Archive for the ‘Realitätsschatten’ Category

“Das ist doch alles verrückt”

Sonntag, April 29th, 2018

Manchmal fragt sie sich, wer sie ist. Gibt es das überhaupt, dieses „Ich“, oder ist es eine Illusion? Zu oft hat sie sich in diesen Rätseln verlaufen, eine Mischung aus Wut und Empörung empfunden, dass sie so unmündig ist und nicht einmal sich selbst be-greifen kann. Währenddessen wird der Alltag immer oberflächlicher, rieseln Informationen auf sie ein, die sie nicht ausreichend in Wissen umwandeln, geschweige denn zu Erkenntnis verarbeiten kann. Sie ist nicht mehr in der Lage, sich zu fokussieren und verliert sich in der Gleichgültigkeit, im Zuviel. Überall herrscht Konkurrenz zu ihr selber, sodass sie sich entgleitet.
Das Erleben wird mit dem Alter immer schwächer. Der Abstand zwischen außen und innen steigt an; so kann auch die Natur nicht mehr in sie eindringen wie einst, als sie noch ein Kind war. Das nimmt bisweilen absurde Züge an: Sie befindet sich auf einer Bank in den Dünen und blickt auf das Meer. Auf einmal überkommt sie das Gefühl, sie säße in ihrem eigenen Foto. Die Erinnerung, das künftige Andenken ist realer als der Augenblick und stülpt sich über ihn. Die Wahrnehmung von Wirklichkeit wird unklar; alles ist nur noch Bild, und ihr ist, als hätte sie einen großen Schritt in ein Blatt Papier gemacht.

Ich schwebe über der Wiese meines Elternhauses. Ich bewege mich ein paar Zentimeter über dem Boden, damit mich keine Wespen in den Fuß stechen, denn ich bin barfuß. Es ist ein warmer Sommertag und die Johannisbeeren hängen reif an den Sträuchern. Eine Liege steht in der Nähe, hinter dem früheren Schaukelgestell, ein Stück abseits vom Apfelbaum.
Mein Vater und seine Frau fahren mit dem Rad hinter der Hecke um die Kurve, nehmen mich wahr; dann bin ich wieder allein.
Ich weiß, dass alle Gegenstände eine gewisse Unschärfe in ihrer Position haben, zugleich mehrere Zentimeter versetzt existieren. Ich frage zweimal auf Englisch, warum das so sei.
Auf einmal ist alles dunkel und ich werde in einen Tunnel gezogen. Das Ende erreiche ich nicht mehr. Auch die Antwort bleibt aus.

Noch einmal versucht sie, sich in diese Wahrnehmung hineinzubegeben; doch schon jetzt kann sie sie nicht mehr nachfühlen. „Was für ein Unsinn“, denkt sie. Gleichzeitig kommen ihr Schlagworte wie „Unschärferelation“ in den Sinn. Warum die Figuren nie kooperieren, fragt sie sich.

Ich schwebe durch Gänge. Das Licht ist wunderschön, blau und weiß. Ich habe Mühe, meine Höhe zu kontrollieren. Ich befinde mich in einem Gebäude mit mehreren Stockwerken, und man kann sie mit etwas Auftrieb wechseln. Auf einmal hört das blaue Licht auf. Es wird dunkler. Das weiße Licht bewegt sich jedoch mit mir, und ich merke, dass ich es ausströme.
Ein Paar kommt die Treppe herunter. Ich frage etwas. Der Mann sagt: „Musst mal mit den Henningen reden.“ Ich verstehe ihn nicht und will Genaueres wissen. Er fährt fort: „Erster deutscher Trinker, übrigens nach der Akademie ‚Die Liebe‘“.

Wieder will sie sagen: „Das ist doch alles verrückt“.

Ich schwebe über einer Landschaft, werde immer schneller, bis ich nichts mehr erkenne und sich plötzlich alles zu einem Tunnel verdichtet. Ich bin bei klarem Bewusstsein. Über der Landschaft empfinde ich Freude und überlege, was ich machen soll; dann Enttäuschung, dass ich die Vorwärtsbewegung nicht bremsen kann. Plötzlich halte ich an, und zwar vor einer kaum erkennbaren, statuenartigen Gestalt, die reglos nach oben ragt und den Ausgang zu blockieren scheint. Ich bin nicht einmal sicher, ob es sich tatsächlich um ein lebendiges Wesen handelt oder ob meine Phantasie der Dunkelheit eine Form gibt.
Dann schwebe ich rückwärts. Der Tunnel hat jetzt Wände aus Brettern, zwischen denen ich Lücken wahrnehme, aber von draußen dringt nur Nacht herein. Am Rand befindet sich eine Frau. „Wie heißt du?“, frage ich. „Jens.“

Sie ist überrascht. Was soll das Ganze hier überhaupt?

