jesienny *

in neuem gewand streift der herbst
rehe von den bäumen
lautlos fallen sie
und jedes hört
auf einen namen
die gehwege sind schon voll von ihnen
am liebsten gehe ich auf den boulevards
unter meinen füßen
das rascheln von rehen

————————
* polnisch, deutsch herbstlich

Duzen Part 2

Sie wuchs von Innen nach Außen, sie klebte wie eine Fliege im Sonnentau. Fest und unerbittlich. Öffnete ihr Maul und zeigte ihre Zähne. Wild geworden, die Zeiger an der Uhr. Ich in der untergeordneten Rolle. Teil dieser sandigen Bewegung. Von oben durch ein schmales Rohr nach unten geronnen. Gehst du mit mir an den Strand, eine ins Leere gestellte und banale Frage, die sich zu dir verhält wie ein Mutterstern zu seinem Planeten, gerade weit genug entfernt, dass noch Leben möglich ist. Saß in der Erinnerung am Hochstrahlbrunnen in Wien. Einer schob die Brille nach oben. Tat, als würde er mich sehen. Freiwillig legte ich den Reiseführer zur Seite, stand auf vom Brunnenrand. Vor einiger Zeit hatte ich eine Münze in den Trevibrunnen geworfen. Wer das sagt, kehrt zurück. Und wenn ich dich kehrt machen hieß. Wenn selbst die Abwesenheit deiner langwelligen Haare klingt wie Eiswürfel, die ins Glas fallen.

gesucht

blassrotes kleid fällt als
trinke sie klang
ein klang
auf verdunkeltem
boden
unter ihren füßen
wiederholt

wo goldgleicher glast
in der hitzegluten meer
ein ring gehüllt in fernes
blau auf perlmutter liegt haar blank.

Fossilien

Eine Enthüllung

Das Tier stammte aus dem Erdaltertum. Als es sich auf dem Teppich zu wälzen begann und seinen Rüssel ausfuhr, der dem Rohr eines Staubsaugers glich, erkannte er, dass dies ein Geschenk von ihr sein musste. Sie wollte ihm die Arbeit erleichtern. Er beruhigte sein Gewissen und nahm eine Zigarette aus dem versilberten Etui. Das Etui hatte er von einer anderen. Warum hab ich nur so viele Freundinnen, überlegte er und schritt dabei leise grübelnd die Wohnung ab. Das Tier auf seinem Teppich, das aus dem Saugen gar nicht mehr herauskam, denn es war ihm wesensimmanent, wurde langsam schlaff und seine Haut schien matt und dünn in der Kerzenbeleuchtung. Es besaß anscheinend außer Saugen keine Möglichkeit, sich bemerkbar zu machen und zu zeigen, dass es ins Wasser musste. Er rannte ins Bad und begann, hektisch die Wanne voll zu lassen. Wenn das Tier einging und ein fischiger Geruch sich breit zu machen begann, dann wäre es aus zwischen ihm und ihr. Nie mehr würde sie ihn sanft bei der Hand nehmen und in die eigene Wohnung zurück führen, wenn er in der prallen Mittagssonne stundenlang am Briefkasten stand, weil er die Existenz von Gluonen nachweisen wollte. Was sollte dann aus ihm werden? Das Tier durfte nicht sterben. Das Wasser prasselte in die Wanne, die war schon dreiviertel voll. Jetzt mal nach dem Tier sehen. Das saugte in unglaublichem Tempo die Wand ab und wurde dabei immer dünner und blasser. Wie er es in die Wanne befördern sollte, wusste er nicht. Es würde zappeln und sich wehren, ihm vielleicht die Hand abbeißen. Niemand wusste, wie so ein Fossil sich verhielt, wenn es sich bedroht fühlte. Er läutete Sturm bei ihr. Nein, nein, mit mir ist nichts. Sie kam gähnend heraus. Es ist halb drei, mein Lieber. Sind die Gluonen wieder da?

