wie schimmert.

Unerträglich deine Übermüdung. Unzurechnungswürdig. Vergieb dir. Oder sollt ich sagen: vergieb dich. Komm auf meinen Mund geflogen. Mir verspricht’s sich immer mehr. Wie sich immer mehr in den Rahmen zwängen, um sich aus zu sprechen. Sätze wie Albbäume. Äste verwittert. Gleichgerede. Wo noch schwimmt mein Blut ein. Nimmt es mich und überschwemmt es meinen Mund.

Wie 1 perle vor die sau!

* Dein verlebtes Verzweifeln sobald du nicht mehr sprichst. Hätte ich so gern vermutet. Dein gescanntes Kompromissleben. Aus mir sprach immer schon das Abpunkten. Kein Kopfkissen wird mir mein Halsumdrehn nehmen beim ins Licht dringen müssen. Glaubst wenigstens du mir mein Vertrunkensein. Tupfe auch deine Worte ab. Obwohl sie schimmeln wolln. Das wär ja so was wie unsre Liebe. Auf Eiszeitn. Bärenhäute hab ich um deine Zunge gelegt. In deine anale Wollust mich verliebt. Nun kotz ich dir ins Gesicht: Vertraun. Nun ja kann ich von mir lassen. Verrecken. Verrenken. Versinken. Ausklinken. Wofür wusste ich noch nie. Allein vermisste Freisilbigkeit. Will nicht zu euch gehören!

Bruder Ernst, Bruder Alfons

Gestern war die Beerdigung von Dr. Ernestus Nettesheim. In einer stattlichen Kirche am großen Fluss wurde die Messe gelesen. Viele Menschen waren gekommen. Seine ehemaligen Kollegen hatten einen Bus gemietet, um ihrem vor einem guten Jahr an Krebs erkrankten Freund und Kollegen die letzte Ehre zu erweisen.

Vor dem Altarraum ein Bild des Verstorbenen, lächelnd, in weißem Hemd, an einen Baum gelehnt. Daneben die Urne aus blauem Porzellan auf einem Sockel, von dem dunkelroter Pannesamt floss. Blumenschmuck in Weiß, Grün, dezentem Rosa und Blau. Der Pfarrer sprach durch ein Mikrophon. Der beste Freund hielt eine Ansprache.

War dieser „geliebte Ehemann“ und „herzensgute Sohn“ vielleicht Jesus? Nie dachte er an sich, immer erst an die anderen. Er liebte die Natur, sah die Details. War verbunden mit dem, was man hinter dem hohen weiten Himmel, der sich über grüne Wiesen und blühende Felder spannt, vermuten mag. “Gott“, so den Pfarrer, „hat den Namen „Ernestus“ in seine Handfläche geschrieben. Er hat ihn zu sich geholt. Er will, dass er nun bei ihm bleibt, er gehört ihm.“

Er hatte ein freundliches Wesen, war lebensfroh – ja, so habe ich ihn auch kennen gelernt, als Freundin der Witwe. Doch meine Freundin hatte immer wieder über seinen Geiz geklagt, von seiner Sorge um das Geld trotz seines beträchtlichen Vermögens.

Dr. Ernestus Nettesheim, promovierter Physiker, Spitzensteuersatz. Lange Zeit Junggeselle, Single, Lebemann. Diagnose Bauchspeicheldrüsen-Krebs. Heirat knapp ein Jahr vor seinem Tod.

Der Pfarrer spricht die Sonnengesänge des heiligen Franziskus von Assisi. Dort, bei Assisi, an einem Olivenbaum, der auch auf der Traueranzeige zu sehen ist, in grüner Wiese und blühendem Feld, ist auch das Bild aufgenommen, das zum Abschiednehmen für die Trauergemeinde vor dem Altarraum steht.

„Bruder Ernst“, sagt der Pfarrer. Er segnet die Urne mit Weihwasser.

Wir singen und beten, knien nieder, erheben uns, senken das Haupt. Einige empfangen die heilige Kommunion.

Vorne in der ersten Reihe sitzen die Witwe und die Eltern des Verstorbenen. Ein Mann von Wohlstand und Bildung in seinen besten Jahren. Nun hat die Krankheit ihn zugrunde gerichtet, der Krebs; der Tod hat ihn geholt.

Zwei Männer in dunklen Anzügen heben die Urne in einem Gestell mit Blumenschmuck von ihrem Sockel und tragen ihn aus der Kirche. Die Gemeinde folgt.

Zuerst die Witwe, alleine.

Dann die Mutter, auf den Vater gestützt.

Ich habe Respekt vor dem Tod und Mitleid vor allem mit der Mutter.

Richtig ist, dass der Sohn die Mutter zu Grabe trägt.

Falsch ist, dass die Mutter den Sohn zu Grabe trägt.

Das kann Gott doch nicht so wollen!

Ihr Haar ist weiß, ihre Füße wollen nicht gehen, doch den Rollstuhl, der vor der Kirche auf sie wartet, lehnt sie ab. Ihre Augen sind weit aufgerissen, ihre Gesichtszüge starr.

Wir schreiten durch den Park am Friedhof vorbei zum Mausoleum.

Ein steinerner Palast hoch über dem großen Fluss. Bruder Ernst wollte nahe an diesem Fluss seine Ruhestätte finden.

Hohe Stufen führen ins Mausoleum. Der Boden ist mit Mosaik geschmückt. Ich schaue nach oben. Zähle zwölf runde Fensteröffnungen unter der Kuppel. Unter dem Mosaik die Gruft, von einer Steinplatte verschlossen. Eine schwere Tür steht halb offen. Dahinter die Treppen; sie führen hinunter in die Gruft. Rechts und links wird die Tür von zwei Statuen bewacht. Barbusige Frauen mit ebenmäßigen Gesichtszügen und Blumenkränzen.

Die Trauergemeinde steht im Halbrund um die Urne. Dann hebt einer der Männer in dunklem Anzug die Urne von ihrem Blumenschmuck und geht mit ihr durch die Tür, die Treppen hinunter.

