geistig krank .

pass auf kai … bevor ich dir das gesicht blutig schlage: du triffst es genau! schreiben, als ob es für unter dem grabstein wäre … löst das nicht … frei … und es geht ja nur darum, die mehrheit von unten anzupissen (auch post mortem) … aber vorher kann man sich im angesicht des todes ja schon von gefallsüchtigen schreiberabhängigkeit lösen … wieso schreibt jemand einen text und geht vorher arbeiten … es kann nur eine missgestalt an leben sein … aba sie giebt es: zu 94 % … alle die, die so schreiben, sind krank … wie die moral, die sie mitmachen, mitgestalten, weil sie einen mund, kein maul haben und sich nicht wie ein tier oder wie ein geistig kranker fühlen … wer sich zurzeit nicht wie ein geistigkranker fühlt, wird nie was schaffen …

Paul VI.

Ich berühre ihn jeden Abend vor der Verdunklung des Himmels, da klingst am schöhnsten, sein steifer Blick sagt alles: er weiss mit sich umzugehen, ich bin da ganz ruhig, im Gegenteil, er giebt mir die Kraft, noch ein weiteres Bier aufzumachen: es geht nicht darum, flüstert er mir über Hunderte Kilometer zu, sich darin zu verlieren … weiss ich P, antworte ich ihm: sich zu finden, bei mir dein dicker Bauch, den ich auch so gerne vor mir hertrage, bleib noch ne Weile still liegen und flüster mir noch ein paar Sätze zu, du bist so tief und ich hab nur Lust, mich in dir zu erledigen, machste mit, Alter … dein angewinkelter Arm unterm Kopf genügt mir, wie einer, der bald beim Cämping einschläft,

atempause

für einen niemandkommtmoment verblendetes augenrollen vorausgegeiltes liebesgetue die sechswochenwimpernspirale wartet die nachtcreme da genau so unberührt wie dein italienischer zopf dein kaltes sperma dein wintergesicht kannst du überhaupt etwas erraten ausser deinen schniefenden herzgeräuschen aus nervengestränge wort brech mir eine liebe von fern kartoffelbrothautig in der meine kühle atempause endlich verzürnt von unendlich tief unter den wurzeln

Ich will Spass

„…macht so spass mit sprache also auf menschen zu scheissen“ – das verbirgt sich also hinter der Pluderhose. Verachtung, nichts als Verachtung. Hab ich übrig. Für dich. Oh sorry… kannst ja über meine Humorlosigkeit lachen. Oder neue Gülle ausschütten. Weil es so einen Spass macht.

mein gesicht.

o.k. ich bin fett … ich bin widerlich … ich stinke aus dem mund … habe dauernd fettige haare dazu grau … sie hängen zum teil lose und zutiefst beobachtet auf meiner schulter: hemd, shirt, pullover … ich ufre aus vor weizensaft … vor humorlosigkeit … aber ich lache am liebsten über meine humorlosigkeit … lache über mein eingeschweisstes lachen … schüttle den kopf ans schicksal heimlich vorbei … schon wider schiefgegangen .. macht so spass mit sprache also auf menschen zu scheissen oh sorry manchmal ganz anders zu seyn als man fühlt wie in je diesem augenblick vor deinem lippenstift …

Sloterdijk

… um gleich in medias res zu gehn: Meike Fessmann über Sloterdijk schreiben zu lassen, ist, wie sie mit ihren bunten Jaketts beim Zubereiten eines Omeletts zu beobachten.

Sie hat sich – wie beim Bachmann-Preis – nervlich zu beobachten war, als Fürsprecherin der Elftklässer (hoch gegriffen) herausgestellt … also mit überhaupt keinem Gefühl, um über etwas hinauszuschauen … hinauszufühlen … und dann setzt man die Arme auf Sloterdijks Notizen an. Das konnte nicht gut gehen. Wobei man sich kurz fragt, was bei dieser Autorin überhaupt gut gehen kann??

Intelligente Schreiberlinge von Artikeln in Tageszeitungen lassen in Nebensätzen ihre heimlichen Gelüste frei schweben. Aber was macht Frau Fessmann? Sie kokettiert mit ihrem Googlewissen. Sloterdijk hat schon mal was über Zorn geschrieben: heititeiti. Sloterdijk ist ein Denker … heititeiti … und er ist bald mit ihr tabu, äh, per du (oder: perdü?). Man weiss von allem nichts. Vor allem nicht, wie Sloterdijk zwischen den Zeilen atmet … Aber wie will eine Elftklässlerin das auch wissen: nur, sie ahnt es in ihrem jetzigen Alter nicht einmal …

softcover

leck deine worte aus dem rachen mein herzkammerjäger worte wie gräten in zartesten fisch gespuckt entkältet züge stürzen ins meer überschlagen im schatten deiner ohrmuschel annabell trägt ne tote qualle zum strand prima gemacht mäusespeck aus der tasche ich baue dir auch schneckenscheuchen will kommen tief verliere mich nach deinem sein ein sandgepeitschter happen haut meerscharf in softcoverblau dein hoher mund steht still millionenfach komm

august mainstream II

( eine sendung. über den äther )

ein hoch dotierter dröger drops, der sich doch wirklich minderwertig fühlt, weil er im osten hat gelebt, nach der wende erst recht, spricht er.
mein gott, wie weit hast du’s gebracht, du vater unser aller. jede mittelmäßige mörtelwespe sorgt besser für ihr seelenheil als wir fürs unsere.
und wenn nun auch noch das neunauge die neunschwänzige katze aus dem ärmel zieht und damit die gemeinen luftschnäpper aus dem tümpel treibt, was bleibt ?

Anweisungen für den Ausnahmezustand

1.) Keine Kommentare zu den Faulgasen anderer.

