Tagebucheintrag

Zeilen wie glimmende Tabakreste, mehr
gibt es nicht zu sagen.
Zeilen wie ein Kuchen aus wild
zusammengewürfelten Wörtern.
Rührkuchen Mohnschnecke.

Ein Stift fragt sich nach dem
Sinn seiner Bemühungen.
Leere Mine, weg damit –
so werden die Dinge heute behandelt:

Aus der Hand in den Mund
wäre noch eine Vision gewesen,
aus der Hand in den Mund
wäre es noch gegangen.

So aber steht ein Nichtraucher mit
qualmendem Kopf an der Straßenecke,
die leeren Hände
gen Himmel gereckt.

15.09.02

die ammenmärchen der jungtoren

man könnte auch alles lesen

aber die eisblumen am fenster

die sind wirklich schön

also vorsicht

viel heiße luft

die wahrheitstafeln der junktoren

(sibirische gedankenstricher)

die distanzen zwischen den seelen
unmessbar aber gewaltig
(wer weiß ob wir das gleiche
sehen wenn wir weiß sagen)

dennoch zeugen sie von direkter
verbundenheit (jede distanz: ein gedanken
strich zwischen zwei schnaufern)

schön blühen die eisblumen
und kleistsche marionetten
verteidigten eisern diese idylle

(was völlig legitim wäre)

Blog-Dandies

Sie fressen Gras. Sie nehmen ihr Dinner en face. Ihre Haut ist rissig, ihr Achselschweiß im Winter gefroren. Ihr Kopf ist eine spiegelglatte Fläche unter schnittigen Zöpfen, schwarzen Pagenrasuren, flachen Hüten. Sie behandeln ihre knielangen Stiefel mit Bienenwachs und reiben sich den Rest in das warme Gesicht. Frauen in weiten Hosen fallen und stehen fußkrank wieder auf, wischen mit Handschuhen aus Kalbsleder sich das Blut von den aufgeplatzen Lippen. Sie warten auf Herren in Fileespitzen und mit Immortellen auf dem Bolero-Jack. Rauchen Nil, obwohl ihr Lünglein die Kraft eines Fötus hat. Im Sommer denken sie an die kalte Jahreszeit mit ihrer gleißenden Wankelmut. Sie legen die Ohren an das Gemäuer eines alten Hauses und lauschen in die undichte Wasserleitung. Erzählen von zwei Gestalten in schwarz und in weiß. Sehen einander en face, und während sie die Vergangenheit inskribieren, entlocken die Herren den Frauen, die Damen den Dandies in den knielangen Stiefeln nur ein Es könnte. Sein.

porreeleuchten. gurkengrün

weshalb ich würfelnd mich bestreiche
mit fischgewürz und küchendunst
auf das es träge mich beschleiche
auf das ich schweig, gemüsekunst.

herrn meier-gräfes gurken
mir als salat im magen liegen
ruhn dort schwer
zinnern, gleich dem leuchter
in dessen licht nur falter fliegen.

ein langes flimmern auf der treppe
eisbleich trifft sein gesicht uns an
kalt sein verstummen, rot die schleppe
in der ich mich verschlingen kann.

vier hände, die ein fleisch zerkneten
drei töpfe, die im ofen glühn
mein festmahl hast du

schöner schleicher,
reib ich gemüse, gurkengrün.

