Rätsel

Rätsel

Lass mich zu hause sein, wenn ich dich besuche

und wenn du gegangen bist, nie ratlos rastlos

nie vergessen

meinen weg zurück zu dir

mir eine fremdvertraute

lass mich sein!

Lass dich zu hause sein, wenn du mich besuchst

und wenn ich geh, dann bleib bei dir

und wenn du gehst dann weiß ich

:du bleibst DU bei mir.

Fischschwanzschatulle

Ortho-Oxe Krallenpartie.
Perrythmie der Zungenlunge.
Daumenschmaus.
Lärchenknopf
Häm
e
am
Seilband
der
Küchenschwalbe.

Gesang eines Abwesenden

AusgeXt die Fontäne

Vor dem Schloss, die ehe-

Mals schwebende Kugel

Hängt zwischen Himmel & Erde

 

Goldener Ball, Quadratur des Lebens

Auf der blanken Fläche

Hinter der Grenze steckt

Die Verbindung der Teile zum Nichtigen

 

Nicht das Ganze & nicht der Teil

Suchen die Klumpen im Wesen

Mensch sich zu finden, drift-

End von Ost nach West

Süd nach Nord

 

XX

 

Diamantene Klarheit, geschliffenes

Wasser vom Grunde der Flut Fl

N – II

2. Teil einer Serie für Spezialisten in Weichteilchenphysik

Zwischenmenschliche, freundschaftliche oder auch erotisch-sinnliche Bande zu häuslichen Mitbewohnern können begütigend sein: hier wurde schon so manchem sehr geholfen – unter anderem. Nachts: Im Schlafanzug knapp vorm Geländer: Schwerpunktsenergie zum Quadrat. In der Morgendämmerung: Nackt im Aufzug: Bruchteil des maximal möglichen Longitudinalimpulses. Zur Mittagsstunde: In praller Sonne, mit dem Paar Hausschuhen auf dem Kopf, am Briefkasten: 3-Jet-Ereignisse: Indiz für die Existenz von Gluonen. Da hat sie ihn dann ganz sanft bei der Hand genommen, in die eigene Wohnung zurück geführt und psch-psch gemacht. Sie, ich und er wünschen Euch allen ein besonders schönes Osterfest.

Weiße Riesen

die tatsache
dass bisher
ichduersiees
noch keine freien
quarks gemessen
werden konnten
jajajajajaaaa
stellt eines
der größten
ungelösten
stupsrästsel
der nichtvirtuellen
weichteilchenphysik
dar

kein quark!
(w.z.b.w.)

Schwarze Löcher

Schwarze Löcher

deklinieren, konjugieren?

Ich stupse du stupst er stupst

sie und ES

In meinen virtuellen welten

bin ich nie einsam

und bilde mir

:ich bilde

bildest du wer

bildet mir

er und es & es & sie

ach himmel

stupst und wie

also noch einmal

wer bildet mit

ich&du&erersie&Es

und wir, wie bitte nie?

es bildet sich

was bitte?

im Weltraum

bilden wir uns ein

digital & virtuell

niemals

nicht mehr

einsam?

