Existenz II

Vertraut mit allem Gleichmut dieser Welt,

lebst du so hin, der Zorn des Uhrschlags schweigt.

Du raffst, was irgend nur vom Tische fällt.

Das Dasein hat dir gründlich was gegeigt.

Ganz unbemerkt stirbt dieses Leben dir.

Und wenn du dich dann fragst, was gestern war,

steigt vage hoch in dir die Lebensgier,

und du begreifst: Du bist nur Inventar.

Inscript

Beuge dich den Schrein des Liedes. Kronosköfpige Blumen wachsen dir aus dem Ohr. Spinnen kriechen aus dem Augenlid, eiternde Eier fliegen aus dem aufgerissenen Maul. Hauch aus Silberfäden auf braunen Damaskus. Die Gitarrenbänder sind rauh. Krieselnder Schnee- Reis, auf Orangenplantagen mit Hühnerköpfen- sie schnuppern die Körner vom gelben Boden. In den Fabriken rollen ihre Köpfe. Die Ware. Buon giorno . Das nächste. Das runde Dreieck jaguliert schmalpfötig reißend am Frühlingsstoff der Sonntagskleidchen. Ball drehend, das Spiel ist verzwickt. Pinzetten tanzen auf dem Saal. Herr La Fayette schrumpelt zu Königs Geschossen. Fahrbier für die Hirsche, sie stürmen klumpiger Hufe durch die Logenplätze der Hasen.

August.

* Er wollte sich ausführlich beschreiben, kam aber über den August nicht hinaus. Nun verfangen wir uns im Lippenablesen. Besäufnis. Derer Haut wie aussätzige Scham. Bekenntnis. Lief ich dir so ins blätternde Wunden. Ich las dir so leise dein aufgeweichtes Eigentlich aus. Unter den Zehen traust du dich auch nicht. Unumlöst. Ausgeblutet. Wir verdächtigen uns nicht mehr. Sicheln. Um auf den Mond zu kommen. Am Abend danach. Wie die vielen Kopfschüsse, von denen du heute noch klingst.

Morgenritual II

Die Nacht der aberhundert schwülen Nächte,

sie wartet auf das kühle Morgenlicht,

das flugs die Gegenwart ins Dunkel brächte,

beendete des Menschen Innensicht.

Die Dunkelheit weicht einem langen Dämmern,

der Tagesschein dringt endlich durch das Fenster,

der Mensch fühlt unfroh seine Pulse hämmern.

Wie gut, das Licht verjagt nun die Gespenster.

Er setzt sich kühl die Tageslarve auf,

probiert zu lächeln, dass man ihn erkennt,

fühlt sich gestärkt und wieder obenauf,

nun halbwegs präpariert und resistent.

Innenblick

Diffuses Licht der ahnungsschwangren Zeit.

Du wagst ins Später einen Blick zu senken,

verspürst, dir selber fremd, grell Traurigkeit,

ergehst ins Träumen dich, verlierst Bedenken.

Wohl niemals schwörtest du darauf den Eid,

dass dich Verluste hier und da nicht kränken.

Es ist der Welten Lauf, an dem du krankst.

Was bleibt dir andres noch als nackte Angst?

bleiben

(ballistische b&w bildbeschreibung)

weißt du noch als wir schnee
auf dem schirm hatten nachts zwischen
den brettern die krallen der betten
um unsere inseln aus gewebten

geschichtsunterlagen in der
geschwärzten gegenwart
die streifen um uns herum
wie schritte aus schach
schuhen entwichen

da guckten wir noch in die
gleiche richtung
statt uns
an

Wer wir sind

Ein Schulhofspaß

Nach dem zweiten schillernden Schulhofspaß von eisenhans wollen wir anderen uns auch endlich einmal vorstellen, um die Klassengemeinschaft zu befestigen. Diejenigen, die sich hier noch nicht vorgestellt haben oder jetzt nicht vorgestellt wurden, können dies in Eigenverantwortung nachholen. Schließlich sind wir eine selbst verwaltete Community.

