Ein Briefwechsel, weiblich

Oder: wenn die Lust zur Last wird

28. Oktober

Liebe Frau  Kleist,

Ihre langjährige Erfahrung mit guter Prosa beeindruckt mich so sehr, dass ich nunmehr beschlossen habe, selbst etwas zu verfassen. Doch bin ich noch ungeübt und in den Kinderschuhen mit meinen Texten. Ich möchte eine Erzählung, vielleicht sogar etwas mehr aus diesen Fragmenten machen. Vielleicht wird es sogar ein Roman! Doch ich weiß nicht, ob ich alles richtig mache, da ich eine blutige Anfängerin bin. Für Tipps aus Ihrem Nähkästchen, wäre ich sehr dankbar,

herzlichst,

Ihre Marianne Kramer

***

29. Oktober (gibt es den eigentlich?)

Liebe Frau Kramer,

vielen Dank für Ihre netten Worte und Ermunterungen, die man auch nach Jahren schreibender Tätigkeit immer gut gebrauchen kann – denn das kreative Loch, in das man fällt, ist tief – eine Erfahrung, die immer wieder gemacht werden muss.

Was Ihre eigenen Schriften anbetrifft: Bewahren Sie sich so lang als möglich Ihre Unbefangenheit! Später erst werden Sie wissen, welch ein Geschenk diese war – wenn Sie, wie auch ich, überreflektierend vor Ihrem Bildschirm sitzen und nicht mehr einfach so anfangen können, wie es aus Ihrem Antrieb heraus eben einfach geschieht und geschehen muss. Es wird zu harter Arbeit, es wird zum Zwang, dem Ihr Körper, Ihr Geist sich widersetzt….

Doch heute denken Sie bitte nicht so weit. Schreiben Sie einfach weiter und werten Sie nicht – solange wie möglich. Sollte Sie jedoch das Bedürfnis nach einem Urteil zwicken, so bleiben Sie wachsam und rechnen Sie mit dem Schlimmsten: dem Verlust Ihrer schreibenden Jungfräulichkeit, die paradoxerweise die schönsten Früchte erwachsen lässt – sehen Sie, vielleicht hat das sogar etwas mit dem christlichen Glauben (dem ich nicht zwangsweise anhänge) zu tun.

Melden Sie sich also erst wieder, wenn ein ernsthaftes Schreibproblem Sie plagt und seien Sie sich sicher, dass Ihnen dann nur noch mit Spritzen und Verbänden zu helfen sein wird.

Herzlichst,

Frau Kleist

***

31. Oktober (Valentinstag?)

Liebe Frau Kleist,

danke für Ihre Antwort. Leider bin ich noch nicht so weit, dass ich alles verstehe, auch empfinde ich Schreiben nicht als Arbeit, sondern als Spaß, über den ich aber nur mit sehr vertrauten Menschen sprechen möchte. Ich weiß nicht, was beispielsweise mein professor denken würde, wenn ich, anstatt brav meine Seminare vorzubereiten, heimlich nachts mir selbst Geschichten erzähle, das als lustvoll empfinde und erst aufhören kann, wenn die Uhr bereits vier Uhr früh anzeigt. Dann plagt mich das schlechte Gewissen ob eines nicht genug vorbereiteten Referats und ich gehe müde zur Uni, halte es, und bekomme wieder nur eine drei, obwohl ich mindestens eine zwei hätte haben können. Wenn nur diese verdammte Schreiberei nicht schon zur Sucht geworden wäre, zum Kick, den ich brauche. ein objektives Urteil habe ich leider nicht. Aber da ich es nicht lassen kann, möchte ich doch gern irgendwann mal etwas damit anfangen – und dann muss ich natürlich sicher sein, dass es auch etwas taugt. Blamieren will ich mich nämlich nicht.

Also, Sie meinen ich soll einfach weiter machen, wenn ich Lust dazu habe? Ist das denn nicht nur Spielerei? Natürlich, andere gehen in die Kneipe und betrinken sich, jeder muss ja irgendein Laster haben. Aber manchmal schäme ich mich fast für diese Lust am Schreiben! Kommt Ihnen das bekannt vor?

Alles Liebe,

M. Kramer

(Anm.: Die Rechtschreibung und Grammatik des Originals wurde aus urheberrechtlichen Gründen beibehalten)

„Entschuldigung, sind in meinem Essen auch Gluonen drin?“

Ein Märchen in hellblau

In langer langer Zeit lebte da mal ein Rprinz, der wollte unbedingt wissen, was in seinem Essen drin ist. Leider lebte er in der Zukunft und somit konnte ihm niemand aus der Gegenwart sagen, was er sich seinerzeit alles so in den Mund löffelte. Entschuldigung, entfuhr es ihm da, kurz nachdem er runtergekaut hatte – wie sieht es mit den Elementarteilchen in dieser Mahlzeit aus? Ich habe das dunkle Gefühl, dass da auch Gluonen drin sind. Der Hellblaue war so recht von potenzieller Eleganz. Die rosa Tante, frisch vom Frizör kommend, stocherte in dem was übrig blieb, schickte eine Probe davon ins Max- Planck-Institut, wovon sie bis übermorgen nicht zurück gekehrt ist. Alles ist falsch: Die Wahl der Zeitscheibe, die Darstellung des Gluons beim Farbaustausch, das Gefühl der Verhaftung in ewiger Wechselwirkung. Das Standard-Modell kennt acht Gluonen. Rosa Tante fürchtete, ein Kind zu bekommen, nahm den Koffer in die Hand und ging zum Frauenarzt. Es herrscht ein ewiges Kommen und Gehen – nur die menschliche Hybris liegt als stärkste Kraft wie ein Klebstoff über Allem. Und da manches hier viele von uns persönlich betrifft, muss ich leider Schluss machen. Vielleicht waren in meinem Essen auch Gluonen drin. Ich frage irgendwann nochmal nach.

