`Ab`!

Feldstimmen wandern langatmig über Silberkleckse zitternd gewebter Kinderfaden.

Fühlende Inschriften reisen in den pfadrosenden Heimlosnächten zwischen kalten Schenkeln.

Kalten Schenkeln. Füchse spalten rote Galgen auf holz – duftenden Rädern.

Fahle Wässer grasen auf Hufeisenschichten der Wundermühle.
Fünf zig mal krähte das Huhn.

Dreht sich die Raupe
in den Arkaden.

Feldspinnen riechen den Klang ferner Sommerkinderstimmen
in den Blumen.

Dörrobst

Zubereitung: Die Früchte und Nüsse schneiden, mit einem Teil der Milch anfeuchten und stehen lassen.

Die Idee ist gut. Sie macht sich fast von allein. Zeigt ihre Schärpen und Rüschen aus Apfelspalt und Birnenritze. Sie dreht sich einmal rund und schwingt dabei das Tellerröckchen aus Nüsschen und filletierten Appriköschen namens Lady Lilac. Hoppsapsa, freut sie sich, und der Gesundheit zu liebe. Doch dann: stehen lassen? Da fühlt sich die Lady ganz schön angepisst. Wackelt über die Tanzfläche und legt sich eine Dörrpflaume in das Stolzenfels-Sektchen.

Das Schlimmste war das Haarewaschen

Mein Freund wohnt in einer Gegend, die von Geiern umkreist wird. Es sind Tiere, keine Siliciumwesen (das wäre ihm sicher besser zu passe gekommen), sie treten in Schwärmen auf. Zu ganz bestimmten Uhrzeiten (schämen Sie sich!) bekunden sie laut und aktiv ihr Dasein, während sie fressen und scheißen. Das ist wie eine Rutschbahn auf der man runtersaust, dieses Satzende. Spinntanpoetik, würde Eisenhans, wäre er noch unter den Blogern, hierzu sagen. Ich mache das Fenster zu, bevor ich schreibe. Denn vor meiner Balkontür kreisen die Geier, die Bibliothek haben sie schon im Griff, und das, was dort auf der Straße in kleinen Schüben und Klecksen dicht beieinander aufgetragen ist und im Auge glänzt, ist Vogelkacke der unterschiedlichsten Trockungsgrade. Erst jetzt kommt mir das zu Bewusstsein, ich hinke anscheinend mit allem etwas hinterher. Stehe auf dem Schlauch oder auf der langen Leitung, je nachdem, ob gebaut, bewässert oder gedüngt wird. Ich stelle mein Fahrrad ab. Die Sonne lacht, die Luft ist frisch und kalt. Kleine Vorboten des Guten. Auch die Autos links und rechts neben dem Bürgersteig sind vollgeschissen. In der Mittagszeit (also, Sie haben wirklich kein Schamgefühl…) ruhen die Geier, sie sind abwesend, und Stille erfüllt die drei Dimensionen des Raumes. Ja, Sie hören richtig, des Raumes. Die Stadt ist ein Raum, von Materie unterteilt. Im Großen wie im ganz Kleinen. Raum genug, um tief Luft zu holen. Es ist wenig Verkehr und der Kopyshop hat noch geöffnet. Noch ist nicht Kochzeit (Sie sind die Verdorbenheit per se), daher bleibt die Luft neutral. Obwohl ich Entzugserscheinungen verspüre, geht es mir gut. Ich denke, dass mein Freund dort drüben in dem Café sitzt und arbeitet. Denken reicht mir. Ich biege in den Kopyshop ab. Letzte Woche trat mein Freund schon morgens um sieben aus dem Haus und wurde mit Vogelkacke auf das seidige Haupthaar beglückt. Das bringt Geld, denke ich, etwas, wovon er eigentlich nicht noch mehr braucht, worüber er sich aber trotzdem freut. Aber das Schlimmste war das Haarewaschen.

Die früh Verwöhnten

Die früh Verwöhnten kuscheln brav

Im Bett : am Bildschirm

hocken sie die halbe Nacht : der Vollmond

 

Interessiert sie nicht & nicht der Sturm : der

Durch die Esche rauscht : das ist zuviel Natur

Ein Schritt zuviel vors Haus : sie warten ab

 

Beim Nachbarn brennts : die Flammen

Greifen über : solang das Sofa

Steht : herrscht keine Not

 

Wenn sie sich doch bewegen müssen : hat

Ein andrer schuld : so ists bequem

Mag draußen Regen quirlen : der Kuchen

 

Schmeckt & Krieg gibts nur im Spiel : da

Wird geschossen : was die Maus hergibt

Los : räum ab : ich hab den kleinen Finger

 

