du sitzt auf dem dach der welt
und knabberst erdnüsse
deine zerschlissenen schuhe
tragen noch den staub der flucht
bereite dich vor
auf die rückkehr ins haus
wir kommen alle zum einzug
auch die schneelöwen
Tante Hilde oder Alle sind verdächtig
Tante Hilde in Gelb oder Alle sind verdächtig
[Anfang einer] Krimisatire
1
Es sind die letzten Wochen der Krise, der Krise des Krieges, den wir begonnen haben und der schon lange währt. In diesen letzten Wochen scheint die Sonne so eifrig, wie Preußen es lange nicht gesehen hat, und die Hauptstadt ist blüten- und bombenüberzogen, wunderschön, voller Wunden, viel mehr Wunden verschuldend an anderen Enden der Welt und schön, dass es der Frühling ist, der sie – die Stadt und das Reich, das sie zum Wahnsinn bringt – in den Anfang des Untergangs stößt.
So sehr blitzt die Sonne, so wolkenlos ist der April, scharf wie ein Schwert fährt der Himmel in die Praxis und meine Tante Hilde – Dr. Hilde Kampf – lässt die Klapperjalousie herunter, damit sie besser in Himpis Mund schauen kann. Falls das Licht sich nämlich in ihrem kleinen runden Zahnarztspiegel bricht und ihr ins Auge fällt, muss sie selbiges zukneifen und dann verschiebt sich der Fokus, dann beginnen die kleinen Viecher zu tanzen in Himpis Rachen, die sie eben noch versucht hat zu streicheln. Zum Zweck der Narkose, wie sie Himpi beruhigt und belügt. Narkosemittel sind an der Heimatfront nicht mehr vorhanden und Himpi hat sowieso Angst vorm Zahnarzt, deswegen kommt er zu ihr. Streicheln muss sie die Tierchen, um in Wahrheit unauffällig einen Abstrich von ihnen zu machen, den ihre Freundin – meine Oma – nachher mitnehmen kann ins Gesundheitsamt oder das, was davon noch steht. Hoffentlich kommt der Abstrich noch vorm Untergang ins Labor.
Ein Labor, ein Labor, ein eigenes Labor…
Gleich ist es vorbei, sagt Tante Hilde, ich nehme jetzt die Zange – sie hält Himpi die Zange vors Gesicht, das hat er bestimmt gern -, greift entschlossen den zerfressenen Zahn und zieht ihn mit einem Ruck raus.
Bevor Himpi wimmern kann, brüllt er bereits.
Hilde ist eine sportliche Frau von 35 Jahren, die im weißen Tennisrock durch ihre Praxis turnt. Die roten Wangen glühen bei dem Kraftakt und das männertreublaue Oberteil steht ihr famos. Doch das kann Himpi nicht sehen. Er kneift die Augen zu vor Schmerz und brüllt noch nach, dann fängt er an zu weinen wie ein Kind, das hingefallen ist, hält wieder den Mund auf, damit Hilde die Wunde reinigt und desinfiziert.
Streicheln, so so, murmelt Himpi danach.
Wir hätten doch das Cocain nehmen sollen, mein Himpi, aber Sie wollten ja nicht. Früher hat man es so gemacht, es funktioniert einwandfrei und die Nebenwirkungen kann man vernachlässigen. Das Bisschen Abhängigkeit…
… ist sowieso schon vorhanden, ergänzt Himpi und hat seinen knarzenden Tonfall wiedererlangt. Er legt sich das schweißfettige Haar quer über die Stirn und streicht sich das Blut aus dem Bärtchen. Ich werde Ihnen für den Rest meines Lebens dankbar sein. Also nicht mehr sehr lange. Bitte bezeugen Sie meinen Mut.
Sie müssen in einer Woche wiederkommen, ich muss die Wunde noch einmal sehen.
In einer Woche, da bin ich schon tot, sagt Himpi glasig.
Ach was, wenn der Feind erst besiegt ist, nehmen wir uns den anderen Zahn vor.
Sind Sie verheiratet?
Das hat noch Zeit.
Aber ich werde heiraten, Fräulein Dr. Kampf, und zwar schon bald. Ich habe nämlich – sagen wir so – keine Zeit mehr.
Gratuliere, sagt Hilde ohne Bedacht.
Sie können es sich wahrscheinlich nicht vorstellen, aber ich bin sehr sentimental, jedenfalls wenn es um mich geht. Ich fühle mich nahe dem Tod.
Tante Hilde verspürt einen Brechreiz und wirft den blutigen Zahn in den Eimer.
Sie werden uns doch jetzt nicht verlassen, sagt Hilde automatisch; dabei streift sie unbemerkt Himpis Rachenextrakt von der Pipette.
Im Gehen sagt Himpi: Hunderttausend Tulpen wurden in Japan abgemäht, damit die Feinde kein Ziel haben. Als ob noch ein Flugzeug bis dahin fliegt.
Ihre Augen…, sagt Hilde, denn Himpi macht schon wieder ganz kleine Schlitze.
Sind trocken. Selbst wenn ich weine. Ich vertrage kein Licht mehr. Ich sehe Sie völlig in Gelb, Fräulein Doktor.
Das sind die Forsythien draußen vorm Fenster. Sie leben zu lange im Bunker, mein -!
Wiedersehen, sagt Himpi.
Der Mann ist ein Wrack, denkt Hilde und es zieht sie zu dem Reagenzglas. Sie nimmt das Glas hoch, schaukelt es ein wenig, öffnet das Fenster, um im Gegenlicht die unbestimmbare Mitte in der klareren Flüssigkeit besser zu sehen. Wer wenn nicht Himpi hat den Infekt? Der Mensch mit den schlechtesten Immunkräften, der am ungesündestes lebt, derjenige, der die größte Schuld auf sich geladen hat, infolgedessen der angegriffenste Mensch überhaupt? Der noch dazu konsequent seit Jahren im Dunkeln lebt und sich von Kartoffelbrei ernährt. Es könnte die Wunderwaffe sein, aber das hier im Glas ist Himpis Schnodder. Hilde ist gar nicht an Waffen interessiert und auch nicht an Himpi. Hilde ist Zahnärztin, sie hält die Stellung für Notfälle in schlimmster Zeit, und Infektionskrankheiten sind ihr Hobby.
Ein detektivisches Hobby, das sie mit meiner Oma teilt seit der Zeit, als sie zusammen die Sanitätsausbildung machten. Ein Hobby, das Hilde im Geheimen betreibt, damit es ihr nicht entrissen, damit ihr leidenschaftliches Interesse für die Wissenschaft nicht ein Raub des Krieges wird. Infektiologie geht über einzelne faulige Münder hinaus und betrifft das Wohl der ganzen Menschheit. Meine Oma, die als Angestellte des Gesundheitsamtes sowieso verstrickt ist in Politik, sieht die Dinge ganz nüchtern. Wir sind die einzig wahre Hygienepolizei, du und ich, sagt sie. Alle anderen verstehen jetzt etwas Entartetes darunter. Entartet, sagt meine Oma, ist die Hygiene.
Tante Hilde öffnet ihren Privatschrank und nimmt eine Gasmaske heraus. Das gute Stück aus dem vorigen Krieg gehörte ihrem verstorbenen Vater und liegt jetzt wieder griffbereit, denn die herabfallenden Bomben könnten auch kurz vor dem Ende noch giftgefüllt sein. Sie zieht den Rüssel über, denkt nach, ob sie die Sprechstundenhilfe schon in den Feierabend geschickt hat, dann fällt ihr ein, dass die Assistentin zu ihrer Mutter nach Bayern gefahren ist. Hilde befällt eine seltene Beklemmung. Ihre eigene Mutter ist weit weg in Amerika, und hier gibt es niemanden, der sich um sie kümmert und niemanden, der sie am Ende des Tages vermisst. Hier ist angeblich die Heimat, aber was heißt das? Man kann alles noch so gut organisieren, noch so gut kontrollieren, man kann der Assistentin all die Tage frei geben, die sie verlangt, am Ende ist man allein.
In die Gasmaske hat sie sich, zur Belustigung des ausführenden Optikers, statt der Augengläser ein Mikroskop einsetzen lassen. So kann sie unauffällig im Schatten des Zivilschutzes einen Rachenabstrich in Vergrößerung sehen. Der Gesichtskreis ist mit der Mikroskop-Maske allerdings sehr eingeschränkt, sie haut mit dem Rüssel das Reagenzglas fast um.
In diesem Moment stößt durch das halb geöffnete Fenster ein hässlicher schwarzer Tierkopf. Ein aufgerissenes Spitzmaul voll scharfer Zähne, darüber böse starrende Augen. Mit vernehmlichem Klatschen schlagen zwei sehnige, weit ausladende, belappte Arme oder Pfoten gegen den Fensterrahmen. Riesig ist das Geschöpf. Es weicht zurück, um einen weiteren Anflug gegen die Öffnung zu unternehmen und knickt dabei die Forsythien. In Hilde kommt Leben, sie rast mit hämmerndem Puls zum Fenster und schließt es, lässt sofort auch die Jalousie runter, um nichts mehr zu sehen. Das riesige Tier, das in ihre Praxis eindringen wollte, war eindeutig eine Fledermaus.
Von Adrenalin durchflutet, stellt Hilde endlich das Reagenzglas in den Schrank. Sie setzt sich auf den Rand des Behandlungsstuhls und sinkt in die Lehne, schließt die Augen hinter der Maske, öffnet sie aber gleich wieder, denn meine Oma steht in der Tür, ebenfalls mit einer Gasmaske vor dem Gesicht, neueres Modell. Hilde kann die Freundin im Moment hauptsächlich hören.
Warum ist die Haustür auf? fragt meine Oma.
Himpi war da, sagt Hilde tonlos so als sei das eine Erklärung. Und nicht nur er. Was hast du da auf dem Kopf?
Das Neueste vom Amt. Manchmal können sie was. Es ist schick, oder?
Die Freundinnen schauen sich durch die Gasmasken an, Hilde beginnt zu zittern und Grete beugt sich über sie und nimmt sie fest in den Arm.
Du arbeitest zu viel, dann diese Krise… Und obendrein Himpi… Kommt er wieder?
Ich habe seinen Abstrich. Du solltest dich freuen, dass er mich für die beste Zahnärztin der ganzen Stadt hält.
Oh, das tue ich! sagt Grete. Ich nehme den Abstrich mit, und morgen früh geht das Glas ins Labor.
Ich überlege, ob ich es nicht selbst ins Labor bringen sollte, jetzt gleich, und zwar in das andere.
Hilde schiebt Grete beiseite und nähert sich vorsichtig dem Fenster. Sie hebt die Jalousie ein wenig hoch. Auf dem Fensterbrett summt eine große Fliege, auf dem Rücken, die gekrümmten Beine nach oben.
Das Heeresgasschutzlaboratorium?
Wir haben dort neue Kontakte.