2.) Ignorieren Sie Beiträge, die die Menschenwürde missachten, sowie deren Beiträger.

3.) Verlassen Sie Orte, an denen das Auftreten von Beiträgen, die die Menschenwürde missachten, wahrscheinlich ist.

4.) Sprechen Sie gegenüber Dritten von der Unmöglichkeit dieser Orte.

5.) Begreifen Sie die allmähliche Entleerung (oder Befüllung) dieser Orte als Chance…

Geschmacklosigkeiten

Ich weiß, ich habe dir das Ende prophezeit. War dort unten mit meinem Latein. Meine Grenzen gesehen. Muss sie nun überschreiten. Der Geschmacklosigkeit wegen. „Der Künstler – ein Ästhet“ , Hauptseminar. Mattenklott? Ein innerer Drang, diesen geballten Mist, diesen Non-Sense, diese billige Provokation, den durchgekauten Gehirnmüll so nicht stehen zu lassen. Nun komm ich noch einmal und dann nimmermehr. Ich kann nicht soviel fressen wie ich kotzen könnte. 

Intrigantenstadl

Da gab es also eine Gelegenheit, den Kollegen eins auszuwischen. Eine Stelle war zu besetzen. Klara Klarsack genoß nach Abendgymnasium und Studium des Klassischen Materismus bei Heidi Gotthold-Morgenroth, das sie mit Auszeichnung bestanden hatte, die besten Chancen, ihren Job in der philosophischen Praxis einzutauschen gegen eine „eigenverantwortliche Lehrtätigkeit“. Zu erzählen hatte sie wahrlich einiges. Zuvor hatte sie jedoch – unter den ersten drei Bewerbern war sie dank ihrer hervorragenden autodidaktischen Qualifikation gelandet – zum Vorsingen anzutreten und dies bot die  Gelegenheit, Madame Pikante zu begegnen. Klara hielt einen Probevortrag zum bedeutungsschwangeren Thema „Die Bedeutung des Bieres in Abgrenzung zum Wein in der männlichen Sozialisation“, womit sie grundsätzlich schon mal den Geschmack von Fräulein Pikante zu treffen wußte. Alkohol war Pikantes Lieblings-Topos, in der Theorie versteht sich. Sie konnte stundenlang über die Wirkungen, physiologischen Veränderungen, die kreativen und adiktionalen Potentiale der weltweit anerkannten (na die muslimischen Länder gehörten nicht zu Pikantes Spezialgebiet…) referieren. Zugleich bedeutete das einschlägige Fachwissen Fräulein Pikantes, das in ihrem Falle nicht an einer geröteten, sondern einer leicht erhobenen Nase zu erkennen war, einschlägiges Glatteis für Klara Klarsack, die sich keinen Fehltritt bei ihren Ausführungen erlauben durfte. So zählte sie zu den Vorteilen des Bieres den – relativ gerechnet – niedrigen Alkoholgehalt im Vergleich zum Wein, der durch Mixturen mit Cola oder Limonade noch weiter zu verringern sei, so daß Bier als Begleiter für länger andauernde Festivitäten geeignet erscheine, ohne daß sein Konsum zwangsläufig zum berüchtigten Koma führen müsse, den Umzug der jugendlichen Komiker im einschläfernden Vollrausch, der schon den Griechen ein Begriff war. An dieser Stelle hakte Fräulein Pikante scharfzüngig ein und erhielt Schützenhilfe von einem älteren Lehramtskollegen, der durchaus Selbsterfahrung auf dem Gebiet ausweisen konnte. „Wie kommen Sie darauf“, hub Fräulein Pikante an, die Stimme gefährlich nach oben schraubend, „daß Bier weniger Alkoholgehalt enthalte als Wein? Auf den Etiketten ist doch allgemeinverständlich zu lesen 10, 11 oder 12 Grad Promille.“ Fräulein Pikante senkte die Stimme wieder und blickte mit blitzendem Auge über den oberen Rand ihrer Brille, die sie auf die leicht erhobene Nasenspitze vorgeschoben hatte. Der ältere Kollege nickte bestätigengend. Die beiden waren sich ihres Triumphes sicher. Sie hatten Kandidatin Klara Klarsack bei einem faux pas erwischt, den sie nicht durchgehen lassen konnten, wollten sie die „Qualität der Lehre“ nicht gefährden. „Das ist nicht der Alkoholgehalt“, widersprach Klara kleinlaut, aber vernehmlich, „das ist die Stammwürze.“ „Stammwürze, Stammwürze“, höhnte Fräulein Pikante, „reden Sie keinen Unsinn.“ Damit war das Vorsingen beendet und dem akademischen Geschmacksnerv alle Ehre erwiesen.

Jessenin 1925 – f. Schw. Schura

Ach, was bietet die Welt an Katzen
Dir und mir, niemand kennt ihre Zahl.
Und das Herz träumt von luftigen Erbsen,
Und es läutet ein blauer Stern.

Ob nun klar, ob im Rausch, ob erwachend in
Des Gedächtnisses offener Bahn –
Zwischen Decken miaute ein Kätzchen,
Trübe Augen schauten mich an.

Damals war ich selbst ein Kindchen,
Und in Großmutters Lied hinein
Mit dem Schrei eines jungen Tigers
Stürzte es sich auf ihren Knäuel.

Zeit verging. Die Alte verlor ich
Und ein paar Jahre später dann
Wurde aus dem Kater ’ne Mütze,
Darin wärmte sich lange ihr Mann.

Inmösen.

Wie im Alleinleben: streitest du das ab? dass du seit 22 jahren alleinlebst oder länger dass du dilemma oder zwiespalten lebst … selbst beim Inmösen oder grade da überkommt es dich …

müsste.

wo komm ich her … müsste eigentlich sagen, wenn ich ehrlich wär to me, wer will sein leben aba schon eine einsicht beifügen: das leben fügt einem genau dir deinen empfinden hinzu … dem einenn dorthin dem andern zu mir an den mund oder von meinen lipppen davon …

Berlin-Lichtenrade

Kleinbürgerliche Wohngegend, warnt der Berlinreiseführer, den eine vermögende Verwandte letzten Monat bei mir liegen ließ.