schnee schauer

weißt du wie wir frieren werden

weißt du wie sich das anfühlen wird

wenn wir frieren

werden

alle traktate leichter wiegen

als das streichholz

mit dem wir sie anzünden

werden

die huftiere

gelassen

fressen

moos

dans op de deel

humus und die haselnüsse

ausgekauter alterszucker

zahnbelag und darmwandzysten

scheißenbraun

wie’s aussieht

erdung

knochengretel eisenhans

in der schmiede

einen

darf ich bitten

vorschlaghammer

pink-pink-pink-

im schloss

zur untätigkeit gezwungen ist ein zustand, der nur wenige tage gefällt. der vergleich mit einem gefängnisinsassen drängt sich auf. sitzen, warten, aufstehen. selbst die entnahme des teebeutels aus der mit heißen wasser gefüllten kanne wird zu einer zeremonie. ihr da draußen, hütet euch vor der verwaltung! sie liebt die maskerade: hat tentakeln, ansaugend –aufsaugend, als sirene mit betörend schönem gesang, ist billige prostituierte und goldesel. verfangen in ihren netzen werden diese zunächst geschätzt. ein wiegenlied dazu, ein warmes büro. hier läßt sich gut semmel essen, getunkt in milchcafe. doch die verwaltung gleicht einer gigantischen darmflora, zuviel genuß birgt das risiko einer unangenehmen verschlingung und verstopfung. zum entfernen dieser wird druck von oben angewandt. antibiotika ist auch ein heilmittel. es bringt jedoch die flora durcheinander, bakterien sieht man nicht an, ob sie von nutzen oder unnütz sind. auch das kleinste bakterium, sich festkrallend in den zysten der darmwand, wird hinausgespült. ratten eignen sich gut als wirt.

gumpy dürckheim geht in die remise

(stummfilmgedicht mit stubenklavier)

frau und sohn beklagten zu recht
zu wenig geld zu wenig zeit
und abends die lieblosigkeit
auf dem sofa

sie beklagten zu recht die mürrischen
falten abwesende blicke den rüden
ton in der stimme seit jahren

sie haben zu unrecht so lange gewartet
und sollen endlich ihr recht bekommen
auf geld urlaub liebe und einen sanfteren ton
in der stimme

so räumt gumpy in demut das feld
er fordert die wirklichkeit auf
das ihre zu tun zur erfüllung
berechtigter ansprüche

(schickt ihnen endlich den zwölfender)

hiermit geben wir allseits bekannt
gumpy dürckheim geht in die remise
blickt nach bäumen und wolken
und schweigt

nur bittet er
ihm täglich etwas
zucker zu geben
auf seine langerhanschen inseln

hilfloses nichtverstehen ODER können gedichte töten?

(hausmannsantwort)

natürlich nicht es
sei denn der laser
ist extrem empfänglich
für künstlerische inhaltstoffe
dann wäre die wunde ein kompliment
beiderseits (evtl. lyrikmedaillon?)

merke man sieht nur mit den augen gut
das herz ist im wesentlichen zum blut
pumpen da

haltet eure gedichtgedanken sachlich
haltet eure buchstabengefühle geziert
haltet eure ausdrucksahnung extrem hinterm
verständnishorizontzügel
der hyazinthen

(die freilich keine gedichte läsen)

die meinung der anderen

(kommentarvermeidung)

auf sie wird gewartet
damit die eigene nicht frei
im raum steht

auch kleist war
ein herdentier

wischmobbing

(spinntanpoetik)

die wahren werte sind die
kleinen die sekundenschlaf
gesichte in der küche der all
täglichkeiten unter der käse
glocke des wintergemüses
& gemüts angesichts eines topf
narzisses im januar und im
kosmischen spülicht des
porreeleuchtens

es schimmert verworfen die
gelöschte zitronenscheibe
die hohe kunst der träumenden
hausfrau im virilen zirkel der
schreibenden arbeits
loser

aber nein jaja
alles bloß spaß
aber ja neinein
alles bloß rache

und löschen

Idyll in Gelb

(frei nach einem Text der crysantheme)

Am Tag sahen die Bilder anders aus. In der Porzellanvase poppten die Blüten von Osterglocken auf. Ihre dünnen Fäden mit Pollen behängt, die ins Tageslicht staubten. Sie ging hinüber und knickte eine ab. Das Fleisch war blässlich, eine Enttäuschung nach dem reifen Gelb der Zitronen und Bananen vom Winter. Symphonie in Gelb, hieß das Bild erst, dann Salome mit Osterglocke. Wem fielen die Titel ein? Eduard, natürlich. Wie unter Wasser rauschte es im Inneren. Übereinander geschichtetes Gelb. Es hüllte ihn in die Mode einer vergangenen Zeit. Einer Zeit, in der Künstler und Literaten noch Musenkärtchen versendeten, um einander zu inspirieren.