Grete zieht fragend die Augenbraue hoch. Was für Kontakte?
Diskrete, seit vorgestern. Es war eine kleine OP, ich habe den Mann selber auf dem Motorrad wieder zur Arbeit gefahren. Englischer Akzent, stell dir vor.
Grete seufzt: Der Spion, den sie liebte!
Im HGSL sind sie ausgestattet mit allem. Er hat sich sein eigenes Betäubungsmittel mitgebracht. Das war klug, denn einen Mann unter Schmerzen kann man nicht küssen. Ich bin sicher, er wird den Test für uns auswerten. Und dann beweisen wir: Himpi ist infiziert.
Hilde, du solltest das Küssen jetzt lassen. Es ist nicht die Zeit dafür.
Doch, doch, es ist eine wunderbare Zeit. Wenn du küsst, bist du glücklich und du bist immun. Es ist Frühling, du musst dich verlieben.
Hilde hat sich wieder gefangen, die Fledermaus ist aus ihrem Hirn. Mit Sex kann man sich schützen, erklärt sie.
Ich bringe die Probe ins Gesundheitsamt, sagt meine Oma sachlich.
Nein, ich bringe sie ins HGSL.
Es ist die Probe von Himpi, erwidert meine Oma jetzt etwas scharf. Darauf habe ich ein Anrecht. Ich verfüge es hiermit, ich beschlagnahme sie. Zuwiderhandlungen werden geahndet.
Hilde lacht. Sie lacht und lacht und dann lacht auch meine Oma. Die Freundinnen und ihr Hobby und die Männer und der Krieg. Sie fahren gemeinsam mit der BMW durch die Spandauer Neustadt, Hilde vorn, meine Oma hinten mit dem Schild um den Hals „Hygienepolizei“.
Der englische Liebhaber ist sehr charmant. Er bittet die Damen zum Tee, auf dem Rasen vorm Eingang zum Heeresgasschutzlabor, das eigentlich Heeresgiftgaskampf- und versuchslabor heißen müsste. Das Labor liegt innerhalb der Mauern der Zitadelle, Berlins Trutzburg der Renaissance. Angreifende Truppen hat das Bauwerk schon viele gesehen, und vor Bomben ist man jetzt sicher, gerade weil es hier so explosiv ist. Drei Stühlchen werden aufgestellt. Der Engländer küsst Tante Hilde leidenschaftlich und lange, trotz Infektrisiko. Er gibt ihr noch etwas Rizin mit, „for emergency“. Im Labor wird es nicht mehr gebraucht, sie haben ja Sarin und Tabun und Zyklon B und er möchte den Rizinrest sinnvoll verschenken. Der Engländer hält Himpi für einen Feigling, versteckt er sich nicht seit Jahren in den ostpreußischen Wäldern? Bei Wildschweinen und Rehen, samt seiner Kommandozentrale? Grete ist pikiert über die Küsserei aber auch etwas erregt. In ein paar Tagen gibt es Himpis Ergebnis. Viele Grüße an deinen Mann, flüstert Hilde der Freundin beim Abschied ins Ohr.
2
In den nächsten Tagen füllt sich die Praxis. Hilde kann nicht anders, sie streift nachts durch die Straßen, die dunkel sind, Restaurants, Kneipen, Kinos, Theater, die Läden, alles geschlossen. Sie liest die Leute vom Gehweg auf, und wenn sie nicht laufen können, kommt sie noch einmal gefahren. Es gibt Menschen, die wohnen in zwei Büschen, um einen Infekt haben sie sich noch niemals gekümmert. Als Grete die Freundin wieder besucht, sind das Wartezimmer, das Privatzimmer und ein zweiter Behandlungsraum provisorisch belegt. Es riecht ungut. Alles Zahnarztnotfälle, entschuldigt sich Hilde.
Meine Oma schüttelt den Kopf, denn das Infektrisiko steigt, mittlerweile auch für Hilde selbst. Seit Hilde ausgebombt ist, wohnt sie in der Praxis, jetzt hat sie ihr Feldbett in der Teeküche aufgestellt. Schmutzige Handtücher an einer Leine schirmen sie ab vor den Blicken. Grete glaubt, die knurrenden Mägen der Männer zu hören, aber Hilde sagt: das Haus hält zusammen, jede Etage kocht an einem anderen Tag. Und wenn der Untergang kommt, bin ich nicht allein.
Die beiden Freundinnen düsen mit dem Motorrad Richtung Juliusturm. Die Zitadelle liegt rotschimmernd unter strahlendem Licht, und da die Sonne nicht so hoch steht wie im Sommer, werfen die Bäume irritierende Schatten. Die Frauen warten am Eingang. Der Engländer kommt nicht.
Stattdessen kommt ein Deutscher. Mit ihm zieht ein kalter Hauch aus dem Gewölbe. Der Deutsche zeigt auf meine Oma. Sie sind vom Amt, sagt er. Ich habe einen Auftrag für Sie, streng vertraulich.
Bitte nicht, sagt meine Oma.
Sie müssen dies hier nach Adlershorst bringen.
Er drückt meiner Oma ein Behältnis in die Arme, in dem etwas lebt. Durch kleine Schlitze hört man es flattern. Meine Oma guckt zweifelnd. Sie soll einen Vogel durch den Krieg tragen? Erklärungen sind nicht zu erwarten.
Adlershorst? fragt sie. Wo ist das?
Aus der Stadt Richtung Osten, in der Nähe von Falkenhagen. Sie werden es finden, wenn Sie dort sind. Es handelt sich um Informationen.
Bitte nicht Richtung Osten, sagt meine Oma leise. Ich komme gerade aus Posen, vor der anrückenden Armee sind wir geflohen, meine Tochter und ich. Wir haben es nur geschafft durch den Pferdewagen, und den hatten wir nur, um das Eugenik-Archiv zu transportieren.
Sie werden es schaffen, einer allein kommt immer durch, besonders die Frauen, schnarrt der Forscher. Also: Adlershorst, bei Falkenhagen.
Bitte, ich bin Mutter, ich habe ein Kind…
Die Welt ist voll von Kadavern, ich meine, Kavalieren, das haben Sie doch sicher gemerkt, sagt der Mann. Nur diesen Kasten, den verlieren Sie nicht!
Grete guckt, als wäre ihr Kopf in dem Kasten, verlorene Freiwillige in einem magischen Zirkus.
Und was ist mit dem Testergebnis? ruft Hilde.
Aber der Deutsche ist schon wieder weg und die Stahltür verschlossen.
3
Wir hätten Himpi sowieso mehrmals testen müssen. Wenn er heute nicht positiv ist, dann vielleicht morgen? Dieses Testen… ich glaube, um ehrlich zu sein…, wenn es eine Epidemie ist, dann geht es nicht nur um Himpi.
Die Frauen schweigen betroffen. Abwesend sagt Hilde: Schade um den Engländer, er war so britisch. Zwei Dinge haben wir bekommen, das Rizin und die Fledermaus. Das eine hat uns ein Engländer gegeben, das andere ein Deutscher. Das muss etwas bedeuten.
Eine Fledermaus? Bist du sicher?
Um das Tier wirst du dich kümmern. Und ich… um das Rizin.
Ich werde mich um das Tier nicht kümmern, sagt meine Oma rigoros und so gefällt sie Hilde am besten, auch wenn sie ihr widerspricht. Ich werde mich um dich und mich und meinen Mann und meine Tochter und eventuell um deine Zahnarztnotfälle und um das Archiv kümmern…
Ach ja, das Archiv.
Aber was immer in diesem Kasten ist, ich lasse es fliegen. Und Grete steigt aus dem Behandlungsstuhl, dem einzig freien Platz in der Praxis.
Auf keinen Fall, sagt Hilde und stellt sich vor die Forsythien ins Fenster. Im Namen der Wissenschaft: die Fledermaus birgt Informationen! Welche geheimen Informationen produziert das HGSL sonst außer Gift? Die Fledermaus ist wie Himpi, sie ist wahrscheinlich infiziert, aber nicht erkrankt. Und wie Himpi ist sie hochinfektiös.
Ich verstehe es ehrlich gesagt nicht, sagt Grete kleinlaut. Warum ist sie hochinfektiös? Es hat sich doch noch niemand angesteckt.
Du hast deinen Robert Koch nicht gelesen! sagt Hilde streng.
Falls nicht nur Himpi einen Infekt hat, und das ist anzunehmen, brauchen wir viel mehr Daten, Daten in Standard und Qualität. Statistik ist die Realität des Regierens, sagt meine Oma.
Allerdings, das ist logisch. Die Frauen schweigen.
Ich werde mich in Zukunft darum kümmern, sagt meine Oma. Aber mit Himpi sollten wir anders verfahren.
Sie schweigen erneut.
Was wollen sie mit diesem Tier in Adlershorst? Dort wird es ein geheimes Labor geben und sie werden sie untersuchen. Keine Ahnung mit welchem Ziel.
Doch! Hilde reißt die Augen auf. Sie testen die Infektion an Menschen, und wenn die armen Probanden krank werden, ist die Wunderwaffe gefunden. Die Fledermaus fungiert dann als Viren- oder Bakterien-Gefäß.
Das tun sie doch längst.
Was?
Menschen infizieren, sagt meine Oma ruhig. Das weißt du. Seit vielen Jahren.
Hilde guckt irritiert. Also… die Fledermaus… Es muss sich um eine besonders ansteckende, besonders verheerende Infektion handeln, die die Fledermaus transportiert. Eine, die man in den letzten Tagen des Krieges entscheidend in Stellung bringen kann.
Wir können die Fledermaus ignorieren, sagt meine Oma. Wir lassen sie sterben in ihrem Kasten und graben sie ein.
Wir sind leider schon mitten im Krimi, sagt Hilde. Ignorieren geht jetzt nicht mehr.
Und das Rizin? Soll ich es aufbewahren, damit nichts Schlimmes passiert?
Was soll denn noch Schlimmeres passieren? Weißt du was? Wenn Himpi wiederkommt, und angemeldet ist er für morgen –
Dann?
Ach nichts. Wir werden sehen.
Die Freundinnen verabschieden sich fahrig.
4
Tatsächlich dauert es noch einige Tage, bis Himpi wieder erscheint. Inzwischen hat meine Oma ernst gemacht mit der Datenerhebung und Hilde testet, wo immer sie kann. Die Zahnarztnotfälle werden der Reihe nach behandelt und jedesmal kitzelt sie die Patienten zufällig am Gaumen. Das könnte Hildes Markenzeichen werden, man lacht schon darüber. Hilde mikroskopiert nun auch selbst, denn wozu hat sie die umgearbeitete Maske? Das Heeresgasschutzlaboratorium ist zu gefährlich, und aufgeben ist keine Option. Sie arbeitet den ganzen Tag, und meine Oma lässt abends ihre Tochter allein, um neue Notfälle von der Straße zu rauben. Morgens, gleich wenn sie aufsteht, schaut Hilde ins Wartezimmer: da liegen sie über- und nebeneinander. Alle sind verdächtig, sagt Hilde befriedigt und zieht sich den Tennisrock an.
