Die Wunde

An einem Wintertag
Mit Husten (Krätze
Am Hals) ich sitze
Und lese Zeitung.

Gegen Abend tritt es
Flüssig hervor, Untergrund
In Eisenoxid aus dem Puls
Verwaschener Geräusche,

Stellt sich mitten in den Blick
Aufrecht
Auf gezimmerter Bühne
Spielen und singen sie:

***

Mein Atem stockt…
Für den Bruchteil eines Lächelns
Möcht‘ ich
Jetzt dem Gedanken folgen
Alles Gewesene sei beerdigt.

frei nach V. Sielaff

Hawege. Eine Skizze.

F. hatte sich genau daran gehalten. Mutter: 3 Torten, Vater: 2 Bier, Bruder: 1ne Tute.

Und dennoch: Bei Hawege geriet er auf Abwege.

tute.jpg

Gestatten – Georg

Ich war damals als Zeitungsjunge unterwegs. Auf die Frage,  ob ich an der Herstellung des zu vertreibenden Produkts mit beteiligt sei, antwortete ich immer mit  ja.  Als Student lag mir einiges am Herzen. Zum einen das Ganze, das als  solches eben kein falsches sein kann, einfach weil ich mir doch sonst die Frage nach den Voraussetzungen, nach dem Grund meines Fragens stellen müsste. Es gibt nicht nur dumme Antworten, oh ja, aber das Fragen – das Fragen sei heilig. Zum anderen das Problem, mich aus meinen Knochen selbst nochmal neu zusammenzubauen. Aus den eigenen. Warum? Na ja. Wohl weil anders nicht zu begreifen ist, wer das denn sein soll, der so fragt. Etwas von solcher Art. Denn ich habe mich immer bemüht, diese Fragen möglichst gleichzeitig zu stellen. Und zu beantworten. Kaum jemand hat das wirklich, ich meine – verstanden. Viele verstanden nur – Aufruhr! Ja, ich war ein Student, unterwegs mit Rucksäcken voller Papier. Die Zeiten waren damals so, und die Bäume, deren Knochen zwischen den Wirbeln meines Rückgrats nach ihrer zukünftigen Form suchten, geistern noch immer durch meine Träume.  Manchmal spüre ich es schwanken. Dann überkommt mich ein seltsames Gespür, wie für Schlittschuhe auf knirschendem Eis. Dann halte ich mir die Hände vors Gesicht, ein gewaltiger Schmerz. Die ungebornen Enkel.

Triade

Ich bin der Liebhaber,
Chronist der gebrochenen Herzen,
koste vom unerschöpflichen Wein der Lust
jeden noch so bitteren Tropfen –
Ich bin trunken vor Schmerz.

Ich bin der Verlorene,
Prometheus gleich an den Fels geschlagen,
doch nur die Ahnung eines Funkens
auf den Lippen und die offene Brust
noch jedem Geier dargeboten.

Ich bin der Souffleur der Zeit
in diesem Kammerspiel der Tauben.
Immer im Schatten der Bühne,
muss ich Herr der Untertitel
und des Nichtgesagten bleiben.

Doch ich bin hier,
bin immer hier.

Amuse-Bouche

Prof. Dr. O. holte sich ein Schinkensandwich vom kalten Büffett. Hier und da grinsten erblasste Gürkchen aus den Weißbrotreihen. Prof. Dr. O. kaute Radieschen. Kalte Platte, Amüse-Bouche. Auch als Mundfreude bekannt. Ein scharfer Saft lief in seine Mundtaschen. Das Arbeiten der Zähne und das sich in den Ohren verbreitende Knirschgeräusch übertünchte die Worte seiner Tischnachbarin. „… ausgezogen… nie mit dem Zug gereist…, sehen … Herr Ober… nicht…“ Wie Syrup quollen Walzerklänge über das Parkett. Oh wie so trügerisch… Prof. Dr. O. kaute aus, wanderte mit seinem Teller zum Fisch-Ouvert. Silbern funkelnde und mausetote Sardellen, angeordnet zu einem Stern, warteten auf den Verzehr. Daneben Möhrengeschnetzeltes, Salatsorten von glatt bis gezackt, vom Grün eines verblichenen Lampenschirmes oder der Färbung einer saftigen Kuhweide. Weißkohl regte die Haufrau offenbar zu neuen Schnitztechniken an. Prof. Dr. O., sonst ein Mann der praktischen Intelligenz, tendierte heute Abend zur Weinerlichkeit. Der Walzersyrup, der nur zum Teil gehörte Smalltalk, die Arie von den Weiberherzen. Die Ordnung der heutigen Mahlzeit war für Prof. Dr. O. ein Appetithäppchen. Er würde den ganzen Literaturblog unbenennen. Kalte Platte. Bestehend aus lauter Amuse-Bouche.

