Tränen trocknen im Sonnenschein feat. „Utopischen Stress“ (U. Hassbecker)

Tränen trocknen im Wind allein

Wenn die Katze kindlich ihren Schwanz jagt
Wenn der Hund seinen Nachbarn schwanzwedelnd

Wenn der Mensch stumm seinen Worten hinterherblickt
Wenn es hinterher nicht schlechter ist als vorher

Wenn gestern und morgen Freunde geworden
Wenn’s Geworden ein dampfendes Einst, bergend

*

Wenn hinter der Mauer die Steine einen Plan

Bier

„Bier ist die totale Einlullung.“

„Was? Wieso denn gerade Bier?“

„Na, Bier hole ich mir, wenn ichs mir gemütlich machen will. So zum Abend. Nach harter Arbeit. Da geh ich dann schnell noch mal in die Kaufhalle, hol mir drei oder vier Flaschen Bier, und dann zieh ich mich in mein Bett zurück und trinke.“

„Und das tut dir gut?“ (Ehrlich gesagt, finde ich Alkohol im Bett die totale Schlamperei. Rotwein? D’accord, meinetwegen. Aber Bier!?)

„Klar!  Klar tut mir das gut. Deshalb mache ich es ja. Bier, das ist Kindheit, das ist Geborgenheit und ich kann wunderbar schlafen. Bier macht selig in der eigenen Welt. Und A. lebte auch in seiner eigenen Welt.“

„Whiskey dagegen macht wach?“

„Wiskey? Habe ich nicht so die Erfahrungen mit. Auf jeden Fall lullt er dich nicht ein.“

Drei Tage vor Weihnachten

Nun rattern die Erntemaschinen drei Tage
Vor Weihnachten übers Feld : grün reckt sich
Das Futter empor für die murrenden
Kühe in offenen Ställen : bald gehört
Der Mammutbaum mit seinen mächtigen
Wurzeln zum „heimischen Gewächs“
Schnee kennen die Kinder
Aus Filmen der hundertjährigen Eltern

Wahlkampf 2021

Zarathustra antwortet Anne W.:

„Deshalb war die Westschule eine Volksverdummungsmaschine.“

[…]

„Und: Bitte entschuldigen Sie meine volkstümliche Ausdrucksweise!“

PENG\

„Sie sehen: das hier ist kein nachträgliches Plädoyer für die sogenannte volkstümliche Bildung, sondern die polytechnische Kritik daran…“

Vater, reloaded

Eingereicht am 15.10.2016 um 09:37

1) Mutter erzählt mir von Vater. Dass er wieder nicht mit ihr redet und dass er jetzt bekloppt wird
2) Vater sagt zu mir, deine Mutter, die kannste vergessen
3) Tante Adelheid ist abwesend, denn zur Verwandtschaft besteht kein Kontakt mehr
4) Das hier ist ein Inselgrundst+ck
= Stoff für einen großen Roman: Eine Generation schreibt sich ein. Und das seit fast 10 Jahren. Also doch kein Leerstand, keine Hohlbirne? Aber der Mirabellenbaum.

Tante Adelheid erschreckt ihren Nachbarn (Relaunch)
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.

Meine liebe Tochter,

ich glaube, dein Vater, der wird jetzt bekloppt. Und manchmal, wenn ich mir dich so ankucke, denke ich, der Apfel, der fällt auch nicht weit vom Stamm…

Dein Museum : Für die Musen

f. U.R. & R.B.

Hier in F. füttern sie die Ultras mit Politik.
Wasserhäuschen allerorten, eine Frage der Tradition.
Der Arbeiter-Samariter-Bund erhielt eine eigene Schule, sollen
sie sich doch selbst, ohne fremde Hilfe, zugrunde-richten.

Du hattest die gleiche kehlige Schwarte um den Hals wie ich:
„Ouma, sollisch dier die Flasche uf-f’n Nischel hauen?!“
Wir lachten. Ihr fragender Blick – der höchste Punkt,
an dem eine Kindheit festgemacht werden kann.

Du lachtest nicht, als sie die Motoren anließen um halb fünf in der Frühe.
Die weiße Milch war noch schwarz.
Als die Augen der Emigration dir drohend zuwinkten,
drohend? Äugelein? warst du bereits ein Pirat und ich: – Steuermann.

