Steißvogel (2)

Gut gekräht – Hähnchen. Und nun ? Herunterkommen zum Hofgetier ?

Hier sein. Beim Gras sein. Beim niederen Kraut. Nicht im wirren schwirrenden Flug hirngespinstfeiner Fäden verheddert im Netz im Nu – wie der fette Brummer ( wieso heißt der F l i e g e – und dann noch d i e ? ) – grad noch gesessen – gestanden hat sie – oder er – und wohlig gestampft den dampfenden Mist – schon aus und vorbei – so ein Höhenflug ist – kurz – das Gesummse – die Zeit – was hilft es daß sie nun zappelnd schreit :  ich hätte nicht fliegen wollen sollen ( seltsame Reue geflügelten Tiers – als ob man sichs aussuchen könnte – ihrs oder seins oder ich oder wir ) – dabei wollt ich doch nur – so glaubt es mir – bis zum nächsten Haufen – ( das war der Sinn ) – flüsterts und knisterts – und ist dahin.

Also :    Fliege besser nicht. Spinne dann schon lieber.

Traum [10]

Ich versuchte fieberhaft, einen Reißverschluss zu öffnen, der sich verklemmt hatte. Je mehr ich mich anstrengte, diese eine Naht aufzutrennen, mit der sich zwei offenbar gut zueinander passende Hälften aneinander gefügt hatten, umso schwieriger wurde es, überhaupt einen Fortschritt im eigenen Tun zu erkennen. Irgendwo in meinem Leben – gewaltige Gefahr – drückte es mit einer Kraft von tausend Pferden, die man auf enger Weide versammelt hatte und die nun versuchten, auseinander zu stieben. Die Luft war gesäuert von einer knisternden Elektrizität, und irgendwo in diesem Leib musste es einen Ort geben, an dem ein wildgewordener Zwerg ruckend und zuckend um ein qualmendes Feuer herumtanzte und jeden Versuch, ihn auf vernünftige Weise anzusprechen, mit einem schnarrenden Nein! beantwortete.

Wir lagen gemeinsam im Backofen – zwei Brote, deren Wohl und Wehe ganz vom Feuer bestimmt war, mit dem das Leben ihnen einheizte. Eben noch waren unsere Körper zwei labberige Stücken Teig, abhängig in ihrer Chemie vom Wohlwollen aller Dinge, die mit mehr oder minder hektischer Bewegung diesen ewigen Zustand der Welt ausmachen, den sie heute Temperatur nennen, und schon drohte unsere Kruste zu zerspringen – trockene Haut der Erde nach langer Dürre. Es zuckte und zitterte. Ich spürte, wie sich das Magma tief im Inneren einen Weg bahnte, und auf der anderen Seite der Welt heulte der Wind mit kindlicher Katzenstimme I’ve been to Hollywood I’ve been to Redwood.

Ich wachte auf und bemerkte, dass ich mörderisch fror. Zeit aufzustehen, der gestrige Tag begann schon mit seiner ganzen Ungewissheit im Gedächtnis aufzutauchen. Wo nur waren wir hingeraten? Höhen und Senken, Bäume verschiedener Gestalt, Äste und Zweige, feuchter Rauch in den Augen und das endgültige Verglimmen der Hoffnung auf Wärme und Licht. Ich steckte den Kopf aus dem Zelt und erblindete. Diesen Ort hier hatten meine Augen noch nie gesehen. Nichts Gestriges war mir bekannt. Es war still. Wenn man Stille sehen könnte, so sicher, wie ich jetzt sicher bin, dass du hier neben mir liegst, dann wäre auch wahrzunehmen, wie blitzartig aller Lärm aus der Welt verschwindet und die Farbe der Abwesenheit, die Stille des Auges von einem Moment auf den nächsten Besitz von ihr ergreift.

Herr Klopsig und Frau Edelsüß (2)

Die aristokratische Prüfung

Bereits in der bürgerlichen Gesellschaft gehörten Herr Klopsig und Frau Edelsüß einer Minderheit an: dem ehemaligen Adel. Doch während Herr Klopsig – mütterlicherseits – dem verarmten Landadel zugerechnet wurde (die Herkunft väterlicherseits war eine andere Geschichte), wurde Frau Edelsüß in ein Geschlecht hineingeboren, dem die europäische Hochkultur einige ihrer schönsten Blüten verdankte. Nach Ausrufung der liberalen Diktatur gelangte der Adel wieder zu alten Würden, doch dies geschah nicht automatisch. Die Vertreter, die behaupteten, der Aristokratie anzugehören, mußten sich einer Prüfung unterziehen. Herr Klopsig verzichtete freiwillig auf diese unnötige Strapaze. Frau Edelsüß war an ihrer Reputation dagegen einiges gelegen.

