Meine Fäuste

Zurück zu unserer erfolgreich gescheiterten Heldin, Klara Klarsack, die sich schmollend aus dem Rennen um einen Platz im akademischen Lehrbetrieb zurückzog, nachdem schon beim ersten Anlauf ihr authentisches Praxiswissen so schnöde verschmäht worden war. Um nach ihrem autodidaktischen Höhenflug nicht in eine Depression abzustürzen, stürzte sie sich ins Nachtleben des Städtchens, verunsicherte Clubs und Hauspartys, wo sie eine gern gesehene Gesprächspartnerin darstellte. „Die Frau, die viel spricht“, wurde sie insgeheim genannt, von den einen voller Bewunderung, von anderen mit etwas angestrengter Miene. Im privaten Rahmen hatte es Klara leicht, bei ihren Verehrern anzukommen, hier spielte es plötzlich keine Rolle, ob sie einen akademischen Hintergrund hatten oder einen soliden Beruf ausübten. Wer sich mit ihr amüsieren wollte und wem es gelang, ihre Aufmerksamkeit zu erringen, der konnte mit intersexuellen Herausforderungen von ihrer Seite rechnen. Wenn er sie meisterte, dann hatte er die Chance, ihr Geliebter zu werden.

Klara sprach jedoch nicht von ihren Geliebten, sie sprach von „meinen Fäusten“. Sich selbst sah sie als Gretchen an, jedoch, ihrem Lieblingsthema entsprechend, in Rollenumkehr. Sie stellte die Männer auf die Probe. Den einen hieß sie, sich zu verkleiden und als Leibniz auf der Party zu erscheinen, um zu testen, ob die Anwesenden auch Bescheid wußten über die sphärische Trigonometrie, die in seligen Zeiten den Zehn-Mark-Schein zierte, oder ob damals schon die Meute nur auf den Wert des Geldes gestarrt habe. Zum Dank für dieses Rollenspiel wanderte sie mit dem Verehrer auf die Toilette, wo er zuschauen durfte, wie sie ihre Notdurft verrichtete.

Dem zweiten befahl sie, zunächst ein Mädchen im Kreis der Partygäste zu entjungfern, damit sie sich von seinen Qualitäten überzeugen konnte, bevor sie ihm erlaubte, an ihr Hand anzulegen. Sie erwies sich seiner Kunst erkenntlich, indem sie ihm einen Blick auf ihren entblößten Busen gestattete.

Der dritte mußte Erde fressen, damit er Adam glich, dem Mann aus Lehm, aus dem alle anderen hervorgegangen waren. Denn sie sehnte sich nach Ursprünglichen und gab sich mit täglich geduschten und gegelten Fratzen nicht zufrieden. Im Gegenzug durfte er zugegen sein, wenn sie sich klitorial selbst zum Höhepunkt brachte.

Der vierte durfte wild durchs Wohnzimmer springen, sich auf dem Fußboden herumkugeln und animalische Laute ausstoßen als Gesang zum Osterspaziergang. Zum Dank ritzte sie ihm mit dem stumpfen Küchenmesser die Eier.

Der fünfte Faust im Bunde hatte die Rolle des Teufels zu spielen: Mit Schlips und Nadelstreifen schickte Klara ihn ins Rektorat, um dort als Vertreter des Ministeriums die Kürzungspläne für die kommenden zwanzig Jahre zu verkünden. Der Schock saß. Die Rektorin bereute bitterlich, die Berufung von Mr. Rumpel durchgewunken zu haben. Nun würden sich die erhöhten Personalausgaben rächen. Wie erst, wenn Mr. Rumpel den Beamtenstatus erlangt hatte. Zur Strafe schickte ihn die Rektorin auf eine Fachhochschule auf dem Lande – und Klara verneigte sich ehrfürchtig vor ihrem Verehrer, der so gut den ministerialen Mephistopheles zu mimen verstand.

Obwohl unsere verspielte Klara behauptete, mit keinem ihrer fünf Fäuste „Verkehr gehabt“ zu haben, wurde sie kurze Zeit nach Beginn ihrer Partyphase schwanger. Nein, sie wurde nicht nur schwanger, sie erwartete Fünflinge und wurde als medizinische Ausnahmeerscheinung in allen Zeitungen abgebildet. Binnen kurzem hatte sie eine landesweite Berühmtheit erlangt. Zahllose Gynäkologen wetteeiferten darum, sie betreuen zu dürfen. Tatsächlich stellte die Entbindung der fünf Faustbabys die Klinik vor erhebliche logistische Aufgaben. Im Fünfminutentakt erblickte eines nach dem anderen das Licht der Welt. Es mußte aufgefangenn, von Blut und Mutterkuchen gesäubert und gewickelt werden. Wenn es sich um Babys von üblichem Gewicht und gewöhnlicher Körpergröße gehandelt hätte, wäre das alles leicht zu handhaben gewesen. Die fünf Faustbabys, die Klara Klarsack gebar, besaßen jedoch bereits das Format ausgereifter erwachsener Männer (wenn das kein Widerspruch in sich ist), sie kamen mit Vollbart und Brille aus dem ballonartig geschwollenen Bauch Klaras hervor – was auch den letzten Vertreter der Hochschule davon überzeugte, daß die Berufungskommission sich geirrt haben mußte: diese Frau besaß ein schier unglaubliches akademisches Potential.