vorort

auf den straßenbahn
schienen zieht ein zeisig
seine kreise
haltestellen kennt er auf bäumen

wundersam die sitten
und gebräuche
in alternden großstädten
gehen greise auf den gleisen
sitzen die jungen in der tram
und zünden sich ein handy an

individualisierter : massenbetrieb

alle drei stunden : ein neu geborenes
alle drei minuten : jähes schreien
alle drei tage : eine andere bettenbelegung

und jederzeit : verklärte blicke
sachtes schlurfen der frisch entbundenen
beim ersten gang über den gang

verhaltenes flüstern kräftiger männer
alle drei sekunden : huscht eine schwester
in rosa vorbei : majästetisch wehen die offenen

kittel der ärztinnen : sie schreiten gemessen
durch die automatisch geöffnete tür
morgens um vier buckelt die putzfrau

mit ihrem mob durch die flure : unbeeindruckt
vom gellenden schrei nebenan : schon ist es
vorbei : schon sind drei tage vorüber

die drei sekunden : nicht gezählt
in drei minuten rollt die nächste erschöpft
auf dem bett in den raum : du kannst gehen

viel spaß : alles gute

flüchten und bleiben

eintauchen in brombeerewigkeit

in der mittagshitze vergessen
wie der duft der büsche und
das blühende gras
sich schwankend zur
leere des blauhimmels
gesellen

taumelnd die gedanken
wie ziellose schmetterlinge ziehen
lassen über sandig heißem sommergrund
der gleiche wie vor jahrtausenden
als dieser moment zum ersten mal
verging und die baumkronen hitzig
schwankten im dunst namenloser
sekunden

später erschien pan im schattigen
gefieder der pflanzen oder war es
der nachbar mit der sense
wusste er nichts anzufangen
der mäher schwieg jedoch
die mittagshitze währte
jahrmillionen schon

immer glauben wir
das festhalten zu müssen
weil nichts bliebe

(milliarden kopien des lebens
die niemand je liest
während das leben
verstreicht)

das vergeht
kommt aber
immer wieder

wir allein
sind flüchtig

Buch : Messe

Die Hügel mit Hallen von Bauhaus bebaut : rotweiß
Die Leuchtschrift : dahinter vom Schnee besprenkelte
Bäume : wohin wendet der Blick sich

Noch ist nicht die ganze Ebene verbaut : wem flüstert
Der Dichter sein Herzwort ins Ohr : kein
Haßwort : kein Hetzwort : in wessen Hand

Liegt das Wort : wenn es aufs Papier gebannt ist
Ein Verlag ist ein Politikum : wenn er unpolitisch ist
Die Hügel werden erobert von unifomen Firmen : die Ebene

Vom Ural zum Kanal kennt keine Unterschiede : wir lesen alle
Im Handy : niemand schleppt das Wort
Mit sich herum : wenn es aufs Papier gebannt ist

Irgendwann deckt der Schnee den Hügel zu : in dem wir
All unseren Schrott verbergen : damit wir einen Blickfang
Haben : einen Höhepunkt : der über die Ebene ragt

Angelegt

Keuschheitsgürtel, sein Werk, ich trag‘ ihn in kurviger Locke, so liegt er mir um und hält sich mir fest. Ich trag‘ ihn antastbar, ich schnall‘ ihn mir enger, als könnt‘ ich erwirken, worin er sich sprengt. Und aufgeht, die Masse, Minuten lang das, entspringt Energie, Materie, Klang, in einem gesunden Körper, palim.

organische erkrankung

sowas gibts, aber schade schon, dass die mit der ach so gelenkigen zunge so wenig die stirn, den fuß vor die tür zu setzen, um auge in auge, und zahn für zahn, verliert die gemeinde, an biss.

* * *

Der Mensch ist ein Kuchen,
Das Gedicht ist ein Kind.

So viele Verse, und die Luft
Zum Atmen
Wird uns nun nach Jahrhunderten zugemessen

23. Mai
Agenda 2010, vorbei.
Danach Gedichte, nur noch den Atem, der aus
Dem Herzen kommt.

Mit dem Licht erwachen die Vögel,
Wen vermag es da noch zu halten
Im dunklen Nest?

Hinter verschlossenen Fenstern
hört man den Wind nur in der Ferne,
Das himmlische Kind, das die Fahnen
zum Klirren bringt.

Drei Jahre später wird ein Wille
Wiedergeboren aus dem Geiste der
Musik, Muzhik
Und ich frage mich
Parlando
Parlando
Parlando
Ich frage dich
Schon lange nicht mehr.
Am fünften Mai starb hinterm Deich
Die Dichterin Sarah Kirsch
Und gestern brachten sie es in der Tagesschau.

Schnitt, die
Kunst ist ein Schrank
In der Moskauer
Leere, 1927
Das Opfer der
Titel eines Films
Jahrzehnte später.
Ich sagen, Schnitte
Überblenden
Den Raum zwischen
Den Gedanken, kon
kret kon
dukt ** kon
vers, ***** kon‘
+++ Poesie – – –
Und die weißen Pferde
***** mit den *****
Schwarzen Schwänen
Nicht am Himmel

das wars : also

eingeschlafen mit blick auf eine gelöcherte
decke : grauweiß : kunststoff
auch mein schlaf ist künstlich : fein dosiert

der cocktail fließt durch den handrücken direkt
ins blut : im rachen steckt eine röhre
ich bekomme von all dem nichts mit

die schwestern umschwärmen die betten
wie stewardessen : wo bin ich : zur getakteten
zeit : erwache ich im liegeraum : den blick

auf den himmel gerichtet : weißgrau : von schmutzigen
sandsteinfassaden gerahmt : mein nachbar
sportlich : schließt die augen und genießt

die bilder des schlafs : gern würde er hier übernachten

Autisten entwickeln Computer

Die neue Generation der Neuro-Computer wird möglicherweise von Autisten entwickelt und vorangetrieben, die eine jahrzehntelange Einnahme von Neuroleptika hinter sich haben. Las ich doch neulich in einem überregionalen Blatt: „IBM stellt Autisten ein“. Oder war es SAP? Ich möchte mich da nicht festlegen – aber: Sollen wir diese Dinge einfach so geschehen lassen? Auch ist ja bekannt, dass in Softwareunternehmen leichter Autismus an der Tagesordnung ist. Aufwachen! (Ich meine, wer möchte denn schon auf eine Annonce antworten und nachher bei der ersten Begegnung rätseln müssen, ob es sich nun um einen herkömmlich gewachsenen Menschen oder um einen Siliziumwafer handelt?)

!

supermarkt, nachtmittag, schichtwechsel. renate zu karin: an die kasse, süße, ich muss aufs klo. karin zu renate: kannst gehen, aber mach keine überschwemmung.

mein bonmot zum abend. kommt immer gut, sich auf kosten anderer zu amüsieren.

doch: welch‘ leichtigkeit geht von nati und karin aus – auch ein lebensentwurf. kaleidoskope von entwürfen. ein mandala.

?

