Vanillemilch

Von | 27. Oktober 2012

Auszüge aus einem geplanten Romanprojekt mit dem Arbeitstitel „Jenna liebt Gin“

Kurze Inhaltsangabe: Jenna, eine zu Beginn des Romans 19-jährige junge Frau, verlässt ihr zu Hause mit dem Ziel, das, was sie nachts träumt, in die Wirklichkeit zu übersetzen. Der Text besteht aus bisher 21 Szenen, in denen sich die Träume sukzessive in Wirklichkeit umwandeln, dabei aber andere Formen annehmen. Das Experiment besteht darin, dass Jenna anfangs noch nicht weiß, wer ihr eigentlicher Begleiter ist. Er taucht zuerst in ihren Träumen auf, dann aber auch immer deutlicher in der Realität, was Jenna immer wieder befremdet.

1.

Von vorn kommt ihr ein dicker Strang Wolken entgegen, fliehende Stromkabel, Neuland. Ein Birkenwald. Zwischenholz. Die Temperaturen sind um mehr als zehn Grad gefallen, am Morgen sah Jenna das Laub auf dem Dach und daneben den Schnee. Vor dem Fenster wirft es mit Blättern. Innen ist es ruhig. Käme sie jetzt von draußen herein, wäre es Schwitzen für sie. Links sitzt das Pärchen, durch dessen Küssen und Klatschen sie sich eben noch belästigt fühlte, ihr gegenüber der schöne Herr mit dem Schulbrot und dem silbrigen Haar, der Hosenträger hat und in einer Wochenzeitung liest. Er gehört sicher zu einer Art allein lebender Männer, die quietschende Schreibtischstühle haben, aus beruflichen Gründen jedes lokale Blatt lesen müssen und abends unter dem Druck einer unerledigten Schreibarbeit auf und ab pantern, ganz wie Max Goldt. Jenna ist mit Abstand die Jüngste in diesem Zugabteil. Sie weiß nicht, unter welchen Umständen dieser Herr sich Hosenträger angelegt hat, aus welchem Grund, ob er es einfach nur schön findet, aus einer Erinnerung heraus. Jenna sieht, dass es ein gefülltes Crevettenbrötchen ist, das er sich in den Mund schiebt. Gar kein Schulbrot. Hätte sie schon das Geld für eine eigene Wohnung, sie würde sich schwarze Vorhänge nähen lassen. Die halten graue Himmel fern und die Schneehügel auf den Blumentöpfen. Sie denkt an den Pferdeschwanz, der ihr frisch gewaschenes Haar versteckt und bündelt, der sie noch jünger aussehen lässt. Der Theatermann vorhin hat gesagt, wie fünfzehn. Jenna senkt den Blick auf die rosa lackierten, zu kurzen Fingernägel, das abgegriffene Shirt, das vom Mantel ihrer Oma verdeckt wird. Einmal aufs Klo gehen und nachsehen, ob das noch geht. Sie kommt nicht an den Schuhen der anderen vorbei. Der Kopf der Frau neben ihr fällt auf die Schulter des Mannes wie auf ein Kissen aus teurem Design, beide schlafen einen Rausch aus Filter-Zigarettenqualm und Weinbrandbohnen aus, die Frau schnarcht leise. Frauen über dreißig fangen fast immer mit Schnarchen an, hat ihr der erste Freund gesagt, seinen Vornamen kürzte Jenna mit dem Initial ab. Damals fuhr sie im Schulbus, auf dessen Boden bei Regen eine dunkle Brühe schwappte. Damals saß sie zum Mittag in der Schulkantine, wo es die weichen Brötchen mit hellgelbem Käse oder hautfarbener Leberwurst gab. Manche Mitschülerinnen wurden dicklich von Vanillemilch und Kakao, ihre Brüste wurden Würste. Jenna dreht den Kopf zum Fenster, an dem die Wolkenstränge vorbei rasen, fast froh, dieser Phase entwachsen zu sein.

Kategorie: Trauersymmetrie

Über samtmilbe

Marianne Kramer: ich mag warme betten, bettlaken im sommer auf der leine, seile mich auch ab, denn ich gehöre zu den spinnentieren. mit der blutlaus hab ich nichts am hut - die kriecht gemächlich auf baumstämmen und bevölkert fensterbänke. im grunde bin ich auch nur eine kohlenstoffkette.

3 Gedanken zu „Vanillemilch

  1. kritiker

    denis scheck: zu dicht, zu viele bilder – entzerren, das macht lust auf mehr. mehr vom zwischenholz und wolkenstränge. klasse!

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