Ich war froh, als die ältliche Tante nach Ostern wieder verschwunden war, ihren Reiseführer hätte sie gern mitnehmen können.

Ich überlegte noch, ihn ihr hinterher zu schicken, sie ist so sparsam. Als sie ihre Ausflugspläne für Ostern meiner Mutter mitteilte, hatte die ihr sicher verraten, wie es um mich bestellt war, außerdem gebeten, die Tante möge aus diesem Grund lieber in ein Hotel gehen, wozu die aber zu geizig war.

So wohnte sie zwei Tage in meinem Arbeitszimmer, schlief dort trotz ihres beachtlichen Alters von fast 70 Jahren im Schlafsack auf dem Holzfußboden, denn eine Isomatte besitze ich nicht, und ihr mein Bett zu überlassen fiel mir nicht ein, da sie beteuerte, die Schlafgelegenheit wäre für sie perfekt.

Normalerweise hätte sie sich später bei sämtlichen Familienmitgliedern über mich und meine Auffassung von  Gastfreundschaft beschwert, aber davon sah sie dieses Mal höchstwahrscheinlich ab, denn ich war das gesamte Osterwochenende für sie das arme Kind.

Trotzdem, wenn die Tante zwischen ihren vom Reiseführer empfohlenen Besichtigungen kurz aufkreuzte, klopfte und schüttelte sie den Schlafsack aus, als wollte sie mir damit etwas sagen.

Zum Schluss bot sie mir noch zwanzig Euro für die zwei Übernachtungen an.

Ich hätte das Geld nehmen sollen, dachte ich später. Wahrscheinlich wäre sie dann nächstes Mal gleich in eine Jugendherberge gegangen. Mir kam übrigens sofort der Verdacht, sie habe den Reiseführer absichtlich bei mir liegen gelassen, als Bezahlung statt der zwanzig Euro.

Abends blätterte ich das Ding durch. Dass man sich einen Ausflug ins kleinbürgerliche Lichtenrade sparen könne, ätzte der Verfasser, ein gewisser Herr Jürgen L. unter anderem zum Thema sehenswerte Berliner Bezirke.

Herrn L.s Vita nach zu urteilen, ist er selber ein Kleinbürger. Er absolvierte nach der Fachhochschulreife eine Lehre als Fremdenverkehrskaufmann, dann heiratete er und zeugte zwei Kinder. Jetzt schreibt er  Reiseführer. Ob in diese persönliche Erlebnisse mit einfließen oder Herr L. sich sein Wissen im Internet zusammen klaut, verrät er nicht.

Sein Heimat- und Wohnort, eine hessische Kleinstadt, lässt auch nicht unbedingt darauf schließen, dass er ein Bohémien ist.

Um es ganz deutlich zu sagen: Jürgen L. verrät seinesgleichen. Schlimmer noch, er verrät die, die zumindest authentisch sind, in ihren Häuschen in Lichtenrade leben, weil sie Ordnung und Ruhe lieben, wohingegen Herr L. zu den zerrissenen Zeitgenossen gehört, zu denen, die in einem Dauerkonflikt leben, weil für sie Ordnung und Ruhe ebenfalls groß geschrieben wird, sie es aber auch dahin zieht, wo es ihrer Auffassung nach spannend ist.

Falls Herr L. eines Tages tatsächlich an einem solch aufregenden Traumort landen sollte, würde er sich aber vermutlich erst mal beim zuständigen Ordnungsamt über zu viel Lärm beschweren.

Trotzdem, es bleibt dabei, in Lichtenrade gibt es nichts zu sehen und nichts zu erleben!  Andere Stadtteile erregen Herr L. da schon eher. Kreuzberg und Neukölln beispielsweise. Weil da Künstler leben.

Außer für den Stadtführer, Herrn L. und seine Leserschaft kann das allerdings nichts gutes bedeuten, für die Künstler selbst schon gar nicht.

Siedeln die sich in einem Bezirk an und wird das wenig später allgemein bekannt, strömen neugierige Menschen herbei, unter anderem auch die, die solche Stadtführer lesen. Menschen, die ständig auf der Jagd nach Unterhaltung sind und da sein wollen, wo das ´echte´ Leben tobt.

Im allerschlimmsten Fall wollen sie da auch bleiben.

Ein bisschen Erspartes haben sie, nicht so viel, dass sie nach New York oder an die Südsee ziehen können, aber für eine Wohnung im Künstlerviertel von Berlin reicht das Geld, das sie sich mit Hilfe eines öden Jobs zusammen klaubten, schon.

Wenn viele von denen oder ähnliche kommen, müssen sich die Künstler, die wenig Geld haben, einen anderen Stadtteil suchen und bald darauf geht das Spiel von vorne los.

Drei Abende, nachdem die Tante weg war, stellte sich heraus, dass sie Herrn L.s Machwerk tatsächlich als Geschenk bei mir zurückgelassen hatte.

Sie rief an, tat, als habe sie mir ihren Goldschmuck vermacht und fragte, was ich von dem Reiseführer hielte, falls ich ihn bereits gelesen hätte. Herr Jürgen L. wäre doch ein ganz witziger, unkonventioneller, oder?

Ich antwortete, dass Herrn L. ein Verräter sei.

Die Tante schwieg daraufhin einen Moment, dann flüsterte sie mit betont gütiger Stimme, ich solle mich ausruhen, ich hätte es sicher momentan nicht leicht.

