Ysatis

Ich bin heute zu Gast in einer Welt, die ich vor Jahren verlassen habe. Der Ort ist die Bibliothek. Gerüche, Erinnerungen sind in den Regalen, Katalogen und im Fußbodenbelag versteckt – doch nur selten schwingt etwas mit, das sie in Szene setzt. Ich habe die Bibliothek besucht, um schreiben zu können. Ich könnte mich hier, so hoffte ich, aus dem Zusammenhang lösen, der den Kopf in einer Schraubzwinge gefangen hält – als sei es eine Gemeinheit, eine Frechheit, Gedanken formen und freilassen zu wollen – die bloße Darstellung eine Bloßstellung. Spielen ist albern. Nur gestattet der Halbwüchsigen – in einem herbstlichen Garten, mit dem Befehl, Äpfel aufzusammeln, die schrumpligen, messinggelben und die scharlachroten glatteren in Körbe, die fauligen mit den Schimmelpunkten auf den Kompost. Doch was tut sie dort? Sie schreit es in den Wind, in das aufsteigende Laub „… brauch ich nur einen Männerreigen .. fünf bis zehn Meter lang … und Wolken rudern abwärts zum Experiment…“ Nun stehe ich in der Bibliothek, stehe, und setze ohne Scham das Rufzeichen hinter den Satz. Sie trägt femme, ein Parfum aus den vierziger Jahren, das nach einer Weile leicht ranzig riecht. Ich gehe in eine der angrenzenden Hallen, gelange fast unbeabsichtigt in den Bereich der englischsprachigen Literatur. Etwas empfängt mich neben den Büchern und Schriften, auch hier ist es, wie im Text, ein Duft. Ich kann ihn nicht dechiffrieren. Eine dunkelhaarige Frau, jung, mit straffem Gesicht und Pagenschnitt fällt mir ein, damals, als wir uns noch einmal einschrieben. Sie nahm Ysatis, einen Duft meiner Mutter. Es ist der Duft, der sich jetzt mit dem alternden Papier und dem Holz der Möbel mischt.

Sicht

 Der schwarze Strich

zerkratzt das Papier.

 

Das zerkratzte Papier

duldet den schwarzen

Strich.

 

Das Papier spricht.

 

Ein schwarzer Stich

kratzt das

Papier.

 

Vom schwarzen

Strich spricht

ein Tier.

Zu Dir.

gespritzte Zungen

Es funkelten Gläser. Eins trudelte die gewendelte Treppe hinab, hinein in einen mythischen Raum. September 2011. Aus einem älteren Haus, das ein Zimmer mit roten Vorhängen enthüllte, zirpten sie mit gespritzten Zungen ihre Grillen. Innen, ganz unten, stand dunkleres Wasser. Sie verlasen auf gegenseitigen Wänden die Aufschrift Snorris Bad. In ihren Nasen lag der Geruch von messinggelben Äpfeln, ein wintriger Kellerduft. Schlappe Tulpen in lila und weiß füllten die Ausgüsse. Einer von ihnen verschwand. Die gespritzten Zungen zirpten weiter.

Hündische Devotion

Die mit ihren scheißigen Sparlampen – das interessiert uns doch gar nicht! Und giftig sind die auch noch. Ich sage Ihnen, das wird der zweite Morgenthauplan. Dieser Mist mit dem Ökostrom. Und dann Preise für Leute, die gegen Nazis sind, damit wir uns kollektiv gut fühlen können. Speichellecker sind das. Wischen dem Bürger die Schweinsaugen mit dem Offensichtlichen. Und dann machen wir’s uns schön bei Kerzenlicht, lullen uns ein in Gesprächsbereitschaft. Ja, ich weiß, Sie müssen weiterarbeiten. Unseren Kindern soll’s mal besser gehen, ohne Atomwölkchen und braune Vergangenheit. Lakenweiß rein sollen die aufwachsen. Wir sind wieder wer. Putzen uns die Schürzen und fahren Abends mit dem Rad nach Hause. Treten kräftig in die Pedale und erzeugen unseren eigenen Strom. Züchten Hühner. Deppen vom Dorf sollen aus uns werden. Kennen Sie noch den alten Ostfriesenwitz von der Oma, die abends um den Küchentisch Fahrrad fährt, damit die Familie Licht hat? Funktion der Oma – die neue Definition von Nachhaltigkeit. Aber ich lasse Sie dann mal weiter machen. Die Deutschen waren schon immer ein Volk von hündischer Devotion.

