Erstmals unterwegs [5]

Wir werden einen Schneesturm fordern,

damit er treibe

durch Abgründe der Vitrinen.

Gennadij Ajgi, Frau von rechts

Ich war einverstanden gewesen. Wir trafen uns am Bahnhof und nahmen den Zug in Richtung Süden. Hinter dem Fensterglas lagen die verschneiten Wiesen und Felder in der Sonne, sie zogen am reglosen Blick vorbei wie Bilder einer besseren Welt, im überheizten Abteil war die Luft äußerst stickig. Die drei Stunden Fahrt vergingen wie im Fluge. Wir sprachen wenig. Von Zeit zu Zeit sahen wir einander an und schienen dann jedesmal gleichzeitig zu erschrecken ob der offenkundigen Verrücktheit von Mitreisenden. Einmal wurde die Tochter einer älteren Frau so mir-nichts-dir-nichts nach Amerika geschickt, immer noch besser als ohne Mann und ohne Job in der Provinz zu versauern, ein andermal durfte ein kleiner Junge nach zwei Stunden inständigen Bittens drei Stücken Schokolade essen und verdarb sich dabei fast den Magen. Der Schaffner grüßte freundlich, aber diskret – das schwarze Tuch um deinen Hals sah verwegen aus. Ich begann mir Gedanken zu machen: Könnte ein Schlafsack zu dieser Jahreszeit überhaupt den vom wachenden Geist verlassenen Körper so warm halten, wie die gleißenden Träume es erforderten? Würden nicht die Schuhe durchweichen und schließlich die Füße erfrieren? Je näher wir unserem Ziel kamen, um so mulmiger wurde mir zumute. Und du, du hieltest die Augenlider hartnäckig gesenkt.

Dieser Beitrag wurde von Zhenja am 6. Juni 2008 um 17:47 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

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