„karin, wenn du sitzt, mach ich mal auf kleine mädchen!“

„kannst abflußen, nati. aber mach nich wieder auf hochwasser, ha ha!“

old : timer

so bin ich unter die alten autos gegangen
das hintere rad krachte : achsenbruch
mensch : dreiundvierzig : das ist doch

kein alter für so ‘ne maschine : verschleiß-
teile austauschen : weiter geht
die fahrt : hinauf : hinab : schneller

vollbremsung : wenns doch so einfach
wäre : was kaputt ist zu ersetzen
ich bin kein baum : an dem jahr

für jahr etwas nachwächst : also paß auf
du bist dein eigenes ersatzteillager : was
du verschlissen hast : kriegst du nicht wieder

frühjahr : rochade

in diesem frühjahr bleibt der himmel trübe : die büsche
wachsen nicht : der baum bleibt klein

die wiese wandelt sich : in einen sumpf
die fliegen kriechen lahm am fenster lang : der regen

fällt : er fällt und fällt : wir schließen uns
in flache hütten ein : die flut springt hoch

die wilden bäche hupfen : der bürger zieht
vom lichten kopf den hut und atmet tief : vorbei

Lost and found

Zu Gedichten von Snežana Minic

minic.jpg

Dieses Buch gab mir Snežana in Hamburg in die Hand, nachdem ich im Festsaal des Kunstgewerbemuseums Ithaka-Verse von Miloš Crnjanski in deutscher Übersetzung vorgetragen hatte. Es war ein rührender Moment: die expressiven Texte, die Crnjanski zwischen den Gefechten in Galizischen Wäldern aufgekritzelt hatte, die mit ihm die Odyssee des Krieges überlebten, schwebten noch im Raum; allmählich füllte er sich mit Geplauder, dem Klirren der Weingläser, Lachen und dem Schurren der Schuhe. Eine Last fiel ab, das schwere Wort hatte sich herabgesenkt und gab die Lufthoheit wieder frei für das Leichte.

Es gab keinen günstigeren Augenblick, die Gedichte von Snežana zu empfangen. Mit leichter Zunge erzählt sie von mediterranen Mythen, von Flucht und Vertreibung, magischen Schildkröten, osmanischen Anekdoten, weiblichem Stolz, Spaziergängen im Park, Kneipenbesuchen, Hinterhöfen, Nirgendsorten und Niemandsländern, Zigeunern und Kamille, von den Frauen, die Großvater liebte und für die er die deutschen Lager überlebt hat.

Die Texte tänzeln so leicht, daß das Buch mir abhanden kam. Ich erblickte es zuweilen eingequetscht zwischen den gewichtigen Büchern im Regal, doch erst jetzt, ein Jahr später, entdeckte ich es wieder.

„Unsere Irrfahrten setzen nur die längst beschriebenen fort … Aber auch Ithaka … ist bloß eine Insel.“ Das ist der Auftakt des Buches, die zentrale Metapher der jugoslawischen Moderne: Odysseus. Die Geschichte der Balkanvölker als Irrfahrt, als Kampf mit Zyklopen, Menschenfressern, als schmerzhafte Lust im Spiel mit Nymphen und Sirenen. Crnjanski ruft Odysseus ins Gedächtnis, Stevan Tonti? Penelope. Bei Snežana wird Ithaka wieder, was es eigentlich ist: eine Insel.

Es ist der hermeneutische Ansatz, der diese Gedichte durchzieht: zu den Sachen selbst zurückzukehren, zu sehen, was eigentlich in den Dingen und den Menschen steckt. „Was will ich eigentlich? – Sprechen will ich, wieder sprechen, wie alle Vertriebenen, ohne ständigen Wohnsitz, ohne Haare auf den Zähnen, mit Paß der UN oder ohne …“ Man muß zuweilen die Sätze freilegen, aus dem Wachsen der Gedanken herausnehmen, um ihre Schönheit zu erkennen und sie wieder zurückzugeben in das Geflecht der Verse. Snežana vertraut der wundertätigen Kraft des Kleefarns, die gefesselte Zunge zu lösen. Der Farn – ein heidnisches osteuropäisches Gewächs, grün wuchert er in den Wäldern, aber nur kurz zeigt er seine Blüte, um Mitternacht – diesen Augenblick gilt es zu erhaschen, wenn man verliebt ist. Auch die Litauer wissen darüber Lieder zu singen.

Was den Flüchtling im Westen empfängt, das sind „immerfort Werbebotschaften und Bilder, Bilder und Werbebotschaften“. Die Einheimischen sind abgelenkt durch kleine magische Bildschirme, die sie in den Händen halten oder über den Sitzen in der Straßenbahn anstarren – die sie abhalten – oder schützen? – von der mitmenschlichen Begegnung. Es ist Arbeit, sich von den sorgfältig geschminkten, bunt bespannten, beeindruckend errichteten Fassaden zu befreien, sich nicht aufsaugen und manipulieren zu lassen. Die Einsamkeit in all dieser Fülle zu erkennen und schätzen zu lernen.

„Die Poesie hat keinen Nutzen, wir sollten es lassen, vergebliche Mühen … selten, freudlos schrieben wir Gedichte.“ Tatsächlich, objektiv gesehen, steht uns die Dichtung in dieser Welt nicht bei. Sie verhindert keine Kriege, keine Klimakatastophen. Sie läßt uns innehalten, wenn wir uns auf sie einlassen. Das ist alles. Die torkelnde Bewegung eines Schmetterlingsflügels. Wenn sie keinen Wirbelsturm auslöst, kann sie Freude bereiten.

„Wir sind in einem neuen Land aufgewacht, Amseln zwitscherten im Gebüsch, Möwen flogen, alles hatte andere Bedeutung.“ Die Flucht ist von Gefahren umzingelt, die Ankunft verheißt Stille, ersehnte Ruhe – selbst die Wolken haben, scheint es, eine andere Gestalt, das Gras wächst anders. In der Stunde der Rettung kehrt die Vergangenheit zurück. Snežanas Großvater lebt in den Gedichten, wird in deutschen Viehwaggons herumgekutscht, nach Norden zur Zwangsarbeit geschleppt. Wo „ein Zigarettenstummel sein ganzer Reichtum war.“ Was ist der richtige Ort? Wann haben wir ihn gefunden?