Horizontal und vertikal [2, 11]

Es machte klick. Die eben noch rollenden Steine hatten aufgehört zu rumpeln, die Luft wogte noch leise durchs Zimmer und wir, die Arme um einen Körper gelegt, der als Relief mit verschiedenen Namen wie Taille, Rücken, Hals und Kopf versehen war, in der Vorstellung aber aus nichts anderem bestand als zitternder Wärme und einer sich blind äußernden Zuwendung, schauten uns reglos in die Augen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie sich so weit angenähert hatten, dass sich die Lippenpaare berühren konnten, und was darauf folgte, lässt sich nur noch im Bild eines Seglers fassen, der auf den wild pulsierenden Dielen des Sturms von Wellenbergen hinab in die schäumenden Täler geschleudert wird, um, zeitweise ganz vom Wasser begraben, immer wieder seine knarrende Mastspitze aus dem flüssigen Tosen des Meers herauszustrecken in verzweifeltem Kampf gegen das Versinken. Die Flüssigkeit in den sensiblen Gleichgewichtsorganen, deren gedachte Linien den menschlichen Kopf in der Wahl zwischen horizontaler und vertikaler Körperlage zu halten pflegen, spielten verrückt und konnten keine Entscheidung zwischen Stehen, Fallen und Fliegen mehr vermitteln. Als meine Lippen deinen entblößten Körper zu erforschen begannen, gebot eine fremde Stimme dem Chaos in diesem Zimmer Einhalt: Nicht! Ich muss los … Es machte klick. Ich zog die Tür hinter mir zu und drehte den Schlüssel zweimal im Schloss herum.

Der Mund

für John U.

öffnet sich : schließt sich
zarte Lippen : zitternd am Unterleib
ein Laib : von dem du zehrst
denn du lebst ja nicht allein : also fährst du
nachts zu ihm : er nimmt dich auf
verschluckt dich : schüttet dich zu
mit Geschichten von Großvätern : die nicht
ablassen können : sich an jungen
Zungen zu laben : sie stecken
ihre Rente in den gierigen Rachen : denn
der Mund : die faule Fotze
verschlingt sie : während ihr euch
hingebt & aufgebt & Schluß macht
um wiederzukommen : immer wieder
frißt euch der Mund : in den ihr
eure schlaffen Schwänze steckt

Verleger

Schon wieder ein Manuskript

Verlegt

Schade eigentlich

Aber Verleger verlegen nun mal

Dieses und jenes

Vieles und anderes

Wer soll da noch die Übersicht behalten

Täglich

Stapelweise

Da kann es schon mal passieren

Daß was verlegt wird

Was besser hätte nicht verlegt werden sollen

Ich bin nicht so ein Verleger

Gottseidank

Bei mir ist höchstens mal der Kamm weg

Fremdheit : Familie

Nie hat mein Vater um seinen Vater
getrauert. Fröhlich erschien dem Kind
die Besatzung in Polen : was für ein guter
Job (sagt man heute). Gefolgt

vom schnellen Tod auf der Krim. Fünf
war mein Vater. Als sein Vater starb.
Vermißt gemeldet. Hat mein Vater seinen Vater
nie vermißt (sagt er). Drüberweg

gehen & weiter. War die Maxime.
Für Gefühle zuständig : der kleine Bruder
durfte weinen. Mein Vater : der große Bruder
die große Hoffnung. Ein Musterschüler

der’s allen gezeigt hat. Seine Begabung
Nachhilfe zu erteilen. Auch seine Frau
gewann er mit Beharrlichkeit (was man heute
leichthin stalking nennt) : er liebt

den schnellen Schritt. Beherrscht
vom Gedanken : vorwärts & rasch
vergessen. Liebt er sich selbst (wie wir alle).
Mein Vater. Mein trauriger Vater.