Longitudinal

Es geht noch das gleiche vor, der Park steht voller Bäume, mit dem Schein von etwas, Bäume, die ihre Blätter abwerfen, der Wind erinnert gleich dem Abziehbild aus einem Album an die weit entfernte See, an das Herumkreiseln und dann Hinfallen als Kind. In den Fensterscheiben spiegeln sich aufsteigende Luftmassen, gläsernes Grau. Weiß und Preußischblau, wer will schon mehr darüber wissen. Ich schreibe dir von den Wasserwelten der jungen Erde, du lobst mein Wissen über den Plattwurm, er sei einfach, unsterblich, mit einem Gehirn. Schier unerschöpfliche Lebenskraft, was ist dagegen ein Algorithmus. Jetzt machst du das Fenster auf, ich gehe nicht durch deine Straße, ich bewege mich anderswo. Ich denke mir aus, du stehst auf einer rotierenden Scheibe unterhalb eines Pendels im Rhythmus der Stunden. Tick, tack, Ührchen geht an seinem Schnürchen: All die elektronischen Steuerwerke, die ihre Zeiger bewegen, einige ticken leise und schnell, andere pulsieren träge wie im Halbschlaf und gehen nicht nach. Und ich strenge mich beim Laufen mehr an, wenn es von überall zieht. Du schließt das Fenster wieder. Eine Seite deiner Arbeit hat der Wind zu mir heruntergetrieben. Wir drehen uns um die eigene Achse und folgen dem Pendel in uns, verstohlen. Ich hänge eins auf in deiner Kammer, blauviolett, weißt du noch, in deiner Kammer.

die akazie am haus

die akazie am haus trägt erste
gelbe blätter : braune schalen
knorriger samen hängen herab

wespen flirren aus ihren
verstecken : der regen floh
in den teich : pflaumen fallen

geräuschvoll zur erde und geben
im gras kleinen tieren ein fettes mahl
und die menschen : schlafwandlerisch

treten sie aus ihren hütten
die kapelle ist fort : in den ohren
hallt noch die nacht nach

die akazienblätter zittern im wind
weder frust noch frost : sondern freude
sie winken : zwinkern : vibrieren

?

Die Plattwürmer zählen zu den einfachsten Kreaturen, bei denen sich folgender Bauplan beobachten lässt: Vorn sitzt ein Kopf, und darin ruht das Gehirn.

Blick über die Dächer

Lady Belgrad ist verschont geblieben : Titos schwarze Muse
am Rande der Stadt : sie zeigt uns ihren kleinen Finger
welche Botschaft sie sendet : wir wissen es nicht
den Generalstab hat es getroffen : ein paar Meter weiter

die Ruine : ein Blickfang für Reisende aus dem Westen
nur wenige zieht es hierher : ob Joseph sich die Folgen
angesehen hat : wir wissen es nicht : vermutlich
blieb er in Frankfurt und leckt sich die Wunden

Indianer sollen stolz auf sie sein : Belgrad trägt sie
zur Schau wie die neueste Mode : nur die Gardinenröcke
fehlen : die die Frauen über den Mini schlagen
im Sommer : aus Respekt vorm Patriarchen

damit er ihnen kein Kopftuch verordnet : nur noch
die Mädchen vom Land trauen sich : sich zu verhüllen
Lady Belgrad hat ein paar weiße Tupfer : wie Nagellack
leuchten sie nachts : während sich die Pärchen

in dunkle Ecken drücken : ohne Angst
hier lebst du sicherer als in New York : diese Stadt
hat Wille zum Leben : der ist Musik
wußte schon Arthur : auch der war nie hier

ist in Berlin geblieben und hat geträumt von den Veden
mein Blick fällt auf die Dächer : düster
schlafen die Fassaden : keinen Dornröschenschlaf
die Zeit schwärzt die äußeren Hüllen : damit