Grad nicht frei : Mama wirds mir richten

Weihnachtsmänner

Als die Atemnot im Rossmann so stark wurde, dass ich kaum noch gehen konnte, kam ein Brief von Dir an. Ich öffnete die Botschaft und blieb auf dem Fleck stehen, auf dem ich mich regenerieren wollte, hoffend, nicht innerhalb der nächsten zehn Sekunden umzukippen und von einer der Kassiererinnen vom Fußboden aufgekratzt zu werden. Und mit Tatütata wäre es auch schon in die Notfallklinik gegangen. Infusionen, Tabletten Spritzen – reines Cortison, du kennst das von mir. Sonntags in der Elsterbar trug ich lange Ärmel wegen der Sonne, die dunkelblaue Brille über Stirn und Augen. Was willst du mit dieser kranken Frau, fragte ich mich, nur schreiben kann sie, deine Fiktionen aufhübschen, rennovieren, das ist alles. Da kann sie ruhig gegen jedes Stäubchen allergisch sein, wusstest du, ich bete ihren Geist an, bedecke ihr sanftes Gesicht mit blütenweißen Gazefiltern, teuer erstanden im Sanitätswarenladen. Du, ja ich weiß, du opferst dich für mich, obwohl deine Gefühle von Natur aus eher schwach sind. Warum schien damals nur die Sonne und ich habe dich mir angelacht. Nun stehe ich mit Atemnot am Regal neben den Bioklamotten, dem grünen Thee, den geriebenen Vanilleschoten, dem Chai Latte aus irgendwelchen korrekten Anbaugebieten, dem Tee, den du irgendwann am Anfang mal gern für mich da gehabt hättest – und lese. Du wünschst mir ein gutes, ein schönes – nein nicht nur ein gutes, nicht nur ein schönes – ein besonders schönes Weihnachtsfest. Später zerschlage ich Blumentöpfe und klebe ihre Scherben kunstvoll wieder zusammen. Crashe die Christbaumkugeln mit der bloßen Hand. Aber am Regal mit dem Bioobst, den Theedüften, denke ich, mein Weihnachtsmann in rotem Zelluphan, es knistert, die Schokolade ist süß da drinnen, der Himmel abschüssig und du kommst gerade auf einem Edelholzschlitten herabgesaust zu mir, direkt in diesen Rossmann. Nein, Sie dürfen den Krankenwagen wieder abbestellen. Mit mir ist wirklich nichts.

Briefwechsel 2

– Auszug –

… Deine Briefe hatten vor allem eine Wirkung: Sie reizten mir die Gedärme. Sie lehrten mich das Rennen. Ich, die ich im Sport eher unteres Mittelmaß war, legte nach der Lektüre Deiner Briefe einen echten Sprint hin. …

 

 

Wir Jaden

Wir hobeln Gruben bis zum Stein.
Wir siechen hin mit all den Empfindungen,
Abfall betastet auf der endlosen Straße
der Niemand´s – Wertigkeit.

wir dichter

wir dichter sind freundliche schafe : lassen uns
herumführen von ort zu ort : immer einen scherz
auf der zunge : dabei sind wir melancholisch
nur aufzuheitern durch gutes essen : bitte drei gänge

und ein paar gläser wein oder zwei flaschen bier
damit sind wir schon zufrieden und lassen uns
herumkutschieren : kreuz und quer durchs land
um am abend ein paar minuten lang unsere genialität

zu preisen : indem wir möglichst gleichgültig verse
vorlesen vor fünf oder fünfzehn leuten : von denen man nie weiß
was sie ins publikum verschlagen hat : uns verschafft es
den nächsten aufenthalt : die nächste beteiligung

an einer anthologie (nicht an aktien) : wir sind so einfach
zufriedenzustellen : am tage reicht uns eine leere landschaft
mit weitem blick und bitte eine portion
einsamkeit : romanschriftsteller lieben es etwas belebter

sie brauchen eine unterkunft in kleinen großstädten
wo verbrechen und verfolgung mit der sirene ins hotelzimmer tönen
wir dichter lassen uns ohne widerstand abführen
in irgendeine idylle : ohne zu murren

Manieren und Pleiten

Ein Benutzer-Handbuch* für Frauen mit akademischem Abschluss

*Ratgeber wollen wir nicht verwenden, das klingt zu sehr nach der Generation Mutti und Omi. Gebrauchsanweisung ist zu technisch. Unser heutiges Thema aber hat mit dem menschlichen Körper und seinen Chromosomen zu tun. Etwas mit den Händen benutzen bietet sich also weitaus besser an und ist wesentlich zeitgemäßer: Keine Romantik, keine Beschönigung, kein unnützes Drumherum.