John Locke in Rußland (2)

Starb, als man noch nicht lesen konnte. Hinterließ viele Zeichen. Auch die Sehnsucht nach der Freiheit, Kinderkrankheit aus einer zu engen Küche, in der die Köchin ihren Kochlöffel zum Gesetz zu machen hatte, bei Strafe einer Verschmähung des Essens. So wählt: Eigensinn des aufrechten Gerippes, ewiger Knochenmann, lebendig bis in die Nadel mitten im Ei – oder fetten Gehorsam des Universums, gegenwärtige Verheißung wie der Freude so des Schmerzes. Das Leiden ist nur Schnupfen, ob gefroren oder aufgetaut in den Jahreszeiten dieses Lebens hast du die Wahl. Und nichts, was nicht vorher in den Sinnen war, war schon mal von Sinnen in Hellas. So blieb die Sehnsucht nach dem Raum, perfekte Ergänzung der Angst vor der Enge, in der dich jederzeit der Galgen nach dem Frühstück ereilen konnte, weil du zum Abendbrot noch nicht zu Hause warst. Nicht der Lordkanzler vollstreckte den Traum: Freiheit – stürmisches Territorium, jüngerer Bruder des Hobbes, Territorium mit Armee und Volk, dehntest du dich aus im Traum nach allen vier Himmelsrichtungen. In der Kirche entstand die Verwaltung, Verwaltung des Heils, an den Haltestellen bildeten sich Schlangen zum Eintritt in die Polonaise eines Alltags mit Flotte und goldenem Kalb: Verankert in der Höflichkeit muss der gekonnte Witz ein Gipfel in den Solidarbekundungen der heiligen Distanz bleiben. Und weit südlich der sommerlichen Eisgrenze blinkt in der Sonne, so sagt man, Peak Kommunismus.

Tau tau

Ich sehe mich im heimatlichen Wald.

Ruhe kehrt ein zur Nacht.

Dunkelheit umhüllt mich wie ein fest gewebter Mantel.

Die Kälte klirrt.

Das Licht weißer Sterne zuckt durch die Zweige.

Mitten im Wald habe ich ein Feuer gemacht.

 

Knacken.

 

Jemand oder etwas bahnt sich den Weg durchs Gehölz; kommt näher und näher…

Die Geräusche, überhöht in der Dunkelheit, kippen jäh in Bilder und verwandeln sich. Sie sind meiner Phantasie ausgeliefert, freigegeben zur hemmungslosen Manipulation. Ein Wildschwein, ein Reh, ein Igel, ein Jäger… alles kann in der Dunkelheit zu mir kommen.

Plötzlich erleuchtet der Schein meines Feuers das Gesicht einer alten Frau.

 

Ich erkenne das Gesicht meiner Mutter. Es ist zerfurcht und zerschlagen.

„Was machst Du hier in meinem Wald?“, frage ich die alte Frau.

Jeder Laut wird von der Stille geschluckt.

Ach, lass…

 

Schnee kommt aus dem Himmel, aus der Nacht; leise, leise schwebt er herab.

Das dichte Gezweig über uns hält die Flocken davon ab, auf uns zu fallen.

Hier im innersten des Waldes sind wir geschützt und ausgeliefert.

Hierhin führen keine Spuren.

Hier ist der Wald so dicht wie das von einer verzweifelten Spinne gewebte Netz.

 

Ach Mutter, wie alt Du geworden bist!

Dein Gesicht zerfurcht, zerschlagen. Ich erkenne Muster; sie sprechen eine unbekannte Sprache.

Tau tau, ein Wort aus Tahiti, heißt schlagen: mit einem kleinen Beil schlagen, in den Körper, den Kopf, das Gesicht. Tinte unter die Haut tropfen, in das Blut hinein. Es darf nicht zu stark bluten, doch der Schlag muss tief genug sein. Die schwarze Tinte kommt aus den Kapseln der Gallwespe. Asche in die Wunde reiben, damit eine Narbe bleibt. Tau tau.

Die schwarzen Linien bleiben. Punkte, Flächen, das Moko auf der Stirn, am Kinn.

Auf meinem Körper beginnen Muster zu sprechen: Haifischzahn, Hase, Ratte, Eule, Farn und Angelhaken reden durcheinander. Dann höre ich sie einzeln, nacheinander, deutlich und klar wie das Sternfunkeln.

Mutter, wie kommt es, dass Du eine Maori-Tochter hast?

Tau tau, Schneeflocken tanzen und landen auf den Zweigen. Sie zeichnen die Oberseite der Zweige weiß. Und dort ist doch eine Flocke durchs Gehölz gekommen und glitzert und schmilzt auf Deinem Haar.