Sie lief zum Prüfungssaal in der Akademie der Künste (Ost – denn die Akademie der Künste West stand unter Wasser) einen endlos scheinenden Galeriegang entlang. Es war ein Gründerzeitgebäude, dessen Dach von verspielt wirkenden Atlasfiguren statt Säulen getragen wurde. Von Nahem sahen die Gesichter der Atlasfiguren martialisch aus wie antike Sklavenmasken, mit grob gekräuselten Bärten. Eine junge Studentin, die ihr Haar züchtig hochgesteckt und zu einem Zopfkranz gewunden hatte, geleitete Frau Edelsüß zum Tribunal. Auch sie war einst Prüfungskandidatin, bevor sie ihre Frisur änderte und es ihr auf Anhieb gelang, in literarische Kreise aufzusteigen.

„Wozu ist diese Prüfung nötig?“, fragte Frau Edelsüß, „wir haben längst unser Abitur.“ Die Studentin schwieg beflissen. Ihrem Gesicht war abzulesen, für wie naiv sie Frau Edelsüß hielt. ‘Arme Kleine, hat es noch nicht begriffen, worauf es in der literarischen Klassengesellschaft ankommt’, erwiderte die Studentin Frau Edelsüß im Stillen. Die obere Kaste der liberalen Diktatur schrumpfte. Sie dachte weder an Nachwuchs noch an Demokratisierung. Die Literatur war ihre letzte aristokratische Bastion und sie war die erste Adresse, wenn es galt, feine Unterschiede hervorzukehren.

Die säuberlich bezopfte Studentin warf überlegen den Kopf nach hinten und ließ Frau Edelsüß den Duft ihres seidig glänzenden Haares spüren. Frau Edelsüß erriet die Marke ihrer Spülung. Mit einem Mal fühlte sie sich selbstbewußt und sicher. ‘Mein Instinkt hat mich nicht verlassen’, dachte sie beruhigt.

Während des Gangs durch die Arkaden fiel der Blick von Frau Edelsüß nach unten ins Kellergeschoß: ein fensterloser Raum, wo zwei junge Männer in blauen Jacken mit Spitzhacke und Säge bewaffnet am Fundament des Gebäudes werkelten. Die literarische Klassengesellschaft.

„Wir haben gleich den Prüfungssaal erreicht“, erläuterte die Studentin. Sie hatte Frau Edelsüß’ neugierigen Blick ins Kellergeschoß bemerkt.

„Das sind die Versager“, klärte sie Frau Edelsüß auf, „wer durchfällt, bekommt einen Blaumann und darf sofort die Treppe nach unten nehmen.“

Frau Edelsüß warf einen letzten Blick in den Keller und identifizierte in den dunklen Ecken weitere ausgemergelte Gestalten, die vor sich hin schufteten. ‘Es sind ausschließlich Männer’, dachte Frau Edelsüß und schritt erhobenen Hauptes in den Prüfungssaal.

Steißvogel (1)

Heimgekehrt und aufgeklappt, Herz auf der Zunge und nicht Staub, doch siehe da, noch immer : Was für eine Trockensavanne. Da möchte man doch Steißvogel sein, auf dem Ast einer immergrünen Araukarie sitzen und krähen : Donnerfurz und Weltenei, Arsches Wunder ist vonnöten !

Wo sich Fuchs und Elster gute Nacht sagen

Stand ein Mann am Straßenrand und wartete

auf das nächstbeste Auto, Fahr

Zeug das die Flöhe im Sack

An seiner Seite (Steine, welche?

Endgültig zum Tanzen: ___

Rieb sie sich zählend die, Papa warum

– Ach weißt du, Diamanten sind …

Ich erwachte und sah, dass sie nun schlief.