bild-101.jpg

das ende eines tr/pflaumgesichts

(urmutation)

als die präsidenten mich erwählten
genügte ich (qua querquorum)
ihren (avernen) ansprüchen
nicht

ich hatte die falsche (fahle) geschichte
zu wenig ergebniseffizienz (essigessenz)
eine fehlerhafte kinnkennzahl (tarnung)
und traf deren stimme nicht an (totalausfall)

dann die königsberger-klopshaps-smsen
gegenüber den erfordernissen
der übergebenden gesellschaft
(den mich umringenden gesellen)
verhielt ich mich auffallend (irrelevant)

da ich die gründe nicht haben wollte
geriet ich in nachhaltige zweifelhaft
seitdem befinde ich mich naturgemäß
im schriftlichen widerstand (sbein)

deshalb die unaufhörlichen kinder
& lieder

Das anthropozän

Es trinkt erdöl. Es leuchtet. Es stinkt.

Ist aber kein tier.

Wird von einer chefetage aus betreut.

Die ist in den orbit ausgesourct. Christen haben

in anführungsstrichen“ einen public private gott.

Wurde in maria ihren uterus gesetzt.

Leihmuttermäßig. Sonst halten die chefs heute nichts

von vertikaler mobilität. Damals bei zeus & co

gab es noch sex mit der belegschaft.

War krass was da rausgekommen ist.

Behinderte pferde zum beispiel.

Wenn wir aussterben wünsche ich mir

dass mein dalmatiner das sofa bekommt.

Es ist schon abbezahlt. Ich schätze mal

mit dem iPod kommt dann keiner mehr klar.

Man könnte bloß noch skulpturen

draus machen. So eine art retro design. Tja.

Kommentar zur Bedeutungslosigkeit

kleist kommentiert fryxells suche nach bedeutung, da nichts von bedeutung zu sein scheint… s’ist ein virus, scheint es mir wiederum, denn auch mein kopf formuliert seit tagen einen text zur bedeutungslosigkeit, gleichwohl die zunge nicht hinterherzukommen vermag. Was wiegt mehr: leichte oder schwere kost, kalte oder warme luft? Zu verweisen ist auf die luftverdrängung, hier in diesem blog ausgiebig betextet. Und wieder stehen am ende fragen: worum geht es? Und wenn nicht, worum dann?  Sind wir nicht alle dem zwang zur bestätigung verfallen? Oder gibt es hier einen recken, eine heldin,  schreibarbeit als luxus verstehend? Geschützt vom schwarz oder grau oder weiß des pc-gehäuses, getrennt durch unzählige kabelschächte, verschleiert durch ein netz bedienen wir uns unserer eigenen sprache und hoffen auf reaktion, um weiter agieren zu können. Der kommentar steigt zur königsdisziplin auf – die bedeutung wird nebensache. Doch auch in hollywood gilt immer schon der nebendarsteller als heimlicher favorit. Wer das jetzt daneben findet, steht halt nicht davor… Dazu bedarf es ein ver-rücken des eigenen standpunktes. Willkommen, bienevue, wellcome!

nichts von bedeutung

Ist es schon aufgefallen, daß schon wiedermal keine Kommentare durchkommen ? Schon lange. Das ist doch ein Trauerspiel. Huhu. Es gibt so schöne Musik. Und Sprache auch. Und Kaschmirpullover und Seidenstrümpfe. Aber man kann auch spazieren gehn. Ja doch. Oder Eisbein essen.

Wer praktiziert hier die Verzettelung ? Die Sparsamkeit ? Inkompetenz ? Oder hat sich einfach alles nur erschöpft ??

Das wär doch schad.

