähkästchen, wäre ich sehr dankbar,
herzlichst,
Ihre Marianne Kramer
***
29. Oktober (gibt es den eigentlich?)
Liebe Frau Kramer,
vielen Dank für Ihre netten Worte und Ermunterungen, die man auch nach Jahren schreibender Tätigkeit immer gut gebrauchen kann – denn das kreative Loch, in das man fällt, ist tief – eine Erfahrung, die immer wieder gemacht werden muss.
Was Ihre eigenen Schriften anbetrifft: Bewahren Sie sich so lang als möglich Ihre Unbefangenheit! Später erst werden Sie wissen, welch ein Geschenk diese war – wenn Sie, wie auch ich, überreflektierend vor Ihrem Bildschirm sitzen und nicht mehr einfach so anfangen können, wie es aus Ihrem Antrieb heraus eben einfach geschieht und geschehen muss. Es wird zu harter Arbeit, es wird zum Zwang, dem Ihr Körper, Ihr Geist sich widersetzt….
Doch heute denken Sie bitte nicht so weit. Schreiben Sie einfach weiter und werten Sie nicht – solange wie möglich. Sollte Sie jedoch das Bedürfnis nach einem Urteil zwicken, so bleiben Sie wachsam und rechnen Sie mit dem Schlimmsten: dem Verlust Ihrer schreibenden Jungfräulichkeit, die paradoxerweise die schönsten Früchte erwachsen lässt – sehen Sie, vielleicht hat das sogar etwas mit dem christlichen Glauben (dem ich nicht zwangsweise anhänge) zu tun.
Melden Sie sich also erst wieder, wenn ein ernsthaftes Schreibproblem Sie plagt und seien Sie sich sicher, dass Ihnen dann nur noch mit Spritzen und Verbänden zu helfen sein wird.
Herzlichst,
Frau Kleist
***
31. Oktober (Valentinstag?)
Liebe Frau Kleist,
danke für Ihre Antwort. Leider bin ich noch nicht so weit, dass ich alles verstehe, auch empfinde ich Schreiben nicht als Arbeit, sondern als Spaß, über den ich aber nur mit sehr vertrauten Menschen sprechen möchte. Ich weiß nicht, was beispielsweise mein professor denken würde, wenn ich, anstatt brav meine Seminare vorzubereiten, heimlich nachts mir selbst Geschichten erzähle, das als lustvoll empfinde und erst aufhören kann, wenn die Uhr bereits vier Uhr früh anzeigt. Dann plagt mich das schlechte Gewissen ob eines nicht genug vorbereiteten Referats und ich gehe müde zur Uni, halte es, und bekomme wieder nur eine drei, obwohl ich mindestens eine zwei hätte haben können. Wenn nur diese verdammte Schreiberei nicht schon zur Sucht geworden wäre, zum Kick, den ich brauche. ein objektives Urteil habe ich leider nicht. Aber da ich es nicht lassen kann, möchte ich doch gern irgendwann mal etwas damit anfangen – und dann muss ich natürlich sicher sein, dass es auch etwas taugt. Blamieren will ich mich nämlich nicht.
Also, Sie meinen ich soll einfach weiter machen, wenn ich Lust dazu habe? Ist das denn nicht nur Spielerei? Natürlich, andere gehen in die Kneipe und betrinken sich, jeder muss ja irgendein Laster haben. Aber manchmal schäme ich mich fast für diese Lust am Schreiben! Kommt Ihnen das bekannt vor?