Die Prinzessin dagegen wurde in den Süden entführt, ins herrliche Byzanz, wurde im Serail festgehalten, „die schwarzäugige Schönheit neben so vielen anderen Frauen … mußte ihr von so vielen Helden gerade dieser zuteil werden?“ Sie konnte nur noch träumen vom Vogelgezwitscher daheim in den Hainen, von den Hügeln und Hirten. Die Dichterin, sie „könnte dorthin zurück, mit Pferd, Esel, Zug, mit einem Sack Kartoffeln.“ Aber sie bleibt im Exil. Im Land des Blaukrauts, der Kohlköpfe, der Versicherungsagenten und Zeitungsleser, der Frauen mit Tragetüchern. Des Regens. Er verflüssigt alles, läßt Trauer vom Himmel fallen. „Nirgends kann man hingehen, vor nichts fliehen.“

Sie bleibt und beobachtet zugleich die Rückkehrer: „Sie kommen zurück von der Jagd und aus Kriegen, sie kaufen Bücher, sie legen die Lanze beiseite, wickeln sich in uralte Felle, im Schlaf sind sie wie Rehe so sanft, die Insel der Seelöwen ist von Sirenen bevölkert, sollen doch ordentliche Winde blasen, und ihre Schiffe in Byzanz landen … Ich stehe und schau, wie sie weißlich schimmern.“

Diese Gedichte erzählen. Sie üben sich nicht im hermetischen Versteckspiel, sondern in Hermeneutik. Der Leser schwimmt mit dem Bewußtseinsstrom der Autorin, er gleitet mühelos an ihrem Leben vorbei wie an einer Nomadensiedlung, die am Ufer ihren Platz gefunden hat. Und in dem kurzen Augenblick, in dem der Leser nachsinnt und sich selbst erblickt, hat ihn der Strom weiter getragen. Die Nomaden aber sind nicht an ihrem Platz geblieben, sondern haben ihre Zelte schon am neuen Ufer aufgeschlagen.

Snežana Minic, Ostwärts, westwärts. Aus dem Serbischen von Matthias Jacob, Klagenfurt: Drava, 2012

die : vögel

kehren nach dem regen auf die bäume
zurück : wo haben sie sich vor den tiefliegenden
wolken versteckt : die tagelang schwarz

über unseren köpfen kreisten : um ihre
feuchte fracht abzuladen : die ihnen
das mittelmeer aufbürdet : im sommer

kennt das wasser keine grenzen : die flüsse
verwandeln sich in seen : habe ich das
nicht schon einmal vorhergesehen : in meinem

roman : empörend : die literatur nimmt keiner
unserer ingenieursgeister ernst : schöngeistige
prognosen : da können wir uns gleich mit den vögeln

auf die bäume setzen : aufhören zu singen
und warten : warten : bis sich das wasser
ins seine unterirdischen verstecke zurückgezogen hat

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soziales : wesen

der mensch ist ein soziales wesen : versammelt
sich ums feuer : ob christ : ob atheist