Heloise

Häng Dich doch an Deinem halbkriminellen Eddy auf

Oder häng ihn Dir um den Hals

Schieß Dich ab

Oder lass es bleiben

Was hat das alles mit uns zu tun

auch du…

wirst mich einmal  betrügen, auch du. Die Leute sollten das Grammophon abstellen, man kann das süße Schmalzzeug nicht immer vertragen. Das ist mir zu süß. Ich habe sie nicht gegessen. Ich ess das nicht. Das nicht. Naja, Mutter will nicht, dass ich so dick werde. Das ist mir zum Glück erspart geblieben. Gut nach Hause gekommen? Eigentlich nicht. Und es könnte zu Missverständnissen führen, wenn ich Mutti erzähle, wir hätten die Liegesitze ausprobiert.  Ich habe sie zur Kenntnis genommen. Zur Kenntnis genommen. Zur Kenntnis.

manche, ohne falten. noch.

sie hören ihn doch wirklich gern,
den alten sänger. das relikt.
das ist erstaunlich.
und geht wohl nur ganz ohne schädel.
das ist geradezu :
ein von der welt abrücken.

blondine.

:: schädellos sass ich nun die ganze woche an diesem tisch; plötzlich erkenn ich im spiegel mehr falten als meine erinnerung mir vormachte … als ich mich fühlen würde: würd mir ne heikle blondine ne frage stellen … weniger krächzend, eher aus dem unterlaib … wär ich aufgeschmissen: ein von der welt abbeissen 

Nuance.

Regenverschafftes Davongleiten: dein dich selbst aus dem Blick nehmen. Nun gewinnst du dich aus der Zusammenlosigkeit … uuhh warum schnaubst du so auf? Natürlich sollte es Zusammenhanglosigkeit heissen. Ich vermiss dich so, wenn du mit deinem Mund nur bei dir bist. Ich mach’s jetzt wie mit mir früher.

iiihhh

mundschenk mir worte und küss mich ein wenn du mut hast ungeschälte gegenwart wartet im vorübergehn eine strenge seele in der menschenkühle zerspaner und rohrkrepierer führen zu erzählverkrampfung

aahhh

auf dem fahrrad. ah. und ja. immer dasselbe. immer auf der wiederholspur. aber im vorbeigleiten ist alles zu ertragen. und der wind weht so gut. und wir sind, daß wir denken, wir wären wer. am besten wir denketen gar nicht mehr.

uuhhh

vor 3 Minuten

meine saftige sinnlichkeit soll das getue erobern, das ich zu sein vorgebe, wenn ich rede + durch die kante schleiche … übergossen mit honig oder champagner