Also:

crysantheme ist neben anderen, die sich, glaube ich, gerade nicht vorstellen wollen, die Klassenälteste und mehrfach gewählte Sprecherin. Derzeit hat sie sich mit dem Privileg, die beleidigte Leberwurst spielen zu dürfen, zurückgezogen. Der Schmollmund steht ihr gut. Niedlich macht er sie allerdings nicht, dazu ist sie zu erhaben.

rapunzel hat keine Zöpfe, aber ein Türmchen, von dem sie sich nicht gern herab lässt. Herablassend zu sein, das überlässt sie lieber dem Rest dieser Gesellschaft. Momentan ist sie damit beschäftigt, schwere und große Gegenstände herumzuschieben.

frau kleist erlaubt sich einfach alles. Jeden Tag schreibt sie Listen, die beginnen mit „Ich erlaube mir…“ Und wir finden, das ist gut so. Kleistrige Schönheit gibt es schon genug. Für frau kleist ist Schreiben ein stetiges Abenteuer, und sie schämt sich nicht, zuzugeben, dass es auch eine halbe Treppe tiefer in der Rumpelkammer enden kann.

Der Sauerstoffabsorber ist eine neutrale Instanz, die sich meldet, wenn Sauerstoff fehlt. Ein dünner Pfeifton im linken Ohr zeigt an, dass es wieder einmal soweit ist.

Ich möchte mich auch vorstellen:

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schillernd im schnee

(schönheitsmutation, stibitzt)

wie im tätigen handeln wird auch
beim dichten der leichte sinn, das
angenehme talent, die fröhliche gutmüthigkeit
gern mit der schönheit der seele verwechselt

da sich der gemeine geschmack nie über das
angenehme erhebt, ist es derart niedlichen
geistern ein leichtes, jenen ruhm zu usurpieren,
der so schwer zu verdienen ist

doch es gibt eine untrügliche probe, vermittelst
derer man die leichtigkeit des naturells von der
leichtigkeit des intelligenten, so wie die laune des
temperaments von echter tiefe des charakters
unterscheiden kann, und diese ist, wenn beide
sich an einem schwierigen und großen gegenstand
versuchen

in einem solchen fall führt das niedliche
unfehlbar ins platte, wie launiges temperament
ins deftig materielle

schönheit geht ins erhabene
das unwillkürlich unser staunen
berührt

Figurenlexikon – Teil 3

Heute: der Husten des Herrenreiters 

Der Herrenreiter, war das nicht der österreichische Aristokrat auf dem Zauberberg, der so „grauenhaft breiig“ hustete? Richtig, und beim Mittagessen äußert sich auch Hans Castorp „angelegentlich über den Husten des Herrenreiters“: „… alles ein Matsch und Schlamm, das ist als ob man in den Menschen hineinsähe, in diesen Herrenreiter, das ist schon gar kein lebendiger Husten mehr.“ Halten kann sich der Herrenreiter am Schluss nur noch mit gewaltigen Mengen Sauerstoff.

bis in den tod.

die die nicht mit eigenem atem sprechen

die die noch nicht ihr sprachempfinden

begreifen durften

die die so stolz urtheilen

die die sich kaum selbst berühren

die schieben sich heimlich den finger

in die feuchteste seite des buches

unter der bettdecke: immer noch …

Lieblose Jahre

 

Im Spinnengrau der Tage flieht die Zeit.

Dein Sinnen sinnlos wie der Sehnsucht Rest.

Du fühlst dich eingesponnen in das Leid,

und Dasein wird dir schlicht zum Härtetest.

 

Erdrückt von Schweigen, lauen Alltagslügen,

von Flucht ins Nirgends ohne Wiederkehren,

hast du gelernt, dich stumm dareinzufügen

und über nichts dich hierorts zu beschweren.

 

Die Enge quält dich, nimmt dir schier die Luft.

Die großen Tage scheinen heut vermessen,

und durch das Denken zieht sich eine Kluft.