Herr Klopsig und Frau Edelsüß (1)

Geschwisterliebe

Frau Edelsüß war eine blonde Frau und etwas dunkelhäutig. Mitunter ärgerte sie sich über ihr natürliches Blond und färbte sich die Haare dunkel. Dann wirkte sie arabisch oder kaukasisch. Sie war jünger als Herr Klopsig und mit puber­tärer Lust ausgestattet. Die beiden flogen mit bloßen Armen durch die Lüfte, indem sie sich am Ellbogen einhakelten und mit der je freien Hand durch die Wolken paddelten. Wo sie landeten, be­fanden sich weit ausgestreckte Barockgärten mit Was­ser­spielen, Hecken, Labyrinthen. Doch sie hatten es nicht nötig, sich zu verstecken. Sie liebten sich auf offener Wiese. Ihnen war, als könnten sie viele andere einladen, sie zu begleiten und dennoch würden sie sich nicht verlieren. Wenn sie schlechte Laune hatten, nannten Herr Klopsig und Frau Edelsüß ihr Verhältnis „Liebe ohne Grenzen“, wenn sie gute Laune hatten nannten sie es „grenzenlose Liebe“.

Ihr habt die Welt verändert, Poppy McKeen

Zwei Gitarren : ein Schlagzeug mit Stimme

Break : Klavier und Trompete im Hühner-

Stall : puut-putt-putt, worksong, mitwirk

Dir dein Abendkleid bunt : companero –

& sing wie am Tor von Sing-Sing, wenn

Die Richtung stimmt, Richtung

Stimmt : _____

Sonniger Strand

Im Hexenwäldchen sprangen die Jauchzer meterhoch in den schwelenden Himmel hinan. Der See kochte friedlich in seiner Schale, die menschlichen Krebse am Ufer rösteten in der Sonne. Plötzlich flog ein Sandklumpen. Irgendwann wechselte er die Richtung und flog zurück. Ein zweiter Sandklumpen entfloh den Händen seines Schöpfers, um bald schon in der Wildnis zu zerschellen. Kuhglocken läuteten den Nachmittag ein, es war zum Ausrasten: Der Tag schaltete in den Leerlauf, weiße Flocken tanzten vor den Augen, in der Nase tummelten sich glückliche Mistkäfer. Bald schon brach die Nacht herein und setzte dem Spuk ein Ende.

(Sommer mit Catull, 7/00)

Nacht in Czernowitz

Eine Nacht in Czernowitz : die archaische Hoffnung

auf Geistesübertragung : Jena ist nicht genug

die östliche Fruchtbarkeit : sie blüht in den Kneipen

in Spielautomaten betäuben mit Muskeln bepackte Arme

ihre Wut auf den Systemwechsel : der wievielte

ist es überhaupt : wer wünscht

die großväterliche k.u.k-Zeit zurück

als alles so märchenhaft geordnet war & die Züge

eine tägliche Verbindung nach Westen herstellten : während die Flüsse

nach Süden entlang der Grenzen liefen : wer

entgrenzt mich in dieser Nacht : in Czernowitz

das von allen guten Geistern verlassen ist : vertrieben

verfolgt : ich höre das Schweigen des Regens

er fällt unterschiedslos : zeitlos

& ohne Erbarmen für die Geschicke der Menschen : ich rutsche

aus auf dem basaltschwarzen Pflaster : ich rutsche nur aus

Is Art Artistics? But Artistics Art? No Babe, It’s Not Me Babe, It’s The Bob-Ard, You’re justlookinfor

I’m ramblin‘ through my life,

The rhyms’ll be my wife-

The rhythm won’t be asian-ONE:

Its blues must shame (zens.) mother-tongue…

Forwards, the prize is hize.

Königsgambit

Ich hieß damals Paul und war mit Capablanca auf Zigarren. Sie nannten mich Morphy. Wir waren jung und schon ziemlich kaputt. Unser Gedächtnis war ein ewiger Worksong – keine Weltgegend, in der die singenden klingenden Hammerschläge nicht in irgend jemandes Traum widerhallten. Oh Amigo, weißt du noch, diese Partie im „Ambassador“ – und der Onkel von Bobby Fischer schmuhlte vom Nebentisch wie ein wildgewordner Berserker.

Wir trafen uns rechts in der Mitte. Ich machte dir ein Angebot, wie es damals in aller Munde war: nur ein halbes Pfund, bei der rechten Herzkammer. Es würde auch heute noch unsittlich sein! Tja, und du nahmst an. Heute, heut wissen wir alle: ich begab mich damit in deine Hand. Nicht mit Haut und Knochen, noch nichtmal bis hinter die Lauchfelder, aber der Vorteil einer reichen Geburt wäre heuer mit diesem Zug endgültig dahin. Wir machten eine starke Partie – ich bestürmte dich, du mauertest par elegance. Bobbys Pate bestellte einen Whisky nach dem anderen.