Nicht Gekanntes, nicht Genanntes

Wer angefangen hat, weil er etwas mit ihr anfangen kann, bleibt bei Else Lasker-Schüler hängen. Netter formuliert: Sie/Er sind ihr treu. Ohnehin haben die Hüter der deutschen Literatur die Poetin im Parnaß bestens platziert. Allen Bedenken zum Trotz. Die gelten eher der Person als ihrer Poesie. Ihre Mitmenschen erschreckte die Bürgertochter durch unbürgerliche Eskapaden. Kafka nannte sie ein „Schreckgespenst“. Kafka eben! Besser kamen Bekannte, Freunde, Geliebte mit der wechselhaften Natur der Frau zurecht. Als da waren die Herren von Benn über Hille, Kraus und Kerr bis Zech. Einschließlich des Herwarth Walden, mit dem Lasker-Schüler (1869-1945) zeitweise Haus und Bett teilte. Die Genannten sitzen am Tisch der Essayistin in dem Band „Die kreisende Weltfabrik“.
Gesuchtes und Gefundenes ist versammelt, das eindeutig und korrekt als „Berliner Ansichten und Porträts“ genau umschrieben ist. Texte wurden ausgewählt, die, zumeist und zuerst, All-Tags-Skizzen voller Assoziationen sind. Was zu Personen und Stätten angedeutet ist, sind eher knappe Andeutungen statt schmückende Ausführungen. Alles ist Anregung fürs Denken, Nachdenken, Überdenken. Die Autorin hält die Leser nicht auf. Das Innehalten erwartet sie. Für´s kurzweilige Vergnügen steht nicht zur Verfügung, was von der Verfasserin kommt. Else Lasker-Schüler hat für die langsam Lesenden geschrieben.
Das weiß und respektiert Heidrun Loeper, die Herausgeberin der Ausgabe. Sie hat ein Nachwort verfaßt, das ebenfalls nicht für´s Nebenherlesen da ist. Das ist in jeder Hinsicht was Seltenes. Ein Nachwort in, zu einem Buch ist wahrlich eine Rarität geworden. Der Herausgeberin (und dem Verlag) muß man die Hand drücken. Mit der Art der Publikation wird so etwas für die nachwachsende Generation möglicher Lasker-Schüler – Leser getan.
Die Schriftstücke zu den berlinischen Szenen, zu den der Verfasserin nahen Künstlern, sind Stücke einer Entdeckerseele. Sie schaut in andere Menschenseelen, ohne sie zu sezieren. Selbst oft eine Verletzte, hat Lasker-Schüler Annäherung an Andere auch etwas mit dem Abstandhalten zu tun. So möchte sie den Ein- und Überblick nicht verringern, der Ein- und Übersicht mindern würde. Lasker-Schüler ermittelt für sich und ihre Leser, um Überraschendes, Unerwartetes zu erkennen. Da ist kein Platz für Wiederholungen. Schon gar nicht für´s wiederholen der Wiederholungen. Nicht Gekanntes, nichts Genanntes des Berlins vor 100 Jahren schimmert auf.
Die Texte in „Die kreisende Weltfabrik“ sind Mischungen aus Essay und Dichtung. Reales wird Dichterisch, Dichteresches real. Bisweilen ist die Schreiberin spöttisch, bisweilen eine sarkastische Polemikerin. Eigene Marotten und die der sie Umgebenen sind für sie Anlaß gewesen, die knappen Aufzeichnungen möglich und nötig zu machen.
So auch einer der umfangreichsten Texte des Bandes, der „Mein Junge“ überschrieben ist. Welch ein Text einer Mutter, der mit den kargen, klaren Worten beginnt: „Und doch gerade bemühe ich mich, wahrheitsgetreu über ihn zu schreiben“. Was heißt hier „wahrheitsgetreu“? Es heißt aufrichtig, nicht anklagend, nicht wehklagend über den Verlorenen zu sprechen. Heißt, den Talentierten ohne Überschwang zu rühmen und zu ehren. In der kurzen Geschichte des kurzen Lebens ihres Sohnes Paul (1899-1927) ist genug von der Geschichte der Else Lasker-Schüler. Wie in allen Texten von „Die kreisende Weltfabrik“. Sie sind eine gute Gelegenheit, gelegentlich gelesen zu werden. Stück für Stück. Unbedingt!
Else Lasker-Schüler: Die kreisende Weltfabrik. Berliner Ansichten und Porträts. Hrsg., Nachwort Heidrun Loeper. Transit Buchverlag: Berlin 2012. 128 Seiten. Geb., ISBN 978-3-88747-282-5

Wie zwischen den Zehen.

es ist nur ein ständiges sich gegen die Leere Wehren, ein ständiges sich gegen die Leere Leeren, ein an den Lauten und Blicken der Menschen Erschöpftseyn, eine Grausamkeit, ein Angespucktwerden, ständiges Werden in ihrer Spucke, wie wenn man heftigst gegen sich selber schreit nur um zu gehorchen nur um weiter an diesem Leben teilzunehmen nur seine angeebbte Scham abzutragen solange man nur des anderen klägliches Stummen und noch kläglicheres Züngeln irgendwie erträgt auf spitzen Schulterblättern oder so aneinander geklebt wie im Wald Einsamkeit suchen die man nur in Hundeaugen findet nur in deiner Sinnestäuschung denn zwischen den meisten Ich und der Welt giebt es keine Saugkraft mehr : es giebt kein Entgegen mehr und auch keine Anziehung, hätte früher Liebe geheissen

noch fragen ??

* Lilienschnee schlägt wie umkräuselt so nah an mein gelerchtes Ohr. Ins Gefällige reinstechen. Hab mir einen anthrazitnen Wollmantel gekauft. In den Innentaschen alles kleine Zettel mit derben Ausdrücken. In Tinte. Wenn ich meine Zunge drüberlaufn lass, giebts ein verschmiertes Lächeln. Wie dieser zur Masse gehörende Intellektuelle dorthinten. Im Vorbeigehn steck ich ihm meinen Zettel ans enthaarte Revers. Unerschrocken hör ich mir fast das gleiche verschmierte Wort an. Und drück ihm eine Heftzwecke/Zecke in die Wange.  

beton.

Stell dir vor: dein Leben beim Beizen … die Ablösung der Dinge nicht nur von ihrer (un-)Wichtigkeit, sondern die der Bedeutung von dem, was du sagst … meine Zahncrème hiess plötzlich: test-a-ment …

