Sieh meine Augen!
Bilder fallen hinein … ein
Riesiger Farbfleck.
Sieh meine Augen!
Bilder fallen hinein … ein
Riesiger Farbfleck.
Verschwinde Sommer endlich geh – mit dir vertreib ich Zeit – die Boote bring an Land – die blauen Gondeln unters Dach – die Schaukel binde los vom Ast ich leg die Leiter an – sammle Früchte – staple Holz – auch Wolle soll mir nun ins Haus – die Morgen frisch der Abend kühl – nie klarer was zu tun ist Kürbiszeit
Und wieder im Kopf so ein Glucksen
Womit vom gluckernden Bauch das
Ohr in der Stirn ausgeschaltet wird.
Dann Stille, zischend so stumm
Dass der Fische strudelnder Reigen
Nicht sichtbar die Netzhaut durchdringt.
Dann – nichts. Die Gedanken ringeln
Sich als Regenwürmer im Gedächtnis:
Schweigen, das den schwarzen Asphalt aufheizt.
Bis die Sprache am Ende des Sommers
Abgeerntet ist, mit Mondsicheln eingelagert
In die papiernen Sargdeckelschichten der Bäume.
Der Stift im Notizbuch ein Leuchtpunkt am Himmel:
Cursor irgendeines falsch programmierten Computers –
Liniengeplapper der Tinte in Liebe zum gestorbenen Papier.
ich bin liegengeblieben auf dem teppich habe mich nicht
gerührt als imaginärer staub meine linke schläfe kitzelte habe
nicht gezuckt als mein rechtes bein langsam kribbelnd einschlief vor
mir die ich hellwach liegenblieb
bis du in mich eingedrungen bist von hinten in meinen schädel
durch die glieder gefahren taubheit zu schmerz gesteigert hast
mich zum stehen brachtest damit ich mir in die augen sehen kann
Trink, Junge. So eine Geschichte
Hörst du nicht nochmal: Wir
Hingen kurz über dem Meeresgrund,
Rotglühende Augen starrten aus
Der Tiefe, im Raum gab es
Nur noch den Blick – unsere
Kleinen Bullaugen noch kaum
Geöffnet, pulsierende
Nabelschnur (und der Funker
Wie immer übernächtigt) da
Wurden wir urplötzlich überrollt
Von einer dröhnenden Feuerwalze, so
Muss wohl Latein-
Amerika entstanden sein,
Großer Gesang
Brennender Worte unter Wasser
Kurz über einem Gebirgskamm
Im Dunkel, schlammiger Stein
Araukanien – nicht mehr gefroren
Und noch nicht aufgetaut, Wind
Weißt du: diese neunzig Prozent
Wasserstoffsäure (…polar) aus den
Archiven des Weltalls entnommen
In der Kirche ohne Dach
geclangk und gerúff.
Da! Ein Spatz im Fenster.
O rus!
Horaz
O Dorf!
Sie liebte wirklich Richardson:
Nicht im Ergebnis von Lektüre,
Nicht weil sie schließlich Grandison
Statt Lovelace huldvoll winken würde;
Weil ihre Moskauer Cousine,
Die schöne Großfürstin Aline,
Ihr oft genug davon erzählt.
Sie hatte damals sich erwählt
Zum Küssen einen Bräutigam,
Den sie nicht liebte; jede Nacht
Hat einen andern sie bedacht
Mit ihren Spielen, wenn er kam:
Ihr Grandison – ein stolzer Reiter,
Selbst Spieler und Garde-Gefreiter.
/…/
Tfuh, alle Sinne zerstreut über die dampfende Erde, murmelt das Bächlein ihm seine Amouren zu; er nimmt’s gelassen & freut sich über das klare Plätschern, dieses Geheimnis soll lange so plätschern im Blut! Plätschern durch himmlische Nieren – nun begossen wie der Pudel Europa, den die atlantische Missis an der Leine zum Frühstücksfest führt, Frühlingsnapf rührt.
/…/
Am Anfang alles ganz harmlos. Küsse, Worte, Speichelfäden. Allmählich Wolken, schneller & schneller. Der Himmel wird sich bald zuziehen, wie eine Schlinge sich über vielen Köpfen zusammenzieht. Leben, überleben & drunter durchtauchen. Nur keinen Fehler machen – der schlimmste von allen.