Er ist ein großer Zerredner & flieht
lebenslang vor der Trauer.

Selbstermächtigung

Ich bin der Sturm

zwischen den Zentren.

Ich bin der Raum

zwischen dir und mir.

„…!“ – „… ?“ – „.“ 

Ich bin, tot

und noch immer

nicht gestorben.

Askalon

Also gut. Vukovar und Tora Bora, Gori und Babil. Die Kreuzfahrer haben Askalon erobert und die Rum-Seldschuken die Byzantiner geschlagen. Von Megiddo anzufangen ist müßig. Das ist so wie es bleibt. Ja, lass uns über den Tod reden. Die schwarzen Felle von Toulouse. Das helle Himmelgrau. Und Arm und Bein. Das ganz darin. Weg mit dem Für. Für niemand mehr und nichts. Die Sonne scheint. Frostklar die Luft. Im Eis gerahmt der goldne Fisch ist schön. Und tot. Weiß soll nun sein.

( Aber von mir aus können wir auch über die Massenkrankheit Intelligenz reden, die sowohl Klugheit wie Einfalt so gut wie ausgerottet hat. )

Schnee von gestern

Ob Gedanken einfrieren können

Nicht auszuschließen

Schnee

Was gibts da noch zu sagen

Brueghelmännchen

Schieben rutschen bauen

Eine Mohrrübe mitten ins Gesicht

Es beginnt sich zu drehen [2, 10]

Doch die Gegenstände blieben still. Es war nicht jene Stille, deren Flüstern das Verrinnen der Zeit mit einer grellen Kontur versieht, ohnmächtiges Zittern im Innenraum mühseligen Atems. Und jene Stille nicht, welche das Meer hinterlässt im Nachlassen des Sturms. Es war so still, dass die im Zimmer versammelten Dinge nicht anders konnten als zu schweigen, nichtssagendes Dahinvegetieren der Atome in ihren elektromagnetischen Bindungen. Die Schriftzeichen blieben stumm, jede Stimme, die ihnen eine und sei es noch so ferne Verbundenheit hätte geben können, blieb unartikuliert. Mir war, als ob die Luft versteinerte.

Du kramtest in meiner Plattensammlung. Ich folgte dir mit verzweifelten Blicken. Alles, was mein Herz beim Schlagen bis zum Überschlag erregte, glitt unter deinen Fingern hindurch, ich war in einem Zustand, der dem rotierender Vinylscheiben unter dem Diamanten einer Abtastnadel bis auf jenes Haar glich, welches den plötzlichen Sprung mitten in der Musik verursachte, ohne auch nur etwas vom Wirken der eigenen Existenz in der schwingenden Parallelwelt dieses Zimmers zu ahnen. Etwas blieb an dir kleben. Ich sah es in dir zucken, ein kurzer Impuls, wie wenn einen steilen Berg hinabrollende Steine plötzlich auf ein Hindernis treffen. Mit den ersten Akkorden legten sich zwei Arme um meinen Hals, und alles um mich herum begann zu kreisen, sich zu drehen und sich um ein unsichtbaren Zentrum herum zu bewegen.

Tod

„Bleib noch etwas in mir!“
(Innen an einer Fahrstuhltür) 

Es träumt mir meine Arme
Um den Kopf geschlungen,
Beine um die Arme: so
Wohnte es in mir, ganz
Darin für

sagenhaft

die vielen kartoffeln sie purzeln wie die worte über den rand der lippen

die förderbänder stehn nicht still

zu boden zu boden große haufen

türmen sich vor dir und mir und anderen

an jedem ort aufhören

wo ist das mädchen mit dem

e i n e n wort hilfe das ist ja die

reine gehbehinderung wartet auf mich

wie sie es nur machen

sagenhaft :