 

Rascheln, Knacksen. Ein Windstoß fährt in das Feuer lässt es flackern. Es raucht, eine schwarze Fahne steigt auf wie das Segel eines Piratenschiffs, das die Südsee kreuzt. Black Pearl, eine schwarze Perle aus meiner schwarzen Phantasie.

 

Ein Fluss fließt unter dem kalten Waldboden. Er strömt unter meinem Feuer vorbei.

Ich setze Dich auf einen Kahn, Mutter, und lasse den Fluss Dich mitnehmen.

Ich lege Dir ein Brot in den Schoß. Mit einem Beil habe ich meinen Namen in die Kruste geschlagen.

Tau tau, lebe wohl…

wie du mir so ich dir

in rintocci di orologi
montone
petizione
a fine siamo solamente fiuto
effluvio e patema

Schlangen und Fische

… und wissen Sie, was die von einem wollen? Kaffee trinken! Oder spazieren gehen. Ja ich weiß, es ist höchste Zeit. Ich hatte da nie den Daumen drauf. Und der Bub ist verwöhnt. Die Mutter. Es hätte viel früher passieren müssen. Handeln hätte ich müssen. Mit 41 hab ich ihn jetzt rausgeschoben. Zu spät, ich weiß. Geh in deine eigene Wohnung. Das Terrarium mit der Umwälzpumpe hab‘ ich noch am selben Tag abgeschaltet. Die Schlangen und die Fische hat er mitgenommen. Ja wissen Sie, ich habe ihm das nie abgewöhnt. Warum? Mit seiner Mutter zusammen am Mittagstisch, die Reden, die Blicke, das halten Sie nicht aus. Wissen Sie, ich sage Ihnen das im Vertrauen, es gibt Frauen und es gibt Weiber. Ich hatte mal so eine Bekanntschaft mit einer einzelnen Dame, die wollte Tag für Tag spazieren gehen. Und wissen Sie, was sie danach im Auto zu mir sagte? Sie sagte, Leo, weißt du was, und jetzt gehen wir Kaffee trinken. Verstehen Sie das? Eine einzelne Dame, für gelegentliche Treffen. Verstehen Sie nicht. Verzeihen Sie, ich werde privat, ich kenne Sie nicht und Sie mich nicht, aber manchmal, da darf man schon was sagen.

Plädoyer für Marlen

Es gibt magische Verbindungen zwischen einem Buch und seinem Leser – wie es magische Verbindungen zwischen zwei Menschen gibt. Das trifft, wenn wir Glück haben, ein bis zweimal im Leben wirklich zu, dann aber mit einer körperlichen Wucht, die den Alltag aus den Angeln hebt. Und alles verändert.

Die erste Verbindung der magischen Art hatte ich im Alter von zwölf Jahren, als ich in das Buch „Wer die Nachtigall stört“ eintauchte. Sofort fühlte mich in eine vertraute Welt katapultiert, ich verhielt mich wie Scout, das Mädchen, und ich liebte Atticus, ihren strengen, aber gerechten Vater. Die Schilderung der rassistischen und zugleich menschlichen Verhältnisse in einer Kleinstadt in Alabama bei sengender Sommerhitze änderte mein Weltbild und war eine Art Initation in die Erwachsenenliteratur. Ich hatte keine Zweifel. Nur Glücksmomente. Dass es das einzige Werk von Harper Lee blieb, wusste ich damals noch nicht. Dreißig Jahre sollte es dauern, bis ich diese archetypische Erfahrung wieder machen durfte. Nur war sie nicht mehr so unberührt, etliche Lese-und Lebenserfahrungen – schöne, verführerische, quälerische – lagen dazwischen.

Eine Begegnung in der Schweiz setzte mich auf die Fährte von Marlen Haushofer. Mir war bekannt, worum es in der „Wand“ geht, aber erst das Wortfürwortlesen macht es so ungeheuerlich, so ansteckend, so leuchtend. Zunächst war ich irritiert von der unterkühlten Aufrichtigkeit und überrascht von der Einfachheit der Geschichte, die mit dem geringsten Aufwand an Handlung und Personal, ganz ohne Spektakel auskommt: Eine namenlose Frau überlebt allein in einer Hütte in den Bergen, eingeschlossen von einer unüberwindbaren gläsernen Wand, hinter der es kein Überleben gibt. Es gibt also keine Menschen mehr. Das schlimmstmögliche Szenario ist über Nacht eingetreten. Keiner weiß wodurch, keiner weiß warum und wie es zur Katastrophe kam. Nur mit sich allein, einer Kuh, einem Hund und einer Katze muss die Frau überleben, sich und die Tiere versorgen. Der Archetyp des einsamen Jägers, des sich in die Natur zurückziehenden starken Mannes in Gestalt einer Durchschnittsfrau Anfang vierzig, die plötzlich in dieses Schicksal geworfen wird. Um nicht den Verstand zu verlieren, schreibt sie alles nieder in unerbittlicher Selbstbeobachtung. Sie notiert die täglichen Widrigkeiten, die täglichen Verrichtungen, den täglichen banalen Wahnsinn, der Überleben zu jeder Tages und Jahreszeit bedeutet. Holz hacken, Erdäpfel jäten, Wiese mähen, Acker umstechen, Stall bauen, das Butterfass auf die Almhütte bringen und so weiter.