„Bist du tot?“, will ich wissen. Ich lächele über mein eigenes Spiel, das ich damit scheinbar beginne, fühle mich für einen kurzen Moment überlegen.
„Ja, wir sind eine andere Zeitbindung. Eine Zeitbindung Gottes.“ Die Stimme hat jenen typischen Klang, an dem man sofort einen Film erkennt.

Wenn sie aus dem Zugfenster in die Landschaft schaut, einen Augenblick durchatmet und das Leben dort draußen spürt, merkt sie, wie nichtig das ist, was als wichtig gilt, hier und jetzt.
Einen Moment lang ahnt sie: Menschen sind Fragmente, in die Welt geworfen, von ihr gemacht – und doch können sie nicht einmal sich selbst erfassen, weder im Traum noch im Wachzustand. Teile von ihnen formen sich beim Aufprall, ändern ihre Gestalt – und dann ist es der Verstand, der sie wieder zusammensetzt, sie aneinanderlegt wie Puzzlestücke, in der Hoffnung, dass sie passen, ein Ganzes ergeben. Manche lassen sich nicht einfügen, erscheinen fremd neben größeren Flächen. Wieder andere werden aus dem Inneren herausgerissen, dass eine Lücke bleibt – bis die Teile wieder in die Welt fallen, von ihr neu geformt werden. Vielleicht passen sie eines Tages aneinander. Wie oft sind sie unsortiert, nur Bruchstücke, die auf und ab rutschen und anstoßen. Das Leben macht sie härter, weniger formbar. Ob sie so je ein Ganzes ergeben?

Noch immer weiß sie, dass sie nichts weiß.

Solidaritätskippa oder die Reise zum toten Mehr (Flucht und Wiederkehr XXII)

Mittwoch, April 25th, 2018

Dieses eine, seltene Gefühl, das einen beispielsweise überkommt, wenn im Frühling der Himmel grau, windig und regnerisch, aber die Blätter der Straßenbäume jung und grün sind, wenn beschmierte Klinker-Häuserwände sich mit kleinen, bunten Altbauladengeschäften abwechseln – die eine Hälfte des Gesichtes traurig sein und die andere lächeln will.

Kurz vor Beginn der ersten Intifada steht der Junge – fünf Jahre alt – vor einem, ihm wie ein riesiger, bearbeiteter Monolith einer fantastischen Küste, ja eines fremden Planten entraubt erscheinenden, grauen Betonklotz inmitten der unbarmherzigen Hitze eines, so hatte er – erzogen von atheistischen Wissenschaftlern – gelernt, ‘heilig’ genannten Landes.

Seine Eltern und er, nach ihrer Ankunft ob ihrer Herkunft und Sprache mehrmals wie aus dem Nichts übelst, fast handgreiflich beschimpft, setzen ihm rasch eine kleine Kippa auf und betreten das Gebäude mit ihm. Er versteht nicht, was das gedämmte Licht, was die Tafeln mit den vielen Namen, die Bilder der so unglaublich mageren Körper, mit ihren traurigen und teilweise unendlich leeren Blicke bedeuten, er fühlt sich unangenehm berührt, empfindet gleichwohl, der kindlichen Gabe zur Empathie entsprungen, Pietät und schweigt, nicht wagend, den ihn umbegebenden fremden Gesichtern seine Antwort auf die Last der Zeit, die er der Welt an diesem Ort zu schenken bereit ist, offen zu bezeugen.

Er war zuvor durch Wüsten gefahren, hatte in Salzlake gebadet, belebte Basare und verfallene Stätten besucht, eine davon hoch oben auf einem Berg, durfte, auf dem Weg durch dieses öde und doch so wunderschöne Land auf den Schultern seines Vaters eine Pomelo am Rande einer Plantage abpflücken und im Garteninnenhof eines Freundes der Familie das unglaubliche reiche Bouquet jener Blumen erschnuppern, die dort gedeihen, wo die Sonne, anders als in seiner Heimat, Gesetz ist. Ein unsichtbarer Gott, ohne Namen – Richter ist Er.