Hast du das Schiff auch gesehen, in Oslo, ..?
Wir kennen uns nicht.
Ich hörte von dir.
Herzwurzelfreund – das ist meine letzte Zeile für dich

*

Neunauge, sei wachsam!
Überall
regt sich: S t r e b e n –
und leider immer
menschliches … o Götter,

Vater mit allen
deinen A f f e k t i o n e n
& Stoffumwandlungen,
Momenten der Erleuchtung
& des wirkenden Äthers –

lasst uns zuteil werden,
was lange schon unser!

** *

Das Wasser der Meere steigt.
Nein!
Es sind nur die Inseln, die untertauchen

&

weil angeblich alles relativ ist –
relativ und verhältnismäßig –
nehmen wir die Endlichkeit unserer Leben ernst.

Angeblich ändert sich nichts.
Angeblich sind wir

*

Und immer die Sanftmut
deren
(Vorsicht, Zuversicht, „freie“

in der Geschichte vom Riesen
in Bewegung

Auf tönernen Füßen steht
die Schrift

Schon der letzte
König der Etrusker
wunderte sich

Schafsfell, Ledergürtel, R i c h t u n g

Atlantisches Glück, ozeanische Trauer (letztes apogramm: „In der Badewanne… ]}

Ich pullerte.
Nein!
Es pullerte mich

Featuring : Josif Brodsky : Wiegenlied

Ich gebar dich in der Wüste
nicht zum Spaß.
Sondern weil im bittenden Gedenken sie
keinen König hat.

In ihr sucht man dich umsonst.
In ihr wälzt
Sich des winters mehr Kälte um, als ihr
Raum selbst.

Manche haben Spielzeug, einen Ball, und
das Haus ist hoch.
Du hast für die Kinderspiele allen Sand
– dieses ganze Loch.

Gewöhn‘ dich, Söhnchen, an die Wüste
wie ans Los.
Wo auch immer es dich hintreibt, Gott
ist groß.

Ich ernährte mit der Brust dich,
aber sie
lehrte dich den Blick voll Leere,
ganz wie sie.

Für jenen Stern – dessen Abstand
schrecklich ist – wird in ihm
deiner klaren Stirn Leuchten
einmal deutlich sein.

Gewöhn‘ dich, Söhnchen, an die Wüste,
unterm Tritt
hast du ihre Bruchstücke, keine andere Gewissheit
bringst du je mit.

In ihr liegt vorm Blick offen das Los.
Alles Holz
in ihr zeigt dir leicht deinen Berg,
sein Kreuz.

In ihr sind die Pfade menschlich nicht,
erst einst!
wenn die Menschen weg sind, findet Raum
Zeit.

Gewöhn‘ dich, Söhnchen, an die Wüste,
wie die Prise Salz
an den Wind, fühlend, dass du mehr bist
als Staub & kalt.

Lern‘ zu leben mit diesem Geheimnis:
sein Gefühl
wird dir nützen, einmal, in des Herzens
Leere & Gewühl.

Sie ist schlimmer nicht als beide:
länger, schmaler nur,
und die Liebe zu dir ist ihr Stigma, Zeichen für
deines Sandes Uhr.

Gewöhn‘ dich an die Wüste, Lieber,
an den Stern,
der in ihr sein Licht mit solcher
Kraft vergießt,

als entzündet‘ er die Lampe, sich zu später Stund‘ an
den Sohn erinnernd, jenen, der in ihr –
in der Wüste länger schon ist
als wir.

