abfahrt : abfuhr

sie liegen zwischen ihren schönen frauen
fest eingewickelt & beim stich
können sie so süchtig nach dir schauen
& dir sagen : du : ich will nicht dich

es klingelt spät & sie ist wach
& wie ‘ne maus schnell an der tür
da steht der neue : flüsternd : schwach
er will sich vorstelln : du kannst nichts dafür

& sie löset ihre bänder & sie liegen sich
im arm & du siehst sie : funken
sprühn : berührung : du erinnerst dich
anfang : hey : was gibt es da : zu unken

Eugen Onegin: Kapitel drei, erste Strophe

Sie war ein Mädchen, und sie war verliebt.
Malfilatre

„Wohin? So sind sie, die Poeten!“
– Mach’s gut, Onegin, ich muss los.
„Ich halt‘ dich nicht, nur sag mir: wo denn
Soll’s hingeh’n so Hals über Kopf?“
– Zu Larins. – „Das ist eigenartig.
Mein Gott, wie viele Jahre war ich
Nicht mehr bei denen! Rotz und Gicht,“
– Schweig, Bruder! – „Ich versteh‘ das nicht.
Ich sehe dort nur Kraut und Rüben:
Als erstes (Sag mir, hab‘ ich recht?)
Wie war das Essen? War nicht schlecht.
Danach der Rundgang: Kommt, Ihr Lieben,
Hier also seht Ihr unser Vieh,
Gespräche, die vergisst du nie…“
 

Bücherwelt

Ein Zauberkuss
der dich berührt.
Ein neues Buch,
das dich verführt.

Tritt ein in die
Welt der Phantasie!
Komm mit in die
Zeit der Harmonie!

Ein Gleiswechsel
in eine neue Dimension.
Ein neues Blatt
gleicht keinem and’ren Ton.

DIE PANZERKOMMANDANTEN HABEN NEIN

DIE  PANZERKOMMANDANTEN HABEN NEIN
Gesagt, der Zug nach Prag fuhr in den toten
Oktober, Knast und Medizin nach Noten.
Das Bürgertum am Hang kämpfte allein. 

Gedichte von Bukowski, Biermann: Zittern,
Ob Republiken sich das bieten liessen,
Das Heldenepos vorher abzuschliessen:
Armeezeit, süsse Krankheit Gestern. Schlittern

In neue Aussichtslosigkeit, absurde
Groteske: Persönlichkeitsverklärungen
Im Westen Anlässe für Ehrungen.
Die DDR weiss nicht, was aus uns wurde. 

Nach zwanzig Jahren ist noch nichts zu Ende.
Erwarte nächstes Jahr Texte zur Wende.

Steißvogel (3)

Es ist Herbst. Sagte der Gärtner. Zeit – das Fleisch in die Erde zu bringen. Schon ? Fragte der Lehrling. Als hätte er nicht längst das gelbe Blatt auf seiner Schulter liegen sehn. Ja. Sagte der Gärtner. Und vergiss nicht : Ein Targifuß braucht Wüstensand, das Schottenauge – Moorheide, und wenn du die russischen Lebern nicht zweimal angießt, wird es nichts. Ich weiß. Sagte der Lehrling. Und machte sich an die Arbeit.

Widerwärtig. Rief ich aus. Einfach ekelhaft. Und schaffte es gerade noch bis hin zu einer Birke. Ich flog hinauf und kotzte runter. Die letzte Schlacht auf dieser Welt wird unter einer Birke ausgetragen werden.

Klapp an. Der Lehrling holte aus. Du gehst mir auf die Nerven Vieh. Er warf mit Dreck nach meinem Vogel. Und das zu recht. Warum konnte ich meinen losen Schnabel nicht halten, während andere mit Chip und Spaten für Innovation sorgten. Das Projekt war einmalig. Der Gärtner ein Genie. Zweifelsohne. Die Erfindung der Glühbirne nichts dagegen. Wer würde nicht gern seine vergammelte Niere loswerden oder das Pappmaché im Kopf tauschen gegen frische graue Zellen. Den Stein in seiner Brust geben für ein heilig glühend Herz. Die ausgefranste Zunge endlich an den Nagel hängen.