Dann trat die Tänzerin hinter dir durch den unsichtbaren Vorhang, eine Pferdedecke, wie es sie hier nicht gibt in den warmen Gefilden. Ich blickte sie aus den Augenwinkeln heraus an. Sie war geschmückt wie ein König für das Ritual. Ich war am Zuge. Ah – Malinche, marry Cortez – engarde! Ich schloss kurz die Augen und rechnete. Nebenan der Onkel goss drei Volle weg in der Zeit. Sechs Züge, und der nächste wäre die Gabelung. Ich zog in jenem Moment, da sie an unseren Tisch herantrat und ihr gefiedertes Augenlicht im Saal verströmen ließ. Du hattest keine Chance mehr auf Erden.

Ich gewann die Partie und starb einige Jahre später, während des nächsten Krieges. Ich hatte alles erreicht in unserem Spiel. Du aber wurdest ewiger Zweiter und warst zur Lohnarbeit verdammt. Kortschnoi oder Lafontaine … immer das gleiche fortan. Deine Konten dampften auf der Grenze – doch wo das Gras wächst hattest du keinen Zutritt. Im Niemandsland feierten wir die Kunst der Freiheit, Fliederfittiche zu improvisierten Bratpfannenkonzerten – später wohltemperierte Telefonkonferenzen zwischen Aldi und Hinterhof, dich aber machten sie einige Jahrzehnte später zum stellvertretenden Dramaturgen an der Royal Metropolitan. Oh Ami-Ami-Go, Jewgeni Schwaniachwili, musste es denn wirklich, wirklich so sein?

Veseli

Marktflecken : fleckige Häute

ausgebreitet auf dem räudigen Gelb der Steine : unter

dem Pflaster nur Sand : die abgemagerte

Kirche kichert zu allem : was vorbei

zieht : die Zeit & die Zeiten

sie zuckeln an diesem Nest vorüber : jetzt

all the best from the west : waste

die Morawa spült ihn ans Ufer : den Müll

der Geschichte : wer lacht da

lustige Hirten sinds : die sich auf diesem

vergammelten Markt versammeln : fleckige

Gesichter : ausgehauchte Lichter

die ihren Witz im Namen hinterlassen haben

Am Morgen eines neuen Tages [9]

Es war schrecklich kalt. Träumte ich, dass ich schon wach sei und in einem eisigen Backofen darauf wartete, von hilfreicher Hand ins Hier und Jetzt sinnvoller Verrichtungen geführt zu werden, oder hielt ich wachend einen süßen Traum umklammert – die Überzeugung, dass es im Inneren des Schlafsacks noch wohlig warm sein müsste, während draußen der gefrorene Atem, einen eisigen Morgen anzukündigen, seine klirrende Kraft verströmte.

Ich wartete darauf, dass du deine Augen aufschlagen würdest. Mit vier Augen wären wir vielleicht in der Lage, einen Ausgang aus der vertrackten Situation zu finden: Zwei warme Körper in ihren Hüllen, die sich gemeinsam in einem Zelt befanden, dessen geschützter Innenraum durch eine dicke Eisschicht vom Rest der Welt abgetrennt wurde.

Das Zelt stand in einem Wald. Es war Februar, und wenn draußen nicht ein Wunder geschehen sein sollte, dann war der Wald nun tief verschneit. Dieser Wald war die Welt, in der wir uns gegenwärtig aufhielten, und die Aufgabe, die mit dem heutigen Morgen vor uns stand, die Aufgabe des beginnenden Tages, bestand einfach darin, einen Weg aus diesem warmen Innen hinaus in die weite, offene Welt zu finden. Und die Welt war ein stummer weißer Winterwald, dessen jungfräuliche Schönheit uns träumende Halbwesen so unwiderstehlich anzog wie ein nächtliches Feuer die Tiere des Waldes anzieht, Motten auf einer galaktischen Umlaufbahn.