Dezember 1992

Und auf dem Grabstein soll man lesen

Und auf dem Grabstein soll man lesen: er kämpfte gegen den Schwein-Schein/die Art// die Grammatik und riss seine/ihre Schwere von sich herunter. Er sah keinen Unterschied zwischen der menschlichen Art und den Arten aller Lebewesen und stand für die Verbreitung des Gebots & seiner Maxime „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Er nannte die unteilbaren nützlichen Lebewesen seine Nächsten und verwies auf den Nutzen der Nutzung aller Lebenserfahrung älterer Arten. Tiens! so nahm er an, entspricht dem Segen der menschlichen Gattung die Einführung einer Art R{a/o]boter, eines Raub-Otters nach der Art der Arbeitsbienen im Bienenstock, und nicht nur einmal erklärte er, /…// in der Idee der Arbeitsbiene/des nektarsaugenden Kollektivwesens// des [zukunftsweisenden} Arbeitstanzes sein persönliches Ideal sieht. Er erhob das Banner der galiläischen/galileischen Liebe und hob es hoch hinauf; und der Schatten dieser Liebe fiel auf viele nützliche Arten von Lebewesen. Das Herz, den Leib des modernen Durchbruchs/Aufbruchs// {Quanten-]Sprungs der menschlichen Gemeinschaften vorwärts, sah er nicht im Fürst-Menschen, sondern im Fürst-Gewebe – dem nutzbringenden Klumpen/[Schnee-}Ball// Kloß, der in die datenverarbeitende/Nachrichten verteilende Schädelkiste eingeschlossen ist. Durchdringend träumte ihm, Prophet und Großdolmetscher des Fürst-Gewebes und nur dieses zu sein. Indem er durchdríngend seinen Willen erriet/voraussagte// in Hypothesenform zur Geltung brachte, träumte er in einsamem Durchbruch/Aufbruch// {…} seiner Knochen, seines Fleisches, seines Bluts von der Verkleinerung des Verhältnisses Epsilon zu Rho, worin Epsilon die Masse des Fürst-Gewebes und Rho die Masse des Tod-Gewebes, bezüglich seiner selbst sei.
(…)
24.11.1904

Aus: Gespräch mit Dir (2013 – ?)

Die Lust, etwas zu schreiben.
Die Erinnerung an gestern Abend,
mit dir. Der Duktus des gerade
Gelesenen, wirkend. Spiegelneuronen…
Das Gelesene wirkt, die Phantasie
arbeitet. Du bist nicht du,
und nicht sie. Sie – eine
andere, ferne.

*

So sind wir beieinander & kennen uns nicht.

**

Anarchisches Teetrinken (Baal…)
und der Schnitt, Entschluss zum
Handeln – Entscheidung … sie
war Körper, damit du Denken
werdest. Denn sie sie liebt dich

*

Yeah, yeah, yeah … erzwungenes
Abtauchen, zum Glück schlafen
noch alle … das Becken hat jetzt nur
einen Besucher; ich denke an
dich, denn du bist mir nah

[wegelbach

in den stillen winkeln der wiesen
die gräser zittern noch
vom licht
von den wilden gedanken
wie es früher war
unter dem schnee unter
den hufen der huftiere
damals lebten unter der erde noch zwerge
alle sind
alles ist

verschwunden

der wolkenhimmel
streift die fehlenden zäune
sie taten dem gras gut und
schützten es
vor der unbill der zeit

o t 2

es gibt das fernsehen und
das nahsehen
das ohr
an deinem puls
es gibt die ewige frage nach dem huhn oder dem ei

* **

Weil die fremde Erfahrung verständlich ist,
braucht man sie selbst nicht zu machen.

Der Chronist schaut sich selbst beim Leben zu, der
Leser wendet sich schaudernd ab.

Die dunkle Romantik sollte die wahre Romantik werden,
Gefühl ohne Strich und Komma.

Was davon bliebe: Strich & Faden,
nach

den Gewittern ist vor dem Gewitter.

*

Das Kind liebt die Eltern, aber weiß es nicht.
Selbstliebe ist Kindesliebe.

Wer immer wen liebt, hat eine Nuss zu knacken: „Aber
nun sei doch nicht gleich ein Eichhörnchen!“ (Frosch

auf goldener Kugel, akrobatisch statisch)

**

Hegel: Für das Kind ist irgendwann alles
Liebe; in der dritten Person.

„Symbol der Sittlichkeit“

Brecht: Wo aber keine ist, sterben sogar diese.
Was schwer zu machen ist. Zu machen wäre.

„Wo aber“

Erinnerung

Hier führt die Aorta direkt zu den Sternen.

Auf dem Pass war es am höchsten: Schmerz
War Gesang, Wolken Gas
In flüssigem Zustand. Logik Gefühl, der Yak ein Eimer.
Der Schädel – meiner oder deiner? war nurmehr Helm,
Helmbrecht Milchkuh. Bertold: – einer nur,
Einer von hier. Und dort nur Wasser, so weit das Auge reicht.
Wasser und Wolken

Featuring : Osip Emil’evic / Ossip non gossip, gen. M’scht. : 1910 (lange her)

Der Drache

(Celansche Übersetzung ohne Titel)

[Wahrscheinlich als Markierung des schlechten Gewissens dem Originaltextautor gegenüber]

{=riskante Lesart, zu falsifizieren}

Ist der Reim „plot‘ – Gospod'“ übersetzbar?