Salona

an schroffe Berge geschmiegt : nah
der Küste : ehrfürchtig gegen das Meer
griechisches Städtchen : bevölkert
von Illyrern : Ägyptern : Römern : Albanern : Juden

von den Karten verschwunden : Diokletian
hat dich gesucht : außerhalb des Palastes
gruben die Christen ihre Katakomben
geheimer Gottesdienst : öffentlich genug

daß der Geheimdienst davon erfuhr : der Kaiser
witterte Herrschsucht hinter der Demutsgebärde
Dujams : des Bischofs : weg : schrie er & ließ ihn
verbrennen : schenkte den Christen einen Märtyrer

Bislang kein Schnee

skizze-dreizehnter-dezember.jpg

Dreizehnter Dezember
und bislang
kein Schnee.
Weiße Atom-Wölkchen
am Himmel,
Dia-Show
, wann  
am Boden
viel Anti-Bios
von beständiger,
nicht salonfähiger Form.

Die Äste an der Birke
klappern.

bild-068.jpg

(Gegenstück.)


Dass und Weil

leute vor mir angst

haben

wollte ich gestern

heute fürchte ich

dass ich damit

spuren hinterlies

die ich nie wollte.

Mitternachtstee

[…]Eine halbe Stunde später ist K. da. Sie trägt noch ihre Computerbrille, so sehr hat sie sich beeilt.
„Die Brille…“  Ich deute drauf.
Sie zerrt sich die Brille aus dem Gesicht.
Ich versuche Normalität. Wir liegen auf dem Sofa, trinken Pfefferminztee. Ich habe das Zeug nur für sie im Haus. Damals, vor 20 Jahren, wir bewohnten im besetzten Haus Bülowstraße 10 gemeinsam ein Zimmer, riesig wie eine Bahnhofswartehalle, stand K. abends in der Gemeinschaftsküche und bereitete sich eine Thermoskanne voll Pfefferminztee zu. Jeden Abend, bevor sie ins Bett kroch, die gleiche Prozedur. Um uns herum Gewerkel und Gebell, Dead Kennedys, Iggy Pop und eine Session mit Bongos Marke Eigenbau, immer Geschrei wegen der Unordnung, im Spülbecken türmte sich der Abwasch, es roch atemberaubend, niemand wagte mehr, den Berg abzutragen, aus Furcht vor der Vegetation darunter, aber K. stand chlorblondiert inmitten dieses Wahnsinns und goss in aller Ruhe, meistens summend, ihren Pfefferminztee auf. Rieche ich Pfefferminztee, sehe ich sie für immer mit der Thermoskanne die Hochbettleiter hinaufkommen.
„Shit, hier riecht es nach Krankenlager!“
„He, he!!“ Ein sonniges Lachen. Wie damals, bevor alles losging[…]

Pokern ohne BILD

So Viel Poesie War Nie

Am lack des amtes

ach leck mich doch

ist bereits gekratzt

die moral geht baden

doch wo in welchem

wasser ist noch verstand

versteht das volk

vom face

von wulff (der predigt)

ach wieviel lyrik hören

hört doch zu ihr könnt

ich könnte schwören

die kommentare kennen

keine poesie, (ein buch)

wie schön

die posse peinlich pöh

der winkel wird gecoacht

sagt da der advo bitte?

Ganz akkurat die

kat? Das passt jetzt nicht

ins bild die trans

die körpersprache

sagt im deutschlandfunk

ganz transparent die finger

:igelsprache

ich wünsche

noch mehr spontan

vom wdr von adr und so

was kommen wird:

linguistik & die

interpretation

der haltung der füsse

der finger der hände

der lippen

der körpersprache

:aller beteiligten

dann

kommt das volk

getauft zum baden

und es schreit auf

das wasser

: AUF!!! bild ich das jetzt mir ein

Oder ist es nur der verstand, der

OHNE der mit ODER

ODER in ihr

:ist doch ganz egal

karenz die euch an die karre

beizeiten und mit

pubertärer freudes

willen, pisst erwachsen wird?

© niko 05012012

wer schreibt die geschichte weiter?

Vorschlag: ballade vom einsamen wolle?

Oder wer rettet ihn von seinem amte

der liebe christi träumt vom kinde

doch dieses, böse, böse

träumt vom wolfe ….

Neujahrsansprache

Jetzt Silvester! Forever!

Eine frau schlagen oder

einer katze ein auge

fällt ja nicht auf

den rechten arm

nicht abgwewinkelt

straight rechts

und dann nach unten

fällt ja nicht auf

das zündeln und

das falsche toitsch

bei böllern aus polen

die kanaken sowieso

fällt ja nicht auf

warum weiß nicht jeder

warum nicht immer

nur heute nur

eine bullette?

