sonnenaufgang, sperlonga

auf fingerdistanz
beugt sich die sonne
ins windfenster
unter dem giebel
ist das doppelgesichtige bett
morgen
der unverborgenheit

Sommer, Rollfilm, Kurzspule

Sie redet und redet. Er sitzt neben ihr und hat winzige Seidenvorhänge in den Ohren. Der leichte Sommerwind lässt sie hin und her wehen. Wie gut. Sie redet immer soviel. Und so lange. Und so seltsam leise. Die Keime. Die Hausstauballergie. Die Flecke, die nie rausgehn. Grasflecke, das sind die schlimmsten. Willst du ein Würstchen. Da die Serviette. Wir müssen den Rasen berieseln. Sanfte Vokale rieseln aus ihrem Mund. Ein dünner Speichelfaden zieht sich von seinem sperrigen Kiefer hinab bis zum Teller. Echt Kobalt.

Sommer im Diaformat

Machtest du auch
mit deinen Eltern
Urlaub in einer Ferienwohnung an der See,
(es sei Spätsommer,
sie legen die Beine hoch,
um sie herum
Bügelbrett, Kleiderschrank
offen, Inhalt herausgequollen,
Kinderzeichnungen,
halb beschriebene Blätter,
Kugelschreiber, unsortierte,
halb herunterhängende
Gardinen in durchsichtigem
wolkenweiß)

Draußen peitschte die stürmische See,
und ein vorgeschlagener gemeinsamer
Spaziergang würde von den Eltern kategorisch
abgelehnt (da war doch mal der Traum
von den Sommerurlauben,
als Mutter selbst bei Sonnenschein
so lange in der Ferienwohnung
aufräumte und putzte, dass ihr
nicht mehr zum Strand kamt.)

Und dann war die Sonne hinter
den Wolken (in technicolor)
verschwunden
und du wusstest, dass Du nie
erfahren würdest
, wie es
über den Wolken wohl
(grenzenlos) sei.

Lid.

Marizz war neben Ludwig ein Mensch, der mich in meine Pfütze trieb. Keine Minute zu viel der Lüge. Aus-Blicke zeigen sich in kleinen Gesten. Wie sieht sie mich an, wie dreht sie sich zu mir herüber. Hält sie meinem Blick stand. Tschüss, du alter Wal. – Machs gut, du… Und sie schiebt ihr schönes Gesicht noch ein Mal durch die Tür, die sie schon von außen schließen wollte, um sich mit Tschüss Wampentier zu verabschieden. Ihre Aufmerksamkeit war eine Entschuldigung. So hat sie sich noch nie einem anderen Menschen gegenüber verhalten. Sie wundert sich über sich selbst. Ich spür es. Und dass ich zu fern für sie bin, muss sie sich einreden, denke ich; allein, dass sie das sagt, zeigt mir, wie viele Gedanken du dir nicht machst. Außerdem sei ich ja ein Stier und sie ein Krebs, das könne nie gutgehen, nie, das Schlimmste aber wäre für sie, einen Zwilling neben sich zu haben… Und ich bin im Aszendenten (Assistenten) genau ein solcher. Und ich spüre zum ersten Mal, dass wir aneinander vorbei reden, das Gleiche aber womöglich fühlen, und ich mich nicht verpflichtet fühle, sie zu einem Kaffee einzuladen. Seelengewand. Ohne Grammatik. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Es war Liebe im ersten Satz. Sich aufs Lid nehmen.

engere wahl

unüberschaubare möglichkeiten
undurchschaubare vielfalt
wir sind zu wählen verdammt

wahlen im sekundentakt
unvergleichliche alternativen
unbeschreibliche listen

hungrig verlässt der jäger
den schwarm

doch vorletzte cigarre …

Verfolgungsringe: als hättest du es aufgegeben, deine Vergangenheit erobern zu wolln. Als hättest du mich endlich gefragt. Wie nach dem Streicheln eines Tomatenstrauchblattes. Es riecht so verdammt gut. Als wollte meine Nase die Finger ganz in sich einziehn. Auffressen. Wie immer wieder Liebe an sich spürn.