Die Masken der Vorsehung (feat. B. B.)

An meiner Garderobe hängen medizinische Masken
Masken mir zu dienen, zertifiziert nach DIN
Mitfühlend fühle ich
Die gedehnten Gummibänder, andeutend
Wie anstrengend es ist, zu herrschen.

Die Kulturrevolution – ein Plädoyer

Noch war der Kapitalismus nicht verloren. Zwar häuften sich die Stimmen, die be­haup­teten, das alte Gegensatzpaar – Sozialismus und Kapitalismus – sei gebrechlich geworden, habe ausgedient. Doch hinter den Kulissen bewegte sich etwas. „Vorhang auf“, rief die Große Vorsitzende, „ihr habt mich bereits abgeschrieben, doch ihr kennt meine Blaupause nicht. Im Westen geboren, bin ich ein Kind des Ostens – dort habe ich siegen gelernt. Ein langer Marsch mit verheerenden Verlusten kann die Gegner vergessen machen, daß es mich überhaupt noch gibt. Ihr wißt, daß ich lieber im Hintergrund die Strippen ziehe. Die Schauspielerkunst ist mein Handwerk nicht. Im Gegenteil, laßt mich still die Zahlen studieren und ich sage euch die Zukunft voraus. Eine Wahrsagerin bin ich, ausgestattet mit allen prophetischen Fähigkeiten, die von der Wissenschaft für regelrechte Prognosen bereitgestellt werden. Folgt mir, ich zeige euch den Weg. Den Weg durchs Dunkel, durch den Sozialismus hindurch zu einer höheren und vollkommeneren Stufe des Kapitalismus. Eines Kapitalismus, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat!“

Die Große Vorsitzende hielt bedeutungs­schwanger inne und blickte sich um. Aus Gesundheitsgründen hatte sie nur eine Handvoll Vertraute um sich geschart, die erwartungsgemäß nickten. Sie wußte, daß das Volk in seine Endgeräte glotzte und ihren Worten lauschte.

„Ihr seht“, fuhr sie fort, „daß in den Verschwörerstaaten eine unzureichende Wahrsagepraxis vorherrscht. Manche behaupten, daß es auf der Welt gar kein Gesundheitsproblem gebe. Ich werde euch beweisen, daß es möglich ist, auf der Gesund­heitswelle reitend, die Gesellschaft auf eine höhere Stufe zu katapultieren: Man nehme eine mittelschwere Krankheit, die es erlaubt, hier und da furcht­ein­flößende Bilder von elend röchelnden Patienten zu produzieren und zu verbreiten. Nun wird die anhaltende Angst genutzt, um die Bewegungs- und Berufsfreiheit der Bürger an gewinnbringende Arbeit zu binden. Schuften und fressen – das ist die Moral, die zählt. Orchideenberufe, die bloß der individuellen Selbst­ver­wirklichung dienen, Berufe der Eitelkeit, die auf Ruhm statt auf Profit ausgerichtet sind, werden per Dekret verboten. Schlagzeuger zu Tiefbauarbeitern, mit dem Preßlufthammer in der Hand! Maler zu Malern und Lackierern, mit der Sprühflasche an den Autos der Zukunft in sauberen Fabriken! Dichter zu Klempnern, sie haben gelernt, Dichtungen abzudichten!“