gemeinschaftlich gegrilltes ißt
sich besser : wenn erst die korken

fliegen und die frauchen jauchzen
dann steigt das fest : wer steigt

dann nicht voll freude übern nachbarn
her : wer zieht die einsamkeit des zimmers

vor : sei doch nicht asozial

Interview mit Jacko

Im Mai 2012 hatte ich nachts einen Traum. Dieser Traum war anders als andere Träume. Ich empfand ihn als absolut real und fremdbestimmt. Mit „fremdbestimmt“ meine ich, dass er nicht aus meinen Gedankenträumen resultierte, sondern dass mich eine äußere Energie besucht hat, mit der ich kommunizieren konnte. Diese Nacht war die Nacht in der ich Jacko traf. Vielleicht hat mich Jacko als Medium ausgesucht, um seine Botschaft von Liebe und Frieden weiterzuleiten, denn ich bin ein Schriftsteller. Auf jeden Fall werde ich mein Interview mit Jacko hier aufschreiben:Medium: Jacko, wie ist das Leben nach dem Tod?Jacko: Ich kann über das Leben nach dem Tod nicht sprechen. Das ist nicht meine Aufgabe. Ich kann nur über meine Vergangenheit reden. Mein irdisches Leben ist abgeschlossen. Damals war es mein Leben; heute soll es eine Botschaft für die Menschheit sein.Medium: Dein Leben besteht aus vielen Geheimnissen. Wie kann es denn dann eine Botschaft sein? Jacko: Es sind gar nicht so viele Geheimnisse wie man glaubt. Man muss alle Teile nur wie ein Puzzle zusammenfügen, dann erhält man ein Bild.Medium: Ein großes Thema ist, wie dein Verhältnis zu Kindern war.Jacko: Ich liebe Kinder. Wenn man so reich war wie ich, dann ist es schwer seine Liebe zu verschenken. Wer Liebe verschenkt, wird auch oft ausgenutzt. So gesehen war der Tod eine Befreiung für mich. Ich würde gerne der Schutzheilige der Kinder werden, aber dieses Amt kann man nicht ergreifen; man muss es von den Lebenden geschenkt bekommen.Medium: Der Tod war also eine Befreiung….Jacko: Nein, so habe ich das nicht gemeint! Mein Leben hatte gute und schlechte Phasen. Die ersten solo Erfolge in den 80er Jahren waren sehr schön. Ich hatte eine sehr schwere Kindheit. Im Prinzip hatte ich gar keine Kindheit, und als Erwachsener wurde ich dann zum Kind; und jetzt, mit dem Tod, bin ich erwachsen geworden. Medium: Noch mal zum Anfang, du sagtest, dein Leben sei eine Botschaft. Wie lautet diese Botschaft?Jacko: Mein Leben ist eine Geschichte. Oder besser noch: es ist ein Märchen. Ich war Entertainer von Beruf, und damals habe ich geglaubt, meine Botschaft wäre die Musik. In Wirklichkeit war sie das nicht. Sie war nur ein Mittel, um den Leuten eine Freude zu machen. Oft ist mir das gelungen, und hierdurch verspürte ich die Liebe. Ich bin süchtig danach geworden Liebe zu verspüren. Um diese Sucht zu befriedigen, musste ich ein sehr guter Entertainer sein. Das hat mich verzehrt. Niemand durfte merken, wie anstrengend das war. Irgendwann habe ich gemerkt, dass man Kindern viel einfacher Liebe schenken kann. Die Kinder sind die, die die Liebe brauchen. Das ist meine Botschaft: Die Liebe zu leben ist unser Glück, und unser Glück sind die Kinder, denen wir unsere Liebe geben können.Medium: Oft wurde gesagt, dass du selbst ein Kind bist, und ich glaube, dass du es selber eingestanden hast.Jacko: Ja, das ist richtig. Als ich noch gelebt habe, habe ich gesagt, ich sei Peter Pan. Es war ein Teil von mir. Ich wollte nicht nur Kindheit schenken; ich wollte auch Kindheit erleben. Es ist aber falsch, dass ich in diesem Zusammenhang entartet bin. Viele Männer spielen mit der Modeleisenbahn. Meine Modeleisenbahn war etwas größer; sie fuhr durch Neverland. Des weitern bin ich aber ein ganz normaler Mann gewesen, der zweimal verheiratet war und zwei Kinder gezeugt hat. In der Popmusik geht es meist um Liebe. Wenn ich mich nicht mit der Liebe auskennen würde, wie hätte ich dann so erfolgreich seien können.  Medium: Du sagtest, deine Geschichte war ein Märchen. Meintest du damit die Märchenwelt, die du erschaffen hast, oder gab es märchenhafte Ereignisse?Jacko: Die letzte Phase meines Lebens stellt den Höhepunkt meiner Geschichte dar, obgleich mein musikalisches Lebenswerk schon vollendet war.  Es fing mit der Martin Bashir Reportage 2002 an. Damals hatte die Reportage mein Herz in Fetzen gerissen. Ich hatte Bashir instinktiv vertraut, und Bashir hat mein Vertrauen missbraucht. Er hat mich in ein ziemlich schlechtes Licht gerückt. Im Nachhinein sage ich aber, dass mein Instinkt ihm zu Vertrauen richtig war. Die Reportage Living with Michael Jackson war der Auftakt zu einer Schlacht um die Liebe. Es war nämlich so, dass Staatsanwalt Sneddon, der schon seit einem Jahrzehnt hinter mir her war, auch diese Reportage gesehen hatte. Seine fantastischen Ausmalungen der Liebe auf Neverland hatten wahnhafte Züge. Und nun glaubte er, mit dieser Reportage, neue Beweise gefunden zu haben. Schnell wurde ein Kind von einer geldgierigen Mutter gefunden, und Sneddon zog mich vor Gericht mit der Anschuldigung des Kindesmissbrauchs. Es war die Schlacht: Jackson gegen Sneddon, oder: Peter Pan gegen Hook, oder: die Liebe gegen Missgunst und Gier. Diesen Prozess habe ich nicht nur gewonnen; ich konnte auch die ganze Falschheit der Verdächtigungen bloß stellen. Seit eh und je war ich den Lügen der Presse ausgesetzt, die mein Lebenswerk, die Botschaft der Liebe, immer wieder schwer beschädigt haben. Endlich konnte ich der ganzen Welt die Wahrheit zeigen und die Presse diskreditieren. Ich hatte meinen langjährigen Kampf gegen die Presse gewonnen. Von nun an versuchte sich die Presse nur noch in der Wahrheitsfindung. Gott sei Sneddon gnädig; er wusste es nicht besser und er hat mir dies ermöglicht; und Gott sei auch Gavin Arvizo gnädig, der krebskranke Junge, der für den Prozess ausgenutzt wurde.Ja, das war meine Geschichte. Es ist mein Lebenswerk, und es ist schön, dass ich das noch geschafft habe. Gerne hätte ich auch noch meine Abschlusstournee gespielt, aber das ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die Liebe im Kampf gegen das Böse gesiegt hat. Medium: Vielen Dank für das Interview. Du hast das letzte Wort:

Jacko: Ich liebe Euch alle.

Unbestimmt

Vor Jahren habe ich hier einen Text über einen unbestimmten Ort eingestellt: die Elsterbar. Heute stand ich wieder davor. Mein Freund hatte seinen Hartschalenkoffer mitgebracht, es wucherte darin von Dimensionen. Ich sagte, lass ihn lieber zu, die müssen bei diesem Wetter nicht raus. Nein, sagte er, denn es könnte sein, dass sie sich einrollen. Die Dimensionen? Was redete der denn für einen Quark? Er schob das Fahrrad ein Stück weiter, ohne den Fahrradständer zurückzuklappen. Ich sah es, sagte aber nichts. Mein Freund fröstelte und fuhr sich über die elektrisierten Haare. Als wir drin saßen und die Terrasse betrachteten, die im Schiff-Wetter versank, begann er vorsichtig damit, die Dinger aus seinem Koffer auszurollen. Nach der elften hörte er auf. Der Tisch lag voller Dimensionen. Mir wurde schwummrig. „Ich glaube, ich fühle mich heute unbestimmt.“ Er blickte auf die Bescherung vor sich und nickte betreten. Da haben wir den Salat. Welchen? Ich war ratlos. Jede Sorte war möglich.

Tannenhitze

Neben den sechs Tannen vor unserem Haus stand ursprünglich noch eine siebte. Im Jahr meiner Geburt war sie von Großvater Ernst gefällt und durch einen gusseisernen Fahnenmast ersetzt worden. Fortan flatterte zu allen Feiertagen die neue Staatsflagge mit Hammer und Sichel im Ährenkranz am eisernen Mast vor unserem Haus. Es war die Zeit des Aufbruchs.
Großvater Ernst hisste die Flagge auch am Tag meiner Geburt. Es blieb unklar, ob er es wegen mir tat oder wegen der politischen Lage: In Berlin hatten sie begonnen eine Mauer zu bauen, die das Ausbluten des Landes in Richtung Westen ein für alle mal verhindern würde. Ich würde zur ersten Generation von Deutschen gehören, die ohne Krieg und Ausbeutung in Frieden aufwuchs und ihre Arbeit ganz dem Wohl und Fortkommen der befreiten Menschheit widmen würde.
Unser Eisenmast war der höchste von ganz Finsterbergen. Von der Ortsmitte aus konnte man die Fahne vor der aufragenden Fachwerkfassade unseres graubraunen Hauses deutlich erkennen. Meine Mutter wusch und bügelte Großvaters Staatsflagge nach den Feiertagen in  ihrer vorsichtigen, aber gründlichen Art und gab sie ihm stets mit einer leisen, aber klaren Bemerkung zurück: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, nicht an der Fahne.“ Doch der Großvater winkte jedesmal ab und knurrte irgendetwas von bürgerlichem Kleinmut und dass sie schon sehen werde. Als ich meine Mutter fragte, welche Früchte sie meine, antwortete sie ohne mit der Wimper zu zucken: „Die Eicheln und Kastanien, die wir jeden Herbst für die Försterei sammeln, damit sie im Winter die Waldtiere füttern können.“ Diese Antwort leuchtete mir ein, mit dem Sammeln von Eicheln und Kastanien hatte ich bereits im Alter von fünf Jahren erstes eigenes Geld verdienen können. Zehn Pfenninge zahlte die Försterei pro Kilogramm.
Das letzte Mal, dass ich meine Mutter ihren Spruch mit den Früchten sagen hörte, war der Tag, an dem sie Finsterbergen für immer verließ. Das war kurz vor meinem dreißigsten Geburtstag. Es war unglaublich heiß, die Luft draußen duftete nach überhitzten Nadelbäumen und das Betreten des Waldes war wegen der hohen Waldbrandgefahr nur noch den Jägern und Forstarbeitern erlaubt.