Meine Oma residiert im stickigen Flur und fragt die Menschen nach Beruf, Familienstand, Alter, Krankheiten, aber nicht nach der Gesinnung. Sie hat ein Formular erfunden und füllt für jeden eines aus. Es betrübt sie, dass alle Test-positiv haben. Aber das liegt natürlich am schnöden Leben.
Wer weiß, ob sie überhaupt die Wahrheit sagen, wenn du sie befragst, sagt Tante Hilde.
Sie trauen mir, sagt meine Oma. Sie freuen sich, dass sich jemand für sie interessiert. Das sind arme Leute, sie sind allein, haben die Orientierung verloren, manche sagen gar nichts, denn sie sprechen kein Deutsch.
Das meine ich, sagt Tante Hilde.
Geh in dein Labor, sagt meine Oma verärgert. Mach deine Arbeit und ich mache meine.
Jetzt sollten wir ihnen die Wahrheit sagen, sagt meine Oma, als nach drei Tagen die Praxis so voll ist, dass man nicht mehr atmen kann. Dass sie infiziert sind, und dass sie gehen müssen, und dann kommen die nächsten. Ich finde heraus, wie viele wir für unsere Studie benötigen, ich weiß aber noch nicht, wie lange wir brauchen.
Gehen? Wo sollen sie denn hin?
Ja, wohin… Sie können zu mir, sagt Grete dann mutig. Vielleicht ist es ja nicht so ansteckend. Ich denke, die Fledermaus wäre viel ansteckender.
Die Fledermaus!! Die Frauen sehen sich entgeistert an. Die Fledermaus haben sie völlig vergessen. In diesem Moment klopft es und eine bekannte Stimme knarzt durch die Tür.
Fräulein Kampf, ich bin es!
Einen Augenblick! ruft meine Oma schrill und scheucht die zerlumpten Gestalten aus dem Flur. Wie es hier riecht. Wie sauer gegoren und nass zusammengelegt, wie modrig geschrubbt und nicht richtig abgewischt mit Toilettenpapier. Die Leute müssen sich in den zwei Zimmern und der Küche zusammendrängen, da ist jetzt nichts zu machen. Tür zu und Ruhe, verdammt! Himpi, du liebe Güte…
Ist da noch jemand? fragt Himpi. Ich dachte, ich hätte jemanden gehört.
Wir sind ganz für uns, mein -, sagt Hilde zuvorkommend und bugsiert Himpi flott ins Behandlungszimmer und auf den Stuhl. Sie schließt schwungvoll die Tür, aber öffnet das Fenster, denn dass es schlecht riecht, sieht sie Himpis gekräuselter Nase an. Himpi ist sehr empfindlich.
Erstmal die Wunde, sagt Hilde freundlich.
Himpi öffnet den Mund.
Sehr schön. Und nun – nehmen wir uns den anderen Zahn vor.
Himpi schließt seine Öffnung. Ich glaube, es lohnt nicht mehr, Fräulein Hilde, flüstert er ängstlich.
Herr Himpi, Sie wollen doch nicht mit Zahnschmerzen sterben, sagt Hilde bestimmt. Ich habe außerdem – ein neues Narkosemittel.
Hilde erschrickt plötzlich vor sich selbst. Da Himpi mehrere Tage zu spät zum Termin gekommen ist, hat sie ihren Plan fast vergessen. War es denn ein Plan? Tatsächlich ist sie nicht vorbereitet. Aber kann man denn auf alles im Leben vorbereitet sein?!
Einen Moment, ich muss es nur holen… Hilde kramt nervös in ihrem Privatschrank. Da ist die Dose. Der Engländer fällt ihr ein und wie er sie küsste. Hilde wird es ganz warm.
Als sie sich umdreht, prallt sie zurück. Himpi ist aufgestanden und steht dicht vor ihr.
Ich möchte lieber nicht, sagt er düster und schaut ihr auf die Schulter.
Das kann ich verstehen, sagt sie. Aber es tut immer nur weh, wenn man Angst hat.
Ich habe Angst, sagt Himpi und lässt sich sanft wieder setzen.
Jetzt muss Hilde die Strategie wechseln. Das muss sie in der folgenden halben Stunde noch öfter.
Tatsächlich ist es so, sagt sie, dass Sie vor der Behandlung weniger Angst haben müssen als vor der Narkose. Die Narkose ist neu, ein neues Mittel. Wenn wir es an Ihnen ausprobieren, könnten Sie zum Helden für viele Verwundete werden.
Die Verwundeten sind mir egal, murmelt Himpi. Also… Wenn es nicht funktioniert, dann tut es halt weh, und wenn es funktioniert, dann merke ich nichts?
Möglicherweise wird Ihnen etwas schlecht. Aber das dauert höchstens drei Tage.
Wissen Sie, ich finde, sagt Himpi plötzlich heftig, dass Sie diese Experimente an denen machen können, die dafür vorgesehen sind. Das habe ich doch alles geregelt. Wozu gibt das lebensunwerte Leben? Damit man es vernichten kann. Aber doch nicht mich, bitte.
Es geht doch nicht um vernichten, Herr Himpi.
Schon gut, schon gut. Meinetwegen. Aber bitte: bezeugen Sie meinen Mut!
Frau Doktor Kampf, meine Tante, rückt nun vor. Zurück geht es nicht mehr, es ist begonnen. Der Untergang nimmt seinen Lauf.
Wie heißt das Mittel? fragt Himpi. Und kennen Sie die Dosis?
Es heißt… Zirin, antwortet Hilde.
Himpi seufzt. Vielleicht lebe ich ja doch noch länger. Wer weiß. Und dann lohnt sich das Leiden. Fräulein Kampf, vielleicht haben Sie Recht.
Hilde lächelt und Himpi lächelt jetzt auch. Es ist das erste und letzte Mal, dass beide so lächeln.
Hilde wird nun leider beinahe zu kühn. Es treibt sie der Teufel, ich glaube, es hat mit dem Engländer zu tun, dass er fort ist, nicht mehr da. Was haben sie mit ihm gemacht, ihrem kühlen Spion? Hilde sagt betont lustig: Nach dem Gesetz, das Sie erlassen haben, ist – mit Verlaub – Ihr eigenes Leben nichts mehr wert.
Was? macht Himpi entgeistert.
Sie vegetieren dahin, Ihre Haut ist Papier und Sie haben die Hoffnung verloren.
Himpi schnappt nach Luft, aber Hilde ist noch nicht fertig.
Sie werden sterben in ein paar Tagen, das ist gewiss. Eine Behandlung ist daher nicht mehr angezeigt. Auch wenn Sie die schlimmsten Schmerzen hätten, ich könnte Sie getrost verrecken lassen, denn Sie haben vor sich selbst zu töten. Um sich nicht verantworten zu müssen, habe ich recht?
Himpi zuckt mit allen Wimpern. Ich werde Sie liquidieren lassen, krächzt er.
Aber Herr Himpi! Warum sind Ihre Zähne so schlecht?
Wie bitte? Himpi ist total überfragt.
Das erste Zeichen mangelnder Verantwortung sind die eigenen fauligen Zähne. Ich werde Ihnen diesen Zahn ziehen, sonst kommen Sie niemals zur Ruh.
Nie zur Ruh -, Himpi liegt jetzt auf dem Rücken.
Hilde beugt sich über seinen grässlichen Rachen. Noch nie hat sie so viele Tierchen herumlaufen sehen, all die Toten, Verwundeten, Vergasten, Verstümmelten, Gefolterten, Ermordeten, sie alle gehen in Himpis Rachen spazieren.
Hilde sticht hinein, in der Spritze ist Rizin.
Aua, macht Himpi.
5
Es war also nicht so, wie Hitlers Sekretärin erzählt, dass Hitler sich selbst umgebracht hätte, und es war auch nicht so, wie sein Chauffeur berichtet, der ihn nach seinem Sicher-ist-Sicher-Doppelselbstmord – erst vergiften, dann erschießen – verbrannt haben will. Meine Oma sagt immer, dass Himpi vielleicht nur bis zu den Forsythien kam. Denn Hilde erzählte, dass es ihm sofort sehr schlecht ging, den Forsythien in den Folgejahren aber sehr gut. Himpi wankte nach der Behandlung aus der Praxis, vorgeschädigt wie er war, und brauchte vielleicht nicht so lange wie andere, um dem Rizin zu erliegen. Normal sind drei bis vier Tage, sagt meine Oma. Die könnte er natürlich noch in der Reichskanzlei verbracht haben. Theoretisch ist es möglich, dass er sich trotz der tödlichen Dosis, von der er nichts wusste, zusätzlich selbst vergiftete und auch noch erschoss, meinetwegen. Aber es gibt nichts daran zu deuteln, sagt meine Oma, dass es Hilde war, die für die amtliche Sicherheit dieses Todes verantwortlich ist. Und dabei ist es egal, ob Himpi die letzten Tage in den Forsythien oder in den Armen von Eva Braun verbracht hat. Der Stoff, den der Engländer Hilde gab, war ganz ausgezeichnet.
Meine Oma war später auf Hilde sehr stolz, denn es ist doch ein Unterschied, ob irgendwem noch ein Anschlag auf Himpi gelang oder ob erst der Untergang kommen musste. Besser ein gelungener Anschlag einer Zahnärztin als misslungene Anschläge von Generälen. Tante Hilde hat niemals Berühmtheit erlangt; die andere Schlussversion war bald in der Welt. Offenbar hatten die Freundinnen kein Interesse, als Hitlers Verderberinnen in die Annalen einzugehen. Der große Verdächtige war weg, die Ansteckung durch den Infekt entscheidend gemindert. Das war es, was für sie zählte.
Wie ich das fand? Nun, meine Oma, die in den nächsten Stunden noch Kriegswitwe wird, hatte keine Zeit, Zeitzeugin zu werden, erklärte sie mir. Und Hilde hätte sich ja selbst melden können beim Heldenregister. Aber das tat sie nicht und als ich sie kennenlernte, war sie schon eine betagte Dame mit einer riesigen Brille und dunkelbrauner Perücke. Sie trug lila Kostüm, saß bei meiner Oma im Wohnzimmer, trank Kaffee und Likör, meine Oma hatte Kuchen gebacken und von Hitler war niemals die Rede. Um ehrlich zu sein, ich glaube, Tante Hilde hatte ihn völlig vergessen.
Jetzt aber, April `45 – Himpi ist raus aus der Praxis, die Meute in den Nebenzimmern, deren Anwesenheit Hilde vielleicht ermutigt hat, quillt wieder auf den Flur – ist Grete damit beschäftigt, die Leute mit einer warmen Mahlzeit abzuspeisen. Eintopf mit Speck! Sie schleppt den dampfenden Kessel aus dem oberen Stockwerk, über die Treppe hinunter und durch die Praxis zum Herd. Niemand fragt nach dem hochrangigen Gast, der vorhin ungesehen kam und wieder ging. Es riecht gut, und im Moment haben alle nur Hunger.