Die Mutter sinkt zusammen, schluchzt.

Nun ist er weg, für immer. Jeder ist mit sich alleine.

Langsam verlassen wir das Mausoleum und treten ins Freie.

Es starb ein Reicher, der Franz von Assisi liebte und die Natur.

 

Ich habe dem Tod und dem Toten meine Ehre erwiesen. Kam für eine Freundin, die einen schon Todkranken heiratete. Er verstarb zu früh.

Ich verzichte auf den Leichenschmaus im feinen Restaurant. Schwinge mich aufs Fahrrad und fahre am großen Fluss entlang, stromabwärts nach Hause.

 

Vor meinen Augen stürzt ein alter Mann. Auf dem Rasenstreifen am Fluss, neben dem Fahrradweg, fällt er vom Fahrrad, beinahe mit dem Kopf an die angrenzende Mauer, das Fahrrad fällt auf seine Beine.

Ich bin direkt in diesen Moment hinein gefahren, als Alfons Hauser wieder einmal ohnmächtig wird und vom Fahrrad fällt.

Ich drehe um; es geht ja so schnell, dass man vorbei gefahren ist – noch ein paar Pedaltritte weiter, und man glaubt schon nicht mehr, was man gesehen hat – und fahre zu dem alten Mann, der mit hellblauen aufgerissenen Augen am Boden liegt. Er liegt auf dem Rücken, die Hände zur Brust gedreht und nach innen gekrampft.

Wer ist er? Ein Penner, der schon am helllichten Tage besoffen ist?

Der alte Mann hat ein paar Streifen und Flecken am Kiefer – von Stürzen? Er hat fast keine Haare mehr. Seine Kleidung ist gepflegt, er riecht nicht auffällig. Auf dem Gepäckträger seines Fahrrads ist eine blaue Sporttasche ordentlich verspannt, obenauf klemmt eine Plastikflasche Coca Cola.

Ich hebe das Fahrrad von seinen Beinen, rufe: „Hallo“, knie nieder und fühle seinen Puls.

Der Mann starrt mich aus hellblauen Augen an. Er ist nicht bewusstlos.

Zwei junge Frauen eilen herbei und fragen nach seinem Namen.

„Hauser“ heiße er, „Alfons“. Er wolle nicht, dass man einen Krankenwagen hole.

Die jungen Frauen meinen aber doch. Sie sind schneller als ich, das Handy am Ohr rufen sie schon den Rettungsdienst. Man kenne dort beim Rettungsnotruf den Namen „Alfons Hauser“ schon, berichten sie mir.

„Wollen Sie etwas trinken?“, frage ich Herrn Hauser. „Nein“, sagt er, davon müsse er sich nur übergeben. Und Durchfall habe er auch, eigentlich immer.

Ich nehme die Sporttasche vom Gepäckträger und schiebe sie unter seine Knie. „Ist das gut?“, frage ich, Alfons Hauser nickt. Die jungen Frauen erwähnen die stabile Seitenlage. „Ist das nicht besser?“

Wir ziehen den alten Mann von der Mauer weg, so dass sein Kopf nicht mehr abgeknickt liegt. Eine der Frauen zieht ihre Jacke aus und faltet sie zusammen; wir schieben sie unter seinen Nacken. Alfons Hauser scheint wieder zu nicken.

Ich halte die Hand von Alfons Hauser und streichle ihn an der Schulter. Ob er gerade stirbt?

Er erzählt: 73 Jahre sei er alt und obdachlos. Seit sieben Jahren werde er ohnmächtig. Jeden Tag falle er mehrmals um. Man habe ihn schon mit dem Hubschrauber aus dem Fluss gezogen. Er wolle so nicht mehr leben. Auch die letzte Nacht habe er im Krankenhaus verbracht; am Morgen habe man ihn wieder aufs Fahrrad gesetzt.

Und nun fährt er am Fluss entlang, so lange, bis er wieder umfällt.

Seine Hände krampfen sich immer wieder zusammen, er zittert, heftig, sagt, sein Herz tue weh, steche, tue sehr weh, er wolle so nicht mehr leben.

Ich sage „ganz ruhig“ und „alles wird gut“.

Nichts wird mehr gut für Alfons Hauser.

Der Rettungswagen kommt, vier Sanitäter, drei junge Männer, eine junge Frau; sie sind schon bei uns, mit Schreibblock und rotem Formular der eine, mit grünen Gummihandschuhen die andere. „Hallo Herr Hauser“, rufen sie, „da sind Sie ja wieder!“

Herr Hauser richtet sich auf.

Eingesammelt wird er nun wieder und dann wieder hinausgeworfen.

Man finde nichts bei ihm, erzählte er. Keine Ursache, keine Krankheit.

Wer soll das denn auch bezahlen, einen Obdachlosen für längere, aufwendigere, teurere Untersuchungen im Krankenhaus zu behalten?

Herr Hauser wird versorgt. In anderen Ländern würde man ihn liegen lassen, da gibt es gar keine medizinische Versorgung für so jemanden wie Alfons Hauser. Er würde verrecken, am Straßenrand. Hier kommt ein Krankenwagen mit gleich vier Rettungssanitätern zu einem Obdachlosen.

„Sollen wir Sie jetzt mal mitnehmen?“, fragt einer der jungen Männer.

„Und mein Fahrrad?“, fragt Herr Hauser.

„Das können wir hier abschließen, und Sie holen es später ab“, sagt ein anderer.

„Ich bringe es ihm!“, sage ich darauf.

Alfons Hauser sagt, viele Leute hätten ihm schon sein Fahrrad gebracht, sogar die Polizei.

Die Sanitäter bedanken sich bei mir und sagen „Sie können jetzt gehen“.

„Und das Fahrrad?“, frage ich. „Das kriegen wir schon hin, das nehmen wir schon irgendwie mit“, antwortet der Sanitäter und nickt mir freundlich und mit Nachdruck zu: „Sie können jetzt gehen!“. Einer fragt noch eben, ob ich denn gesehen habe, wie Herr Hauser hinfiel.