die Bewegung im Innern nicht aufhört

Würfelzucker

Mein Freund schrieb mir von einer seiner unzähligen Reisen, den Annehmlichkeiten und Hindernissen des Unterwegsseins, den ungewöhnlich schicken Herren und Damen mit auftoupierten Haaren, schnittigen Zöpfen und dem Palaver von Welt. Den transparenten Duschkabinen, den Schüttelfrösten während seiner Fieberperioden oder den Unbequemlichkeiten des dreifachen Währungstausches. Das Beste, meine Liebe, das Beste neben all der Hochkultur Europas, den Katakomben, den kleinen Restaurants mit dem starken schwarzen Tabak und dem Morgenkaffee, gemahlen aus echter Bohne – dazu reichen sie Würfelzucker, bedruckt mit den Emblemen aller Kantone –  das Beste, meine liebe Freundin, das Beste auf jeder Reise war und ist doch immer das Essen.

Nach so einem Brief wartete ich drei Tage mit einer Antwort. Es machte mich verlegen, ihn so offen über den Körper und seine Einverleibungswünsche schreiben zu sehen. Was es genau zu essen gab, blieb im Dunkel. Ich griff zum Taschentuch und schnaubte mir die Nase, die auch im Spätsommer unter dem Blütenstaub litt und unentwegt lief. Ich trank meinen Tee nicht aus. Ich betrachtete seine steil abfallende Schrift, die Postkarte mit dem Elefanten darauf. Ich spitzte den Stift. Ich drehte mir eine Locke um den Finger und dachte nach. Mein Lieber, schrieb ich schließlich zurück, das Essen ist der gewagteste Teil einer Reise. Es wird in großzügigen Schüsseln dargeboten, zwei bis dreimal am Tage, du fühlst dich kurz zuvor wie frisch gebadet, legst dir neue Garderobe an und begiebst dich, den Teller in der Hand, mit dem Besteck bewaffnet, in den Esssalon. Ich will dir nicht aufzählen, welche Speisen es gab. Die Saucen waren hervorragend, die Gesellschaft leger und nonchalant. Flattrige Kleidung, lose Mundart, schlaffe Hüte. Die Tage waren heiß. Ich und meine Freundin gewöhnten uns das Schaufeln an, wir sahen unsere ewig gefüllten Backen, die ewig hungrigen Augen, die bereits zum Zerbersten gestopften Münder. Und immer lächelten wir, schnippten wir sorglos unsere Asche in die silbernen Gefäße. Ich wurde von Tag zu Tag eleganter und raffinierter darin, das so eben Genossene auf dem schnellsten Wege wieder los zu werden. Schon während ich es mir einverleibte, dachte ich im Stillen an eine neue Methode. Ach, lieber Freund, die Klagen und Mühen des zu reichlichen Genusses sind ein wesentliches Laster unserer Zeit – gleich dem Unterwegssein und seinen Strapazen. Wenn wir würfeln, überlassen wir vieles dem Zufall. Aber ich hoffe, wir zwei, Du und ich, sind noch immer Tag und Nacht, Sonne und Mond, die Vorreiter auf einer Zielgeraden…

Ich weiß nicht, was und wann er mir antworten wird. Ich wickle ein Stück Zucker aus und lege es in den frisch gebrühten Kaffee, der mir den Mund zusammenzieht.

spätsommer

an dichten sommertagen
ziehe ich die blaue luft
zu fäden und spiele
darauf harfe

um mich herum
hautflügler ein paar
werden den tag nicht
überleben

du stehst auf deinem balkon
und beäugst das wachstum
der tomaten sammelst raupen
einzeln ab

die robinien in unserer straße verlassen
schon die kräfte
nur das motorrad vom nachbarn
dröhnt wie am ersten tag

Unerträgliche Dehnung des Fühls

So tun, als ob nichts sei. Am Seilfaden

springen. An der wippenden Gedanken

mitte seifend sich ertragen. Ball der

Feilheiten. Keil und Federnd sich

Selbst zusehen beim Wegblick.