So schreibt sie die Wahrheit, da niemand mehr auf der Welt ist, dem sie etwas vorlügen müsste. Ihre Einsamkeit, ihr Erinnern dringen in mich ein. Und die schleichenden Fragen wie: Was lässt uns überleben, wenn wir einsam sind? Existieren wir ganz ohne Sprache? Was nutzt unsere kleine Kultiviertheit zurückgeworfen auf uns selbst? Was ist das Menschliche und wozu machen wir vergebliche Dinge? Kein Wunder geschieht, kein Pathos ist nötig in diesem Protokoll voll unaufdringlicher, fast absurder Wahrhaftigkeit. Ganz am Schluss kommt doch noch – überflüssigerweise – ein Eindringling ins Spiel, ein fremder Mann, den die Frau erschießt, nachdem er den geliebten Hund mit dem Beil erschlägt.

Die Distanz zwischen Marlen und mir ist aufgehoben. Ich übertreibe nicht, wenn ich bekenne, dass „Die Wand“ und Deine anderen Bücher unvergesslich sind. Ich sehe meine kleine Tochter anders und meine Katze, auch meinen Freund. Ihm erzähle ich mitunter von männlicher und weiblicher Moral. Sogar die Arbeiten im Haushalt übe ich ein wenig mit deiner Demut. Inzwischen kenne ich jedes mir zugängliche Detail Deiner Biografie. Wie ein Stalker fühle ich nach, was Du dachtest als Du aus dem Fenster sahst und unruhig im Garten hin und her liefst. Ich forsche zwischen deinen Buchstaben nach nichtgesagtem, nichteingestandenem. Ich bedaure Deine Liebesunfähigkeit, den Stein der Depression in deiner Brust. Um den Hals die gewöhnliche Fassade der ordentlichen Hausfrau und Mutter, die ihre Abgründe in aller Verschwiegenheit verbergen muss auf Tausenden von Manuskriptseiten, die immer wieder brennen und brennen.

Ich bin genauso gern allein wie Du, Marlen. Und ich weiß, wie Einsamkeit in Zweisamkeit kränken und krank machen kann. Ich habe eine Ahnung was die hässlichen Wörter Selbstentfremdung und Selbstbestimmung bedeuten. Zum Schreiben habe ich keine Mansarde, sondern ein Wohnzimmer, das geräumig genug ist, um mich abzuschirmen. Allerdings ist es ein Durchgangzimmer und das wird mir auf Dauer vielleicht nicht genügen. Du wolltest frei sein, Marlen, aber warum machst du dich immer so runter? Wir können auch in geordneten Verhältnissen frei sein, uns frei leben, oder nicht. Deine Bescheidenheit rührt mich jedes Mal, wenn ich ihr begegne und befremdet mich zugleich. Die passt nicht zu dem Geschriebenen, das das Ende aller Worte ins Grenzenlose, Unvorstellbare führt. Eine nie enden wollende, magische Geste. Warst Du manchmal verrückt vor Glück, Marlen? Ja, dann bin ich beruhigt. Wir werden die Zukunft nicht mehr los.

gegenwartsdichter

sie misstrauen der sprache
sie spalten silben (wie atome)
sie brechen (regeln und formen)
und erfinden neue perspektiven

sie misstrauen der sprache
aber lieben die sprachen
sie spalten silben wie atome
aber hassen den müll

sie wollen nichts erklären
sie wollen nichts beweisen
sie wollen verunsichern
und bewundert werden

sie verknüpfen widersprüche
sie verflechten unzusammenhängendes
sie müssen täglich neues bieten
um nicht von gestern zu sein

DIE WAND

deja-vu. alles mal gedacht, alles mal gefühlt. aber nie so brilliant in worte gefasst.
das empfehlenswerte wagnis der konsequenz.
und hier auch noch grandios in bilder umgesetzt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Wand_%28Film%29#cite_note-2

(man kann sich natürlich auch langweilen dabei. das hängt ganz davon ab).