Auch ich hätte ja nichts gegen einen neuen unverbrauchten Schnabel. Und vielleicht ein etwas filigraneres Hinterteil. Das täte meinem Vogel gut. Ich hab sogar schon dran gedacht mir einen ganzen neuen Vogel zuzulegen. Einen richtigen sozusagen. Lieber eine echte Meise als einen anmaßenden Hühnervogel.

Ja. Es ist Zeit.

Seeluft vitaminhaltig

Hamburg : dammtordamm +++ große größe : der häuser & menschen +++ ist seeluft vitaminhaltig : wachstumsfördernd +++ seltsam hochgeschossen wirken die eng mit stoff +++ bespannten beine : die tief in stiefeln +++ stecken wie in keiner anderen stadt : haben sich +++ durchgesetzt auf dem beziehungsmarkt : unter den weiden an der außenalster

Das Fenster

Wenn ich einen Satz, ein Kapitel oder ein Buch beendet habe, dann blicke ich oft aus dem Fenster der Bibliothek. Sie liegt auf einem Berg; ich sehe Wald und Felsen, ein Tal, und am Fuße der Berge eine Stadt.

Manchmal stelle ich mir vor, ich wäre auf der anderen Seite des Fensters, würde in die Bibliothek blicken und mir beim Schreiben, beim Lesen zusehen. Ich sehe mich, wie ich Zeitungen oder Bücher suche, sie aufschlage und sie wieder zurückstelle. Ich sehe, wie sie aus den Regalen genommen, nach draußen gebracht und mit anderen Büchern ersetzt werden. Vielleicht nach einem Jahrhundert ist die Bibliothek eine andere.

Und dann, eines Tages, sind die Bücher, ist die Bibliothek verschwunden. Zu beiden Seiten des Fensters: Berge, Himmel, Wind.

Eugen Onegin: Kapitel zwei, siebendreißigste Strophe

Ganz seiner Stimmung hingegeben
Besuchte Lenski dieses Grab,
Um trüben Sinns den Blick zu heben,
Wo seines Nachbars Asche lag.
Und lange war ihm schwer ums Herz.
„Poor Yorick! flüstert‘ er im Schmerz,
Du hast auf Händen mich getragen,
Wie oft hörte als Kind ich sagen:
Hier – alle meine Ehrenzeichen!
Wladimir, Olga – seht mich an…
Wer kommt an diesen Schleier dran?
Was wird uns wohl zum Glück gereichen?“
Und wie ein Licht in dunklem Saal
Verfasste er ein Madrigal.

Kürbiszeit

Verschwinde Sommer endlich geh – mit dir vertreib ich Zeit – die Boote bring an Land – die blauen Gondeln unters Dach – die Schaukel binde los vom Ast ich leg die Leiter an – sammle Früchte – staple Holz – auch Wolle soll mir nun ins Haus – die Morgen frisch der Abend kühl – nie klarer was zu tun ist Kürbiszeit

Die Posaunen von Jericho fliegen in den schwarzen Kosmos

Und wieder im Kopf so ein Glucksen
Womit vom gluckernden Bauch das
Ohr in der Stirn ausgeschaltet wird.

Dann Stille, zischend so stumm
Dass der Fische strudelnder Reigen
Nicht sichtbar die Netzhaut durchdringt.

Dann – nichts. Die Gedanken ringeln
Sich als Regenwürmer im Gedächtnis:
Schweigen, das den schwarzen Asphalt aufheizt.

Bis die Sprache am Ende des Sommers
Abgeerntet ist, mit Mondsicheln eingelagert
In die papiernen Sargdeckelschichten der Bäume.

Der Stift im Notizbuch ein Leuchtpunkt am Himmel:
Cursor irgendeines falsch programmierten Computers –
Liniengeplapper der Tinte in Liebe zum gestorbenen Papier.

liebenglieb

ich bin     liegengeblieben auf dem teppich habe mich nicht

gerührt als imaginärer staub meine linke schläfe kitzelte habe

nicht gezuckt als mein rechtes bein langsam kribbelnd einschlief vor

mir die ich hellwach liegenblieb

bis du     in mich eingedrungen bist von hinten in meinen schädel

durch die glieder gefahren taubheit zu schmerz gesteigert hast

mich zum stehen brachtest damit ich mir in die augen sehen kann

Rettet unsere Seelen!