Die Große Vorsitzende blickte sich mit strahlenden Augen um, bevor sie fortfuhr: „Ihr werdet sehen, wie in kürzester Zeit alle künst­lerischen Aktivitäten ihren künst­lichen, für den menschlichen Fortschritt kom­plett über­flüssigen, kurz gesagt, faulen, parasitären und absterbenden Charakter offenbaren. Ja, ich gestehe“, schob die Große Vorsitzende mit gedämpfter Stimme ein, „diese Idee ist nicht ganz neu. Meine Vorgänger im Amt haben sich daran mit mehr oder weniger rühmlichem Erfolg bereits ausprobiert. Heute rufen wir die Kulturrevolution mit entgegengesetztem Vorzeichen aus! Wenn all die Tänzer, Sänger, Musiker und ihre Erfüllungsgehilfen aus dem Backstagebereich wieder der wirklich systemrelevanten Produktion zugeführt werden, dann spart das nicht nur Millionen im Staatshaushalt ein, der Staat verdient sogar an höheren Einkommenssteuern. Das Volk wird sein Gehalt nicht mehr wie in der Phase des »blühenden Kapi­talismus« an Luxusgüter, Schminke, Mode und spontane Wochenendreisen quer über den Globus verplempern, sondern sich mit Wattejacken, Blaumännern und Kernseife zufrieden geben. Die neue Phase der gesellschaftlichen Entwicklung, nennen wir sie den »hochkonzentrierten Kapitalismus« kann sich auf eine überschaubare und damit in engstem Austausch mit der Politik auch handlungsfähige Elite stützen, der 99.99% des gesamten  ver­wert­baren Eigentums auf dem Planeten gehört. Nachdem der sogenannte Mittelstand, der sich im sogenannten »blühenden Kapitalismus« noch als Rückgrat der Gesellschaft wähnte, in Wirklichkeit aber lediglich Vorteile aus einer ihm wohlgesonnenen Steuergesetzgebung gezogen hatte, nun mit Hilfe unserer unmißverständlichen, der Gesundheit und damit dem Volkswohl dienenden Dekrete zur Aufgabe seiner Geschäftstätigkeit und damit als Wirtschaftssubjekt un­wider­ruflich liquidiert wurde, gerät die Entscheidungsbefugnis über sämtliche wirt­schaftlichen Fragen automatisch in die Hände der hochkonzentrierten Elite.“

Die Große Vorsitzende legte eine kurze Pause ein. „Sie werden Verständnis dafür haben“, flüsterte sie, „daß ich Ihnen keine Namen nennen kann.“ Wieder eine wohldosierte Pause von ein paar Bruchteilen einer Sekunde. „Doch Sie sind frei, noch sind Sie frei, selbst zu denken“, fügte sie schmunzelnd hinzu.

„Die Abschaffung der kleinbürgerlichen Gier, die uns auf diesem Wege für alle Zeiten gelingt, wird in den ersten Monaten durch großzügige soziale Maß­nahmen abgefedert. Zunächst erhalten die bankrotten Mittelständler einen Verdienstausfall. In dieser Zeit sind sie angehalten, sich nach abhängigen Beschäftigungen in den exponentiell wachsenden Elitefirmen umzuschauen. Gelingt ihnen dies nicht, werden wir sie dauerhaft staatlich alimentieren – Lenin und Genossen würden sich wundern über derart humanistische Regungen. Wir haben aus der Geschichte gelernt. Niemand soll uns vorwerfen, wir seien Extremisten. Nein, wir nutzen den Sozialismus gezielt als historisches Interregnum, um eine höhere Konzentration des Kapitals zu erreichen: Kapitalismus durch Sozialismus!, lautet die Devise. Sie fragen, was hat dieser, wissenschaftlich begründete, ökonomische Wandlungsprozeß mit der Verkündung der Kulturrevolution zu tun?“

An dieser Stelle hob die Große Vorsitzende belehrend den Zeigefinger: „Vielleicht erinnern Sie sich an den Spruch: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Früher fühlten wir uns – ich meine mich und meine Partei –  dieser Botschaft ver­pflichtet. Wenn wir jetzt verlangen, daß sich die Bevölkerung in breiten Kreisen auf die Dualität von Schuften und Fressen einschränkt und aufhört, ihre wertvolle Arbeitszeit durch Besuche in Theatern, Museen, gar Opern und Ballett­häu­sern zu vergeuden, brauchen wir Stille. Ich meine Stille in den Köpfen. Es darf einfach keine querulatorischen Spinner mehr geben, die mit Phantasie und Satire an die ver­flosse­nen Zeiten des »blühenden Kapitalismus« erinnern. Die Kulturrevolution ist die notwendige Begleitmusik für die Geburt der neuen, hochkonzentriert-kapitalistischen Gesell­schaft. Konkret gesagt genügt es, wenn wir vier staatlich genehmigte Opern in ausgewählten Häusern spielen. Titel wie Mit der Maske Berge erklimmen, Der Sieg des Abstandsgebotes in den Kindergärten, Die Schönheit geimpfter Körper und Die sieben Prinzipien der Freiwilligen Unterwerfung erscheinen nicht nur geeignet, sondern auch hinreichend, um die Bevölkerung im niemals endenden Kampf um die Gesundheit bei Laune zu halten. Atmet tief!“

Mit diesen Worten verabschiedete sich die Große Vorsitzende, verbeugte sich vor dem eingebildeten Publikum und lächelte ein letztes Mal in die Kamera.

