faltenzeiten

mit blauer tinte
gegen das vergessen
schreiben
von den lauten
und gebrochenen
flüchtet die zeit
wortgekleidet

in eine große liebe
mit blauen augen
ein leben im Wartezimmer
die kinder
aus dem haus

am fensterbrett blühen
blasse erinnerungen
und hinter den faltenlidern
sein gesicht

troja

über die gefalteten dächer
wirft der krieg girlanden
ayhan schläft seit tagen
ziehen schillerfalter ins gebirge
liegen tarnnetze über karawansereien
und in den ebenen flugabwehrraketen
ayhan geht im traum
nackt zwischen soldaten
schläft der halbmond
hören die schmetterlinge
flüsternde stimmen in den bergen

drängen truppen
von allen seiten gegen die stadt
auch vom meer
täuschen weiße segel frieden vor
ayhan rudert ihnen entgegen
in simulationen
fällt soldaten das töten leicht
im häuserkampf richten sich die gefalteten dächer
noch einmal auf
später werden die dichter des landes
die schönheit der berge besingen
doch die schillerfalter kehren nicht zurück

rückzugsgebiete

mit fischen belaubt
treiben häuser das tal hinab
spielen jetzt quallen in unserer straße
verstecken und fangen
legen sich
schneegedichte über die berge

rehe gingen voraus
und bauten nester
zwischen korallen
bäumen

blieb zeit stehen
lehnte sich
eine wegwarte
an deine schulter

und der wind wirft wellen
über die baumkronen
und stimmen hernach
eine lange stille

Tractatus sentio-cassus

Wenn ich über
nachdenke, ist mir, als
und mein
fühlt sich ganz
an.

Es beginnt mit
dann folgt
bevor – endlich! –
nach einer
einsetzt.

Besser in solchen
ist doch sicherlich
und lieber, wie
formulierte, von
zu schweigen.

Wahlkreise

Vorm Spiegel geübt
Krawatte gebunden
In die Kameras gegrinst
Roter Spuk mit schwarzen Flecken

Das Müsli gelöffelt
Judith Butler gelesen
Die Kurzhaarfrisur geföhnt
Grüner Spuk mit rosa Flecken

Die Haare gegelt
Den Logenring angelegt
Obdachlose Penner genannt
Gelber Spuk mit blauen Flecken

Die Fresse aufgemacht
Die Bullen ausgelacht
Auf die Stiefel gespuckt
Schwarzer Spuk mit roten Flecken

Duftende Wolken : verkokeltes Gras

Berlin bespaßt seine Besucher : Freitagnacht
Am Kottbusser Tor brennen die Lichter : der Friseur
Verpaßt dir eine frische Mähne : damit du tanzen

Kannst : am Spreeufer entlang : auf den Stadtstränden
Durchs Oscar Wilde : überall leuchten dir Lichter
In Trauben stehen die Leute herum : über den Köpfen
Duftende Wolken : verkokeltes Gras

Du singst Karaoke in einer Jurte mit süßen Mongolen
Und Dietmar Dath presst das letzte Wort aus dem Hals
Mit seiner Band namens Hans : Sprechgesang

Trägst du im Ohr : durch die üppig grünenden Alleen
Berlin bespaßt seine Besucher : von Mitternacht
Bis früh halb Vier : bis alle sagen : ich bleib hier

Kunstwerk Nr. 14

r h y t-h-mu s :

( 3 – 2 – 3 ) –> 8 — 3 — 3

i n n ere Historizität : __ Axiom Postulat S a t z

„Ohne Ende kein Anfang“
„Es ist so, sieh“
„Wenn es zu Ende ist, sieh. Und siehe. Es ist__

pro b l m-t-s rng :

Erst war das Glucksen bei sich. Dann verzichtete es aufs Schlucken. So geriet es außer sich.
Das glucksende Erinnern. Erinnern an sich. Ding, eben : für b.

sch l i e ß. lich :

PENG (Sprechakt 1966)

Minima Moralia

Da sagt einer von sich,
er sei kein politischer
Mensch, denn ein solcher hungere –
arm an Vertrauen.
– Wohinein überhaupt?

