Herzstück

Für A.

Ich werde Sie nicht stören. Trinken Sie einen lauwarmen Kaffee mit halbwegs aufgeschäumter Milch, nehmen Sie auch ein Glas Leitungswasser dazu. Ich weiß, dass sich unsere Gewohnheit, dieses auf dem Abstieg befindliche Lokal aufzusuchen, jetzt abschleifen wird, aber dies ist notwendig, um mit Ihnen neue Gefilde zu begehen. In Ihrer Kammer werden alle Informationen zuverlässig weitergeleitet und ausgefiltert. Was unwichtig ist, wird Ihnen nie bewusst werden. Ich verweise auf die getigerten Katzen und die Frau, deren geweißten Schürze sicher noch aus dem Haus ihrer Großeltern stammt. Obwohl Sie mir jetzt zuhören, während das Licht um uns herum blasser, die dunstige Luft kühler wird, können Sie links, etwa einen halben Meter unter sich, die Katzen wellenförmig über das Holz streifen sehen. Übrigens macht es mir nichts, wenn Sie vorübergehend die Orientierung verlieren. Ich leihe Ihnen noch eine Zigarette, die so leicht ist, dass Ihr Filter nur wenig davon berührt wird, seine Arbeit aber ohne Unterbrechung fortsetzt. Sie sind gesund und leichtsinnig. Sie sind mein Herzstück. Sie registrieren das scheidende Licht, die dunklen Kreaturen des Bodens, das brackige Wasser und schreiben zu Hause dies Plädoyer.

Zum Würfeln hat er nie geneigt, der Alte, und wenn er es hier einmal getan hätte, drei Sechsen wären diese Stunden mit dir und mir, dem Putengenuss und deinem aufgestellten Patent sicher nicht gewesen.

amsel

Auf einem Balkon etwas unterhalb, im Haus gegenüber, lehnt eine schmale Gestalt und raucht. Der safrangelbe Morgenmantel, die kurzen schwarzen Haare und ungewöhnlich weiße Arme, die über das Geländer ragen, lassen sie aus der Entfernung unwirklich aussehen. Eine rauchende Japanerin vielleicht. Falls es hier Japanerinnen gäbe. Die Gestalt blickt in eine andere Richtung. Die Amsel in den Vogelbeerbäumen schrillt davon. Lachsgelbe Schleierwolken erobern hastig den Horizont hinter den Häuserwänden und bedecken ihn ganz.

betrunken …

Wie wär’s mit ihr selbst? Haut. Deiner mitunter. Es giebt Lebensschwachstellen, denen du ausgeliefert bist. Wie Liebe. Und dem danach. Hodensack du berührst die Möse ganz sanft, wie eine betrunkene Dasisseskeit. 

wie umarmen …

als schiene die sonne extra in meine obdachleere … als (be)trüge sie mich nie mehr … als (be)stürzte sie sich : auf mich … als fing(erte) sie mich an jedem einzelnen haar auf …

Dementi

Eine Konstante brach.

Raumzeitraumzeitraumweittraumzeittraum

Klar°

Die Stimulanten erkannten:

 

Es bleibt die Wunder-Bar.°

 

zwischen vesuv …

Nun hätt ich mich fast verliebt in meine Entgeisselung. Es ist der Vesuv, der Verruf gewesen. Abergläubig am Rest vom See(lenleben). Um dich ufern zu lassen. Mir genügt kein Tröpfchenhirn. Ihr habt mich auch nie ausreden lassen. Will nur noch … willst du nicht auch … die Schwere der Freiheit, also des Lächerlichseyns, auf deinen Lidern spürn?

wie geschlechtlich …

Wie geschlechtlich wär dein Mund fein geblieben … Im Gegenteil. Mit dem Grab und dem Gesicht und dem Tod. Kommst du dir manchmal so vor : an manchen Tagen. Flucht ins Dunkle. Oder ideologische Sprache. Also Sprechen Müssen um Geld zu verdienen. Um nicht getötet zu werden. Oder längst getötet worden zu seyn.