Ein Gedicht ist was übrig bleibt, wenn alle Messen gesungen, alle Tage gezählt, die Kinder zu Bett gebracht, die Wege in Gedanken noch einmal abgegangen & auf ewig unbegehbar geworden sind. Ein Gedicht ist was vor uns liegt, wenn wir nicht wissen, wohin.
gib mir das. gib mir das
aus deinem Mund. Worte
wie heruntergefallene Brösel
Krümel. Samen. deren Herkunft
keiner mehr kennt. die ich
in meinem Gehör versenke
Innerkopfleitung ins Geheim
die ich zusammenstecke. kreuze
züchte. scharfe Mutationen
an denen ich kaue. wiederkäu
die ich verdaue. die nachts
in schwarzem Tutu
über mein Kissen gehn
Nicht die Balance verlieren – vor allem das – plié – tendu – relevé – Tanz mit der Zeit – Verbeugung – und immer wieder die Grundposition einnehmen – beiseite mit Spagat und Arabèsque – zu weit der Kopf vom Fuß entfernt – dann lieber rond de jambe par terre – die Beine auf dem Boden – und manchmal eine Pirouette – nur so gelingt die Kapriole
Dichten : dictare +++ der dichter ist : ein diktator +++ er gebietet über seine hand : die sklavin +++ & den stift : seinen kuli +++ dann hörts auf : sklavisch ist er +++ ergeben dem hirn & dem traum : nur von ihnen +++ läßt er sich was diktieren : der dichter
Er lebte eilig und fühlte hastig.
Fürst Wjasemski
„Mein Onkel, als man ihn gesalbt,
Rief zu sich seinen einzigen Neffen,
Zwang sich zur Achtung seiner selbst
Und konnte es nicht besser treffen.
Sein Tod gilt andern als gelungen;
Aber mein Gott! für diesen Jungen –
Welch eine Ödnis, Tag & Nacht
Hat er am Sterbebett verbracht.
Niemand entgeht dann solcher Tücke:
Man muntert sieches Leben auf,
Hilft ihm in seinen Kissen auf,
Und zwischen Pillenbar & Krücken
Seufzt jemand still & denkt verstohlen:
Wann kommt dich wohl der Teufel holen!“
Der Großschriftsteller
Frau Edelsüß führte wirklich ein abwechslungsreiches Leben. Der fehlende Zwang, sich einer Erwerbstätigkeit zuzuwenden, verleitete sie zu einer professionellen Sprunghaftigkeit, die in früheren Zeiten Universalgelehrtheit genannt wurde. Jetzt erblickte man in einer solchen Vielseitigkeit das sichere Anzeichen für Dilletantismus. Frau Edelsüß – sich ihrer vornehmen Herkunft bewußt – zeigte sich gegen derartige niedere Seitenhiebe erhaben. Die Künstler, Komponisten und Schriftsteller aller Sparten schätzten sie als Gesprächspartnerin, Beraterin, Coach und hätten sie gern auch als Couch benutzt. Letzteres wußte Frau Edelsüß geschickt zu verhindern.
Diesmal hatte sie ein berühmter Großschriftsteller in seine Klause eingeladen. Frau Edelsüß behauptete, daß es die Geradlinigkeit sei, die zum Schreiben verhelfe, die Geradlinigkeit, die sie verlasse, wenn sie mit Gott spreche, insgeheim, zu der sie zurückkehre, indem sie schreibe.
„Sie schreiben selbst?“ staunte der berühmte Großschriftsteller. Dem aufmerksamen Leser sind die historischen Parvenüs von Frau Edelsüß bereits bekannt.
„Nicht der Exzeß motivert mich“, setzte Frau Edelsüß ihren Bericht fort, „sondern die tägliche Disziplin.“ Diesen Satz meinte Frau Edelsüß gewiß nicht wörtlich. Er war eine Provokation, auf die der berühmte Großschriftsteller sogleich ansprang.