In Betlehem war man mit ihm in eine Grotte, die Geburtshöhle hieß, herabgestiegen, auch dort schien ein diffuses Licht, doch die Wände schmeichelten – leicht feucht, fast rund, als hätten die Hände tausender Besucher sie geglättet – und der Weg gewundener, ohne Ecken und Kanten gespickt, ja, das einzig gerade dort unten, dachte er, hatte in den Planken der Stege und den Brillen der Besucher bestanden. Er erinnerte sich daran, den Ort genossen zu haben, vielleicht nicht so sehr wie den Garten, das Picknick mit der selbstgepflückten, unbekannten Frucht, oder den Blick vom Berg in die schier endlose Ebene, aber doch, es war angenehm gewesen dort unten.

Hier hingegen, so überkommt es ihn, war ein bleierner Vorhang zwischen allem, was ihm in diesem Land begegnet war gezogen worden, der Ort war der Ausdruck purer Hoffnungslosigkeit, alles Organischen beraubt, die unmenschliche, dunkle Strenge der Formen dieses Gedenkens bedrückte ihn, drohte ihn zu begraben, zu ersticken, jene ausweglose Ernsthaftigkeit eines unvorstellbaren Mordgewitters, dessen Essenz anschließend zu diesem Sarkopharg erstarrt war und nun mit seiner kleinen Seele rang. Ein Lächeln, war er sich sicher, nur ein stilles Lächeln voller Hoffnung und Liebe konnte ihn, konnte die Welt von dem Fluch, der diesem Ort innewohnte, erlösen.