Zwischen deine Pobacken …

Bring mir eine Handvoll …

BEITRAG VON DER REDAKTION GELÖSCHT. VERZICHTEN SIE AUF BEITRÄGE, DIE DIE MENSCHENWÜRDE MISSACHTEN.

wie 1 sau vor die perlen

Unnötige Unermüdlichkeit im verstrudelnden Geröchel. Auffelln, alkalisch. Diaboloid dir in dich selbst getaumelte Komischkeit gebote. Dann wähntest du sie stumm vor deinem Gebahren. Prosaische Blasen, Schwäche gegelt in drastischen Schwällen getippt und verloren. Du hattest Dir keine Ohren geträumt, nur Münder woraus das Wortgewringe unaufhörlich bricht immerdar. West schnaubend über schlüpfrigen Gelenkverrenkungstänzen, ohne Frage löchrig und geilgelb. Dudu, ach dein Seitenblick. Gestern warst du noch. Lurchischer Damm und Durchbrecher im niedrigen oder des du nicht zur neben blicktest niemals du trunkener Traumtripper n.

wie schimmert.

Unerträglich deine Übermüdung. Unzurechnungswürdig. Vergieb dir. Oder sollt ich sagen: vergieb dich. Komm auf meinen Mund geflogen. Mir verspricht’s sich immer mehr. Wie sich immer mehr in den Rahmen zwängen, um sich aus zu sprechen. Sätze wie Albbäume. Äste verwittert. Gleichgerede. Wo noch schwimmt mein Blut ein. Nimmt es mich und überschwemmt es meinen Mund.

Wie 1 perle vor die sau!

* Dein verlebtes Verzweifeln sobald du nicht mehr sprichst. Hätte ich so gern vermutet. Dein gescanntes Kompromissleben. Aus mir sprach immer schon das Abpunkten. Kein Kopfkissen wird mir mein Halsumdrehn nehmen beim ins Licht dringen müssen. Glaubst wenigstens du mir mein Vertrunkensein. Tupfe auch deine Worte ab. Obwohl sie schimmeln wolln. Das wär ja so was wie unsre Liebe. Auf Eiszeitn. Bärenhäute hab ich um deine Zunge gelegt. In deine anale Wollust mich verliebt. Nun kotz ich dir ins Gesicht: Vertraun. Nun ja kann ich von mir lassen. Verrecken. Verrenken. Versinken. Ausklinken. Wofür wusste ich noch nie. Allein vermisste Freisilbigkeit. Will nicht zu euch gehören!

Bruder Ernst, Bruder Alfons

Gestern war die Beerdigung von Dr. Ernestus Nettesheim. In einer stattlichen Kirche am großen Fluss wurde die Messe gelesen. Viele Menschen waren gekommen. Seine ehemaligen Kollegen hatten einen Bus gemietet, um ihrem vor einem guten Jahr an Krebs erkrankten Freund und Kollegen die letzte Ehre zu erweisen.

Vor dem Altarraum ein Bild des Verstorbenen, lächelnd, in weißem Hemd, an einen Baum gelehnt. Daneben die Urne aus blauem Porzellan auf einem Sockel, von dem dunkelroter Pannesamt floss. Blumenschmuck in Weiß, Grün, dezentem Rosa und Blau. Der Pfarrer sprach durch ein Mikrophon. Der beste Freund hielt eine Ansprache.

War dieser „geliebte Ehemann“ und „herzensgute Sohn“ vielleicht Jesus? Nie dachte er an sich, immer erst an die anderen. Er liebte die Natur, sah die Details. War verbunden mit dem, was man hinter dem hohen weiten Himmel, der sich über grüne Wiesen und blühende Felder spannt, vermuten mag. “Gott“, so den Pfarrer, „hat den Namen „Ernestus“ in seine Handfläche geschrieben. Er hat ihn zu sich geholt. Er will, dass er nun bei ihm bleibt, er gehört ihm.“

Er hatte ein freundliches Wesen, war lebensfroh – ja, so habe ich ihn auch kennen gelernt, als Freundin der Witwe. Doch meine Freundin hatte immer wieder über seinen Geiz geklagt, von seiner Sorge um das Geld trotz seines beträchtlichen Vermögens.

Dr. Ernestus Nettesheim, promovierter Physiker, Spitzensteuersatz. Lange Zeit Junggeselle, Single, Lebemann. Diagnose Bauchspeicheldrüsen-Krebs. Heirat knapp ein Jahr vor seinem Tod.

Der Pfarrer spricht die Sonnengesänge des heiligen Franziskus von Assisi. Dort, bei Assisi, an einem Olivenbaum, der auch auf der Traueranzeige zu sehen ist, in grüner Wiese und blühendem Feld, ist auch das Bild aufgenommen, das zum Abschiednehmen für die Trauergemeinde vor dem Altarraum steht.

„Bruder Ernst“, sagt der Pfarrer. Er segnet die Urne mit Weihwasser.

Wir singen und beten, knien nieder, erheben uns, senken das Haupt. Einige empfangen die heilige Kommunion.

Vorne in der ersten Reihe sitzen die Witwe und die Eltern des Verstorbenen. Ein Mann von Wohlstand und Bildung in seinen besten Jahren. Nun hat die Krankheit ihn zugrunde gerichtet, der Krebs; der Tod hat ihn geholt.

Zwei Männer in dunklen Anzügen heben die Urne in einem Gestell mit Blumenschmuck von ihrem Sockel und tragen ihn aus der Kirche. Die Gemeinde folgt.

Zuerst die Witwe, alleine.

Dann die Mutter, auf den Vater gestützt.

Ich habe Respekt vor dem Tod und Mitleid vor allem mit der Mutter.

Richtig ist, dass der Sohn die Mutter zu Grabe trägt.

Falsch ist, dass die Mutter den Sohn zu Grabe trägt.

