Verwirrte Venus oder Himmels-Wissenschaft als Selbstversuch

Erwache in Morgenstarre, feuchter Musenkuss, wo auf meinem schweren Schlafleib, wo? Erweckt und auf eine ziemlich kreisrunde Umlaufbahn geschossen (wer wagt es, an meiner Bahn herumzubiegen?).

Neigungswinkel gering, Exzentrik gering (was heißt das?). Oberfläche flach, dunkel (maximal 5000 Lux), rotglühend, heiß. Leichte Brise, keine Jahreszeiten. Terrestrisch, Kruste vorhanden. Vulkane mit Windfahnen. Crèmefarbene Wolkenschicht über Atmosphäre. Gasozean.

Erde, hallo Erde, bitte kommen…!

Befund: Auf einmal bin ich retrograd, andersherum. So reist die Sonne an meinem Himmel von West nach Ost statt von Ost nach West; außerdem bin ich nun trabantenlos. Fahler, kraterüberzogener Mond, bin ich Dich los! (Sagt man so etwas zu einem so treuen, langjährigen Begleiter?) (Die Wahrheit ist, unsere Liaison war Schicksal, weiter nichts, wir konnten nichts für uns und unsere ewige Umkreisung). (Aber was, Muse, ist Schicksal? Und was ist schon ewig? Ist die Zeit nicht relativ?)(Ist die Ewigkeit endlich oder endlos? Gibt es die Unendlichkeit? Ist sie denkbar, vorstellbar oder berechenbar?) (Was, Muse, ist wahr von alledem?)

Sage mir, Erde, Muse meiner Nacht und meines Morgens: Sprich an meinem Himmel mit Kohlendioxid-Atmosphäre, Vulkanwindschwefelsäurewolkendecke und Superrotation, erzeugt mittels Energie durch Sonnenstrahlenabsorption in meiner Wolkenoberschicht – sechzig Mal schneller dreht sie sich um mich, als ich mich um mich selbst drehen kann! Ich bin, terrestrische Musenschwester mit Weltozeanadern, der Sonne näher – bin also heliozentrischer als Du. Du aber drehst Dich schneller um Dich selbst. 117 Erdtage sind ein Venustag, höre ich es, Muse, flüstern im All. Doch sind wir nicht alle egozentrisch? Und was macht das schon aus?

Heiß bin ich, Schwester, vierhundert Grade heißer als Du. Von meiner ziemlich hermetischen Schwefelwolkendecke werden die meisten Sonnenstrahlen zurückgeworfen; strahlend hell leuchte ich an Deinem Morgen- und Abendhimmel. Deine Seeleute, Hirten und Königinnen nennen mich Aphrodite; die Göttin der Liebe soll ich sein. Oder Lucifer, gefallener Engel. Besser fallen als auf Deinen Scheiterhaufen brennen, denke ich, mit Grausen auf die Geschichte Deiner von Machthunger und Selbstherrlichkeit geprägten Lebewesen schielend.

Mein Wander-Rhythmus, meine Regel, unser Akt, steht als Zeichen in den Himmel geschrieben: Alle acht Jahre entsteht ein Pentagramm durch meine „untere Konjunktion“ genannte Stellung genau zwischen Dir, Erde, und unserer großen und allergrößten Schwester, Zentralfeuer Sonne. Befinden sich unsere Bahnen, und die meine ist gegen die Deine geneigt, einmal auf gleicher Ebene, ein Knotenpunkt auf der Ekliptik, kommt es zum Durchgang, auch Transit oder Passage genannt. Dies geschieht im Wechsel genau alle acht und dann ungefähr alle hundert Jahre. Dein Volk kann mich dann sechs Stunden lang als schwarzen Punkt, als Zentralfeuer-Pupille, durch das glühende Sonnenauge wandern sehen. Und wenn sich keine Wolken zwischen Dich und mich schieben, dann können Deine Astronomen aus den Zeichnungen den Abstand zwischen Dir und der Sonne errechnen, Astronomische Einheit genannt, kurz AE. Und wenn wir zwei, Schwester Erde und ich, Venus, uns alle paar hundert Jahre einmal näher kommen, sind wir nur noch 0,26413854 AE voneinander entfernt. Komm mir bitte nicht noch näher!