Ein anderer behauptet,
wäre er ein mitfühlender
Mensch, blutete er sich ja zu Tode –
ein Tränenbruder, das Rote.
– Wozu auch?

Die Dritte, starr, schweigt,
es fällt ihr sichtlich schwer
sich menschlich zu regen –
dann hebt sie ihren Blick.
– Woheraus nur?

Tischgespräche

Man braucht nur mal einen Tisch mit vier
Beinen zu kneten – und schon hat man den
Prototyp eines Hundes.

Kanalratte

Als die hellgeflutete, brunchige Morgenkühle
ihren Rausch ausgefressen, der Wind
nur die hohen Blätter noch wirbelnd bespielt
und die Sonne schließlich breit
‚halb sechs‘ gesummt hatte,
miauten, verlaufen in Hinterhöfen,
jugendstilbegattete Gassen
und auf schmalen Wiesen
am Wasser ertollten,
dicht an dich gedrängt,
Decken stoisch Juni ,
schüttelten schließlich,
halb  sieben, bassgelenk,
lichte Tage launig ab:
dem gone… –
so far away.

Waldläufer

„Ist Sommer hier, herrscht den Sehern nach tief im Süden ein kalter Schattenwald“, sprach Rudolf. Er hob seinen Kopf, weg vom Feuer, hin zum Mond. Von der anderen Seite der Erde verdeckt, entsprangen der Sonne kräftige Strahlen darauf zu.

„Woher weisst du das? Bist du denn so ein Seher?“, fragte Ludwig. Seine erfrischende Neugier brachte Rudolf sanft zum Lächeln. „Ein Seher, ich? Nein. Ein Hörender? Schon eher.“ Ludwig schaute ihn verdutzt an. „Sieh nach unten und denk nach oben, Ludwig –“ Rudolf legte ihm den Zeigefinger der linken Hand auf die Stirn und schloß mit seiner rechten vorsichtig die Augenlider, „ein Seher denkt im Kreis und bricht Zeiten, wie Jesus das Brot. Er braucht keine Augen dazu, keine Ohren, selbst Arme, Hände, Beine, Füße sind ihm unnütz, spürt er heilige Flammen im Geist lodern. Auch sein Mund muß sich nicht öffnen, um von der Gnade zu berichten, sie umgibt ihn ohne Bringeschuld. Und tut er es doch, dann, weil er mit der Wahrheit spielt, wie das Kind mit Reimen, der Vogel mit dem Lied, der Mönch mit der Glocke; weil er es liebt, uns armen Sündern in Rätseln das Mysterium des ewigen Lichtes durch die Nacht und ihre fernen Sterne zu lehren.“

„Hast du einmal einen Seher gekannt?“ Rudolf spürte, wie Ludwigs Augen rotierten. Er wußte: Ludwig jagte jetzt glühenden Punkten durch ferne Zeiten nach. „Einen? Viele! Jeder von uns Menschen ist beizeiten ein Seher. Der eine in der Kirche, wenn er der Engel gedenkt, da das Licht durch die bunten Fenster auf die Weihrauchschwaden fällt und tanzt. Der andere, wenn er das Brot mit dem heiligen Tau darin ißt. Oder wieder andere, wenn sie verzückt in Geißelung oder Unzucht Wonne finden.“  Ludwig hielt, kerzengrade dem Feuer zugewandt sitzend, noch immer die Augen geschlossen.

„Ein Hörender aber kennt die Schemen und verweilt darin nicht zu lang, er achtet auf ein Knacken, auf ein Zischen – ein Hörender denkt Zeichen zusammen, verknüpft die Welten des Geistes mit denen der Erde. Ein Hörender verliert sich nicht in Gedanken und genießt es doch sie zu verästeln, versteht zu lauschen, aber vergißt nicht Scheite nachzuwerfen, droht ihm das Feuer niederzubrennen“. Rudolf war vorsichtig aufgestanden und hatte die letzten Worte, so schien es Ludwig, ganz plötzlich mit anderer Stimme, voller Hall und aus allen Richtungen kommend ausgesprochen.