Das kann Gott doch nicht so wollen!

Ihr Haar ist weiß, ihre Füße wollen nicht gehen, doch den Rollstuhl, der vor der Kirche auf sie wartet, lehnt sie ab. Ihre Augen sind weit aufgerissen, ihre Gesichtszüge starr.

Wir schreiten durch den Park am Friedhof vorbei zum Mausoleum.

Ein steinerner Palast hoch über dem großen Fluss. Bruder Ernst wollte nahe an diesem Fluss seine Ruhestätte finden.

Hohe Stufen führen ins Mausoleum. Der Boden ist mit Mosaik geschmückt. Ich schaue nach oben. Zähle zwölf runde Fensteröffnungen unter der Kuppel. Unter dem Mosaik die Gruft, von einer Steinplatte verschlossen. Eine schwere Tür steht halb offen. Dahinter die Treppen; sie führen hinunter in die Gruft. Rechts und links wird die Tür von zwei Statuen bewacht. Barbusige Frauen mit ebenmäßigen Gesichtszügen und Blumenkränzen.

Die Trauergemeinde steht im Halbrund um die Urne. Dann hebt einer der Männer in dunklem Anzug die Urne von ihrem Blumenschmuck und geht mit ihr durch die Tür, die Treppen hinunter.

Die Mutter sinkt zusammen, schluchzt.

Nun ist er weg, für immer. Jeder ist mit sich alleine.

Langsam verlassen wir das Mausoleum und treten ins Freie.

Es starb ein Reicher, der Franz von Assisi liebte und die Natur.

 

Ich habe dem Tod und dem Toten meine Ehre erwiesen. Kam für eine Freundin, die einen schon Todkranken heiratete. Er verstarb zu früh.

Ich verzichte auf den Leichenschmaus im feinen Restaurant. Schwinge mich aufs Fahrrad und fahre am großen Fluss entlang, stromabwärts nach Hause.

 

Vor meinen Augen stürzt ein alter Mann. Auf dem Rasenstreifen am Fluss, neben dem Fahrradweg, fällt er vom Fahrrad, beinahe mit dem Kopf an die angrenzende Mauer, das Fahrrad fällt auf seine Beine.

Ich bin direkt in diesen Moment hinein gefahren, als Alfons Hauser wieder einmal ohnmächtig wird und vom Fahrrad fällt.

Ich drehe um; es geht ja so schnell, dass man vorbei gefahren ist – noch ein paar Pedaltritte weiter, und man glaubt schon nicht mehr, was man gesehen hat – und fahre zu dem alten Mann, der mit hellblauen aufgerissenen Augen am Boden liegt. Er liegt auf dem Rücken, die Hände zur Brust gedreht und nach innen gekrampft.

Wer ist er? Ein Penner, der schon am helllichten Tage besoffen ist?

Der alte Mann hat ein paar Streifen und Flecken am Kiefer – von Stürzen? Er hat fast keine Haare mehr. Seine Kleidung ist gepflegt, er riecht nicht auffällig. Auf dem Gepäckträger seines Fahrrads ist eine blaue Sporttasche ordentlich verspannt, obenauf klemmt eine Plastikflasche Coca Cola.

Ich hebe das Fahrrad von seinen Beinen, rufe: „Hallo“, knie nieder und fühle seinen Puls.

Der Mann starrt mich aus hellblauen Augen an. Er ist nicht bewusstlos.

Zwei junge Frauen eilen herbei und fragen nach seinem Namen.

„Hauser“ heiße er, „Alfons“. Er wolle nicht, dass man einen Krankenwagen hole.

Die jungen Frauen meinen aber doch. Sie sind schneller als ich, das Handy am Ohr rufen sie schon den Rettungsdienst. Man kenne dort beim Rettungsnotruf den Namen „Alfons Hauser“ schon, berichten sie mir.

„Wollen Sie etwas trinken?“, frage ich Herrn Hauser. „Nein“, sagt er, davon müsse er sich nur übergeben. Und Durchfall habe er auch, eigentlich immer.

Ich nehme die Sporttasche vom Gepäckträger und schiebe sie unter seine Knie. „Ist das gut?“, frage ich, Alfons Hauser nickt. Die jungen Frauen erwähnen die stabile Seitenlage. „Ist das nicht besser?“

Wir ziehen den alten Mann von der Mauer weg, so dass sein Kopf nicht mehr abgeknickt liegt. Eine der Frauen zieht ihre Jacke aus und faltet sie zusammen; wir schieben sie unter seinen Nacken. Alfons Hauser scheint wieder zu nicken.

Ich halte die Hand von Alfons Hauser und streichle ihn an der Schulter. Ob er gerade stirbt?

Er erzählt: 73 Jahre sei er alt und obdachlos. Seit sieben Jahren werde er ohnmächtig. Jeden Tag falle er mehrmals um. Man habe ihn schon mit dem Hubschrauber aus dem Fluss gezogen. Er wolle so nicht mehr leben. Auch die letzte Nacht habe er im Krankenhaus verbracht; am Morgen habe man ihn wieder aufs Fahrrad gesetzt.

Und nun fährt er am Fluss entlang, so lange, bis er wieder umfällt.

Seine Hände krampfen sich immer wieder zusammen, er zittert, heftig, sagt, sein Herz tue weh, steche, tue sehr weh, er wolle so nicht mehr leben.

Ich sage „ganz ruhig“ und „alles wird gut“.

Nichts wird mehr gut für Alfons Hauser.

Der Rettungswagen kommt, vier Sanitäter, drei junge Männer, eine junge Frau; sie sind schon bei uns, mit Schreibblock und rotem Formular der eine, mit grünen Gummihandschuhen die andere. „Hallo Herr Hauser“, rufen sie, „da sind Sie ja wieder!“

Herr Hauser richtet sich auf.