© Niko, 30122012

Wislawa in der Manteltasche

oder:
Die nützliche Reise
oder:
Das Ende der Selbstgespräche

Dem eigenen Vorgarten mal wieder entkommen. Das ist Glück. Von Zeit zu Zeit. Allem zu entkommen was allzu vertraut ist. Es gibt kein bessres Elexier. Sagte ich mir. Brich auf, brich ab, brich nicht den Stab. Über das Fremde. Das Rohe, das Graue, das Harte, das Weiche. Wird so viel geredet. Sagte ich mir. Such das Gespräch mit dem Stein. Und finde Hundert Freuden. Mitten im Winter. Im widrigen Winter. Und setzte den Fuß vor die Tür.
Je ost desto best. Hatte ich gesagt. Und promt bekommen, was ich verdiente. Den eisigen Ostwind. Ein tobendes Meer. Der Strand menschenleer. Eine erstarrte Wüste. Jeder einzelne Stein thronte festgefroren auf seinem eigenen Sandhügel, nach hinten (oder war es vorn?) mit einem kleinen Schweif versehn. Jedem sein Schiffchen. Dachte ich. Eine ganze Armada. Bereit. Wozu. Abweisend und stumm. Warum. Fragte ich mich. Ich klopfe an die Tür des Steins…Geh weg, sagt der Stein..ich hab keine Tür….
Na egal, sagte ich mir, rede ich eben mit den Wanderdünen. Aber die warfen mich ab. Wie eine lästige Ameise. Rückwärts rollend oder auf dem Bauch hinunterrutschend, mit lang ausgestreckten Armen zum Gipfel, endete jeder Versuch, sie zu erklimmen. Glatt, gefroren, unnahbar wie Pyramiden. So standen sie da und schwiegen.
Und das Wasser ? Das Wasser blähte sich auf und machte einen Höllenlärm. Doch sobald die Gischt das Ufer erreicht hatte, erstarrte sie zu Perlen. Ein stilles zartes Eisgewebe. Unter den tiefgefrorenen Sandschollen hingen Myriaden von Eiszapfen.
Wie wunderbar, sagte ich mir, und erweiterte den Sehschlitz zwischen Schal und Schapka um einige Millimeter.
Nach 2 Stunden aber hingen mir die Füße wie Eishufe am Bein. Ich erreichte mit Mühe die Krüppelkiefern und lahmte auf Elch- und Schweinepfad zurück ins Dorf.
Der Ort schien ausgestorben. Die Straßen leer, die Fischerbuden zugenagelt. Verriegelte Fensterläden, verschlossene Türen. Und überall das kleine Schild mit seiner großen Drohung: video monitoring. Mir wurde unbehaglich. Und hungrig war ich auch. Keine Sprotte weit und breit. Dafür schwarzer Rauch. Aus grauen Häusern.
Kein Rauch ohne Feuer. Sagte ich mir. Kein Feuer ohne Mensch. Meistens jedenfalls.

Bei Bigos und Wodka kam ich zu mir. Die erste Verklärung hatte sich schnell gelegt, sozusagen in Rauch aufgelöst. Stinkender Torfrauch. Wo war ich hingeraten. Dazu diese Sprache. Furchtbar. Nicht zu verstehen. Geschweige denn zu sprechen. Chrzaszcz brzmi w trzcinie. Ein Käfer zirpt im Schilf. Ich – verfiel in Schweigen. Wochenlang. Sagte ich mir nichts. Fragte ich mich nichts. Die Worte um mich herum blieben unverständlich. Und ich blieb stumm.
Selten so viel verstanden…Lob der Schwester…Meine Schwester schreibt keine Gedichte…

Emotionen im Glas

Dinge im Glas – Teil 2

Vor einem Jahr standen wir ratlos vor den Einmachgläsern: alte Kartoffeln, frischer Spargel von anno darzumal, Sauerkirschen, Erdbeeren mit Braunstich und dünnen Haaren, schrumpliger Haut, Gurken, die in ewiger Starre miteinander kämpfen. Heute wissen wir, dass es sich dabei um Emotionen handelt. Wer hätte das für möglich gehalten. Erzählen wollen wir davon, doch uns fehlen die Worte.

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Die Kapitänin verläßt das Schiff

Wir hatten es geahnt: Fräulein Pikante fühlte sich zu Höherem berufen und wir sollten vorsichtig sein in unserer Schilderung, um nicht ihren Argwohn zu erregen, an den sie sich gewiß erinnern würde, wenn sie einst Ministerin oder Ministerpräsidentin geworden war. Welch fernes Ziel am leuchtenden Horizont, welch Jubel unter den Spatzen und Möwen auf ihrem Weg durch den stolzen Himmel.

Noch aber träumte sie, die Schule sei ein edles, weißes Kreuzfahrtschiff, auf dem sich die Schüler als Passagiere fröhlich tummelten, und noch sei sie nur Kapitän, besser gesagt Kapitänin. Dabei war ihr nicht entgangen, daß das Schiff auf Grund gelaufen war, daß es festsaß, während auf dem Deck und den Zwischendecks gebadet und getanzt wurde. Der Steuermann, ein attraktiver Mann, der viel über den Wind und die Windrose zu reden wußte, aber wegen seines Heimwehs die nahen Seewege entlang der Küste bevorzugte, hatte die Felsen übersehen, die knapp unter der Wasseroberfläche lauerten. Er hatte die Passagiere auf die Schönheit der Landschaft hingewiesen, die von Bord aus bequem zu sehen war. Währenddessen tönte vom Kiel ein knirschendes Geräusch herauf.