Erschreckt öffnete er mit einem Gefühl, als wäre eine unbestimmbar lange Zeit vergangen, die Augen und sah, wie die Funken langsam wieder höher flogen.
„Ein Hörender würde also anhand des Züngelns der Flammen erfahren, welches Wetter kommt – und könnte trotzdem noch das bunte Pfeifen des Tannenholzes bestaunen?“
Rudolf nickte anerkennend. „So ist es. Aber damit, als Höchstes das Hören zu lehren, begnügt das Leben sich nicht, es gibt noch einen dritten, sehr schwer zu erreichenden Zustand. Nur wenige haben es je verstanden Fühlende zu werden.“ Rudolfs Stimme hatte einen zittrigen Tonfall angenommen.

Ludwig wollte, aber konnte nicht mehr warten, es schoß aus ihm, heraus: „Bist du ein solcher?“ „Nein.“ Rudolfs Stimme wurde wieder fester, aber auch leiser. „Warum nicht?“ Ludwig spannte diese Worte abermals voller Wucht, das Gespräch rührte an so vielen versunkenen Ahnungen und Träumen, er brauchte diese Antworten, jetzt oder nie. „Woher weißt du, was ein Fühlender ist? Und wenn du es weißt, warum denkst du, du bist es nicht? – nicht mehr?!“
„Deine Fragen, Ludwig, zeigen mir, dass du ein guter Schüler bist. Du merkst, meine Stimmlage verrät Traurigkeit und du könntest denken, dies sei den Wandlungen eines Fühlenden geschuldet. Doch so einfach ist es nicht.“

Wieder hielt Rudolf inne und schluckte kurz. „Ein Fühlender sieht nicht nur die Schatten, die das Feuer umtanzen, vermag dabei nicht nur den Luchs das Lager in weiten  Kreisen  umschleichen zu hören, nein, der Fühlende schürt überhaupt erst die Flammen, um dem Luchs zuzulauschen. Der Fühlende handelt wissend und ungeworfen. Aus dem Herzen, klar, führt seine Hand uns Blinde ins Land des Segens. Der Fühlende ahnt nicht, er gibt willentlich jenes, um was die Welt ihn – ohne eigene Ahnung davon, es sich eigentlich zu wünschen – bittet.“
„Der Fühlende ist also ein Heiliger?“ „Ein Heiliger, ja. Und der Teufel zugleich.“

„Das verstehe ich nicht.“ „Der Fühlende gibt den Menschen und allen Wesen, was sie suchen. Er will sie nicht verändern, sein Weg ist der Weg der Liebe, des Verständnisses und der Einkehr. Er nimmt vermeintliche Schuld an, verwirft sie und verneint radikal die Idee der Sühne. Er fühlt so sehr mit, dass er sich auflöst, wie eine Eichel, die in der Erde aufgeht und mit der Zeit zu einem starken, schattenspendenden Baum heranwächst. Doch aus einer Eichel wird keine Espe – und stehen die Zeichen auf Sturm, kann ein Fühlender daran zerbrechen. Will daran zerbrechen… -“

„Ist das der Grund, warum du Abstand davon genommen hast, ein Fühlender zu bleiben, Rudolf? Ist die Last zu schwer, bist du sehr verhaftet in dem, was man Hoffen nennt? In Sehnsucht? — nach erfrischendem Schlaf?“

„So ist es wohl. Ein Fühlender kann auf Dauer kein Lebendiger sein – ein Toter nicht im Gezwitscher der Vögel erwachen. Schlaf gut, Ludwig, und träume süß.“
Als Ludwig, in seine Decke gehüllt, auf den Boden neben dem Feuer lag und erst langsam, dann immer schneller, seine Gedanken wie warmer, weicher Sand unter neckenden Füßen zu verwischen begannen, schien es ihm, als vernähme er von weither eine Melodie.  Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch? Schläfst du noch? Hörst du nicht die Glocken, hörst du nicht die Glocken? Ding, dang, dong. Ding, dang, dong.
Bevor er endgültig das Bewußtsein verlor, schoß es ihm pfeilschnell durch den Kopf: ein Fühlender, das ist – ob Teufel oder nicht – allem Seienden ein unvergeßlich gütiger Freund.

