Beginn der Eisnacht [7]

Vom Bahnhof aus liefen wir mehrere Stunden in den Wald hinein. Die Zweige der knisternden Tannenbäume entfalteten sich vor den Augen zu einem grünen Teppich, auf dem der Blick ruhen konnte wie auf einer Couch. Kalte Luft drang in die Nase, ihr würziger Duft war ein seltsames Gemisch aus Sonne und Schnee. Je weiter der Tag voranschritt, um so tiefer gelangten wir in die Wildnis. Einzelne Spuren verteilten sich im Weiß. Die gleichmäßigen Schritte verloren allmählich alle Konturen, die Bewegung sorgte für sich selbst, nur die Gedanken schweiften immer öfter dem unwillkürlich kreisenden Blick hinterher und versuchten, die beiden, scheinbar unvereinbaren Ideen von frierendem Schnee und wohligem Schlaf zusammen zu bringen. Es begann zu dämmern. Leichter Wind kam auf. Nun galt es, einen Lagerplatz zu finden.

- Da hinten sieht es ganz gut aus.

- Nö, das ist zu abschüssig. Laufen wir lieber noch ein Viertelstündchen.

- Gut. Aber in einer halben Stunde ist es garantiert dunkel.

Und die Nacht kam ohne Umschweife. Sie brach über uns herein als zittriger Schwall schnell in die Glieder einsickernder Eisluft. Wir bauten im Halbdunkel das Zelt auf. Versuchten mit klammen Fingern Feuer zu machen. Es ging immer wieder aus. Schließlich flüchteten wir vor der unerbittlichen Kälte ins Innere des geschützten Bereichs.

Dieser Beitrag wurde von Zhenja am 18. Juni 2008 um 21:44 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

3 Kommentare »

  1. Warum sollte der Schnee frieren? Schämt er sich seiner selbst? Weder noch. Schnee kann gefroren sein, aber selbst dann friert er nicht …

    Comment by eisbär — 20. Juni 2008 @ 09:44

  2. welch ein mangel an phantasie, sich nicht vorstellen zu können, wie die sanft auf der haut schmelzenden flocken allmählich zu einem schwall schwere werden, wie sie alles eingeschlossene umschließen, die wärme eines atmenden lebens auf die festigkeit seiner form festlegen und nach der firnwerdung des schnees schließlich so hart sind, dass du dir getrost damit – wenn schon nicht den bauch aufschlitzen, so doch zumindest, wie bei der blutabnahme – in den finger ritzen könntest … eisbär, bau dir mal’n iglu, und du wirst sehen, wo die grenze von innen und außen verläuft!

    Comment by träumender bär — 20. Juni 2008 @ 10:03

  3. Ich glaube, das Missverständnis vom “frierenden Schnee” kann ich ganz leicht auflösen: russ. zamersajuschtschij – so mein sprachbasiertes Denken – lässt sich im Deutschen ausdrücken als “im Prozess des Einfrierens begriffen, ohne dass dieser Prozess bereits abgeschlossen ist”. Im Slawischen entspricht dem die grammatische Kategorie des imperfektiven Verbalaspekts. Aber man kann doch im Deutschen durchaus sagen: “Der Schnee friert”, oder? Wenn ich lange darüber nachgrübele, werde ich allerdings ganz unsicher, ob deutscher Schnee nicht doch etwas ist, das entweder so ist, wie es ist: “gefrorenes Wasser”, oder aber gar nicht ist – also Unsinn von der Art flüssigen Eises. Unsofern wird es das beste sein, wenn ich jetzt meinen schwarzen Schimmel besteige und ihm kräftig meine Hacken in die Weichen drücke … um nicht selbst vor lauter Baby-lonisch Hacke zu gehen.

    Comment by Zhenja — 20. Juni 2008 @ 12:47

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