Ich erzähle, was ich gesehen habe, die Sanitäter nicken. Was tut es denn schon zur Sache?

Sie wissen genug, um ihn aufzusammeln. Er bleibt ja nicht lange.

Zum Bleiben gibt es für Schwestern und Brüder wie Alfons Hauser keinen Platz in unserer Wohlstandswelt – auch nicht, wenn man einmal nachrechnen würde und herausfinden, dass so ein Platz billiger wäre als die täglichen Rettungseinsätze. Doch was wäre das dann für ein Platz, im Altenheim, in der Obdachlosen-Unterkunft, in einer Wohnung, ob reich oder arm, ganz alleine?

Ich nehme mein Fahrrad und entferne mich von der Unfallstelle. Drehe mich noch einmal um. Herr Hauser zwischen den Rettungssanitätern, die sich um ihn kümmern. „Ich will so nicht mehr leben“, höre ich ihn sagen.

 

Ich will bei Alfons Hauser bleiben, seine Hand halten und nicht den Krankenwagen holen. Soll er sterben, dort am Fluss! Endlich einen Platz finden zum Sterben und jemanden, der seine Hand hält, wenn er stirbt.

Dann hebe ich ihm ein Grab aus in der Wiese, dort, wo er zum letzten Mal hinfiel.

Ein Geistlicher kommt auf diese Wiese am Fluss, es duftet nach Gras und Blumen.

Der Geistliche hält die heilige Kommunion für Bruder Alfons.

Einige Brüder und Schwestern sind auch gekommen. Die meisten kennen den Verstorbenen von seinen Stürzen; sie haben ihn aufgehoben, den Krankenwagen geholt und ihm sein Fahrrad ins Krankenhaus gebracht.

Wir werfen Erde in das kleine Grab, jeder eine Schaufelspitze voll.

„Erde zu Erde, Asche zu Asche und Staub zu Staub“, spricht der Geistliche.

Dann verschließt er das Grab. Wir stellen ein selbst gezimmertes, einfaches Kreuz darauf.

Hier ruht Bruder Alfons. Der Fluss war sein Zuhause.

Zuletzt segnet der Geistliche das Grab mit Wasser von diesem Fluss, und wir singen die Sonnengesänge von Franz von Assisi:

Gelobt seist Du, mein Herr durch Schwester Wasser“.

Dann gehen wir nach Hause.

 

Schon wenige Jahre später sieht man am großen Fluss ein neues Mausoleum entstehen; viel größer als jenes, das schon ein Stück weiter flussaufwärts steht.

Das neue Mausoleum wird auf einem naturbelassenen Stück Wiese stehen. Nur der Weg dorthin wird gepflastert sein. Das Mausoleum wird mit italienischem Marmor ausgekleidet sein und goldverziert.

Er war uns allen ein Vorbild, wird eingemeißelt unter der Büste des Bruder Alfons stehen, der zu uns herablächelt. Voller Milde und Demut, umringt von Statuen barbusiger Frauen mit ebenmäßigen Gesichtszügen und Blumengirlanden.

lauthals über kopf

frei –

das wort hat eine wurzel

– prai – indogermanisch –

die lauthals über kopf

nie zu vergessen sei :

schützen und schonen

gern haben

lieben

sildenafilsurrogat

(samtene sinndeutung)

silbenaffine schlagwortschlaffen
sabbern süchtig schlorrigen schriftschlunz
auf schimmernde scheiben.
tastaturdiarrhö? computercholera?
schreibschubladehemmungserlösung?

seltene subsensation: schreibschlamm
als sildenafilsurrogat.

wunschbrille

durch meine stadt laufe ich mit einer spezialbrille rum, auf jedem glas steht ein wort: stirb — idiot. ein herrliches gefühl, so durch die massen zu laufen.

wo ist frau kleist, diese kleine selbst an sich…

BEITRAG WURDE VON DER REDAKTION GELÖSCHT: BITTE UNTERLASSEN SIE PERSÖNLICHKEITSVERLETZENDE BEITRÄGE ÜBER REAL LEBENDE PERSONEN.

Liebesbesuch

Die Liebe lehnt an einem Baum

Die Liebe ist ein Baum

Unversehens glänzt die Schuppe

dieses gewöhnlichen Wunderbaumes

an mich heran,

bar jeder Gegenwart

Transformierte Stimmen,

in den Strom der Sprache gewoben,

streichen, kriechen, schmeicheln

sich in meine Ohren

Offen alle Poren,

die Ein- und Ausgänge wie

Blüten im Gebirge

Du erreichst mich,

hier an den Baumstamm gelehnt,

unter jeder Zahl

bis in die nicht beweisbare Unendlichkeit

Komm mich doch einmal besuchen!

Verwirrte Venus oder Himmels-Wissenschaft als Selbstversuch

Erwache in Morgenstarre, feuchter Musenkuss, wo auf meinem schweren Schlafleib, wo? Erweckt und auf eine ziemlich kreisrunde Umlaufbahn geschossen (wer wagt es, an meiner Bahn herumzubiegen?).

Neigungswinkel gering, Exzentrik gering (was heißt das?). Oberfläche flach, dunkel (maximal 5000 Lux), rotglühend, heiß. Leichte Brise, keine Jahreszeiten. Terrestrisch, Kruste vorhanden. Vulkane mit Windfahnen. Crèmefarbene Wolkenschicht über Atmosphäre. Gasozean.

Erde, hallo Erde, bitte kommen…!

Befund: Auf einmal bin ich retrograd, andersherum. So reist die Sonne an meinem Himmel von West nach Ost statt von Ost nach West; außerdem bin ich nun trabantenlos. Fahler, kraterüberzogener Mond, bin ich Dich los! (Sagt man so etwas zu einem so treuen, langjährigen Begleiter?) (Die Wahrheit ist, unsere Liaison war Schicksal, weiter nichts, wir konnten nichts für uns und unsere ewige Umkreisung). (Aber was, Muse, ist Schicksal? Und was ist schon ewig? Ist die Zeit nicht relativ?)(Ist die Ewigkeit endlich oder endlos? Gibt es die Unendlichkeit? Ist sie denkbar, vorstellbar oder berechenbar?) (Was, Muse, ist wahr von alledem?)