Da Grete mit so vielen Verdächtigen in Berührung kommt, was sich gar nicht vermeiden lässt, möchte sie zur Sicherheit auch endlich getestet werden. So viel Zeit muss sein. Hilde verschwindet mit Gretes Abstrich im Labor, das heißt sie setzt sich im Behandlungszimmer die Gasmaske auf. Sie starrt auf den Speichel im Reagenzglas und lehnt den Kopf zwischendurch schwer an die Wand. Sie hat Himpi vergiftet. Etwas muss jetzt geschehen, auch wenn die Gegenwart zäh und dickflüssig ist vor lauter Problemen. Etwas Suppe schwimmt darin. Was sie sieht: Grete ist positiv.
Du musst weg, sagt sie zu Grete, die neben ihr steht.
Aber die Meute ist auch noch da.
Dann muss ich weg und ihr bleibt, in Quarantäne.
Wie soll das gehen… Und wie kannst du sicher sein, dass du nicht auch positiv bist?
Einer muss den Maßstab bilden, sagt Hilde verärgert. Aber meine Oma ist eisern, und positiv sein muss man erstmal verdauen.
Bei so vielen Infizierten unter deinem Dach besteht vom Amts wegen höchster Verdacht, sagt sie strikt.
Grete, ich habe jetzt andere Probleme.
Was für schlimme Zeiten sind das, in denen es etwas Schlimmeres als Infektionen gibt! Wie schlimm sind diejenigen dran, die das Risiko nicht mehr interessiert! Andere Probleme, was soll das sein?!
Was für einen Infekt habe ich überhaupt?
Einen Infekt, irgendeinen, ich habe ihn gesehen, sagt Hilde gereizt. Genauer machen wir es nach dem Krieg, einverstanden? Du hast den Infekt, den alle jetzt haben, das liegt auf der Hand.
So, macht Grete und ist nicht zufrieden.
Ich bin negativ und ich bin beweglich, sagt Hilde. Ich klemme mir die Fledermaus auf das Motorrad und bringe das Tier nach Adlershorst. Dann ist dein Auftrag erfüllt, du wirst nicht suspendiert. Und ich werde nicht von Himpis Braut gejagt, die ihn im Bunker vermisst.
Wenn die Fledermaus die Wunderwaffe ist, wirst du zum zweiten Mal berühmt, allerdings für die andere Seite, folgert Grete mit nachdenklichem Gesicht. Gerührt von Hildes Mut überlegt sie. Natürlich, Hilde und die BMW, dagegen käme der Pferdewagen nicht an. Der Grete außerdem sofort entrissen wurde. Meine Oma müsste ihr Fahrrad nehmen, wenn es nicht bei einem Brand geschmolzen wäre. Wenn Hilde, die Strahlende, Schnelle sich an ihrer Stelle ins Abenteuer stürzte, hätte die Mission viel eher Erfolg. Einverstanden, sagt Grete.
[Fortsetzung folgt]
umgehung
unbestrumpft abgebogen in die vertrauten gärten
voll der rosen kraftduftendem odem
springt flaneur träge zum wegrand hinüber
als vierrädrige staatsmacht
frech sich verirrt hat in dichters flur
grau überwölkte bewegung ist noch leicht
aus zu machen
im verzug
der eigenen courage liebevoll entsprungen
sucht
neues alte hauptstatt im langsam anhebenden takt
der djemben auf grünender wiese
unter bäumen
im zickzack hinweg und zurück
nach heftigem schauer auf rastbank in trance
lässt‘s klingen und hört bereits
was später tatsächlich gesungen
Wir sind alle
Amazonasbewohner, mehr
oder minder Traum
von Wasser oder Wasser,
das die dämmernden
Körper bewegt
Maschinenbauer und
perturbierende Stoff-
wechselzentren,
Organbesitzer und
Verlierer exklusiven Vertrags
Was sind wir noch?
Alles,
was die gefügte Ordnung
aufzulösen begehrt
und sein Begehren
fortwährend bedroht weiß
Körper und Denken
getrennt, eine Seele
aus Zweien,
die nicht weiß – woher
das alles und schon gar nicht:
wohin
Die unendliche Einsamkeit der Zahlen
auf dem Weg zu sich selbst
und über sich hinaus,
ihr Teilsein im
Überschaubaren, ihre ewige
Rätselhaftigkeit
Eine Karte im Gesicht
oder Gesichtslosigkeit,
Himmelsbegehren und
Sturzbacherzählung
Das hier
„Und er hat dich wirklich nicht noch einmal gemalt?“ fragte Eduard ungläubig. Das letzte Wort ging fast unter. „Dr. Motten hat ihn sicherlich davor gewarnt.“
„Nein, Eduard. Er wollte mich mittags malen, bei Tageslicht. Ich habe ihn versetzt. Er war nicht einmal böse. Ich glaube, es war etwas anderes.“
Ich fühlte eine seltsame Leere und Ratlosigkeit. Das, was Vyvyan in Eduards Rede als Diethelmisierung bezeichnet hatte, die Amputation von Gefühl und Verstand, genau das war es.
„Eduard, du mußt mir etwas erklären, ich glaube ich …“
„Was soll ich dir erklären? Du hast doch viel mehr Zeit mit Vyvyan verbracht als ich, als wir alle.“
„Gerade das ist es ja. Eduard.“
Ich merkte, daß das Gespräch zu nichts führen würde. Eduard räusperte sich umständlich, was untypisch für ihn war. Es klang nach einer sich vollsaugenden Wasserflasche.
„Nun, als ich Vyvyan kennenlernte, lebte seine Mutter noch. Du weißt, daß sie auf dieser Konzertreise verunglückt ist. Jedenfalls lebte sie damals noch. Und wir fuhren zu dritt zu diesen Vorlesungen. Vyvyans Mutter war das, was man früher eine femme fatale genannt hätte. Sie hat in ihrer Jugend einen Zirkel ins Leben gerufen. Sie hatten sich irgendwie zur Aufgabe gemacht, die Erscheinungen über das Ding an sich zu stellen.“
Mir fiel die Gauloises auf den Teppich. Das war ja Kant.
Ich hatte keinerlei Ambitionen, das hier mit Kant erklären zu wollen.
Amputationen
Man nahm dem Engel die Arme. Er konnte nichts mehr halten.
Man nahm dem Engel die Beine. Fortbewegung wurde fast unmöglich.
Man nahm dem Engel den Kopf. Er konnte nichts mehr hören, sehen, riechen, schmecken und denken.
Man ließ ihm die Flügel. Damit kann er fliegen.
homeoffice
rhesusaffe negativ
flüchtiger traumblick
dann wechselt die farbe
Energie
Sobald du die Augen schließt, bist DU wieder da.
Als Widerspruch.
Das ist die Quelle der Energie, die DU sonst gar nicht bräuchtest.
#leavenoonebehind
aus einer zeit kommend in der parolen noch in landessprache verabreicht wurden
verwundert sich der beobachter und ist auch manchmal los den rat
Ich ärgere mich, weil ich ihn trotzdem sehe
Die hohen, englischen Fenster des Wohnraumes gingen auf ein verwildertes Grundstück hinaus, neben einem Schuppen lagerte Schrott, der aber von hier aus nicht zu sehen war.
semantische absurditäten
schon morgens die tage beginnen zu altern wir müssen
nur noch die stunden erschlagen die stadt liegt trunken am straßenrand
fensterscheiben erbrechen licht … ich … (du) nur der auswurf
des augenblicks um m(d)ich herum blutende wände waagerecht übereinander-
gestapelt die ordnung der dinge verlor sich im herbst
m(d)eine glieder (wahllos) im zimmer verstreut ein arm in der ecke
ein bein auf dem tisch das bulimische herz ins koma
erbrochen mach dir kein bild aus leuchtenden worten unter der erde atme ich
blau du hast den blick für die farben verloren: ich sterbe wie
ich geboren mit einem kräftigen schlag auf den rücken – pflegte nur mit
den toten verkehr – die zeit wirft falten (wie löschpapier)
niemand zeichnet die welt mit tinte (bin nur ein fleck auf weißem grund)
wie viele seiten ein buch doch hat am ende von allem: sag mir
was ist ein gedicht & wozu
Eisgrau
fallen
[https://inskriptionen.de/?p=]
achtundvierzigfünfundachtzig
brennend aus dem Himmel des Sterns mit Namen
*
– Besser als ein Stern ohne Namen.
– Wieso?
– Na, die bleiben so klein. Fast unsichtbar…
(zweifelnder Blick)
– Hm, aber dann gleich – SUPERNOVAAH?
(Stirnrunzeln)
– Ah.
eisgrau
fächelt der atem
aus dem mund
fiebert die nacht
nach unverbrauchten worten
vor das fensterbrett habe ich
ein sehnsuchtsnest gelegt
aus der stimme des letzten frühlings
forme ich mir
eine zeit für danach
Ein Sprung von Mathematik
Ein Ereignis ist, wenn Sie mit einem einzigen Würfel eine 7 würfeln. Oder eine 8. Jedenfalls keine der Zahlen auf dem Würfel. Aber bitte, bleiben Sie dem Ereignis treu. Akzeptieren Sie die 7. Würfeln Sie nicht noch einmal. Bleiben Sie der 7 treu. Folgen Sie ihrer Spur.
Ein Sprung
Haben Sie schon mal versucht, ein
Gedicht zu erzählen
Ohne Stockung, gar
Lüge
Wer das kann, der
werfe den ersten
Stein
Masken, Zeichen: Stein auf Stein,
Featuring : Josif Brodskij : Erinnerung 1995
Je n’ai pas oublié, voisin de la ville
Notre blanche maison, petite mais tranquille
Charles Baudelaire
Das Haus war ein Sprung von Geometrie ins taubstumme Grünen
des Parks, dessen Statueninfanterie, wie der Eingang zur Orangerie
Bewohner – nie! lümmelte in den Alleen, abgestolpert vom Straßenknie;
als sich die Fenster erhellten, war unklar – wessen und wie.
Wie man sieht, bediente das Rauschen des Winds, summierend die Varianten
der Abhängigkeit vom Schicksal (des Kinds – an den Abenden)
sich der Lammkrakelschatten, und, vom Standpunkt der Lampe aus,
reichte das aus fürs Erglühen von Wolfram.
Doch Vorhänge hingen davor. Eine grobkörnige Gravur,
vorsichtig knirschend, zeugte nicht von eines
Anderen Anwesenheit, sondern nur der Feier einer üppigen
Ungebundenkeit, den Umgebungen hingestolpert von ihr.
Und um Mitternacht die Wolken, erzogen von der Hochschule zur
Uferlosigkeit oder einfach nur kopfloser Abwehr von Dünkel
bedeckten patriotisch mit rissigem Laken den nackten
Kosmos vor der verwilderten Summe rechter Winkel.