Ysatis

Ich bin heute zu Gast in einer Welt, die ich vor Jahren verlassen habe. Der Ort ist die Bibliothek. Gerüche, Erinnerungen sind in den Regalen, Katalogen und im Fußbodenbelag versteckt – doch nur selten schwingt etwas mit, das sie in Szene setzt. Ich habe die Bibliothek besucht, um schreiben zu können. Ich könnte mich hier, so hoffte ich, aus dem Zusammenhang lösen, der den Kopf in einer Schraubzwinge gefangen hält – als sei es eine Gemeinheit, eine Frechheit, Gedanken formen und freilassen zu wollen – die bloße Darstellung eine Bloßstellung. Spielen ist albern. Nur gestattet der Halbwüchsigen – in einem herbstlichen Garten, mit dem Befehl, Äpfel aufzusammeln, die schrumpligen, messinggelben und die scharlachroten glatteren in Körbe, die fauligen mit den Schimmelpunkten auf den Kompost. Doch was tut sie dort? Sie schreit es in den Wind, in das aufsteigende Laub „… brauch ich nur einen Männerreigen .. fünf bis zehn Meter lang … und Wolken rudern abwärts zum Experiment…“ Nun stehe ich in der Bibliothek, stehe, und setze ohne Scham das Rufzeichen hinter den Satz. Sie trägt femme, ein Parfum aus den vierziger Jahren, das nach einer Weile leicht ranzig riecht. Ich gehe in eine der angrenzenden Hallen, gelange fast unbeabsichtigt in den Bereich der englischsprachigen Literatur. Etwas empfängt mich neben den Büchern und Schriften, auch hier ist es, wie im Text, ein Duft. Ich kann ihn nicht dechiffrieren. Eine dunkelhaarige Frau, jung, mit straffem Gesicht und Pagenschnitt fällt mir ein, damals, als wir uns noch einmal einschrieben. Sie nahm Ysatis, einen Duft meiner Mutter. Es ist der Duft, der sich jetzt mit dem alternden Papier und dem Holz der Möbel mischt.

Sicht

 Der schwarze Strich

zerkratzt das Papier.

 

Das zerkratzte Papier

duldet den schwarzen

Strich.

 

Das Papier spricht.

 

Ein schwarzer Stich

kratzt das

Papier.

 

Vom schwarzen

Strich spricht

ein Tier.

Zu Dir.

gespritzte Zungen

Es funkelten Gläser. Eins trudelte die gewendelte Treppe hinab, hinein in einen mythischen Raum. September 2011. Aus einem älteren Haus, das ein Zimmer mit roten Vorhängen enthüllte, zirpten sie mit gespritzten Zungen ihre Grillen. Innen, ganz unten, stand dunkleres Wasser. Sie verlasen auf gegenseitigen Wänden die Aufschrift Snorris Bad. In ihren Nasen lag der Geruch von messinggelben Äpfeln, ein wintriger Kellerduft. Schlappe Tulpen in lila und weiß füllten die Ausgüsse. Einer von ihnen verschwand. Die gespritzten Zungen zirpten weiter.

Hündische Devotion

Die mit ihren scheißigen Sparlampen – das interessiert uns doch gar nicht! Und giftig sind die auch noch. Ich sage Ihnen, das wird der zweite Morgenthauplan. Dieser Mist mit dem Ökostrom. Und dann Preise für Leute, die gegen Nazis sind, damit wir uns kollektiv gut fühlen können. Speichellecker sind das. Wischen dem Bürger die Schweinsaugen mit dem Offensichtlichen. Und dann machen wir’s uns schön bei Kerzenlicht, lullen uns ein in Gesprächsbereitschaft. Ja, ich weiß, Sie müssen weiterarbeiten. Unseren Kindern soll’s mal besser gehen, ohne Atomwölkchen und braune Vergangenheit. Lakenweiß rein sollen die aufwachsen. Wir sind wieder wer. Putzen uns die Schürzen und fahren Abends mit dem Rad nach Hause. Treten kräftig in die Pedale und erzeugen unseren eigenen Strom. Züchten Hühner. Deppen vom Dorf sollen aus uns werden. Kennen Sie noch den alten Ostfriesenwitz von der Oma, die abends um den Küchentisch Fahrrad fährt, damit die Familie Licht hat? Funktion der Oma – die neue Definition von Nachhaltigkeit. Aber ich lasse Sie dann mal weiter machen. Die Deutschen waren schon immer ein Volk von hündischer Devotion.

John Locke in Rußland (2)

Starb, als man noch nicht lesen konnte. Hinterließ viele Zeichen. Auch die Sehnsucht nach der Freiheit, Kinderkrankheit aus einer zu engen Küche, in der die Köchin ihren Kochlöffel zum Gesetz zu machen hatte, bei Strafe einer Verschmähung des Essens. So wählt: Eigensinn des aufrechten Gerippes, ewiger Knochenmann, lebendig bis in die Nadel mitten im Ei – oder fetten Gehorsam des Universums, gegenwärtige Verheißung wie der Freude so des Schmerzes. Das Leiden ist nur Schnupfen, ob gefroren oder aufgetaut in den Jahreszeiten dieses Lebens hast du die Wahl. Und nichts, was nicht vorher in den Sinnen war, war schon mal von Sinnen in Hellas. So blieb die Sehnsucht nach dem Raum, perfekte Ergänzung der Angst vor der Enge, in der dich jederzeit der Galgen nach dem Frühstück ereilen konnte, weil du zum Abendbrot noch nicht zu Hause warst. Nicht der Lordkanzler vollstreckte den Traum: Freiheit – stürmisches Territorium, jüngerer Bruder des Hobbes, Territorium mit Armee und Volk, dehntest du dich aus im Traum nach allen vier Himmelsrichtungen. In der Kirche entstand die Verwaltung, Verwaltung des Heils, an den Haltestellen bildeten sich Schlangen zum Eintritt in die Polonaise eines Alltags mit Flotte und goldenem Kalb: Verankert in der Höflichkeit muss der gekonnte Witz ein Gipfel in den Solidarbekundungen der heiligen Distanz bleiben. Und weit südlich der sommerlichen Eisgrenze blinkt in der Sonne, so sagt man, Peak Kommunismus.