 

Carlos Castaneda: Die Lehren des Don Juan

Groep 1850: MNH + ?!

Mahayana-Sutras

Mission: Genital

Schief lächelnd öffnet die ältliche Sekretärin ihrer Freundin in einem schwarzen, bis zum Hals zugeknöpften Kleid die Tür. „Herta, verdiente Kampfgenossin und Schwester in Bitterkeit, gegrüßt sei dein distinguierter Hass auf alles Gönnerhafte! Was sagst du, gehen wir heute wieder Tauben vergiften im Park?“

Ihr Gegenüber, einige Jahre jünger, doch mit einem ins Ungewisse flackernden Blick, erwacht ganz plötzlich: „Ach, Sieglinde, verehrte Lehrmeisterin des Zynismus! Ich fürchte, wir verbrauchen unser Arsen in letzter Zeit zu verschwenderisch, Maß halten ist wieder angesagt. Aber ich habe schon eine andere Idee! Du kennst doch den stets herumtollenden jungen Hund meines räudigen Nachbarn, dieses verdammten Idealisten! Immer schwingt der voller Enthusiasmus seine Reden, zaubert Begeisterung auf die unbeschriebenen Gesichter jungen Dinger – und das schlimmste ist, er glaubt auch selbst noch daran, was er sagt! …denkst du, was ich denke?“

„Erteilen wir ihm eine Lektion, die ihm das verlogene Schwänzeln um diese dummen Puten vergehen läßt und ihm ihm zeigt, wie die Welt da draußen wirklich ist!“
Zwei Tage später im Park: Herta und Sieglinde hocken hinter einem Busch. Eine hält eine Pfeife und eine Tuch , die andere eine Wurst und eine Schere. Einige Meter entfernt steht ein lachender junger Mann, um ihn herum drei feixende Frauen. Zu ihren Füßen spielen diverse Hunde, jagen hin und her. Herta streckt sich leicht und pfeift mit einer Hundepfeife, identisch mit jener, die, wie sie beobachtet hat, der junge Mann auch benutzt. Ein schmaler, schwarz-weiß gefleckter Hund mit lockigem Fell löst sich von der Gruppe und trottet, leicht sabbernd, fragend ins Gebüsch.

„Herta, halt ihn fest und bind ihm das Maul mit dem Tuch zu! Mach schnell, die Wurst ist fast verputzt!“ „Erledigt. Und nun zum Eingemachten! Ich dreh ihn dir hin!“ „Wo muss ich schneiden, Herta? Ich seh nur Fell und Reste von Kot!“ „Da, da unten irgendwo.“ Herta reckt ihren Kopf.  „Beeil dich, ich hab das Gefühl der verdammte Kerl will bald zu der nächsten Gruppe Backfische vorstoßen!“

Sieglinde macht die Augen zu. Blut spritzt ihr ins Gesicht und auf die Bluse. Der Hund jault erbärmlich. Herta umklammert, so fest sie kann, das Tuch. Sie fragt sich, ob sie sich das Knacken eingebildet hat. Der junge Mann sieht sich irritiert um. Die umstehenden Mädchen bemerken seine Unruhe und bieten ihm an, bei der Suche zu helfen. Sieglinde und Herta kauern weiterhin blutverschmiert im Gebüsch.

„Lola? Loooola! Wo bist du?“ Der junge Mann bewegt sich, zunehmend verunsichert in seine Pfeife pustend von ihnen weg. Eines der Mädchen nährt sich jedoch langsam, leicht abwesend dem Versteck. „Lola, Schnuckiputzi? Bist du hier?“ Herta schaut Sieglinde an, Sieglinde Herta. Sie nickt.

„Mathilde? Maaaathildeee!“ „Loooola? Lolaaaa!“ Immer mehr Menschen durchkämmen rufend den Park. Die Sonne neigt ihr Haupt. Herta starrt in den roten Ball. Als ob er zottliges Fell hätte. Blondes Haar. Tauben ziehen am Himmel vorbei. Sieglinde schluckt und fällt nach vorn.