Sage mir, Erde, Muse meiner Nacht und meines Morgens: Sprich an meinem Himmel mit Kohlendioxid-Atmosphäre, Vulkanwindschwefelsäurewolkendecke und Superrotation, erzeugt mittels Energie durch Sonnenstrahlenabsorption in meiner Wolkenoberschicht – sechzig Mal schneller dreht sie sich um mich, als ich mich um mich selbst drehen kann! Ich bin, terrestrische Musenschwester mit Weltozeanadern, der Sonne näher – bin also heliozentrischer als Du. Du aber drehst Dich schneller um Dich selbst. 117 Erdtage sind ein Venustag, höre ich es, Muse, flüstern im All. Doch sind wir nicht alle egozentrisch? Und was macht das schon aus?

Heiß bin ich, Schwester, vierhundert Grade heißer als Du. Von meiner ziemlich hermetischen Schwefelwolkendecke werden die meisten Sonnenstrahlen zurückgeworfen; strahlend hell leuchte ich an Deinem Morgen- und Abendhimmel. Deine Seeleute, Hirten und Königinnen nennen mich Aphrodite; die Göttin der Liebe soll ich sein. Oder Lucifer, gefallener Engel. Besser fallen als auf Deinen Scheiterhaufen brennen, denke ich, mit Grausen auf die Geschichte Deiner von Machthunger und Selbstherrlichkeit geprägten Lebewesen schielend.

Mein Wander-Rhythmus, meine Regel, unser Akt, steht als Zeichen in den Himmel geschrieben: Alle acht Jahre entsteht ein Pentagramm durch meine „untere Konjunktion“ genannte Stellung genau zwischen Dir, Erde, und unserer großen und allergrößten Schwester, Zentralfeuer Sonne. Befinden sich unsere Bahnen, und die meine ist gegen die Deine geneigt, einmal auf gleicher Ebene, ein Knotenpunkt auf der Ekliptik, kommt es zum Durchgang, auch Transit oder Passage genannt. Dies geschieht im Wechsel genau alle acht und dann ungefähr alle hundert Jahre. Dein Volk kann mich dann sechs Stunden lang als schwarzen Punkt, als Zentralfeuer-Pupille, durch das glühende Sonnenauge wandern sehen. Und wenn sich keine Wolken zwischen Dich und mich schieben, dann können Deine Astronomen aus den Zeichnungen den Abstand zwischen Dir und der Sonne errechnen, Astronomische Einheit genannt, kurz AE. Und wenn wir zwei, Schwester Erde und ich, Venus, uns alle paar hundert Jahre einmal näher kommen, sind wir nur noch 0,26413854 AE voneinander entfernt. Komm mir bitte nicht noch näher!

Flüstere mir, Muse, Erinnerung! Da kommen sie, schwankende Gestalten, hell und dunkel, meine Erinnerungen. Schleichen heran, kriechen aus meinen Canyons und entsteigen meinen Lavagräben.

Die jüngsten von ihnen wissen zu berichten, dass Du mir einen Orbiter gesandt hast, eine Art gynäkologisches Instrument mit Eintauchsonde. Bakteriengroße Partikel hat er meiner Atmosphäre entnommen (das war eine Zwangsuntersuchung; ich wurde nicht gefragt). Anwesende und abwesende Gase habe die Sonde gemessen, und so kam es zu der Vermutung: Möglicherweise gibt es LEBEN auf  der Venus! Sage mir, Muse: Was meint Ihr? Was ist das Leben für ein Leben?

Erzähl mir, Muse, erklär mir Erde! Sprich von der Poesie, der Magie, der Philosophie, den Naturwissenschaften. Von Weisheit und Wahrheit. Wer hat Vorrang, wer hat Recht, sagst Du? Zähle Deine Schwestern, Muse, und fange von vorne an. Spinne ein Garn mit den Nonen und wickle die Deinen darin ein wie in einen Cocon: Hirten, Seeleute und Königinnen. Mich aber lasse infrarot und schwefelsauer auf meiner kreisrunden Bahn und störe gefälligst meine Kreise nicht! Vor allem die Gynäkologen lass bei Dir Zuhause, astronomisch weit von mir entfernt.

Sie haben mein Geschlecht bestimmt, „weiblich“ sagen sie, ohne Chromosomen-Befund, und meinen Körper haben sie in Landschaften eingeteilt und diese benannt. Aphrodite hat die Form eines Skorpions und schlingt sich um etwa ein Drittel meines Hüftumfangs (der dem Deinen gleicht). Auf Ishtar stehen hohe Berge, männlich, aufrecht und faltig wie Deine höchsten Berge. Meine Vulkane sehen aus wie weibliche Brüste. Sie heißen pancakedome oder ticks, also Zecken. Wie feige! Sagt’s doch gleich: Sie sehen aus wie tits. In meinen Tiefen gibt es mosaikförmige Würfelländer, die Tesserae heißen. Eine Besonderheit wie die Kronen, Coronae, die durch einige der 963 ziemlich gleichmäßig über meinen Leib verteilten Einschlaglöcher entstanden.

Einer dieser Einschläge hat mir offensichtlich ein ganz schönes Trauma verpasst. Manche Deiner Venus-Psychologen behaupten, seitdem sei ich retrograd, drehe mich also andersherum, wie sonst unter den Planeten nur noch Uranus und der Zwerg Pluto, der sich ja nicht einmal mehr Planet nennen darf. (Ist er nun exkommuniziert oder staatenlos?)

Aber ehrlich gesagt, was macht es schon aus, ob die Sonne von Ost nach West oder andersherum reist?

Weitere posttraumatische Symptome könnten der GNW, der geringe Neigungswinkel zur Erde sein, der für das Fehlen von Jahreszeiten verantwortlich ist, oder, oder… die hermetische Wolkendecke, mit der ich mich abschotte gegen den Einfall von Sonne und Licht – das aber ist verständlich und auch nicht bedenklich: Es wäre ja sonst noch viel heißer auf mir als es schon ist. Ich bin eben etwas nah an der Sonne gebaut.