durch den süßen brei sich fressen ohne

verdauungsproblem

ich glaub mir fehlt ein enzym

Schon kleben die ersten Kommentare dran

Neulich wollte ich mal ausprobieren, wie es denn wäre, wenn mein Herr Hornberg mir plötzlich auf dem Bahnhof begegnen würde. Nun, von vielem verstehe ich ja nichts. Von meinem Hornberg eigentlich auch nicht viel. Ich habe ihn erfunden, das muss genügen, gehen muss er allein – oder vielmehr: rennen. Hornberg rennt durchs Leben. Heute ist er mit einer neuen Frau zusammen, morgen geht er ins Kloster. Gestern war Ostern, heute verdient er großes Geld. Wie er das macht? Weiß ich nicht. Weiß er es denn? Wie gesagt, ich habe keine Verantwortung für das, was mein Hornberg tut. Ich bin trivial: ich erfinde. Und schon rennt er. Von ganz allein. Wahrscheinlich hat er Rhizinussöl getrunken. Oder es hängt Fliegenpapier in seiner Wohnung. Ich habe keine Ahnung. Mir geht es nur darum, dass am Text schon bald die ersten Kommentare kleben.

Wellen & Bäche

Ich lasse die Hügel hinter mir : vor mir

liegst du mit deinen Wellen & Bächen : im Regen

des Worts verstummst du : ächzend

ein Berg : auf dem der Wein reift

laß uns trinken : du schüttelst

die Schafherde ab : alle Felle

fallen zu Boden : wir stürzen

die Falle schnappt zu : gefangen

sind wir frei : wir haben

nur uns & unsere unendlichen

fließenden Landschaften

160°C

3. April, 13.30

Der Tag beginnt gut. Ich gehe in die Küche und heize den Backofen auf 250°C vor. Da meine Füße heute nicht ganz so klamm sind, lassen sich die Hausschuhe leicht abstreifen. Ich bin zufrieden. Ich öffne die Ofenklappe und lege einen Hausschuh hinein. Die Hitze verteilt sich gleichmäßig, das Thermostat zeigt bereits 160°C an.

14.00

Jetzt ist der Hausschuh richtig knackig. Das freut mich. Ich prüfe wiederholt die Konsistenz. Nix zu meckern. Ich nehme die Küchenzange und hole den Schuh heraus.

16.00

Am Bücherregal zaudere ich, nehme dann einen Band Goethe zur Hand und lenke meine Schritte wieder in die Küche. Der Duft von gebratenem Hausschuh schlägt mir entgegen. Ich wende mich dem Gefrierfach zu, öffne die Klappe und lege den Goethe hinein. Bei minus 18°C wird der Werther bestimmt schön hart.

18.00

Ich bin mir sicher, heute was geschafft zu haben. Es könnte nur hier und da noch effizienter werden.  

das licht und der wind

von bienen zusammengetragen
einmal durch den schlauch geschickt
angezündet
raum geworden

erinnerung
in nur zwei dimensionen

Advent

Er kommt, mit Garantie und all dem Gerassel wie jedes Jahr. Die Schneeflocken bleiben aus. Aber er kommt. Unerbittlich reißt er die Schubladen auf. Vom ersten bis zum letzten Tag. 24 mal öffnen. Was für eine grandiose Idee. Jeden Tag ö f f n e n. Die Fenster und Türen, Augen, Nase, Mund und Ohren, die Hand, das Buch, das Klavier, den Zeichenblock und das Briefpapier, mein Gott. Was man alles öffnen könnte.

Aber nichts da. Im Gegenteil. Wir schließen und schließen. Wie immer. Das geht mit 14 los. Da schließen wir uns aus. Die Ahnen stehn am andern Ufer und winken mit dem Tannenzweig. Umsonst. Mit 16 schließen wir uns an. Und zwar der Schar der coolen Räuchermännchen auf der zugigen Parkbank. Mit 18 schließen wir ab. Die Kindheit, das Zimmer und den Vertrag mit der Volksbank. Halleluja. Mit 20 sind wir die meiste Zeit eingeschlossen. In Bibliothek, Hörsaal oder Werkstatt. Und verkaufen am Abend mit klammen Fingern Kerzen auf dem Weihnachtsmarkt. Mit 30 sind wir dann weggeschlossen. Vorübergehend. Wir rotieren in einer überheizten 3-Raum-Wohnung und basteln an der Unruhe fürs Kinderzimmer. Mit 40 schließt man rück. Das kanns doch nicht gewesen sein. Und schwingt sich auf, sweet chariot, und fährt zur Mitternachtssauna mit Plätzchen und Glühwein. Mit 50 sind wir kurzgeschlossen, der Fernseher gibt die nötige Spannung, stille Nacht. Und mit 60 ist auch noch nicht Schluss mit dem Schließen. Wir verschließen die Tür nicht nur 2 mal, sondern hängen auch noch die Kette ein, ehe wir den Schwippbogen anknipsen und den guten Stollen mumpeln. Mit 70 endlich ereilt uns eine unangemessene Sehnsucht nach dem Christkind. Ja, ein KIND soll her, ein Kind. Her damit unter den Tannenbaum. Das Kind, das man mal war, oder ein Enkelkind, wir nehmen auch ein anderes, Hauptsache so richtig klein, und diese großen Augen, wie sie leuchten, und diese süßen Patschhändchen, ach, lasst uns das Kindlein wiegen, das Herz zum Kripplein biegen, lasst uns das Kindlein benedeien und uns im Geist im Geist erfr—Doch da ist meist schon SCHLUSS. Er kommt. Mit Garantie.