Hätten wir uns Gewebe angehäuft. Sag ich dir. Aber du wolltest ja nichts davon hören. Ausser dich. Warst immer still. Was ich dir schreie: Warum wolltest du nie Gewalt ausüben? Aus dir auch. Schreist du – oder scheibst du mir mal?

1

Ich rede nicht mehr: übersetze nur noch die Spannung zwischen meiner Enttäuschung + dem Züngeln zu den Worten. Mitten im Nichts. Wollt ich nichts mehr sagen. Es bleibt immer die Schönheit der Enttäuschung, diese Tiefe. 

Haltestelle B.

Zwischendurch diese vielen Zeilen, die ich durch die Scheibe sehe, beim Davonfahren aus der Haltestelle Buschweg, dies schöhne Schleifen der Räder über die frostigen Schienen bis fast zu Hause, bis du mir schon mit deinem Atem etwas näher bist und immer näher kommst, es giebt nichts Schlimmeres als deine kalte Schulter, was ich schon von Anfang so gefühlt hab, von der ersten Nacht an, aber ich wollt das Maul nicht aufmachen, man glaubt ja immer an was anderes

wahn: oder du mir

… nur noch beitragen zum schund … lange fettige haare … hau ich mir bald noch nen ½ zahn raus + lach umso lieber … um mich noch weniger hinzuzufügen: zu den hoffenden, die von liebe unter den menschen oder so nem wahngebilde reden …

Wintersuppe

In schlechten Sommern machst du mir im Stadtpark die braune Wegschnecke vertraut. Schneckenkorn gibt es nicht in deinem Haus. Ameisenköder werden zu Ladenhütern unter deiner Regie. Du hast Zimt verstreut, dessen samtiger Duft die Ameisen-Armeen der Speisekammer wieder unterhalb des Kellers einquartiert, während du in den oberen Etagen an meinem Nachthemd herumzupfst. Dich mit den Federn der tollbunten Hähne schmückst, mir gefüllte Kissen unterschiebst. Der Hühnerstall strotzt vor Regenwürmern, die gefressen werden wollen. Lupinen, Gladiolen und rindenumgürtete Apfelbäume schmücken dein Reich. Ich sehe Tofu auf deinem Teller, Zucchini in der Pfanne. Puten, deren Kopf du nicht kennst, lässt du im Tiefkühlregal. Die Köpfe der Hühner, die deinen Stall bevölkern, köcheln bald schon in der Wintersuppe.

Einboxen

Kann eine ein Behältnis haben. Muss sich einboxen. Ins enge, zerknisternde Kleid. In tiefgekühlte Fertigpackung. Es wäre dasselbe, als wenn du kochst. Ist doch alles zubereitet. Du würdest es mögen. Wenn du die fertige Packung knackst, splittert Eisstaub durch deine Küche. Deine Fingerkuppen trocknen Gefrier. Schneiden – das Fleisch, die Möhren, die Pilze mit ihren Hüten birgt dagegen mehr an Gefahren. Ein stumpf gewordenes Messer. Trennt dir die Sehnen auf, beim Schweifen deines Blicks auf die Weichbestrumpften. Tiefgefrorenes tut dagegen nicht länger weh. Es kocht für sich selbst und du hast bildlose 20 Minuten Langeweile. Da verschränkst du die Arme und wippst mit den Füßen, verrenkst dich, wendest alle Kraft auf für dich. Dir krachen die Knochen vor Ödnis. Wenn deine Mahlzeit bei 200 Grad, schwimmend im eigenen Saft, nicht taut, sondern sofort von allein zerkocht.

Das 13. Gebot

Und sonst? Kein Biß, keine Schärfe, kein Ingwer, keine Peperoni, keine Zwiebel – schal, neutral, lau, seicht. Tja, das Leben ist eben kein Kindergeburtstag und Wundertüten gibt es nur bis zum Alter von 12, basta! Danach sind Depressionen angesagt. Oder Lähmungserscheinungen. Oder Reisebeschreibungen von John Locke. Und jetzt klopf ich mir auf die Finger. Denn das 13. Gebot wurde überschritten:

D U  S O L L S T   K E I N   W I R R E S   Z E U G  S C H R E I B E N !

wörtliche lähmung

außen von schleim überzogen
der sich ständig erneuert
und innen versteinert
produziert dieses tier
ein lähmendes gift

macht euch keine sorgen
es tut dies in ständiger angst
gefressen zu werden

einfach nicht anfassen
und links liegen lassen
beim nächsten tauchgang
im riff raff

Querschnitt

Opas Canaletto Blick,
wärmlich einquartiert.
Sachsenpfennig
wuchert ins Polster
schmalsitzig über’s Biedermeier.