Für eine Weile

Das Tempo ist gedrosselt. Zwischendrin ein Halt auf Freier Strecke. Die Müdigkeit baut sich langsam auf. Die Rentner sind ermattet. Das abgegriffene Shírt, jede Pore der Haut schafft eine Verbindung zwischen ihr und den Aphorismen der Außenwelt, die nun langsamer strömen. Jenna nickt ein in dem Nest aus Qualm, Wurstgeruch, Bananenduft und menschlichen Ausdünstungen. Hängt fest darin und teilt sich ein. Stille, für eine Weile.

Nur geträumt

Das Haus war leer. Abends nach acht, wenn die Mutter den Auflauf für Ausfahrdienste heiß machte, der Vater auf Sitzungen Lehrgänge vorbereitete, ging Jenna spazieren. Es war nach der Schulzeit. Das halbe Jahr vor dem Studium, das sie nutzlos verbrachte, lange schlief und abends allein durch die Straßen wanderte. Sie träumte von der Zeit danach. Jetzt ist sie darin, ist umgestiegen, sie wirft zwei Tüten und einen Koffer neben sich. Kalte Luft empfängt sie. Der Zug, in die sie eingestiegen ist, kommt aus Ost-Berlin. Man sollte die DDR endlich abreißen oder komplett zunähen, dann würde sie diese Züge nicht betreten müssen. Keine Geschichten von drüben hören. Rentner-Geschichten von Menschen, die für ein paar Mark in den Westen dürfen. Ein Mann erzählt von einem Puffbesuch und drei lesbischen Weibern, von geklauten Wurstbroten und dem Geschmack von Bananen. Jenna findet sich dumm und spießig. Friert in Omas Mantel, knöpft ihn zu, reibt sich die Fingernägel an der Stumpfhose blank. Etwas passiert dicht neben ihr. Es berlinert und sächselt. Sie hat das Elbtal schon einmal gesehen, ist durch die Grenze gefahren, hat sich mit der Schulklasse auf dem Kahn übersetzen lassen, hat das barocke, mit Moos überzogene Dresden im Gänsemarsch durchschritten, im Westbus gesessen, Burg Königstein besichtigt. Ein FDJler diskutierte nach Plan mit ihr und schlug ihr unplanmäßig eine Duschparty vor. Doch Jenna wollte sich nicht ausziehen. Sie war umwickelt von modischen Accessoires, mit Have-Peace Zeichen. Von Karo wurde ihr schlecht. Nach Hause zurückgekehrt, in die Welt von schnurgeradem Schulbus und Lila Pause, träumte sie einmal, sie stünde auf einem leeren Platz, es musste in Dresden sein, an den Steinen, an den Gebäuden erkannte sie es, hoch und nicht aus dieser Zeit, rings um sie herum vereinzelt Leuchtreklamen. Eine Mitschülerin ohne Wurstbusen fragte sie, was sie hier tue. Jenna sagte, sie wohne hier. Und dachte beim Erwachen, da komme ich nie wieder hin. Irgendwann einmal, in ferner Zukunft, würde sie auf den breiten Straßen entfesselter Geschichtslosigkeit spazieren gehen, unwissentlich von einer Landesregierung umgürtet, und einen Euro für einen Sandstein spenden. Vielleicht würde es in dieser Zukunftswelt sogar einen Menschen geben, der sich Gin nannte und der ihr sagte, wir Leipziger mögen die Dresdner nicht, da kommt alles von oben, wir jedoch sind voll von Freiheitsliebe. Wer beide Begriffe unter einen Hut brächte, sei ein König im Geist. Worte, die sie noch aus der Schulzeit kennt, Novalis, Hymnen an die Nacht, H.-Fragmente. Es war erinnerte Zukunft, viel zu gedrängt, und im Jahr der Zugfahrt von Jenna nur geträumt.

Vanillemilch

Auszüge aus einem geplanten Romanprojekt mit dem Arbeitstitel „Jenna liebt Gin“

Kurze Inhaltsangabe: Jenna, eine zu Beginn des Romans 19-jährige junge Frau, verlässt ihr zu Hause mit dem Ziel, das, was sie nachts träumt, in die Wirklichkeit zu übersetzen. Der Text besteht aus bisher 21 Szenen, in denen sich die Träume sukzessive in Wirklichkeit umwandeln, dabei aber andere Formen annehmen. Das Experiment besteht darin, dass Jenna anfangs noch nicht weiß, wer ihr eigentlicher Begleiter ist. Er taucht zuerst in ihren Träumen auf, dann aber auch immer deutlicher in der Realität, was Jenna immer wieder befremdet.

1.