Herausragendes Exemplar mit grauen Wangen

Montag, April 16th, 2018

Sie fügte sich so geschmeidig in die immer kleiner werdende Normalität, wie der Begriff von Experten definiert wurde, dass jeder Spaziergänger sie fast übersah. Doch da sie nichts hatte, woran man sich stoßen konnte, gab es auch keinen Zusammenprall.
Wenn sie über die Entwicklung nachdachte, die das Normale mit den Jahren durchlaufen hatte, war sie für einen kurzen Moment mit sich im Einklang. Man könnte fast meinen, sie freute sich, dass es stets strengeren Regeln unterlag und weiter nach oben korrigiert wurde. Neue Diagnosen wie disruptive Launenfehlregulationsstörung stellten in Frage, was sich bisher noch innerhalb des Rahmens befand. Dadurch konnte sie – die im Alltag Unscheinbare – glänzen. Sie funktionierte. Ja, sie war einwandfrei. Unerhörte Dinge wie Gefühle hatten in dieser Welt nichts verloren, waren jedenfalls nur zu bestimmten Anlässen zugelassen. Das wusste sie, und sie verstand es, das dünne Seil der Vorgaben um ihren Körper zu wickeln, ja sogar damit zu tanzen. Einmal im Leben war sie bereits mit dem Tod konfrontiert worden. Einen Augenblick hatte sie geweint – eben jene erwartete Regung. Anschließend ging sie zum Alltag über, als hätte ihr Chef auf eine Taste gedrückt, die diesen Effekt bewirkte. Mehr als zwei Tage Niedergeschlagenheit entsprachen nicht der Norm dieser Gesellschaft, die sie stets so hervorragend repräsentiert hatte. Das nannte man stark.
Doch dann passierte etwas. Sie hatte geglaubt, auf alles vorbereitet zu sein. Die Erkenntnis aber, dass sie an dem kleinen Absatz nichts ändern konnte, der zum Regelwerk für alles nicht Normale hinzugekommen war, löste eine tiefgreifende Wandlung in ihr aus. Jedenfalls schien ihr das so. Als sie nämlich an jenem Morgen vor dem Spiegel stand und sich das Haar richtete – gescheitelt und streng, wie es sich gehörte – war die Haut ungewöhnlich fahl. Sie trug ein schwarz-weißes Kostüm, das gut zu dem Grau ihres Gesichtes passte. Warum war es auf einmal so verfärbt?
Sie versuchte, auf die Augen zu achten. Sie wirkten unverändert, doch das Gesicht nahm insgesamt knochigere Züge an und das Kinn ragte spitz nach vorne. Plötzlich teilten sich die Augen und auf jeder Seite gingen zwei einzelne Augen ineinander über. Sie erschrak. Sie begann doch nicht etwa, zwei Personen zu werden? Vier Hände, doppelte Arbeitsgeschwindigkeit … Wäre das nicht sogar praktisch? Rasch verwarf sie den Gedanken wieder. Nach einigen Minuten verschwand der Effekt und die Augen rutschten übereinander, dass nur noch eins auf jeder Seite zu sehen war.
Sie rieb sich über das Gesicht, blickte noch einmal genauer in den Spiegel – alles schien wie gehabt – und zog sich Schuhe und Mantel an. Erst auf der Straße fühlte sie sich wieder seltsam, glatt und kalt. Ihr Gewicht hatte schlagartig zugenommen, allerdings konnte sie sich immer noch hervorragend bewegen, vielleicht sogar besser. Zwar machte ihr Knie von Zeit zu Zeit ein quietschendes Geräusch, doch nichts war mehr ermüdend. Sie blieb einen Moment stehen und hob und senkte das Bein. Sie spürte gar nichts. Es fing an zu regnen, doch die Wassertropfen perlten von ihrer Haut ab, ohne dass Feuchtigkeit zurückblieb.
Eigentlich hervorragend, dachte sie. Aber war das wirklich so vorgesehen? Glaubte sie dem neuen Krankheitssyndrom, das heute Morgen durch die Nachrichten flackerte, war ihr Glück dahin. Zuvor war ihr all das nie aufgefallen. Doch jetzt war ihr Körper präsent und ihr Denken hatte eine Richtung entdeckt, ausgelöst durch dieses neue Wort, eine Richtung, die sie noch nicht kannte. Sollte sie sich krankmelden? Nein, das war unmöglich. Sie öffnete die Tür zum Büro, ging an ihren Platz und fuhr den Computer hoch. Auch ihre Finger hatten sich verändert. Einen Hauch zu metallisch wirkten sie, und wenn sie an die Gelenke fasste, blieb ein öliger Schleim zurück. Sie hatte Angst, ihr Chef würde es entdecken. All die Dinge, die ihr sonst eine gewisse Befriedigung gaben – zum Beispiel, dass sie von den Mitarbeitern am schnellsten tippen konnte – waren auf einmal zu einem Unsicherheitsfaktor geworden, zu einem großen Unbestimmten, das ihr vielleicht bald den Boden unter den Füßen rauben würde.
Mittags hielt sie es nicht mehr aus und verließ das Gebäude. Als der Chef sich bei ihr verabschiedete, nicht ohne einen besorgten Blick auf sie zu werfen, sagte er: „Du hast hervorragende Hände“. Hatte sie das? Natürlich. Jetzt wusste sie wieder, dass alles im Lot war. Sollten sie doch machen, was sie wollten, „Temporäre Maschinisierung“ war kein Syndrom. Nein, eine Stärke. Hatte der Chef das nicht mit seiner wenig subtilen Bemerkung persönlich angedeutet? Bei dem Gedanken ging es ihr wieder besser.
Am nächsten Morgen, als sie mit einer quietschenden Fingerbewegung den Wasserkocher betätigte, akzeptierte sie, was geschehen war. Sie wusste: Das alles war nicht weiter schlimm. Die graue Farbe, die metallische Glätte, sie konnte beides zu ihrem Vorteil einsetzen. Die anderen waren nur noch ein Blatt Papier. Sie konnte darüber laufen; sie konnte es beschreiben oder mit schwarzen Tintenflecken bespritzen.
Sie dagegen war hart und glänzend, mit silbernen Rädchen, wo einmal ihre Knie gewesen waren. Ein Markenname.
Ein 30 Jahre altes Modell, sagte ihr Chef und goss Öl ins Getriebe.

A Day In The Life (Flucht und Wiederkehr XXI)

Donnerstag, März 22nd, 2018

“Elle est de Livron-sur-Drôme”, flüsterte ein Geist. “Liesville-sur-Douve!” ein anderer, “Les Sables-d’Olonne!” der Dritte. Oh, das kenne ich, da war ich schon, erinnerte  sich der Zeitreisende mit großen Augen und ein Sommer streichelte seine Neuronen.

Die Sonne schien hell, ein Wesen – mir zutiefst ähnlich und doch fremd, eines lebendigen Spiegelbildes gleich – saß in der Küche am Fenster und im gleißenden Licht tanzten kleine Staubpartikel freundlich flirrend umher, während im Garten, hinter der Terrasse, silbrige Gräser wie Harpien durch Februarwind nach Beute jagten. Alles schien synchron, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.