Oder aber mein Druck von 92 bar. Wenn Du mich streicheln willst, oder wenn einer Deiner Orbiter oder Wissenschaftler, Astronauten, Seeleute, Hirten oder Königinnen mich berühren will, dann ist es, als wären sie über neunhundert Meter unter dem Meeresspiegel. Da stimmt doch was nicht mit mir! Ich leide eindeutig unter einer Dauerdepression.

Und dann ist da die Sache mit Merkur. Die Venus-Psychologen nennen es posttraumatisches Retrogradationssymptom, ich nenne es terrestrische Gerüchteküche. Merkur, so heißt es, sei einmal ein Teil von mir gewesen, wie der Mond ein Teil der Erde gewesen sein soll. Durch Einschlag sei er abgesplittert und in meiner Umlaufbahn als Trabant gelandet. Soweit ist es ja auch die Geschichte von Erde und Mond. Durch einen weiteren, besonders gewalttätigen Einschlag sei Merkur dann aber aus meiner Bahn geflogen, oder, das ist die andere Theorie, habe sich möglicherweise wieder mit mir vereinigt. Könnte also Erde und Mond auch noch bevorstehen. Die Spuren der Vereinigung, falls es so war, sind durch Lavaströme verwischt. Geht auch niemanden etwas an, sage ich. Schließlich will ich als Liebesgöttin auch meine Geheimnisse haben.

Lass uns also feststellen, Muse Erde: Du kannst mich nicht betreten, ich bin Dir zu heiß. Du kannst mich nicht aushalten, ich habe einen zu hohen Druck. Du magst mich nicht riechen, kriegst keine Luft, das Kohlendioxid erstickt Dich, und Schwefelsäureregen ist nichts für Deine empfindliche Haut. Du kannst mich nicht einmal sehen, mein dunkles, schönes Infrarot. Warum willst Du mich kartografieren und vermessen? Wozu erforschen?

Höre, Muse Erde: Nimm Deine Orbiter, Wissenschaftler, Seeleute, Hirten und Königinnen und verschwinde! Schicke sie alle auf eine Odyssee und lasse sie in Ziegen, Schweine und Schafe verwandeln. Diesmal aber richtig! Lass die Sirenen singen und nicht versagen; schicke einen intelligenteren Zyklopen! Lass das Pack dieses Mal nicht entkommen!

Sage Ihnen, Muse, ich bin nicht codierbar, ungefragt vermessbar und benennbar. Meine Geheimnisse heißen nicht Freya, Lucifer oder Aphrodite. Ich trage auch keinen Handspiegel.

Und ansonsten Muse, macht, was Ihr wollt! Verbrennt Euch auf Scheiterhaufen, schändet Euren Planeten und besingt ferne Körper im All. Fahrt zur See, durchquert Wüsten und den Himmel und klettert über all Eure Berge! Ich aber bin gerne allein auf meiner Bahn, infrarot, trabantenlos und retrograd. Ich bitte Dich, Muse, geht!

 

Wieder Erwachen. Zahlen mit vielen Stellen nach dem Komma auf meine Stirn gefroren.

Kalt ist es hier, grell, und die Sonne geht schon wieder irgendwie anders auf. Fortgeschrittene Fremdheit, eine Heimsuchung, ein Befall. Mein Morgenleib von Monadenschwärmen überzogen, Schweißelixier. Tröpfchen. Tröpfchen. Tröpfchen. In seltsamen Bahnen kreisen meine Gedanken. Unberechenbar. Substanziell, essentiell, mit wachsender Exzentrität. Wesentlich, belanglos und fern. Näher als alles.

Sage mir, Venus…

Mösengezwitsxcher.

 

 

* Brauchen uns kaum noch aus den Gläsern zu schöpfn, dem auffellln, was uns ums Gewissen schleicht. Dieses leichte Zeitsein. Aus dem Gekränktsein schlüpfen. Auf die Insel des scheugeklappten Verrats. Es war Liebe. Unumstössliches dein Denken. Wie Einfühlen, aus Treiben aus Kopfen aus kaum dem Gedichtverlassen und damit der Welt dennoch Gehorchen aus Leiben wsie Schwitzen gefiederter Lüstling mein Umwuchern.

Einschreiben

…endlich halte ich es in meinen Händen: das güldene Buch der traumaverspielten Inskriptionen Nr.5. Wow! Danke, liebe Plapper-Klapper-Kritzel-Kratzel-Winde-Schling- und Kletter-Pflanzen, grimmsch‘ bezopfte Turmbewohner-Innen -; halbstarke, vollwaise, plastischphantastische Mitwesen und -bewohner –Innen – virtueller Wiesen, Weiden und Welten. Muh!

strick stracks

außer mist und essen und vögeln und farben, gings hier in diesen löchern und huckelpisten doch auch schon mal ums stricken. oder ist mir da eine masche entglitten ? jedenfalls liegt da wieder mal so ein edles garn herum, es schimmert und schimmert, so vor sich hin, man ist bereits bestrickt, doch nackt !! (applaus applaus vom grimmschen märchenhaus.) also konkret, ich sprech es aus : „in der zukunft ist es nicht schöner als zuhaus.“ wer strickt mir einen paletot daraus ?

Ein Blatt, dreilagig

ein schwaches stück für den an konstipation leidenden dukaten-esel

Wenn Hirsch und Kuh sich trennen

und alle Leute rennen

dann schau auf dieses Käseblatt:

wer (diesen) Mist geschrieben (und eingestellt) hat.

setzen!

noch einen drauf im biologischen

(sonntag im park)

was ist hier los ? wo führt das hin ? niemand liebt sein fell mehr so, wie es gewachsen ist. wo ist der bisamratten ruh ? das dünne blond muss rosa strähnchen tragen. das warme erdenbraun, brünett genannt, wird kaltes schwarz. das sanfte grau wird aufgebrannt zu kringelwurz und haubenstiez. ich sehe enten, sehe elstern, die ammer und den wiedehopf.