Trink, Junge. So eine Geschichte
Hörst du nicht nochmal: Wir
Hingen kurz über dem Meeresgrund,
Rotglühende Augen starrten aus
Der Tiefe, im Raum gab es
Nur noch den Blick – unsere
Kleinen Bullaugen noch kaum
Geöffnet, pulsierende
Nabelschnur (und der Funker
Wie immer übernächtigt) da
Wurden wir urplötzlich überrollt
Von einer dröhnenden Feuerwalze, so
Muss wohl Latein-
Amerika entstanden sein,
Großer Gesang
Brennender Worte unter Wasser
Kurz über einem Gebirgskamm
Im Dunkel, schlammiger Stein
Araukanien – nicht mehr gefroren
Und noch nicht aufgetaut, Wind
Weißt du: diese neunzig Prozent
Wasserstoffsäure (…polar) aus den
Archiven des Weltalls entnommen

Eugen Onegin: Kapitel zwei, dreißigste Strophe

O rus!
Horaz
O Dorf!

Sie liebte wirklich Richardson:
Nicht im Ergebnis von Lektüre,
Nicht weil sie schließlich Grandison
Statt Lovelace huldvoll winken würde;
Weil ihre Moskauer Cousine,
Die schöne Großfürstin Aline,
Ihr oft genug davon erzählt.
Sie hatte damals sich erwählt
Zum Küssen einen Bräutigam,
Den sie nicht liebte; jede Nacht
Hat einen andern sie bedacht
Mit ihren Spielen, wenn er kam:
Ihr Grandison – ein stolzer Reiter,
Selbst Spieler und Garde-Gefreiter.

Der Mann mit Fellmütze seufzt und lässt sich erschöpft auf die selbstgebaute hölzerne Bank sinken

/…/

Tfuh, alle Sinne zerstreut über die dampfende Erde, murmelt das Bächlein ihm seine Amouren zu; er nimmt’s gelassen & freut sich über das klare Plätschern, dieses Geheimnis soll lange so plätschern im Blut! Plätschern durch himmlische Nieren – nun begossen wie der Pudel Europa, den die atlantische Missis an der Leine zum Frühstücksfest führt, Frühlingsnapf rührt.

/…/

Kleine Geschichte: Christian und Brigitte

Am Anfang alles ganz harmlos. Küsse, Worte, Speichelfäden. Allmählich Wolken, schneller & schneller. Der Himmel wird sich bald zuziehen, wie eine Schlinge sich über vielen Köpfen zusammenzieht. Leben, überleben & drunter durchtauchen. Nur keinen Fehler machen – der schlimmste von allen.

Ein Gedicht ist was übrig bleibt, wenn alle Messen gesungen, alle Tage gezählt, die Kinder zu Bett gebracht, die Wege in Gedanken noch einmal abgegangen & auf ewig unbegehbar geworden sind. Ein Gedicht ist was vor uns liegt, wenn wir nicht wissen, wohin.

gib mir das. gib mir das

gib mir das. gib mir das

aus deinem Mund. Worte

wie heruntergefallene Brösel

Krümel. Samen. deren Herkunft

keiner mehr kennt. die ich

in meinem Gehör versenke

Innerkopfleitung ins Geheim

die ich zusammenstecke. kreuze

züchte. scharfe Mutationen

an denen ich kaue. wiederkäu

die ich verdaue. die nachts

in schwarzem Tutu

über mein Kissen gehn

Balance und Révérence

Nicht die Balance verlieren – vor allem das – plié – tendu – relevé – Tanz mit der Zeit – Verbeugung – und immer wieder die Grundposition einnehmen – beiseite mit Spagat und Arabèsque – zu weit der Kopf vom Fuß entfernt – dann lieber rond de jambe par terre – die Beine auf dem Boden – und manchmal eine Pirouette – nur so gelingt die Kapriole

der dichter ist : ein diktator

Dichten : dictare +++ der dichter ist : ein diktator +++ er gebietet über seine hand : die sklavin +++ & den stift : seinen kuli +++ dann hörts auf : sklavisch ist er +++ ergeben dem hirn & dem traum : nur von ihnen +++ läßt er sich was diktieren : der dichter