Vereinsamte Tropfen entlaufen der Flasche in ihrer steifen Hand. Herta schreckt auf, sieht die Schere am Boden liegen. Geglückte, gleißende Flucht. Sonne, Savanne, eine Hütte. Ach, Afrika, denkt sie, ist doch so nah.

 

Lou Reed, The Gift
Georg Kreisler, Tauben vergiften im Park
Elliot Rodger, Manifest

undulation

1
großes herzecho an der wand
hängen gemälde von bruegel
du spielst violine

2
wir falten blumen zu gedichten
und verfüttern sie an die ungläubigen
hautflügler

3
adonisfalter wollen wir sein
auf einem röntgenbild
mit lungenflügeln

4
du atmest groben sand
mit den flugzeugen
ziehen stare übers gebirge

Also sprach Brecht (allein)

Ich liebe die Ergebenheit des Sichtens:
erleichtertes Schreiten zum Kommunismus,
geduldige, stille Einkehr in das Gute
des Menschen – an sich, für den Nächsten.
Ich hasse aber, wenn ein Zweifel daran
ausgelöscht wird mit Arbeit und Schweigen
und Tod. Wenn die große Säuberung anjährt,
ziehen sich meine Brauen berührt zusammen –
dass nurmehr Gewissheit im Bezug darauf
bestehen möge, was jene unbestreitbare Grenze,
die Solidarität zu mordenden Systemen ächte, sei.
Welch lauter Einspruch für die Rechte
aller Bürger, frei von Totalitarismus
und jeder vernichtenden Herrschaft,
ist doch heute, auch morgen noch,
fragen zu können, warum gestern so geriet,
gestelzt, bepelzt, verhetzt und ersetzt.
Ihr Verfolgten, ver-zweifelt euch nicht:
liebt, seht, denkt und wisst dem Einfachen
was schwer zu machen ist, nachzuschweben.

Riemann trifft Charles Wright bei Nirvana, Deleuze hört zu

SPRICH

In welchem Jahr-
hundert bist du
Begraben? Ohne
jeden Überschuss,
Asche zu Asche?
Welche Worte
Murmelt dein Atem –
ist es noch immer
Schrei? Einheit
Lungenvolumen,
Maximale Oberfläche

* * *

– Lass uns endlich die Freie Cyber Republik ausrufen, es ist Zeit!
– Aber wo soll der Präsidenten Rechner stehen?
– Hm, das FCR PR Problem, warte mal kurz…

Helligkeit und Dunkel wechseln sich ab. Blitz ohne Donner, ein Stroboskop brüllt in der Ferne

– Augustinus! Die Lehre von den zwei Reichen…
– Naah, Gott ist kein Objekt. So eher muh, mh, mu

Zittern : drei Uhr

Um Mitternacht : Vollmond
Wir sehen ihn nicht : wir sehn
im Film einen Verrückten : der
An „Stürme“ glaubt : wie wir

An das „Guten Morgen“ : wir schalten
Ab & an : wie’s uns gefällt : unterm hölzernen
Dachboden : beinahe familiär diese Runde
Einander fremder Menschen : die sich hier

Zum Filmegucken trifft : man kennt sich
Man glaubt : sich zu kennen
Später beim Kichern & Kiffen : grüppchen-
Weise auf dem Dach : mit Blick

Zum Mond : der rundet sich : als wäre er
Schwanger : als hätten wir ihn geschwängert
Mit unseren fruchtigen Blicken : während wir
Anfangen zu zittern : drei Uhr morgens

Zeichen und Los

Abends im Kessel
Blasen zerplatzen
zu käsigen Reden
junges Fleisch gart
mager auf Spießen
Verheißend blüht
Heimat hier nach
wo stinkend auf
Haufen geschichtet
in lausigen Kellern
Gammler blond
Gnade erwinseln

 

Sekundärquellen:

Goscinny/Uderzo: „Asterix bei den Schweizern„, 1970

Kurt Reuber: Madonna von Stalingrad,1942

Freddie Quinn: „Wir„, 1966

* * *

die bäume
blühen nicht mehr
unter der rinde
quellen die worte hervor
und erstarren
irgendwann
treffen sich reiner
kunze und günter ullmann

Manchmal
reicht ein Mensch in der Welt
alles so häßlich
alles entstellt.
Und ich frag mich
soll das wirklich so sein?