Dämmern [8]

Danach waren Wände da ohne errichtet worden zu sein

der Winter verging und dort

wo alles versperrt ist

blieb der lautlose Kampf der Kleider mit dem Wald

auch der Ort des Gesichts an dem wir nicht weilen dürfen

Gennadij Ajgi, Requiem für ein Mädchen

Veronika, denn so werde ich dich, wie wir beide, wie wir zwei nun geworden sind, wir mit Verotschka, ja … so will ich dich, Schwester – von hinter dem östlichen Stadion, Großstadt in einer Mitte, Verse Nike mit spitzen Fingern aus südlichem Mitteleuropa, Traumgrenze – nennen: so lagen nun zwei nebeneinander in einem Raum ohnegleichen. Hast du mich wirklich nicht erkannt?

Ich erkannte dich nicht. Ich lag neben dir, lauschte erst deinen schwebenden Atemzügen, atmete dann synkopisch dagegen, wunderte mich über die Unterschiede in dieser Welt, schlug mit dem langsamen Licht – einem fröstelnd gereiften Entschluss plötzlich die Augen auf und erschauerte: War das wirklich unser Atem?

An den Wänden ringsum, im geschützten Bereich dieser doppelt eingewickelten Leiber starrte mit tödlichem Glitzern das Eis. Es war dies ein neuer Morgen – eingeschnürt in seine Hoffnungslosigkeit wie in ein Korsett. Sonniger Frost brach sich an Fingerspitzen, leuchtende Flechten klebten grell und flüchtig am niedrigen Acrylhimmel einer Zeltbahn, Atemgedanken, die schnell wieder eintauchten in die unsichtbare Tiefe des Schlafsacks. Es dämmerte.

denkpor’n@kon.kret/a

ich interessiere mich

mich interessiere ich

interessiere ich mich

drei noch

aber

die ergeben allesamt nichts neues

Zettel für Golem

Es klingt gut. Was Golem da geschrieben hat. Und nimmt mich länger ein als lieb. Das apokalyptische Gemurmel, der kryptische Vers, die krude Vision vom MenschComputer. Selbstläufer. Funktionierendes System. Mystisches Gebräu aus Lehm und sciencefiction.

Golems sind der Sprache nicht mächtig. Wer hat dir das Plättchen unter die Zunge gelegt ?

Doch sein wir vorsichtig. Und gründlich. Im Denken und im Reden. Schließlich befinden wir uns hier abseits vom mainstream.

„Bauartbedingt“ weist der Mensch Schwächen auf, wenn man seine kognitive Leistungsfähigkeit mit Computern vergleicht. Gottseidank ! –  ist man verleitet zu rufen, und promt sitzt man in der nächsten Wortfalle, der Dichter als Dauermieter ohnehin. Wer andern eine Grube gräbt.

Wer sich aber ernsthaft mit Kognition als biologischem Phänomen auseinandersetzen will, kann dies ja tun, Maturana und der Baum der Erkenntnis stehen zur Verfügung, u.a.m. Und wer dann noch in der glücklichen Lage ist, den Trost annehmen zu können, der einem entgegenwächst, wenn man die Identität zwischen Erkennen und Handeln nicht mehr leugnet, der scheint doch nahezu erlöst. Zumindest von der Agonie.

Sequenz

Städtisch geworden

Ist alles Weben

Der cardo wächst

Woher dieses Weh

Das leidige W

Ware Worte

Wunder Werke

Wahnsinn Wissen

Wünsche Wege

Wonnekessel

W W W

 —

Nichts im Übermaß. Sagen die Griechen.

Aber die Römer sind nicht aufzuhalten.

David Sylvian and You

Judy required a
high resolution graphics
from the chain store girl.
A wedding picture
she wanted to send
to her mum.
I was pointing at her.
And the sublime portrait
she threw on the counter.
Dressed up in a feather boa,
pictured from a magazine,
I was out to teach poetry.
Putting Judy
quaintly off her stride
when asking her
(oh, my god, a lesson you should have learned)
if she was married
to David Sylvian

while I knew

It was You.

Denkporno im Untergrund ?…! Oder: Was Avant macht Garde – genau §$% aus

http://video.web.de/watch/4636459/Santiagos_Goettin_der_U_Bahn_verhaftet

„Ich interessiere mich für die Menschen, für die ich tanze die U-Bahn-Fahrer.“

ICH INTERESSIERE MICH

A feeble attempt to compose a worldwide poem

The modern poet of the keys
today inscripts his frieze
on the sketchy fleeting screen
with the tongue of the Queen.