Das Gefühl tragen. Daseinszynik

in jedem Atemzug. Je höher die

Laune, desto tiefer der Stich

In meine Herzpunkte.

Tüpfelnd. Ich durste mit

meiner Uneinnehmlichkeit

in Dich hinein.

Soll das mein Leben sein?

Kleinstheit der Sekundenbrüche

täglichen Augenblicks?

Leere des Deins?

Keine Heimat haben

in dem Mensch.

Streblos und

Zerweht.

seltsame : gebärden

wir männer : wie verfallen wir
dem weib und brüsten uns
mit macht : potenz und narretei

wir knien nachts vor ihrem schoß
der doch verschlossen bleibt und bloß
ein lächeln ernten wir und lächeln

schmerzverzerrt zurück : nichts
wissen wir von schmerzen : ein scherz
wars nur : ein balgen : schlaffe säfte

früh um drei ists schon vorbei
nein : nicht vergessen : es warten
nur : ach ja : vergebliche geschäfte

ooh. Ooh.OOH. oder In der Leere des gesättigten Nichts

bild-007.jpg

Dein Leibturm wacht an mir.

Gegenwartsspule.

Ein Irdischseiendes Gedankenröllchen

entweicht der quälenden Zeit

tentakel amöbiger Fühlwesen.

Am obstleeren Strand

so himmelgelb

zittern die Muscheln

auf schwarzen Wellen.

Wir treten auf unseren Fühlern.

Nirgendwo steht geschrieben, das

… … ….. …… ……! .

Ein Briefwechsel, weiblich

Oder: wenn die Lust zur Last wird

28. Oktober

Liebe Frau  Kleist,

Ihre langjährige Erfahrung mit guter Prosa beeindruckt mich so sehr, dass ich nunmehr beschlossen habe, selbst etwas zu verfassen. Doch bin ich noch ungeübt und in den Kinderschuhen mit meinen Texten. Ich möchte eine Erzählung, vielleicht sogar etwas mehr aus diesen Fragmenten machen. Vielleicht wird es sogar ein Roman! Doch ich weiß nicht, ob ich alles richtig mache, da ich eine blutige Anfängerin bin. Für Tipps aus Ihrem Nähkästchen, wäre ich sehr dankbar,

herzlichst,

Ihre Marianne Kramer

***

29. Oktober (gibt es den eigentlich?)

Liebe Frau Kramer,

vielen Dank für Ihre netten Worte und Ermunterungen, die man auch nach Jahren schreibender Tätigkeit immer gut gebrauchen kann – denn das kreative Loch, in das man fällt, ist tief – eine Erfahrung, die immer wieder gemacht werden muss.

Was Ihre eigenen Schriften anbetrifft: Bewahren Sie sich so lang als möglich Ihre Unbefangenheit! Später erst werden Sie wissen, welch ein Geschenk diese war – wenn Sie, wie auch ich, überreflektierend vor Ihrem Bildschirm sitzen und nicht mehr einfach so anfangen können, wie es aus Ihrem Antrieb heraus eben einfach geschieht und geschehen muss. Es wird zu harter Arbeit, es wird zum Zwang, dem Ihr Körper, Ihr Geist sich widersetzt….

Doch heute denken Sie bitte nicht so weit. Schreiben Sie einfach weiter und werten Sie nicht – solange wie möglich. Sollte Sie jedoch das Bedürfnis nach einem Urteil zwicken, so bleiben Sie wachsam und rechnen Sie mit dem Schlimmsten: dem Verlust Ihrer schreibenden Jungfräulichkeit, die paradoxerweise die schönsten Früchte erwachsen lässt – sehen Sie, vielleicht hat das sogar etwas mit dem christlichen Glauben (dem ich nicht zwangsweise anhänge) zu tun.

Melden Sie sich also erst wieder, wenn ein ernsthaftes Schreibproblem Sie plagt und seien Sie sich sicher, dass Ihnen dann nur noch mit Spritzen und Verbänden zu helfen sein wird.