Verlockend der Blick über dem Abbrand deiner letzten Cigarre. Du bist nun sogar über deine schwerste Krankheit hinweg. Du hast dein Verlangeweilen überwunden. Nichts greift mehr aus deinem Ungenügen ins falsche Teint/Teinible/terrible: wie die Gesichtsverkraftungen von damals, als die Welt sich dir vorspielte, als sei sie etwas Bedeutendes. Und nun plantschst du mit deinen Füssen im Wasser. Und versteckst dich so gern. Dein grosses Maul von einst war schon ein Hilfeschrein.

Strandläufer

I

Ich habe die Strandläufer entdeckt: Es sind kleine Vögel, die an der Wasserlinie entlang rennen. Mit ihren dünnen Füßchen können sie unglaublich schnell rennen. Kommt eine Welle, fliegen sie nicht auf, sondern rennen ihr voran wie kleine Herolde, das Ende der Welle voraussagend. Sie tragen dieses Wissen in sich, die Wellen-Vorhersage.

Ich beobachte einen Strandläufer, der einer Welle entgegen läuft. Die Welle rollt ihre weiße Zunge auf dem ockerfarbenen Strand aus, der Strandläufer ändert die Richtung, rennt der schäumenden, gezackten Zunge voraus. Der Strandläufer scheint in Funkkontakt mit der Welle zu stehen, haarscharf läuft er an der Linie entlang, die sie in den Sand zeichnet. Die kleinen Füßchen scheinen wie Propeller unter seinem Körper zu rotieren.

Später treffe ich eine Gruppe von Strandläufern. Ziellos laufen sie herum, fliegen auf, finden keinen Funkkontakt zu den mächtigen Wellen, die von weit her gerollt kommen. Die aus ungeheurer Tiefe entstanden sind, aus der Erdbewegung, der Anziehung von Erde und Mond. Und die kleinen dummen Strandläufer haben keine Ahnung davon, sind wie die dummen Menschen, die ziellos herumlaufen und nichts mitbekommen vom kosmischen Funkkontakt zwischen Wellen und Strandläufer.

II

„Der Tag ist frisch!“, rufe ich in den Morgen hinein, in den feuchten Sand stapfend, am Strand entlang ausschreitend. Ich sammle Holz. Begegne Menschen, die wie ich früh morgens am Strand sind. Sie schauen mich freundlich an, grüßen, sie lachen mir ins Gesicht, sehen begeistert aus, strahlen, wenn ihr Blick auf mein Holzbündel fällt.

„Ja, ich mache Feuer hier!“, höre ich mich ins blank gewaschene Blau des Himmels rufen. Die Gesichter der Menschen sitzen auf Möwenleibern und fliegen über mich hinweg.

„Jeden Abend, sobald es dunkel ist, mache ich Feuer im Kamin“, rufe ich ihnen zu. „Der Rauch steigt aus dem Schornstein in die Nacht, und die Sterne läuten wie Glocken. Ich entzünde Bambus, Treibholz, kleingebrochene Zweige nehme ich zum Anfeuern. Palmenholz ist am Besten, um ein tolles Feuer in Gang zu bringen. Dann kommen die dicken Korkeich-Scheite hinzu. Die brennen die ganze Nacht. Eukalyptusholz riecht gut. Man kann auch die kleinen Kapseln des Eukalyptusbaumes dazuschmeißen. Sie enthalten das ätherische Öl. Und dann die Nase hineingesteckt in den Kamin und das Gesicht über die Glut gehalten – wie wunderbar es riecht! Die Hitze steigt in meine Atemwege. Sie macht mich zu einem glühenden Holzscheit. Zum Schornstein hinaus mit den dunklen Gedanken! Hier gibt es nur große Wolken, Winde, Wetter und Wellen! Wettermächte, die sich unter dem hohen Himmel zum fairen Kampf versammeln. Sich stellen. Nicht feige sind. Eins zu eins wird gekämpft, und wer gewinnt, triumphiert! Der Gegner aber zieht sich vornehm zurück. Jeder Tag hier ist frisch und neu, und der Himmel ist immer hoch.

So laufe ich am Strand entlang, klein und dunkelhaarig wie die Menschen von hier, ein Holzbündel tragend, an den Frühsportlern vorbei, den Fischern, den Möwen.