Von vorn kommt ihr ein dicker Strang Wolken entgegen, fliehende Stromkabel, Neuland. Ein Birkenwald. Zwischenholz. Die Temperaturen sind um mehr als zehn Grad gefallen, am Morgen sah Jenna das Laub auf dem Dach und daneben den Schnee. Vor dem Fenster wirft es mit Blättern. Innen ist es ruhig. Käme sie jetzt von draußen herein, wäre es Schwitzen für sie. Links sitzt das Pärchen, durch dessen Küssen und Klatschen sie sich eben noch belästigt fühlte, ihr gegenüber der schöne Herr mit dem Schulbrot und dem silbrigen Haar, der Hosenträger hat und in einer Wochenzeitung liest. Er gehört sicher zu einer Art allein lebender Männer, die quietschende Schreibtischstühle haben, aus beruflichen Gründen jedes lokale Blatt lesen müssen und abends unter dem Druck einer unerledigten Schreibarbeit auf und ab pantern, ganz wie Max Goldt. Jenna ist mit Abstand die Jüngste in diesem Zugabteil. Sie weiß nicht, unter welchen Umständen dieser Herr sich Hosenträger angelegt hat, aus welchem Grund, ob er es einfach nur schön findet, aus einer Erinnerung heraus. Jenna sieht, dass es ein gefülltes Crevettenbrötchen ist, das er sich in den Mund schiebt. Gar kein Schulbrot. Hätte sie schon das Geld für eine eigene Wohnung, sie würde sich schwarze Vorhänge nähen lassen. Die halten graue Himmel fern und die Schneehügel auf den Blumentöpfen. Sie denkt an den Pferdeschwanz, der ihr frisch gewaschenes Haar versteckt und bündelt, der sie noch jünger aussehen lässt. Der Theatermann vorhin hat gesagt, wie fünfzehn. Jenna senkt den Blick auf die rosa lackierten, zu kurzen Fingernägel, das abgegriffene Shirt, das vom Mantel ihrer Oma verdeckt wird. Einmal aufs Klo gehen und nachsehen, ob das noch geht. Sie kommt nicht an den Schuhen der anderen vorbei. Der Kopf der Frau neben ihr fällt auf die Schulter des Mannes wie auf ein Kissen aus teurem Design, beide schlafen einen Rausch aus Filter-Zigarettenqualm und Weinbrandbohnen aus, die Frau schnarcht leise. Frauen über dreißig fangen fast immer mit Schnarchen an, hat ihr der erste Freund gesagt, seinen Vornamen kürzte Jenna mit dem Initial ab. Damals fuhr sie im Schulbus, auf dessen Boden bei Regen eine dunkle Brühe schwappte. Damals saß sie zum Mittag in der Schulkantine, wo es die weichen Brötchen mit hellgelbem Käse oder hautfarbener Leberwurst gab. Manche Mitschülerinnen wurden dicklich von Vanillemilch und Kakao, ihre Brüste wurden Würste. Jenna dreht den Kopf zum Fenster, an dem die Wolkenstränge vorbei rasen, fast froh, dieser Phase entwachsen zu sein.

klarer gang.

unsere begegnungen sind letztlich liebeserklärungen … nachher stand ich da + beobachtete dich noch eine weile … als ich deinen namen in die weite rief (der wind war auf meiner seite), drehtest du dich um + hobst gleich winkend die hand … wie wenn die nacht verschwindet …

Fragmente/ Das Reh am Abgrund

I will have spent my life trying to understand the function of remembering, which is not the opposite of forgetting, but rather ist lining.

We do not remember. We rewrite memory, much as history is rewritten.

 Chris Marker, Sans Soleil

FRAGMENTE

Unter einem Wunderbaum, Platane genannt, sitze ich in der letzten goldenen Herbstsonne. Sanft zieht unter mir der Fluss vorbei und verliert sich in diesig-zärtlichem Blau hinter den Hügeln im Süden.

Die Blätter der Platane sind eine Bibliothek, die sich auf sandigem Boden verstreut.

Rindenhände mit Sandfurchen graben nach Erinnerungen.

Mensch – Tier – Abgrund – Sehnsucht…

 

Das Reh springt hoch, das Reh springt weit, warum auch nicht, es hat ja Zeit

So steht es auf einer Raufasertapete im Zimmer eines Studenten geschrieben.

Es gibt ein Graffiti dazu und ein Foto von diesem Graffiti.

DAS REH AM ABGRUND

Ein junger erwachsener Bauernsohn melkt die elterlichen Kühe unter Einwirkung von LSD.