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Die Kapitänin hatte es geahnt: Sie mochte ihren attraktiven Steuermann und blinzelte ihm gerne zu, aber sie vertraute ihm nicht, denn sie vertraute niemandem. Der Steuermann hatte Talent, schöne Geschichten zu erzählen, doch das Steuer zu bedienen, mit dieser Fähigkeit war er nicht gesegnet. Die Kapitänin, die ebenfalls die Arbeit scheute, sobald sie konkreten und unmittelbaren Charakter annahm, ahnte, daß zwei Schönredner auf der Kommandobrücke früher oder später ins Verderben führen würden. Für diesen Fall hatte sie vorgesorgt.

Nun geschah es: Es knirschte und das Schiff hing fest. Die Wellen plätscherten sanft an die Außenhaut, kein Grund zur Panik. Der Steuermann lächelte und behauptete, Herr der Lage zu sein. Die Kapitänin lächelte zurück und behauptete, man habe die Zukunft fest im Blick. Haha, die Zukunft. Wie ihr die Mannschaft und die Passagiere an den Lippen hingen! Entzückend, wie hörig sie ihr alle waren, fast alle.

Noch während sie sprach, erteilte sie ihrem Schiffsjungen flüsternd den Befehl, ein Rettungsboot loszutäuen. Jaja, die Retterin müsse sich, logisch, zuallererst selbst retten, sonst könne sie niemandem weiterhelfen. Nichts außer der Zukunft des Schiffes und der Reise stünde ihr im Sinn, flötete sie laut vernehmlich, um die verhaltenen Zweifler unter den Schiffsoffizieren zum Schweigen zu bringen.

Währenddessen hatte sie ihr Täschchen gepackt und gab vor, auf die Kommandobrücke zurückzukehren. Bog kurz davor ab und bestieg das Rettungsboot, das ihr Adjudant zu Wasser ließ, sich hineinschwang und mit ihr davonruderte, so rasch er konnte. Wußte er doch als erfahrener Leichtmatrose, welchen Abwärtssog das sinkende Schiff entfalten würde, wenn es einmal vom Felsen abrutschte in die Tiefe des Meeres.

Kaum waren sie zweihundert Meter entfernt, da kippte das Schiff, es neigte sich um zehn Grad, die Gläser fielen von den Tischen. Die Passagiere aber feierten weiter, als sei nichts geschehen. Sie waren wie Jugendliche derart betrunken oder berauscht, daß sie die Kippbewegung des Schiffes so wenig wahrnahmen wie das Klirren der Gläser.

Die Mannschaft aber war bestürzt. Eilends schickte sie den stellvertretenden Offizier auf die Kommandobrücke, damit er die Befehle der Kapitänin entgegennehme. Der stellvertretende Offizier suchte nicht lange nach ihr: Er hatte schon geahnt, daß sie verduften würde. Doch er sagte nichts; vielmehr erteilte er loyal die Befehle, als wäre seine Herrin noch auf der Brücke, niemand sollte ihr Fehlen bemerken.

Die Kapitänin ließ sich zum Festland rudern. Als sie beobachtete, wie das Schiff kippte, seufzte sie leicht, seufzte aufrichtig, und wandte sich entschlossen der Küste zu, wo die Berge verheißungsvoll im Sonnenlicht blinkten. Plötzlich erstarrte sie: Vor ihr, kurz vorm Ufer, erblickte sie ein zweites Rettungsboot. Darin saß nur ein Mann, der sich ungeschickt mit den Ruderblättern abquälte. Je näher ihm die Kapitänin kam, desto deutlicher zeigte sich auf ihrem Gesicht ein Lächeln: Da vorn ruderte der Steuermann, bald hatte er das Ufer erreicht.

Beide waren gerettet, während hinter ihnen ein langgestrecktes Zischen zu vernehmen war. Das Schiff rutschte schräg vom Felsen in die Tiefe. Die Passagiere sprangen kopfüber ins Meer. Die Mannschaft schrie wilde, unkoordinierte Befehle. Der stellvertretende Offizier blickte versteinert auf die sachten Wellen, die stoisch an die Bordwand plätscherten. So hatte er sich sein Ende nicht vorgestellt.