By the strange words, far born,
he uses for his poetry,
he can not get a simple bread
nor ticket for the local train.

He will not write a Scottish play
nor put in words one Irish day
but with working and allies
he could win the Austrian prize.

He left his home, it’s going to decline
like all the other empty hives,
it remains the worldwide one,
a lonesome bee, the swarm is gone.

trug : ich werde

diesen ort ließ ich aus : den versammlungs- +=+ ort : agora fahrender jünger +=+ junger fahrer : eingereiht & nach wartemarke sortiert +=+ es geht so friedlich zu : in hierarchien +=+ diskussion überflüssig : zeigen sie +=+ ihre papiere : schweigen & nicken +=+ durchschwirrt den raum : versammelte langeweile +=+ nur ich bin aufgewühlt & trauere : den zügen nach +=+ den zugigen bahnsteigen : als ich in schatzkisten +=+ die gestohlene zeit mit mir trug : ich werde +=+ mein leben ändern : ich werde +=+ erwachsen & mitglied der fahrenden zunft : ich werde +=+ wie ihr irre am menschsein

ZU FUß AUF ALLEN VIEREN

Selten so irdisch ein Frühjahr besungen

Bezwungen

den Berg

auf allen Vieren

Kalymnischen Ziegen den Schatten genommen

Geschwommen

im Keil des Mandarin

Jasmin

geschnüffelt

Holunderdolden

Und immer noch golden schimmert die Schuppe der toten Brasse

Gelaufen gelaufen und wieder gelaufen

Und selten so ungern ans Gehen gedacht

Grundierung : beflecktes Gelände

In Berlin überlebst du dank deiner Gleichgültigkeit

die Museumswächter : ausstaffiert mit prächtigen

Schnurrbärten : weisen dich aufs Absurde hin

schütz deine Gesundheit : indem du vermeidest

 

dich anzulehnen : dich hinzusetzen : zu atmen

die Füße zu lüften : du könntest dir

eine Infektion einfangen : Berliner Marmor

ist sauber : kein Bakterium verendet

 

vor seiner Zeit : du mußt gleichgültig sein

willst du weiterkommen : in der Bahn

mußt du Augen & Ohren schließen : konzentrier dich

auf deinen inneren Film : wenn die Armee

 

der Obdachlosen ihre Straßenzeitung preist

einer schreit & krümmt sich : „Hunger!“ : torkelt

davon : hat wohl einen zuviel auf nüchtern

gehoben : eine gute Idee : trinken wir

 

auf die Nüchternheit : die Gesundheit : die Absurdität

die Dichter verkriechen sich in dunklen Räumen

Licht ist gefährlich : laß uns lieber

diskutieren : wie Poesie Brücken baut

 

zwischen Feinden : die Polizei stürmt

nicht in unser akademisches Kellerverlies : man

läßt uns in Ruhe : ist es nicht schön

in Europa : das dürfen die Chinesen nicht

 

frei sprechen : während die Herrschenden

Beschlüsse fassen : zur Konstruktion neuer

Waffen : Errichtung neuer Zäune : zum Abzug

der Steuern : wir Dichter verzaubern die Welt

 

so schön & lachen : damit wir die Gleichgültigkeit

nicht verlieren : damit wir überleben : damit wir

weiterkommen : die Stadt rauscht pausenlos

du kannst darüber hinweg hören : bis dich das nächste

 

Martinshorn weckt : bleib in den Gärten : die Stadt

pulsiert nicht : sie setzt sich ins Endlose fort

dir erscheint es als Leben : das Jammern

der Dichter über ihren endlichen Wirkkreis : gibt es

 

seitdem es Dichtung gibt : dir zur Freude

stell dir vor : die Dichter könnten überallhin

wirken : wir würden ersticken am Wort

die Gedächtniskirche hörte nicht auf

 

zu läuten : hinter hundert Versen maskiert sich

der Mörder : ich liege im Tiergarten & lausche

dem Rauschen : die Stadt ist mir : was für den Maler

die Grundierung ist : beflecktes Gelände

 