Die Kühe haben rosarote Euter, sie brüllen eine Melodie; Pink Floyd kracht aus dem Kalk der Stallwände. Am Boden zwischen der Kuhscheiße Sprünge, Risse, Ritzen.

Im Melkhirn sirrt ein wundersam verzerrtes Gemisch aus Wort und Ton. Blutwürste hinter der Stirn, die Stirn spannt sich, im Kehlkopfbereich setzen sich Bewegungen in Gang, welcome to the machine, ratterratter, strull, klopfklopf.

Scheinwerfer, Kegelleuchten, Irrlichter im nächtlichen Stall.

Wieder hinlegen, Wecker stellen, Kühe melken. Wie klingt ein Wecker auf Trip?

Der junge erwachsene Bauernsohn studiert Physik. Ich studiere die Verwandtschaft von Kuh und Reh in seinem Lächeln, das ich sympathisch finde, und: hinter dem ich Weisheit vermute.

Raschelnd entferne ich mich vom gelben Blattwerk meiner Chronistin (der Platane) und gleite zwischen grauglänzenden Steinrücken in eine tiefe, dunkle Schlucht. Feuchtigkeit überzieht alle Oberflächen. Flusswasserbesprüht, taubenetzt und regenbespritzt liegen meine Gedanken dort ungestört. Modrig duften sie zwischen Moosen, Pilzen, Flechten. Geheimnisvoll erglänzen sie dann und wann, wenn ein Lichtstrahl sie berührt. Spinnenweben schützen sie vor dem Zugriff der Blattfinger meiner Erinnerungsverwahrung.

Wolfsschlucht. Wir kriechen zusammen. Verlieren uns im Dunkel.

Plätschern vor uns, hinter uns, weiter weg; das wilde, dunkle Wasser rauscht vor und zurück. Minifische flitzen vorbei. Pilzgeflüster, Insektengewisper.

Die durchdringende Stimme der Bauernmutter. Das Schrillen des Weckers. Ein Wald auf einer Tapete in einem Jugendzimmer; das Bild des Waldes ist manipuliert. Gleißende Sonnenstrahlen treffen Blätter und Stämme. Buchen sollst du suchen (bei Gewitter), tritt ein in den Wald, den unmanipulierten Wolfs- und Rehwald: Vorhang auf für diese Horror-Show. LSD öffnet Türen. Eine Stimme aus Alices Wunderland ruft echoverhallt: Leben bist Du, nicht nur Traum.

LSD war nie mein Ding, sage ich zu wem auch immer, Herrn Pilz, Frau Spinne, Madame Wunderweltenbaum.

Ich sehe das Reh am Abgrund stehen, ganz ohne Einwirkung fremder Chemie, es springt hoch, es springt weit…

… der Abgrund soll Sehnsucht sein.

tier

hier drinnen bilden die spinnenfäden ein netz unter dem boden

das licht strömt an den dielen vorbei

vorbei geht jeder klang auf kalkigen füßen

dabei höre ich felltatzen tänzeln

 

ich sehe dich, mein tier!

alles nah und farbenfroh

blau und gelb gibt grün. nochmal ins boot. denn lila leere, die gibts auch. weiße elster rote laus. allesamt flussabwärts. und erst die grauen, die mit dem beutel in der hand, die mit dem gnadenbrot. doch auch die rosigen, die frisch vermehrten, die mit den süßen senkern. alle sind sie dabei. alle üben sie die nähe. mit den bisamratten. vierbeinig. geb ich dir eine möhre – gibst du mir einen augenblick. was für einen, verdammt nochmal. ich rutsche aus. vergammelte kartoffelschalen. das faule vieh hebt seinen fetten hintern nicht. und ich erwische mich, ich möchte ihm das paddel um die ohren haun. such dir eine röhrichtpflanze. und ihr, ihr ungeliebelten, fahrt doch auf die kuschelalm.

irrwisch

pailletten in flammen zurückgeworfen ach komm die glitzerteufel singen grad so asymmetrisch la melodie d’amour hatte dieser tag nicht eine wunderkappe aus hitze lass mich deine röchelnde furie sein dein ew’ges mädchen überschweig mich doch

Herzstück

Für A.