1. Sie sind in seiner Wohnung und betrachten das mäßig bestückte CD-Regal. Sie sagen, mein früherer Freund interessierte sich so sehr für klassische Musik aus allen Epochen und Ländern, dass er eine komplette Wand seines 30 Quadradmeter großen Wohnzimmers für die Tonträger benötigte.

Seine Reaktion: er zeigt Ihnen eine 10 CD umfassende Sammlung der Filmmusik von „Matrix“ und „Matrix Reloaded“ und sagt dazu, der Komponist sei ganz modern, erst vor 2 Jahren gestorben. Das Cover ist futuristisch und scheint im Baumarkt entworfen zu sein. Daneben stehen Spielzeug-Busse und -flugzeuge. Er erklärt deren Herkunft und die Umstände, unter denen ihre lebensgroße Originale einst eingesetzt wurden. Es handelt sich nicht um Kriegsspielzeug.

Ihre Antwort: Sie bleiben höflich und interessiert, sagen oh und ah und hmhm und ja. Ist ja interessant. Schließlich warten Sie darauf, dass er Sie küsst.

2. Er nimmt Ihren Kopf in beide Hände und beginnt das Küssen. Leider spüren Sie nur dünne Lippen, Feuchtigkeit und eine Zunge, die immerzu dieselben Bewegungen ausführt.

Ihre Reaktion: Sie halten selbstverständlich die Augen geschlossen und harren dem, was da noch kommen mag. Noch ist es nicht vorbei.

Seine Antwort: Er macht dankbar weiter.

3. Sie landen tatsächlich auf seinem Bett oder seiner Couch. Es scheint langsam besser zu werden.

Ihre Reaktion:   –   (selbsterklärend)

4. Er sagt: Du bist eine wirklich faszinierende Frau. Ich wollte bloß nicht, dass du etwas falsch verstehst, deshalb habe ich…, während er weiter macht.

Ihre Reaktion: – (selbsterklärend) Ihre Beine sind mittlerweile oberhalb seines Körpers.

5. Er erschlafft mit einem Mal, wird unkonzentriert und beginnt das Faseln: Dein Buch ist wirklich gut, du brauchst aber mehr Erfolg, es fehlt dir an Bekanntheit … etc, pp.

Ihre Reaktion: ?

6. Er sagt, er müsse mehr Sport treiben, entschuldigt sich und geht aufs Klo.

Hier gibt es 2 Möglichkeiten: Entweder Sie bleiben tolerant, ignorieren eventuelle Körpergeräusche und hoffen auf bessere Zeiten, die ja bekanntlich immer mal kommen werden – oder Sie nutzen den Moment, packen Ihre Sachen und steuern schleunigst den Ausgang der Wohnung an.

Kultur und Sprache

Kultur ist also ein Zeichensystem, das auf eine ganz bestimmte Weise organisiert ist. Dabei fungiert gerade das Moment der Organisation – verstanden als die Summe von Regeln und Einschränkungen, denen das System unterworfen ist – als das bestimmende Merkmal der Kultur.

Die Definition der Kultur als eines Zeichensystems, das bestimmten Strukturregeln unterworfen ist, erlaubt es uns, die Kultur als eine Sprache auszufassen – in der allgemeinsemiotischen Bedeutung dieses Terminus.

Unweigerlich nimmt die Kultur den Charakter eines sekundären Systems an, das jeweils über einer in der betreffenden Gemeinschaft üblichen natürlichen Sprache errichtet wird, und in ihrer inneren Organisation reproduziert die Kultur das Strukturschema der Sprache.

Die Übersetzung ein und derselben Texte in verschiedene andere semiotische Systeme, die Identifizierung unterschiedlicher Texte, Grenzverschiebungen zwischen den Texten, die einer Kultur zugehören, und denen, die sich jenseits ihrer Grenzen befinden – diese Vorgänge bilden den Mechanismus der kulturellen Wirklichkeitsaneignung. Die Übersetzung eines Ausschnitts de Wirklichkeit in eine „Sprache“ der Kultur, seine Umwandlung in einen Text, das heißt in eine auf bestimmte Weise fixierte Information, und die Aufnahme dieser Information in ein kollektives Gedächtnis – dies ist die Sphäre der tagtäglichen kulturellen Tätigkeit. Nur das, was in ein Zeichensystem übersetzt wurde, kann Gedächtnisbesitz werden, und in diesem Sinne kann man die Geistesgeschichte der Menschheit als einen Kampf um das Gedächtnis betrachten. Nicht zufällig erfolgt jede Zerstörung von Kultur als Vernichtung von Gedächtnis, als Tilgung von Texten, als Vergessen von Zusammenhängen.