Herzlichst,

Frau Kleist

***

31. Oktober (Valentinstag?)

Liebe Frau Kleist,

danke für Ihre Antwort. Leider bin ich noch nicht so weit, dass ich alles verstehe, auch empfinde ich Schreiben nicht als Arbeit, sondern als Spaß, über den ich aber nur mit sehr vertrauten Menschen sprechen möchte. Ich weiß nicht, was beispielsweise mein professor denken würde, wenn ich, anstatt brav meine Seminare vorzubereiten, heimlich nachts mir selbst Geschichten erzähle, das als lustvoll empfinde und erst aufhören kann, wenn die Uhr bereits vier Uhr früh anzeigt. Dann plagt mich das schlechte Gewissen ob eines nicht genug vorbereiteten Referats und ich gehe müde zur Uni, halte es, und bekomme wieder nur eine drei, obwohl ich mindestens eine zwei hätte haben können. Wenn nur diese verdammte Schreiberei nicht schon zur Sucht geworden wäre, zum Kick, den ich brauche. ein objektives Urteil habe ich leider nicht. Aber da ich es nicht lassen kann, möchte ich doch gern irgendwann mal etwas damit anfangen – und dann muss ich natürlich sicher sein, dass es auch etwas taugt. Blamieren will ich mich nämlich nicht.

Also, Sie meinen ich soll einfach weiter machen, wenn ich Lust dazu habe? Ist das denn nicht nur Spielerei? Natürlich, andere gehen in die Kneipe und betrinken sich, jeder muss ja irgendein Laster haben. Aber manchmal schäme ich mich fast für diese Lust am Schreiben! Kommt Ihnen das bekannt vor?

Alles Liebe,

M. Kramer

(Anm.: Die Rechtschreibung und Grammatik des Originals wurde aus urheberrechtlichen Gründen beibehalten)

„Entschuldigung, sind in meinem Essen auch Gluonen drin?“

Ein Märchen in hellblau

In langer langer Zeit lebte da mal ein Rprinz, der wollte unbedingt wissen, was in seinem Essen drin ist. Leider lebte er in der Zukunft und somit konnte ihm niemand aus der Gegenwart sagen, was er sich seinerzeit alles so in den Mund löffelte. Entschuldigung, entfuhr es ihm da, kurz nachdem er runtergekaut hatte – wie sieht es mit den Elementarteilchen in dieser Mahlzeit aus? Ich habe das dunkle Gefühl, dass da auch Gluonen drin sind. Der Hellblaue war so recht von potenzieller Eleganz. Die rosa Tante, frisch vom Frizör kommend, stocherte in dem was übrig blieb, schickte eine Probe davon ins Max- Planck-Institut, wovon sie bis übermorgen nicht zurück gekehrt ist. Alles ist falsch: Die Wahl der Zeitscheibe, die Darstellung des Gluons beim Farbaustausch, das Gefühl der Verhaftung in ewiger Wechselwirkung. Das Standard-Modell kennt acht Gluonen. Rosa Tante fürchtete, ein Kind zu bekommen, nahm den Koffer in die Hand und ging zum Frauenarzt. Es herrscht ein ewiges Kommen und Gehen – nur die menschliche Hybris liegt als stärkste Kraft wie ein Klebstoff über Allem. Und da manches hier viele von uns persönlich betrifft, muss ich leider Schluss machen. Vielleicht waren in meinem Essen auch Gluonen drin. Ich frage irgendwann nochmal nach.