Eugen Onegin: Kapitel eins, erste Strophe

Er lebte eilig und fühlte hastig.
Fürst Wjasemski

„Mein Onkel, als man ihn gesalbt,
Rief zu sich seinen einzigen Neffen,
Zwang sich zur Achtung seiner selbst
Und konnte es nicht besser treffen.
Sein Tod gilt andern als gelungen;
Aber mein Gott! für diesen Jungen –
Welch eine Ödnis, Tag & Nacht
Hat er am Sterbebett verbracht.
Niemand entgeht dann solcher Tücke:
Man muntert sieches Leben auf,
Hilft ihm in seinen Kissen auf,
Und zwischen Pillenbar & Krücken
Seufzt jemand still & denkt verstohlen:
Wann kommt dich wohl der Teufel holen!“

Herr Klopsig und Frau Edelsüß (3)

Der Großschriftsteller

Frau Edelsüß führte wirklich ein abwechslungsreiches Le­ben. Der fehlende Zwang, sich einer Erwerbstätigkeit zu­zu­wen­den, verleitete sie zu einer professionellen Sprung­haf­tigkeit, die in früheren Zeiten Universal­ge­lehrt­heit genannt wurde. Jetzt er­blickte man in einer solchen Vielseitigkeit das si­chere An­zei­chen für Dilletantismus. Frau Edelsüß – sich ihrer vor­nehmen Herkunft bewußt – zeigte sich gegen derartige niedere Sei­ten­­hiebe erhaben. Die Künstler, Komponisten und Schrift­stel­ler aller Sparten schätzten sie als Ge­sprächs­partnerin, Be­ra­terin, Coach und hätten sie gern auch als Couch benutzt. Letzteres wußte Frau Edelsüß geschickt zu verhindern.

Diesmal hatte sie ein berühmter Großschriftsteller in seine Klause eingeladen. Frau Edelsüß behauptete, daß es die Ge­rad­linigkeit sei, die zum Schreiben verhelfe, die Gerad­linig­­keit, die sie verlasse, wenn sie mit Gott spreche, ins­geheim, zu der sie zurückkehre, indem sie schreibe.

„Sie schreiben selbst?“ staunte der berühmte Groß­schrift­steller. Dem aufmerksamen Leser sind die historischen Parvenüs von Frau Edelsüß bereits bekannt.

„Nicht der Exzeß motivert mich“, setzte Frau Edelsüß ihren Bericht fort, „sondern die tägliche Disziplin.“ Diesen Satz meinte Frau Edelsüß gewiß nicht wörtlich. Er war eine Provo­kation, auf die der berühmte Großschriftsteller sog­leich ansprang.

„Meine liebe junge Freundin“, sprach er großväterlich, „Sie reden, als wären Sie ein alter Mensch.“

Daraufhin zog der berühmte Großschriftsteller ein Buch aus dem Regal.

„Kennen Sie Weigand, Dramatiker aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts?“ fragte er Frau Edelsüß. Sie schüttelte vage den Kopf.

„Natürlich habe ich den Namen schon einmal gehört, aber nichts von ihm gelesen.“

Das Übliche. Es war kein Wunder, denn Weigand stammte aus Tauberfranken, einer Provinz, die mit der Sint­flut rettungslos untergegangen war.

„Weigand“, belehrte der berühmte Großschriftsteller seine liebe junge Freundin weiter, „Weigand hat wie kein anderer den Alltag geschildert, durchdrungen, ihm mit einer Lust Leben eingehaucht, daß man glaubt, im Alltäglichen der kleinen Leute das eigentliche Drama wiederzuerkennen, das Drama der menschlichen Existenz überhaupt wie das Drama der eigenen Existenz. Wovon die Zeitungen schwei­gen.“

Soweit der berühmte Großschriftsteller. Frau Edelsüß dank­­­te und verabschiedete sich. Zu Hause eingetroffen, spür­­­te sie eine unbändige Neugier, ihre Bildungslücke auf­zu­­füllen und etwas zu lesen. Eine solche Schlappe sollte ihr so rasch nicht widerfahren.