Pandemische Paradoxien 2 (Update): Zahlenspiele, frisch frisiert
„Es wird ja fleißig gearbeitet und viel mikroskopiert, aber es müsste mal wieder einer einen gescheiten Gedanken haben.“ (Rudolf Virchow, Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für Pathologie, Bd. 40, S. 4)
„Wähle eine Maske, die einen deiner Mängel übertreibt, dann wirkst du sympathischer.“ (Baron James Ensor, ordentliches Mitglied der Königlichen Akademie von Belgien, Ostende im August 1935)
„Endlich war es möglich, Krieg zu führen, indem man zu Hause blieb.“ (Curzio Malaparte, Geschichte von morgen, 1951)
„Schaufle die Tage auf. Zerpflügte Stirne – brandend in Spätsommertagen. Fiebre in deiner Enge, deiner stachelnden Stille. Hallo, die Pfähle glühn – die dich umzirkeln, umkerkern, sind süß. Tanze, springe. Weltlust pfeife auf zerküßten Lippen … Särglein ist süß.“ (Ludwig Meidner, Im Nacken das Sternenmeer, 1918)
„Ich verachte die dummen hygienischen Vorstellungen der Bourgeoisie.“ (Massimo Cacciari, Philosoph, Bürgermeister von Venedig 1993 bis 2000 und von 2005 bis 2010)
„In einem armseligen, entlegenen Flecken verweilen, inmitten von Bächen und Feldern, umgeben von den Mauern der Häuser, unter einem Dach aus Gras oder Schilf, oben undicht, unten feucht – all das versetzt das gewöhnliche Volk in düstere, gedrückte Stimmung, bereitet ihm Kümmernisse und Sorge, es verliert die Zuversicht. Der Weise verweilt dabei, ohne beunruhigt zu sein, ohne zu leiden und zu klagen und ohne die Freude an sich selbst zu verlieren. Warum ist es so? Indem er im Innern durchdrungen ist von Natürlichkeit, Reichtum und Mangel, Armut und Wohlstand, Arbeit und Dienstpflicht keinen Wert für ihn haben, verliert er den Sinn für deren Bedeutung.“ (Huainanzi, 1.19, 2. Jahrhundert v.u.Z.)
Im März 2020 wurden wir – zunächst allmählich, nach wenigen Tagen jedoch im Halbstundentakt – Zeuge einer Berichterstattung, die sich unter Berufung auf nackte Zahlen einem Schreckensszenario verschrieb. Den Ausgangspunkt bildeten zwei Ziffern, die aus der Provinz Hubei und ihrer Hauptstadt Wuhan gemeldet und auf Europa übertragen wurden: Die Sterbequote der vom neuartigen Coronavirus infizierten Personen betrage 3.4% (WHO Directors speech am 3.3.2020). Das Virus werde 60-70% der deutschen Bevölkerung anstecken, prognostizierte Angela Merkel in ihrer Rede am 12.3.2020. Offensichtlich, so schien es nach diesem Kalkül, war hierzulande mit mindestens etwa anderthalb Millionen Toten zu rechnen. Je nachdem, in welcher Geschwindigkeit sich das Virus ausbreiten würde, würden die Menschen entweder innerhalb weniger Wochen oder über das Jahr verteilt nur so „wegsterben“. Das Robert-Koch-Institut (RKI) richtete Anfang März ein Monitoring ein, die Bundesregierung war alarmiert. Verlaufsszenarien wurden als Computersimulationen anhand verschiedener Modelle entwickelt und der Pandemieplan aus den Jahren 2016/17 aus den Schubladen geholt. Am 11. März 2020 rief die WHO schließlich für die Krankheit Covid-19 den Pandemie-Status aus. Damit überstürzten sich die Ereignisse.
Sowohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse in Bezug auf das neuartige Virus als auch die statistischen Methoden des Pandemie-Monitorings wiesen gravierende Lücken auf: Unbekannt waren nicht nur die bereits vorhandende Ausbreitung und die weitere Verbreitungsgeschwindigkeit des Virus. Auch die Übertragungswege, die Hintergrundimmunität aufgrund von Infektionen mit bekannten Coronaviren und die Genesungschancen konnten noch nicht valide eingeschätzt werden. Die Ungewißheit all dieser Parameter veranlaßte die Entscheider, auf „Nummer sicher“ zu gehen: Das Schreckensszenario, so schien es, könne nur abgewendet werden, wenn die befürchtete exponentielle Ausbreitung des Virus so stark verlangsamt werde, daß das Gesundheitssystem mit den Patienten, die an der neuen Atemwegserkrankung Covid-19 litten, nicht überlastet werde, d.h. wenn die Ausbreitungskurve des Virus abgeflacht werde.
Länder wie Taiwan und Südkorea ließen sich infolge ihrer Erfahrungen mit SARS 2002/2003 und MERS 2015 von dem Verdacht leiten, daß die von der WHO aus Wuhan gemeldeten Zahlen eher eine Untertreibung darstellen und tatsächlich mit einer höheren Mortalitätsrate zu rechnen sei. Bereits Anfang Januar ergriffen sie mit ruhiger Hand gezielte Sofortmaßnahmen: Schließung der Grenzen, insbesondere zur VR China, Sperrung des Schiffs- und Flugverkehrs, vorsorgliche Quarantäne für alle Pendler nach China, Verbot von Großveranstaltungen, Preisbindung für Medizinprodukte wie Atemmasken und Desinfikationsmittel, extensives Fiebermessen vor Eintritt in öffentliche Gebäude sowie konsequente Verfolgung von „Quarantäne-Sündern“ – insgesamt ein Bündel von 124 Maßnahmen, ein Überblick findet sich im „Update“ von Paul R. Vogt. Der in Europa beschrittene Weg des Stillegens des gesamten gesellschaftlichen Lebens einschließlich Wirtschaft, Bildung und Kultur („Lockdown“) wurde in Taiwan und Südkorea vermieden (Jason Wang et al., 3.3.2020, vgl. Richard Friebe im Tagesspiegel vom 5.3.2020, Martin Kölling im Handelsblatt vom 15.3.2020). Dennoch blieb sowohl die Zahl der Infizierten als auch der Verstorbenen in Taiwan und Südkorea anhaltend gering, ja um Größenordnungen geringer als in den Lockdown-Ländern.
Der Westen hat weder genau hingeschaut noch davon gelernt. Zuerst wurde das neue Coronavirus als ein fernes fernöstliches Leid ignoriert oder kleingeredet. Spätestens ab Mitte März brach ein Überbietungswettbewerb der Länder um die Schärfe der Verbote und Einschränkungen aus. Flankiert wurde er von einem medialen Feuerwerk, in dem selektiv herausgegriffene Zahlen und Bilder allgemeinen Horror verbreiteten – zur „Einstimmung“ der Bevölkerung auf eine hohe Opferzahl, wie es in einem Strategiepapier des Innenministeriums von Mitte März hieß; das Papier wurde in der Presse ausführlich diskutiert (z.B. Christoph Prantner in der NZZ vom 5.4.2020).
Jedem Beobachter mit halbwegs wachem Sachverstand war klar, daß es sich um eine rhetorisch aufgerüstete Propaganda handelte. Merkel stufte die „Corona-Krise“ als schlimmsten Einschnitt „seit dem Zweiten Weltkrieg“ ein (Ansprache vom 18.3.2020). Macron ließ sich dazu hinreißen, die Bekämpfung des Virus als Krieg zu bezeichnen (Rede am 3.4.2020).
Deutlich wurde, daß die Berichterstattung des RKI wissenschaftlichen Kriterien nicht standhielt. Täglich wird als Absolutzahl die kumulative Häufigkeit der Infizierten vermeldet, ohne die Grundlage der Datenerhebung zu benennen oder das Bemühen um repräsentative Erhebungen erkennen zu lassen. Tatsächlich handelt es sich nicht um die Infizierten, sondern um die Zahl der positiven Laborbefunde – was wegen der Dunkelziffer einen erheblichen Unterschied darstellt. Auch die Meldungen zu Todesfällen im Zusammenhang mit Covid-19 erwies sich als unzuverlässig, da nicht zwischen verschiedenen Todesursachen unterschieden wurde. Statt dessen meldete sich Christian Drosten als führender Virologe und Regierungsberater, in einem täglichen Podcast zu Wort – eine Form der Öffentlichkeit, die für einen ernstzunehmenden Wissenschaftler nicht angezeigt scheint. Häufig wirkte er fahrig, überfordert, fokussierte spezifisch-virologische Aspekte, kapitulierte bei epidemiologischen, soziologischen oder pädagogischen Fragen, verweigerte konkrete Handlungsempfehlungen und wies die Zuständigkeit für Entscheidungen der Politik zu. Das mag manchen sympathisch erscheinen – tatsächlich gelang es ihm nicht, im Ganzen zu denken. Zu kleinteilig, ohne Phantasie für die Folgen waren Drostens vage Andeutungen in Nebensätzen, wie etwa der häufig bemühte Vergleich mit der Spanischen Grippe von 1918-20. Magere gesundheitspolitische Hinweise heizten den realpolitischen Überbietungswettstreit weiter an. Offenbar fehlte der gegenwärtigen Medizin ein Virchow, der naturwissenschaftlichen Forscherdrang und engagiertes Interesse für die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Gesundheit unter einen Hut bringt.
Diese Umstände motivieren diesen Beitrag. Zum einen sollen die Grundlagen empirischer Forschung skizziert werden, die zu den Voraussetzungen gehören, um die Gefährlichkeit und das Risiko einer epidemischen Erkrankung beurteilen zu können. Zum anderen soll auf typische Anfängerfehler hingewiesen werden, die insbesondere bei Journalisten im Umgang mit statistischen Zahlen zu beobachten waren und sich teilweise bis in die Gegenwart fortsetzen.
Nachdem im Moment Hand- und Fußballspiele verboten sind, hat Corona den Kopfball als neue olympische Sportart hervorgebracht: die Zahlenspiele. „Die Corona-Krise hat uns alle zu Zahlenjunkies gemacht. Wie entwickeln sich die Fallzahlen? Gibt es neue Todesfälle? Wie hoch ist der Fall-Verstorbenen-Anteil? Wie hängt er vom Alter der Patienten ab? … Es ist in unübersichtlichen Situationen gut, sich an Zahlen statt an Emotionen zu orientieren, aber Zahlenwerte sind oft trügerisch: Sie verstecken ihren Kontext. Wenn wir uns heute anhand von Zahlen ein Bild von der aktuellen Situation zu machen versuchen, dürfen wir dies nie aus dem Blick verlieren.“ warnte Sybille Anderl bereits Mitte März in der FAZ. Entsprechend ihrer medialen Reichweite sind Fehlinterpretationen von Journalisten keine Privatangelegenheit, insbesondere wenn sie mit politischem Kalkül oder auch nur in sensationserheischender Absicht beginnen, die öffentliche Meinungsbildung zu dominieren. Im folgenden geht es um Datenkompetenz, also um eine Minimalkenntnis der Spielregeln, um statistische Zahlen lesen und interpretieren zu können – und daran zu erkennen, welches Spiel mit uns gespielt wird.