vorort

auf den straßenbahn
schienen zieht ein zeisig
seine kreise
haltestellen kennt er auf bäumen

wundersam die sitten
und gebräuche
in alternden großstädten
gehen greise auf den gleisen
sitzen die jungen in der tram
und zünden sich ein handy an

individualisierter : massenbetrieb

alle drei stunden : ein neu geborenes
alle drei minuten : jähes schreien
alle drei tage : eine andere bettenbelegung

und jederzeit : verklärte blicke
sachtes schlurfen der frisch entbundenen
beim ersten gang über den gang

verhaltenes flüstern kräftiger männer
alle drei sekunden : huscht eine schwester
in rosa vorbei : majästetisch wehen die offenen

kittel der ärztinnen : sie schreiten gemessen
durch die automatisch geöffnete tür
morgens um vier buckelt die putzfrau

mit ihrem mob durch die flure : unbeeindruckt
vom gellenden schrei nebenan : schon ist es
vorbei : schon sind drei tage vorüber

die drei sekunden : nicht gezählt
in drei minuten rollt die nächste erschöpft
auf dem bett in den raum : du kannst gehen

viel spaß : alles gute

flüchten und bleiben

eintauchen in brombeerewigkeit

in der mittagshitze vergessen
wie der duft der büsche und
das blühende gras
sich schwankend zur
leere des blauhimmels
gesellen

taumelnd die gedanken
wie ziellose schmetterlinge ziehen
lassen über sandig heißem sommergrund
der gleiche wie vor jahrtausenden
als dieser moment zum ersten mal
verging und die baumkronen hitzig
schwankten im dunst namenloser
sekunden

später erschien pan im schattigen
gefieder der pflanzen oder war es
der nachbar mit der sense
wusste er nichts anzufangen
der mäher schwieg jedoch
die mittagshitze währte
jahrmillionen schon

immer glauben wir
das festhalten zu müssen
weil nichts bliebe

(milliarden kopien des lebens
die niemand je liest
während das leben
verstreicht)

das vergeht
kommt aber
immer wieder

wir allein
sind flüchtig

Buch : Messe

Die Hügel mit Hallen von Bauhaus bebaut : rotweiß
Die Leuchtschrift : dahinter vom Schnee besprenkelte
Bäume : wohin wendet der Blick sich

Noch ist nicht die ganze Ebene verbaut : wem flüstert
Der Dichter sein Herzwort ins Ohr : kein
Haßwort : kein Hetzwort : in wessen Hand

Liegt das Wort : wenn es aufs Papier gebannt ist
Ein Verlag ist ein Politikum : wenn er unpolitisch ist
Die Hügel werden erobert von unifomen Firmen : die Ebene

Vom Ural zum Kanal kennt keine Unterschiede : wir lesen alle
Im Handy : niemand schleppt das Wort
Mit sich herum : wenn es aufs Papier gebannt ist

Irgendwann deckt der Schnee den Hügel zu : in dem wir
All unseren Schrott verbergen : damit wir einen Blickfang
Haben : einen Höhepunkt : der über die Ebene ragt

Angelegt

Keuschheitsgürtel, sein Werk, ich trag‘ ihn in kurviger Locke, so liegt er mir um und hält sich mir fest. Ich trag‘ ihn antastbar, ich schnall‘ ihn mir enger, als könnt‘ ich erwirken, worin er sich sprengt. Und aufgeht, die Masse, Minuten lang das, entspringt Energie, Materie, Klang, in einem gesunden Körper, palim.

organische erkrankung

sowas gibts, aber schade schon, dass die mit der ach so gelenkigen zunge so wenig die stirn, den fuß vor die tür zu setzen, um auge in auge, und zahn für zahn, verliert die gemeinde, an biss.

* * *

Der Mensch ist ein Kuchen,
Das Gedicht ist ein Kind.

So viele Verse, und die Luft
Zum Atmen
Wird uns nun nach Jahrhunderten zugemessen

23. Mai
Agenda 2010, vorbei.
Danach Gedichte, nur noch den Atem, der aus
Dem Herzen kommt.

Mit dem Licht erwachen die Vögel,
Wen vermag es da noch zu halten
Im dunklen Nest?

Hinter verschlossenen Fenstern
hört man den Wind nur in der Ferne,
Das himmlische Kind, das die Fahnen
zum Klirren bringt.