ronnie

dritter dienstag geköpfte topfpflanze du fädelst deine strichgewimmel wir schmulen unsren aufgespreizten fingerblick dein spitzes gelächter im nirgendwo durchstösst mein kummerkleid bevor ich die beine in die hand nahm und kaum mehr trost war das ungefügte in den tagen vor ronnie wird gefügig in sänften als ob das leben sinn ergäbe der grosse cy dir über die schulter lugt zwölfmal die schlacht von lepanto vier versuche deinen reissverschluss zu schliessen alle wörter wie schlieren immergleich versiegt

wider so schöhn

berührung schrei mich in deine aufgründe liebst du auch meinen gaumen obwohl ich die tiefroten rosen wie wenn du hinter mir gestanden hättest wieder zurückgestellt habe ich vermisste pracht ausgemurmelte verwehungen dein aufduften mit jedem tag aus denen man mich minütig schneidet vervollkommnet wahrannahme auserwacht du weisst dazwischen darf die sonne somnabuhlen mit meinen sich dahinschleppenden widerholungen lass es ohne e lass es ohne e hast du gesagt und wurdest immer lauter immer lauter wie mich fesseln wie dich an mir vertun abtropfen bei mir im erinnern war noch nie juni es straucht sich meist alles auf und dann erscheinen du-aufschreie warum muss ich immer alles zerstören 

sprachlos

Sprachlos

wieviel blut

in deinen schönen lippen

dein gesicht spricht bände

gesehen hab ich dich

nur einmal

vergessen?

Werd ich Dich

:nicht

sprachwut

ich sattel meine verse

lass worte rasen

:vokale springen

über meine klingen

konsonanten krachen

brechen grenzen

:lachen!

Das Ende nach dem Ende

Eigentlich war ja voriges Jahr schon alles zu Ende. Aber dann war da noch dieser Lichtblick mitten im fünften Kapitel: Du betratst den Raum. Es war eine von fernher vertraute Dünung. Nicht einmal der verstaubte Gestus hundertfünfzigjähriger Kulturkritik störte mich wirklich. Die Ansatzpunkte so real wie eh und je, die Suche so, wie wir sie kennen. Du hättest gut und gerne jener Bösewicht sein können, Maldoror, auf den sich die Meute stürzt, um ihn schließlich aufzuhängen. Sie taten es nicht, stattdessen übten sie sich in Integration. Wären wir noch im dritten Kapitel, könnte ich jetzt einen Exkurs über die Verknüpfung von Integration und Differenzierung montieren. Was soll’s! Stattdessen will ich, wie es sich für ein Fazit geziemt, Abschied nehmen. Ich nenne diesen Raum seit einiger Zeit Giovannis Zimmer. So viele verschiedene Menschen – und doch immer nur ein Feuer!! Die jetzt darum herum sitzen bleiben, haben die Verantwortung dafür zu tragen.

X1: Schulmädchenhafte Art, die Welt mit seiner Schwäche zu piesacken; großer Entwurf – Suche nach sich selbst.

X2: Der Augur-augurator; beschwert sich über die Möglichkeit der Kopie seines Stils – als ob allein die Möglichkeit Grund zur Angst wäre! Andere würden glücklich sein … Festhalten am Gefundenen wie an seinem Personalausweis … aber Freund – alles fließt.

Y1: Der eigentlich Neue. Leider nichts Neues. Schreibt immer über sich selbst. Mal beim Bäcker, mal auf der Couch – hat Kinder. Problem: „Kinder im Roman“ … hat seit Rousseau niemand mehr wirklich überzeugend hingekriegt. Nebenbei der Traumjob in der Politikberatung – in der Manteltasche des Ministers incognito UNTERWEGS. Das geschmuggelte  Kätzchen, Geheimcode Nachbarschaft. Scheint allergisch gegen sich verfärbendes Herbstlaub zu sein. Wird wohl auch noch lernen, Eichenlaub von Buchenlaub zu unterscheiden. Träumt manchmal wie in der Gartenlaube.

Der Text wird immer länger, Zeit aufzuhören. Die Avantgarde nach der Avantgarde steht im Rückstau: WEGUNTER Land, companero. Irgendwann sind wir alle tot. Das Gequatsche in den Zeitungen aber wird bleiben. Und Feuer brennt nieder,

politisch korrekt (aber nicht theoriefähig) mit abnehmender – Die Gedanken sind frei! – Hitze

nachmittagsgrau im februar

das schneelicht fällt aus dem boden, imprägniert die augen mit kältebissen. füsse walzen den knarzenden grund ins schweigen der luft: fossile echos, die konsonantisch und dumpf durch eine zellwand aus eis dem wintergrab entweichen. angeplatzte knospen starren aus den buschzweigen, kleine sonden, die in die nächste wärme reisen, halblind nach innen wachsen. schon jagt der wind in böen das dunkel heran.

umgeniessen.

Palimpsest

 

Cy.