Und könntest du dein Selbst so ganz vergessen?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pro Ss-t-tata

Alle reden von proaktivem Handeln. Pro heißt für und aktiv ist das Gegenteil von passiv. Proaktives Handeln ist daher ein Pleonasmus. Ss-t-tata! zeigt an, dass jemand Musik in den Beinen hat. Pro Ss-t-tata bedeutet also nichts anderes als Für die Musik. Für den flotten Rhythmus. Sst-tata, Tirallalla. Ich bin dafür. Pro Sstata. Josef Roth hat mal pro-testiert und gesagt, wo gesungen wird, da wird’s gefährlich. Gemeinsames Singen sei der Beginn der Bösartigkeit. Damit hebe sie an. Möglicherweise hatte Roth recht. Möglicherweise hat meine Patentante recht, auf deren Festen immer ein kräftiges Ss-tata, Tiralala erklang. Hier ist mein Vortrag zu Ende. Ich lege den Direx zur Seite und die Latein-Klatsche in die Tasche. Pro-ste mir zu. Zum Hohl.

Attitüde

Ich hab ein Bett in dieser Stadt, ein’n Mann ein Kleid ein Warmgericht, doch jede Nacht in dieser Stadt wächst mir ein Fledermausgesicht. Und wie ein Trichter steht das Ohr auf dem ich grad nicht lieg hervor. Dort fällt hinein mit Sicherheit, was draußen wispert knarrt und schreit. Ein Türenschlagen, Kesselpfeifen, da übers Plaster rollen Reifen, dort kichert zögernd eine Liebe, da springt die Katze auf das Dach, sogar der Vogel scheißt mir ins Getriebe. Und so ein Knirschen das hält wach. So kommts inzwischen manchmal vor, daß ich am nächsten Tag mein Ohr verstohlen vor den Spiegel halt.
Du streichst vorbei und mir durchs Haar ehe du gehst dann aber doch bleibst du kurz stehn und fragst mich noch: Mein Lieb wie kommt in unser Haus die blöde graue Fledermaus ?

Dein Sinn.

* Da war mir noch nicht klar, dass dich alles erstaunen machte. Dein Hurnschlittern auf feinen Absätzen. Du lachst dann immer so willig, lüstern, mit allen Wassern durchtränkt. Leichtes Abgraben deiner eigenen Sinnsucht/suche. Nun bist du so gealtert und hast beinahe dein Lachen in deiner dir am wenigsten entgegengekommenen Falte verlegt. Komm, leg dich hin. Ich weiss, dass du nicht mehr schlafen kannst.

dachte rudi

sollte ich mal fast-tot da liegen (irgendwo), dachte rudi,

holt keinen arzt: öffnet einfach nur die sicherheitsnadel in meinem ohrläppchen + stecht sie mir ins zahnfleisch

Off-Geklatscht

bertraum g. (aus dem off) stata, tiralala! und wieder hundert meta! wieda eina offjeklatscht!

theo f. (direkt in die kamera) brrt ssst! huiiii! schlottamaja!!!

gerda s. (anhebend neben dem brunnenrand) ftt ftt trr. was ä rohr! 

Die Musik geht weiter. Das Radio trilliert matt und schiege Töne. Der Hering schmort in der Pfanne. Hinter dem Vorhang säuselt eine Mücke. Ihren Stachel hat sie in H. verloren. Das Herz aus Holz pocht ans stille Geört. Auf dem heiligen Sofa puffen Dreckbart und Edelgans. Vorsichtig schiebt Luna das Scheibengardinchen von zu Seite. Auf der linken Fensterhälfte ist ein Vogel offgeklatscht. Aus Papiersperber. Dobarg Humpe dreht sich den Schnurrbart tiefer. Das Druckgebiet wirft dunkle Flecken auf den Teppich und bespringt in die Sonne. Luna zählt die Pfeffermünzen in ihre Zuckerpackung. Mit dem Ferndirex justiert Dobarg Humpe das Ssst-tata. Der geeichte Rhythmus a la Biotur schlägt ihm auf die selbige. Wer bei diesem Lied das nicht kapiert, hat im Sexualkundeunterricht nicht offjepasst. S-etzen.

zweite tür. rechts.