Tau tau

Ich sehe mich im heimatlichen Wald.

Ruhe kehrt ein zur Nacht.

Dunkelheit umhüllt mich wie ein fest gewebter Mantel.

Die Kälte klirrt.

Das Licht weißer Sterne zuckt durch die Zweige.

Mitten im Wald habe ich ein Feuer gemacht.

 

Knacken.

 

Jemand oder etwas bahnt sich den Weg durchs Gehölz; kommt näher und näher…

Die Geräusche, überhöht in der Dunkelheit, kippen jäh in Bilder und verwandeln sich. Sie sind meiner Phantasie ausgeliefert, freigegeben zur hemmungslosen Manipulation. Ein Wildschwein, ein Reh, ein Igel, ein Jäger… alles kann in der Dunkelheit zu mir kommen.

Plötzlich erleuchtet der Schein meines Feuers das Gesicht einer alten Frau.

 

Ich erkenne das Gesicht meiner Mutter. Es ist zerfurcht und zerschlagen.

„Was machst Du hier in meinem Wald?“, frage ich die alte Frau.

Jeder Laut wird von der Stille geschluckt.

Ach, lass…

 

Schnee kommt aus dem Himmel, aus der Nacht; leise, leise schwebt er herab.

Das dichte Gezweig über uns hält die Flocken davon ab, auf uns zu fallen.

Hier im innersten des Waldes sind wir geschützt und ausgeliefert.

Hierhin führen keine Spuren.

Hier ist der Wald so dicht wie das von einer verzweifelten Spinne gewebte Netz.

 

Ach Mutter, wie alt Du geworden bist!

Dein Gesicht zerfurcht, zerschlagen. Ich erkenne Muster; sie sprechen eine unbekannte Sprache.

Tau tau, ein Wort aus Tahiti, heißt schlagen: mit einem kleinen Beil schlagen, in den Körper, den Kopf, das Gesicht. Tinte unter die Haut tropfen, in das Blut hinein. Es darf nicht zu stark bluten, doch der Schlag muss tief genug sein. Die schwarze Tinte kommt aus den Kapseln der Gallwespe. Asche in die Wunde reiben, damit eine Narbe bleibt. Tau tau.

Die schwarzen Linien bleiben. Punkte, Flächen, das Moko auf der Stirn, am Kinn.

Auf meinem Körper beginnen Muster zu sprechen: Haifischzahn, Hase, Ratte, Eule, Farn und Angelhaken reden durcheinander. Dann höre ich sie einzeln, nacheinander, deutlich und klar wie das Sternfunkeln.

Mutter, wie kommt es, dass Du eine Maori-Tochter hast?

Tau tau, Schneeflocken tanzen und landen auf den Zweigen. Sie zeichnen die Oberseite der Zweige weiß. Und dort ist doch eine Flocke durchs Gehölz gekommen und glitzert und schmilzt auf Deinem Haar.

 

Rascheln, Knacksen. Ein Windstoß fährt in das Feuer lässt es flackern. Es raucht, eine schwarze Fahne steigt auf wie das Segel eines Piratenschiffs, das die Südsee kreuzt. Black Pearl, eine schwarze Perle aus meiner schwarzen Phantasie.

 

Ein Fluss fließt unter dem kalten Waldboden. Er strömt unter meinem Feuer vorbei.

Ich setze Dich auf einen Kahn, Mutter, und lasse den Fluss Dich mitnehmen.

Ich lege Dir ein Brot in den Schoß. Mit einem Beil habe ich meinen Namen in die Kruste geschlagen.

Tau tau, lebe wohl…

wie du mir so ich dir

in rintocci di orologi
montone
petizione
a fine siamo solamente fiuto
effluvio e patema

Schlangen und Fische

… und wissen Sie, was die von einem wollen? Kaffee trinken! Oder spazieren gehen. Ja ich weiß, es ist höchste Zeit. Ich hatte da nie den Daumen drauf. Und der Bub ist verwöhnt. Die Mutter. Es hätte viel früher passieren müssen. Handeln hätte ich müssen. Mit 41 hab ich ihn jetzt rausgeschoben. Zu spät, ich weiß. Geh in deine eigene Wohnung. Das Terrarium mit der Umwälzpumpe hab‘ ich noch am selben Tag abgeschaltet. Die Schlangen und die Fische hat er mitgenommen. Ja wissen Sie, ich habe ihm das nie abgewöhnt. Warum? Mit seiner Mutter zusammen am Mittagstisch, die Reden, die Blicke, das halten Sie nicht aus. Wissen Sie, ich sage Ihnen das im Vertrauen, es gibt Frauen und es gibt Weiber. Ich hatte mal so eine Bekanntschaft mit einer einzelnen Dame, die wollte Tag für Tag spazieren gehen. Und wissen Sie, was sie danach im Auto zu mir sagte? Sie sagte, Leo, weißt du was, und jetzt gehen wir Kaffee trinken. Verstehen Sie das? Eine einzelne Dame, für gelegentliche Treffen. Verstehen Sie nicht. Verzeihen Sie, ich werde privat, ich kenne Sie nicht und Sie mich nicht, aber manchmal, da darf man schon was sagen.