Die Chronik war der Wirklichkeit isomorph: Die alljährliche Aufzeichnung ermöglichte es, einen endlosen Text aufzubauen, der sich entlang der Zeitachse immer weiter ausdehnte. Der Begriff des Endes bekam in diesem Kontext eine eschatologische Einfärbung, er stimmte überein mit den Vorstellungen über das Ende der Zeiten, das heißt der irdischen Welt. Das Herausheben eines markierten Endes im Text (die Umwandlung der Chronik in eine Geschichte oder einen Roman) stimmte überein mit seiner kausalen Modellierung. In dieser Hinsicht war die Umwandlung des Lebens in einen Text verbunden mit der Erklärung seines geheimen Sinns. Im Aufbau der Chronik wird ein anderes Schema realisiert:

Leben –> Text –> Gedächtnis

Die Umwandlung des Lebens in einen Text dient hier nicht der Sinnerklärung, sondern der Eintragung von Ereignissen in ein kollektives Gedächtnis… Das gemeinsame Gedächtnis verwies auf die bewußt wahrgenommene Einheit der Existenz. In diesem Sinne konnten die Chronik und die ihr funktionsverwandten Gedächtniszeichen (Gräber und Epitaphien, Denkmäler, Inschriften auf Gebäudemauern, Toponymik) für die Gemeinschaft die Funktion von Existenzzeichen erfüllen, weil sie – im Unterschied zu historischen Texten mit pragmatischer Ausrichtung – nicht Erklärungen von Ereignissen, sondern die Erinnerung an Ereignisse darstellten.

Zwei einander entgegengesetzte Verfahrensweisen:

1. Die Welt ist ein Text. Sie stellt eine sinnvolle Mitteilung dar, als Schöpfer des Textes können auftreten: Gott, Naturgesetze, die absolute Idee usw. Die kulturelle Aneignung der Welt durch den Menschen besteht im Erlernen der Sprache des Textes, in seiner Entschlüsselung und Übersetzung in die dem Menschen zugängliche Sprache… Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß zum Beispiel die armenische Kirche einen besonderen Feiertag der Heiligen Übersetzer kennt, der als Tag der nationalen Kultur begangen wird.

2. Die Welt ist kein Text. Sie hat keinen Sinn… Hier haben wir es nicht mit der Übersetzung eines Textes zu tun, sondern mit der Umwandlung von Nichttext in Text. Die Umwandlung von Wald in Ackerland, die Trockenlegung von Sümpfen oder die Bewässerung von Wüsten, kurz: jegliche Umwandlung von nicht kultivierter Landschaft in kultivierte kann man als Transformation von Nichttext in Text auffassen. In diesem Sinne gibt es zum Beispiel zwischen dem Wald und der Stadt einen prinzipiellen Unterschied. Die Stadt trägt in sich in sozialen Zeichen fixierte Information über verschiedene Seiten des menschlichen Lebens, das heißt, sie ist ein Text in demselben Ausmaß wie jede Produktionsstruktur.

Softwaretester

Auch er will leben. Heute morgen will ich nur schnell ein Brot essen. Die Scheiben kommen dunkelbraun aus dem Toaster geflogen, im Zimmer gegenüber flattert ein Stoß Papier, bedruckt mit einer 8-Punkt-Schrift. Alles bei offenem Fenster. Die Küchenuhr schellt, die Eier im Topf zerplatzten. Entropie, murmelte mein Freund, den Mund noch halb voll und schon im Arbeitsanzug. Seine Tochter ist groß, weitere Kinder will er nicht. Die ganze Woche bin ich allein und damit beschäftigt, einen Ort für meine literarische Arbeit frei zu schaufeln. Allein, während mein Freund im In- oder Ausland Software testet. Software für Munition, Software für Banken, Software für Aktienmärkte oder Software für Sachbearbeiter im Gesundheitswesen. Die Wände sind mit seriellen Zahlenreihen bespickt. Informationstechnologie, das ist die Zukunft. Ich sage, hier. Ich helfe ihm in den Mantel, auch als Frau tue ich das gern, und küsse ihn auf die Stirn. So wünscht er sich das, liebevoll auf die Stirn. Wenn wir dann am Freitag gemeinsam beim Dinner sitzen, ist es ihm gleich, ob die Raucherlounge noch leer ist. Er sitzt gern dort. Jedes Wort wirft ein Echo ab, zwischen blanken Tischen und Stühlen, es stört ihn nicht, dass die Kellnerin extra für uns den weiten Weg herkommt, weil wir das einzige Paar in der Raucherlounge sind. Ich hole den Staubsauger aus der Abstellkammer und beginne mit der Hausarbeit. Wir haben einen digitalen Staubsauger, dessen Software sicher auf alle wahrscheinlichen Fehler getestet wurde. In zwei Stunden werde ich mein Werk vollbracht haben. Sein Schreibtisch ist leer, die Zahlenreihen sind verschwunden – ich schließe die Augen und denke an nichts. Ich ziehe den Stecker. Nun habe ich Zeit für wirklich wichtige Dinge.