„Meine liebe junge Freundin“, sprach er großväterlich, „Sie reden, als wären Sie ein alter Mensch.“
Daraufhin zog der berühmte Großschriftsteller ein Buch aus dem Regal.
„Kennen Sie Weigand, Dramatiker aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts?“ fragte er Frau Edelsüß. Sie schüttelte vage den Kopf.
„Natürlich habe ich den Namen schon einmal gehört, aber nichts von ihm gelesen.“
Das Übliche. Es war kein Wunder, denn Weigand stammte aus Tauberfranken, einer Provinz, die mit der Sintflut rettungslos untergegangen war.
„Weigand“, belehrte der berühmte Großschriftsteller seine liebe junge Freundin weiter, „Weigand hat wie kein anderer den Alltag geschildert, durchdrungen, ihm mit einer Lust Leben eingehaucht, daß man glaubt, im Alltäglichen der kleinen Leute das eigentliche Drama wiederzuerkennen, das Drama der menschlichen Existenz überhaupt wie das Drama der eigenen Existenz. Wovon die Zeitungen schweigen.“
Soweit der berühmte Großschriftsteller. Frau Edelsüß dankte und verabschiedete sich. Zu Hause eingetroffen, spürte sie eine unbändige Neugier, ihre Bildungslücke aufzufüllen und etwas zu lesen. Eine solche Schlappe sollte ihr so rasch nicht widerfahren.
Beim nächsten Besuch des Großschriftstellers bat Frau Edelsüß Herrn Klopsig, sie zu begleiten. Denn der Großschriftsteller empfing sie zum Dinner in seinem Strandhaus weit vor der Stadt. Die dreißig Jahre jüngere Frau des Großschriftstellers trug glatte, lange, schwarze Haare. Auf wundersame Weise strahlte ihre Schönheit aus und verschönerte ohne weiteres Zutun auch die Gäste, das heißt Herrn Klopsig, denn Frau Edelsüß bedurfte keiner Verschönerung… Man plauderte am Kamin ein wenig über Weigand, der der Leib- und Magenautor des Großschriftstellers zu sein schien. Dann führte die junge Frau des Hausherrn die Gäste zu ihren Betten.
Herr Klopsig traute seinen Augen nicht: Sie entkleidete sich vor ihnen. Schamvoll preßte Herr Klopsig den Kopf ins Kissen. Es gelang ihm, einen kurzen Blick auf die Rundung ihres Hinterns zu erhaschen, unbemerkt von Frau Edelsüß, die die Gastgeberin und Herrn Klopsig im Auge behielt. Der heimlich erspähte Hintern spukte im Kopf von Herrn Klopsig umher und entwickelte sich zu einem bemerkenswerten Kinoerlebnis.
Um sich abzulenken, griff Herr Klopsig nach einem Buch. Es handelte sich um ein Frühwerk des Großschriftstellers. Auf den ersten Seiten war der Autor im Gespräch mit dem Verleger abgebildet: fett, aufgedunsen, den Kopf von einer lockigen, weißen Matte bedeckt wie im Barockzeitalter. Herr Klopsig zeigte Frau Edelsüß das Foto.
„Der hat sich aber verbessert“, sagte Frau Edelsüß und lachte herzhaft.
Trage die Reime durch Raum & Zeit,
Schütte die Seime aus Vorvergangenheit
Nun ruhig ins Wasser, Grashalm blüht,
Solange das Verslein im Hirnstamm glüht.
Zertreten die Trauben fließend vor Lust –
So erzittert die Zeile neu in der Brust,
Wo Reime, Seime & Vorvergangenheit
Sich neu kombinieren in Raum & Zeit.
Die Neuheit, das Neue – als Syntax kam
& nahm die Klänge fest in den Arm,
Da wurde Sinn aus Singsang: Neu
_ _ _ . . , _ _ . . _ .
Du ruhst nun, Wasser aus Himmeln
Bricht – alle Messen gesungen, dich
Juckt es nicht: Trage die Reime durch
Raum & Zeit bis in all ihre Seime:
/2 Strophen undeutlich/
Die Gleichklänge kranken – alles einerlei!
Auch dieses Murmeln: Vorvergangenheit.