Niko 31122011

Ich zeichnete mich in dein Leben

Ich zeichnete mich in dein Leben
wie einen schmutzigen Witz –
zwischen uns eine leere Sprechblase,
die nur die Zeit zu füllen wusste.

Doch als ich mir eines Tages
ein Loch auf die Brust malte,
legtest du lächelnd deine Hand darüber
und riefst mich einen reichen Mann:

Nicht immer kleiden uns die Jahre
in Lust- und Sehnsuchtsfarben.

Da erkannte ich
den Fremden in dir
und begann, dich zu lieben.

ars et circenses

ars et circenses

Vor den Rängen reimen sich
die Kulturclowns empor –
werfen Wörter wie Messer,
am Ende ist niemand
ernsthaft
verletzt worden.

Es sind gut dressierte Verse
mit ergrauten Metaphern
zwischen den Zeilen
die große Leere – man klatscht
vergnügt
in den toten Raum.

Die Kapelle spielt selbst-
und seelenlos zum Ausklang,
alle sind glücklich, kein bitterer
Nachklang in den leeren Logen-
köpfen; man sitzt bequem
auf ausgesessenen Stühlen
einer ausgesessenen Zukunft
entgegen.

Aus Protest wird ein einsamer Mime
seine Wörter in Wut tränken,
jeden Satz an beiden Enden entflammen
und sie uns durch die selbstgerechten Scheiben schmeißen.

Der Zorn

Der Zorn
verkleidet
im Einfaltsmantel
versteckt
in der Trägheit
lauernd
in jeder gezähmten Geste
hinter den perfekt frisierten
Phrasen –
sein Echo
aus den toten Winkeln
und heiseren Kehlen
der Unterdrückten
und Aufgegebenen aber
bahnt sich seinen Weg.

Wer ihn offen im Gesicht trägt
muss es verbergen –
auf dem Familienfoto der Nation
findet er keinen Platz
man weist ihn von sich
wie das missratene Kind
das mit seiner Fratze
das Leben der Eltern spiegelt

Und hier? Wird er
zu selten zur Waffe
der Vernunft –
kein Aufschrei
aus den hehren Tempeln
die Faust schließt sich
um die eigene
kleine Welt
wir bringen es zu nichts
als einem schwachen Stöhnen
auf dem Papier

Potsdam

In den Alleen, zwischen den Seen

Hebt sich die Brise gen Mittag.

Erst in der Nacht sind die Sorgen zu sehen,

Sonntag im Park ist kein Werktag.

Und bloß kein Werk mehr!

Wirke das Leben, die Kunst –

Tot, toter, weiter!

Überlebenshilfe

Bitte bis gleich

ob ich weinen kann

verbittert vergessen

außer tränen

angesichts

ob ich lachen kann

angesichts der kommenden

katastrophen bleibt nichts

:höhnische tränen bitter vor lachen

ob ich lieben kann

ja aber nur

mit dem geschmack deiner tränen

der bleibt wie dein lachen

:und für immer und immer

wie schön

denn das bleibt und bleibt.

niko 18122011

Tänze des Donnervogels

Daß die Rechten in Deutschland immer wieder Zulauf haben, hat drei strukturelle, im Kern aber äußerliche Gründe, die auch zusammengenommen nicht ausreichen, den aufkeimenden Radikalismus zu erklären, geschweige denn zu verstehen: Als Erstes ist die Wirtschafts­misere zu benennen. Sie treibt den Keil tiefer in die Gesellschaft, spaltet die Mitte, polarisiert. Einer Minderheit von Krisengewinnlern gelingt es, den von der zunehmend prekarisierten Mehrheit er­wirt­schaf­­teten Reichtum abzuschöpfen. Noch haben wir keine Inflation, die im Stundentakt kleine Vermögen entwertet, und zur Ver­zweif­lung treibt.