Drei Jahre später wird ein Wille
Wiedergeboren aus dem Geiste der
Musik, Muzhik
Und ich frage mich
Parlando
Parlando
Parlando
Ich frage dich
Schon lange nicht mehr.
Am fünften Mai starb hinterm Deich
Die Dichterin Sarah Kirsch
Und gestern brachten sie es in der Tagesschau.

Schnitt, die
Kunst ist ein Schrank
In der Moskauer
Leere, 1927
Das Opfer der
Titel eines Films
Jahrzehnte später.
Ich sagen, Schnitte
Überblenden
Den Raum zwischen
Den Gedanken, kon
kret kon
dukt ** kon
vers, ***** kon‘
+++ Poesie – – –
Und die weißen Pferde
***** mit den *****
Schwarzen Schwänen
Nicht am Himmel

das wars : also

eingeschlafen mit blick auf eine gelöcherte
decke : grauweiß : kunststoff
auch mein schlaf ist künstlich : fein dosiert

der cocktail fließt durch den handrücken direkt
ins blut : im rachen steckt eine röhre
ich bekomme von all dem nichts mit

die schwestern umschwärmen die betten
wie stewardessen : wo bin ich : zur getakteten
zeit : erwache ich im liegeraum : den blick

auf den himmel gerichtet : weißgrau : von schmutzigen
sandsteinfassaden gerahmt : mein nachbar
sportlich : schließt die augen und genießt

die bilder des schlafs : gern würde er hier übernachten

Autisten entwickeln Computer

Die neue Generation der Neuro-Computer wird möglicherweise von Autisten entwickelt und vorangetrieben, die eine jahrzehntelange Einnahme von Neuroleptika hinter sich haben. Las ich doch neulich in einem überregionalen Blatt: „IBM stellt Autisten ein“. Oder war es SAP? Ich möchte mich da nicht festlegen – aber: Sollen wir diese Dinge einfach so geschehen lassen? Auch ist ja bekannt, dass in Softwareunternehmen leichter Autismus an der Tagesordnung ist. Aufwachen! (Ich meine, wer möchte denn schon auf eine Annonce antworten und nachher bei der ersten Begegnung rätseln müssen, ob es sich nun um einen herkömmlich gewachsenen Menschen oder um einen Siliziumwafer handelt?)

!

supermarkt, nachtmittag, schichtwechsel. renate zu karin: an die kasse, süße, ich muss aufs klo. karin zu renate: kannst gehen, aber mach keine überschwemmung.

mein bonmot zum abend. kommt immer gut, sich auf kosten anderer zu amüsieren.

doch: welch‘ leichtigkeit geht von nati und karin aus – auch ein lebensentwurf. kaleidoskope von entwürfen. ein mandala.

?

„karin, wenn du sitzt, mach ich mal auf kleine mädchen!“

„kannst abflußen, nati. aber mach nich wieder auf hochwasser, ha ha!“

old : timer

so bin ich unter die alten autos gegangen
das hintere rad krachte : achsenbruch
mensch : dreiundvierzig : das ist doch

kein alter für so ‘ne maschine : verschleiß-
teile austauschen : weiter geht
die fahrt : hinauf : hinab : schneller

vollbremsung : wenns doch so einfach
wäre : was kaputt ist zu ersetzen
ich bin kein baum : an dem jahr

für jahr etwas nachwächst : also paß auf
du bist dein eigenes ersatzteillager : was
du verschlissen hast : kriegst du nicht wieder

frühjahr : rochade

in diesem frühjahr bleibt der himmel trübe : die büsche
wachsen nicht : der baum bleibt klein

die wiese wandelt sich : in einen sumpf
die fliegen kriechen lahm am fenster lang : der regen

fällt : er fällt und fällt : wir schließen uns
in flache hütten ein : die flut springt hoch

die wilden bäche hupfen : der bürger zieht
vom lichten kopf den hut und atmet tief : vorbei