 

Wie über mich drübergehn. Sabbern. Mich zwischen meine eigene Haut zu drängen. Als obs von innen fein regnet. Oder sich etwas regt. Wie ein von sich selbst Ablösen. Ich spiele nur mein Empfinden als mein einzigstes Instrument. Verstehe sonst nichts vom Leben. Längst hat mein Berühren eine eigene Sprache gefunden. Wie ich dich suche.

Wie tief du mich kränkst, wenn du sagst, dass ich dir nur deshalb an den weissen See gefolgt bin, weil du ein laut- und gesichtsloses Liebeszeichen abgegeben hast, ohne zu bedenken, dass ich sechs Jahre allein war, es hätten auch noch elf Jahre sein können, kannst du nicht in einem einzigen Halbsatz alles (emp)finden?

Umgeblättert liege ich nun am Ufer deiner Vernachlässigung. Umzugeniessen. Wie wenn ein Grashalm umknickt, wenn ich mich auf ihn lege. Wie wenn ein Sandkorn kichert am Strand. Wie wenn ein Leben noch ohne Text ist.

Also geht es nur um zweierlei: Die Sichtbarmachung der herzuzeigenden Unbehaustheit. Oder um die Ohnmacht des sich Abfindens (Auffindens). Vorsicht: Die conditio sine qua non ist der Rausch, der sich an immer mehr Momente des Lebens heranschleicht.

Schmeißfliegen aus nah und fern

Er stellt sich dichter ans Fenster, denn da kann er besser kucken. Seine braune Beute hält er bereit. Drinnen hängen die Büsten-Halter nahezu konturlos am Wäscheständer. Draußen schwimmt der Nebel wie ein Schleier des Maya vor der Sonne und verhüllt das Tatsächliche: Nämlich das Datum der Schmeißfliege, das unaufhaltsam näher rückt. Echte Politik, eben.

Senf

Das beste hier ist doch der Mustard, der an den Kommentaren klebt wie der Bär am Honigfaß. Oder sind die Comments mistbehaftet und ziehen deshalb Schmeißfliegen aus nah und fern an? Klärt mich mal jemand auf?

Und wieder grüßt der Kuckuck

Da geht es ja schon los. Es ist das Unterbewusstsein, welches das Verhalten steuert. Und das einem gehörig auf den Zeiger geht. Es gibt den Ton an, es düpiert die bewusste Aktion. Diese scheißige Kuckucksuhr! Dieser mistige Frühlingsanfang auf dem Kalender, der Biorhythmus der Amsel, der nur noch durch Schneemassen von uns fern gehalten wird. Die ganze Terrasse liegt voller Vogelfutter, Kiesberge türmen sich, ohne dass sie jemals weggeräumt worden wären. Man hat ja auch gar keine Zeit, sich mit der Vogeluhr zu beschäftigen. Hektisch flatternde Tiere, hektisch flatternde Nerven. Vogelkacke auf dem Schneeschieber. Der Blutdruck fährt ins Obergeschoss. Herrgott, kann uns diese Jahreszeit nicht endlich mal erspart bleiben. Der Klimawandel machts im Moment noch möglich.

Bio mit Braunstich

Angesichts dieser Überschrift im Neuen Deutschland vom 16.03.2013 erhält die matschige Banane aus dem Bio-Markt an der Ecke eine neue Bedeutung. Rechtsextreme nutzen ökologische Ideen für ihre Propagandazwecke, heißt es und dass rechte Gruppen unter dem Deckmantel scheinbar harmloser Themen wie Umwelt- und Tierschutz die Gesellschaft zu unterwandern versuchen. »Naturschutz ist Heimatschutz«, blökt das Parteiprogramm der NPD und, die Bemerkung sei mir gestattet, einzig allein das Blöken eint alle Programme dieser Art. Was auf den ersten Blick nach grünen Forderungen bei der NPD aussieht, verhüllt lediglich die rechten Thesen von einer Blut- und Bodenpolitik heißt es weiter: Braune Öko-Siedler kaufen Bauernhäuser auf, um unter dem Deckmantel der Bio-Landwirtschaft Gemeinden und Vereine zu unterwandern. Das glaub ich gern und schaue mir die matschige Banane an. Sie ist nicht von uns, ist artfremd in Deutschland, ein Spaßobjekt (man kann damit „Rumballern“ spielen oder es für andere hier nicht näher erwähnte Zwecke gebrauchen) und sie war sogar für kurze Zeit  ein Synonym für eine gewisse Klasse hier in unserem Lande (ich sage nur: Gabi…). Nun nähert sich die Banane dem rechten Flügel unserer Gesellschaft, denn auch sie trägt ihre Gesinnung nicht immer offen zur Schau: Sattgelb gestern, braunstichig heute und innendrin sogar ein schwarzes Ende! Bio mit Braunstich eben.