plötzliches pathos

als wir aus den wolken fielen auf geschmeide aus knochen wie du mir den faden abschneidest an dem mein weggespuckter kadaver hing taucht ich langsam in dein wesen während des betäubenden rauschens dass wir nie gemeinsam geweint haben nur jeder für sich auf wundreise durch gelebtes leben keine ermässigung in dieser liebe zerschrei mich nie wieder deine stärke ist zu laut gleichsam dein zurechtgetretenes ich irrleuchtet mich ein in einen klarheitsmoment weltträumend im greifen nach dämmersonne und vogelstimmen o heilige friederike mayröcker bitte für mich allein in der ungeduld des lichts sind wir in flattriger erlösung

flussidylle (spree bei cottbus)

wir dachten ein fluss genüge
für romantischen liebesquatsch und so
mondscheinspiegelungen im wasser
fröschegequake im schilf

ich spürte deine hand
auf meinem mund
die stadt legte sich schlafen

ein fischotter oder ein biber
platschte ins wasser

gefühle sind unberechenbar

Komm, ich zeige dir ein Bild

Komm, ich zeige dir ein Bild.

Es ist, wenn wir groß sind.

Dann wohnen wir in einem kleinen Haus. Es ist sehr klein, aber das ist nicht schlimm, denn alles, was wir haben und brauchen, passt rein. Nur in einem Zimmer, da steht nichts. Das ist leer. Da gibt es nichts, was man aufräumen muss und auch nichts, was man abstauben muss – der Raum ist da frei. Es ist kein großes Zimmer, aber es hat ein großes Fenster. An den Wänden ist keine Tapete, vielleicht aber ein paar Bilder, das weiß ich noch nicht so genau. Der Boden ist aus Holz und ganz alt. Das Haus ist nämlich auch ganz alt und die meisten Dinge darin auch. Deswegen riechen sie so gut.

Das ganze Haus duftet. Unten riecht es etwas nach Erde. Der Boden ist da aus Stein und das riecht man natürlich. Der Boden ist auch kalt, deswegen darfst du im Winter und im Herbst nur mit deinen warmen Pantoffeln darauf laufen, damit du nicht krank wirst. Im Sommer ist es angenehm kitzelig, wenn man mit den nackten Füßen darauf tritt, wenn man grade von draußen kommt, wo es so heiß ist. Aber auch im Winter gibt es unten warmen Boden, das ist der um den Kamin herum. Der kann sogar heiß werden, da musst du aufpassen! Den Kamin darfst du nicht anfassen, aber du darfst ins Feuer schauen. Bestimmt machst du das Feuer auch selbst an, du bist ja groß (beinah hätte ich das vergessen). Wir sitzen oft auf der weichen Couch vor dem Kamin und haben uns ganz doll lieb. Das haben wir natürlich die ganze Zeit, aber dann ist es besonders doll. Und wir lesen uns was vor, da auf der Couch. Und wir erzählen uns Geschichten. Bestimmt haben wir bis dahin ganz viel erlebt und unsere Geschichten sind anders als heute. Wir erzählen uns aber auch in unserem großen Bett Geschichten. Das große Bett ist so groß, dass wir uns da kreuz und quer rein legen können, wie wir wollen! Riesig ist es, obwohl das Haus und das Zimmer klein sind. Manchmal ist die Bettwäsche weiß und ich gucke ganz lange zu, wie du darin liegst und wunderschön aussiehst. Manchmal ist die Bettwäsche ganz bunt. Du siehst dann immernoch wunderschön aus, wenn du darin liegst.
Übrigens haben wir natürlich ganz viele Bücher und ganz viele Regale, in denen die Bücher stehen. Aber sie stehen auch in Stapeln auf dem Boden oder liegen auf dem Fensterbrett. Und wir haben viele Bilder. Die hab ich gemalt. Die meisten für dich. Auf ganz vielen bist du auch drauf.

Um das kleine Haus herum ist auch ein Garten. Mit einem roten Gartenzaun aus Holz, der auch schon ein bisschen alt ist (aber längst nicht so alt wie das Haus!). Darin stehen ein paar Bäume – ein Kirschbaum, drei Apfelbäume (die haben schöne krumme Stämme und sehen ein bisschen wie alte Leute aus) und noch viele andere. Wir können dann ganz leckere Kirschen essen (sogar viele, weil man kein Bauchweh mehr bekommt, wenn man groß ist) und die Äpfel können wir sogar in Körben aufbewahren und bis zum Frühling essen, so viele sind das! Fast der ganze Garten ist Wiese, mit weichem grünen Gras. Aber Büsche und Blumen gibt es auch. Du magst den Frühling, weil dann die Bäume blühen und der ganze Garten bunt ist. Und ich mag den Herbst, weil wir dann Äpfel pflücken und alles gelb und orange leuchtet und wir in Pullovern mit Kapuze draußen sitzen können und ich uns weiche bunte Mützen und Schals für den Winter stricke. Und ich mag den Winter, weil wir es dann in unserem warmen Haus ganz gemütlich und kuschelig haben, Glühwein trinken (wenn man groß ist, darf man das) und leckere Sachen kochen und backen. Du magst auch den Sommer, weil du dann stundenlang in der Sonne liegen kannst und schwimmen gehen kannst und ganz braun wirst.