Böse blicken die Blumen zum Auge herein –
„Nimm schon diesen Duft & wickle ihn ein.“
Ach Harry, diese Muggel. Die Menschen ohne magische Begabung. Wie schwer es ist, mit ihnen umzugehn. Sie zu umgehn ist besser. Welcher G – Schlüssel hat mich geritten, in dieses Torhaus zu fahren. Die Hoffnung auf eine gute Narretei ? Der Wunsch nach einem magischen Moment an einem tristen Sonntagnachmittag ? ( Das wärs. Doch weit gefehlt. ) Was also trieb mich hin ? In ein Konzert, das ich bei klarer Scheibe von vornherein gemieden hätte. Die Liebe. Die Liebe zu einer alten Dame und zur Musik ganz allgemein und unerschütterbar. Ich liebe Bach. Und Beethoven ist in Ordnung. Mozart – eine Köstlichkeit und Händel könnte schön sein. Und ich liebe Jazz.
Das stereotype Verwandeln genialer musikalischer Einfälle der Altmeister in endloses Jazzgedudel ist allerdings so mit das erste, was ich im Radio abdrehen würde. ( Wo ist der Knopf. Oh Harry hilf. ) Sehr kühn auch Improvisation benannt. Oder heißt das Adaption in diesem Fall ? Keine Ahnung. Jedenfalls Fingerarbeit. Im Akkord. Soweit Klavier, Respekt. Doch die Mechanik nicht zu überhören. Die Mugge nicht zu übersehn. ( So heißt es , das Gelegenheitsgeschäft. )
Und der Posaunenengel erst. Besser gesagt – der Saxophonist – mit dem Antlitz eines Posaunenengels. Rehblick, sanft und helles Blau. Ein Lächeln nach vollbrachtem Ton, das man in der Schale des Zorns ersäufen möchte, auf daß ihm Flügel wachsen, in der Lunge. Als dann der Knabe noch zur Flöte greift, richte ich verstohlen meinen Kugelschreiber auf ihn und flüstere entschlossen : Expelliamus ! Aber nichts geschieht. Ich bin wohl doch ein Squib. Und dies ist keine zauberhafte Stunde.
Bei Titel 3 das leichte Kribbeln im Gebälk. Mit Titel 6 der Schweißausbruch. Die Denkschleife rudimentär : reductio, reductio…Nach Titel 9 – der Herr in Deckung schläft bereits – das völlig außer Kontrolle geratende Bedürfnis nach Dehnung, nicht nur des Rachenraums. Die Eselsohren der überdimensionalen Eintrittskarte in den Händen meiner Stuhlnachbarin sind inzwischen so weit durchgeknetet, daß sie schlapp herunterhängen, konsequent eingefaltet, Verweigerung total. Eine Handtasche gleitet zu Boden. Hörsturz. Stupor, röchele ich, stupor. Und endlich ist der Gegner außer Gefecht.
Applaus Applaus. Ich will nachhaus. Wenn Mugger muggen, dann ist das wohl in Ordnung. Aber wenn Muggel muggen, dann halt ich das nicht aus. Zuviel Gemuggel aller Art, in Wort und Bild und Ton und Tat, zu wenig magische Begabung.
Sie nörgelt. Den ganzen Tag nörgelt sie. Egal ob es zum Frühstück Brötchen oder Brot gibt, ob der Eierlöffel angelaufen ist, oder das karierte Deckchen die grüne Farbe hat. Noch am Nachmittag nörgelt sie. Wir sind zu siebt. Wir arbeiten dagegen, dafür ist nicht dagegen, wir schaffen es nicht. Am Abend gurken wir in die Hügel- und Waldlandschaft hinaus. Irgendwo gibt es ein Amtsgericht. Immerzu will sie aus dem Auto aussteigen. Wir verordnen Kindersicherung. Wir bieten Bäckerei und Kuchen an, Ruhigsteller, die nicht mehr funktionieren. In der Dunkelheit kommen wir im Dorf an. Die Lichter sind schon gedimmt. Ihr Nörgeln hat sich in ein harmloses Jammern verwandelt. Wir sollten sie nicht mit Gewalt aus dem Auto zerren, jetzt, da sie nur noch schwach Jammert und kaum noch boxt. Onkel W. parkt am Straßenrand. Wir sitzen hinten und und quetschen uns aneinander, wie Tiere. Wie Kaninchen in der Höhle. Draußen knallt es, einige Male laut. Ein Sektkorken fliegt an die Scheibe. Onkel W. hat angefangen. Es regnet und wir verlassen ohne Schirm das Auto.
wischt sich unser Held
seine Tränen wie Sahne
aus dem Gesicht.