Doch wir haben – und das ist der zweite strukturelle Faktor – eine  zum Himmel schreiende Ignoranz der Eliten in den Puppenstuben der Städte, vor allem im Westen Deutschlands. Sie haben ihren „Keller“ nicht gelesen, sondern starren stolz „in die ent­ge­gengesetzte Richtung“ (Thomas Bernhard), pflegen tiefsitzende und zugleich verrä­terische schicht­be­zo­ge­ne Vorurteile, ihnen ist der Schutz des Wohlstands wichtiger als das Ge­mein­wesen. Wo es engherziges Streben nach Großem gibt, ist der Faschismus nahe, denn Faschismus ist die Herrschaft der Kleinbürger, die sich für Größeres halten, der Spießer, die den Kosmopoliten hassen, des Stehkragenproletariats, das sich chronisch vorm sozialen Absturz fürchtet. Humanistische oder christliche Werte die­nen als Blendfassade. Henry Ford, der den Menschen unter Berufung auf „die Natur“ das Recht auf Muße absprach (S. 139),  hatte einst erkannt, daß es, um als Un­ter­nehmer bestehen zu können, nicht reicht, Autos zu bauen, sondern not­wendig ist, den Ar­­beitern soviel Gehalt zu zahlen, daß sie sich Autos leisten können. Die Reichen in Deutschland haben vergessen, daß es nicht reicht, den Armen Faulheit und Un­selbständigkeit zu unter­stellen und sie an­sonsten tröpf­chenweise, aber systematisch zu enteignen – nunmehr mit Hilfe der Sozial­ge­setz­gebung und ihrer Sanktions­potentiale. Vielmehr kommt es darauf an, die Armen am Reichtum zu beteiligen, um als Reicher überleben oder wenigstens ruhiger schlafen zu können. Die Gier hat an Fahrt gewonnen, die Reichen spüren den Boden nicht mehr, über den sie in ihren Schlitten hinwegrasen; sie verstehen die gesell­schaftliche Grundlage ihres Reichtums nicht, sondern verschanzen sich hinter der  Illusion, sie hätten ihre Besitztümer selbst erschaffen oder durch Lei­stung verdient. Es lebe die Lüge … Die Taubheit und Blindheit der Wohlhabenden ist der eigentliche Rea­litäts­verlust oder sagen wir es provokanter: die Wurzel des Faschismus. Ignoranz treibt die Ab­wertung und Ausgrenzung der übrigen Ge­sellschaftsschichten voran. Gegen sie richtet sich der aufkeimende Radikalismus, sowohl von links als auch von rechts – darin sind die beiden politischen Fronten überhaupt nicht zu un­ter­scheiden.    

Als Drittes hören wir in den Medien in den letzten Wochen immer häufiger das Lied von der autoritären Erziehungstradition des Ostens, die eben gerade hier zum Rechts­radikalismus geführt habe, während der Westen vor derartigen demo­kratie­feind­lichen Umtrieben gefeit sei. Zugleich wird die Angst spürbar, das Terrortrio könne ein Unterstützernetzwerk im Westen haben – damit würde sich die Dif­fa­mie­rung des Ostens wiederum als schizophrene Verkennung der Tatsachen offenbaren, als vorgeschobenes Ablenkungsmanöver, um keine systemkritische Dis­kus­sion führen zu müssen.

Wir haben also drei – mehr oder weniger plausible – strukturelle Gründe, mit denen wir den vermeintlich anschwellenden Radikalismus erklären und zugleich von uns wegschieben können. Die Bekämpfung des Neonazitums auf diese äußerlichen Faktoren zu reduzieren, hieße, sich nicht bewußt zu sein, woraus es permanent seine generative Kraft schöpft, hieße, blind um sich zu schlagen, ohne „dem Bösen“ ins Gesicht zu blicken. Es ist erstaunlich, woran sich gegenwärtig die Empörung der Wutbürger entzündet: ob ein Bahnhof umgebaut werden soll oder ob ein Präsident einen Privatkredit aufgenommen hat. Es sind kosmetische Fragen, an denen sich die Empörten aufreiben. Sie betreffen die Blend­fas­sade, nicht den Kern unserer gegen­wärtigen Situation. 