Figurenlexikon – Nr. 5

Heute: Informationen, die nirgendwo ankommen

Schon vor einiger Zeit ließen wir uns gar nicht mehr stören. Wir hatten die Informationsverarbeitung weitgehend eingestellt, und doch gab es da eine Figur, die ununterbrochen Informationen an uns zu senden versuchte. Diese landeten mit nicht nachlassender Regelmäßigkeit im Nirwana. Derjenige, der sie versandte, meint bis heute, man habe ihm gut zugehört. Das glaubt er daran zu erkennen, dass sein Ohr ungefähr eine halbe Minute nach der letzten Aussendung zu jucken beginnt. Das Ekzem am Ohr ist für ihn also ein untrügliches Kennzeichen, dass da irgendwann irgendetwas bei irgendjemandem angekommen sein müsste. Müsste.

mein paul yeah

wir: unter uns

oder lieben wir uns beide irgendwie davon ??

als wärst du noch da … den angewinkelten arm unterm koppe …

oda machn wir ein’n auf wein … ich mit meiner gelenkkomik + du mit deiner ehrlichkeit … wie im leben immer eins in die fresse …

an die erde … zwar zwischen den zehen…

an die verlogenheit … zwar zwischen den …

Traum eines lächerlichen Menschen im Centraltheater

Die „Festspielarena Leipzig“: das ist das letzte ekstatische Aufbäumen der Hartmann-Kompagnie, die den Leipzigern zeigt, was sie mit ihr verlieren. Schon der Bühnenbau wirkt fulminant: ein Amphitheater, das auf Bühne und erstem Rang des Stadttheaters temporär aufmontiert ist, vollkommen im universellen Weiß.

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Hier bewegt sich der Schauspieler im Mittelpunkt, die Orchestra gehört ihm, als Sprechraum und Spielraum. Stets ist er von von allen Seiten zu sehen, von vorn, hinten, links und rechts. Auf den Hinterkopf des Sprechers während eines melodramatischen Monologs zu blicken, relativiert jedes Pathos. Jederzeit kann der Spieler das Publikum anrufen, nicht nur in der ersten Reihe, die die Spielfläche begrenzt, auch die Zuschauer der oberen Reihen sind mit von der Partie.

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Das Stück beginnt und endet in vollkommener Dunkelheit. Aus ihr hervor quellen – wie akustische Raketentriebwerke – sechs Posaunen schicken von der oberen Diazomata anschwellende Töne hinab. Manche Besucher halten sich die Ohren zu.

Als es wieder hell wird, steht ein einsam junger Mann auf der Bühne, in tadellosem Anzug, im Seidenhemd, eine Augenweide. Lächelnd beginnt er den „Traum eines lächerlichen Menschen“ aufzusagen. Ein Spießbürger, so schien es, eine von Komplexen geplagte Seele, die sich hier frei redet und dabei den Frauen im Rund tief in die Augen blickt. Das ist der harmlose Auftakt.

Bald schon trifft der lächerliche Mensch den folgerichtigen Entschluß, sich zu töten – was anderes sollte er tun? Der lächerliche Mensch spricht diesen Satz „Ich habe beschlossen, mich zu töten“ immer wieder, laut, leise, brüllend, tief, hinter vorgehaltener Hand, mit verstellter Frauenstimme, piepsig hoch – etwa dreißig oder vierzig Mal. Er gerät darüber in Verzweiflung, steigert sich derart in die fixe Idee, daß die Selbsttötung am Ende ausgeschlossen ist: auch sie erscheint lächerlich.

Inzwischen hat der Mensch das Publikum infiziert, ist die Sitzreihen hinaufgeklettert, hat sich an die Schulter des einen oder anderen Zuschauers gelehnt. Hinter mir hat er gesessen, spuckend und prustend gesprochen, seinen Kopf dicht neben meinen gehalten und den Blick in meine Augen gesucht, um mir aufdringlich zu sein und unvergeßlich. Schließlich tobt er wieder in der Mitte, rollt sich über die Sitze hinweg nach vorn auf die Orchestra. Welche machtvolle Stimme in diesem dünnen Männlein steckt.

Die Posaunen kündigen den Einzug ins Paradies auf einem fremden, noch unschuldigen Planeten an. Hier leben alle Wesen mit gleichem Recht, Bäume werden als Heiligtümer angebetet. Liebe und Harmonie senken sich dämpfend herab. Das Leben erscheint als Kinderspiel.