Eingesammelt wird er nun wieder und dann wieder hinausgeworfen.

Man finde nichts bei ihm, erzählte er. Keine Ursache, keine Krankheit.

Wer soll das denn auch bezahlen, einen Obdachlosen für längere, aufwendigere, teurere Untersuchungen im Krankenhaus zu behalten?

Herr Hauser wird versorgt. In anderen Ländern würde man ihn liegen lassen, da gibt es gar keine medizinische Versorgung für so jemanden wie Alfons Hauser. Er würde verrecken, am Straßenrand. Hier kommt ein Krankenwagen mit gleich vier Rettungssanitätern zu einem Obdachlosen.

„Sollen wir Sie jetzt mal mitnehmen?“, fragt einer der jungen Männer.

„Und mein Fahrrad?“, fragt Herr Hauser.

„Das können wir hier abschließen, und Sie holen es später ab“, sagt ein anderer.

„Ich bringe es ihm!“, sage ich darauf.

Alfons Hauser sagt, viele Leute hätten ihm schon sein Fahrrad gebracht, sogar die Polizei.

Die Sanitäter bedanken sich bei mir und sagen „Sie können jetzt gehen“.

„Und das Fahrrad?“, frage ich. „Das kriegen wir schon hin, das nehmen wir schon irgendwie mit“, antwortet der Sanitäter und nickt mir freundlich und mit Nachdruck zu: „Sie können jetzt gehen!“. Einer fragt noch eben, ob ich denn gesehen habe, wie Herr Hauser hinfiel.

Ich erzähle, was ich gesehen habe, die Sanitäter nicken. Was tut es denn schon zur Sache?

Sie wissen genug, um ihn aufzusammeln. Er bleibt ja nicht lange.

Zum Bleiben gibt es für Schwestern und Brüder wie Alfons Hauser keinen Platz in unserer Wohlstandswelt – auch nicht, wenn man einmal nachrechnen würde und herausfinden, dass so ein Platz billiger wäre als die täglichen Rettungseinsätze. Doch was wäre das dann für ein Platz, im Altenheim, in der Obdachlosen-Unterkunft, in einer Wohnung, ob reich oder arm, ganz alleine?

Ich nehme mein Fahrrad und entferne mich von der Unfallstelle. Drehe mich noch einmal um. Herr Hauser zwischen den Rettungssanitätern, die sich um ihn kümmern. „Ich will so nicht mehr leben“, höre ich ihn sagen.

 

Ich will bei Alfons Hauser bleiben, seine Hand halten und nicht den Krankenwagen holen. Soll er sterben, dort am Fluss! Endlich einen Platz finden zum Sterben und jemanden, der seine Hand hält, wenn er stirbt.

Dann hebe ich ihm ein Grab aus in der Wiese, dort, wo er zum letzten Mal hinfiel.

Ein Geistlicher kommt auf diese Wiese am Fluss, es duftet nach Gras und Blumen.

Der Geistliche hält die heilige Kommunion für Bruder Alfons.

Einige Brüder und Schwestern sind auch gekommen. Die meisten kennen den Verstorbenen von seinen Stürzen; sie haben ihn aufgehoben, den Krankenwagen geholt und ihm sein Fahrrad ins Krankenhaus gebracht.

Wir werfen Erde in das kleine Grab, jeder eine Schaufelspitze voll.

„Erde zu Erde, Asche zu Asche und Staub zu Staub“, spricht der Geistliche.

Dann verschließt er das Grab. Wir stellen ein selbst gezimmertes, einfaches Kreuz darauf.

Hier ruht Bruder Alfons. Der Fluss war sein Zuhause.

Zuletzt segnet der Geistliche das Grab mit Wasser von diesem Fluss, und wir singen die Sonnengesänge von Franz von Assisi:

Gelobt seist Du, mein Herr durch Schwester Wasser“.

Dann gehen wir nach Hause.

 

Schon wenige Jahre später sieht man am großen Fluss ein neues Mausoleum entstehen; viel größer als jenes, das schon ein Stück weiter flussaufwärts steht.

Das neue Mausoleum wird auf einem naturbelassenen Stück Wiese stehen. Nur der Weg dorthin wird gepflastert sein. Das Mausoleum wird mit italienischem Marmor ausgekleidet sein und goldverziert.

Er war uns allen ein Vorbild, wird eingemeißelt unter der Büste des Bruder Alfons stehen, der zu uns herablächelt. Voller Milde und Demut, umringt von Statuen barbusiger Frauen mit ebenmäßigen Gesichtszügen und Blumengirlanden.

lauthals über kopf

frei –

das wort hat eine wurzel

– prai – indogermanisch –

die lauthals über kopf

nie zu vergessen sei :

schützen und schonen

gern haben

lieben

sildenafilsurrogat

(samtene sinndeutung)

silbenaffine schlagwortschlaffen
sabbern süchtig schlorrigen schriftschlunz
auf schimmernde scheiben.
tastaturdiarrhö? computercholera?
schreibschubladehemmungserlösung?

seltene subsensation: schreibschlamm
als sildenafilsurrogat.

wunschbrille

durch meine stadt laufe ich mit einer spezialbrille rum, auf jedem glas steht ein wort: stirb — idiot. ein herrliches gefühl, so durch die massen zu laufen.

wo ist frau kleist, diese kleine selbst an sich…

BEITRAG WURDE VON DER REDAKTION GELÖSCHT: BITTE UNTERLASSEN SIE PERSÖNLICHKEITSVERLETZENDE BEITRÄGE ÜBER REAL LEBENDE PERSONEN.