Ich werde Sie nicht stören. Trinken Sie einen lauwarmen Kaffee mit halbwegs aufgeschäumter Milch, nehmen Sie auch ein Glas Leitungswasser dazu. Ich weiß, dass sich unsere Gewohnheit, dieses auf dem Abstieg befindliche Lokal aufzusuchen, jetzt abschleifen wird, aber dies ist notwendig, um mit Ihnen neue Gefilde zu begehen. In Ihrer Kammer werden alle Informationen zuverlässig weitergeleitet und ausgefiltert. Was unwichtig ist, wird Ihnen nie bewusst werden. Ich verweise auf die getigerten Katzen und die Frau, deren geweißten Schürze sicher noch aus dem Haus ihrer Großeltern stammt. Obwohl Sie mir jetzt zuhören, während das Licht um uns herum blasser, die dunstige Luft kühler wird, können Sie links, etwa einen halben Meter unter sich, die Katzen wellenförmig über das Holz streifen sehen. Übrigens macht es mir nichts, wenn Sie vorübergehend die Orientierung verlieren. Ich leihe Ihnen noch eine Zigarette, die so leicht ist, dass Ihr Filter nur wenig davon berührt wird, seine Arbeit aber ohne Unterbrechung fortsetzt. Sie sind gesund und leichtsinnig. Sie sind mein Herzstück. Sie registrieren das scheidende Licht, die dunklen Kreaturen des Bodens, das brackige Wasser und schreiben zu Hause dies Plädoyer.

Zum Würfeln hat er nie geneigt, der Alte, und wenn er es hier einmal getan hätte, drei Sechsen wären diese Stunden mit dir und mir, dem Putengenuss und deinem aufgestellten Patent sicher nicht gewesen.

amsel

Auf einem Balkon etwas unterhalb, im Haus gegenüber, lehnt eine schmale Gestalt und raucht. Der safrangelbe Morgenmantel, die kurzen schwarzen Haare und ungewöhnlich weiße Arme, die über das Geländer ragen, lassen sie aus der Entfernung unwirklich aussehen. Eine rauchende Japanerin vielleicht. Falls es hier Japanerinnen gäbe. Die Gestalt blickt in eine andere Richtung. Die Amsel in den Vogelbeerbäumen schrillt davon. Lachsgelbe Schleierwolken erobern hastig den Horizont hinter den Häuserwänden und bedecken ihn ganz.

betrunken …

Wie wär’s mit ihr selbst? Haut. Deiner mitunter. Es giebt Lebensschwachstellen, denen du ausgeliefert bist. Wie Liebe. Und dem danach. Hodensack du berührst die Möse ganz sanft, wie eine betrunkene Dasisseskeit. 

wie umarmen …

als schiene die sonne extra in meine obdachleere … als (be)trüge sie mich nie mehr … als (be)stürzte sie sich : auf mich … als fing(erte) sie mich an jedem einzelnen haar auf …

Dementi

Eine Konstante brach.

Raumzeitraumzeitraumweittraumzeittraum

Klar°

Die Stimulanten erkannten:

 

Es bleibt die Wunder-Bar.°

 

zwischen vesuv …

Nun hätt ich mich fast verliebt in meine Entgeisselung. Es ist der Vesuv, der Verruf gewesen. Abergläubig am Rest vom See(lenleben). Um dich ufern zu lassen. Mir genügt kein Tröpfchenhirn. Ihr habt mich auch nie ausreden lassen. Will nur noch … willst du nicht auch … die Schwere der Freiheit, also des Lächerlichseyns, auf deinen Lidern spürn?

wie geschlechtlich …

Wie geschlechtlich wär dein Mund fein geblieben … Im Gegenteil. Mit dem Grab und dem Gesicht und dem Tod. Kommst du dir manchmal so vor : an manchen Tagen. Flucht ins Dunkle. Oder ideologische Sprache. Also Sprechen Müssen um Geld zu verdienen. Um nicht getötet zu werden. Oder längst getötet worden zu seyn.

Hätten wir uns Gewebe angehäuft. Sag ich dir. Aber du wolltest ja nichts davon hören. Ausser dich. Warst immer still. Was ich dir schreie: Warum wolltest du nie Gewalt ausüben? Aus dir auch. Schreist du – oder scheibst du mir mal?

1

Ich rede nicht mehr: übersetze nur noch die Spannung zwischen meiner Enttäuschung + dem Züngeln zu den Worten. Mitten im Nichts. Wollt ich nichts mehr sagen. Es bleibt immer die Schönheit der Enttäuschung, diese Tiefe. 

Haltestelle B.

Zwischendurch diese vielen Zeilen, die ich durch die Scheibe sehe, beim Davonfahren aus der Haltestelle Buschweg, dies schöhne Schleifen der Räder über die frostigen Schienen bis fast zu Hause, bis du mir schon mit deinem Atem etwas näher bist und immer näher kommst, es giebt nichts Schlimmeres als deine kalte Schulter, was ich schon von Anfang so gefühlt hab, von der ersten Nacht an, aber ich wollt das Maul nicht aufmachen, man glaubt ja immer an was anderes