Die Farbe von November

Sturmschwalben ziehen über das Watt.
Das Meer atmet lauter.
Du sammelst Fragen,
die das Wasser tiefer spülte
als meine Worte.
Dort hinten ist die Sehnsucht
weites Hügelland,
und ihre Gräser schweigen.

Ein Bild von ihr hängt schief
noch immer zwischen Bücherwand und Tür.

[oden | wälder … wir ruderten die themse hinauf nach maiden | head]

[oden | wälder
wir ruderten die themse hinauf nach maiden | head]
wörtliche rede

wir legen hörrohre
in die weit verzweigten enden der wälder
die fein verästelten adern ihrer wurzel und blattwerke
in das grüne auge mit der herbstfarbenen iris
die pulst unter der rinde
quillt
als harz aus allen schnitten
süß duftende wunden
verletzungen
waldtränen
rinnsale gerinne flüsse des todes
alles mit sich reißend
was nicht gehalten wird durch die kräfte der nacht
der poesie des mondlichts
oder neon
oder LED
[pssst
schhh]
wir legen störrohre ins labyrinth

* * *

Schwarze Katze, weißer Kater

Hast du Lust, ’ne Stunde
hier herumzuliegen
& zu träumen von

Feuer & Eis?

Die verrückte Feuerwehr

In den südlichen Ländern war eine seltsame Feuersbrunst ausgebrochen: Sie befiel nur die Pinien. Die Zypressen ließ sie stehen. Auch die Föhren und Tannen, von Birken und Eschen ganz zu schweigen. Vor allem, nein, nahezu ausschließlich fraß das Feuer die wunderbar knorrigen, alten Pienen­bäume, die im Wind, der vom Mittelmeer heraufwehte, behaglich knurrten. Es war ein Trauerspiel. Jahrhunderte alte Bäume, die von Förstern und Waldpflegern umsorgt und gehegt worden waren, loderten wie Kerzen auf und zerfielen zu Asche. Sicherlich hatte die Trockenheit der letzten Jahre, die den Boden metertief ausgedörrt hatte, dazu beigetragen, daß ausgerechnet die Pinien so leicht für die Flammen empfänglich geworden waren.

Ein weiteres, noch nie beobachtetes Phänomen wurde von den Waldpflegern festgestellt: unsichtbare Wärmestrahlen, die von allen brennbaren Materialien ausgingen, konnten die armen Pinien in Windeseile erhitzen, indem sie Wirbel und Strudel um sie herum bildeten. Für das menschliche Auge waren sie nicht wahrnehmbar. Wer seine Hand an den Stamm eines betroffenen Baumes hielt, spürte, wie Wärmeblitze die Haut durchdrangen, und zuckte unwillkürlich zusammen. Daher war es jedermann klar, dass es sich um eine seltsame, neuartige Feuersbrunst handelte.

Zuerst brachen die Feuer lokal aus. In ein paar Dörfern, die gleich hinter dem muschelkalkweißen Stränden lagen. Dort konnten sie schnell gelöscht werden und niemand beachtete sie. Die Menschen unterschätzten die unsichtbare Wärmestrahlung, die von allem ausging, was überhaupt brennen konnte. Zumindest behauptete das ein Feuerwehrhauptmann, der sich mit dem Oberförster über die Baumbrände unterhielt. Der Förster konnte es, ehrlich gesagt, kaum glauben.

Bald brannten nicht nur in seinem Dorf die Pinien, sondern entlang der gesamten Küste. Erst nur entlang der Küste Italiens, dann breitete sich das Feuer nach Osten und Westen aus, ergriff die Pinien Griechenlands und Spaniens. Als die seltsame Feuersbrunst sich Richtung Norden vorwärtszufressen anschickte und geradenwegs auf Rom zumarschierte, später dann auch mitten ins Herz von Madrid und Athen zielte – da reichte es den Regierungen: Sie beschlossen, Maßnahmen zu ergreifen.