Das Bad, dessen hellrosa Granit atmete und zerfloss, ihr Haar, einen Körper umschmeichelnd, dessen Umrisse Botticellis Venus nie ähnlicher gewesen waren, Reflexionen des schaukelnden Wassers, überall Lachen, ein Lachen voll des Glücks ob des Lebens, voll der Angst ob des Todes, ein Lachen, alles zu vergessen und für ewig in Wellen aufzugehen.

Die Gedanken an Verrottung durch Alterung, an Rettung, Unsterblichkeit – Galaxiehaufen umfassende Superzivilisationen erstanden auf und versanken – Ahnungen vom Größten im Kleinen, Synapsenclustern und Frieden des Atmans; schwebender Staub im warmen Sonnenschein hinter einer, den Winter aussperrenden Scheibe — die Gedanken.

Samstag, März 10th, 2018

aufn Lungenflügelchen ein Schatten
Dasein, das so präsent

die Gedanken sind Zweitkörper
die gehen den gleichen Weg

zurande kommen mit was
etwa dem ah, Baumstumpffindlinge

oder mit jener Mundluke des Rucksacks
draus keinerlei moralisches Gepäck

& die Luken täuschen Stringenz vor
das klingt inner Kloschüssel

Tbilisi : am Ende

Montag, Februar 26th, 2018

Es gibt Berge und einen Fluß
Frische Luft oben im botanischen
Garten : Kletterpartien

Solange die Bagger die Berge
Noch nicht beseitigt haben
Für neue Häuser : während

Die Altstadt einstürzt : hier und da
Leben noch Menschen
In den Ruinen : tatsächlich

Gab es hier Krieg : die Kriege
Zogen an Tbilisi vorbei
In den letzten einhundert

Jahren : allein die Zeit
Nagt an den Häusern
Vierzig Regenarten : die

Das Georgische kennt
Georgische Redensarten
Hinter den Brotlöchern

Werden Ideen gebacken
Ganztägig frisch : nicht nur
Am Morgen : in den Kellern

Der Bäder quillt Schwefel
Aus dem Gestein : reinigt
Gehetzte Körper : wie schwer

Atmen sie im Verkehr : der
Leichtgängig fließt
Durch die Ritzen zwischen

Den Häusern : er nieselt
Der Geldkraft folgend
Meidet die Berge : kreist

Um den Fluß : ißt du
Seine Fische : stirbst du
Am Krebs

Vis Ionen drängeln

Mittwoch, Februar 21st, 2018

am
Bananenbaum
….

Laden wir die Wägen voll?
Laden wir die Wägen voll?

Farnschlammgrüngetreu?

gesang zwei

Mittwoch, Februar 14th, 2018

die versuche über den wald liefen ins leere
kreisten schwarzstorch und waldrapp um ein neutronengeschoss
lag es verschattet neben der luftwurzel eines baums
suchtest du in stadt und dorf eine straße
die heraus führte aus dem grün

in ein nebelgebiet über flussauen
mischten sich stimmen mit den flügelschlägen von wörtern
die über dir kreisten
und einen namen riefen
indem sie das verschwiegene aussprachen

suchtest du weiter die liegengelassenen
augen und münder deine haare
auf denen du wiegenlieder spieltest
für ein totgeborenes
mit kristalliner struktur

[webtest du wasserzeichen in ein mandelland]

Dienstag, Februar 13th, 2018

übern Großen, übern Kleinen Stadtsee
derweil das Fäulnisfleisch des Horizonts
reicht bis zum Rumpf des Kirchenschiffs
worin gewöhnlich psychonautische Fracht

vielleicht wissen die Penner davon
(der Verfall häutet sich nur im Dämmern)
wovon die Luft gestillt, Asphalt schwimmt
dass die Ohnmacht der Zeit so täuscht

indem sie das Ewige Licht nachäfft
in allen Farben, in allen Televisoren

warten auf den Uferbänken
auf die nächste Revolution

Haugemer Fasnacht

Montag, Februar 12th, 2018

andere sii welle

d’ kinder un au d’ erwachseni
alle verkleidet
wie wenn se andere sii welle
als sie sin’
vielliicht sin’ sie’s au
für e stund oder zwei
wer ka’s wüsse

.

d’ gugge

d’ gugge trommle un bloose
ä lärme
wie numme sälde im läbe
spöter
wenn d’ heimgohsch
isches numma no still

.

do schtohsch

du wirfsch es konfetti in d’ höh
s’ werde träum
rosani orangeroti schwarzi un wissi
sie falle z’ruck
dir grad vor d’ fieß
do schtohsch
vor dine eigene träum

.