also „eigentlich“ ist ja an sich schon ein dämlicher Schreibanfang. und eigentlich wollte ich auch nichts zu diesem winterweihnachtsplätzchenstollenmist schreiben. es geht mir nämlich auf die ketten, dieses klebrigsüße gefühl zum jahresende. schuld daran ist mein asozialer nachbar – ein arschloch, um ihn beim namen zu nennen. keine ahnung vom bundesimmissionsschutzgesetz, der sack. heizt wie eine besengte sau. mit seinem kamin. belastet mich und die umwelt mit gesundheitsgefährdenden asche- und rußpartikeln. sagt das gesetz. und ich huste mir lunge aus dem leib. der immer klappriger wird. ich gehör wohl zu den altersziegen. sacht muttern. es gibt kühe und ziegen oder apfel- und birnentitten. die ist immer so vulgär, die alte. ich hab sie ausgeladen. advent ohne muttern, weihnachten ohne muttern. ist besser so. ihr anblick schlägt mir sowas von auf den magen. plisseegefaltetes gesicht. trübe augen. silbergraue lamettahaare. warm waren ihre finger noch nie. hat sich vererbt. da kann ich tausendmal den ostfriesenklatsch machen, meine hände werden einfach nicht warm. den teebecher heute morgen habe ich fest umklammert, die füße standen auf einer wärmflasche. und der nierenschutz läuft gegen vier bei ebay aus. raus will ich nicht, da draußen ist so ein ekliges regenschneegraupelfeinstaubgemisch. l. kommt vom adventsspaziergang nach hause. kannst drin bleiben, sacht er. alles erstarrt da draußen. winterschlaf. und dann diese gerippten daunenklamotten! bevorzugt in schwarz und braun. abgesetzt mit oliv. das schlägt aufs gemüt. ich hab eine winterdepression, sacht l. und läßt seine gelbe jacke fallen. kanarienvogelpostbotengelb. das ist so ein asoziales arschloch, mein nachbar. morgen hetz ich ihm den schornsteinfeger auf den leib. soll er mir doch endlich mal glück bringen,der schwarze mann, der.  ich geh jetzt mal tee machen.

Warmes Plätzchen

350g Dinkelvollkornmehl
½ TL(Weinstein-)Backpulver
1 Prise Salz
200g weiche Butter(z.B. gut&günstig Deutsche Markenbutter)
80g Apfelkrautsirup(oder anderen Sirup)
1 Ei (Größe M)
2 EL brauner Zucker
und vor allem: Mehl für die Arbeitsfläche

An Weihnachten

An Weihnachten, auf dem baugerüst, als ich den farbeimer umstieß, die ganze farbe floss die hauswand hinab, die frau im zweiten stock öffnete gerade die fensterläden, ich hatte nicht aufgepasst, war unachtsam gegen ihn gestoßen, er kippte sofort, die farbe rann zuerst über das brett, dann die wand, und unten die frau, der laden quietschte beim öffnen, alte läden mit flügeltüren zum öffnen wie fenster, nur nicht nach innen sondern nach außen, und die farbe, zähflüssig und dick die wand hinab, in breiten und schmalen streifen, über die graffiti, das fenstersims, den wandvorsprung im dritten stock, und später schrien leute, was macht der da, was soll das, wer ist das, seht nur die farbe … aber du hast gelacht, einfach nur gelacht, so ein buntes geschenk hattest du noch nie bekommen, es war Weihnachten, mein einziges geschenk für dich, dein einziges geschenk, dein erstes überhaupt, noch nie hatte dir einer geschenke gemacht, hast gelacht, laut gelacht, so fröhlich hatte ich dich noch nie, und dann die frau im zweiten stock … das war ein spaß, über ihre frisch geputzten fenster, ich hatte sie am tag vor Heiligabend beobachtet, wie sie … und dann sind wir weggerannt, um die nächste straßenecke und haben uns nur geküsst … alles war bunt. So konnten wir getrost die stadt verlassen, für immer, und wussten, dass wir nie zurückkehren würden. Nie mehr waren wir später noch einmal so glücklich.