Das Neonazitum verfügt über innere Anziehungskräfte, die auf blinde Flecken der christ­lich-bür­gerlichen Lebensweise hinweisen. Die mediale Herrschaft der Schönen & Reichen neigt dazu, sich selbst als unhinterfragbaren Maßstab des Guten zu stilisieren. Tat­sächlich sind die Wirkungen der Sublimation, die Christentum und Auf­klärung in wechselseitiger Steigerung seit dem 18. Jahrhundert hervorgebracht haben, in der post­industriellen Gesellschaft alles an­dere als harmlos. Freud sprach vom „Unbehagen in der Kultur“. Mit zunehmendem Grad an Zivilisation wächst der Grad, in dem der Mensch sich selbst gegenüber entfremdet. Ich vermeide hier bewußt den Begriff „Natur“, denn niemandem ist es bisher gelungen zu definieren, was denn die Natur des Menschen sei. Der Faschismus hat die romantischen Versuche, das Wesen des Men­schen zu bestimmen, als inhuman diskrediert. Neopaginismus und der antichristliche Impuls des Faschismus werden identifiziert. Dabei war die Über­windung des Christentums nicht erst seit Marx und Nietzsche ein vorrangiges Thema der Intellektuellen, am vielfältigsten bei Fernando Pessoa. 

Ergebnis der bürgerlichen Freiheit ist der Individualismus. Dahinter steht der schnell ins Zynische gehende Grundsatz, jeder sei für sein Glück oder Unglück selbst ver­antwortlich. In diesem Punkt mißachtet das bürgerliche Freiheitsverständnis die ontologische Stellung des Menschen als soziales Wesen. Daraus erwächst nicht nur das evo­lu­tionär früh nachweisbare Bedürfnis nach Gesellschaft, sondern auch nach Solidarität oder gar Altruismus. In der Not ist der Mensch nicht gern allein und er schickt alle Propheten zur Hölle, die ihm einreden wollen, er solle sich doch immer nur selbst und allein von der Not befreien.

Die Blindheit der Ideologie von der individualistischen Freiheit hat noch in einem anderen Punkt gravierende Folgen: Unsere Mainstreamgesellschaft mißversteht das Er­wach­senwerden als Individuation statt als Sozialisation. Beim Übergang ins Jugend­alter realisiert der westliche Mensch auf abgrundtiefe Weise, daß er allein ist und zu keiner verläßlichen Gemeinschaft gehört. Ein Teil der Jugendlichen bildet daraufhin Grüppchen – um dem Mangel an lebendiger Gesellschaftlichkeit in unserer Gesell­­schaft im kleinen Kreis zu begegnen. Ein anderer Teil betäubt die Erkenntnis der existen­ziellen Verlorenheit mit Hilfe von Drogen.

Schauen wir uns an, wie die sogenannten Naturvölker den Übergang zum Er­wachsensein gestalten. Das Kind lebt bei der Mutter bzw. – in Ermangelung von Kin­der­tagesstätten – bei den Frauen, die sich kollektiv verantwortlich für den Nach­wuchs fühlen (all mothering). Der Jugendliche, insbesondere der männliche Jugendliche, muß seine Kraft, auch Geisteskraft, beweisen, damit ihm der Rang des Erwachsenen zu­ge­sprochen wird. In Papua z.B. bauen die Männer einen hohen Turm aus Holz, von dem sich die Jugendlichen herabstürzen, nur am Fußgelenk mit einer Liane am Turm befestigt, damit sie nicht so hart aufprallen. Manchmal reißt die Liane. Das ganze Dorf wohnt dem Springen bei, die Männer und die Frauen. Es wird getanzt – ein echtes Ritual.