Ich renne auf eine herannahende Welle zu, sie wird größer, steigt, bricht, fällt und rollt mir nun ihre schäumende Zunge entgegen. Ich ändere die Richtung, laufe ihr voraus auf den ockerfarbenen Sand, landeinwärts. Der weiße Zungenrand zeichnet sich in den Sand hinein, und ich laufe mit, habe Wellenfunk, sende, empfange und rufe: „Welle ahoi! Strandläufer, Strandläufer, Strandläufer!“

DIE TAUBE

Ich spüre sie, die Taube. Oft ist sie morgens da. Dann bist auch du da. Du liegst neben mir. Kein Fremder mehr, doch muss ich mich jedes Mal wieder an dich gewöhnen. Ich stelle fest, dass du anders bist, als die Männer vorher. Du nimmst sie wichtiger als ich. Die Gewissheit, dich im Schlaf berühren zu dürfen, lässt mich sorglos neben dir liegen. Du bist nicht der hunderterste Mann, sondern der ersehnte. Auch du bist nicht ohne Makel. Seit ich eine Brille trage, sehe ich nicht mehr rosarot. Ein Bedauern schleicht sich ein, dir erst heute begegnet zu sein. Das Gestern tut noch weh. Unsere Stunden sind in Zuversicht getaucht. Liebe wird zur Brücke. Werde ich beim Hinübergehen einbrechen? Die Taube trippelt vor unserem Dachfenster. Sie scharrt und gurrt. Unruhe zieht ein. Wolkengesichter ändern sich sekundenschnell. Eine Aussicht in Pastelltönen. Die Menschen auf der Strasse ahnen nicht, was hier oben los ist. Landeplatz der Taube ist die Regenrinne. Wir wehren uns gegen jegliche Gewöhnung. Zwischenhinein steigst du in die Hosen. Auch die Taube verlässt mich. Beobachtet sie unser Lippenballett? Manchmal befürchte ich, sie könnte unsere Nähe zerreißen: Der Schnabel pickt an die Scheibe. Ein Flügel wird zur Hand. Im Zimmer steht eine Gestalt im silberblauen Kleid. Sie packt uns und wirft uns auf die Strasse. Auf dem Asphalt sind wir umringt von neugierigen Blicken. Ein Krankenwagen hält. Auf die Bahre mit den Beiden. Traumscherben bleiben liegen. Wir werden getrennt befragt. Die Wahrheit redet sich zu Tode. Jetzt sitzt die Taube auf dem Fenstersims und lacht sich grün und blau. Auf einmal schiebt sich neue Farbe ins Bild: weiße Wände, weiße Schürzen, weiße Laken. Die Taube trägt einen Farbtopf im Schnabel. Sie kichert und malt alles schwarz. Spürt sie unsere Verzweiflung? Ja, denn sie kennt die Sehnsucht, die Flügel wachsen lässt. Wohin fliegen wir? Das weiß die Taube ganz genau. Sie wird es keinem zutragen.

Frauke Ohloff

die monstranz der tortentanten

(1 cleines caffee & cuchen couplet)

in ermangelung von worten (begeisterungsschweigen?)
protzen wir mit torten (aber bitte mit französisch creme)
und zwar aller sorten (denn : das können wir!)

testergebnis : literatur ist es nicht neu ist es nicht
aber dieser unerschütterliche früchtestolz

1 gedicht (allerdings: voll mainstream)

(helau! mit abgespreiztem kleinem kafffètassenfinger)