Handtuchtoll und Waschmichlappen.
Macht so schönes Licht.
Koffer auf. Durchgemessert.

Nackt: wie Wäschekorb.

Beim Wort Schmerz fiel ihm diese wunderschöne nackte Frau am Strand mit dem silbernen Fußkettchen ein. Sie war zu schön, um berührt zu werden. Also hat er sie nur angesehen, was sie so aufgefasst hat, als begehre er nur ihre Linien und Kurven, die sich, als sie aus dem Wasser stieg, in den Himmel malten. Sie sah ihn ernst an. Fast ein wenig abfällig. Es schmerzte, weil es ihn an seine letzte Freundin erinnerte. In einem gelben Wäschekorb (ein Gitterstab war zerbrochen, an der Stelle kroch seine lange grüne Sporthose heraus) brachte sie – wie hieß sie noch mal?, die letzte –  ihm seine Sachen zurück.

Fiel die Liebe: aus dem Leben.

Die beiden Hunde hatten sich neben mich gelegt. Die, sagte sie, haben auch seit einer Woche nichts mehr gegessen, der eine brachte mir gestern einen seiner Schuhe. Die beiden hatten dieselben traurigen Augen. 

Luftschutzkeller aufsuchen!

Saal sofort räumen! Ruhe u. Ordnung bewahren! Luftschutzkeller aufsuchen oder schnell nach Hause begeben!  Gasmaske mitbringen! Auf der Straße kein Licht machen! Keine Zigaretten anzünden.

storno.

Vor allem bei geöffnetem Fenster. So wie letzt beim Verlassen der Kathedrale. Deine Füsse inmitten oder weit ab deines Stornolebens. Ich weiss ja nicht, ob du dir noch selber glaubst. 

Du weisst gar nicht …

Nachher hatt ich den Eindruck, als sei’s dein Lieblingsthema gewesen. Ohne Ohrensessel geht kein Mensch ehrlich durchs Feld. An die Welt. Uhh, das ist es. Mein Bekenntnis. Zumindest für den heutigen Tag. Ich gehe bloss an die Welt. Mehr nicht. Mit ihr würde ich mich wohl verstopfen. Und weisst du, wie elendig du daran krepiern kannst? Du weisst gar nicht, was die Einstellung zur Aussenwelt bedeutet. Oder hast du Paranoia vor so was wie Einsamkeit. Dann bringt man sich halt um. Muss ich mich deshalb verfügen. So ausgeben wie einer, der überleben will. Weil ihm das Ganze so fürchterlichen Spass macht? Hintergeh doch mal dein Abträumen.

John Locke in Russland (1)

Im Sommer 1680 reiste er überraschend für seine Freunde in Richtung Holland ab. Was er dort wollte ist nicht überliefert. Vermutlich trieb ihn eine der immer zu gewärtigenden Kampagnen aus dem Land, mit denen Gerichtsprozesse vorbereitet wurden. Er interessierte sich nicht sehr für China, aber die Richtung seiner Fluchtgedanken ließ ihn dieses Mal nicht an Rückkehr glauben. In einem Traum des Spätsommers 1680 reiste er von Amsterdam aus in Richtung Osten ab. Was er dort suchte drang nicht zu ihm durch, vielleicht einen in den Vorstädten spielenden Prinzen, vielleicht eine Antwort auf die Frage nach Gottes Gerechtigkeit. Er starb einige Jahre darauf zu Hause und hinterließ keine Antworten. Der Herbst 1680 hatte ihn ganz in Erwartung des Winters gesehen, und der Winter kam. Jede Abreise ins Ungewisse war ein Traum von Ankunft. Der Palast, in dem die unbeschwerte Wahrnehmung wohnen sollte, wurde in jenen Jahren fertiggestellt. Nach dem Tode aber gab es niemanden mehr, der darin hätte wohnen können. Und natürlich findet jeder fertige Palast seinen Bewohner, zu manchen Zeiten auch mehrere. Und weil die Winter in den Palästen so kalt sind, bleibt den Träumen im Sommer nichts weiter übrig, als sich samt der geballten Erinnerung nach der Sonne zu sehnen, die ein Teil des Gedächtnisses werden kann oder auch nicht.