Ähnliches wird aus dem vorkolonialen Amerika berichtet: „Der Tanz der Indianer ist die magische Tat, die die unsichtbaren Geheimnis-Mächte und die Geister zum Guten zwingt, zu realem nutzbringenden Tun … Es handelt sich nicht um einen Gesellschaftstanz, sondern um etwas Heiliges. So tief ist die Erschütterung der Dankbarkeit, das Gefühl des Erlöstseins aus der Not … Was auch die Tänze ausdrücken sollen, irgendwie scheinen sie alle mit den drei Haupt­themen verbunden: der Pubertät, der Nahrung, dem Tod.“ (Eva Lips, S. 181 ff.) Im Sonnentanz der Prärieindianer wachen und fasten die Jünglinge vier Tage lang, bis ihre Haut über der Brust so erschlafft ist, daß die älteren Männer mit dem Messer eine Öffnung in sie schneiden können, durch die ein Lederband gezogen wird. Die Schnur wird an einem Pfahl befestigt und die Jugendlichen werden so lange um den Pfahl gedreht, bis sie ohnmächtig zu Boden fallen oder sie sich freigerissen haben. Mit diesem Ritual stirbt die Kindheit und das Erwachsensein beginnt. Was grausam er­schei­nen mag, hat doch einen psychologischen und sozialen Sinn. Der Schmerz läßt die Jugendlichen den Übergang zwischen Kindheit und Erwachsensein ernst nehmen. Das jugendliche Omnipotenzgefühl, die strotzende und protzende Man­neskraft wird gezügelt, ihre Begrenztheit ins Bewußtsein geholt. Das Ritual wäre unvollständig und wirkungslos, wenn es die Jugendlichen unter sich ausüben würden, wie es etwa beim sogenannten „Koma-Saufen“ heutiger Jugendlicher geschieht. Indem die Erwach­senen das Ritual inszenieren, nehmen sie die Jugendlichen in ihren Kreis auf – es ent­steht gesellschaftliche Akzeptanz, nicht nur das Gefühl, sondern die reale Existenz eines Ortes in der Gesellschaft, den der Novize für sich beanspruchen kann.

Wie kümmerlich erscheinen im Vergleich dazu unsere sublimierten Über­gangs­riten: Konfirmation oder Jugendweihe.  Außer Hübschanziehen, Lächeln und Kuchenessen erfordern sie keine persönlichen Qualitäten. Wir haben die Pubertät individualisiert. Dabei ist die Pubertät ein kollektives Ereignis. Es geht darum, Anschluß zu gewinnen. Gerade dieser Prozeß wird verweigert. Europa hat die sogenannten Natur­völker jahrhundertelang als barbarisch verunglimpft, ohne den tieferen Sinn der Ritua­listik zu verstehen. Heute wird das Argument vorgetragen, jeder sei selbst zu­ständig, welcher Grup­pe er zugehöre.

Die Vernachlässigung des Menschen als soziales Wesen greift das Neonazitum an. Seine Magie erwächst aus einem diffusen Rückgriff auf die nordische Mythologie (inklusive Wikinger), in der das Gemeinschaftsgefühl noch vorhanden scheint. Es ist eine neuheidnische Verklärung des Ursprünglichen, das im Zuge der Christia­nisierung nicht nur verloren gegangen ist, sondern unterdrückt und ausgemerzt wurde. Daher mißverstehen sich die Neonazis als Widerstand und als Befreier. Errichtet ihnen einen Pfahl zwischen den Plattenbauten, zieht ihnen ein Lederseil durch die Brusthaut und laßt sie tanzen, bis sie sich losgerissen haben – und achtet sie dann als tapfere Söhne der großen Bärin.

Quellen:
Thomas Bernhard, Der Keller. Eine Entziehung, dtv, 2010
Henry Ford, Mein Leben und Werk, Leipzig: Paul List Verlag, 1923
Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, Wien , 1930, in: Studienausgabe, Bd. IX, Frankfurt, Fischer Verlag, 1997
Eva Lips, Das Indianerbuch, Leipzig: Brockhaus Verlag,1965
Karl Marx, Feuerbach-Thesen von 1845, MEW, Bd. 3, S. 5; Berlin: Dietz Verlag, 1969
Friedrich Nietzsche, Antichrist. Fluch auf das Christenthum, in: Werke, Frankfurt 1981
Fernando Pessoa, Das höhere Heidentum, in: Antónia Mora: Die Rückkehr der Götter, Zürich: Ammann Verlag, 2006