Narzissen

ein garten voll narzissen berauscht vom süßen duft die alabasterne reicht trüffel im morgengrau mit tau benetzt ersaufen wir

Grauzonen

Grauzonen

Ich bin
ein rastloser Nomade,
verliebt in die Abgründe
zwischen den Grauzonen des Herzens.

Ich bin ein Wanderer
auf den Irrpfaden fremder Hoffnung
und zwischen den Splittern
gebrochenen Rückgrats.

Dort, –
wo keine Wahrheiten mehr gedeihen,
nur diese wunderschönen Laster,
die ein Leben tief aus dem Innern sprießen,

befingere ich meinen Seelenspiegel,
taste nach seinen Rändern
mit blutigen Kuppen.

Ich will alles erfahren über den Schatten
hinter dem Glas
und in meiner Brust.

Schweinegeometrie [4, 2, 1]

Am Anfang war der Kot, jene Eigentümlichkeit der körperlichen Verfassung eines revierbildenden Gattungswesens, die dieses in die Lage versetzte, aus der Gesamtwahrnehmung eines Hier und Jetzt die ungemein gefährdenden Momente herauszulösen, den Umstand nämlich, dass in jenem Teil der Welt bereits ein Lebewesen, dessen körperliche Ausstattung der eigenen um keine Klaue und keinen Zahn nachstand, siedelte. So zerfiel die Oberfläche der Welt in Territorien.

Aus dem Kot wurde ein Code, etwas, das nicht nur stinkend oder duftend in Erscheinung tritt – je nach der Perspektive des Betrachters, ob sich die Rede nun um fremde Eigentümlichkeiten oder die Thematisierung des Eigenen in den gemeinschaftsbildenden Aspekten einer selten zum Problem werdenden Geruchsidentität dreht – sondern in seiner konkreten Geformtheit so eindeutig wiedererkennbar ist wie eine Gerade als kürzeste Verbindung zweier Reviere im Flachland. Diese Erscheinung wurde derart bedeutsam für das Zusammenleben der Gattungswesen innerhalb ihres Reviers, dass sie fortan verdoppelt zur Ansprache aller möglichen bzw. als unmöglich hinzustellenden Verhaltensweisen herhalten musste. So entstanden Scheiße und Trüffel, die Welt aber zerfiel in Tag- und Nachtwesen.

Bei Tage besehen war alles ganz hübsch hier im Revier. Die Blumen blühten, ihr Duft wehte zuerst in der zarten Andeutung des Frühlings, später voller Wollust und eigenartig wie Code über die wiegenartigen Behausungen. Bei Nacht aber verwandelte sich der Raum in eine Haut von der Beschaffenheit gespannter Trommelfelle, und der Geruch nahm nun die Form unzähliger Nadelspitzen an, die dann und wann von einem lidlosen Auge überdeckt wurden, in ihrer gleichzeitigen Nähe und Ferne diesem auf eigenartige Weise gleichermaßen gleich und ungleich, so als würde der Geruch pulsieren.

paranoia, pink

Der Wühltrog läuft über, ich tauche meine Finger ein. Nasowas. Bücher. Schwarze Molche hinter Glas, Guppys im Aquarium. Die Meerschweinchen huschen von einer Sägemehlecke in die andere. Gegenüber erhebt sich ein Tütenberg. Tulpenzwiebeln. Magenta. Grünkittel tragen Töpfe. Von links nach rechts und gradeaus. Blattpflanzen. Ich halte mich an den bunten Blättern fest. Blättere und blättere und suche das – weiß nicht was. Etwas das mich anspringt, hält, verzückt für einen Augenblick.