Frau Klöpser beim Einsatz
Eigentlich mag ich keine Klopse, Königsberger schon gar nicht. Wenn es zu Hause was mit Kapern gab, stand ich demonstrativ vom Tisch auf, die empfangenen Ohrfeigen konnten mich nicht beeindrucken. Lieber zwei Watschen im Gesicht als eine Kaper mit Klops zwischen den Zähnen und deren Geschmack auf der Zunge. Was ich noch nicht mag, sind Popstars. Wenn ich einen sehe, stehe ich abermals demonstrativ vom Tisch auf. Lieber ein Tag auf dem Arbeitsamt und ein anschließender Arbeitseinsatz in den ortsnahen Parkanlagen, als einer verbracht vor Youtube, mit dem Popstar, dem Prinzen, den man einst geliebt hat. Betonung auf „einst geliebt“. Der Herr hat wiederum einen Anzug angelegt, mit Weste und Kravatte, die Poppertolle schleimig in der Stirn. Jetzt lieber Jacke anziehen, Tür hinter sich zuschließen und ab zum Arbeitsamt. Da lungern andere Gestalten herum. Knittrige Plastetüten beherbergen rudimentär ausgefüllte Unterlagen, die Beraterin sagt achselzuckend: Sie sind schwer vermittelbar. Welch ein Brechmittel! Doch lieber jetzt das aushalten, als noch einmal Mr. Vanill sehen. Mr. Vanill! Welch ein Name. Steht man auf dem Arbeitsamt, kurz vor Kurt und der Arbeitsvermittlung, den dickbäuchigen Effsieben-Raucher vor sich in der Schlange, taugt dieser Klang V-a-n-i-l-l schon wieder zur Lebensverschönerung. „Frau Klöpser, bitte!“ Ich bin dran. „Ich möchte einen Job an der Theke.“ „Haben wir nicht. Gehen Sie doch ins Call-Center. Da haben Sie doch Berufserfahrung. Was sitzen Sie zu Hause herum, na? Sind Sie etwa internetsüchtig? Was kucken Sie da bei Youtube herum, Sie? Was gibt es da zu starren? Na? Lust auf Call-Center? Sind doch redegewand, Sie. Aber den Doktor, den lassen Sie mal weg. Wie heißt ihr Avatar? Miss Edelsüß? Meine Freundin nennt sich Piggy. Mr. Vanill – was für ein Name. Frau Klöpser, man müsste nochmal 16 sein, nicht wahr? Und schwärmen dürfen, schwärmen… Nun, die Stellenangebote. Da hätte ich was bei standing ovations für Sie. Eizellen eintüten. Im Gefrierzentrum. Da müssen Sie auch nicht… Drei Euro die Stunde… Frau Klöpser?“ Miss Edelsüß hat das Zimmer der Beraterin verlassen. Ich heiße nicht Klöpser. Ich mach das für Vanill. V-a-n-i-l-l. Hinter der schmierigen Glastür stelle ich mich zu Fräulein Hartz und zünde mir geschwisterlich eine Effsieben an. „Bitte, haben Sie eine Zigarette für mich?“ Mein Konto ist in den Miesen, so wie Ihrs. Aber eine Effsieben, die sollte man sich teilen.“ Ich habe Erfolg bei Fräulein Hartz. Glücklich ziehe ich an der Fluppe und inhaliere den Qualm. Meine Stärken sind unbestreitbar Durchsetzungsvermögen, Charme & rhetorisches Geschick. Danke, lieber Vanill!
und beim erwachen war er stets vor der lampe
und begriff sich als einen offensichtlich vorhandenen
selbsterlösenden garten
Gennadij Ajgi, Blumen von mir für mich
Aber was ist nun ein Vektorraum, was eine Ringstruktur … gibt es Idealteiler?