Flüstere mir, Muse, Erinnerung! Da kommen sie, schwankende Gestalten, hell und dunkel, meine Erinnerungen. Schleichen heran, kriechen aus meinen Canyons und entsteigen meinen Lavagräben.

Die jüngsten von ihnen wissen zu berichten, dass Du mir einen Orbiter gesandt hast, eine Art gynäkologisches Instrument mit Eintauchsonde. Bakteriengroße Partikel hat er meiner Atmosphäre entnommen (das war eine Zwangsuntersuchung; ich wurde nicht gefragt). Anwesende und abwesende Gase habe die Sonde gemessen, und so kam es zu der Vermutung: Möglicherweise gibt es LEBEN auf  der Venus! Sage mir, Muse: Was meint Ihr? Was ist das Leben für ein Leben?

Erzähl mir, Muse, erklär mir Erde! Sprich von der Poesie, der Magie, der Philosophie, den Naturwissenschaften. Von Weisheit und Wahrheit. Wer hat Vorrang, wer hat Recht, sagst Du? Zähle Deine Schwestern, Muse, und fange von vorne an. Spinne ein Garn mit den Nonen und wickle die Deinen darin ein wie in einen Cocon: Hirten, Seeleute und Königinnen. Mich aber lasse infrarot und schwefelsauer auf meiner kreisrunden Bahn und störe gefälligst meine Kreise nicht! Vor allem die Gynäkologen lass bei Dir Zuhause, astronomisch weit von mir entfernt.

Sie haben mein Geschlecht bestimmt, „weiblich“ sagen sie, ohne Chromosomen-Befund, und meinen Körper haben sie in Landschaften eingeteilt und diese benannt. Aphrodite hat die Form eines Skorpions und schlingt sich um etwa ein Drittel meines Hüftumfangs (der dem Deinen gleicht). Auf Ishtar stehen hohe Berge, männlich, aufrecht und faltig wie Deine höchsten Berge. Meine Vulkane sehen aus wie weibliche Brüste. Sie heißen pancakedome oder ticks, also Zecken. Wie feige! Sagt’s doch gleich: Sie sehen aus wie tits. In meinen Tiefen gibt es mosaikförmige Würfelländer, die Tesserae heißen. Eine Besonderheit wie die Kronen, Coronae, die durch einige der 963 ziemlich gleichmäßig über meinen Leib verteilten Einschlaglöcher entstanden.

Einer dieser Einschläge hat mir offensichtlich ein ganz schönes Trauma verpasst. Manche Deiner Venus-Psychologen behaupten, seitdem sei ich retrograd, drehe mich also andersherum, wie sonst unter den Planeten nur noch Uranus und der Zwerg Pluto, der sich ja nicht einmal mehr Planet nennen darf. (Ist er nun exkommuniziert oder staatenlos?)

Aber ehrlich gesagt, was macht es schon aus, ob die Sonne von Ost nach West oder andersherum reist?

Weitere posttraumatische Symptome könnten der GNW, der geringe Neigungswinkel zur Erde sein, der für das Fehlen von Jahreszeiten verantwortlich ist, oder, oder… die hermetische Wolkendecke, mit der ich mich abschotte gegen den Einfall von Sonne und Licht – das aber ist verständlich und auch nicht bedenklich: Es wäre ja sonst noch viel heißer auf mir als es schon ist. Ich bin eben etwas nah an der Sonne gebaut.

Oder aber mein Druck von 92 bar. Wenn Du mich streicheln willst, oder wenn einer Deiner Orbiter oder Wissenschaftler, Astronauten, Seeleute, Hirten oder Königinnen mich berühren will, dann ist es, als wären sie über neunhundert Meter unter dem Meeresspiegel. Da stimmt doch was nicht mit mir! Ich leide eindeutig unter einer Dauerdepression.