Kultur und Information

Der Mensch will leben. Die Menschheit trachtet nach Fortbestand. Diese elementaren Wahrheiten liegen sowohl dem Verhalten des einzelnen zugrunde wie auch dem Gang der Weltgeschichte. Die Erfahrung zeigt, daß die Verwirklichung dieses so einfachen und offenkundig berechtigten Zieles jedoch mit immensen Schwierigkeiten verbunden ist …

Die Praxis der Geschichte ist ein strenger Kritiker. Unerbittlich sondert sie all das als Spreu aus, was für das jeweilige System entbehrlich ist. Dennoch, wenn wir die Menschheitsgeschichte überblicken, so werden wir mit Erstaunen gewahr, daß die Menschheit im gesamten uns zugänglichen Zeitraum, so weit wir auch in die Vergangenheit zurücksteigen mögen, neben der unmittelbaren Produktion stets auch Kräfte bereitstellt für die Kunst, für theoretische Beschäftigung, für Erkenntnis und Selbsterkenntnis.

Dabei wird für diese Tätigkeit nicht etwa abgestellt, wer sich für nichts Besseres eignet. Nicht die untauglichen und ausgestoßenen Mitglieder der Gesellschaft werden dafür eingesetzt, sondern gerade die fähigsten und aktivsten Menschen, bei denen sich Genie verbindet mit dem Streben nach Gemeinwohl…

Wenn es für die biologische Existenz eines einzelnen Menschen ausreicht, daß bestimmte natürliche Bedürfnisse befriedigt werden, so ist das Leben einer wie immer gearteten Gemeinschaft jedoch unmöglich ohne eine gewisse Kultur. Für jede Gemeinschaft ist die Kultur nicht fakultative Zugabe zum Minimum der Existenzbedingungen, sondern eine unerläßliche Voraussetzung für die Existenz der betreffenden Gemeinschaft…

Man kann die Bedürfnisse des Menschen in zwei Gruppen einteilen. Die einen verlangen eine sofortige Befriedigung und können nicht (oder so gut wie nicht) akkumuliert werden. Die Körperzellen können zwar in bestimmten Mengen Sauerstoff speichern, für den menschlichen Körper als Ganzes jedoch gibt es keine Atmung auf Vorrat. Ebensowenig kann man Schlaf speichern… Im Kampf um seine Existenz ist der Mensch also an zwei Prozessen beteiligt: Zum einen tritt er auf als Verbraucher materieller Dinge und Sachwerte, zum andern agiert er als Akkumulator von Information. Beide Seiten sind lebenswichtig. Mag für den Menschen als biologisches Wesen die erste genügen, so setzt aber das soziale Sein das Vorhandensein beider voraus.

Heute können wir dafür eine allgemeinere Definition angeben: Kultur – das ist die Gesamtheit aller nicht vererbten Information zusammen mit den Verfahren ihrer Organisation und Speicherung.

Der Rest

Einmal hatte ich die Eingebung
Dass nichts ohne den
Rest jemals
Bedeutung haben würde

Ich prüfte die Eingebung
Ich prüfte den Rest
Und befand

Ich befand mich urplötzlich
In einer anderen Welt
Die Dinge lächelten mir zu
Von den Dingen her
Strömte es übern Himmel
Der nur ein Grund für die Augen ist

Ich befand die Sache für
Prüfenswert mehr
Als nur eine Sache des Glaubens

Ich glaubte nicht an
Sprünge, von der Natur
Vollführt
In der Absicht zu verführen

Ich glaubte nicht an
Wunder, diese un-
Glaublichen Enthüllungen
Über alles und nichts

Am Ende blieb dann ein Rest
Der Gedanke wie es
Wohl wäre nie aufzuhören

Und ich hörte das Wasser
In der Leitung, den Strom
Wie er seelenruhig
In der Steckdose siedete

Und es wollte nicht aufhören
Nie mehr aufhören

Bis ich mich endlich
Besann: das war also
Eine Eingebung
Eine Eingebung in Worten
Erzählung über den Rest, ohne
Den niemals je
Irgendetwas
Auch nur im Entferntesten
Eine Bedeutung haben würde