Öfter haben wir auch mal Besuch von unseren Freunden. Mit denen sitzen wir im Garten, wo du ein kleines Häuschen aus Holz hin gebaut hast, in dem ich ganz viele bunte Kerzen aufgestellt habe. Und Krimskrams, wie auch überall im richtigen Haus (außer natürlich in dem Zimmer, in dem nichts steht – auch kein Krimskrams). Aber wir sitzen auch in der Küche, die bunt und gemütlich ist und jeder Stuhl anders aussieht. Auch unsere Teller und unsere Löffel, die Tassen und Gläser sehen ganz unterschiedlich aus und stehen in einem alten Schrank mit einer Glastür, damit ich das immer sehen kann, weil ich das gerne hab. Dir ist das egal, aber du magst mich, wenn ich glücklich bin.

Aber du magst mich auch, wenn ich traurig bin. Das kommt manchmal vor und dann tröstest du mich (was nicht leicht ist, aber ein so großer und starker Freund wie du kann das ganz toll!). Und ich mag dich auch immer, auch wenn du traurig bist (was auch manchmal vorkommt und dann tröste ich dich auch) und auch wenn du glücklich bist, wenn du müde bist und wenn du wütend bist, wenn du fleißig und wenn du faul bist. Immer halt – so wie jetzt ja auch. Und wenn wir uns zanken, so wie jetzt ja auch, dann müssen wir uns auch wieder vertragen, wir wohnen ja in einem Haus.

In meinem Bild kommen wir ganz gerne in unser kleines Haus, aber wir müssen auch raus gehen und Abenteuer erleben. Aber nicht lange.  Manche Abenteuer machen wir zusammen, manche jeder für sich, und dann kommen wir in das schönste Zuhause der Welt zurück.

Ach es wird toll, unsere Zeit in dem kleinen Haus, in dem großen Bett, auf der weichen Couch, im grünen Gras, unter dem Kirschbaum, in den kitzelnden Sonnenstrahlen.Wenn wir groß sind ist nämlich alles anders – nur nicht, dass ich dich ganz doll lieb hab und immer ganz fest knutsche, wenn ich will – und du auch.

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Stehen bei Ihnen zu Hause noch die alten Einweckgläser von Oma Frieda, verstaubt und ungenutzt im Keller und in den Regalen? Keine Bange, Sie können Ihre Gefühle darin konservieren. Frau Kleist schreibt Ihnen die dazugehörigen Texte. Und in farbechter Printausgabe kommen diese Texte in Ihr ganz persönliches Einmachglas. Ein Schmuckstück für Ihre Wohnung, denn ein Ding von Schönheit ist ein Glück für immer. Es entstehen einzigartige Pygmälion-Geschichten, von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende. Wie in Stein gemeißelt, stilsicher, von hoher Präzision.

ostbahnhof (seidenstraße)

auf gesprochenen silberfäden
fuhr ich in die stadt
sie lag wie ein altes vlies
um den fluss
dichter saßen in den cafés
bei branntwein und türkischer musik
sprachen brocken einer ausgestorbenen
nomadensprache aus dem altai
bis zu den zedern und weiter
bis zur schneegrenze reichte dein lied
von den hinterhöfen
und einem freien platz im untergrund

perpetuum mobile

(zivile jagd)

durch zimmer durch flure
treppaufab durch gebäudetrakte
straßenfluchten im zeitraffer

über städte und dörfer
durch länder inseln kontinente
und zurück zick zack

nimmermüde rastlos & blind
wie die ameisenschatten der wörter
in meinem kopf ruhlos noch
in röchelndem halbschlaf

ich & du meine
nie versiegende

triebkraft aus
hunger & wut

E-Erscheinungen

2. Teil einer Serie für Spezialisten in Automatisierungstechnik

Am Abend herrscht das allseits herbei Bemühte, äh, ich geh noch mal s-tata. Ich war die ganze Woche unterwegs, was so viel heißt, wie ich musste dauernd aufs Klo. Vor einem Monat hab ich auf die Glocke gekriegt. Jetzt brummt mir die Birne. Den Schal hat sie vermutlich inzwischen abgelegt, die Glockengießerin, seit Wochen habe ich nichts von ihr gehört. Meine derzeitige Partnerin hat scharf gekocht, ich hab mir den Pfeffer in die Augen gerieben, sie hat den Tisch und die Zellufansets mit einem nach altem Sperma riechenden Lappen abgewischt. Du, wir gehen nochmal. Ich stütze den Arm in der Jacke auf der weißen Tischdecke auf, sie ermahnt mich mit ähäh und schiebt ihn vorsichtig weg. Das Schwarz dieser Jacke habe ich damals für die Glockengießerin mit dem schwarzen Schal getragen. Offenbar habe ich sie jetzt ganz vertrieben. Die Hypophyse fährt ihre Tätigkeit langsam wieder hoch, ich beginne das Grübeln. Muss ich nun aufs Klo oder nicht? Die Synapsen melden nichts grundlegend Neues hierzu zurück. Ich bleibe also sitzen, bis meine Partnerin den Tisch abgeräumt hat. Vor mir das Fenster. Die Bäume werfen ihr Grün katapultartig an, die Birkenkätzchen hängen wie schlaffe Pimmel in seichter Brise. Rund herum ein sanftes Rot. Du, wir gehen noch mal raus, sage ich.

Fünf Minuten nach Turgenjew

Die Arena, mit ihrem weißen, intimen, als Rund gebauten Gestühl, überraschte: Ein Viertel der Plätze Arena waren schon besetzt von Lilien, die einen betörenden Duft verströmten. Doch bevor die Zuschauer in einen dämmernden Bewußtseinszustand fallen konnten, erklang aus der Dunkelheit eine Geige. Ein paar Klänge und man war mittendrin: knapp zwei Stunden mit Szenen aus „Väter und Söhne“, vor allem um das Kapitel 16 herum.

Es ist nicht das große Orchester, das die „Leipziger Festspiele“ auffahren. Darin liegt ihr Reiz. Es kann schon mal vorkommen, daß die Hauptdarstellerin einer nießenden Zuschauerin „Gesundheit“ wünscht. Es geht um Gegenseitigkeit und Kontakt, um ein Aufbrechen der Konsumhaltung, die dem Nutzer technischer Medien aufgedrängt wird. Es geht auch um das Gemeinschaftliche des Erlebens.