Im Augenwinkel bemerke ich ein kleines Mädchen. Sie steht neben mir und hat ein strahlend rosa Buch herausgefischt. Innig streicht sie über die rosavioletten Bilder. Barbie in pink. Barbie in bleu. Barbie in weiß. Sie murmelt wohlklingende Namen vor sich hin. Stella, Bella, Gwenyver. Etwas unsicher sieht sie zu mir herüber. Immer wieder. Spricht und spricht, nachdrücklich in meine Richtung. Ich will nicht reden. Das helle Blau vom Vormittag im Kopf, stiere ich noch eine Weile in meine rötlich schimmernde Pappe. Fische im Atlantik. Das stört sie nicht im geringsten. Sie spricht die Namen wie Beschwörungsformeln. Tippt mit dem Finger in das Buch. Und sieht zu mir herüber. Stella, Bella, Gwenyver. Der Singsang fällt mir in die Ohren. Ich hebe kurz den Blick in ihre Richtung, schon bricht der Damm. Es sprudelt aus ihr heraus : ob ich sie kenne – die blaue ? Die lilane. Und die weiße. Sie kennt sie alle. Die rosane – das ist ihr Lieblings. Sie hat den Film gesehn. – Kannst du lesen – frage ich. – Nein. Aber bald. Nächstes Jahr. – Dann interessiert sie sich brennend für meine Fische im Atlantik und will es wissen. – Wie heißt der hier ? Und das hier mit den vielen Beinen ? Bereitwillig buchstabiere ich. Sie lacht und freut sich an den wunderlichen Worten. Es sind die nettesten fünf Minuten seit fünf Tagen.

Bis mich aus der Entfernung ein Pfeilblick trifft. Curare. Ich spüre es so deutlich, daß es mir die Zunge lähmt. Hot pink. Die Mutter des Mädchens steht bei der Monstera und durchbohrt mich mit ihren scharfkantigen Augen ( eckig ? ) . Ehe ich begreife worum es sich handelt, nimmt ihr gespannter Körper die Form eines Projektils an. In weniger als drei Sekunden wird das Geschoss einschlagen. Die rosige Nase des Meerschweinchens vibriert. Das einzige was mir noch einfällt – ich klappe mein Visier auf und schaue sie frontal an. Weiß. Reinweiß. Sie hat den irren Blick der neuen Dekade. Traukeinemaußermeinem. Da begreife ich. Ihr flackernder Projektor wirft die verzerrten Bilder nun auch auf meine Mattscheibe. Großer Gott, doch nicht DAS. Seh ich so aus ? Sind denn schon alle wahnsinnig geworden, und ich habe es bloß noch nicht bemerkt ? Das Herz auf dem falschen Fleck, mit fremden Kindern spricht man nicht und wer andern eine Grube gräbt hat wohlgetan.

Grellrosa Stimme aus dem off : – Arabella ! Komm weg da !

– Languste ! Sage ich zum Abschied und hebe fast unmerklich den Zeigefinger. Arabella kichert ein letztes mal, ehe sie sich abwendet und in den Schatten der Monstera geht.

Narrenliteratur (1)

Geburtstag

Wünsch mir Gesundheit Glück und Geld – ich will ein Tor sein in der Welt – Denn so ein Tor kommt selten vor – der Torheit liebt und davon gibt – das bisschen Törichtsein noch teilt – wo alles nach der Weisheit eilt – Lasst mich probieren obs noch geht – ich dreh an meinem Hals – und seht : Ich steh manierlich auf dem Kopf im Kreis der vielen Lieben – Das Huhn springt aus dem Suppentopf – und wird zum sechsten male

sieben

Im Vektorraum [4, 1, 1]

Vers la fin d’une nuit, au moment idéal
Où s’élargit sans bruit le bleu du ciel central
Je traverserai seul, comme à l’insu de tous,
La familiarité inépuisable et douce
Des aurores boréales.
Houellebecq, Die kontrahierenden Operatoren