Das war nun wirklich stark:
Niemals je
Irgendetwas
Als ob Aussagen dieser Art
Auch nur im Entferntesten
Mit der Steckdose und der
Langen Leitung zu tun haben könnten

Ich besann mich
Und fühlte das Strömen
Der Worte auf einer Zunge
Die keine Zunge ist
Sondern
Lediglich ein Organ
Des Artikulierens in der Zone
Zwischen Anfang und Ende
Wo sich immer alles abspielt
Und meistens mit Rest mit

jesienny *

in neuem gewand streift der herbst
rehe von den bäumen
lautlos fallen sie
und jedes hört
auf einen namen
die gehwege sind schon voll von ihnen
am liebsten gehe ich auf den boulevards
unter meinen füßen
das rascheln von rehen

————————
* polnisch, deutsch herbstlich

Duzen Part 2

Sie wuchs von Innen nach Außen, sie klebte wie eine Fliege im Sonnentau. Fest und unerbittlich. Öffnete ihr Maul und zeigte ihre Zähne. Wild geworden, die Zeiger an der Uhr. Ich in der untergeordneten Rolle. Teil dieser sandigen Bewegung. Von oben durch ein schmales Rohr nach unten geronnen. Gehst du mit mir an den Strand, eine ins Leere gestellte und banale Frage, die sich zu dir verhält wie ein Mutterstern zu seinem Planeten, gerade weit genug entfernt, dass noch Leben möglich ist. Saß in der Erinnerung am Hochstrahlbrunnen in Wien. Einer schob die Brille nach oben. Tat, als würde er mich sehen. Freiwillig legte ich den Reiseführer zur Seite, stand auf vom Brunnenrand. Vor einiger Zeit hatte ich eine Münze in den Trevibrunnen geworfen. Wer das sagt, kehrt zurück. Und wenn ich dich kehrt machen hieß. Wenn selbst die Abwesenheit deiner langwelligen Haare klingt wie Eiswürfel, die ins Glas fallen.

gesucht

blassrotes kleid fällt als
trinke sie klang
ein klang
auf verdunkeltem
boden
unter ihren füßen
wiederholt

wo goldgleicher glast
in der hitzegluten meer
ein ring gehüllt in fernes
blau auf perlmutter liegt haar blank.

Fossilien

Eine Enthüllung

Das Tier stammte aus dem Erdaltertum. Als es sich auf dem Teppich zu wälzen begann und seinen Rüssel ausfuhr, der dem Rohr eines Staubsaugers glich, erkannte er, dass dies ein Geschenk von ihr sein musste. Sie wollte ihm die Arbeit erleichtern. Er beruhigte sein Gewissen und nahm eine Zigarette aus dem versilberten Etui. Das Etui hatte er von einer anderen. Warum hab ich nur so viele Freundinnen, überlegte er und schritt dabei leise grübelnd die Wohnung ab. Das Tier auf seinem Teppich, das aus dem Saugen gar nicht mehr herauskam, denn es war ihm wesensimmanent, wurde langsam schlaff und seine Haut schien matt und dünn in der Kerzenbeleuchtung. Es besaß anscheinend außer Saugen keine Möglichkeit, sich bemerkbar zu machen und zu zeigen, dass es ins Wasser musste. Er rannte ins Bad und begann, hektisch die Wanne voll zu lassen. Wenn das Tier einging und ein fischiger Geruch sich breit zu machen begann, dann wäre es aus zwischen ihm und ihr. Nie mehr würde sie ihn sanft bei der Hand nehmen und in die eigene Wohnung zurück führen, wenn er in der prallen Mittagssonne stundenlang am Briefkasten stand, weil er die Existenz von Gluonen nachweisen wollte. Was sollte dann aus ihm werden? Das Tier durfte nicht sterben. Das Wasser prasselte in die Wanne, die war schon dreiviertel voll. Jetzt mal nach dem Tier sehen. Das saugte in unglaublichem Tempo die Wand ab und wurde dabei immer dünner und blasser. Wie er es in die Wanne befördern sollte, wusste er nicht. Es würde zappeln und sich wehren, ihm vielleicht die Hand abbeißen. Niemand wusste, wie so ein Fossil sich verhielt, wenn es sich bedroht fühlte. Er läutete Sturm bei ihr. Nein, nein, mit mir ist nichts. Sie kam gähnend heraus. Es ist halb drei, mein Lieber. Sind die Gluonen wieder da?