Hinfort

Ich fühle mich frei. Ein bonbonfarbenes Licht kreuzt meinen Sehnerv. Darüber liegt Dunkel. Gisbert Dunkel. Er ist eine Erfindung, die aus strömendem Licht besteht. Es sengt sich heraus aus der Hirnspirale. Selbst Herr Morgenrock kann es nicht davor retten. Ich drücke seine Klingel. Er ist noch beim Frühstück, Käsebrötchen mit schwarzem Kaffee. Jetzt, da die Sonne warm scheint, der Zugang zum Balkon wieder Lust und nicht Frost. Schauer bereitet. In der Zukunft ist es nicht schöner als zu Haus. Ich kräusele hinein und happs, ist das Käsebrot hinfort.

Achilles Schildkrötenjäger in der Mannigfaltigkeit seiner Speere

i. mem. G. Del.

Das ist also das Leben: eine Halbkugel, die sich in der Zeit zu einem einzigen Punkt zusammenzieht. Eigentlich ist das nur das halbe Leben – die Existenz im eigenen Körper. Aber was außerhalb dessen ist, wird permanent eingemeindet. Mein Licht, deine Liebe. Unser Kosmos, o du wildes Dunkel.

Manchmal träume ich Tangenten. Kaum merklich ihre Berührungen in der Mechanik des ewigen Kreislaufs, nur am Scheitelpunkt wird der seltene Augenblick spürbar. Durch die Luft schwimmende Wesen streifen ihren Schuppenkörper ab auf der Höhe eines adäquat gedachten Gedankens. Das wäre also auch Leben: eine Halbkugel  mit Tangentialebene.

Das Laub wie meine conditio sine qua non.

* Das Laub errötete in deiner grausamen Zärtlichkeit. Darumherum frische Liebes(ge)schwüre. Wie vorher schon aus deinem Strandkorb. Aufeinander zu dein Vermeeren. Und an den Rändern deine fast vereiste Gleichgültigkeit (siehe auch Kap. 44). Ah, mit unseren Egalen kommen wir noch nicht zurecht. Halbes Abgestumpftsein von Geburt an als conditio sine qua non. Komm, fang mich an. Aufgekrampftes Element. Abendlaune dazu. Ohne dein Greifverlangen, weisst dus nicht, geht der Tag nie zu Ende. Aus dem Wasser verschwinden. Aber nicht in die Nacht. Morgens: da kam mir der Gedanke. Noch nie, dass ich verstehn werde. Wenn ich mich deoch früher, viel früher verführt hätte. Und mich nun erst schmecke, wie auf dich zugelebt. Dass du aus der Nachwelt kommst. Dein Geheimnis. So verloren und unversucht. So abgestreift und neu entdeckt. Aus diesem verlassenen Hinterhof. Begriffen hatt ich nie, dass du mich längst ausgemalt hast. Mit deinem langen Umwimpern. Lies mich auf. Aus. Löschen. Wie bedacht du ins Wasser gehst, fast meine Andacht.

en passant schlagen

Es ist an der Zeit, Fräulein Pikante Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Als junges Mädchen war sie charmant. Sie turnte mit den Jungen auf den hölzernen Gerüsten im Sandkasten, spielte als Libero Fußball, erkannte beim Schach die Züge, bei denen sie en passant schlagen konnte. Ja, sie war ein schlaues Mädchen. Ihr erster Freund: ein Draufgänger und Motorraddieb. Sie kurvte auf dem Sozius mit, bis der Tank leer war. Dann ließ der Freund das Motorrad im Graben liegen. Sie mußten 50 Kilometer zurück nach Hause laufen. Das fand sie dann doch blöd und sie streckte den Arm aus. Rasch wurde sie per Anhalter mitgenommen. Sie war ein scharfes Mädchen. Vor allem, wenn man sie im Gegenlicht sah. Der Freund konnte getrost weiterlaufen. Nach Hause würde er ohnehin nicht kommen, vor der Tür wartete die Polizei auf ihn. Das war das Ende. Für Fräulein Pikante: ein neuer Anfang. Der nächste Freund wurde der Vater ihrer Tochter. Er wußte davon nichts. Sie hatten sich platonisch im Schachclub kennengelernt und am frühen Abend ist etwas Tieferes daraus geworden. Als sich Fräulein Pikante an jenem denkwürdigen Tag im April die Gewißheit verschaffte, schwanger zu sein, trennte sie sich. Sie würde es schon allein schaffen. Allein gäbe es auch nur halb so viel Diskussionen, oder gar keine.

graustrich

es schifft vielmals ein, die temperaturen sind im vergleich zu denen der tropischen planeten niedrig. natürlich lebensfreundlich. vor hitze schnaufen ist zum fremden zustand geworden. dennoch gibt es orte, an denen die artenfielfalt mehr beiträge liefert. bunte schleifentapire, goldspitzbarden, rüsselmigranten – all das bekommen wir hier nicht zu sehen. gisbert dunkel: „leider fallen die lebensformen in dieser witterung eher klein und farbneutral aus. ein großteil macht nur monotone geräusche und verhält sich auch so. das bringt der graustrich mit sich.“ der graustrich also. unter zeltplanen streichlen wir die ganzjährig befellten braunbandstrolche. sie fiepen leise und verlangen nach wasser. zum beißen haben sie schon lange keine lust mehr. keine bange, raus aus dem zelt mit ihnen und unter den freien himmel. da können sie sich gründlich abduschen.

recycling, retro und retour

jedenfalls irgendwas mit zurück. alle guten vorsätze taugen nichts. das vertikale streben. das wird nichts mehr. 10 tage abstinenz. ich sitze da wie ein paket. erinnerung mit schleifchen. was war da noch. ist das die nahende demenz. oder einfach nur die schlichte aufforderung, mir die schuhe zu binden. ach und ach. guten tach.

Zum Mund.