Manchmal
kommt ein Mensch in die Welt
alles nur Liebe
alles erhellt.
Und ich frag mich
kann das immer so sein?

Brühwürfelkristall

Skelette, Fackeln der Nacht,
reiht nieder für ein Kreuz.
Nur eines, Jugend,
Salz der Erde, sing,
wenn wieder umröhrt
im Chor furunkelnder Fahnen,
vorwärts benommen, Ströme erahnend:

roter Durst macht ewiglich taub
und weissen Hunger sonah.

Eine abfällige Ordnung

Mahnt das Land, indem ich lebe,
an. Erträumter Gehorsam,
robbende Duldung: lange Jahre der Fahrt
verglühen beschwaden in geschürten Feuern.
Neue, hinstörende Welten ersuchen

ordenverhangen, Gezitter darklirrend,

zwanghaft um Jacken ohne geschulterte Stricke.

Ich spiele, spiele mit Lügen aus Blech,
fluche und schreie. Donner will tanzen

auf allen von Wahrheit vertrockneten Lippen.

Blitze, schnellt! Zerschmachtet stets
wohlfeile Demut in gerissene Stücke!
Donner willl tanzen auf öligen Haaren,
feister Hagel, hitzige Glatzen fällend, trommeln;

Staat und Wohl: statt und wegen.
Blitz und Donner: Wunsch und Begehr.

Die Wahrscheinlichkeit der Wunder

Manche Dinge ereignen sich
häufiger als du und
ich: Charles Simic

sitzt am Schreibtisch
und schreibt
kein Gedicht. Kein

Ziel unterm Himmel,
um von den Sternen zu
schweigen. Der Dichter

steuert seinen Automaten
aus freiem Willen,
der Entschluss nicht

zu sprechen liegt hart unter
der Zunge; die Form ist schon
erfunden lange

Lange vor der Zeit: wir
waren verwandt
mit dem Mond, nun sind

wir nicht mehr
wir
sind nicht

Bist du ein Dichter?
Dann schreib.
Aber lies es auch, wenn

mehr als nur
einer,
unter der Zunge

Sprich es nicht aus. Der
Name des Dinges
ist keine Klasse von

Ereignissen: Charles Simic
schreibt nicht (es ist
nur der Mond über ihm

sich : unmerklich

manche Träume fliehen : im Licht
des Morgens sind sie fort
wer vermag es : ihnen
zu folgen : manche Träume
verkleinern und verstecken
sich : in den Seiten eines Buchs
nur der Geist vermag : sie
einzufangen : mit ihnen
zu spielen : manche Träume
vergrößern sich : unmerklich
werden sie zu einem Stück
Leben : wie Luft und Wasser
Grasland : Traum

Mauser

Zwischen den Zeilen tummeln sich Wesen,

dickhäutig und bedeutungsschwanger,

renitent gegenüber den Konventionen der Stille.

Reinliche Phantasiegebilde, Märtyrer des Lauteren,

Grimassen großer Brüder anerschlichenen Geunzerstelltens:

Scheren brüten die Flucht in Harmlosigkeiten aus,

säugen federleichte, rosa Elefanten.

—

 

Und dazu, weil mir die Szene gerade in den Sinn kam:

 

(…) Man kann ihm nichts verbergen, sagten die Leute von Selymbria.

„Wie kommt es, daß du so weise bist“, fragte ihn einer.

Und Baudolino: „Weil ich mich verstecke.“

„Wie kannst du dich verstecken [auf deiner Säule]?“

Baudolino steckte ihm eine geöffnete Hand entgegen.

„Was siehst du vor dir?“ fragte er. „Eine Hand“ sagte der andere.

„Siehst du, ich kann mich gut verstecken“ sagte Baudolino.