Beim nächsten Besuch des Großschriftstellers bat Frau Edelsüß Herrn Klopsig, sie zu begleiten. Denn der Groß­schrift­steller empfing sie zum Dinner in seinem Strandhaus weit vor der Stadt. Die dreißig Jahre jüngere Frau des Großschriftstellers trug glatte, lange, schwarze Haare. Auf wun­­dersame Weise strahlte ihre Schönheit aus und ver­schö­nerte ohne weiteres Zutun auch die Gäste, das heißt Herrn Klop­sig, denn Frau Edelsüß bedurfte keiner Ver­schö­nerung… Man plauderte am Kamin ein wenig über Wei­gand, der der Leib- und Magenautor des Groß­schrift­stel­lers zu sein schien. Dann führte die junge Frau des Haus­herrn die Gäste zu ihren Betten.

Herr Klopsig traute seinen Augen nicht: Sie entkleidete sich vor ihnen. Schamvoll preßte Herr Klopsig den Kopf ins Kissen. Es gelang ihm, einen kurzen Blick auf die Rundung ihres Hinterns zu erhaschen, unbemerkt von Frau Edelsüß, die die Gastgeberin und Herrn Klopsig im Auge behielt. Der heimlich erspähte Hintern spukte im Kopf von Herrn Klopsig umher und entwickelte sich zu einem bemerkenswerten Kinoerlebnis.

Um sich abzulenken, griff Herr Klopsig nach einem Buch. Es handelte sich um ein Frühwerk des Großschriftstellers. Auf den ersten Seiten war der Autor im Gespräch mit dem Verleger abgebildet: fett, auf­gedunsen, den Kopf von einer lockigen, weißen Mat­te bedeckt wie im Ba­rockzeitalter. Herr Klopsig zeigte Frau Edel­süß das Foto.

„Der hat sich aber verbessert“, sagte Frau Edelsüß und lach­te herzhaft.

Mein Gott, Gottfried…

Trage die Reime durch Raum & Zeit,
Schütte die Seime aus Vorvergangenheit
Nun ruhig ins Wasser, Grashalm blüht,
Solange das Verslein im Hirnstamm glüht.

Zertreten die Trauben fließend vor Lust –
So erzittert die Zeile neu in der Brust,
Wo Reime, Seime & Vorvergangenheit
Sich neu kombinieren in Raum & Zeit.

Die Neuheit, das Neue – als Syntax kam
& nahm die Klänge fest in den Arm,
Da wurde Sinn aus Singsang:  Neu
_ _ _ . .  ,  _ _ . . _  .

Du ruhst nun, Wasser aus Himmeln
Bricht – alle Messen gesungen, dich
Juckt es nicht:  Trage die Reime durch
Raum & Zeit bis in all ihre Seime:

/2 Strophen undeutlich/

Die Gleichklänge kranken – alles einerlei!
Auch dieses Murmeln: Vorvergangenheit.
Böse blicken die Blumen zum Auge herein –
„Nimm schon diesen Duft & wickle ihn ein.“

Muggel

Ach Harry, diese Muggel. Die Menschen ohne magische Begabung. Wie schwer es ist, mit ihnen umzugehn. Sie zu umgehn ist besser. Welcher G – Schlüssel hat mich geritten, in dieses Torhaus zu fahren. Die Hoffnung auf eine gute Narretei ? Der Wunsch nach einem magischen Moment an einem tristen Sonntagnachmittag ? ( Das wärs. Doch weit gefehlt. ) Was also trieb mich hin ? In ein Konzert, das ich bei klarer Scheibe von vornherein gemieden hätte. Die Liebe. Die Liebe zu einer alten Dame und zur Musik ganz allgemein und unerschütterbar. Ich liebe Bach. Und Beethoven ist in Ordnung. Mozart – eine Köstlichkeit und Händel könnte schön sein. Und ich liebe Jazz.