futurgrün

ich wandere meine einsamkeit überall hin auch zu dir mein glücksrittersporn im spriessenden alphabet der enthüllungen wenn du mir sprachgesellschaft leistet mein herzrasen schneidest einander wiegend im schritte unsrer innigkeit dein milchfarbenes dorf in der manteltasche wie eine murmel im frühlingsmund die blutsaugerouvertüre gen himmel verpufft als sprächen wir draussen anders als dasselbe in grün wir holpern über träume beim öffnen der zimmertür schön auftauchen immer sentiment voran

Friedlicher, schlummernder Atem

In der Nüchternheit meiner fast besoffenen Freude fragte ich dich, ob du nicht hier einziehen willst. <Einige Jahrhunderte Pause, das Schweigen war selbst bereits Ausdruck geworden> Als Reaktion auf eine klar gestellte Frage erklang deutlich die Antwort: Warum nicht? Mir fiel nichts ein, also schwieg ich. Eine weitere Gegenfrage hatte sich aus pragmatischen Gründen verboten, Antworten dagegen hättest du dir energisch verbeten. So blieb es bei deiner Problembestimmung: Warum nicht? Das Schweigen dauert nun schon Jahrzehnte an; nichts geschieht in der Sprache. Unsere Körper aber sitzen und sitzen in einem einzigen Erwachen

Der Helm Fehlt.

Vom verfeinerten Haar hatt ich vorhin gesprochen. Hatten wir die farblose Lippe schon. Und ich lache plötzlich auf: aus dir. Mir wär da eine Erkenntnis geblieben. Du wunderst dich, weil ich Bauarbeiterhandschuhe trage beim Spülen. Und mir Resttomaten innen Mund schiebe. Es könnte mal eine grosse Geschichte werden, denke ich, und hör von dir, dass ich dir mal inner ruhigen Minute die ganze Story erzählen solle. Was willst du von mir. Oder mach nen Film draus. Sonst scheiss ich dir innen Hals. Bis du erstickst. Du bist von den kleinen Vs: mehr nicht.

So viel Bewusstsein hätt ich mir selbst nicht zugetraut. Immer zu viel!

Danach wieder Ernüchterungsphasen. Ich will nur meine eigene Haut lecken. Nein!! Den Moment erleben!! Des Abhebens, Ablebens, Auflebens.  

Abgelegtes Zuvorkommen.

Die Versäumnisse in deinen verschärften Gedanken, die nur gegen die letzten Tage deines Fleischs angegangen sind – an deiner Lippe hing ein feines Haar. Es bewegte sich immer mit, wenn du etwas sagtest. Du wusstest genauso gut wie ich, dass sich dafür niemand mehr interessierte.

Das abgelegte Zuvorkommen, gut drauf, liess mich noch mal kurz aufhorchen. Danach schlossen wir uns wieder aus. Herrliche Verwilderung.

Verabscheu.

Als sei die Zeit der leitenden Signifikanten vorbei, so zittern mir oft die Glieder. Es entsteht dann wieder so etwas wie in Anführungszeichen. Weisst du, wie schöhn es ist, dass du mir meine Begreifbarkeit lässt. Gefiederst. Unendlich tief getroffen, aber vielleicht zurecht, war ich, als du in der Tür sagtest, dass du mich nur aufgrund meines verlierenden Blicks mich aus deinem Leben schmeisst …

Zum Faulen See.

–           Der andere Schritt zum faulen See: wie verbrennt meine Seele über den Tag. Mehr noch in der Nacht. Was ist wahrhafter als die mich erwürgenden Wörter. Uh, ein Auflachen im Schacht, wir hatten schon so viel Licht. Nun entträumt es uns manchmal. Mach dir nix draus.