Plädoyer für Marlen

Es gibt magische Verbindungen zwischen einem Buch und seinem Leser – wie es magische Verbindungen zwischen zwei Menschen gibt. Das trifft, wenn wir Glück haben, ein bis zweimal im Leben wirklich zu, dann aber mit einer körperlichen Wucht, die den Alltag aus den Angeln hebt. Und alles verändert.

Die erste Verbindung der magischen Art hatte ich im Alter von zwölf Jahren, als ich in das Buch „Wer die Nachtigall stört“ eintauchte. Sofort fühlte mich in eine vertraute Welt katapultiert, ich verhielt mich wie Scout, das Mädchen, und ich liebte Atticus, ihren strengen, aber gerechten Vater. Die Schilderung der rassistischen und zugleich menschlichen Verhältnisse in einer Kleinstadt in Alabama bei sengender Sommerhitze änderte mein Weltbild und war eine Art Initation in die Erwachsenenliteratur. Ich hatte keine Zweifel. Nur Glücksmomente. Dass es das einzige Werk von Harper Lee blieb, wusste ich damals noch nicht. Dreißig Jahre sollte es dauern, bis ich diese archetypische Erfahrung wieder machen durfte. Nur war sie nicht mehr so unberührt, etliche Lese-und Lebenserfahrungen – schöne, verführerische, quälerische – lagen dazwischen.

Eine Begegnung in der Schweiz setzte mich auf die Fährte von Marlen Haushofer. Mir war bekannt, worum es in der „Wand“ geht, aber erst das Wortfürwortlesen macht es so ungeheuerlich, so ansteckend, so leuchtend. Zunächst war ich irritiert von der unterkühlten Aufrichtigkeit und überrascht von der Einfachheit der Geschichte, die mit dem geringsten Aufwand an Handlung und Personal, ganz ohne Spektakel auskommt: Eine namenlose Frau überlebt allein in einer Hütte in den Bergen, eingeschlossen von einer unüberwindbaren gläsernen Wand, hinter der es kein Überleben gibt. Es gibt also keine Menschen mehr. Das schlimmstmögliche Szenario ist über Nacht eingetreten. Keiner weiß wodurch, keiner weiß warum und wie es zur Katastrophe kam. Nur mit sich allein, einer Kuh, einem Hund und einer Katze muss die Frau überleben, sich und die Tiere versorgen. Der Archetyp des einsamen Jägers, des sich in die Natur zurückziehenden starken Mannes in Gestalt einer Durchschnittsfrau Anfang vierzig, die plötzlich in dieses Schicksal geworfen wird. Um nicht den Verstand zu verlieren, schreibt sie alles nieder in unerbittlicher Selbstbeobachtung. Sie notiert die täglichen Widrigkeiten, die täglichen Verrichtungen, den täglichen banalen Wahnsinn, der Überleben zu jeder Tages und Jahreszeit bedeutet. Holz hacken, Erdäpfel jäten, Wiese mähen, Acker umstechen, Stall bauen, das Butterfass auf die Almhütte bringen und so weiter.

So schreibt sie die Wahrheit, da niemand mehr auf der Welt ist, dem sie etwas vorlügen müsste. Ihre Einsamkeit, ihr Erinnern dringen in mich ein. Und die schleichenden Fragen wie: Was lässt uns überleben, wenn wir einsam sind? Existieren wir ganz ohne Sprache? Was nutzt unsere kleine Kultiviertheit zurückgeworfen auf uns selbst? Was ist das Menschliche und wozu machen wir vergebliche Dinge? Kein Wunder geschieht, kein Pathos ist nötig in diesem Protokoll voll unaufdringlicher, fast absurder Wahrhaftigkeit. Ganz am Schluss kommt doch noch – überflüssigerweise – ein Eindringling ins Spiel, ein fremder Mann, den die Frau erschießt, nachdem er den geliebten Hund mit dem Beil erschlägt.

Die Distanz zwischen Marlen und mir ist aufgehoben. Ich übertreibe nicht, wenn ich bekenne, dass „Die Wand“ und Deine anderen Bücher unvergesslich sind. Ich sehe meine kleine Tochter anders und meine Katze, auch meinen Freund. Ihm erzähle ich mitunter von männlicher und weiblicher Moral. Sogar die Arbeiten im Haushalt übe ich ein wenig mit deiner Demut. Inzwischen kenne ich jedes mir zugängliche Detail Deiner Biografie. Wie ein Stalker fühle ich nach, was Du dachtest als Du aus dem Fenster sahst und unruhig im Garten hin und her liefst. Ich forsche zwischen deinen Buchstaben nach nichtgesagtem, nichteingestandenem. Ich bedaure Deine Liebesunfähigkeit, den Stein der Depression in deiner Brust. Um den Hals die gewöhnliche Fassade der ordentlichen Hausfrau und Mutter, die ihre Abgründe in aller Verschwiegenheit verbergen muss auf Tausenden von Manuskriptseiten, die immer wieder brennen und brennen.