Longitudinal

Es geht noch das gleiche vor, der Park steht voller Bäume, mit dem Schein von etwas, Bäume, die ihre Blätter abwerfen, der Wind erinnert gleich dem Abziehbild aus einem Album an die weit entfernte See, an das Herumkreiseln und dann Hinfallen als Kind. In den Fensterscheiben spiegeln sich aufsteigende Luftmassen, gläsernes Grau. Weiß und Preußischblau, wer will schon mehr darüber wissen. Ich schreibe dir von den Wasserwelten der jungen Erde, du lobst mein Wissen über den Plattwurm, er sei einfach, unsterblich, mit einem Gehirn. Schier unerschöpfliche Lebenskraft, was ist dagegen ein Algorithmus. Jetzt machst du das Fenster auf, ich gehe nicht durch deine Straße, ich bewege mich anderswo. Ich denke mir aus, du stehst auf einer rotierenden Scheibe unterhalb eines Pendels im Rhythmus der Stunden. Tick, tack, Ührchen geht an seinem Schnürchen: All die elektronischen Steuerwerke, die ihre Zeiger bewegen, einige ticken leise und schnell, andere pulsieren träge wie im Halbschlaf und gehen nicht nach. Und ich strenge mich beim Laufen mehr an, wenn es von überall zieht. Du schließt das Fenster wieder. Eine Seite deiner Arbeit hat der Wind zu mir heruntergetrieben. Wir drehen uns um die eigene Achse und folgen dem Pendel in uns, verstohlen. Ich hänge eins auf in deiner Kammer, blauviolett, weißt du noch, in deiner Kammer.

die akazie am haus

die akazie am haus trägt erste
gelbe blätter : braune schalen
knorriger samen hängen herab

wespen flirren aus ihren
verstecken : der regen floh
in den teich : pflaumen fallen

geräuschvoll zur erde und geben
im gras kleinen tieren ein fettes mahl
und die menschen : schlafwandlerisch

treten sie aus ihren hütten
die kapelle ist fort : in den ohren
hallt noch die nacht nach

die akazienblätter zittern im wind
weder frust noch frost : sondern freude
sie winken : zwinkern : vibrieren

?

Die Plattwürmer zählen zu den einfachsten Kreaturen, bei denen sich folgender Bauplan beobachten lässt: Vorn sitzt ein Kopf, und darin ruht das Gehirn.

Blick über die Dächer

Lady Belgrad ist verschont geblieben : Titos schwarze Muse
am Rande der Stadt : sie zeigt uns ihren kleinen Finger
welche Botschaft sie sendet : wir wissen es nicht
den Generalstab hat es getroffen : ein paar Meter weiter

die Ruine : ein Blickfang für Reisende aus dem Westen
nur wenige zieht es hierher : ob Joseph sich die Folgen
angesehen hat : wir wissen es nicht : vermutlich
blieb er in Frankfurt und leckt sich die Wunden

Indianer sollen stolz auf sie sein : Belgrad trägt sie
zur Schau wie die neueste Mode : nur die Gardinenröcke
fehlen : die die Frauen über den Mini schlagen
im Sommer : aus Respekt vorm Patriarchen

damit er ihnen kein Kopftuch verordnet : nur noch
die Mädchen vom Land trauen sich : sich zu verhüllen
Lady Belgrad hat ein paar weiße Tupfer : wie Nagellack
leuchten sie nachts : während sich die Pärchen

in dunkle Ecken drücken : ohne Angst
hier lebst du sicherer als in New York : diese Stadt
hat Wille zum Leben : der ist Musik
wußte schon Arthur : auch der war nie hier

ist in Berlin geblieben und hat geträumt von den Veden
mein Blick fällt auf die Dächer : düster
schlafen die Fassaden : keinen Dornröschenschlaf
die Zeit schwärzt die äußeren Hüllen : damit

die Bewegung im Innern nicht aufhört

Würfelzucker

Mein Freund schrieb mir von einer seiner unzähligen Reisen, den Annehmlichkeiten und Hindernissen des Unterwegsseins, den ungewöhnlich schicken Herren und Damen mit auftoupierten Haaren, schnittigen Zöpfen und dem Palaver von Welt. Den transparenten Duschkabinen, den Schüttelfrösten während seiner Fieberperioden oder den Unbequemlichkeiten des dreifachen Währungstausches. Das Beste, meine Liebe, das Beste neben all der Hochkultur Europas, den Katakomben, den kleinen Restaurants mit dem starken schwarzen Tabak und dem Morgenkaffee, gemahlen aus echter Bohne – dazu reichen sie Würfelzucker, bedruckt mit den Emblemen aller Kantone –  das Beste, meine liebe Freundin, das Beste auf jeder Reise war und ist doch immer das Essen.