bürgersöhne 2

die mit der uniform trara

die mit den bärenjungen

der stadtmajor der fähnerich

die eskadron das tamborcorps

freischießen will gelernt sein

und die wahl

der bürgerschaffer

ist schließlich einer der wichtigsten

punkte der jährlichen bürgerversammlung

die herren

bürgerschaffer

dürfen den flottkuchen servieren

bei der schafferkaffeetafel

rangeln die schausteller

um die freien plätze und

der bürgermeister

der ist auch dabei

der muss es schließlich

genehmigen

wir uns einen

über alles

Coccolithophoriden

CoccolithophoridenIch drücke meinen Rücken in das weiße Bett. Unter mir die Matratze, über mir weiße Bettdecken, zwei übereinander, darüber eine Wolldecke. Ich ruhe, ich träume, ich denke. Ich halte die Augen geschlossen. Hinter meinen Lidern wandern Gedanken hin und her. Sie hinterlassen Spuren, Abdrücke. Feiner Kalkstaub rieselt herab. Herab an meinen Meeresgrund sinkt er und lagert sich dort ab. Schicht für Schicht entsteht ein ganzes Gebirge unter Wasser. Tiefseefische kommen angeschwommen, beleuchten es mit bunten Lampen und staunen. Irgendwann ist mein Gedankengebirge so hoch, dass es über den Meeresspiegel hinausragt und dort von der Sonne beschienen wird. Dann sieht es aus wie die Kreidefelsen von Rügen.Im Meer gibt es winzige Algenkrümel, die Licht sammeln, Sauerstoff produzieren und Kleinkrebsen als Nahrung dienen. Nach ihrem Ableben sinken ihre kalkigen Schalen an den Meeresboden und wachsen dort zu Gebirgen heran. In Rügen zum Beispiel ragt ein solch weißes Kalkgebirge hoch über das Meer hinaus. Die Algenkrümel mit Kalkschalen heißen Coccolithophoriden. Das heißt übersetzt: „Stein tragende Samenkörner“. Millionen können in einem Liter Wasser schwimmen. Täglich sinken Myriaden abgelebter Coccolithophoriden an den Meeresboden. Auf Satellitenbildern kann man ganze Coccolithophoriden-Teppiche im Meer leuchten sehen. Ihre Kalkpanzer reflektieren die Sonne. Unter dem Mikroskop kann man ihre Schönheit bewundern: Die Kalkschalen-Formationen sehen wie bezaubernde Blütengebilde aus.Gestatten Sie, wollen Sie einmal meine Gedanken sehen? Sie sehen aus wie Coccolithophoriden. Hier, unter dem Mikroskop, schauen Sie! Es gibt zwei Zustandsformen, die ineinander übergehen. Sie heißen Holo- und Heterococcolithophoriden. Unglaublich, wie schön das aussieht, wenn sich eine Heterococcolithophoride aus einer Holococcolithophoride schält! Einem Wissenschaftler gelang es, diesen Moment unter dem Mikroskop zu fotografieren. In einem Magazin habe ich das preisgekrönte Foto gesehen.Ich liege im Bett, unablässig rieselt der weiße Coccolithophoridenstaub meiner Gedanken an meinen Grund. Ich kratze an meinem Unterwasser-Gebirge, mit den Fingernägeln, der Zunge, den Zehen, während ich auf dem Rücken liege und der Wind auf der Dachterrasse an allem rüttelt und alles durcheinander bringt, was er zu fassen bekommt. Er fährt unter die Armlehne des Plastikliegestuhls, hebt ihn hoch, wirbelt ihn herum, schleppt und stößt ihn über die Terrasse. Er klappert mit meiner Muschelsammlung. Ich habe sie in der ersten Woche hier zusammengetragen und auf einer ovalen Marmorplatte angeordnet. Manchen Muscheln habe ich Namen gegeben: „Sonnenaufgang“, „Aladin“, „Huckepack“, „Petit Blanc“, „Stella“, „Dicker Jakob“. Jeden Tag habe ich die Neuankömmlinge fotografiert. Mein Muschelgedächtnis. Muschellieder, Muschelgesänge, Muschelgeflüster, Muschelgespräche, denke ich. „Kreatives Muschelcoctail“, schreibt eine Freundin.Von meinem Bett bis zur Dachterrasse ist es nur ein Schritt.Wenn die Sonne aufgeht, ergießt sich das Licht über den Himmel, die Terrasse, das menschenentleerte, weiße Dorf aus Coccolithophoridenstaub. Die Gehsteige sind aus weißen Steinchen zusammengesetzt wie Gedankenmosaike. Erinnerungen an die Zeit, als es hier noch Menschen gab. Lichtsammler, Wahrheitssucher, Erkenntnisforscher, denke ich.Das Licht schwebt wie ein Teppich über dem Dorf, den Häusern, Gehwegsteinchen, der Dachterrasse und mir. Es hüllt uns alle ein, es sinkt aufs Meer, verwebt sich in Gold- und Silberplatten mit der Meeresoberfläche, fällt als Funken in die grünen Haare der langbeinigen Palmen (sie stehen auf einem Bein wie Flamingos) oder sinkt als Goldgelb in die Augen der Katzen, die mit dem Wind durchs verlassene Dorf streichen.Das Dorf ist weiß, die Augen der Katzen sind goldgelb. Der Himmel ist blau, tagblau, nachtblau, weiß, schwarz, gelb, dottergelb, schwefelgelb, goldgelb, rosa, orange, violett, purpurn. Die Wolken sind grau, weiß, schwarz; von der Sonne angestrahlt tragen sie die Farben des Himmels. Das Meer ist blau, grün, schwarz; es trägt weiße Schaumkronen. Der Strand ist ockerfarben, heller oder dunkler, gelber oder röter, je nachdem, wie viel Feuchtigkeit enthalten ist. Er ist von Dünen oder Felsen begrenzt. Hinter ihm beginnen das Land und das Gebirge.Am Strand liegen vom Meer geformte Muscheln und Steine, Treibholz, Teile von Fischerutensilien, Netze, Korken, Plastik. Möwen schweben über dem Strand und dem Meer. Sie schreien, fliegen, suchen Nahrung, sammeln sich an Fischerbooten, sitzen auf Klippen, fliegen auf.Unter ihnen leuchten Coccolithophoridengebirge.