Ich bin genauso gern allein wie Du, Marlen. Und ich weiß, wie Einsamkeit in Zweisamkeit kränken und krank machen kann. Ich habe eine Ahnung was die hässlichen Wörter Selbstentfremdung und Selbstbestimmung bedeuten. Zum Schreiben habe ich keine Mansarde, sondern ein Wohnzimmer, das geräumig genug ist, um mich abzuschirmen. Allerdings ist es ein Durchgangzimmer und das wird mir auf Dauer vielleicht nicht genügen. Du wolltest frei sein, Marlen, aber warum machst du dich immer so runter? Wir können auch in geordneten Verhältnissen frei sein, uns frei leben, oder nicht. Deine Bescheidenheit rührt mich jedes Mal, wenn ich ihr begegne und befremdet mich zugleich. Die passt nicht zu dem Geschriebenen, das das Ende aller Worte ins Grenzenlose, Unvorstellbare führt. Eine nie enden wollende, magische Geste. Warst Du manchmal verrückt vor Glück, Marlen? Ja, dann bin ich beruhigt. Wir werden die Zukunft nicht mehr los.

gegenwartsdichter

sie misstrauen der sprache
sie spalten silben (wie atome)
sie brechen (regeln und formen)
und erfinden neue perspektiven

sie misstrauen der sprache
aber lieben die sprachen
sie spalten silben wie atome
aber hassen den müll

sie wollen nichts erklären
sie wollen nichts beweisen
sie wollen verunsichern
und bewundert werden

sie verknüpfen widersprüche
sie verflechten unzusammenhängendes
sie müssen täglich neues bieten
um nicht von gestern zu sein

DIE WAND

deja-vu. alles mal gedacht, alles mal gefühlt. aber nie so brilliant in worte gefasst.
das empfehlenswerte wagnis der konsequenz.
und hier auch noch grandios in bilder umgesetzt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Wand_%28Film%29#cite_note-2

(man kann sich natürlich auch langweilen dabei. das hängt ganz davon ab).

Für eine Weile

Das Tempo ist gedrosselt. Zwischendrin ein Halt auf Freier Strecke. Die Müdigkeit baut sich langsam auf. Die Rentner sind ermattet. Das abgegriffene Shírt, jede Pore der Haut schafft eine Verbindung zwischen ihr und den Aphorismen der Außenwelt, die nun langsamer strömen. Jenna nickt ein in dem Nest aus Qualm, Wurstgeruch, Bananenduft und menschlichen Ausdünstungen. Hängt fest darin und teilt sich ein. Stille, für eine Weile.

Nur geträumt

Das Haus war leer. Abends nach acht, wenn die Mutter den Auflauf für Ausfahrdienste heiß machte, der Vater auf Sitzungen Lehrgänge vorbereitete, ging Jenna spazieren. Es war nach der Schulzeit. Das halbe Jahr vor dem Studium, das sie nutzlos verbrachte, lange schlief und abends allein durch die Straßen wanderte. Sie träumte von der Zeit danach. Jetzt ist sie darin, ist umgestiegen, sie wirft zwei Tüten und einen Koffer neben sich. Kalte Luft empfängt sie. Der Zug, in die sie eingestiegen ist, kommt aus Ost-Berlin. Man sollte die DDR endlich abreißen oder komplett zunähen, dann würde sie diese Züge nicht betreten müssen. Keine Geschichten von drüben hören. Rentner-Geschichten von Menschen, die für ein paar Mark in den Westen dürfen. Ein Mann erzählt von einem Puffbesuch und drei lesbischen Weibern, von geklauten Wurstbroten und dem Geschmack von Bananen. Jenna findet sich dumm und spießig. Friert in Omas Mantel, knöpft ihn zu, reibt sich die Fingernägel an der Stumpfhose blank. Etwas passiert dicht neben ihr. Es berlinert und sächselt. Sie hat das Elbtal schon einmal gesehen, ist durch die Grenze gefahren, hat sich mit der Schulklasse auf dem Kahn übersetzen lassen, hat das barocke, mit Moos überzogene Dresden im Gänsemarsch durchschritten, im Westbus gesessen, Burg Königstein besichtigt. Ein FDJler diskutierte nach Plan mit ihr und schlug ihr unplanmäßig eine Duschparty vor. Doch Jenna wollte sich nicht ausziehen. Sie war umwickelt von modischen Accessoires, mit Have-Peace Zeichen. Von Karo wurde ihr schlecht. Nach Hause zurückgekehrt, in die Welt von schnurgeradem Schulbus und Lila Pause, träumte sie einmal, sie stünde auf einem leeren Platz, es musste in Dresden sein, an den Steinen, an den Gebäuden erkannte sie es, hoch und nicht aus dieser Zeit, rings um sie herum vereinzelt Leuchtreklamen. Eine Mitschülerin ohne Wurstbusen fragte sie, was sie hier tue. Jenna sagte, sie wohne hier. Und dachte beim Erwachen, da komme ich nie wieder hin. Irgendwann einmal, in ferner Zukunft, würde sie auf den breiten Straßen entfesselter Geschichtslosigkeit spazieren gehen, unwissentlich von einer Landesregierung umgürtet, und einen Euro für einen Sandstein spenden. Vielleicht würde es in dieser Zukunftswelt sogar einen Menschen geben, der sich Gin nannte und der ihr sagte, wir Leipziger mögen die Dresdner nicht, da kommt alles von oben, wir jedoch sind voll von Freiheitsliebe. Wer beide Begriffe unter einen Hut brächte, sei ein König im Geist. Worte, die sie noch aus der Schulzeit kennt, Novalis, Hymnen an die Nacht, H.-Fragmente. Es war erinnerte Zukunft, viel zu gedrängt, und im Jahr der Zugfahrt von Jenna nur geträumt.