(Februar 1990)
Wir zelteten zwei Kilometer oberhalb der Sängerwiese, knapp neben der Burg. Und es war alles noch eine exakte Folge halbeinfacher Moduln, Pause, so klar wie im Auge – und du lachtest herzerfrischend – bereits merklich anschwellenden Windes.
Für dich, Brüderchen – für immer.
fand ich nach halbjähriger Suche
endlich
eine Wohnung
Nun waren wir also im Wald. Nebenan jenes Zimmer, in welchem du mir dein Leben erzählt hattest, das mich schweigend angeblickt und stumm gefragt hatte, ob … – weiter hinten der Bahnhof, auf welchem wir uns begegnet waren wie zwei Schiffe auf hoher See. Unsere Mütter nun ganz in weiß gehüllt – eine Stille so laut, dass man vom mühsamen Knirschen der eigenen Beine getrost absehen konnte. Quietschendes Lachen, Tritte wie von Hufeisen in klingender Luft. Deine kalten Fingerspitzen zurückgezogen ins Innere der Faust, meine Füße ein eisiger Schrank in Bewegung – es könnte nur eine Frage der Zeit sein, bis ich sie wieder spüren würde – als das, was sie sind: Teil dieses Körpers. Die Schuhe waren zwar noch gefroren, aber wir beide waren endlich – unterwegs.
Temperatur steigend, Messfühler eisfrei.
Wir kamen auf den Vektorraum zu sprechen, diesen Anfang unseres Romans. Dein Vater, sagtest du, hätte dir einmal erklärt, wie die Erde entstanden ist. Da warst du fünf, sagtest du. Und hattest ihn danach gefragt. Ich erzählte, meine Mutter hätte immer einen Mann heiraten wollen, schon als Kind hätte sie davon geträumt. Und jetzt hatte sie einen Sohn. Er hätte aber gesagt, dass es niemand sicher wissen kann, sagtest du, und die denkenden Menschen erzählten sich folgende zwei Geschichten. In der einen sei von der Sonne ein Stück abgefallen. Weil sich die Sonne aber drehte, so wie die Erde auch, wäre dieses Stück fortgeschleudert worden – eine kleine Sonne, die sich dann allmählich abkühlte. Die andere Geschichte klinge unwahrscheinlicher. Danach sei die Erde aus einem Nebel entstanden, einer riesigen Wolke Staubes, der sich aber nicht so abgesetzt hätte wie die Staubschicht im Bücherregal, sondern sich in sich zusammengezogen habe – so dicht, dass daraus eine Kugel wurde – die Erde. Seitdem bist du, sagtest du, in sie verliebt. Diesmal stimmte ich dir zu. Dein Vater, schobst du einige Zeit später nach, hätte viele Jahre lang beim Kulturbund gearbeitet. Als er rausgeschmissen wurde, warst du acht Jahre alt.
Auf einen Berg steigen & in Gedanken hinunterspringen : bis auf den Grund, ins Meer
Einen Stein in Bewegung setzen & zusehen, wie er hinunterrollt : in Gedanken weiterrollen, wenn er dann zur Ruhe kommt
Irgendwann hinabsteigen & sich gleichzeitig vorstellen, die Augen wären geschlossen : mit offenen Augen nach innen schauen, bis ins poröse Mark
Nicht mehr schauen & alles sehen, alles : die Bilder beerdigen
Immer weiter gehen, murmelnd gleiten, gleitend gehen : den Wind zum Gespräch auffordern
für Emil Cioran, den Meister der Launen
