Der böse Prinz

Von | 2. April 2013

Die Lesebrille

Eine Geschichte für Maris

Die verlassene Stadt lag hinter einem Berg. Dieser Berg wurde von einem Zwerg bewacht, der nur deshalb einer war, weil sich Berg auf Zwerg reimt. Der Zwerg war einen Meter sechzig hoch und hatte graue Haare. Heute Mittag, es war so ein grauer Tag mit Matsch und Schnee, schälte der Zwerg Pilze. Diese Pilze kamen später in ein Schälchen und wurden dem bösen Prinzen dargereicht. Der böse Prinz war alt, dunkelhaarig und trug eine Lesebrille. Diese Lesebrille war sein ganzer Stolz, er hatte sie bei Rossmann gekauft, und sie stand ihm überhaupt nicht. Sie war klobig, eckig und rutschte ihm ständig von der Nase. Der böse Prinz war ein besonders eifriger Leser. Der Zwerg las hingegen recht wenig; er schälte lieber pilze, scheuerte die Toilette oder wusch Strümpfe in einem viel zu kleinen Waschbecken mit viel zu viel Waschpulver, so dass es oft schäumte in dem Berg. Schon von weiten sah man dann riesige Schaumberge aus dem inneren des Berges quellen, sie überschwemmten die Dörfer; und schon Tage bevor man auch nur ahnte, dass der Zwerg wieder einmal Waschtag halten würde, musste die Feuerwehr anrücken und sämtliche Dörfer evakuieren. Manchmal gelang es ihr auch nicht, und so sind schon viele Menschen in den Schaummassen ertrunken. Der Zwerg kicherte leise vor sich hin bei diesem Gedanken. Ja ja, sagte er sich, so rein zu sterben muss eine wahre Wonne sein. Dabei weichte er ein neues paar Strümpfe ein.

Der böse Prinz las und merkte von alledem nichts. Er verließ den Berg nur selten, seit er pensoniert war, und wenn er ihn verließ, so geschah dies nur, wenn er gerade eine neue Brille brauchte oder der Zwerg ihn zum Schneeschippen beordert hatte. Also sah man ihn meist im Winter. So auch heute. Der Zwerg rülpste und schimpfte über das Wetter, der böse Prinz saß fett auf der Couch und las, als ihn der Zwerg mit der Schneeschaufel zum Apell rief. Nachdem er einen kleinen Gang frei geschaufelt hatte, das Wetter noch trüber und düsterer geworden war und der Zwerg die Schneeschaufeltechnik des bösen Prinzen zur Genüge bemängelt hatte, verzehrten sie gemeinsam die Pilze, die der Zwerg geschält und in ein Schälchen getan hatte.

In der verlassenen Stadt leuchtete es. Sie war nicht so verlassen wie sie hieß, obwohl jeder das dachte, denn es ist schwer, den Berg zu überwinden, der von einem Zwerg bewacht und einem bösen Prinzen bewohnt wird, der ständig liest und Lesebrillen bei Rossmann kauft.

Kategorie: Trauersymmetrie

Über crysantheme

Wer eine Crysantheme verblühen lässt oder ihr den Kopf vor ihrer Zeit abschneidet, der erntet zur Strafe nur noch grünes Friedhofskraut. Gesche Blume: geb. 1967 in Wolfenbüttel, Studium der englischen und deutschen Literatur in Hannover, Marburg und London, Promotion über Irmgard Keun (Das kunstseidene Mädchen), Studium am Deutschen Literaturinsti-tut Leipzig, Romanwerkstatt bei Juli Zeh, Schreibcoach, Veröffentlichungen: Lilith im blauen Kleid. Erzäh-lungen (LLV 2005). Mit Illustrationen von Anna H. Frauendorf, Irmgard Keun: Schreiben im Spiel mit der Mo-derne, (Thelem 2005), Untemperiert. Hörbuch (ERATA 2009).

Ein Gedanke zu „Der böse Prinz

  1. rapunzel

    der prinz sollte nach bayala kommen – in dieser welt leben die kleinen blumenelfen, schier unzählig in ihrer schar. es soll auch postboten geben, die das zauberhafte land im unscheinbaren pappkarton verschnürt vorbeibringen. was für eine freude!

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