& setze meine Gestalten drauf : Berliner Dichter

laden die Welt ein : in schwarzen Limousinen

fahren sie vor : wie einsam : sie bemerkens nicht

& bleiben unter sich : ich bleibe unbemerkt

 

wie ein Spion erkunde ich Territorien der Sprache

tierisch laut im Garten : umrauscht & löffle

die Suppe aus : in die all die preußischen Wärter & Wächter

ihr Johanneskraut & ihre Brennessel geworfen haben

die jury

Auch im nächsten Jahr werden wir eine Inskriptionen-Anthologie auf Papier drucken & laden als Co-Juroren diejenígen ein, die sich mit den am meisten poetischen Beiträgen oder Kommentaren einschreiben. Als Kommentare gelten Entschlüsselungen hermetischer Texte oder Fortschreibungen im Stil des Protagonisten. Wertungen nach dem Schema „gut“ oder „schlecht“ werden nicht gezählt…

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Die Weite ist nicht die Weite und die Enge nicht die Enge. Das wissen wir doch. Was also reden wir herum, was denken wir, so nach und nach, geschraubt, gedreht, gedrechselt. Ist das Freude, ist das Spiel, ist das gut fürs eigne Hirn, höhere Onanie sozusagen ? Oder ist es wirklich schon Unzucht,  denkporno …? Zu schön um wahr zu sein. Die Denkdirne, die verstößt gegen Norm und angenommne Sittlichkeit, mit Worten und Gedanken, so drall und voll, daß einem das Blut zu Kopf steigt. Wundervolle Schweinerei. Wäre das. Ach. Lasst mich Denkdirne sein. Auf der Stelle. Jungfrau. Leibeigen. Um Lohn und Brot. Käuflich. Ich denke – sie zahlen. Das wäre das beste daran.

Doch gegen wen oder was soll ich verstoßen ? Akkusativ. Der Wenfall ist eingetreten. In jede beliebige Richtung kann man schlagen, es ist kaum noch einer da, den man umhauen könnte. Alles ist Norm. Alles ersoffen. In Freiheit. Stirbt die Scham, werden die Tabus knapp. Wo sind sie, die Tabus, die ich noch brechen könnte. Her mit ein paar neuen Tabus. Aber woher.

Suche Tabu – biete Unzucht.

Die Denkdirne.

Nina Chabias: Handschrift

Meines eigenen Kopfes Strohhalm

Guttapercha von Gänsehautlippen

Soll ich mein Bild deinem Goldglanz zuneigen

Wenn die Nacht ein Über-Ohr Leib

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Lyrik auf Semmeltüten:
die ultimative
Verbaldiarhooe
geschrieben um entsorgt zu werden:
knittert leicht und innen
krümelts:
Herr Bäcker, Íhre Semmeln enthalten
zuviel Luft,
die abgelassen werden will:
Pffffft!!!
Las mal einen los, Mann
runter vom Sofa
ran an den PC
rauf auf die Semmeltüte.
Fliegende Darmwinde
auf Kettenbäckers Packpapier
Warten auf ein gemütliches Frühstück, garniert mit
Erdbeermarmelade, Feuerwehrrot,
Tu‘ den Farbstoff in den Tank.
Die letzte Zigarette
von Aldi
weist den Weg zum Klo.

Mazisi Kunene: Europa

Europa, Rohgestein –
So ist dein Fundament.
Dein Herz wie Spinnweb so
Trocken in der Wüste.

Die Kinder dein – unsere Angst:
So wie die Jungen einer Beutelnatter
Das Fleisch ihrer Alten verschlingen.
Einst glaubte ich den Geschichten.

Einst glaubte ich deine Brüste
Überschießen in Milch.
Ich sah dich andrängen mit Büchern
Aus denen die Orakel ihre Sprüche nahmen.

Ich hörte in den Wäldern
Dich heulen – Wölfe, die
Knochen ihres Klans zerknackend.
Ich weiß um das Spröde deiner Visionen:

Du schlossest die Türen
Für ihn, den stählernen Bräutigam.
Du entschiedst dich gegen die Liebe
Nur weil sie allein & ganz

Der Stille verschworen blieb.
Von ihr her sind deine Orakel genommen
Und die Prophezeiungen bestellt:
Du lachtest über die Blinden,

Obwohl du doch selber blind bist,
Kämpfend in dieser großen Nacht.
Kinder erben das Feuer.
Sie blasen seine Flammen in den Himmel hinauf

Und verbrennen andere im Schlaf.
Und was wird die Sonne dazu sagen?
Die Sonne wird lachen, denn
Selbst Wiegen brannte sie aus von Zeitalter zu Zeitalter.