Castellabate : Platz des 10. Oktober

10. Oktober des Jahres 1123 : welcher Aufstand
wurde niedergeschlagen im Carcer der Burg
welcher Seeräuber ging an Land : seine Maria zu finden

wer wurde im Kreuzgewölbe erwürgt : vorm Bildnis
der heiligen Beate : Eifersucht wars
ihr wurde ein Denkmal gesetzt : darunter die Leiche

des jungen Geliebten : die Mauer des Palazzo
ist er hochgeklettert zu seiner Prinzessin
& stürzte ab : als sie ihn mit einem Topf

kochenden Wassers empfing : die mongolische Alte
haust seit zehn Jahrhunderten im Turm : ein Geschenk
Tschingis Khans an seine italischen Freunde

sie wird es wissen : was es mit diesem Platz auf sich hat
aber sie spricht nicht : mit niemandem
lächelt : fegt das Pflaster & schließt die Tür

parasitär

zuschanden im warten auf die gegenwart schlaf ich mit einer

zeile ein so blauenhaft schön welche farben sind dir meine

worte buchstäblichkeit oder eine geistverletzung auge an

auge scharwenzelt die räuberische tritonschnecke wie einsamkeit

zwischen uns ein ausgekühlter raum im zergehenden tag wann

wirst du mir fremd geworden sein im sommer such ich meine

sieben schmerzen zusammen wenn heller himmel uns nach

dem leben trachtet

monetäre mänaden

die wut zerreißt uns
der dionysische zug
verläuft sich

wer muss dafür bezahlen
wer wird hier gerettet
und wer weiß wie wir
wirklich wüten werden

antikes oxymoron:
wer hat dem wird gegeben
wer nichts hat dem wird

das rasen wird wachsen

schau auf zu meinem turm

und siehe

da ist kein nabel

denn ich bin nabel

und wahrlich

nur vertiefung

in der mitte

meines schneckenhauses

sieh in mein zentrum

endlich ein platz
um ungehindert
ich zu sagen

wir graben tief
in uns und erhalten
bauchnabelpoesie

bitte triff mich
nie in der mitte
des schwarms

Domino-Effekt

Ach Silvie. Lass uns spielen mit dem Mist. Ob nun braun oder nicht. Spielen ist immer gut. Sagt man doch. Weißt du, meine Allergie ist bestimmt auch nicht nur vom Essen. Manchmal denk ich, eine Mutter zu haben ist auch nicht immer besser als keine zu haben. Sag ich mal so. Meine Mutter z.B war nie weg. Sie war immer da. Vom ersten Tag an. Und sie war Herr im Haus. In meinem Haus. Dominus domus. Ob Farbe oder Fransenkleid, Frisur und Freund und Orte. Mein Willenswunsch ein Luftzug in der Kehle. Mach zu es zieht. Die Herrin spricht. Zwangstaufen kein Entkommen. Die Puppe hier heißt Vreneli und der Matrose Jochen. Und Vreneli bleibt Vreneli, die Mutter hat gesprochen.

