Featuring : Josif Brodskij : Von der Landschaft

für Girolamo Marcello

Die Sonne geht unter, und die Bar an der Ecke ist dicht.

Die Laternen gehen an, haargenau ihre Augen schminkt so eine Mime
mit der lila Farbe für Schönheit und Grauen.

Kopfschmerz fällt am Fallschirm aus dem dunkelblauen
Raum zielgenau auf die Stirn des Feindes aus dem Stall Pirelli.

Und zwei Tauben im Gesims des Palazzo Minelli
vö.eln in den letzten Strahlen des Gestirns,

achtlos planschend in der Dünung des Hirns
wie unsere griesgrämigen Vorfahren unter vorsintflutlichen
Umständen, ganz ähnlichen zu heute und hier, vermutlich.

Das sind Schläge einer Glocke, vom Glockenturm purzeln
frei in den venezianischen Himmel Wurzeln,

haargenau fallende, zielbewusst wandernde
nie den Boden erreichende Früchte. Gibt es ein anderes

Leben, so wird in ihm jemand damit befasst sein,
diese Dinge zu sammeln. Und ich darf gefasst sein,

all das bald zu erfahren. Hier, wo so viel Entzücken
seinen Samen vergossen, Tränen des Glückes

und des Weins, an einer Ecke irdischen Paradieses
stehe ich am Abend, sauge diese

herbstlich-winterliche, lungengummiartig schwellende
saubere, sich von Dachziegelrot erhellende

hiesige Luft ein, von der,
wer sie atmet: braucht mehr.

Mehr und mehr – hinterher! vom Duft
sich aus Lebenszellen befreiender Luft,

sich befreiend von Zeit. Wälzt haargenau Geld um,
leckendes Wasser macht diese Welt stumm

mit seinen Azuranteilsscheinen am Palazzo, wofür es als Wechselgeld
einen zerfressenen Stein erhält

mit seiner Dermatitis
und eine bröckelnde Karyatide, die

sich den Sprechapparat mitsamt seiner Zigarette
auf ihre Schultern bettet

und, schwer in Vogel-Wahrnehmung eingetaucht,
seit sie im nach außen gewendeten Schlafzimmer raucht,

von des Anstands Sitte befreit ist,
mal aussieht wie jemand, der bereit ist,

mal – wie ein um den Verstand gekommenes römisches
Zahlzeichen, mal – Verszeilen handgeschrieben und Geflüster, böhmisches.

Herbst 1995
Casa Marcello

Dieser Beitrag wurde von J. W. Rosch am 10. August 2020 um 20:46 Uhr geschrieben.

Genre: Gemütstiefe, Realitätsschatten, Wortmysterien

1 Kommentar »

  1. Kopfschmerz fällt am Fallschirm aus dem dunkelblauen
    Raum zielgenau auf die Stirn des Feindes aus dem Stall Pirelli.

    Ein seltsamer Traum: unruhig, zusammenhangslos, die Oberflächen berührend.

    Passend zum Wetter, erhebend und dennoch nicht gut verdaulich.

    Respekt.

    Comment by Anfänger*in — 12. August 2020 @ 08:47

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