Es begann mit einer einfachen Bewegung. War es jenes Hin- und Her einer pinselhaarigen Bürste, gefärbtes Schweinehaar in ehrenhafter Erhöhung der Nützlichkeit eines ansonsten ausschließlich zum Verzehr bestimmten intelligenten Wesens, die als späte Erinnerung an den Rüsselblick des Hungers jene Gewohnheit zu ersetzen hatte, deren feuchte belebende Wirkung darin bestand, dass die Zunge einer Schnüffelmaske die Füße des Herdenführers mit dem Rachentau des auf die Verdauung dieser Welt spezialisierten Innenraums einer Grenzbestimmung zwischen fremden und körpereigenen Eiweißstrukturen benetzte und daraufhin aller Staub, wie die Reste des entropischen Prozesses zwischen unten und oben genannt werden mögen, von der Oberfläche der in sich gekehrten Organansammlung verschwand, die selbst wiederum ihr Bild im Nervenzittern der Pixel eines sogenannten Sehfeldes fand, das dem gemeinsamen Untergrund des einen und des anderen, Kreisform mit zwei Löchern, aufs Haar glich. Blickte man aber von oben auf diese Bewegung, so wurden Richtungen unterscheidbar. Der Punkt, an dem sie sich treffen würden, ist Teil des Horizonts, jener Linie, hinter welcher der Himmel im Meer versinkt. Hinter dieser Linie öffnet sich ein Raum, den keines Menschen Auge je erblicken kann, ohne dass die Füße ihre eigene Existenz vergessen und mit ihr allen Staub und alle Feuchtigkeit, die ihnen auf den langen Wegen zwischen dem Hier und dem Horizont zu begegnen pflegen. Dieser Raum ist ideal: er besteht aus Punkten, unendlich kleinen Nichtigkeiten, so wie sie ein Leben im Ganzen ausmachen können und dabei dennoch eine Richtung aufzeigen. Einen Vektor eben, das gedachte Ganze eines annähernd nichtigen Lebens zwischen der universalen Dachkonstruktion mit dem Namen Himmel und einem dunklen, aber nicht unerreichbar fernen wasserbedecktem Grund.

Besuch in einem alten Zimmer [2, 9]

Ich zeigte dir voller Stolz mein Domizil: die Bücher, gesammelten Schriften und Kinderzeichnungen, zwischen denen einzelne Fotos wie graugestrickte Bildideen zur Illustration einer Tageszeitung steckten. Wir erforschten den Rauminhalt der Schränke, maßen mit Blicken die möglichen Verwandlungen der darin aufgestapelten Schichten, und wenn das Auge an einem außergewöhnlichen Detail hängenblieb, gab es keinen anderen Weg, als das zunächst als taub erscheinende Gestein drumherum in einer Folge mühseliger, aber in ihrer Geduld stets auf das verfolgte Ziel bezogener Handgriffe abzutragen. Ich zeigte dir mein Museum. Du warst hingerissen – die mir so vertraute Welt war offenbar in deinen Augen ein unerforschter, geheimnisvoller Planet in einer noch nie von Außerirdischen besuchten Gegend des Universums. Ich wunderte mich über deine Begeisterung. Und in gewisser Weise war sie mir peinlich. Je weiter wir gruben, desto leuchtender wurden die zu Tage tretenden Visionen und desto seltsamer die wie aus dem Nichts auftauchenden Artefakte. Neben einer Blättersammlung aus heimischen Gefilden fand sich ein Herbarium fremdartiger Gewächse. Etikette und Fahrkarten mit unbekannten Schriftzeichen deuteten auf die Existenz fremdartiger Intelligenzen. Als wir bei der Käfersammlung anlangten, war mir für kurze Augenblicke zumute wie dem vom Feuer eines Zündholzes besuchten, sorgsam verpackten Inneren eines Treibsatzes von explosiver Zusammensetzung. Es hätte nur noch gefehlt, dass sich die Streichholzschachteln von selbst geöffnet hätten und die gedrungenen oder zartgliedrigen Wesen in Realisierung ihrer eigenen Lebenskraft daraus hervorgekrochen wären.