    * Der freche Junge aus dem anderen Grün, der Spiegel, der sich so wölbt, schwarz bemalte Haut vom Süsschen, deren herausbrechende Tränen alles abwaschen, aus Wut zögern wir noch, uns in weisse Holzrahmen zu zwängen und vor lauter Selbstwelt aus den Weihwassern der frischen Inseln zu saufn, verschluckn wir uns an Gelächter übers Verzweifeln, wie vor der Zeit, als ich mich ohne deine Nacht durchschlagen musste, als du dein Herz noch nicht vor mir versteckt hast, mit all deinem zarten Fleisch, wie schöhn, wenn du nicht aufwachen willst, uh du bist mir längst auf den Atem geschlagen, schleifst mich ein und spuckst mich aus, ohne Hals, auch wenn du dich schämst vor dir selber: dem Güllegeruch neben deinen Zungen. Du wolltest gestern nach dem Schatten greifn. Nun leg ich mich in deine aufgeniederten Gründe. Mit meinem andern Grün. So wie morgen früh, wenn ich mich wieder in deinen Mund grabe.

Gesicht aus Dreck.

* Dein 3-eck aus kaum zerbröckelndem Abgrund. Dein Vergraben. Dein Vergeben. Dein ständiges Vergeben. Aus lauter kleinen Lügen. Immer grösseren Gerüchen. Niemand sagt es dir. Jeder will sein junges Gesicht aus Dreck behalten. Begehrst du dein weisses Schweigen. Oder dein versteinertes Unterleiben. Kaum erlöst vom Überhaupt. Es fällt dir immer schwerer, dich in Zusammenhänge zu verstricken. Es quillt dich. Verstört dich. Deine Wege sind aus trockenem Regen. Abgemähte Septembersonne. Dann interessieren dich auch deine Finger nicht mehr, die du in andere Gesichter tauchen willst. Schreist in deine Starre. Kornbefreit. Aus dem Dreck hast du dich doch neu erfunden. Aus den zerplatzten Gesängen, die dich über die Lilienzweige hoben. Aufgeritzte Haut. Das Blut fliesst viel zu langsam. Früher schoss es aus dir heraus. Und hast es mit deinem Lachen wieder eingefangen. Verstör dich, meine Liebe, leise an mich heran. 

Abgesplittert.

In der Genüge aufgehoben, indem er nicht mehr dem Atem seiner Worte gehorchte. Aus seiner Schicksalshaft entlassen, verfuhr er mit sich nicht bröckelnd genug, nein, stiess er bloss immerzu auf sich selbst. Der Wald mochte ihn nicht. Zuletzt die abgesplitterte Ecke der Marmorplatte am Grab seiner Mutter. Gewissheit: wie ein Atmen im Zwischenlaub danach. Jedes Knistern ein neues Zweifeln. Seine Lust musste er selbst daraus erfinden. Aber in dem Wort, in dem Moment, in dem du es schreibst, geht, wenn es das Gewöhnliche übersteigt und dich berührt, eine ganz neue Kraft aus: Es überspringt dann eine Welt und du darfst nicht erwarten, dass es zu dir zurückkommt. 

Finsterbergen

Vielleicht hätte ich den Computerkurs damals nicht machen sollen. Vielleicht hätte ich es von Anfang an wie Norbert, der Nichtsnutz aus dem Nachbarhaus, halten sollen, der bis heute nicht einmal einen Anrufbeantworter in seinem Haus duldet. Der meint, dieses technische Zeugs mache uns lebensuntüchtig und wäre im Grunde überflüssig. Schon Lem hätte in den Siebzigern vorausgesehen wie uns Elektronikkonzerne gehirnmäßig weltweit abhängig machen würden. Aber wahre Größe hänge nicht von Elektronik ab, die Ägypter hätten ihre Pyramiden schließlich auch ohne Handy gebaut.
Irgendwie hat er wohl recht, aber seit es das Internet gibt, fühle ich mich auch in Finsterbergen mit der ganzen Welt verbunden, ohne dass ich mich einen Zentimeter bewegen muss. Das hat auch Vorteile. Norbert hat gut reden, er hat seit Jahren schon seine Hübsche und Arbeit als Fremdenführer im Schaubergwerk. Ich aber hänge rund um die Uhr am Netz, egal ob zuhause oder unterwegs. Bevor noch der Morgenkaffee in der Tasse dampft, bin ich schon zweimal bei den Pyramiden und einmal hinterm Mond gewesen und wieder zurück.

Duell

Es muss einfach schneller gehen/ höher/ töter/ röter/ wütericher, Duda!

Ein Gedicht/ ein elendes Lebensrettergedicht im Dschungel dieses lebensbeschwerlichen Tages zu schreiben – zu schreien – meinetwegen daherzustammeln – zu rotzen – zu wassern – zu klammern – und los!

Schieß doch, Duda! Schieß doch Dein Wortschwadron ab gegen mich! Kein einziges Gedichtes darin/ nichts Leichtes, nichts Lichtes!

Das kriegst Du zurück, Du Wichter, dumm und wumm/ Schneller, schneller muss das gehen/ hör mir zu! Endlich einmal rein in Dein Ohr/ mein Wurm, mein Wissen, meine Weisheit//

Dich und mich nehm’ ich mit/ in den Gedichteschießwald

Mittwoch im Café

durch wirres Gezweig ein Leben// unbedingt vermeiden: Worte mit zappelnden Fingern// will nicht sagen morsch/ bei dem Versuch, das Dickicht zu durchdringen/ zu ordnen/ hautgeschunden, ich/ weh, weh/ durchsichtig die Kuppelwunden// dort oben zeigte sich Licht über dem Dicht-Gezweig// Blitzkrieg/ ein Resonanzgewitter// Eulenaugen/ kuller, kuller/ warum das bollert durch diesen irren Raum// bei dem Gequatsche kann sich niemand konzentrieren/ beim besten Willen nicht/ es ist unmöglich// bleib, wo Du bist/ im Dick-Dickicht/ in der Mittwoche/ da //

Fräulein Pikante

Fräulein Pikante hatte einen ehrgeizigen Plan: Sie wollte mit Hilfe der „Neos Demokratos“ die Macht erobern. Nicht die Macht im Lande, das kam vielleicht später. Erst einmal ging es um die Macht an der Schule, die Macht über das Kollegium und den Lehrplan. Wie passend, daß die Aufsichtsbehörde die Schule damit erschreckte, aus der Weltstadt Petit Paris, seit Jahrhunderten bekannt für seinen Handel und Trödel, aufs Land zu verschicken, in die Provinz, in ein entlegenes Kuhdorf. Der alte Directeur, der dem Weiß seiner Haare nach kurz vor der Pensionierung stand (der Eindruck täuschte, er hatte noch etliche Jahre bis dahin abzuleisten, der Dienst färbte ihm die Haare weiß) hatte die Kollegen treubrav von den Sandkastenspielen der Behörde unterrichtet und dabei nicht seine Ohnmacht der Obrigkeit gegenüber verschwiegen. Die Ehrlichkeit sollte ihm zum Verhängnis werden.