Ich gebe ja zu, es ist höchste Zeit, gesund zu werden. Aber glaub mir, Allergien sind eine schwer zu behandelnde und äußerst hintergründige Sache.

Davongelogenes Gras.

In deine Aura legt sich das Bedürfnis nach seltenen Wörtern. In deiner neuerfundenen Qual tropft dein Morgenauge noch ein einziges Mal auf mich. Ab da quellst du dich. An den Zäunen des Lichts vorbei. Das davongelogene Gras schraubt sich hoch. An einzelnen Stäben erinnert dich das Angelebte ans Entfesseln. Wir haben alles viel zu wenig berührt. Alles viel zu wenig verschlungen. Uns verschlungen. Deine sanfte Berührung beim Vorbeigehen musste ich erst mit der Zunge begreifen. Mir war selten nach Vernunft. Ein einziges Tröpfeln, ohne dass die Haut einufert, bricht in Gewalt aus. 

nachlasskommando

was willst du fensterspringer von mir mit all deinen zumutungen deinen versehrten um dich geschart wie gelsen das licht kannst mich nicht in ruhe lassen in den hellen tag runter springen drei muffige kartons die mich dreizehn jahre später zum würgen um die heilige ordnung der kleinen schwester bringen alle schwestern sind kleine krankenschwestern und deine träume gesellen sich zu meinen die sich über preussischblaue nächte trümmern auf drei mal fünf triperidoltropfen wolltest als kind schon tragisch enden in deiner schattenmorellenexistenz hunderte negativtaschen warten auf mich klingt nicht beruhigend oder willst du mir ein recept zur beruhigung hinterlassen oder was willst du von mir du deinerselbstnichtsichere brückenspringer um endlich ruh zu haben vor leeren orten vor rollstuhllothar und hundewerner den stotterern der staatsgewalt den blondsprechern der klapsmühlenenmühlen die dir um zwölfe salamistullen zum wiedererkennen spritzen deinen männerkörper in die erfrischende brühe der moldau schon mal zur probe senken unter der erschöpften sonne frisst sich deine zunge in meinen schritt während du gemächlich die schliemannstrassenseite wechselst an der lichtung der aufmerksamen was wollen wir reden dieser tag war irre genug mit einem abstecher zur wohlbekannten totenmesse die irreninitiative war auch dabei bringmesomepeacenarkotika du wurdest mir nicht angetragen ich hätt dich eh’ gemieden aber wie konnte ich nur die stationsflure in herzberge vergessen die ich nie gesehen habe herbstleuchtende übermütigkeit nein übermüdigkeit eine sehr wohl zu ergründende müdigkeit die verstockte auster zieht sich ganz ruhig in ihre muschel zurück während rasende wut im vibrato rast schädelspaltereien kümmre ich mich um deine unbezahlte hotelrechnung brauchst nichts mehr zu sagen auf papas böse vorahnungen und das ganze gesirre schon mal gar nicht inwändig schliesst eine solide tür und eine immergleiche pritsche wir haben unsere wünsche am schwanz gepackt ich bin dein manisches archiv und stelle mich tot auf dein kommando nie mehr lackier ich meine nägel ohne sarin und leichengeruch feuerhände hoch vergiss die stimme des ziegenbocks hinfort die antilope hinfort du weisst das ich es weiss also das vom blut der antilope verebbungen fremder tage ganz ruhig mein berührbarer stern                       

la fillette

ich verehre sie madame ihre selbstgepflogenheit ihre

traubenvollen kugeln und blinden spiegel ich liebe ihre disziplin

ihr schwanken auch madame ihren scharfsinn ihr schwelgen in

frauenbrüsten und dem einen göttlichen latexschwanz ihr

unverzeihen the girls are very young das kleine gör schnitzt

einen torso aus weissbrotkrumen gott weiss das ist so ungefähr

ihr erigierter vater und hohe mathematik und jerry weiss das

auch und fernand der dir den hobelspan an die decke pinnte ich

verehre ihre kindlichkeit madame die seelenruhe mit

mandarinenschalen latex bimsstein und marmor ihr animal triste

auszustopfen gegen das gezappel der art world niemals können

wir die leere verscheuchen mit füllfedern oder bleistiften oder

pechschwarzer tinte oder die dämonen verleugnen vielleicht mit

ihrer gabe madame wie war es neunzehnhundertelf im

muttermund der spinne lächeln sie nun den himmel auf für eine

trotzige ewigkeit das glück in fleischlich rosé unser

ausgekämpftes kindsein ihre trostzellen madame sind wir

phallische schlafgefangene kopflos voran from birth

(für louise bourgeois)