Alles Liebe,
M. Kramer
(Anm.: Die Rechtschreibung und Grammatik des Originals wurde aus urheberrechtlichen Gründen beibehalten)
Ein Märchen in hellblau
In langer langer Zeit lebte da mal ein Rprinz, der wollte unbedingt wissen, was in seinem Essen drin ist. Leider lebte er in der Zukunft und somit konnte ihm niemand aus der Gegenwart sagen, was er sich seinerzeit alles so in den Mund löffelte. Entschuldigung, entfuhr es ihm da, kurz nachdem er runtergekaut hatte – wie sieht es mit den Elementarteilchen in dieser Mahlzeit aus? Ich habe das dunkle Gefühl, dass da auch Gluonen drin sind. Der Hellblaue war so recht von potenzieller Eleganz. Die rosa Tante, frisch vom Frizör kommend, stocherte in dem was übrig blieb, schickte eine Probe davon ins Max- Planck-Institut, wovon sie bis übermorgen nicht zurück gekehrt ist. Alles ist falsch: Die Wahl der Zeitscheibe, die Darstellung des Gluons beim Farbaustausch, das Gefühl der Verhaftung in ewiger Wechselwirkung. Das Standard-Modell kennt acht Gluonen. Rosa Tante fürchtete, ein Kind zu bekommen, nahm den Koffer in die Hand und ging zum Frauenarzt. Es herrscht ein ewiges Kommen und Gehen – nur die menschliche Hybris liegt als stärkste Kraft wie ein Klebstoff über Allem. Und da manches hier viele von uns persönlich betrifft, muss ich leider Schluss machen. Vielleicht waren in meinem Essen auch Gluonen drin. Ich frage irgendwann nochmal nach.
auf den straßenbahn
schienen zieht ein zeisig
seine kreise
haltestellen kennt er auf bäumen
wundersam die sitten
und gebräuche
in alternden großstädten
gehen greise auf den gleisen
sitzen die jungen in der tram
und zünden sich ein handy an
alle drei stunden : ein neu geborenes
alle drei minuten : jähes schreien
alle drei tage : eine andere bettenbelegung
und jederzeit : verklärte blicke
sachtes schlurfen der frisch entbundenen
beim ersten gang über den gang
verhaltenes flüstern kräftiger männer
alle drei sekunden : huscht eine schwester
in rosa vorbei : majästetisch wehen die offenen
kittel der ärztinnen : sie schreiten gemessen
durch die automatisch geöffnete tür
morgens um vier buckelt die putzfrau
mit ihrem mob durch die flure : unbeeindruckt
vom gellenden schrei nebenan : schon ist es
vorbei : schon sind drei tage vorüber
die drei sekunden : nicht gezählt
in drei minuten rollt die nächste erschöpft
auf dem bett in den raum : du kannst gehen
viel spaß : alles gute
eintauchen in brombeerewigkeit
in der mittagshitze vergessen
wie der duft der büsche und
das blühende gras
sich schwankend zur
leere des blauhimmels
gesellen
taumelnd die gedanken
wie ziellose schmetterlinge ziehen
lassen über sandig heißem sommergrund
der gleiche wie vor jahrtausenden
als dieser moment zum ersten mal
verging und die baumkronen hitzig
schwankten im dunst namenloser
sekunden
später erschien pan im schattigen
gefieder der pflanzen oder war es
der nachbar mit der sense
wusste er nichts anzufangen
der mäher schwieg jedoch
die mittagshitze währte
jahrmillionen schon
immer glauben wir
das festhalten zu müssen
weil nichts bliebe
(milliarden kopien des lebens
die niemand je liest
während das leben
verstreicht)
das vergeht
kommt aber
immer wieder
wir allein
sind flüchtig
Die Hügel mit Hallen von Bauhaus bebaut : rotweiß
Die Leuchtschrift : dahinter vom Schnee besprenkelte
Bäume : wohin wendet der Blick sich
Noch ist nicht die ganze Ebene verbaut : wem flüstert
Der Dichter sein Herzwort ins Ohr : kein
Haßwort : kein Hetzwort : in wessen Hand
Liegt das Wort : wenn es aufs Papier gebannt ist
Ein Verlag ist ein Politikum : wenn er unpolitisch ist
Die Hügel werden erobert von unifomen Firmen : die Ebene
Vom Ural zum Kanal kennt keine Unterschiede : wir lesen alle
Im Handy : niemand schleppt das Wort
Mit sich herum : wenn es aufs Papier gebannt ist
Irgendwann deckt der Schnee den Hügel zu : in dem wir
All unseren Schrott verbergen : damit wir einen Blickfang
Haben : einen Höhepunkt : der über die Ebene ragt