Das stereotype Verwandeln genialer musikalischer Einfälle der Altmeister in endloses Jazzgedudel ist allerdings so mit das erste, was ich im Radio abdrehen würde. ( Wo ist der Knopf. Oh Harry hilf. ) Sehr kühn auch Improvisation benannt. Oder heißt das Adaption in diesem Fall ? Keine Ahnung. Jedenfalls Fingerarbeit. Im Akkord. Soweit Klavier, Respekt. Doch die Mechanik nicht zu überhören. Die Mugge nicht zu übersehn. ( So heißt es , das Gelegenheitsgeschäft. )

Und der Posaunenengel erst. Besser gesagt – der Saxophonist – mit dem Antlitz eines Posaunenengels. Rehblick, sanft und helles Blau. Ein Lächeln nach vollbrachtem Ton, das man in der Schale des Zorns ersäufen möchte, auf daß ihm Flügel wachsen, in der Lunge. Als dann der Knabe noch zur Flöte greift, richte ich verstohlen meinen Kugelschreiber auf ihn und flüstere entschlossen : Expelliamus ! Aber nichts geschieht. Ich bin wohl doch ein Squib. Und dies ist keine zauberhafte Stunde.

Bei Titel 3 das leichte Kribbeln im Gebälk. Mit Titel 6 der Schweißausbruch. Die Denkschleife rudimentär : reductio, reductio…Nach Titel 9 – der Herr in Deckung schläft bereits – das völlig außer Kontrolle geratende Bedürfnis nach Dehnung, nicht nur des Rachenraums. Die Eselsohren der überdimensionalen Eintrittskarte in den Händen meiner Stuhlnachbarin sind inzwischen so weit durchgeknetet, daß sie schlapp herunterhängen, konsequent eingefaltet, Verweigerung total. Eine Handtasche gleitet zu Boden. Hörsturz. Stupor, röchele ich, stupor. Und endlich ist der Gegner außer Gefecht.

Applaus Applaus. Ich will nachhaus. Wenn Mugger muggen, dann ist das wohl in Ordnung. Aber wenn Muggel muggen, dann halt ich das nicht aus. Zuviel Gemuggel aller Art, in Wort und Bild und Ton und Tat, zu wenig magische Begabung.

Tussing

Sie nörgelt. Den ganzen Tag nörgelt sie. Egal ob es zum Frühstück Brötchen oder Brot gibt, ob der Eierlöffel angelaufen ist, oder das karierte Deckchen die grüne Farbe hat. Noch am Nachmittag nörgelt sie. Wir sind zu siebt. Wir arbeiten dagegen, dafür ist nicht dagegen, wir schaffen es nicht. Am Abend gurken wir in die Hügel- und Waldlandschaft hinaus. Irgendwo gibt es ein Amtsgericht. Immerzu will sie aus dem Auto aussteigen. Wir verordnen Kindersicherung. Wir bieten Bäckerei und Kuchen an, Ruhigsteller, die nicht mehr funktionieren. In der Dunkelheit kommen wir im Dorf an. Die Lichter sind schon gedimmt. Ihr Nörgeln hat sich in ein harmloses Jammern verwandelt. Wir sollten sie nicht mit Gewalt aus dem Auto zerren, jetzt, da sie nur noch schwach Jammert und kaum noch boxt. Onkel W. parkt am Straßenrand. Wir sitzen hinten und und quetschen uns aneinander, wie Tiere. Wie Kaninchen in der Höhle. Draußen knallt es, einige Male laut. Ein Sektkorken fliegt an die Scheibe. Onkel W. hat angefangen. Es regnet und wir verlassen ohne Schirm das Auto.

A-Botschaft

A
A boy amused :::
The muse lit my cigaretteet-
-a-tee-tea.
Must have Fallen into to a cup, the cream –

Cup’s not my knowledge’s Vengeance Of She.