Verschnupft (Eine Erkältung im Anzug)

Herr Holle, der Mann von Frau Holle, schüttelte am Dienstagmorgen, wie übrigens jeden Morgen, die Federbetten aus. Weil sie aber noch nass waren, er hatte sie nach der Wäsche zu früh von der Leine genommen, regnete es an jenem Tag anstatt, dass es schneite. Frau Holle, die an besagtem Dienstagmorgen nicht zu Hause war, sie hatte einen Termin beim Hals-, Nasen-, Ohrenarzt, bemerkte den Lapsus ihres Mannes erst, als sie gegen Mittag wieder nach Hause kam. Unterwegs, auf dem Weg vom Arzt zur Wohnung, war sie schon einem Mann mit einem Schiff und vielen Tieren darauf begegnet. Der Alte hatte sich als ein gewisser Herr Noah ausgegeben.

„Du Karl“, Herr Holle hieß mit Vornamen Karl, „wir müssen miteinander reden!“
Herr Holle, also Karl, antwortete: „Worüber?“

Durch das offene Fenster grüßte unterdessen Herr Noah ins Schlafzimmer der Holles: „Guten Tag, ganz schön viel Regen heute! Am Morgen dachte ich noch, es würde Schnee geben, und ich würde mit meinen Tieren Ski fahren anstatt Boot, aber dann dieser Regen! Übrigens, Ihr Federbett hängt noch aus dem Fenster. Holen Sie es besser rein, sonst wird es noch nass.“

Herr und Frau Holle schauten sich stumm an. Unterdessen trieb Herr Noah schon die Straße weiter abwärts.

„Was hat er gesagt, der Arzt?“ fragte Herr Holle seine Frau.
„Nichts Schlimmes!“ antwortete Frau Holle. „Nur, ein Schnupfen oder eine Erkältung im Anzug!“

Mit Wehmut (Vorweihnachtszeit)

Es geht wieder auf Weihnachten, und da sind in mir, wie jedes Jahr, die Vorfreude und die Erinnerungen besonders groß. Ich denke an Mutter. Und daran, wie sie immer sagte, dass ich ein ganz besonderes Kind wäre. Im alljährlichen Krippenspiel der Schulaufführung spielte ich am liebsten den Stern von Bethlehem. An einem Stahlseil befestigt und mit einem Bettlaken bekleidet, auf dem Sterne aus goldenem Stanniolpapier aufgeklebt waren, hing ich über der Bühne, eine brennende Kerze in der Hand. Das ganze Publikum, alle haben nur auf mich geschaut. Niemand beachtete das Jesuskind, eine Puppe, unter mir oder Maria und Josef oder den Esel neben der Krippe, den immer mein Freund Thomas spielte. Beim Abtritt und den Verbeugungen erhielt ich den lautesten und längsten Beifall. Nur Mutter schüttelte den Kopf und weinte. Ja, so war das damals in der Vorweihnachtszeit. Ein bisschen Wehmut überfällt mich deshalb jedes Jahr im Dezember.

Lejafeld

Es dampft von den Steinen. Heute, am Sonnabend, haben die Anwohner Wischwasser über das Pflaster in den Rinnstein gekippt. Ich bin um viertel sechs aufgestanden. Habe gepackt. Und die Sonne knallt. Ich kann gar nicht richtig sehen. R., gib mir mal die Sonnenbrille aus dem Auto. Aber lass die anderen Sachen drin. Ich muss erstmal schnaufen. Die plötzliche Hitze. Das Thermometer zu Hause ging ruckartig hoch. Ich hab draufgeklopft. Schon morgens die Fliegen an der Fensterscheibe. Ich ran mit dem Toilettenpapier und die Biester vernichtet. Oben im zweiten Stock wohnt sie. Da müssen wir rauf. Schwer pusten müssen wir. R., gib mir mal meine Tasche. Nein, nicht die mit den Flaschen. Ja, den Kaffee. Lass doch noch was in der Kanne drin. Sitz nicht so im Auto rum. Kannst auch schon mal was rausholen. Das ganze Papier muss da rauf. Wo sie nur bleibt. Ich klingle jetzt irgendwo. Da kommt jemand aus der Tür. Ein Lederkoffer, aber jünger als wir. Guten Tag, sind Sie Herr S.? Wir warten auf unsere Tochter. Sie hat viel von Ihnen erzählt. Ihre Musik. Dass Sie Wagner mögen. Und ihn am Abend, nach elf, aufdrehen. Ja, sie hat gute Ohren und ein gesundes Trommelfell. Sonst könnte sie diesen Job gar nicht machen. Ja, wir wollen rein. R., komm her. Vielen Dank. Mädchen, sage ich später zur ihr, dein Nachbar sieht ja aus wie Karl Lejafeld.