Und dann ist da die Sache mit Merkur. Die Venus-Psychologen nennen es posttraumatisches Retrogradationssymptom, ich nenne es terrestrische Gerüchteküche. Merkur, so heißt es, sei einmal ein Teil von mir gewesen, wie der Mond ein Teil der Erde gewesen sein soll. Durch Einschlag sei er abgesplittert und in meiner Umlaufbahn als Trabant gelandet. Soweit ist es ja auch die Geschichte von Erde und Mond. Durch einen weiteren, besonders gewalttätigen Einschlag sei Merkur dann aber aus meiner Bahn geflogen, oder, das ist die andere Theorie, habe sich möglicherweise wieder mit mir vereinigt. Könnte also Erde und Mond auch noch bevorstehen. Die Spuren der Vereinigung, falls es so war, sind durch Lavaströme verwischt. Geht auch niemanden etwas an, sage ich. Schließlich will ich als Liebesgöttin auch meine Geheimnisse haben.

Lass uns also feststellen, Muse Erde: Du kannst mich nicht betreten, ich bin Dir zu heiß. Du kannst mich nicht aushalten, ich habe einen zu hohen Druck. Du magst mich nicht riechen, kriegst keine Luft, das Kohlendioxid erstickt Dich, und Schwefelsäureregen ist nichts für Deine empfindliche Haut. Du kannst mich nicht einmal sehen, mein dunkles, schönes Infrarot. Warum willst Du mich kartografieren und vermessen? Wozu erforschen?

Höre, Muse Erde: Nimm Deine Orbiter, Wissenschaftler, Seeleute, Hirten und Königinnen und verschwinde! Schicke sie alle auf eine Odyssee und lasse sie in Ziegen, Schweine und Schafe verwandeln. Diesmal aber richtig! Lass die Sirenen singen und nicht versagen; schicke einen intelligenteren Zyklopen! Lass das Pack dieses Mal nicht entkommen!

Sage Ihnen, Muse, ich bin nicht codierbar, ungefragt vermessbar und benennbar. Meine Geheimnisse heißen nicht Freya, Lucifer oder Aphrodite. Ich trage auch keinen Handspiegel.

Und ansonsten Muse, macht, was Ihr wollt! Verbrennt Euch auf Scheiterhaufen, schändet Euren Planeten und besingt ferne Körper im All. Fahrt zur See, durchquert Wüsten und den Himmel und klettert über all Eure Berge! Ich aber bin gerne allein auf meiner Bahn, infrarot, trabantenlos und retrograd. Ich bitte Dich, Muse, geht!

 

Wieder Erwachen. Zahlen mit vielen Stellen nach dem Komma auf meine Stirn gefroren.

Kalt ist es hier, grell, und die Sonne geht schon wieder irgendwie anders auf. Fortgeschrittene Fremdheit, eine Heimsuchung, ein Befall. Mein Morgenleib von Monadenschwärmen überzogen, Schweißelixier. Tröpfchen. Tröpfchen. Tröpfchen. In seltsamen Bahnen kreisen meine Gedanken. Unberechenbar. Substanziell, essentiell, mit wachsender Exzentrität. Wesentlich, belanglos und fern. Näher als alles.

Sage mir, Venus…

Dieser Beitrag wurde von evawal am 27. Juli 2012 um 19:10 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

4 Kommentare »

  1. das ist poetische astronomie! hier kommen das fremde und das individuelle zusammen. lassen wir es einwirken.

    Comment by crysantheme — 28. Juli 2012 @ 11:52

  2. Vor langer Zeit gab es hier mal eine wissenschaftliche Abhandlung über Coccolophyten (oder so ähnlich). Nun also wird auf poetische Weise das Gestirn erklärt. Ach hätte es doch damals so im Geo oder Astro-Buch gestanden! Was wäre dann aus mir geworden: Sternengucker, Engel 07 – ein himmlischer Spion?

    Comment by rapunzel — 31. Juli 2012 @ 09:02

  3. Venus an Engel 07…. bitte kommen!
    Bei gutem Wetter Spezialflug über Cocolithophodridengebirge angesagt.

    Comment by evawal — 31. Juli 2012 @ 10:23

  4. auch die scheinbar unbelebte natur ist, wie man es im symbolismus zu sagen pflegte. ich schäme mich hiernach nicht, diese alte metapher bediendend, in die tasten zu greifen. schreiben sie über alle planeten, heiße und kalte, die mit den 2 sonnen, die aus antimaterie, das flaschenmodell – falls es dies gibt. kosmologie ist auf dem aufstrebenden ast. rein kontemplativ.

    Comment by crysantheme — 31. Juli 2012 @ 20:53

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