(* Der Dialekt wurde lektoriert von Elfra Sandmann, Lörrach, der ich herzlich dafür danke!)

.

Im Schwefelbad

Sonntag, Februar 11th, 2018

Dicke Autos parken am Abend
Vorm Tor : in der maurischen
Mauer : Mosaike : zwei Diener

Ein Junge : ein Mädchen
Huschen mit Wischzeug
Bewaffnet über den Flur

Der Chef im maßgeschneiderten
Anzug schaut von Zeit zu Zeit
Vorbei : Familien treffen sich

Müde Mütter in Konkurrenz
Zu aufreizenden Töchtern
Die pickeligen Söhne

Interessiert dieses Bad nicht
Wiewohl : sie könnten es
Gut gebrauchen : Geschäftspartner

Treffen sich hier mit einer blonden
Frau in der Runde : erst wird Spaß
Dann ernst gemacht : sanft

Reinigt der Schwefel jede Pore
Und die Ehefrau erfährt nichts
Davon : außer bei Zahlungsverzug

Wie ätzend wirkt da der Schwefel
Als Schüler tauchte ich Leiterplatten
Ins Bad : es schälte kupferne Bahnen

Heraus : hier wird der Partner
Geschält : zeig dich nackt
Und ich leih dir mein Geld

Donnerstag, Februar 8th, 2018

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Donnerstag, Februar 8th, 2018

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Replik (Realschulniveau)

Mittwoch, Februar 7th, 2018

Meine Freundin Tara

sagte heute:

Im Iran

hatten sie

ein Bett für Opa, Papa, Bruder

und der Rest

also Oma, Mama und Tara

kam in den Stall

gleich nebenan.

Aber  hier in ihrem winzigen Zimmer

in der Bornhoevedstraße

hat sie allein für sich

ein Bett.

________________________________

(aufgezeichnet nach Berichten einer 14jährigen Deutschen, die mit ihrer neuen Banknachbarin Tara über deren ehemalige Heimat Iran geredet hat)

Amtspost

Mittwoch, Februar 7th, 2018

Mein Freund Ali
sagte gestern:
im Iran
hatten sie
einen Papierordner
für Opa, Oma, Eltern
und den Rest
aber hier
in seinem winzigen Zimmer
in der Friedensstraße
hat er allein für sich
zehn Ordner.

nocturne (elfter gesang)

Dienstag, Februar 6th, 2018

wer mich kannte wusste
dass ich gedichte vom himmel herunter log
in ihnen schwammen fische durch leuchtreklamen
stiegen über den schildern luft- und sprechblasen auf
in die lichtglocke über der stadt
wurden stimmen beschworen
urtümliche laute aus u-bahnschächten
mischten sich mit dem rascheln der lindenblätter
vom warschauer platz vom czernowitzer platz
vom donauufer in budapest und vom schwarzmeer bei odessa
wer mich kannte wusste
dass in meinen vom himmel herunter gelogenen gedichten
am horizont schneeberge aufragten
über sie zogen singschwäne in ferne geschichten
die an orten wie teheran und kabul spielten
dort standen mädchen am straßenrand
und winkten burschen bei reiterspielen zu
später weinten die mädchen
wenn die toten körper der burschen
auf lastwagen in die stadt zurückkehrten
wer mich kannte wusste
dass selbst das blau am himmel lüge war
in ihm spiegelten sich die augen von geckos
die an hauswänden hockten und auf das ende der zeit warteten
menschen beobachteten die tiere und glaubten
sie brächten ihnen glück
die augen der menschen leuchteten dann blau wie der himmel
ich bog um die nächste straßenecke
sah fische und hörte singschwäne
und die nacht und die lügen nahmen kein ende

Skylarking (Flucht und Wiederkehr XX)

Montag, Februar 5th, 2018

Da Menschen des Stromes aus ihren konditionierten Träumen erwachen, ist der junge Tag noch gehüllt in den Leib der Nacht; doch rufen Trommeln aus dem fernen Tempel, die Kontinuität des Seins und der Zeit zu ehren. Die Fellachen hoffen auf Verkündigung des heliakischen Aufgangs – der Rückkehr des Sirius nach siebzig Tagen – und mit ihr, nährender Milch gleich, des reichen Schlammes ihrer Felder.