Unter den Linden.

Unendlich. Unnachgiebig. Unter den Linden. Ein schweifendes Auge. Um sich herum noch der tiefe Schrei. Auf anderer Wiese dann zyklopenhaftes Insichhineinschauen. Auf den Abwässern der letzten Jahre: ihr Lachen ihr nicht einschlafen können ihre Zunähe suchen. Auf den Abwässern ihres kleinen Herzens schnaubt sich späte und frühe Liebe aus. Umbrafarbnes Hirn. Sie wird sich mit ihren fremden Tönen anfreunden. Austränen.

knick und knack. punkt

den zeilen heng ich nach. und henge dran. bei regen in der dämmerung. das aufgeschlürfte wasser fällt von oben. und schafft ein herrlich leeres blatt. zum drübergehn. und drübermalen. alle iche schon im schrankbett. klappe auf und affe tot. welche wohltat. mein auge zu. ich will dich gar nicht sehn. ich will verstehn. und glaube – überflüssig – ist rein gar nichts. auch abgeknickte spiralzweige ergeben ein passables füllmaterial. in der allzugroßen gleichung.

Cy Twombly.

Cy.

 

Wie über mich drübergehn. Sabbern. Mich zwischen meine eigene Haut zu drängen. Als obs von innen fein regnet. Oder sich etwas regt. Wie ein von sich selbst Ablösen. Ich spiele nur mein Empfinden als mein einzigstes Instrument. Verstehe sonst nichts vom Leben. Längst hat mein Berühren eine eigene Sprache gefunden. Wie ich dich suche.

abgeknickt.

Würde ich mich als gefestigtes, einigermassen klares Ich selbst an keiner Stelle anders wahrnehmen als andere, so wäre ich überflüssig.

Würde ich mich nicht als überflüssiges, ständig gelangweiltes Trotzdem-Ich mehr denn je und schöhn innebegreifen, so blieben Spiralzweige abgeknickt.

Gegenstand der Empfindung. 

Alternazis Praxis

Wir waren ganz normale Nazis – Teil 3

„Hose hoch! Hinten anstellen!“ Ich höre zu, hinter der Wand. Gestern habe ich Geburtstag gefeiert. Das Eis war aufgetaut, die Suppe voller Fliegendreck. Als Lisa sich mit Thomas Dankmann unterhielt. Haben sie über mich gelacht. Ich habe es gehört. Ihre Mutter sagte, das sei Mumpitz, meine Einladung. Was sie bei diesem Idioten solle. Dabei weiß ich, dass sie gern nach B. kommt. Gohlke hat tief gesungen. Er brachte dann Bohnensuppe mit Speck. Die war aus der Dose. In der Wohnheimküche haben wir sie aufgewärmt. Bifi mit der Brille hat Lisa auch angebaggert. Die Gretel mit den Zöpfen blieb dagegen wie immer standhaft. Ihr Vater führt zu Hause Volkstänze auf. Er beobachtet Gretel. Wenn sie die Zöpfe vor den Männern öffnet, kriegt sie eine geklatscht. Dabei studiert sie längst und macht alles mit eins. Mein Schrank wurde heute morgen so schwer, dass er mitsamt der ganzen Tigel und Töpfe einfach umgefallen ist. Auf mein frisch bezogenes Bett. So stramm hatte ich das Laken gezogen. Dass Lisa wenigstens bei mir hätte übernachten können. Doch sie ließ sich mit dem Auto nachhause fahren. Das musste ich. Sonst hätte sie mich für eine Bestie gehalten. Bestie mit Brille und Deichmannschuhen.

egodual

wir sind so bescheuert
wir laufen uns ständig selbst übern weg
und glauben es wäre der andere
wir sehn nur die eigenen zehenspitzen
tamaris oder auch panama jack
und sagen: hallo herr nachbar
können sie mal ihre zwillinge hier wegnehmen