Der erste Morgen

Tage nach einer schlaflosen Nacht sind nicht so schlecht, wie immer behauptet wird. Man ist zu müde um in Erregung zu geraten. Die Alarmzentrale im Gehirn heißt Amygdala und funktioniert am besten im hellwachen Zustand, las ich neulich im Internet. Wenn keine unmittelbare Gefahr lauert, schlägt die Amygdala, falls gut in Form, auch bei unschönen Phantastereien an. Führt man ein ungefährliches Leben fernab von Wildnis und Hauptverkehrsstraßen und möchte bestimmte Situationen nicht visualisieren, ist es demnach gar nicht so ratsam, ausreichend zu schlafen.

K. ist in aller Frühe losgefahren; die Einweisung muss abstempelt werden.

Ich streiche unterdessen durch die Zimmer. Den sonst vollkommen automatisierten Ablauf nach dem Aufstehen habe ich über Nacht vergessen. Ich bin irritiert. Wachte auf, und etwas war anders. Stehe im Flur, stehe in der Küche. Ich trinke morgens Kaffee, so wird es wohl sein. Rechts am Spülbecken die Kanne, cremeweiß, Design schlank mit Kurven, 1950iger Jahre. Ich will mir einen Kaffee kochen. Wie mache ich das sonst nur? Die Kanne nehme ich morgens nicht, wird mir klar, die ist zu groß für mich allein; morgens stelle ich Kaffeefilter auf Blumenbecher, lasse den aber nicht vollaufen, ein paar Schlucke, das genügt doch so kurz nach dem Aufstehen.

Später finde ich mich im Bad wieder. Schaue mich im Spiegel an. Weiß der Mensch in dieser gegenüberliegenden Welt bereits, was geschehen ist? Kann der Mensch so etwas überhaupt jemals begreifen, hier wie dort? Verblüffter Blick wie schon mein Leben lang. Augenränder, na, schön, das ist normal nach einer schlaflosen Nacht.

Ich steige unter die Dusche. T. erzählte mir einmal, ziemlich verlegen, er habe beim Duschen manchmal Angst. Das komische Wasser. Damals habe ich gestaunt, natürlich stillschweigend, ich wollte T. nicht beschämen, wenn er mich schon einweihte in solch seltsame Zustände. Als sei es das normalste der Welt, habe ich nachgefragt, warum er das Wasser beim Duschen komisch, gar beängstigend fände. Er wusste es nicht und wurde immer verlegener. Da habe ich das Thema gewechselt.

Und plötzlich weiß ich genau, was er meinte. Wachte doch auf, und etwas war anders. Die Dinge um mich herum verloren mit einem Schlag die Bedeutung, die wir ihnen verliehen haben. Jetzt ist alles nur da. Ganz für sich. Wasser? Wasser, das auf einen niederprasselt, bedroht.

ambrosia

kannst du theatralisch träumen gustinus zerrann in

welt und lorbeer weisslicher mädchenstaub aus

deinem demiurgenhals schöne seele brennt tonloses

gezwitscher unter pracht gefallener marmorblüten

die sprache der beschämung vielleicht lieben wir

auch ohne herz

Pop!