Kahle, geschminkte Priester vibrieren in Trance, andere verteilen eine starke Tinktur des blauen Lotus. Es ist kalt, gemurmelte Gebetsformeln perlen wie Tau aus Kehlen, da mehr und mehr Versammelte sich übernatürlichen Gesängen ergeben, die nun wie Honig aus dem Inneren des Heiligtums fließen, ja zu tanzen scheinen. Nach und nach, ähnlich einer kollektiven, hypnotischen Verwandlung, invertiert ihr Bewusstsein von Alltag und Überlieferung. Dann, kurz vor der Morgendämmerung, beginnt  der Tempel, die Ankunft der Götter verheißend, magisch zu glühen.

Die Hohepriester, kundig des mittels mystischer Symbolik kodierten Wissens der Anderweltentränke, architektonisch hervorrufbarer Tonfrequenzüberlagerungen, wie auch jener elektrischen Effekte unterschiedlich leitender Baumaterialien oberhalb riesiger, unterirdischer Wasserkavernen, treten nun, verliebt in die eigene Allmacht und als Halbwesen gekleidet, flüchtig im Halbschatten tausender Jahre auf.

Donnerstag, Januar 25th, 2018

Sein Haar stach dunkel von der blassen Haut ab. Die Augen waren auf die alte Frau gerichtet. Ich spürte die Blicke im Rücken. Ich konnte mich nicht umdrehen, ich hatte Angst, ihm ins Gesicht zu sehen. Die Angst umschlich mich, kroch über das Parkett. Träge. Ich hob seinen schwarzen Mantel vom Boden auf. Dieser Unhold, sein Zynismus gehörte zu ihm.

fremdwörter führen uns nach hause

Donnerstag, Januar 25th, 2018

fremdwörter führen uns nach hause
den wind lassen wir liegen
er taugt nicht für gedichte
für märchen vielleicht
der wind der wind das himmlische
silbe für silbe nähern wir uns
dem fluss den feldern
dann dem dorf
und am ende weist uns der asphalt
den weg in die stadt
wo die raben schon auf uns warten

Sonntag, Januar 21st, 2018

Tinktur, die Spuren legt, deren Schlieren

löge zwischen deinen Achselhaaren

wenn ein Winken den Tag nicht retten könnte

inzwischen von Namen gehen, die was bedeutet haben

& das Gedächtnis, nämlich die Idee einer Ordnung

ist tatsächlich der Stadtplan,

wo keine (nicht eine) Straßenzuordnung stimmt          .

 

die Ereignisse, fern den Absolutionen

das Gebannte, das Gesprochene schützt vor dem Wahnsinn

also die eine Kindergeschichte, ein Wortschatz von 200-300 Wörtern

die Begegnung: ein Steinbruch

uns schützt die Mutter der Idioten

(Begegnung)

Vyvyan? Eduard? Beim Versuch der Kniebeuge…

Donnerstag, Januar 18th, 2018

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Esther?

Dienstag, Januar 16th, 2018

Eher Esther?

Polly-Esther!

Mittwoch, Januar 10th, 2018

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Esther?

Montag, Januar 8th, 2018

Esther?

2018

Montag, Januar 1st, 2018
Auf ein Helles!

Auf ein Helles!

Mittwoch, Dezember 27th, 2017

wird aufhellen

das Knirschen des Scherbengerichts unter den Schuhsohlen

sonnen die Ausläufer

im Nachzittern des Misanthropozäns

 

wird leuchten

das Lob der Torheit

durch die Atemwolken des langen Atems

 

Aufhellung

 

 

Sonntag, Dezember 24th, 2017

einbrechen, Sprengstoff, wenigstens Polen-Böller sein

der Glaube stiert aus allen Lagen
stets, die hemmungslose Vermessenheit
boxen gegen Schatten
scheiden, sich bescheiden

es gibt aber Fruchtkerne, die unbeschadet – hausen bis in die Haarspitzen,
wo die Träume sich ablagern – überstehen, zu gedeihen sich anschicken

eine befreundete Revolution wird geknospt haben
das Blicken allerorten wird anders geworden sein
die Anmaßungen werden gerade so eben gepasst haben
das wird nicht zu meiner Zeit gewesen sein

bescheiden die Kerne beschirmen

bescheiden

Dumme Schafe gif.