Sich nicht ablenken : ablenken
lassen : die Menschen sorgen überall
bienengleich für Brot & Kuchen
du kannst überall hingehen : ohne dich
zu sorgen : überall gibt es Bleibe
& Bequemlichkeiten für die Nacht : nimm Abschied
von der falschen Liebe : die du mit dir
herumgeschleppt hast : schwerer
als jedes Gepäck : von ihr hast du dich
schleppen lassen : sie klebte
an dir : du klebtest an ihr
hast dich nicht losgerissen : hast dich mit ihr
abgelenkt vom Einen : vom Eigentlichen
wer glaubt eigentlich noch : daß es das gibt
dir schien es von vorgestern : die existenziellen
Großväter : die immer unrasiert waren
glaubt man den Fotos & Lithographien : woran
glaubst du : das Heilige
ist die Genialität des Herzens in der Brust derer : die
keine Muße haben zum Lesen : keine Bedienungsanleitung
für ihren Denkapparat : leider hast du
als Kind schon Radios gebastelt & früh
an deinem Sendungsbewußtsein herumgelötet : jetzt
ist die Langeweile dein Antichrist & eigentlicher
Gott : du lenkst dich ab
das ist dein Leben : stürzt dich
in eine falsche Liebe nach der anderen : um die Zweifel
an deiner Existenz zu vergessen : reiner
Zufall wars : durch den du hinausgepreßt
wurdest : deine Mutter verriet es dir
als du acht warst : ihr Schmerz
hatte für sie keinen Wert : dabei macht er
die Existenz köstlich : nirgendwo
als im Schoß einer Frau : merkst du
daß du lebst : daher
seine Gravitationskraft : Erdschwere
du lenkst dich mit geistigen Wonnen ab : um
dich in deinen Schoßlieben nicht zu verlieren : in Schoßhündchen
verwandelst du die Objekte deine Begierde : die Liebe
selbst rettet sie vor dir & deiner
Unfähigkeit : dich von den Ablenkungen loszureißen
du gestehst es im letzten Satz vorm Tode
Kannst du jetzt erkennen, was das für eine Bude ist? Hohe Decken, große Fenster. Da mussten erstmal die Wände raus, da kannste von der Terassentür bis auf den Hof kucken. Nun gut, der Ausblick auf den Papiercontainer ist nicht schön. Aber da kommt ein Zaun hin. Ob die das gestört hat? Die hatten doch Vorhänge davor. Dicke Stores, bei denen war alles dunkel. Bei Gudrun war immer alles dunkel: die plüschige Sitzgarnitur, der Teppich, die mit Holz abgehängten Decken. Jahrzehnte wurde hier nicht rennoviert, eingesponnen im eigenen Mief haben sie da gesessen. Und gepennt. In der Speisekammer angebrochene Tiefkühlkost aus 30 Jahren, Eingekochtes von noch viel länger her. Blümchentapete. Das muss alles runter. Kuck dir nur das Bad an! Wie kann man das Klo neben der Badewanne aufstellen. Wenn da einer nen dicken Arsch hat, der passt da gar nicht drauf. Dieser schäbige 70er Jahre-Look. Die alten Fliesen in gelb und beige. Als ob da eine Schicht aus Schimmel und Fett drauf läge, Jahrzehnte alt. Das ist kein Bauland, wir sind hier nur geduldet. Aber danke für die Stummen Diener.
Der Morgen grauet wunderbar.
Die Vögel blicken sonderbar.
Ein alter Mann steht an der Bar,
Er sieht die Welt, wie sie mal war.