Dieser Essay wurde in seiner ursprünglichen Fassung am 30. März 2020 geschrieben. Das Erscheinen des neuen Virus auf der Bühne des Tagesgeschehens und noch mehr die im Akkord verabschiedeten Rechtsvorordnungen der Länder, die in der Corona-Zeit vorübergehend zur Aussetzung aller bürgerlichen Grundrechte außer des Rechts auf Gesundheit führten, haben uns überrascht. Auf welcher Grundlage entschieden die Regierungen derart radikal? In den letzten Wochen wandelte sich das Bild vom neuen Virus in den Wissenschaften. Hier fasse ich wesentliche empirische Erkenntnisse über das neue Virus zusammen. Ausführlich dargestellt und diskutiert werden sie weiterhin an der Stelle, wo sich der ursprüngliche Beitrag befand: https://inskriptionen.de/?p=12363
– Eine weltweite virale Verbreitung und Überzeugungskraft bei politischen Entscheidern gewannen Anfang März 2020 die Handlungsempfehlungen des kalifornischen Beraters Tomas Pueyo. Sie stützten sich nicht auf empirische Erkenntnisse, sondern auf hypothetische Modellrechnungen für die USA, die bislang weder dort noch an anderen Orten der Welt eingetroffen sind.
– Die Zahl der PCR-Tests in Bezug auf das neue Virus ist in einigen Ländern rasant gestiegen, insbesondere in den USA, Deutschland und Italien.
– Die Teststrategie in den einzelnen Ländern unterscheidet sich stark, so daß Vergleiche der Kennziffern aufgrund fehlender Mindeststandards bei der Datenerhebung bislang nicht möglich sind. Wo dennoch verglichen wird, ist dies aus wissenschaftlicher Sicht unredlich (Verletzung der Datenethik).
– Die kumulative Zahl der positiv getesteten Personen, die in der Corona-Zeit in den täglichen Nachrichtensendungen bekannt gegeben wird und den Eindruck einer vermuteten oder gefühlten Bedrohung durch das neue Virus verbreitet, ist linear abhängig von der Zahl der Tests. Eine exponentielle Ausbreitung des neuen Virus ließ sich nicht beobachten.
– Es fehlen nach wie vor regelmäßig wiederholte, repräsentative Erhebungen zur Verbreitung des neuen Virus. Damit können bislang weder Prävalenz (bereits vorhandende „Durchseuchung“) und Inzidenz der Infektion (Zahl der Neuinfektionen) noch die Gefährlichkeit des neuen Virus (Lethalität) für die Allgemeinbevölkerung valide bestimmt werden.
– Politischen Entscheidern fehlt damit nach wie vor eine gesicherte wissenschaftliche Grundlage, an der sie sich bei Abwägungen zwischen gleichberechtigten Interessen orientieren können.
– Die Befunde zur Fehlerhaftigkeit des RT-PCR-Labortests zur Covid-19-Diagnose erscheinen noch unübersichtlich. Während Christian Drosten als Testentwickler von einer Falsch-Positivrate von 0% ausgeht, wurde in großangelegten Vergleichsstudien in China und in den USA eine sehr hohe Falsch-Negativrate ermittelt, z.B. im Vergleich zur computertomographischen Lungendiagnostik.
– Fiebermessungen, die auf Taiwan als „Schnelltest“ verwendet werden, lassen sich wesentlich niedrigschwelliger und breiter angelegt als der PCR-Labortest einsetzen, um erkrankte Personen im Alltag zu identifizieren. Je häufiger niedrigschwellige Tests eingesetzt werden, desto geringer fällt die beobachtete Zahl der Infizierten und der Todesfälle aus.
– Das neue Virus breitete sich nicht flächendeckend aus, sondern in lokalen „Hotspots“, „Clustern“ oder „Herden“.
– Das deutsche Gesundheitssystem war in keinem Moment während der Corona-Zeit überfordert. In der Regel standen mehr als 40% der deutschen ITS-Plätze auch während des vermuteten Höhepunkts der Infektion frei. Aus medizinethischer Sicht ist die Verschiebung von Operationen und Behandlungen anderer Krankheiten zum Zweck des Vorhaltens freier ITS-Kapazitäten kritisch zu beurteilen.
– Am häufigsten wurden Infektionen mit dem neuen Virus bei der mittleren Altersgruppe (35-55 Jahre) festgestellt. Schwere Krankheitsverläufe waren dagegen mehrheitlich bei vorerkrankten Personen zu beobachten, insbesondere mit Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes. Die mit Covid-19 in Zusammenhang gebrachte Mortalität war bei älteren Patienten am höchsten (Altersdurchschnitt über 80 Jahre).
– Für die Abwägung, ob im Einzelfall eine intensiv- oder palliativmedizinische Versorgung angezeigt ist – gerade für diese Altersgruppe auch unabhängig von Covid-19 relevant – wurden keine Leitlinien entwickelt. Auch ein Monitoring der palliativmedizinischen Versorgung findet nicht statt.
– Die verabschiedeten Empfehlungen zu Hygiene- und Schutzmaßnahmen, um die Ausbreitung des Virus in Alten- und Pflegeheimen zu bremsen, vernachlässigen vollständig den Aspekt der seelischen Gesundheit, erhöhen die Gefahr der Vereinsamung und eines „elenden Tods“ in sozialer Isolation.
– Unabhängige Studien legen nahe, nicht das neue Virus an sich als gefährlich zu betrachten, sondern seine Wechselwirkung mit ökologischen, sozialen und individuellen Vorbelastungen (Kontextfaktoren):
- Laut Grippeweb des RKI gab es im extrem milden Winter 2019/20 vergleichsweise erfreulich wenige Atemwegserkrankungen, die geringste Zahl seit Beginn des Monitorings. Viele gesundheitlich gefährdete Menschen haben die Grippewelle überlebt. Im Gegenzug wurde Covid-19 für sie gefährlich.
- Nachweislich verstärkt wird die toxische Wirkung von Covid-19 durch die lokale Luftverschmutzung, fehlende TBC-Impfungen sowie Faktoren, die mit der soziologischen „Überalterung“ der westlichen Wohlstandsgesellschaften zusammenhängen.
– Die Politik des allgemeinen „Lockdown“ folgt populärwissenschaftlichen Konzepten des Umgangs mit Epidemien. Sie bekämpft die Ausbreitung des Virus, ohne die ökologischen und sozialen Folgen ausreichend zu berücksichtigen.
– Differenzierte und adaptive („smarte“) Strategien können auf den Lockdown verzichten und die Ausbreitung des Virus um Größenordnungen wirkungsvoller eindämmen (Beispiel Taiwan).
– Um leichtfertige Grundrechtseingriffe in Zukunft zu erschweren, ist der Schweregrad einer Erkrankung, meßbar in Form der in repräsentativen Studien wiederholt bestimmten Lethalität, im Infektionsschutzgesetz zu verankern.
Zahlenspiele – Inhaltsübersicht
Grundlagen für die länderübergreifende Vergleichbarkeit von Public-Health-Daten
Schwachpunkte der Datenerhebung zum neuartigen Coronavirus
Wer zählt was? Äpfel und Birnen in Corona-Form
Positiv oder falsch-positiv, negativ oder falsch-negativ – das ist hier die Frage
Zahlen ohne Bezugsgröße sagen nichts
Exponentionalfunktion oder Wellenform
Lineare Abhängigkeit der Zahl der Positiv-Befunde von der Zahl der durchgeführten Tests
Die Dunkelziffer: Spekulationen, Schätzungen, erste Studien
Genesen: Wie wird man Covid-19 wieder los
Ab wann ist das deutsche Gesundheitssystem überlastet?
Multimorbidität und Implikationen für die ITS-Praxis
ITS-Kapazitäten in europäischen Ländern
Ende März: Hochrechnung zur ITS-Auslastung in Deutschland
Mitte April: Resümée zur Hochrechnung
Erst hämmern, dann tanzen – ein Storyteller erobert die westliche Welt
Made by man: Schrecken ohne Ende
Hinterläßt Covid-19 Spuren in Bezug auf die Gesamtmortalität in Europa?
Unterschiede zwischen den Ländern
Klimawandel, milde Winter
Feinstaub: Autobahnen für Viren?
„Medicin im Großen“
Der Zustand unserer Gesundheitssysteme
Das neue Virus aus Sicht der Entwicklungs- und Schwellenländer
Bipolare epidemiologische Erinnerungskulturen
Versuch einer Zwischenbilanz
Die eigentliche Frage, um die es geht: Alter, Krankheiten und Tod
Spielergebnisse: Quintessenzen denken
Literatur
Kammer-Bühl
An einem leicht bewölkten, nicht allzu heißen Augusttag des Jahres 1822 trafen sich Jöns Jakob Berzelius, ein Chemiker aus Schweden, der gerade in Marienbad zur Kur weilte, Graf von Sternberg, Johann Baptist Emanuel Pohl, ein Botaniker, Christoph Nepomuk Drostig, Mineraloge und Goethes Assistent, hm, nein, damals hieß es noch Diener, sowie schließlich, nicht zu vergessen, der Geheime Bergwerksrat höchstselbst zu einer Wanderung auf den Kammerbühl. Der Kammerbühl ist nicht irgendein Berg. Zwar klein, so daß man in ein paar Minuten von seinem Fuße aus den Gipfel erreicht, scheint er doch ein Vulkan zu sein und verheißt für Liebhaber der ernsthaften Naturkunde Überraschungen und Entdecker-Freuden, über die es sich vortrefflich streiten läßt. Siebenmal schon hatte Goethe die 30 Höhenmeter erklommen, vier Aufsätze hatte er über den Berg verfaßt: zuerst 1808 Der Kammerberg bei Eger und zuletzt 1822 ganz frisch Kammer-Bühl. War der Kammerbühl nun vulkanisch, also plutonischen Ursprungs, oder ist er wie andere Berge eine Aufschichtung von Sedimenten, also dem Wasser entstiegen, ein Sprößling Neptuns? Goethe wurde nicht schlau aus dem Berglein, klopfte mit seinem Hämmerchen hier und da, sammelte Proben von Basalt und Schlacke. Und was hatte es mit dem Basalt überhaupt auf sich? Sah nicht der große Professor Werner, Vater aller modernen Geognosten, im Basalt ein wässriges Geschöpf? Lagert er nicht gerne auf Sedimentgestein?