Nach so einem Brief wartete ich drei Tage mit einer Antwort. Es machte mich verlegen, ihn so offen über den Körper und seine Einverleibungswünsche schreiben zu sehen. Was es genau zu essen gab, blieb im Dunkel. Ich griff zum Taschentuch und schnaubte mir die Nase, die auch im Spätsommer unter dem Blütenstaub litt und unentwegt lief. Ich trank meinen Tee nicht aus. Ich betrachtete seine steil abfallende Schrift, die Postkarte mit dem Elefanten darauf. Ich spitzte den Stift. Ich drehte mir eine Locke um den Finger und dachte nach. Mein Lieber, schrieb ich schließlich zurück, das Essen ist der gewagteste Teil einer Reise. Es wird in großzügigen Schüsseln dargeboten, zwei bis dreimal am Tage, du fühlst dich kurz zuvor wie frisch gebadet, legst dir neue Garderobe an und begiebst dich, den Teller in der Hand, mit dem Besteck bewaffnet, in den Esssalon. Ich will dir nicht aufzählen, welche Speisen es gab. Die Saucen waren hervorragend, die Gesellschaft leger und nonchalant. Flattrige Kleidung, lose Mundart, schlaffe Hüte. Die Tage waren heiß. Ich und meine Freundin gewöhnten uns das Schaufeln an, wir sahen unsere ewig gefüllten Backen, die ewig hungrigen Augen, die bereits zum Zerbersten gestopften Münder. Und immer lächelten wir, schnippten wir sorglos unsere Asche in die silbernen Gefäße. Ich wurde von Tag zu Tag eleganter und raffinierter darin, das so eben Genossene auf dem schnellsten Wege wieder los zu werden. Schon während ich es mir einverleibte, dachte ich im Stillen an eine neue Methode. Ach, lieber Freund, die Klagen und Mühen des zu reichlichen Genusses sind ein wesentliches Laster unserer Zeit – gleich dem Unterwegssein und seinen Strapazen. Wenn wir würfeln, überlassen wir vieles dem Zufall. Aber ich hoffe, wir zwei, Du und ich, sind noch immer Tag und Nacht, Sonne und Mond, die Vorreiter auf einer Zielgeraden…

Ich weiß nicht, was und wann er mir antworten wird. Ich wickle ein Stück Zucker aus und lege es in den frisch gebrühten Kaffee, der mir den Mund zusammenzieht.

spätsommer

an dichten sommertagen
ziehe ich die blaue luft
zu fäden und spiele
darauf harfe

um mich herum
hautflügler ein paar
werden den tag nicht
überleben

du stehst auf deinem balkon
und beäugst das wachstum
der tomaten sammelst raupen
einzeln ab

die robinien in unserer straße verlassen
schon die kräfte
nur das motorrad vom nachbarn
dröhnt wie am ersten tag

Unerträgliche Dehnung des Fühls

So tun, als ob nichts sei. Am Seilfaden

springen. An der wippenden Gedanken

mitte seifend sich ertragen. Ball der

Feilheiten. Keil und Federnd sich

Selbst zusehen beim Wegblick.

Das Gefühl tragen. Daseinszynik

in jedem Atemzug. Je höher die

Laune, desto tiefer der Stich

In meine Herzpunkte.

Tüpfelnd. Ich durste mit

meiner Uneinnehmlichkeit

in Dich hinein.

Soll das mein Leben sein?

Kleinstheit der Sekundenbrüche

täglichen Augenblicks?

Leere des Deins?

Keine Heimat haben

in dem Mensch.

Streblos und

Zerweht.

seltsame : gebärden

wir männer : wie verfallen wir
dem weib und brüsten uns
mit macht : potenz und narretei

wir knien nachts vor ihrem schoß
der doch verschlossen bleibt und bloß
ein lächeln ernten wir und lächeln

schmerzverzerrt zurück : nichts
wissen wir von schmerzen : ein scherz
wars nur : ein balgen : schlaffe säfte

früh um drei ists schon vorbei
nein : nicht vergessen : es warten
nur : ach ja : vergebliche geschäfte

ooh. Ooh.OOH. oder In der Leere des gesättigten Nichts

bild-007.jpg

Dein Leibturm wacht an mir.

Gegenwartsspule.

Ein Irdischseiendes Gedankenröllchen

entweicht der quälenden Zeit

tentakel amöbiger Fühlwesen.

Am obstleeren Strand

so himmelgelb

zittern die Muscheln

auf schwarzen Wellen.

Wir treten auf unseren Fühlern.

Nirgendwo steht geschrieben, das

… … ….. …… ……! .