Die Insulinspritze
Der Vormittag im Braunschweiger Cafe Wagner war immer etwas Besonderes. Herr Klopsig hatte sich auf einem Stuhl niedergelassen, der seinen schwerfälligen Körper nicht zu unterstützen schien. „Hm“, dachte er, „da werde ich mich wohl noch an Frau Edelsüß‘ Oberschenkel festklammern müssen, um ein Umfallen meiner Person zu verhindern.“ Dickliche Wurstfinger krallten sich in Frau Edelsüß hinein. Sie stöhnte, aber nicht vor Freude. Wir wissen nicht, weshalb sie stöhnte. Seit Monaten arbeitete sie im Café Wagner als Konditorin, schnitt Torten entzwei, schmückte Kuchenstücke mit künstlich roten Kirschen, schenkte Kaffee und Tee aus, löffelte Eis in Waffeltüten. So hoffte sie, ihr Studium zu finanzieren. Doch Herr Klopsig ahnte nichts von den finanziellen Nöten einer angehenden Studentin und hielt Frau Edelsüß für eine verkappte Krankenschwester, da die Konditorhaube, die sie trug, sich bis auf das fehlende Rotkreuz auf der Frontseite nicht von einer Schwesternhaube unterschied. Er bestellte, während er sich noch in die halbseiden bestrumpften Beine von Frau Edelsüß klammerte, (dass sie ihn nicht wegen sexueller Belästigung verklagte, verdankte Herr Klopsig nur ihrer von Geburt edlen Gesinnung), ein Diabetiker-Eis. Er registrierte enttäuscht, dass Café Wagner eine solche Spezialität nicht führte. Frau Edelsüß klapste dem korpulenten Gast zärtlich auf die Finger und deutete auf den Diabetiker-Kuchen hinter der verglasten Theke, in der die Wespen nach stundenlanger Schleckerei bereits von beginnendem Alterszucker heimgesucht wurden. „Werter Herr Klopsig“, sinnierte Frau Edelsüß, die niemals vergaß, sich wie eine Lady zu benehmen, „halten Sie nur einen Augenblick inne und betrachten Sie das brummende Getier hinter Glas. Es ist einer solchen Süßigkeit auf Dauer nicht gewachsen. So bedarf es einer Insulinspritze, um den Stoffwechsel wieder ins Gleichgewicht zurückzuführen. Wir alle, Sie genau wie ich, wissen zu gut, dass zuviel Süßes auf Dauer nur schädlich sein kann. Doch ebenso wissen wir auch, dass die Medizin genügend Chemie bereit stellt, damit wir weiter sündigen können. Warum also Verzicht üben?“ Herr Klopsig räusperte sich und betrachtete die künstlichen Wimpern von Frau Edelsüß. Dann bestellte er beherzt ein großes Stück Donauwelle mit Vanilleeis.
Gegenglück auf der Umlaufbahn, Trinker
Starren nach oben. Knirschen, Geschiebe.
Es quietschen die Achsen des Astrolabs –
Kunstblume an vergangene Zukunft: „Ich
Ich, der Astronom … “ Hinterm Rücken
Gescharre zwischen Möhrchen & Rübchen,
Schnabelkehlen rufen den Abend herbei.
Was Rhythmus sei? Antireim
Im Kurztraumgedächtnis, die Nullen
Addieren sich zum Nichts: … , Vorhang.
Als ich die Maschine vollendet hatte, wusste ich nicht mehr, welche Aufgaben sie erledigen konnte. Ich hatte keine Ahnung, wie man sie bediente, verstand nicht, wo und wie man etwas auf-, unter- oder hineinlegen konnte. Ich wäre schon froh gewesen, wenn ich gewusst hätte, was die Maschine verarbeiten konnte.
Eigentlich wollte ich eine der in der Halle stehenden Maschinen verbessern. Irgendwann hatte ich begonnen, mich nicht mehr an die Konstruktionspläne zu halten. Warum, weiß ich nicht, es war wohl keine bewusste Entscheidung. Es hat sich wahrscheinlich in der Arbeit ergeben, dass ich eine Schraube etwas anders setzte als geplant, dann folgte ein anders verdrahteter Kontakt, und so ging es weiter.
Ich habe versucht, die Maschine mit allem zu füttern, was ich in meiner Werkstatt finden konnte, mit Holz, mit Elektronen, selbst mit einigen Informationen. Ich beschädigte lediglich einige Organe der Maschine, ich habe sie ausgewechselt.
Dennoch, eine Maschine ist sie ohne jeden Zweifel. Ich weiß es, ich habe sie gebaut. Sie ist eine vollkommene Maschine, es gibt nichts, was an ihr verbessert werden könnte. Sie arbeitet leise, sie erzeugt weder Staub noch giftige Strahlen. Ich habe einen Summer eingebaut, der bei jedem Fehler schmerzhaft krächzen würde. Bisher blieb die Maschine stumm.
In einer schlaflosen Nacht habe ich es erkannt. Die Maschine gehört zu einer möglichen Zukunft. Dann wird man den Sinn der Maschine verstehen. Es ist möglich, dass die passende Zeit eintritt, weil ich die Maschine gebaut habe. Ich frage mich, wie ich die Maschine bauen konnte, ich, der in einer zu fernen Vergangenheit lebte. Vielleicht, weil die zukünftige Existenz der Maschine die Gegenwart verändert hatte.