Das Schlimmste war das Haarewaschen

Mein Freund wohnt in einer Gegend, die von Geiern umkreist wird. Es sind Tiere, keine Siliciumwesen (das wäre ihm sicher besser zu passe gekommen), sie treten in Schwärmen auf. Zu ganz bestimmten Uhrzeiten (schämen Sie sich!) bekunden sie laut und aktiv ihr Dasein, während sie fressen und scheißen. Das ist wie eine Rutschbahn auf der man runtersaust, dieses Satzende. Spinntanpoetik, würde Eisenhans, wäre er noch unter den Blogern, hierzu sagen. Ich mache das Fenster zu, bevor ich schreibe. Denn vor meiner Balkontür kreisen die Geier, die Bibliothek haben sie schon im Griff, und das, was dort auf der Straße in kleinen Schüben und Klecksen dicht beieinander aufgetragen ist und im Auge glänzt, ist Vogelkacke der unterschiedlichsten Trockungsgrade. Erst jetzt kommt mir das zu Bewusstsein, ich hinke anscheinend mit allem etwas hinterher. Stehe auf dem Schlauch oder auf der langen Leitung, je nachdem, ob gebaut, bewässert oder gedüngt wird. Ich stelle mein Fahrrad ab. Die Sonne lacht, die Luft ist frisch und kalt. Kleine Vorboten des Guten. Auch die Autos links und rechts neben dem Bürgersteig sind vollgeschissen. In der Mittagszeit (also, Sie haben wirklich kein Schamgefühl…) ruhen die Geier, sie sind abwesend, und Stille erfüllt die drei Dimensionen des Raumes. Ja, Sie hören richtig, des Raumes. Die Stadt ist ein Raum, von Materie unterteilt. Im Großen wie im ganz Kleinen. Raum genug, um tief Luft zu holen. Es ist wenig Verkehr und der Kopyshop hat noch geöffnet. Noch ist nicht Kochzeit (Sie sind die Verdorbenheit per se), daher bleibt die Luft neutral. Obwohl ich Entzugserscheinungen verspüre, geht es mir gut. Ich denke, dass mein Freund dort drüben in dem Café sitzt und arbeitet. Denken reicht mir. Ich biege in den Kopyshop ab. Letzte Woche trat mein Freund schon morgens um sieben aus dem Haus und wurde mit Vogelkacke auf das seidige Haupthaar beglückt. Das bringt Geld, denke ich, etwas, wovon er eigentlich nicht noch mehr braucht, worüber er sich aber trotzdem freut. Aber das Schlimmste war das Haarewaschen.

Dieser Beitrag wurde von frau kleist am 16. November 2013 um 16:03 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

2 Kommentare »

  1. ?

    Was bringt die Elektronen aber dazu, so unermüdlich durch das Kabel zu wandern?

    Dieser Beitrag wurde von frau kleist am 15. November 2013 um 18:33 Uhr geschrieben.

    Genre: Realitätsschatten
    1 Kommentar »

    Es gibt dazu zwei sich gegenwärtig widersprechende Theorien: Die eine besagt, der Kosmos sei eine geneigte Ebene, und die Elektronen seien die Kugeln, die in ihm hin & her rollten, unermüdlich. Gemäß der anderen ist das Kabel ein Windkanal, und die Elektronen schwimmen einfach unbewegt in Vater Äthers (Hölderlin, schon gut) Suppe, obwohl da niemand ist, der sie auszulöffeln bestimmt wäre. Zugegebener Maßen sind beide, für sich genommen, unbefriedigend

    Comment by stein — 21. Mai 2016 @ 20:29

    Comment by crysantheme — 14. Dezember 2017 @ 14:20

  2. Dieser Verwaltungsakt! Der war das Schlimmste. Es betraf alles, was sich Hühner- oder – ganz allgemein – als Vogelk***e bezeichnen ließ. Haben Sie schon den Korinthen gesehen? Er fliegt bevorzugt in der Weihnachtszeit. Zum Glück hat er nur wenig Kalorien.

    Comment by Loslassen und abschießen — 15. Dezember 2017 @ 11:50

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