Mr. Klopsig und Mrs. Edelsüß, Wonderbra-Teil 31

Frau Klöpser beim Einsatz

Eigentlich mag ich keine Klopse, Königsberger schon gar nicht. Wenn es zu Hause was mit Kapern gab, stand ich demonstrativ vom Tisch auf, die empfangenen Ohrfeigen konnten mich nicht beeindrucken. Lieber zwei Watschen im Gesicht als eine Kaper mit Klops zwischen den Zähnen und deren Geschmack auf der Zunge.  Was ich noch nicht mag, sind Popstars. Wenn ich einen sehe, stehe ich abermals demonstrativ vom Tisch auf. Lieber ein Tag auf dem Arbeitsamt und ein anschließender Arbeitseinsatz in den ortsnahen Parkanlagen, als einer verbracht vor Youtube, mit dem Popstar, dem Prinzen, den man einst geliebt hat. Betonung auf „einst geliebt“. Der Herr hat wiederum einen Anzug angelegt, mit Weste und Kravatte, die Poppertolle schleimig in der Stirn. Jetzt lieber Jacke anziehen, Tür hinter sich zuschließen und ab zum Arbeitsamt. Da lungern andere Gestalten herum. Knittrige Plastetüten beherbergen rudimentär ausgefüllte Unterlagen, die Beraterin sagt achselzuckend: Sie sind schwer vermittelbar. Welch ein Brechmittel! Doch lieber jetzt das aushalten, als noch einmal Mr. Vanill sehen. Mr. Vanill! Welch ein Name. Steht man auf dem Arbeitsamt, kurz vor Kurt und der Arbeitsvermittlung, den dickbäuchigen Effsieben-Raucher vor sich in der Schlange, taugt dieser Klang V-a-n-i-l-l schon wieder zur Lebensverschönerung. „Frau Klöpser, bitte!“ Ich bin dran. „Ich möchte einen Job an der Theke.“ „Haben wir nicht. Gehen Sie doch ins Call-Center. Da haben Sie doch Berufserfahrung. Was sitzen Sie zu Hause herum, na? Sind Sie etwa internetsüchtig? Was kucken Sie da bei Youtube herum, Sie? Was gibt es da zu starren? Na? Lust auf Call-Center? Sind doch redegewand, Sie. Aber den Doktor, den lassen Sie mal weg. Wie heißt ihr Avatar? Miss Edelsüß? Meine Freundin nennt sich Piggy. Mr. Vanill – was für ein Name. Frau Klöpser, man müsste nochmal 16 sein, nicht wahr? Und schwärmen dürfen, schwärmen… Nun, die Stellenangebote. Da hätte ich was bei standing ovations für Sie. Eizellen eintüten. Im Gefrierzentrum. Da müssen Sie auch nicht… Drei Euro die Stunde… Frau Klöpser?“ Miss Edelsüß hat das Zimmer der Beraterin verlassen. Ich heiße nicht Klöpser. Ich mach das für Vanill. V-a-n-i-l-l. Hinter der schmierigen Glastür stelle ich mich zu Fräulein Hartz und zünde mir geschwisterlich eine Effsieben an. „Bitte, haben Sie eine Zigarette für mich?“ Mein Konto ist in den Miesen, so wie Ihrs. Aber eine Effsieben, die sollte man sich teilen.“ Ich habe Erfolg bei Fräulein Hartz. Glücklich ziehe ich an der Fluppe und inhaliere den Qualm. Meine Stärken sind unbestreitbar Durchsetzungsvermögen, Charme & rhetorisches Geschick. Danke, lieber Vanill!

Im Innern gefrorener Schuhe [12]

und beim erwachen war er stets vor der lampe

und begriff sich als einen offensichtlich vorhandenen

selbsterlösenden garten

Gennadij Ajgi, Blumen von mir für mich

Aber was ist nun ein Vektorraum, was eine Ringstruktur … gibt es Idealteiler?

(Februar 1990)

Wir zelteten zwei Kilometer oberhalb der Sängerwiese, knapp neben der Burg. Und es war alles noch eine exakte Folge halbeinfacher Moduln, Pause, so klar wie im Auge – und du lachtest herzerfrischend – bereits merklich anschwellenden Windes.

Für dich, Brüderchen – für immer.