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Der lächerliche Mensch steht als Gast verzückt auf diesem Planeten, seine irdischen Gefühle hat er jedoch im Herzen bewahrt und mitgebracht: Sympathie und Hingezogensein, Begehren, aus dem Begehren erwächst Wollust, aus Wollust Eifersucht, aus Eifersucht Gewalt, aus Gewaltg Blutrache, aus Blutrache Ehrgefühl und Scham, aus Ehrgefühl und Scham Religion, aus Religion erwachsen Kriege. Am Ende ist der einst friedliche fremde Planet wüst und gefährdet wie die Erde.

Zum Glück erweist sich alles nur als Traum. Der lächerliche Mensch erwacht im Lehnstuhl. Er entpuppt sich als der Spießer, der er schon am Anfang war. Die Posaunenspieler verlassen die obere Diazomata, steigen majestätisch zur Orchestra herab, umringen den lächerlichen Menschen, der angesichts der Schönheit und Kraft der Töne zusammenbricht, sich auf dem Boden windet, sich aufbäumt. Ende.

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Es bleibt ein Bild, die Choreographie eines Zusammenbruchs, ein Gedanke, die Unmöglichkeit dauerhafter Harmonie, ein Gefühl, der Absturz. Nachwort: nicht nötig.

demnach.

In mein Nichts gelangt. Mit 1.000 Seiten halbtreuer Selbstbespeiung. Meine Zweifel so auflachelnd, dann so lächerlich, meine kreisrunde Tonsur traf mitten in meine Befindlichkeit: kleine Bestechlichkeit, aber unerbittlich. Der Hang zum Schmerz abgeschnitten wie eine Nabelschnur. Die ich dir nun um die Lachsblume klemme.

Mit mir der Weltgeist.

Als wollte uns kein Verlängerungswille mehr: Tram 12. Da gestanden. Schnee nicht nur um mich herum, sondern auch unter meinen billigen Schuhn. Es giebt keine Chance auszubrechen, dachte ich in diesem Moment, als die Tram 12 immer noch nicht kam. Es war ein ähnlich dunkelgelber Bus. Wieso fährt der vorbei? Er sieht doch, dass wir hier frieren … ich drück irgendeinen Knopf am Fahrscheinautomaten: 4,70. Münzen hab ich immer in der Hand. Werf was ein. 55 Cent fehlen. Ich schau mich um. Mit wem willst du ins Gespräch kommen. Mit nobody. Weltgeist auf Eis. Frage ausweglos. Obwohl sich jeder freut, wenn er angesprochen wird. Komische Welt. Noch ne Station. Warum sollte ich nicht hier schon aussteigen? Es giebt keinen Grund, es nicht zu thun. Ich machs. Friere. Aber schon drei Minuten später kommt die nächste Bahn. Die Nummer oben auf ihrer Stirn ist mir egal. Steige ein. Warm. Albertinenallee, sagt mir die freundliche Stimme aus dem Off. Ich weiss nicht, ob die andern das mitgekriegt haben. Natürlich, dass sie mir das gesagt hat. Obwohl ich noch gar nicht aussteigen wollte. Obwohl einige schöne Gesichter am Steig standen. Die Welt und das Leben dazu ist komisch: Seitdem für mich Wörter keine Rolle spielen, spielen nur noch Gesichter eine Rolle

das gewicht des lebens

verliert sich im nebel

bringe mir die welt
ins schweben
du
wie mich selbst

meine füße tragen mich
zu dicht am boden

bringe mir unruhe
in den lauf der dinge
du
tanze mit mir
an das ende der liebe

verliere dich mit mir im nebel
du
getragen
von unserem gewicht des lebens.