 

Baudolino, Umberto Eco, 2000

Verwanderschaft

Eine Kurzgeschichte wird oft nicht zum Roman, wenn ihr Autor nach einer gewissen Zeit – entweder aus Langeweile vor dem Thema oder aus Langeweile vor sich selbst, aus ideologischer Trägheit oder intellektueller Unlust heraus – die Handlung verdichtet. Der Autor forciert dann eine mehr oder weniger subtile Pointe, sei es auch nur eine solche, dass die (zerfahrene) Handlung eben keine zulasse.

Bestimmte Kurzgeschichten tragen jedoch teilweise  einen solchen Kern in sich, der zwar genug Stoff für einen Roman bilden könnte, doch ließe sich so, was unter Umständen als eine Kurzgeschichte durch eine spannende, expressionistische Strichzeichung abgebildet werden könnte, als Roman lediglich als eine kitschige Landschaftsidylle in Öl aufzeigen.

Umgekehrt ist es so, dass kaum ein (längerer) Roman, vielleicht ein dicker, grossformatig wie „Guernica“, das  richtige Format besäße, zu einer Kurzgeschichte im Sinne eines warholschen Comicdrucks verwandelt zu werden.

Was das Lesen eines langen Romans betrifft ist es wie das sich-treiben-lassen auf einem breiten Fluß. Eine Kurzgeschichte dagegen ähnelt des Öfteren einer Wildwassertour. Gewitzte Romanciers bauen Stromschnellen ein, Indianerdörfer, Krokodile aber auch Seerosen und  glitzerndes Haar, um Längen zu kaschieren, subtile Kurzgeschichten legen es auf Unterwasserwirbel an, die der Leser schon vor den  schlafwandlerischen Protagonisten zu spüren beginnt – und vielleicht stehen deren fehlende Schwimmwesten ja für Korruption?

Romane, das sind die Güterzüge der Kultur, sie haben eine Lok oder zwei und 20 Kapitel, manchmal mehr. Ihre Verfasser, von sich selbst überzeugt (oder von ihren Zweifeln daran, wie -der Novellist- Kafka), weisen ein hohes Maß an Disziplin und vorexerzierter Gewichtigkeit auf.

Kurzgeschichten dagegen  ziehen Autoren an, die gern Skizzen drechseln, die in ihrer Wirklogik oft ziellos, ja teilweise sogar anarchistisch sind, was ihnen ermöglicht Projekte aus dem Hut zu zaubern, verfallen zu lassen, flexibel in ihrer Sprachmanier zu sein, ganz wie die Gegenwart es ihnen vorgibt. Manche Wikipedia-Artikel hätten gar  das Zeug für Kurzgeschichten, wenn sie mit den nötigen literarischen Werkzeugen behandelt werden würden.

Ohne das mikrokosmische Klima, das die Kurzgeschichte in der Gesellschaft verortet (oder vermisst) und artikuliert ist der Roman undenkbar; ohne seine schützende Ozonschicht kollabieren wiederrum viele Story-Sphären – das Ökosystem der Literatur bedarf ihrer beide. So wird der Roman kürzer, wenn die Welt schneller wird, denn es mangelt den Lesern an Zeit. So wird er länger, denn der verbesserte (upgegradete) Leser kann viel  mehr in gleicher Zeit konsumieren.

Kurzgeschichtler: die Plänkler, die Warner, die Entdecker.

Romanciers: die Panzer, die Türme, Karl Mays.

Doch dies ist viel zu kurz gegriffen, schließlich gibt es auf der Weltbühne der Literatur auch einige Autoren, die sowohl Kurzgeschichten wie auch Romane geschrieben haben, Oscar Wilde zum Beispiel. Gleichwohl festzustellen ist, dass diese ‚Zwitterwesen‘ meist das eine oder andere stark bevorzugten und  aus wirtschaftlichen bzw. prestigehaften Erwägungen heraus der bevorzugten Literaturgattung Fremdes schrieben – Oscar Wilde, zum Beispiel.