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© R.Arnold/CT

Also um kleine Besetzung, intensive Wirkung. Zwei Musiker: der als zaristischer Soldat ausstaffierte Geiger – das ist aber auch der einzige Verweis aufs Slawophile – und ein schlaksiger, als Ballettmädchen herumhuschender Pianist am Computer. Drei Schauspieler: Arkadi (Günther Harder), klein und dicklich, noch „Jungfrau“, schwankt zwischen Selbstmord und Attacke. Den Revolver aufs Publikum gerichtet, jammert er über sein Unglück. Bis ihm Jewgeni (Manolo Bertling) von der schönen Anna (Cordelia Wege) erzählt, die jung verwitwet reich geworden ist und zurückgezogen auf dem Lande lebt – was will der männliche Eroberer eigentlich mehr? Was sucht sie selbst eigentich noch?

Sie beschließen, ihr zu zweit die Aufwartung zu machen. Kaum ist der Entschluß gefaßt, zerreden sie ihn und kommen über Grübeleien nicht heraus. Sie ähneln Don Quichote und Sancho Pansa, zwei Nihilisten in ihrer gewollten Hoffnungslosigkeit.

Da steigt Anna in „kühler Schönheit“ ihres aristokratisch aufreizenden Flaumkleides die Treppe herab und lädt sie zum Besuch ein, beide bitteschön. „Kommt beide in meine Koje, ich meine Nikolskoje“, verbessert sie sich und läßt ihren Sprachwitz funkeln.

Was können sie zu dritt miteinander anfangen? Lieben dürfen Nihilisten nicht, also tanzen sie. Die Herren werfen ihre Oberkleider ins Publikum – wie gut, nicht in der ersten Reihe zu sitzen – und springen in Balletthosen umher. Schließlich droht es doch, „ernst“ zu werden. Man nähert, man berührt sich. Arkadi aber bekommt Nasenbluten, einen Moment lang überfällt den Zuschauer Mitleid, dann Ekel, dann Grauen. Diese Wandlung ist die eigentliche Stärke des Stücks.

Der einst aktuelle, inzwischen längst verblaßte, politische Hintergrund aus Turgenjews Epoche, der Streit zwischen Modernisten und Traditionalisten, bleibt draußen. An der Oberfläche geht es um die Möglichkeit zu lieben, wenn die persönliche Ideologie Liebe verbietet, um die innere Zerrissenheit des Nihilisten, sich zu dem zu bekennen, was gemeinhin als „natürlich“ gilt.

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© R.Arnold/CT

Anna feuert mit ihren Reizen dieses Spiel an, bis sich Jewgeni bei Aufbietung aller Peinlichkeit zu einem Bekenntnis überwindet: „Du hast mich soweit gebracht, daß ich dir sage, wie wahnsinnig ich dich liebe.“ In diesem Augenblick verliert sie das Interesse, erwidert: „Das war es nicht.“ und schleudert die schwarze Schlange, die sich als „Flechte aus ihren Haaren löst und über ihre Schulter rollt“ (Kapitel 17, S. 114), lustvoll hoch ins Publikum – wie gut, nicht in einer der oberen Reihen zu sitzen…, aufatmen, es flog nur eine Schlange aus Gummi durch die Luft, die Anna unauffällig gegen die echte Schlange, die sich eben noch effektvoll auf der weinroten Bühne wand und züngelte, ausgetauscht hat; immerhin: den Schlangenphobikerinnen auf den oberen Sitzen schlief für einen Moment das Gesicht ein.

Nein, diese inneren Luxuskonflikte des Nihilisten sind es nicht, die dem Stück Schärfe geben. Den eigentlichen Stoff, an dem der Zuschauer noch auf dem Heimweg und in seinen nächtlichen Träumen kaut, bildet das unüberwindliche Leid des Versagers, der von Arkadi repräsentiert wird. Nicht nur das Nasenbluten im entscheidenden Moment des Balzens steigert die Lächerlichkeit. Nachdem Jewgeni, äußerlich noch stoisch, innerlich schon anerkennt, daß er in Anna verliebt ist, setzt er den Freund auf die Halbschwester an, Katharina, das schlaksige Ballettmädchen.

Arkadi gelingt es nicht, sie zu verführen, er zwingt die Schüchterne unter seine Gewalt. Das vom Nasenblut entstellte Gesicht verleiht ihm das Aussehen eines Vampirs, eines weinerlichen, verzweifelten Vampirs, der das Glück nicht zu gewinnen vermag. So ruft Arkadi, nachdem er Katharina befohlen hat, sich auf den Rücken zu legen, triumphierend aus: „Ich kann ein Raubtier sein, ich kann ein Raubtier sein!“ und stürzt sich auf sie.

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© R.Arnold/CT

Dem Zuschauer wird in diesem Stück eine anschauliche Entstehungsgeschichte der Perversion aus der Unterlegenheit geboten. Der Akt der Selbstermächtigung beschert dem Geächteten dieser Welt ein vorübergehendes Hochgefühl und verordnet der Spielgefährtin die Opferrolle.

So plakativ wird das auf der Bühne nicht ausgesprochen, die Geschichte springt ins Auge des Betrachters. Theoretisch müßte die Unterwerfung Katharinas wiederum Versagen, Verächtlichkeit und Demütigung hervorrufen, so daß sich die Perversion als perpetuum mobile unendlich fortsetzen kann. Wenn Katharina aufbegehren und sich ihrerseits über andere erheben würde (die Kinder?). Doch soweit kommt es nicht.

Auf der Bühne verwandelt sich der Perverse, der seine Schwäche so gern als Raubtier ausagieren möchte, in einen russischen Bären. So bedrohlich dieses Tier ist, wenn es einem tatsächlich hinter den Karpaten über den Weg läuft, so niedlich wirkt es, wenn es lebensgroß auf der Theaterbühne tanzt und Arkadi am Ende, unglaublich schwitzend, darunter hervorkommt – so träumen wir uns die Verwandlung des Bösen ins liebenswürdig Tierische.

Männliches Eroberungsversagen trifft auf weiblichen Aufopferungserfolg. Katharina wendet die Demütigung stillschweigend um in Demut. Beiläufig, am Rande, von den Helden des Geschehens ungeachtet, im Applaus untergehend.

Mehr Theater geht nicht. Ohne schwüles Klassikerpathos, marktschreierischen Exhibitionismus.

Fünf Minuten nach Turgenjew, Regie: Robert Borgmann, nach dem Roman „Väter und Söhne“, Centraltheater Leipzig, 11.-14. 4. 2013

notfall übung

notfallübung
in der fußgängerzone zu mittag
das rote kreuz schon aufgestellt
steht einer auf dem fenstersims
vom fünften stock
soll er springen
ein anderer schreit feuer
und er springt
das rote kreuz bereitet derweil
das sprungtuch vor
au weia
ruft ein passant