Vanillemilch

Auszüge aus einem geplanten Romanprojekt mit dem Arbeitstitel „Jenna liebt Gin“

Kurze Inhaltsangabe: Jenna, eine zu Beginn des Romans 19-jährige junge Frau, verlässt ihr zu Hause mit dem Ziel, das, was sie nachts träumt, in die Wirklichkeit zu übersetzen. Der Text besteht aus bisher 21 Szenen, in denen sich die Träume sukzessive in Wirklichkeit umwandeln, dabei aber andere Formen annehmen. Das Experiment besteht darin, dass Jenna anfangs noch nicht weiß, wer ihr eigentlicher Begleiter ist. Er taucht zuerst in ihren Träumen auf, dann aber auch immer deutlicher in der Realität, was Jenna immer wieder befremdet.

1.

Von vorn kommt ihr ein dicker Strang Wolken entgegen, fliehende Stromkabel, Neuland. Ein Birkenwald. Zwischenholz. Die Temperaturen sind um mehr als zehn Grad gefallen, am Morgen sah Jenna das Laub auf dem Dach und daneben den Schnee. Vor dem Fenster wirft es mit Blättern. Innen ist es ruhig. Käme sie jetzt von draußen herein, wäre es Schwitzen für sie. Links sitzt das Pärchen, durch dessen Küssen und Klatschen sie sich eben noch belästigt fühlte, ihr gegenüber der schöne Herr mit dem Schulbrot und dem silbrigen Haar, der Hosenträger hat und in einer Wochenzeitung liest. Er gehört sicher zu einer Art allein lebender Männer, die quietschende Schreibtischstühle haben, aus beruflichen Gründen jedes lokale Blatt lesen müssen und abends unter dem Druck einer unerledigten Schreibarbeit auf und ab pantern, ganz wie Max Goldt. Jenna ist mit Abstand die Jüngste in diesem Zugabteil. Sie weiß nicht, unter welchen Umständen dieser Herr sich Hosenträger angelegt hat, aus welchem Grund, ob er es einfach nur schön findet, aus einer Erinnerung heraus. Jenna sieht, dass es ein gefülltes Crevettenbrötchen ist, das er sich in den Mund schiebt. Gar kein Schulbrot. Hätte sie schon das Geld für eine eigene Wohnung, sie würde sich schwarze Vorhänge nähen lassen. Die halten graue Himmel fern und die Schneehügel auf den Blumentöpfen. Sie denkt an den Pferdeschwanz, der ihr frisch gewaschenes Haar versteckt und bündelt, der sie noch jünger aussehen lässt. Der Theatermann vorhin hat gesagt, wie fünfzehn. Jenna senkt den Blick auf die rosa lackierten, zu kurzen Fingernägel, das abgegriffene Shirt, das vom Mantel ihrer Oma verdeckt wird. Einmal aufs Klo gehen und nachsehen, ob das noch geht. Sie kommt nicht an den Schuhen der anderen vorbei. Der Kopf der Frau neben ihr fällt auf die Schulter des Mannes wie auf ein Kissen aus teurem Design, beide schlafen einen Rausch aus Filter-Zigarettenqualm und Weinbrandbohnen aus, die Frau schnarcht leise. Frauen über dreißig fangen fast immer mit Schnarchen an, hat ihr der erste Freund gesagt, seinen Vornamen kürzte Jenna mit dem Initial ab. Damals fuhr sie im Schulbus, auf dessen Boden bei Regen eine dunkle Brühe schwappte. Damals saß sie zum Mittag in der Schulkantine, wo es die weichen Brötchen mit hellgelbem Käse oder hautfarbener Leberwurst gab. Manche Mitschülerinnen wurden dicklich von Vanillemilch und Kakao, ihre Brüste wurden Würste. Jenna dreht den Kopf zum Fenster, an dem die Wolkenstränge vorbei rasen, fast froh, dieser Phase entwachsen zu sein.