Fräulein Pikante gründete die Partei „Neos Demokratos“, die in Wirklichkeit keine Partei war, sondern ein loser Wählerverein für die kommende Schulwahl, auf der das Directeurspöstchen neu bestimmt wurde. „Neos Demokratos“ bediente sich der üblichen Mittel, die dazu dienen, die Mehrheit zu ergattern, und sich der rechtlichen Prüfung entziehen: Absprachen am Telefon, Gespräche in Cafés und vor allem üble Nachrede über nichtanwesende Kollegen in der Mensa. Das Ergebnis war eine veritable Spaltung des Kollegiums. Die neue „Hausmacht“ reichte Fräulein Pikante, um die Wahl zu gewinnen – 6 zu 4, eine Stimme Mehrheit. Nach der Wahl begann die Qual, denn nun galt: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Kampfspruch der Haudegen, die von „Demokratie“ schwätzen und „ich“ meinen – natürlich im Namen aller.

Wer behauptet, er wolle niemanden ausschließen, hat mit Sicherheit die ersten Leichen im Keller gebunkert. So funktionierte es in der deutschen „demokratischen“ Republik und in der „demokratischen“ Republik Kongo: Beschwörung der „Demokratie“, um die Willkür zu bemänteln, „Demokratie“ als die Verschleierung der Tatsache, daß die Mehrheit von der Mitbestimmung ausgeschlossen wird, indem man ihr den Glauben schenkt, sie könne mitbestimmen. Der Diktatur der Rassen hatte die Demokratie als Steigbügelhalter gedient, die Diktatur der Klassen hielt sich für die Vollendung der Demokratie. Doch das war alles Geschichte. Hieß es nicht, wir hätten damals im 20. Jahrhundert zwei Diktaturen zu erleiden gehabt. Die Demokratie, die wir jetzt hatten, war eine Diktatur der Massen. Des Massengeschmacks. Es regierte der Durchschnitt, das Verkäufliche, Absetzbare. Fräulein Pikante versprach schon etwas Neues: Nach den Rassen, Klassen und Massen verkündete sie die Diktatur der Blassen. Mit Schönreden würde sie Wunder bewirken.

Auf dieser Klaviatur vermochte Fräulein Pikante vorzüglich zu spielen. Übrigens war sie kein Fräulein mehr, sie hatte bereits eine halbwüchsige Tochter, besaß dazu aber keinen Mann, was bei der Fräuleinhaftigkeit ihres Gebarens niemanden wunderte, aber niemanden abhielt, sie zur Provinzfürstin zu küren, die der Verlegung der Schule in die Provinz Einhalt gebieten sollte. Für diese Unternehmung spannte sie die gleichen „demokratischen“ Kräfte ein wie einst für ihren (knappen) Wahlsieg. In der Mensa und im Café redete sie so übel sie konnte von der Ministerialdirigentin, die der Aufsichtsbehörde vorstand. Im Gespräch mit ihr aber verteilte sie Honig, benutzte alle psychologischen Tricks, zu täuschen und sich einzuschmeicheln, die ihr zu Gebote standen. Und tatsächlich fand sie rasch heraus, daß es gar keine ernstgemeinten Verlegungspläne gab, die die Schule aus Petit Paris in die Provinz befördern sollten. Es gab nur Überlegungen, Erwägungen und die allgemeinen Sparzwänge – das war aber noch lange kein Handlungsplan. Das Beste sei es, nichts zu tun, sagte Frl. Pikante im kleinen Kreis. Vor versammelter großer Runde blies sie lautstark ins Horn, man müsse sich wehren, protestieren und die eigenen Fähigkeiten preisen. Hochglanzprospekte wurden gedruckt, Verbündete in der Kommune rekrutiert, die Schüler wurden für eventuelle Demos in Stellung gebracht – die „Neos Demokratos“ entfaltete Schlagkraft.

fragment eines gedichts für oderausflügler

ruderboote massieren den fluß.

biber basteln assemblagen aus sperrholz.

angler üben das lippenpiercing für fische:

sie stehen da und warten auf

die letzte ziehung

doch zur zeit sieht man nur die

schnippischen ärsche der bärsche,

die hier & da mit kleinen lobs

das wasser verwirbeln.

[…]

geben ( zu-, an-, ab-, auf-, er-, be-, ver-, bei-, mit-, durch-, )

es ist ein wenig ermüdend, dieses cowboyhafte stöckelnde orpheische denken mit pfiffigen einschlägen und schamlosen ausfellen. liebe dünnhäuter und liebe dickbrettbohrer, eine kleine sommerpause, gut genutzt, ist eine geschenk. ja eine gabe.

dem auffellln.

 

 

* Brauchen uns kaum noch aus den Gläsern zu schöpfn, dem auffellln, was uns ums Gewissen schleicht. Dieses leichte Zeitsein. Aus dem Gekränktsein schlüpfen. Auf die Insel des scheugeklappten Verrats. Es war Liebe. Unumstössliches dein Denken. Wie Einfühlen, aus Treiben aus Kopfen aus kaum dem Gedichtverlassen und damit der Welt dennoch Gehorchen aus Leiben wsie Schwitzen gefiederter Lüstling mein Umwuchern.