Ersparen wir uns, die Maßnahmen im Detail zu erläutern. Es genügt, wenn wir behaupten, daß sie notwendig waren. Und, nebenbei bemerkt, waren sie äußerst raffiniert. Der schlaue Feuerwehrhauptmann von der Küste hatte sich nämlich als erster erfolgreicher Feuersbrunstbekämpfer bei der Re­gierung um einen Beraterposten beworben. In ihrer Ratlosigkeit und – ehrlich gesagt – Un­wissenheit nahm die Regierung diese Bewerbung eines Fachmanns und aus­ge­wiesenen Kenners dankbar an.

Noch loderten die Flammen vor den Toren der Stadt, daß Nero seine helle Freude gehabt hätte, schon überhäuften sie den Feuerwehrhauptmann mit glitzernden Orden und Medaillen. Welche bahnbrechende, patentwürdige Idee hatte unser kühner Hauptmann den Mächtigen eingeflüstert? Nicht etwa, daß es darauf ankomme, neben jeder Pinie ein Faß voll Wasser aufzustellen oder gar einen Hydranten zu installieren. Auch Flugzeuge oder Hubschrauber, die über unseren schönen Pinienwäldern Wasser abwerfen könnten, empfahl er nicht. Nein, der tollkühne Retter der Pinien ersann eine Methode, die anfangs nur er allein verstand. Denn nur er wußte von den unsichtbaren Wärmestrahlen, die von allem Brennbaren ausgingen und die armen Pinien so gnaden­los in den Feuertod rissen. Also, dachte er sich, würde es nichts helfen, die Pinien mit Wasser zu übergießen, wie es die Feuerwehr bisher getan hatte. Man mußte alle brennbaren Stoffe, die sich in der Nähe der Pinien befanden, wegräumen.

Nicht nur wegräumen, vernichten mußte man sie – Sträucher, Bäume anderer Art, Blumen, selbst winzige Kräuter und Gräser – alles sollte entfernt, gehäckselt und geordnet in Müllverbrennungsanlagen unschädlich gemacht werden, damit es die Pinien nicht mehr entzünden konnte. „Feuerbekämpfung durch Müllverbrennung“ lautete die Devise. Selbst die jungen Pinien sollten nicht verschont bleiben, um die schönen, knorrigen, alten Pinien zu schützen.

Die Feuerwehr zögerte erst, dieser neuen Aufgabe nachzukommen. Wie all die Zeiten zuvor wollte sie stur Schläuche mit Wasser füllen und unter Hochdruck auf die Brandherde spritzen – aus der Traum. Die Regierung glaubte dem Hauptmann, denn nur er hatte das Geheimnis der unsichtbaren Wärmestrahlen durchschaut. Und siehe da: nach einigen Tagen gehorchten die Feuerwehrleute, tauschten Spritzen und Schläuche gegen Hacken und Häcksler. Überall im Land rodeten sie, was nur irgendwie grünte und blühte, das hieß, was irgendwann welkte, verdorrte und zweifellos in brennbares Material verwandeln konnte.

Die Feuersbrunst indes war von der heroischen Aktion nicht im mindesten beeindruckt. Sie rückte weiter auf Rom vor, ja sie übersprang die südlichen Haupt­städte und näherte sich unaufhaltsam den nördlichen Ländern. Die vornehmen Regierungen dort erbleichten, als sie den Qualm rochen, der über ihre Grenzen quoll. Schlagbäume, das war ihnen klar, würden weder den Rauch, noch das Feuer aufhalten können. Jammerschade, daß diese bewährte Methode der Problemeindämmung in diesem Fall nicht wirkte. Sich einigeln oder in einen Kokon einspinnen und abwarten – zu schön war diese Vorstellung. Ehrlich gesagt, hatten sie auch keine bessere Idee als der kluge Hauptmann von den südlichen Gestaden, der bereits begonnen hatte, ihre Feuerwehren zu beraten.

Nur einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied gab es: Die nördlichen Länder schätzten die Maßnahmen der südlichen Länder gewohn­heitsmäßig als viel zu lasch und milde ein, geradezu schlampig, kein Wunder, daß sie nichts fruchteten. Zum Glück gab es immer weniger Pinien je nördlicher man kam, dies würde dem Feuer ganz von alleine Einhalt gebieten, hofften die Nordmenschen insgeheim. Doch gefehlt. Die seltsame Feuersbrunst fand auch Gefallen an Kiefern, sogar an Latschenkiefern hoch in den Alpen. Da ward auch den Mächtigen im Norden klar, daß sie etwas tun mußten. Das gebot die Menschenliebe, die Solidarität, überhaupt die gesamte Niko­machische Ethik.