Hähnchen und Porno

Dienstag kam sie früher als sonst nach Hause. Schon im Hausflur spürte sie, dass etwas nicht stimmte. Sie hörte, dass der Fernseher lief. Frank sah sonst tagsüber nie fern, selbst wenn er Zeit hatte. Leise schloß sie die Wohnungstür auf und ging ins Wohnzimmer.
Frank saß auf dem Sofa und bemerkte sie nicht. Er war nur mit einem weißen Hemd bekleidet, auf dem Tisch standen die Überreste eines gebratenen Hähnchens und zwei offene Bierflaschen. Im Fernsehen lief mit gedämpfter Lautstärke ein Film mit etlichen blutjungen Mädchen, die ein paar Burschen gerade genüßlich die glattrasierten Hoden und die gierig in die Luft ragenden fetten Schwänze leckten.  Frank bemerkte sie nicht.  Sie konnte zwischen Franks braunen Oberschenkeln seinen Penis sehen. Wie ein dicker gebogener Ast reckte er sich über die weißen Hemdzipfeln und leuchtete rot. Der Anblick war so überraschend, dass ihr meinte, sie hätte das alles noch nie gesehen. Frank hing abwesend lächelnd in einer der Sofaecke und vergnügte sich mit sich selber.
Stumm vor Überraschung lehnte sie im Türrahmen und betrachtete die Szene. Darauf war sie nicht gefasst.
Frank hasste es eigentlich, wenn vor acht Uhr abends der Apparat lief. Gebratene Hähnchen aß er sonst nie. Und Bier trank er nur, wenn sie ausgingen, niemals zu Hause. Im Fernseher quietschten die Mädchen, weil einer der Jünglinge ihnen gerade über die hüpfenden kleinen Brüste ejakulierte.  Für einen Moment überlegte sie, was sie jetzt tun sollte: Sich einfach zu erkennen geben, einschreiten oder mitmachen. Dann hörte sie Frank zufrieden stöhnen, sah, wie plötzlich ein weißer Blitz aus ihm herausschoß und sich über Brust und Bauch verteilte, wie sich seine Augen schlossen und er weich zu lächeln begann, als breite ein warmer Sonnenschein sich über ihn aus.
Lena wich leise zurück in den Flur und lehnte sich an die Wand. Das Schlimme für sie war nicht das Gejohle im Fernseher, war nicht Franks Heimlichtuerei. Dass er es sich auf seine Weise gemütlich machte, wenn sie nicht da war, geschenkt. Der wirkliche Schock war sein Gesichtsausdruck. Sie konnte sich nicht erinnern,  wann sie Frank das letzte Mal so hatte lächeln sehen. Leise schlich sie zurück in den Flur, öffnete, immer noch im Mantel und mit den Taschen in der Hand, noch einmal die Wohnungstür und ließ sie demonstrativ ins Schloß fallen.
„Liebling?“ rief sie, raschelte mit den Taschen und registierte, wie augenblicklich die Geräusche im Wohnzimmer verstummten. Mit leicht zittrigen Fingern knöpfte sie den Mantel auf und hängte ihn an einen Bügel. Als sie die Taschen in die Küche tragen wollte, kam Frank ihr aus dem Wohnzimmer entgegen. „Nanu?“ sagte er beinahe schläfrig, aber keineswegs verlegen. „Ich dachte, du kommst erst heute Abend?“ Er war barfuß, hatte sich eine Jeans übergestreift und hastig zwei Knöpfe des Hemdes geschlossen, es sah nicht übel aus.
„Ich hab den Sport heute ausfallen lassen.“ sagte sie, während sie mit den Taschen in die Küche ging. Behutsam stelle sie die Einkäufe auf dem Tisch ab. „Mir war nicht danach.“„Scheint ein schlechter Tag zu sein.“ meinte Frank, der ihr vom Flur aus zusah und die Arme verschränkte als wäre ihm kalt. „Ich habe es mir auf der Couch gemütlich gemacht. Mein Kopf schmerzt höllisch. Wahrscheinlich das Wetter.“ Sie blickte aus dem Küchenfenster, draußen türmten sich dicke Regenwolken über den blühenden Gärten.
Als sie spät am Abend vorsichtig ihren Arm hinüber auf seine Seite des Bettes schob, rückte Frank kaum merklich von ihr ab. „Was denn?“ knurrte er schläfrig. „Ich schlafe schon.“ Dann lauschte sie dem Rhythmus seines Atems. Minuten später schien er zu schlafen. Das leise Schnarchen, das sie sonst so rührte, schien ihr plötzlich bedrohlich. In ihrem Bett lag eine Drohne. Ein Blutegel, ein Parasit. Ein hinterhältiger Perverser, ein verpupptes verlogenes Ungeheuer, das hinter der Fassade eines freundlichen, gut aussehenden Mannes auf die Gelegenheit wartete, sich ihrer zu bemächtigen, sie auszusaugen, sie zur willenlosen Marionette seiner Wünsche zu machen.
Sie könnte ihn töten, es wäre gerecht, dachte sie, und sah vor sich wieder die abgenagten Knochen des Brathähnchens auf dem Couchtisch. Und Frank selig versunken mit geschlossenen Augen lächeln.
Dann versank sie in einem unruhigen Schlaf.