Freitag, Dezember 22nd, 2017

Bildergebnis für eine herde dummer schafe

Die ganze Nacht

Sonntag, Dezember 17th, 2017

—— nein, liebe frau kleist. Ich glaube eher, dass hier versucht wurde zu sagen, dass sich die Himmelskörper, und so auch der Mond und die Erde, nach harmonischen Gesetzen bewegen, nach einer musikalischen Harmonie, welche das Fundament der Welt ist. Und auch zugleich ihr Nicht-Fundament. Aber es trägt sie jedenfalls, also diese musikalische Gesetze, die Töne und diese Nicht-Töne, diese Bewegungen, diese immer auf diesen Ebenen kreisenden Bewegungen, auf diesen Ebenen, die sich schneiden, und das alles ist ja keine Wüste, weil ja alles klingt, aber ich komme von der Erzählung ab, ja ich wollte erzählen, in Prosa wollte ich erzählen, dass, wenn man also ein Gedicht schreibt, also nicht irgendein Gedicht, sondern ein gutes Gedicht, also ein richtig gutes Gedicht, das klingt ja dann auch, da bewegen sich auch die Töne, da schneiden sich ja auch die Ebenen, und irgendwie versucht man ja damit, diesen harmonischen Gesetzen näher zu kommen, dieser schrecklich schönen himmlischen Harmonie, diesem gewaltigen unhörbaren Klang, für uns jedenfalls unhörbar, meistens jedenfalls, außer in bestimmten Momenten, wo man ganz da ist, ganz und vollkommen in dem Moment, ganz konzentriert, also eigentlich darin verschwunden, also dass dann das Gedicht kein Zeichen mehr ist und kein Anzeichen und keine Bedeutung sondern reiner Klang, und dieser Klang ist die reine Bedeutung und die Nicht-Bedeutung zugleich, ach, aber wir werden ja immer daran scheitern, immer nur daran scheitern, mit jedem Gedicht daran scheitern, selbst mit unserem allerbesten Gedicht werden wir ganz gewaltig scheitern, wir sind ja in diesem himmlischen Klang dazu verurteilt, immer wieder zu scheitern und zu scheitern und zu scheitern und es trotzdem wieder zu versuchen, immer wieder zu versuchen, und dieser blöde viereckige Mond an diesem blöden Kran um den die Motten ihre enger werdenden Kreise ziehen, das ist ja bloß Hybris, das ist ja bloß vermessen, das bedeutet ja nichts, gar nicht, überhaupt nichts, das ist ja bloß ein Anzeichen, das auf uns weist, das weist auf uns, aber da, wo wir sind, da ist ja nichts, da ist ja bloß Leere, immer nur Leere, wir weisen ja bloß auf diesen viereckigen Mond zurück, und der steht uns bloß im Weg, da sehen wir die Sterne nicht und die Planeten und den richtigen Mond, der mal rund ist und mal nicht rund, der also immer anders klingt, und immer anders die Orchidee auf meinem Schreibtisch anschlägt, und ihren silbernen Schatten, den der richtige Mond, und auch die unzähligen anderen Schatten, die Schatten der unzähligen Sterne und der acht oder neun oder mehr oder weniger Planeten, die alle schreibt die Orchidee auf meinem Schreibtisch, schreibt sie immer wieder, hat die Möglichkeit, sie immer wieder zu schreiben, immer wieder neu, und zugleich immer wieder gleich und doch immer wieder anders, dieser unendliche Verweis auf die Unendlichkeit, nein, kein Verweis, kein Zeichen, kein Anzeichen, die Unendlichkeit klingt hier, sie ist hier, sie ist da, einfach nur da, in den Schatten der Orchidee, hier auf meinem Schreibtisch, und auch ihre Prosa, liebe frau kleist, auch in ihrer Prosa, da ist sie da, einfach nur da ——

[ohne titel]

Samstag, Dezember 9th, 2017

steine liegen im feld
das ist präzis und
der wind trägt die luft
bulgariens her
medeas heimweh über das schwarze meer
die liebe verschmäht nicht
das felsental auf deinen schultern