Viele Autoren verweigern sich dem Roman, ja sogar dem Essay; deren gravitative Wirkung, behaupten sie, wirke sich negativ auf das zarte Pflänzlein Kreativität aus. Wahrlich, es sind nur wenige Papageienarten über 3000 Meter Höhe anzutreffen. Nietzsche hat mit seinem Zarathustra das geradezu Unmögliche geschaffen, indem er mithilfe des Aphorismus‘ einen philosophischen Roman kreierte – eine Leistung die in ihrer literarischen Bedeutung jener physikalischen der einstein’schen Relativitätstheorie wohl in nichts nachsteht.

Dann und wann gibt es Romane, die die Vorzüge einer Kurzgeschichte mit dem Mantel einer langen Erzählung belegen, die einen essayistischen Charakter für symbolische Details mit einer lange fesselnden Chronologie paaren, sie sind die Perlen der Literatur, die des Kalks der vielen kleinen gedichteten Algen bedürfen, die ihnen die Strömungen der oralen Tradition stetig zutreibt. Doch auch die Perlen brauchen Riffe, um zu gedeihen. Und Taucher, um ihre Schönheit ans Licht zu bringen – um leuchten zu können.

Farben, das sind atomare Muster und symbolisieren doch auch Unerklärliches, werden als Fläche zum Zeichen. Romane, das sind erzählerische Muster und doch auch Schatten und Schemen (man denke an den Ulysses!), werden als Werk zum Zitat. Kurzgeschichten hingegen sind Lichtquelle, ermöglichen die Fläche, zitieren dem Werk(e) zu.

In Psalmen der Liebe

 

Feigenvogel, Zeitenwandler ~

gelobt sei dein Klang, der Lüfte streichelt,

Sonnen strahl’n und Ewigkeiten

weinen lehrt.

 

Bestaunt sei dein Flug ~

Sehnenssegler, Blütenträumer,

dem schollendonnernd Wellen klatschen

und Wolken röten.

 

Alle Sorgen, Hoffnungswütiger,

jegliche Ängste, Lächlerschäumer,

ersuchen, ehrfurchtsvoll ob der Gischt

deines maßlos schwebenden Blickes

um Zuflucht ~

Kamasuddamam, 2XXX

Ein grelllackfliesener Morgenbunker:

träges Sonnenblumentagsfundament;

in der Ferne Farbbetonstauwehen

auf der Abendhimmelsautobahn –

Lysergsäure trifft Plattenbaukinder.

 

(Also redete Zarathustra in der Stadt, die er liebte und welche
zubenannt ist die bunte Kuh.)

Evolutionärer Leinenzwang

Zwei Hunde zanken sich um Knochen.

Der eine Hund trägt einen Maulkorb,

sein Bellen hallt gedämpft.

Ein Pekinese schaut aufmerksam dabei zu

und pisst, spitzbübisch in Gedanken versunken,

seinem Halter unauffällig auf die Schuh.

Die schwachen Knochen tanzen unter den Pfoten gespenstisch

und brechen zum Teil, frisches Mark liegt frei,

der Pekinese leckt in geradezu affenartiger Geschwindigkeit daran.

Le chien vieux avec la muselière: groß und hager,

narbbesäht und verzweifelt entschlossen.

Ein Windhund mit Flatulenz. Fast entrückt, wie

aus einem Roman Jack Londons entsprungen.

Sein Kontrahent: eine Dogge, bullig und fett,

sabbernd und gierig, skrupellos und stolz,

Monstrum und doch ganz Menschenkind dabei.

Wie eine Katze kämpft der Windhund, wie ein Eber die Dogge,

der Pekinese schaut noch immer zu und leckt am Mark wie ein Ameisenbär.

Der rüstige Halter hat für heut genug, die Geschäfte sind erledigt,

er pfeift kurz und artig trotten die drei -bis morgen- heim,

ins glatt gemauerte Haus mit verziertem Giebel.

Nachts schleicht ein geisterhaftes Flüstern um:

spielt weiter vor, habt nur Geduld.

 

kanonischer Europaqualkrampf

En-ah-te-oh-eh-uh

wähl nicht so oft C-hehe-D-U,

nur für Schwindler ist der Lühühü-gähntrank,

schwächt die Bürger, macht sie aha-harm ganz lang,

sei doch kein Merkelmann, der das nicht las-sen kann!