Pohl nickte und stimmte ein: „Richtig, unser verehrter Meister, Carl von Linné, der Unschätzbareres für die Ordnung der Pflanzen und der Natur geleistet hat, erkennt im Sediment ein Übrigbleibsel des Urozeans. Vor unendlichen Zeiten hat er sich langsam zurückgezogen, seine Wellen furchten und ackerten den Fels. Den Basalt hat er sicher als letztes Element auf die Sedimentschichten geworfen.“
Berzelius wackelte skeptisch mit dem Kopf. „Mein lieber Pohl“, sprach er, während er sich anschickte, sich zu dem zierlichen Moos hinunterzubeugen, das vor seinen Füßen wucherte, „als Chemiker möchte ich schon behaupten, daß Basalt eine kristalline Struktur hat, die mich an Lavagestein erinnert. Gewiß ist er aus einer Glutkugel heraus entstanden.“
Drostig nickte eifrig. „Seht, Freunde“, sprach er jauchzend, „welch herrlicher Quarz.“ In diesem Augenblick beugte er sich flink und hob einen kleinen Granitstein auf, der am Wegesrand lag.
„Granit, Granit“, rief Bergwerksgeheimrat Goethe hocherfreut, „du ältester aller Steine auf dieser Erde. Am liebsten möchte ich sagen: Im Anfang war … Granit. Geboren auf dem tiefsten Grunde des Urozeans, stapelst und formst du die höchsten Berge, die wir kennen: den Mont Blanc, den Gotthard und selbst den Brocken.“
Entzückt drehte und wendete Goethe das Steinchen, in dem sich Einsprengsel von Feldspat und Glimmer befanden, die sogar in der leicht verhangenden Sonne funkelten.
Das Grüppchen wanderte weiter, hatte schon den halben Weg zum Gipfel zurückgelegt, als sie auf einer Weggabelung einen Felsbrocken entdeckten, dessen Oberfläche gerundet war, als hätte ein Riese oder Zyklop ihn als Bonbon gelutscht und ausgespuckt.
„Ein Findling!“, entfuhr es Goethe voller Überraschung. „Zum achten Mal besteige ich den Kammerbühl, doch dieser Stein ist meinem Blick bisher entgangen. Wie kommt er hierher? Ich habe eine Vermutung… Was meint ihr?“
Die Herren umringten den Stein, schoben ihre Hüte über die Stirn, so daß die Krempe den Nacken berührte und schwiegen ein paar Minuten, in denen sie über die Herkunft des rätselhaften Steins sinnierten.
„Also“, eröffnete Pohl mutig die Diskussion, „ich glaube, der Urozean hat ihn auf seinem Rückzug hier verloren. Das Wasser hat ihn so schön abgerundet, daß wir uns an ihm freuen.“
„Halt, mein Lieber“, erwiderte Drostig. „wie wäre es, wenn ein Vulkan ihn ausgespuckt hat. Der Kammerbühl ist doch ein Vulkan, da bin ich sicher.“
Pohl schüttelte heftig den Kopf, das konnte er nicht glauben. Berzelius jedoch führte Drostigs Gedanken weiter: „Es könnte sogar sein, daß dieser runde Riesenstein aus dem Weltall herabgestürzt ist, ein Meteroit, so nennt man das.“
Pohl kam aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Nein, das konnte er nicht glauben. „Das Wasser war’s. Es hat dem Stein die runde Form verpaßt. Wart ihr noch nie am Meer?“ Da nickte Berzelius, der Schwede.
„Natürlich“, erwiderte er, „natürlich war ich schon oft am Meer. Aber dort, lieber Freund, sind die runden Steine am Ufer viel kleiner. Das Salz hat sie zerfressen und das Wasser gerundet. Ich bleibe dabei, der Stein stammt aus dem Schlund eines Vulkans oder aus dem Weltall an sich.“
Graf von Sternberg hatte die ganze Zeit über noch nichts gesagt. „Oh ihr Neptunisten und Plutonisten“, stöhnte er, „könnt ihr nicht aufhören zu streiten? Ewig will einer von euch recht behalten!“ Damit zog er eine Flasche köstlich kühlen Biers aus seinem Rucksack, entkorkte sie und reichte sie den Streithähnen herum. „Trinkt erst einmal!“, munterte er sie auf.
Goethe schwieg und lächelte. Dann sprach er: „Ich habe eine Vermutung, ihr werdet’s nicht glauben: Das Gegenteil von vulkanischer Hitze ist’s, das diesen Stein geformt hat, denke ich. Die Kälte war’s. Es muß eine Epoche großer Kälte wenigstens über Europa hinweg gegangen sein, als der Kontinent noch über 1000 Fuß hoch mit Wasser bedeckt war. Die Kälte verwandelte es in Eis. Das Eis, das können wir in unsrer Theorie nicht entbehren: Es hat die Felsklippen umhergeschoben und umhergeworfen, abgeschliffen und gerundet.“
Goethes Gesprächspartner blickten betreten zum Boden. Nein, das hätte keiner von ihnen gedacht. Einen Moment lang herrschte frostige Stimmung. Kann ein kühles Bier so inspirierend wirken? Goethe reichte die Flasche dem Grafen von Sternberg zurück. „Nun, laßt uns nicht verzagen“, wandte er versöhnlich ein, „gehen wir weiter.“
Während sie sich nun dem Gipfel des Kammerbühl näherten, stellte Drostig die entscheidende Frage: „Verehrtester Herr Bergwerksminister“ – damit war Goethe gemeint –, „wie steht es nun um den Kammerbühl? Ist er vulkanischen Ursprungs oder als Sediment aus dem Urozean hervorgewachsen?“
Sie waren nun oben angelangt und genossen die Aussicht. Trotz leichten Wolkendunsts erblickten sie die Dächer von Eger, das heute Cheb heißt. „Zuerst dachte ich“, hob Goethe an und blickte dabei Pohl tief in die Augen, „der Kammerbühl sei ein Geschicht, ein Sedimentberg. Ich war wie mein Lehrer Werner Neptunist. Dann fand ich Granit und Quarz und hielt ihn für vulkanisch. Ein Plutonist jedoch bin ich deswegen nicht geworden.“ Goethe hielt inne, sein Blick schweifte blinzelnd zu Drostig und Berzelius hinüber. „Denn Lava habe ich hier hie gefunden, bei all meinen sieben Wanderungen und auch heute nicht.“
Da drückte Berzelius das Hämmerchen, das Goethe stets bei sich trug, in Drostigs Hand. Der hockte sich nieder, schabte das Moos beiseite und begann zu klopfen. Dann stieß er auf eine harte Spalte, haute ein Stück von ihr ab und entdeckte in der Bruchfläche ein Olivin. Das war der Beweis: Der Stein war Lava.
„Oh!“ stieß Drostig hervor und wie zur Bestätigung begann der Berg unter ihm zu grollen. „Oh, oh, oh!“ Von unten donnerte es gegen die steinerne Kruste. Aus der winzigen Ritze, die Drostig in den Fels gehämmert hatte, züngelten winzige Flammen.
„Nichts wie weg von hier!“, sprach Graf von Sternberg und die Herren beeilten sich vom Kammerbühl wieder runterzukommen. Kaum waren sie unten in Eger, das heute Cheb heißt, hatte sich der Berg auch schon wieder beruhigt.
‚Gott die Natur‘, dachte Goethe, ‚welch hohe und zartfühlende Macht, niemand darf ihr zu nahe treten, auch mein treuer Drostig nicht.‘
Tage später, als Berzelius in der Postkutsche nach Stralsund saß, notierte er in sein Tagebuch: „Goethe war entzückt über diesen Fund und das Naturerlebnis und besonders über die Art und Weise, auf welche man a priori dazu gekommen war.“
portfolio für eisenwarenhändler
engelsgeplärr aus wolken blechblasmusik
über talnebeln
saßen wir auf einer datenbank
das loch schon im kopf
ausgeschlagen von einem grünspecht
grünspan auf allen dächern
heimwärts!
sollte es gehen
nur weg aus der ferne
legten sich träume auf wüstensand
schlaflos
kippten die bäume in jener nacht in ein meer
deine lippen formten wörter
du ahmtest stimmen nach
die an gestorbene rotkehlchen [engl. robins] erinnerten
& wieder flossen über alle graslande der welt walwasser
als stammten sie [lande & wasser] aus der familie der traurigkeiten
maigedicht
hältst du in den händen die enden der welt
wie die enden einer gerissenen perlenkette
leuchtet lyrik
ihrer wege gehen die brandstifter
das eine ende der welt liegt hinter einem apfelbaum
du schüttelst ihn und tapst
in die schneewittchenfalle
wer in meinem bettchen geschlafen hat kommt
nimmer um
ich saß in der küche und dachte an dich
das messer lag noch auf dem stuhl
gestern besuchte ich einen muschelfriedhof
beim anblick der schalenbruchstücke einer islandmuschel
fühlte ich rührung
ein alter seewolf war der muschelmörder
ich lauschte dem sound einer bekassine
eines tordalks eines regenbrachvogels
ich fand perlmutt
über die lippen rann es einem catfish
natur belassen
vor der stadt lagern monde
und bögen aus papier
wellen sich felder
über deine mondmilchhände
ergießen sich stimmen
in ein langgedicht im fluss
verwandeln sich die kurzen atempausen
in den weidenruten
zu flusskrebssalat im amselgelächter
in schnittmusterbögen am sternenhimmel
schneiden schnitter wellengebirge
aus deinem mund
***
Ich vermisse
das Geprassel und Geplätscher
des Regens.
I l o I l o I l o
Mein Geistes Tropfen (bist du)
Ewige Zuversicht strahlt (dein Lachen)
Deine Aura wärmt (den Raum goldgelb)
Lebendigkeit sprudelt (Bahnen)
meinen unauslöschlich (ruhelos rasend)
en Will en
Das reinste Edelauge (im widerwilligsten Glauben)
Falke, der Turm (ist ungebrochen)
Uns (er) ist die Wiederkehr
tagebuchnotiz
und es gab tage
da schrieb ich dir gedichte
schrieb ich
schrieb
mir die tinte aus dem leib
und was zurückkam
wenn was kam
kam
meist zu spät
oder hatte keinen bezug
die zeit enthäutet sich
wir tragen mundschutzmasken
lass mich nicht die worte verlieren
die stille fühlt sich an
wie ein lauer sommerregen
der die fenster streift
zugesperrte münder
ich kann dein lachen nicht sehen
und die hand
die ich dir reiche
fällt ins leere
***
Zeichen
sind
Masken.