Liebesbesuch

Die Liebe lehnt an einem Baum

Die Liebe ist ein Baum

Unversehens glänzt die Schuppe

dieses gewöhnlichen Wunderbaumes

an mich heran,

bar jeder Gegenwart

Transformierte Stimmen,

in den Strom der Sprache gewoben,

streichen, kriechen, schmeicheln

sich in meine Ohren

Offen alle Poren,

die Ein- und Ausgänge wie

Blüten im Gebirge

Du erreichst mich,

hier an den Baumstamm gelehnt,

unter jeder Zahl

bis in die nicht beweisbare Unendlichkeit

Komm mich doch einmal besuchen!

Verwirrte Venus oder Himmels-Wissenschaft als Selbstversuch

Erwache in Morgenstarre, feuchter Musenkuss, wo auf meinem schweren Schlafleib, wo? Erweckt und auf eine ziemlich kreisrunde Umlaufbahn geschossen (wer wagt es, an meiner Bahn herumzubiegen?).

Neigungswinkel gering, Exzentrik gering (was heißt das?). Oberfläche flach, dunkel (maximal 5000 Lux), rotglühend, heiß. Leichte Brise, keine Jahreszeiten. Terrestrisch, Kruste vorhanden. Vulkane mit Windfahnen. Crèmefarbene Wolkenschicht über Atmosphäre. Gasozean.

Erde, hallo Erde, bitte kommen…!

Befund: Auf einmal bin ich retrograd, andersherum. So reist die Sonne an meinem Himmel von West nach Ost statt von Ost nach West; außerdem bin ich nun trabantenlos. Fahler, kraterüberzogener Mond, bin ich Dich los! (Sagt man so etwas zu einem so treuen, langjährigen Begleiter?) (Die Wahrheit ist, unsere Liaison war Schicksal, weiter nichts, wir konnten nichts für uns und unsere ewige Umkreisung). (Aber was, Muse, ist Schicksal? Und was ist schon ewig? Ist die Zeit nicht relativ?)(Ist die Ewigkeit endlich oder endlos? Gibt es die Unendlichkeit? Ist sie denkbar, vorstellbar oder berechenbar?) (Was, Muse, ist wahr von alledem?)

Sage mir, Erde, Muse meiner Nacht und meines Morgens: Sprich an meinem Himmel mit Kohlendioxid-Atmosphäre, Vulkanwindschwefelsäurewolkendecke und Superrotation, erzeugt mittels Energie durch Sonnenstrahlenabsorption in meiner Wolkenoberschicht – sechzig Mal schneller dreht sie sich um mich, als ich mich um mich selbst drehen kann! Ich bin, terrestrische Musenschwester mit Weltozeanadern, der Sonne näher – bin also heliozentrischer als Du. Du aber drehst Dich schneller um Dich selbst. 117 Erdtage sind ein Venustag, höre ich es, Muse, flüstern im All. Doch sind wir nicht alle egozentrisch? Und was macht das schon aus?

Heiß bin ich, Schwester, vierhundert Grade heißer als Du. Von meiner ziemlich hermetischen Schwefelwolkendecke werden die meisten Sonnenstrahlen zurückgeworfen; strahlend hell leuchte ich an Deinem Morgen- und Abendhimmel. Deine Seeleute, Hirten und Königinnen nennen mich Aphrodite; die Göttin der Liebe soll ich sein. Oder Lucifer, gefallener Engel. Besser fallen als auf Deinen Scheiterhaufen brennen, denke ich, mit Grausen auf die Geschichte Deiner von Machthunger und Selbstherrlichkeit geprägten Lebewesen schielend.

Mein Wander-Rhythmus, meine Regel, unser Akt, steht als Zeichen in den Himmel geschrieben: Alle acht Jahre entsteht ein Pentagramm durch meine „untere Konjunktion“ genannte Stellung genau zwischen Dir, Erde, und unserer großen und allergrößten Schwester, Zentralfeuer Sonne. Befinden sich unsere Bahnen, und die meine ist gegen die Deine geneigt, einmal auf gleicher Ebene, ein Knotenpunkt auf der Ekliptik, kommt es zum Durchgang, auch Transit oder Passage genannt. Dies geschieht im Wechsel genau alle acht und dann ungefähr alle hundert Jahre. Dein Volk kann mich dann sechs Stunden lang als schwarzen Punkt, als Zentralfeuer-Pupille, durch das glühende Sonnenauge wandern sehen. Und wenn sich keine Wolken zwischen Dich und mich schieben, dann können Deine Astronomen aus den Zeichnungen den Abstand zwischen Dir und der Sonne errechnen, Astronomische Einheit genannt, kurz AE. Und wenn wir zwei, Schwester Erde und ich, Venus, uns alle paar hundert Jahre einmal näher kommen, sind wir nur noch 0,26413854 AE voneinander entfernt. Komm mir bitte nicht noch näher!

Flüstere mir, Muse, Erinnerung! Da kommen sie, schwankende Gestalten, hell und dunkel, meine Erinnerungen. Schleichen heran, kriechen aus meinen Canyons und entsteigen meinen Lavagräben.

Die jüngsten von ihnen wissen zu berichten, dass Du mir einen Orbiter gesandt hast, eine Art gynäkologisches Instrument mit Eintauchsonde. Bakteriengroße Partikel hat er meiner Atmosphäre entnommen (das war eine Zwangsuntersuchung; ich wurde nicht gefragt). Anwesende und abwesende Gase habe die Sonde gemessen, und so kam es zu der Vermutung: Möglicherweise gibt es LEBEN auf  der Venus! Sage mir, Muse: Was meint Ihr? Was ist das Leben für ein Leben?

Erzähl mir, Muse, erklär mir Erde! Sprich von der Poesie, der Magie, der Philosophie, den Naturwissenschaften. Von Weisheit und Wahrheit. Wer hat Vorrang, wer hat Recht, sagst Du? Zähle Deine Schwestern, Muse, und fange von vorne an. Spinne ein Garn mit den Nonen und wickle die Deinen darin ein wie in einen Cocon: Hirten, Seeleute und Königinnen. Mich aber lasse infrarot und schwefelsauer auf meiner kreisrunden Bahn und störe gefälligst meine Kreise nicht! Vor allem die Gynäkologen lass bei Dir Zuhause, astronomisch weit von mir entfernt.