Mitte der achtziger Jahre. Der Sänger Nicolas Verve hat es zu Ruhm gebracht. Frauen liegen ihm zu Füßen, Männer ahmen seinen Stil nach, legen die Bluejeans ab und das kleine Schwarze an. Toupieren sich die Haare und färben sie bunt. Doch mit dem Abebben der New Romantic-Welle gerät auch der rasant aufgestiegene Stern Nicolas Verves und seiner Band plötzlich ins Sinken. Nicolas ist nur noch auf der Bühne ein Star, durchs Leben taumelt er eher, als dass er stolziert. Depressionen und Liebeskummer machen es ihm nicht leichter. So wird er zur Beute des Zufalls und sein Verstand wittert Verschwörung. Die Musik wird zur Manie. Er kauft sich eine Pistole, doch als er sie sich an die Schläfe drückt und im selben Moment seinen Puls fühlt, findet er seinen jungen Leib zu schade, vor der Zeit zu verfaulen. Der Kameramann ruft Klappe, die Zukunft kann beginnen.

Qualm: knirschen.

Ich verlern die Sprache mit Menschen von Tag zu Tag. Wird wieder Zeit, dachte ich heute Nachmittag, eine Cigarre zu rauchen. Die Vokabeln davonfliehn zu sehn mit dem Qualm. Wie einmal eine Wolke auf blauem Hintergrund wie nachempfundene Flügellosigkeit. Deine warmen Finger in meiner bereits gekrümmten Hand. Da war mir nicht nach Farbe. Es sei denn nach ein wenig Röte im offenen Kamin. Die Sehnsucht, also das Vermissen kränkt mich nicht mehr. Nicht mehr so sehr. Es giebt so glückliche Bäume, wenn sie wärmen. Es giebt so strandverletzte Augen, die weder glauben, dass sie Sandkörner zwischen den Zähnen noch hinter ihrer Berechenbarkeit knirschen hörn.

Halbmonde

halb geschlossene Augen : halb geöffnet
die Pupillen unterm Lid versteckt : sichtbar
zwei Halbmonde Augenweiß : verraten
Genuß : während die Finger wissen

was zu tun ist : immer wissen die Hände
mehr als der Kopf : mit Ausnahme
des Mundes : der sucht : was
dem Kind abhanden kam : verlassen

zur Fortsetzung der Lust : der fehlende Vater
ewiges Motiv für Liebhaber der Kunst : selbst
dem Professor hilft kein gesammeltes
Wissen : der Verführung zweier Halbmonde

am römischen Himmel zu widerstehen

Doppelte Buchführung

 

ich hab geheult um dich

sagst du – und was du meinst

klingt wie ein angriff: ach

ich will nicht daß du weinst

wie sirenen deine tränen

:sie hinterlassen brandspuren

in meinen taschentüchern

Volkslied

 – wenn wir schreiten –

Was wenn wir und streiten

bitte mehr

lass uns streiten seit an seit

dann kommen wir zusammen

wie wir zusammen kämpfen

wie wir uns auseinander setzen

wie wir verhältnisse

gemeinsam nicht aushalten

und zusammen andere

gestalten

So können wir

du mich

ich dich

uns

alles!

die turmspringerin

konzentration ist alles

stehn

glattseiden

anthrazit

einen arm heben

den zweiten

hochgereckt

kappe statt kopf

in die knie

und schwung

pfeilgerade

nach oben unten

klapp

kein messer

könnte präziser

drehen

schrauben

schneiden

ab

lautlos

taucht sie ein

hilfloses nichtverstehen ODER können gedichte im ausguß verschwinden

(hauskindscherzo)

natürlich nicht es
sei denn der gärtner
ist spontan empfänglich
für cymbalustiges wortgeklingel
dann wäre kichern ein kompliment
einerseits (evtl. lyrikersatz?)

merke man schreibt nur mit dem schöpfchen gut
die hand ist im wesentlichen zum blumen
gießen da

haltet eure missverständnisse entlarvend
haltet eure buchstabenreihen geharkt
haltet eure gedichtsurrogate bedeckt unterm
hilflosen triumphgeklüngel
der schlapptulpen

(die freilich keine gedichte schrieben)

blütenzauber im februar

(ziertratschherbarium)

ein duft wie von tabak & tee hier
andeutungen und tagesreste
blühen wie wilde flicken
es wuchern die halbgaren oden

melancholisch üppig überziehen
murmelnde attitüden & affirmationen
kunstvoll vereiste bildschirme

bunte einfalt in vielheit
oh wir sängen gemeinsam
ein jeder sein lied

(was eine hübsche
krähenwiese ergäbe)