Kleiner Engpaß
Fern in Ostasien brach einst eine rheumatische Krankheit aus, die dazu führte, daß die Arbeiter ihre Ellbogen nicht mehr bewegen konnten. Auf den Fließbändern rauschten die Produkte unbearbeitet hinweg und fielen am Ende auf wilde Haufen. Niemand war in der Lage, sich darum zu kümmern. Die Gelenkschmerzen waren einfach zu groß. Die Arbeiter standen wie erstarrt an ihren Plätzen und verzogen die Gesichter. Die Bilder gingen um die Welt, ihr erinnert euch… Zum Glück war die rheumatische Ellbogenerkrankung keine Pandemie – sie blieb auf das ferne Ostasien beschränkt, auch wenn sie dort das ganze Land lähmte. Die Arbeiter zogen es vor, sich in die Parks zu begeben und mit Qigong, Kongfu und Taiji die Gelenke allmählich wieder zu lockern. Davon sahen wir keine Bilder… Hierzulande waren alle heilfroh, daß das Ellbogen-Rheuma nicht über die Ländergrenzen hinwegschwappte, hatten wir doch noch genug mit den Folgen der letzten Pandemie zu tun, die Schwellungen und Blasen im Gesicht hervorgerufen hatte und dank der gesichtsbedeckenden Heilpflaster nun wirksam „eingedämmt“ war, wie es hieß. Wir schnappten uns also unsere Pflaster und wollten uns gerade ins Auto schwingen, um ins nahe gelegene Umland in den Jahresurlaub aufzubrechen – da bekamen wir es doch mit den Folgen des Ellbogen-Rheumas zu tun: der Stillstand der fernöstlichen Fließbänder unterbrach die „Lieferketten“. Was ist denn das? Haben sie etwas mit Radfahren zu tun? Na, nicht ganz: Es kam kein Nachschub mehr und es fehlte plötzlich an allem. An den Anblick halbleerer Regale hatten wir uns längst gewöhnt und waren im Grunde nicht sehr überrascht. Der Engpaß betraf nun die Gurte, ja richtig, die Anschnallgurte in den Autos konnten nicht mehr eingebaut, repariert und ausgewechselt werden. Über die Fernsehbildschirme flackerten am folgenden Tag die finster dreinblickenden Gesichter der Minister, aufgelockert nur von einer lächelnden Ministerin für Gesundheit, die mit ihrem tieflila Kleid für einen dezenten Farbakzent zwischen den schwarzen Zweireihern sorgte. Das Wort führte der Verkehrsminister, dessen buschige Augenbrauen dunkel über die Stirn stachelten: „Anschnallgurte im Auto“, sprach er langsam, um seinen Worten Gewicht zu verleihen, „Anschnallgurte dienen im Auto der Sicherheit. Daher heißen sie in der Fachsprache auch Sicherheitsgurte. Die Regierung wird alles Erdenkliche tun, um den Mangel an Sicherheitsgurten so schnell wie möglich zu beheben.“ Damit endete seine Rede, und er blickte sich fragend in der Ministerrunde um. Bevor die Schweigepause unerträglich wurde, meldete sich der Innenminister zu Wort. Sein schlohweises Haar zeugte von Weisheit, was hatte er in seinem langen Berufspolitikerleben nicht alles schon beobachten müssen. Ein Engpaß bei der Lieferung von Sicherheitsgurten war aber noch nie passiert. Schnell ergriff er das Wort: „Liebe Bürgerinnen und Bürger, zu Ihrer Sicherheit wird heute im Innenministerium das Sicherheitskabinett tagen. Wir werden Beschlüsse fassen, die zu Ihrer Sicherheit bei fehlendem Sicherheitsgurt beitragen werden.“ Nun wurde es schwarz auf den Fernsehbildschirmen, der Ton aber war weiterhin zu hören. Es erklang der Trauermarsch von Chopin, ihr erinnert euch, diese schöne Melodie, zu Stalins Beerdigung wurde sie zum letzten Mal im Rundfunk ausgestrahlt. Endlich durften wir sie wieder hören. Zur Einstimmung auf die Millionen Verkehrstoten, die ohne Sicherheitsgurt mit Sicherheit einem qualvollen Ende auf der Autobahn oder in einer viel zu schmalen Landstraßenkurve entgegen sahen. Wir konnten uns die künftigen Bilder des drohenden Leids bereits vorstellen: zwischen die splitternde Frontscheibe und dem geborstenem Lenkrad eingeklemmte Köpfe mit halb geöffneten röchelnden Mündern. Natürlich floß Blut über all diese Szenen, kein Ketchup odr Theaterblut, sondern echtes wohlgemerkt. Die Titelseiten der Zeitungen würden voll davon sein. Eine schreckliche Perspektive. Unbedingt mußte verhindert werden, daß es soweit kam. Am folgenden Tag, kurz nachdem sich das Sicherheitskabinett zusammen gefunden hatte, trat der Innenminister wieder vor die Kamera. Diesmal war er allein und trug einen tiefblauen Anzug, der seinem schlohweisen Haar noch mehr einen Hauch von Weisheit verlieh, während das Anzugblau kosmisch in höhere Sphären zu strahlen schien. Seine Beliebtheitswerte in der Bevölkerung wuchsen bei diesem Anblick sprunghaft. Ach, könnte die Wahl nicht rasch auf heute vorgezogen werden, dachte der Innenminister im Stillen. In die Kamera aber sprach er: „Liebe Bürgerinnen und Bürger, wir haben sehr gründlich und alle Seiten bedenkend und abwägend im Kabinett beraten und beschlossen, den Autoverkehr in unserem Land solange zu untersagen, bis wieder Sicherheitsgurte geliefert oder hierzulande hergestellt werden können. Sicherlich liegt auch Ihnen allen die Sicherheit eines jeden Autofahrers am Herzen, ob er nun noch über einen alten Sicherheitsgurt in seinem Fahrzeug verfügt oder ohne Gurt fahren müßte. Wir zeigen uns solidarisch! Wir gehören zusammen! Daher ist es nur billig und recht, wenn auch die Autofahrer, die noch einen Gurt haben für die Dauer des Engpasses auf das Autofahren verzichten. Nur so kann die Sicherheit aller gewährleistet werden. Sicherlich können Sie diese Sicherheitsmaßnahme verstehen. Um Sie in Ihrer Einsicht in die Notwendigkeit zu unterstützen, hat mein Ministerium mit sofortiger Gültigkeit eine Rechtsverfügung erlassen. Da die Abgeordneten aufgrund dieser Verfügung nicht mehr ins Parlament fahren konnten, haben sie freiwillig auf ihr Stimmrecht verzichtet und stimmen für die Dauer des Engpasses bereits vorsorglich allen Entscheidungen der Regierung zu. Die Verfügung lautet: ‚Ab dem heutigen Tage und auf unbestimmte Dauer ist das Führen eines Automobils untersagt. Ausnahmen können beim örtlichen TÜV beantragt werden.’ Ich wünsche Ihnen allen eine sichere Zeit, bleiben Sie gut zu Fuß!“ Mit diesen Worten verabschiedete sich der Innenminister, setzte sich ein grünes Filzhütchen mit Feder auf das schlohweise Haupt und warf sich eine ebenso fichtennadelgründe Joppe mit Hornknöpfen über die Schultern. Er schickte sich – ein Vorbild wollte er dem Volke sein – zu einer Wanderung an. In seinem Alter! Da schwenkte die Kamera weg. Wieder hörten wir Chopin, diesmal sahen wir sogar das Orchester spielen.
Da saßen wir nun mit unseren gepackten Koffern vorm Auto, wollten eigentlich raus in die Heide vor der Stadt, der Jahresurlaub lockte. Jetzt war uns das Autofahren verboten worden. Betrübt blickten wir uns an und verfolgten, was um uns herum geschah: Wie von Zauberhand gestoppt, blieben die eben noch rollenden Fahrzeuge stehen, wo sie gerade waren. Die Insassen stiegen aus und wie von Zauberhand ausgestattet, trugen sie alle einen knorrigen Wanderstab in der Hand. Filzhüte mit Federn und Joppen mit Hornknöpfen waren wieder in Mode gekommen. Alt und jung, alles schleppte sich, lief und schlurfte auf den autoleeren Straßen hinaus aus der Stadt. Offenbar hatten alle den gleichen Gedanken: ‚Jahresurlaub! Raus in die Heide!’ Wir waren nicht allein. Der Innenminister behielt recht: Alle zeigten sich solidarisch. Die Schüler, die einst an freitags die Schule geschwänzt und gegen die Luftverschmutzung demonstriert Schule hatten – habt ihr das etwa schon vergessen, manche von ihnen bekamen Disziplinarstrafen und Verweise wegen des Fernbleibens von der Schule, manche Eltern mußten wegen ihrer umweltbewußten Zöglinge mit Ordnungsgeld büßen, bevor der Staat dankenswerterweise für alle die Schulpflicht aufhob, aber das ist eine alte, lange zurückliegende Geschichte, ich habe sie, glaube ich, von meiner Oma gehört… – die freitags einst schwänzenden Schüler jubelten. Sie klatschten Beifall und trugen den Innenministern über ihren Köpfen auf Händen in den Wald. Auch die Gewerbetreibenden und Einzelhändler waren begeistert: Soviel Laufpublikum hatten sie seit Jahrzehnen nicht mehr gesehen. Die Zulieferer in den „Lieferketten“ hatten für ihrer LKW-Fahrer schnell Ausnahmegenehmigungen beim TÜV besorgt. Damit dem Volk nicht auffiel, daß der Lastwagenverkehr ungehindert weiter rollte, wurde er in die U-Bahn-Tunnel verlegt. Alle erfreuten sich an den freien Tagen bei sauberer Luft in der nahen Umgebung, unserer schönen, blühenden Heide. Nur die alleinerziehenden Mütter, diese undankbaren, egoistischen Elemente, die es gewohnt waren, ihre heißgeliebten Sprößlinge im Van zum Klavierunterricht, Tennis oder Freibad zu chauffieren, stöhnten laut auf. „Was sollen wir tun?“, riefen sie, und formierten sich in ihren gepanzerten Limousinen zu einem Autokorso, der laut hupend vor dem Innenministerium demonstrierte. Doch der Minister lag längst auf einer Lichtung im Wald zwischen Blaubeersträuchern, die auf seinem tiefdunklen Anzug, den er unter der Filzjoppe trug, nicht einmal Flecken hinterließ. Ach, träumte er, hätte nicht heute schon Neuwahl sein können?, dachte er träumend, während sein Blick sich in persilweißen Schäfchenwolken verlor. Da wurde er von einer Fahrradklingel auf seiner Waldlichtung aufgeschreckt. Eine der egoistischen, nur auf den eigenen Nachwuchs bedachten, alleinerziehenden Mütter war vom Auto aufs Rad umgestiegen und dem Innenminister tief in den Wald gefolgt. „Hätte, hätte Fahrradkette“, krähte ein Dreijähriger von seinem Kindersitz in die Ohren des Ministers. Dann fügte der Dreijährige haspelnd hinzu: „Hätte es nicht genügt, daß alle langsam fahren?“ Der Minister blickte sich um, wer ihm diese bahnbrechende Idee eingeflüstert hatte. Oder träumte er noch immer? Egal, morgen würde er wieder vor die Kamera treten und sie dem Volk verkünden. Von der Mutter mit ihrem dreijährigen Kind war nichts mehr zu sehen. Längst waren sie an der Lichtung vorbei durch den Wald hindurch geradelt.