Sie haben mein Geschlecht bestimmt, „weiblich“ sagen sie, ohne Chromosomen-Befund, und meinen Körper haben sie in Landschaften eingeteilt und diese benannt. Aphrodite hat die Form eines Skorpions und schlingt sich um etwa ein Drittel meines Hüftumfangs (der dem Deinen gleicht). Auf Ishtar stehen hohe Berge, männlich, aufrecht und faltig wie Deine höchsten Berge. Meine Vulkane sehen aus wie weibliche Brüste. Sie heißen pancakedome oder ticks, also Zecken. Wie feige! Sagt’s doch gleich: Sie sehen aus wie tits. In meinen Tiefen gibt es mosaikförmige Würfelländer, die Tesserae heißen. Eine Besonderheit wie die Kronen, Coronae, die durch einige der 963 ziemlich gleichmäßig über meinen Leib verteilten Einschlaglöcher entstanden.

Einer dieser Einschläge hat mir offensichtlich ein ganz schönes Trauma verpasst. Manche Deiner Venus-Psychologen behaupten, seitdem sei ich retrograd, drehe mich also andersherum, wie sonst unter den Planeten nur noch Uranus und der Zwerg Pluto, der sich ja nicht einmal mehr Planet nennen darf. (Ist er nun exkommuniziert oder staatenlos?)

Aber ehrlich gesagt, was macht es schon aus, ob die Sonne von Ost nach West oder andersherum reist?

Weitere posttraumatische Symptome könnten der GNW, der geringe Neigungswinkel zur Erde sein, der für das Fehlen von Jahreszeiten verantwortlich ist, oder, oder… die hermetische Wolkendecke, mit der ich mich abschotte gegen den Einfall von Sonne und Licht – das aber ist verständlich und auch nicht bedenklich: Es wäre ja sonst noch viel heißer auf mir als es schon ist. Ich bin eben etwas nah an der Sonne gebaut.

Oder aber mein Druck von 92 bar. Wenn Du mich streicheln willst, oder wenn einer Deiner Orbiter oder Wissenschaftler, Astronauten, Seeleute, Hirten oder Königinnen mich berühren will, dann ist es, als wären sie über neunhundert Meter unter dem Meeresspiegel. Da stimmt doch was nicht mit mir! Ich leide eindeutig unter einer Dauerdepression.

Und dann ist da die Sache mit Merkur. Die Venus-Psychologen nennen es posttraumatisches Retrogradationssymptom, ich nenne es terrestrische Gerüchteküche. Merkur, so heißt es, sei einmal ein Teil von mir gewesen, wie der Mond ein Teil der Erde gewesen sein soll. Durch Einschlag sei er abgesplittert und in meiner Umlaufbahn als Trabant gelandet. Soweit ist es ja auch die Geschichte von Erde und Mond. Durch einen weiteren, besonders gewalttätigen Einschlag sei Merkur dann aber aus meiner Bahn geflogen, oder, das ist die andere Theorie, habe sich möglicherweise wieder mit mir vereinigt. Könnte also Erde und Mond auch noch bevorstehen. Die Spuren der Vereinigung, falls es so war, sind durch Lavaströme verwischt. Geht auch niemanden etwas an, sage ich. Schließlich will ich als Liebesgöttin auch meine Geheimnisse haben.

Lass uns also feststellen, Muse Erde: Du kannst mich nicht betreten, ich bin Dir zu heiß. Du kannst mich nicht aushalten, ich habe einen zu hohen Druck. Du magst mich nicht riechen, kriegst keine Luft, das Kohlendioxid erstickt Dich, und Schwefelsäureregen ist nichts für Deine empfindliche Haut. Du kannst mich nicht einmal sehen, mein dunkles, schönes Infrarot. Warum willst Du mich kartografieren und vermessen? Wozu erforschen?

Höre, Muse Erde: Nimm Deine Orbiter, Wissenschaftler, Seeleute, Hirten und Königinnen und verschwinde! Schicke sie alle auf eine Odyssee und lasse sie in Ziegen, Schweine und Schafe verwandeln. Diesmal aber richtig! Lass die Sirenen singen und nicht versagen; schicke einen intelligenteren Zyklopen! Lass das Pack dieses Mal nicht entkommen!

Sage Ihnen, Muse, ich bin nicht codierbar, ungefragt vermessbar und benennbar. Meine Geheimnisse heißen nicht Freya, Lucifer oder Aphrodite. Ich trage auch keinen Handspiegel.

Und ansonsten Muse, macht, was Ihr wollt! Verbrennt Euch auf Scheiterhaufen, schändet Euren Planeten und besingt ferne Körper im All. Fahrt zur See, durchquert Wüsten und den Himmel und klettert über all Eure Berge! Ich aber bin gerne allein auf meiner Bahn, infrarot, trabantenlos und retrograd. Ich bitte Dich, Muse, geht!

 

Wieder Erwachen. Zahlen mit vielen Stellen nach dem Komma auf meine Stirn gefroren.

Kalt ist es hier, grell, und die Sonne geht schon wieder irgendwie anders auf. Fortgeschrittene Fremdheit, eine Heimsuchung, ein Befall. Mein Morgenleib von Monadenschwärmen überzogen, Schweißelixier. Tröpfchen. Tröpfchen. Tröpfchen. In seltsamen Bahnen kreisen meine Gedanken. Unberechenbar. Substanziell, essentiell, mit wachsender Exzentrität. Wesentlich, belanglos und fern. Näher als alles.

Sage mir, Venus…