Noch wirksamer erwies sich als Leitfaden der kategorische Imperativ, das wußten die Nordmenschen sehr genau. Auf den Kant konnten sie sich verlassen, der würde das Feuer besiegen, bevor es die Ostsee und die Nordsee erreichte. Also befahlen sie nicht nur der Feuerwehr, sondern konsequent allen Menschen ab dem 16. Lebensjahr sich an der Ausrottung alles potentiell Brennbaren zu beteiligen. Um den Kampf gegen das Feuer in den Köpfen zu festigen, sprachen sie vom exponentiell Im­flamablen, das verhindert werden müsse. Jeder, der sich an diesem Kampf beteilige, sei ein guter und vernünftiger, weitsichtiger und moderner Mensch. Zeitgenossen, die behaupteten, Feuer bekämpfe man mit Wasser oder mit einer alten Pferdedecke, die man über die Flammen werfe, um sie zu ersticken, wurden als verlorene Kinder Gottes belächelt. Bald würden sie selber in den Flammen lodern, würde man ihre altmodischen Ratschläge befolgen.

Stattdessen investierten die Regierungen – nun vereint sowohl der nördlichen als auch der südlichen Länder – mehrere Jahresstaatshaushalte, alle arbeitsfähigen Menschen von ihrer eigentlichen Arbeit zu entbinden und für die Rodung, sprich Ausrottung sämtlichen pflanzlichen Materials einzusetzen, das keine Pinie oder Kiefer war.

Drei Jahre später.

Das Werk war vollendet: Ringsum stiegen noch hauchdünne Rauchsäulen aus den Aschehäufchen auf, zugegeben nur hier und da. In alle Himmelsrichtungen erstreckte sich endlich eine flammenfreie, kahle, graue Landschaft. Am Horizont jedoch ragten noch ein paar alte knorrige Pinien und Kiefern mit ihren wunderbaren dunkelgrünen dicken Nadeln empor – welch ein erhebender, minimalistischer Anblick. Kein Künstler hätte der Welt ein schöneres Bild schenken können. Der kluge Hauptmann von der Küste wurde zum Ehrenhauptmann ernannt und erhielt einen Thron – natürlich gezimmert aus gerettetem Pinienholz.

Das Glück, ihr könnt es euch denken, währte nicht lang. Kaum hatte der Feuerwehrhauptmann befriedigt auf dem Thron Platz genommen, hoben von allen Seiten Stürme an. Der Wind fegte in bisher unbekannter Geschwindigkeit über die leer­geräumte Erdkugel und knickte die letzten verbliebenen, ehrlich gesagt, schon etwas alters­schwachen Pinien wie Streichhölzer um. Die Menschen begannen sich, um die Asche zu streiten und zu schlagen, die der Wind aufwirbelte. Denn sie hatten nicht einmal mehr Felle, um sich zu kleiden. Die Asche aber, gab ihnen für einen kurzen Moment noch einmal Wärme, bevor sie endgültig erkaltete.

Eine Stunde

Wurde uns geschenkt : damit wir
Durchs Laub gleiten : beinahe geräuschlos
Fällt es herab : die Äpfel schwimmen
Im Fließ : wir stechen das Ruder

Ins Flache und stoßen uns ab
Die Abstoßungskräfte : sie wachsen
Den Worten wohnt Unerbittlichkeit
Inne : jeder ist nur auf sich selbst

Bedacht : saure Gurken
In Dillsoße : gläsern eingesperrt
Das sind wir : wenn wir uns ansehen
Ohne uns wahrzunehmen : der Zeitzauberer

Hat uns eine Stunde geschenkt
Am längsten Tag des Jahres : wir
Nutzen sie : bis die Arme schmerzen

Die Stimme rau geworden ist : das Herz
Versteinert in der Waldmühle schlägt
Drei Häuser weiter der Holländermichel

Featuring : Aleksandr Blok : Juli 1902

Denn grausam knackt der Abendfrost,
Kommt Wind auf, der an Mauern schlägt…
Mit leisen Schritten tappt ein Kind
Kaum hörbar murmelnd auf dem Weg.

Gesichtslos kaltes Sich-Erinnern –
Wie Pixel körnig-grünen Eises
Bleibt unser Schauen stets im Innern
Des unauflöslich runden Kreises.